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Full text of "Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog Bd02 1897"

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BIOGRAPHISCHES  JAHRBUCH 

UND 

DEUTSCHER  NEKROLOG 

UNTER  STANDIGER  MITWIRKUNG 

VON 

F.  v.  BEZOLD,  ALOIS  BRANDL,  AUGUST  FOURNIER,  ADOLF  FREY,  HEINRICH 

FRIEDJUNG,  LUDWIG  GEIGER,  KARL  GLOSSY,  SIGMUND  G0NTHER, 

EUGEN  GUGLIA,    OTTOKAR  LORENZ,    JACOB  MINOR,    FRIEDRICH  RATZEL, 

PAUL  SCHLENTHER,  ERICH  SCHMIDT,  ANTON  E.  SCHONBACH  U.  A. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

ANTON  BETTELHEIM. 


II.  BAND 

HIT  DEN  BILDM8SEN  VON  BURCKHARDT  UND  BRAHMS  IN  UEL10GRAV0RE. 


BERLIN. 
DRUCK  UND  VERLAG  VON  GEORG  REIMER. 

1898. 


ff 


BIOGRAPHISCHES  JAHRBUCH 


***** 


UND 


W     *     *     *     * 


DEUTSCHER  NEKROLOG 


VERLAI  ERLIN 


VerUgwn  Gtorc  Reim&r  Btrlii 


V  o  r  r  e  d  e. 


Der  erste  Band  unseres  Biographischen  Jahrbuches  und  Deutschen 
Nekrologs  ist  von  der  berufenen  Kritik  iiber  Verdienst  und  Erwarten 
giinstig  aufgenommen  worden.  Die  Entschiedenheit,  mit  der  ein  so  sach- 
kundiger  und  massgebender  Richter,  wie  Geheimrath  Otto  Hartwig, 
in  dem  von  ihm  herausgegebenen  Centralblatt  fur  Bibliothekswesen  dem 
Nutzen,  ja  der  Nothwendigkeit  eines  solchen  Unternehmens  das  Wort 
redete,  ware  fiir  sich  allein  die  ausgiebigste  Rechtfertigung  unseres  Ver- 
suches,  dem  iiberdies  bei  den  Stimmfiihrern  der  deutschen  Presse,  ebenso 
wie  in  historischen  und  anderen  Fachzeitschriften  aufmunternde,  voile 
Billigung  beschieden  war. 

Eindringende,  fordernde  Kritik,  die  im  Geleitwort  unseres  ersten 
Jahrganges  erhofft  und  erbeten  wurde,  stellte  sich  gleichfalls  ein. 
Zu  besonderer  Genugthuung  gereicht  es  mir,  dass  wir  die  werth- 
vollsten  Winke  wiederum  zwei  alten,  bewahrten  Gonnern  unseres 
Vorhabens  zu  danken  haben:  die  gehaltvollen  Studien,  die  Excellenz 
v.  Liliencron,  No.  8  Jahrgang  1898  der  Gottingischen  Gelehrten 
Anzeigen,  und  Friedrich  Ratzel,  No.  277  Jahrgang  1898  der  Beilage 
zur  Miinchener  Allgemeinen  Zeitung,  im  Anschluss  an  Band  I  unseres 
Biographischen  Jahrbuchs  und  Deutschen  Nekrologs  veroffentlicht  haben, 
greifen  weit  iiber  den  unmittelbaren  Anlass  hinaus  —  mitunter  so  weit, 
dass  es  trotz  redlichsten  Bemiihens  nicht  moglich  war,  der  Fiille  ihrer 
Ideen,    die  fiir  alle  Folge  Beherzigung  und   Erfiillung  verdienen,   sofort 


IV  Vorrede. 

und  durchwegs  gerecht  zu  werden.  Im  Einzelncn  haben  es  sich  Verlag 
und  Herausgeber  allerdings  angelegen  sein  lassent  schon  im  vorliegenden 
Jahrgang  den  Anregungen  und  Ratschlagen  dieser  ebenso  einsichtigen, 
als  nachsichtigen  Fiirsprecher  nachzukommen. 

So  erging  und  ergeht  neuerdings  im  Sinne  Ratzels  an  alle  Mit- 
arbeiter  die  Bitte,  im  Interesse  der  Gleichmassigkeit  die  Grundlage  ein- 
heitlich  zu  gestalten  und  fiir  jeden  einzelnen  Nekrolog  zu  mindesten  zu 
bringen:  I.  Name:  Familienname,  Vorname,  bei  mehreren  Vornamen 
alle,  doch  der  Rufname  unterstrichen;  2.  Stand  oder  Beruf;  3.  Geburts- 
und  Sterbedatum;  4.  die  wesentlichsten  ausseren  Begeben- 
heiten  des  Lebenslaufes;  eine  Wiirdigung  der  Personlichkeit  und 
ihrer  Leistungen;  5.  eventuell  Zusammenstellung  der  Werke;  6. 
Quellenverzeichnis  zur  Biographie;  bei  bedeutenderen  Personlich- 
keiten  auch  ein  Wort  iiber  die  erreichbaren  Bildnisse.  Trotz  dieses 
Muster- Schemas  und  trotz  der  ausdriicklich  und  wiederholt  an  alle 
Geladenen  gerichteten  Mahnung,  desselben  eingedenk  zu  bleiben,  war 
es  nicht  moglich,  in  jedem  einzelnen  Falle  dessen  genaue  Einhaltung 
durchzusetzen.  In  dieser  und  in  so  mancher  anderen  Beziehung 
erubrigt  uns  deshalb  nur,  unsere  Leser  zu  bitten,  allfallige  Verbesse- 
rungen  und  Erganzungen  dem  Verlag  oder  dem  Herausgeber  freund- 
lich  bekannt  zu  geben.  Ein  Gleiches  gilt  in  Betreff  einer  Reihe 
von  anderen  »Redaktions-Leiden«,  deren  Excellenz  von  Liliencron  in 
seiner  Meisterkritik  gedacht  hat:  »Wie  weit  der  Nekrolog  auszudehnen 
ist,  das  lasst  sich  meiner  Ueberzeugung  nach  vom  centralen  Mittel- 
punkt  der  Leitung  des  Unternehmens  nur  theilweise  bestimmen.  Zum 
anderen  Theil  miissen  hierbei  solche  Mitarbeiter  mitwirken,  welche  die 
einzelnen  particularen  Gebiete,  die  deutschen  Lande,  Grossstadte,  Cultur- 
centren  (Universitaten  1)  u.  s.  w.  vertreten.  Zu  iiberschauen ,  welche  fur 
ihr  Gebiet  in  irgendwelcher  Weise  beachtenswerten  Personlichkeiten 
im  Laufe  der  Tage  dahingehen,  ist  fiir  sie  eine  kleine  Miihe.  Dazu 
verhilft  ihnen  schon  die  Tagespresse  mit  ihren  Nekrologen  und  Nekro- 
logien.  Ein  Netz  von  Helfern  dieser  Art,  ausgespannt  iiber  die  ganze 
deutsche  Welt,  halte  ich  fiir  ein  ganz  unabweisbares  Bediirfnis  der 
Redaktion.«  Dass  es  an  dem  ehrlichen  Streben  nicht  gemangclt  hat, 
solche  Nothhelfer  zu  suchen,  wird  der  wohlwollende  Leser  von  Band  II 
nicht  verkennen:    an  Baechtolds  Stelle  hat  Professor  Adolf  Frey    das 


Vorrede.  V 

Schweizer  Referat  ubernommen,  fur  die  Siebenbiirger  Sachsen  ist 
Pfarrer  Dr.  F.  Teutsch,  fur  Schleswig-Holstein  Hr.  J  oh.  Sass  auf 
mein  Ersuchen  eingetreten.  Dass  und  wie  viel  trotz  alledem  noch 
nachzuholen  bleibt  fur  einzelne  Personlichkeiten  und  ganze  Landstriche, 
ist  schwerlich  Jemandem  deutlicher  bewusst,  als  dem  Herausgeber. 
Wohl  war  es  mir  vergonnt,  die  meisten  der  im  vorigen  Jahrgang  ver- 
heissenen  Nachtrage,  vor  Allem  die  Nekrologe  von  Camphausen,  Erz- 
herzog  Carl  Ludwig,  Fiirst  Stolberg-Wernigerode  u.  s.  w.,  rechtzeitig  zu 
erhalten;  dagegen  miissen  Nekrologe  wie  die  von  Gurlitt,  Victor  Meyer, 
W.  H.  Riehl,  von  einer  Reihe  deutscher  Theologen  und  sachsischer  Namen 
auf  den  nachsten  Band  verspart  bleiben,  weil  die  Herren  Verfasser, 
Prof.  W.  Gurlitt,  Prof.  Goldschmidt,  Staatssekretar  z.  D.  Prof.  G.  v.  Mayr, 
Lie.  Kohlschmidt  und  Dr.  H.  A.  Lier,  ihre  Manuscripte  nicht  mehr  vor 
Schluss  des  Druckes  einliefern  konnten. 

Am  schmerzlichsten  traf  es  aber  Verleger  und  Herausgeber,  dass 
die  schon  fur  Band  I  geplante  Todtenliste,  die  registermassig  das 
alphabetische  Verzeichnis  aller  im  Laufe  des  Berichtjahres  geschiedenen 
Deutschen  von  Bedeutung  —  einschliesslich  der  im  Deutschen  Nekrolog 
nicht  eingehender  gewiirdigten  —  umfassen  soil,  auch  heuer  noch 
nicht  erscheinen  kann.  Unser  mit  dieser  miihsamen  und  verantwort- 
lichen  Aufgabe  betrauter,  hochgeschatzter  Mitarbeiter,  Bibliothekar 
Dr.  Georg  Wolff  in  Munchen,  dem  wir  auch  fur  das  Mitlesen  der 
Correcturen  verpflichtet  sind,  ist  leider  in  letzter  Stunde  durch  eine 
unvorhergesehene  Abhaltung  ausser  Stande  gewesen,  den  weitgediehenen 
Entwurf  seiner  Todtenliste  fur  1896  und  1897  druckreif  abzuschliessen. 
Band  III  wird  deshalb  die  Todtenliste  fur  1896 — 1898  auf  einmal 
bringen. 

So  viele  und  so  wichtige  Beitrage  derart  auch  zuriickbleiben  mussten, 
so  hat  uns  dennoch  der  iiberreiche  Stoff  der  Nekrologie  des  Jahres  1897 
und  der  Erganzungen  zum  Jahrgang  1896  genothigt,  auf  urkundliche  und 
biographische,  ausserhalb  der  Jahre  1896/7  liegende,  Mittheilungen  zu 
verzichten.  Dessenungeachtet  darf  unser  Band  meines  Erachtens  mit 
Fug  und  Recht  seinen  alten  Obertitel  »Biographisches  Jahrbuch«  weiter 
fortfiihren.  Angesichts  der  grossen  Zahl  kiinstlerisch  sorgfaltig  ausge- 
fuhrter  Einzelbiographien,  wie  sie,  Dank  der  werkthatigen  Forderung  aus- 
gezeichneter  Mitarbeiter,    der  vorlicgende  Band  von  Jacob  Burckhardt, 


VI  Vorrede. 

Johannes  Brahms,  Sachs,  Stephan  und  raanchen  anderen  bietet,  darf  sich 
unser  Deutscher  Nekrolog  wohl  auch  als  Biographisches  Jahrbuch  dauernd 
zu  den  Grundsatzen  bekennen,  die  Herder  einst  Schlichtegrolls  Nekrolog 
entgegenstellte:  »Der  Name  Todtenliste  ist  schon  ein  trauriger  Name. 
Lasst  Todte  ihre  Todte  begraben;  wir  wollen  die  Gestorbenen  als  Lebende 
betrachten,  uns  ihres  Lebens,  ihres  auch  nach  dem  Hingange  noch  fort- 
wirkenden  Lebens  freuen  und  eben  deshalb  ihr  bleibendes  Verdienst  fur 
die  Nachwelt  aufzeichnen.  Hiermit  verwandelt  sich  auf  einmal  das  Ne- 
krologium  in  ein  Athanasium,  ein  Mnemeion;  siesind  nicht  gestorben, 
unsere  Wohlthater  und  Freunde,  denn  ihre  Seelen,  ihre  Verdienste  urn's 
Menschengeschlecht,  ihr  Andenken  lebet« 

Wien,  8.  November  1898, 

Anton  Bettelheim. 


I  n  h  a  1 1. 

S  e  i  t  e. 
Vorrede  III -VI 

Uebersicht  der  Bibliographic  der  biographischen  Litteratur  1897 

Dr.  Joh.  Luther  1*— 55* 

Deutscher  Nekrolog  vom  1.  Januar  bis  31.  December  1897  1 — 414 
Erganzungen    und    Nachtrage    zum    »Deutschen  Nekrolog  vom 

1.  Januar  bis  31.  December  i896«  415 — 461 

Alphabetisches  Namenverzeichniss  I  462 

Alphabetisches  Namenverzeichniss  II  468 

Zusatze  461 


Uebersicht 


der 


Bibliographie  der  biographischen  Litteratur   1897. 

Zusammengestellt 

von 

Dr.  Johannes  Luther, 

Bibliothokar  an   dor   Koniglichen  Bibliothck   Berlin. 


Die  durch  ein  *  gekennzeichneten  Aufsatze  sind  dem  I.  Band,  Jahrgang  1897,  unseres 
»Biographischen  Jahrbuches  und  Deutschen  Nekrologs«  entnommen. 


♦Pagel:  Hans  Conrad  Carl  Theodor  Acker- 
mann,  Arzt  u.  Prof.  d.  pathol.  Anatomic 
(S.  149—150.) 

Wiinmer,  Frz.  Paul:  Kaiserin  Adelheid, 
Gcraahlin  Ottos  I.  des  Grossen ,  in  ihrem 
Leben  u.  Wirken  v.  931 — 973.  2.  Aufl. 
Regensburg:  J.  Habbel:  i.  Komm.  8.  Ill, 
104  S. 

Zu  Friedrich  Adlers  siebenzigstem  Geburts- 
tage.  (Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg. 
4.     S.  518—519,  5*70 

Kolb,  R.:  Adolph,  Grossherzog  v.  Luxem- 
burg, Herzog  v.  Nassau.  Wiesbaden:  (H. 
Roemer.)     8.     VIII,   182  S.  m.  Bildn. 

Businger,  L.  C:  Joseph  Ignatz  von  Ah  f, 
15.  Dez.  1834 — I.  Sept  1896.  (Schweizer. 
Archiv  f.  Volkskunde.    I.  Jahrg.    8.    S.  91 

—930 

Hard m an n:  Konig  Alberts  Mitarbeit  am 
Aufbau  des  Deutschen  Reiches.  (Fest- 
reden  z.  Geburtstagsfeier  Konig  Alberts 
v.  Sachsen.  Leipzig:  O.  Klemm's  Sort.  8.) 

Schellenberg:  Ein  Lebensbild  unsers  Ko- 
nigs  Albert.  (Festreden  z.  Geburtstags- 
feier. Kbnigs  Albert  v.  Sachsen.  Leipzig: 
O.  Klemm's  Sort.    8.) 

Geyer,  Alb.:  Albrecht  der  Bar.  Eine  Bio- 
graphic. Nach  d.  Quellen.  Berlin:  E.  Ebe- 
ring.  8.  44  S.  m.  111.  [Lebcnsbilder  aus  d. 
Geschichte.    IL] 

Duncker,  Carl  v. :  Feldmarschall  Erzherzog 
Albrecht.     Wien:    F.  Tempsky.    4.    XII, 
330  S.  m.  Bildn.  u.  Abb. 
Biogr.  Jahrb.  n.  Deutscher  Nekrolog.    2.  Bd. 


Prinz  Albrecht  von  Preussen,  Regent  von 
Braunschweig.  (Zum  8.  Mai  1897.)  (Der 
Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  220— 221   m.  Bild.) 

Prinz  Albrecht  von  Preussen.  (Militar- 
Wochenblatt.  82.  Jahrg.  i.Bd.  4.  Sp.  12 15 
—  1222.) 

Paulus,  N.:  Lorenz  Albrecht.  Der  Vcr- 
fasser  der  ersten  deutschen  Grammatik.  I. 
II.  (Hist.-polit.  Blfitter  f.  d.  kath.  Deutsch- 
land.  119.  Bd.  8.   S.  549  —  560,  625—637. ) 

♦Meyer,  Alexander:  Siegfried  Wilhelm  Al- 
brecht, deutscher  Politiker.  (S.  203  —  205.) 

*Granier,  Hermann:  Alexander,  Prinz  von 
Preussen,  General  der  Infanterie.    (S.  418.) 

Le  Roi,  J.  F.  A.  de:  Michael  Solomon 
Alexander,  der  erste  evangelische  Bischof 
in  Jerusalem.  Gtitcrsloh:  C.  Bertelsmann. 
8.  3  Bl.,  230  S.,  1  Bildn.  [Schriften  des 
Instit.  Judaicum  in  Berlin.    No.  22.] 

Rtihle,  Otto:  Johanna  Ambrosius.  Eine 
menschliche  Kombdie.  (Monatsblatter  f. 
deutscheLitteraturgesch.  I.  Jahrg.  8.  S.  219 
—226.) 

Htirbin,  Jos.:  Peter  von  Andlau,  der  Ver- 
fasser  des  ersten  deutschen  Reichsstaats- 
rechts.  Ein  Beitr.  z.  Gesch.  d.  Humanis- 
mus  am  Oberrhein  im  XV.  Jahrhundert. 
Strassburg:  J.  H.  Ed.  Heitz.  8.  XII,  286  S., 
1  Taf.,   1   Facs. 

Euler,  Carl:  Professor  Dr.  Eduard  Anger- 
stein.  Ein  Lebensbild.  [Aus:  Monatsschr. 
f.  d.  Turnwesen.]  Berlin:  R.  Gaertner.  8. 
34  S.  m.  Bildn. 


Biographische  Bibliographie. 


Anzengruber,  Ludw. :  Biographisches  und 
Autobiographisches.  (L.  Anzengruber :  Ge- 
samm.  Werke.  3.  durchges.  Aufl.  Bd.  1. 
Stuttgart:  J.  G.  Cotta  Nachf.    8.) 

Abels,  Ludwig:  Neues  tiber  Anzengruber. 
(Sonntagsbeil.  No.  39  z.  Voss.  Zeitung.) 

Bettelheim,  Ant*:  Anzengruber.  Der 
Mann,  sein  Werk,  seine  Weltanschauung. 
2.  verm.  Aufl.  Berlin:  E.  Hofmann  &  C 
8.  VIII,  286  S.  [Geistesheiden.  I.  Samml. 
Bd.  4.] 

♦Baechtold,  J.:  J.  W.  Appell.  (S.  3—5.) 

♦Eitner,  Rob.:  Karl  Armbrust.  (S.  112— 

Ernst  Moritz  Arndt.  I -III.  [Bilder  aus  der 
Erweckungsgesch.  d.  religibs-kirchl.Lebens 
in  Deutschland  in  diesem  Jahrhundert. 
III.Reihe.  1.  (Allg.  Evangel.-Luth.Kirchen- 
zeitung.   30.  Jahrg.   4.    Sp.  291 — 296,  316 

—321,  345— 3SO.) 

Bendixen,  Rudolf:  Ernst  Moritz  Arndt. 
(R.  Bendixen:  Bilder  aus  d.  letzten  reli- 
gitfsen  Erweckung  in  Deutschland.  Leip- 
zig: DBrffling  &  Franke.    8.    S.  21  —  62.) 

Meisner,  Heinrich:  Ernst  Moritz  Arndt  im 
Parlamente.  (Der  Bar.  23.  Jahrg.  4.  S.  448 
— 450,  459—461.)  (Der  »Deutschen  Revue* 
entnommen.) 

Re  in  thaler:  Ernst  Moritz  Arndt.  (Deutsch- 
evangelische  Blatter.  22.  Jahrg.  8.  S.  233 — 

2490 
Meisner,   Heinrich:    Ernst  Moritz   Arndts 

Mutter.      (Sonntagsbeil.    No.    36    z.  Voss. 

Zeitung.) 
Wehrmann,    M. :   Zur  Geschichte   des  Bi- 

schofs  Arnold  von  Camin.   Monatsblatter. 

Hrsg.  v.  d.  Ges.  f.  Pomm.  Gesch.  u.  Alter- 

thumskunde.    11.  Jahrg.    8.    S.  58 — 60.) 
•Holland,  H. :  Hermann  Arnold,  Historien- 

u.  Genremaler.  (S.  47—48.) 
♦BrUmmer,     Franz:     Andreas     Ascharin. 

(S.  196-197O 

Ilwof,  Franz:  Die  Grafen  von  Attems, 
Freiherren  von  Heiligenkreuz,  in  ihrem 
Wirken  in  u.  fttr  Steiermark.  Graz:  Styria. 
8.  4  BL,  216  S.,  2  Bildn.  [Forschungen 
z.  Verfassungs-  u.  Verwaltungsgesch.  der 
Steiermark.    Bd.  II.    H.  1.] 

Ilwof,  Franz:  Ferdinand  Graf  Attems  (1746 
—  1 820),  Landeshauptmann  von  Steiermark. 
M.  Bildn.  (F.  Ilwof:  Die  Grafen  von  At- 
terns.    S.  25  —  136.) 

Ilwof,  Franz:  Ignaz  Maria  Graf  Attems 
(1774  — 1 861),  Landeshauptmann  v.  Steier- 
mark. M.  Bildn.  (F.  Ilwof:  Die  Grafen 
von  Attems.    S.  137 — 201.) 

Schlossar,  Anton:  Anastasius  Griin  [d.  i. 
Graf  Anton  Alexander  von  Auersperg] 
und  Josef  Freiherr  von  Hammer-Purg- 
stall.  M.  ungedr.  Briefen  Anastasius  Grilns 
aus  d.  Jahren  1831  bis  1854.  (Oesterr.-Un- 


gar.  Revue.    20.  Bd.   8.   S.  37—57,  107- 

127.) 
v.    Weil  en,    Alexander:    Anastasius  Griin 

[d.   i.  Graf   v.  Auersperg]    und  Ludwig 

August  Frankl.  (Sonntagsbeil.  No.  25  z. 

Voss.  Zeitung.) 
Millie r,  Hans:  Kurftirst  August  des  Starken 

Uebertritt  zur  rtfmischen  Kirche.    Leipzig: 

Buchh.  des  Evang.  Bundes.  8.  56  S.  [Flug- 

schriften   d.  Evang.  Bundes.     H.  134/135 

(XII.  Reihe,  2/3).] 
Evers,  Ernst:  Auguste  Viktoria.  Das  Le- 

bensbild   d.  deutschen  Kaiserin.     3.  Aufl. 

Berlin:  Bed.  Stadtmission.    8.    188  S.  mit 

Bildn. 
Carstanjen,    Frdr. :    Richard    Avenarius. 

Ein    Nachruf.      [Aus :    Vierteljahrsschr.  f. 

wissenschaftl.  Philosophic]     Leipzig:    O. 

R.  Reisland.    8.    32  .  S.  m.  Bildn. 
♦Carstanjen,  Fr.:  Richard  Heinrich  Lud- 
wig Avenarius.  (S.  5  —  12.) 
Frommel,  Emil:  Bach  s.  Handel. 
Wolzogen,  Hans  v. :  Johann  Sebastian  Bach. 

(H.  v.  Wolzogen :  Grossmeister  Deutscher 

Musik.    i.  Bd.    Hannover:  Dunkmann.    4. 

S.  1—27  m.  Bildn.) 
Jahne,    Heinrich:    Ferdinand    Bachmann. 

(Biographien  osterreich.  Schulmanner.  Hrsg. 

v.  Franz  Frisch.    Wien :  A.  Pichler's  Wwe 

&  Sohn.    8.    S.  112— 114.) 
♦BrUmmer,  Franz :  Wilhelra  Emanuel  Back- 

haus.    (S.  195  —  196). 
Michel,  Hermann :  Zur  Erinnerung  an  Jacob 

Bachtold.     (Das    Magazin    f.    Litteratur. 

66.  Jahrg.    4.    Sp.  1017— 1018.) 
Miinz,     Bernhard:      Bernhard      Baehring. 

(Briefe   von   und  tiber  Jakob  Frohscham- 

mer.     Hrsg.  v.  B.  Mtinz.    Leipzig:  G.  H. 

Meyer.    8.    S.  24—31.) 
•Weech,    F.  v.:    Karl  Anton  Ernst  Baer, 

badischer  Jurist  u.  Parlamentarier.    (S.  389 

—  39I-) 
Stttlzle,   Reraigius:    Karl  Ernst  von  Baer 

und  seine  Weltanschauung.    Regensburg: 

Nationale  Verlagsanst.    8.    XI,  687  S. 
St&lzle:    Karl  Ernst   von  Baer  und  seine 

Weltanschauung.    (Die  Natur.    46.  Bd.    4. 

s.  313-316.) 

•Weltner,A.J.:  FriederikeBauerle.  (S.335 

— 336-) 

•Eitner,  Rob.:  Selmar  Bagge.  (S.  113.) 

Klaus,  B. :  Hans  Baldung  genannt  Grien 
oder  Griin.  (B.  Klaus:  GmUnder  Ktinst- 
ler.  II.  2.  in:  Wtirttembergische  Viertel- 
jahrsheftef.Landesgeschichte.N.F.V.  Jahrg. 
8.    S.  307 — 313,  331—332.) 

♦Posner:  Carl  M.  Balling,  Kaiserl.  KOnigl. 
Oberbergrath.  (S.  411.) 

Pastor,  Willy:  Ein Maler  des  Berliner Ostens 
(Hans  Baluschek).  (Das  Magazin  f.  Litte- 
ratur.   66.  Jahrg.    4.    Sp.  774—776.) 


Biographische  Bibliographic 


B  ussier,  W.:  General  -  Feldmarschali  Graf 
Barfuss.  Kurzgef.Lebensbild  m.  Anschluss 
d.  Gcsch.  d.nach  ihm  genannten  4.  Westfal. 
Inf.-Reg,  No.  17.  Gotha:  G.  Schloessmann. 
8.    22  S.  m.  Bildn. 

Woldemar  Bargiel,  Professor,  Mitglied  der 
Kdnigl.  Akad.  d.  Kunste.  (Chronik  d.  Konigl. 
Akad.  d.  KUnste  zu  Berlin.  1896/97-  8. 
S.  82-83.) 

Schubert,  Gustav  v.:  Heinrich  Barth,  der 
Bahnbrecher  der  deutschen  Afrikaforschung. 
Ein  Lebens-  nnd  Charakterbild,  auf  Grund 
ungedmckter  Quellen  entworfen.  Berlin: 
D.  Reimer.  8.  1  Bl.,  X,  184  S.,  3  Bildn., 
1  Bildntaf.,  6  Facs. 

Bartholom&,  Hermann :  Erlebnisse  eines  ba- 
dischenLazareth-Unterofflziers  im  Feldzuge 
1870/71.  Karlsruhe:  J.  J.  Reiff.  8.  VIS., 
1  BL,  141  S.,  1  Kt.  [Badener  im  Feldzug 
1870/71.    Bd.  14.] 

R.  Diestelmann:  Johann  Bernhard  Base- 
dow. Leipzig:  R.  Voigtlander.  8.  110  S., 
1  Bildn.  [Grosse  Erzieher.  Eine  Darstellung 
d.  neueren  Padagogik  inBiographien  Bd.  2.] 

Rubinstein,  Susanna:  Batz  s.  Main- 
lander. 

Speier,  Max:  Bauernfeld  s.  Grillparzer. 

♦Pagel:  Georg  Wilhelm  Baum,  Chirurg. 
(S.  150—151.) 

♦Krauss,  Rudolf:  Eugen  Baumann.    S.  93 

-940 

•Meyer,  Alexander:  Karl Baumbach,  Ober- 
burgermeister  von  Danzig.  (S.  199 — 200.) 

G  a  b  1  e  r ,  Ludwig:  Schulrath  (Gottlob  Franz) 
Baunack  in  seinem  Leben  und  Wirken 
fur  die  Volksschule.  Tl.  1:  Seine  Reden 
bei  den  Jahreskonferenzen  d.  Lehrer  d. 
Schulinspektionsbezirks  Oelsnitz  i.  V.  Leip- 
zig: Durr.  8.  160  S.,  I  BL,  1  Bildn.  (TL  2: 
Sein  Leben  u.  Wirken,  ersch.  1898.) 

Wilhelm  Baur.  [Rudolf  Kogel,  Emil  From- 
mel,  Wilhelm  Baur.  3.]  (Allg.  Evangel.- 
Luth.  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  460 

-464.) 
Professor  Dr.  Franz  v.  Baur  f.  (Centralblatt 

f.  das   gesammte   Forstwesen.     23.  Jahrg. 

8.    S.  90—95  m.  Bildn.) 
Professor  Dr.  (Franz)  von  Baur  f.  (Deutsche 

Forst-Zeitung.    12.  Bd.    8.    S.  73—74.) 
Fttrst:    Professor    Dr.    Franz    von    Baur. 

(Forstwiss.  Centralbl.    8.    N.  F.  Jahrg.  19, 

s.  133-136.) 

Der  Socialdemokrat  August  Bebel  als  Denun- 
ziant  Preussischer  Offiziere.  Von  einem 
Offizier.    Berlin:  R.  Felix.    8.    1  Bl.,  18  S. 

•Kollmann,  Paul:  Karl  Becker.  (S.  12—32.) 

•Holland,  H.:  Moritz  von  Becker  at  h, 
Historienmaler.   (S.  48 — 49.) 

Ritter,  Herm.:  Beethoven  s.  Haydn. 

Wolzogen,  Hans  v.:  Ludwig  van  Beetho- 
ven.   (H.  v.  Wolzogen:  Grossmeister  deut- 


scher  Musik.   i.Bd.  Hannover:  Dunkmann. 

4.  S.  55—82,  m.  Bildn.) 
Meyer,  Alfred  Gotthold:  Reinhold  Begas. 

Bielefeld  u.  Leipzig:  Velhagen  &  Klasing. 

8.    2  Bl.,  128  S.  m.  Abb.  [Kiinstler-Mono- 

graphien.    20.] 
Wolf-Harnier,    Eduard:    Reinhold  Begas. 

Eine  biograph.  Skizze.   M.  Abb.   (Der  Bar. 

23.  Jahrg.    4.   S.  570—573.  581—582,  592 

—  594.) 
♦Weech,  F.  v.:  Wilhelm  Jacob  Behaghel, 
Professor  der  Recnte  an  d.  Univ.  Freiburg. 

(S.  391— 3930 

Ratzinger,  G.:  Albert  Behaim  s.  Bo- 
hem  us. 

Bauch,  Alfred:  Der  Aufenthalt  des  Malers 
Sebald  Beham  wahrend  der  Jahre  1525— 
1535.  (Repertorium  f.  Kunstwiss.  20.  Bd. 
8.    S.  194—205.) 

Schmidt,  Wilhelm:  Beitrage  zur  Kenntniss 
Sebald  Beham's.  (Repertorium  f.  Kunst- 
wiss.   20.  Bd.    8.    S.  477—479.) 

Edmund  Behringer.  25  Jahre  Rektor.  (Aka- 
demische  Monatsblatter.  IX.  Jahrg.  4.  S.  59 
—62.) 

Reifferscheid,  Al.:  Zwei  Antrage  aus- 
wartiger  Bibliothekarstellen  ftir  George 
Friedrich  Benecke.  (Centralblatt  fUr 
Bibliothekswesen.     14.  Jahrg.     8.     S.   75 

-83.) 
•Rudolf  Benedikt.  (S.  322—324.) 
Ulzer,  F.:  Rudolf  Benedikt  (weil.  Professor 

an    der    k.  k.  technischen  Hochschule   in 

Wien).     (R.  Benedikt:   Analyse  der  Fette 

und  Wachsarten,     3.  erweit.  Aufl.,  hrsg.  v. 

F.  Ulzer.    Berlin:  J.  Springer.    8.    S.  Ill 

-VI.) 
Miquel  und  Bennigsen  s.  Mi  quel. 
Friedlander,  Max  J.:  Bentz  s.  Pentz. 
Felix  Berber.  (Musikal.  Wochenblatt  28.  Jahrg. 

4.    S.  483-484  m.  Bildn.) 
♦Obermayer,    A.    v.:    Hans    Ernst    Graf 

vonBerchem-Haimhausen.  (S.  32—34.) 
Schmitt,    Franz  Jacob:    Matthias   Berger, 

Architekt  in  MUnchen,  f.    (Centralblatt  d. 

Bauverwaltung.    17.  Jahrg.    4.    S.  224.) 
Arnold  Bergstrasser  f.    (Deutsche  Bauzei- 

tung.    31.  Jahrg.    4.    S.  24.) 
♦Weltner,  A.  J.:  Alois  Berla  s.  Scheichl. 
•Lier,  H.  A.:  Dietrich  Otto  von  Berlep9ch, 

President  des  evang.-lutherischen  Landes- 

consistoriums     des     Kdnigreich    Sachscn. 

(S.  415.) 

Boehm,  Willy:   G5tz  v.  Berlichingen  mit 

der  eisernen  Hand.     2.  Aufl.     GUtersloh: 

C.  Bertelsmann.    8.    152  S. 
•Uhde,   Hermann:  Michael  Bernays  1834' 

—  1897.  (S.  17*— 22*.) 
Witkowsky,    Georg:     Michael    Bernays. 

(Das  Magazin  f.  Litteratur.    66.  Jahrg.    4. 

Sp.  271-277.) 

a* 


Biographische  Bibliographic 


Hildebrandt,  Max:  Reinbard  Bernhardt 
Zum  Gedachtniss  eincs  deutschen  Natur- 
forschers.  1797.  n.  October.  1897.  (Natur- 
wissenschaftl.  Wochenschrift.  12.  Bd.  4. 
S.  481—486.) 

Aus  dem  Leben  Theodor  von  Bernhardi's. 
TL  VI.  (Aus  den  letzten  Tagen  des  deut- 
schen Bundes.  Tagebuchblatter  aus  d.  J. 
1864— 1866.)  TL  VII.  (Der  Krieg  1866 
gegen  Oesterreich  und  seine  unmittelbaren 
Folgen.  Tagebuchblatter  aus  d.  J.  1866  u. 
1867.  M.  e.  Bildn.  Bernhardis.)  Leipzig: 
S.  Hirzel.  8.  X,338S.;  XIV,  378  S.,  1  Bildn. 

Aus  den  Tagebttchern  Theodor  von  Bern- 
hardi's.  V.  (Deutsche  Rundschau.  90.  Bd. 

8.    S.  72-95O 

Brausewetter,  Ernst:  Elise  Bernstein  s. 
R  o  s  m  e  r. 

Grafin  Elise  von  Bernstorff,  geb.  Grann 
von  Deraath.  Ein  Bild  aus  d.  Zeit  von 
1789  bis  1835,  Aus  ihren  Aufzeichnungen. 
3.  Aufl.  (Hrsg. :  Elise  v.  d.  Bussche-Kes- 
sell.)  Bd.  1.  1789  bis  1822.  M.  2  Bildn. 
Bd.  2.  1823  bis  1835.  M.  1  Bildn.  Berlin: 
E.  S.  Mittler  &  Sohn.  8.  VIII,  340  S., 
2  Bildn.;  V,  270  S.,   1  Bildn.,  1  Stammtaf. 

Wehrmann,  M.:  Dietrich  von  Bertekow, 
Pfarrer  in  Wusseken  und  Neuenkirchen 
(1300  1304).  (Monatsblatter.  Hrsg.  v.  d. 
Ges.  f.  Pomm.  Gesch.  u.  Alterthumskunde. 
1 1.  Jahrg.    8.    S.  90— 92.) 

♦Brttmmer,  Franz:  Friedrich  August  Ber- 
thelt.    (S.  246—247.) 

Kohut,  Adolph:  Friedrich  Justus  Bertuch. 
M.  4  ungedr.  Briefen  Bertuchs.  (Nord  u. 
Slid.    83.  Bd.    8.*    S.  73—830 

Zum  achtzigsten  Geburtstage  von  Friedrich 
Beust.  M.  d.  Bildn.  Beust's.  Zurich:  ZUr- 
cher  &  Furrer.    8.    34  S.f  1  Bildn. 

Merian,  Hans:  Franz  Adam  Beyerlein. 
(Die  Gesellschaft.  Jahrg.  1897,  III.  8. 
S.  390 — 395  m.  Bildn.) 

Professor  Ernst  Beyrich.  (Nekrolog.)  (Deut- 
sche Rundschau  f.  Geographie  u.  Statistik. 
19.  Jahrg.    8.    S.  40—42  mit  Bildn.) 

♦  B 1  e  n  c  k ,  E. :  Heinrich  Ernst  Beyrich,  Pro- 

fessor u.  Geheimer  Bergrath.  (S.  193 — 194.) 
Dr.  Eduard  Albert  Bielz.    (Deutsche  Rund- 
schau f.  Geographie  u.  Statistik.  19.  Jahrg. 
8.    S.  326—328  m.  Bildn.) 

*  P  o  t  e  n ,  B. :  Hugo  Ritter  Bilimek  von  Wais- 

solm,    k.  u.  k.  Feldmarschall- Lieutenant. 

(S.  112.) 

Schmidt,   Geo:    Schonhauscn  und  die  Fa- 

milie  von  Bismarck.    Bearb.  im  Auftr.  d. 

Familie.  M.  zahlr.  Abb.  Berlin :  E.  S.  Mitt- 
'    ler  &  Sohn.    8.    VIII,  196  S. 
Kaiser   Wilhelm   I.   und  Fttrst  Bismarck   s. 

Wilhelm  I.,  Kaiser  von  Deutscbland. 
Bismarck  als  Rcdner.    (Zeitschr.  f.  deutsche 

Sprache.    10.  Jahrg.    8.    S.  12—17.) 


Diest-Daber,  v.:  Bismarck  u.  Bleich- 
rtider.  Deutsches  Rechtsbewusstsein  u.  d. 
Gleichheit  vor  d.  Gesetze.  Munchen :  Th. 
Wenng.    8.    Ill,  201  S. 

Everling:  Bismarck  s.  Luther. 

P  e  n  z  1  e  r ,  Johs :  Fttrst  Bismarck  nach  sei- 
ner Entlassung.  Leben  u.  Politik  des  Fttr- 
sten  seit  seinem  Scheiden  aus  dem  Amtc 
auf  Grund  aller  authentischen  Kundgebun- 
gen.  Hrsg.  u.  mit  histor.  Erlauterungcn 
versehen.  5  Bde.  (1 :  20.  Marz  1890— 
11.  Febr.  1891;  2:  12.  Febr.  1891 — 5.  Dec. 
1891  ;  3:  6.  Dec.  1891  —  27.  Juni  1892; 
4:  28.  Juni  1892—22.  Febr.  1893;  5:  Marz 
1893 — Ende  1894.)  Leipzig:  VV.  Fiedler. 
8.  VII,  384  S.;  2  BL,  380  S.;  2  BL,  367  S.; 
400  S.;  384  S. 

Poschinger,  Heinr.  v.:  Fttrst  Bismarck 
und  der  Bundesrath.  (In  4  Bdn.)  Bd.  1  —3. 
(1:  Der  Bundesrath  des  Norddeutschcn 
Bundes,  1867 — 1870;  2:  Der  Bundesrath 
des  Zollvereins,  1868—1870,  u.  d.  Bundes- 
rath des  Deutschen  Reiches,  1871  — 1873; 
3 :  Der  Bundesrath  des  Deutschen  Reiches, 
1874— 1878.)  Stuttgart:  Deutsche  Verlags- 
Anst.  8.  XII,  351  S.;  X,  427  S.;  X, 
486  S. 

ROhling,  Carl:  Otto  v.  Bismarck.  Ernstes 
u.  Heiteres  aus  d.Leben  des  grossen  Kanzlers. 
40  Bilder  (in  Farbdr.).  Begleitender  Text 
v.  R.  Hofmann.  Berlin :  A.  Hofmann  &  C 
VII,  40  S.    qu.  4. 

Rosin  ski,  Adf.:  Fttrst  Bismarcks  Kampf 
gegen  den  Grafen  Caprivi  u.  seine 
Kundgebungen  lib.  d.  Sinken  des  deut- 
schen Nationalgeftthls  u.  ttb.  d.  deutsche 
Reich sverfassung, kritisiert.  Berlin:  Selbstv. 
8.  91  S. 

Rosin  ski,  Adf.:  Fttrst  Bismarcks  Ver- 
dienste  u.  ihre  Wtirdigung  durch  den 
deutschen  Reichstag  bei  der  Feier  seines 
80.  Geburtstages ,  kritisch  beleuchtet 
Berlin:  Selbstv.     8.  26  S. 

Diest-Daber,  v.:  Bleichrftder  s.  Bismarck. 

Zum  siebzigjahr.  Dienstjubilaum  Seiner  Ex- 
cellenz  des  General-Feldmarschalls  Grafen 
v.  Blumenthal  am  30.  Juli  1897.  (Mili- 
tar-Wochenblatt.  82.  Jahrg.  2.  Bd.  4. 
Sp.  1815 — 1823.) 

Frisch,  Franz:  Franz  Bobies.  (Biographien 
cisterreich.  Schulmanner.  Hrsg.  v.  F.  Frisch. 
Wien:  A.  Pichlers  Wwe  &  Sohn.  8.  S.  196 
—203) 

Richard  Werner  Bode,  Geh.  Baurath,  f. 
(Centralblatt  d.  Bauverwaltung.  17.  Jahrg. 
4-  S.  332.) 

Schumann,  Paul:  Wilhelm  Bode  s.  v.  Werner. 

Ostertag:  Die  Anstalten  des  Pastor  D. 
von  Bodelschwingh.  Berlin :  Ostdeutscher 
Jtinglingsbund.  8.  16.  S.  m.  Abb.  [Fttr 
Feste  u.  Freunde  d.  Inn.  Mission.    H.  3.] 


Biographische  Bibliographic 


5* 


•Ltitzow,  Carl  v.:  Erinnerungen  an  Fried- 
rich  Bodenstedt.    S.  42*— 49*.) 
Grimm,  Herman:  Zum  siebzigsten  Geburts- 

tage    Arnold    B5cklin*s.     Schweizerische 

Erinnerungen.  (Deutsche  Rundschau.  93.  Bd. 

8.  S.  51-69.) 
Henckell,  Karl:  Widmungsblatt  an  Arnold 

B5cklin.   Zurich:    K.   Henckell   &   C.    4. 
12  S.  m.  Bildn. 
Lehrs,   Max:    Arnold  Bdcklin.     Ein  Leit- 

faden  z.  Verstandnis  seiner  Kunst.  MUnchen : 

F.  Bruckmann.  8.  60.  S. 
Osborn,  Max:   Zum  Boecklin-Tage.    (Das 

Magazin     f.    Litteratur.      66.    Jahrg.     4. 

Sp.  1 23 1  — 1236.) 
Servaes,   Franz:    Meister   Bdcklin.     Zum 

siebzigsten  Geburtstag.     (Die  Gegenwart 

52.  Bd.  4.  S.  249  —  252.) 
Deussen,  Paul:  Jakob  Bdiime.  Ueber  sein 

Leben  u.  seine  Philosophic  Kiel:  Lipsius 

&  Tischer.  8.  31  S. 
Lasso n ,  Adf:  Jacob  Bohme.  Rede.  Berlin: 

R.  Gaertner.    8.  35  S.     [Vortrage  u.  Ab- 

handlungen  aus  d.  Comenius-Ges.  5.  Jahrg. 

3.  Stuck.] 
SchSnwalder:  Lebensbeschreibung  des  be- 

rtihmten     Schuhmachers    u.    Theosophen 

Jakob  Bohme.  Gtfrlitz:  (Selbstv.)  8.  14  S. 
Loffler,    J.    H:    Martin   B5tzinger.     Ein 

Lebens-  u.  Zeitbild  aus  d.  1 7.  Jahrh.  2  Bde. 

Leipzig:  F.  W.  Grunow.   8.  442  u.  441  S. 
Ratzinger,G.:  Albertus  Bohemus  (Albert 

Behaim).  (Hist-polit.  Blatter  f.   d.  kath. 

Deutschland.  1 1 9.  Bd.  S.  8 1  —  1 00, 1 77  —  1 89, 

258—272,  393—4O70 
•Holland,     H. :     Ludwig   Boiler,     Land- 

schaftsmaler.  (S.  49.) 
Georg  Christian  August  Bombard.   [Aus  der 

Erweckungszeit    der    bayerischen  Landes- 

kirche.  DC.]  (Allg.  Evangel.-Luth.  Kirchen- 

zeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  223 — 228.) 
Heinrich  Bone.  (Hist.-polit.  Blatter  f.  d.  kath. 

Deutschland.     120.  Bd.    8.    S.  767 — 773.) 
Keiser,  H.  Al.:  Heinrich  Bone.  Lebensbild 

eines    deutschen   Schulmannes  u.  Schrift- 

stellers.     Zug:  Buchdr.  J.  M.  Blunschi.  8. 

50  S.  m.  Bildn. 
Richard  Bong  1872—1897.  (Oesterr.-ungar. 

Buchdrucker-Zeitung.      XXV.   Jahrg.     4. 

S.  619 — 621.) 
Richard  Bong  1872 — 1897.     Dera    thatkraf- 

tigen  Fttrderer   d.   Kunst   u.  Litteratur  in 

dankbarer  Verehrung  gewidmet   v.  einem 

Freunde   d.  Hauses.    (Berlin:    Gedr.  b.  J. 

Sittenfeld.)     4.     36.  S.,     1  Bl.,    1   Bildn., 

14  Taf. 
Lefmann,  S.:  Franz  Bopp,  sein  Leben  und 

seine  Wissenschaft.    Nachtrag.  M.  e.  Ein- 

leitung  u.   e.  vollst.  Register.    Berlin:  G. 

Reimer.  8.  2BL,  XL1I,  129  S.  (Die  frUheren 

zwei  Halften  ersch.  1891  u.  1895.) 


Stahl,  Fritz:    Eugen  Bracht.    (Die  Kunst- 

Halle.  II.  Jahrg.  4.   S.  241—242.) 
Jacobowski,  Ludwig:  Otto  Brahm.   Eine 

Studie.    (Nord  u.  Sad.    82.  Bd.  8.   S.  22 

bis  36  mit  Bildn.) 
Johannes  Brahms,    Professor  Dr.,   Mitglied 

d.  Kttnigl.  Akad.  d.  Ktinste.    (Chronik  d. 

Konigl.Akad.  d.  KUnste  zu  Berlin.  1896/97. 

8.  S.  83—84.) 
Zur  Abwehr.     Johannes  Brahms    und    die 

»Ungarischen  Tanze«.  Berlin:  N.  Simrock. 

8.   13  S. 
Abel,    Hedwig:    Johannes   Brahms.     (Die 

Gegenwart  51.  Bd.  4.  S.  247  —  248.) 
Curtius.  Friedrich :  Johannes  Brahms.  (Die 

christl.  Welt   11.  Jahrg.  4.  Sp.  348 — 349.) 
Ernst,    Erich:      Brahms    und    Wagner. 

(Sonntagsbeil.  No.  15  z.  Voss.  Zeitung.) 
Groth,   Klaus:    Erinnerungen  an  Johannes 

Brahms.      (Die    Gegenwart.    52.  Bd.    4. 

s.  295— 299,  307-310*  327— 329O 

Helm,  Th.:  Zum  Tode  Johannes  Brahms'. 
(Musikal.  Wochenblatt.  28.  Jahrg.  4. 
S.  229—230.) 

Krebs,  Carl:  Johannes  Brahms.  (Deutsche 
Rundschau.  91.  Bd.  8.  S.  300—302.) 

Lessmann,  Otto:  Johannes  Brahms  f. 
(Allg.  Musik-Zeitung.  24.  Jahrg.  4.  S.  229 
— 230  m.  Bildn.) 

Mars  op,  Paul:  Johannes  Brahms.  (Die 
Gegenwart.  51.  Bd.  4.  S.  277—280.) 

Morin,  A.:  Johannes  Brahms.  (Johannes 
Brahms.  Erlauterung  seiner  bedeutendsten 
Werke  v.  C.  Beyer  u.  a.  Nebst  e.  Dar- 
stellung  seines  Lebensganges  m.  besond. 
Berttcks.  seiner  Werke.  Von  A.  Morin. 
Frankfurt  a.  M.:  H.  Bechhold.  8.  S.  VII 
— XLIV  m.  Bildn.  [Musiker  u.  ihre  Werke.]) 

Nodnagel,  Ernst  Otto:  Johannes  Brahms. 
Ein  Gedachtniswort.  (Das  Magazin  f.  Litte- 
ratur. 66.  Jahrg.  4.  Sp.  469  —  472.) 

Reimann,  Heinrich:  Johannes  Brahms. 
Berlin:  Harmonic  8.  VIII,  104  S.  m.  Bildn. 
u.  Abb.  [BerUhmte  Musiker.  I.] 

St5hle,  Karl:  Johannes  Brahms.  (DerKunst- 
wart   10.  Jahrg.  4.  S.  216.) 

S5hle,  Carl:  Johannes  Brahms  todt!  (Mu- 
sikal. Wochenbl.  28.  Jahrg.  4.  S.210— 211.) 

Wichmann,  H.:  Noch  ein  Beitrag  zur 
Charakteristik  von  Brahms.  (Allg.  Musik- 
Zeitung.  24.  Jahrg.  4.  S.  270—271.) 

Widmann,  J.V.:  Erinnerungen  an  Johannes 
Brahms.  Brahms  in  Italien.  (Deutsche 
Rundschau.  92.  93.  Bd.  8.  92.  Bd. :  S.  89 
— 106;   93.  Bd.:  S.   120— 141,  210—227.) 

WUllncr,  F.:  Zu  Johannes  Brahms  Ge- 
diichtniss.  Worte  der  Erinnerung,  ge- 
sprochen  [bci  d.  Erinnerungsfeicr  d.  Con- 
servatoriums  d.  Musik  in  Kbln].  [Koln:] 
Dr.  v.  M.  Du  Mont  Schauberg.  8.  8  S. 

Hbsel,     Kurt:      Friedrich    Brandes.      Ein 


6* 


Biographische  Bibliographic 


Rezensenten-Problem.    In  objectiver  Dar- 

stellung    als    Selbsthtilfe    der   Offentl.  Be- 

urtheilung  Ubergeben.    Dresden:  A.  Beyer 

i.  K.    8.    16  S. 
•  Dr.  Franz  Brandner.  (S.  356— 358.) 
Christian    Philipp   Heinrich  Brandt.      [Aus 

der  Erweckungszeit  der  bayerischen  Landes- 

kircbe  VIII.]  (Allg.  Evangel.-Luth.  Kirchen- 

zeitung.  30.  Jahrg,  4.  Sp.  199—204.) 
•Brausewetter,  Landgerichts-Direktor.   (S. 

219 — 220.) 
Professor  Dr.  Jakob  Breitenlohner  f.   (Cen- 

tralblatt  f.  d.   gesammte   Forstwesen.    23. 

Jahrg.  8.  S.  235—239  ro.  Bildn.) 
Roth,    F.    W.   E.:    Adolf   von   Breithart, 

Kanzler   zu   Mainz,    f   149 1.     (Gttrres-Ge- 

sellschaft.    Hist.  Jahrbuch.    18.  Bd.   8.  S. 

849-857.) 
Jorde,  Fritz:   Johann  Gregor  Breuer.  Ein 

Lebensbild.  Elberfeld:  J.  J.  Keller.  8.  48  S. 

m.  Bildn. 
Brandes,  Ernst:    John  Brinckman.     (Die 

Grenzboten.  56.  Jahrg.  IV.  8.  S.i  17—134, 

278-290,  434-435.) 
Beste,    Johannes:    Kirchenrath.   (Wilhelm) 

Brodkorb    f.      (Braunschweig.    Magazin. 

3,  Bd.    4.    S.  57—60.) 
♦Rietsch,  Heinr.:  Anton  Bruckner,  Ton 

dichter.    (S.  302  —  319.) 
S  6  h  1  e ,  Karl :  Anton  Bruckner.  (Der  Kunst- 

wart.   10.  Jahrg.  4.  S.  28.) 
•Guglia,  E.:  Alexander  Bruckner,  Kaiserl. 

russ.   Staatsrath   u.    Universitatsprof.  i.  R. 

(S.  36-38.) 

♦Guglia,  E.:    Karl  Brunnemann.    (S.  44 

-450 
♦Emil  Brunnenmeister.    (S.  361  —  364.) 
Kriegs-Erlebnisse  aus  den  Feldztigen    1864, 

1866,  1870/71    von  J.  Bubbe,  ehemaliger 

Vierundzwanziger.    Neuruppin:  Markische 

Zeitung;   8.    2  Bl.,  222  S.,   1  Bl. 
•Dr.  Hermann  von  Buchka,    Grossherzogl. 

Mecklenburg.    Wirkl.  Geheimer  Rath.    (S. 

214.) 
Christian    Friedr.    Buchrucker.      [Aus    der 

Erweckungszeit    der   bayerischen  Landes- 

kirche.  V.]  (Allg.  Evangel.-Luth.  Kirchen- 

zeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  100  —  105.) 
Ell  is  sen,     H.:    Alexander    Biichner.      Zu 

s  ein  em  70.  Geburtstage.    (Das  Magazin  f. 

Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  1263  — 1266.) 
Furchtlos   und   treu.     Aus    dem  Leben    des 

verstorbenen  Generalsuperint.  Dr.  Buchsel. 

(Schulblatt   f.  d.   Prov.  Brandenburg.    62. 

Jahrg.  8.  S.  408—410.) 
Buchsel,  C.,  Gen.-Superint :    Erinnerungen 

aus   d.  Leben   e.  Landgeistlichen.    1.  Bd. 

8.  Aufl.  3.  Bd.  4.  Aufl.  Berlin:  Wiegandt 

&  Grieben.  8.  VIII,  312  S.;  327  S. 
Buchsel:  Erinnerungen  aus  meinem  Berliner 

Amtsleben.    Bd.  4  der  'Erinnerungen  aus 


dem  Leben   e.  Landgeistlichen'.     4.  Aufl. 

Berlin:  Wiegandt  &  Grieben.  8.  IV,  176S. 

m.  Bildn. 
Marsop,    Paul:    Hans  v.  Billow    und  die 

Musikkritik.  I.  II.  (Sonntagsbeil.  No.  1.  2. 

z.  Voss.  Zeitung.) 
Thiele,     Georg:     Hans     von   Billow    als 

Schriftsteller.  (Die  Gegenwart.   Bd.  51.  4. 

S.  232-234,  249-251.) 
*Krauss,  Rudolf:    Johann  Martin  Biirkle. 

(S.  92-930 

♦Burkner,  K.:    Hugo  Burkner.   (S.  22*— 

42#0 
Pauli,    Gustav:    Der    letztc   Klassiker  des 
deutschen  Holzschnittes  (Hugo  Burkner.) 
(Die  Kunst-Halle.   II.  Jahrg.  4.  S.  177— 

1790 

Graepp,  L.  W.:  Johannes  Bugenhagen. 
E.  Lebensbild  aus  d.  Reform  at  ionszeit, 
nach  hist.  Quellen  zusammengest.  u.  neu 
bearb.  Glitersloh :  C.  Bertelsmann.  8.  4  Bl., 
118  S. 

♦Dr.  F.  A.  Buhl,  Gutsbesitzer  in  Deides- 
heim,  friiher  Mitglied  des  deutschen  Reichs- 
tags.    (S.  220.) 

•Marquardsen:    Franz  Arm  and  Buhl.   (S. 

49#-$3*0 
Diederichs,    H.:     Friedrich    Georg    von 

Bunge.   Gedachtnissrede.    (Baltische   Mo- 

natsschrift  39.  Jahrg.  XLIV.  Bd.  8.  S.  357 

-386.) 
Schrattenholz,    Josef:    August  Bungert. 

Ein  Sendschreiben  an  ihn.  (Die  Gegenwart. 

51.  Bd.  4.  S.  166—169.) 
Bunkofer,   Wilh.,   Gymn.-Prof.:    Mein  Aus- 

trittausd.  rdmischenKirche,  denk.  Christen 

gewidmet  Wertheim:  (E.  Buchheim  Nachf.) 

8.  38  S. 
*Meyer,    Alexander:    Georg  von  Bunsen, 

deutscher  Politiker.  (S.  34—36.) 
•Eitner,  Rob.:  Karl  Burchard.  (S.  114.) 
Forst-Direktor  Dr.  Heinrich  Christian  Burck- 

hardt.  (Deutche  Forst-Zeitung.  XII.  Bd.  8. 

S.  97  —  100  m.  Bildn.) 
Zur  Erinnerung   an   Herrn  Prof.   Dr.  Jakob 

Burckhardt  Basel:  C.  F.  Lendorff.  8.  22. S. 
Prof.  Jakob   Burckhardt,    Kunstgeschichts- 

forscher,  f.  (Centralblatt  d.  Bauverwaltung. 

17.  Jahrg.  4.  S.  364.) 
Jakob  Burckhardt.     (Die   Grenzboten.    56. 

Jahrg.  III.  8.  S.  385-390.) 
Professor  Dr.   Jacob  Burckhardt  in  Basel. 

(Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4.  S.415.) 
Go  the  in,    Eberhard:    Jakob    Burckhardt. 

(Preuss    JahrbUcher.  90.  Bd.  8.  S.  1—33.) 
Mahly,  Jacob:     Jacob  Burckhardt.     (Das 

Magazin   f.  Litteratur.    66.  Jahrg.    4.  Sp. 

1039-1045) 
W6lfflin,    Heinrich:    Jacob    Burckhardt. 

(Repertorium  f,  Kunstwissensch.  20.  Bd.  8. 

s.  341-346.) 


Biographische  Bibliographic. 


Joss,  G.:  [Amtsrichter  Joseph  Burkhalter.] 
(Briefe  von  Jeremias  Gotthelf  [A.  Bitzius] 
an  Amtsrichter  Burkhalter.    Zu  s.  loojahr. 
Geburtstag  4.  Okt.   1897  hrsg.  v.  G.  Joss, 
Pfarrer.  M.  e.  Bildn.  des  J.  Gotthelf.  Bern: 
IC  J.  Wyss.  8.  S.  3-29.) 
•Karl  Busse,    Geh.  Ober-Regierungsrath  u. 
frtlherer  Direktor  der  Reichsdruckerei   in 
Berlin.  (S.  215.) 
Koldewey,    Friedrich:     Joachim   Heinrich 
Campe.     (Westermanns  Illustr.  Deutsche 
Monatshefte.  81. Bd.  8.  S.  129  — 149  m.  Bildn. 
u.  Abb.) 
Ben  rath:      Petrus     Canisius,     der     erste 
deutsche  Jesuit.  (Deutsch-evangel.  Blatter. 
22.  Jahrg.  8.  S.  789-801.) 
Everst  Geo:  Der  sel.  P.  Petrus  Canisius, 
S.  J.,  Apostel  u.  Patron  der  katholischen 
Schulen  Deutschlands.  Osnabrttck:  B.  Weh- 
berg.  8.  64  S. 
Kntfppel,    AL:   Der  sel.  Petrus  Canisius, 
zweiter    Apostel     Deutschlands.      Mainz: 
F.  Kirchheim.  8.  X,  236  S.  [Lebensbilder 
kathol.  Erzieher.  VIL] 
Leutc,  Josef:  Die  verdienstvolle  Thatigkeit 
des    seligen    Petrus    Canisius    auf    dem 
Gebiet    des  Unterrichts-  und  Erziehungs- 
wesens.  (Hist.-pol.  Blatter f.  d.  kath.  Deutscb- 
land.     119.  Bd.  8.  S.  483— 495.) 
Mehler,    J.  B.:   Der  sel.  Petrus  Canisius, 
e.  Apostel  Deutschlands.    Nach  d.  besten 
Quellen  bearb.  Berlin:  Germania.  8.  120  S. 
[Kathol.    Flugschriften  z.   Wehr   u.  Lehr. 
No.   117.] 
Michel,    L.:    Vie    du    Bienheureux    Pierre 
Canisius,    Ap6tre  de    l'Allemagne  et  de 
Fribourg.    D'apres  le  P.  J.  Boero   et   des 
docum.   ined.     111.   de  nombr.  grav.  Soc. 
de  St.  Augustin,  Desclee,  de  Brouwer  &  C 
8.  494  S.  m.  Bildn.  u.  Abb. 
Pfulf,  Otto:  Der  sel.  P.  Petrus  Canisius  in 
s.  tugendreichen  Leben  dargest.  Einsiedeln : 
Benziger  &  C.  8.   126  S.  m.   15  Abb. 
Raffler,  Conr.:  Der  sel.  Petrus  Canisius, 
S.  J.,  Apostel  Deutschlands  u.  ehemaliger 
Domprediger    in    Augsburg.     Eine    kurze 
Lebensgesch.     m.     bes.    Berticks.     seines 
Wirkens     in    Augsburg.     2.    verb.    Aufl. 
Augsburg:   Kranzfelder.  8.  71   S. 
Boit,  W.:  Karl  Hildebrand  Frhr  v.  Canstein, 
der     Bibelfreund.       Berlin:     Ostdeutscher 
JUnglingsbund.     8.    16  S.  m.  Abb.    [FUr 
Feste  u.  Freunde  d.  Inn.  Mission.  H.  7.] 
Rosinski,  Adf:   Caprivi  &  Bismarck. 
v.    Lindheim,     Alfred:     Erzherzog     Carl 
Ludwig    1833— 1896.      Ein    Lebensbild. 
Wien:  K.K.  Hof-  u.  Staatsdr.  8.  VIII,  384  S. 
m.  Bildn.,  Abb.  u.  Taf. 
•Weltner,  A.  J.:    Karl  Ritter  von  Carro, 
Schriftsteller  u.  Recitator.    (S.  337  —  338.) 
G  e  i  g  e  r ,  Theodor :  Conrad  Celtis  in  seinen 


Beziehungen  zur  Geographic  Progr.  d. 
Luitpold-  Kreis-Realsch.  in  Mtinchen.  4. 
42  S. 

Kohlschtitter,  V.:  Ernst  Florens  Fried- 
rich  Chladni.  Hamburg:  Verlagsanst.  u. 
Dr.  A.-G.  8.  45  S.  [Sammlung  gemein- 
verst.  wissensch.  Vortrage.  N.  F.  Ser.  XI. 
(H.  261.)] 

Kaemmerer,  Ludwig:  Chodowiecki.  Mit 
Abb.  Bielefeld  u.  Leipzig :  Velhagen  &  Kla- 
sing.  8.  2  Bl.,  131  S.  [Kunstler-Monogra- 
phien.  21.] 

•Friedjung,  Heinrich:  Bohuslav  Graf 
Chotek,  ftsterreich.  Diplomat  u.  Herren- 
hausmitgl.  (S.  131  — 132.) 

•  Kr a u  s  s  f    Rudolf:    Theodor    Christaller. 

(S.  99.) 

Girschner,    Wilhelm:     Der   Wandsbecker 

Bote  (Matthias  Claudius).  (Monatsblatter 

f.  deutsche  Litteraturgesch.    I.  Jahrg.    8. 

S.   109  —  122.) 
Lapke:     Matthias    Claudius,     ein    Volks- 

scbriftsteller,  in  seiner  Bedeutung  ftir  die 

Schule.     (Schulblatt  f.  d.  Prov.  Branden- 
burg.  62.  Jahrg.  8.  S.  42—  58) 
Koch,    Gunther:     Clauren's    Einfluss    auf 

Hauff.  (Euphorion.  4.  Bd.  8.  S.  804—812.) 
♦Zimmermann,     P.:     Heinrich     Wilhelm 

August  Clausz,  (S.  401—  402.) 
Kappen,   Herm.   Jos.:    Clemens  August, 

Erzbischof   von    Koln.      Ein   Lebensbild. 

Mttnster    i.    W. :     AschendorfTsche    Buch- 

handlung.  8.  VIII,  240  S.,   1   Bildn. 
Professor    (Karl    Sebastian)     Cornelius    f. 

(Evangel.   Schulblatt.  41.  Bd.  8.  S.  261  — 

263.) 
Bussler,     W.:     General- Feldmarschall    v. 

Courbiere.     Kurzgefasstes  Lebensbild  m. 

Anschluss  d.  Gesch.  des  nach  ihm  genannten 

2.  Posenschen  Inf. -Reg.    Nr.   19.    Gotha: 

G.  Schloessmann.  8.  25  S.  m.  Bildn. 
Baldensperger,  VV. :    Karl   August  Credner. 

Sein  Leben  und  seine  Theologie.  Leipzig: 

Veit  &  C  99  S.,   1   Bildn. 
Jiilicher:      Ein   MSrtyrer    der    Studirstube 

(Karl  August  Credner.)  (Die  christl.  Welt 

11.  Jahrg.  4.  Sp.  968  —  971.) 
Wyzewa,    Teodor  de:    Frederic  Creutzer 

s.  de  Giinderode. 
•Krauss,Rudolf:EmstCurfess.(S.94~95.) 
Ernst  Curtius    (f  11.  Juli   1896).    (Monats- 

schrift  f.  Deutsche  Beamte.   21.  Jahrg.  8. 

S.  352.) 
Broicher,  Charlotte:  Erinnerungen  an  Ernst 

Curtius.  [Aus:  Preuss.  Jahrbticher.]  Berlin: 

G.  Stilke.  8.  II,  50  S. 
Christ,  VV.  v.:  Ernst  Curtius.  (Nekrolog.) 

(Sitzungsberichte   der  philos.-philol.  u.  d. 

histor.     Classe    der    k.    b.    Akademie    d. 

Wiss.   zu   Mtinchen.    Jahrg.   1897.    Bd.   1. 

Mttnchen:  Akademie.  8.  S,  299—303.) 


8* 


Biographische  Bibliographic 


Curtius,    Carl:    Zur  Erinnerung   an  Ernst 

Curtius.    Ein  Vortrag.     LUbeck:    Dr.  v. 

H.  G.  Rahtgens.  8.  i  Bl.,  29  S. 
Fritze,  H.  v.:  Ernst  Curtius.  (Westermanns 

Illustr.  Deutsche  Monatshefte.    81.  Bd.   8. 

S.  449—464  m.  Bildn.) 
Ktfhler,  Ulrich:  Gedachtnissrede  auf  Ernst 

Curtius.  Aus  den  Abhandlungen  d.  k&nigl. 

Preuss.  Akad.  d.  Wiss.  zu  Berlin.  Berlin: 

Kgl.  Ak.  d.  Wiss. ;  in  Comm.  b.  G.  Reimer. 

4.  14  S. 

•Michael is,  Adolf :   Ernst  Curtius.  (S.  56 

—88.) 
Plath,  Konrad:  Ernst  Curtius  und  die  Er- 

forschung  des  Deutschen Altertums.  Berlin: 

W.  Hertz.  8.  33  S. 
•Posner:    O.  Curtmann.    (S.  411.) 
v.    Baer,     Karl    Ernst:      Lebensgeschichte 

Cuviers,    hrsg.  v.  Ludwig  Stieda.    [Aus: 

Archiv  f.   Anthropologic]    Braunschweig: 

F.  Vieweg  u.  Sohn.  8.   125  S. 
Z  ie  Is  do  rff,  Gottfried:  Cuvier  in  Deutsch- 

land.   (Die  Gegenwart.  51.  Bd.  4.  S.  134 

-136.) 
♦Weltner,   A.  J.:   Ignaz  Czernits,  Schau- 

spieler  u.  Theater-Director.   (S.  338 — 339.) 
M tiller,   Otto:    Heinrich  Damerow.    Geb. 

28.  Dez.   1798.  Gest.  22.  Sept.  1866.    Ein 

Lebensbild.  (Festschrift  anlasslich  des  50 

jahrig.   Bestehens    d.   Provinzial-Irren-An- 

stalt   zu  Nietleben  bei  Halle  a.  S.  v.  frti- 

heren     u.    jetzigen    Aerzten     d.    Anstalt. 

Leipzig:    F.  C.  W.  Vogel.  8.   S.  1— 6  m. 

Bildn.) 
Meyer,    Johannes:    M.  Otto  Chr.  Damius 

und  sein  Catechismus  Manuscriptus.  (Zeit- 

schr.  d.  Ges.  f.  niedersachs.  Kirchengesch. 

2.  Jahrg.  8.  S.   193—263.) 
Kirchenrath  Dr.  theol.  Ludwig  Danneel  f- 

(Allg.  Evangel. -LutherischeKirchenzeitung, 

30.  Jahrg.  4.  Sp.  513—5150 
Kloss,  Erich:  George  Davidsohn  f.  (Mu- 

sikalisches    Wochenblatt     28.    Jahrg.     4. 

5.  99.) 

Rosenberg,  Adolf:    Defregger.    M.  Abb. 

Bielefeld  u.  Leipzig:  Velhagen  &  Klasing. 

8.  2  Bl.,    106  S.,   1  Titelbildn.   [Ktinstler. 

Monographien.   18.] 
Schafer,    Wilh.:     Richard    Dehmel.      (R. 

Dehmel:  20  Gedichte,  m.  e.  Geleitbrief  v. 

W.  Schafer  u.  d.  Bilde  des  Dichters.  Berlin : 

Schuster  &  Loeffler.  8.) 
Kagerer:    Georg  Dengler,   geistlicher  Rat 

u.  Domvikar.  (Nekrolog.)  (Verhandlungen 

d.  histor.  Ver.   der  Oberpfalz   u.  Regens- 

burg.  49.  Bd.  8.  S.  288—295.) 
*Kagerer:  Georg  Dengler,  geistlicher  Rat 

u.  Domvikar.  (S.  399 — 401.) 
Gustav  Denhardt.     (Deutsche  Rundschau  f. 

Geographic  u.  Statistik.     19.  Jahrg.  8.  S. 

132—134  m.  Bildn.) 


Unger,  W.  v.:   Feldmarschall  Derfflinger. 

M.   1  Bildn.  u.  Skizzen.    [Aus:    Beiheft  z. 

Militar-Wochenbl.]  Berlin:  E.  S.  Mittler  & 

Sohn.  8.   137  S. 
•Hi Hern,  Wilhelmine  v. :  Johannes  Diemer. 

(S.  242—243.) 
Finke,  Heinrich:    Zur  Erinnerung  an  Kar- 

dinal  Melchior  von  Diepenbrock.     1798 

—  1898.     Nach    ungedr.    Briefen   u.  s.  w. 

(Zeitschr.    f.    vaterland.    Gesch.    u.   Alter- 

thumskunde.    Hrsg.   v.   Ver.    f.  Gesch.  u. 

Alterthumskunde  Westfalens.     55.  Bd.    8. 

S.  218—258.) 
Kuhlmann:  Heinrich  Adolf  Diestelkamp. 

(Zeugen  und    Zeugnisse    aus    d.    christl.- 

kirchl.  Leben  von  Minden-Ravensberg  im 

18.  u.   19.  Jahrh.  2.  Heft.  Gadderbaum  b. 

Bielefeld:  Anst.  Bethel.  8.  S.   17—36.) 
•Weltner,    A.    J.:    Ludmilla    Dietz,    geb. 

Baumgartner,  Schauspielerin.  (S.  339—340.) 
♦BrUmmer,  Franz:  Friedrich  Dittes,  einer 

d.  bedeutendsten  Padagogen  der  Neuzeit. 

(S.  243-245.) 
Drewke.H.:  (Friedrich)  Dittes.   Eine  Ge- 

dachtnisrede.     Bielefeld:     A.  Helmich.   8. 

16  S.  [Sammlung  pSdagogischer  Vortragc 

IX.  Bd.  H.  11.] 
Frisch,  Franz:  Dr.  Friedrich  Dittes.  (Bio- 

graphien  5sterr.  Schulmanner.  Hrsg.  v.  F. 

Frisch.  8.  S.  204—225.) 
Witt  ram,   Th.:    Johann  Heinrich  Wilhelm 

D511en.     (Nekrolog.)      (Vierteljahrsschrift 

d.  Astronom.  Ges.    32.  Jahrg.    8.    S.  146 

— 154  m.  Bildn.) 
Sybel,  Heinrich  v.:  Ddllinger  s.  v.  Giese- 

b  r  e  c  h  t. 
Witte,    Leopold:    Ignaz    von    Ddllinger. 

(L.  Witte:  Aus  Kirche  u.  Kunst.   Leipzig: 

C.  Braun.  8.  S.  411—453.) 
Nachlese  zur  D5rpfeld-Biographic  (Evangel. 

Schulblatt.     41.  Bd.    8.    S.  3—6,  53-57. 

185-188.) 
Carnap,   Aiina,    geb.  DOrpfeld:    Friedrich 

Wilhelm  Ddrpfeld.     Aus   seinem    Leben 

und  Wirken.  Von  seiner  Tochter.  Guters- 

loh:  C  Bertelsmann.   8.  VIII,  664  S.  mit 

Bildn. 
Schmidt,    Hans  G.:    Fabian  von  Dohna. 

Halle:    M.  Niemeyer.     8.    1   Bl.,    225  S., 

1  Bildn.  (Hallesche  Abhandlungen  z.  neu- 

eren  Gesch.  H.  34.) 
Schmidt,  Hans  Georg :  Fabian  von  Dohna. 

(Der  Bar.    23.  Jahrg.    4.   S.  399-402  mit 

Abb.) 
Tetzner,  F. :  Christian  Donalitius  und  die 

Tolminkemische  Schulc  (Padagog.  Blatter 

f.  Lchrerbildung  u.  Lehrerbildungsanstalten. 

26.  Bd.  8.  S.  434-443-) 
Vetter,  Ferdinand:  Dranmor  s.  Schmid, 

Ferdinand. 
Senatsprasident    am     Reichsgericht,     Wirkl. 


Biographische  Bibliographic 


Geh.  Rat,  Exc.  Dr.  Drechsler  f .    (Deut- 
sche Juristen-Zeitung.  II.  Jabrg.  4.  S.  338 

-339.) 

Kreiten,  Wilhelra:  Lebrecht  Dreves.  Ein 
Lebensbild.  Als  Beitrag  z.  Literatur-  u. 
Kirchengesch.  nach  d.  handschriftl.  Nach- 
lass  u.  d.  gedruckten  Quellen  entworfcn. 
Mit  Dreves1  Bildn.  Freiburg  i.  B. :  Herder. 
8.  VI  S.,  1  Bl.,  431  S.,  1  Bildn. 

Fick,  W.:  Moritz  Wilbelm  Drobisch  f. 
(EvangeL  Schulblatt.  41.  Bd.  8.  S.  221 
-224.) 

Heinze,  Max:  Moritz  Wilhelm  Drobisch. 
Gedachtnissrede  geh.  in  der  konigl.  sachs. 
Ges.  d.  Wiss.  Leipzig:  S.  Hirzel.  8.  25  S. 

•Hermann,  Conrad. :  Moritz  Wilhelm  Dro- 
bisch. (S.  133— 135.) 

Kupsch,  Th. :  Zur  Erinnemng  an  Annette 
von  Droste-Hulshoff.  (Monatsblatter  f. 
deutsche  Litteraturgescb.  I.  Jabrg.  8.  S. 
164—176.) 

Meyer,  Richard  M.:  Annette  von  Droste- 
HUlshofi:  (R.  M.  Meyer:  Deutsche  Cha- 
raktere.  Berlin:  E.  Hofmann  &  C.  8.  S. 
138—162.) 

Opitz,  Richard:  Annette  Elisabeth  von 
Droste-Hulshoff.  (Blatter  f.  literar.  Unter- 
baltung.  Jahrg.   1897  L  4.  S.   17  —  20.) 

Poppenberg,  Felix:  Annette  v.  Droste- 
Hiilshoff  (geb.  10.  Januar  1797).  I.  II. 
(Sonntagsbeil.  No.  2.  3.  z.  Voss.  Zeitung.) 

Rick,  P.  J.;  Annette  von  Droste-Hulshoff. 
(Der  Schulfreund.  53.  Jahrg.  8.  S.  1 — 25.) 

Riebemann:  Annette  von  Droste-Httlshoff. 
Zum  ioojahr.  Geburtstage  der  Dichterin. 
(Akadem.  Monatsblatter.  IX.  Jahrg.  4.  S. 
81-88.) 

Treu,  Therese:  Annette  von  Droste-Huls- 
hoff. Ein  Dicbterbild.  I— III.  (Monats- 
scbrift  fttr  kathol.  Lebrerinnen.  10.  Jabrg. 
8.  S.  36—38,  89—92,  170— 175»  224—227, 
289—293,  m.  Bildn.) 

Wormstall,  Jos.:  Annette  v.  Droste-Huls- 
hoff im  Kreise  ihrer  Verwandten  u.  Freunde. 
MUnster:  Regensberg.  8.  28  S.  mit  30 
Abb. 

Zottmann,  A.:  Deutschlands  grttsste  Dich- 
terin [d.  i.  Annette  Frciin  von  Droste- 
Hulshoff].  Ein  Jubilaums  -  Gedenkblatt. 
(Frankfurter  zeitgemasse  Broschilren.  N.  F. 
18.  Bd.    8.  S.  51-64;  H.  2,  S.   19-32.) 

Emil  du  Bois-Reymond  f.  (Der  Bar.  23. 
Jabrg.  4.  S.  65—67  m.  Bildn.) 

Emil  du  Bois-Reymond  f.  (Naturwissen- 
schaftl.  Wochenschrift  12  Bd.  4.  S.  21 
— 22  m.  Bildn.) 

B  6 1  s  c  b  e ,  Wilbelm :  Du-Bois-Rey mond.  (Das 
Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jabrg.  4.  Sp.  36 

—44-) 
Bum,     Anton:   *EmiI    Du   Bois-Reymond, 
7.  November    1818—26.  December  1896. 


(Wiener  Medizin.  Presse.  38.  Jabrg.  4. 
Sp.  25  —  26.) 

Epstein,  S.  S.:  Du  Bois-Reymond  und 
die  Encyclopaedisten.  (Die  Gesellschaft 
Jahrg.   1897,  II.  8.   S.  98—104.) 

Epstein,  S.  S.:  Emil  du  Bois-Reymond. 
(1818— 1896.)  (Westermanns  Illustrierte 
Deutsche  Monatshefte.  82.  Bd.  8.  S.  303 
— 319  m.  Bildn.) 

Jensen,  Paul:  Emil  Du  Bois-Reymond. 
Ein  Nacbruf.  (Die  Natur.  46.  Bd.  4.  S.  53 
—  56  m.  Bildn.) 

♦Rosenthal,  J.:  Emile  Heinrich  du  Bois- 
Reymond.    (S.  125— 131). 

Scbultz,  P.:  Emil  du  Bois-Reymond, 
geb.  am  7.  November  181 8  zu  Berlin, 
gest.  am  26.  December  1896  daselbst 
(Deutsche  Rundschau.    90.  Bd.   8.   S.  296 

—301.) 
Chronik    der    Familie    Diirer.      M.    Diirers 

Selbstbildn.    v.    J.     1493.      (Ausgewahlte 

Selbstbiographien  aus  d.  15.  bis  18.  Jahrh. 

Hrsg.  v.  Christian  Meyer.    Leipzig:    J.  J. 

Weber.  8.  S.  21—40.) 
Conway,  W.Martin:  Diirer's  visit  to  The 

Netherlands.   (The  fortnightly  review.  62. 

Vol.  8.  S.  358-367.) 
Kalkoff,   Paul:    Zur  Lebensgeschicbte  Al- 

brecbt    Diirers.     (Repertorium    f.  Kunst- 

wissenschaft  20  Bd.  8.  S.  443—463.) 
Allerlei  Bilder   aus   meinem  Leben   auf  lose 

Blatter     gezeichnet     von    W.    Duisberg. 

Basel:  Missionsbucbhandl.  8.  207  S. 
Hottinger,  R.:  Henri  Dunant.  Ein  Abriss 

seines  Lebens  und  Wirkens.     Entstanden 

aus  einem  unter  den  Auspizien  des  Zilrcber 

Friedensvereins     in    Zurich    geb.    ttffcntl. 

Vortrag.  Zurich:  F.  Schultbess.  8.  38  S. 
•Brttmmer,  Franz:  Adolf  Ebeling.  (S.  194 

-I95-) 
Buchwald,    Georg:     D.    Paul    Eber,    der 

Freund,  Mitarbeiter    und  Nacbfolger    der 

Reformatoren.    Ein  Bild  seines  Lebens  u. 

Wirkens.  Leipzig:  B.  Richter.  8.  VI,   187 

S.  m.  Bildn.  u.  Abb. 
Ebers,  Geo.:  Die  Gescbichte  meines  Lebens. 

Vom    Kind    bis    zum    Manne.     Stuttgart: 

Deutsche  Verlagsanst  8.  VIII,  522  S.  [G. 

Ebers:  Gesammelte  Werke.  Bd.  25.] 
Gottschall,  Rud.  v.:  Georg  Ebers.  (Litte- 

raturbilder  fin  de  siecle.  2.  Bdchn.  8.) 
Wehrmann,  M.:  Graf  Ludwig  von  Eber- 

stein    als    Postulat    von    Camin    (1469 — 

1480).  (Monatsblatter.  Hrsg.  v.  d.  Ges.  f. 

Pommerscbe    Gesch.   u.  Altertbumskunde. 

11.  Jahrg.  8.  S.  33-37,  49-54-) 
Bienenstein,    Karl:    Marie    von   Ebner- 

Eschenbach.  (Nord  u.  Sud.  81.  Bd.  8.  S. 

72  —  80  m.  Bildn.) 
Freidboff,  Rud.:    Trauerrede  auf  d.  Hin- 

scheiden  d.  bochw.  Hrn.  Dekans  Friedrich 


IO* 


Biographische  Bibliographic 


Wilhelm  Eckert,  Pfarrer  in  Konigs- 
heim.  Tauberbischofsheim:  F.  X.  Bott. 
8.    n   S. 

Fliedner,  Georg:  Diakonissin  Barbara 
Eckhardt.  Kaiserswerth :  Diakonissen-An- 
stalt.  8.   15  S. 

♦Holland,  H.:  Sigmund  Eggert,  Genre- 
maler.  (S.  49—50.) 

♦Wolkenhauer,  VV.:  Dr.  Johann  Jakob 
Egli,  schweizer.  Geograph.  (S.  367— 368.) 

Lehmann,  Rudolf:  Friedrich  Ehrhart. 
(Festschrift  z.  Feier  des  ioojahr.  Be- 
stehens  der  Naturhist.  Ges.  z.  Hannover. 
Goschichte  u.  44. — 47.  Jahresbericht.  Han- 
nover: Hahn  i.  K.  8.  S.  98  —  113.) 

•Pag el:  Karl  Eisenlohr,  Arzt.  (S.  151.) 

Schultze,  Fr.:  Dr.  Karl  Eisenlohr  f*  Ne- 
krolog.  (Deutsche  Zeitschr.  f.  Nervenheil- 
kunde.  9.  Bd.  S.  466—471.) 

K  op  pen,  Luise:  Erinnerungsblatter  an  Eli- 
sabeth, FUrstin  zur  Lippe,  geb.  Prinzessin 
zu  Schwarzburg  -  Rudolstadt.  Dermoid : 
Hinrichs.    8.  VI  S.,   1  Bl.,  104  S.,  1  Bildn. 

Nasemann:  Elisabeth  Charlotte  von  der 
Pfalz.  (Deutsch-evangel.  Blatter.  22.  Jahrg. 
8.  S.   198—210.) 

Wissowa,  Felix:  Elisabeth  Christine  von 
Preussen  (f  13.  Januar  1797).  (Sonntags- 
beil.  Nr.  3  z.  Voss.  Zeitung.) 

•Guglia,  E.:  Christian  d'Elvert.  (S.  45— 

470 
Stahl,    Fritz:    Erdmann    Encke.    (Wester- 

manns  Ulustr.  Deutsche  Monatshefte.  8 1 .  Bd. 

8.    S.  762—780  m.  Bildn.  u.  Abb.) 
Brinzinger:    Der    Maler    Johann    Baptist 

Enderle  von  Donauworth  (geb.  1724  gest. 

1798)   und   seine  Fresken  im  Augustincr- 

kloster    zu    Oberndorf    a.    N.     (Archiv  f. 

christl.  Kunst.   15.  Jahrg.  8.  S.  81  —  83.) 
Dr.    Ernst    Engel.     (Nekrolog.)     (Deutsche 

Rundschau  f.  Geographie  u.  Statistik.   19. 

Jahrg.  8.  S.  280-282  m.  Bildn.) 
•Blenck,  E.:  Ernst  Engel.  (S.  221—230.) 
Schroder,  Karl:  Johann  Jakob  Engel.  Ein 

Vortrag.  Schwerin:  Barensprung.  8.  67  S. 

m.   1   Bild. 
#Poten,  B.:  Heinrich  Peter  Franz  Wilhelm 

Engelhard,  Kgl.  Preuss.  Wirkl.Geh.  Kriegs- 

rath.  (S.  no  — 112.) 
Rust,  Agnes:  Josef  Engelhard.  (Die  Kunst- 

Halle.  II.  Jahrg.  4.  S.  341—342.) 
Ernst    der    Bekenner    und    die    EinfUhrung 

der  Reformation  im  Liineburgischen.    Als 

Festschrift   zur  400.  Wiederkehr   des  Ge- 

burtstages  dieses  gottbegnadeten  Forderers 

der    Reformation    vom    Cellcr   Lehrcrver. 

Celle:  ( Hannover u.Celle:  Schulbuchhandl.) 

8.  38  S. 
Uhlhorn,G.:  Herzog  Ernst  der  Bekenner. 

Vortrag  zur  Feier  seines  400  jahr.  Geburts- 

tages,  am  27.  Juni  1897  in  Cellc  gehalten. 


(Zeitschrift  d.  Histor.  Vereins  f.  Nieder- 
sachsen.  Jahrg.  1897.  8.  S.  22 — 36.) 

Zur  Geschichte  Herzog  Ernsts  des  Frommen. 
1 .  Hercog  Ernst  der  Fromme,  ein  Lebens- 
bild.  Von  A.  Zeyss.  2.  Ernsts  des 
Frommen  Baumeister.  Von  M.  Berbig. 
3.  Ein  forstwirthschaftlicherVersuch  Ernsts 
des  Frommen.  Von  H.  Hess.  Vortrage, 
geh.  in  d.  «Vereinigung  f.  Gothaische  Ge- 
schichte u.  Alterthumsforschung'  zu  Gotha 
am  2.  Nov.  1897.  Erstes  Erganzungsheft 
zu  den  Blattern  d.  Vereinigung  f.  Goth. 
Gesch.  u.  Altertumsforschung  'Aus  d.  Hei- 
mat\  Gotha:  Th.  H.  Wechsung  Nachf. 
8.  32  S. 

Wertheim,  Karl:  Wolfram  v.  Eschenbach 
s.  Wolfram. 

Die  beiden  Esper  (Friedrich  Lorenz  Esper 
u.  Johann  Friedrich  Esper).  [Aus  der 
Erweckungszeit  der  bayerischen  Landes- 
kirche.  III.]  (Allg.  Evangel.-Lutherische 
Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  52 — 57.) 

Nasemann:  Prinz Eugen.  (Deutsch-evangel. 
Blatter.  22.  Jahrg.  8.  S.  329—341.) 

•Briimmer,  Franz:  Johann  Ludolf  August 
von  Eye.  (S.  254—255.) 

Eyferth,  Bruno,  s.  Horn,  Wilhelm. 

*W under:    Freiherr    Lothar    von    Faber. 

(S.  423-428.) 

Flaischlen:  Johannes  Falk,  der  Kinder- 
freund.  Berlin:  Ostdeutscher  Jtinglings- 
bund.  8.  16  S.  m.  Abb.  [Fttr  Feste  u. 
Freunde  d.  Inn.  Mission.  H.  6.] 

Rademacher,C:  Staatsminister  DDr.  Falk 
und  die  Volksschullehrer.  Zum  goldenen 
Amtsjubilaum  des  Oberlandesgerichts- 
prSsidenten  Staatsministers  DDr.  Paul 
Ludwig  Adalbert  Falk  am  30.  Marz  1897. 
Bielefeld:  A.  Helmich.  8.  17— 32  S.  [Pa- 
dagog.  Abhandlungen.  N.  F.  I.  Bd.  Heft  2.] 

Wolgast,  Heinrich:  Gustav  Falke.  (Nord 
u.  SUd.  82.  Bd.  8.  S.   174— 195.  M.Bildn.) 

Falke,  Jac.  v.:  Lebenserinnerungen.  Leipzig: 
G.  H.  Meyer.  8.  VII,  366  S.  m.  Bildn. 

Hofrath  Jacob  Ritter  von  Falke  f.  (Deut- 
sche Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4.  S.315— 316.) 

Jacobowski,  Ludwig:  Jacob  von  Falke. 
(Blatter  fiir  literar.  Unterhaltung.  Jahrg. 
1897.    I.    4.    S.  209  —  211.) 

Philip  pi,  Adolf:  AusdenDenkwlirdigkeiten 
zweier  Kunstforscher.  (Sir  Joseph  Crowe 
u.  Jakob  von  Falke).  (Die  Grenzboten. 
56.  Jahrg.    II.   8.  S.  283-290,  324— 33'0 

Gustav  Theodor  Fechner  als  Humorist. 
(Die  Gegenwart.    51.  Bd.  4.  S.  312— 315.) 

Bolsche,  Wilhelm:  (Gustav  Theodor)  Fech- 
ner. Ein  Charakterbild.  (Deutsche  Rund- 
schau. 92.  Bd.  8.  S.  344—369.) 

•Posner:  Hugo  Feck,  Professor  an  der 
techn.    Hochschule   zu  Dresden.  (S.  411.) 

Jahne,   Heinrich:    Johann  Ignaz    Melchior 


Biographische  Bibliographic 


II' 


von    Felbiger.     (Biographicn    bsterreich. 

Schulmanner.     Hrsg.   v.  Franz  Frisch.    8. 

S.  1-29.) 
Rust,    Agnes:    Fenner.    (Die  Kunst- Halle. 

II.  Jahrg.    4.    S.  324-325.) 
Oberstabsarzt  I.  Klasse  Dr.  Joseph  Ferber. 

Nekrolog.  (Kollektaneen-Blatt  f.  d.  Gesch. 

Bayerns.    61.  Jahrg.    8.    S.   132  -  133.) 
Wastler,  Josef:  Erzherzog F e r d i n a n d  (von 

Steiermark),   spater  Kaiser  Ferdinand  II. 

(von  Oesterreich).  (J.  Wastler:  Das  Kunst- 

leben  am  Hofe   zu  Graz    unter    den  Her- 

zogen    von   Steiermark,    den  Erzherzogen 

Karl  und  Ferdinand.  Graz :  Selbstv. ;  Univ.- 

Buchdr.  »Styria«.    8.    S.   112  — 199.) 
Sartorius,  Ernst:  Ignatz  Aurelius  Fcssler, 

Kapuziner  und  Generalsuperintendent.  (Die 

christliche   Welt.     11.  Jahrg.    4.    Sp.   103 

—  108.) 
Drews,  Arthur:    Feuerbach   s.r,Wagner, 

Richard. 
Debof   F.:   J.  G.  Fichte'als  Prophet  einer 

nationalen  Erziehung.    Emmendingen:  A. 

DBlter.    8.    VII,  73  S. 
Alte    Erinnerungen    v.   P.    H.  F(indeisen). 

Altenburg:  O.Bonde.  8.  IV  S.,  1  Bl.,  167  S. 
•Puschmann,   Th.:    Carl  Maria  Finkeln- 

burg.  (S.  35o-35i-) 
♦Pot en,  B.:    Karl  Ernst  Wilhelm  Freiherr 

von  Fircks,  kgl.  Preuss.  Generalmaj.  z.  D. 

(S.   109— no). 
Hauffen,    Adolf:    Fischart-Studien.    III. 

(Euphorion.  4.  Bd.  8.  S.  I  — 1 6,  251— 261.) 
•Zimmermann,     P.:     Caroline     Fischer- 

Achten.    (S.  403 — 404.) 
Fischer,    Hermann:    Erinnerungen   an  Jo- 

hann  Georg  Fischer    von   seinem  Sohne. 

M.  e.  Portr.   in  Heliogravure.    Tubingen: 

H.  Laupp.    8.    IV,  72  S.,   1  Bildn. 
Jacobowski,  Ludwig:  J.  G.  Fischer.  (Das 

Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  1  —  6.) 
Knodt,     Karl     Ernst:     J(ohann)     G(eorg) 

Fischer    als    Lyriker.     (Monatsblatter    f. 

deutsche  Litteraturgesch.    I.  Jahrg.    8.    S. 

443—4630 
Steck,    Rudolf:     Johannes    Fischer    oder 

Pi  scat  or.  Lebensabriss.    (R.  Steck:   Die 

Piscatorbibel  u.  ihre  EinfUhrung  in  Bern 

i.  J.   1684.     Eine   Studie    z.  Vorgesch.  d. 

schweizerischen  Bibclttbersetzung.    Rekto- 

ratsrede.  Bern:  Wyss.  8.) 
•Zimmermann,   P.:  Karl  Christian  Julius 

Oskar  Fischer.    (S.  402—403.) 
Windelband,    Wilh.:    Kuno    Fischer  u. 

sein  Kant.    Festschrift  der  »Kantstudien« 

z.     50.     Doctorjubilaum    Kuno     Fischers. 

Hamburg:    L.  Voss.    8.    18  S. 
Neubaur,    Leonhard:    Tobias    Fleischer. 

(Euphorion.    4.  Bd.    8.   S.  262—272.) 
•Eitner,    Rob.:    Friedhold   Fleischhauer. 

(S.  1 13-114.) 


Theodor  Fliedner.  I.— V.  [Bilder  aus  der 
Erweckungsgeschichte  des  religios-kirch- 
lichen  Lebens  in  Deutschland  in  diesem 
Jahrhundert.  5.]  (Allg.  evangel.-lutherische 
Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  843  — 
850,  868-872,  892-895.) 

B en dixen,  Rudolf:  Theodor  Fliedner.  (R. 
Bendixen :  Bilder  aus  der  letzten  religidsen 
Erweckungin  Deutschland.  Leipzig:  DSrff- 
ling  &  Franke.    8.    S.  362—403.) 

Pet  ran,  Ernst:  Theodor  Fliedner,  der 
Diakonissenvater.  Berlin :  Ostdeutscher 
jUnglingsbund.  8.  16.  S.  mit  Abb.  [FUr 
Feste  u.  Freunde  d.  Inn.  Mission.    H.  2.] 

Dodgson,  Campbell:  Peter  F15tner  s. 
Schttn. 

Lange,  Konrad:  Peter  Flotner,  ein  Bahn- 
brecher  der  deutschcn  Renaissance.  Auf 
Grund  neuer  Entdeckungen  geschildert. 
Berlin:  G.  Grote.  2.  X  S.,  1  BL,  180  S., 
12  Taf. 

»Mein  Leipzig  lob*  ich  mir«.  Von  Theodor 
Fontane.  I.  (Sonntagsbeil.  No.  48  z.  Vos- 
sischen  Zeitung.) 

Wyzewa,  Teodor  de:  Un  romancier  na- 
turaliste  allemand.  Theodore  Fontane. 
(T.  de  Wyzewa:  £crivains  etrangers.  II. 
Serie.  Paris:  Perrin  &  C.  8.  S.  114— 135.) 

Boit:  August  Hermann  Francke.  Ein  Vater 
derWaisen.  Berlin:  Ostdeutscher  JUnglings- 
bund. 8.  i6S.m.Abb.  (Ftir  Feste  u.  Freunde 

d.  Inn.  Mission.    H.  4.] 

Hartmann,  R.  J.:  August  Hermann 
Francke.  Ein  Lebensbild.  Calw  &  Stutt- 
gart: Vereinsbuchh.  304  S.  [Calwer  Fa- 
milienbibliothek.    Bd.  41.] 

Hertzberg,  Gustav  Friedrich:  August  Her- 
mann Francke  und  sein  Hallisches  Waisen- 
haus.  Halle  a.  S.:  Waisenhaus.  8.  2  Bl., 
164  S.,  18  Taf.,   1  Bl. 

Palmie,  Friedrich:  Der  Pietismus  und  A. 
H.  Francke.  GUtersloh:  C.  Bertelsmann. 
8.  2BI.,  48  S.  [Handreichungz.Vertiefung 
christlicher  Erkenntniss.  H.  III.] 

♦Weltner,  A.  J. :  Dr.  Adolf  Frankel, 
Schriftsteller.  (S.  340—341.) 

•Alex  Franken,  Professor  der  Rechts- 
wissenschaft.   (S.  221.) 

Emmer,  Johs:  Kaiser  Franz  Joseph  I. 
Lfg.  1  — 16.  Wien:  C.  Daberkow.  4.  264  S. 
m.  Abb.  u.  26  Taf. 

Klopfer,  Karl  Ed.:  Unser  Kaiser.  Ein  Ge- 
denkbuch  der  sojahr.  Regierung,  zu^leich 

e.  Lebens-  u.  Charakterbild  Kaiser  Franz 
Josefs  I.  Wien:  F.  Schirmer.  (Lfg.  1  — 13.) 
4*  320  S.  m.  Abb. 

Forst,  H.:  Franz  Wilhelm,  Bischof  von 
OsnabrUck  s.  v.  Wartensleben. 

Geh.  Oberbaurath  a.  D.  Hermann  Franz  f. 
(Centralblatt  d.  Bauverwaltung.  17.  Jahrg. 
4.    S.  340.) 


12' 


Biographische  Bibliographic 


Prochazka,  Rudolf  Frhr.:  Strciflichter  ttber 

Robert  Franz   und   sein   Lied.     (Musikal. 

Wocbenblatt.  28.  Jahrg.  4.  S.  3—4.) 
Ignaz  Frauenhofer,   gest.  4.  5.  1897.    Ne- 

krolog.    (Kollektaneen-Blatt   f.    d.    Gescb. 

Bayerns.  61.  Jahrg.  8.  S.  133 — 134.) 
Meyer,  Richard  M.:  Ferdinand  Freiligrath. 

(Sonntagsbeil.  No.  4  z.  Voss.  Zeitung.) 
Meyer,  Richard  M. :  Ferdinand  Freiligrath. 

(R.  M.  Meyer:  Deutsche  Charaktere. Berlin ; 

E.  Hofmann  &  C.  8.  S.  163—176.) 
Steiner,  Rudolf:  Karl  Frenzel.  Zu  seinera 

70.  Geburtstage.  (Das  Magazin  f.  Litteratur. 
.   66.  Jahrg.  4.  Sp.  1511  — 1513.) 
Fuchs,  G.  F.:  Johann  Philipp  Fresenius, 

der  hi.  Schrift  Doktor,  Konsistorial-Rath 

und    des    Ministerii  Senior    zu    Frankfurt 

a.  M.   Eine  Lebensskizze.    (»Halte  was  du 

hast.«  20.  Jahrg.  8.  S.  489—499.) 
Veesenmeyer:    Rede  am  Grabe  des  Geh. 

Hofrats  Prof.  Dr.  R.  Fresenius.  (Protestant. 

Monatshefte.     1.  Jahrg.    8.  S.  301—304.) 
Frey,  Adolf:  Jakob  Frey.   Ein  Lebensbild. 

140  S.  m.  Bildn.  (Jakob  Frey:  Gesammelte 

Erzahlungen.    V.  Bd.  Aarau:    H.  R.  Sauer- 

lander  &  C.    8.) 
♦Carl  von  Frey.  (S.  358-3590 
Bei  Gustav  Freytag.   (Deutsche  Rundschau. 

90.  Bd.  8.  S.  343—3570 
Gustav  Freytag  ttber  plastische  Kunst.  (Die 

Kunst-Halle.    II.  Jahrg.    4.    S.  134-136.) 
Schmidt,  Erich:  Gustav  Freytag  als  Privat- 

docent.  (Euphorion.  4.  Bd.  8.  S.  91 — 98.) 
v.  Schmidt,  Paul:  Kurftirst  Friedrich  III. 

(von Brandenburg), als Ktfnig  Friedrich  I. 

und  KOnig  Friedrich  Wilhelm  I.    [P. 

v.  Schmidt:  Die  Hohenzollern  als  Bildner 

und  Erzieher  des  Heeres.  IV.]  (Jahrbttcher 

f.  d.  deutsche  Armee  u.  Marine.   io4.Bd.  8. 

S.  219-245.) 
Winkelmann,  Eduard :  Kaiser  Friedrich  II. 

(von  Deutschland).     Bd.  2.     1228 — 1233. 

Leipzig:  Duncker  &  Humblot.    VIII,  529 

S.   (Bd.   1   ersch.   1889.)     [Jahrbttcher  der 

Deutschen  Geschichte.] 
Mischke,  Albert  v.:  Kaiser  Friedrich  III. 

(von    Deutschland).    (Hohenzollern  -  Jahr- 

buch.    I.  Jahrg.   4.   S.  7  — 9  m.  Bildn.) 
Plan  ken,  G.:   Friedrich  III.    (Kaiser  von 

Deutschland)  s.  Wilhelm  I.,  Kaiser  von 

Deutschland. 
v.  Schmidt,  Paul:  Friedrich  I.  (Konig  v. 

Preussen)  «.  Friedrich  III.,  Kurfttrst  von 

Brandenburg. 
Friedrich  der  Grosse  und  das  Eisenhtitten- 

wesen.    (Monatsschrift  f.  Deutsche  Beamte. 

21.  Jahrg.    8.    S.  344—349.  373-376.) 
Friedrich    der    Grosse    als  Gesehichtschrei- 

ber.      (Schulbl.    f.  d.  Prov.  Brandenburg. 

62.  Jahrg.   8.   S.  504— 511.) 
Bormann,   Geo.:    Kronprinz  Friedrich  v. 


Preussen  1730— 1740.    Progr.    Berlin:   R. 
Gaertner.  4.  37  S. 

Heussel,  Adam:  Friedrichs  des  Grossen 
Annaherung  an  England  i.  J.  1755  u.  die 
Sendung  des  Herzogs  v.  Nivernais  nach 
Berlin.  Giessen:  J.  Ricker.  8.  VIII,  43  S. 
[Giessener  Studien  auf  d.  Gebiete  d.  Ge- 
schichte.   H.  9.] 

Httbler:  Friedrich  der  Grosse  als  Padagog. 
(Rheinische  Blatter  f.  Erziehung  u.  Unter- 
richt.    71.  Jahrg.  8.   S.  511  —  524.) 

Koser,  Reinhold,  u.  Paul  Seidel:  Die 
aussere  Erscheinung  Friedrichs  des 
Grossen.  (Hohenzollern-Jahrbuch.  1.  Jahrg. 
4.    S.  87 — 112  m.  Bildnissen.) 

Linz,  F.:  Friedrich  der  Grosse  und  Vol- 
taire. Hamburg:  Verlagsanst  u.  Dr.  A.-G. 
8.  35  S.  fSammlung  gemeinverstandl. 
wissenschaftl.  Vortrage.  N.  F.  Ser.  XI. 
(H.  263.)] 

Mebes,  August:  Friedrich  der  Grosse  in 
Urtheilen  seiner  Zeit.  I. — III.  (Sonntagsbeil. 
No.  2.  3.  4.  z.  Voss.  Zeitung.) 

Meyer,  Jobs.:  Friedrich  der  Grosse.  (J. 
Meyer:  Das  Hohenzollern -Buch.  Bilder 
aus  d.  Geschichte  unseres  Hcrrscherhauses* 
Bd.  1.   Langensalza :  Schulbuchh.  8.) 

Rtfchling,  Carl,  u.  Rich.  Kn6tel:  Der 
alte  Fritz  (Friedrich II,  Kdnig v. Preussen) 
in  50  (farb.)  Bildern.  23. bis  25. Taus.  Berlin: 
P.  Kittel  Nachf.    Qu.  4. 

v.  Schmidt,  Paul:  Kdnig  Friedrich  II. 
der  Grosse.  [P.  v.  Schmidt:  Die  Hohen- 
zollern als  Bildner  und  Erzieher  des 
Heeres.  V.l  (Jahrbttcher  f.  d.  deutsche 
Armee  u.  Marine.    105.  Bd.   8.  S.  1  —  27.) 

Sybel,  Heinrich  v.:  Friedrich  der  Grosse 
im  Jahre  1 761.  Festrede  1894.  (H.  v. 
Sybel:  Vortrage  und  Abhandlungen.  Mttn- 
chen  u.  Leipzig:  R.  Oldenbourg.  8.  S.  188 
—202.  [Historische  Bibliothek.  Bd.  3.]) 

Streit,  G.:  Der  Uebertritt  des  Kurftirsten 
Friedrich  August  II.  von  Sachsen  zur 
katholischen  Kirche.  1.  2.  (Die  christl. 
Welt.  11.  Jahrg.  4.  Sp.  557—562,  583— 
588.) 

Hashagen,  Joh.  Frdr.:  Die  Hochschule  des 
Leidens.  Gedachtnissrede  nach  Ableben 
Sr.  ktfnigl.  Hob.  des  Grossherzogs  Frie- 
drich Franz  III.  in  der  St.  Marien-Kirche 
zu  Rostock  gch.    Rostock:  Stiller.  8.   12S. 

Weber,  O.:  Friedrich  Franz  III.,  Gross- 
herzog  von  Mecklenburg -Schwerin.  Ge- 
dachtniss-Predigt,  geh.  im  Dom  zu  Schwe- 
rin.   Schwerin:  F.  Bahn.    8.    12  S. 

Scheffer,  S.:  Erinnerungen  an  den  Prinzen 
Friedrich  Ludwig  Carl  von  Preussen. 
(Der  Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  327— 330.) 

J  iih  n  s ,  Max :  Der  Grosse  Kurftirst  (Friedrich 
Wilhelm  von  Brandenburg)  beiFehrbellin, 
Wolgast  und  Stettin  1675  — 1677.  (Hohen- 


Biographische  Bibliographic 


13* 


zollem-Jahrbuch.  1.  Jahrg.  4.  S.  14 — 48 
m.  Bildnissen  u.  Abb.) 

Meyer,  Johs:  Der  Grosse  Kurftirst  (Frie- 
drich  Wilhelm).  (J.  Meyer:  Das  Hohen- 
zollern-Buch. Bilder  aus  d.  Geschichte  un- 
scres  Herrscherhauses.  Bd.  1.  Langensalza: 
Schulbuchh.    8.) 

Philippson,  Mart.:  Der  Grosse  Kurftirst 
Friedrich  Wilhelm  v.  Brandenburg.  Tl.  1. 
1640— 1660.  Berlin:  S.  Cronbach.  8.  VII, 
452  s. 

Prutz,  Hans:  Aus  des  Grossen  Kurfttrsten 
[Friedrich  Wilhelm  v.  Brandenburg]  letz- 
ten  Jahren.  Zur  Geschichte  seines  Hauses 
und  Hofes,  seiner  Regierung  und  Politik. 
Berlin:  G.  Reimer.  8.  XVI,  410  S. 

v.  Schmidt,  Paul:  Friedrich  Wilhelm  der 
grosse  Kurftirst.  [P.  v. Schmidt:  Die  Hohen- 
zollern  als  Bildner  und  Erzieher  des  Heeres. 
III.]  (Jahrbttcher  f.  d.  deutsche  Armee  u. 
Marine.    104.  Bd.    8.    S.  107— 122.) 

Zimmermann,  A.:  Der  grosse  Kurftirst 
(Friedrich  Wilhelm)  von  Brandenburg. 
(Historisch-politische  Blatter  f.  d.  kathol. 
Deutschland.    120.  Bd.    8.    S.  942 — 944.) 

Fehler,  A.:  Herzog  Friedrich  Wilhelm 
(von  Braunschweig)  und  C.C.T  r  o  1 1  (Braun- 
schweig. Magazin.  3,  Bd.  4.  S.  97 — 101.) 

Zimmermann,  Paul:  Herzog  Friedrich 
Wilhelm  (von  Braunschweig)  und  Drost 
v.  Rod  en  berg.  (Braunschweig.  Magazin. 
3,Bd.  4.  S.  1—5,  9-I3-) 

Wolff:  Rede  am  Sarge  weil.  Sr.  Hoheit  des 
Herzogs  Friedrich  Wilhelm  zu  Mecklen- 
burg.   Schwerin:  M.  Bahn.    8.    8  S. 

Krauske,  Otto:  Der  Regierungsantritt  Frie- 
drich Wilhelms  I.  (Kttnig  von  Preussen). 
(Hohenzollern-Jahrbuch.  I.  Jahrg.  4.  S.  71 
— 86  m.  Bildnissen.) 

Nasemann:  Friedrich  Wilhelm  I.  (von 
Preussen).     (Deutsch-evangelische  Blatter. 

22.  Jahrg.    8.    S.  666—679.) 
Oncken,  Wilhelm:  Sir  Charles  Hotham  und 

Friedrich    Wilhelm    I.    im    Jahre    1730. 

Urkundl.  AufschlUsse  aus  den  Archiven  zu 

London   u.  Wien.     III.     (Forschungen  z. 

Brandenburg,  u.  Preuss.  Geschichte.  9.  Bd. 

8.    S.  23-530 
v.  Schmidt,  Paul:  Friedrich  Wilhelm  L, 

Ktinig  (von  Preussen)  s.  Friedrich  III., 

Kurftirst  von  Brandenburg. 
Spannagel,  C:  Friedrich  Wilhelm  I.  und 

das  Gymnasium  zu  Bielefeld.  (Elfterjahres- 

bericht  d.  histor.  Vereins  f.  d.  Grafschaft 

Ravensberg  zu  Bielefeld.    8.   S.  98—100.) 
W  i n t er f  el d ,  A.  v. :  ZurCharakteristik  K&nig 

Friedrich  Wilhelms  I.  von  Preussen.  (Der 

Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  316—319.) 
K  a  n  i  g,  B.  Emil :  Der  Tod  Kfcnig  Friedrich 

Wilhelms    II.    von    Preussen.    (Der  Bar. 

23.  Jahrg.    4.    S.  236—238,  248—250.) 


Mebes,  August:  Friedrich  Wilhelm  II. 
Gestorben  den  16.  November  1797.  I.  II. 
(Sonntagsbeil.  No.  46.  47    z.  Voss.  Zeitg.) 

Meyer,  Johs:  Konig  Friedrich  Wilhelm  II. 
(J.  Meyer:  Das  Hohenzollern-Buch.  Bilder 
aus  d.  Geschichte  unseres  Herrscherhauses. 
Bd.  2.    Langensalza:  Schulbuchh.    8.) 

Paulig,  F.  R.:  Friedrich  Wilhelm  II., 
Kttnig  v.  Preussen  (1744  — 1797).  Sein 
Privatleben  u.  seine  Regierung  im  Lichte 
neuerer  Forschungen.  3.  Aufl.  Frankfurt 
a.  O.:  F.  Paulig.  8.  VIII,  365  S.  [F.  R. 
Paulig:  Familiengesch.  des  Hohenzollern- 
schen  Kaiserhauses.    Bd.  4.] 

v.  Schmidt,  Paul:  Friedrich  Wilhelm  II. 
(Kttnig  v.  Preussen).  [P.  v.  Schmidt:  Die 
Hohenzollern  als  Bildner  und  Erzieher  des 
Heeres.  VI.]  (Jahrbttcher  f.  d.  deutsche 
Armee u. Marine.  ios.Bd.  8.  S.  131— 146.) 

Winterfeld,  A.  v.:  Kttnig  Friedrich  Wil- 
helms II.  (von  Preussen)  Verdienste  um 
die  Hebung  des  Berliner  Musiklebens.  (Der 
Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  546—548.) 

v.  Schmidt,  Paul:  Konig  Friedrich  Wil- 
helm III.  (von  Preussen).  [P.  v.  Schmidt: 
Die  Hohenzollern  als  Bildner  u.  Erzieher 
des  Heeres.  VII.]  (Jahrbttcher  f.  d.  deutsche 
Armee  u.  Marine.  105.  Bd.  8.  S.  281 — 305.) 

Meyer,  Johs :  K5nig  Friedrich  Wilhelm  IV. 
(J.  Meyer :  Das  Hohenzollern-Buch.  Bilder 
aus  d.  Geschichte  unseres  Herrscherhauses. 
Bd.  2.    Langensalza:  Schulbuchh.    8.) 

Meyer,  Richard  M. :  Friedrich  Wilhelm  IV. 
(Konig  von  Preussen).  (R.  M.  Meyer: 
Deutsche  Charaktere.  Berlin:  E.  Hofmann 
&  C.    8.    S.  114— 119.) 

Rttchling,  Carl,  u.  Rich.  KnOtel:  Der  alte 
Fritz  s.  Friedrich  II.  Ktfnig  v.  Preussen. 

•Kohlschmidt:  Otto  Fridolin  Fritzsche, 
Professor  der  Kirchengeschichte  in  Zurich. 
(S.  441—443.) 

Bttchner,  Wilhelm:  Katharina  Frdhiich  s. 
Grillparzer. 

Fttnfundzwanzig  Jahre  in  Berlin.  Seinen  Freun- 
den  und  Konfirmanden  zur  Erinnerung  v. 
D.EmilFrommel.  2.  Aufl.  Berlin:  F.  Rtthe. 
8.    47  S. 

In  piam  memoriam.  Zur  Erinnerung  an 
Emil  Frommel.  Abiit  non  obiit  9.  No- 
vember  1896.  Berlin:  E.  S.  Mittler  &  Sohn. 
8.    48  S.  m.  Bildn. 

Emil  Frommel.  [Rudolf  Kogel,  Emil  From- 
mel, Wilhelm  Baur.  2.]  (Allg.  Evangel.- 
Luther.  Kirch enzeitg.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  239 
—242.) 

Blanckmeister,  Frz:  Emil  Frommel.  Sein 
Leben  u.  seine Schriften.  Dresden :  F.  Sturm 
&  C.    8.    16  S.  m.  Bildn. 

Kayser,  C:  Emil  Frommel.  Ein  Lebcns- 
bild.  Karlsruhe:  Evangel.  Schriftenver.  8. 
2  Bl.,   165  S.,  2  Bildn.,  8  Taf. 


i4' 


Biographische  Bibliographic. 


Mayer:  Zum  Gedachtnis    von   Emil  From- 
mel.    (»Halte  was  du  hast.«    20.  Jahrg.    8. 

s.  177-179.) 

♦Pot en,  B.:  D.  Emil  Frommel,  Kgl.  Preuss. 

Oberkonsisto  rial  rath  u.  Hofprediger.  S.  108 

-7109.) 
Re i chard,   Max:   Zur  Erinnerung  an  Emil 

Frommel.  Strassburg:  Schriftenniederl.  d. 

Evang.  Ges.    8.    39  S.  m.  Bildn. 
Richter,  [Maximilian]:  Ein  Kranz  auf  Emil 

Frommels  Grab.  Berlin :  E.  S.  Mittler  & 

Sohn.    8.    44  S. 
Rogge,  Christian:  Zum  Andenken  an  Emil 

Frommel.    (f  9.  November  1896.)    (Der 

Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  52 — 55  m.  Bildn.) 
S  chattier,  J.:  Emil  Frommel.     Schlichte 

Bilder  aus  seinem  Leben.     1.  u.  2.  Aufl. 

Barmen :     Wupperthaler    Traktat  -  Ges.  8. 

4BI.,   141   S.,   1  Bildn.,  3  Taf. 
Schtfttler:   Emil  Frommel.     Ein  Erinne- 

rungsblatt  zum  5.  Januar.    (Allg.  Konserv. 

Monatsschrift    f.    d.   christl.   Deutschland. 

54.  Jahrg.    I.    8.    S.  20— 29,   151  —  162.) 
Scholz:   Erinnerungen  an  Emil  Frommel. 

(Die  christliche  Welt.  11.  Jahrg.  4.  Sp.  209 

—213.) 
♦Eitner,  Rob.:  Moritz  Fiirstenau.  (S.  114 

-»50 
♦Karl    Egon  (IV.)   Ftirst    zu   Furstenberg. 

(S-  393—3940 
♦Minor,   J.:   Ludwig  Gabillon.  (S.  432  — 

440.) 
Gruhl,    E.:    Erinnerungen  aus  dem  Leben 

des  Geh.  Ober-Regierungsrats  u.  Kurators 

der  Universitat  Bonn  Dr.  Otto  Gandtner. 

Vortrag,  gchalten  in  der  Gymnasiallehrer- 

ges.  zu  Berlin  am  13.  Mai  1896.    (Zeitschr. 

f.  d.  Gymnasialwesen.    51.  Jahrg.    8.   S.  1 

-24.) 
♦Eitner,  Rob.:  Fricdrich  Gartz.    (S.  115.) 
Ein  Gast   auf  Erden   und  sein  Pilgerlauf  in 

der  Alten  und  Neuen  Welt.    Eine  Selbst- 

biographie,    niedergeschrieben    fUr    seine 

Kinder    und    Kindeskinder    von    Leopold 

Gast.    Bd.  2.    Gtitersloh:  C.  Bertelsmann. 

8.    VI,  503  S.  (Bd.  1  ersch.  1894.) 
♦  Fricdrich    Heinrich    Geffcken ,     Geheimer 

Justizrath.    (S.  211 — 212.) 
Gaedertz,  Karl  Theod.:  Emanuel  Geibel, 

Sanger    der    Liebe,    Herold   des  Reiches. 

Ein  deutsches  Dichterleben.     M.  Abb.  u. 

Facs.  Leipzig:  G.  Wigand.  8.  XII,  412S.) 
Warn  eke,  Paul:  Emanuel  Geibel  in  seinen 

Beziehungen  zu  Berlin  und  zum  deutschen 

Kaiserhause.        (Preussische      Jahrbticher. 

90.  Bd.    8.    S.  486—504.) 
Wychgram,  J.:  Emanuel  Geibel.    (Blatter 

far  literar.  Unterhaltung.    Jahrg.  1 897,    I. 

4.    S.  353-3540 
♦Holland,    H.:    August    Geiger-Thuring, 
Landschaftsmaler.   (S.  50 — 51.) 


Aus  der  Selbstbiographie  des  Lucas  Geiz- 
kofler.  (Ausgewahlte  Selbstbiographien 
aus  d.  15.  bis  18.  Jahrh.  Hrsg.  v.  Chri- 
stian Meyer.  Leipzig:  J.  J.  Weber.  8. 
S.  132-152.) 

Zeiten  und  Menschen.  Erlebnisse  und  Mei- 
nungen  v.  Rudolph  Genee.  M.  e.  Bildn. 
d.  Vfs.  aus  d.  J.  1868.  Berlin:  E.  S.  Mittler 
&  Sohn.    8.    XII,  360  S. 

Kttnig,  B.Emil:  MilitarischeEhrentafel  eines 
deutschen  FUrsten  (Herzog  Georg  II.  von 
Sachsen-Meiningen-Hildburghausen).  (Der 
Bar.    23.  Jahrg.  4.  S.  284—285  m.  Bildn.) 

Httttemann,  Paul:  KunOrst  Georg  Wil- 
helm  (von  Brandenburg)  in  seiner  Stel- 
lung  zu  KOnig  Gustav  Adolf  von  Schwe- 
den.  Ein  geschichtlich-kritischer  Streifzug. 
Witten:  R.  Grafe.    8.    21   S. 

♦Krauss,  Rudolf :  Ludwig  Georgii.  (S.  100.) 

•Pa gel:  Joseph  von  Gerlach,  Arzt  (S.  152.) 

♦Eitner,  Rob.:  Adolf  Geyer,  Kttnigl.  Musik- 
direktor.  (S.  115.) 

♦Pot en,  B.:  Maximilian  Ritter  von  Giehrl, 
Kgl.  Bayer.  Generallieutenant  (S.  107  — 
108.) 

Wieruszowski,  A.:  Otto  Gierke.  (Blatter 
fur  literar.  Unterhaltung.  Jahrg.  1897,  I. 
4.    S.  145—148.) 

♦Dr.  Gieschen,  Mitglied  der  BUrgerschaft  u. 
Rechtsanwalt  in  Hamburg.  (S.  213.) 

Sybel,  Heinrich  v.:  (Wilhelm  v.)  Giese- 
brecht  und  DCllinger.  ErSfTnungsrede 
zur  Versammlung  der  Historischen  Kom- 
mission  1890.  (H.  v.  Sybel:  Vortrage  und 
Abhandlungen.  Mtinchen  u.  Leipzig:  R. 
Oldenbourg.  8.  S.  321 — 335.  [Historische 
Bibliothek.    Bd.  3.]) 

Justi,  G.  E.:  Der  Kbniglich  preussische  Bau- 
gewerkschullehrer  Herr  Martin  Girndt  in 
Idstein  im  Taunus  als  Verfasser  mathema- 
tischer  Lehrblicher.  Als  Manuskript  ge- 
druckt.  Detmold:  (Buchdr.  Fr.  Preuss.)  8. 
1  Bl.,   18  S. 

Ernst  Gladbach.  (Deutsche  Bauzeitung. 
31.  Jahrg.    4.    S.  38—40.) 

♦Albert  Glatzel,  Wirkl.  Geh.  Ober- Regie- 
rungs  rath  u.  President  des  Preuss.  Ober- 
landeskulturgerichts.  (S.  215 — 216.) 

♦Weech,  F.  v.:   Rudolf  Gleichauf.    S.  394 

-396.) 
♦Edmund  Josef  Dejanicz  von  Gliszczynski, 

Generalmajor    z.  D.   u.  preuss.  Landtags- 

abgeordneter.  (S.  213 — 214.) 
♦Granier,   Hermann:  Adolf  von  Gliimer, 

Kttnigl.    Preuss.    General    der    Infanterie. 

(S.  418—420.) 
♦  Ferdinand  von  Gmelin,  Reichsgerichtsrath. 

(S.  220—221.) 
Feldmarschall  Graf  Neithardt  v.  Gneisenau. 

Ein  Bild  aus  Preussens  schwerster  Zeit  und 

ruhmreicher  Erhebung.    Von  Prem.-Licutn. 


Biographische  Bibliographic 


15" 


R.  3.  Aufl.  Barmen:  D.  B.  Wiemann.  8. 
31  S.  m.  Bildn.  [Aus  dero  Reiche  ftir  das 
Reich.    H.  3.] 

Koch,  K.:  Gneisenaus  Plane  zur  EinfUh- 
rung  der  Lcibesllbungen  an  den  Schulen 
und  zur  Veranstaltung  von  Nationalfesten. 
(Monatsschrift  f.  d.  Turnwesen.  16.  Jahrg. 
8.    S.  321-329.) 

Zemin,  Gebhard:  Das  Leben  des  Konigl. 
Preuss.  Generals  der  Infanterie  August 
v.  Goeben.  Bd.  2.  Mit  zahlr.  Briefen 
Goebens  an  seine  Familie  aus  den  Kriegen 
v.  1866  u.  1870/71.  M.  e.  Bildn.  in  Stahl- 
stich.  Berlin:  E.  S.  Mittler  &  Sohn.  8.  VIII, 
574  S.  (Bd.  1  ersch.  1895.) 

•Holland,  H.:  Heinrich Gdschl,  Bildhauer. 
(S.  51-S^) 

Blind,  Karl:  Goethe  und  Heine  liber  die 
irische  Frage.  (Nord  u.  Slid.  80.  Bd.  8. 
S.  312—321.) 

Dase,  Otto:  Der  vorweimarische  Goethe. 
(Die  Gegenwart.    52.  Bd.    4.    S.  57 — 60.) 

Ehrlich,  Moriz:  Goethe  und  Schiller, 
ihr  Leben  u.  ihre  VVerke.  M.  111.  Berlin: 
G.  Grote.  8.  2  Bl.,  VII,  500  S.  m.  Bildn. 
u.  Abb. 

Grimm,  Hermann :  Goethe  zu  Anfang  dieses 
J ahrhunderts.  (Deutsche  Rundschau.  90.  Bd. 
8.    S.  32—38.) 

Haarhaus,  Julius  R. :  Auf  Goethes  Spuren 
in  Italien.  Th.  II:  Mittel-Italien.  Th.  Ill: 
Unter-Italien.  Leipzig:  C.  G.  Naumann.  8. 
4BI.,  186  S.,  iKt;  4  BL,  194  S.,  1  Kt. 
(Th.  I  ersch.  1896.)  [Kennst  du  das  Land? 
Eine  Btichersammlung  ftir  die  Freunde 
Italiens.    Bd.  VIII.  IX.] 

Hoffmann,  Adalbert:  Neues  aus  dem  Le- 
ben von  Goethe.  (A.  Hoffmann:  Deutsche 
Dichter  im  schlesischen  Gebirge.  Warm- 
brunn:  M.  Leipelt.  8.  S.  1—50  m.  Bild- 
nissen.) 

Karpeles,  Gustav:  Goethe  und  der  Maler 
Moritz  Oppenheim.  (Berichte  d.  Freien 
Deutschen  Hochstiftes  zu  Frankfurt  a.  M< 
N.  F.    13.  Bd.    8.    S.  61-73.) 

Koch,  Max:  Zur  Feier  von  Goethes  Ge- 
burtstag.  Goethe  als  religidser  Epiker. 
(Berichte  d.  Freiem  Deutschen  Hochstiftes 
zu  Frankfurt  a.  Main.    N.  F.    13.  Bd.    8. 

S.  i*-3i*0 
Paul,  L.:  Zu  Goethe's    politischem  u.  kir- 

chenpolitischem    Stand punkt.      (Deutsch- 

evangel.  Blatter.    22.  Jahrg.    8.    S.  494 — 

501.) 
Preiss,   Otto:   Die  Massenmtihle  im  Kttrn- 

bachthal.     Ein  Goethe-Gedenkblatt  a.  d. 

Thttringer  Walde.     Berlin:  R.  Mosse.    8. 

59  S.  einsch.  4  Facs. 
Servaes,  Franz:  Goethe  am  Ausgang  des 

Jahrhunderts.  Berlin:  S.  Fischer.   8.    4  BL, 

48  S. 


Steiner,  R.:  Goethes  Weltanschauung. 
Weimar:  E.  Felber.  8.  X  S.,   1  Bl.,  206  S. 

Stoessl,  Otto:  Goethe  und  seine  neuesten 
Biographen.  (Das  Magazin  f.  Literatur. 
66.  Jahrg.    4.    Sp.  381-383.) 

Thalmayr,  Franz:  Goethe  und  das  classi- 
sche  Alterthum.  Die  Einwirkung  der  An- 
tike  auf  Goethes  Dichtungen  im  Zusam- 
menhange  mit  dem  Lebensgange  des  Dich- 
ters  dargestellt.  Leipzig:  G.  Fock.  8.  XI, 
185  S. 

Dierauer,  Johannes:  Ernst  Gdtzinger.  Ein 
Lebensbild.  M.  Portr.  Hrsg.  v.  Histor. 
Ver.  in  St.  Gallen.  St  Gallen:  Fehr'sche 
Buchhdlg.  4.  89  S.,  1  Bildn.  [St.  Galler 
Neujahrsblatter.  No.  37.] 

Dierauer,  J.:  Ernst  Gdtzinger,  Germanist 
u.  Historiker.  (S.  231 — 235.) 

Lab  and:  Levin  Goldschmidt.  f.  (Deutsche 
Juristen-Zeitung.  II.  Jahrg.  4.  S.  296 — 
298.) 

Pappenheim,  Max:  Levin  Goldschmidt. 
M.  e.  Bildn.  Goldschmidts.  Stuttgart:  F. 
Enke.  8.  1  Bl.,  49  S.,  1  Bildn.  (SA.  aus 
d.  Zeitschrift  f.  d.  Gesammte  Handelsrecht 
Bd.  470 

Riesser:  L.  Goldschmidt.  Gedachtnissrede, 
gehalten  in  der  Jurist.  Gesellsch.  zu  Berlin. 
Nebst  e.  Bildn.  Goldschmidts.  Berlin:  O. 
Liebmann.    8.    58  S.,   1  Bildn. 

Bendixen,  Rudolf:  Johannes  Evangelista 
Gossner.  (R.  Bendixen:  Bilder  aus  der 
letzten  religitfsen  Erweckung  in  Deutsch- 
land.  Leipzig:  Dtfrffling  &  Franke.  8. 
S.  167—190.) 

•Engesser,  Fr.:  Theodor  Gossweyler, 
Grossherzogl.  Baudirector.  (S.  366.) 

Zum  hundertsten  Geburtstag  Jeremias  Gott- 
helfs.  Inhalt:  1.  J.  Ammann:  Zur  Erinne- 
rung  an  J.  Gotthelf.  2.  H.  Stickelberger: 
Ueber  die  Sprache  J.  Gotthelfs.  M.d.  Bildn. 
Gotthelfs.  ZUrich:  E.  Speidel.  8.  1  Bl., 
45  S.  [Mitteilungen  d.  Gesellschaft  fur 
deutsche  Sprache  in  Zurich.    Heft  II.] 

Bart  els,  Adolf:  Jeremias  Gotthelf.  1—4. 
(Die  Grenzboten.  56.  Jahrg.  III.  8.  S.  268 
-278,  317—329,  409-416,  502  —  510.) 

Gottschall,  Rudolf  v.:  Aus  meiner  Studen- 
tenzeit.  (Die  Gegeh wart.  52.  Bd.  4.  S.  214 
—  218,  232—236.) 

B e  r g  e  r ,  Karl :  Johann  Christoph  Gottsched. 
(Blatter  ftir  literar.  Unterhaltung.  Jahrg. 
1897,    II.    4.    S.  465-467.) 

Waniek,  Gustav:  Gottsched  und  die  deut- 
sche Literatur  seiner  Zeit.  Leipzig:  Breit- 
kopf  &  HSrtel.    8.    XII,  698  S. 

Wolff,  Eugen:  Gottscheds  Stellung  im 
deutschen  Bildungsleben.  2.  Bd.  Kiel  u. 
Leipzig:  Lipsius  &  Tischer.  8.  VIII,  248  S, 
(Bd.  1   ersch.  1895.) 

Hampe,  Theodor:  Der  blinde  Landsknecht- 


1 6* 


Biographische  Bibliographic 


Dichter   J8rg  Graff  und  scin  A  u  fen  thai  t 
in  Ntirnberg.  (Euphorion.  4.  Bd.  8.  S.  457 

—472) 

Kraus,  Franz  Xaver:  Ferdinand  Gregoro- 
vius.  (Deutsche  Rundschau.  93.  Bd.  8. 
S.  145—149.) 

Stoessl,  Otto:  Ferdinand  Gregorovius  und 
die  Grafin  Lovatelli.  (Die  Gegenwart. 
51.  Bd.    4.    S.  346— 3470 

Klaus,  B.:  Hans  Baldung  genannt  Grien  s. 
Bald  ung. 

BUchner,  Wilhelm:  Grillparzer  und  Ka- 
tharina  F  r  5  h  1  i  c  h.  (Preussische  Jahrbttcher. 
87.  Bd.    8.    S.  448—461.) 

Farinelli,  Arturo:  Grillparzer  und  Rai- 
raund  Zwei  Vortrage.  Mit  dem  Bildn.  d. 
Dichter.    Leipzig:  G.  H.  Meyer.    8.    87  S. 

Schwering,  Julius:  Franz  Grillparzer  und 
Norddeutschland.  (Monatsblatter  f.deutsche 
Litteraturgesch.    I.  Jahrg.  8.  S.  299 — 306.) 

Speier,  Max:  Neues  von  Grillparzer, 
Raimund  u.  Bauernfeld.  (Die  Gegen- 
wart.   51.  Bd.    4-    S.  355— 3590 

Busse,  Karl:  Herman  Grimm  und  die 
deutsche  Culturgeschichte.  (Die  Gegen- 
wart.   52.  Bd.    4.    S.  344— 3460 

Sybel,  Heinrich  v.:  Zur  Erinnerung  an 
Jakob  Grimm.  Vortrag  in  der  Berliner 
Akad.  am  Geburtstag  Friedrichs  des  Grossen 
1885.  (H.  v.  Sybel:  Vortrage  und  Abhand- 
lungen.  Mttnchen  u.  Leipzig:  R.  Olden- 
bourg.  8.  S.203— 215.  [Historische  Biblio- 
thck.    Bd.  3.]) 

Ehrhard,  Albert:  Professor  Dr.  Joseph 
Grimm.  Ein  Lebensbild  zugleich  als  Bei- 
trag  zur  theologischen  Litteraturgeschichte 
des  19.  Jahrhunderts.  (Gedenk-Blatter  zu 
Ehren  d.  hochw.  geistl.  Rates  Dr.  Joseph 
Grimm,  weil.  Prof.  d.  neutest.  Exegese  a. 
d.  Univ.  WUrzburg.  Zum  ersten  Jahrestag 
seines  Todes  gewidmet  v.  Dr.  Hermann 
Schell  u.  Dr.  Albert  Ehrhard.  WUrzburg: 
A.  Gtfbel.    8.    S.  1  — 113  m.  BildnO 

•Holland,  H.:  Josef  Grimm,  Dr.  Pro- 
fessor, der  neutestamentL  Exegese.  (S.  52 

—530 
Groth,  Klaus:  Musikalische  Erlebnisse.  (Die 

Gegenwart.    52.  Bd.    4.    S.  279—285.) 
Groth,   Klaus:    Erinnerungen    an  Johannes 

Brahms  s.  Brahms. 
B artels,  Adolf:  Klaus  Groth.  (Die  Heimat 

7.Jahrg.8.S.n6— 121, 133— 138  m.  Bildn.) 
Frisch,  Wilhelm:  August  Wilhelm  Grube. 

(Biographien  osterreich.  Schulm&nner.  Hrsg. 

v.  Franz  Frisch.  Wicn:  A.  Ptchlej's  Wwe. 

&  8ohn.    8.   S.  115— 127.) 
Anastasius  Griin  s.  Auersperg. 
Klaus,    B.:    Hans  Baldung    genannt  Grien 

oder  Grun  s.  Baldung. 
•Krauss,     Rudolf:     Jacob     Grunenwald. 

S.  101  — 102.) 


Wyzewa,  Teodor  de:  Caroline  de  G&nde- 
rode,  et  son  aventure  d* Amour  avec 
Frederic  Creutzer.  (T,  de  Wjrzewa: 
Ecrivains  etrangers.  II.  Serie.  Paris :  Perrin 
&  C.  8.  S.  27—  46.) 

f  Dr.  jur.  Otto  Gunther,  Vorsitzender  des 
Directoriums  d.  kftnigl.  Conservatoriums 
d.  Musik  zu  Leipzig.  (Musikal.  VVochen- 
blatt.   28.  Jahrg.    4.    S.  505—506.) 

Hoffmann,  Adalbert:  Neues  aus  dem 
Leben  von  (Johann  Christian)  GUnthcr. 
(A.  Hoffmann :  Deutsche  Dichter  im  schle- 
sischen  Gebirge.  Warmbrunn:  M.  Leipelt, 
8.  S.  51  -88  m.  Bildnissen.) 

♦Pagel:  Karl  G&nther,  henrorragender 
Thierarzt    (S.  152—153.) 

•Pagel:  Wenzel  Giintner,  Arzt,  emerit. 
Prof.  d.  Chirurgie.   (S.  153.) 

Augustin  Guntzers  merkwttrdige  Lebens- 
geschichte.  Ein  Kulturbild  aus  dem  Jahr- 
hundert  des  3ojahr.  Krieges.  Erz&hlt  yon 
ihm  selbst.  Barmen :  Wupperthaler  Traktat- 
Ges.  8.  159  S.,  1  Bl.,  3  Taf.  [Banner 
BUcherschatz.    Bd.  3,  4.] 

•Brtimmcr,  Franz:  Wilhelmine  Konstanzc 
Guischard.    (S.  194.) 

•Eitner,Rob:  Ferdinand  Gumbert.  (S.  it 60 

*Brtimmer.  Franz:  Hans  Christian  Emanuel 
Gurlitt.    (S.  245  -246.) 

Bttrckel,  Alfred:  Gutenberg.  Sein Leben, 
sein  Werk,  sein  Ruhm.  Zur  Erinnerung 
an  die  500jahr.  Geburt  des  Erfinders  d. 
Buchdruckerkunst  fUr  weitere  Kreise  dar- 
gest  M.  34  Abb.  Giessen:  E.  Roth.  4. 
5  BL,  122.  S.,  1  Bildn. 

Umlauft,  Friedrich:  Vincenz  v.  Haardt. 
(Deutsche  Rundschau  f.  Geographie  u. 
Statistik.   19.  Jahrg.  8.  S.  518  f.  m.  Bildn.) 

Haase,  Frdr.:  Was  ich  erlebte.  1846— 1896. 
(III.  ▼.  Frdr.  Stahl.)  Berlin:  R.  Bong.  8. 
203  S. 

•Johann  Habert,  Kirchenkomponist.  (S.  162 
—166.) 

•Krauss,  Rudolf:  Gustav  Hacker.  (S.  95 
-96. 

Frommel,  Emil:  H&ndel  u.  Bach.  Skizze. 

3.  Aufl.  Berlin:  Wiegandt  &  Grieben.  8. 
VI,  44  S.  m.  Bildern.  [E.  Frommel:  Ge- 
samm.  Schriften.  I.] 

Zum  fUnfzigjahrigen  Dienstjubilttum  des 
Generals  der  Kavallerie  v.  H&nisch, 
Chef  des  Ulanenregiments  von  Katzler 
(Schlesischen)  Nr.  2  u.  Kommandirenden 
Generals  des  IV.  Armeekorps  am  16.  Juli 
1897.  (Militar-Wochenblatt.  82.  Jahrg.  2  Bd. 

4.  Sp.  17x7—1720.) 

Seeliger,  H.:  EduardFreiherr  vonHaerdtl. 
(Nekrolog.)  (  Vierteljahrsschrift  d.  Astronom. 
Ges.    32.  Jahrg.    8.    S.  33—41  m.  Bildn.) 

Reichard,  Max:  Franz  Haerter.  Ein  Le- 
bensbild aus  dem  Elsass.    Strassburg  i.  E. : 


Biographische  Bibliographic 


17" 


Buchhdlg.    d.    Evangel.   Ges.     8.    135  S., 

1  Bildn. 
August  Hagen.    Einc  Gedachtnissschrift  zu 

seinem  hundertsten  Geburtstage  12.  April 

1897.   M.  e.  Bildn.  Hagens.   Berlin:  E.  S. 

Mittler  &  Sohn.    8.    256  S.,  1   Bildn. 
Bunz,    P.:    Johann    Ludwig    Hager.     Ein 

Lebensbild     aus     den     Papieren     meines 

Grossvaters.     M.    3    Ansichten    v.   MUhl- 

hausen.   Stuttgart:  Buchh.  d.  Evangel.  Ge- 

sellschaft.    8.    72  S. 
Premierlieutenant  Hugo  Hahn.  (Kollektaneen- 

Blatt  f.  d.  Gesch.  Bayerns.    61.  Jahrg.   8. 

S.  134—135.) 
Rehbein,  Reichsgerichtsrat  Dr.:    Friedrich 

von  Hahn  f .  (Deutsche  Juristen-Zeitung. 

II.  Jahrg.    4.    S.  139.) 
Direktor  ira  Reichs-Postamt,  Wirklicher  Ge- 

heimer  Rath  Hake  f.     Nachruf.    (Archiv 

flir    Post    und    Telegraphic.     Beihefte    z. 

Amtsblatt  des  Reichs-Postamts.  25.  Jahrg. 

8.    S.  291.) 
Direktor  Karl  Hammer  f.    (Deutsche  Bau- 

zeitung.   31.  Jahrg.   4.  S.  376.) 
Karl    Hammer,    Direktor    d.    Kgl.    Kunst- 

gewerbeschule   in  Ntirnberg,  f.    (Central- 

blatt  d.  Bauverwaltung.  17.  Jahrg.  4.  S.  347 

-348.) 
Schlossa  r,  Anton:  Josef  Frhr.  von  Hammer- 

Purgstall  s.  Auersperg. 
HugoHanke.  (Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg. 

4.  S.  176.) 
Dr.  Emanuel  Hannak.    (Biographien   oster- 

reich.  Schulmanner.    Hrsg.  v.  Franz  Frisch. 

Wien:  A.  Pichler's  Wwe  &  Sohn  8.  S.  288 

—  3370 
Friedlander,    Max    J.:    Hans    der   Maler 
zu    Schwaz.    Nachtrag.    (Repertorium  fiir 
Kunstwissenschaft.     20.  Bd.    8.    S.  362 — 

365.) 

Hansjakob,  Heinr. :  Aus  mciner  Jugendzeit. 

Erinnerungen.     4.,    verb.   u.   erweit.  Aufl. 

Heidelberg:  G.  Weiss.   8.   VII,  287  S.  mit 

Bildn. 
Hansjakob,  Heinr.:  Aus  meiner  Studienzeit. 

Erinnerungen.   3.  verb.  u.  erweiterte  Aufl. 

Heidelberg:    G.    Weiss.    8.    VII,    326   S. 

(H.    Hansjakob:     Ausgewiihlte     Schriften. 

Bd.  2.) 
Hansjakob,    Heinr.:    Aus   kranken   Tagen. 

Erinnerungen.    2.,  neu  durchges.  u.  verb. 

Aufl.    M.  e.  Ans.  v.  Illenau.    Heidelberg: 

G.  Weiss.    8.    297  S. 
•Brlimmer,  Franz:  Johann  Caspar  Christian 

Georg  Harms.    (S.  245.) 
Bend ix en,  Rudolf:  Klaus  Harms.  (R.  Ben- 

dixen:    Bilder    aus    der   letztcn  religiosen 

Erweckung     in     Deutschland.      Leipzig: 

Dbrf fling  &  Franke.    8.    S.   126—146.) 
Hase,  Friedrich:  Geplaudertes.   (Die  Gegen- 

wart.    52.  Bd.   4.   S.  264—265.) 
BiogT.  Jahrb.  u.  Deutucber  Nekrolog.   2.  Bd. 


L  i  p  s  i  u  s ,  Richard  Adeibert :  Karl  von  Hase. 
Ansprache  an  seine  Zuhorer,  geh.  am 
Morgen  des  6.  Januar  1890.  (R.  A.  Lipsius: 
Glauben  undWissen.  Ausgewahltc  Vortrage 
und  Aufsatze.  Berlin:  C.  A.  Schwetschke 
&  Sohn.    8.    S.  314-320.) 

Schreiner,  Heinrich:  Leopold  Hasner, 
Ritter  von  Artha  (Biographien  bsterreich. 
Schulmanner.  Hrsg.  v.  Franz  Frisch.  Wien: 
A.   Pichler's  Wwe.  &  Sohn,    8.  S.  226  — 

239.) 

Sybel,  Heinrich,  v.:  Hans  Daniel  Hassen- 
pflug.  (1893).  (H.  v.  Sybel:  Vortrage 
und  Abhandlungen.  Mttnchen  u.  Leipzig : 
R.  Oldenbourg.  8.  S.  216  —  235.  [Histo- 
rische  Bibliothek.   Bd.  3.]) 

Koch,  Gttnther:  Hauff  s.  Clauren. 

Bartels,  Adolf:  Gcrhart  Hauptmann.  Wei- 
mar: E.  Felber.    8.    4  Bl.,  255  S. 

Rode,  Alb.:  Hauptmann  u.  Nietzsche. 
Ein  Beitr.  z.  Verstandnis  d.  »Versunkenen 
Glocke*.  Hamburg:    J.  Haring.    8.    14  S. 

Woerncr,  U.  C. :  Gerhart  Hauptmann. 
MUnchen:  C.  Haushalter.  8.  3  BL,  82  S. 
[Forschungen  z.  neueren  Litteraturge- 
schichte.  IV.] 

Ritter,  Henn:  Haydn,  Mozart,  Beet- 
hoven. Ein  Dreigestirn  am  Himmel 
deutscher  Tonkunst.  Bamberg:  Handels- 
Dr.  u.  Verlagsh.    8.    80  S, 

Aus  Friedrich  Hebbels  Tagebtichern.  Aus- 
wahl.  Halle  a.  d.  S.:  O.  Hendcl.  8.  VI  S., 
1  Bl.,  324  S.,  1  Bildn.  [Bibliothek  der 
Gesamtlitteratur  des  In-  u.  Auslandes. 
No.   ion  — 1015.] 

Regierungs-  und  Schulrat  Hechtenberg  f, 
(Schulblatt  f.  d.  Prov.  Brandenburg.  62. 
Jahrg.   8.    S.  79-82.) 

*Krauss,     Rudolf:     Gustav     Heerbrandt. 

(S.  96.) 

Kuhlmann:    Vom  blinden  Wilhelm  Heer- 

mann.     (Zeugen    und    Zeugnisse    aus    d. 

christl.-kirchl.   Leben    v.    Minden-Ravens- 

berg  im  18.  u.  19.  Jahrh.  Heft  2.  Gadder- 

baum    b.  Bielefeld:    Schriften-Nicderl.    d. 

Anst.    Bethel.    8.    S.  87  —  95,) 
Meyer,  Richard  M.:  Viktor  Hehn.    (R.  M. 

Meyer :  Deutsche  Charaktere.  Berlin :  E.  Hof- 

mann  &  C.    8.    S.   177 -181.) 
Heiberg,    Asta:    Erinnerungen    aus  mcincm 

Leben.    2.  Aufl.    Berlin:    C.  Heymann.  8. 

X  S.,   1  Bl.f  271   S, 
Dr.  Carl  Friedrich  Heiberg.  (Nachruf.)  (Asta 

Heiberg:  Erinnerungen  aus  meinem  Leben. 

2.  Aufl.    Berlin:    C.  Heymann.    8.    S.  265 

—271.) 
Steiner,     Rudolf:     Rudolf    Heidenheim. 

Gest.  am   13.  Okt.   1897.    (Das  Magazin  f. 

Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  1327— 1329.) 
Nettelbecks     Tochtcr     (Luise     Heidler). 

(Der  Bar.    23.  Jahrg.    4.   S.  366— 368.) 

b 


1 8* 


Biographische  Bibliographic 


Siegerist,  Georg:  Ernst  Ludwig  Heim. 
(Geboren  am  22.  Juli  1747.)  (Sonntags- 
beil.  No.  29  z.  Voss.  Zeitung.) 

Fuchs,  Georg:  Heinz  Heim.  (Die  Kunst- 
Halle.    II.  Jahrg.    4.    S.  49—52.) 

Betz,  Louis  P.:  H.  Heine  und  Alfred  de 
Musset.  Eine  biograph.-litterar.  Parallele. 
Zurich:  A.  Mtiller.    8.    VIII,  117  S. 

Blind,  Karl:  Heine  tiber  d.  irische  Frage 
s.  Goethe. 

Elster,  Ernst:  Beitrage  zu  Heine's  Bio- 
graphic Auf  Grund  ungedruckter  Briefe 
des  Dichters.  I— V.  (Deutsche  Rundschau. 
91.92.  Bd.  8.  91.  Bd.:  S.379— 4o8;92.Bd.: 
S.  49-64.) 

Elster,  Ernst:  Heine  in  England.  (Das 
Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  31 

-36.) 

Hiiffer,  Hermann:  Wann  ist  Heinrich 
Heine  geboren  r  (Deutsche  Rundschau. 
93.  Bd.    8.    S.  451—460.) 

Kaufmann,  Max:  Heinrich  Heines  Liebes- 
tragbdien.  Litterar-histor.  Studie.  Zurich: 
Stern's  litterar. Bulletin  derSchweiz.  8.  71  S. 

Leg r as,  Jules:  Henri  Heine.  Poete.  Paris: 
C.  Levy.    8.    XXIV,  438  S. 

Panizza,  Osk.:  Die  Krankheit  Heine's 
(z.  ioojahr.  Wiederkehr  d.  Geburtstages 
Heine's.  13.  XII.  1 797.)  Zurich :  ZtiricherDis- 
kuss.  8.  8  S.  [ZUricher  Diskussionen  No.  1.]' 

VVyzewa,  Teodor  de:  Henri  Heine.  Juge 
par  les  ecrivains  allemands.  (T.de  Wyzewa: 
Ecrivains  Strangers.  II.  Serie.  Paris :  Perrin 
&  C.    8.   S.  136—144.) 

*Liliencron,R.  v. :  Karl  Christoph  Heine- 
buch,  Ktfnigl.  Musikdirector.    (S.  1—3.) 

Fitte,  Siegfried:  Kaiser  Heinrich  IV.  und 
die  Humanisten.  I.  1L  (Sonntagsbeil. 
No.   19.  20.  z.  Voss.  Zeitung.) 

Schmitt,  Richard:  Prinz  Heinrich  von 
Preussen  als  Feldherr  im  siebenjahrigen 
Kriege.  II.  Die  Kriegsjahre  1760— 1762. 
Greifswald:  J.  Abel.  8.  VIII,  322  S.  (Tl.  I 
ersch.  1885  als  Greifswalder  Dissert) 

Schmidt,  Berthold:  Graf  Heinrich  VI. 
Reuss  a.  L.,  Der  Held  von  Zeuta.  Grossere 
Ausgabe  mit  Urkundenbelegen.  (II —  V. 
Jahresbericht  des  Vereins  f.  Greizer  Ge- 
schichte  zu  Greiz.    8.    S.  1 — 81.) 

Heinrich-Feier.  Gedenkblatt  an  das  sojahr. 
Amtsjub.  des  Rektors  Claus  Heinrich  am 
1.  IX.  1897.  (Hrsg.  v.  Rekt.  Sell.)  Kiel: 
Lipsius  &  Tischer.    8.    54  S.  m.  Bildn. 

Hertling,  Georg  Frhr.  v.:  Zur  Erinnerung 
an  Johann  Baptist  Heinrich.  Rede,  ge- 
halten  in  der  Schlusssitzung  der  General- 
versammlung  der  Gtfrres-Gesellschaft  zu 
Hildesheim,  am  7.  Oktober  1891.  (G.  Frhr. 
v.  Hertling:  Klein e  Schriften  zur  Zeit- 
geschichte  und  Politik.  Freiburg  i.  B.: 
Herder.    8.  S.  520-538.) 


♦Kohl  schmidt:  Wilhelm  Heinzerling, 
Oberlandesgerichtsrath.  (S.  443.) 

•Brummer,  Franz :  Friedrich  Helbig. 
(S.  251.) 

Grttnhagen,  C:  (Hans  von)  Held  s. 
Zerboni. 

Heemstede,  C.  v.:  Dr.  Friedrich  Wilhelm 
Helle.  Biographisch-litterar.  Skizze  mit 
einigen  nicht  streng  zur  Sache  gehbrigen, 
aber  keineswegs  UberflUssigen  Glossen. 
Heiligenstadt  (Eichsfeld):  F.  W.  Cordier 
8.  63  S.,  1  Bildn.  [Biographien  katholischer 
Dichter  der  Gegenwart.    Bdchn  I.] 

♦Brttmmer,  Franz:  Clementine  Helm, 
Jugendschriftstellerin.   (S.  247—248.) 

Du  Bois-Reymond,  Emil:  Hermann  von 
Helmholtz.  GedBchtnissrede.  Leipzig:  Veit 
&  C    8.   80  S. 

Hen  gs ten  berg,  H.:  Bilder  aus  dem  Leben 
des  Evangelisten  Hengstenberg  nebst 
einem  Anhang  seiner  Gedichte.  Witten  a. 
d.  Ruhr:  Stadtmission.  8.  2  BL,  176  S., 
1  Bildn. 

Lamprecht,  Karl:  Karl  Hengstenberg. 
(K.Lamprecht:  Bilder  von  der  roten  Erde. 
Hamm,  Westf.:  C  Dietrich.  8.  S.  31—47.) 

Bendixen,  Rudolf:  Aloys  Henhdfer.  (R. 
Bendixen :  Bilder  aus  der  letzten  religitfsen 
Erweckung  in  Deutschland.  Leipzig :  Dbrff- 
ling  &  Franke.    8.    S.  191—209.) 

F  r  o  m  m  e  1 ,  Emil :  Dr.  Aloys  Henhdfer.  Ein 
sliddeutsches  Pfarroriginal.  (E.  Frommel: 
Erzahlungea.  Ges.-Ausg.  III.  Stuttgart: 
J.  F.  Steinkopf.   8.   S.  284—374  m.  Bildn.) 

♦Krauss,  Rudolf:  Philipp  Jacob  Wilhelm 
Henke.     S.  96—98.) 

Eggeling,  Otto:  Wilhelm  Henke.  (Geb. 
^34,  gest.  1896.)  (Braunschweig.  Magazin. 
3.  Bd.  4.,  S.  113— 116.) 

Wirkl.  Geh.-R.  Reichsger.-  u.  Senatspr&s.  a.  D. 
Dr.  Henrici:  Lebenserinnerungen  eines 
Schleswig-Holsteiners.  Stuttgart:  Deutsche 
Verlags-Anstalt.    8.    VII,  192  S. 

Herbart  u.  die  Herbartianer.  E.  Beitr.  zur 
Gesch.  d.  Philosophic  und  d.  Padagogik. 
SA.  aus  d.  encyklop.  Handb.  d.  Padagogik 
v.  W.  Rein  in  Jena,  zsgest.  aus  d.  Arbeiten 
v.  Thilo,  FlUgel,  Rein,  Rude.  Langensalza: 
H.  Beyer  &  Sahne.    8.    154  S. 

Hieronymus,  D.:  Herbarts  Regierungund 
Zucht  oder  Welche  Bedeutung  hat  die  von 
Herbart  durchgefUhrte  Unterscheidung  von 
Regierung  und  Zucht  fUr  die  Padagogik, 
und  wie  ist  sie  zu  beurteilen?  Berlin: 
Buchhandlg.  d.  Deutschen  Lehrerzeitung. 
8.    27  S. 

Maerkel,  Paul:  Herbart  und  der  Religions- 
Unterricht  an  hoheren  Lehranstalten.  Progr. 
Berlin:  R.  Gaertner.    4.    28  S. 

N  eh  ring,  Adolf:  Ueber  (Sigmund  Frhr.  von) 
Herberstain    und   (Augustin)  Hirsfogel, 


Biographische  Bibliographic 


19' 


Beitrage  z.  Kenntnis  ihres  Lebens  u.  ihrer 
Werke.  M.  10  Abb.  i.  Text.  Berlin:  F. 
Dttmmler.    8.    VIII,   ioo  S. 

Nehring,  A.:  Hirsfogel's  Beziehungen 
zu  Herberstain's  Werken.  (Repertorium 
f.  Kunstwissenschaft.  20.  Bd.  8.  S.  121  — 
129.) 

Haug,  Eduard:  Herder  s.  Mailer,  Joh. 
Georg. 

Lamprecht,  K.:  Herder  und  Kant  als 
Theoretiker  der  Geschichtswissenschaft. 
(Jahrbiicher  fllr  Nationalbkonomie  u.  Sta- 
tistik.  69.  Bd.;  III.  Folge  14.  Bd.  8.  S.  161 
-203.) 

Nirschl,  Jos.:  Gedachtnis rede  auf  Cardinal 
Joseph  Hergenrother  bei  d.  Enthlillungs- 
feier  seines  Grabdenkmals.  Bregenz:  J.  N. 
Teutsch.    8.    16  S. 

Kirchhoff,  Albrecht:  Michael  Hering's  in 
Hamburg  Verbindungen  mit  Schweden 
(1617).  (Archiv  f.  Geschichte  d.  Deutschen 
Buchhandels.    XIX.    8.    S.  54—  59.) 

Jahne,  Heinrich:  Franz  Herrmann.    (Bio-1 
graphien  bsterreich.  Schulmanner.  Hrsg.  v. 
Franz  Frisch.    Wien:  A.  Pichler's  Wwe  & 
Sohn,  8.  S.  179—186.) 

Autobiographie  et  Journal  de  Mathias 
Hertzog,  d'Egisheim,  communique  par 
M.  l'Abbe  Hoffmann.  A.  M.  P.  Ingold: 
Miscellanea  alsatica.  Ill  serie.  Colmar: 
H.  Huffel;  Paris:  A.  Picard  &  f.  8.  S.  181 

—  1 930 
Z oiling,    Theophil:     Georg    Herwegh    s. 

Wagner,  Richard. 
•Kohlschmidt:  Theodor  Herzog,  Dekan. 

(S.  443—444.) 
Erinnerungen  aus  dem  amtlichen  Leben  des 

Wirklichen     Geheimen     Rats     Dr.     theol. 

Bernhard  Hesse  in  Weimar.  Frankfurt  a,  M.  : 

M.  Diesterweg.    8.    84  S. 
S  utermeister,  Paul:  Aus  dem  Leben  einer 

Verborgenen   (Meta  Heusser-Schweizer). 

1 — 5.     (Die  christl.  Welt.     11.  Jahrg.     4. 

Sp.  332—333.  345—348.) 
Sauren,  Wilh.:  Johann  Wilhelm  Hey,  seine 

Fabeln  und  deren  Verwendung  im  Dienste 

der  Schule.    (Der  Schulfreund.    53.  Jahrg. 

8.    S.  115— 129.) 
Todt:     Wilhelm    Hey,    der    Kinderfreund. 

(Schulblatt   fUr  die  Provinz  Brandenburg. 

62.  Jahrg.    8.    S.  499 — 504.) 
So  m  inert,  Hans:   J(oseph)  Hiebsch.     (Pa- 

dagog.     Blatter     ftlr     Lehrerbildung     und 

Lehrerbildungsanstalten.    26.    Bd.     8.    S. 

755—7570 
•Weltner,    A.   J.:    Franz   Arnold   Hirsch, 

Schriftstellcr.    (S.  341—342.) 
Nehring,   Adolf:    (Augustin)  Hirsfogel  s. 

Herberstain. 
Vctter,  Ferdinand:  f  Ludwig  Hirzel.  (Eu- 

phorion.    4.  Bd.    8.    S.  830—833.) 


Aus  dem  Lebensgang  eines  evangelischen 
Geistlichen  undGelehrtenim  17.U.  18.  Jahr- 
hundert  (d.  i.  Johann  Ludwig  Hocker, 
Prediger  u.  Geschichtschreiber  zu  Kloster 
Heilsbronn  in  Mittelfranken.)  (Ausge- 
wahlte  Selbstbiographien  aus  d.  15.  bis 
1 8.  Jahrh.  Hrsg,  v.  Christian  Meyer. 
Leipzig:  J.  J.  Weber.  8.  S.  187—248. 
Der  Schluss  ist  von  seinem  Schwicger- 
sohn  und  Amtsnachf.  Johann  Ludwig 
Heydenreich.  M.  Bildn.) 

*  Franz  Xaver  Hoermann,  Bildhauer.  (S.  359.) 

•Brtimmer,  Franz :  Nanny  vom  Hof.  (S.  253 
-254.) 

Bendixen,  Rudolf:  Ludwig  Hofacker.  (R. 
Bendixen:  Bilder  aus  der  letzten  religiosen 
Erweckung  inDeutschland.  Leipzig:  DorfT- 
ling  &  Franke.    8.    S.  147—166.) 

Hacker:  E.  H.  Hoffmann  f.  (Deutsche 
Bauzeitung    31.  Jahrg.    4.    S.  106—108.) 

Marx,  A.  B.:  Zur  Beurtheilung  E.  T.  A. 
Hoffmann's  als  Musiker.  (Allg.  Musik- 
Zeitung.    24.  Jahrg.    4.    S.  413— 414,  433 

—434-) 
Berg,   Leo:   Hans  Hoffmann  als  Marchen- 
erzahler.  (Die  Gegenwart.  52.  Bd.  4.  S.  299 

— 30I-) 

Beck,  Fritz:  Die  Errichtung  des  Landgrafl. 
Hessen- Darmstadt.  Kreis- Regiments  i.  J. 
1697  u.  sein  erster  Kommandeur  Hartmann 
Samuel  Hoffmann  von  Lowenfeld.  Fest- 
schrift z.  200 j.  Jubilaum  des  Grosshzgl. 
3.  Infanterie-Rgts.  (Leib-Regiment)  No.  117 
am  10.  Juni  1897.  M.  e.  Titelb.  Darm- 
stadt: Dr.  v.  L.  C.  Wittich.  8.  20  S., 
i   Bildn. 

Schlecht,  Jos.:  Der  Augustiner  Johann 
Hoffmeister  als  Dichter.  (Der  Katholik. 
77.  Jahrg.,  II.    8.    S.  188—192.) 

Pniower,  Otto:  Julius  Hoffory.  (Das  Ma- 
gazin  f.  Literatur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  481 
-487.) 

Eduard  R.  v.  Hofmann  f.  27.  Januar  1837 
bis  27.  August  1897.  (Wiener  Medizinische 
Pressc.    38.  Jahrg.    4.    Sp.  1112.) 

Mittenzweig:  Eduard  von  Hofmann  f. 
(Zeitschr.  f.  Medizinal-Beamte.  10.  Jahrg. 
8.    S.  690.) 

Aus  meinem  Leben.  Aufzcichnungen  des 
Prinzen  Kraft  zu  Hohenlohe-Ingelfingen, 
weiland  General  der  Artillerie  und  Gene- 
raladjutant  Seiner  Majestiit  des  Kaisers 
und  Kttnigs  Wilhelm  I.  Bd.  1.  Vom 
Revolutionsjahr  1848  bis  zum  Ende 
des  Kommandos  in  Wien  1856.  Nebst 
einer  Lebensskizze  und  dem  Bildniss 
des  Verfassers.  Berlin:  E.  S.  Mittler 
&  Sohn.  8.  LIII,  379  S.,  1  Bildn., 
1    Stammtaf. 

♦Kraus,  F.  H.:  Cardinal  Hohenlohe.  (S.  449 
-455-) 

b* 


20* 


Biographische  Bibliographic 


Rust,  Hermann:  Reichskanzlcr  FUrst  Chlod- 
wig  zu  Hohenlohe-SchillingsfUrst  und 
seine  Brtider  Herzog  von  Ratibor  (Prinz 
Victor  Hohenlohe),  Cardinal  Hohenlohe 
(Prinz  Gustav  Adolf  Hohenlohe-Schil- 
lingsfUrst) und  Prinz  Constantin  Hohen- 
lohe. DUsseldorf:  VV.  Deiters.  8.  XL, 
931  S.,  4  Bildn. 

*Edler,  Karl  Erdm. :  Constantin  Prinz  zu 
Hohenlohe-SchillingsfUrst,  erster  Oberst- 
hofmeister  des  Kaisers  von  Oesterreich. 
(S.  176 -191.) 

Miller,  Edm.:  Konradin  v.  Hohenstaufen. 
Mit  6  Illustrationen  und  einem  Titelbl.  von 
Karl  Behr,  sowie  1  Plane  des  Schlacht- 
feldes  v.  Tagliacozzo.  Berlin :  E.  Ebering. 
8.  108  S.  m.  2  Stammtaf.  [Lebensbilder 
aus  der  Geschichte.    I.] 

Kclterborn,  Rudolf:  Hans  Holbein.  Sitten- 
und  Lebensbild  aus  der  Reformations- 
zeit.  Leipzig  u.  Zurich:  Th.  Schroter.  8. 
112  S. 

Meissner,  Franz  Hermann:  Hans  Holbein 
der  jUngere.  Eine  Studie.  (Westermanns 
Illustr.  Deutsche  Monatshefte.  81.  Bd.  8. 
S.  314 — 329,  465—477  mit  Bildern  und 
Abbildg.) 

Aus  der  Selbstbiographie  des  Elias  Holl. 
(Ausgewahlte  Selbstbiographien  aus  d.  15. 
bis  18.  Jahrh.  Hrsg.  v.  Christian  Meyer. 
Leipzig:  J.J.Weber.  8.  S.  153—186  m. 
1   Bildnisstaf.) 

Bernhard  v.  Holleben  gen.  v.  Normann  f. 
Kdniglich  Sachsischer  General  der  Infan- 
terie  z.  D.  *  30.  Juli  1824  zu  Unter-K6ditz 
in  Schwarzburg-Rudolstadt,  f  n.Oktober 
1897  zu  Dresden.  (Militar- Wochenblatt. 
82.  Jahrg.    2.  Bd.    4.    Sp.  2543—2545.) 

Zum  Gedachtnis  Karl  Holsten's.  (Der  Pro- 
testant.   1.  Jahrg.    4.    Sp.  137— 139.) 

H  aus  rath,  Adolf:  Karl  Holsten.  Worte  der 
Erinnerung,  gesprochen  bei  der  Gedacht- 
nisfeier  am  29.  Januar  in  d.  Aula  d.  Uni- 
versitat  zu  Heidelberg.  Heidelberg:  O. 
Petters.    8.    15  S. 

Hbnig,  Wilhelm:  Rede  am  Sarge  Karl  Hol- 
sten's. (Protestantische  Monatshefte. 
1.  Jahrg.    8.    S.  77—  81.) 

Mehlhorn,  P.:  Zum  Gedachtnis  Karl  Hol- 
sten's.  1  — III.  (Der  Protestant.  1.  Jahrg. 
4.    Sp.  215-218,  231—233,  248—251.) 

S torch,  O.:  Karl  von  Holtei.  Ein  Gcdenk- 
blatt  zum  24.  Januar  1898.  Waldenburg 
i.  Schl.:  G.  Knorrn.    8.    108  S. 

•Guglia,    E.:     Johann    Jacob    Honegger. 

(S.  38-40.) 

♦BrUmmer,  Franz :  Wilhelm  Honore.  (S.254.) 

Herzogl.  braunschweig.  Gcheimer    Kammcr- 

rat    Ludwig    Wilhelm    Horn    f.      (Forst- 

wiss.  Centralbl.    N.  F.   19.  Jahrg.  8.  S.  343 

-  345-) 


Ludwig  Wilh.  Horn  (Geh.  Kammerrath)  f. 

(Centralblatt    f.  d.  gesammte   Forstwesen. 

23-  Jahrg.    8.    S.  338-  339  m.  Bildn.) 
f  Geheimer  Kammerrat   Wilhelm  Horn  aus 

Braunschweig.     (Deutsche    Forst-Zeitung. 

XII.  Bd.  8.  S.  268.) 
Wilhelm  Horn  und  Bruno  Ey  ferth  f.  (Braun- 

schweigisches  Magazin.    3.  Bd.    4.    S.  129 

-I3I-) 
Weinitz,  Franz:  Theodor  Hosemann.  E. 
kunstgesch.  Studie  z.  Erinnerung  an  die 
90ste  Wiederkehr  d.  Tages  seiner  Geburt. 
Berlin.  8.  21  S.  m.  Bildn.  (S.  A.  aus: 
Schriften  d.  Ver.  f.  d.  Gesch.  Berlins.  H. 

340 

Parisius,  Ludolf:  Leopold  Frciherr  von 
Hoverbeck(geboren  i822tgestorben  1875). 
Ein  Beitrag  z.  vaterland.  Geschichte.  Tl.  1. 
M.  3  Bildnissen.  Berlin:  J.  Guttentag.  4  BL, 
224  S.,  3  Bildn.,  1  Facs, 

♦Walzel,  Oskar  F.:  Rudolf  Graf  Hoy os. 
(S.  142—147.) 

•Scheuermann,  W.:  Rudolf  C.  Huber, 
Maler.    (S.  268—274.) 

Geiger,  Ludwig:  Aus  Therese  Hubers 
Herzensleben.  (Westermanns  Illustr.  Deut- 
sche Monatshefte.  81.  Bd.  8.  S.  623— 642, 
714 — 725  m.  Bildn.  u.  Abb.) 

Gedan,  Paul:  Johann  Christian  Huttner. 
Ein  Beitr.  z.  Gesch.  d.  Geographic  (Mit- 
teilungen  d.  Ver.  f.  Erdkunde  zu  Leipzig. 
8.    S.  1  —  370 

Zur  Erinnerung  an  die  Feier  des  25jahr. 
Jubilaums  des  Herrn  Pfarrer  H.Hugendubel 
an  der  Nydeckkirche  in  Bern.  Sonntags 
u.  Montags,  d.  14.  u.  15.  II.  1897.  Bern: 
K.  J.  Wyss.    8.    39  S.  m.  Bildn. 

♦Conze:    Carl  Humann.    (S.  369—377.) 

Dr.  Martin  Luthers  Freundschaft  mit  Ulrich 
von  Hutten  s.  Luther. 

Roth,  F.  W.  E.:  Johann  Huttich.  (Eupho- 
rion.    4.  Bd.    8.    S.  772—789.) 

H  a  r  t  s  t  e  i  n,  Rudolf:  Friedrich  Ludwig Jahn's 
Staatsexamen.  Ein  Beitrag  zur  Lebens- 
geschichte  des  Turnvaters.  (Monatsschrift 
f.  d.  Turnwesen.  16.  Jahrg.  8.  S.  97— 106, 
196  —  203.) 

M tiller,  Ant.:  Zur  Geschichte  (Wenzel)  Jam- 
nitzers.  (Gorres-Gesellschaft.  Historisches 
Jahrbuch.    18.  Bd.    8.    S.  857—863.) 

♦Briimmer,  Franz:  Franziska  Jarke.  (S.259 
— 260.) 

Spielmann,  C:  Karl  v.  Ibell.  Lebensbild 
e.  deutschen  Staatsmanns.  1780 — 1834.  Mit 
zahlr.  urkundl.  u.  brief!.  Beilagen,  1  Stamm- 
taf. u.  1  Bildn.  in  Heliograv.  Wiesbaden : 
C.  W.  Kreidel.    8.    XI,  271   S. 

Jehle,  Frdr.,  Stadtpfr.:  Antrittspredigt  — 
m.  Leberkslauf  —  in  der  Friedenskirchc  zu 
Stuttgart  geh.  Stuttgart :  Evangel.  Gesellsch. 
8.    16  S. 


Biographische  Bibliographic. 


2V 


Sander,  Herm. :  Zur  Erinnerung  an  Jakob 

Jehly.  Innsbruck:  Wagner.  8.  31  S. 
Riedhauser,  J.  R. :  Georg  Jenatsch.  Bio- 
graphische Skizze  mit  cinem  An  hang: 
Historische  Gedichte.  Zum  30ojahr.  Ge- 
burtstag  desselben.  Davos:  H.  Richter. 
8.  62  S. 
Fulda,  Ludwig:  Wilhelm  Jensen  als  Lyri- 
ker.  Zu  seinem  60.  Geburtstag.  (Sonntags- 
beil.  No,  7  z.  Voss.  Zeitung.) 

Jacobowski,  Ludwig:  Wilhelm  Jensen. 
(Das  Magazin  f.  Literatur.  66.  Jahrg.  4. 
Sp.  161— 164.) 

Sosnosky,  Theodorvon:  Wilhelm  Jensen. 
(Blatter  f.literar.Unterhaltung.  Jahrg.  1897, 
I.    4.    S.  97— 100.) 

Frisch,  Franz:  Asm  us  Christian  Jessen. 
(Biographien  osterreich.  Schulmanner.  Hrsg. 
v.  F.  Frisch.  Wicn:  A.  Pichler's  Wwe  & 
Sohn.    8.    S.  187—195.) 

•Brummer,  Franz :  Albert  Ilg,  Kunstschrift- 
stellcr.     (S.  417—418.) 

Meyer,  Richard  M.:  Karl  Immermann. 
(R.  M.  Meyer :  Deutsche  Charaktere.  Ber- 
lin: E.  Hofmann  &  C.    8.    S.  120—127.) 

Minor,  J.:  Epilog  zum  Jubilaum  Immer- 
manns.  (Das  Magazin  f.  Literatur.  66. 
Jahrg.    4.    Sp.  7S9-76I.) 

W.  H.  Jobelmann,  geboren  am  3.  Oktober 
1800,  gestorben  am  14.  August  1878.  (W. 
H.  Jobelmann  u.  W.  Wittpenning:  Ge- 
schichte  der  Stadt  Stade.  Neubearb.  v.  M. 
Bahrfeldt.  Stade :  Dr.  v.  A.  Pockwitz.  8. 
S.  XI-XII.) 

Kuhlmann:  Jobstharde,  der  »Tersteegen 
Ravensbergs*.  (Ein  Bauersmann  nach  dem 
Herzen  Gottes.)  (Zeugen  und  Zeugnisse 
aus  d.  christl.-kirchl.  Leben  von  Minden- 
Ravensberg  im  18.  u.  19.  Jahrh.  2.  Heft. 
Gadderbaum  b.  Bielefeld:  Anst.  Bethel. 
8.    S.  5-17.) 

Baumgarten,  Hermann,  u.  Ludwig  Jolly: 
Staatsrainister  (Julius)  Jolly.  Ein  Lebens- 
bild.  Tubingen:  H.  Laupp.  8.  VII, 
294  S. 

Brandes,  Wilhelm:  Aus  den Aufzeichnungen 
des  Staatsministers  Jolly.  (Die  Gegenwart. 
52.  Bd.    4.    S.  38-41.) 

Klages,  Ludwig:  Wilhelm  Jordan.  (Die 
Gegenwart.    51.  Bd.    4.    S.  68— 71.) 

Bright,  J.  Frank:  Josef  II.  London: 
Macmillan  &  C.  8.  222  S.  [Foreign  States- 
men.] 

Magnette,  F.:  Joseph  II.  et  la  liberte  de 
l'Escaut.  La  France  et  l'Europe.  Brlissel: 
Lebegue  &  C.  II,  254  S.  [Bd.  55  der 
Schriften  der  kgl.  belg.  Akademie.J 

Erinnerung  an  Gottfried  Ischer,  Pfarrer  in 
Mett  1832 — 1896.  Der  Kirchgemeinde  Mett 
gewidmet  v.  einigen  Freunden.  Biel:  (E. 
Kuhn).    8.    16  S.  m.  Bildn. 


♦Schlenther,     Paul:    Marie    Kahle    geb. 

Kessler.     (S.  294 — 296.) 
Ilwof,  Frz.:    Franz  Freiherr  v.  Kalchberg 

(1807—1890).     Sein   Leben   und  Wirken 

im  Standewesen    der  Steiermark    und   im 

Dienste  des  Staates.     Graz:  U.  Moser.    8. 

72  S. 
v.  Danckelmann,    Eberhard   Frhr:    Kant 

als  Mystiker?!    Eine  Studie.    Leipzig:  H. 

Haacke.    8.    24  S. 
Katzer:   Kants  Bedeutung  f.  d.  Protestan- 

tismus.  Leipzig:  J.  C.  B.  Mohr.    8.     50  S. 

[Hefte  z.  Christlichen  Welt    30.] 
Kronenberg,  M. :  Kant.    Sein  Leben  und 

seine  Lehre.  Mtinchen:  C.  H.  Beck.  8.  VII, 

312  s. 
Lamprecht,  K.:  Kant  s.  Herder. 
•Wolkenhauer,    W.:     Dr.    Ernst    Kapp. 

(S.  368.) 
Wehrmann,  M.:  Kaiser  Karl  IV.  in  seinen 

Beziehungen  zu  Pommern.   (Monatsblatter. 

Hrsg.  v.  d.  Ges.  f.  Pommersche  Gesch.  u. 

Alterthumskunde.    11.  Jahrg.    8.    S.  113— 

121,   130-139,   152  — 157-) 

Karl  V.  und  die  Fugger.  (Die  Grenzboten. 
56.  Jahrg.    I.    8.    S.  520—526.) 

Fitte,  Siegfried:  Kaiser  Karl  VII.  (Sonn- 
tagsbeil.  No.  32  z.  Voss.  Zeitung.) 

Aus  dem  Leben  Ktfnig  Karls  von  Ru- 
manien.  Aufzeichnungen  eines  Augen- 
zeugen.  3.  Bd.  Stuttgart:  J.  G.  Cotta.  8. 
IV,  502  S. 

Los-erth,  J.:  Erzherzog  Karl  II.  und  die 
Frage  der  Errichtung  e.  Klosterrathes  f. 
Innerttsterreich.  Nach  d.  Acten  d.  steier- 
mark. Landesarchivs.  [Aus:  Archiv  fUr 
osterr.  Gesch.]  Wien:  C.  Gerold's  Sohn  i. 
K.    8.    97  S. 

Wastler,  Josef:  Erzherzog  Karl  (II,  Herzog 
v.  Steiermark).  (J.  Wastler:  Das  Kunst- 
leben  am  Hofe  zu  Graz  unter  den  Her- 
zogen  von  Steiermark,  den  Erzherzogcn 
Karl  und  Ferdinand.  Graz:  Selbstv.;  Univ.- 
Buchdr.  »Styria*.    8.    S.  15—90.) 

Baurath  Fr.  Katz  f.  (Centralblatt  d.  Bau- 
verwaltung.    17.  Jahrg.    4.    S.  272.) 

♦Posner:  August  Kekule,  Chemiker.  (S.412 
-414.) 

Eine  Selbstbiographie  Gottfried  Kellers  aus 
dem  Jahre  1847.  Mit  einem  Brief  an 
Staatsarchivar  Gerold  Meyer  von  Knonau. 
Veroffentlicht  von  Baechtold.  (Sonntags- 
blatt  des  »Bund«  No.  1.) 

Baechtold,  Jak.:  Gottfried  Keller's  Leben. 
Seine  Briefe  u.  Tagebtlcher.  3.  (Schluss-) 
Bd.:  1861  — 1890.  Berlin:  W.  Hertz.  8. 
1  Bl.,  671  S. 

Fasslcr,  Osc:  Drei  Essais.  Gottfried  Kel- 
ler. —  Nikolaus  Lenau.  —  Der  Stil.  St. 
Gallen:  Fehr.    8.    Ill,  66  S. 

Huber,  Hans  H.:  Gottfried  Keller  in  seinen 


\1 


22* 


Biographische  Bibliographic 


Briefen.  (Die  Gegen wart  51.  Bd.  4.  S.  150 

-1 55-) 
Kinzel,   Karl:    Gottfried  Keller  und  seine 

Novellen.  (Die  Grenzboten.    56.  Jahrg.    I. 

8.    S.  444— 451,  488—498,  526—542.) 
Nccker,  Moritz:  Zur  Beurtheilung  Gottfried 

Keller's.  (Blatter  fttr  lite  ran  Unterhaltung. 

Jahrg.  1897.    n.    4.    S.  513—516.) 
Necker,  Moritz:  Gottfried  Kellers  Leben. 

(Blatter   ftir  literar.  Unterhaltung.     Jahrg. 

1897,    I.    4.    S.  241  —  243,  261—264.) 
Schott,    Sigmund:   Aus  Gottfried  Kellers 

Leben.    (Beilage  zur  [Mflnchener]  Allgem. 

Zeitung  No.  81—82.) 
Lebensblatter.    Erinnerungen  aus  der  Schul- 

welt  v.  Dr.  L.  Kellner,  weiland  Geh.  Re- 

gierungs-  und  Sen ul rath.     M.  d.  Bilde  d. 

Vfs.    3.  Aufl.    (Unverand.  Abdr.  d.  2.,  er- 

ganzten  Aufl.)  (Hrsg.  v.  Prof.  Dr.  K.  A.  H. 

Kellner.)  Freiburg  i.  B. :  Herder.  8.  VII  S., 

2  Bl.,  606  S.,  I  Bildn. 
Leineweber,    H.f    und  A.  Gdrgen:    Dr. 

Lorenz  Kellner.  Ein  Gedenkbuch  fUr  seine 

F  reunde  und Verehrer.  Heiligenstadt  (Eichs- 

feld):  F.  W.  Cordier.     8.     VIII,   330  S., 

1  Bl.,  2  Bildn.,  2  Taf. 

Kttmmel,  Konrad:  Eugen  Keppler  f.  (Ar- 
chiv  ftir  christliche  Kunst.  XV.  Jahrg. 
8.   S.  45-49,  59-62.) 

Krauss,  Rudolf:  Justinus  Kerner.  (Blatter 
fUr  literar.  Unterhaltung.    Jahrg.  1897,    II. 

4.  s.  769-772.) 

•Puschmann,  Th.:  Josef  von  Kerschen- 
steiner.   (S.  351—352.) 

v.  Hertling,  GeorgFrhr:  Bischof  Ketteler 
und  diekatholische  Socialpolitikin  Deutsch- 
land.  Vortrag.  (Histor.-polit.  Blatter  f.  d. 
kathol.  Deutschland.  120.  Bd.  8.  S.  873— 
900.) 

Hans  Adolph  Kiehne,  von  1871  bis  1883 
Missionar  in  Indien.  Hermanns  burg:  Mis- 
sionshandlung.  8.  20  S.  [Kleine  Hermanns- 
burger  Missionsschriften.    No  16.] 

Johann  Tobias  Kiessling.  [Aus  der  Er- 
weckungszcit  derbayerischen  Landeskirche. 
II.]  (Allg.  Evangel.-Lutherische  Kirchen- 
zeitung.    30.  Jahrg.    4.    Sp.  31—  35.) 

Jahne,  Heinrich:  Ferdinand  Kindermann 
Ritter  von  Schulstein.  (Biographicn  oster- 
reich.  Schulmanner.  Hrsg.  v.  Franz  Frisch. 
Wien:  A.  Pichler's  Wwe  &  Sohn.  8.  S.  30 

-550 
Mau:    Rede    zur  Begrabnisfeier  des   Herrn 
Johannes  Kipp.    Kiel:  (Chr.  Donath.)    8. 

2  Bl. 

Der  Fall  des  Professors  v.  Kirchenheim  in 
seiner  Bedeutung  f.  das  badische  Beamten- 
tum  u.  die  politischen  Parteien  Badens. 
Pforzheim :  E.  Haug.    8.    32  S. 

[Burger,  Conrad:]  Herrn  Dr.  Albrecht 
Kirchhoff  zur  Feier  des  70.  Geburtstages 


am  30.  Januar  1897.    Leipzig:  Dr.  v.  Ramm 

&  Seemann.     8.  23  S.,  1  Bildn.     (SA.  aus 

dem  Btirsenblatt  f.  d.  Deutschen  Buchhandel 

1897,  No.  24.) 
M  tt  n  z ,  Bernhard :  Fried  rich  Kirchner.  (Briefe 

von  und  fiber  Jakob  Frohscharamer.    Hrsg. 

v.  B.  Munz.     Leipzig:    G.  H.  Meyer.     8. 

S.  31—  41.) 
•Pagel:  Moritz  Kirstein,  Arzt  u.  Geh.  Sa- 

nitatsrath.     (S.  154.) 
♦Pagel:  Philipp  Jacob  Johann  Leo  Klein, 

Arzt  u.  Geh.  Sanitatsrath.     (S.  154 — 155.) 
Franz  Heinrich  Kleinschmidt,  Ein  Missions- 

leben  aus  Sttd-Afrika.     3.  Aufl.     Barmen: 

Missionshaus.    8.    68  S.    [Rheinische  Mis- 

sions-Schriften.    No.  81.] 
Minde-Pouet,  Georg:  Heinrich  von  Kleist. 

Seine    Sprache    und    sein   Stil.     Weimar: 

Felber.    8.    VIII,  302  S. 
M  i  n  d  e  -Pouet,  Georg :  Zu  Heinrich  von  Kleist, 

(Euphorion.    4.  Bd.    8.    S.  537  —  545-) 
Sadger,    J.:    Heinrich  von   Kleist.     Eine 

pathologische    Studie.      (Die    Gegen  wart. 

52.  Bd.    4.    S.  149-153,  169—173.) 
Finanzrath  Otto  Klette  in  Dresden  f.    (Deut- 
sche Bauzeitung.    31.  Jahrg.    4.    S.  571  — 

572,  599—000.) 
Horn,  D. :    Georg  Klingenberg  und  seine 

Schulgemeinde.  Ein  Bild  aus  d.  niederrhein. 

Schulleben.  Vortrag.  [Aus :  Evang.  SchulbL] 

GUtersloh:  C.  Bertelsmann.    8.    24  S. 
Aus  Maximilian  Klingers  I^eben.  (Die  Grenz- 

boten.    56.  Jahrg.    IV.    8.    S.  29—36.) 
Merian,  Hans:  Max  Klinger.   (Die  Gesell- 

schaft.    Jahrg.   1897,    I.    8.    S.  84—99  m« 

Bildn.) 
Vogel,  Jul.:  Max  Klinger.    [Aus:  Zeitschr. 

f.  bildende  Kunst.].  Leipzig,  Seemann  &  C. 

4.    14  S.  m.  2  Taf. 
Schmidt,  Gg.:  Hans  Kaspar  von  Klitzing 

der  erste  Brandenburgische  General.  Nach 

ungedruckten  Quellen.     M.  3  Abb.    (Der 

Bar.    23.  Jahrg.    4.    £•  558-5^0 
Schmalenbach,  Th.:  Der  alte  Valentin 

(d.  i.  Johann  Heinrich  Kldpper).    (Zeugen 

und  Zeugnisse  aus  d.  christl.-kirchl.  Leben 

von  Minden-Ravensberg  im  18.  u.  19.  Jahrh. 

2.  Heft.  Gadderbaum  b.  Bielefeld:  Anst. 
Betheit    8.    S.  95— 107.) 

Schulz,  W.:  Die  Wiege  eines  Geistesheros 
(Fr.  Gottl.  Klopstock).  (DerBar.  23.  Jahrg. 
4.    S.  128-131.) 

Werneke,  Bernh.:  F.  G.  Klopstock.  (F. 
G.  Klopstock:  Ausgewiihlte  Oden  und  Ele- 
gieen  nebst  einigen  BruchstUcken  aus  d. 
Messias.  M.  erkl.  Anm.  u.  e.  Biographie 
des  Dichters  herausg.  v.  Dr.  B.  Werneke. 

3.  Aufl.  Paderborn:  F.  Schoningh.  8. 
[Schoninghs  Ausgaben  deutscher  Klassiker. 
Bd.  12.]) 

Verus,  Just:  Vater  Kneipp,  sein  Leben  u. 


Biographiscbe  Bibliographic. 


23' 


sein  Wirken.     M.  e.  Anh.  Uber  s.  letzten 

Lcbenstage,  die  Beisetzungsfeierlichkeiten 

u.  d.  Zukunft  Wtfrishofens.     Kemp  ten:  J. 

KoseL  8.  Ausg.  A.  2.  Aufl.  76  S.m.Bildn.; 

Ausg.  B.    2.  Aufl.    167  S.  m.  Bildn. 
SagmUller:  Prof.  Dr.  Franz  Quirin  von  Ko- 

ber,   geb.  6.  Marz  1821,   gest.  25.  Januar 

1897.      (Archiv    f.    kathol.    Kirchenrecht. 

67.  Bd.;  3.  Folge.  Bd.  1.  8.  S.  417—421.) 
Sagmliller:   Zur  Erinnerung  an  Prof.  Dr. 

Franz  Quirin  von  Kober.    (Tbeologische 

Quartalschrift.  79.  Jahrg.  8.  S.  569  — 579.) 
Rudolf  Kdgel.  [Rudolf  Ktfgel,  Emil  Frommel, 

Wilhelm  Baur.  J.]  (Allg.  Evangel. -Lutheri- 

sche  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  237 

-239.) 
Hoffmann,  P.:  Rudolf  Kogel  als  Dichter. 

(Die  christl.  Welt    11.  Jahrg.    4.   Sp.  258 

— 262.) 
•Kohlschmidt:  Rudolph  K5gel.     (S.  285 

-287.) 
Mayer:  Zum  GedSchtnis  von  Rudolf  Kftgel. 

(»Halte  was  du  hast«.   XX.  Jahrg.   8.    S.  20 

-35.) 

Sellin:  August  Kdhler.  Nekrolog.  (Neue 
Kirchl.  Zeitschrift.    8.  Jahrg.     8.     S.  273 

-  2970 

•Poten,  B.:  Karl  Heinrich  Gustav  Kdhler, 
Kftnigl.  Preuss.  Generallieutenant  z.  D. 
(S.  106—107.) 

Edgar  Koenig  f.  (Oesterreichisch-ungarische 
Buchdrucker-Zeitung.  XXV.  Jahrg.  4.  S.459 

—  460.) 

Hoffmann,  Adalbert:  Neues  aus  dem  Le- 
ben  von  (Theodor)  Kdrner.  (A.  Hoffmann : 
Deutsche  Dichter  im  schlesischen  Gebirge. 
Warmbrunn:  M.  Leipelt.  8.  S.  89  —  136 
m.  Bildn.) 

Der  Oberkirchenrat  und  Pfarrer  K5tzschke. 
Eine  Darstellung  des  Disziplinarverfahrens 
gegen  Herrn  Pastor  KOtzschke  zu  Sanger- 
hausen.  Hrsg.  unter  Mitw.  mehrerer  Mit- 
glieder  eines  bes.  Ausschusses  d.  St.  Ulrichs- 
gemeinde  zu  Saogerhausen  v.  P.  Scheven. 
Erfurt:  W.  Wellendorf  &  Sohn.    8.    77  S. 

Kornhuber,  Andr. :  Zur  Erinnerung  an 
Josef  Kolbe  (n.  Mai  1825  —  27.  Februar 
1897).  (Zeitschrift  f.  d.  Realschulwesen. 
XXII.  Jahrg.  8.  S.  321—348  m.  Bildn.) 
(Auch  bes.  ersch.) 

Bildhauer  Prof.  Karl  Kopp  f.  (Deutsche 
Bauzeitung.    31.  Jahrg.   4.   S.  128.) 

Daun,  Berthold:  Adam  Krafft  und  die 
Ktlnstler  seiner  Zeit.  Ein  Beitrag  zur 
Kunstgeschichte  Niirnbergs.  M.  48  Licht- 
druckbildern  auf  10  Taf.  Berlin:  W.  Hertz. 
8.    1  Bl.,  X,   143  S.,  10  Taf. 

Daun,  Berthold:  Noch  etwas  Uber  Adam 
Krafft.  (Repertorium  f.  Kunstwissenschaft. 
20.  Bd.    8.    S.  366—3730 

Geheimer  Baurath  Theodor  Krancke  f.  (Cen- 


tralblatt  d.   Bauverwaltung.    17.  Jahrg.  4. 

S.  67.) 
Alfred     Krasselt.     (Musikal.     Wochenblatt. 

28.  Jahrg.    4.    S.  362—363  m.  Bildn.) 
Berling,  K.:   Der  Kursachsische  Hofbuch- 

binder    Jakob    Krause.    Mit    Unterst.    d. 

Kttnigl.  Ministeriums  d.  Innern.   Dresden: 

W.  Hoffmann.    4.    18  S.,    1  Bl.,    i4  Taf. 
Ernst  Kreidolf.    (Der  Kunstwart.    10.  Jahrg. 

4.  S.  123— 124.) 

Klinkhardt,    Fr.:    Gerhard   Kremer  gen. 

M creator.  Ein  Beitrag  zur  Wttrdigung  des 

Reform  a  tors  der  Kartographie.    (P&dagog. 

Blotter  f.  Lehrerbildung  u.  Lehrerbildungs- 

anstalten.     XXVI.  Bd.    8.    S.  63—70.) 
Gymnasialrektor    Dr.    Kreussler    f.     (Allg. 

Evan  gel. -Lutherische   Kirchenzeitung.    30. 

Jahrg.    4-    Sp.  246—249.) 
Noch   eine  Erinnerung  an  f  Professor   Dr* 

Otto    Kreussler.    (Allg.    Evangel.-Luthe- 

rische  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  395 

-396.) 
Geh.  Baurath  Eduard  Kreyssig  f-   (Central- 

blatt     d.    Bauverwaltung.     17.   Jahrg.     4. 

5.  127.) 

Grimm:  Geheimer  Baurath  Kreyssig  f. 
(Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4.  S.  164, 

174-17SO 

P  rest  el,  J.:  Eduard  Kreyssig,  Stadtbau- 
meister  in  Mainz.  (Centralblatt  d.  Bau- 
verwaltung.    17.  Jahrg.    4.    S.  187—188.) 

Eitner,  Rob.:  Adam  Krieger.  (Monats- 
hefte  f.  Musik-Gescb.  29.  Jahrg.  8.  S.  45 
—49,  61—66,  78-83,  112- 114.) 

Eitner,  Rob.:  Johann  Philipp  Krieger. 
(Monatsbefte  f.  Musik-Gesch.  29.  Jahrg. 
8.    S.  114— 117.) 

•Meyer,  Alexander:  Adolph  Krdber,  demo- 
kratischer  Reichstagsabgeordneter.  S.  197 
—  199.) 

Franz  Krolop,  Ktinigl.  preuss.  Kammer-  u. 
Hofopernsanger,  Lehrer  an  d.  K5nigl. 
Hocbschule  f.  Musik.  (Chronik  d.  Kttnigl. 
Akad.  d.  Ktinste  zu  Berlin.  1896/97.  8.  S.85.) 

Bogle r,  W.:  Hartmuth  von  Kronberg. 
Eine  Charakterstudie  aus  der  Refonnations- 
zeit.  M.  Bildn.  Halle :  Ver.  f.  Reformations- 
gesch. ;  Commv.  v.  M.  Niemeyer.  8.  VI  S., 
1  Bl.,  96  S.,  1  Bildn.  [Schriften  d.  Vereins 
f.  Reformationsgesch.  No  57.] 

Adalbert  Krueger.  (Nekrolog.)  (Deutsche 
Rundschau  f.  Geographie  u.  Statistik. 
19.  Jahrg.  Wien,  Pest,  Leipzig:  A.  Hart- 
leben.    8.    S.  134—135  m.  Bildn.) 

♦Dr.  Daniel  Friedricb  Kriiger,  ausserordentl. 
Gesandter  u.  bevollmachtigter  Minister 
derFreien  u.  Hansestadte  in  Berlin.  (S.216.) 

Friedrich  Adolf  Krummacher.  [Bilder  aus 
der  Erweckungsgeschichte  des  religibs- 
kirchlichen  Lebens  in  Deutschland  in 
diesem  Jahrhundert.    4.]    (Allg.  Evangel.- 


24* 


Biographische  Bibliographic 


Lutherische  Kirchenzeitung.   30.  Jahrg.   4. 

Sp.  748-752.  775-778,  798—802,  820 

-823.) 

Bendixen,  Rudolf#:  Fried  rich  Adolf  Krum- 
macher.  (R.  Bendixen:  Bilder  aus  der 
letzten  religi&sen  Erweckung  in  Deutsch- 
land.  Leipzig:  Dttrffling  &  Franke.  8. 
S.  3*8—361.) 

♦Ratzel,  F.:  Johann  Stanislaus  Kubary, 
Reisender  u.  Ethnograph.  (S.  324—325.) 

(Carl  Frhr)  Kubeck  (v.  Kttbau)  u.  Metter- 
nich.  Denkschriften  und  Briefe.  Hrsg. 
v.  Adolf  Beer.  [Denkschriften  d.  kaiserl. 
Akademie  d.  Wissenschaften.  Philos.- 
histor.   Classe.   45.  Bd.    4.    157  S.] 

Kiihne,  Kathe,  Miss.-Lehrerin :  Tagebuch- 
blatter,  beschrieben  wabrend  der  J.  1891 
bis  1895  in  Sttdafrika.  2.  Aufl.  Berlin: 
Evang.  Missionsges.    8.    no  S.    m.  Abb. 

Zum  Gedachtnis  an  den  Heimgang  des 
Pfarrers  Karl  Kuhlmann,  Hirten  u.  Seel- 
so  rgers  der  evang.-lutheriscben  Gemeinde 
zu  Werther,  gest.  am  9.  Januar  1897. 
Gadderbaum  b.  Bielefeld :  Schriften-Nieder- 
lage  d.  Anstalt  Bethel.    8.    40  S.  einschl. 

1  Bildn. 

♦Poten,  B.:  Franz  Freiherr  Kuhn  von 
Kuhnenfeld,  K.  u.  K.  Feldzeugmeister. 
(S.  104—106.) 

Kuhlmann:  Karl  Ludwig  Kunsemiiller 
und  die  Erweckungszeit  im  Kreise  Lub- 
becke  und  besonders  in  der  Gemeinde 
Oldendorf.  (Zeugen  und  Zeugnisse  aus  d. 
christl.-kirchl.  Leben  von  Minden-Ravens- 
berg  im  18.  u.  19.  Jahrh.  2.  Heft.  Gadder- 
baum b.  Bielefeld:  Anst.  Bethel.  8.  S.  36 

-490 
Seraphim,   Ernst:    Der    Feldoberst    Klaus 
Kursell  und   seine  Zeit.    Ein  Bild  Esth- 
lands    in    der    ersten    Zeit    schwedischer 
Herrschaft.    Reval:    F.    Kluge.    8.    X  S., 

2  BL,    168  S.t    3   Bl.     [Bibliothek    Liv- 
landischer  Geschichte.    Bd.  1.] 

Bienenstein,  Karl:  Isolde  Kurz.  (Die 
Gegenwart.    51.  Bd.    4.    S.  328  —  331.) 

Krauss,  Rudolf:  Isolde  Kurz.  (Deutsche 
Rundschau.    92.  Bd.    8.    S.  300—303.) 

•Friedjung,  Heinrich:  Josef  Freiherr  von 
Kutschera  -  Eichlandt    (S.  131.) 

♦Kohlschmidt:  Otto  de  la  Croix,  Dr. 
thcol.,  Consistorialprasident  u.  Oberregie- 
rungsrath.     (S.  441.) 

Web  sky,  Julius:  Georg  Langin  f.  (Pro- 
testant. Monatshefte.  I.  Jahrg.  8.  S.  419 
—420.) 

Web  sky,  J.:  Georg  Langin  f.  (Der  Pro- 
testant.   1.  Jahrg.    4.   Sp.  728—730.) 

Meyer,  Richard  M.:  Paul  de  Lagarde.  (R. 
M.  Meyer:  Deutsche  Charaktere.  Berlin: 
E.  Hofmann  &  C.    8.    S.  197-212.) 

*  G  o  1 1  h  e  r ,  W. :  Ludwig  Laistner.    (S.  1 42.) 


•Lamey,  D.:  August  Lamey.  (S.  266—268.) 

*  Ferdinand  Freiherr   von  Lamezan,    deut- 

scher  Generalkonsul  in  Antwcrpen.  (S.  210 
—211.) 

Rudolf  Lange  und  die  Feier  seines  80.  Ge- 
burtstages.  (M.2Abb.)  (Der Bar.  23.  Jahrg. 
4.    S.  292 — 294.) 

Aus  dem  Leben  des  Oberforstmeisters  (Jo- 
hann Georg)  von  Langen.  (Deutsche 
Forst-Zeitung.    12.  Bd.    8.    S.  650—652.) 

•Holland,  H.:  Diedrich  Langko,  Land- 
schaftsmaler.    (S.  53—54.) 

Seilliere,  Ernest:  Etudes  sur  Ferdinand 
Lassalle,  fondateur  du  parti  socialiste 
allemand.  Paris:  E.  Plon,  Naurrit  &  C 
8.    XVI,  398  S.,  1  Bl. 

Erinnerungen  an  Josef  Freiherrn  von  Lass- 
berg.  (Monatsblatter  f.  deutsche  Literatur- 
gesch.    I.  Jahrg.    8.    S.  258—266.) 

*  Hans  Lassen,  Gutsbesitzer,  fruherer  preuss. 

Landtagsabgeordneter.  (S.  218.) 

Will,  C:  Paul  Joseph  Laux.  (Nekrolog.) 
(Verhandlungen  d.  histor.  Vereines  der  Ober- 
pfalz  u.  Regensburg.  49.  Bd.  8.  S.  285 — 
287.) 

Funck,  Heinrich:  Lavater  und  Cagliostro. 
(Nord  und  Sttd.    83.  Bd.    8.    S.  41— 63.) 

Haug,  Eduard:  Aus  dem  Lavater* schen 
Kreise  s.  M  it  1 1  e  r ,  Joh.  Georg. 

MUller,  Gust  Adf:  Aus  Lavaters  Brief- 
tasche.  Neues  v.  Johann  Kaspar  Lavater. 
Ungedruckte  Handschriften  nebst  anderen 
Lavater  -Erinnergn.  m.  Facsms.  hrsg.  Mttn- 
chen:  Seitz  &  Schauer.   8.   81  S. 

Nord  en,  J.:  Ein  neuer  Farbensymboliker 
(Melchior  Lechter).  (Beilage  z.  Baltischen 
Monatsschrift.   Bd.  44.    8.    S.  25—33.) 

Schur,  Ernst:  Melchior  Lechter.  (Ausstel- 
lung  im  Salon  Gurlitt  in  Berlin.)  (Die 
Gesellschaft  Jahrg.  1897,  I.    8.    S.  375— 

390.) 
V  a  h  1  e  n :  Leibnitz  als  Schriftsteller.  (Sitzungs- 

berichte  der  Kdnigl.  Preuss.  Akad.  d.  Wiss. 

zu  Berlin.  Jahrg.  1897.  II.  8.  S.  687—701.) 
Diakonissin  Martha  Leistert  (1866— 1897). 

(Der  Armen-  u.  Kranken-Freund.  49.  Jahrg. 

8.    S.  131  f.) 
St  ore  k,  Karl:  Otto  v.  Leixner.  Eine  Stu- 

die.    Berlin:  Schall  &  Grund.    8.     72  S., 

1  Bildn. 
Fassler,  Osc:  Nikolaus  Lenau  s.  Keller. 
W ein  rich,  O.  F.:  Lenau' s  Geburtsort.  (Die 

Gegenwart.  52.  Bd.   4.   S.  75—77.) 
Franz  von  Lenbach  als  Erzieher.  Zum  60.  Ge- 

burtstag.     Von   Ernst  v.   der  Isar.     (Die 

Kunst-Halle.    II.  Jahrg.   4.    S.  83—84.) 
An  wand,    O.:    Beitrage  zum  Studium  der 

Gedichte  von  J.  M.  R.  Lenz.     MUnchen: 

(K.  SchUler.)   8.    118  S. 
Meyer,   Richard  M.:  Jakob  Michael  Rein- 
hold  Lenz.    (R.  M.  Meyer:  Deutsche  Cha- 


Biographische  Bibliographic 


25' 


raktere.    Berlin:  E.  Hofmann.   8.  S.  105— 

"30 
•BrUmmer,  Franz:  Ludwig  Lenz.  (S.  253.) 
Tito:  Reinhokl  Lepsius.  (Preussische  Jahr- 

bticher.    90.  Bd.    8.    S.  524—527.) 
Braun,  Jul.  W. :  Lessing  im  Urtheile  seiner 

Zeitgenossen.    3.  Bd.    Berlin:  F.  Stahn.  8. 

XI,   178  S. 
August  Wilhelm  Leu.     (Chronik  d.  Kflnigl. 

Akad.  d.  KUnste   zu  Berlin.     1S96/97.    8. 

S.  85-87.) 
Ernst,  Adf  Wilh. :    Ncue  Beitrage  zu  Hein- 

rich  Leuthold's  Dichterportrait.  M.  49  Orig.- 

Uebersetzgn.  u.  m.  literarhistor.  Aufsatzen 

Leutholds.    Hamburg:    C.  Kloss.    8.     Ill, 

126  S.) 
Klaus,  B.:  (Gottlob)  Emanuel  Leutze.    (B. 

Klaus:    Gmtinder  KUnstler.    II.      16.     in: 

Wlirttembergische  Vierteljahrshcfte  f.  Lan- 

desgcschichte.    N.  F.    V.  Jahrg.    8.   S.  323 

-326.) 
•Wolkenhauer,    W.:    Rudolf  Leuzinger, 

Schweizer  Lithograph   u.  Kartograph.  (S. 

3690 
•Meyer  Levy,  Justizrath,  Rcchtsanwalt  und 

Notar.    (S.  218-219.) 
Lcwald,  Fanny:  Lebenscrinnerungen.  I — IIL 

(Westermanns    Illustr.   Deutsche    Monats- 

hefte.    82.  Bd.    8.  S.  440—454,  616  —  631, 

702 — 726.) 
•Pagel:  Georg  Richard  Lewin,  Arzt,  Pro- 
fessor d.  Hautkrankheitcn.  (S.  155 — 156.) 
♦Dr.  Otto    Fr,  Maximilian    von  Liebeherr, 

Vizekanzler  der   Universitiit   Rostock.    (S. 

217.) 
Walle,    Peter:    Geheimrath  Professor  Wil- 
helm Liebenow  f.     M.  Portr.     (Der  Bar. 

23.  Jahrg.    4.    S.  487.) 
Norden,  J.:  Max  Liebermann.    (Beilage  z. 

Baltischen  Monatsschrift.  Bd.  44.  8.  S.  291 

—300.) 
•Friedjung,  Heinrich:  Georg  Lienbacher, 

osterreich.  Abgeordneter.    (S.  347 — 350.) 
Binder,    Franz:    Erinnerungen    an    Emilie 

Linder  (1 797—  1S67).  Zum  Saculargedacht- 

niss  ihrer  Geburt.    MUnchen:  J.  J.  Lentner. 

8.    2  BL,  96  S.,   1   Bl. 
Friscb,  Franz:  Dr.  Gustav  Adolf  Lindner. 

(Biographien  osterreich.  Schulmanner.  Hrsg. 

v.  F.  Frisch.    Wien:   A.  Pichler's  Wwe  & 

Sohn.    8.    S.  240—248.) 
Graf     Ernst     zur     Lippe-Biesterfeld,     der 

gegenwartige    Regent    und    demnachstige 

Thronfolger    im    FUrstenthum   Lippe.    M. 

3  Abb.     (Der  Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  519 

-521.) 
•Frieda  Freifrau  von  Lipperheide.    (S.  137 

—  1 39-) 
Lessing,  J.:  Frieda  von  Lipperheide.    M. 
Portr.    (Der  Bar.    23.  Jahrg.   4.    S.  499  — 
502.)     (Der  »Modenwelt«  entn.) 


Zur  Erinnerung  an  Friedrich  List.  (Archiv 
ftir  Post  und  Telegraphic.  Beihefte  zum 
Amtsblatt  des  Reichs-Postamts.  25.  Jahrg. 
8.    S.  28—30.) 

So  linger,  Rudolf:  Friedrich  List,  (f  30. 
November  1846.)  Sein  Stil.  (Zeitschr. 
fUr  deutsche  Sprache.  10.  Jahrg.  8.  S. 
383-388.) 

Zum  fUnfzigjahrigen  Dienstjubilaum  des  Ge- 
neraloberstcn  der  Kavallerie  Frhrn.  v.  Loe. 
fMilitSr-Wochenblatt.  82.  Jahrg.  1.  Bd. 
4.    Sp.  965-972,  983,   1015.) 

Stenglcin:  Reichsgerichtsrat  a.  D.  Oskar 
Loebell  f.  (Deutsche  Juristcn-Zeitung. 
II.  Jahrg.    4.    S.  99.) 

Bauer:  Elbstrombaudirector  Geh.  Baurath 
Jakob  Loenartz  f.  (Centralblatt  der  Bau- 
verwaltung.   17.  Jahrg.  4.  S.  516.) 

Niggli,  A.:  Karl  Lowe,  der  Meister  der 
Ballade.  Ein  Gedenkblatt  zur  100.  Wieder- 
kehr  seines  Geburtstages,  30.  XI.  1896. 
ZUrich:  Fasi  &  Beer.  4.  31S.  m.  1  Bildn. 
[85.  Ncujahrsblatt  d.  allg.  Musik-Ges.  in 
ZUrich  auf  d.  J.  1897.] 

Zitelmann,  K.:  Karl  L5we  s.  Schubert 
Franz. 

Beck,  Fritz:  Hartmann  Samuel  Hoffmann 
von  Lowenfeld  s.  Hoffmann. 

Lang,  W.:  Rudolf  Lohbauer.  (WUrttem- 
bergischc  Vierteljahrshefte  fUr  Landes- 
geschichte.  N.  F.  V.  Jahrg.  8.  S.  149— 
188.) 

•Pag el:  Emil  Lommer,  Generalarzt  I.  Kl. 
u.  Korpsarzt  des  IV.  Armeekorps.  (S.  156.) 

•Otto  Ferdinand  Lorenz,  Konigl.  preuss. 
Oberbaudircktor  u.  vortr.  Rath  im  Mini- 
sterium    d.  offend.  Arbeitcn.    (S.  217.) 

Lorm,  Hieronymus:  Personliche  Eindrticke. 
(Die  Gegenwart.    52.  Bd.    4.    S.  390  — 393.) 

Hertling,  Georg  Frhr  v.:  Zur  Erinnerung 
an  Karl  August  Lossen.  Rede,  gehalten 
zur  Erbffnung  der  17.  General versamm- 
lung  der  Gorres  -  Gesellschaft  in  Fulda 
am  2.  October  1895.  (G.  Frhr.  v.  Hert- 
ling: Kleine  Schriften  zur  Zeitgeschichte 
und  Politik.  Freiburg:  B.  Herder.  8.  S. 
550-561.) 

Br  an  des,  Wilhelm:  Ein  Professor  und  Jour- 
nalist (FerdinandLotheissen).  (Die  Gegen- 
wart.   51.  Bd.    4.    S.  75  —  76.) 

Kir  stein,  A.:  Hermann  Rudolf  Lotze,  ein 
Reprasentant  der  modcrnen  deutschen 
Philosophic  (Der  Katholik.  77.  Jahrg.  II. 
8.    S.  289—308.) 

Kronenberg,  Moritz:  Zum  Gedachtnisse 
Lotzes.  (Geborcn  am  21.  Mai  18 17.)  (Sonn- 
tagsbeil.  No.  21   z.  Voss.  Zeitung.) 

•Briimmer,  Franz:  Franz  Ludorff.  (S.  248.) 

Hertling,  Georg  Frhr  v.:  Gediichtnissrede 
auf  Konig  Ludwig  L,  gehalten  bei  der 
Centenarfeier   im  Jahre    188S   im    katholi- 


26* 


Biographische  Bibliographic 


schen    Casino    zu    Miinchen.     (G.    Frhr. 

v.    Hertling:    Kleine    Schriften    zur    Zeit- 

geschichte   und    Politik.     Freiburg    i.  B.: 

Herder.    8.    S.  492 — 520.) 
Beyer,  C:  Ludwig  II.,  Konig  von  Bayern. 

Ein  Charakterbild  nach  Mitteilungen  hoch- 

stehender  und  bekannter  Persflnlicbkeiten 

und  nacb  anderen  authentischen  Quellen. 

Des  Ktfnigs  Aufenthalt  am  Vierwaldstatter- 

see    und    sein  Verkehr    mit  Josef  Kainz. 

Mit  Portr.  Ludwigs  II.  in   Lichtdruck   u. 

29  weiteren  Illustrationen.  3.  Aufl.  Leipzig: 

G.  Fock.   8.    176  S.t  1  Bildn. 
Forster,  J.  M.:  Prinz  Ludwig  von  Bayern. 

Biographie  und  Reden  Sr.  K&nigl.  Hoheit 

des  Prinzen  Ludwig  von  Bayern.    2.  verm. 

Aufl.   Miinchen:  E.  Pohl.   8.    122  S.,  1  BL, 

1  Bildn. 
Knillc,  Otto:  Zur  Erinnerung  an  Heinrich 

Ludwig.  (Die  Gegenwart.  52.  Bd.  4.  S.  185 

-187.) 
Prof.  Dr.  Karl  von  Lutzow  f .     (Deutsche 

Bauzeitung.    31.  Jabrg.    4.    S.  216.) 
Karl    v.   Lutzow,    Prof.    d.  Kunstgesch.  zu 

Wien,  f-    (Centralblatt  d.  Bauverwaltung. 

17.  Jahrg.   4.   S.  196.) 
Schmid,  M.:  C.  von  Lutzow  f.    (Das  Ma- 

gazin  f.  Litteratur.   66.  Jahrg.    4.    Sp.  548 

—549) 
B  a  i  1 1  e  u ,  Paul :  Aus  der  Brautzeit  der  Konigin 

Luise.   (Hohenzollern-Jahrbuch.  1.  Jahrg. 

4.    S.  187-195.) 
Felseneck,  Marie  v.,  (Maria  Mancke):  K6- 

nigin  Luise.  Ein  Lebensbild,  nach  authent. 

Quellen  bearb.     Berlin:  A.  Weichert.     8. 

160  S.  m.  Bildern. 
Geyer,  Otto:  Konigin  Luise.    Ein  Lebens- 
bild.  Leipzig:  P.Beyer.    8.    32  S. 
Roc"hling,    Carl,    u.  W.  Friedrich:    Die 

Konigin  Luise  (v.  Preussen)  in  50  (farb.) 

Bildern.    12.  bis  18.  Taus.   Berlin:  P.  Kittel 

Nachf.    qu.  4. 
Heidenstam,  O.  G.:  Une  soeur  du  Grand 

Frederic.  Louise-Ulrique  Reine  de  Suede. 

Avec  une  introduction  de  M.  Rene  Millet, 

Ancien  Ministre   de  France  a  Stockholm. 

Portr.  en  heliogr.    Paris:  E.  Plon,  Nounrit 

&  C.    8.    3  BL,  Vin,  472  S.f  1  Bildn. 
Frisch,  Franz:  Dr.  Josef  Lukas.    (Biogra- 

phien   bsterreich.  Schulmanner.     Hrsg.  v. 

F.  Frisch.  Wien:  A.  Pichler's  Wwe  &  Sohn. 

8.    S.  281  —  287.) 
Dr.  Martin  Luthers  Freundschaft  mit  Ulrich 

von  Hut  ten.     (Der  Katholik.    77.  Jahrg. 

II.    8.    S.  325-3350 
Bohtlingk,  Arth.:    Doctor  Martin  Luther 

und    Ignaz    v.  Loyola.      Eine    geschichti. 

Parallele.     Heidelberg:      J.    Horning.     8. 

48  S. 
Ehrecke,  G.:  Dr.  Martin  Luther  und  seine 

Kathe.  Ein  Familienbild  f.  alleVolkskreise. 


C6thcn:  Schriftenniederl.  d.  evangel.  Ver- 
einshauses.   8.    30  S. 

Ehwald,  R.r  Luther  s.  Melanchthon. 

Enders:  War  Luther  am  24.  Februar  1539 
in  Grimma?  (Theolog.  Studien  u.  Kritiken. 
70.  Jahrg.   8.   S.  641 — 667.) 

Everling:  Luther  und  Bismarck,  zwei 
deutsche  Manner.  Festrede,  geh.  am  8.  Nov. 
1896  beim  Lutherfest  des  Evang.  Bfirger- 
Vereins  im  grossen  Saale  d.  Stadtballe. 
(Pfanrer  Lie.  Everling:  Vaterlandisches  u. 
Evangelisches  aus  Crefeld.  Crefeld:  Dr. 
v.  Kramer  &  Baum.    8.    S.  5  —  16.) 

Fauth,  Franz:  Dr.  Martin  Luthers  Leben, 
dem  deutschen  Volke  erzahlt.  Mit  25  Ori- 
ginal-Abb. v.  Eduard  Kaerapffer.  Leipzig: 
G.  Freytag.   8.   4  Bl.,  228  S. 

Hausrath,  Adolf:  Alexander  und  Luther 
auf  dem  Reichstage  zu  Worms.  E.  Beitrag 
zur  Reformationsgeschichte.  Berlin:  G. 
Grote.    8.    4  Bl.,  392  S. 

Kawerau,  G.:  Luther  s.  Melanchthon. 

Kbstlin,  J.:  Zur  Frage  uber  Luthers  Grab. 
(Theolog.  Studien  u.  Kritiken.  70.  Jahrg. 
8.    S.  192—194.) 

Kuhn,  F. :  Les  recentes  polemiques  sur  la 
mort  de  Luther  (18.  fevr.  1546).  (Soc. 
de  Thist.  du  protestantisme  frang.  Bulle- 
tin histor.  et  litter.   46.  T.   8.  S.  57—71.) 

Kuhn,  Felix:  Luther  s.  Melanchthon. 

Lenz,  Max:  Martin  Luther.  Festschrift  der 
Stadt  Berlin  zum  10,  November  1883.  M. 
e.  Titelbilde.  3.  verb.  Aufl.  Berlin:  R. 
Gaertner.    8.    2  BL,  224  S.,  1  Bildn. 

Lorrenz,  L.  B.:  La  fin  de  Luther  d'apres 
les  dernieres  recherches  historiques.  3.  ed., 
revue  et  considcrablement  augmentee. 
Paris:  V.  Retaux  &  f.;  Bruxelles:  Soc.  beige 
de  librairie.    8.   VII,  210  S.,   1  Bildn. 

Ruete,  H.:  Martin  Luther  als  Reformator 
des  religiOsen,  geistigen,  bUrgerlichen  und 
nationalen  Lebens  unseres  Volkes.  (Schul- 
blatt  f.  d.  Prov.  Brandenburg.  Jahrg.  61. 
62.  8.  61  (1896):  S.  61—78,  244—260; 
62  (1897):  S.  8—18,   134-150.) 

Ruete,  H.:  Luther  s.  Melanchthon. 

S chafer,  Ernst:  Luther  als  Kirchenhisto- 
riker.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Wis- 
senschaft.  Giitersloh:  C.  Bertelsmann.  8. 
VIII,  515  S. 

Schott,  Th.:  Luther  und  Melanchthon, 
ein  deutsches  evangelisches  Freundespaar. 
Zum   16.  Febr.  1897.    (Daheim.    33.  Jahrg. 

4.  s.  314—318,  331—334.) 

Schubert,  H.  v.:  Was  Luther  ins  Kloster 
hinein-  u.  wieder  hinausgeftihrt  hat.  Halle: 
M.  Niemeyer  i.  Komm.  8.  27  S.  [Schrif- 
ten f.  d.  deutsche  Volk.    H.  30.] 

Solle,  R.  W.:  Reformation  u.  Revolution. 
Der  deutsche  Bauernkrieg  u.  Luthers  Stel- 
lung  in  demselben.    Halle:  M.  Niemeyer  i. 


Biographische  Bibliographic 


27* 


Komtn.  8.  82  S.  [Schriften  f,  d.  deutsche 
Volk.   H.  31/32.] 

Tlirk,  G.:  Luthers  Romfahrt  in  ihrer  Be- 
deutung  fttr  seine  innere  Entwicklung. 
Mich.-Progr.  d.  Filrsten-  u.  Landesschule 
St  Afra  in  Meissen.  Meissen :  gedr.  b.  C. 
E.  Kinkicht  &  Sohn.   4.   39  S. 

Ziegler,  Theob.:  Luther  s.Melanchth on. 

Luthmer,  Konr. :  Die  Geschichte  meiner  Er- 
blindung.  1.  u.  2.  Taus.  Heidelberg:  J. 
Horning  i.  Komm.    8.   II,  106  S. 

B 1  i  e  d  n  e  r ,  A. :  Karl  Magers  philosopbische 
Entwicklung.  (Zeitschr.  f.  Philosophic  u. 
Padagogik.    IV.  Jahrg.    8.   S.  423—446.) 

Nodnagel,  Ernst  Otto:  Gustav  Mahler. 
(Musikal.Wochenblatt.  28.  Jahrg.  4.  S.526 
— 527,  544—545.  S6*— 563  m.  Bildn.) 

Rubinstein,  Susanna:  Ein  Dichter-Philo- 
soph  (Philipp  Mainlander,  recte  Batz). 
(Das  Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4. 
Sp.  818—820.) 

Meyer,  Justizrat:  Justizrat  Hermann  Ma- 
kower  f.  (Deutsche  Juristen-Zeitung. 
II.  Jahrg,   4.   S.  162.) 

Theobert  Maler.  (ipeutsche  Rundschau  f. 
Geographie  u.  Statistik.  19.  Jahrg.  8.  S.  85 
—88  m.  Bildn.) 

Hertling,  Georg  Frhr.  v.:  Hermann  von 
Mallinckrodt.  (1893.)  (G.  Frhr.  v.  Hert- 
ling: Kleine  Schriften  zur  Zeitgeschichte 
und  Politik.  Freiburg  i.  B.:  Herder.  8. 
S.  223—247.) 

♦Weech,  F.  v.:  Jacob  Malsch,  Oberbtlrger- 
meister  von  Karlsruhe.    (S.  396—398.) 

Ahn,  Friedrich:  Johann  Mannel,  Laibachs 
erster  Buchdmcker  (1 575 — 1 580).  (Archiv 
f.  Geschichte  d.  Deutschen  Buchhandels. 
XIX.   8.    S.  45-530 

Thonemann,  C:  Grafin  Agnes  von Mans- 
feld,  die  »schone  Mansfelderin*.  (Mans- 
f elder  Blatter.  Mittheilungen  d.  Ver.  f. 
Gesch.  u.  Alterthtimer  d.  Grafschaft  Mans- 
feld  zu  Eisleben.  11.  Jahrg.  8.  S.  122 — 
126.) 

Doniel,  Henri:  M.  Thiers,  le  Comte  de 
St.-Vallier,  le  general  de  Manteuffel.  La 
liberation  du  tcrritoire  1871  — 1873.  Do- 
cuments in<5dits.  Paris :  Colin  &  C.  8.  XVI, 
452  S. 

Tagebuch  des  Grafen  Gotthard  Manteuffel, 
geftthrt  wahrend  seiner  Reise  aus  Livland 
nach  Deutschland  im  Jahre  1783.  Hrsg. 
v.  G.  Wrangell.  (Beilage  zur  Baltischen 
Monatsschrift.    Bd.  44.    8.    8.317  —  336.) 

♦Hermann  Manz.    (S.  137.) 

I  m  h  o  f ,  Franz :  Ludwig  Manzel.  (Die  Kunst- 
Halle.   n.  Jahrg.   4.   S.  68.) 

Jahne,  Heinrich:  Josef  Dionys  Manzer. 
(Biographienttsterreich.  Schulmanner.  Hrsg. 
v.  Franz  Frisch.  Wien:  A.  Pichler's  Wwe. 
&Sohn.   8.    S.  106  ff.) 


Blum,  J.:  Zur  Erinnerung  an  Dr.  roed.  Jo- 
hann Michael  Mappes.  (Bericht  d.  Sencken- 
bergischen  naturforsch.  Ges.  in  Frankfurt 
a.  Main.  Frankfurt  a.  M.:  Gebr.  Knauer. 
8.   S.  CXLV— CXLVIII  m.  1  BUdn.) 

W as  tl e  r,  Josef :  Erzherzogin Maria(v.  Steier- 
mark).  (J.  Wastler:  Das  Kunstleben  am 
Hofe  zu  Graz  unter  den  Herzogen  von 
Steiermark,  den  Erzherzogen  Karl  und 
Ferdinand.  Graz :  Selbstv. ;  Univ.-Buchdr. 
»Styria«.    8.    S.  91  — ill.) 

B  r  i  g  h  t ,  J.  Frank :  Maria  Theresia.  London : 
Macraillan  &  C.  8.  224  S.  [Foreign  Sta- 
tesmen.] 

Nasemann:  Maria  Theresia.  (Deutsch- 
evangel.  Blatter.  22.  Jahrg.  8.  S.  391  — 
404.) 

Thamhayn,  Willy:  Zur  Lebens-  und  Fa- 
miliengeschichte  Fr.  Wilh.  Marpurg's. 
(Monatshefte  f.  Musikgesch.  29.  Jahrg.  8. 
S.  105  — 112.) 

Heinrich  von  Marquardsen  f.  (Deutsche 
Juristen-Zeitung.    II.  Jahrg.    4.    S.  488.) 

Brausewetter,  Ernst:  Emil  Marriot  s. 
Mataja. 

Wittmann,  Max.  Emil:  Marschner.  Leip- 
zig: Ph.  Reclam  jun.  8.  119  S.  [Musiker- 
Biographien.  20.  Bd,  Universal-Bibliothek. 
No.  3677.] 

Brandt,  L.  O.:  Karl  Marx.  (Blatter  fiir 
literar.  Unterhaltung.     Jahrg.  1897,  II.  4. 

S.  737-7390 
Lange,   Ernst:    Karl  Marx    als    volkswirt- 
schaftlicher    Theoretiker.      (Jahrbilcher  f. 
Nationaldkonomie    u.   Statistik.      Bd.   69. 

3.  Folge.    Bd.  14.    8.    S.  540—578.) 
Walcker,  Karl:   Karl  Marx.     Gemeinver- 

standliche,  krit  Darlegung  seines  Lebens 
u.  seiner  Lehren.  Leipzig:  Rossberg.  8. 
XVII,  43  S. 

Euler,  C. :  Hans  Ferdinand  Massmann. 
Zu  seinem  hundertsten  Geburtstage.  (Mo- 
natsschrift f.  d.  Turnwesen.  16.  Jahrg.  8. 
S.  259—265.) 

Euler,  C,  u.  R.  Hartstein:  Hans  Ferdi- 
nand Massmann.  Sein  Leben,  seine  Turn- 
u.  Vaterlandslieder.  Zur  Erinnerung  an  d. 
100.  Geburtstag  hrsg.  M.  5  Abb.  Char- 
lottenburg:  R.  Heinrich.    8.    IV,   176  S. 

Hartstein,  Rudolf:  Hans  Ferdinand  Mass- 
mann. Zu  seinem  hundertjahrigen  Ge- 
burtstage.   M.  Abb.    (Der  Bar.    23.  Jahrg. 

4.  S.  402—403.) 

Brausewetter,  Ernst:  Eine  katholische 
Romandichterin.  Emilie  Mataja  (Emil 
Marriot).  (Das  Magazin  f.  Litteratur. 
66.  Jahrg.    4-    Sp.  952-958.) 

Oberbaurath  von  Matheis  in  MQnchen. 
(Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4.  S.  in.) 

Schanzenbach,  Otto:  Kbnigin  Mathilde 
von  Wlirttemberg  und  die  Ludwigsburger. 


2  8* 


Biographische  Bibliographic. 


Ludwigsburg:  J.  Aigner.  8.  47  s,  [Schan- 
zenbach,  O.:  Alt-Ludwigsburg.  [No.  2]]. 

♦Schlenther,  Paul:  Cheri  Maurice,  Di- 
rector des  Thaliatheaters  in  Hamburg. 
(S.  297—302.) 

Lippmann,  Edm.  v.:  Robert  Mayer  und 
das  Gesetz  v,  d.  Erhaltung  d.  Kraft.  Vortr. 
[Aus:  Zs.  f.  Naturwissensch.]  Leipzig:  C. 
E.  M.  Pfeffer.   8.  36  S. 

•Brtimmer,  Franz:  Richard  von  Meer- 
heimb.    (S.  258—259.) 

Baumann,  Franz  Ludwig:  Der  bayerische 
Geschichtsschreiber  Karl  Meichelbeck 
1669— 1734.  Festrede,  geh.  in  d.  flffentl. 
Sitzung  d.  k.  b.  Akad.  d.  Wiss.  zu  MUnchen. 
MUnchen :  K.  B.  Akademie.   4.    53  S. 

Oberhofprediger  D.  Meier.  (Allg.  evangel.- 
lutherische  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4. 
Sp.  1014—1018.) 

♦Eitner,  Rob,:  Ludwig  Siegfried  Meinar- 
dus.  (S.  116— 117.) 

Philipp  Melanchthon.  Zum  i6.Februar  1897. 
(Der  Protestant.  1.  Jahrg.  4.  Sp.  107 — 
109.) 

Philipp  Melanchthon.  16.  Februar  1497. 
(Beitrage  v.  Beyschlag,  Harnack,  Ben  rath, 
Haring,  Drews,  Herrmann,  v.  Schubert, 
Troeltsch,  Schultz,  Wendt,  Gottschick, 
Lobstein,  Kawerau,  Brieger,  Kttstlin,  Link, 
Ficker,  Weizsacker,  Loofs,  Kattenbusch, 
Sell,  Ritschl.)  (Die  christl.  Welt.  1 1.  Jahrg. 

4.  Sp.  121— 147.) 

Zum  vierhundertj&hrigen  Geburtstag  Philipp 
Melanchthons.     (Der  Bar.    23.  Jahrg.    4. 

5.  75—79  m.  Bildn.) 

Lc  quatrieme  centenaire  de  la  naissance  de 
Melanchton.  (Societe  de  Thistoire  du  pro- 
testantism e  fran^ais.  Bulletin  histor.  et 
litter.  46  T.  8.  S.  113— 117  m.  Bildn.  u. 
Facs.) 

Bacher,  G.  W. :  Philipp  Melanchthon,  der 
Lehrer  Deutschlands.  Karlsruhe:  Evang. 
Schriftenverl.    8.    32  S.  m.  Abb. 

Bernhardt:  Philipp  Melanchthon  als  Ma- 
thematiker  und  Physiker.  Wittenberg:  P. 
Wunschmann.    8.   VI,  74  S. 

Beyschlag,  Willibald:  Zum  vierhundert- 
jahr.  Geburtstag  Melanchthons.  Festrede 
zu  Halle.  (Deutsch-evang.  Blatter.  22.  Jahrg. 
8.   S.  145  —  160.) 

Beyschlag,  Willib.:  Philipp  Melanchthon 
und  sein  Antheil  an  der  deutschen  Refor- 
mation. 1.  —  3.  Aufl.  Freiburg  i.  B.:  P. 
Waetzel.   8.   Ill,  82  S.  in.  1  Bildn. 

B  ibl ,  Victor:  Melanchthon  und  (Caspar  von) 
Nidbruck.  Aus  d.  Handschriften  der 
k.  k.  Hofbibliothek  in  Wien.  (Jahrbuch 
der  Ges.  f.  d.  Gesch.  d.  Protestantismus 
in  Oesterreich.    18.  Jahrg.    8.    8.34-47.) 

Blachny,  Frdr.:  Philipp  Melanchthon,  der 
Lehrer    Deutschlands.     Sein    Leben    und 


Wirken.  1.  u.  2.  Aufl.  Dessau.  P.  Bau- 
mann.  8.   48  S.  m.  Abb. 

Blass,  F.:  Melanchthon  als  Humanist  und 
P&dagoge.  (NeueKirchl.  Zeitschr.  8.  Jahrg. 
8.   S.  165—194.) 

Bornemann,  W.:  Melanchthon  als  Schul- 
mann.  Rede.  Magdeburg:  Creutz.  8.  26  S. 

Braun  (Stuttgart):  Melanchthon.  Festrede. 
(»Halte  was  du  hast*.  XX.  Jahrg.  8.  S.  350 

-356.) 

B  r  e  ch  e  r ,  Ad. :  Melanchthon  in  Berlin.  (Der 
Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  79  — 80  m.  Bildn.) 

Buchwald,  Geo.:  Philipp  Melanchthon. 
Eine  Schilderung  seines  Lebens  u.  Wirkens 
in  Wort  u.  Bild.  7. — 14.  Taus.  Leipzig: 
B.  Richter.   8.    94  S. 

Cohrs,  Ferdinand:  Philipp  Melanchthon, 
Deutschlands  Lehrer.  Halle:  Ver.  f.  Re- 
formationsgesch.  8.  VI  S.,  1  Bl.,  76  S. 
[Schriften  d.  Ver.  f.  Reformationsgesch. 
No  550 

Correvon,  Ch. :  Philippe  Melanchthon.  A 
propos  du  400 e  anniversaire  de  la  naissance 
du  reform  ate  ur.  (Le  Chretien  evangelique. 
IV.  Annee.   8.   S.  93—102.) 

Dorner,  A.:  Festrede  zur  400Jahrigen  Ge- 
burtstagsfeier Melanchthons.  Kttnigsberg : 
Hartungsche  Verlagsdr.    8.   35  S. 

Eh w aid,  R.:  Philippus  Melanchthon  als 
Gelehrter,  Lehrer,  Schulmann  u.  Genosse 
Luthers.  Rede.  Gotha:  F.  A.  Perthes.  8. 
22  S. 

Evers ,  Gcorg:  Einige  Kapitel  aus  dem  Le- 
ben Philipp  Melanchthons.  Regensburg: 
Nationale  Verlagsanst.   8.   86  S. 

Fleischmann,  Max:  Zu  Melanchthons 
400.  Geburtstag.  (Die  Gegenwart.  51.  Bd. 
4.  S.  101  — 103.) 

Formey,  Alfr. :  Philipp  Melanchthon.  Fest- 
rede. Wien;  (Leipzig:  Literar.  Anst,  A. 
Schulze.)   8.   26  S. 

Gustav,  G.:  Melanchthon-Bttchlein  ftlr  die 
Jugend.  Zum  400jahr.  Geburtstage  Philipp 
Melanchthons.  Breslau:  G.  Sperber.  8. 
48  S. 

Gutmann,  Karl  A.:  M.  Philipp  Melanch- 
thons Leben  u.  Wirken.  M.  111.  v.  Geo. 
Kramer.  Ansbach:  C.  Brtigel  &  Sohn.  8. 
IV,  96  S. 

Hakenberg,  A.:  Philipp  Melanchthon. 
Festrede.  Duisburg:  J.  Ewich.  8.  20  S. 
m.  Bildn. 

Haering,  Theodor:  Rede  zum  vierhundert- 
jahrigen Geburtstag  Philipp  Melanchthons, 
in  d.  Aula  d.  TUbinger  Universitat.  (Zeit- 
schr. f.  Theologie  u.  Kirche.     VII.  Jahrg. 

8.   S.  385-397O 
Harnack,  A.:  Philipp  Melanchthon.  Rede, 
geh.  in  d.  Aula  d.  Konigl.  Friedrich-Wil- 
helms-Universitat    in    Berlin.      Berlin:    J. 
Becker.   4.   22  S. 


Biographische  Bibliographic 


29* 


Harnack,  Adolphe:  Philippe  Melanchthon. 
(Discours  prononce,  le  16  fevrier  1897,  a 
1'Universite  de  Berlin,  traduit  de  1'allemand 
p.RenePuaux.)  (Revue  chretiennc.  3.  Serie. 
6.  T.   8.    S.  161  — 177.) 

Hausrath,  Adolf:  Philipp  Melanchthon. 
(Protestant.  Monatshefte.  I.Jahrg.  8.  S.41 
-52.) 

KaweniUjG.:  Melanchthon neben  Luther. 
Festrede,  geh.  in  d.  Aula  d.  Breslaucr 
Universitat.  (Theolog.  Studien  u.  Kritiken. 
70  Jahrg.    8.    S.  668—686.) 

Keferstein,  Horst:  Zur  Erinnerung  an 
Philipp  Melanchthon  als  Praeceptor  Ger- 
maniae.  Langcnsalza:  H.  Beyer  &  Sonne. 
8.  IV,  51  S.  [Padagogisches  Magazin. 
H.  91. 

Kirn,  Otto:  Melanchthons  Verdienst  um 
die  Reformation.  Rede,  geh.  in  d.  Pauliner- 
kirche  zu  Leipzig.  Leipzig:  DOrffling  & 
Franke.    8.    31   S. 

Klopp,  Onno:  Philipp  Melanchthon  1497 
— 1560.  Erweit.  Abdruck  des  gleichnami- 
gen  Aufsatzes  in  d.  Wissenschaftl.  Beil.  d. 
Germania.  Berlin:  Verlag  der  Germania. 
8.    53  S. 

Kostlin  (Giessen):  Zum  Gedachtniss  Me- 
lanchthons. Festredc  bei  d.  Universitats- 
feier.  (»Halte  was  du  hast«.  XX.  Jahrg. 
8.    S.  293— 303.) 

KUssner,  Paul :  Philipp  Melanchthon.  Ein 
kurzes  Lebensbild.  Liegnitz:  Christl.  Schrif- 
ten-Niederl.    8.   46  S. 

Kuhn,  Felix:  Philippe  Melanchthon,  colla- 
borateur  de  Luther.  (Societe  de  l'histoirc 
du  protestantisme  francais.  Bulletin  histori- 
que  et  litteraire.  46.  T.    8.    S.  118— 136.) 

Lang,  A.:  Melanchthon  und  Calvin.  I— 
IV.  (Reformirte  Kirchcn-Zeitung.  20.  Jahrg. 
4.    S.  58  —  60,  67-68,    75—78.  81—85, 

89—91.  97—99) 

Ledderhose,  Karl  Friedr.:  Philipp  Me- 
lanchthon. Barmen:  WupperthalerTraktat- 
Gcs.  8.  102  S.,  5  Taf.  [Banner  Blicher- 
schatz.    Bd.  I.] 

Lchmann,  Rudolf:  Melanchthon.  Geboren 
den  16.  Februar  1497.  (Sonntagsbcil.  No.  7 
z.  Voss.  Zeitung.) 

Lenz,  Max:  Philipp  Melanchthon.  (Als 
Vortrag  im  Evangel.  Bundc  zu  Berlin  geh.) 
(Preussische  Jahrblichcr.  87.  Bd.  8.  S.  490 
-502.) 

Lezius,  Fr.:  Zur  Charakteristik  Melanch- 
thons. (Neue  Kirchl.  Zeitschr.  8.  Jahrg. 
8.    S.  101  — 125.) 

Lip  si  us,  Richard  Adelbert:  Philipp  Me- 
lanchthon. Jenaer  Rosen vorlesung.  1891. 
(R.  A.  Lipsius :  Glauben  und  Wissen.  Aus- 
gew.  Vortrage  u.  Aufs&tze.  Berlin:  C.  A. 
Schwetschke  &  Sohn.    8.    S.  248 — 274.) 

Loesche,  Georg:  Zu  Melanchthons  vierter 


Sacularfeier.  Mclanchthon's  Beziehungen  zu 
Oesterreich-Ungarn.  Akademische  Festrede. 
(Jahrbuch  d.  Ges.  f.  d.  Gesch.  d.  Prote- 
stantismus  in  Oesterreich.     18.  Jahrg.    8. 

S.  1-330 

Loofs,  Friedrich:  Melanchthon  als  Huma- 
nist und  Reformator.  F'estredc,  geh.  in  d. 
Aula  der  Universitat  Halle -Wittenberg. 
(Theolog.  Studien  u.  Kritiken.  70.  Jahrg. 
.     8.    S.  641—667.) 

M  o  s  e  r ,  P. :  Philipp  Melanchthon.  (Monats- 
blatter  f.  deutsche  Litteraturgesch.  I.  Jahrg. 
8.    S.  200—210,) 

Neubert,  Karl  Heinr.:  Philippus  Melanch- 
thons Beziehungen  zu  Dresden.  Dresden: 
J.  Naumann.    8.    45  S. 

Osten,  H.  H.  v.:  Philipp  Melanchthon. 
Uebersichtl.  Darstellung  seines  Lebens  u. 
Wirkens.  Uetersen :  N.  W.  J.  Koopmann's 
Scminar-Buchh.    8.    18  S. 

Pasig,  Johs:  Philipp  Melanchthon,  der 
Lehrer  Deutschlands.  Ein  Lebensbild. 
Leipzig:  A.  Deichert  Nachf.  8.  40  S.  m. 
Abb. 

Paulus,  N.:  Melanchthon  und  die  Ge- 
wissensfreiheit.  I  —  III.  (Der  Katholik. 
77.  Jahrg.  II.   8.    S.  460— 469,  534— 550.) 

Poulsen,  A.  S.:  Philip  Melanchthon  i 
aaret  1 52 1.  Etleilighedsskrift  i  firehundred- 
aaret  for  hans  foedsel.  Kjoebenhavn: 
F.  Hegel  &  soen.    8.    35  S. 

Rcinhard,  Johannes:  Philipp  Melanchthon. 
(Blatter  f.literar.Unterhaltung.  Jahrg.  1 897, 
I.    4.    S.  113-115.) 

Rinn,  Heinr.:  Melanchthons  Beziehungen 
zu  Hamburg.  Hamburg:  L.  Grilfe  &  Sillem. 
8.    25  S. 

Rogge,  Bernh.:  Melanchthon-BUchlein.  Zur 
400  jahr.  Gedachtnissfeier  des  Geburts- 
tages  Philipp  Melanchthons.  Hannover: 
C.  Meyer.    8.    40  S.  m.  Abb. 

Ruete,  H.:  Philipp  Melanchthon,  der  Kampf- 
genosse  und  Mitarbeiter  Luthers.  (Schul- 
blatt  f.  d.  Prov.  Brandenburg.  62.  Jahrg. 
8.    S.  275—302.) 

Scherer,  Heinrich:  Melanchthons  Leben 
und  seine  Bedeutung  ftir  die  Schule.  Biele- 
feld: A.  Helmich.  8.  n  S.  [Padagog.  Ab- 
handlungen.  H.  33.] 

Secberg,  R.:  Melanchthons  Stellung  in 
der  Geschichte  des  Dogmas  und  der  Dog- 
matik.  (Neue  Kirchl.  Zeitschr.  8.  Jahrg.  8. 
S.  126—164.) 

Seeberg,  Rhold.:  Die  Stellung  Melanch- 
thons in  der  Geschichte  der  Kirche  und 
der  Wissenschaft.  Festrede  an  der  k.  b. 
Univers.  Erlangcn.  2.  durchges.  Ausg. 
Erlangen:   F.  Junge.    8.    42  S. 

Sell,  Karl:  Philipp  Melanchthon,  der  Lehr- 
meister  des  protestantischen  Deutschland. 
Rede  in  der  Aula  d.  Universitat  zu  Bonn. 


3°* 


Biographische  Bibliographic. 


Freiburg  i.  B.  u.  Leipzig:  J.  C.  B.  Mohr. 
8.  31  S. 

Sell,  Karl:  Philipp  Melanchthon  und  die 
deutscbe  Reformation  bis  1 531.  Halle: 
Ver.  f.  Reformationsgesch.  8.  IV,  126  S., 
1  Bl.  [Schriften  d.  Ver.  f.  Reformations- 
gesch.   No  56.] 

Simon:  Philipp  Melanchthon.  (Reformirte 
Kirchen-Zeitung.  20.  Jahrg.  4.  S.  50 — 53.) 

Simons,  [Eduard] :  Melanchthon  in  Bonn. 
Vortrag.  Bonn:  Rtthrscheid  &  Ebbecke. 
8.   28  S. 

S  i  n  t  e  n  i  s ,  F. :  Philippus  Melanchthon,  Prae- 
ceptor  Germaniae.  (Baltische  Monatsschr. 
39.  Jahrg.     Bd.  44.  8.  S.   179  —  199.) 

Spanuth-  Pti  hide :  Philipp  Melanchthon  und 
seine  Wirksamkeit  in  der  Reformation. 
Stuttgart:  Ch.  Belser.  8.  52  S.  [Zeitfragen 
d.  christL  Volkslebens.  Bd.  22.  H.  1.] 

Stahlin,  Adf  v.:  Philipp  Melanchthon. 
Festrede.  Augsburg:  J.  A.  Schlosser.  8. 
29  S. 

Thorn  a,  Albr.:  Philipp  Melanchthons  Le- 
ben.  1.  u.  2.  Aufl.  Karlsruhe:  J.  J.  Reiff. 
8.  Ill,  155  S.  m.  Bild.  —  Dass.  Kleine 
Ausg.    Ebda.   8.   Ill,  84  S.  m.  Bild. 

Thorn  a,  A.:  Praeceptor  Germaniae  (Philipp 
Melanchthon).  (Pad agog.  Blatter  f.Lehrer- 
bildung  u.  Lehrerbildungsanstalten.  26.  Bd* 
8.  S.  399-415.) 

Tschackert,  Paul:  Melanchthons  Bil- 
dungsideale.  Rede  im  Namen  d.  Georg- 
Augusts-Universitat.  Gttttingen:  (Vanden- 
hoeck  &  Ruprecht.)   8.    21  S. 

Vogt,  O.:  Melanchthons  Stejlung  als  Re- 
formator.  I — IV.  (Zeitschr.  f.  wissenschaftL 
Theologie.  40.  Jahrg.;  N.  F.  5.  Jahrg. 
8.   S.  87— 131;  161—210.) 

Walther:  Zum  Gedachtniss  Philipp  Me- 
lanchthon's.  I— V.  (Allg.  Evangel.-Luthe- 
rische  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  121 
—124,  145—148,  174—176,  193—196, 
218—220.) 

Walther,  Wilh.:  Melanchthon  als  Retter 
des  wissenschaftlichen  Sinnes.  Vortrag. 
[A us:  Allg.  evang.-luth.  Kirchenzeitung.] 
Leipzig:  Dbrffling  &  Franke.   8.    24  S. 

Wehrmann,  M.:  Philipp  Melanchthons 
Beziehungen  zu  Pommern.  (Monatsblatter. 
Hrsg.  v.  d.  Ges.  f.  Pommersche  Gesch.  u. 
Alterthumskunde.  11.  Jahrg.  8.  S.  17— 23.) 

Weimann,  Eugen:  Philipp  Melanchthons 
Leben,  m.  e.  Vorwort  v.  Presting.  Elber- 
feld:  S.Lucas.   8.    155  S.,   1  Bildn. 

Weiss,  N.:  Pourquoi  Melanchthon  ne  vint 
pas  a  Paris  en  1535,  d'apres  un  texte  con- 
temporain  inedit.  (Societe  de  l'histoire  du 
protestantisme  francais.  Bulletin  historique 
et  litteraire.    46.  T.    8.    S.  311  — 313.) 

W  o  1 1 e  r ,  A. :  Melanchthon-Buchlein.  4.  Tau- 
send.    Barmen:  D.  B.  Wiemann.    8.   64  S. 


Zahn,  Adolf:  Philipp  Melanchthon  und  das 
Gesetz  Moses.  Auch  ein  Wort  zum  16.  Fe- 
bruar  1897.  Gfitersloh:  C.  Bertelsmann.  8. 
16  S. 

Ziegler,  Theob.:  Philipp  Melanchthon,  der 
humanistische  Genoese  Luthers.  Vortrag, 
geh.  in  d.  Nikolaikirche  zu  Strassburg. 
Strassburg:  C.  F.  Schmidt   8.    24  S. 

Ziethe,  W.:  Philipp  Melanchthon,  der 
Lehrer  Deutschlands.  1.— 6.  Aufl.  Berlin: 
Hauptverl.  f.  christL  Erbauungsschriften. 
8.    51  S.  m.  Bildn. 

Zitzlaff:  Melanchthons  Personlichkeit  und 
hausliches  Leben.  (Allg.  Konservat.  Monats- 
schrift  f.  d.  christl.  Deutschland.  54.  Jahrg. 
I.   8.    S.  123-138.) 

*Granier,  Hermann:  Albert  von  Memerty, 
K6nigL  Preuss.  Generallieutenant.  (S.  420.) 

Klatte,  Wilhelm:  Zur  50.  Wiederkehr  des 
Todestages  Felix  Mendelssohn-Bartholdi's. 
(Allg.  Musik-Zeitung.  24.  Jahrg.  4.  S.  653 
—654.) 

Loewengard,  Max:  Felix  Mendelssohn- 
Bartholdy.  (Das  Magazin  f.  Litteratur. 
66.  Jahrg.   4.   Sp.  1365— 1367.) 

Winterfeld,  A.  v.:  Felix  Mendelssohns 
erster  Ausflug  nach  Paris.  Ein  Blatt  der 
Erinnerung  zur  fflnfzigsten  Wiederkehr 
seines  Todestages,  zum  4.  November  1 897. 
(Der  Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.  521  — 523.) 

*Brilmmer,  Franz:  Rudolf  Menger.  (S.  257 
-258.) 

Gottfried  Menken.  I.  II.  [Bilder  aus  der 
Erweckungsgeschichte  des  religiOs-kirch- 
lichen  Lebens  in  Deutschland  in  diesem 
Jahrhundert.  3.]  (Allg.  Evangel.-  Luthe- 
rische  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  700 
—706,  725—730.) 

B  e  n  d  i  x  e  n ,  Rudolf:  Gottfried  Menken.  (R. 
Bendixen:  Bilder  aus  der  letzten  religittsen 
Erweckungin  Deutschland.  Leipzig:  Ddrflf- 
ling  &  Franke.   8.    S.  282—317.) 

Tambor.M.:  Elisabeth  Mensing.  In  ihrem 
Leben  und  Wirken  dargestellt.  Berlin: 
Germania.   8.  47  S. 

Knackfuss,  H.:  Menzel.  Mit  141  Abb.  v. 
Gemalden,  Holzschnitten  u.  Zeichnungen. 
3.  Aufl.  Bielefeld:  Velhagen  &  Klasing. 
8.    132  S.   [Kunstler-Monographien.    VII.] 

Hansen,  Jos.:  Arnold  Mercator  und  die 
wiederentdeckten  K&lner  Stadt plane  von 
1 571  u.  1642.  (M.  2  Stadtpl.)  [Aus:  Mit- 
teilungen  aus  dem  Stadtarchiv  v.  K5ln.] 
K6ln:  M.  Du  Mont-Schauberg  i.  Komm.  8. 
20  S. 

Klinkhardt,  Fr.:  Gerhard  Kremer  gen. 
Mercator  s.  Kremer. 

Duntzer,  Heinrich:  (J oh.  Heinr.)  Merck's 
Anfange  bis  zur  Rlickkehr  nach  Darmstadt 
und  zur  ersten  Anstellung.  (Zeitschr.  f. 
deutschePhilologie.  Bd.30.  8.  S.  117— 122.) 


Biographische  Bibliographic 


3^ 


•Friedmann,  Otto:  Adolf  Merkel,  Crimi- 
nalist u.  Rechtsphilosoph.    (S.  430—432.) 

Merkel,  Georg  J.:  Erinnerungen  an  raeine 
ftiniundzwanzigjahrige  Thatigkeit  als  Btir- 
germeister  von  Gottingen.  Gottingen:  L. 
Horstmann.   8.   2  BL,  104  S. 

Franz  Mertens  f.  (Deutsche  Bauzeitung. 
31.  Jahrg.  4.    S.  288.) 

Architekt  Franz  Mertens  f.  (Ccntralblatt  d. 
Bauverwaltung.    17.  Jahrg.   4.   S.  260) 

♦Granier,  Hermann:  Friedrich  von  Mer- 
tens, Kttnigl.  Preuss.  Generallieutenant. 
(S.  420-422.) 

Merz,  Jobann :  Erlebnisse  eines  Soldaten  des 

3.  bad.  Infant.-Regiments  »Markgraf  Lud- 
wig  Wilhelm*  No.  1 1 1  im  Feldzuge  1 870/7 1. 
Karlsruhe:  J.  J.  Reiff.  8.  4  BL,  155  S. 
[Badener  im  Feldzuge  1870/71.   Bd.  13.] 

Messncr,  P.:  Leben  Josef  Messners.  (J. 
Messner:  Ausgew.  Werke.  Hrsg.  u.  eingel. 
v.P.Messner.  M.  Portr.  Prag:  F.  Tempsky 
&  G.  Frcytag.  8.  S.  IX -XV.  [Bibliothek 
deutscher  Schriftsteller  in  B8hmen.  Bd.  7.]) 

(Carl  Frhr)  Kubeck  (v.  KUbau)  u.  Metter- 
nich  s.  Kubeck. 

Lanna,  Adalbert  v.:  Metternich  und  seine 
Politik  bis  zum  Sturze  Napoleons.  Triest: 
F.  H.  Schimpff.    8.   2  BL,  43  S. 

BUrgermeister  Frz.  Anselm  v.  Meyenburg- 
Rausch :  Leben  serin  nemngen  (1785 — 1 859). 
II.  Halfte.  SchafThausen:  C  Schoch  in 
Koram.  4.  II,  34  S.  m.  2  Lichtdr.-Bildn. 
[Neujahrsblatt  d.  hist.-antiquar.  Ver.  u.  des 
Kunstver.  in  SchafThausen  f.  1897.] 

#  Pag  el:  Julius  Meyer,  Arzt  u.  Geheimer 
Sanitatsrath.  (S.   156—157.) 

Knodt,  Karl  Ernst:  Konrad  Ferdinand 
Meyer  als  Liederdichter.  (Monatsblatter 
f.    deutsche    Litteraturgesch.    I.  Jahrg.  8. 

s.  503-518.) 

Mauerhof,  Erail :  Konrad  Ferdinand  Meyer 
oder  Die  Kunstform  des  Romans.  2.  Aufl. 
Zurich  u.  Leipzig:  K.  HcnckeU  &  C  8. 
59  S. 

Trog,  Hans:  Conrad  Ferdinand  Meyer. 
6  Vortrage.  Basel :  R.  Reich.  8.  VII,  147  S. 

Maehly,  J.:  Dumas  der  Aeltere  und  Meyer- 
beer. (Das  Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg. 

4.  Sp.  847—850.) 

Wendt,  F.  M.:  Dr.  Josef  Mich.  (Biogra- 
phien  tfsterreich.  Schul manner.  Hrsg.  v. 
Franz  Frisch.  Wien :  A.  Pichler's  Wwe  & 
Sohn.   8.  S.  277—280.) 

Michael  is,  Carl  Thd.:  Gustav  Michaelis. 
(Mit  Briefen  von  Varnhagen  v.  Ense, 
Alexander  v.  Humboldt,  Jakob  Grimm, 
Karl  MUllcnhoff  etc)  Progr.  Berlin:  R. 
Gaertner.    4.    29  S. 

His,  [Wilh.]:  F(ritz)  Miescher.  (Die  histo- 
chemischen  und  physiologischen  Arbeiten 
v,    Friedrich   Miescher.   Ges.    u.    hrsg.    v. 


seinen  Freunden.  Bd.  1.  Leipzig:  F.  C 
W.  Vogel.    8.    S.  5—32.) 

Jahne,  Heinrich:  Vincenz  Eduard  Milde. 
(Biographien  osterreich.  Schulmanner. 
Hrsg.  v.  Franz  Frisch.  Wien:  A-  Pichler's 
Wwe  &  Sohn.  8.  S.  60—78.) 

M  o  r  o  1  d ,  Max :  Stephan  Milow.  Eine  literar. 
Skizze.  Mit  d.  Bildn.  des  Di enters.  Leip- 
zig: G.  H.  Meyer.   8.  2  BL,  108  S.  1  Bildn. 

Miquel  und  Bennigsen.  (Die  Grenzboten. 
56.  Jahrg.  III.    8.    S.  337—346.) 

Sellers,  Edith:  Dr.  von  Miquel,  'The 
Kaiser's  own  man*.  (The  nineteenth  cen- 
tury.    Vol.  42.    8.    S.  472—485.) 

Friedrich  Mitterwurzer.  (Der  Kunstwart. 
10.  Jahrg.    4.    S.  167.) 

David,  J.  J.:  Friedrich  Mitterwurzer. 
(Das  Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4. 
Sp.  218—222.) 

Dr.  Franz  Ritter  von  Mocnik.  (Biographien 
ttsterreich.  Schulmanner.  Hrsg.  v.  Franz 
Frisch.  Wien:  A.  Pichler's  Wwe  &  Sohn. 
8.    S.  128—132.) 

Schumacher,  K.:  Schul  rat  Johann  Mode- 
mann.  f,  (Der  Schulfreund.  53.  Jahrg. 
8.    S.  249—260.) 

Schmid,  Alois  v.:  Der  geistige  Fntwick- 
lungsgang  Johann  Adam  Mbhlers.  (Gttrres- 
Gesellschaft.    Hist.  Jahrbuch.    18.  Bd.    8. 

s.  322—356,  572—5990 

Ferdinand  Mohring.  Sein  Leben  und  sein 
SchafTen.  Das  DenkmaL  Seine  Werke. 
(Festschr.  z.  Enthtillung  d.  Denkmals  f. 
Ferdinand  Mfthring  zu  Alt-Ruppin.  Neu- 
Ruppin:  K.  Michaelis.    8.) 

Bormann,  Walter:  Albert  Moeser.  Ueber- 
schau  seines  Lebens  u.  Dichtens.  (Nord 
u.  Stid.   80.  Bd.    8.   S.  39—57   m.  Bildn.) 

Donalies,  Hans:  Moltke  als  Dichter. 
(Sonntagsbeil.  No  30  z.  Voss.  Zeitung.) 
(Dazu  die  Bemerkung  v.  Friedlander 
in  No  32.) 

KCppen,  Fedor  v.:  Helmuth  von  Moltke. 
Ein  Lebensbild.  2.  verm.  Aufl.  Glogau: 
C.  Flemming.    8.    VIII,  260  S.,  1   Bildn. 

Jonas,  Fritz:  Zum  achtzigsten  Geburtstage 
Theodor  Mommsen's.  (Deutsche  Rund- 
schau.   93.  Bd.    8.    S.  399—416.) 

Hirsch,  Fritz:  HansMorinck.  (Repertorium 
f.  Kunstwiss.    20.  Bd.   8.   S.  257—292.) 

Kade,  O.:  Die  Organistenfamilie  Mors  im 
XVI.  Jahrh.  nach  urkundl.  Aktenstlicken 
der  Geh.  Staatsarchive  zu  Dresden  u. 
Schwerin.  (Monatshefte  f.  Musik-Gesch. 
29.  Jahrg.    8.    S.  43-45.) 

Ritter,  Herm.:  Mozart  s.  Haydn. 

Wolzogen,  Hans  v.:  Wolfgang  Amadeus 
Mozart.  (H.  v.  Wolzogen:  Grossmeister 
deutscher  Musik.  Bd.  1.  Hannover:  Dunk- 
man  n.    4.    S.  29—54  m.  Bildn.) 

Sterne,     Carus:     Erinnerungen     an     Fritz 


32" 


Biographische  Bibliographic 


Miiller.    (SonntagsbeiL    No   22    z.    Voss. 

Zeitung.) 
Hans   Miiller.    (Chronik    d.    Konigl.    Akad. 

d.    Kiinste   zu   Berlin.     1896/97.    8.    S.  87 

—88.) 
Haug,  Eduard:    Aus    dem   Lavater'schen 

Kreise.  II.  Job.  Georg  Miiller  als  Student 

in  Gottingen  und  als  Vermittler  zwischen 

den  Zlirichern  und  Herder.  Beil.  z.  Jahres- 

ber.    d.     Gymn.     Schaffhausen     1896/97. 

Schaff hausen :    Buchdr.    v.   P.    Schoch.    8. 

2  Bl.,   122  S. 
Wernicke,  Konrad:    Karl  Otfried  Miiller. 

Ein    Gedenkblatt.    (Die   Grenzbotcn.    56. 

Jahrg.  III.    8.    S.  369—3790 
♦Pag el:  Max  Miiller,   Sanitatsrath   u.    her- 

vorrag.  Chirurg.    (S.  157.) 
Foerster,  Richard:  Otfried  Miiller.   Rede. 

Breslau:  M.  &  H.  Marcus.    8.    29  S. 
♦Schlenther, Paul :  Theodor Miiller, Schau- 

spieler.  (S.  296 — 297.) 
Pommeranus:    Eine  Beamtenlaufbahn  des 

vorigen  Jahrhunderts  (d.  i.  Johann  Miitzell, 

Sekretars,  zcitweiligen  Lieutenants  u.  spa- 

teren   Salzdirektors).    (Preuss.    Jahrblicher 

87.  Bd.    8.    S.  515—528.) 
•Holland,  H.:  Joseph  Munsch,  Historien- 

u.  Genremaler.    (S.  54 — 55.) 
Wustmann,  Rudolf:    Zu   Thomas  Murner 

(Blatter   ftir    literar.  Unterhaltung.    Jahrg. 

1897,  1.  4.  s.  361--363O 

Pick  el,  A.:  Muthesius  und  die  Stellung 
des  Rcchenunterrichts  im  Lehrplan  der 
Volksschule.  (Zeitschr.  f.  Philosophic  u. 
Padagogik.  IV.  Jahrg.  8.  S.  38—52,  94 
—  114.) 

(Mutzenbecher,  August:)  Zur  Erinnerung 
an  den  Generalsuperintcndenten  Esdras 
Hcinrich  Mutzenbecher  in  Oldenburg. 
Oldenburg,  Schulze.    8.    2  BL,  84  S. 

Lamprecht,  Karl:  Bernhard  Christoph 
Ludwig  Natorp.  (K.  Lamprecht:  Bilder 
von  der  roten  Erde.  Hamm,  Westf. :  C. 
Dietrich.    8.    S.  87—96.) 

♦Poten,  B.:  Ernst  Hans  Karl  Gneomar 
von  Natzmer.    (S.  103 — 104.) 

•  G  u  g  1  i  a ,  E. :  Albert  Naude.  (S.  42—44.) 

Schmoller,  Gustav:  Zum  Andenken  an 
Albert  Naude.  (Forschungen  z.  Branden- 
burg, u.  Preuss.  Gesch.  9.  Bd.  8.  S.  V 
—XVIII.) 

Rust,  Agnes:  Ein  MUnchencr  Portraitmalcr 
(Paul  Nauen).  (Die  Kunst-Halle.  II.  Jahrg. 
4.    S.  146-147.) 

Bendixen,  Rudolf:  August  Neander.  (R. 
Bendixcn:  Bilder  aus  d.  letztcn  religiOsen 
Erweckung  in  Deutschland.  Leipzig:  DorfT- 
ling  &  Kranke.    8.    S.  236 — 253.) 

f  Wasserbau-Direktor  Nehls.  (Deutsche  Bau- 
zeitung.    31.  Jahrg.    4.    S.  459-460.) 

Wasserbaudirektor  Johann  Christian  Nehls  f . 


(Centralblatt  d.  Bauverwaltung.    17.  Jahrg. 
4.    S.  411   m.  Bildn.) 
Buchheister:  Wasserbaudirektor  Joh.  Chr. 
Nehls.    (Deutsche   Bauzeitung.    31.  Jahrg. 

4.  S.  606 — 607,  610— 611.) 

Frisch,    Franz:     Dr.    Eugen     Netoliczka. 

(Biographicn      osterreich.      Schulmanner. 

Hrsg.    v.    F.    Frisch.     Wien:    A.    Pichlcr's 

Wwe&Sohn.  8.   S.  172—178.) 
Nettelbecks  Tochter  s.  Heidler. 
Reich  1,  Anton:  Goethes  Faust  und  Agrippa 

von  Nettesheim.    (Euphorion.    4.  Bd.    8. 

5.  287—301.) 

Schlenther,  Paul:  Die  Neuberin.  Geborcn 
9.  Mans  1697.  (SonntagsbeiL  No  10  z. 
Voss.  Zeitung.) 

C.  L.  Neubourg,  geb.  d.  22.  Dez.  1808, 
gest.  d.  31.  Januar  1895,  BUrgermeister 
der  Stadt  Stade  1839-1891.  (VV.  H.  Jobel- 
mann  u.  W.  Wittpenning:  Geschichte  d. 
Stadt  Stade.  Neubearb.  v.  M.  Bahrfeldt. 
Stade:  Dr.  v.  A.  Pockwitz.  8.  S.  IX— XI.) 

Will,  C.:  Georg  Neuflfer.  (Nekrolog.)  (Ver- 
handlungen  d.  histor.  Ver.  d.  Oberpfalz 
u.  Regcnsburg.    49.  Bd.    8.    S.  281  f.) 

Will,  C:  Wilhelm  v.  Neuffer.  (Nekrolog.) 
(Verhandlungen  d.  histor.  Ver.  d.  Ober- 
pfalz u.  Regensburg.  49.  Bd.  8.    S.  283  f.) 

Dorn,  Wilhelm:  Benjamin  Neukirch,  sein 
Leben  und  seine  Werke.  Ein  Beitrag  z. 
Gesch.  d.  zweiten  schles.  Schule.  Weimar: 
E.  Felber.  8.  X,  140  S.  [Litterarhist.  For- 
schungen. Heft  IV.] 

♦Braunmtihl,  A.  v:  Franz  Ernst  Neumann, 
Wirklicher  Geheimer  Rat,  Exc.  (S.  205 
—207.) 

Bibl,  Victor:  (Caspar  von)  Nidbruck  s. 
Melanchthon. 

Sommert,  Hans:  Robert  Niedergesass. 
(Biographien  osterreich.  Schulmanner. 
Hrsg.  v.  Franz  Frisch.  Wien:  A.  Pichler's 
Wwe  &  Sohn.    8.    S.  261-271.) 

F 6 rster- Nietzsche,  Elisab. :  Das  Leben 
Friedrich  Nietzsche's.  Bd.  2.  Abth.  1. 
Leipzig:  C.  G.  Naumann.  8.  IX,  341  S. 
m.   1  Bildn.  (Bd.  1   ersch.   1895.) 

Fuchs,  Georg  Friedrich:  Friedrich  Nietz- 
sche. Sein  Leben  u.  seine  Lehre  m.  bes. 
Berticksichtigung  seiner  Stellung  z.  Chri- 
sten turn.  Stuttgart:  Chr.  Belser.  8.  41  S. 
[Zeitfragen  d.  christl.  Volkslebens.  Bd.  XXII. 
H.  8.] 

Konig,  Karl:  Nietzsche.  I.  II.  (Der  Pro- 
testant. 1 .  Jahrg.  4.  Sp.  907— 909, 93 1 —933.) 

Paulsen,  Friedrich:  Zum  Nietzsche-Kultus. 
(SonntagsbeiL   No  11   z.  Voss.  Zeitung.) 

Riehl,  Alois:  Friedrich  Nietzsche  der 
Ktinstler  und  der  Denker.  Ein  Essay. 
Stuttgart :  Fr.  Frommanns  Verlag.  8. 
192  S.,  1  Portr.  [Frommanns  Klassiker  d. 
Philosophic  VI.] 


Biographische  Bibliographic. 


33* 


Rode,  Alb.:  Nietzsche  s.  Hauptmann. 
Saenger,  S.:  Friedrich  Nietzsche  und  die 

Kathederphilosophie  I.  II.    (Sonntagsbeil. 

No  24.  25  z.  Voss.  Zeitung.) 
Schellwien,    Rob.:    Nietzsche     u.    seine 

Weltanschauung.  £.  krit.  Studie.  Leipzig: 

A.  Janssen.    8.    45  S. 
Seth,  Andrew:    Friedrich   Nietzsche.    His 

Life  and  Works.   (Blackwood's  Magazine. 

Vol.  162.    8.    S.  476—493.) 
Wilhelmi,    J.    H.:    Th.    Carlyle    und    F. 

Nietzsche.    Wie    sie   Gott   suchten,    und 

was  ftlr  einen  Gott  sie  fanden.  Gttttingen: 

Vandenhoeck  &  Ruprecht.  8.  2  Bl.,  88  S. 
Heinrich  Noe.   (Nekrolog.)  (Deutsche  Rund- 
schau f.  Geographic  u.  Statistik.   19.  Jahrg. 

8.    S.  185—187  m.  Bildn.) 
•Brfimmer,  Franz:   Heinrich  August  NoS, 

Reiseschriftsteller.    (S.  447—448.) 
Bei    der    Schwcrtprobe.    Erinnerungen    aus 

dcm     lets  ten     deutsch-danischen    Kriege. 

Von     Wilhelm    Noldechen.     Altenburg: 

Stephan  Geibel.    8.    VII,  187  S. 
OberforstTath  Dr.  Hermann  v.  Ndrdlinger  f . 

(Centralblatt   f.  d.  gesammte  Forstwesen. 

23.  Jahrg.    8.    S.  137—145  m.  Bildn.) 
Graner:    Zum    Andenken    an    Oberforstrat 

Dr.  Hermann  v.  Ndrdlinger.    (Forstwiss. 

Centralbl.    N.    F.    Jahrg.  19.    8.    S.  291 

—297O 
Bernhard  v.  Holleben  gen.   v.  Normann  s. 

v.  Holleben. 
MenCik,   Ferd.:    Caspar  Nydbruck's    Ver- 

haltniss    zu    den   Calixtinern    in  Bohmen. 

(Jahrbuch  d.  Ges.  f.  d.  Gesch.  d.  Protestan- 

tismus  in  Oesterreich.   18.  Jahrg.  8.  S.  48 

-55.) 

Rust,  Agnes:  Hermann  Obrist.  (Die  Kunst- 
Halle.     II.  Jahrg.    4.    S.  211—212.) 

•Alexander  Freiherr  von  Oer,  Geheimer 
Hofrath,  Professor.    (S.  366—367.) 

*Krauss,  Rudolf:  Ludwig  Ofterdinger. 
(S.  99—100.) 

#  Pag  el:  Adolf  Oldendorff.  Arzt  u.  Sani- 
tatsrath.  (S.  158.) 

Knodt,  Emil:  Gerdt  Omeken.  Eine  refor- 
mationsgesch.  Skizze.  Giitersloh:  C.  Ber- 
telsmann 8.  VII,  236  S.  [E.  Knodt:  Christl. 
Lebenszeugen  aus  u.  in  Westfalen.  Bd.  1.] 

Jackel,  Rudolf:  Martin  Opitz  von  Bober- 
feld.  Ein  Gedenkblatt  z.  Dreihundertsten 
Wiederkehr  s.  Geburtstages.  Bunzlau:  G. 
Kreuschmer.    8.    48  S.,  1  Bildn. 

Opitz,  Richard:  Martin  Opitz.  (Zum  23.  De- 
cember 1897.)  (Blatter  fttr  literar.  Unter- 
haltung.  Jahrg.  1897,  II.  4.  S.  801—803.) 

K  a  r  p  e  1  e  s ,  Gustav:  Der  Maler  Moritz  Oppen- 
heim  s.  Goethe. 

*Brilmmer,  Franz:  Andreas  Oppermann. 
(S.  263.) 

•Zimmermann,   P.:    Bernhard   Ornstein, 

Blogr.  Jahrb.  a.  Deutscher  Nekrolog.    2.  Bd. 


Generalarzt  der  griechischen  Armee.  (S.404 

-405.) 

In  memoriam.  Dr.  Karl  Ritter  von  Otto  j\ 
(Jahrbuch  d.  Ges.  f.  d.  Gesch.  d.  Pro- 
testantismus  in  Oesterreich.  18.  Jahrg.  8. 
S.  in.) 

Stiassny,  Robert:  Ein  mittelalterlicher 
Alpenktlnstler  (Michael  Pacher).  (Deutsche 
Rundschau.    92.  Bd.    8.    S.  415—437.) 

Bienemann,  Friedrich:  Georg  Friedrich 
Parrots  Jugendleben  (1767— 1801).  (Sep.- 
Abdr.  aus  d.  'St.  Petersburger  Zeitung'.) 
St.  Petersburg:  Buchdr.  d.  'St  Petersb. 
Ztg.'    8.    110S. 

Levinstein,  Gustav:  Professor  Paulsen 
und  die  Judenfrage.  Berlin :  M.  Poppelauer. 
8.    24  S. 

Friedlander,  Max  J.:  Georg  Pentz,  J6rg 
Bentz,  der  Meister  »J.  B«.  (Repertoriura 
f.  Kunstwiss.   20.  Bd.    8.    S.  130-132.) 

Pauli,  Gustav:  Der  Meister  J.  B.  und 
Georg  Pencz.  (Repertorium  f.  Kunstwiss. 
20.  Bd.    8.    S.  298—300.) 

Bendixen,  Rudolf:  Friedrich  Perthes. 
(R.  Bendixen:  Bilder  aus  d.  letzten  reli- 
giosen  Erweckung  in  Deutschland.  Leip- 
zig: DtfrfFling  &  Franke.    8.    S.  1—20.) 

Berdrow,  Otto:  Friedrich  Perthes,  e. 
deutscher  Buchhandler.  Gotha:  F.  A.  Per- 
thes   8.    V,  153  S.  m.  2  Bildn. 

Willms-Wildermuth,  Agnes:  Friedrich 
Perthes,  e.  deutscher  Buchhandler  u.  Pa- 
triot. Stuttgart:  J.  F.  Steinkopf.  8.  164 S. 
m.  Titelbild. 

Blochmann,  Karl  Justus:  Heinrich  Pesta- 
lozzi.  Zttge  aus  dem  Bilde  seines  Lebens 
u.  Wirkens  nach  Selbstzeugnissen,  An- 
schauungen  u.  Mitteilungen.  (Neue  Ausg.) 
Langensalza:  F.  G.  L.  Gressler.  8.  X, 
169  S.  [Padagog.  Quellenschriften.  Bd.  i.j 

Rech  ten  berg,  Albert:  Zum  Gedachtniss 
Pestalozzis.  Ein  Vorrrag.  (Hrsg.  v.  W. 
Heinze.)  (Gutersloh:  C.  Bertelsmann.  8. 
28  S.) 

Heussler,  A.:  Pestalozzis  Leistungen  im 
Erziehungsfach.  (Neue  Ausg.)  Langen- 
salza: F.  G.  L.  Gressler.  8.  3  Bl.,  90  S. 
[Padagog.  Quellenschriften.   Bd.  4.] 

Ramsauer,  Johs:  Pestalozzi  und  seine 
Anstalten.  Neue  Ausg.  Langensalza :  Schul- 
buchhandl.  8.  VII,  87  S.  [Padagog.  Quel- 
lenschriften.   Bd.  3.] 

E.  v.  SallwUrk:  Pestalozzi.  M.  e.  Bildn. 
Leipzig:  R.  Voigtlander.  8.  105  S.,  1  Bildn. 
[Grosse  Erzieher.   Bd.  1.] 

Kirchenrath  Karl  Peter.  (Allg.  evangel.- 
luth.  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  904.) 

Das  Disziplinarverfahren  gegen  Dr.  Carl 
Peters.  Zwei  Aufsatze  aus  d.  »Deutschen 
WochenblatU.  Berlin:  H.  Walther.  8. 
24  S. 


34" 


Biographische  Bibliographic 


Sellers,  Edith:  Dr.  Carl  Peters.  The  lea- 
der of  the  recent  anti-english  agitation  in 
Germany.  (The  fortnightly  review.  Vol.61. 
N.S.  8.  S.  125— 138.) 

Brennert,  Hans:  Rothe  Erde.  (Zum  Ge- 
dachtniss  an  Julius  Petri.)  (Das  Magazin 
f.  Litteratur.   66.  Jahrg.  4.  Sp.  550—  553.) 

Osborn,  Max:  Julius  Petri.  (Sonntagsbeil. 
No  19  z.  Voss.  Zeitung.) 

Ludwig  Adolf  Petri.  I.  II.  [Bilder  aus  der 
Erweckungsgeschichte  des  religitis-kirch- 
lichen  Lebens  in  Deutschland  in  diesem 
Jahrhundert.  7.]  (Allg.  evangel.-luth.  Kir- 
chenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  1211 — 121 9, 
1237— 1245.) 

Karl  Pfannschmidt*  (Die  Grenzboten.  56. 
Jahrg.    IV.    8.    S.  636-639.) 

Weizsacker,  Heinrich:  (C.  G.)  Pfann- 
schmidt.     (Die  christl.  Welt.     11.  Jahrg. 

4.  Sp.  12—15.) 

Schfill,  Th.:  Pfeffel  und  (Jakob)  Sara  sin. 
Mitteilungen.  (Jahrbuch  f.  Gesch.,  Sprache 
u.  Litt.   Elsass-Lothringens.    13.  Jahrg.  8. 

5.  133-150.) 

Zimmermann:    Engelbert  Pfeiffer.     Gest. 

18.  Oct.  1896.   (Die  Kunst-Halle.  II.  Jahrg. 

4.   S.  214.) 
•Ludwig  Graf  von  Pfeil-Burghausz,  erbliches 

Mitglied  und  Altersprasident  des  Herren- 

hauses.  (S.  212— 213.) 
Klihn,  E.:  Christoph  Karl  Ludwig  v.  Pfeil, 

e.  Edelmann    nach    d.  Herzen  Gottes.    8. 

24  S.    [Schillingsbticher.   Hamburg:  Agen- 

tur  d.  Rauhen  Hauses.    No.   179.] 
Mars  op,  Paul:  Hans  Pfitzner.  (Die  Gegen- 

wart.    52.  Bd.    4.    S.  10  —  12.) 
Joh.  Christoph  Ludwig  Pflaum.    [Aus  <L  Er- 

weckungszeit  der  bayerischen  Landeskirche. 

VII.]  (Allg.  Evangel.-Luth.  Kirchenzeitung. 

30.  Jahrg.  4.  Sp.  151- 159.) 
T  u  r  b  a ,  Gustav :  Verhaftung  und  Gefangen- 

schaft  des  Landgrafen  Philipp  von  Hessen 

1547— 1550.  (Arch.  f.  Gsterr. Gesch.  83.  Bd. 

8.   S.  107—232.) 
Ankel,  Otto:  Graf  Philipp  Ludwig  II.  und 

die   Griindung    von    Neu-Hanau.     Hanau: 

Waisenhaus-Buchdr.   4.    I  Bl.,  66  S. 
Ernst,  Adolf  Wilhelm:  Adolf  Pichler.  (Die 

Gegenwart.    52.  Bd.    4.    S.  166—169.) 
Rusch,  Gustav:  Dr.  Adolf  Josef  Pick.  (Bio- 

graphien  flsterreich.  Schulm&nner.     Hrsg. 

v.  Franz  Frisch.  Wien:  A.  Pichler's  Wwe 

&  Sohn.    8.    S.  249—260.) 
♦Brttmmer,  Franz:  Alphons  Friedrich  Pick. 

(S.  248—249.) 
Lied  und  Leben.   Erinnerungen  an  Ferdinand 

Piper,  Doktor   und  Professor  der  Theo- 

logie  in  Berlin.  Gesammelt  v.  seiner  Schwe- 

ster  u.Lebensgefahrtin  Luise.  Berlin:  Buch- 

handlung  d.  Berliner  Stadtmission.  8.  63  S., 

1  Bildn. 


Steck,  Rudolf:  Johannes  Fischer  oder  Pis- 
cator  s.  Fischer. 

Heussiu.  Romberg:  Gedachtnissreden  bei 
d.  Trauerfeier  f.  d.  heimgegangenen  Pastor 
emer.  Martin  Pistorius  zu  Schwerin  am 
1.  XI.  1897.   Schwerin:  F.  Bahn.   8.    16  S. 

(August  Graf  v.)  Platens  Tagebticher.  (Die 
Grenzboten.  56.  Jahrg.  III.  8.  S.  71—83.) 

B  u  s  s  e ,  Karl :  Platens  Tagebticher.  (Blatter 
fur  literar.  Unterhaltung.    Jahrg.  1897,    I. 

4.  s.  305—308.) 

Meyer,  Richard  M.:  August  Graf  von  Pla- 
ten-Hallermund.  (R.  M.  Meyer:  Deutsche 
Charaktere.  Berlin:  E.  Hofmann  &  C.  8. 
S.  128—137.) 

Rehorn,  K.:  Was  bedeutet  uns  Platen 
heute?  Zur  Platenfeier.  25.  October  1896. 
(Berichte  d.  Freien  Deutschen  Hochstiftes 
zu  Frankfurt  am  Main.    N.  F.    13.  Bd.    8. 

S.  33*-56#0 

Rtihle,  Otto:  Graf  August  von  Platen. 
(Mon a tsb latter  f.  deutsche  Litteraturgesch. 
I.  Jahrg.   8.   S.  128—133.) 

Aus  der  Selbstbiographie  von  Thomas  und 
Felix  Platter.  (Ausgew.  Selbstbiographien 
aus  d.  15.  bis  18.  Jahrh.  Hrsg.  v.  Chri- 
stian Meyer.  Leipzig:  J.  J.  Weber.  8.  S.  41 
—94  m.  Bildn.  d.  Felix  PI.) 

♦  E  i  t  n  e r ,  Rob. :  Friedrich  Plengroth.(S.  1 1 7.) 

Hirschfeld,  Hart  wig:  Salomon  Plessner. 
(Biblisches  u.  Rabbinisches  aus  Salomon 
Plessner's  Nachlass.  Zu  seinem  hundertsten 
Geburtst.  hrsg.  v.  Rabbiner  Dr.  Elias  Pless- 
ner. M.  Bildn.  Frankfurt  a.  M.:  J.  Kauff- 
mann.    8.    S.  5—25.) 

♦Eitner,  Rob.:   Dr.  Richard  Pohl.   (S.  117 

—  118.) 

Smolian,  Arthur:  Richard  Pohl.  Nekrolog. 
(Musikal.  Wochenblatt.  28.  Jahrg.  4.  S.  25 

—  26.) 

*Kohlschmidt:  Johann  Wilhelm   Preger, 

Oberconsistorialrath.  (S.  444 — 445.) 
Steiner,   Rudolf:  Wilhelm  Preyer.     Gest. 

am  15.  Juli  1897. 1— III.   (Das  Magazin  f. 

Litteratur.   66.  Jahrgang.  4.  Sp.  879—  882, 

911-915,  943-9450 
Philo  vom  Walde  [d.  i.  Johannes  Reinelt]: 

Vincenz    Priessnitz   als    BegrUnder    des 

Wasser-    und    Naturheilverfahrens.      Einc 

Studie.     Berlin:     W.    M6ller.     8.     35  S.t 

1  Bildn. 
♦Krauss,  Rudolf:  Dionys  Pruckner.  (S.  102 

-103.) 
Krack,    Otto:    Der    Fl3tenspieler    Quanz. 

(Sonntagsbeil.  No  6  z.  Voss.  Zeitung.) 
Nagel,  Wilibald:  (Hans  Joachim  Quantz.) 

(Monatshefte   f.   Musik- Gesch.    29.  Jahrg. 

8.    S.  69—78.) 
Gerber,  Paul:  Wilhelm  Raabe.    Eine  WQr- 

digung  seiner   Dichtungen.     Leipzig:  W. 

Friedrich.   8.    V1H,   338  S. 


Biographische  Bibliographic 


35' 


Lange,  Robert:  Wilhelm  Raabe.  (Blatter 
fttr  literar.  Unterhalrung.  Jabrg.  1897,  H. 
4-    S.  577-5790 

Warn  eke,  Alb.:  Wilhelm  Raabe.  (Monats- 
blatter  f.  deutsche  Litteraturgesch.  I.  Jabrg. 
8.    S.  13—27.) 

In  fremdem  Dienst.  Erlebnisse  in  der  fran- 
zosischen  Fremdenlegion.  Wahrheitsgetreu 
geschildert  v.  Tbeodor  Leopold  Raif, 
Sergeant  im  2.  bad.  Feldartillerie-Regiment 
Nr.  30.  Karlsruhe:  J.  J.  ReifT.  8.  VIII, 
312  s. 

Farinelli,  Arturo:  Raimund  s.  Grill- 
parzer. 

Speier,  Max:    Raimund  s.  Grillparzer. 

Ramsauer,  Johannes:  Kurze  Skizze  meines 
padagogischen  Lebens.  M.  bes.  Berticks. 
auf  Pestalozzi  u.  seine  Anstalten.  (Langen- 
salza:  F.  G.  L.  Gressler.)  8.  VI  S.,  1  B)., 
86  S.,    1  Bl.    [Padagog.    Quellenschriften. 

Bd3.] 
•Brtimmer,  Franz:  Joseph  Rank.   (S.  448 

—4490 
Sybel,  Heinrich  v.:  Gedachtnisrede  auf 
Leopold  v.  Ranke,  geh.  1886.  (H.  v. 
Sybel :  Vortr&ge  und  Abhandlungen.  Mtin- 
chen  und  Leipzig:  R.  Oldenbourg.  8. 
S.    290—308.       [Historische     Bibliothek. 

Bd  3.]) 
•Wcltner,     A.    J.:      Hugo     Ranzenberg, 
recte  Ranzenberger,  Schauspieler.    (S.  342 

-343-) 

Klaus t  B. :  JergRatgeb.  (Klaus,  B. :  Gmttnder 
KQnstler.  II.  1.  in:  WUrttembergische  Vier- 
teljahrshefte  f.  Landesgesch.  N.  F.  V.  Jahrg. 
8.    S.  30S-307O 

Zum  fUnfzigjahrigen  Dienstjubil&um  des  Ge- 
nerals der  Infanterie  und  Chefs  der  Land- 
gendarmerie  Albert  v.  Rauch  am  22.  April 
1897.  (Militar-Wochenblatt.  82.  Jahrg.Bd.  1. 
4.    Sp.  1057- 1058.) 

Wolfs gruber:  Ein  Gedenktag  an  Car- 
dinal Rauscher.  (Hist.-polit.  Blatter  f. 
d.  kath.  Deutschland.    120.  Bd.  8.  S.  477 

—4970 
♦Weltner,    A.    J.:    Heinrich    Thalboth, 

Pseudonym  fttr  Heinrich  Razga  von  Rasz- 

toka,  Schauspieler  u.  Btihnendichter.  (S.  343 

—344.) 
♦Wustinann,  G.:  Anton  Philipp  Reclam, 

Buchhandler  in  Leipzig.    (S.  88—89.) 
Rabenlechner,  Michael  Maria:  Oscar  von 

Redwitz'     religittser     Entwicklungsgang. 

Frankfurt    a.  M.:     P.    Kreuer.    8.    31   S. 

[Frankfurter  zeitgem.  Broschtiren.  Bd.  18. 

H.  1.] 
Andreas  Rehberger  in  Nttrnberg.   [Aus  der 

Erweckungszeit    der    bayerischen  Landes- 

kircbe  I.]    (Allg.  Evangel.-Luth.   Kirchen- 

zeitung.    30.  Jahrg.    4.    Sp.  5—8.) 
♦Eitoer,  Rob.:  Adolf  Reichel.    (S.  ti8.) 


Websky,  Julius:  Ernst  Reimer  f.  (Pro- 
testant. Monatshefte.    1.  Jahrg.  8.  S.  463.) 

♦Magnus  Anton  Reindl,  Geistlicher  Rath  u. 
Stadtpfarrer  in  Gtinzburg,  deutscher  Reichs- 
tags- u.  bayerischer  Landtagsabgeordneter. 
(S.  219.) 

Ein  Deutsch-Franzos.  (Graf  Reinhard.)  (Die 
Gegenwart.    52.  Bd.    4.    S.  136—139.) 

♦Kohlschmidt:  Josef  Hubert  Reinkens. 
(S.  287—292.) 

Re  in  thaler,  Paul:  Karl  Reinthaler,  KtfnigL 
Rektor  des  Marienstiftes  in  Erfurt,  und 
seine  Familie.  Aus  dessen  Aufzeichnungen 
u.  nach  eigener  Erinnerung.  Nebst  Portrat 
Hamburg:  Verlag  d.  Agentur  des  Rauhen 
Hauses.    8.    VIII,    122  S.,    1  BL,    1  Bildn. 

•Eitner,  Rob.:  Karl  Martin  Reinthaler. 
(S.  118— 119.) 

Reitzenstein ,  Hans  Frhr  v.,  Oberstlieut. 
a.  D.:  Erinnerungen  u.  Aufzeichnungen 
aus  den  Kriegsj.  1870/71  als  Compagnie- 
Chef  im  Brandenburg.  Ftis.-Reg.  Nr.  35, 
jetzigen  Ftis.-Reg.  Prinz  Heinrich  v.  Preussen 
(Brandenburg.)  Nr,  35.  Rathenow:  M.  Ba- 
benzien.    8.    2  BL,  180  S. 

•Brllmmer,  Franz:  Franz i ska  von  Reizen- 
stein.  (S.  256—257.) 

Jostes,  Franz:  Meister  Johannes  Rellach, 
ein  Bibeltibersetzer  des  15.  Jahrhunderts. 
(Gttrres-Gesellschaft.  Hist.  Jahrbuch.  l8.Bd. 
8.    S.  133-H5O 

Tielo,  A.  K*  T.:  Gustav  Renner.  pie 
Gegenwart.    51.  Bd.    4.    S.  359—362.) 

Renouard,  M.  v.,  Oberst  z.  D.:  Erinnerungen 
eines  alten  Rossleber's  aus  den  Jahren  1838 
bis  1842.  Berlin:  Schall  8c  Grund.  8. 
98  S. 

♦Krauss,  Rudolf:  Wilhelm  Theodor  Renz. 
(S.  102). 

Oberforstmeister  Friedrich  Gustav  Rettstadt. 
(Deutsche  Forst-Zeitung.  XII.  Bd.  Neu- 
damm:  J.  Neumann.  8.'  S.  446 — 448  m. 
Bildn.) 
Retzlaff,  Herm.,  Oberstlieut.  z.  D.:  Aus 
meinem  Tagebuche.  Erlebnisse  u.  Erinne- 
rungen aus  d.  deutsch-franzfls.  Kriege 
1870/71.  Berlin:  E.  S.  Mittler  8c  Sohn. 
8.  VII,  79  S. 
Antonius,  Johs:  Fritz  Reuter.  (Monats- 
blatter  f.  deutsche  Litteraturgesch.  I.  Jahrg. 

8.    S.  64-77O 
G  a  e  d  e  r  t  z ,  Karl  Thdr. :   Aus  Fritz  Reuters 

jungen    u.    alten   Tagen.    Neues    lib.    des 

Dichters    Leben    u.   Werden,    auf   Grund 

ungedruckter    Briefe    u.   kleiner    Dichtgn. 

mitgetheilt.  2.  Aufl.  Wismar:  HinstorfT.  8. 

XVI,  162  S. 
Gaedertz,  Karl  Thdr.:  Aus  Fritz  Reuters 

jungen  u.  alten  Tagen.  2.  Folge.  Wismar: 

HinstorfT.    8.    XV,  170  S. 
Wychgram,   J.:    Aus    den    Kreisen    Fritz 


36* 


Biographische  Bibliographic 


Reuters.  (Blatter  fiir  literaT.  Unterhaltung. 
Jahrg.  1897,  I.    4.    S.  226—228.) 

B  u  c  h  w  a  1  d ,  Georg :  Der  Wittenberger  Buch- 
drucker  Georg  Rhau  als  *  »theologischer 
Schriftsteller«.  (Archiv  f.  Gesch.  d.  deut- 
schen  Buchhandels.   XIX.    8.    S.  38—44.) 

Traeger,  Albert:  Eugen  Richter.  (Nord 
und  SUd.  83.  Bd.  8.  S.  32—40  m.  Bildn.) 

•Klarbach,  Alfred  Frhr.  Mensi  v.:  Hein- 
rich  Richter,  KBnigl.  Professor,  Hofschau- 
spieler  u.  Regisseur  am  Kttnigl.  Hoftheater 
zu  Mtinchen.  (S.  279—284.) 

♦Biographische  Aufzeichnungen  Ludwig 
Richter's.  Aus  Otto  Jahn's  Nachlass.  Ein- 
geleitet  u.  mitgetheilt  v.  Ad.  Mich  a  el  is. 
(S.  1  •—ii».) 

Budde,  K.:  Ludwig  Richter.  (Preuss.  Jahr- 
bUcher.    87.  Bd.    8.    S.  261—280.) 

Erler,  Johs.:  Ludwig  Richter,  der  Maler 
des  deutschen  Hauses.  Die  erziehl.  Bedeu- 
tung  Ludwig  Richters  in  seinem  Lebens- 
bilde  u.  in  seinen  Werken.  Leipzig :  Siegis- 
mund  &  Volkening.  8. 163  S.  m.  48  Holzschn. 

Landgrebe,  W.:  Ludwig  Richters  haus- 
liches  Gliick.  Nach  den  Lebenserinnerungen 
eines  deutschen  Malers.  (Monatsblatter  f. 
deutsche  Litteraturgesch.  I.  Jahrg.  8.  S.  552 
-561.) 

Mohn,  V.  Paul:  Ludwig  Richter.  2.  Aufl. 
Bielefeld:  Velhagen  &  Klasing.  8.  154S. 
m.  Abb.    [Ktknstler-Monographien.    14.] 

D  o  e  h  1  e  r ,  Gottfried :  Karl  Louis  Riedel  und 
seine  Schriften  in  vogtlandischer  Mundart. 
Eine  Studie.  Plauen  i.  V.:  F.  E.  Neupert. 
8.  1  Bl.,  71  S.,  1  Bildn.  [L.  Riedel:  Ge- 
dichte  u.  Erz&hlungen  in  vogtl.  Mundart. 

35-LfeO 
Wendt,  F.  M.:  Karl  Riedel.    (Biographien 

ftsterreich.  SchulmSnner,     Hrsg.  v.  Franz 

Frisch.    Wien:  A.  Pichler's  Wwe  &  Sohn. 

8.    S.  272—276.) 
Halm,    Ph.   M.:    Geheimrath    Dr.  Wiihelm 

Heinrich  Ritter  v.  Riehl,  Director  d.  bayer. 

Nationalmuseums  u.  Generalconservator  d. 

Kunstdenkm.  u.  Alterthtimer   Bayerns ,   f . 

(Centralblatt  d.  Bauverwaltung.   17.  Jahrg. 

4.   S.  546— S48.) 
•Pagel:    Karl    Theodor   Johannes  Rigler, 

Arzt.    (S.  158—159.) 
Rinck,    Chrph.  Frdr.,    Hof-  u.   Stadrvikar: 

Studienreise  1783/84,   unternommen  i.  A. 

d.  Markgrafen  Karl  Friedrich  von  Baden. 

Nach  dem  Tagebuch   d.  Verf.    hrsg.   von 

Gymn.-Prof.  Dr.  Mor.  Geyer.     Altenburg: 

St.  Geibel.   8.  VIII,  257  S. 
Lessmann,   Otto:   Eduard  Risler.     (Allg. 

Musik-Zeitung.   24.  Jahrg.  4.  S.  333—334 

m.  Bildn.) 
Ecke,  Gustav:  Albrecht  Ritschl  nach  seiner 

individucllen    Eigenart     als    Dogmatikcr. 

(G.Ecke:  Die  theologische  Schule  Albrecht 


Ritschls  u.  d.  evangel.  Kirche  d.  Gegen- 

wart    1.  Bd.  Berlin:  Reuther  &  Reichard. 

8.  S.  13-41.) 
Harnack,  Adolf:  Ritschl  und  seine  Schule. 

1—8.    (Die  christl.  Welt     11.  Jahrg.     4. 

Sp.  869—873,  891—897.) 
Scholz,  H.:  Albrecht  Ritschl.    1—5.    (Die 

christl.  Welt.  11.  Jahrg.  4.  Sp.  604  —  611.) 
•Eitner,  Rob.:  Alexander  Ritter.  (S.  119.) 
Jacobowski,  Ludwig:  Emil  Rittershaus. 

(Das  Magazin  f.  Litteratur.    66.  Jahrg.  4. 

Sp.  361-368.) 
Stelter,  Karl:  Erinnerungen  an  Emil  Rit- 
tershaus. (Die Gegen wart  5i.Bd.  4.  S.202 

— 204.) 
♦Lehmann,  Alfred:  Alexander  Baron  von 

Roberts.   (S.  263—266.) 
Rodenberg,    Julius:    Erinnerungen   aus  der 

Jugendzeit.    I.  II.     (Deutsche  Rundschau. 

90.91.  Bd.  8.  Bd.  90:  S.  391—414;  Bd.  91 : 

s.  52—72.) 

Zimmermann,  Paul:  v.  Rodenberg  s.  Frie- 
drich Wiihelm  v.  Braunschweig. 

Jacobowski,  Ludwig:  Der  Lyriker  Frie- 
drich Roeber.  (Das  Magazin  f.  Litteratur. 
66.  Jahrg.   4.  Sp.  11 46 — 1149.) 

Engelbert  Rontgen  f.  (Musikal.Wochenblatt. 
28.  Jahrg.  4.    S.  698 — 699.) 

Krebs,  Carl:  Friedrich  Rttsch  als  Erzieher. 
(Sonntagsbeil.  No  21  z.  Voss  Zeitung.) 

Baurath  a.  D.  Adalbert  Roesener  in  Neisse 
(f).  (Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4. 
S.  in.) 

Delbrtlck,  Hans:  Constantin  RSssler. 
(Preuss.  J ahrbticher.  90.  Bd.  8.  S.  189  — 
212.) 

#Meyer,  Alexander:  Constantin  Rdssler, 
deutscher  Publicist.    (S.  200—203.) 

♦Brummer,  Franz :  Rudolf  R5ttger.  (S.  249 
—250.) 

Aus  sieben  Jahrzehnten.  Erinnerungen  aus 
meinem  Leben  von  D.  Bernhard  Rogge, 
Kttnigl.  Hofprediger  in  Potsdam.  Bd.  I: 
Von  1 83 1  bis  1862.  Hannover,  Berlin: 
C  Meyer.    8.    VII,  308  S. 

♦Ratzel,    F.:    Gerhard    Friedrich    Rohlfs. 

(s.  325—332.) 

Schweinfurth,  Georg:  Zur  Erinnerung  an 
Gerhard  Rohlfs.  (Westermanns  Hlustr. 
Deutsche  Monatsheftc.  82.  Bd.  8.  S.  565 
—577  m.  Bildn.) 

Meyer,  Richard  M.:  Friedrich  Rohmer. 
(R.  M.  Meyer:  Deutsche  Charaktere.  Ber- 
lin:  E.  Hofmann  &  C   8.    S.  1S2— 196.) 

Redcn,  geh.  an  den  Sargen  der  teuren  Toten 
Albrecht  Romann,  weil.  Diakonus  a.  U. 
L.  Frauen  zu  Liegnitz,  u.  seiner  Tochter 
Augusta-Gottfrieda  Romann.  Liegnitz:  E. 
Scholz.   8.    16  S. 

Denkwilrdigkeiten  aus  dem  Leben  des  Ge- 
neral -  Fcldmarschalls  Kriegsministcrs  (Al- 


Biographische  Bibliographic 


37* 


brecht)  Graf  en  von  Roon.  Sammlung  von 
Brief  en,  Schriftstticken  und  Erinnerungen. 
(Hrsg.  v,  Waldemar  Graf  Roon,  Generallt.) 
4.  berichtigte  u.  verm.  Aufl.  3  Bde.  Bres- 
lau:  E.  Trewendt.  8.  I :  XVI,  530 S.,  I  Bildn., 
1  Facs.;  2:  VIII,  572  S.,  1  Bildn.;  3:  VIII, 
544  S. 

♦Johannes  Christian  Roos,  Erzbischof  von 
Freiburg.    (S.  398—399-) 

•Wulckow,  Richard:  Otto Roquette.  (S.  139 
—142.) 

Bley,  Fritz:  Durch!  Aus  dem  Leben  des 
Kdniglich  Preussischen  Generals  der  Ka- 
vallerie  Heinrich,  Rudolf,  Eduard,  Wilhelm, 
Gottschalk  von  Rosenberg.  Berlin :  F.  Fon- 
Une  &  C.   8.   IX  S.,  1  BL,  258  S.,  1  Bildn. 

♦BrQmmer,  Franz:  Hermann  Rosenthal. 
(S.  252—253.) 

Brausewetter,  Ernst:  Ernst  Rosmer  (d.  i. 
Else  Bernstein).  (Das  Magazin  f.  Littera- 
tur.    66.  Jahrg.    4.    Sp.  1268— 1273.) 

•Wustmann,  G.:  Ludwig  Adolf  Herrmann 
Rost,  Buchhandler.  (S.  89—90.) 

Weise,  O.:  Der  Orientalist  Dr  Reinhold 
Rost,  sein  Leben  u.  sein  Streben.  Leipzig: 
B.  G.  Teubner  i.  Komm.   8.   71  S. 

So  hie,  Carl:  Bertrand  Roth.  (Musikalisches 
Wochenblatt  28.  Jahrg.  4.  S.  106  —  107  m. 
Bildn.) 

Cropp,  Johannes:  Zur  Erinnerung  an  Richard 
Rothe.  (Protestant.  Monatshefte.  I.  Jahrg. 
8.   S.  425—435,  481—488.) 

Planitz,  Ernst  Edler  v.  der:  Die  voile  Wahr- 
heit  tib.  d.  Tod  des  Kronprinzen  Rudolf 
von  Oesterreich  nach  amtl.  u.  publicist. 
Quellcn,  sowie  den  hinterlasscnen  Papieren. 
23.  Aufl.  Berlin:  A.  Piehler  &  C.  8.  256 S. 
m.  Bildn. 

♦Brttmmer,  Franz:  Ludwig  Rudolph. 
(S.  250.) 

Beyer,  Conr.:  Friedrich  RUckerts  Leben 
u.  Bedeutung.  (F.  RUckert:  Werke  in  6Bdn. 
Hrsg.  v.  C  Beyer.  Leipzig:  G.  Fock.   8.) 

Zu  Leopold  Immaouel  RUckert's  Gedacht- 
nis  (Protestant.  Monatshefte.  I.  Jahrg. 
8.    S.  82—83.) 

Bdhme,  Richard:  Friedrich  RUckert. 
(Rtickert's  Werke.  Ausw.  in  6  Bdn.  M.  e. 
biogr.  Einl.  v.  R.  B5hme.  Berlin:  Bibliogr. 
Anst.    8.) 

Kuttner,  Bernh.:  Friedrich  RUckert.  (F. 
Rttckert:  Gedichte.  Ausgew.  u.  erl.  v.  B. 
Kuttner.  M.  e.  Lebensabriss  u.  d.  Bildn. 
d.  Dichters.  Frankfurt  a.  M  :  J.  D.  Sauer- 
lander.    8.) 

de  Lagarde,  Paul:  Erinnerungen  an  Frie- 
drich RUckert.  'Ueber  einige  Berliner 
Theologen,  und  was  von  ihnen  zu  lernen 
ist.  Zwei  Aufsatze.  In  e.  neuen  Abdruck 
tiberreicht  v.  Anna  de  Lagarde.  Gtfttingen : 
Dr.d.  Dieterichschen  Univ.-Buchdr.  8.  S.3 


—34.      (Nicht    ftir    den    Buchhandel    be- 

stimmt) 
♦Puschmann,    Th.:    Nicolaus    Riidinger, 

Anatom.   (S.  353—354-) 
•Christian  Mori tz  RUhlmann.  (S.  360—361.) 
•Kohlschmidt:    Louis    Bernhard  Ruling, 

Oberconsistorialratb.    (S.  445 — 446.) 
Iselin,    L.  E.:    Carl    Ludwig    Rutimeyer. 

Basel :  R.  Reich.   8.  47  S.  m.  Bildn. 
Frisch,  Franz:  Karl  Russheim.     (Biogra- 

phien  Osterreich.   Schulmanner.    Hrsg.   v. 

Frisch.    Wien:  A.  Richter's  Wwe  &  Sohn. 

8.  S.  94—105.) 
Richter,  E.:  f  Anton  v.  Ruthner.     (Mit- 

theilungen    des    deutschen    u.    osterreich. 

Alpenver.    23.  Bd.    4.    S.  287—288.) 
Kirchhoff,    Albrecht:    Aus    Johann   R)m- 

mann's  Geschaftsverkehr  (1504).   (Archiv 

f.  Gesch.  d.  deutschen  Buchhandels.   XIX. 

8.   S.4-7.) 
Hofrath  Franz  Ritter  von  Rziha  f-  (Deutsche 

Bauzeitung.    31.  Jahrg.     4.     S.  327—328, 

368.) 
Hofrath  Franz  Ritter  v.  Rziha,  Prof.  d.  Eisen- 

bahn-  u.  Tunnelbaues  an  d.  Wiener  techn. 

Hochschule,  f.  (Centralblatt  d.  Bauverwal- 

tung.    17.  Jahrg.    4.    S.  289  m.  Bildn.) 
Hammer,  W.  A.:  Ferdinand  v.  Saar.  (Lit- 

teraturbilder     fin    de    siccle.      2.   Bdchn. 

MUnchen:  J.  Schweitzer.  8.) 
Minor,  J.:  F.  von  Saar  als  Lyriker.    (Nord 

u.  Sttd.  81.  Bd.   8.  S.  302— 317  m.  Bildn.) 
Minor,  Jacob:  Ferdinand  von  Saar.  IV.  V. 

(Sonntagsbeil.  No  8.  9.  z.  Voss.  Zeitung.) 
Bieder:    Georg    Sabinus.      (Nachtrag    zur 

Melanchthonfeier.)    (Schulblatt  f.  d.  Prov. 

Brandenburg.  62.  Jahrg.  8.  S.  353—369.) 
Zimmerer,  Heinrich:  Hans  Sachs  und  sein 

Gedicht  von   den   no  FlUssen   des  deut- 
schen Landes  (1559)  mit  einer  zeitgenQssi- 

schen  Landkarte   hrsg.  u.  erl.     Progr.  d. 

Maximilians- Gymn.  MUnchen.  4.    50  S.  m. 

Nachtr. 
Julius  Sachs  f.  (Naturwissenschaftl.  Wochen- 

schrift.    12.  Bd.    4.    S.  495—496.) 
Hauptfleisch,     Paul:      Professor     Julius 

von  Sachs.    Gedachtnissrede,  geh.  in  der 

Physikal.-med.  Gesellschaft   in  Wtirzburg. 

M.  d.  Bilde  v.  Sachs*  u.  e.  chronol.  Verz. 

seiner  Publicationen.  Wtirzburg:  Stahel.  8. 

41  S.,  1  Bildn.   [Verhandlungen  d.  physik.- 

med.  Ges.   zu   Wtirzburg.     N.  F.     Bd  31. 

No  10.] 
Geiger,  Ludwig:  Michael  Sachs  und  Moritz 

Veit.  Biographic.  (Michael  Sachs  u.  Moritz 

Veit.     Briefwechsel,    hrsg.   v.   L.  Geiger. 

Frankfurt  a.  M.:  J.  Kauffmann.    8.    S.  IX 

—XXIV  ra.  2  Bildn.) 
Zimmermann,  Paul:    Heinrich  Sallentien 

f.  (Braunschweig.  Magazin.  3-Bd.  4.  S.  25 

—28.) 


38* 


Biographische  Bibliographic. 


Dombauraeister   K.   Th.  Max  Salzmann  f. 

(Centralblatt  d.  Bauverwaltung.    17.  Jabrg. 

4.   S.  72.) 
Rauschenberg:  Max  Salzmann,  Dombau- 
meister zu  Bremen  f.  (Deutsche  Bauzeitung. 

31.  Jahrgang.  4.  S.  77.) 
Daniel  Sanders.   Ein  Gedenkbuch.   Hrsg.  v. 

Anna    Segert  -  Stein.     (M.  biogr.  Beitr.  ▼. 

Franz  Arz  u.  Reinhold  Ortmann.)    Neu- 

strelitz:    Barnewitz.  8.  3  Bl.,  68  S.,  1  Bl., 

1  Bildn. 
Dttsel,    Friedrich:    Daniel  Sanders.     (Die 

Gegenwart.  51.  Bd.   4.   S.  234—236.) 
Sachs,  Karl:  Daniel  Sanders.  (Das  Magazin 

f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  345—347) 
Schall,  Th.:  (Jakob)  Sarasin  s,  Pfeffel. 
Aus  der  Selbstbiographie  des  Bartholomaus 

Sastrow.       (Ausgew.     Selbstbiographien. 

Hrsg.  v.  Christian  Meyer.     Leipzig:  J.  J. 

Weber.    8,   S.  95—131.) 
♦Bauer,  St.:  Emanuel  Hans  Sax,  Professor. 

(S.  446-4470 

Eleonore  FUrstin  Reuss:  Carl  von  Schach- 
mann.  Ein  Bild  aus  dem  geistigen  Leben 
des  18.  Jahrhunderts.  (Allg.  Konservat. 
Monatsschrift  f.  d.  christl.  Deutschland. 
54.  Jahrg.,  I.    8.    S.  33—45.  17"  —  l8l0 

General  der  Infanterie  Hans  v.  Schacht- 
meyer  f.  (Militar-Wochenblatt.  82.  Jahrg. 
2.  Bd.   4.    Sp.  2701 — 2708.) 

•Blumentritt,  F.:  Dr.  Alexander  Schaden- 
berg,  der  bertlhmte  Philippinen-Forscher. 
(S.  428—430.) 

Eggert,  Ed.:  Oberamtmann  Schaffer  von 
Sulz.  Ein  Zeit-  und  Lebensbild  aus  -dem 
Ende  des  vor.  Jahrhunderts.  Stuttgart: 
D.  Gundert.  8.  95  S.  m.  1  Bildn.  [Wttrt- 
temberg.  Neujahrsblatter.    N.  F.    Bl.  2.] 

•Weltner,  A.  J.:  Alois  Berla,  Pseudonym 
fttr  Alois  Scheichl.    (S.  336—337.) 

Franz,  Adolph:  Die  katholische  Charitas 
und  Professor  Dr.  Schell  in  Wtirzburg. 
(Hist-polit.  Blatter  f.  d.  kathol.  Deutsch- 
land.    119.  Bd.    8.    S.  705— 717.) 

♦Brttmmer,  Franz:  Ernst  Viktor  Schellen- 
berg.   (S.  252.) 

Worrlein,  Joh.:  Gerhard  Schepmann,  von 
1 87 1  bis  1885  Missionar  in  Indien.  Her- 
mannsburg:  Missionshandlg.  8.  18  S. 
[KleineHerrmannsburgerMissionsschriften. 
No  15.] 

M tiller,  Karl:  Luise  Scheppler,  e.  Magd 
des  Herrn.  Berlin:  Ostdeutscher  Jilnglings- 
bund.  8.  16  S.  m.  Abb.  [Fttr  Feste  u. 
Freunde  d.  Inn.  Mission.    H.  8.] 

Buchbinder,  Max:  Georges  Ohnet.  —  Jo- 
hannes Scherr.  (Das  Magazin  f.  Litteratur. 
66.  Jahrg.  4.    Sp.  1308  — 131 1.) 

•Ferdinand  Schichau.    (S.  364  — 365.) 

•Ferdinand  Schieffer,  Kaiserl.  Regierungs- 
rath.    (S.  365—366.) 


•Pa gel:  Moritz  Schiff,  Arzt  u.  einer  d.  be- 
deutendsten  Physiologen.  (S.  159.) 

T (Impel:  Major  von  Schill  und  die  Ravens- 
berger.  (Elfter  Jahresbericht  d.  histor.  Ver- 
eins  f.  d.  Grafschaft  Ravensbcrg  zu  Biele- 
feld.   8.    S.  123—125.) 

Ehrlich,  Mor.:  Schiller  s.  Goethe. 

En  gel,  Julius:  Schiller  als  Ftihrer  zur  Welt 
des  Idealen.  Vortrag.  Charlottenburg : 
Selbstv.    8.    19  S. 

Weitbrecht,  Carl:  Schiller  in  seinen 
Dramen.  Stuttgart:  Fr.  Frommann.  8.  314  S. 

•Brttmmer,  Franz:  Anna  Schimpff-Jahn. 
(S.  251—252.) 

Ziller,  Hermann:  Schinkel.  Bielefeld  u. 
Leipzig:  Velhagen  &  Klasing.  8.  2  BL, 
114  S.,   3   Taf.    [Kfinster-Monographien. 

28.] 

Waterstraat,H.:  Johann  Christoph Schtn- 
meyer.  Ein  Lebensb.  aus  d.  Zeit  d.  Pietis- 
mus.  Gotha:  E.  F.  Thienemann.  8.  4  Bl., 
66  S. 

•Pagel:  Rudolf  Schirmer,  Augenarzt,  Pro- 
fessor der  Augenheilkunde.  (S.  159 — 160.) 

Pet  rich,  Herm.:  Ein  vergessener  Missions- 
direktor  (August  Carl  Friedrich  v.  Schirn- 
ding).  Berlin :  Evang.  Missionsges.  8.  8  S. 
[Neue  Missionsschriften.   No  53  ] 

•Alfred  Graf  von  Schlabrendorflf-Seppau, 
Mitglied  des  Preuss.  Herrenhauses.  (S.  220.) 

Sulger-Gebing,  Emil:  Die  Brttder  A.  W. 
und  F.  Schlegel  in  ihrcm  VerhaMtnisse  zur 
bildenden  Kunst  dargest  M.  ungedr.  Brie- 
fen  u.  Aufs.  A.  W.  Schlegels.  Mttnchcn: 
C.  Haushalter.  8.  4  Bl.,  199  S.  [For- 
schungen  z.  neueren  Litteraturgesch.   III.] 

L  i  p  s  i  u  s ,  Richard  Adelbert :  Schleiermacher 
und  die  Romantik.  1876.  (R.  A.  Lipsius: 
Glauben  und  Wissen.  Ausgew&hlte  Vor- 
trage  u.Aufsatze.  Berlin:  C.  A. Schwetschke 
8c  Sohn.   8.    S.  275—298.) 

Thr&ndorf,  E.:  Schleiermacher  in  der 
Schulkirchengeschichte.  (Jahrbuch  d.  Ver. 
f.  wissenschaftl.  P^dagogik.  29.  Jahrg.  8. 
S.  132—167.) 

•Pagel:  Wilhelm  Schlesinger,  Arzt  und 
Schriftsteller.   (S.  160.) 

•Zimmermann,  P.:  Heinrich Robert Eduard 
Schmelzkopf.    (S.  405—406.) 

Vetter,  Ferdinand:  Ferdinand  Schmid 
(Dranmor).  E.  litterar.  Studie.  (Vermehrter 
Sonder-Abdruck  aus  d.  »Sonntagsbl.  des 
Bund«  1897.)  Bern:  Schmid  &  Francke.  8. 
60  S.  m.  Bildn. 

•Pagel:  Benno  Gottlob  Schmidt,  Prof.  d. 
Chirurgie.   (S.  160 — 161.) 

•Brtimmer,  Franz :  Eke  Schmieden.  (S.  260 
—261.) 

♦Wolff,  Wilhelm  P.:  Emil  Schneider,  Mit- 
glied des  Stadtheaters  zu  Frankfurt  a.  M. 
(S.  284—285.) 


Biographische  Bibliographic 


39* 


Kassner,  C:  Friedrich  Adolph  Schneider, 
alleiniger  rechtmassiger  Inhaber  der  Astro- 
meteorologie.     (Dcr    B£r.     23.  Jahrg.     4. 

S.  535—5380 
•Pagel:    Johann    Julius   Moritz  Schneller, 

Arzt  und  Augenarzt   (S.  161.) 
Schaeffer,  Emil:  Arthur  Schnitzler.   Eine 

Studie.     (Die   Gesellschaft.     Jahrg.  1897, 

11.  8.   S.  22—33  m.  Bildn.) 

♦Lier,  H.  A.:  Fedor Schnorr,  Commerzien- 

rat.    (S.  415—416.) 
Dodgson,  Campbell:  Zum  Holzschnittwerke 

Erhard  Schon  s  und  Peter  Flatner's.  (Re- 

pertorium  f.  Kunstwiss.  20.  Bd.   8.  S.  206 

— 210.) 
•Posner:  Emil  Schdne.    (S.  414.) 
Job.  Gottfried  Schdner.  [Ausder  Erwcckungs- 

zeit    d.    bayerischen    Landeskirche.     IV.] 

(Allg.  Evangel.-Luth.  Kirchenzeitung.     30. 

Jahrg.   4.    Sp.  78-82.) 
Grisebach,    Eduard:    (Arthur)    Schopen- 
hauer. Geschichte  seines  Lebens.  M.  Portr. 

Berlin:  E.  Hofmann  &  C.    8.    XII,  332  S. 

[Geisteshelden.  Bd.  25/26.] 
Hccker,    Max  F. :    Schopenhauer  und  die 

indische  Philosophic    Ktiln:  Htibscher  & 

Teufel.   8.    255  S. 
Thiemann,    K.:    A.    Schopenhauer,    ein 

Zeuge     biblisch  -  evangelischer    Wahrheit. 

Stuttgart:   Chr.  Belser.    8.    36   S.     [Zeit- 

fragen  d.  christl.  Volkslebens.  Bd.  22.  H.4.] 
Heinemann,  Otto:    Julius  Max  Schottky. 

(Zeitschr.  d.  histor.  Ges.  f.  d.  Prov.  Posen. 

12.  Jahrg.   8.    S.  386-387.) 

♦Karl  Freiherr  von  Schrader,  preuss.  Cere- 

monienmeister.   (S.  219.) 
•Wilhelm    Schrdder,    Geheimer  Oberjustiz- 

rath  u.  vortragender  Rath  im  preuss.  Justiz- 

ministerium.   (S.  217 — 218.) 
Friedlaender,  Max:  Franz  Schubert    Zu 

seinem  hundertsten  Geburtstage.  (Deutsche 

Rundschau.    90.  Bd.    8.    S.  218—248.) 
Grimm-  Carnap ,    Oscar :    Franz    Schubert. 

Zur  hundertjahr.     Geburtsfeier  des  Ton- 

dichters.     Skizze.     (Monatsschrift  f.  kath. 

Lehrerinnen.  10.  Jahrg.  8.  S.  96—97.) 
Krebs,  Carl:  Franz  Schubert,  Geborcn  am 

31.  Januar  1797.     (Sonntagsbeil.  No  5    z. 

Voss.  Zeitung.) 
Loewengard,  Max:    Zu  Franz  Schuberts 

hundertjahr.  Geburtstag    (31.   Jan.    1797). 

(Das  Magazin  f.  Litteratur.    66.  Jahrg.    4. 

Sp.  100 — 103.) 
Reimann,  Heinrich:  Franz  Schubert.    Ein 

Gedenkblatt  zu  s.  100.  Geburtstage.  (Allg. 

Musik-Zeitung.    24.  Jahrg.    4.    S.  65 — 68, 

81—83  m-  Bildn.  u.  Abb.) 
Riemann,  Hugo:    Zur  Erinnerung  an  den 

31.  Januar  1797  (Franz  Schubert).  (Musikal. 

Wochenblatt.    28.  Jahrg.    4.    S.  77  — 78.) 
Zitelmann,  K.:  Franz  Schubert  und  Karl 


L6we.   (Die  Gegenwart.  51.  Bd.  4.  S.  52 

-550 
Holczabek,  Joh.  W.:  Karl  Schubert.   (Bio- 

graphien  tfsterreich.  Schulmanner.     Hrsg. 

v.  Franz  Frisch.   Wien :  A.  Pichler's  Wwe 

&  Sohn.  8.    S.  160— 171.) 
Bendixen,  Rudolf:   Gotthilf  Heinrich  von 

Schubert.     (R.  Bendixen:    Bilder   aus    d. 

letzten  religittsen  Erweckung  in  Deutsch- 

land.  Leipzig:  Dflrffling&Franke.  8.  S.63 

—80.) 
Ein  Spion  Napoleon's  I.  (Karl  Schulmeister.) 

(Jahrbttcher  f.  d.  deutsche  Armee  u.  Marine. 

104.  Bd.  8.  S.  77—790 
Schultes,  Carl:  AllerleiTheater-Erinnerungen. 

(Die  Gegenwart.  52.  Bd.   4.  S.  357—358.) 
Neues    von    Robert    und  Clara  Schumann. 

(Die  Gegenwart.  51.  Bd.  4.  S.  136 — 139.) 
Franz,  Ludwig :  Ernestine  Schumann-Heink. 

(Musikal.  Wochenblatt.  28.  Jahrg.   4.   S.  2 

—  3,  18  m.  Bildn.) 

•Eitner,  Rob.:  Klara  Schumann.    (S.  119 

—  123.) 

•Scholz,     Bernhard:      Clara    Schumann. 

(S.  12*— 16».) 
*Kollmann,    Paul:    Matthias    Schumann. 

(S.  147-149O 

♦Eitner,  Rob. :  Friedrich  Gottlieb  Schwen- 
cke.   (S.  123.) 

Hoffmann,  Frz:  Caspar  Schwenckfelds 
Leben  u.  Lehren.  1.  Th.  Progr.  Berlin: 
R.  Gaertner.   4.   29  S. 

Marie  Seebach.  (Der  Bar.  23.  Jahrg.  4. 
S.  550.) 

Schlenther,  Paul :  Marie  Seebach  (f  3.  Au- 
gust 1897).  (Sonntagsbeil.  No  34  z.  Voss. 
Zeitung.) 

•Wolkenhauer,  W.:  Arthur  von  Seel- 
strang ,  Professor  der  Matbematik  an 
der  Universitat   Cordoba    in   Argentinien. 

(S.  369O 

Schwartz,  C.  v.:  Karl  Segebrock  und 
Ewald  Ovir.  Zwei  frllh  vollendete  Mis- 
sionare  d.  evangel.-luther.  Mission  zu  Leip- 
zig. Leipzig:  J.  Naumann's  Sort.  i.  Komm. 
8.   II,  97  S.  m.  Abb.  u.  1  farb.  Kte. 

Imhof,  Franz:  Ein  neues  Berliner  Theater 
u.  sein  Bauherr  (Bernhard  Sehring).  (Die 
Kunst-Halle.    II.  Jahrg.   4.    S.  22—24.) 

•Lier,  H.  A.:  Traugott  Jacob  Hermann 
Seidel,  Kunst-  u.  Handelsgartner  in  Dres- 
den.  (S.  416.) 

Eugen  Sell  f.  (Naturwissenschaftl.  Wochen- 
schrift    12.  Bd.    4.    S.  177-178.) 

•Blenck,  E.:  Eugen  Sell.    (S.  209—210.) 

Klaus,  B.:  Egid  Seybold.  (B.  Klaus:  Gm un- 
der KUnstler.  II.  17.  in:  WUrttembergische 
Vierteljahrshefte  f.  Landesgesch.  N.  F. 
V.  Jahrg.    8.    S.  326-329.) 

•Welti,  Heinrich:   Gustav  Siehr.     (S.  334 

—3350 


40* 


Biographische  Bibliographic 


Lebenserinnerungen  von  Werner  von  Sie- 
mens. 5.  Aufl.  M.  d.  Bildn.  des  Verf. 
Berlin:  J,  Springer.  2  BL,  298  S.,  1  Bildn. 

Amalie  Sieveking.  I.  II.  [Bilder  aus  d.  Er- 
weckungsgeschichte  des  rcligids-kirchlichen 
Lebens  in  Deutschland  in  diesem  Jahr- 
hundert.  6.]  (Allg.  evangel.-luth.  Kirchen- 
zeitung.  30.  Jahrg.  4.  .  Sp.  1086 — 1092, 
1 108— 11 1 5.) 

Bendixen,  Rudolf:  Amalie  Sieveking.  (R. 
Bendixen :  Bilder  aus  d.  letzten  religiosen 
Erweckungin  Deutschland.  Leipzig:  Dorff- 
ling  &  Franke.    8.    S.  404 — 444.) 

•Ratzel,  F.:  Friedrich  Simony.   (S.  332— 

3340 
Olshausen,  R. :    Ueber  Marion  Sims  und 

seine  Verdienste  um  die  Chirurgie.    Rede. 

Berlin:  A.  Hirschwald.    8.    30  S. 
Hofrath  Karl  Sing.  Nekrolog.  (Kollektaneen- 

Blatt  f.  d.  Gesch.  Bay  ems.    61.  Jahrg.    8. 

S.  123 — 131  m.  Bildn.) 
Schreiner,  Heinrich:  Anton  Martin  Slom- 

sek.  (Biographicn  osterreich.  Schulmanner. 

Hrsg.  v.  Franz  Frisch.  Wicn:  A.  Pichler's 

Wwe  &  Sohn.    8.    S.  79—93-) 
Baur,  Joseph:  Philipp  (Christoph)  von  S6- 

tern,   geistlicher   Kurfttrst  zu  Trier,    und 

seine  Politik  wahrend  des  30JHhr.  Krieges. 

Bd.  1.     Bis  zum  Frieden  v.  Prag  (1635). 

Speyer:  jSger.  8.  24*,  493  S.,  1  BL,  1  Bildn., 

1  Kt. 
*Niedermann,W.:  Jacob  Laurenz  Sonder- 

egger.   (S.  166—176.) 
Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen-Weimar. 

(Der  Kunstwart.    10.  Jahrg.    4.    S.  205.) 
Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen-Weimar 

f.  (Der  Protestant.    1.  Jahrg.    4.    Sp.  325 

—331.) 

Sophie,  Grossherzogin  von  Sachsen.  (Eupho- 
rion.  4.  S.  441— 444.) 

Rodenberg,  Julius:  Die  Grossherzogin 
Sophie  von  Sachsen.  (Deutsche  Rund- 
schau.   91.  Bd.    8.    S.  298 — 299.) 

Steincr,  Rudolf:  Grossherzogin  Sophie  von 
Sachsen.  (Das  Magazin  f.  Litteratur.  66. 
Jahrg.    4.    Sp.  408—409.) 

Suphan,  Bernhard:  Grossherzogin  Sophie 
von  Sachsen  und  Ihre  VerfUgungen  tiber 
das  Goethe-  und  Schiller-Archiv.  Bericht, 
der  zwttlften  Generalversammlung  der 
Goethe  -  Gcs.  erstattet.  (Deutsche  Rund- 
schau.  93.  Bd.    8.    S.  301—305.) 

♦Puschmann,  Th.:  Josef  Spath,  Gynako- 
loge.   (S.  354—3550 

Franz,  Adolph:  Zur  Charakteristik  des  Erz- 
bischofs  Grafen  Spiegel  von  K8ln.  (Hist- 
polit.  Blatter  f.  d.  kath.  Deutschland. 
120.  Bd.    8.   S.  732—751.) 

♦Dr.  Paul  Emanuel  Spieker,  Konigl.  Preuss. 
Oberbaudirektor.    (S.  212.) 

Kurzbauer,    Emil;    Friedrich  Spielhagen 


als  Kritiker.    (Die  Gegenwart.    52.  Bd.    4. 

S.  3"— 313) 

Zarncke,  Friedrich:  Johann  Spiess,  der 
Herausgeber  des  Faust-Buches,  und  sein 
Verlag.  (1 883.)  (F.  Zarncke :  Kleine  Schrif- 
ten.  Bd.  1.  Goetheschriften.  Leipzig:  E. 
Avenarius.    8.    S.  289 — 299.) 

Bendixen,  Rudolf:  Philipp  Spitta.  (R.  Ben- 
dixen :  Bilder  aus  d.  letzten  religiosen  Er- 
weckung  in  Deutschland.  Leipzig:  Dtfrff- 
ling  &  Franke.    8.    S.  254—281.) 

•Wustmann,  G.:  Johannes  August  Lud- 
wig  Staackmann,  Buchh&ndler.  (S.  91  — 
92.) 

Nagel,  AVilibald:  Zur  Biographie  Joh.  Sta- 
den's  und  seiner  Sohne.  (Monatshefte  f. 
Musik-Gesch.  29.  Jahrg.  S.  53 — 61.) 

Buchrucker:  Adolf  von  Stahlin.  (Neue 
Kirchl.  Zeitschrift.    8.  Jahrg.   8.   S.  673  — 

7O30 

Stahlin,  Otto:  D.  Adolf  von  Stahlin, 
President  des  bairischen  Oberkonsistori- 
umsf.  I — VII.  (Allg,  evang.-luth.  Kir- 
chenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  916 — 921, 
940-944,  963—968,  990—993,  1010— 
1014,  1039—1044,  1062— 1065.) 

B  r  a  u  s  e ,  Alb. :  Johann  Gottfried  Stallbaum. 
Ein  Beitr.  z.  Gesch.  d.  Thomasschule  in 
der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrh.  TL  1. 
Progr.  Leipzig:  (J.  C.  Hinrich's  Sort.) 
4.    40.  S. 

Dechent,  H.:  Johann  Friedrich  Starck. 
Ein  Lebensbild  aus  der  Zeit  des  spatern 
Pietismus.  1 — 9.  (Die  christl.  Welt.  11. 
Jahrg.  4.  Sp.  773-776,  796—799»  847 
-852.) 

•Bachmann,  A.:  Fritz  Staub.  (S.  235 — 
242.) 

H  o  f f  m  a  n  n  -  Krayer ,  Ed. :  Fritz  Staub  f , 
geb.  d.  30.  Marz  1826,  gest.  d.  3.  August 

1896.  (Schweizer  Archiv  f.  Volkskunde. 
I.  Jahrg.    8.    S.  88—90.) 

Lauchert,  F.:  Franz  Anton  Staudenmaier 
nach  seiner  schriftstellerischen  Thatigkeit 
dargest  I.— IV.  (Revue  internat.  de  theo- 
logie.  V.  Annee.  8.  S.  370—398.  807 — 
826.) 

Schmid-Braunfels,  Josef:  Ottokar  Stauf 
von  der  March.  (Die  Gesellschaft.   Jahrg. 

1897,  II.    8.    S.  243—246  m.  Bildn.) 
Heinrich  Steffens.  I— III.   [Bilder  aus  d.  Er- 

weckungsgeschichte  des  religios-kirchlichen 
Lebens  in  Deutschland  in  diesem  Jahr- 
hundert.  III.  Reihe.  2.]  (Allg.  Evangel.- 
luth.  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  364 

—369,  388-393>  413—  4I9-) 

Bendixen,  Rudolf:  Heinrich  Steffens.  (R. 
Bendixen:  Bilder  aus  der  letzten  religibscn 
Erweckung  in  Deutschland.  Leipzig:  Dtfrflf- 
ling  &  Franke.    8.    S.  81  —  125.) 

Lamprccht,  Karl:   Friedrich  Stehfen,  ein 


Biographische  Bibliographic. 


4i< 


westf.  Baumeister.  (K.  Lamprecht:  Bilder 
von  dcr  roten  Erdc.  Haram,  Westf.:  C. 
Dietrich.    8.    S.  80 -86.) 

G  r  a  f ,  J.  H. :  Der  Mathematiker  Jakob  Steiner 
von  Utzenstorf.  Ein  Lebensbild  u.  zugleich 
eine  WUrdigung  seiner  Leistungen.  M.  d. 
Portr.  u.  d.  Facs.  eines  Brief es  Steiners. 
Bern:  K.  J.  Wyss.  8.  54  S.,  1  Bildn., 
1  Facs. 

Steingraber,  Prof.  Louis:  Erinnerungen  aus 
meinem  KUnstlerleben.  Graz:  Selbstv.  8. 
155  s. 

v.  Steinle,  Alphons  Maria:  Lebensbild 
Eduard  von  Steinle's.  (E.  v.  Steinle's 
Briefwechsel  mit  seinen  Freunden.  Hrsg. 
u.  durch  e.  Lebensbild  eingeleitet  v. 
A.  M.  v.  Steinle.  In  2  Bdn.  Bd.  1.  Frei- 
burg i.  B.:  Herder.  8.  S.  1— 166.  m.  Bildn.) 

♦Zimmermann,  P.:  Karl  Heinr.  Aug. 
Steinmann.   (S.  406 — 407.) 

♦Zimmermann,  P.:  William  Steinway. 
(S.  407 — 408.) 

Stcnzcl,  Karl  Gust.  Willi.:  Gustav  Adolf 
Ha  raid  Stenzels  Leben.  Gotha:  F.  A. 
Perthes.    8.    XII,  491  S.  m.  Bildn. 

Staatssccretair  Hcinrich  von  Stephan  f. 
(Arch.  f.  Post  u.  Telegraphic  Beihefte 
z.  Amtsblatt  d.  Reichs-Postamt.  25.  Jahrg. 
8.    S.  205—207.) 

Die  Bcisctzung  des  Staatssecretairs  Dr.  von 
Stephan.  (Arch.  f.  Post  u.  Telegraphic 
Beihefte  1.  Amtsblatt  d.  Reichs-Postamts. 
25.  Jahrg.    8.    S.  237-245.) 

Erinnerungen  an  Dr.  H.  von  Stephan.  (Arch, 
f.  Post  u.  Telegraphic  Beihefte  z.  Amts- 
blatt d.  Reichs-Postamts.  25.  Jahrg.  8. 
S.  474-484O 

Staatssekret&r  Dr.  Heinrich  von  Stephan. 
(Deutsche  Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4.  S.  189 
— 190.) 

Staatssekretair  Dr.  v.  Stephan.  (Monatsschrift 
f.  Deutsche  Beamte.  21.  Jahrg.  8.  S.  241 
-243.) 

Heinrich  von  Stephan  f.  (Monatsschrift  f. 
Deutsche  Beamte.  21.  Jahrg.  8.  S.  187 
-189.) 

Der  deutsche  Generalpostmeister  Dr.  Hein- 
rich v.  Stephan.  (Nekrolog.)  (Deutsche 
Rundschau  f.  Geographic  u.  Statistik.  19. 
Jahrg.    8.    S.  422 — 424  m.  Bildn.) 

B  i  1 1  i  g ,  R. :  Heinrich  von  Stephan.  (Deutsche 
Rundschau.  91.  Bd.    8.    S.  303—306.) 

Bttcker,  Friedrich:  Aus  dem  Leben  und 
Wirken  des  Staatssekretars  des  Deutschen 
Reichspostamts  Dr.  v.  Stephan.  (Der  Bar. 
23.  Jahrg.    4.    S.  221 — 224.) 

Hartmann,  Eug.:  StaatssekretSr  Dr.  v. 
Stephan,  General-Postmeister  des  Deut- 
schen Reiches.  Rede.  Frankfurt  a.  M.: 
Gebr.  Knaucr.    8.    32  S. 

Krickebcrg,  E.:    Heinrich  von  Stephan. 


Ein  Lebensbild.  Dresden  &  Leipzig:  C 
Reissncr.  8.  3  BI.,  320  S.,  I  Bildn.  [Manner 
der  Zeit.  I.] 

Bart  els,  Adolf:  Adolf  Stern.  Eine  Studic 
(Westermanns  Ulustr.  Deutsche  Monats- 
hefte.    81.  Bd.    8.    S.  589—603  m.  Bildn.) 

v.  Oertzen,  Friedr.:  Joseph  von  Stichaner. 
Ein  Lebensbild  aus  dem  Elsass.  Mit  e. 
Bilde  von  Stichaner's.  Freiburg  i.  B.t 
Leipzig  u.  Tubingen:  J.  C  B.  Mohr.  8. 
78  S.,   1  Bildn. 

♦Kohlschmidt:    Johann    Gustav    Stickel. 

(S.  292— 294O 
♦Eitncr,     Rob.:    L.     M.    Adolf    Stiehle. 

(S.  123.) 
Widmann,  Hans:  Adalbert  Stifter.  (Litte- 

raturbilder  findesiecle.  2.Bdchn.  MUnchen: 

J.  Schweitzer.    8.) 
Generallieutenant  z.  D.  v.  Stocken  f-  (Mili- 

tUr-Wochenblatt.     82.  Jahrg.     2.  Bd.     4. 

Sp.  2987—2990.) 
W  i  1 1  e ,  Carl :  Prozess  Witte-St6cker  s.  W  i  1 1  e. 
♦Posncr:  Carl  Stdlzel,  Professor  fUr  tech- 

nische  Chemie  in  MUnchen.    (S.  415.) 
Schulz-Hasserode,  W.:  FUrst  Otto  zu  Stol- 

berg-Wernigerode  f-  (Der  Bar.  23.  Jahrg. 

4.  S.  44—46  m.  Bildn.) 

Der  Wiedertftufer  Nikolaus  Storch  und  seine 
Anhanger  in  Hof.  Aus  Enoch  Widmanns 
handschriftl.  Chronik  d.  Stadt  Hof  mitget. 
v.  Christian  Meyer.  (Hohenzollerische  For- 
schungen.    5.  Jahrg.,  S.  273—281.) 

Berger,  Karl:  Theod or  Storm.  (Blatter  fUr 
literar.   Unterhaltung.    Jahrg.  1897,   II.  4. 

5.  593- S980 

Remer,   Paul:    Theodor  Storm    als    nord- 

deutscher  Dichter.  Mit  einem  EinfUhrungs- 

gedicht  v.  Detlev  von  Liliencron.  Berlin: 

Schuster  &  Loeffler.    8.    54  S. 
•Granicr,  Hermann:  Albrecht  von  Stosch, 

Kttnigl.  Preuss.   General  der  Infanterie  u. 

Admiral.    S.  422—423.) 
Andreae,  C.:  K(arl)  V(olkmar)  Stoy.  (PHda- 

gog.  Blotter   f.  Lehrerbildung  u.   Lehrcr 

bildungsanstalten.  26.  Bd.  8.  S.  343—355-) 
Eck,  S.:    Ueber  David   Friedrich  Strauss. 

1—4.    (Die    christl.    Welt.    11.  Jahrg.    4. 

Sp.  9-12,  34—39,  54—57,  74—79-) 
Bis  ch  off,     Hermann:     Richard     Strauss. 

(Musikal.  Wochenblatt.  28.  Jahrg.  4.  S.  194 

—  195,  212—213,  226—228  m.  Bildn.) 
Wilhelm   Streckfuss.    (Chronik  d.    Kttnigl. 

Akad.   d.  KUnste   zu  Berlin.    1896/97.    8. 

S.  88.) 
♦Pniower,  Otto:  Friedrich Strehlke.  (S. 3 1 9 

—322.) 
•Zimmermann,  P.:  Friedr.  Herm.  Richard 

Freiherr  v.  Strombeck.    (S.  408—409.) 
Maretich   v.   Rio-Alpon,    Gedeon  Frhr: 

Josef  Struber  u.  die  Kampfe  in  der  Ura- 

gebung  des  Passes  Lueg  i.  J.  1809.   [Aus: 


42' 


Biographische  Bibliographie. 


Mittheilungcn  d.  Ges.  f.  Salzburger  Landes- 
kunde.]  Salzburg;  (Wien:  W.  Braumtlller.) 
8.    138  S.  m.  Bildn. 

B ussier,  W.:  General  d.  Inf.  v.  Stiilp- 
nagel.  Kurzgefasstes  Lebensbild  m.  An- 
schluss d.  Gesch.  des  nach  ihm  genanntcn 
5.  Brandenburg.  Inf.  Reg.  Nr.  48.  Gotha: 
G.  Schloessmann.  8.   33  S.  m.  Bildn. 

♦Briimmer,  Franz:  Julius  Karl  Reinhold 
Sturm.  (S.  255—256.) 

Tielo,  A.:  Julius  Sturm.  (Die  Gegenwart. 
51.  Bd.    4.    S.  280—281.) 

K 1  a  u  s ,  B. :  Ulrich  Sturm.  (B.  Klaus :  GmUnder 
KUnstler.  II.  3.  in :  WUrttemberg.  Viertel- 
jahrshefte  f.  Landesgescb.  N.  F.  V.  Jahrg. 

8.    S.  313-3170 

Geh.  Regierungsrath  Ludwig  Suche  f.  (Cen- 
tralblatt  d.  Bauverwaltung.  17.  Jahrg.  4. 
S.  428.) 

Kawerau,  Walderoar :  Hermann  Sudermann. 
Eine  kritische  Studie.  Magdeburg  u.  Leip- 
zig: W.  Niemann.    8.    3  BL,   199  S. 

Willibald:  Sudermann.  (Monatsblatter  f. 
deutsche  Litteraturgesch.  I.  Jahrg.  8.  S.318 

-3270 
•Sulzer,    Wirklicher    Geheimer    Kriegsrath. 

(S.  213.) 

Tschackert,  Paul:  Magister  Johann  Sutel, 
(1504— 1575)»  Reformator  von  Gottingen, 
Schweinfurth  und  Northeim,  erster  evang. 
Prediger  an  d.  heut  Universitatskirche  u. 
erster  Superintendent  zu  Gottingen.  Mit 
Benutzung  vieler  ,  unbekannter  Hand- 
schriften.  Nebst  zwei  Schriften  u.  zahl- 
reichen  Briefen  Sutels.  (Zeitschr.  d.  Ges. 
f.  niedersachs.  Kirchengesch.  2.  Jahrg.  8. 
S.  1  — 140.)  (Auch  besonders  ersch.  Braun- 
schweig: A.  Limbach.    8.    Ill,   134  S.) 

Schmoller,  Gustav:  Gedachtnisrede  auf 
Heinrich  von  Sybel  und  Heinrich  von 
Treitschke.  (Zuerst  verbfTentl.  in  d.  Bei- 
lage  z.  Allg.  Zeitung  v.  2. — 4.  Juli  1896.) 
(Forschungen  z.  Brandenburg,  u.  Preuss. 
Gesch.  9.  Bd.    8.    S.  357—394.) 

Varrentrapp,  Conrad :  Heinrich  von  Sybel. 
(H.  v.  Sybel:  VortrSge  und  Abhandlungen. 
M.  e.  biographischen  Einleirung  v.  C. 
Varrentrapp.  Mlinchen u. Leipzig:  R.  Olden- 
bourg.  8.  S.  1  — 156.  [Historische  Biblio- 
thek.  Bd.  3.I) 

Roth,  F.  W.  E.:  Jakob  Theodor  von  Berg- 
zabern  (Tabernaemontanus),  s.  T  h  e  o  d  o  r. 

Schoener,  Reinhold:  Konrad  Telmann. 
(Das  Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4. 
Sp.  151— 159.) 

Gerhard  Tersteegen.  Ein  Gedenkblatt  zu 
seinem  200.  Geburtstage.  Kaiserswerth : 
Diakonissen-Anst.  8.  32  S.  [Geschichten 
u.  Bilder  fUrs  deutsche  Volk.    No  31 ''33.] 

Das  Leben  des  Gerhard  Tersteegen.  Ding- 
lingen  (Frankfurta.  M.:  J.Schergens).  8. 32  S. 


Zum  Gedachtniss  Gerhard  Tersteegen's, 
geb.  25.  November  1697.  (Allg.  cvangel.- 
luth.  Kirchenzeitung.  30.  Jahrg.  4.  Sp.  1 130 

-"34*) 

Die  religiSse  Individualist  Gerhard  Ter- 
steegens.  (Der  Protestant.  1.  Jahrg.  4. 
Sp.  910—913.) 

Auge:  Tersteegen  als  Seelsorger.  (Nach 
gedruckten  und  ungedruckten  Briefen.) 
(Refonnirte  Kirchen- Zeitung.  20.  Jahrg. 
4.    S.  372-373.  379-381.) 

Auge,  Fr.:  Gerhard  Tersteegen  als  Seel- 
sorger. Erweit.  Festansprache.  Neukirchen: 
Stursberg  &  C.    8.    39  S. 

GrUnd ler,  Ad.:  Gerhard  Tersteegen.  Zu 
seinem  20ojahr.  Geburtstag  am  25.  Novbr 
1897.  Berlin:  Buchhandlg  d.  Berliner 
Stadtmission.   8.   49  S.,   1  BL,  74  S.,  1  Bl. 

KUhn,  E:  Gerhard  Tersteegen,  der  Ar- 
men  und  Verlassenen  Leibarzt  Ein  Le- 
bensbild. Hamburg:  Rauhes  Haus.  8. 
24  S. 

Lang,  A.:  Gerhard  Tersteegen,  (Refor- 
mirte  Kirchen-Zeitung.  20.  Jahrg.  4.  S.  1 56 
—  158,  162  —  164.) 

Nelle,  Wilh.:  Gerh.  Tersteegen.  (G.  Ter- 
steegen: Geistliche  Lieder.  M.  e.  Lebens- 
gesch.  des  Dichters  u.  s.  Dichtung  v.  W. 
Nelle.    Gutersloh :    C.  Bertelsmann.    8.) 

Offe:  Gerhard  Tersteegen.  (Schulblatt  f. 
d.  Prov.  Brandenburg.  62.  Jahrg.  8.  S.  607 
-617.) 

Schimmelbusch,  E.  VV.:  Zur  WUrdigung 
Gerh.  Tersteegens  als  Dichters.  Ein  Vor- 
trag  mit  besonderer  Berticksichtigung  der 
Nclle'schen  Schrift  »G.  Tersteegens  Geist- 
liche Lieder«.  DUsseldorf:  C.  SchafTnit. 
8.   32  S. 

Werckshagen,  C.:  Gerhard  Tersteegen. 
Lebensbeschreibung.  (G.  Tersteegen's  Lie- 
der und  Spriiche.  Ausgew.  u.  hrsg.  v.  C 
Werckshagen.  Berlin:    H.  Friedrich.  8.  S. 

1-31) 
•Krauss,  Rudolf:  Ludwig  Thaden.  (S.  93.) 

Weltner, A. J.:  Heinrich  Thalboth  s.Razga. 

Roth,  F.  W.  E.:  Jakob  Theodor  von 
Bergzabem  (Tabernaemontanus).  Bio- 
bibliographisch  geschildert.  (Centralblatt  f. 
Bibliothekswesen.  14.  Jahrg.  8.  S.  84— 104.) 

Meine  Reise  in  den  brasilianischen  Tropen 
v.  Therese  Prinzessin  von  Bayern  (Th.  von 
Bayer*).  Berlin:  D.  Reimer.  8.  XVI, 
544  S.,   1  Bildn.,  2  Ktn,  4  Taf. 

Bendixen,  Rudolf:  August  Tholuck.  (R. 
Bendixen:  Bilder  aus  d.  letzten  religiosen 
Erweckung  in  Deutschland.  Leipzig:  Dftrff- 
ling  &  Franke.    8.    S.  210—235.) 

Rougemont,  H.  de:  Tholuck.  (Le  Chre- 
tien evangelique.  IV.  Annee.  8.  S.  10 — 
25,  68-83.) 

Emil  Thomas:    40  Jahre  Schauspieler.    Er- 


Biographische  Bibliographic 


43' 


innerungen   aus   meinem   Leben.    (Bd.  2.) 

Berlin:    C.  Duncker.    8.    1  Bl.,  286,  III  S. 

(Bd.  1  ersch.  1895.) 
H.  J.  Thommen.  Geb.  28.  Mai  1795.  Gest. 

3.  Nov.  1897.  Personalien  u.  Leichenrcden, 

gespr.  b.  d.  Beerdigung  am  Freitag,  5.  Nov. 

1897  zu  Htflstein.  Liestal:  (Gebr.  Lttdin). 

8.    16  S.  m.  Bildn. 
[Thtimmel,    Mathilde:]     Julius    Sigismund 

Thuramel.  Ein  Charakterbild.  Halle  a.  S.: 

Dr.  v.  E.  Karras.    8.    50  S. 
♦Scheuermann,  W.:  Victor  Oscar  Tilgner. 

(s.  275—279.) 

Bacchtold,  J.,  u.  Bachmann,  A.:  Lud- 
wig  Tobler.  (L.  Tobler:  Kleinc  Schrif- 
ten  z.  Volks-  und  Sprachkunde.  Hrsg.  v. 
J.  Baechtold  u.  A.  Bachmann.  M.  Portr., 
Lebensabriss  u.  Bibliographic  Frauenfeld : 
J.  Huber.    8.    S.  VII-XVL) 

Tobler,  Ludwig:  Salomon  Tobler.  (L.  Tob- 
ler: Kleine  Schriften  z.  Volks-  und  Sprach- 
kunde.  Hrsg.  v.  J.  Baechtold  u.  A,  Bach- 
mann. Frauenfeld:   J.  Huber.  8.  S.  1  —  24.) 

Umlauft,  Friedrich:  Dr.  Franz  Toula. 
(Deutsche  Rundschau  f.  Geographie  u. 
Statistik.  19.  Jahrg.  8.  S.  569 — 572  m. 
Bildn.) 

•Friedjung,  Heinrich:  Ferdinand  Graf 
TrauttmannsdortT,  President  d.  tfsterreich. 
Hcrrenhauses.    (S.  132—133.) 

Bussler,  VV.:  Generalmajor  Hennigs  v. 
TretTenfeld.  Kurzgefasstes  Lebensbild  m. 
Anschluss  d.  Gesch.  des  nach  ihm  ge- 
nannten  Altmark.  Ulanen-Reg.  Nr.  16. 
Got  ha:  G.  Schloessmann.  8.  31  S.  m. 
1  Abb. 

•Bail leu,   P.:    Heinrich    von  Treitschke. 

(S.  377-389.) 

Kohl,    Horst:     Heinrich    von  Treitschke. 

(Blatter    fur    literar.  Unterhaltung.    Jahrg. 

1897,    I.  II.    4.    I:  S.  3— 6;    II:   S.  468— 

470.) 
S  c  h  m  o  1 1  e  r,  Gust. :  Heinrich  von  Treitschke 

s.  v.  Sybel. 
Stamper,  Georg:  Heinrich  von  Treitschke. 

(Westermanns    Illustr.   Deutsche    Monats- 

hefte.    81.  Bd.    S.  271-283  m.  Bildn.) 
Obcrst  v.  Trotha:     Meine    Bereisung    von 

Deutsch  -  Ostafrika.     Vortrag.    Berlin:    B. 

Brigl.    8.    96  S. 
Fcbler,    A.:     C.  C  Trott    s.    Friedrich 

Wilhelm  v.  Braunschweig. 
•Lier,    H.  A.:    Heinrich  August    Triiben- 

bach,  Pfarrer.  (S.  416 — 417.) 
BUtler,  Placid:  Ulrich  von  Eppenstein,  Abt 

von  St.  Gallen  und  Patriarch  von  Aquileja. 

(Jahrbuch  f.  Schweizer.  Gesch.  22.  Bd.  8. 

S.  251—291.) 
♦BrUmmer,    Franz:   Carl   Ulrici.    (S.  262 

-263.) 
Hartwig,  Otto:  Francois  Sabatier  und  Caro- 


line Sabatier  —  Unger.   (Deutsche  Rund- 
schau.  91.  Bd.  S.  227  — 243.) 
Johann   August  Urllperger.    [Aus   der  Er- 

weckungszeit  d.  bayerischen  Landeskirche. 

VI.]  (Allg.  Evangel.-luth.  Kirchenzeitung. 

80.  Jahrg.  4.  Sp.  127  — 131.) 
Diisel,  Friedr.:  Johann  Peter  Uz.  (Zeitschr. 

f.  deutsche  Sprache.    10.  Jahrg.   8.  S.  281 

—292.) 
Vasen,  Prof.  Dr. :  Aus  zwei  Kriegcn.  Selbst- 

erlebtes    aus    1866    u.    1870/71.      Berlin: 

Liebel.    8.    2  BL,  100  S. 
Geiger,  Ludwig:   Moritz  Veit  s.   Sachs, 

Michael. 
Krosigk,  Anna  v.:    Werner  v.  Veltheim. 

E.  Lebensgesch.  zum  Leben.    Aus  Tage- 

buchern   u.  Briefen   zusammengest.    Bern- 
burg:  (O.  DornblUth.)    8.  354  S. 
♦Zimmermann,  P.:  Karl  Friedrich  Hilmar 

von  Veltheim.  (S.  409-411.) 
Branky,  Franz:  Theodor  Vernaleken.  (Bio- 

graphien  tfsterreicb.  Schulmanner.  Herausg. 

von  Franz  Frisch.  VVien:  A.  Pichler's  VVwe 

&Sohn.    8.    S.  133  —  159.) 
Dahlerup,  Verner:  Karl  (Adolf)  Verner. 

(Arkiv  for  nordisk  filologi.     N.  F.  9.  Bd. 

8.  S.  270-281.) 
Hartwig,    O.:    Karl  Adolf  Verner  als  Bi- 

bliothekar.  (Centralbl.  f.  Bibliothekswesen. 

14.  Jahrg.   8.  S.  249—263.) 
•Weltner,  A.  J.:    Anna   Versing  -  Haupt- 

mann,    Schauspielerin    u.   Schriftstellerin. 

(S.  344—3450 
Hermann   v.   Vicari,   Erzbischof  von  Frei- 
burg.    Ein   Vorkampfer   f.   d.    Freiheit  d. 

Kirche.  Berlin :  German i a.  8.  62  S.  [Kathol. 

Flugschriftcn   z.   Wehr  u.  Lehr.    No  118.] 
Hober,   Eduard:    Clara  Viebig.    (Das  Ma- 

gazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  11 15 

-1 118.) 
Wendt,  F.  M.:  Franz  Michael  Vierthaer. 

(Biographien  tisterreich.  Schulmanner.Hrsg. 

v.  Franz  Frisch.  Wien:    A.  Pichler's  Wwe 

&  Sohn.  8.  S.  56-59.) 
Zum  Gedachtnis  an  D.  Corn.  Rudolf  Vietor. 

1.  Rede  am  Sarge  v.  Past.  Lahusen.  2.  Ge- 

bet  am    Grabe   v.    Past.   prim.   Thiktttter. 

Bremen:  J.  Morgenbesser.    8.  15  S. 
Virchow's   goldenes  Universitats-Jubiiaum. 

(Wiener    Medizin.    Presse.    38.  Jahrg.    4. 

Sp.  1483— 1484.) 
Seeger,  Georg:  Peter  Vischer  der  Jlingere. 

Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Frzgiesser- 

familie    Vischer.     Mit   27   Abb.    Leipzig: 

E.  A.  Seemann    VI  S.,  1  Bl.,  168  S.  [Bci- 

trage  z.  Kunstgesch.    Neue  Folge  23.] 
Moser,  Joh. :  Thomas  Vocke,  der  crste evan- 

gelische  Pastor  zu  Dietcrsdorf.  (Zeitschr.  d. 

Harz-Vereins  f.  Gesch.  u.  Altertumskunde. 

30.  Jahrg.  8.  S.  501  —  505.) 
Boise  he,  Wilhelm:  Erinnerungen  an  Karl 


44* 


Biographische  Bibliographic 


Vogt.  (Neue  Deutsche  Rundschau.  VIII. 
Jahrg.  8.  S.  551-561.) 

Kuhlraann:  Johann  Heinrich  Volkening. 
(Zeugcn  u.  Zeugnisse  aus  d.  christl.-kirchl. 
Leben  von  Minden-Ravensberg  im  18.  u. 
19.  Jahrh.  2.  Heft  Gadderbaum  b.  Biele- 
feld:   Anst.  Bethd.    8.  S.  63— 87.) 

♦Friedjung,  Heinrich.  Maximilian  Graf 
Vrints,  ttsterreich.  Diplomat  u.  Herren- 
hausmitgl.  (S.  132^ 

Professor  Fritz  A.  Wachtl.  (Centralblatt 
f.  d.  gesammte  Forstwesen.  23.  Jahrg.  8. 
S.  1—3  m.  Bildn.) 

•Pagel:  Guido  Richard  Wagener,  Professor 
d.  Anatomic.     (S.  161  —  162.) 

Btlchner,  Ludwig:  Ein  unmoderner  Natur- 
forscher  (Adolf  Wagner).  (Die  Gegen- 
wart.   52.  Bd.    4.    S.  218—220.) 

•Briiramer,  Franz:  Camillo  Wagner  von 
Freinsheim.     (S.  250—251.) 

Frank  el,  Ludwig:  Camillo  Wagner  von 
Freynsheira,  Dichter.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
Leipzig:    Duncker  &  Humblot.    S.  741  — 

7440 
Geheimer  Baurath  Heinr.  Wagner*  (Deutsche 

Bauzeitung.  31.  Jahrg.  4.  S.  164,  178—179.) 
Geh.  Baurath  Prof.  Dr.  Heinrich  Wagner  in 

Darmstadt  f.    (Centralblatt  d.  Bauverwal- 

tung.    17.  Jahrg.    4.    S.  147— 148.) 
Bulthaupt,   Heinr.:   Richard  Wagner  als 

Klassiker.     (Aug,   Gttllerich:   R.  Wagners 

Blihnenfestspiel  Der  Ring  der  Nibelungen. 

Einleitung.    Leipzig:  C.  Wild.    8.) 
Drews,    Arthur:    (Richard)    Wagner    und 

Feuerbach.     (Die   Gegenwart.     52.  Bd. 

4.  s.  342-344,  358—362.) 

Kaefferlein,  Eduard:  Ein  Jubilaum.  Zum 
22.  Mai.  (Richard  Wagner.)  (Musikal. 
Wochenblatt.  28.  Jahrg.  4.  8.285-286, 
297-298,  313—314,  325-326.) 

Mayreder,  Rosa:  Richard  Wagner,  der 
Christ.  (DasMagazinf.Litteratur.  66.  Jahrg. 

4.  sP.  1367-1373-) 

Mayreder,  Rosa:  Richard  Wagner,  der 
Heide.  (DasMagazinf.Litteratur.  66. Jahrg. 
4-    Sp.  1333- 1338.) 

M  o  n  a  1  d  i ,  Gino :  Giuseppe  Verdi  und  Richard 
Wagner.  (Allg.  Musik-Zeitung.  24.  Jahrg. 
4.    S.  669— 672.) 

Schmieder,  Jos.:  Richard  Wagner  und 
die  Oper.  (Akademische  Monatsblatter. 
IX.  Jahrg.    4.    S.  253-259.) 

Z  oiling,  Theophil:  Richard  Wagner  und 
Georg  Herwegh.  Mit  ungedruckten 
Bricfcn  von  Wagner,  Herwegh,  Ktinig 
Ludwig  II.  usw.    (Die  Gegenwart.   51.  Bd. 

4.  S.  8-12,  26—29.) 

MUnz,  Bernhardt  Rudolph  Wagner.  (Briefe 
von  und  Uber  Jakob  Frohschammer.  Hrsg. 
von  B.  Mtinz.    Leipzig:  G.  H.  Meyer.    8. 

5.  17-24.) 


Dieter,  Heinrich:  Der  salzburgische  Dich- 
ter Sylvester  Wagner.  Eine  Skizze  seines 
Lebensganges  m.  Proben  seiner  Mundart- 
dichtungen.  Vortr.  Salzburg:  H.  Dieter. 
8.    29  S.  m.  Bildn. 

Sybel,  Heinrich  v.:  Georg  Waitz.  (H.  v. 
Sybel:  Vortr&ge  und  Abhandlungen. 
MUnchen  u.  Leipzig:  R.  Oldenbourg.  8. 
S.  309— 314.   [Histor.  Bibliothek.   Bd.  3.]) 

Forst,  H.:  Lebensgang  und  geschichtliche 
Stellung  Franz  Wilhelms  (Grafen  v.  War- 
tenberg,  Bischofs  von  Osnabrtick).  Seine 
Correspondenz.  (Politische  Correspondenz 
des  Grafen  Franz  Wilhelm  von  Warten- 
berg,  Bischofs  von  Osnabrtick,  aus  den 
Jahren  1621  — 1631.  Hrsg.  v.  H.  Forst. 
Leipzig:  S.  Hirzel.  8.  S.  IX— XVIII.  [Pu- 
blicationen  aus  den  K.  Preuss.  Staats- 
archiven.    Bd.  68.]) 

Droysen,  Joh.  Gust.:  Das  Leben  des  Feld- 
marscb.  Grafen  York  v.  Wartenburg. 
10.  Aufl.  Neue  Ausg.  2  Tie  in  1  Bd.  Leip- 
zig: Veit&C  8.  XIII,  462  S.;  Ill,  467  S. 
m.  Bildn. 

•Eitner,  Rob.:  Joseph  Wilhelm  von  Wa- 
sielewsky.     (S.  123—124.) 

Wasiliewski,  Wilh.  Jos.  v.:  Aus  siebzig 
Jahren.  Lebenserinnerungen.  Stuttgart: 
Deutsche  Verl.-Anstalt  8.  VII,  278  S.  m. 
Bildn. 

Der  Maler  Friedrich  Wasmann.  Ein  deut- 
sches  Ktinstlerleben.  (Hist-pol.  Blatt  f.  d. 
kath.  Deutschl.    119.  Bd.   8.   8.561  —  581.) 

P f til f,  Otto:  Friedrich  Wasmann,  KUnstler 
und  Convertit.  (Stimmen  aus  Maria-Laach. 
Bd.  53.    8.    S.  62—75,  140— 154-) 

Steig,  Reinhold:  Friedr.  Wasmann.  (Deut- 
sche Rundschau.    93.  Bd.   8.  S.471— 472.) 

Ernst  Wasmuth.  (Nekrolog.)  (Deutsche  Bau- 
zeitung.   31.  Jahrg.    4.    S.  527—528.) 

Hampe,  Theodor:  Benedikt  von  Watt.  (Eu- 
phorion.    4.  Bd.    8.    S.  16—38.) 

K  e  i  t  e  r ,  Heinrich :  Fr.  W.  Weber,  der  Dich- 
ter von  »Dreizehnlinden«.  Eine  Studie.  5., 
verm.  u.  verb.  Aufl.  M.  d.  Portr.  d.  Dich- 
ters.  Paderborn:  F.  SchOningh.  8.  68  S., 
1  Bildn. 

Wilms,  Wilhelm:  Friedrich  Wilhelm  Weber, 
Ein  Lebensbild.  (Monatsblatter  f.  deutsche 
Litteraturgesch.   I.  Jahrg.  8.  S.268— 282.) 

*Frey,Ad.:  Robert  Weber.   (S.  191  — 193.) 

Aus  dem  Tagebuch  weiland  des  Geheimrats 
und  Direktors  des  Ktfnigl.  Sachsischcn 
Hauptstaatsarchives  Dr.  Carl  von  Weber 
in  Dresden.  (Allg.  Konservat.  Monats- 
schrift  f.  d.  christl.  Deutschland.  54.  Jahrg., 
I.    8.    S.  239—262.) 

Wolzogen,  Hans  v.:  Karl  Maria  von  We- 
ber. (H.  v.  Wolzogen :  Grossmeister  deut- 
scherMusik.  Bd.  1.  Hannover:  Dunkmann. 
4.    S.  83  — no  m.  Bildn.) 


Biographische  Bibliographic 


45* 


Gcschichte  eines  Offlziers  im  Kriege  gegen 
Russland  1812,  in  russischer  Gefangen- 
schaft  1813  bis  1814,  im  Feldzuge  gegen 
Napoleon  181 5.  Lebenserinnerungen  v. 
Carl  Anton  Wilhelm  Grafen  von  Wedel. 
(Herausgegeben  v.  Graf  Ernst  von  Wedel.) 
Berlin:  A.  Asher  &  C.  8.  1  Bl.,  II,  309  S., 
1   Fasc. 

Larape,  Emil :  Karl  Weierstrass.  Gedacht- 
nissrede.     Leipzig:  J.  A.  Barth.    8.    24  S. 

Kaemmel,  Otto:  Christian  Weise,  ein 
s&chsischer  Gymnasialrektor  aus  der  Re- 
form zeit   des    17.  Jahrhunderts.     Leipzig: 

B.  G.  Teubner.    8.    IV,  85  S. 
Winttcrlin,  A,:  Der  Bildhauer  Georg  Kon- 

rad  Weitbrecht.  Ein  Beitrag  zur  Ge- 
schichte  des  wurttembergischen  Kunstge- 
werbes.  1796—1836.  (Wtirttemberg.  Vier- 
teljahrshefte  f.  Landesgesch.  N.F.  V.Jahrg 

*•    S.  333-359.) 

Sybel,  Heinrich  v.:  Worte  der  Erinnerung 
an  Julius  Weizsacker.  (H.  v.  Sybel :  Vor- 
tr£ge  und  Abhandlungen.  M  line  hen  und 
Leipzig:  R.  Oldenbourg.  8.  S.  315—320, 
[Historische  Bibliothek.    Bd.  3.]). 

M  e  i  n  h  o  1  d :  Wellhausen.  1  —  5.  (Die  christl. 
Welt.    11.  Jahrg.   4.   Sp.  461  — 465,  487— 

492,  539-543,  555-557,  57&— 5*30 
Me  in  hold,  J.:  Wellhausen.     Leipzig:  J. 

C.  B.  Mohr.  8.  44  S.  (Verbesserter  SA.) 
[Hefte  zur  'Christl.  Welt1.  No  27.] 

Meyer,  Ed.:  Julius  Wellhausen  u.  meine 
Schrift  Die  Entstehung  des  Judenthuros. 
Eine  Erwiderung.  Halle :  M,  Niemeyer.  8. 
26  S. 

Hantzsch,  Viktor:  Justinian  Ernst  v.  Welz, 
Baron  von  Eberstein.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  744—746.) 

Johann  Andreas  Wendel,  Gymnasialdir.  in 
Coburg.    (A.  D.  B.   42.  Bd.   S.  746—747.) 

Heinze:  Amadeus  Wendt,  Prof.  d.  Philo- 
sophic.   (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  747—74&) 

•Pagel:  Ernst  Wenzel,  Professor  d.  Ana- 
tomic   (S.  162.) 

Varnhagen,  Herm.:  Werder  gegen  Bour- 
baki.  Der  Kampf  des  14.  deutschen  Korps 
gegen  die  franztfs.  Ostarmee  im  Jan.  1871. 
Berlin:  Schall  &  Grand.  8.  VI,  104  S. 
m.  Abb.,  1  Bildn.  u.  1  eingedr.  Kte. 

Sal  is,  A.  v.:  Peter  Werenfels,  Dr.  theol., 
Prof.  a.  d.  Univ.  zu  Basel.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  1-4.) 
Sal  is,    A.  v.:    Samuel  Werenfels,    Dr.  u. 

Prof.  d.  Theologie  von  Basel.     (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  5—8.) 
Beck,  P.:  Albert  Werfer,   kathol.  Schrift- 

steller  u.  Dichter.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  8 

-10.) 
v.  Schulte:  Benedict  Maria  Leonhard  von 

Werkmeister,  katholischer  Theolog.    (A. 

D.  B.   42.  Bd.    S.  11— 13.) 


Pyl:  Lambert  von  Werle,  Abt  des  Klosters 
Eldena.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  13—14.) 

Hartfelder,  K.:  Veit  Werler,  Humanist 
u.Philologe.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  14— 15.) 

Eisenhart:  Johann  Werlh of,  Rechtslehrer. 
(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  15  —  16.) 

Pagel:  Paul  Gottlieb  Werlhof,  berUhmter 
Arzt  des  18.  Jahrh.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  16-17.) 

Dickinger:  Josef  Werndl,  Generaldirektor 
der  ttsterreich.  Waffenfabriks-Ges.  (A.  D. 
B.    42.  Bd.    S.  17  — 18.) 

Knott,  Robert:  Johann  Friedrich  Christian 
Werneburg,  Prof.  d.  Mathematik.  (A.  D. 
B.    42.  Bd.    S.  19.) 

Hess,  R.:  Johann  Wilhelm  Adolf  Werne- 
burg, Forstmann.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  19 
-21.) 

Pagel:  Wilhelm  Werneck,  osterr.  Militar- 
u.  Augenarzt.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  21.) 

Hess,  W.:  Franz  Wernekink,  Medicinal- 
rath.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  21— 22.) 

Hess,  W.:  Friedr.  Christ.  Gregor  Werne- 
kink, Prof.  d.  Medicin.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  22.) 

v.  Gam b el:  Abraham  Gottlob  Werner,  Mi- 
neralog.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  33—  39.) 

Hartfelder,  Karl:  Adam  Werner  von  The- 
mar,  humanist.  Dichter  u.  Jurist  (A.  D. 
B.  42.  Bd.  S.  39—41.) 

Bolte,  J.:  Adam  Friedrich  Werner,  deut- 
scher  Hofpoet  Kttnig  Fried  richs  III.  von 
Danemark.     (A.  D.  B.  42.  Bd.   S.  41— 42.) 

Schott,  Theodor:  August  Hermann  Wer- 
ner, Arzt  u.  Grilnder  v.  Kinderheilanstal- 
ten.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  42.) 

S  eiffert,  Max:  Christoph  Werner,  Musiker. 
(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  43.) 

Reusch:  Franz  Werner,  katholischer  Thco- 
loge.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  43—44-) 

Siegfried,  C:  Friedrich  Werner,  Theo- 
loge.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  48.) 

Hippe,  Max:  Friedrich  Bernhard  Werner, 
schlesischer  Zeichner.     (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  48—49.) 

Sulger-Gebing:  (Friedrich  Ludwig)  Za- 
charias  Werner.    (A.  D.  B.  42.  Bd.   S.  66 

-74.) 

v.  Hatzbach,  Knoblauch:  Georg  Friedrich 
Werner,  Vorkampfer  f.  d.Lehre  vomLicht- 
ather.     (A.D.  B.    42.  Bd.    S.49— 50.) 

Mandyczewski,  E.:  Gregor  Joseph  Wer- 
ner, Componist    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  50.) 

Schott,  Theodor:  Gustav  Werner,  evan- 
gelischer  Theologe.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  50—56.) 

Gttnther:  Johannes  Werner,  Astronom  u. 
Mathematiker.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  56 

-58.) 
Pagel:  Johannes  Werner,  Arzt.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  58.) 


46* 


Biographische  Bibliographic 


Reusch:  Karl  Werner,  katholischer  Thco- 
loge.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  60— 61.) 

Lier,  H.  A.:  Karl  Friedrich  Heinrich  Wer- 
ner, Aquarcllmaler.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  61-63.) 

Landsberg,  Ernst:  Michael  Gottfried  Wer- 
ner,  Jurist.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  63.) 

Schumann,  Paul:  Anton  von  Werner  u. 
Wilhelm  Bode.  (Der  Kunstwart.  io.Jahrg. 

4.  s.  332—334.) 

Frankel,  Ludwig:  Franz  von  Werner,  Di- 
plomat u.  Dichter  unter  d.  Namen  Murad 
Efendi.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  44—48.) 

Poten,  B.:  Johann  Paul  von  Werner,  kgl. 
preuss.  Generallieutenant.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  63-66.) 

v.  Gyttry,  Joseph  Freiherr  von  Werner, 
Diplomat.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  58  -60.) 

Gurlt,  E.:  Adolf  Wernher,  gelehrter  Chi- 
rurg.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  80—81.) 

v.  Eisenhart:  Johann  Georg  Wernher, 
Jurist  u.  Landsyndikus.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  87.) 

Wernher:      Johann      Wilhelm     Wernher, 

I  grossherz.  hess.  Geh.  Staatsrath.  (A.  D. 
B.    42.  Bd.    S.  81—86.) 

v.  Eisenhart:  Michael  Gottlieb  Wernher, 
Rcchtsgclehrter.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  86 
-87.) 

•Puschmann,    Th. :     Agathon     Wernich. 

(S.  355-356.) 

Frankel,   Ludwig:    Fritz  Wernick,   Reise- 

schriftsteller.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S. 87-90.) 
Schmidt,  Erich:  Christian  Wernicke,  Epi- 

grammatiker.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  90—  92.) 
Bahlmann,  P.:  Christian  Friedrich  Werns- 

dorf,  Pfarrer.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  95.) 
Bahlmann,  P.:  Christian  Gottlieb  Werns- 

dorf,    Prof.    d.    Philosophic.      (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  95—96.) 
Bahlmann,  P.:  Ernst  Friedrich  Wernsdorf, 

Prof.    d.    Philosophic   u.    Theologie.      (A. 

D.  B.    42.  Bd.    S.  96.) 
Bahlmann,  P.:  Gottlieb  Wernsdorf,  Prof. 

der   Theologie   und    Generalsuperint.    dcr 

Diocese  Wittenberg.      (A.  D.  B.     42.  Bd. 

S.  96.) 
Bahlmann,  P.:  Gottlieb  Wernsdorf,  Prof. 

d.   oriental.  Sprachen  am  akad.  Gymn.  zu 

Danzig.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S,  96— 97.) 
Bahlmann,  P.:  Gottlieb  Wernsdorf,  Prof. 

d.  Jurisprudenz  zu  Wittenberg.     (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  97.) 
M  u  1 1  e  r ,  Georg :  Gregor  Gottlieb  Wernsdorf, 

angesehener   sachsischer   Schulmann.     (A. 

D.  B.    42.  Bd.    S.  97—98.) 
Koldewey,     Friedrich:     Johann     Christian 

Wernsdorf,   Prof.    d.  Eloquenz  u.  Poesie 

zu  Helmstedt.     (A.  D.  B.     42.  Bd.    S.  98 

— 101.) 
Frcnsdorff,    F.:    August    von    Wersebe, 


Geschichtsforscher.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  101  — 102.) 

Poten,  B.:  Johann  Graf  von  Werth,  kur- 
flirstl.  bair.  u.  k.  k.  bsterreich.  General  d. 
Cavallerie.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  103  —  111.) 

Pa  gel:  Gustav  Wertheim,  Dermatolog.  (A. 
D.  B.    42.  Bd.    S.  in.) 

Oppenheimer:  Theodor  Wertheim,  Che- 
miker.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  in.) 

v.  Petersdorff,  H.:  Heinrich  August 
Alexander  Wilhelm  Freiherr  von  Werthcr, 
preussischer  Diplomat.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  in  — 113.) 

v.  Petersdorff,  H.:  Karl  (Anton  Philipp) 
Freiherr  von  Werther,  preussischer  Diplo- 
mat.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  113  — 116.) 

Lippert,  W.:  Dietrich  von  Werthern, 
Kanzler  des  deutschen  Ordens  u.  Rath 
Herzog  Georgs  v.  Sachsen.  (A.  D.  B. 
42.  Bd.    S.  116  — 119.) 

Lippert,  W.:  Ernst  Friedrich  Karl  Aemi- 
lius  Freiherr  von  Werthern,  k6nigl.  sachsi- 
scher  Consistorialdirector,  Kanzler  u.  Con- 
ferenzminister.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  122 

-"SO 

Lippert,  W.:  Georg  von  Werthern,  kur- 
sachsischer  Staatsmann.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  125—127.) 

Lippert,  W.:  Georg  Graf  von  Werthern, 
kursachsischer  Gesandter,  Cabinctsminister 
u.  Kanzler.  (A.  D.  B.  42.Bd.  S.  127  — 130.) 

Georg  Freiherr  von  Werthern,  Jurist  u.  Di- 
plomat.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  130  — 132.) 

Lippert,  \V.,  Philipp  von  Werthern,  Ju- 
rist u.  Diplomat.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  121.) 

Lippert,  W. :  Wolfgang  von  Werthern, 
Diplomat  und  Sprachkenner.  (A.  D.  B. 
42.  Bd.    S.  119  — 121.) 

Mendheim,  Max:  Friedrich  August  Cle- 
mens Werthes,  Dichter.    (A.  D.  B.  42,  Bd. 

s.  132-133O 
Boltc,    J.:    Heinrich   Wescht.      (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  134.) 
Keussen:     Gerhard    von    Wesel,    K6lner 

Rathsherr.     (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  134.) 
v.  E  i  s  e  n  h  a  r  t :  Mathaus  Wesenbeck,  Rechts- 

gelehrter.    (A.  D.  B.  42  Bd.  S.  134-13S.) 
Granier,  Hermann:  Matthaeus  von  Wesen- 
beck, kurbrandenb.  Staatsmann.  (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  758-761.) 
Otto  Wesendonck  f.   (Allg.  Musik-Zeitung. 

24.  Jahrg.    4.    S.  7  — 8.  m.  Bildn.) 
Arnold  Wesenfeld,  Prof,  in  Frankfurt  a.  O. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.   S.  138-139.) 
Bahlmann ,  P.:  Andreas  Wesling  (Wisling), 

Prof.  d.  hebraischen  Sprache   in  Rostock. 

(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  139.) 
Pyl:     Franz    Wessel,     Blirgermeister     von 

Stralsund    u.     Forderer     d.     Reformation. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.    S.  139  — 141.) 
Hach,  Th.:  Hans  Wessel  (Wechsel,  Wesel), 


Biographische  Bibliographic 


47* 


Goldschmied  in  Lttbeck.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  141  — 142.) 
Brecher:     Johann     Wessel,     vorreformat. 
Theolog   u.  Humanist.    (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  761-763.) 

M  tiller,    Rudolf:    Eduard    Wessely,    Bild- 

hauer.   (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  142  —  144.) 
Lier,    H.    A.:    Josefine    Wessely,    Schau- 

spiclerin.     (A.    D.   B.     42.  Bd.     S.  145  — 

146.) 
Zi  mm  erm  ann ,  P. :  Joseph  Eduard  Wessely, 

Kunstschriftsteller.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  144 

-  1450 

Pagel:  Moritz  August  Wessely,  Arzt.  (A. 
D.  B.  42.  Bd.  S.  146.) 

L6ffler,  Alexander:  Wolfgang  Wessely, 
Orientalist  u.  Rechtsgelehrter.  (A.  D.  B. 
42.  Bd.    S.  146—147.) 

K tinner,  Karl:  Ignatz  Heinr.  von  Wessen- 
berg  und  seine  Zeitgenossen,  Lichtge- 
stalten  aus  dem  Katholizismus  des  19.  Jahr- 
hunderts.  M.  1  Abb.  Heidelberg:  J.  Hdr- 
ning.  8.  2  Bl.,  51  S.,  1  Bildn.  [Bilder  aus 
der  evang.-prot.  Landeskirche  des  Gross- 
herzogtums  Baden.  III.] 

v.  Schulte:  Ignaz  Heinrich  Karl  Freiherr 
von  Wessenberg.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  147 

-157.) 

v.  Arneth:  Johann  Freiherr  von  Wessen- 
berg. (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  157—173.) 

H  e  i  g  e  1 :  Lorenz  von  Westenrieder,  Histo- 
riker.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  173—181.) 

Brecher:  Gerhard  Westerburg,  Jurist. 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  182-184.) 

Zimmermann,  P.:  George  Westermann, 
Verlagsbuchhandler.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  184—186.) 

Redlich:  Johann  Westermann,  Theologe. 
(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  186.) 

Reusch:  Anton  Westermayer,  katholischer 
Geistlicher.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  186—187.) 

Grotefend.W.:  Christiane  Henri ette  Doro- 
thea Westermayr.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  187—188.) 

Grotefend,W.:  Daniel  Jakob  Westermayr 
(Westermayer),  Goldarbeiter.  (A.  D.  B. 
42.  Bd.   S.  188-189.) 

Grotefend,  W.:  Konrad  Westermayr 
(Westermayer),  Maler  u.  Kupferstecher. 
(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  189— 191.) 

Steiff,  K.:  Joachim  Westfal,  Buchdrucker. 
(A.  D.  B.   42.  Bd.    S.  191.) 

v.  G Umbel:  Christian  Friedrich  Gotthard 
Westfeld,  hannov.  Obercommissar  u.  Klo- 
steramtmann,  Cameralist  u.  Mineralog. 
(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  191  — 192.) 

Kcussen:  Dietrich  Westhof,  Chronist. 
(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  192.) 

Reusch:  Elbert  Wilhelm  Westhoff,  katho- 
lischer Geistlicher.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  192 
—  1930 


Bahlmano,  P.:  (Joseph)  Ferdioand  West- 
hoff. (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  193.) 
Py  1:  Andreas  Westphal,  Historiker.  (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  196 — 197.) 
Landsberg,  Ernst:  Ernst  Christian  West- 
phal, Jurist.    (A.  D.  B.  42.  Bd.   S.  197 — 

198.) 
Joachim  Westphal,  lutherischer  Theologe. 

(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  198-201.) 
G  u  n  t  h  e  r :  Johann  Heinrich  Westphal,  Astro- 

nom.  (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  202 — 203.) 
Gtinther:  Justus  Georg  Westphal,  Astro- 

nom.    (A.  D.    B.  42.  Bd.   S.  203—204.) 
Korn.G.:  Karl  (Friedrich  Otto)  Westphal, 

Arzt.  (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  204—205.) 
Rossbach,   A.:    Rudolf  (Georg  Hermann) 

Westphal.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  205—216.) 
Mendheim,  Max:  Engel  Christine  West- 

phalen,  Dichterin.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  217 

-218.) 
v.  Krogh:  Heinrich  Christian  Westphalen, 

Etatsrath.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  226—227.) 
Gtinther:    Hermann    Libert    Westphalen, 

Astronom.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  227 — 228.) 
Joachim,  Hermann:  Nicolaus  Adolf  West- 
phalen,   Jurist  u.  Historiker.    (A.   D.  B. 

42.  Bd.  S.  228.) 
Zimmermann,  P.:  Christian  Heinrich  Phi- 

lipp  (Edler  v.)   Westphalen.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  228—231,) 
Cars  tens:  Ernst  Joachim  von  Westphalen, 

Gelchrter  u.  Staatsmann.    (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  218—221.) 
Thimme,  Friedrich:    Ferdinand  Otto  Wil- 
helm Henning  von  Westphalen,  preussi- 

scher  Minister.     (A.  D.  B.    42.  Bd.   S.  221 

—226,) 
Oppenheimer:  Johann  Friedr.  Westrumb, 

Apotheker.     (A.  D.  B.    42.  Bd.     S.  231.) 
Sillem,   W.:    Hermann  Wetken,    Bttrger- 

meister  von  Hamburg.    (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  234-237.) 
Sillem,  W.:  Johann  Wetken,  BUrgermeister 

von  Hamburg.    (A.  D.  B.   42.  Bd.    S.  231 

—234.) 
L  i  p  s  i  u  s ,  Richard  Adelbert :  Zur  Sakularfeier 

(Wilhelm  Martin   Leberecht)  de  Wettes. 

1880.   (R.  A.  Lipsius :    Glauben  und  Wis- 

sen.     Ausgewahlte   Vortrage    u.   Aufs&tzc. 

Berlin:    C.    A.    Schwetschke   &  Sohn.   8. 

S.  299-313.) 
Dierauer,  J.:   Laurens  Wetter,   Landam- 

mann  von  Appenzell-Ausserorden.  (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  238—239.) 
Salis,    A.    v.:    Johann    Jacob    Wettstein. 

Prof,   der   Theologie.    (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  251-254.) 
Fah,    Franz:     Johann    Rudolf    Wettstein, 

Burgermeister  von  Basel.   (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  240—248,) 
Salis,    A.  v.:  Johann  Rudolf  Wettstein  L, 


48* 


Biographische  Bibliographic 


Prof.    d.    Theologie.     ( A.  D.  B.    42.  Bd. 
S.  248 — 250.) 
Salis,  A.  v.:  Job  arm  Rudolf  Wettstein  II., 
Prof.    d.    Theologie.     (A..  D  B.    42.  Bd. 

2S°~  25*0 
Metz,  L.:   Hieronymus  Wetzel,  niederhess. 

reformirter  Theolog.  (A.D.B.  42.B.  S.  254 

-256.) 
J  oh  an  n  Caspar  Wetzel,  Theologe.  (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  256—257.) 
Haeberlin,    C:    Johann   Christian    Fried- 
rich    Wetzel,    Rector    des    Lyceums    zu 

Prenzlau.   (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  257—259.) 
Metz:   Thomas  Wetzel,   reformirter  Geist- 

licher  Niederhessens.     (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  259—260.) 
v.  G  y  5  r  y :  Heinrich  Joseph  Wetzer,  Theo- 
loge. (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  261  —  263.) 
Pa  gel:  Johann  Evangelist  Wetzler,   Arzt. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  263.) 
Klenz,  Heinrich:  FriedrichKarlWex,  Schul- 

mann  u.  Philolog.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  263 

-265.)        . 
v.  Schulte:    Jakob  Wex,  Prof.  d.  Theolo- 
gie u.  Philosophic   (A.B.B.  42. Bd.  S.  265 

—266.) 
Holland,    Hyac:    Wilibald    Wex,    Land- 

schaftsmaler.   (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  266.) 
Lier,   H.  A.:    Julius  Weyde,   Genremaler. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.266.) 
Binz,   C:   Johann   Weyer,  Arzt.  (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  266 — 270.) 
Heyd,  W.:  Albrecht  Weyermann,  Theolog 

u.    Litterarhistoriker.     (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  270—271.) 
Br ti miner,  Franz:  Friedrich  Weyermuller, 

Dichter  geistlicher  Lieder.   (A.  D.B.  42.  Bd. 

S.  271.) 
Poten,  B:  Hermann  Weygand,   grossherzl. 

hessischer    Major    u.     Milittirschriftsteller. 

(A.D.B.  42.  Bd.  S.  272—273.) 
Katzenstein,  Louis :  Sebastian  Weygandt, 

Maler.     (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  273  ) 
Redlich:     Maximilian    Friedrich    Weyhe, 

Botaniker  u.  Hofgartner.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  277—278.) 
Lange,  Wilhelm  Christian:  Eberhard  von 

Weyhe,    Jurist    u.    Staatsmann.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  273—277.) 
Tschackert,  P.:    Johann  Heinrich   Wey- 

henmayer,  luth.  Prediger  u.  Erbauungs- 

schriftsteller.   (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  278.) 
Lier,    H.    A.:    Georg    Gottfried    Weyhen- 

meyer,    Bildhauer.     (A.  D.   B.    42.  Bd. 

S.  279.) 
Frank  el,    Ludwig:  Josef  Weyl,  Humorist 

u.   Uebersetzer.    (A.  D.  B.   42.  Bd.    S.  280 

—282.) 
Sauer,   W.:    Joseph  Weyland,   papstlicher 

Hauspralat.    (A.  D,  B.    42.  Bd.  S.  282  — 

283.) 


Rati  el,  F.:   Karl  Weyprecht,  Polarfahrer. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  763—774.) 
Escherich,    G.  v.:    Emil  Weyr,  Prof.  d. 

Geometric  (A.D.B.  42.  Bd.  S.  283— 284-) 
Mayer,   Christian:    Stephan   Weyrer,   Kir- 

chenmeister  zu  Nordliugen.(A.D.B.  42. Bd. 

S.  284—285.) 
Stieda,  L.:  (Karl  Rufus)  Victor  Weyrich, 

Arzt.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  285—286.) 
Mtlller,    Rud.:    Clemens    Ritter   v.   Wey- 

rother,    Schriftsteller.    (A.  D.  B.   42.  Bd. 

S.  286—287.) 
C  r  i  s  t  e ,  Osk. :  Franz  v.  Weyrother,  General- 

major.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  287—289.) 
Eitner,   Rob.:    Christoph    Ernst  Friedrich 

Weyse,    Componist  u.   Musiktheoretiker. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  289—290.) 
Steiff,  K.:  Johannes  Weyssenburger,  Prie- 

ster  u.  Drucker.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  290 

—291.) 
Hantzsch,    Viktor:    Wolfgang   Weyssen- 
burger, reformirter  Theolog  u.  Geograph. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  291—292.) 
Anemllller:    Johann    Karl    Wezel,    Lust- 

spieldichter.    (A,  D.  B.   42.  Bd.    S.  292  — 

2930 
Wagner,    P.:    Tileman    Dothias    Wiarda. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.    S.  293—298.) 
Gttnther,  Rudolf:  Johann  Christian  Wibel, 

Hofprediger  u.  Kirchenhistoriker.  (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  300 — 302.) 
Wetzel:     Peter    Wiben.    (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  302-303O 

Pagel:  Karl  August  Wibmer,  Arzt  u.  Me- 
dicinalbeamter.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  303 

-304O 
Cuno:    Johannes  Wichelhaus,  reformirter 

Theologe.   (A.D.B.  42.  Bd.  S.  306—309.) 
Hen  nig,  Mart:  Johann  Heinrich  Wichern, 

der  Herold  d.  Inn.   Mission.  Berlin:   Ost- 

deutscher  Jtinglingsbund.  8.  16  S.  m.  Abb. 

[Ftlr  Feste  u.  Freunde   der  Inn.  Mission. 

H.  1.] 
Sander:  Johann  Hinrich  Wichern,  Begriin- 

der  des  Rauhen  Hauses.    (A.  D.  B.   42.  Bd. 

S.  775-780.) 
Hoi  stein,    H.:    George    Heinrich    Robert 

Wichert,   Schulmann.    (A.D.B.    42.  Bd. 

S.  3°9— 310) 

Bolte,  J.:  Albert  Wichgrevius,  Dichter. 
(A.  D.  B.   42.  Bd.  S.  310—312.) 

Lier,  H.  A.:  Adolf  Wichmann,  Maler. 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  312—313.) 

Pagel:  Johann  Ernst  Wichmann,  Arzt 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  313.) 

Wei s bach,  Werner:  Karl  Friedrich  Wich- 
mann, Bildhauer.   (A.D.B.  42.  Bd.  S.  313 

-314O 
W  e  i  s  b  a  c  h ,  Werner :  Ludwig  Wilhelm  Wich- 
mann, Bildhauer.    (A.D.B.  42.  Bd.  S.  314 
-3i6.) 


Biographische  Bibliographic. 


49" 


Giinther:    Moritz    Ludwlg    Georg    Wich- 

mannt    Astronom.     (A.    D.    B.     42.  Bd. 

S.  316.) 
Siegfried,    C:    Johann   (Christoph)   Wich- 

mannshausen.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  8.  316.) 
Wunschmann,    E.:   Max   Ernst   Wichura, 

preussischer    Regierungsrath.      (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  316—318.) 
•Brttmmer,   Franz:   Julius   von   Wickede. 

(S.  261-262.) 
Pot  en,    B.:    Julius    v.    Wickede,   Schrift- 

steller.    (A.  D.  B.  42.  Bd.   S.  318-319.) 
S chafer,    Dietrich:   Thomas   v.  Wickede, 

BUrgermeister  von  Liibek.  (A.D.B.  42. Bd. 

s.  319—320.) 

Ilwof,  Franz:  Matthias  Constantin  Capello 
Graf  von  Wickenburg.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  320-325O 
Schlossar,A.:  Wilhelmine  Grafin  Wicken- 

burg-Almasy,  deutsch-osterreichische  Dich- 

terin.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  326—327.) 
Kaindl,  R.  F.:  Franz  Adolf  Wickenhauser, 

Geschichtsforscher.      (A.   D.  B.     42.  Bd. 

s.  327-328.) 

Schmidt,  Erich :  jOrg  Wickram.   (A,  D.  B. 

42.  Bd.  S.  328-336.) 
Ney:   Joh.  Goswin  Widder,  pfalz.   Histori- 

ker.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  338.) 
Cuno:    Friedrich    Widebram,    rcformirter 

Schulmann  und  Dichter.   (A.  D.  B.  42.  Bd. 

s.  338— 340.) 

Steiff ,  K. :  Johannes  Widenast  (Vydenast). 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  340—341.) 
Lauchert:  Franz  Xaver  Widenhofer,  katho- 

lischer  Theologe.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  341 

-342.) 
?.  Winckel,  F.:  Barbara  Widenman(nin). 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  342—343.) 
Tschackert,     Paul:     Philipp     Ehrenreich 

Wider  (Wieder),  evang. Theologe.  (A.D.B. 

42.  Bd.  S.  343.) 
Frankel,  L.:   Achilles  Jason  Widman(n). 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  345-346.) 
Lier,    H.    A.:    Christian    Adolf    Friedrich 

Widmann,  Dichter  u.  Politiker.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  352—3540 
Meyer,  Christian:    Enoch  Widmann,   Ge- 

schichtsschreiber.  (A.D.B.  42.  Bd.  S.  354 

-3550 
Frankel,   L.:   Erasmus   Widman(n),    Mu- 
siker  u.  musikal.  Dichter.    (A.D.B.  42.  Bd. 

s.  346-350) 

v.  Schulte:    Franz    Widmann,    Kanonist. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  355.) 
Frankel,  L.  Georg  Widman(n),  Chronist. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  345.) 
Frankel,  L.:    Georg  Rudolf  Widman(n), 

BeaTb.   d.   Faust  -  Volksbuchs.     (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  350-352.) 
Widmann,  J.  V.:  Erinnerungen  an  Johannes 

Brahms,    s.  Brahms. 
Hiogr.  Jahrb.  u.  Deutacher  Nckrolog.   2.  Bd. 


Heyd:    Johann   Widmann  (Salicetus).    (A. 

D.  B.  42.  Bd.  S.  355-357.) 
Cantor:     Johannes    Widmann    von    Egerf 

Mathematiker.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  355.) 
v.  Oefele:     Leonhart  Widmann,   Regens- 

burger  Chronist.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  357.) 
Riezler:  Johann  Albrecht  Widmans tetter, 

Staatsmann  u.  Humanist.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 

s.  357-361.) 

Lauchert:    Joseph  Widmer,    katholischer 

Theologe.     (A.  D.  B.   42.  Bd.    S.  361— 

362.) 
Holland,    Hyac:    Max    Ritter  von  Widn- 

mann,  Bildhauer  und  Akademieprofessor. 

(A.  D.  B.   42.  Bd.  S.  362—364.) 
v.  Hoyer,  E.:  Friedr.  Karl  Hermann  Wiebe, 

Ingenieur.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  370 — 372  ) 
Frolich,  H.:   Johann  Wilhelm  v.  Wiebel, 

deutschcr    Militararzt.    (A.  D.  B.  42.  Bd. 

s.  372.) 

Eitner,  Rob.,  Friedrich  Wieck,  Musiker 
u.  Musikpadagoge.  (A,  D.  B.  42.  Bd.  S.  373 

—3750 
v.  Hoyer,  E.:  Friedrich  Georg  Wieck,  tech- 

nologischer  Schriftsteller   u.   Industrieller. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  372T3730 
Gil  n  the  r;      Basilius      Christian      Bernhard 

Wiedeburg,  Astronom.   (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  3750 

Wegele:  Friedrich  Wiedeburg,  Historiker. 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  375O 

Stalmann,  W.:  Friedrich  August  Wiede- 
burg, Universitatsprof.  u.  Schulmann.  (A. 
D.  B.  42.  Bd.  S.  376—377.) 

Giinther:  Johann  Bernhard  Wiedeburg, 
Theolog  u.  Astronom.    (A.  D.  B.    42.  Bd. 

s.  379—380.) 

Giinther:  Johann  Ernst  Basilius  Wiede- 
burg, Physiker  u.  Astronom.  (A.  D.  B. 
42.  Bd.  S.  380.) 

Koldewey:  Justus  Theodor  Wiedeburg. 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  378—3790 

v.  Winckel,  F.:  Christian  Rudolf  Wilhelm 
Wiedemann,  Anatom.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 
S.  381.) 

Lauchert:  Georg  Friedrich  Wiedemann, 
katholischer  Theologe  u.  Historiker.  (A. 
D.  B.  42.  Bd.  S.  381—383.) 

Hess,  R.:  Wilhelm  v.  Wiedenmann,  Forst- 
mann.  (A.  D.  B.  42.  S.  383—385.) 

Schneider,  Eugen:  Konrad  Wiederhold. 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  386—388.) 

Brandt,  Otto:  Ludwig  Heinrich  Wieder- 
hold.   (A.  D,  B.  42.  Bd.  S.  388-389.) 

Brandt,  Otto :  Johann  Ludwig  Wiederholdt, 
hervorragender   Jurist.    (A.  D.  B.  42.  Bd. 

s.  385-386.) 

Cars  tens:  Karl  Johannes  Friedrich  Wilhelm 
Wieding,  gelehrter  Jurist.  (A.  D.  B.  42.  Bd. 

s.  389-390.) 

Oppcnheimcr,    Carl:     Johann     Christian 

d 


5o' 


Biographische  Bibliographic. 


Wiegleb,    Apotheker.    (A.  D.  B.   42.  Bd. 

s.  390O 

Daelen,  Eduard:  Rudolf  Wiegmann,  Ar- 
chitekt  u.  Malcr.  (A.  D.  B.   42.  Bd.  S.  390 

-391.) 

v.  Stamford,  Carl:  Ernst  Heinrich  Wieg- 
rebc,  kurflirstl.  hessischer  Oberst.  (A.  D. 
B.  42.  Bd.  S.  391— 3950 

Pag  el:  Joseph  Wiel,  schweizer  Arzt.  (A. 
D.  B.  42.  Bd,  S.  395.) 

Koch,  Max:  (Christoph)  Martin  Wieland. 
(A.  J).  B.  42.  Bd.  S.  400—419.) 

Meyer  v.  Knonau:  P.  Johann  Baptist  Wie- 
land, gelehrter  Benedictiner.  (A.  D.  B. 
42.  Bd.  S.  398—3990 

Fiankel,  Ludwig:  Johann  Sebastian  Wie- 
land,  Dichter.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  395 

-398.) 
v.  Salis,   Arnold:    Karl  Dietrich  Wieland, 

Jurist.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  399—400.) 
Carstens:     Ludolf    Christian     Wienbarg. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  419  —  420.) 
♦Braunmiihl,    A.    v.:    Christian    Wiener, 

Gch.  Hofrat.    (S.  207  —  209.) 
Wiener,     Hermann:      Christian     Wiener, 

Mathematiker,  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  790  — 

792.) 
B  eh  rend,    Reichsgerichtsrat  Dr.:    Heinrich 

Wiener.     (Deutsche  Juristen-Zeitung.  II. 

Jahrg.  4.  S.  466 — 467.) 
Stciff,    K. :    Johannes   Wiener   (Wienner), 

Buchdrucker  dcr  Incunabelzeit.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  420.) 
Elze,  Th:    Paul  Wiener,    Mitreformator  in 

Krain,    erster    evang.    Bischof    in  Sieben- 

bllrgen.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  420—422.) 
Focke:    Arnold  Wienholt,  Arzt.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  422.) 
Bahlmann,  P.:   Franz  Wieniewski,  Philo- 

loge.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  422—423.) 
Bahlmann,   P.:    Eberhard  Wiens,    Schul- 

mann.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  423—424.) 
Beim  Generalkapellmeister  Wieprecht.  Eine 

30  jahr.     Erinnerung    an     den    Sieg    der 

Musik    der   preuss.  Garde    bei    dem  inter- 

nat    Wettkampf   der   Europ.    Militarmusik 

auf    der     Pariser     Weltausstellung     1867. 

(Der  Bar.    23.  Jahrg.    4.    S.   18-21.) 
E  i  t  n  e  r ,  Rob. :  Wilhelm  Friedrich  Wieprecht, 

Generalmusikdirector    des    preuss.   Garde- 
corps.     (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  424 — 425.) 
Christianus   Wierstraat.     (A.  D.  B.  42.  Bd. 

S.  4270 
v.  Eiscnhart:     Georg   Stephan  Wiesand, 
Rechtslehrer.  (A.  D.  B.   42.  Bd.    S.  427  — 

4290 
♦Weltner,    A.    J.:       Wilhelm    Wiesberg, 

bsterr.  Volksschriftsteller.     (S.  345 — 347-) 
Klenz,  Heinrich:  Georg  Walter  Vicent  (von) 

Wiese,  Kanonist,  Staatsmann.    (A.  D.   B. 

42.  Bd.  S.  429 — 430.) 


M tiller,  Albert:  Friedrich  (Julius  August) 
Wieseler.      (A.  D.   B.   42.  Bd.   S.  430  — 

4330 
Tschackert,  Paul :    Karl  Georg  Wieseler, 

evang.  Theologe.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  433-) 
Hackermann:   Christian  Enoch  Wiesener, 

Theologe  u.  Dichter.     (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S-  433 — 434-) 
Landsberg,    Ernst:     Just    Karl    Wiesen- 

hauern,  protestant.  Kanonist.     (A.  D.   B. 

42.  Bd.    S.  434— 435-) 
Lauchert:    Georg  Franz  Wiesner,  kathol. 

Theologe.     (A.  D.  B.     42.  Bd.     S.  435  — 

436.) 
MUller,  Rudolf:  Konrad  Wiesner,  Kupfer- 

stecher.  (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  436— 440.) 
v.    Schulte:     Jakob  Wiessner,    Kanonist. 

(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  440.) 
Lauchert:    Stephan  Wiest,   kathol.  Theo- 
loge.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  440  —  442.) 
L  ier,  H.  A.:  Heinrich  Wiethase,  Architekt. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  442.) 
v.  Schulte:  Maximilian  Wietrowski,  Jesuit. 

(A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  442.) 
Pfau,  Karl  Fr.:    Georg  Wigand,  Verleger. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  449-451.) 
Brecher:     Johann     Wigand,     luthcrischer 

Theolog.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  452—454.) 
Wunschmann,  E.:  (Julius  Wilhelm)  Albert 

Wigand,   Botaniker.     (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  445—449.) 
S  tied  a,  L.:  Justus  Heinrich  Wigand,  Arzt. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  454-457.) 
Pfau,  Karl  Fr.:   Otto  Wigand,  Buchhiind- 

ler.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  457—458.) 
Lauchert:  Martin  Wigandt,  kathol.  Theo- 
loge   u.    Philosoph.     (A.   D.  B.    42.  Bd. 

s.  458.) 

Pagel:  Franz  Jacob  Wigard,  Arzt  u.  Steno- 
graph.   (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  458  —  459.) 

Krause:  Dr.  (Peter  Gottlieb  Daniel)  Fried- 
rich Wigger.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  461  —  . 

463.) 
Klenz,  Heinrich:  Gustav  (Adam)  Friedrich 
Wiggers,  Theolog.  (A.D.B.  42. Bd.  S.  463 

-4650 
Pagel:  Heinrich  August  Ludwig  Wiggers, 

Pharmakolog.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  465.) 
Lauchert:  Johann  Wiggers,  kathol.  Theo- 
loge. (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  465.) 
Klenz,    Heinrich:     Moritz    (Karl    Georg) 

Wiggers,  Politiker  (A.D.B.  42.  Bd.  S.465 

-468.) 
Holstein,  H. :  Friedrich  Wiggert,  hervor- 

ragender    Schulmann.    (A.  D.  B.    42.  Bd. 

S.  468-469.) 
Frank  el,  Ludwig:  Ludwig  Wihl,  Philolog 

und  Litterat.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  469— 

472.) 
Lier,    H.    A:     Christian    Wilberg,     Maler. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  472-473.) 


Biographische  Bibliographic 


5*' 


Koldewey:  Friedrich  (Wilhelm)  Wilberg, 

Schulraann.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  473 — 474.) 
Klenz,  Heinrich:  Christian  (Ludwig  Theo- 

dor)    Wilbrandt,    Aesthetiker.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  476 — 477.) 
v. Stamford, Carl : Ernst Ludwig  v.  Wilcke, 

kurf.  sachs.  General  d.  Infanterie.  (A.D.B. 

42.  Bd.  S.  477—479.) 
Schrauf:  Heinrich  Wilhelm  GrafWilczek. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  479—481.) 
Goldmann,  A.:  Johann  Joseph  Maria  Graf 

v.  Wilczek.    (A.  D.  B.    42.  Bd.    S.  482 

-486.) 
Mandyczewski,  E.:  Franz  Wild,  Tenorist. 

(A.D.B.  42.  Bd.   S.  486— 487.) 
Hantzsch,    Viktor:    Johannes  Wild,   Rei- 

sender.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  487—488.) 
Becker,    F.:    Johannes    Wild,    Ingenieur. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  488—489.) 
Steiff,  K.:   Leonhard  Wild,   Buchdrucker. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  489—490.) 
Holstein,    H.:    Sebastian  Wild,  JMeister- 

sanger  u.  Dramatiker.    (A.  D.  B.   42.  Bd. 

S.  490—491.) 
v.    Eisenhart:    Wilhelm    Eduard    Wilda, 

Professor  der   Rechte.     (A.  D.  B.   42.  Bd, 

S.  491-493.) 
Lier,   H.  A.:    Mathilde  Wildauer,  Schau- 

spielerin  u.   Sangerin.    (A.  D.  B.    42.  Bd 

S.  493—495-) 
Pag  el:    Christian  Friedrich   Ludwig  Wild- 
berg,  Arzt.   (A.  D.  B.  42.  B.  S.  495.) 
Gurlt,  E.:    Johannes  Wildberger,  Ortho- 

pade.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  495.) 
Gurlt,  E. :   Johann  Christian  Wilde,  Ana- 

tom.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  496.) 
St ied a,  L.:  Peter  Ernst  Wilde.    (A.D.B. 

42.  Bd,  S.  496—498.) 
Riezler:   Ritter  Hans  Ebran  von  Wilden- 

berg,  bairischer  Chronist.  (A.D.B.  42.  Bd. 

S.  498—499.) 
Hippe,  M.:  Hieronymus  GUrtler  von  Wil- 

denberg.    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  499.) 
Frank  el,    Ludwig:    Karl   August  Wilden- 

hahn,  Erbauungsschriftsteller.    (A.  D.  B. 

42.  Bd.  S.  500  —  503.) 
Ree:  Georg  Christian  Wilder,  Architektur- 

zeichner  u.  Kupferstecher.  (A.D.B.  42. Bd. 

S.  504.) 
Schott,    Theodor:     Ottilie    Wildermuth. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.   S.  504—507.) 
Cuno:    Johann    Daniel    Wildius,    reform. 

theolog.   Schriftsteller.     (A.  D.  B.   42.  Bd. 

S.  507.) 
Hess,  R.:  Ludwig  Karl  Eberhard  Heinrich 

Friedrich    von   Wildungen,     Forstmann. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  513-515) 
v.  Eisenhart:  Christian  Wildvogel,  sachs.- 

eisenach.  Geheimrath,  Senior  d.  Jenenser 

Juristenfacultat.    (A.  D.  B.  42.  Bd.   S,  515 

-516.) 


Ambrosius  Wilflingseder,  Diakonus  u.  Mu- 
sikschriftsteller.    (A.  D.  B.   42.  Bd.    S.  516 

—5*70 
Krieger:  Wilhelm,    Markgraf  von  Baden 

(-Baden).    (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  697—699.) 
Pot  en,  B:  Wilhelm  Ludwig  August,  Prinz 

u.  Markgraf  von  Baden.    (A.D.B.  42.  Bd. 

S.  699 — 701.) 
Poten,  B.:  Ludwig  Wilhelm  August,  Prinz 

von  Baden.    (A.  D.  B.    42.  Bd.   S.  701— 

703.) 

Riezler:  Wilhelm  III.,  Herzog  von  Baiern- 
Mtinchen.  (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  703—705.) 

Riezler:  Wilhelm  IV.,  Herzog  v.  Baiern. 
(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  705—717.) 

Riezler:  Wilhelm  V.,  der  Fromme,  Her- 
zog von  Baiern.   (A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  717 

—7230 
Redlich:    Wilhelm  I.,    Herzog  von  Berg. 

(A.  D.  B.   42.  Bd.  S.  723—727.) 
Zimmermann,  P.:   Wilhelm  der  Aeltere, 

Herzog    zu    Braunschweig    u.    Lttneburg. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  733-738.) 
Zimmermann,  P.:  Wilhelm  der  Jtingere, 

Herzog  zu   Braunschweig   und  Lttneburg. 

(A.  D.  B.  42.  Bd.  S.  738—741.) 
Wilhelm   der   Grosse.    1797.    1897.  Berlin: 

A.  Weichert.   8.    16  S.   m.    1  Abb. 
Aus    dem    Tagebuche    Kaiser    Wilhelm  I. 

Berlin:  H.  Steinitz.  8.  2  Bl.,  71  S. 
Wilhelm  der  Grosse.    Ein  Lebensbild.    Za- 

bern :  A.  Fuchs.    8.  32  S.  m.  Bild. 
Kaiser  Wilhelm  d.  Grosse.  Jubilaums-Schrift 

v.  Sachs.  Gustav- Adolf -Boten.    Dresden: 

F.  Sturm  &  C.  8.   16  S.  m.  Abb. 
Wilhelm  der  Grosse,  Deutschlands  Helden- 

Kaiser.    Dargest.    in    20  Portraits  v.   1802 

— 1882.    Neue  Ausg.    M.  e.  einl.  Dichtg. 

v.  Jul.  Wolff  u.  Illustr.  von  A.  v.  Heyden. 

MQnchen :  F.  Bruckmann.  4.  54  S.  Text. 
Eine  Lebensbeschreibung  Kaiser  Wilhelms  I. 

(Die  Grenzboten.  56.  Jahrg.   IV.    8.  S.169 

—  180.) 
Kaiser  Wilhelm  der  Siegreiche.  Zur  ioojahr. 

Feier    seines    Geburtstages.     (Die   Grenz- 
boten.    56.  Jahrg.  I.  8.  S.  513—516.) 
K&nig   Wilhelm  auf  seinem  Kriegszuge   in 

Frankreich  1870.     Von  Mainz  bis  Sedan. 

Zum  22.  Marz  1897  hrsg.  v.  Grossen  Ge- 

neralstabe.  Nebst  Planen.  Berlin :  E.  S.  Mitt- 

ler  &  Sohn.     8.  82  S.     [Kriegsgeschichtl. 

Einzclschriften.    Hrsg.   v.   Gr.    Generalst,- 

Abth.  f.  Kriegsgesch.    H.  19.] 
Kaiser    Wilhelm   I.  und  Fttrst   Bismarck. 

(Der  Bar.    23.  Jahrg.  4.  S.  162—164.) 
Adami,     Frdr. :     Das    Buch     vom    Kaiser 

Wilhelm.     Ein  Lebensbild,  nach  d.  Auf- 

zeichnungen  v.  Augenzeugen  u.  Zeitgenos- 

sen.    2.   [Titel-]Aufl.     2  Bde.     Bielefeld: 

Velhagen  &  Klasing.    8.     V,  466  S.;     V, 

567  S. 


s*< 


Biographische  Bibliographic 


Beck,  Schulrat:  Der  Ruhm  Kaiser  Wil- 
helms  I.  Festrede.  (Der  Schulfreund. 
53.  Jahrg.  8.  S.  85-95O 

Below,  H.  v.:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse. 
Berlin :    K.    Siegismund.     8.     93   S.    m. 

1  Bildn. 

Berner,  Ernst:  Wilhelm  der  Grosse.    Ein 

Bild  seines  Lebens.    Historisch  erforscht. 

Berlin:  A.  Duncker.    8.    S.  1  — 160. 
Beyschlag,   Willibald:    Zum  Centenarium 

Kaiser  Wilhelms  I.     (Deutsch  -  evangel. 

Blatter,  22.  Jahrg.    8.    S.  271—277.) 
Bickerich,  W.:   Festrede   z.    ioojahr.  Ge- 

burtstage  Kaiser  Wilhelms  I.     Lissa:  F. 

Ebbecke.  8. 
Dietz,  Rud.:  Wilhelm  der  Grosse.     1 — 3. 

Aufi.     DUsseldorf:  L.  Schwann.    8.    16  S. 
Disselhoff,    Julius:    KaiserbUchlein    oder 

Kaiser  Wilhelms  Lehr-  und  Meisterjahre. 

5.,  neu  durchges.  u.  verm.  Aufl.    Kaisers- 

werth:    Diakonissen  -  Anstalt.     8.     166  S, 

2  Bildn.,  1  Beil. 
Erdmannsdbrffer,  B.:  Kaiser  Wilhelm  I. 

Festrede  d.  Universitat  Heidelberg.  Heidel- 
berg: J.  Htfrning.    8.    25  S. 
Falke,  Rob.:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse. 

Basel:  F.  E.  Perthes.    8.    48  S.  m.  Titel- 

bild. 
Fischer,  Glieb :  Deutschlands  grosser  Hel- 

denkaiser.    Bilder  aus  d.  Leben  d.  grossen 

Kaisers  Wilhelm  I.    4.-7.  Aufl.    31—65. 

Taus.     Herborn:    Buchh.    d.    Nass.    Col- 

portagever.    8.    64  S.  m.  Abb. 
Fischer-  Sallstein,  M.  Konr. :  Kaiser  Wilhelm 

der  Grosse.    Berlin:  A.  Weichert.  8.  159S. 

m.  Abb. 
Fitzner,  Br.:  Kaiser  Wilhelm  I.  als  Frei- 

maurer  in  Wort  u.  That.  5.  unverand.  Aufl. 

Hannover:  A.  Kiepert.    8.    VIII,  80  S. 
Fleischmann,    Paul:    Vom    lieben    alten 

Kaiser  Wilhelm.    AUerlei  aus  seinem  Le- 
ben.     Berlin:    Deutsche     Sonntagsschul- 

Buchh.    8.    20  S.  m.  Abb. 
Geyer,  Alb.:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse. 

Berlin:  A.  W.  Hayn's  Erben.  8.  Ill,  123  S. 

m.  Illustr. 
Goebel,   Herm.:    Kaiser  Wilhelm  I.,   der 

Grosse,    e.    evangelischer    Glaubensheld. 

3. — 5.  Aufl.    Cdthen:   Schriftenniederl.   d. 

evang.  Vereinshauses.  8.  138  S.  m.  1  Bildn. 
v.  Gossler,  Gust.:  Wilhelm  der  Grosse  in 

seinen    Beziehungen    zur    Kunst.      Rede. 

Nebst  urkundL  Anlagen.      Berlin:    E.  S. 

Mittler  &  Sohn.    4.    57  S. 
Grahl,  Otto  de:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse. 

Mit    73  Text-Illustr.  u.  1  Titelb.     Berlin: 

VV.  Pauli's  Nachf.    8.    160  S. 
Grimm-  Carnap,  Oscar :  Wilhelm  der  Grosse 

und  die  preussische  Volksschule.    (Monats- 

schrift  fUr  kathol.  Lehrerinnen.    10.  Jahrg. 

8.    S.  136— 141.) 


Heinke,    F.:    Unser    Soldatenkaiser   Wil- 
helm I.     12.— 17.  Aufl.     Als   Anh. :    Aus 
den  letztwill.  Aufzeichnungen  Kaiser  Wil- 
helms I.   Berlin:  Liebel.   8.   20  S.  m.  Bildn. 
Hermann,  Ernst :  Kaiser  Wilhelm  I.  Oster- 

wieck  a./H.:  A.  W.  Zickfeldt.     8. 
Hilger,   Jos.:   Zur  Jubelfeier  des  100.  Ge- 

burtstages  Kaiser  Wilhelms  des  Grossen. 

May  en:  L.  Schreder.    8,    15  s. 
Hoffmeyer,  L.:  Kaiser  Wilhelm  d.  Grosse. 

1.— 4.  Aufl.    Breslau:   F.  Hirt.    8.    48  S. 

m.  18  Abb. 
Hoischen,  G.:  Vier  Bilder  aus  d em  Leben 

Kaiser  Wilhelms  L   Hamm:  Breer  &  Thie- 
mann.  8.    16  S.  m.  Bild. 
Jahnke,  Ernst:  Festgabe  zum  ioojahr.  Ge- 

burtstage  Kaiser  Wilhelms  des  Grossen. 

Danzig:  R.  Barth.    8.    32  S.  m.  Abb. 
Jahnke,  Herm. :  Wilhelm-Gedenkbuch.  Zum 

Andenken    an    den    ioojahr.    Geburtstag 

Kaiser  Wilhelms  des  Grossen.  M.  1  Kunst- 

beil.   u.   Abb.    Berlin:   P.  KitteL    4.     Kl. 

Ausg.  72  S.     Gr.  Ausg.  106  S. 
Kohl,  Horst:   Kaiser  Wilhelm  I.     (Blatter 

fUr  literar.  Unterhaltung.    Jahrg.  1897,  IL 

4.    S.  721—725.) 
Korttlm,  Frdr.  Wilh.:  Kaiser  Wilhelm  der 

Grosse.    Hannover:  Gohmannsche  Buchdr. 

8.    36  S.  m.  Abb.  u.  Bildn. 
KUrschner,   Jos.:    Heil   Kaiser  Dirl     Das 

Leben    und  Wirken  Kaiser  Wilhelms  I. 

Berlin:  H.  Hillgcr.    8.    416  S.  m.  Abb. 
Kugle  r,  Bernh.:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse 

u.  seine  Zeit.    Mit  zahlr.  Illustr.    Leipzig: 

R.  Walther.    4.    408  S. 
La  band:     Zum     h  under  ts  ten     Geburtstage 

Kaiser  Wilhelms.    (Deutsche  Juristen-Zei- 

tung.    II.  Jahrg.    4.    S.  109  — no.) 
Li  lien cr on,    A.  v.:    Kaiser  Wilhelm   der 

Grosse.  Berlin :  Chris tl.  Zeitschriftenverein. 

8.    152  S.  m.  40  Abb.    [Neue  Volksblicher. 

Hrsg.  v.  d.  Vereinig.  v.  Freunden  christl. 

Volks-Litt.    Bdchn  36.] 
Litzmann,  B.:  Zu  Kaiser  Wilhelms   Ge- 

d&chtnis.    Rede.    Bonn:  E.  Strauss.   8, 
Lorenz,     Ottokar:     Kaiser     Wilhelm    I. 

(Deutsche  Rundschau.    Bd.  90.   8.    S.  321 

—342.) 
Lfittichau,  Max  Graf  v.:  Lose  Blatter  aus 

dem  Leben  Wilhelms   d.   Grossen.     (M. 

e.  Anh.)     Leipzig:  G.  Wigand.    8.    48  S. 
Maraun,  W.:  Kaiser  Wilhelm  des  Grossen 

Denken    u.    Wollen    nach    Selbsteigenem 

Wort    und    letztwilligen   Aufzeichnungen. 

Herrliche  Zeugnisse  erhabener  Scelengrosse 

u.  edlen,  frommen  Sinnes.    Berlin-Schdne- 

berg:    Militar-Verlagsanst.    8.     72  S.    m. 

1  Bildn. 
Marcks,    Erich:    Wilhelm   I.      Deutscher 

Kaiser,  Konig  von  Preussen.     (A.  D.  B. 

42.  Bd.    S.  517—692.) 


Biographische  Bibliographic 


53' 


Marcks,  Erich:  Kaiser  Wilhelm  L  Leip- 
zig: Duncker  &  Humblot    8.  XIII,  370  S. 

Martin  ius,  Paul:  Kaiser  Wilhelm  der 
Grosse.    Berlin:  W.  H.  Osterwald.  8.  77  S. 

Ohl,  H.:  Zum  Gedfichtnis  Kaiser  Wil- 
helms I.  Festrede.  RaUeburg:  M.  Schmidt. 
8.    15  S. 

Oncken,  Wilh. :  Unser  Heldenkaiser.  Fest- 
schrift 2.  ioojahr.  Geburtstage  Kaiser 
Wilhelms  d.  Grossen.  Hrsg.  v.  d.  Ko- 
mitee  f.  d.  Kaiser  -  Wilhelm  -Gedachtnis- 
kirche.  Bilderschmuck  unter  Berttcks.  d. 
KunstschStze  d.  Hohenzollern-Museums  u. 
d.  kttnigl.  Schldsser.  Briefe  aus  d.  konigl. 
Haus-Archive  u.  d.  kdnigl.  Staats-Archive. 
Berlin:   Schall  &  Grand.    4.    Ill,    272  S. 

Pasig,  Paul:  Der  grosse  Kaiser  in  seiner 
menschlichen  Grdsse.  Erz&hlungen  aus  d. 
Leben  Kaiser  Wilhelms  I.  Leipzig:  B. 
Richter.    8.    VII,  42  S.  m.  Bildn. 

Petersdorff,  Herman  v.:  Der  erste  Ho- 
henzollernkaiser  im  Dienste  preussischer 
und  deutscher  Grosse.  Zum  ioojahrigen 
Geburtstage  Wilhelms  I.  Leipzig:  Breit- 
kopf  &  Hartel.  8.  IV  S.,  1  BL,  119  S., 
1  Bildn. 

Pfister,  Alb.:  Kaiser  Wilhelm  I.  Sein 
Leben  u.  Wirken.  4.  Aufl.  Neue  Ausg. 
Stuttgart:  W.  Kohlhammer.  8.  VIII,  242  S. 
m.  Bildn. 

PI  an  ken,  G.:  Wilhelm  L  u.  Friedrich  III. 
Der  ersten  deutschen  Kaiser  Leben,  Wir- 
ken, Leiden,  Sterben,  Beisetzung.  Erinne- 
rungsblfltter.  (Neue  Ausg.)  Leipzig:  P. 
Friesenhahn.    8.    IV,  124  S. 

R  he  in  Ian  der,  C:  Kaiser  Wilhelm  I.,  der 
Grosse.  Ein  Lebensbild.  17.—  22.  Aufl. 
DUsseldorf:  L.  Schwann.  8.  32  S.  mit 
Bild. 

Rttnnberg,  C:  Eine  biographische  Dar- 
stellung  des  Lebens  Sr.  Majestat  (Kaiser 
Wilhelms  I.).  M.  e.  Portr.  (Zum  ioojahr. 
Geburtstage  Weil.  Sr.  Maj.  des  Kaisers  u. 
KSnigs  Wilhelm  I.  Tl.  2.  Berlin:  Exped. 
d.  Neuen  Militar.  Blatter.    8.) 

Roe  the,  Gust.:  Rede  zur  Feier  d.  ioojahr. 
Geburtstages  Kaiser  Wilhelms  I.  Gttt- 
tingen:  Vandenhoeck  &  Ruprecht.  8.  20  S. 

Rogge,  Bernh.:  KaiserbUchlein.  Zur  Er- 
innerung  an  Kaiser  Wilhelm  den  Grossen. 
M.  zahlr.  Abb.  20.  u.  21.  Aufl.  Biele- 
feld: Velhagen  &  Klasing.     8.     88  S. 

Roggc,  Bernh.:  Kaiser  Wilhelm  I.  Illustr. 
GedenkbUchlein.  15,-25.  Aufl.  Dresden- 
Blasewitz:  Gustav-Adolf-Verlag.  8.  24  S. 
ro.  Abb. 

Rosenthal,  M.:  Zu  Kaisers  Wilhelms  Ge- 
dachtnis.  An  seinem  ioojahr.  Geburts- 
tage.    Delitzsch:  R.  Pabst.    8. 

Ruete,  H.:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse  als 
Christ,    Mensch,    Soldat    und    Herrscher. 


Ein  Charakterbild.  Leipzig:  DUrr'sche 
Buchh.    8.    55  S.  ro.  1  Bildn. 

Schmeidler,  Job.:  Zu  Kaiser  Wilhelm's 
Gedachtnis.  (Der  Protestant.  I.  Jahrg.  4. 
Sp.  197-1990 

Schmidt,  P.  W.:  Rede  bei  der  Jahrhundert- 
feier  Kaiser  Wilhelms  I.  im  Basler  MUnster 
gehalten.  (Protestant.  Monatshefte  1.  Jahrg. 
8.    S.  170—176.) 

Schmoller,  Gustav :  Der  erste Hohenzollern- 
Kaiser  (Wilhelm  L).  Eine  Gedachtniss- 
rede.  (Hohenzollern-Jahrbuch.  1.  Jahrg. 
4.    S.  1  —  6,  m.  Bildnissen.) 

Schreck,  Ernst:  Wilhelm  d.  Grosse,  des 
neuen  deutschen  Reiches  erster  Kaiser. 
Trier:  H.  Stephanus.     8. 

Stamper,  Georg:  Kaiser  Wilhelm  I. 
(Westermanns  Illustr.  Deutsche  Monats- 
hefte.    Bd.  82.    8.    S.  1—8   m.  1  Bildn.) 

Sterzenbach,  K.:  Kaiser  Wilhelm  I.,  d. 
Siegreiche.  Seine  Lebensgeschichte  und 
glorreiche  Regierung.  Neuwied:  Heuscr. 
8.    Ill,  112  S. 

Stockhorner  v.  Starein,  Otto  Frh.: 
Kaiser-Bttchlein.  Wilhelm  d.  Grosse  als 
Christ  im  Leben  u.  im  Sterben.  29.  stark 
verm. Aufl.  Berlin:  Christl.  Zeitschriftenver. 
8.    142  S.  m.  Bildn. 

Streissler,  Frdr.:  Kaiser  Wilhelm  der 
Grosse,  der  Einiger  Deutschlands.  Reut- 
lingen:  R.  Bardtenschlager.  8.  80  S.  m. 
2  Bild.    [Vaterlandische  Bttcberei.    Bd.  8.] 

Trapet,  Augustin:  Kaiser  Wilhelm  I. 
Rede.     Coblenz:  W.  Groos.    8.    25  S. 

V  o  1  z ,  Berthold :  Wilhelm  d.  Grosse.  Deut- 
scher Kaiser  u.  Konig  v.  Preussen.  Sein 
Leben  u.  Wirken.  Leipzig:  O.  Spamer. 
8.    VIII,  585  S. 

Waldemar,  K.:  Kaiser  Wilhelm  d.  Grosse. 
Breslau:  F.  Hirt.    8.    40  S.  m.  14  Abb. 

v.  Werner,  A.:  Rede  zur  Gedachtnisfeier 
des  100.  Geburtstages  weiland  Kaiser  Wil- 
helms des  Grossen  in  der  Hochschule  f. 
d.  bildenden  KUnste.  (Der  BSr.  23.  Jahrg. 
4.    S.  186-188,  195—198.) 

Wiermann,  Heinr.:  Anekdoten  aus  dem 
Leben  Kaiser  Wilhelm  I.  Berlin:  H.  Stei- 
nitz.     8.     104  S. 

Windelband,  Wilh.:  Gedenkrede  auf  Kai- 
ser Wilhelm  I.  Strassburg:  W.  Heinrich 
i.  Komm.     8.     14  S. 

Wolter,  A.:  Kaiser  Wilhelm  der  Grosse 
als  Heirscher,  Mensch  u.  Christ.  Ein  Cha- 
rakterbild, aus  seinem  Leben  geschildert. 
Berlin:  E.  S.  Mittler  &  Sohn.  8.  IV, 
124  S.  m.  55  Abb. 

Zchlicke,  Ad.:  Kaiser  Wilhelm  d.  Grosse, 
Deutschlands  Retter  und  Racher.  Ge- 
schichte  seiner  Zeit  u.  der  von  ihm  ge- 
ftthrten  Nationalkriege  bis  zu  seinem  Tode 
m.  histor.  Einleitung.    2  Bde.     Berlin:  L. 


54" 


Biographische  Bibliographic. 


Abel.  8.  VII,  487  S.  m.  56Taf.;  IV, 
477  S.  m.  24  Taf. 

Aus  Kaiser  Wilhelms  II.  Umgebung.  Ber- 
lin: H.  Steinitz.     8.     287  S. 

Leude  t,  Maurice:  Guillaume[Wilhelm]  II. 
in  time.  Ouvr.  ill.  de  tres  nombr.  grav. 
d'apres  des  originaux  et  des  docum.  pho- 
togr.  Paris:  F.  Juven.  8.  VII,  278  S., 
1  Bl. 

Maraun,  W.:  Kaiser  Wilhelm  II.  in  Den- 
ken  u.  Wolien.  Allerhflchsteigene  Worte. 
Dresden:  H.  K.  v.  Tasch.     8.     56  S. 

Wulff:  Rede  zum  Geburtstage  unseres  Kai- 
sers (Wilhelm  II.)  1896.  (Padagog.  Blat- 
ter f.  Lehrer  u.  Lehrerbildungsanstalten. 
26.  Bd.     8.     S.  85—93.) 

Magi r us,  Adolf:  Herzog  Wilhelm  von 
WUrttemberg,  k.  u.  k.  Feldzeugmeister. 
Ein  Lebensbild.  Mit  111.,  Portr.,  Karten- 
skizzen  u.  einem  Stammbaum.  Stuttgart: 
W.  Kohlhammer.    8.    XII,  378  S.,  1  Tab. 

♦Krauss,  Rudolf:  Herzog  Wilhelm  Niko- 
laus  von  WUrtemberg.     (S.  98.) 

♦Lier,  H.  A.:  Karl  Petrus  Will,  KSnigl. 
sachs.  Hofkaplan  u.  Prases  des  kathol. 
gcistl.  Konsistoriums  in  Dresden.    (S.  417.) 

Jacoby,  Daniel:  Der  Dichter  (Johann  Gott- 
lieb) Willamov,  Herders  Landsmann. 
(Sonntagsbeil.   No.  29  z.   Voss.   Zeitung.) 

Jacobi,  Justizrath  Prof.  Dr.:  Gustav  von 
Wilmowski.  f.  (Deutsche  Juristen-Zei- 
tung.    II.  Jahrg.    4.    S.  34-35-) 

♦Holland,  H.:  Anton  Windmaier,  Land- 
schaftsmaler.     (S.  55.) 

*Gugliat  E.:  Eduard  Winkelmann.  (S.  40 

-42.) 

Lauchert,  Friedrich:  Der  Dominikaner  Wi- 
gand  Wirt  und  seine  Streitigkeiten.  (G6r- 
res-Gesellschaft.  Hist.  Jahrbuch.  Bd.  18. 
8.    S.  759—791.) 

Witte.Carl:  Prozess  Witte- Stacker.  Be- 
richt  Ub.  die  Verhandlungen  vor  d.  kgl. 
Schtfffengericht  zu  Berlin  am  12.  Nov. 
1896.  Hrsg.  u.  m.  Anmerk.  begl.  Berlin: 
F.  Fontane  &  Co.     8.     90S. 

W.  Wittpenning,  geboren  am  12.  Januar 
181 2,  gestorben  am  30.  Januar  1879.  (W. 
H.  Jobelmann  u.  W.  Wittpenning:  Ge- 
schichte  der  Stadt  Stade.  Neubearb.  v. 
M.  Bahrfeldt.  Stade:  Dr.  v.  A.  Pockwitz. 
8.    S.  XII.) 

Zum  fUnfzigjahrigen  Dienstjubilaum  des  Ge- 
nerals der  Infanterie  v.  Woelckern,  a  la 
suite  des  Infanterieregiments  Kaiser  Frie- 
drich, Konig  von  Preussen  (7.  WUrttem- 
bergisches)  Nr.  125.  (Militar-Wochenblatt. 
82.  Jahrg.    2.  Bd.    4.    Sp.  2567  -  2572.) 

Schrattenthal,  Karl  (Prof.  Karl  Weiss): 
Franz  Worther,  e.  Dichter  u.  Denker  aus 
d.  Volke.  Pressburg:  (G.  Heckenast's 
Nachf.)     8.     VIII,  61  S. 


Stein  er,  Rudolf:  Wieder  ein  Geist  aus  dem 
Volke.  (Franz  W5rther.)  (Das  Magazin 
f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4:  Sp.  1 199  —  1202.) 

Nodnagel,  Ernst  Otto:  Hugo  Wolf,  der 
Begrttnder  des  neudeutschen  Liedes.  (Das 
Magazin  f.  Litteratur.  66.  Jahrg.  4.  Sp.  733 
—740.) 

Arnsperger,  Walther:  Christian  Wolfs 
Verhaltnis  zu  Leibniz.  Weimar:  E.  Fel- 
ber.     8.     2  Bl.,  72  S. 

•Krauss,  Rudolf:  Emil  Wolff.  (S.  100— 
101.) 

Gutberlet,  Const.:  Nekrolog  ttber  Dr.  Joh, 
Wolff.    (Philosoph.  Jahrbuch.    X.  Bd.    8. 

s.  367—368.) 

Safarik,  A.:  Wilhelm  Julius Theodor  Wolff. 

(Nekrolog.)  (Vierteljahrsschr.  d.  Astronom. 

Ges.   32.  Jahrg.   8.   S.  134— 138  m.  Bildn.) 
M  org  en,    A.:    Emil   von  Wolff  f-      (Die 

landwirtschaftlichen    Versuchs  -  Stationen. 

48.  Bd.    8.    S.  361—374  m.  Bildn.) 
Wertheim,   Karl:    Wolfram  v.  Eschen- 

bach    und    sein    Parzival.     Ein  Vortrag. 

Fttrth:  G.  Rosenberg.     8.     32  S. 
Charlotte  Woltcr  in  ihren  Glanzrollen,  dar- 

gestellt  in  40  Bildern  nach  Photographien 

v.  Dr.  Szekely.     Hrsg.  v.  Emil  M.  Engel. 

Wien:  E.  M.  Engel.    8.    3  S.  Text 
v.  Bamberg,  Eduard:  Wie  Charlotte  Wol- 

ter     entdeckt     wurde.      (Die    Gegenwart 

52.  Bd.    4.    S.  119— 121,  139— 141.) 
Gold,   Alfred:    Charlotte  Wolter  und  die 

neue  Epoche.    (Das  Magazin  f.  Litteratur. 

66.  Jahrg.    4.    Sp.  788—791.) 
Hirschfeld,  Leo:  Charlotte  Wolter.    Ein 

Erinnerungsblatt.      M.    111.    nach    Photo- 
graphien u.  e.  statist  Rollentabelle,  verf. 

v.  Alb.  Weltner.    Wien:  C.  Konegen.    4. 

24  S. 
Mtiller  -  Guttenbrunn,     Adam:      Charlotte 

Wolter.     (Der  Kunstwart.     10.  Jahrg.    4. 

S.  296—297.) 
♦Poten,  B.:    Wilhelm  von  Woyna,    Kgl. 

Preuss.  General  d.  Inf.     (S.  135— 1360 
Wratzke,  Otto:  In  franzSsischem  Sold.    Er- 

innerungen  aus  seinem  Legionarsleben  in 

Algerien,    Formosa,    Tonkin.      Bearb.    v. 

Reinhard    Werner.      Berlin:    Selbstv.     8. 

2  BL,  92  S.,  1  Kt. 
v.  Oppeln-Bronikowski,  Fr.:  Erinnerungen 

an    Richard    Wrede.      Nachtrag    zu    den 

letzten     Press  -  Vorkommnissen.       Berlin : 

Kommv.  v.  J.  Sassenbach.    8.    22  S. 
Neitzel,  Otto:  Franz  Wiillner.     Sein  Le- 

ben  und  Wirken.    (Nord  und  Sad.   83.  Bd. 

8,    S.  197 — 210  m.  Bildn.) 
(  R  o  1 1  e  1 1 : )  Friedrich  Wiiste.   (Oesterreich.- 

ungarische  Buchdrucker-Zeitg.    25.  Jahrg. 

4.    S.  534—5350 
Schmidt,  Gg.:  Christoph  Wulfffen.     (Der 
Bar.     23.  Jahrg.    4.    6.532-533.) 


Biographischc  Bibliographic 


55' 


Bremer,    F.   P.:    Ulrich    Zasius    und    das 

Familienstatut    der  von  Rappoltstein  vom 

Jahre  1511.    (Zcitschr.  d.  Savigny-Stiftung 

f.  Rechtsgesch.    Germ.  Abth.     18.  Bd.    8. 

S.  170—178.) 
*  Freiherr  v.  Zedtwitz,  Legationsrath. (S.  2 1 3.) 
U  ml  a  uft,     Fried  rich:     Dr.    Karl    Zehden. 

(Deutsche     Rundschau     f.    Geographic    u. 

Statistik.     19.  Jahrg.    8.    S.  278  —  280   m. 

Bildn.) 
•Eitner,  Rob.:  Charlotte  Zeidler.    (S.  124 

-125.) 
Dilthey,     Wilhelm:    Aus   Eduard  Zellers 

Jugendjahren.  (Deutsche  Rundschau.  ox>.Bd. 

8.  S.  280-295.) 
GrUnhagen,    C.:    (Joseph)    Zerboni    und 

(Hans  von)  Held  in  ihren  Konflikten  mit 

der  Staatsgewalt  1796 — 1802.  Nach  archi- 

valischen  Quellen.    Berlin:   F.  Vahlen.   8. 

IX,  312  S. 
♦Holland,  H. :  Hermann  Ziebland,  Genre- 

maler.    (S.  55—56.) 
Will,  C-:  Peter  Joseph  Karl  Ziegler.   (Ne- 

krolog.)     (Verhandlungen    d.   histor.   Ver. 

d.    Oberpfalz    u.    Regensburg.   49.  Bd.    8. 

S.  298—300.) 
♦Eitncr,    Rob.:    Otto    Zimmer.    (S.  125.) 
(Zimmermann,  G.  R. :)  Lebensbild  v.  Pfarrer 

Johann    Rudolf    Zimmermann    (1792  — 

1S67).    Zurich:   Fasi  &  Beer  i.  Komro.  4. 

19  S.  m.   1  Bildn.  [Ncujahrsblatt  auf  d,  J. 

1897.     Zum   Besten   des  Waisenhauses   in 

Zurich    v.    e.    Ges.   hrsg.    60.  Stuck.    Als 

Forts,    d.    Neujahrsblatter   d.  Chorherren- 

stube  No.  119.] 


Die  Selbstbiographie  des  Burkhart  Zink. 
(Ausgew.  Selbstbiographien  aus  d.  15.  bis 
18.  Jahrh.  Hrsg.  v.  Christian  Meyer. 
Leipzig:  J.  J.  Weber.  8.  S.  1—20.) 

Dr.  Eugen  Zintgraff  f .  (Deutsche  Kolonial- 
zeitung.    N.  F.   10.  Jahrg.  4.  S.  515.) 

v.  S  to  j  en  tin:  Jacob  von  Zitzcwitz,  auf 
Muttrin  und  Vorwerk  vor  Lassan  erbsessen, 
ein  Pommerscber  Staatsmann  aus  dem  Re- 
formations -  Zeitalter.  (Baltische  Studien. 
N.  F.  I.  Bd.  8.  S.  143-288.) 

Karl  Friedrich  Zollner.  (Chronik  d.  Konigl. 
Akad.  d.  KUnste  zu  Berlin.  1896/97.  8. 
S.  88—89.) 

Kind,  Aug.;  Heinrich  von  Ziitphen,  ein 
evangelischer  Martyrer  aus  der  Rcfor- 
mationszeit.  I.  II.  (Der  Protestant.  1.  Jahrg. 
4.  Sp.  251 — 255,  264 — 267.) 

♦Wustmann,  G.:  Mclchior  Zur  Strassen, 
Bildhauer.    (S.  90  —  91.) 

Ocr,  Franz,  Frhr  v.:  FUrstbischof  Johan- 
nes Bapt.  Zwerger  von  Seckau.  In  sei- 
nem  Leben  und  Wirken  dargest.  Graz: 
Ulr.  Moser.  8.    VIII,  464  S.,   1  Bildn. 

Staehelin,  Rudolf:  Huldreich  Zwingli. 
Sein  Leben  und  Wirken  nach  d.  Quellen 
dargest.  Bd.  II.  Ausbau  und  Kampf.  Ba- 
sel: B.  Schwabe.  3  BL,  540  S.,  1  Bl. 
(Bd.  1   ersch.   1895.) 

Wundcrli,  Gust:  Huldrych  Zwingli  u. 
die  Reformation  in  Zurich  nach  den  Tag- 
satzungs  -  Protokollen  u.  zUrcherischen- 
obrigkeitlichen  Erlassen.  Zurich:  Selbstv. 
8.  2  BL,  255  S.,   1  Bl. 


Uel.Meiaehbarti  RiHanh  *  Co 


4*rWvm\  Geard  Reimsr  Herlin, 


fr 


DEUTSCHER  NEKROLOG 


VOM  i.  JANUAR  BIS  3i.  DECEMBER 


i897. 


Homo  liber  de  nulla  re  minus,  quam 
de  morte  cogitat  et  ejus  sapientia  non 
mortis,  sed  vitae  meditatio  est. 

Spinoza.    Ethices  part  IV.  Propos. 
LXV1I. 


Biogr.  Jabrb.  u.  DeuUchtr  Nekrolog.    2.  Bd 


Deutscher  Nekrolog  vom   i.  Januar  bis  31.  December  1897. 


Reimer,  Ernst  Heinrich,  Buchhandler  in  Berlin,  *  in  Berlin  am  5.  Juli 
1833,  f  in  Jena  am  19.  October  1897.  —  Nach  einer  sonnigen  Kindheit,  in 
den  weiten  Raumen  und  Garten  des  heutigen  Hausministeriums,  wurde  Ernst 
Reimer,  der  al  teste  Sohn  von  Georg  Reimer,  zunachst  nicht  Buchhandler, 
sondern  Seemann.  Neigung  und  Wesen  leiteten  den  lebensfrohen  und  leibes- 
gewandten  Jtingling,  als  er  1850  das  Friedrichs-Werdersche  Gymnasium  ver- 
liess  und  mit  erwirkter  vaterlicher  Zustimmung  seine  erste  Seereise  auf  einem 
Bremer  Kauffahrteischiffe  antrat.  Es  flihrte  ihn  —  als  Schiffsjungen,  dann  als 
Matrosen  —  westwarts  tiber  Lima,  Hongkong  und  Ceylon  bis  zum  Cap  der 
Guten  Hoffnung,  wo  es  Havarie  erlitt.  Erst  Februar  1854  kehrte  er  auf 
fremdem  Schiffe  heim,  war  zweimal  in  Nordamerika  und  erwarb  sich  1855 
auf  der  Navigationsschule  zu  Danzig  den  Grad  eines  Obersteuermanns.  Wieder 
auf  einer  Reise  nach  Ostindien  und  China  begriffen,  starb  ihm  1858  in  der 
Heimath  der  Bruder  Max  im  Beginn  der  buchhandlerischen  Ausbildung. 

Das  bedeutete  fttr  Ernst  Reimer,  dessen  seelische  Entwickelung  die  gei- 
stigen  Entbehrungen  seines  Berufes  und  die  geselligen  Harten  seiner  Um- 
gebung  mit  wachsendem  Unbehagen  reflectirte,  den  freiwilligen  Verzicht  auf 
Steuer  und  Compass,  und  es  erfullte  sich  ihm  und  dem  Vater  ein  Wunsch, 
als  i860  ftir  den  Siebenundzwanzigjahrigen  im  Frommann'schen  Hause  in  Jena 
nach  den  Wanderjahren  die  Lehrjahre  begannen.  1861  wurde  ihm  Adolf 
Marcus  in  Bonn  zum  Lehrherrn  und  vertrauten  Freunde,  ein  Jahr  darauf 
arbeitete  er  in  Leipzig  bei  Arthur  Felix  und  1863  offnete  sich  dem  als  jungen 
Gatten  Heimkehrenden  die  Handlung  des  Vaters.  Von  da  an  war  die  Firma 
Georg  Reimer,  die  Georg  Andreas  Reimer  —  der  Freund  Arndt's  und  Schleier- 
macher's  —  18 19  aus  der  Realschulbuchhandlung  hatte  erstehen  lassen,  ein 
Menschenalter  hindurch  die  Statte  seines  Wirkens.  1865  wurde  er  Procurist, 
1876  Theilhaber  der  Firma,  von  1884  an  war  er  ihr  Alleininhaber,  bis  er  am 
1.  Januar  1897  das  Erbe  seiner  Vater  der  Hand  anvertraute,  die  diese  Zeilen 
schreibt  und  die  unter  seiner  Leitung  ftir  ihren  Beruf  sich  schulen  durfte. 
Im  Sommer  darauf  Hess  er  sich  auf  der  Helgolander  Dtine  von  den  fluthen- 

1* 


4  Reimer.     Holsten. 

den  Wellen  nochmals  den  Traum  der  Jugend  erzahlen,  betrieb  dann  heiter 
und  verlangend  die  Uebersiedelung  nach  Jena  und  erlag  hier  wenige  Wochen 
darauf  einem  Leiden,  das  schon  Jahre  an  seiner  Kraft  und  Spannung  gezehrt 
hatte. 

Ernst  Reimer  war  ein  feinsinniger  und  hingebender  Vertreter  seines  Be- 
rufes,  aus  der  Schule  seiner  Vorganger.  Das  Buch,  das  er  verlegte,  war  ihm 
Selbstzweck;  bestand  es  vor  der  Kritik  wie  vor  dem  eigenen  Gefallen,  so 
hatte  er  den  besseren  Theil  seines  Lohnes  dahin.  Zu  dem  Autor,  fur  den 
er  verlegte,  suchte  er  gerne  ein  personlich  vertieftes  Verhaltniss.  Seinen 
Verlag  als  Pflegstatte  der  Wissenschaft,  wie  er  ihm  tiberkommen  war,  zu 
verwalten,  war  ihm  Pflicht  und  Genugthuung.  So  spannen  sich  unter  ihm 
auch  die  Faden  verdichtend  fort,  die  seine  Handlung  mit  der  Preussischen 
Akademie  der  Wissenschaften  und  dem  Deutschen  Archaologischen  Institut 
verkniipften  und  bei  den  Vertretern  jener  Korperschaften  stand  das  stille 
Wirken  des  ttichtigen  und  bescheidenen  Mannes  in  hoher  Geltung. 

Dem  literarischen  Sachverstandigenverein  gehorte  Ernst  Reimer,  als  Nach- 
folger  des  Vaters,  bis  zu  seinem  Todesjahre  an.  In  der  Stadtverordneten- 
versammlung,  in  die  man  ihn  1875  an  Stelle  des  Vaters  wahlte,  blieb  er  nur 
fiinf  Jahre. 

Im  offentlichen  *  Leben  war  er  niemals  heimisch.  In  sich  geschlossen, 
ein  Mann  der  Ueberzeugung  und  des  klaren  freien  Urtheils,  machte  ihn  doch 
Widerspruch  schon  im  engen  Kreise  schweigsam.  Nicht  aus  Zaghaftigkeit, 
dass  man  ihm  wehe  thue,  sondern  aus  Besorgniss,  Anderen  wehe  zu  thun. 
Aber  Zartsinn  hat  eine  leise  Stimme  und  wo  er  im  lauten  Streit  des  Lebens 
die  Fuhrung  tibernimmt,  da  wird  ihm  leichtlich  die  Resignation  zur  Zuflucht. 
So  erzahlten  wenigstens  die  seelenvollen  Augen  denen,  die  Ernst  Reimer  in 
den  letzten  Jahren  seines  Lebens  naher  getreten.  Als  habe  in  dem  harten 
und  treuen  Kampf  um  sein  Lebensideal  die  Entsagung  die  Oberhand  be- 
halten. 

Conze  im  Archaol.  Anzeiger  1897  S.  167;  Diels  in  einer  Beilage  des  Archivs  fttr 
Geschichte  der  Philosophic  XI,  1  und  des  Archivs  fttr  system.  Philosophic  IV,  1 ;  Laehr  in 
der  Allgem.  Zeitschrift  ftir  Psychiatric  LIV  S.  950;  Virchow  im  Archiv  ftlr  pathol.  Ana- 
tomic und  Physiologic  CL  S.  388;  Websky  in  den  Protest.  Monatshcften  I  S.  463. 

W.  de  Gruyter. 

Holsten ,  Karl,  Universitatsprofessor  der  Neutestamentlichen  Exegese  in 
Heidelberg,  *  am  2.  April  1825  in  Glistrow,  f  am  26.  Januar  1897  in  Heidel- 
berg. —  Unter  den  Verlusten,  die  das  Jahr  1897  der  evangelischen  Kirche 
gebracht  hat,  ist  einer  der  schmerzlichsten  der  des  griindlichen  neutestament- 
lichen Forschers  und  hochbeliebten  Universitatslehrers  Karl  Holsten.  Mit  ihm 
ist  einer  der  letzten  Vertreter  der  kritischen  Schule  dahingegangen,  der  selbst 
sich  als  Schtiler  des  Tlibinger  Meisters,  Chr.  Ferdinand  Baur,  zu  bezeichnen 
pflegte. 

Dieser  letzte  grosse  Vertreter  der  TUbinger  Schule  stammte  aus  dem 
Lande  der  norddeutschen  Orthodoxie,  aus  Mecklenburg.  H.  wurde  geboren 
1825  zu  Glistrow  in  Mecklenburg.  Sein  Vater  hatte  Jurisprudenz  studiert, 
war  aber  vor  Beendigung  seiner  Studien  als  freiwilliger  Jager  in  die  Freiheits- 
kriege  gezogen  und  hatte  sich  dann  als  Notar  in  Glistrow  niedergelassen.  So 
vererbten  die  patriotischen  Erinnerungen  des  Vaters  sich  auf  den  Sohn,  der 
in  den  Schulen  seiner  Vaterstadt  seine  erste  Bildung  erhielt.  Da  die  Mutter 
mit  dem  grossen  Hauswesen  viel  zu  thun  hatte,    wurde  der  Kleine  schon  in 


Holsten.  q 

seinem  dritten  Lebensjahre  zur  Schule  geschickt.  Traumerisch  und  in  sich 
gekehrt,  entwickelte  der  Knabe  sich  langsam  und  hatte  in  den  ersten  Schul- 
jahren  viel  unter  der  unverstandigen  und  rohen  Padagogik  einer  wenig  zu 
lobenden  Anstalt  zu  leiden.  Der  sehnliche  Wunsch  der  frommen  und  ge- 
miithstiefen  Mutter  war,  ihren  Karl  als  Pastor  zu  sehen  und  der  Sohn,  der 
mit  ganzer  Seele  an  dieser  Mutter  hing,  lebte  sich  durch  seine  Liebe  zu  ihr 
gleichfalls  in  diesen  Gedanken  ein.  Aus  der  Dumpfheit  seiner  ersten  Schul- 
zeit  erwacht,  fand  er  in  den  oberen  Klassen  Lehrer,  die  ihn  verstanden  und 
an  die  er  sich  mit  der  vollen  Begeisterung  seines  weichen  Knabenherzens 
anschloss.  Von  heilsamem  Einfluss  auf  sein  ganzes  Leben  wurde  es,  dass 
einer  der  Apostel  der  edlen  Turnkunst  im  Sinne  des  Turnvaters  Jahn  an  der 
Anstalt  wirkte.  Ihm  verdankte  es  H.,  dass  aus  dem  allzu  runden  und  lang 
verzartelten  Kinde  ein  straffer,  elastischer,  zu  alien  Leibestibungen  geschickter 
Jiingling  und  Mann  wurde,  hart  gewohnt,  gentigsam  und  ausdauernd,  wie 
wenige.  Das  deutsche  Turnerthum  jener  Jahre  war  aber  mehr  als  blosse 
Leibesiibung.  Der  Knabe  las  Jahn's  Leben,  Seume's  Spaziergang  nach  Syracus 
und  urn  diese  Helden  der  Enthaltsamkeit  zu  erreichen,  fing  er  an,  alles  Ent- 
behrliche  abzuwerfen  und  machte  in  der  Bediirfnisslosigkeit  solche  Fortschritte, 
dass  kein  Knecht,  noch  Taglohner  ihn  in  der  Harte  des  Lagers  oder  Einfach- 
heit  der  Verpflegung  erreichte.  Dass  er  alle  Bettstiicke  ausser  dem  Strohsack 
entfernte  und  zum  Kopfkissen  zwar  nicht  einen  Stein,  aber  sein  Brettspiel 
erwahlte,  nennt  er  selbst  eine  Thorheit,  aber  er  verdankte  diesem  Sport  seinen 
stahlharten  Korper.  Die  Gewohnheit  mit  Sonnenaufgang  sich  zu  erheben  und 
den  Tag  mit  einem  gewaltigen  Marsch  zu  beginnen,  hat  er  bis  in  sein  sieb- 
zigstes  Jahr  beibehalten.  Dabei  nahm  er  alle  jene  Grundsatze  der  Jahn'schen 
Schule  in  sich  auf,  die  frisch,  frei,  fromm  das  Deutschthum  pflegte  und  die 
seiner  Personlichkeit  jenen  Stempel  der  aufrichtigen  und  frohlichen  Tapferkeit 
aufpragten,  durch  die  er  iiberall  die  Herzen,  zumal  die  der  Jugend  gewann. 
Im  Jahre  1843  verliess  er  Rostock,  um  in  Leipzig  Theologie  und  Philologie 
zu  studieren.  Bei  einem  jungen  Manne  dieser  Art  gehorten  die  ersten  Seme- 
ster dem  Studentenleben  und  der  Fiihrung  der  Klinge  und  bis  in  sein  Alter 
freute  er  sich  der  schonen  Erinnerungen,  mit  denen  diese  frohen  Tage  der 
Jugendlust  zu  Leipzig,  Berlin  und  Rostock  sein  Leben  bereichert  haben.  Die 
drei  theologischen  Fakultaten,  an  denen  er  studierte,  zumal  die  der  Heimath, 
gehorten  alle  drei  der  theologischen  Richtung  an,  der  er  selbst  nachmals 
nicht  angehfirte.  So  scheint  sein  Beispiel  die  Erfahrung  zu  bestatigen,  dass 
sich  die  theologische  Richtung  des  Mannes  oft  im  Gegensatze  zu  der  Schule 
feststellt,  die  der  Jiingling  durchlaufen.  In  der  That  wusste  H.  selbst  mit 
Humor  davon  zu  erzahlen,  mit  weichen  Glossen  er  und  seine  Freunde  so 
manche  Auslegung  der  Hengstenberg'schen  Exegese  begleiteten  und  wie  wenig 
Neander's  wohlgemeinte  Apologetik  bei  ihnen  verfing.  Dennoch  hat  auch  er 
seine  entscheidenden  Anregungen,  wenn  auch  nicht  im  theologischen  Horsaal, 
so  doch  im  akademischen  Leben  erhalten.  Seine  Studienjahre  seit  1843  fielen 
in  die  Zeitj  in  der  die  jiingere  Hegel'sche  Schule  ihre  gewaltige  Wirkung  auf 
die  heranwachsende  Generation  libte  und  eine  stiirmische,  mit  Geist  und  Witz 
gehandhabte  Kritik  gerade  die  begabten  und  lebendigen  Naturen  in  ihre 
Kreise  verstrickte.  Der  Streit  tiber  das  Leben  Jesu  und  die  christliche  Glau- 
benslehre  von  David  Friedrich  Strauss  bewegte  noch  immer  die  theologische 
Welt.  Die  Schriften  von  Ludwig  Feuerbach,  die  Halle'schen  Jahrblicher  von 
Arnold  Ruge,    die    TUbinger  JahrbUcher    von  Ferdinand  Christian  Baur,    die 


6  Holsten. 

Paradoxieen  und  Quertreibereien  des  jungen  Bruno  Bauer  hatten  die  philoso- 
phischen  und  theologischen  Studien  zu  einer  Arena  voll  Kampfruf  und  Staub- 
wirbeln  gemacht  und  H.  glich  sein  Leben  lang  einem  edeln  Streitross,  das 
die  Ohren  spitzt,  wenn  die  Fanfare  geblasen  wird  und  gern  dabei  ist,  wo 
Schwert  und  Schild  an  einander  klirren.  Eifrig  vertiefte  sich  schon  der  Ber- 
liner Student  in  das  Studium  der  Hegel'schen  Philosophic  Namentlich  die 
dreibandige  Geschichte  der  Philosophic  aus  Hegel's  Nachlass  war  eines  seiner 
Lieblingsblicher  und  ihrer  Grundanschauung  von  der  Selbstentfaltung  der  Idee 
in  der  Geschichte  und  dem  Hegel'schen  Begriffe  der  Entwickelung  ist  er  nie- 
mals  untreu  geworden.  Aber  die  eigendiche  Leuchte,  die  seinem  theologi- 
schen Schifflein  auf  der  wildbewegten  See  die  Richtung  wies,  wurde  schliess- 
lich  doch  Schleiermacher.  So  wenig  der  tapfere  Mann  alle  Vermittelungen 
Schleiermacher's  und  dessen  Neigung  zu  vorsichtig  ausbeugenden  Formeln 
guthiess,  die  Grundprincipien  seiner  eigenen  Religionsphilosophie  stammen  aus 
Schleiermacher's  Schule.  Mit  diesen  Anregungen,  die  ihn  mehr  aufgeregt  als 
geklart  hatten,  kehrte  er  nach  Rostock  zurlick.  Er  selbst  bekennt,  das 
eigentliche  ernste  Studium  habe  ftir  ihn  erst  in  diesen  spateren  Semestern 
begonnen. 

Einem  jungen  Theologen  von  seiner  Richtung  konnten  die  Wege  in  der 
mecklenburgischen  Heimath  keine  leichten  Wege  sein,  aber  sein  offener,  froh- 
licher  Sinn  und  eine  gllickliche  Gabe,  alle  Gegensatze  von  ihrer  humoristi- 
schen  Seite  zu  nehmen,  erleichterten  ihm  die  Schwierigkeiten,  an  denen  eine 
schwerere  und  minder  helle  Natur  gescheitert  ware.  Krabbe,  Delitzsch,  Hof- 
mann,  Kliefoth  und  wie  die  gestrengen  Lehrer  und  Examinatoren  alle  hiessen, 
seiner  Liebenswurdigkeit  widerstanden  sie  nicht.  Sie  wollten  ihn  sogar  fest- 
halten,  wo  er  selbst  bedenklich  war.  »Predigen  Sie  sich  in's  Christen thum 
hinein!«  sagte  ihm  Krabbe.  Bereits  aber  war  in  ihm  der  forschende  und 
sondernde  Geist  erwacht,  der  ihn  drangte,  die  einzelnen  Vorstellungen  und 
Lehrbegriffe  strenger  in's  Auge  zu  fassen  und  jeden  neutestamentlichen  Schrift- 
steller  als  literarische  Individuality  zu  studieren.  So  geht  eine  seiner  epoche- 
machenden  Untersuchungen  liber  den  Begriff  der  aotp£  im  Neuen  Testamente 
in  ihren  Anfangen  bis  in  die  Studienzeit  zurtick,  denn  H.  hatte  durch 
eine  Preisaufgabe  der  theologischen  Fakultat  zu  ihr  den  ersten  Anstoss  er- 
halten.  Dann  war  es  Delitzsch,  der  ihn  anwies,  das  alte  Testament  mit  der 
Feder  in  der  Hand  zu  lesen,  um  sich  liber  das  Verhaltniss  der  Propheten 
und  Psalmisten  zum  Ritualgesetz  eine  selbstandige  Meinung  zu  bilden  und 
ihn  so  darauf  leitete,  auch  die  neutestamentlichen  Begriffe  iiberall  auf  ihre 
alttestamentliche  Grundlage  anzusehen.  Er  selbst  bekennt,  dass  er  damals 
sich  gewohnt  habe,  jedes  Problem  auf  Grund  der  Sammlung  und  Verarbei- 
tung  des  gesammten  thatsachlichen  Materials  zu  losen  und  nicht  das  Material 
erst  nachtraglich  zur  BegrUndung  seiner  Ideen,  oder  wie  er  gern  sagte,  seiner 
Blaumontagseinfalle,  beizuziehen.  »Nach  dem  zweiten  theologischen  Examen«, 
so  schreibt  H.  in  einer  eigenen  Aufzeichnung,  die  mir  vorliegt,  »stand  nun 
zur  Frage,  ob  er  um  eine  Pfarre  sich  bewerben  solle.  Nun  hatte«,  so  heisst 
es  in  dieser  eigenhandigen  Niederschrift,  »seit  einer  Reihe  von  Jahren  das 
Kliefoth' sche  Regiment  in  Mecklenburg  ein  starres  Bekenntnisslutherthum  zur 
ausschliesslichen  Herrschaft  gebracht  und  jeden  ^Viderstand  dagegen  mit  der 
Hilfe  der  Staatsregierung  niedergeschlagen.  In  der  Voraussicht,  dass  er  mit 
diesem  Regimente  sofort  in  Streit  gerathen  und  in  diesen  Streit  auch  die 
Gemeinde  hineinziehen  werde,  entsagte  er  seinem  ursprtinglichen  Lebensideale 


Holsten.  y 

und    trat    in  den  Schuldienst.*     Auch  als  im  Laufe  der  nachsten  Jahre  deni 
bereits  Verheiratheten    eine    der    schonsten  Pfarreien    der  Heimath    von    der 
Gemeinde  angeboten  wurde,  lehnte  er  ab,    nicht,    weil  er  an  seinem  Rechte 
zweifelte  oder  den  Kampf  fur  sich  scheute,   sondern  weil  er  nicht  Unfrieden 
und  Streit  in   eine  Gemeinde  tragen  wollte,    die  sich  bis  dahin  des  Friedens 
erfreut  hatte.     Siebzehn  Jahre  wirkte  er  so  an  dem  Gymnasium  zu  Rostock, 
von  1853  bis  1870,  anfanglich  hauptsachlich  als  Religionslehrer,  spater  auch 
als    vortrefflicher    Lehrer    der    deutschen    und    griechischen  Literatur  in  den 
Oberklassen,    Er  dachte  wohl  auch  an  die  Herausgabe  einer  deutschen  Gram- 
matik    zum    Schulgebrauche.     »Aber    die  Theologie«,    so    schreibt    er  selbst, 
»blieb  Herrscherin    in    seinem  Gemtithe«.     Wie    aber    alle  seine  literarischen 
Impulse  immer  zugleich  moralische  waren,  so  war  seine  erste  grosse  Publika- 
tion,    durch    die    er    das  Auge  der  gesammten    theologischen  Welt  auf  sich 
lenkte,  ein  Ritterdienst,  den  er  einem  Todten  zu  schulden  glaubte.    Im  Jahre 
1 860.  s tar b  Christian  Ferdinand  Baur,  der  Theologe,  den  H.  von  alien  leben- 
den    am    hochsten    stellte  und  dem  er  selbst  flir  seine  wissenschaftliche  Ent- 
wickelung  am  meisten  verdankte.     Landerer  aber  sprach  in  seiner  Rede  am 
Grabe  des  Collegen,  Baur's  ganze  Lebensarbeit  sei  auf  Beseitigung  des  Wun- 
ders    im  Neuen  Testamente    gerichtet    gewesen.     Nun    habe  er  aber  erklart, 
dass  die  Bekehrung   des  Paulus   weder  durch  eine  historische,  noch  logische, 
noch  psychologische  Analyse  zu  begreifen  sei.     Und  da  er  also  ein  Wunder 
habe    stehen    lassen    mlissen,    so    habe    er  damit  alle  Wunder  stehen  lassen. 
Seine  Lebensarbeit  sei   also  vergeblich  gewesen.     Das  war  nach  H.'s  eigener 
Niederschrift    der  Anlass  zu  seinem  bertihmten  Aufsatze:    »Die  Christusvision 
des  Paulus«.     Er  wollte  Landerer  zeigen,   dass  die  nattirliche  und  psycholo- 
gische Erklarung  der  Paulusvision  keineswegs  unmoglich  sei,    Gleich  bei  dieser 
ersten  grosseren  Studie  zeigte  sich  der  Gewinn  seines  Grundsatzes,  jede  Frage 
auf  Grund  des  ganzen  Materials  zu  entscheiden.    Der  Streit  iiber  eine  Frage, 
die    von    den  Meisten    auf  Grund    ihrer    dogmatischen  Principien    und    ihrer 
ganzen  Weltanschauung  entschieden  wird,   wurde   ftir  ihn  zu  der  Frage  nach 
der  Christologie  des  Paulus  iiberhaupt.    Um  festzustellen,  wie  hat  Paulus  den 
Messias  auf  dem  Wege  nach  Damaskus  geschaut,  fragte  er,  wie  hat  er  ihn  in 
seinen  Briefen  beschrieben,  denn  er  wird  ihn  nicht  anders  beschrieben  haben, 
als  er  ihn  schaute.    Dieses  Christusbild  des  Apostels  verglich  er  dann  wieder 
mit  den  Messiasbildern  des  alten  Testaments,  mit  der  Lehre  vom  himmlischen 
und  irdischen  Menschen  bei  fhilo  und  so  wurde  der  Streit  Uber  eine  einzelne 
Thatsache    ftir  ihn  der  Punkt,    von  dem  aus  er  iiberhaupt  in  die  paulinische 
Theologie  eindrang.    Die  Abhandlung  erregte  das  grosste  Aufsehen  und  wurde 
zum  Ausgangspunkt  einer  neuen  Phase  der  kritischen  Schule,  die  mit  erneu- 
tem  Eifer  begann,  von  den  vier  grossen  Paulusbriefen  her  sich  nicht  nur  tiber 
die  Anschauungen  des  Apostels,  sondern  liber  das  apostolische  Zeitalter  selbst 
zu    unterrichten.     Die    friiheren  Lichter    waren  durch  die  Strauss'sche  Kritik 
ausgeloscht,  hier  aber  waren  Anhaltspunkte  gegeben,  an  denen  weiter  tastend 
man  sich  im  Dunkeln  orientirte.    Was  aber  H.'s  Auge  gescharft  und  ihn  die 
Kunst  gelehrt  hatte,  im  Dunkeln  zu  sehen,  das  war  sein  unermtidlicher  Fleiss, 
der    es    nicht    mtide    wurde,  jeden  paulinischen  Ausdruck  immer  und  immer 
wieder  zu  prtifen,  was  er  enthalte  und  was  er  voraussetze.     Zunachst  machte 
H.  von    den  Ergebnissen    seiner    ersten  Arbeit    die  Anwendung    auf  die  Er- 
forschung  des  Glaubensinhalts  des  Judenchristenthums.    Aus  den  Aeusserungen 
des  Paulus,    zumal  im  Galaterbrief,    construirte  er  sich  die  Messiasvision  des 


g  Holstcn. 

Petrus,    die   ja    gleichfalls   durch  Paulus  bezeugt  ist,    und  sodann  das  ganze 
judenchristliche  Dogma.     Nicht    aus    der  Apostelgeschichte,  sondern  aus  den 
paulinischen  Briefen    studierte    er    den  Petrinismus.     Die  neue  Arbeit  konnte 
erst  1867  erscheinen,    da  er  eben  nur  die  kurzen  Schulferien  flir  seine  theo- 
logischen  Forschungen  zur  Verfiigung  hatte  und  das  Aufriicken  in  den  Unter- 
richt    der    obersten  Klassen    vermehrte  Schularbeit    mit    sich    brachte.     Bald 
darauf  wurde  er  zum  Director  des  Gymnasiums  vorgeschlagen,  aber  er  unter- 
Jag  mit  einer  einzigen  Stimme;  die  Majoritat  wahlte  einen  ansassigen  Lehrer, 
der  in  alien  Stilcken  H.'s  Widerpart  war,  so  dass  dieser  sich  um  die  Leitung 
der  Btirgerschule    bewarb,    um    sich    diesem   misslichen  Verhaltnisse  zu    ent- 
ziehen.     Gerade    in    diesem  Augenblicke    kam    zu  H.'s  Freude  ein  Ruf  nach 
der  Schweiz.     Der  Erziehungsrath  der  Universitat  Bern,  der  die  theologische 
Fakultat  lang  in  positivem  Sinne  besetzt  hatte,  nachdem  Zeller's  Berufung  in 
den  vierziger  Jahren  mancherlei  Schwierigkeiten  bereitet  hatte,  war  durch  die 
Bemtihungen    des  Sohnes    von  Jeremias  Gotthelf,    des  einflussreichen  Pfarrers 
Bitzius,  und  der  beiden  Berner  Prediger  Langhans  fiir  die  Berufung  H.'s  ge- 
wonnen  worden.     Auch  die  ZUricher  Theologen  Hirzel,   Lang,  Furrer  hatten 
auf   ihn    hingewiesen,    dessen  Abhandlung    tlber    die  Paulusvision  sie  als  die 
bedeutendste    wissenschaftliche    Arbeit    der    letzten    Jahre  bezeichneten.     Da 
zur  Dotation    einer    neuen    theologischen  Stelle    keine    Mittel    zur  Verftigung 
standen,  wurde  H.   1870  zunachst  als  Lehrer  am  Gymnasium  und  als  Extra- 
ordinarius    an  der  Universitat  angestellt,    trat  aber  schon  im  folgenden  Jahre 
als  Ordinarius  ganz  zur  theologischen  Fakultat  tiber.     Die  sechs  Jahre  seines 
Aufenthalts    in    der  Schweiz    hat  H.  stets    als  eine  gliickliche  und  frohe  Zeit 
bezeichnet.     Sein  frisches  und  mannliches  Wesen  gefiel  den  Oberlandern.    Er 
hatte  etwas  Sieghaftes  in  seiner  Erscheinung,  dem  sich  alles  von  selbst  unter- 
ordnete.     Ein  schoner  Mann,    nicht    im    banalen  Sinne  des  Wortes,    sondern 
von  ernster  Schonheit  des  feingeschnittenen  Profils,  des  fesselnden  Auges  und 
der    durchgearbeiteten,    streng  mannlichen  Ztige.     Aber  wahrend  er  frei  und 
frank    mitten    im  Volksleben    schwamm    und    mit    seiner  herzlichen  und  auf- 
richtigen  Liebenswtirdigkeit    tiberall  Freunde    fand,    hielt  er  sich  doch  streng 
an  seine  Lehraufgaben  und  vermied  so  die  Klippe,  an  der  so  viele  Deutsche 
scheiterten,  er  mischte  sich  nicht  in  die  Fragen  des  Kantons.    »Ihr  habt  stets 
Zwecke«,  pflegte  er  seinen  neuen  Freunden  zu  sagen,  wahrend  er,  ein  Idea- 
list im  edelsten  Sinne,  sich  nur  fiir  die  Ideen  ipteressirte  und  ftir  die  Wahr- 
heit.     Wo  aber  in  das  Gebiet,    das  er  zu  vertreten  hatte,    die  Gegner  einen 
Einbruch  machten,    da  stellte  er  seinen  Mann.     So  trat  er  schon  im  zweiten 
Jahre  seiner  Berufung  dem  Kirchenvorstande  der  Miinstergemeinde,  der  dem 
Reformvereine  zu  seinem  Festgottesdienste  die  Kirche  mit  einer  sehr  unduld- 
samen  Motivirung    verweigerte,    in  einer  Reihe  von  schneidigen  Aufsatzen  in 
den  »Zeitstimmen«  entgegen,  indem  er  jeden  Satz  des  Prasidenten  von  Wur- 
stemberger-Steiger  zum  Thema  einer  eigenen  Abhandlung  nahm. 

Hatten  seine  wissenschaftlichen  Arbeiten  sich  bis  dahin  auf  das  ganze 
Gebiet  der  paulinischen  Theologie  erstreckt,  so  brachte  es  seine  Lehrpflicht 
nun  mit  sich,  Semester  fiir  Semester  sich  auch  mit  den  Evangelien  zu  be- 
schaftigen.  Mit  gewohntem  Fleiss  und  grossem  Scharfsinn  griff  er  die  viel- 
behandelten  Probleme  der  Evangelienkritik  auf  und  trat  auch  hier  den  Auf- 
stellungen  Baur's  bei,  dass  Matthaus  das  alteste  Evangelium  und  Markus  ein 
Auszug  aus  Matthaus  und  Lukas  sei.  Das  Ergebniss  dieser  Forschungen,  die 
wiederum    zeigten,    mit    welcher  geistigen  Energie  er  jede  Frage  ergriff  und 


Holsten.  g 

mit  welchem  Fleisse  er  sie  bis  in's  Minutiose  verfolgte,  war  seine  Schrift  liber 
die  synoptischen  Evangelien,  die  aber  erst  1885  zu  Heidelberg  erschien.  Derm 
so  wohl  er  sich  auch  in  der  Schweiz  fiihlte,  dem  Rufe  in  die  Heimath  wider- 
stand  er  dennoch  nicht,  nachdem  .die  neue  Sonne  des  deutschen  Reiches  so 
glanzend  aufgegangen  war.  So  tibemahm  er  1876  den  Lehrstuhl  fur  Neues 
Testament  an  der  Universitat  Heidelberg.  Wie  er  in  treuer  Arbeit  half,  diese 
Fakultat  von  ihrem  geringen  Besuch  zu  einer  erfreulichen  Frequenz  empor- 
zuheben,  mit  welcher  jugendlichen  Begeisterung  er  sich  seinem  Lehrberufe 
widmete,  lebt  noch  in  der  Erinnerung  der  theologischen  Welt.  Literarisch 
aber  sind  die  Heidelberger  Jahre  fiir  ihn  die  Jahre  der  Ernte,  in  denen  er 
die  gereiften  Halme  als  Garben  unter  Dach  brachte.  In  dem  gross  angelegten 
.Werke  »Das  Evangelium  des  Paulus«  gab  er  seine  Auslegung  des  Galater- 
und  ersten  Korintherbriefes.  In  der  Zeitschrift  fur  wissenschaftliche  Theologie 
begrtindete  er  eingehend  seine  Kritik  der  Aechtheit  des  Philipperbriefes.  Die 
synoptischen  Studien  zeitigten  eine  Reihe  von  Aufsatzen  tiber  die  Grund- 
begriffe  der  Bergrede,  Reich  Gottes,  Menschensohn,  Gottessohn,  durch  die  er 
in  ahnlicher  Weise  ein  Bild  des  Selbstbewusstseins  Jesu  zu  zeichnen  versuchte, 
wie  er  zuvor  das  Selbstbewusstsein  des  Apostels  genau  beschrieben  hatte. 
Wohl  konnte  uns  dabei  zuweilen  der  Zweifel  kommen,  ob  diese  strikte  Aus- 
legung der  griechischen  Ausdriicke  Geltung  habe  ftir  den,  der  nicht  griechisch, 
sondern  aramaisch  geredet  hat,  doch  verlor  dieser  Einwand  viel  an  seiner 
Scharfe  bei  der  Gewissenhaftigkeit,  mit  der  der  Exeget  der  hebraischen  Grund- 
lage  der  griechischen  Vorstellungen  nachgegangen  war  und  ftir  das  Verstand- 
niss  des  griechischen  Textes  jedenfalls  war  seine  gewissenhafte  und  tiefgehende 
Untersuchung  von  bleibendem  Werthe.  Auch  als  einer  der  letzten  Vertreter 
der  grossen  spekulativen  Epoche  unserer  Wissenschaft  trat  er  jetzt  unter  uns 
auf,  indem  er  tiber  Religionsphilosophie  las  und  einzelne  Abhandlungen  aus 
diesem  Gebiete  veroffentlichte.  Erinnerte  seine  rein  deduktive  Methode  an 
die  HegeFsche  Schule,  aus  der  auch  einer  seiner  Vorganger,  Daub,  hervor- 
gegangen  war,  so  ist  seine  Definition  der  Religion  als  Geftihl  der  Abhangig- 
keit  von  dem  All,  das  dem  Menschen  lebenhemmend  und  lebenfordernd 
gegentibersteht,  im  Wesentlichen  die  Schleiermachers. 

So  sahen  wir  ihn  bis  tiber  sein  siebzigstes  Lebensjahr  hinaus  in  reger 
geistiger  Arbeit,  stets  den  Kopf  voll  neuer  exegetischer  Probleme,  stets  seinen 
Paulus  in  der  Hand,  den  er  doch  schliesslich  vtillig  im  Gedachtniss  hatte,  so 
dass  er  weder  bei  der  Vorlesung,  noch  bei  dem  Examen  eines  Textes  be- 
durfte.  Das  ftihrt  denn  auf  die  andere  Seite  seiner  Wirksamkeit,  auf  seine 
Lehrthatigkeit.  H.  war  das  Ideal  eines  akademischen  Lehrers.  Nicht  nur 
dass  er  mit  ztindender  Beredsamkeit  sprach  und  die  Horer  mit  sich  fortriss, 
er  wusste  vor  allem  auch,  wie  man  unterrichtet.  In  seiner  langen  Schul- 
thatigkeit  hatte  er  gelernt,  wie  man  lehrt;  er  hielt  nicht  bloss  Reden,  sondern 
gab  Lektionen;  er  ging  so  vor,  dass  die  Vorstellungen  auch  Zeit  hatten, 
Wurzel  zu  schlagen  und  dass  er  ein  Fundament  legte,  auf  dem  er  fortbauen 
konnte.  Dabei  war  in  jedem  Wort  sein  ganzes  Herz,  seine  ganze  liebevolle 
Personlichkeit.  Wenn  die  Studierenden  sich  ftir  ihn  begeisterten  wie  fiir 
keinen  anderen  Lehrer,  so  war  es,  weil  sie  wussten,  dass  er  ftir  jeden  Theil- 
nahme  hatte,  der  sich  ihm  anschloss.  Er  hatte  eine  seltene  Gabe,  die  Jugend 
zu  verstehen  und  auch  unausgesprochenes  Interesse  herauszufuhlen.  So  war  er 
auch  als  Lehrer  ein  gliicklicher  Mensch;  wo  wir  Anderen  oft  nur  Mittel- 
massigkeit  und  Schlafrigkeit  zu  sehen  vermochten:    da  sah  er  eine  Jtinglings- 


io  Holsten.     Baechtold. 

seele,  die  mit  alien  Keimen  zum  Lichte  ringt  und  eben  dadurch  hob  er  die 
jungen  Leute,  dass  er  sie  von  Seiten  ihrer  Ideale  nahm  und  nicht  von  Seiten 
ihrer  Schwachen.  Das  macht,  er  war  selbst  ein  Idealist,  ein  so  reiner  und 
edler  Idealist,  wie  es  in  unserer  Zeit  nur  wenige  gegeben  hat.  Dieses  Sehen 
des  Guten  war  das  grosse  Gliick  seines  Lebens.  Es  war  auch  ein  Theil  seiner 
Erfolge;  er  wirkte  das  Gute,  weil  er  an  das  Gute  und  Edle  in  der  Menschen- 
natur  geglaubt  hat. 

A.  Hausrath. 

Baechtold,  Jakob,  Professor  der  deutschen  Literaturgeschichte  an  derUniver- 
sitat  Zurich,  *  am  2  7 .  Januar  1 848  zu  Schleitheim,  f  am  8.  August  1 897  in  Ztirich.  — 
Dem  Manne,  der  unserem  Gottfried  Keller  das  grossartige  biographische  Denk- 
mal  errichtet,  der  uns  so  manchen  Schriftsteller  der  Schweiz  alter  und  neuerer 
Zeit  in  richtigem  Lichte  gezeigt,  der  mit  so  scharfem  Blicke  und  doch  mit  so 
viel  Liebenswiirdigkeit  Wesen  und  Geist  der  Vergangenheit  wie  der  Gegen- 
wart  unserer  Literatur  darzustellen  vermocht  hat,  dem  akademischen  Lehrer 
und  dem  fruchtbaren  Gelehrten,  der  uns  stets  Vorbild  sein  wird,  hier  einen 
Nachruf  zu  widmen,  fiihle  ich  mich  unter  dem  frischen  Eindruck  des  erlit- 
tenen  Verlustes  weder  berechtigt  noch  berufen.  Nur  der  ausdriickliche 
Wunsch  der  Leiter  der  Neuen  Zurcher  Zeitung,  die  es  als  eine  Pflicht  betrach- 
ten,  vom  Leben  und  Wirken  des  Dahingeschiedenen  ihren  Lesern  ein  Bild  zu 
geben,  kann  mich  veranlassen,  eine  biographische  Skizze  zu  wagen,  doch  einfach 
und  prunklos,  lediglich  Thatsachen  bietend,  wie  es  der  verstorbene  Freund 
und  Kollege  gefordert  haben  wiirde. 

An  einem  frischen  Julimorgen  des  Jahres  1867  —  es  war  der  6.  —  eilten 
wir  jlingeren  Schaffhauser  Gymnasiasten  auf  den  Herrenacker,  um  das  Schau- 
spiel  des  Abzuges  der  eidgenossischen  Schtitzenfahne  uns  anzusehen.  Die 
Spitze  des  Zuges  war  langst  die  »Tanne«  hinunter  und  an  der  Frohnwaage 
vorbeimarschiert,  als  die  letzten  den  Sammelplatz  verliessen,  und  wir  in  der 
hintersten  Reihe  einen  wohlbekannten  alteren  Mitschiiler  erblickten,  der  sich, 
mit  einer  kleinen  schwarzen  Reisetasche  ausgerQstet,  den  abziehenden  Schiitzen 
angeschlossen  hatte.  Als  er  uns  sah,  rief  er  uns  zu,  wir  soil  ten  nur  brav  in 
die  Schule  gehen,  er  habe  Ferien  und  reise  mit  an's  eidgenossische  Schtitzen- 
fest  nach  Schwyz.  Das  weckte  unseren  Neid;  und  wenn  wir  auch  ahnten, 
dass  die  Festberichterstattung,  zu  der  er  sich  verpflichtet  hatte,  nicht  eitel 
Freude  sei,  so  waren  verfriihte  Ferien  zu  solchem  Zwecke  doch  etwas  Un- 
erhortes.  Und  als  wir  gar  im  August  beim  Wiederbeginn  der  Schule  ver- 
nahmen,  es  sei  dem  jungen  Journalisten  der  sonst  in  alien  Klassen  obligate 
Ferienaufsatz  erlassen  worden,  weil  er  dem  Lehrer  des  Deutschen  seine  Fest- 
berichte  im  Druck  zugesandt,  da  fingen  wir  an,  den  Bevorzugten  mit  ganz 
besonderen  Augen  anzusehen.  Wir  wussten  auch  noch  anderes  von  dem 
schwarzen  Lockenkopf:  schon  zweimal  hatte  er  einer  Zeitschrift,  die  damals 
in  alle  Familien  kam,  Novellen  zugesandt,  und  staunend  hatten  wir  seine 
Werke  gelesen;  in  unserer  Phantasie  sahen  wir  bereits  den  kiinftigen  beriihm- 
ten  Romanschriftsteller:  er  hiess  Jakob  Baechtold. 

B.  war  etwas  alter  als  seine  Klassengenossen ;  denn  ein  regelmassiger 
Gang  durch  die  auf  einander  folgenden  Schulstufen  war  ihm  nicht  beschieden 
gewesen.  Am  27.  Januar  1848  hatte  er  zu  Schleitheim  im  Kanton  Schaff- 
hausen  das  Licht  der  Welt  erblickt.  Man  hatte  sonst  von  den  Bewohnern 
jenes    durch    den  Randen    vom    (ibrigen  Kanton    abgeschnittenen  Thales  die 


Baechtold.  1 1 

Vorstellung,  dass  sie  nicht  leicht  den  Weg  in  die  Weite  finden.  Mit  B.  war 
es  ganz  anders.  Sein  Vater,  ein  angesehener  Arzt,  starb  schon  im  Oktober 
des  folgenden  Jahres;  seine  Mutter,  eine  geborene  Maurer  aus  Aarau,  eine 
treffliche  Frau,  verheirathete  sich  wieder,  und  der  Wandertrieb  des  Stief- 
vaters  brachte  dem  heranwachsenden  Knaben  ein  wechselndes  Herumziehen 
von  Schule  zu  Schule.  Im  thurgauischen  Affeltrangen  genoss  er  den  Unter- 
richt  der  Volksschule,  dann  war  er  ein  Jahr  lang  in  Aarburg,  dann  in  Muri, 
wo  er  die  Bezirksschule  durchlief,  und  kam  von  dort  an's  Gymnasium  in 
Frauenfeld.  Die  strenge  Zucht  jener  Schule  behielt  er,  trotz  dem  nur  ein- 
jahrigen  Aufenthalte,  bleibend,  aber  dankbar  im  Gedachtniss.  Schon  stand 
er  reisefertig  auf  dem  Bahnhofe  Frauenfeld,  um  seiner  Familie  nach  Schaff- 
hausen  zu  folgen,  als  ihm  ein  Mitschtiler  meldete,  er  hatte  eigentlich  wegen 
irgend  eines  kleinen  Streiches  noch  eine  Strafe  abzusitzen.  Der  angstliche 
Schuler  kehrt  zuriick,  btisst  sein  Verbrechen  und  macht  sich  mit  erleichter- 
tem  Gewissen  erst  mit  einem  spateren  Zuge  auf  die  Reise. 

In  Schaffhausen  wehte  ein  anderer  Geist.  Die  kleinen  Verhaltnisse  ge- 
wahrten  dem  Gymnasiasten  merkwiirdiger  Weise  grosse  Freiheit.  An  der 
Spitze  der  Schule  stand  ein  Mann,  der  durch  seine  Person  wie  durch  sein 
Wissen  und  Wirken  imponirte  und  der  die  Handhabung  einer  angstlichen 
Disciplin  verschmahte.  Der  wiirdige  Rektor  Adolf  Morstadt,  ein  gelehrter 
Grieche,  der  als  Kenner  des  Sophokles  sich  einen  Namen  erworben,  Hess 
manches  geschehen,  was  anderswo  geriigt  worden  ware;  er  schaute  mehr 
auf  s  Ganze  als  auf  s  Einzelne  —  und  Viele  wissen  ihm  heute  daftir  noch 
Dank.  Die  Lehrerschaft  war  bunt  zusammengesetzt,  nicht  lauter  padagogische 
Talente,  aber  unter  ihnen  geistreiche,  tiichtige  Manner,  die  vielleicht  manch- 
mal  in  ihren  Voraussetzungen  zu  hoch  gingen,  fur  den  Augenblick  wenig 
greifbare  Resultate  erzielten,  aber  viel  Anregung  boten.  Der  hessische  Fllicht- 
ling  Adam  Pfaff,  spater  Professor  in  Karlsruhe,  unterrichtete  nicht,  er  trug 
Geschichte  vor,  und  zwar  von  der  untersten  Klasse  an;  ausser  ein  paar  Zah- 
len  fur's  Examen  lernte  man  wenig  und  doch  trugen  seine  Schuler  Eindrlicke 
davon,  die  fur's  Leben  wohl  mehr  werth  sind,  als  das  reiche  Examenwissen, 
das  andere  Lehrer  vermitteln.  Der  Germanist  Frauer,  vor  wenigen  Jahren 
als  Professor  in  Stuttgart  gestorben,  weckte  in  Baechtold  das  Interesse  fur  die 
altere  deutsche  Literatur,  wahrend  dessen  Nachfolger  Rlimelin  ihn  auf  die 
Schonheiten  Goethe's  hinwies.  Antistes  Mezger,  ein  Mann  von  reichem  Wissen 
und  freiem  Geiste,  ertheilte  den  Religionsunterricht,  der  in  den  obersten 
Klassen  vielfach  in  Religions-,  Kultur-  und  Kunstgeschichte,  sowie  in  Re- 
ligionsphilosophie  liberging  und  reiche  Anregung  brachte.  Im  Gymnasialverein 
war  B.  ein  geschatztes  und  geliebtes  Mitglied  und  die  Annalen  dieser  Ver- 
bindung  wissen  allerlei  Lobenswerthes  von  ihm  zu  melden.  Wer  in  jenen 
Jahren  das  SchafThauser  Gymnasium  verliess,  war  zwar  nicht  mit  einem  gleich- 
massig  belasteten  Schulsack  beschwert,  das  mathematische  Wissen  namentlich 
(sofern  einer  nicht  Talent  hiefiir  von  Hause  mitbrachte)  kam  zu  kurz;  aber 
er  war  doch  gut  ausgeriistet  zum  Studium,  hatte  Freude  an  der  Wissenschaft 
und  Achtung  vor  ihr,  hatte  die  Geselligkeit  schatzen  gelernt  und  hatte  auch 
Gelegenheit  gehabt,  den  edeln  Genuss  der  Natur  wie  der  Kunst,  zumal  der 
Musik  wtirdigen  zu  lernen. 

In  Heidelberg,  wohin  B.  im  Wintersemester  1867/68  zog,  wurde  Adolf 
Holtzmann  sein  Hauptlehrer.  Er  trieb  germanische  Philologie  im  weitesten 
Umfang,  ganz  nach  dem  Vorbilde  seines  Meisters.    Wie  dankbar  er  ihm  aber 


12  Bacchtold. 

auch  war,  so  sprach  er  doch  spater  gelegentlich  mit  Bedauern  davon,  dass 
Holtzmann's  Auftreten  gegen  die  Schule  Lachmann's  ihm  eine  Uebersiedelung 
nach  Berlin  unmoglich  gemacht  habe,  denn  ein  Uebergang  von  Holtzmann 
in  den  Kreis  MtillenhoflPs  ware  einem  volligen  Lossagen  von  dem  beruhmten 
und  in  seiner  Art  vorztiglichen  Heidelberger  Gelehrten  gleichgekommen.  Und 
doch  hatte  B.  gerne  auch  norddeutsches  Wesen  und  Berliner  Methode  kennen 
gelernt. 

Munchen  bot  ihm  seit  Herbst  1868  einen  Ersatz,-  der  seiner  Art  wahr- 
scheinlich  besser  entsprach,  als  es  die  damaligen  Berliner  Verhaltnisse  ver- 
mocht  hatten.  In  Konrad  Hofmann  fand  er  einen  vielseitigen  Gelehrten,  dem 
er  bald  naher  trat;  der  feinsinnige  Wilhelm  Hertz  zog  ihn  an,  Kunstlerkreise 
offneten  sich  ihm  und  damit  eine  Welt,  die  ihn  zeitlebens  mit  ihrem  Zauber 
umfangen  sollte.  Aus  jener  Zeit  datirt  auch  das  Zusammentreffen  mit  Hein- 
rich  Leuthold,  dem  er  ein  Jahrzehnt  spater  den  letzten  und  grSssten  Liebes- 
dienst,  die  Herausgabe  seiner  Gedichte,  erwies.  Sicher  ist  die  Miinchener 
Zeit  ftir  B.  die  an  wichtigen  und  nachhaltigen  Eindrlicken  reichste  gewesen; 
gerne  erinnerte  er  sich  an  sie  und  kehrte  mit  besonderer  Vorliebe  als  Gast 
in  die  Stadt  zuriick,  der  er  viel  verdankte  und  die  er  auch  in  ihren  Sehens- 
wiirdigkeiten  grlindlich  kannte.  Als  wir  vor  einigen  Jahren  durch  das  alte 
Mtinchen  gingen,  wusste  er  mich  auf  hundert  Dinge  aufmerksam  zu  machen 
und  selbst  bei  eingebrochener  Dunkelheit  fiihrte  er  mich  noch  durch  einen 
Thorweg,  der  ihm  zu  interessant  schien,  als  dass  man  ihn  hatte  ttbergehen 
dlirfen. 

Den  ausseren  Abschluss  seiner  Studien  bezeichnete  B.  mit  dem  Markstein 
einer  Dissertation,  die  er  in  Tubingen  einreichte,  von  welcher  Hochschule  er 
den  Doktortitel  erhielt.  »Der  Lanzelet  des  Ulrich  von  Zatzikhoven*, 
Frauenfeld  1870,  war  damals  schon  eine  bemerkenswerthe  Schrift;  heute,  beim 
Ueberblicken  des  Lebenswerkes  des  Verstorbenen,  erhebt  sie  sich  geradezu 
zur  Bedeutung  eines  Lebensprogrammes.  Was  an  den  sorgfaltigen  Forschungen 
B.'s  uber  den  Thurgauer  Epiker  des  ausgehenden  zwolften  Jahrhunderts  (aus 
Zezikon  im  Lauchthale)  heute  noch  Gultigkeit  hat,  ist  in  die  »Geschichte  der 
deutschen  Literatur  in  der  Schweiz«  (S.  87  ff.)  iibergegangen,  wo  der  Ver- 
fasser  im  Gegensatze  zu  seiner  fruheren  Ansicht  annimmt,  Ulrich  sei  das  Vor- 
bild  fur  den  grossen  Hartmann  von  Aue  geworden;  ftir  uns  aber  ist  jetzt 
wichtiger  zu  vernehmen,  wie  der  zweiundzwanzigjahrige  Doktorand  damals 
schon  seine  Aufgabe  darin  sah,  der  Literatur  seines  Vaterlandes  zur  richtigen 
Wlirdigung  zu  verhelfen: 

»Es  regen  sich  in  unseren  Tagen  so  viele  Stimmen,  um  Klage  zu  fiihren 
iiber  den  Mangel  an  asthetischer  und  literarischer  Begabung  bei  den  Schwei- 
zern.  Mit  welchem  Unrechte  dies  geschieht,  davon  kann  uns  ein  Blick  in 
unsere  heimischen  sprachlichen  Denkmaler  uberzeugen.  Leider  ist  die  Zeit 
ftir  uns  noch  nicht  da,  da  wir  uns  dessen  bewusst  sind,  welch  einen  kost- 
baren  Schatz  wir  an  unserer  alteren  vaterlandischen  Literatur  besitzen.  Man 
will  sich  oft  nicht  mehr  daran  erinnem,  dass  in  der  althochdeutschen  Periode 
St.  Gallens  Entwickelungsgang  der  Entwickelungsgang  der  deutschen  Kultur- 
und  Literaturgeschichte  tiberhaupt  war;  man  denkt  nicht  an  die  frohliche  Zeit 
der  Lyrik  und  Epik  des  13.  Jahrhunderts  und  der  folgenden  Jahrzehnte,  nicht 
an  den  machtigen  Impuls,  der  im  16.  Jahrhundert  von  der  Schweiz  aus  dem 
deutschen  Drama  gegeben  wurde,  nicht  an  unsere  grossen  Chronisten  u.  s.  w\ 
Und    dtirfen    wir    uns    dariiber    beschweren,   dass  die  Fremde  uns  missachte, 


Baechtold.  I  * 

wenn  wir  uns  selbst  nicht  achten?  Unsere  Literatur  schlingt  um  das  ganze 
deutsch-schweizerische  Vaterland  und  um  all  unsere  zerrissenen  Lander  und 
Landchen  innig  ihr  altes  Band;  ihr  Verstandniss  lehrt  uns  die  Heimath  besser 
kennen,  treuer  lieben  und  soil  endlich  der  Nation  ein  Segen  werden!  Und 
diesen  herbeizuftihren,  ist  die  grosse  Aufgabe  der  deutschen  Sprachforscher  in 
der  Schweiz.* 

Dann  zahlt  B.  all  die  Manner  auf,  die  sich  um  die  Erforschung  der 
Literatur  in  der  Schweiz  Verdienste  erworben:  Theodor  Bibliander,  Melchior 
Goldast,  Christ.  Heinrich  Myller,  J.  J.  Bodmer,  Franz  Joseph  Stalder,  Franz 
Pfeiffer,  Wilhelm  Wackernagel,  Morikofer,  hebt  hervor,  wie  viel  noch  zu  thun 
sei,  bis  der  reiche  Stoff  geordnet  vor  uns  liege  —  —  und  wer  will  heute 
bestreiten,  dass  unter  den  zahlreichen  Arbeitern  auf  dem  Gebiete  schweizeri- 
scher  Literaturkunde  kein  Name  besseren  Klang  hat  als  der  Jakob  B.'s? 

Die  Wellen  des  grossen  Kriegsjahres  sollten  auch  an  das  Lebensschiff 
des  jungen  Doktors  schlagen.  Ftir  die  »Neue  Ziircher  Zeitung«  reiste  er  nach 
dem  Kriegsschauplatze  und  gab  die  gewaltigen  Eindrticke,  die  er  dort  empfing, 
in  Schilderungen  wieder,  die  mit  besonderem  Interesse  gelesen  wurden.  Heute 
noch  erinnere  ich  mich,  wie  uns  die  Lebendigkeit  und  Unmittelbarkeit  seiner 
Darstellungen  ergriff.  Bald  aber  kehrte  der  Kriegsberichterstatter  zu  wissen- 
schaftlicher  Arbeit  zurtick.  Er  begab  sich  nach  Paris,  horte  Vorlesungen  an 
der  Sorbonne  und  an  der  Ecole  des  Hautes  Etudes,  erging  sich  in  den 
Schatzen  der  Biblioth£que  Nationale,  erwarb  sich  die  Freundschaft  von  Gaston 
Paris  und  die  Vertrautheit  mit  der  altfranzosischen  Nationalepik,  zu  welcher 
ihn  schon  sein  Ulrich  von  Zatzikhoven  hintibergeleitet  hatte. 

Ein  nur  kurzer  Aufenthalt  in  England  (im  Frlihjahr  1872)  gab  B.  Ver- 
anlassung  zu  seiner  zweiten  wissenschaftlichen  Publikation:  » Deutsche  Hand- 
schriften  aus  dem  Britischen  Museum«,  Schaffhausen  1873,  *n  welcher  er 
sehr  sorgfaltige  Nachrichten  tiber  Manuskripte  der  spateren  mittelhochdeutschen 
Zeit  bietet  und  die  Legende  von  Karl  dem  Grossen  und  den  schottischen 
Heiligen  ausftihrlich  behandelt. 

So  hatte  der  junge  Gelehrte  sich  liber  sein  Konnen  und  Streben  hinlang- 
lich  ausgewiesen,  um  bei  der  Besetzung  einer  Gymnasiallehrerstelle  in  Betracht 
gezogen  zu  werden.  Nachdem  er  kurze  Zeit  hindurch  bei  einer  Familie 
Buhler  im  Hard  (Ermatingen)  Hauslehrer  gewesen,  schied  er  von  dort  —  unter 
Aufrechterhaltung  der  freundlichsten  Beziehungen  auf  Lebenszeit  — ,  um  im 
Herbste  1872  einem  Rufe  an  die  solothurnische  Kantonsschule  zu  folgen,  wo 
er  als  Ersatz  ftir  den  trefflichen  Rektor  Schlatter  den  Unterricht  in  der  deut- 
schen Sprache  und  Literatur  zu  (ibernehmen  hatte. 

FUnfeinhalb  gltickliche  Jahre  verbrachte  B.  in  der  alterthtimlichen  Stadt. 
Er  hatte  gefunden,  was  seiner  Art  zusagte:  eine  lohnende  Unterrichtsthatig- 
keit  vor  nicht  allzu  grossen  Klassen,  ttichtige  Kollegen,  wie  Franz  Misteli, 
Dompropst  Fiala  u.  A.,  freundliche,  gesellige  Leute,  eine  schone  Umgebung, 
kurz  Verhaltnisse,  die  ihn  zu  ernster  Arbeit  und  heiterem  Lebensgenuss  in 
gleicher  Weise  aufforderten.  Ftir  ihn  bedeutete  die  Kleinstadt  nicht  Ver- 
bannung;  reger  brieflicher  Verkehr  verband  ihn  mit  Freunden  und  Fach- 
genossen,  Besuche  auswartiger  Gelehrter  —  wie  z.  B.  der  Wilhelm  Scherers 
—  brachten  Anregung;  mit  dem  ihm  eigenthtimlichen  Eifer,  den  Boden,  auf 
dem  er  stand,  auch  historisch  und  literarisch  kennen  zu  lernen,  versenkte  er 
sich    in    die  Geschichte  Solothurns.     Schon    im  zweiten  Jahre  seines  Aufent- 


1 4  Baechtold. 

haltes  hatte  er  die  wissenschaftliche  Beilage  zum  Schulprogramm  zu  schreiben 
und  wahlte  dazu  den  Minoriten  »Georg  Kdnig  von  Solothurn  und  seine  Reise- 
beschreibungen  (1664 — 1736)«.  Wichtiger  als  die  Abhandlung  selbst  ist  fur 
uns  heute  die  Einleitung  »Ueberblick  iiber  den  Antheil  Solothurns  an  der 
deutschen  Literatur«,  wo  an  bekannte  Thatsachen  eine  Reihe  von  Einzel- 
angaben  gekntipft  sind,  hinter  denen  eine  gewaltige  Arbeit  steckt.  Er  hat 
sp&ter  den  wackeren  Geistlichen  »mit  seiner  herzgewinnenden  Art,  seiner  oft 
rlihrenden  Naivitat  und  seinen  Anekdoten«  nicht  aus  den  Augen  verloren 
und  im  »Urkundio«  weitere  werthvolle  Abschnitte  aus  dessen  Reiseschilde- 
rungen  veroffentlicht. 

Inzwischen  wandte  er  sich  einem  derberen  Gesellen  zu,  dem  Luzerner 
Chronisten  und  Dichter  Hans  Salat,  welcher  —  1498  in  Sursee  geboren  — 
als  Seiler,  Wundarzt,  Reislaufer,  Gerichtsschreiber,  katholischer  Historiker, 
Pamphletar  und  Schulmeister  ein  unstetes  Leben  gefiihrt  hatte,  dessen  Spuren 
sich  im  Jahre  1552  verlieren.  Trotz  verschiedener  Vorarbeiten  und  der  un- 
schatzbaren  Mithilfe  des  Luzerner  Staatsarchivars,  Herrn  Theodor  von  Lie- 
benau,  hatte  B.  doch  auch  hier  wieder  Bahn  zu  brechen  und  dem  interessan- 
ten  Abenteurer  und  Schriftsteller  seinen  richtigen  Platz  anzuweisen.  (Hans 
Salat,  ein  schweizerischer  Chronist  und  Dichter  aus  der  ersten  Halfte  des 
16.  Jahrhunderts.  Sein  Leben  und  seine  Schriften.  Hg.  von  Jakob  Baechtold. 
Basel  1876.  Und  spater:  Hans  Salat's  Drama  vom  verlornen  Sohn.  Bd.  36 
des  Geschichtsfreundes.  Einsiedeln  1881.)  Es  ist  ein  Iiberaus  wichtiger  Bei- 
trag  zur  Sittengeschichte  des  Reformationszeitalters,  wie  zur  Literaturgeschichte 
jenes  Abschnittes,  den  wir  hier  empfangeir,  und  der  fleissige  und  gelehrte 
Verfasser  bereitete  damals  viel  Freude  durch  eine  Anktindigung  im  Vorworte, 
dass  er  in  nicht  allzu  ferner  Zeit  seinen  Landsleuten  eine  Geschichte  der 
deutschen  Literatur  in  der  Schweiz  »vorlaufig  bis  zum  18.  JahrhunderU  hoffe 
vorlegen  zu  konnen.  »Es  scheint  doch  mehr  als  blosse  Phrase  zu  sein«  — 
fahrt  er  fort  — ,  »ein  solches  Werk  wirklich  ein  Bedlirfniss  zu  nennen.  Wenige 
Lander  werden  sich  rlihmen  konnen,  treulicher  als  die  Schweiz  ihre  Ver- 
gangenheit  durchforscht  zu  haben.  Seit  neuerer  Zeit  freuen  wir  uns  sogar 
einer  Schweizerischen  Kunstgeschichte,  Musikgeschichte  etc.  Wo  aber  bleibt 
unsere  iiberaus  reiche  deutsche  Literatur?  Hoffentlich  mag  der  Leser  bald 
einen  Gang  durch  die  erschlossenen  Hallen  unseres  vaterlandischen  Schriften- 
thums  mit  mir  wagen.« 

Aber  es  mussten  noch  gewaltige  Bausteine  herbeigeschafft  werden,  bevor 
man  zur  Errichtung  dieser  »Hallen«  schreiten  konnte.  Ein  anderes  Unter- 
nehmen  sollte  hiezu  dienen:  die  »Bibliothek  alterer  Schriftwerke  der  deutschen 
Schweiz  und  ihres  Grenzgebietes.  Herausgegeben  von  Jakob  Baechtold  und 
Ferdinand  Vetter.  Frauenfeld,  Huber«.  In  Deutschland  hatte  der  Stuttgarter 
Literarische  Verein  langst  Aehnliches  zu  Tage  gefordert;  neuerdings  hatte  der 
ruhrige  Verlag  von  Niemeyer  in  Halle  unter  Wilhelm  Braune*s  Auspicien  in 
billigerer  Form,  aber  deswegen  nicht  weniger  wissenschaftlich,  das  Gleiche 
filr  einen  spateren  Zeitabschnitt  in  Angriff  genommen;  warum  sollte  die 
Schweiz  nicht  Schritt  halten  konnen?  Herausgeber  und  Verleger  waren  guter 
Hoffnungen  voll  und  tiberschatzten  in  ihrer  Begeisterung  die  Grosse  der  lite- 
rarischen  Interessen  in  der  Schweiz  und  flir  die  Schweiz,  wie  sie  auch  die 
Arbeit,  die  zu  bewaltigen  war,  kaum  hoch  genug  anschlugen.  Auch  hier  war 
B.  wiederum  mit  dem  grossten  Einsatze  an  Energie  und  Fleiss  bereit.  Am 
Sonntag  Jubilate  1877  konnte  er  frohlichen  Herzens  das  Vorwort  zum  ersten 


Baechtold. 


*5 


Band,    zur    ^Stretlinger    Chronik*    unterzeichnen,    die    unverzuglich    in  tiber- 
raschender  Ausstattung  auf  dem  Btichermarkte  erschien. 

Darf  der  fleissige  Kirchherr  von  Einigen  am  Thunersee,  Eulogius  Kibur- 
ger,  den  Rang  eines  Geschichtschreibers  nicht  beanspruchen,  so  hat  er  doch 
in  seinen  zwolf  Kapiteln  der  sogenannten  Stretlinger  Chronik  einen  reichen 
Schatz  von  erbaulichen,  fUr  Kultur-  und  Sittengeschichte,  Sage  und  Mythe 
bedeutsamen  Erzahlungen  angehauft,  der  wohl  verdiente  gehoben  zu  werden. 
Manches  was  Casarius  von  Heisterbach  im  Dialogus  miraculorum,  Jacobus 
de  Voragine  in  der  Legenda  aurea  und  andere  anderswo  in  lateinischer 
Sprache  niedergelegt,  das  wird  hier  um  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  in 
fliessendem  Deutsch  zug&nglich  gemacht,  und  man  wundert  sich  billig,  dass 
das  merkwiirdige  Buch  nicht  schon  friiher  zum  Drucke  beiordert  worden. 

Als  Herold  fur  das  neue  Unternehmen  der  »Bibliothek  alterer  Schrift- 
werke  der  deutschen  Schweiz«  eignete  sich  aber  der  Verfasser  der  Stretlinger 
Chronik  namentlich  auch  wegen  seines  zweiten  Werkes,  seiner  Abhandlung 
>Vom  Herkommen  der  Schwyzer  und  Oberhasler«,  einer  Schrift,  die  l&ngst 
bekannt  war,  jedoch  erst  von  B.  dem  wahren  Verfasser  zugewiesen  und  kritisch 
herausgegeben  wurde. 

An  zweite  Stelle  sollte  abermals  ein  Berner  treten,  Niklaus  Manuel 
(Frauenfeld  1878.  CCXXHI  und  467  SS.),  der  Freund  unseres  Zwingli,  der 
Maler,  Dichter  und  Staatsmann,  der  mit  Wort  und  Schrift  so  muthig  fiir  die 
Sache  der  Reformation  eingetreten  war.  Mit  voller  Begeisterung  widmete  sich 
B.  dem  Studium  dieses  sympathischen  Mannes,  und  imposant  ist  das  Denkmal, 
das  er  ihm  gesetzt  hat.  Dankbar  erkennt  er  an,  was  der  geistvolle  Karl 
von  Griineisen  (f  1878)  unserem  Landsmann  erwiesen;  doch  es  war  nach 
vierzig  Jahren  wohl  angezeigt,  mit  der  Forschung  auf's  neue  einzusetzen,  und 
freudig  hob  die  Kritik  damals  hervor,  welch  grossen  Dienst  B.  der  Literatur 
des  Reformationszeitalters  im  Allgemeinen  durch  sein  Buch  geleistet.  Mehr 
als  dreissig  Bibliotheken  des  In-  und  Auslandes  hatte  er  gewissenhaft  durch- 
forscht,  eine  ganze  Reihe  von  Einzelheiten  entdeckt,  mit  deren  Hilfe  er  seinen 
Helden  in  ein  vollig  neues  Licht  zu  stellen  vermochte. 

Von  Ztlrich  aus  ist  die  Vorrede  zu  Niklaus  Manuel  datirt,  das  Werk 
selbst  war  noch  in  Solothurn  entstanden.  Dort  hatte  er  schon  im  Jahre  1873 
eine  Ehe  geschlossen,  die  das  Gliick  seines  Lebens  ausmachte,  und  was  der 
Verstorbene  selbst  in  festlicher  Stunde  offentlich  ausgesprochen,  darf  auch  hier 
ohne  Indiskretion  wiederholt  werden:  B.  fand  in  seiner  Lebensgefahrtin  die 
treueste  Genossin  und  verstandnissvollste  Helferin  auch  in  seinen  geistigen 
Arbeiten,  ohne  die  er  das  riesige  Werk  seines  Lebens  nie  hatte  bewaltigen  konnen. 
Der  Uebersiedelung  nach  Ztlrich  war  ein  Ruf  an's  Schaffhauser  Gymna- 
sium vorangegangen,  den  er  ablehnte;  eine  Veranderung  konnte  fur  ihn  nur 
von  Werth  sein,  wenn  sie  ihn  in  eine  grossere  Umgebung,  in  einen  weiteren 
Wirkungskreis  versetzte.  Zurich  bot  ihm,  was  es  eben  damals  zu  vergeben 
hatte:  eine  arbeitsvolle  Stelle  an  der  kurzlich  reorganisirten  und  durch  ein 
Lehrerinnenseminar  erweiterten  Hoheren  Tochterschule,  und  B.  setzte  seit 
Ostern  1878  seine  ganze  Kraft  fur  die  neue  Aufgabe  ein,  wohl  wissend,  dass 
das  Feld,  das  er  hier  betreten  hatte,  seinem  Streben  auch  noch  weitere  Ziele 
bot.  Es  ist  erstaunlich,  was  er  neben  seinen  Unterrichtsstunden  in  Deutsch 
und  Geschichte,  deren  Zahl  meist  tiichtig  in  die  Zwanzig  hineinging,  noch 
alles  zu  leisten  im  Stande  war,  und  nur  in  allgemeinen  Zligen  vermogen  wir 
von  hier  ab  seiner  Thatigkeit  zu  folgen. 


1 6  Baechtold. 

Als  Lehrer  erwarb  sich  B.  in  Zurich  rasch  die  Beliebtheit,  deren  er  sich 
bei  seinen  Schiilern  in  Solothurn  erfreut  hatte;  er  verstand  es  meisterhaft, 
ohne  Pathos  und  Schonrednerei  die  Aufmerksamkeit  zu  fesseln,  seine  reichen 
und  vielseitigen  Kenntnisse  gestatteten  ihm,  aus  dem  Vollen  zu  schopfen,  sein 
feiner  Geschmack  wusste  stets  das  Beste  fur  seine  Schtiler  auszuwahlen.  Kein 
Wunder,  dass  alle,  die  seinen  Schulunterricht  geniessen  durften,  ihn  aufrichtig 
verehrten  und  verehren.  Auch  ausserhalb  der  Lehrstunde  trat  er  ftir  die  An- 
stalt  ein:  im  Winter  1882/83  bot  er  den  Schtilerinnen  und  einem  weiteren 
Publikum  von  Damen  einen  Cyklus  von  sechs  Vortragen  tiber  Zurichs  Be- 
ziehungen  zur  deutschen  Literatur  im  18.  Jahrhundert,  wobei  er  in  Einzel- 
bildern  behandelte:  Das  Bodmer'sche  Haus,  Klopstock  in  Zttrich,  Kleist,  Wie- 
land,  Fichte  in  Ziirich,  Goethe  in  Zurich.  Auch  das  waren  Vorarbeiten  zu 
seinem  grossen  Lebenswerke.  Im  Winter  1885/86  sprach  er  an  zwolf  Aben- 
den  uber  Shakespeare's  Dramen,  welchen  Gegenstand  er  spater  auch  unter 
seine  akademischen  Vorlesungen  einreihte.  Zum  Schulprogramm  von  1888 
fugte  er  eine  feine  Studie  liber  Schiller's  Demetrius. 

Das  Grosste  jedoch,  was  aus  B.'s  Schulthatigkeit  hervorgegangen,  ist  sein 
Lesebuch.  Er  fing  aus  guten  Grtinden  mit  der  obersten  Stufe  an;  denn  hier 
war  das  Bedlirfhiss  am  dringendsten  (Deutsches  Lesebuch  ftir  hohere  Lehr- 
anstalten  der  Schweiz.  Obere  Stufe.  Frauenfeld  1880).  Neu  sind  an  dieser 
Sammlung  besonders  zwei  Punkte:  wahrend  man  bisher  meist  mit  den  Roman- 
tikern  schloss  und  im  besten  Falle  noch  einem  Freiligrath  und  Geibel  ein 
Platzchen  gewahrte,  iiberschritt  B.  ktihn  die  alte  Grenze  und  gab  das  Wort 
auch  den  Neuern  wie  Morike,  Storm,  Hebbel,  Schack,  Herwegh,  Jakob  Burck- 
hardt,  Gottfried  Keller,  C.  F.  Meyer,  Leuthold,  Dranmor,  Widmann,  Lingg, 
Heyse,  Hertz  u.  A.,  und  zweitens  schuf  er  —  wie  schon  die  aufgezahlten 
Namen  zeigen  —  ein  Lesebuch  ftir  die  Schweiz.  Nicht  in  ungebtihrlicher 
Weise  lasst  er  das  einheimische  Element  in  den  Vordergrund  treten,  aber  er 
giebt  ihm  die  Stelle,  die  ihm  in  einem  schweizerischen  Lehrbuch  gebiihrte. 
Kein  ruhiger  und  sachverstandiger  Beurtheiler  wird  B.  des  Chauvinismus 
zeihen,  sein  warmer  Patriotismus  triibte  das  scharfe  kritische  Urtheil  nicht. 
Mit  diesen  beiden  Haupteigenthiimlichkeiten  vereinigt  das  Lesebuch  eine  ganze 
Reihe  anderer  Vorztige :  die  frtiheren  Jahrhunderte  sind  unendlich  viel  mannig* 
fal  tiger  illustrirt  als  bisher,  die  so  lehrreiche  Brief  literatur  ist  herbeigezogen, 
Reiseschilderungen  und  naturwissenschaftliche  Beschreibungen  finden  eine 
Stelle,  Reden  werden  in  vollem  Umfange  geboten,  klassische  Darstellungen 
der  literarischen  Zustande  frtiherer  Jahrhunderte  (von  Uhland,  Wackernagel, 
Strauss,  Freytag,  Wilhelm  Scherer  u.  A.)  sind  passend  eingeordnet,  und  in 
der  Poesie  ist  eine  Vertretung  der  verschiedensten  Gattungen  und  Formen 
sorgfaltig  beriicksichtigt.  Ein  Literaturunterricht,  wie  ihn  B.  im  Vorworte 
skizzirt,  wird  fur  die  Oberklassen  unserer  schweizerischen  Mittelschulen  auf 
lange  hinaus  ein  Ideal  bleiben,  und  wer  nach  diesem  strebt,  der  wird  kein 
besseres  Lehrmittel  den  Schiilern  in  die  Hand  geben  konnen,  als  B.'s  Lese- 
buch, eine  Sammlung,  die  dem  Lehrer  die  werthvollsten  Winke  giebt  und 
dem  Schtiler  Freude  macht,  »ein  Buch,  das  nicht,  sobald  man  den  bekannten 
Stuben  entronnen  ist,  mit  den  verschiedenen  Grammatiken  und  Leitfaden 
ungesaumt  zur  Vertrodelung  gelangen  sollte<c. 

Wahrend  die  obere  Stufe  des  Lesebuches  keine  besonders  weite  Verbrei- 
tung  fand,  wurde  die  nach  denselben  Grundsatzen  bearbeitete  untere  und 
mittlere  Stufe  (Frauenfeld  1881,  seither  wiederholt  neu  herausgegeben)  freudig 


BaechtolcL 


*7 


begriisst.  Die  neue  Richtung  war  den  Lehrern  an  Sekundar-  und  Bezirks- 
schulen  und  an  den  Unterklassen  des  Gymnasiums  offenbar  willkommen,  was 
B.  fiir  die  ungeniigende  Theilnahme  der  Lehrer  hoherer  Klassen  einigermaassen 
entschadigte.  Die  zur  Mode  gewordene  vornehme  Ablehnung  des  Lesebuches 
zu  Gunsten  der  Lektiire  ganzer  Literaturdenkmaler  trat  ihm  in  den  Weg,  und 
doch  hatte  er  deutlich  genug  erklart,  dass  sein  Lesebuch  eben  gleichzeitig 
mit  und  neben  jener  Art  der  Lektiire  eine  Stelle  fordere.  Moglicherweise 
hat  ein  anderer,  der  den  B/schen  Gedanken  wieder  aufnimmt,  auf  der  Ober- 
stufe  mehr  Gltick:  unserer  lernenden  Jugend  ware  es  von  Herzen  zu  gonnen. 

Schriftstellerisch  reihte  B.  eine  Gabe  an  die  andere.  Er  hatte  1879  die 
Leitung  des  Feuilletons  der  »Neuen  Ziircher  Zeitung*  ubernommen  und  sorgte 
fiinf  Jahre  lang  mit  feiner  Auswahl  dafiir,  dass  die  Leser  mit  dem  Gange  der 
neuesten  deutschen  und  auslandischen  Literatur  bekannt  wurden.  Manchmal 
mag  diese  Arbeit  hart  und  miihselig  gewesen  sein,  und  er  erinnerte  sich  spater 
nicht  mehr  gerne  daran  (selbst  als  sein  ihm  sonst  so  lieber  Freund,  Professor 
Viktor  Meyer  in  Heidelberg,  den  das  Todesschicksal  nun  fast  in  derselben 
Stunde  wie  B.  ereilt  hat,  ihm  im  Jahre  1893  die  hiibschen  »Marztage  im 
Canarischen  Archipel*  widmete  und  dabei  auf  seine  Feuilletonistenthatigkeit 
anspielte,  verbitterte  ihm  das  die  schone  Gabe),  aber  jene  Stellung  hat  ihm 
doch  allerlei  Forderung  gebracht.  Er  begniigte  sich  nicht  mit  Anordnung  des 
Stoffes,  er  wollte  selbst  auch  seinen  Beitrag  leisten.  Und  wie  manch  hiibsches 
Kabinettsttick  hat  er  in  jenen  Jahren  den  gahnenden  Spalten,  dem  »Danaiden- 
fasse«,  anvertraut!  Was  fur  eine  feine  Studie  ist  sein  »Armer  Mann  in  Toggen- 
burg«  (Februar  1882),  wie  prachtig  schildert  er  uns  (1884)  Josua  Maler  (1529 
bis  1599),  den  Lexikographen,  als  fahrenden  Sch tiler,  als  Pfarrherm  in  Elgg, 
Bischoffszell,  Winterthur  und  Glattfelden!  Das  konnte  nur  ein  Mann  leisten, 
der  mit  dem  Geschick  und  Wissen  des  Forschers  das  gliicklichste  Erzahler- 
talent  vereinigte. 

Dabei  brachte  ihn  diese  Art  der  Journalistik  in  Verbindung.  mit  einer 
Reihe  von  hervorragenden  Schriftstellern  und  Literaten.  Ueberallhin  reichten 
seine  Faden,  immer  wusste  er  ftir  eine  bestimmte  Aufgabe  auch  den  richtigen 
Mann  zu  finden.  So  gelang  es  ihm,  unter  Fernhaltung  des  bloden  literarischen 
Tagesklatsches,  dem  Feuilleton  seines  Blattes  eine  hohere  geistige  Stellung  zu 
erobern  und  dem  dort  ausgesprochenen  Urtheile  Gewicht  zu  verschaffen. 

Und  nun  zur  Schule  und  zur  Redaktionsarbeit,  zur  Forschung  und  zur 
Publikation  erst  noch  die  akademische  Lehrthatigkeit!  Am  19.  Januar  1880 
hielt  B.  seine  Antrittsvorlesung  liber  »Die  Verdienste  der  Ziircher  um  die 
deutsche  Philologie  und  Literaturgeschichte«  (vergl.  Neue  Ziircher  Zeitung, 
Feuilleton  vom  Januar  1880).  In  feierlichem  Zuge  fiihrt  er  hier  die  ziirche- 
rischen  Gelehrten  an  uns  voriiber:  Konrad  Gesner  (15 16  — 1565)  mit  seinem 
Mithridates,  Caspar  Waser,  den  Kenner  des  Gothischen  und  der  alteren  deut- 
schen Literatur,  die  beiden  Lexikographen  Johannes  Fries  (f  1565)  und  den 
schon  genannten  Josua  Maler,  den  sonderbaren  Kauz  Jakob  Redinger,  Pfarrer 
in  Dietikon  (f  1688),  und  sein  »Latinish  Tiitshes  wortbuechlin«,  den  gelehr- 
ten Theologen  Heinrich  Hottinger  (f  1667),  der  die  althochdeutsche  »Exhor- 
tatio«  zuganglich  machte,  Johann  Baptist  Ott,  den  Kenner  des  Ulfilas,  Tatian, 
Otfried  und  Notker;  dann  kommen  Bodmer  und  Breitinger  mit  ihren  iiber- 
reichen  Schatzen,  Leonhard  Meister,  der  die  »Beitriige  zur  Geschichte  der 
teutschen  Sprache  und  National-Literatur«  (1777)  und  anderes  verfasst  hat, 
endlich  Sulzer's  Schiitzling  Christoph  Heinrich  Myller,  der  etwa  140000  mittel- 

Biogr.  Jahrb.  a.  Deutscher  Nekrolog.    2.  Bd.  2 


x8  Baechtold. 

hochdeutsche  Verse  publicirte,  Es  ist  eine  durch  geistreiche  Bemerkungen 
belebte  Uebersicht,  wie  sie  damals  nur  B.  geben  konnte. 

Als  Privatdocent  begann  er  im  Sommersemester  1880  seine  Vorlesungen 
mit  einer  Einleitung  in  das  Nibelungenlied  und  Erklarung  ausgewahlter  Par- 
tien,  welcher  er  im  folgenden  Winter  eine  all  gem  eine  Erklarung  des  Nibe- 
lungenliedes  anschloss.  Auch  Walther  von  der  Vogelweide  stand  bald  auf 
dem  Programm  (Sommer  1881);  aber  die  eigentliche  Literaturgeschichte  in 
ihrem  Gesammtzusammenhange  war  doch  von  Anfang  an  sein  Ziel.  Die  Ge- 
schichte  der  deutschen  Literatur  im  Reformationszeitalter  (Sommer  1880)  er- 
weiterte  sich  zu  einer  deutschen  Literaturgeschichte  des  16.  Jahrhunderts 
(Winter  1882/83),  neben  welcher  er  gleichzeitig  liber  die  deutsche  Literatur 
des  18.  Jahrhunderts  las,  dann  kam  die  ausfiihrliche  Geschichte  der  alt-  und 
mittelhochdeutschen  Literatur,  bis  B.  (im  Sommer  1885  und  im  Winter  1885/86) 
das  ganze  Gebiet  von  den  ersten  Anfangen  bis  zum  Ende  des  18.  Jahrhun- 
derts vorzutragen  im  Stande  war.  Goethe's  Gotz  und  der  Iphigenia  auf  Tauris, 
die  er  beide  in  kritischen  Ausgaben  veroffentlicht  hatte  (Freiburg  1882  und 
1883),  widmete  er  eine  Vorlesung  im  Sommersemester  1882. 

B.  musste  an  sich  recht  erfahren,  dass  der  Erfolg  in  der  akademischen 
Laufbahn  keineswegs  vom  eigenen  Wissen  und  der  personlichen  Leistungs- 
fahigkeit  allein  abhangig  sei,  sondern  dass  der  Zufall,  d.  h.  die  Wegberufung, 
der  Rucktritt  oder  Tod  von  Vertretern  des  Faches,  eine  weit  wichtigere  Rolle 
spiele.  Nachdem  er  vierzehn  Semester  lang  mit  dem  denkbar  besten  Erfolge 
gelesen,  wurde  ihm  1887  ein  besoldetes  Extraordinariat  zu  theil,  das  es  ihm 
moglich  machte,  die  Halfte  seiner  Schulstunden  aufzugeben.  Bald  nachher 
wurde  in  Basel  eine  Professur  fiir  Germanistik  frei,  und  die  dortige  Fakultat 
richtete  ihre  Augen  auf  B.  Langere  Unterhandlungen  wurden  geflihrt,  welchen 
durch  die  zlircherische  Regierung,  die  dem  Begehrten  ein  Ordinariat  anbot, 
ein  plotzliches  Ende  bereitet  wurde.  Damit  waren  B.'s  Wtinsche  nach  aussen 
erfiillt,  nach  Ehre  und  Auszeichnung  strebte  er  nicht;  aber  eine  gesicherte 
Stellung  und  eine  abgerundete  Aufgabe  durfte  er  mit  vollstem  Rechte  er- 
warten.  So  lieb  ihm  der  Unterricht  an  der  Schule  war,  so  hoch  er  sich  dort 
von  Kollegen  und  Schlilerinnen  geschatzt  wusste,  seine  Ziele  liessen  sich  nicht 
langer  mit  einem  Amte  vereinigen,  das  seine  Zeit  allzu  sehr  in  Anspruch 
nahm.  Wenige  Monate  nachher,  an  seinem  41.  Geburtstage,  verfasste  er  in 
freudigster  und  getrostester  Stimmung  seine  Vita  fiir  das  Album  der  Universitat 
und  schloss  mit  den  Worten:  »Ich  gedenke  mich  dieser  Stelle  noch  recht 
lange  zu  erfreuen.« 

Der  Ordinarius  nahm  es  mit  seinen  Pflichten  sehr  ernst.  Seine  Kollegien- 
hefte,  die  ein  anderer  vielleicht  als  auf  Jahre  hinaus  geniigend  erachtet  hatte, 
wurden  umgearbeitet,  und  unbegreiflich  erschien  manchmal  die  Klage,  er 
konne  seine  bisherigen  Entwurfe  und  Sammlungen  nicht  mehr  brauchen.  B. 
wollte  immer  alles  selbst  nachgeprtift  haben,  und  so  erwuchs  ihm  auf  dem 
ungeheuern  Gebiete,  das  er  vertrat,  taglich  neue  Arbeit.  Scheinbar  neben- 
sachliche  Bemerkungen  waren  bei  ihm  oft  das  Resultat  gewissenhaftester, 
langer  Untersuchungen.  Er  taxirte  seine  Leistungen  als  Docent  viel  zu  ge- 
ring,  liess  sich  durch  alien  Beifall,  durch  die  sich  rasch  steigernde  Zuhorer- 
zahl  nicht  in  Sicherheit  wiegen,  er  setzte  zu,  verbesserte,  goss  um  und  schuf 
neu,  um  nach  vollendetem  Werke  wieder  von  vorne  zu  beginnen. 

Das  neugegrtindete  deutsche  Seminar  an  der  Universitat  hatte  fur  ihn 
grossen  Reiz;  hier  regte  er  zu  einer  Menge  kleinerer  literar-historischer  Unter- 


Baechtold. 


19 


suchungen  an,  hier  verwerthete  er  in  den  sogenannten  deutsch-padagogischen 
Uebungen  seine  reichen  Erfahrungen  als  Lehrer. 

Indem  er  die  Seminarmitglieder  oft  an  seinen  eigenen  Arbeiten  theil- 
nehmen  Hess,  forderte  er  das  Interesse  an  solchen  Studien  und  zog  —  ohne 
Schule  machen  zu  wollen  —  einen  Kreis  junger  Gelehrter  heran,  die  dem 
Meister  zur  Ehre  gereichen.  Eine  Reihe  von  Dissertationen  giebt  hievon  be- 
redtes  Zeugniss,  ganz  besonders  aber  das  dreibandige  Werk:  »Schweizerische 
Schauspiele  des  sechszehnten  Jahrhunderts.  Bearbeitet  durch  das  deutsche 
Seminar  der  Zlircher  Hochschule  unter  Leitung  von  Jakob  Baechtold.  Zurich 
1890— 93  «. 

Seit  1889  las  B.  gewohnlich  in  vier  Semestern  einen  Kursus  tiber  die 
gesammte  deutsche  Literaturgeschichte ;  zunachst  behandelte  er  die  alt-  und 
mittelhochdeutsche  Zeit,  dann  die  Literatur  des  15.  bis  17.  Jahrhunderts,  dann 
des  18.  Jahrhunderts  und  schliesslich  die  Romantik.  Nebenher  gingen  aber 
Vorlesungen  von  nicht  geringerer  Bedeutung:  »Goethe's  Leben  und  Werke«, 
^Schiller's  Leben  und  Werke«,  »aus  der  neueren  deutschen  Literatur*  und  — 
seit  Winter  1894  —  »die  Dramatiker  des  19.  Jahrhunderts «.  Von  dem  Zeit- 
punkte  an,  da  B.  sich  mit  dem  Nachlasse  und  der  Biographie  Gottfried  Kel- 
ler's besch&ftigte,  widmete  er  diesem  Dichter  dreimal  eine  einsttindige  Vor- 
lesung,  welche  von  alien  Seiten  derart  besucht  wurde,  dass  das  grosste  Audi- 
torium die  Zuhorer  kaum  zu  fassen  vermochte;  grosser  Frequenz  erfreuten 
sich  auch  die  Kollegien  liber  Goethe's  Faust  und  Shakespeare's  Dramen, 
wahrend  die  Vorlesung  liber  Johann  Peter  Hebel  ftir  einen  intimeren  Kreis 
berechnet  war.  Da  ich  den  Verstorbenen  nur  in  offentlichen  Vortragen  habe 
sprechen  horen  und  als  Gast  eine  Anzahl  seiner  Shakespeare- Vorlesungen  be- 
sucht habe,  bin  ich  nicht  im  Stande  diese  Seite  seiner  Thatigkeit  zu  schildern. 
Mir  that  die  Warme  wohl,  mit  der  B.  sprach,  das  sorgfaltige  Vermeiden  aller 
Scheingelehrsamkeit  und  alles  Pathos,  die  Klarheit  seiner  Beweisfuhrung,  aus 
der  die  durch  gewissenhaftes  Studium  erlangte  eigene  Ueberzeugung  hervor- 
brach,  ohne  dass  sie  einer  besonderen  Betonung  bedurft  hatte. 

Das  rein  Grammatische  und  das  Formale  liberhaupt  waren  nicht  seine 
Vorliebe.  Von  Zeit  zu  Zeit  las  er  tiber  Metrik  und  Poetik;  den  sprachlichen 
Forschungen  auf  dem  Gebiete  des  Alt-  und  Mittelhochdeutschen  folgte  er, 
fiihlte  sich  jedoch  meines  Wissens  nie  berufen,  ■  hier  selber  Hand  anzulegen. 
Das  ttberliess  er  gerne  anderen:  fUr  ihn  waren  die  Denkmaler  der  Literatur 
zunachst  um  ihres  Inhaltes  willen  da. 

Immer  lebhafter  wandte  sich  B.'s  literar-historisches  Interesse  der  Neu- 
zeit,  der  Gegenwart  zu.  Die  Herausgabe  der  Gedichte  Leuthold's  im  Spat- 
jahre  1878  (Frauenfeld  1879)  war  die  erste  Arbeit  dieser  Art,  eine  Frucht, 
die  ihm  neben  dem  aufrichtigen  Danke  Vieler  auch  allerlei  Bitterniss  eintrug. 
B.  hat  bei  Anlass  der  dritten  Auflage  (Ostern  1884)  eine  Skizze  des  tragischen 
Dichterlebens  vorausgeschickt,  in  welcher  er  seine  Ansichten  tiber  die  Pflichten 
eines  Herausgebers  unmissverstandlich  aussert.  Die  Zukunft  wird  nun  lehren, 
ob  er  den  richtigen  Standpunkt  eingenommen;  wie  aber  auch  der  Entscheid 
falle,  niemand  wird  die  grossen  Verdienste,  die  sich  B.  um  unseren  ungltick- 
seligen  Landsmann  erworben,  leugnen  konnen.  Und  wir  Schweizer  schulden 
ihm  besondere  Anerkennung  dafiir,  dass  er  das  lappische  Geschrei  von  dem 
»undankbaren  Vaterlande«  gebtihrend  zurlickgewiesen. 

Es  war  nicht  ein  blosser  Zufall,  der  B.  zum  Herausgeber  der  Leuthold- 
schen  Gedichte  machte;  die  personliche  Bekanntschaft  zusammen  mit  Gottfried 


20  Baechtold. 

Keller's  Wunsch  war  lediglich  die  aussere  Veranlassung,  neben  welcher  die 
innere  Sympathie  gewaltig  mitwirkte.  Der  Dahingeschiedene  stand  mit  seinem 
Herzen  kaum  einer  Dichtungsart  naher  als  der  Lyrik.  Seine  ganze  Natur, 
sein  ganzes  Empfinden  schienen  hiezu  pr&destinirt.  Bei  aller  Begeisterung  fiir 
andere  Arten  der  Dichtkunst  trat  doch  seine  besondere  Neigung  hier  offen  zu 
Tage.  Das  Nachempfinden  —  im  besten  Sinne  des  Wortes  —  war  seine 
Starke.  Kein  Wunder,  dass  er  Morike  und  Storm  hoch  schatzte,  dass  er  seine 
Arbeit  gelegentlich  auch  Holderlin  zuwandte  (vgl.  Vierteljahrschrift  ftlr  Lite- 
raturgeschichte  1888).  Etwa  funfzehn  Jahre  zuriick  —  wenn  nicht  mehr  — 
wird  B.'s  Plan  zu  datiren  sein,  ein  Werk  tiber  Morike  zu  schreiben.  An 
Sammlungen  und  Vorbereitungen  jeglicher  Art  fehlte  es  hiezu  nicht.  In  der 
Deutschen  Rundschau  (XI,  2  S.  269  —  284)  hatte  er  1884  die  Feder  schon 
einmal  angesetzt,  dann  folgten  in  Zwischenraumen,  von  kleineren  Arbeiten 
abgesehen,  der  »Briefwechsel  zwischen  Hermann  Kurz  und  Eduard  Morike* 
(Stuttgart  1885),  ftinf  Jahre  spater  der  »Briefwechsel  zwischen  Moritz  v.  Schwind 
und  Eduard  Morike«  (Leipzig  1890),  in  welchem  die  romantische  Phantasie 
des  grossen  osterreichischen  Malers  und  des  auf  seinem  Gebiete  nicht  minder 
grossen  schwabischen  Dichters  sich  die  Hand  reichen;  endlich  der  Morike- 
Storm-Briefwechsel  (Stuttgart  1891).  Auch  die  personlichen  Beziehungen  des 
Verstorbenen  zu  Morike's  Wittwe  gaben  ihm  Vieles  in  die  Hand,  was  der 
Morike-Biographie  eigenthtimlichen  Werth  verliehen  hatte.  Dass  uns  dieses 
Werk  nicht  noch  geschenkt  worden,  haben  wir  wohl  am  meisten  zu  bedauern. 
Aber  es  musste  vor  dringenderen  Aufgaben  »einstweilen«  zuriick treten ! 

Nachdem  kleinere  Vorarbeiten  wie  »die  ZUricher  Minnesinger*  (im  Zlircher 
Taschenbuch  fiir  1883)  und  die  Unterstiitzung  von  Karl  Bartsch's  prachtiger  Aus- 
gabe  der  »Schweizer  Minnesanger«  (Frauenfeld  1887)  erledigt  waren,  schritt  B. 
zur  Ausfuhrung  seines  grossen  Planes.  Den  altesten  Schatzen  deutscher  Literatur 
in  St.  Gallen  machte  er  einen  letzten  Besuch  und  schrieb  von  dort  in  heiter- 
ster  Laune  an  seinen  Verleger  nach  Frauenfeld  (Neujahr  1887),  der  Setzer 
moge  sich  nun  rlisten,  das  Opus  riicke  an.  Und  in  der  That  konnten  im 
Laufe  jenes  Jahres  die  beiden  ersten  Lieferungen  der  »Geschichte  der  deut- 
schen Literatur  in  der  Schweiz  von  Jakob  Baechtold«  ausgegeben  werden.  Die 
Aufgabe  schien  genau  abgegrenzt:  » Dieses  Buch  will  die  Schicksale  der  deut- 
schen Literatur  in  der  Schweiz  von  der  alten  Zeit  bis  zum  Anfang  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts  erzahlen«,  hatte  der  Verfasser  gleich  zur  Eroffhung  ver- 
kiindet,  und  nach  allem,  was  er  schon  geleistet,  durfte  er  hoffen,  in  abseh- 
barer  Zeit  zum  Ziele  zu  gelangen.  Doch  diesmal  hatte  sich  B.  getauscht. 
Der  Stoff,  der  anfanglich  oft  aus  verborgenen  Adern  hergeleitet  werden 
musste,  floss  ihm  nach  und  nach  aus  hundert  Ritzen  und  Spalten  entgegen, 
kam  als  wilder  Bergbach,  als  reissender  Fluss  herangestlirmt  und  drohte  den 
Lenker  der  Gewasser  mit  fortzutragen.  Da  hiess  es  durchschauen  und  priifen, 
Rinnen  graben  und  Damme  bauen,  bis  endlich  der  gewaltige  Strom  geb&ndigt 
und  ruhig  dahinfloss.  Wie  oft  liessen  ihn  die  Pioniere,  die  er  in  seinen  ersten 
Arbeiten  rtihmend  genannt,  ganzlich  im  Stiche,  wie  manchmal  musste  er  For- 
schungen,  die  er  abgeschlossen  glaubte,  wieder  von  vorne  beginnenl  Kein 
Wunder,  dass  ihm  etwa  einmal  der  Muth  sinken  wollte,  wenn  in  dem  tollen 
Gewirre  kein  Ausweg  sich  zeigte,  oder  wenn  der  Setzer  die  kaum  getrockne- 
ten  Zeilen  von  ihm  forderte.  Ftinf  Jahre  lang  verrichtete  er  die  harte  Arbeit, 
und  kein  Leser  wird  in  den  prachtigen  Kapiteln  auch  nur  das  leiseste  Echo 
der  Seufzer    verspliren,    die    sich    gelegentlich    der  Brust    des  unermtidlichen 


Baechtold.  2 1 

Forschers  entrangen.  Am  Tage  des  Sechselautens  1892  machte  er  das  Punk- 
turn  und  feierte  dann  frfihlichsten  Herzens  das  ziircherische  Frtihlingsfest, 
nachdem  er  schalkhaft  am  Schlusse  der  Anmerkungen  den  Basler  Hexameter 
versteckt:  Est  bona  vox  schenk  in,  melior  trink,  optima  gar  us! 

Einer  ausflihrlichen  Werthschatzung  von  B.'s  Geschichte  der  deutschen 
Literatur  in  der  Schweiz  bedarf  es  hier  nicht;  wer  in  dem  stattlichen  Bande 
von  nahezu  tausend  Seiten  auch  nur  geblattert,  hat  sich  dessen  gefreut,  wer 
das  Ganze  gelesen,  der  hat  dem  Verfasser  im  Geiste  aufrichtig  gedankt  ftir 
seine  Riesenarbeit,  wer  einzelne  Abschnitte  nachgepriift  hat,  der  wird  sich  der 
Bewunderung  und  des  Staunens  Uber  diese  Sorgfalt  nicht  enthalten  konnen, 

Keine  Lobrednereil  h6re  ich  den  Dahingeschiedenen  warnen.  Doch 
dass  wir  uns  ehrlich  freuen  Uber  sein  Werk,  kann  und  will  er  uns  sicherlich 
nicht  verbieten.  Dass  die  Behandlung  nicht  durch  den  ganzen  Band  hindurch 
eine  gleichmassige  ist,  hat  er  selbst  hervorgehoben ;  wo  so  Vieles  noch  vOllig 
aus  dem  Rohen  herausgearbeitet  werden  musste,  war  es  unmoglich,  harmoni- 
sche  Ausgestaltung  zu  erreichen.  Das  schadet  dem  Werke  auch  gar  nicht; 
es  ist  auch  so  weit  mehr,  als  der  Verfasser  uns  versprochen:  »Ich  wollte  ein 
lesbares,  manchmal  sogar  ein  kurzweiliges  Buch  schreiben*.  Es  ist  ein  Buch, 
auf  das  jeder  Schweizer  mit  Stolz  hinweisen  darf,  eine  Arbeit,  der  man,  so 
weit  die  deutsche  Sprache  verstanden  wird,  nur  rtickhaltlose  Anerkennung 
gezollt  hat. 

Von  einem  Torso  zu  sprechen  ist  nicht  billig.  B.  hat  sich  im  Einver- 
standniss  mit  seinem  Verleger  vom  ersten  Satze  an  die  Grenze  gesteckt,  bis 
zu  der  er  gelangt  ist,  und  es  ist  undankbar,  dartiber  mit  ihm  rechten  zu 
wollen.  Eine  Behandlung  unserer  Literatur  im  19.  Jahrhundert  ware  in  die- 
sem  Stile  gar  nicht  wtinschenswerth.  Die  mogliche  Fortsetzung,  von  der  er 
in  der  Vorrede  spricht,  hatte  ein  ganz  anderes  Geprage  erhalten,  und  B.  hatte 
sie  uns  erst  nach  einer  volligen  Umarbeitung  des  Hauptwerkes  bieten  wollen. 
Bedauern  konnen  wir  wohl,  dass  dieser  Plan  nicht  mehr  verwirklicht 
worden,  und  gleichzeitig  werden  wir  anerkennen,  dass  er  zu  Gunsten  eines 
Unternehmens  hat  zurticktreten  miissen,  dessen  Ausftihrung  ftir  den  Augen- 
blick  viel  wich tiger  war:  Gottfried  Keller's  Leben.  Das  Verhaltniss  B.'s  zu 
unserem  Dichter  wird  vielleicht  einmal  ein  anderer  schildern;  die  ersten  gei- 
stigen  Beziehungen  gehen  jedenfalls  bis  in's  Jahr  1867  zuriick,  als  der  Ver- 
storbene  seine  zweite  Novelle  schrieb,  die  ganz  von  der  Art  Gottfried  Keller's 
durchdrungen  ist.  Was  der  Gelehrte  herausgab,  fand  seinen  Weg  auf  den 
Schreibtisch  des  Dichters,  der  die  Gaben  mit '  Verstandniss  und  Dank  ent- 
gegennahm.  Mit  besonderer  Freude  erftillte  ihn  B.'s  Manuel-Ausgabe,  wortiber 
er  sich  am  17.  und  18.  Februar  1879  *m  Feuilleton  der  Neuen  Ztircher  Zei- 
tung  in  warmen  Worten  ausserte.  Jahre  hindurch  war  der  personliche  Ver- 
kehr  zwischen  beiden  ein  iiberaus  reger,  bis  Keller  in  seiner  herben  und 
derben  Art  einmal  den  Literarhistoriker  in  einer  Weise  angriff,  die  ein  wei- 
teres  Zusammengehen  unmoglich  machte.  Wer  Keller  gekannt,  wird  dies 
begreifen.  Am  70.  Geburtstage  des  Dichters  hielt  B.  eine  prachtige  Festrede 
in  der  Aula  der  Universitat ;  beim  Tode  Keller's  ergriffen  andere  das  Wort, 
und  geschaftige  Biographen  drangten  sich  herbei.  Und  doch  war  ftir  jeden  Ur- 
theilsfahigen  die  Lage  klar:  nur  in  B.'s  Hande  konnte  der  Nachlass  gelegt  werden. 
Zun&chst  erschienen  auf  Weihnachten  1892  Gottfried  Keller's  nach- 
gelassene  Schriften  und  Dichtungen,  und  schon  ein  Jahr  darauf  konnte  der 
erste    Band    von  ^Gottfried  Keller's  Leben.     Seine    Briefe    und  Tageblicher« 


2  2  Baechtold, 

(Berlin,  Hertz  1894)  herausgegeben  werden.  Im  Spatjahr  1896  kara  die  Ar- 
beit zu  ihrem  Abschlusse.  Die  drei  stattlichen  Bande  sind  in  Aller  Erinne- 
rung  und  in  Vieler  Handen;  B.'s  Methode  hat  Kritiker  gefunden,  man  glaubte 
da  und  dort  grossere  Kiirze,  mehr  Zurlickhaltung  fordern  zu  dtirfen.  Das 
alles  wird  nun  in  den  Hintergrund  treten  gegentiber  dem  grossen  und  blei- 
benden  Verdienst  des  Verblichenen.  Den  »enthusiastischen  Ton«,  den  Keller 
verabscheute,  hat  B.  gemieden,  er  hat  uns  den  Dichter,  wo  immer  moglich, 
mit  seinen  eigenen  Worten  vorgefuhrt;  er  hat  uns  aber  gleichzeitig  —  und 
darin  sehe  ich  das  Unvergangliche  in  B.'s  Schopfung  —  ein  Bild  des  litera- 
rischen  Lebens  in  Zurich  wahrend  eines  halben  Jahrhunderts  gegeben,  wie  wir 
es  feiner,  origineller  und  zuverlassiger  von  keiner  Seite  hatten  empfangen  konnen. 

Man  sollte  glauben,  mit  solchen  Aufgaben  sei  die  Zeit  eines  Menschen 
voll  und  ganz  in  Anspruch  genommen,  und  doch  brachte  es  B.  fertig,  noch 
mehr  zu  leisten.  Er  war  unermtidlich  darin,  verborgene  Schatze  der  Literatur 
an's  Tageslicht  zu  ziehen  und  sie  der  Mit-  und  Nachwelt  in  der  feinsten  Po- 
litur  und  Fassung  zu  uberliefern.  In  Schaffhausen  fand  er  unter  den  Papieren 
Johann  Georg  Muller's  (eines  Bruders  Joh.  von  Muller's)  anmuthige  Aufzeich- 
nungen,  die  er  1881  mit  der  Ueberschrift  »Aus  dem  Herder'schen  Hause« 
(Berlin,  Weidmann)  herausgab;  in  Zurich  prtifte  er  den  Nachlass  von  David 
Hess  (1770 — 1843),  der  uns  alien  als  Verfasser  der  »Badenfahrt«  und  der 
»Rose  von  Jericho «,  wie  nicht  weniger  als  Herausgeber  von  Usteris  Werken 
lieb  und  theuer  ist,  und  verdffentlichte  dann  die  Hess'sche  Biographie  des 
ungl  tick  lichen  philanthropischen  Sch  warmers  Joh.  Caspar  Schweizer  (Berlin 
1884).  Seinem  gelehrten  Freunde  Reinhold  Kohler  in  Weimar  brachte  er 
zum  sechzigsten  Geburtstage  »Einen  Mund  voll  kurzweiliger  Schimpf-  und  Glimpf- 
reden,  observirt  anno  1651  — 1652«,  ein  paar  Blatter  des  kostlichsten  Humors. 

Von  Deutschland  her  erging  1889  an  B.  durch  seinen  Freund  Professor 
Erich  Schmidt  in  Berlin  die  ehrenvolle  Aufforderung,  sich  an  der  kritischen 
Ausgabe  von  Goethe's  Werken,  die  unter  der  Protektion  der  Grossherzogin 
von  Sachsen-Weimar  erscheinen  sollte,  zu  betheiligen  und  er  ubernahm  zu- 
nachst  »Wahrheit  und  Dichtung«,  spater  auch  die  Tagebiicher,  zu  welchem 
Zwecke  ein  Aufenthalt  in  Weimar  nothig  war.  Damals  wurde  B.  auch  zu 
Hofe  geladen,  und  es  gehorte  zum  Besten,  was  er  einem  Freundeskreise  wid- 
men  konnte,  wenn  er  sich  als  gewandten  Hofmann  schilderte. 

Der  Bitte  um  Vortrage,  die  an  den  Verstorbenen  so  haufig  gerichtet 
wurde,  entsprach  er  in  fruheren  Jahren  stets  mit  der  grossten  Bereitwilligkeit 
und  hat  damit  Vielen  genusfc-  und  lehrreiche  Abende  bereitet.  Wie  fiillten 
sich  die  Tische  in  der  »Antiquarischen«,  wenn  es  hiess:  Jakob  Baechtold  wird 
sprechen!  Auch  ftir  kleinere  Gelegenheitspublikationen  war  er  immer  zu 
haben.  Dem  Zlircher  Taschenbuche  lieferte  er  neben  der  schon  erwahnten 
Arbeit  liber  die  Zuricher  Minnesinger  (1 883)  noch  1894  die  Briefe  von  J.  G. 
Schulthess  an  Bodmer;  der  Stadtbibliothek  verfasste  er  1890  ein  Neujahrsblatt 
(Johannes  Stumpfs  Lobspriiche  auf  die  dreizehn  Orte,  nebst  einem  Beitrag 
zu  seiner  Biographie);  den  Antiquaren  publicirte  er  eine  »Liederchronik«  und 
gab  ihnen  1880  fur  die  »Mittheilungen«  Das  gluckhafte  Schiff  von  Zurich. 
Nach  den  Quellen  des  Jahres   1576. 

Fur  die  Zeitschriften,  die  ihn  um  seine  Mitarbeiterschaft  ersuchten,  hatte 
er  immer  etwas  bereit,  so  z.  B.  in  den  letzten  Jahren  fur  die  Germania  (Bd.  21 
resp.  33)  »Einundzwanzig  Fabeln,  Schwanke  und  Erzahlungen  des  15.  Jahr- 
hunderts*;   fur    die    »Romanischen    Forschungen*    Bd.  V  (1889)  eine   Studie 


Bacchtold. 


23 


»Ueber  die  Anwendung  der  Bahrprobe  in  der  Schweiz«;  fiir  die  Alemannia 
(Bd.  20,  1892)  »Zwei  Hochzeitsgedichte*  (von  Johannes  Grob  1676  und  von 
Gotthard  Heidegger  1710);  und  wie  Vieles  —  von  kleinerem  und  grosserem 
Umfange  —  findet  sich  nicht  in  der  Mtinchener  »Allgemeinen  Zeitung«,  im  An- 
zeiger  fiir  Schweizergeschichte,  in  Nord  und  Slid,  in  der  Zeitschrift  flir  deutsches 
Alterthum,  im  Feuilleton  der  »Neuen  Ziircher  Zeitung«,  in  der  Deutschen 
Rundschau;  und  wie  manchen  schweizerischen  Schriftsteller  hat  er  in  der  All- 
gemeinen  deutschen  Biographie  nach  Leben  und  Leistungen  dargestellt  *) ! 

Und  soil  ich  hinzufligen,  mit  welchem  Eifer  er  seinen  werthvollen  Rath 
und  seinen  unermtidlichen  Fleiss  dem  Vereine  fiir  Verbreitung  guter  Schriften 
widmete,  wie  gewissenhaft  er  die  Auswahl  fur  die  Anschaffung  deutscher 
Bucher  in  der  Museumsgesellschaft  traf?  Von  alien  Seiten  werden  wir  nun 
die  Klage  horen :  »  Ja,  wenn  wir  nur  Professor  Baechtold  dariiber  fragen  konn- 
ten!«  Ueberall  wird  man  seine  reiche  Erfahrung,  seine  grosse  Gefalligkeit 
schmerzlich  vermissen. 

Schon  einmal  haben  wir  ja  vor  dem  drohenden  Verluste  gestanden,  im 
Sommer  1895,  ^s  an  B.  der  ehrenvolle  Ruf  nach  Leipzig  ergangen  war.  Es 
war  ein  harter,  schwerer  Kampf,  den  er  damals  zu  bestehen  hatte.  Mit  alien 
Wurzeln  seiner  Kraft  ans  Vaterland  festgewachsen,  Schweizer  bis  auf  den 
letzten  Blutstropfen,  musste  er  doch  ergriffen  sein  von  dem  grossen  Vertrauen, 
das  ihm  eine  der  grossten  deutschen  Hochschulen,  geistig  vielleicht  die  reg- 
samste,  entgegenbrachte.  Sollte  er  nicht  dem  Schweizernamen  im  Auslande 
neue  Ehre  machen,  war  es  nicht  Pflicht  gegen  die  Seinigen,  die  glanzende 
Stellung  anzunehmen?  B.  hat  sich  filrs  Bleiben  entschieden  und  heute  wissen 
wir  ihm  erst  recht  Dank  daftir.  Nun,  da  sein  Leben  —  und  Leiden  abge- 
schlossen  vor  uns  liegen,  zeigt  sich  sein  damaliger  Entscheid  in  anderm  Lichte. 
Aeusserlich  dem  Rufe  seiner  Freunde  folgend:  »Verpflanze  nicht  den  schonen 
Baum,  Gartner  1  er  jammert  mich!«  mag  sich  der  Verstorbene  innerlich  ge- 
sagt  haben,  dass  der  alte  Stamm  die  Versetzung  in  neues  Erdreich  nicht 
mehr  ertragen  wlirde.  Schiiler,  Freunde,  Kollegen  —  die  weitesten  Kreise 
haben  ihm  damals  gesagt,  wie  lieb  und  theuer  er  alien  war,  und  selbst  an- 
gesichts  des  bittersten  Verlustes  freuen  wir  uns,  dass  er  uns  wenigstens  die 
zwei  kostbaren  Jahre  noch  gegonnt.  Anerkennenswerth  ist,  wie  unsere  Be- 
horden  sich  damals  bemuhten,  der  Universitat  die  vorztigliche  Kraft  zu  er- 
halten  und  wie  nach  dem  Entscheide  der  Bundesrath  dem  Verstorbenen  da- 
durch  seine  Dankbarkeit  bewies,  dass  er  ihm  unter  den  gtinstigsten  Bedingungen 
einen  Lehrauftrag  am  Eidg.  Polytechnikum  ertheilte. 

Aus  B.'s  Schriften,  selbst  aus  der  kleinsten  Notiz  spricht  Uberall  seine 
Eigenart,  seine  Urwtichsigkeit,  und  die  trat  im  Leben  vielleicht  noch  starker 
hervor.  Das  Wort,  fiir  Vortrag  oder  Publikation  sorgsam  abgewogen,  entfloh 
im  Gesprache  oft  seinem  Munde,  ohne  dass  ihm  die  nothige  Vorsicht  zur 
Seite  ging.  Und  wie  er  mit  seinen  literarischen  Leistungen  gelegentlich 
Gegner  fand,  so  stiess  er  da  und  dort  auch  mit  seinen  mUndlichen  Aeusse- 
rungen  auf  Widerstand.  Das  ist  das  Loos  der  Leute,  die  nicht  auf  aus- 
getretener  Bahn  wandeln.  Aber  B.  war  durch  und  durch  versohnlich;  er 
vergass  gern  und  durfte  erwarten,  dass  andere  —  nicht  minder  grossmtithig  — 

')  Dankbar  sei  hier  neuerdings  erwahnt,  dass  Baechtold  fUr  unseren  Deutschen 
Nekrolog  das  Schweizer  Referat  Ubernahm  und  im  vorigen  Jahrgang  mit  aller  Sorgfalt 
fdrderte.  (VgK  Biographisches  Jahrbuch,  1897,  S,  V  und  Baechtold's  Nachruf  fUr  Appell 
ebenda  S.  3.)  D.  H, 


24  Baechtold. 

auch  ihm  vergessen.     Nie  hat  er  die  dargebotene  Hand  zuriickgewiesen  und 
war  nie  glticklicher,  als  wenn  er  mit  jedermann  im  Frieden  leben  konnte. 

Als  schonstes  Geleite  hatte  er  einen  unverwtistlichen  Humor  stets  neben 
sich,  einen  Genossen,  der  ihn  von  seinen  ersten  literarischen  Versuchen  bis 
zum  letzten  Federstriche  nicht  verliess,  der  im  Kreise  der  Familie  und  der 
Freunde,  wie  in  der  Rede  bei  ihm  stand.  Was  wtissten  die  Wande  so  manch 
wackerer  Trinkstube  in  Zlirich  und  anderswo  nicht  flir  heitere  Geschichten 
zu  erzahlen,  die  sie  aus  dem  Munde  Jakob  B.'s  vernommen!  Und  hinter 
diesem  Humor  stand  eben  das  wohlthuende  Bewusstsein  erflillter  Pflicht,  das 
gute  Gewissen,  dass  eine  ttichtige  Arbeit  vollbracht  sei.  Als  das  zunehmende 
Herzleiden  ihm  kategorisch  verbot,  selbst  an  unschuldigen  Gelagen  theil- 
zunehmen,  erfreute  er  sich  an  der  Lektlire  humoristischer  Schriftsteller.  Wie 
oft  sprach  er  mir  im  letzten  Jahre  von  dem  Vergntigen,  das  ihm  Dickens 
bereitet ! 

Die  Musik  hat  ihm  manche  gliickliche  und  weihevolle  Stunde  geschenkt. 
Als  junger  Mensch  spricht  er  von  der  Wirkung,  die  der  Trauermarsch  aus 
Handel's  Saul,  David's  Klagegesang  oder  die  prachtvolle  Arie:  »0  Herr,  des 
Gtite  endlos  ist !«  auszuiiben  im  Stande  seien  —  und  wohl  an  ihm  selbst  aus- 
gelibt  hatten.  In  seinem  Hause,  wo  es  ihm  wohl  war  wie  nirgends,  spiel te 
die  Musik  eine  wichtige  Rolle;  Concerte  besuchte  er  mit  Auswahl;  fur  Brahms, 
mit  dem  ihn  personliche  Freundschaft  verband,  hatte  er  grosse  Vorliebe.  In 
nachmitternachtiger  Zeit  phantasirte  er  wohl  auch  einmal  im  Freundeskreise 
auf  dem  Klaviere  —  und  wie  konnte  er  weidlich  bose  werden,  wenn  das 
Gebriill  iibermlithiger  Genossen  ihn  daran  storte! 

Seit  dem  Rufe  nach  Leipzig  hatte  B.  ein  Stiick  seiner  alten  Frohlichkeit 
und  Kraft  eingeblisst.  Er  war  nicht  mehr  im  Stande,  eine  so  ungeheure  Ar- 
beitslast  zu  tragen  wie  friiher,  sich  dann  wieder  so  ungebundener  Freude 
ganz  hinzugeben  wie  ehemals.  Der  Anfang  der  Krankheit  traf  offenbar  so 
ziemlich  mit  jenem  Kntscheide  zusammen,  der  ihm  so  viel  Muhe  machte. 
»Jetzt  kann  ich  das  Thor  schliessen<f,  meinte  er  muthlos  kurz  nachher,  raffte 
sich  aber  glticklicher  Weise  doch  wieder  auf.  Ein  letzter  grosser  Genuss  war 
flir  ihn  die  Fahrt  nach  Neapel,  die  er  von  Nervi  aus  zu  Ostern  dieses  Jahres 
in  Gesellschaft  seines  lieben  Freundes  Viktor  Meyer  unternahm.  Anfangs  Juli 
schickte  er  mir  die  Gottfried  Keller-Bibliographie  (Berlin,  Hertz  1897.  36  S.) 
hinliber;  als  ich  ihm  dankte,  betonte  er  nur  immer,  wie  froh  er  sei,  auch 
diese  Aufgabe  noch  abgeschlossen  zu  haben.  Er  ordnete  seine  Bibliothek, 
sichtete  seinen  reichen,  werthvollen  Briefwechsel  und  bestellte  sein  Haus.  Die 
Redensarten,  man  konne  bei  einem  Herzleiden  alt  werden,  verfingen  nicht 
mehr,  der  unerbittliche  Tod  hatte  zu  deutlich  angeklopft.  Da  erst,  als  er 
sich  nicht  mehr  nach  der  Universitat  zu  schleppen  vermochte,  gab  er  nach. 
Eine  Ruhepause  von  zehn  bis  vierzehn  Tagen  sollte  es  ihm  moglich  machen, 
die  Vorlesungen  des  Semesters  noch  zu  einem  ordentlichen  Abschlusse  zu 
bringen.  Mitte  Juli  versuchte  er's  noch  einmal;  aber  ein  furchtbarer  Herz- 
krampf  war  die  Folge  der  Pflichttreue. 

Das  Semester  ging  seinem  Ende  entgegen,  ohne  dass  B.  die  Vorlesungen 
wieder  hatte  aufnehmen  konnen.  Da  flackerte  das  Lebenslicht  zum  letzten 
Male  auf.  Er  durfte  wieder  seinen  kleinen  Abendspaziergang  unternehmen; 
am  31.  Juli  traf  ich  ihn  auf  der  Fahrt  zum  See,  am  4.  August  sass  er  ein 
Sttindchen  bei  mir  im  Garten,  Beide  Male  sprach  er  mit  Warme  von  einer 
neuen  Arbeit;    Die  »Geschichte  der  deutschen  Literatur  in  der  Schweiz*  sollte 


Baechtold.     Mai  2  5 

umgegossen  und  dann  fortgesetzt  werden.  Er  freute  sich  so  recht,  dass  er 
den  Stoff  nun  vollig  beherrsche  und  iiberblicke;  er  hoffte  offenbar,  der  Welt 
ein  abgerundetes,  vollkommenes  Kunstwerk  darbieten  zu  kOnnen.  Noch  am 
Sonntag  Vormittag  brachte  mir  mein  Junge,  den  ich  mit  einem  Zettelchen 
hinilbergeschickt,  die  Kunde,  wie  frOhlich  und  freundlich  »Papa  Baechtold  «  sei. 
Anderthalb  Stunden  spater  standen  wir  erschttttert  an  seiner  Leiche. 

Vor  dreissig  Jahren  hat  der  Gymnasiast  Jakob  B.  das  Ende  eines  geist- 
Iichen  Herrn  geschildert,  der  seine  letzte  Predigt  gehalten  hatte.  »Dann 
schaute  der  Herr  Pfarrer,  als  er  draussen  war,  recht  innig  die  blauen  Wolken 
und  die  weissen  Schneeberge  und  sein  bltlhendes  Gartlein  an,  und  in  seinem 
Sttiblein  angekommen,  unterhielt  er  sich  noch  einmal  in  liebevoller  Weise  mit 
seiner  Familie,  nahm  noch  einmal  das  irdische  Mittagsmahl  inmitten  der 
Seinen  ein  und  dann  stieg  er  zum  letzten  Mai  in  sein  Studirzimmer  hinauf, 
nahm  sein  Gesangbuch  und  las  mit  zitternder  Stimme  das  Lied:  »Wie  wird 
mir  sein,  wenn  ich  dich,  Jesu,  sehe«.  Erschopft  legte  er  sich  hin  zum  Mit- 
tagsschlafchen,  von  dem  er  nicht  wieder  erwachte.«  —  Und  wie  in  jenem 
Pfarrhause,  so  schauten  auch  hier  die  rankenden  Reben  zum  Fenster  hinein, 
ob  der  alte  Freund  nicht  wieder  komme.  — 

Die  Angehorigen,  die  Freunde,  die  Universitat,  das  Vaterland,  die  deut- 
sche  Wissenschaft  —  alle  haben  unendlich  viel  an  Jakob  B.  verloren,  und  der 
rasche  Abschied  war  furchtbar;  ihm  aber  blieben  die  Schrecken  langen  Siech- 
thums  erspart,  und  er  geniesst  —  um  sein  eigenes  Citat  aus  Goethe  zu  wieder- 
holen  —  den  Vortheil,  »als  ein  ewig  Tiichtiger  und  Kraftiger  zu  erscheinen; 
denn  in  der  Gestalt,  wie  der  Mensch  die  Erde  verlasst,  wandelt  er  unter  den 
Schatten*.  Auf  der  Hohe  des  Zlirichberges,  von  wo  er  so  oft  die  scheidende 
Sonne  geschaut,  wird  seine  Asche  unter  einem  bescheidenen  Denksteine 
ruhen;  aber  in  seinen  zahlreichen  Schriften,  zumal  in  seiner  »Geschichte  der 
deutschen  Literatur  in  der  Schweiz«  hat  er  sich  selbst  das  unverganglichste 
und  schonste  Monument  errichtet. 

Mit  Zustimmung  des  Hrn.  Verfassers  wiederholt  aus  der  Neuen  ZUrcher  Zeitung. 

Theodor  Vetter. 

Mai,  Emanuel,  Antiquar,  *  2.  Februar  181 2  in  Schmiegel  bei  Lissa, 
f  27.  December  1897  in  Berlin,  wo  er  seit  seinem  13.  Jahre  gelebt  hatte.  — 
M.  besuchte  das  Gymnasium  Zum  grauen  Kloster  und  erwarb  sich  eine  ge- 
diegene  wissenschaftliche  Bildung,  die  er  spater  in  seinem  praktischen  Beruf 
griindlich  verwerthen  konnte.  Mehrere  Jahre  gehorte  er  als  Lehrling  und 
Gehilfe  der  einst  bertihmten  antiquarischen  Buchhandlung  von  Finke  an,  bis 
er  1836  im  Hause  der  Polnischen  Apotheke,  Mittelstrasse,  selbst  ein  Geschaft 
unter  der  Firma  seines  Namens  errichtete.  Er  hatte  drei  grosse  uralte  Biblio- 
theken,  eine  Btilow'sche  und  eine  Wolkenstein'sche,  und  die  aus  dem  ehe- 
maligen  Kloster  Marsberg  stammende,  aufgekauft,  und  diese  bildeten  den 
starken  Grundstock  seines  Lagers,  das  sich  von  Jahr  zu  Jahr  vergrosserte. 
Er  kaufte  das  Haus  Unter  den  Linden,  in  dem  sich  jetzt  das  Aquarium 
befindet,  und  siedelte  von  da  spater  nach  der  Mauerstrasse  tiber,  wo  das 
Geschaft,  seit  1868  von  seinem  Sohne  Max  geleitet,  noch  bltiht.  Es  gab  in 
Deutschland  keinen  Liebhaber  und  Sammler  alter  oder  seltener  Drucke,  der 
nicht  mit  Emanuel  Mai  in  Verbindung  gestanden  hatte;  jeder  wusste  in  ihm 
nicht  nur  den  Handler,  sondern  auch  den  Kenner  und  Rathgeber  zu  schatzen. 
Wie   sehr  M.  aus   eigener  Liebhaberei  Sammler  gewesen   ist,    hat  er  gerade 


26  Mai.     Schumann. 

wahrend  der  letzten  sechs  Jahre  als  eifriger  Mitarbeiter  an  den  Sonntags- 
beilagen  zur  Vossischen  Zeitung  bewiesen.  Aus  seiner  reichen,  nahezu  voll- 
standigen  Sammlung  von  Flugblattern  und  anderen  Schriftstlicken,  die  sich  auf 
die  achtundvierziger  Bewegung  beziehen,  hat  er  dort  vieles  seinen  Zeitgenossen 
in's  Gedachtniss  zurtickgerufen  und  spateren  Generationen  zur  guten  Lehre 
gegeben.  Was  er  unter  den  Ueberschriften  »Die  Berliner  Strassenliteratur  des 
Jahres  1848*,  »Welke  Blatter  des  Marzsturms«,  »Die  Parlamente*,  »Der  Prinz 
von  Preussen«,  »Gedenkblatter  aus  der  Zeit  Friedrich  Wilhelm  IV.«,  ^Berliner 
Momentbilder*,  »Zum  Jubilaum  des  Vereinigten  Landtags*,  »Polens  Kampfe« 
veroffentlichte,  entspricht  nicht  der  wissenschaftlichen,  historisch-kritischen 
Methode;  er  gab  keine  zusammenhangende  Darstellung  der  Ereignisse,  keine 
Charakteristik  der  handelnden  Personlichkeiten,  sondern  etwas  willkiirlich  legte 
er  Blatt  an  Blatt  und  suchte  so  den  Eindruck  jener  von  ihm  leidenschaftlich 
miterlebten  Tage  wieder  lebendig  zu  machen.  Wie  sehr  ihm  das  gelungen 
ist,  wie  gerade  dadurch,  dass  er  die  Dokumente  reden  Hess,  alles  frisch  und 
eben  erst  dagewesen  schien,  haben  ihm  zahllose  Zuschriften,  Anfragen,  wohl 
auch  kleine  Berichtigungen  aus  dem  Leserkreise  bewiesen.  Der  alte  Herr 
hatte  seine  Freude  daran  und  trug  sich  zuletzt  mit  dem  Plane,  diese  Auf- 
satze,  durch  andere  vermehrt,  in  einem  Buch  zu  sammeln  und  es  am  funfzig- 
sten  Gedenktage  des  achtzehnten  Marz  zu  veroffentlichen.  Bereits  war  er  mit 
einer  altangesehenen  Berliner  Verlagsbuchhandlung  deswegen  in  Verbindung 
getreten.  Da  befiel  ihn,  ihm  selbst  kaum  merkbar,  ein  schweres  unheilbares 
Magentibel,  und  kurz  vor  Vollendung  des  halben  Jahrhunderts  gehorte  auch 
er  nicht  mehr  zu  den  wenigen  Ueberlebenden,  sondern  zu  der  grossen  Heer- 
schaar  »alter  Achtundvierziger« ,  die  der  Hiigel  deckt.  Noch  wenige  Wochen 
vor  seinem  Tode  konnte  man  ihn,  auf  seinen  Stock  gestlitzt,  riistig  durch 
die  Strassen  Berlins  schreiten  sehen,  den  kurzen,  stammigen  Korper  leicht 
vorniiber  zur  rechten  Seite  gebeugt,  das  schone,  klare,  kluge  Auge  nachdenk- 
lich  vor  sich  hin  gesenkt,  und  unter  dem  grossen,  schwarzen  Schlapphut,  von 
Haar  und  Bart  lang  und  dunkel  umwallt,  ein  prachtvolles  Patriarchenhaupt, 
das  den  Neid  und  die  Freude  Rembrandt's  erregt  hatte.  Die  Frage,  was 
aus  M.'s  nachgelassener  Sammlung  werden  soil,  ist  ftir  die  Berliner  Stadt- 
verwaltung,  die  sich  im  Besitze  der  gleichwerthigen  Friedlander'schen  Samm- 
lung befindet,  wohl  zu  erwagen. 

Paul  Schlenther. 

Schumann,  Albert,  Professor  fur  Geschichte  und  Geographic  an  der 
Kantonsschule  in  Aarau,  *  4.  Februar  1835  *n  Gotha,  t  24.  Februar  1897 
in  Aarau.  —  Sch.  studirte  in  Jena,  Bern  und  Gottingen  Geschichte  und 
Germanistik  und  wurde  Ende  1859  »wissenschaftlicher  Privatsekretar«  bei 
Johann  Martin  Lappenberg.  Vergeblich  bewarb  er  sich  um  eine  Stelle  an 
der  Gottinger  Bibliothek;  allerhochste  Protection  verhalf  einem  Untauglichen 
dazu,  der  bald  darnach  in's  Irrenhaus  kam.  Das  verdross  Sch.  dermassen, 
dass  er  Deutschland  verliess  und  ein  Lehramt  an  der  Bezirksschule  in  Zofin- 
gen  annahm,  wo  er  beinahe  22  Jahre  blieb.  Hierauf  wirkte  er  10  Jahre  an 
der  Kantonsschule  in  Aarau  und  trat  1892  in  den  Ruhestand.  Er  war  ein 
sehr  gewissenhafter  Lehrer,  aber  mit  innerster  Neigung  war  er  es  nicht.  Viel- 
mehr  war  er  nach  Fahigkeit  und  Beruf  der  geborene  Bibliothekar,  der  durch 
unablassige  Studien  seine  Kenntnisse  bereicherte.  Mit  verhaltnissmassig  sehr 
geringen  Mitteln    hat    er  die  Stadtbibliothek  Zofingen,    der  er  30  Jahre  lang 


Schumann.     Rothpletz.  2  7 

vorstand  (von  1867  bis  zu  seinem  Tode),  zu  einem  wahren  Schatzkastlein 
gemacht.  Er  war  in  bibliographischen  Dingen  bewandert,  wie  Wenige  in  der 
Schweiz,  und  besass  eine  ausgedehnte  Bucher-  und  Literaturkenntniss,  wie  sie 
nur  derjenige  erwirbt,  dem  ungezahlte  Bande  durch  die  Hande  gehen  und 
der  eine  Unmenge  antiquarischer  Kataloge  zu  Rathe  zieht.  Uebrigens  kannte 
er  nicht  nur  die  Titel  der  Bucher  und  Zeitschriften,  sondern  wusste  gar  wohl, 
was  darin  stand.  Er  schrieb  iiber  eine  betrachtliche  Reihe  von  Mannern  in 
die  »Allgemeine  deutsche  Biographie«,  und  die  noch  unvollendete  neue  Auflage 
von  »Goedeke's  Grundriss  zur  Geschichte  der  deutschen  Literatur«  verlor  in  ihm 
einen  Beistand  und  Nothhelfer,  den  der  Herausgeber  schwer  im  Stande  sein  wird 
zu  ersetzen.  Er  gehorte  namlich  zu  den  seltenen  Naturen,  die  alle  die  kleinen, 
unansehnlichen  und  mlihseligen  Arbeiten  auf  sich  nehmen,  die  eben  gemacht 
werden  mtissen,  urn  die  sich  aber  die  Meisten  gerne  herumdrticken.  Seine 
Specialitat  waren  die  ganz  kleinen  Schriftsteller  und  Poeten,  denen  Niemand 
gerne  nachfragt  und  nachgrabt;  seine  eigenste  Domane  jedoch  bildete  die 
Geschichte  und  Literatur  des  Aargaus:  fur  jene  leistete  er  Verschiedenes  in 
der  »Zeitschrift  aus  dem  Wiggerthale«,  die  ubrigens  nicht  lange  existirte; 
diese  behandelte  er  in  dem  zu  zwei  Lieferungen  herangediehenen  Werk :  »  Aar- 
gauische  Schriftsteller,  aus  den  Quellen  dargestellt«.  —  Anderen  mit  seinem 
reichen  und  wohlgeordneten  Wissen  beizuspringen,  liess  er  sich  keine  Mtihe 
verdriessen.  Trug  man  ihm  irgend  ein  Anliegen  vor  und  begehrte  Dieses 
oder  Jenes  zu  wissen,  so  notirte  er  sich  die  Sache  in  ein  Notizblichelchen 
oder  brachte  wohl  auch  nach  alter  Vater  Weise  einen  Knoten  im  Taschen- 
tuch  an.  »Ich  werd'  einmal  nachsehen«,  pflegte  er  dann  in  seinem  gothaisch 
gefarbten  Deutsch  gelassen  zu  sagen.  Er  vergass  nie  etwas.  Den  Kopf  ein 
wenig  zur  Seite  geneigt,  die  braunen  Augen  noch  etwas  freundlicher  als  sonst, 
kam  er  dann  mit  langen  Schritten  und  etwas  in  die  Knie  fallend  auf  den 
Bittsteller  zugegangen  und  brachte  gewohnlich  mehr,  als  dieser  erwartet  hatte. 
Haufig  genug  ubermittelte  er  das  Gewunschte  auf  s  sauberlichste  aufgezeichnet. 
Vielleicht  hat  er  nicht  tiberall  den  gebtihrenden  Dank  gefunden,  wahrend  ihn 
selbst  die  kleinste  Gefalligkeit  ausserordentlich  erfreute.  Er  hat  wohl  nie 
Jemand  etwas  zu  leide  gethan  und  schwerlich  einen  Feind  besessen. 

Adolf  Frey. 

Rothpletz,  Christian  Emil,  schweizerischer  Oberstdivisionar  und  Professor 
der  Militarwissenschaften  am  eidgenossischen  Polytechnicum,  *  21.  Februar 
1824  in  Aarau,  f  13.  Oktober  1897  in  Zurich.  —  Die  Familie  R.  wanderte 
in  der  ersten  Halfte  des  sechszehnten  Jahrhunderts  aus  Villingen  im  Schwarz- 
wald  nach  Aarau,  wie  denn  damals  eine  Menge  der  heute  in  der  Schweiz 
bliihenden  Geschlechter  aus  Siiddeutschland  iiber  den  Rhein  zogen  und  in 
den  Burgerschaften  die  Liicken  fullten,  welche  die  morderischen  italienischen 
Soldkriege  gerissen  hatten.  R.'s  Vater,  Johann  Heinrich,  war  Bezirksamtmann ; 
die  Mutter  Sarah  Isabella,  geb.  Schuster,  stammte  aus  Neustadt  an  der  Hardt 
und  Uberragte  den  Gatten  an  Bildung  und  geistiger  Begabung.  Als  R.  ein 
Jahr  alt  war,  wandte  sich  die  Familie  nach  der  Pfalz,  wo  die  Verwandten 
der  Mutter  beglitert  waren.  Der  Vater  Ubernahm  die  Leitung  einer  chemi- 
schen  Fabrik,  starb  aber  schon  nach  einem  halben  Decennium.  Mit  schwar- 
merischer  Liebe  an  der  Schweiz  hangend,  begab  sich  die  Mutter  mit  den 
Kindern  nach  Aarau  zurlick.  Hier  absolvirte  R.  das  Gymnasium  und  studirte 
dann    an    verschiedenen  Hochschulen  Jurisprudenz,    so    in  Heidelberg.     Eine 


28  Rothpletz. 

ttickische  Brustkrankheit,  die  von  seinen  drei  Brtidero  zwei  friih  dahingerafft 
hatte,  bedrohte  auch  ihn,  sodass  die  Aerzte  einen  Aufenthalt  in  slidlichem 
Klima  anriethen.  Er  begab  sich  nach  Madeira,  fand  dort  die  erhoffte  Besse- 
rung  und  suchte  dann  zu  weiterer  Kraftigung  die  Insel  Helgoland  auf.  Hier 
erreichte  ihn  (1847)  die  Nachricht  vom  bevorstehenden  Ausbruch  des  schwei- 
zerischen  Sonderbundskrieges.  Rasch  der  Heimath  zugeeilt,  meldete  er  sich 
in  Aarau  als  Freiwilliger  einer  Reservescharfschtitzenkompagnie  und  kam  im 
entscheidenden  Gefecht  bei  Gislikon  in's  Feuer.  Die  Eindrticke,  die  ihm  der 
kurze  Feldzug  hinterliess,  blieben  unverl6schlich  und  waren  ftir  seine  spatere 
Laufbahn  bestimmend,  sodass  er  im  Friihling  1848,  zur  militarischen  Carriere 
entschlossen,  als  Aspirant  in  die  Vorbereitungsschule  flir  Infanterieoffiziere 
trat  und  dann  sofort  einen  zweiten  Kurs  flir  Artillerieaspiranten  mitmachte, 
dessen  Leitender  der  Hauptmann  Hans  Herzog  war,  der  spatere  General. 
Noch  im  namlichen  Sommer  folgte  ein  Instructionskurs  im  Tessin.  Nun  aber 
regte  sich  die  noch  immer  nicht  vollig  gefestigte  Gesundheit  in  unangenehmer 
Weise  wieder  und  nothigte  ihn  abermals  zum  Besuch  des  Seebades.  Unter- 
wegs  dahin  vom  Waffenlarm  im  insurgirten  Berlin  angelockt,  durchwanderte 
er  Stadt  und  Umgebung,  knupfte  mit  dem  Revolutionskomite  Unterhandlungen 
an  und  entrann  schliesslich  den  einrtickenden  Truppen  und  vielleicht  dem 
Standrecht  mit  knapper  Noth.  In  der  Heimath  forderte  er  seine  militarische 
Ausbildung  mit  allem  Nachdruck,  absolvirte  eine  Kavallerierekrutenschule,  trat 
dann  zur  Artillerie  iiber,  avancirte  zum  Oberlieu tenant,  1855  zum  eidgenossi- 
schen  Artilleriehauptmann  und  nahm  an  verschiedenen  Centralschulen  theil. 
Als  Artilleriehauptmann  blieb  er  der  bestandige  Adjutant  von  Hans  Herzog, 
der  als  Waffenchef  der  Artillerie  die  Instructionsverhaltnisse  dieser  Waffe  in 
der  Schweiz  mit  einem  Schlag  von  Grund  aus  umwandelte,  nicht  zum  minde- 
sten  untersttitzt  von  R.  Dieser  begleitete  seinen  Obern  bei  verschiedenen 
Dienstanlassen,  so  1856  beim  Truppenzusammenzug  im  Thurgau  und  wahrend 
der  Grenzbesetzung  (1856/57)  infolge  des  sog.  Neuenburger  Handels.  Zwei  Jahre 
spater  fUhrte  ihn  die  Grenzbesetzung  in's  Tessin,  wo  er  schon  1855  wahrend  der 
Grenzoccupation  fungirt  hatte.  i860  wurde  er  Major  im  eidgenfissischen  Artil- 
leriestab,  1863  eidgenossischer  Oberstlieutenant,  nachdem  er  wahrend  mehrerer 
Jahre  als  Lehrer  und  Kommandant  von  Militarkursen,  namentlich  artilleristischen, 
gewirkt  hatte.  —  Gleichzeitig  mit  der  militarischen  Laufbahn  begann  er  auch 
diejenige  eines  Beam  ten,  zuerst  als  Aarauer  Stadtrath,  dann  als  Gerichts- 
prasident,  seit  1854  als  Oberrichter,  d.  h.  als  Mitglied  des  obersten  kantonalen 
Richterkollegiums.  In  dieser  Stellung  erhielt  er,  als  es  sich,  in  Vollziehung 
der  Staatsverfassung  von  1852,  um  die  Einfuhrung  des  Schwurgerichtes  han- 
delte,  den  Auftrag,  eine  neue  Strafprocessordnung  auszuarbeiten,  und  wurde 
1858  Prasident  des  Kriminalgerichts  und  des  Schwurgerichts.  In  schweren 
Stunden,  wo  er  seine  hoffhungslos  kranke  Mutter  pflegte,  begann  er  zu  malen 
und  legte  dann  nach  ihrem  Tode  alle  seine  Aemter  nieder,  um  ausschliesslich 
der  Kunst  zu  leben.  Er  wollte  in  aller  Form  Maler  werden  und  ging  nach 
MUnchen,  wo  er  namentlich  unter  Berthelli's  Leitung  zu  arbeiten  begann. 
Wahrend  er  unverdrossen  Pinsel  und  Palette  handhabte,  erhielt  er  1864  vom 
schweizerischen  Militardepartement  den  Auftrag,  sich  sofort  auf  den  danisch- 
deutschen  Kriegsschauplatz  zu  begeben.  Er  sah  nur  noch  eine  letzte  Episode 
des  Krieges,  da  die  DUppeler  Schanzen  schon  genommen  waren.  Immerhin 
bot  sich  Gelegenheit,  mit  Moltke  und  von  Gablenz  zusammenzutreffen.  Eine 
ahnliche    offizielle  Mission    fiihrte    ihn  1866  nach  dem  stiddeutschen  Kriegs- 


Rothpleti.  29 

schauplatz.  Nachdem  er  1867  Oberst  im  eidgenossischen  Generalstab  ge- 
worden,  leitete  er  1868  einen  taktischen  Kurs  fUr  Offiziere  des  Artilleriestabs ; 
auch  befasste  er  sich  damals  mehrfach  mit  Arbeiten  liber  die  Landesbefesti- 
gung.  Er  recognoscirte  noch  im  namlichen  Jahre  mit  einer  Kommission  die 
Nordfront  der  Schweiz  und  die  westliche  bis  in's  Wallis.  Als  1870  Hans 
Herzog  die  Wahl  zum  schweizerischen  General  angenommen  hatte,  berief  er 
R.,  dessen  Ernennung  zum  Generalstabschef  oder  Generaladjutanten  sich 
Schwierigkeiten  entgegenstellten,  zu  seinem  Adlatus;  R.  arbeitete  namentlich  in 
der  operativen  Sektion,  musste  sich  aber  bald  nach  Jahresanfang  legen  und 
drei  Monate  das  Bett  htiten.  1872  verheirathete  er  sich  mit  Fraul.  El.  Wydler 
von  Aarau,  mit  der  er  in  glticklicher  Ehe  lebte.  Bei  der  Durchflihrung  der 
neuen  schweizerischen  Militarorganisation  nach  dem  Gesetze  von  1874  wurde 
R.  als  einer  der  drei  Obersten  dem  Generalstab  zugetheilt,  erhielt  dann  aber 
das  Kommando  der  V.  Armeedivision  und  zugleich  den  Auftrag,  mit  derselben 
die  erste  sechszehntagige  Divisionsiibung  abzuhalten,  welche  Aufgabe  er  so 
trefflich  loste,  dass  seine  Maassnahmen  auf  Jahre  hinaus  ftir  die  folgenden 
Manovers  von  einschneidender  Bedeutung  blieben.  Seit  1876  wurde  er  als 
Lehrer  der  Centralschule  IV  fUr  Oberstlieutenants  verwendet,  und  am  7.  Mai 
1878  erfolgte  seine  Wahl  zum  Professor  der  Taktik,  Strategie  und  Kriegs- 
geschichte  am  schweizerischen  Polytechnicum  in  Zurich,  wohin  er  nun  ttber- 
siedelte.  Die  Schwierigkeiten  und  Aufgaben  der  neuen  Stellung  erwiesen  sich 
als  so  grosse,  dass  er  sich  vom  praktischen  Militardienst  immer  mehr  zurtick- 
zog;  und  Gesundheitsriicksichten  veranlassten  ihn  1883  seine  Entlassung  vom 
Divisionscommando  und  bald  darauf  aus  dem  Armeeverband  zu  nehmen. 
Neun  Jahre  spater  wurde  ihm  auch  die  Leitung  der  Oberstlieutenantsschulen 
zu  viel,  und  seit  seinem  siebzigsten  Jahre  hinderte  ihn  ein  immer  starker  wer- 
dendes  Herzleiden,  seine  Vorlesungen  abzuhalten. 

Der  Widerstreit  zwischen  wissenschaftlichen  und  klinstlerischen  Interessen, 
den  vielseitig  angelegte  Naturen  so  oft  zu  kampfen  haben,  wurde  fur  R.  friih 
complicirt  durch  die  militarischen  Neigungen  und  die  Erfahrungen,  die  er  im 
Sonderbundsfeldzug  machte.  »Diese  waren  mir«,  schreibt  er,  »fiir  meine 
spatere  Laufbahn  von  hohem  Werthe.  Ich  habe  die  Leiden  und  Freuden, 
die  Leistungsfahigkeit  und  die  BedUrfnisse  eines  Soldaten  kennen  gelernt;  ich 
habe  gesehen,  wie  der  Soldat  die  Offiziere  beurtheilt,  was  er  von  ihnen  er- 
wartet  und  welche  Eigenschaften  der  Offizier  haben  muss,  um  das  Vertrauen 
der  Mannschaft  zu  erwerben  und  um  am  Tage  der  Gefahr  Gehorsam  erwarten 
zu  diirfen.*  Von  seinem  dreissigsten  Jahre  an  publicirte  er  eine  Reihe  schrift- 
stellerischer  Arbeiten,  die  sich  beinahe  liber  alle  Gebiete  milit&rischen  Wissens 
erstrecken:  Taktik  aller  Waffen,  Strategie,  Terrainlehre,  Befestigungslehre, 
Organisation.  Die  bedeutendste  von  alien,  das  Handbuch  »Felddienst  und 
Taktik  der  eidgenossischen  Artilleries  (1866)  schrieb  er,  einer  Aufforderung 
seines  Vorgesetzten  Hans  Herzog  folgend,  in  der  unglaublich  kurzen  Zeit  von 
acht  Tagen  und  acht  Nach  ten,  freilich  nicht  ohne  diese  Ueberanstrengung 
gesundheitlich  lange  empfindlich  zu  sptiren.  Es  folgten:  »Recognoscirungen« 
1868.  »Die  schweizerische  Armee  im  Feld«  1869.  »Grundzlige  der  Organi- 
sation des  Sanitatsdienstes«  1873.  »Die  Ftihrung  der  Armeedivision*  1876. 
»Feldinstruction  liber  den  Sicherheitsdienst  der  Kavallerie  und  Infanterie«  1877. 
»Eroffnungsrede  zu  den  Vorlesungen  am  eidgenossischen  Polytechnicum*  1878. 
»Das  System  der  Landesbefestigung,  eine  strategische  Studie«  1880.  »Das 
Infanteriefeuer<,    1882.     »Die  Terrainkunde«   1885.    »Die  Gefechtsmethode  der 


jo  Rothpletz. 

drei  Waffengattungen«  (Geschichtliche  Entwickelung  1886,  Kavallerie  1886, 
Infanterie  1887,  Artillerie  1887).  »Die  strategische  Theilung  des  schweizeri- 
schen  Heeres«  1891.  »I)ie  Schlacht  bei  Martigny«  1891.  In  der  Schrift 
»Die  strategische  Theilung  des  schweizerischen  Heeres«  bekampfte  er  die 
damals  vorgeschlagene  Eintheilung  des  schweizerischen  Heeres  in  vier  Armee- 
corps  und  trat  fur  die  bisherige  Eintheilung  in  acht  Divisionen  ein.  Er  unter- 
lag  mit  seiner  Ansicht,  wie  er  auch  in  der  Frage  der  Landesbefestigung  nicht 
durchdrang;  er  plaidirte  fur  das  System  der  Verriegelung,  wahrend  man  sich 
maassgebenden  Ortes  ftir  dasjenige  einer  Centralbefestigung  entschied.  Er  war 
librigens  einer  der  Hauptforderer  der  Landesvertheidigung  und  Landesbefesti- 
gung und  ebenso  (mit  Welti,  Herzog  und  Feiss)  der  schweizerischen  Militar- 
organisation  von  1874.  Er  hat  die  Militarwissenschaften  in  operativem,  wie 
im  technischen  Sinne  selbstandig  durchgearbeitet  und  theoretisch  wie  prak- 
tisch  bemeistert  und  sich  (iber  die  Grenze  seines  Landes  hinaus  einen  geach- 
teten  Namen  als  Militarschriftsteller  gemacht.  Originelle  und  lichtvolle  Be- 
handlung  des  StofFes  und  schone  Form  zeichnen  ihn  aus,  wie  er  denn  aus 
innerstem  Bedtirfniss  immer  ein  betrachtliches  Gewicht  auf  die  Form,  ja  auf 
die  Formel  legte.  Das  hing  eng  mit  seinen  Klinstlergaben  zusammen.  Es 
blieb  ihm  zwar  als  Maler  versagt,  iiber  das  Dilettantische  hinauszukommen 
und  geschlossene  Werke  hervorzubringen,  sei  es,  weil  seinem  Talente  eine 
gewisse  Grenze  gezogen  war,  sei  es,  weil  er  erst  sehr  spat,  schon  beinahe 
ein  Vierziger,  sich  an  die  Bewaltigung  der  technischen  Schwierigkeiten  wagte 
und  weil  die  Lehrzeit  eine  allzu  kurze  war.  Aber  diese  Versuche  scharften 
seinen  Blick  und  Geschmack,  die  ihn  in  Stand  setzten,  eine  feine  Gemalde- 
sammlung  anzulegen,  deren  Perlen  weithin  leuchteten.  Es  befand  sich  u.  A. 
darin  die  sog.  bella  Visconti,  durch  Weber's  schonen  Stich  bekannt  geworden, 
und  eine  Madonna  mit  musicirenden  Engeln  von  A.  Feuerbach  (jetzt  in  der 
Dresdener  Galerie).  R.  gnindete  den  aargauischen  Kunstverein  und  setzte 
die  Erwerbung  manches  werthvollen  Bildes  zu  Handen  des  Staates  durch. 
Ihm  ist  es  zu  verdanken,  dass  Aarau  in  den  Besitz  eines  der  herrlichsten 
Bilder  Arnold  Bocklin's  gelangte  (Muse  des  Anakreon),  und  zwar  zu  einer 
Zeit  —  es  war  in  den  siebziger  Jahren  — ,  wo,  Basel  ausgenommen,  noch 
keine  andere  offentliche  Sammlung  der  Schweiz  ein  Werk  des  grossen  Mei- 
sters  besass.  Auch  um  die  Erhaltung  und  Restauration  der  beriihmten  Wet- 
tinger  Glasgemalde  machte  er  sich  verdient.  Als  President  der  schweizerischen 
Kunstkommission  veroffentlichte  er  1890  »Betrachtungen  iiber  die  Organisation 
der  Kunstpflege«,  worin  er  auf  manchen  Schaden  auf  dem  Gebiete  des  schwei- 
zerischen Kunstlebens  krftftig  hinwies. 

Das  kunstlerische  Bedtirfniss  veranlasste  ihn  auch  zu  stilgemasser  Aus- 
schmlickung  der  Wohnraume  im  sog.  Schlossle  zum  alten  Thurm  in  Aarau, 
einem  in  seinen  altesten  Theilen  megalolithischen  Bauwerk  aus  dem  frtihsten 
Mittelalter,  dem  spatere  Jahrhunderte  zwei  Wohnbauten  angeftlgt  hatten.  Das 
Innere  dieses  Thurmbaus,  den  Gottfried  Keller  als  einen  rechten  Ktinstler- 
und  Poetensitz  bezeichnete,  liess  R.  mit  Getafel  wieder  herrichten  und  stellte 
da  seine  Gemaldesammlung  auf.  Gerne  sah  er  seine  Freunde  bei  sich,  und 
sie  erschienen  gerne,  denn  er  war  ein  liebenswlirdiger  Wirth.  Anselm  Feuer- 
bach, Ludwig  Steub,  Virchow,  Hermann  Grimm  waren  gelegentlich,  der  am 
Aarauer  Gymnasium  wirkende  Germanist  E.  L.  Rochholz  haufig  hier;  und  als 
sich  J.  V.  v.  Scheffel  im  nahen  Seethal  eingehaust  hatte,  leerten  die  beiden 
manch  frohliches  Glas  zusammen,  denn  sie  verstanden  sich  vorztiglich;  waren 


Rothpletz.     Nttscheler.  31 

sie  doch  beide  von  Haus  aus  Juristen,  malten  und  dichteten  doch  beide. 
Auch  R.  namlich  liebte  die  Poesie  und  warf  manchen  ernsten  oder  heiteren 
Vers  bin.  Seine  Gedichte  Hess  er  auch  drucken,  aber  nur  fur  die  Seinigen 
und  die  Freunde. 

In  Ziirich  steigerte  sich  der  Verkehr.  R.  sah  Gottfried  Keller  nicht  sel- 
ten  bei  sich  und  noch  ofter  Bocklin,  der  sich  manches  Mai  Sonntags  zum 
Abendbrod  einfand  und  durch  heitere,  liebenswurdige  Laune  entztickte.  R. 
war  ein  trefflicher  Gesellschafter,  geistreich,  lebhaft,  gewandt  und  liebens- 
wiirdig,  dazu  ein  schongewachsener  Mann  mit  bedeutendem  Gesicht.  Seine 
gesellschaftliche  Liebenswiirdigkeit  entsprach  tibrigens  seiner  inneren ;  denn  er 
war  wohlwollend  und  trug  einen  noblen  Zug  an  sich,  dem  alles  Pedantische 
widerstrebte.  Die  specifische  Beschaffenheit  seines  Wesens  beruhte  wohl  auf 
der  Mischung  zweier  Stamme :  in  die  gehaltene,  mehr  ernste  Schweizerart,  die 
er  vom  Vater  geerbt,  brachte  die  pfalzische  Mutter  einen  leichtfltissigeren, 
heiteren  Schuss. 

(J.  Hunziker):  Oberst  £.  R.  ZQrich  1897  (nach  den  zicmlich  umfiinglichen  unge- 
druckten  Mcmoiren  R.'s)  »AUgem.  Schwcizer  Zeitung«  17.  Okt.  1897,  »Der  Bund«  18.  Okt. 
1897.  »Schweiz.  Militarische  Blatter«,  10.  Heft  1897.  »Zum  Andenken  an  Oberst  E.  R.« 
(o.  O.  u.  J.).     Ad.  Frey:  »J.  V.  v.  Scheffel's  Briefe  an  Schweizer  Freunde. «    1897. 

Adolf  Frey. 

Nuscheler,  Arnold,  Historiker,  *  18.  August  181 1  in  Zurich,  f  30.  Oktober 
1897  ebendaselbst.  —  Ein  Leben  voller  Arbeit  hat  am  30.  Oktober  1897 
seinen  Lauf  beschlossen.  Mit  dem  »fierrn  Rechenschreiber«,  wie  seine  Mit- 
biirger  den  Ehrendoctor  nannten,  ist  der  Nestor  der  Zurcherischen  Historio- 
graphen  zur  Ruhe  gegangen;  aber  sein  Bild,  welches  das  eines  lauter  wohl- 
woUenden,  im  Dienste  der  Wissenschaft  unermiidlichen  und  allezeit  opferwilligen 
Mannes  war,  wird  so  lange  leben,  als  es  Zeugen  seines  Schaffens  giebt.  N. 
ist  als  Sohn  eines  alten,  geachteten  Zurcher  Hauses  am  18.  August  181 1  ge- 
boren.  Zum  ktinftigen  Juristenstande  bestimmt,  hatte  er  die  Universitaten 
Heidelberg  und  Berlin  besucht;  dann  zog  es  ihn  zu  den  Cameralia  hin,  aut 
die  er  sich  in  Miinchen  und  wiederum  in  Heidelberg  verlegte.  Andere 
Interessen  drangten  sich  ebenfalls  hervor,  die  Freude  an  Allem,  was  Kunst 
und  Cultur  vergangener  Jahrhunderte  hinterlassen  haben  und  ein  lebhafter  Zug 
zu  den  Naturwissenschaften.  Reisen,  die  ihn  von  Deutschland  und  Oester- 
reich  bis  nach  Danemark  und  Schweden  und  dann  wieder  zuriick  nach  Frank- 
reich  bis  Havre  und  Toulon  fuhrten,  trugen  dem  aufmerksamen  Beobachter 
reiche  Erfahrungen  und  Kenntnisse  ein.  Seine  letzte  Etappe  war  Paris  ge- 
wesen;  dort  wurde  er  von  schwerer  Krankheit  befallen,  die  den  kaum  Ge- 
nesenen  1835  zur  Rtickkehr  in  die  Heimath  zwang. 

Hier  fing  nun  das  Wirken  an,  welches  er  in  gleichem  Maasse  flir  Staat 
und  Vaterstadt,  wie  flir  die  "Wissenschaft  entfaltet  hat.  Als  griindlicher 
Comptable  wurde  er  schon  bald  nach  der  Heimkehr  zum  Rechenschreiber, 
das  will  sagen,  zum  Sekretar  des  kantonalen  Finanzwesens  ernannt,  welche 
Stellung  er  fast  drei  Jahrzehnte  lang  mit  der  ihm  eigenen  Umsicht  und  Ge- 
wissenhaftigkeit  versah.  An  anderen  Aemtern  und  Wurden  gebrach  es  nicht 
und  seinen  vielseitigen  Anlagen  entsprach  die  Zahl  der  Vereinigungen,  in  deren 
meisten  er  ein  rtihriges  Mitglied  war.  Von  all  den  Neigungen  aber,  zu  deren 
Pflege  Amt  und  Pflicht  ein  Uebriges  liessen,  trat  mehr  und  mehr  die  Eine 
hervor,  die  zur  Geschichte  und  Alterthumskunde,  wrelche  bis  an's  Lebensende 
seine  eigenste  blieb. 


j  2  Nttscheler. 

Ein  Biograph  hat  ausgeftihrt,  wie  bald  das  Amt  diesen  Zug  auf  feste 
Bahnen  lenkte.  Zu  N.'s  Obliegenheiten  hat  in  der  Wende  der  Dreissiger  und 
Vierziger  Jahre  die  Untersuchung  iiber  die  Collaturverhaltnisse  der  zlircheri- 
schen  Kirchen  gehort.  Das  forderte  zum  Studium  der  einschlagigen  Docu- 
mente  heraus,  womit  sich  der  junge  Gelehrte  aber  nicht  beschied,  sondern 
noch  weiter  fuhr,  indem  er  iiber  den  berufsmassigen  Rahmen  hinaus  sich  auf 
das  systematische  Studium  des  gesammten  ihm  zuganglichen  Urkundenmaterials 
verlegte  und  so  den  Grund  zu  einer  Arbeit  schuf,  auf  die  sich  nachmals  zu- 
vorderst  sein  Ruf  begrtindet  hat. 

Es  war  auch  eine  Zeit,  die  solchen  Bestrebungen  vollauf  zu  Gute  kam. 
1837  hatte  sich  die  Antiquarische  Gesellschaft  in  Zurich  aufgethan,  in  welcher 
N.  von  1842 — 1856  das  Amt  des  Actuars  versah.  Noch  war  der  liebens- 
wtirdige  Vertreter  Zurcherischer  Alterthumskunde,  der  Pfarrer  und  Kirchenrath 
Salomon  Vogelin  am  Leben,  Ferdinand  Keller  stund  in  vollster  Kraft,  Dr. 
Meyer-Ochsner,  die  Briider  Schulthess,  Paul  und  Ludwig,  hatten  jeder  nur 
eine  Lust,  die  nach  dem  Alten  zu  stobern.  Die  reichen  Anregungen,  welche 
Fremde  brachten  und  ein  freundschaftlicher  Ton,  der  jetzt  noch  bei  den  ztir- 
cherischen  »Antiquaren«  herrscht,  stimmten  mit  einem  fast  familiaren  Leben 
tiberein.  Es  war  Spateren  eine  Freude,  die  letzten  dieser  Herren  zu  sehen, 
wenn  sie  auf  dem  Helmhause  beim  taglichen  Stelldichein  in  Ferdinand  Kel- 
ler's Sttiblein  Funken  schlugen. 

In  den  Sitzungen  dieser  Gesellschaft  hatte  sich  N.  eingefunden,  so  lange 
die  korperlichen  Krafte  ihn  dazu  fahig  machten,  und  wie  sich  Ferdinand  Keller 
als  sein  Freund  benahm,  hat  eine  Episode  gezeigt,  die  zu  den  kostlichsten 
an  jenen  Samstagabenden  gehorte.  In  den  Siebziger  Jahren  hatte  N.  eine 
Abhandlung  tiber  die  Zlircherischen  Ausgemeinden  vorgetragen,  deren  Griind- 
lichkeit  die  Geduld  eines  gewichtigen  Professors  zu  ausgiebig  beansprucht 
haben  mochte.  >Nun  kann  mir  mein  gelehrter  Freund  N.  auch  dieses  oder 
jenes  sagen«,  flocht  er  in  sein  Votum  ein,  worauf  ihn  Keller  mit  ebenso 
spitziger  Wendung  frug:  »Nun  kann  mir  mein  gelehrter  Freund  ....  auch 
sagen,  was  ein  Absichtsdiinkel  ist?«  und  dann  den  Auskunftslosen  belehrte, 
welches  Form  und  Gebrauch  dieser  auf  alien  Hochwachten  vorhandenen  Ein- 
richtung  war. 

N.  hat  am  liebsten  still  und  emsig  liber  Buchern  und  Schnften  gesessen ; 
er  war  ein  Forscher  frommen  und  schlichten  Schlages,  der  keine  hohere  Genug- 
thuung  als  die  an  der  Arbeit  und  dem  Dienst  ftir  Andere  kannte.  Einem 
jtingeren  Freunde,  der  ihm  noch  Abends  am  14.  November  1874  die  Kunde 
von  dem  eben  gefassten  Facultatsbeschluss  tiberbrachte,  erzahlt,  wie  dem 
Ehrendoctor  tiber  seinem  freudigen  Schrecken  beinahe  die  zum  Empfang  be- 
reite  Studirlampe  entfallen  sei.  Oft  habe  ich  ihn  aus  meinem  Fenster  durch 
den  Garten  des  angestammten  Hauses  zum  »hinteren  Magazinhofe^  wandeln 
sehen  mit  Sammtkappchen  und  Schlafrock;  er  nahm  sich  wie  ein  Chorherr 
in  seinem  Stiftshofchen  aus.  Es  hat  aber  auch  Zeiten  eines  riistigeren  Daseins 
gegeben,  da  er  Seinesgleichen  im  Wandern  suchte  und  unermiidlich  von  einem 
Burgstall  zum  anderen  und  von  Kirche  zu  Kirche  gepilgert  ist,  Auf  solchen 
Gangen  habe  ich  Anfangs  der  Sechsziger  Jahre  den  Herrn  Rechenschreiber 
oft  begleitet  und  manches  Samlein  heimgetragen,  das  nachher  aufgegangen  ist. 

Damals  fingen  die  Vorbereitungen  zu  seinem  Hauptwerke  an,  dessen 
erstes  Heft  unter  dem  Titel  »Die  Gotteshiiuser  der  Schweiz«  im  Jahre  1864 
erschien,  ein  Verzeichniss  der  Kirchen,  Stifter  und  Kapellen,  nach  Bisthiimern 


Nttscheler. 


33 


und  Dekanaten  geordnet,  das  aus  quellenmassiger  Umschau  deren  Geschichte 
zusammenfasst  und  eine  knappe  Beschreibung  der  Bauten,  sowie  der  vornehm- 
sten  darin  enthaltenen  Kunst-  und  Alterthumsdenkmaler  enthalt.  Es  ist,  wie 
alles  Menschenwerk,  nicht  einwandsfrei,  aber  ein  Wurf,  mit  dem  die  histori- 
sche  und  antiquarische  Forschung  wohl  bleibend  rechnen  wird.  Warum  es 
in  der  begonnenen  Form  schon  mit  dem  dritten  Hefte  schloss,  ist  eine  Frage, 
die  sich  aus  den  Betrachtungen  liber  das  Verhaltniss  des  »Marktes«  zu  den 
idealen  Bestrebungen  erhebt.  Eine  Fortsetzung  hat  N.  aber  doch  erlebt;  sie 
ist  fiir  den  Rest  des  Ziircherischen  Theiles  und  der  einschl&gigen  Dekanate 
in  dem  ftinffcrtigen  »Geschichtsfreunde«  und  die  den  Aargau  betreffende  Sparte 
in  der  »Argovia«  erschienen  und  das  Abendgold  gewesen,  an  dem  sich  der  treue 
Forscher  sonnen  durfte. 

Anderes  hatte  er  schon  frilher  geschenkt,  Abhandlungen  liber  die  Lepro- 
senhauser  im  Canton  Ztirich  und  die  schweizerischen  Letzinen,  welche  die 
♦Mittheilungen  der  Antiquarischen  Gesellschaft  in  Ztirich  «  brachten,  reiche  Bei- 
trage  zu  der  neuen  Auflage  von  Vogelin's  »altem  Ztirich*  und  solche  zur 
Glockenkunde,  die,  je  nach  den  Kantonen,  aus  welchen  sie  stammten,  in  den 
betrefFenden  Vereinspublikationen  und  dem  »Bollettino  storico  della  Svizzera 
italiana*  erschienen. 

Und  mit  solchen  Verftffentlichungen  ging  unausgesetzt  der  Ausbau  seiner 
Collectaneen  Hand  in  Hand.  So  kam  eine  Quelle  zu  Stande,  aus  welcher 
Bachlein  auf  Bachlein  lief.  Wer  immer  die  Geschichte  einer  Gemeinde,  einer 
Burg,  oder  Kirche  schrieb,  der  sprach  zuerst  bei  N.  vor,  der  seinerseits 
gerne  empfing,  aber  ebenso  freigebig  und  neidlos  schenkte.  Seine  Liberalitat 
in  wissenschaftlichen  Spenden  kannte  keine  Grenzen,  wenn  er  nur  Ernst  und 
braves  Wollen  sah.  Und  ganz  in  diesem  Sinne  hat  er  dann  auch  liber  seinen 
Nachlass  verfiigt;  einen  offentlichen  und  zuganglichen  Gewahrsam  werden  seine 
Aufzeichnungen  finden ;  die  Freude  an  dem  Werden  und  Wachsen  des  Schwei- 
zerischen Landesmuseums  hat  ihn  bestimmt,  dieser  Anstalt  seine  reiche  Samm- 
lung  von  Zeichnungen,  eine  Auswahl  von  Blichern  nach  Belieben  und  kost- 
bare  Glasgemalde  zu  vermachen. 

Wer  m6chte  zweifeln,  dass  ein  solcher  Hliter  keine  Feinde  hatte  und  wo 
er  hinkam,  zu  den  Willkommenen  gehorte.  Ganz  besonders  in  dem  »histori- 
schen  Verein  der  flinf  Orte«  hat  sich  N.  daheim  geftihlt.  Hier  traf  er  mit 
denen  zusammen,  die  seine  stancligen  Correspondenten  waren,  geistlichen 
Herren  zumeist,  unter  denen  die  seligen  Chorherren  Ltitolf,  Aebi,  Rohrer  und 
der  edle  Bischof  Friedrich  Fiala  zu  seinen  Vertrauten  zahlten.  Und  ebenso 
Treffliche  hat  er  unter  den  Vertretern  seines  Bekenntnisses  gepflegt:  Pupikofer, 
Morikofer  und  Sulzberger  sind  Manner,  deren  Namen  sich  Blatt  flir  Blatt  in 
seinen  Collectaneen  finden  und  mit  denen  er  auch  personlich  auf  nahem  Fusse 
stand.  Wer  immer  sein  Haus  am  Thalacker  besuchte,  war  freundlicher  Auf- 
nahme  gewiss.  Ich  hore  noch  die  helle  Stimme  und  den  Ausruf  freudigen 
Willkommens,  womit  er  die  jeweiligen  Berichte  liber  meine  Fahrten  und  ihre 
Ergebnisse  empfing. 

Seit  dem  Jahre  1847  hatte  er  ein  zweites  Heim  bezogen,  das  neue  Land- 
gut  auf  dem  Homberge,  das  im  »Amt«  zwischen  Rifferschwil  und  Mettmen- 
stetten  liegt,  und  wo  er  nun  jeweilig  seine  Sommerfrische  genoss.  Hier  hat 
neben  dem  Antiquar  der  Naturfreund  gehaust.  So  lange  N.  im  Amte  stand, 
pflegte  er  jeweilig  Samstag  Abends  nach  dem  wohl  vier  Stunden  von  Ztirich 
entfernten  Tusculum  zu  pilgern  und  wieder  zu  Fuss  den  Heimweg  zu  machen. 

Biogr.  Jabrb.  a.  DeuUcber  Nekrolog.  9.  Bd.  3 


34 


Ntischeler.     Auerbach. 


Erst  als  ihm  das  Alter  den  Ruhestand  vergonnte,  ist  der  Homberg  sein  blei- 
bendes  Sommerquartier  geworden,  von  dem  er  aber  unentwegt  seine  Marsche 
unternahm.  An  die  vierzig  Mai  ist  er  von  hier  auf  den  Rigi  gewandert;  kein 
Pfad  weitherum  blieb  unbegangen  und  als  Botaniker  kannte  er  sich  uber  alle 
Specialitaten  aus.  Auf  dem  Homberg  selber  legte  er  eine  Pflanzung  auslan- 
discher  Seltenheiten  an,  auf  die  er  sich  ebenso  stolz  wie  auf  die  unvergleich- 
liche  Fernsicht  berief.  Eine  schonere  Warte  als  sein  Studierzimmer  hatte  es 
auch  nicht  geben  konnen,  aus  dem  man  vom  Santis  bis  zum  Stockhorn  sieht, 
und  so  recht  dem  Verfasser  der  »Gotteshauser«  war  es  angethan,  dass  er  von 
hier  auf  24  Kirch thlirme  blicken  konnte.  Den  Freunden  ist  der  Homberg 
ein  offenes  Haus  gewesen  und  als  sein  Erbauer  die  Krafte  wanken  ftihlte,  da 
hat  er,  noch  geraume  Zeit  vor  seinem  Lebensende,  den  traulichen  Sitz  seinen 
Neffen  und  Nichten  geschenkt. 

Die  letzten  Jahre  sind  ihm  eine  Zeit  des  schweren  Duldens  gewesen, 
Gehor  und  Auge  versagten  den  Dienst;  der  bisher  Unermiidliche  war  zum 
Feiern  gezwungen.  Er  hat  aber  standhaft  die  Prufung  ertragen  und,  welche 
Anstrengung  die  immer  selteneren  Besuche  ihm  machten,  doch  ab  und  zu 
eine  helle  Theilnahme  an  dem  gezeigt,  was  vordem  sein  Herz  so  warm  und 
tief  bewegte.  Im  Juni  1888  hatte  er,  noch  vollkraftig  an  Leib  und  Seele, 
sein  goldenes  Hochzeitsfest  begangen,  und  der  Gattin,  Katharina  Usteri,  blieb 
es  beschieden,  seiner  hingebend  und  tapfer  bis  zu  dem  Stundlein  zu  warten, 
das  unerbittlich  einem  treuen  Herzensbunde  schlug. 

J.  R.  Rahn. 

Auerbach,  Leopold  A.,  Universitatsprofessor  der  allgemeinen  Biologie, 
besonders  der  Gewebelehre,  in  Breslau,  *  am  27.  April  1828  daselbst,  f  am 
1.  October  1897  ebenda.  —  A.  studirte  in  seiner  Vaterstadt,  in  Leipzig  und 
Berlin  und  erlangte  1849  die  Doctorwiirde.  Darauf  liess  er  sich  1850  als  Arzt 
in  Breslau  nieder  und  widmete  sich  hier  neben  seiner  praktischen  Thatigkeit 
dem  Specialstudium  der  Histologic  auf  Anregung  und  unter  Leitung  seines 
Lehrers  Purkinje,  sowie  der  Bearbeitung  neuropathologischer  Themata.  1863 
habilitirte  er  sich  als  Privatdocent,  1872  wurde  er  zum  Extraordinarius  er- 
nannt  und  war  in  dieser  Stellung  bis  zu  seinem  Lebensende  thatig.  Seine 
zahlreichen  Arbeiten  bewegen  sich  auf  den  Gebieten  der  Anatomie  bezw. 
Histologic,  Physiologie,  Embryologie  und  allgemeinen  Biologie.  Eine  seiner 
ersten  Veroffentlichungen  war  eine  Abhandlung  »uber  psychische  Thatig- 
keiten  des  Riickenmarks«  (in  Gunsburg's  Zeitschr.  f.  Med.  IV.  1853).  1855 
folgte  die  grundlegende  Untersuchung  uber  die  Einzelligkeit  der  Amdben. 
Weitere  Arbeiten  A.'s  sind  betitelt:  »Ueber  die  Erscheinungen  bei  ortlicher 
Muskelreizung*  (Abhandl.  d.  schles.  Ges.  f.  vaterl.  Cultur  1861  S.  291  bis 
326);  »Ueber  Percussion  der  Muskeln«  (Zeitschr.  f.  rat.  Med.  1862);  »Bau  der 
Blut-  und  Lymphcapillaren<(  (Centralbl.  f.  d.  med.  Wissensch.  1865);  »Lymph- 
gefasse  des  Darms«  (Virchow's  Archiv  XXXIII.  1865);  »Wahre  Muskel- 
hypertrophie«  (ebenda  1871),  ferner  Studien  zur  Mechanik  des  Saugens 
und  der  Inspiration  und  andere  kleinere  Abhandlungen  in  der  Zeitschr.  f.  wiss. 
Zool.,  in  Reichert-Du  Bois'  Archiv,  in  den  Verhandl.  der  Berl.  Med.  Gesellsch., 
in  den  »Beitragen  zur  Biologie  der  Pflanzen«  herausg.  von  Ferd.  Cohn  u.  A. 
Dazu  kommen  die  selbstandig  erschienenen  Schriften:  »Ueber  einen  Plexus 
myentericus«  (Breslau  1862)  und  »Organologische  Studien«  (ebenda  1874  Heft  1 
und  2);    letztere    enthalten  Untersuchungen  uber  Bau,  chemische  Reactionen 


Auerbach.     AJbedyll.  *  5 

und  Lebensgeschichte    der  Zellkerne    und    iiber  die  ersten  Entwickelungsvor- 
gange  im  befruchteten  Ei. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerzte  I,  S.  226, 

Pagel. 

Albedyll,  Emil  von,  Koniglich  Preussischer  General  der  Kavallerie,  *  am 
1.  April  1824  zu  Liebenow,  Kreis  Arnswalde  in  der  Neumark,  f  am  i3.Juni 
1897  zu  Potsdam.  —  v.  A.  trat  am  10.  April  1841  beim  2.  Ktirassier-Regimente 
zu  Pasewalk  in  den  Dienst,  wurde  am  9.  Mai  1843  Seconde-,  am  11.  November 
1854  Premier-Lieutenant  und  am  25,  Mai  1858  Rittmeister.  Nachdem  er  im 
Jahre  1848  Regiments-Adjutant  geworden  war,  als  solcher  den  Feldzug  vom 
Jahre  1848  gegen  D&nemark  mitgemacht  und  von  1856 — 1859  eine  Landwehr- 
Eskadron  geflihrt  hatte,  alsdann  Adjutant  der  7.  Division  in  Magdeburg  ge- 
wesen  war,  wurde  er  am  22.  April  1862  zur  Abtheilung  fiir  die  persSnlichen 
Angelegenheiten  im  Kriegsministerium  kommandirt  und  gelangte  damit  in 
einen  Wirkungskreis,  in  welchem  er  langer  als  fiinfundzwanzig  Jahre  hindurch 
in  den  verschiedensten  Stellungen  th&tig  gewesen  ist.  Eine  grosse  Menschen-, 
sowie  eine  ausgebreitete  Personalkenntniss,  ein  vorzligliches  Gedachtniss  und 
eine  ungewfthnliche  Arbeitskraft,  ein  lebhaftes  Gefiihl  fiir  Recht  und  Unpartei- 
lichkeit,  gepaart  mit  Wohlwollen,  einnehmenden  Formen  und  einem  vortheil- 
haften  Aeusseren,  machten  ihn  ftir  die  Verwendung  in  diesem  hochwicbtigen, 
umfangreichen  Geschaftsbetriebe  ganz  besonders  geeignet.  Schon  in  den 
Jahren  1866  und  1867  war  die  Vertheilung  des  Zuwachses  an  Offizieren, 
welcher  auf  der  Gebietserweiterung  Preussens,  der  Begrlindung  des  Nord- 
deutschen  Bundes  und  den  abgeschlossenen  Militarconventionen  beruhte,  vor- 
wiegend  sein  Werk  gewesen;  nachdem  er  am  26.  Februar  187 1  an  die  Spitze 
der  Abtheilung  und  ein  Jahr  darauf  auch  des  bis  dahin  formell  von  jener 
Abtheilung  getrennt  gewesenen  Militarkabinets  getreten  war,  nahmen  die  dem 
Chef  desselben  obliegenden  Arbeiten  einen  stets  wachsenden  Umfang  an;  die 
Dienste,  welche  v.  A,  als  solcher  leistete,  waren  so  werthvoll,  dass  Kaiser 
Wilhelm  I.  seinen  bewahrten  Mitarbeiter  nicht  entbehren  zu  kOnnen  glaubte, 
Um  A.'s  Verbleiben  in  der  Stellung  zu  ermoglichen,  wurde,  als  im  M&rz  1 883 
General  Bronsart  von  Schellendorf  L,  welcher  jlinger  war  als  v.  A.,  an  die 
Spitze  des  Kriegsministeriums  trat,  das  Militarkabinet  von  diesem  ganz  ge- 
trennt. Als  Kaiser  Wilhelm  II.  die  Regierung  iibernommen  hatte,  wurde 
v.  A.,  welcher  inzwischen  zum  General  der  Kavallerie  aufgestiegen  war,  am 
7.  August  1888  zum  kommandirenden  General  des  VII.  Armeekorps  ernannt, 
welches  er  im  nachstfolgenden  Jahre  bei  den  alsdajin  abgehaltenen  Kaiser- 
manovern  seinem  Kriegsherrn  vorflihren  durfte.  Am  3.  Juni  1893  wurde  er 
in  Genehmigung  seines  Abschiedsgesuches  mit  Pension  zur  Disposition  ge- 
stellt.  Im  Frontdienste  war  General  v.  A.,  abgesehen  von  einer  1869  statt- 
gehabten  dreimonatlichen  Kommandirung  zur  Fiihrung  des  7.  Klirassier- 
Regiments,  seit  dem  Jahre  1859  ™cht  verwendet  gewesen;  die  Feldzilge  von 
1866  und  von  1870/71  hatte  er  im  Grossen  Hauptquartiere  mitgemacht.  — 
Den  Rest  seiner  Tage  verlebte  er  zu  Potsdam.  —  An  &usseren  Ehren  hat  es 
dem  General  von  A.  nicht  gefehlt.  So  war  ihm  gelegentlich  der  Feier  seines 
flinfzigjahrigen  Dienstjubil&ums  der  Schwarze  Adlerorden  verliehen,  zu  wel- 
chem er  bei  seinem  Ausscheiden  die  Brillanten  empfing.  Auch  war  er  im 
Genusse  einer  Domherrenstelle  zu  Brandenburg. 

B.  Poten. 


*  6  Althaus.     Davidsohn. 

Althaus,  Friedrich,  Schriftsteller,  *  am  14.  Mai  1829  zu  Detmold,  f  am 
7.  Juli  1897  zu  London.  —  Sein  Vater  war  Generalsuperintendent  in  Detmold. 
Der  Sohn  machte  seine  Studien  in  Bonn  und  Berlin  und  erwarb  sich  in  letzt- 
genannter  Stadt  die  DoktorwUrde  und  die  Freundschaft  Alexander  von  Hum- 
boldt's. Mit  Empfehlungen  dieses  grossen  Gelehrten  ging  er  1853  nach  Eng- 
land, wo  er  seitdem  als  Lehrer  und  Schriftsteller  gelebt  und  auch  seine  letzte 
Ruhestatte  gefunden  hat.  Als  Lehrer  bekleidete  er  eine  Stelle  an  der  konig- 
lichen  Militar-Akademie  in  Woolwich  und  seit  1874  eine  Professur  fur  deut- 
sche  Sprache  und  Literatur  am  University  College,  examinirte  auch  in  dem- 
selben  Fache  viele  Jahre  an  der  » University  of  London*.  Daneben  war  er  als 
Examinator  thatig  ftir  den  indischen  Civil-Staatsdienst,  ftir  die  Prttfungen  des 
Ministeriums  der  auswartigen  Angelegenheiten,  ftir  die  des  Kriegsministeriums 
und  anderer  Behorden.  Als  Schriftsteller  arbeitete  A.  ausschliesslich  in  deut- 
scher  Sprache.  Er  schrieb  eine  Anzahl  Artikel  iiber  englische  Gegenstande 
flir  drei  Auflagen  de£  Brockhaus'schen  Conversations-Lexikons,  zahlreiche 
Essays  ilber  politische,  literarische  und  sociale  Fragen  in  England  filr  die 
besten  deutschen  Zeitschriften  und  Zeitungen  und  flir  den  »Neuen  Plutarch* 
(Brockhaus)  die  Biographien  von  Fox,  Nelson,  Lord  Russel  und  Disraeli.  Er 
war  einer  der  besten  Kenner  Englands,  seiner  Institutionen,  seiner  Staats- 
manner  und  des  Charakters  des  Volkes,  und  sein  bestandiges  Bestreben  ging 
dahin,  eine  rechte  Schatzung  Englands  und  englischer  Dinge  unter  seinen 
Landsleuten  zu  verbreiten.  Zeuge  dessen  sind  seine  »Englischen  Charakterbilderc 
(II,  1869  — 1870).  Ausserdem  gab  er  heraus  »Briefwechsel  und  Gesprache 
Alexander  von  Humboldt's  mit  einem  jungen  Freunde«  (1869);  »  Samuel 
Hartlib,  ein  deutsch-englisches  Charakterbild«  (1883);  e*ne  Biographie  seines 
Bruders,  »Theodor  Althaus,  ein  Lebensbild«  (1888),  endlich  die  »R6mischen 
Tagebticher«  seines  alten  Freundes  Ferdinand  Gregorovius  (1892).  Unter 
seinen  Uebersetzungen  ist  hervorzuheben  »Das  Leben  von  Dickens  von  J. 
Forster«  (III,  i872ff.).  SchliessUch  muss  noch  erwahnt  werden,  dass  A.  im 
Auftrage  des  Prinzgemahls  der  KOnigin  von  England  im  Londoner  Buckingham 
Palaste  wahrend  der  Jahre  1856 — 64  eine  Sammlung  von  etwa  60000  Stichen 
von  historischen  Portraits  aller  Zeiten  und  aller  Nationen  ordnete  und  den 
Katalog  liber  die  Ausstellung  von  National-Portraits  in  South  Kensington  1868 
zusammenstellte. 

The  illustrated  London  News  v.  17.  Juli  1897. 

Franz  Brtimmer. 

Davidsohn,  George,  Redacteur,  *  am  19.  December  1835  in  Danzig,  f  am 
6.  Februar  1897  zu  Berlin.  —  Ursprilnglich  fti*  den  Beruf  eines  Kauftnanns 
bestimmt,  trat  er  nach  Absolvirung  der  Petrischule  seiner  Vaterstadt  in  ein 
dortiges  Getreidegeschaft  als  Lehrling  ein,  war  nach  beendeter  Lehrzeit  bei 
einer  grossen  Speditionsfirma  in  Konigsberg  i.  Pr.  beschaftigt  und  ging  1856 
nach  Berlin,  wo  er  zunachst  sich  als  Berichterstatter  tiber  Vorgange  im  wirth- 
schaftlichen  Leben  flir  verschiedene  Zeitungen  bethatigte.  Im  Jahre  i860  trat 
er  in  die  Redaction  der  »Berliner  B6rsenzeitung« ;  wenn  auch  vorwiegend  ftir 
den  Handelstheil  derselben  verwendet,  fand  er  doch  auch  bald  Gelegenheit, 
seine  feuilletonistische  Begabung  in  der  von  ihm  begriindeten  Wochenbeilage 
zu  dieser  Zeitung,  »Die  Borse  des  Lebens«  zur  Geltung  zu  bringen.  Im 
Jahre  1868  schuf  er  den  »Berliner  B6rsen-Courier«  und  leitete  denselben, 
auch  nachdem  dieser  1884   in   eine  Aktiengesellschaft  umgewandelt  worden, 


Davidsohn.     Schepss.  3  7 

bis  zu  seinem  Tode  als  Chefredacteur.  Er  war  der  erste,  der  in  der  Berliner 
Presse  ftir  Richard  Wagner  und  seine  Werke  eintrat,  der  auch  zu  den  Be- 
griindern  des  ersten  Berliner  Wagnervereins  gehorte  und  spater  lebhaft  ftir  das 
Bayreuther  Unternehmen  agitirte. 

Richard  Wrede  und  Hans  von  Reinfels:  Das  geistige  Berlin.     I.  Band.     Berlin  1897, 
Seite  64. 

Franz  Brtimmer. 

Schepss,  Georg,  Gymnasialprofessor,  *  am  26.  December  1852  zu  Schwein- 
furt,  f  am  4.  September  1897  zu  Speier.  —  Einer  evangelischen  Kaufmanns- 
familie  entstammend,  besuchte  der  reich  talentirte,  nach  dem  frtihzeitigen  Tode 
des  Vaters  von  der  Mutter  mit  zartlicher  Fiirsorge  behtitete  Knabe  das  Gym- 
nasium seiner  Vaterstadt,  deren  sammtliche  Klassen  er  als  Primus  absolvirte. 
Die  schon  frlihzeitig  hervortretende  Vorliebe  des  Knaben  ftir  das  Studium  des 
klassischen  Alterthums  wurde  wohl  wesentlich  vertieft  durch  den  Einfluss  des 
als  Lehrer  und  Philosoph  gleich  bedeutenden  ehrwtirdigen  Prof.  Carl  Bayer,  der 
damals  am  Schweinfurter  Gymnasium  wirkte,  und  dessen  entziickender  Enthu- 
siasmus  fiir  die  Antike  auch  seine  Schliler  mitfortriss.  Der  hochgestimmte 
Idealismus  jener  Schweinfurter  Jugendjahre  und  eine  nicht  geringe  poetische 
Begabung  kam  in  einer  reichen  Ftille  von  lyrischen  Dichtungen,  die  nur  zum 
kleinen  Theile  ihren  Weg  in  die  Oeffentlichkeit  fanden,  zum  Ausdruck.  Im 
Herbst  1871  bezog  Sch.  die  Universitat  Erlangen,  an  der  er  sich  historischen 
und  klassisch-philologischen  Studien  widmete,  ohne  dass  er  jedoch  als  be- 
geisterter  Burschenschafter,  der  er  zeitlebens  blieb,  dem  poetischen  Reize  des 
studentischen  Lebens  sich  verschloss.  Zu  Ostern  1873  siedelte  er,  einem 
patriotischen  Herzenszuge  folgend,  an  die  neugegrilndete  Universitat  Strassburg 
tiber,  wo  er  besonders  eng  an  Studemund  sich  anschloss  und  im  Winter  1875 
promovirte.  Im  Sommer  1875  studirte  er  in  Mllnchen,  legte  im  Herbste 
dieses  Jahres  dort  sein  philologisches  Staatsexamen  ab  und  fand  seine  erste 
Anstellung  als  Assistent  am  Gymnasium  zu  Ansbach.  Im  October  1876  zum 
Studienlehrer  an  der  Lateinschule  zu  Dinkelsblihl  in  Mittelfranken  ernannt, 
fiihrte  er  dort  die  Jugendgeliebte  heim.  Die  eifrigen  handschriftlichen  Stu- 
dien an  der  benachbarten  ftlrstlich  Oettingen-Wallersteinischen  Bibliothek  in 
Maihingen,  denen  er  wahrend  seines  vierjahrigen  Aufenthaltes  in  der  kleinen 
ehemaligen  Reichsstadt  nachging,  sind  von  bestimmendem  Einflusse  auf  Sch.'s 
ganze  spatere  schriftstellerische  Thatigkeit  geworden.  Auch  um  die  Erhaltung 
und  Ordnung  des  bislang  arg  verwahrlosten  stadtischen  Archivs  von  Dinkels- 
blihl hat  Sch.  sich  bleibende  Verdienste  erworben.  Seine  im  Jahre  1880  er- 
folgte  Versetzung  nach  Wtirzburg  brachte  neben  einer  vielseitigeren  und  an- 
regenderen  Berufsthatigkeit  seinen  wissenschaftlichen  Studien  durch  die  sich 
ankniipfenden  mannichfachen  Beziehungen  zum  Universitatskreise,  namentlich 
aber  durch  die  Gelegenheit,  so  manchen  handschriftlichen  Schatz  der  dortigen 
Universitatsbibliothek  zu  heben,  reiche  FSrderung.  Der  ihm  nahegelegte 
Uebertritt  in  die  akademische  Laufbahn,  fUr  die  Sch.  ohne  Frage  so  ganz 
berufen  war,  ist  von  ihm  leider  nur  vortibergehend  erwogen  worden.  Das 
Jahr  1890  brachte  seine  Ernennung  zum  Gymnasialprofessor  in  Speier,  wo  er 
mit  reichem  Erfolge  im  Lehrberufe  wie  als  Forscher  sieben  Jahre  hindurch 
gewirkt  hat.  Nachdem  Sch.  noch  im  Herbst  1896  durch  seine  Berufung  als 
Priifungskommissar  ftir  das  philologische  Specialexamen  ausgezeichnet  worden 
war,  wurde  er  mitten  in  weit  aussehenden  wissenschaftlichen  Unternehmungen 


38  Schepss. 

durch  ein  bosartiges  Leber-  und  Darmleiden,  das  wohl  schon  langer  unbe- 
achtet  an  seiner  Lebenskraft  gezehrt,  und  gegen  das  er  in  heldenhafter  Er- 
fullung  seiner  Berufspflichten  bis  zuletzt  ankampfte,  aus  einem  hochst  gltick- 
lichen  Familienleben  am  4.  September  1897  dahingerafft. 

In  seiner  ersten  literarischen  Arbeit,  der  1876  erschienenen  Strassburger 
Inauguraldissertation  *De  so/oecismot,  hatte  Sch.  ein  seinen  Neigungen  wohl 
nur  wenig  zusagendes  Thema  aus  der  Geschichte  der  Grammatik  der  klassi- 
schen  Sprachen  behandelt.  Durch  die  von  Dinkelsbiihl  aus  mit  rastlosem 
Eifer  betriebene  Durchforschung  der  Maihinger  Bibliothek  wurde  sein  Inter- 
esse  auf  die  Denkmaler  und  die  Geschichte  der  rfimischen,  vorwiegend  aber 
der  spatlateinischen,  mittelalterlichen  und  humanistischen  Literatur  gelenkt, 
die  ihn  fortan  dauernd  an  sich  gefesselt  hat.  Die  ersten  Frtichte  seiner  Mai- 
hinger Handschriften-Studien  legte  er  in  den  Jahrgangen  1878 — 80  des  »An- 
zeigers  fur  Kunde  der  Deutschen  VorzeiU  in  einer  reichen  Ftille  von  Auf- 
satzen  und  kleineren  Mittheilungen  zur  Geschichte  der  neulateinischen  Dich- 
tung,  zur  Volkskunde,  Gelehrten-,  Kirchen-  und  Kultur-Geschichte  des  Mittel- 
alters  nieder.  Werthvolle  Beitrage  zur  Handschriften-Kunde  der  klassischen 
Autoren,  namentlich  des  Sallust,  Cicero,  Terenz,  Juvenal,  Seneca  und  ihrer 
Commentatoren,  aber  auch  zur  Geschichte  des  Humanismus  sind  in  Sch.'s 
zwei  Dinkelsbtihler  Programmen  (Zwei  Maihinger  Handschriften,  1878;  Sechs 
Maihinger  Handschriften,  1879)  enthalten.  Von  den  in  Fachzeitschriften  er- 
schienenen Abhandlungen  aus  dieser  Zeit  ist  die  wichtige  Studie  tiber  den 
Plautuscommentator  Antonius  von  Palermo  (Blatter  f.  bayer.  Gymn.-  u.  Real- 
Schulw.  XVI,  1880,  S.  97 — 105),  sowie  die  Veroffentlichung  eines  dem  15.  Jahr- 
hundert  angehorenden  Traktates  tiber  die  Pest  (Deutsches  Archiv  f.  Gesch.  d. 
Medicin,  Bd.  HI,  1880,  S.  348  —  356)  hervorzuheben.  Den  Schriften  des 
Boethius,  dem  fortan  der  beste  Theil  von  Sch.'s  literarischer  Lebensarbeit  ge- 
widmet  sein  sollte,  wandte  er  sich  1881  mit  den  »  Handschriften-Studien  zu 
Boethius  de  consolation?  philosophise  1  (Wtirzburger  Gymnasialprogramm,  1881) 
zu.  Unter  Heranziehung  bisher  (iberhaupt  nicht  oder  ungentigend  verwertheter 
Handschriften  wurde  hier  die  Nothwendigkeit  einer  neuen  Gestaltung  des 
Textes  jener  Schrift  dargethan,  wahrend  zugleich  auch  die  Literaturgeschichte 
des  frtihen  Mittelalters  durch  eine  Reihe  scharfsinniger  Beobachtungen  und 
Combinational  reiche  Forderung  erfuhr.  Eine  neue  Quelle  ftir  die  allgemeine 
und  speciell  die  frankische  Gelehrten-  und  Schulgeschichte  des  15.  Jahrhun- 
derts  erschloss  Sch.  in  den  von  ihm  mit  wahrem  Bienenfleiss  commentirten 
»Colloquia  de  scholis  Herbipolensibus*  des  Magisters  Petrus  Popon  (Wtirzburg, 
1882),  denen  er  eine  Ausgabe  der  interessanten  Gedichte  jenes  bisher  unbe- 
kannt  gebliebenen  Humanisten  folgen  Hess  (Archiv  des  hist.  Ver.  von  Unter- 
franken  und  Aschaffenburg,  Bd.  27,  1884,  S.  277  —  305).  Die  in  der  Folge 
in  zahlreichen  Zeitschriften-Artikeln  fortgesetzten  Boethius-Studien  Sch.'s  hatten 
unterdessen  der  Kirchenvater-Commission  der  Wiener  Akademie  Veranlassung 
gegeben,  Sch.  mit  der  Ausgabe  der  Schriften  des  Boethius  fiir  das  » Corpus « 
der  lateinischen  Kirchenvater  zu  betrauen;  der  Vorbereitung  dieser  Ausgabe 
dienten  Reisen  nach  Paris  und  Mtinchen,  die  Sch.  in  den  Jahren  1884  und 
1885  zum  Studium  der  dortigen  Handschriften  unternahm.  Der  feurige  Eifer, 
mit  dem  sich  Sch.  seit  seiner  Uebersiedelung  nach  Wtirzburg  der  Durch- 
forschung der  dortigen  Handschriften  gewidmet  hatte  —  u.  A.  fertigte  er  1884 
ftir  die  Wiener  Kirchenvater-Commission  einen  Katalog  der  Wtirzburger  pa- 
tristischen    Handschriften    und    arbeitete  1886    ftir    den    von   der  Bibliothek- 


Schepss.     Berlin.  30 

verwaJtung   vorbereiteten  Handschriftenkatalog   die   sammtlichen  dortigen  Per- 
gamenthandschriften    durch    —    sollte    durch    eine    von  Sch.  im  Jahre    1885 
gemachte  Entdeckung    glanzend    gelohnt    werden:    in    einer  Handschrift    des 
5-/6.  Jahrhunderts  wurde   von  Sch.  ein  guter  Theil  der  verloren   geglaubten 
literarischen  Hinterlassenschaft  des   spanischen  Bischofs  Priscillianus  entdeckt, 
der  385  in  Trier  als  Haupt  einer  ketzerischen  Sekte  hingerichtet  wurde.    Dem 
ausserordentliches  Aufsehen  machenden  ersten  Berichte  ilber  seine  Entdeckung 
(Priscillian,  ein  neu  aufgefundener  lateinischer  Schriftsteller  des  4.  Jahrhunderts. 
Wiirzburg,  1886)  liess  Sch.  im  Jahre  1889  im  18.  Bande  des  > Corpus  scriptorum 
ecclesiasticorum  Latinorumt  seine  Ausgabe   des  Priscillianus  folgen,  die  von 
der  Kritik  einstimmig  als  ein  Muster  philologischer  Akribie  bezeichnet  wurde 
und  der  Ausgangspunkt  ftir  eine  von  Jahr  zu  Jahr  sich  mehrende  Literatur  tiber 
die    religiose  Stellung    des   spanischen  Ketzers  und  die  kirchengeschichtliche 
Bedeutung  des  Priscillianismus  geworden  ist.    Von  Sch.'s  weiteren  literarischen 
Entdeckungen  aus  der  WUrzburger  Zeit  erwahnen  wir  hier  noch  die  Veroffent- 
lichung  von  Ph.  J.  Hamerer's  Heldengedicht  tiber  den  Schmalkaldischen  Krieg 
(Neues  Archiv  f.  Sachs.  Gesch.  Bd.  V,   S.  239 — 259),   einen  wrichtigen  hand- 
schriftlichen    Fund    zu    Cicero's  Briefen  (Blatter  f.  bayer.  Gymn.-Wesen  XX, 
1884,  S.  7 — 15)  und  die  erstmalige  Herausgabe  der,  wie  es  scheint,  altesten 
mittelalterlichen  Literaturgeschichte,   des  *Dialogus  super  auc tores  sive  dida- 
scalom  des  Konrad  von  Hirschau   (Wlirzb.  Gymnas.-Progr.  1889).     Um  die 
Textkritik  der  neutestamentlichen  Schriften  machte  sich  die  Schrift  tiber  »die 
altesten  Evangelienhandschriften  der  "Wiirzburger  Universitatsbibliothek«  (Wtirz- 
burg,  1887)  sehr  verdient,  in  der  Sch.  auf  die  in  einer  Reihe  alter  Wiirzburger 
Handschriften    vorliegenden   Spuren    einer    vorhieronymianischen    lateinischen 
Uebersetzung  der  Evangelien  erstmals  hinwies.     In   den  letzten  Lebensjahren 
wurde  Sch.  durch  die  Vorbereitung  seiner  Ausgabe  des  Boethius  mehr   und 
mehr  in  Anspruch  genommen,  neben  der  er  jedoch  immer  noch  Zeit  ftir  eine 
lange  Reihe  von  gehaltvollen  Beitragen,  vorwiegend  zur  lateinischen  Lexico- 
graphic   und    zur  Geschichte  der  spatlateinischen  und  patristischen  Literatur 
gefunden  hat.    Schon  schwer  krank,  brachte  er  durch  eine  geradezu  heroische 
Arbeitsleistung  noch  vor  dem  volligen  Zusammenbruch  seiner  Krafte  im  Som- 
mer  1897  den   ersten  Band  seiner  Boethius -Ausgabe   nahezu   zum  Abschluss, 
so  dass  derselbe  von  Freundeshand  in  Kurzem  wird   fertig  gestellt  und  ver- 
offentlicht  werden  kfcnnen. 

Die  Wissenschaft  verliert  in  Sch.  einen  Forscher,  der  ein  seltenes  Maass 
von  Scharfeinn  und  Combinationsgabe  mit  einem  rastlosen  und  eisernen  Fleisse 
und  umfassendster  Gelehrsamkeit  verband,  die  Schule  einen  pflichtgetreuen 
und  erfolgreich  wirkenden  Lehrer.  Die  Lauterkeit  seines  Charakters,  seine 
bei  alien  Erfolgen  gleichbleibende  Anspruchslosigkeit  und  Bescheidenheit,  sein 
wohlwollender,  freundlicher  Sinn  und  die  ihn  erflillende  feurige  Vaterlands- 
liebe  werden  dem  ehrenfesten  Manne  in  alien  Kreisen,  zu  denen  er  in  Be- 
ziehung  trat,  ein  ehrendes  Andenken  sichern. 

Vcrgl.  den  Nekrolog  im  Archiv  fllr  lateinische  Lexicograpbie  u.  Grammatik,  Bd.  X 
(1897/98),  S.  570  f.,  sowie  den  von  S.  Brandt  zu  erwartenden  Nekrolog  in  Bursians  Bio- 
graphiscbem  Jabrbucb  der  Altertbumskunde,  Jahrg.  1898,  wo  auch  ein  Verzeicbniss  von 
Scb/s  zahlreichen,  in  Zeitschriften  verstreuten,  kleineren  Arbeiten  zu  findcn  sein  wird. 

Herman  Haupt. 

Berlin,  Rudolf,  Universitatsprofessor  der  Augenheilkunde  in  Rostock, 
*  2.  Mai  1833  zu  Friedland  in  Mecklenburg-Strelitz,  f  12.  September  1897  in 


4<>  Berlin.     Boer. 

Rostock.  —  B.  studirte  in  G6ttingen,  Wlirzburg,  Erlangen  und  Berlin.  Nachdem 
er  am  8.  August  1858  in  Erlangen  mit  einer  Arbeit  zur  Structurlehre  der 
Gehimoberfl&che  die  Doctorwlirde  erworben  und  die  Approbation  als  Arzt 
erlangt  hatte,  trat  er  als  Hilfsarzt  in  die  Augenheilanstalt  von  Arnold  Pagen- 
stecher  in  Wiesbaden  ein.  Darauf  war  B.  einige  Zeit  Assistent  an  der  chirur- 
gischen  Universitatsklinik  in  Tubingen  unter  Paul  Victor  von  Bruns.  1861 
Hess  er  sich  als  Arzt  in  Stuttgart  nieder  und  widmete  sich  hier  neben  der 
allgemeinen  Praxis  noch  besonders  der  Augenheilkunde,  Er  grtindete  eine 
Privat- Augenheilanstalt  und  erlangte  1875  die  Stellung  als  Docent  fiir  ver- 
gleichende  Augenheilkunde  an  der  thierarztlichen  Hochschule  in  Stuttgart. 
Von  hier  aus  folgte  er  1890  dem  Ruf  als  ordentlicher  Professor  seines  Spe- 
zialfachs  an  Stelle  des  emeritirten  Professors  Zehender  nach  Rostock,  wo  er 
bis  zu  seinem  Lebensende  wirkte.  B.  hat  sich  urn  die  Pflege  und  Ausbildung 
der  Augenheilkunde  in  wissenschaftlicher  und  praktischer  Beziehung  mannig- 
fache  Verdienste  erworben.  Vor  aJlem  kommt  ihm  an  Bau  und  Einrichtung 
der  neuen  Universitatsaugenklinik  in  Rostock  ein  erheblicher  Antheil  zu. 
Ferner  rllhrt  von  ihm  eine  neue  Methode  zur  Operation  des  Entropium  her. 
Er  publicirte  ausserdem  zahlreiche  casuistische  Beobachtungen  tlber  Erkran- 
kungen  der  Orbita,  liber  Ver&nderungen  am  Sehorgan  nach  Schadeltraumen 
(unter  besonderer  Berlicksichtigung  der  pathologisch-anatomischen  Verh&ltnisse), 
liber  Erschlitterung  der  Netzhaut,  liber  Weg  und  Verhalten  der  Fremdkorper 
im  Glaskorper,  ferner  Aufsatze  Uber  Anatomie  und  Pathologic  der  Thrarien- 
drlise,  tiber  den  anatomischen  Zusammenhang  zwischen  Entziindungen  im 
Augapfel  und  im  Gehirn,  liber  Sinusthrombose,  liber  die  Lehre  vom  Astigma- 
tismus,  experimen telle  Untersuchungen  liber  die  Folgen  der  Sehnervendurch- 
schneidung.  Bemerkenswerth  ist  noch  eine  Reihe  von  Arbeiten  B.'s  zur  ver- 
gleichenden  Augenheilkunde,  wie:  liber  die  physikalisch-optischen  Erschei- 
nungen  des  Pferdeauges,  den  Augenhintergrund  des  Pferdes,  Netzhautabldsung 
beim  Thier,  Geschwlilste,  Staar  etc.  am  Thierauge,  Schatzung  von  Entfernungen 
bei  Thieren;  ausserdem  verfasste  B.  Studien  liber  die  Hygiene  des  Schreibens 
und  die  Physiologie  der  Handschrift.  —  B.  war  librigens  mit  dem  bekannten 
Afrikaforscher  und  Reisenden  Gustav  Nachtigal  innig  befreundet,  tiber  welchen 
B.'s  Gattin  Dorothea  B.   »Erinnerungen«  verttffentlicht  hat. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerzte  I,  S.  414;  Voss.  Ztg.  15.  September  1897, 

Pagel. 

Boer,  Oscar,  Arzt  und  Hofarzt  in  Berlin,  *  1847  daselbst,  f  am  11.  Juli 
1897  ebenda.  —  B.  besuchte  das  Friedrich-Werdersche  Gymnasium  seiner 
Vaterstadt  und  machte  von  1868  bis  1873  in  Berlin  und  Wlirzburg  die  me- 
dicinischen  Studien,  die  durch  seine  Theilnahme  am  Feldzuge  von  1870/71 
unterbrochen  wurden.  Nach  Beendigung  derselben  Hess  er  sich  in  Berlin  als 
Arzt  nieder,  erlangte  1874  die  Stellung  als  »Hofarzt«,  die  er  bis  zu  seinem 
Lebensende  bekleidete.  B.,  der  durch  den  Sanitatsraths-  und  Professortitel 
ausgezeichnet  wurde,  hat  sich  besonders  in  seinen  letzten  Lebensjahren  der 
wissenschaftlichen  Arbeit  gewidmet  und  durch  seinen  Antheil  an  den  For- 
schungen  im  Koch'schen  Institut  verdient  gemacht.  Namentlich  die  Behring'- 
schen  Studien  liber  Immunitat  und  Serumtherapie  half  er  nach  Kraften  im 
Verein  mit  Ehrlich,  Brieger  und  Wassermann  ausbauen  und  durch  kleine, 
nicht  unwichtige  Einzelheiten  erweitem.  Unter  anderem  publicirte  er  eine 
Experimentaluntersuchung  Uber  die  Fahigkeit  verschiedener  chemischer  Mittel, 


Boer.     Prinz  Wilhelm  von  Baden.  41 

die  Bacillen  von  Typhus,  Diphtherie,  Erysipelas,  Milzbrand  und  Cholera  zu 
beeinflussen,  Studien  iiber  die  quantitative  Bestimmung  des  Diphtherie- Anti- 
toxins, im  Verein  mit  Behring  tiber  die  Jodtrichloridanwendung  bei  ktinstlich 
hervorgerufener  Diphtherie,  ferner  iiber  die  Reindarstellung  der  Toxine  der 
Diphtherie  und  des  Tetanus  (zusammen  mit  Brieger).  —  Die  meisten  dieser 
Abhandlungen  erschienen  als  Aufsatze  in  der  »Zeitschrift  fiir  Hygiene«  und 
in  der  »  Deutschen  medicinischen  Wochenschrift*. 

Voss.  Ztg.  13.  Juli  1897.  Pag  el. 

Baden,  Ludwig  Wilhelm  August,  Prinz  von,  *  am  18.  December  1829 
zu  Karlsruhe,  f  am  27.  April  1897  ebenda.  —  B.  war  der  nachstalteste  Bruder 
des  regierenden  Grossherzogs  Friedrich,  ist  besonders  militarisch  hervorgetreten, 
aber  auch  dem  politischen  Leben  nicht  fern  geblieben.  Seine  soldatischen 
Lehrjahre  verlebte  er  im  preussischen  Dienste,  in  welchem  er  Ende  1849  seine 
Laufbahn  beim  1.  Garde-Regiment  zu  Fuss  in  Potsdam  begann,  aber  schon 
1853  zur  Gardeartillerie  in  Berlin  tiberging.  Nach  verschiedenartiger  Ver- 
wendung  innerhalb  dieser  Truppe  schied  er  zehn  Jahre  spater  vorlaufig  aus 
demselben,  indem  er  am  12.  Mai  1863  von  seinem  Verhaltnisse  als  Oberst 
und  Kommandeur  der  Gardeartilleriebrigade  entbunden  und  als  Generalmajor 
k  la  suite  der  Armee  gestellt  wurde.  Am  11.  Februar  d.  J.  hatte  er  sich  zu 
St.  Petersburg  mit  Maria  Maximilianowna  Prinzessin  Romanowskaja,  einer 
Tochter  des  Herzogs  Maximilian  von  Leuchtenberg  und  dessen  Gemahlin, 
einer  Tochter  Czar  Nikolaus*  I.,  vermahlt.  —  Das  Jahr  1866  machte  den 
Namen  des  Prinzen  Wilhelm  in  weiten  Kreisen  bekannt.  Im  November  1865 
mit  dem  Oberbefehle  tiber  das  Badische  Bundescontingent  bekleidet,  hatte  er 
dieses  im  Sommer  des  nachsten  Jahres  als  die  2.  Division  des  Vffi.  Bundes- 
Armeekorps  unter. Prinz  Alexander  von  Hessen  gegen  Preussen  in  das  Feld 
zu  fiihren.  Es  waren  n  000  Mann  mit  3200  Pferden,  welche  sich  am  unteren 
Main  sammelten,  anfangs  die  linke  Flankendeckung  der  durch  den  Vogels-- 
berg  gegen  Fulda  rtlckenden  siiddeutschen  Streitmacht  bildeten,  dann  mit 
jenem  Armeekorps  auf  Frankfurt  zuriickgingen  und  erst  bei  Ausfiihrung  des 
zur  Vereinigung  mit  den  Bayern  unternommenen  Marsches  durch  den  Oden- 
wald  am  23.  Juli  bei  Hundheim,  am  24.  bei  Werbach,  am  25.  bei  Gerchs- 
heim  zu  unbedeutenden  Gefechten  kamen.  Schon  am  31.  erklarte  der  Gross- 
herzog  seinen  Austritt  aus  dem  Deutschen  Bunde,  rief  seine  Truppen  zurtick, 
machte  am  17.  August  Frieden  mit  Preussen  und  schloss  sich  letzterem  eng 
an.  Diese  Schritte  sowohl,  wie  das  gesammte  Verhalten  der  Badischen  Divi- 
sion und  ihres  Fiihrers  wahrend  des  Feldzuges,  gaben  der  ihnen  verbtindet 
gewesenen  Partei  Veranlassung  zu  heftigen  Vorwtirfen  und  Anklagen,  denen 
eine  in  Stuttgart  erschienene  Schrift  »Aktenmassige  und  interessante  Enthiil- 
lungen  iiber  den  badischen  Verrath  an  den  Deutschen  Bundestruppen«  scharfen 
Ausdruck  gab;  Prinz  Wilhelm  antwortete  darauf  durch  die  Veroffentlichung 
einer  Gegenschrift  unter  dem  Titel  »Zur  Beurtheilung  des  Verhaltens  der 
Badischen  Felddivision  im  Kriege  i866«  (Darmstadt  1866).  —  Am  31.  Decem- 
ber 1 866  wurde  dem  Prinzen  der  Charakter  als  preussischer  Generallieutenant 
verliehen;  er  schied  aber  aus  seiner  Stellung  als  Oberbefehlshaber  der  badi- 
schen Truppen,  als  an  ihre  Spitze  der  preussische  General  von  Beyer  trat, 
welcher  berufen  wurde  bei  der  Division  alle  diejenigen  Einrichtungen  zu 
trefFen,  welche  ihr  noch  fehlten,  um  eine  vollstandige  Gleichstellung  mit  dem 
zum  Muster  genommenen  preussischen  Vorbilde  herbeizufuhren. 


42 


Prinz  Wilhelm  von  Baden,     des  B aires. 


Als  der  Krieg  des  Jahres  1870  gegen  Frankreich  ausbrach,  war  Prinz 
Wilhelm  ohne  Kommando.  Erst  Mitte  October  wurde  ein  solches  filr  ihn  frei. 
Es  war  das  der  1.  Infanterie-Brigade.  Am  22.  d.  M.  konnte  er  an  der  Spitze 
derselben  sich  an  den  Gefechten  betheiligen,  welche  zum  Gewinne  der  Linie 
des  Ognon  fiihrten,  am  27,  hatte  er  beim  Vorgehen  gegen  die  Sadne  ein 
weiteres  Gefecht  zu  bestehen,  am  30.  nahm  er  wesentlichen  Antheil  an  dem 
freilich  erst  am  nachsten  Tage  ohne  Anwendung  von  Waffengewalt  zum  Ziele 
fuhrenden  Angriffe  auf  Dijon,  spaterhin  an  den  die  Zeit  bis  zur  Mitte  des 
December  ausfiillenden  Unternehmungen  des  kleinen  Krieges,  dann  aber  wurde 
er  am  18.  d.  M,  im  Gefechte  von  Nuits,  noch  bevor  dieses  zu  Gunsten  der 
deutschen  Waffen  entschieden  war,  so  schwer  verwundet,  dass  er  den  ferneren 
Ereignissen  auf  dem  Kriegsschauplatze  fern  bleiben  musste.  Er  brachte  aber 
beide  Klassen  des  Eisernen  Kreuzes  in  die  Heimath  zurtick.  —  Als  am  1 .  Juli 
1 87 1  die  Badische  Division  und  mit  ihr  Prinz  Wilhelm  in  den  Verband  der 
preussischen  Armee  traten,  ward  der  letztere  zum  Chef  des  4.  Badischen  In- 
fanterie-Regiments  Nr.  112  ernannt  und  am  22.  Marz  1873  zum  General  der 
Infanterie  befordert,  auch  andere  militarische  Ehren  wurden  ihm  noch  zu 
Theil,  eine  Verwendung  im  ausiibenden  Truppendienste  aber  hat  er  nicht 
mehr  gefunden. 

Dagegen  hat  er  sich  mehrfach  am  politischen  Leben  betheiligt,  indem  er 
sowohl  in  seinem  engeren  Vaterlande  wie  im  deutschen  Reiche  parlamentarisch 
thatig  war.  In  der  Heimath,  wo  er  durch  seine  Geburt  der  Ersten  Kammer 
angehorte,  trat  er  schon  i860  eifrig  dem  Abschlusse  eines  Konkordates  ent- 
gegen  und  nahm  mehrfach  den  Vorsitz  in  der  Kammer  ein;  im  Deutschen 
Reichstage,  dessen  Mitglied  er  von  1871  — 1873  als  Vertreter  des  Wahlkreises 
Karlsruhe-Bruchsal  war,  schloss  er  sich  der  deutschen  Reichspartei  an. 

Seiner  Ehe  entstammen  zwei  Kinder;  die  Erbprinzessin  Maria  von  Anhalt, 
*  1865,  und  der  Prinz  Maximilian,  Rittmeister  im  Garde-Ktirassier-Regiment 
zu  Berlin,  *  1867. 

B.  Poten.        j 

Barres,  Julius  von  Vallet  des,  Koniglich  Preussischer  General  der  In- 
fanterie z.  D.,  *  am  5.  August  1820  zu  Mainz,  f  am  17.  December  1897  zu 
Wiesbaden.  —  des  B.,  ein  um  das  Militar-Erziehungs-  und  Bildungswesen  des 
Preussischen  und  demnachst  des  Deutschen  Heeres  hochverdienter  Offizier, 
entstammte  einer  nach  Aufhebung  des  Ediktes  von  Nantes  aus  Frankreich 
ausgewanderten  Familie,  welche  sich  »des  Barres«  nannte,  bis  im  November 
1893  mehreren  Angehorigen  derselben  gestattet  wurde  diesem  Namen  den 
frtiher  gefuhrten  Zusatz  »ValleU  beizufugen.  Julius  des  B.  ward,  nachdem 
sein  Vater,  welcher  als  Kapitan  im  36.  Infanterie-Regimente  stand,  schon  im 
Jahre  1828  gestorben  war,  und  er  zunachst  das  Gymnasium  in  Mainz  besucht 
hatte,  in  den  Kadettenhausern  zu  Potsdam  und  Berlin  erzogen.  Aus  dem 
letzteren  kam  er  am  15.  August  1838  als  Secondlieutenant  zu  dem  in  Mainz 
garnisonirenden  35.  Infanterie-Regimente,  kehrte  aber,  nachdem  er  1841/42  ein 
Jahr  lang  zur  dortigen  Reserve-Pionierkompagnie  kommandirt  gewesen  war, 
im  Mai  1844  in  das  Kadettenkorps  zurtick,  welchem  er  alsdann  mit  einer 
verhaltnissmassig  kurzen  Unterbrechung  dreissig  Jahre  lang  angehort  hat.  Zu- 
erst  als  Erzieher,  darauf  als  Lehrer  beim  Kadettenhause  zu  Culm  in  West- 
preussen,  dann  seit  dem  10.  Februar  1851  als  Abtheilungs-Vorsteher,  wie  die 
jetzigen  Kompagniechefs  damals  hiessen,  in  Bensberg  bei  Coin.    Nachdem  er 


des  Barres.     Ehrlich.  43 

1850  zum  Premierlieutenant,  1854  zum  Hauptmann  aufgeriickt  war,  libernahm 
er  im  Juni  1859,  als  Krieg  gegen  Frankreich  in  Aussicht  stand,  das  Kom- 
mando  einer  Kompagnie  bei  seinem  jetzt  in  Luxemburg  stehenden  Regimente. 
Damals  kam  es  nicht  zum  Kampfe,  dagegen  war  dem  Hauptmann  des  B.  im 
Jahre  1864  vergonnt,  an  der  Spitze  seiner  Kompagnie  am  Feldzuge  gegen 
Danemark  theilzunehmen.  Er  wohnte  dem  Treffen  von  Missunde  und  der 
Belagerung  der  Dtippeler  Schanzen  bei  und  erhielt  fiir  sein  tapferes  Verhalten 
im  Vorpostengefechte  von  Wiebhoi  den  Rothen  Adlerorden  4.  Klasse  mit 
Schwertern.  Am  5.  April  jenes  Jahres,  also  vor  Erstiirmung  der  Befestigungen 
von  Diippel,  wurde  er  als  Major  zu  dem  damals  auf  der  Insel  Fehmam  be- 
findlichen  5.  Brandenburgischen  Infanterie-Regimente  Nr.  48  versetzt,  aber  schon 
am  Weihnachtstage  jenes  Jahres  erfolgte  seine  Rtickberufung  in  das  Kadetten- 
korps,  indem  er  zum  Kommandeur  des  schon  genannten  Kadettenhauses  Bens- 
berg  ernannt  wurde.  Seine  Thatigkeit  als  solcher  ging  bereits  1866  zu  Ende, 
indem  er,  als  der  Krieg  Preussens  gegen  Oesterreich  und  dessen  Verbiindete 
bevorstand,  ftir  die  Dauer  des  mobilen  Verhaltnisses  zum  Kommandeur  des 
zu  jenem  Ende  aufgestellten  4.  Bataillons  des  4.  Garde -Grenadier-Regiments 
Konigin  Augusta  ernannt  wurde  und  mit  diesem  im  Verbande  des  II.  Reserve- 
Armeekorps  unter  dem  Grossherzoge  Friedrich  Franz  von  Mecklenburg-Schwerin 
an  dem  von  Leipzig  aus  erfolgenden  Einmarsche  in  das  nordliche  Bayern 
theilnahm  ohne  zu  erheblicher  Thatigkeit  im  Felde  zu  kommen.  Nach  Frie- 
densschlusse  ward  er  zum  Kommando  des  Kadettenhauses  zu  Berlin  komman- 
dirt,  um  bei  den  Anordnungen  verwendet  zu  werden,  welche  die  Erweiterung 
des  Kadettenkorps  infolge  der  Gebietsvermehrung  des  Staates  erheischte,  und 
im  Sommer  1867  erhielt  er  selbst  das  Kommando  des  Berliner  Hauses.  An 
der  Spitze  desselben  blieb  er,  seit  1868  Oberstlieutenant,  seit  1870  Oberst, 
bis  er  am  7.  April  1874  dem  alternden  Prases  der  Ober-Militar-Examinations- 
Kommission  zu  Berlin,  General  von  Holleben,  welchem  die  Reisen  zu  den 
Kriegsschulprufungen  in  der  Provinz  erspart  werden  sollten,  als  Direktor 
dieser  Behorde  beigegeben  wurde;  am  27.  September  1877,  nachdem  Hol- 
leben pensionirt  war,  ward  des  B.  Prases.  Es  war  eine  Stellung,  ftir  welche 
er  seiner  ganzen  Personlichkeit  nach  vorzliglich  geeignet  war.  Kenntnisse 
und  Arbeitskraft,  Gerechtigkeit  gepaart  mit  Wohlwollen,  Takt  und  Weltklug- 
heit,  alle  diese  dem  Inhaber  der  Stellung  zu  deren  voller  Ausflillung  unent- 
behrlichen  Eigenschaften,  besass  er  in  hohem  Maasse.  Sie  machten  den  kleinen 
wohlbeleibten  Herrn  mit  den  freundlichen  listigen  Augen  bei  Lehrern  und 
Schtilern  und  dartlber  hinaus  in  den  weiten  von  den  Ergebnissen  der  Prii- 
fungen  zum  Portepeefahnrich  und  zum  Offizier  bertihrten  Kreisen  zu  einer 
vielgekannten  und  allgemein  beliebten  Erscheinung.  Nachdem  er  1874  zum 
Generalmajor,  1880  zum  Generallieutenant  befordert  war  und  1888  den  Cha- 
rakter  als  General  der  Infanterie  erhalten  hatte,  wurde  er  am  21.  August  1889 
in  Genehmigung  seines  Abschiedsgesuches  und  unter  Stellung  k  la  suite  des 
Kadettenkorps  mit  Pension  in  den  Ruhestand  versetzt.  Den  Rest  seiner  Tage 
hat  er  zu  Wiesbaden  verlebt. 

B.  Poten. 

Ehrlich,  H.  Wilhelm,  Dr.,  Schulmann,  *  1826  in  Eisleben,  f  am  25.  Juli 
1897  zu  Newcastle  upon  Tyne  in  England.  —  E.  war  nach  Absolvirung  des 
Gymnasiums  zu  Erfurt  auf  die  Universitat  Halle  gegangen  und  befand  sich  noch 
mitten  in  seinen  Studien,  als  die  politische  Bewegung  des  Jahres  1848  herein- 


aa  Ehrlich.     Goegg.     Bezzola. 

brach,  der  er  sich  mit  ganzer  Seele  anschloss  unci  die  er  durch  Redaction  eines 
revolutionaren  Blattes  zu  fordern  bestrebt  war.  Nach  Eintritt  der  Reaction 
fliichtete  er  1849  und  war  ftinf  Jahre  in  Frankreich  als  Lehrer  thatig,  bis  er  1854 
nach  England  ging.  Im  Royal  College  of  Preceptors  bestand  er  1855  das 
Examen  fur  Deutsch  und  Fran?6sisch ;  erhielt  ein  Befahigungsdiplom  hochster 
Klasse  und  1856  fiir  Lateinisch  einen  Preis.  1870  grUndete  er  in  Newcastle 
upon  Tyne  eine  sogenannte  Modern  School,  die  er  mit  grossem  Erfolge  bis 
zu  seinem  Tode  leitete.  1895  veranstalteten  zahlreiche  ehemalige  Schuler 
eine  grosse  Jubelfeier  gelegentlich  des  2  5Jahrigen  Bestehens  der  Schule.  Auch 
als  Schriftsteller  hat  E.  das  anerkannt  beste  Lehrbuch  der  franzosischen  Sprache 
fur  Englander,  »French  Method.  Theoretical  and  practicaU  (1871)  ver- 
offentlicht. 

Nach  Mittheilungen  des  Professors  K.  H.  Schaible  in  Offenburg. 

Franz  Brlimmer. 

Goegg,  Amand,  Politiker,  *  am  7.  April  1820  zu  Renchen  in  Baden, 
f  am  21.  Juli  1897  daselbst.  —  G.  flihrte  den  Ursprung  seiner  Familie  auf 
den  Schultheissen  von  Renchen  Christoph  von  Grimmelshausen  zurlick,  den 
Verfasser  von  »Simplicius  Simplicissimus«.  Nachdem  G.  seit  1840  in  Heidel- 
berg Finanzwissenschaften  studirt  hatte  und  schon  einige  Jahre  im  badischen 
Staatsdienste  thatig  gewesen  war,  betheiligte  er  sich  in  hervorragender  Weise 
1849  an  der  politischen  Bewegung  in  seinem  Heimathlande,  prasidirte  am 
13.  Mai  d,  J.  der  Offenburger  Volksversammlung,  wurde  bald  darauf  Mitglied 
der  revolutionaren  Regierung  und  zuletzt  einer  der  drei  Dictatoren.  Nach 
Niederwerfung  der  Bewegung  fliichtete  G.  in  die  Schweiz,  wo  er  seine  kleine 
Schrift  »Geschichte  der  badischen  Erhebung  von  1848  —  49«  schrieb  (1850), 
die  er  spater  in  erweiterter  Gestalt  unter  dem  Titel  »Aufschllisse  liber  die 
badische  Revolution  von  1849 «  (1876)  erscheinen  Hess.  Von  der  Schweiz  aus 
begab  er  sich  nach  Paris  und,  185 1  hier  ausgewiesen,  nach  London,  wo  er 
mehrere  Jahre  weilte  und  sich  an  industriellen  Unternehmungen  betheiligte. 
Dann  grlindete  er  in  Genf  eine  Spiegelfabrik  und  leitete  nach  der  allgemeinen 
badischen  Amnestie  (1861)  eine  Glasfabrik  in  Offenburg  (Baden).  Sein  un- 
ruhiger  Geist  trieb  ihn  aber  bald  wieder  fort  in  die  Schweiz,  wo  er  ein  Ar- 
beiterblatt  »Das  Felleisen«  redigirte,  sich  mehr  und  mehr  den  socialistischen 
Bestrebungen  anschloss  und  schliesslich  ein  eifriger  Anhanger  und  Agent  von 
Karl  Marx  wurde.  Im  Jahre  1867  betheiligte  er  sich  an  der  »Friedens-  und 
Freiheits-Liga«  in  der  Schweiz,  vertrat  1869  auf  dem  internationalen  Socialisten- 
Congress  in  Basel  52  deutsch-schweizerische  Arbeitervereine  und  ging  dann 
als  socialistischer  Wanderprediger  in  die  Welt,  nach  Deutschland,  England, 
Nord-  und  Slidamerika  und  Australien.  Endlich  wandermlide,  kehrte  er  zu 
Anfang  der  achtziger  Jahre  in  seine  kleine  Vaterstadt  zurlick,  wo  er  bis  zu 
seinem  Tode  lebte  und  auch  die  letzte  Ruhe  fand.  Die  Musse  des  Alters 
benutzte  er  zur  Beschreibung  seiner  »Ueberseeischen  Reisen«  (1888)  und  zur 
Darlegung  seiner  Stellung   »Zur  religiosen  und  socialen  Frage«   (1890). 

Nach  Mittheilungen  des  Prof.  K.  H.  Schaible  in  Offenburg. 

Franz  Brlimmer. 

Bezzola,  Andreas,  schweizerischer  Bundesrichter,  *  am  1.  April  1840  in 
Zernetz,  f  am  10.  Januar  1897.  —  B.  entstammte  den  Bergen  »alt  fry  Rha- 
tiens«.     Er  wurde  in  Zernetz  geboren,  dem  westlichen  Grenzdorfe  des  Unter- 


Bezzola. 


45 


engadins,  von  wo  die  sanft  ansteigende  Strasse  in  wenigen  Stunden  nach 
dem  weltberiihmten  Kurort  St.  Moritz  flihrt  und  nach  dem  Stiden  die  prach- 
tige  Strasse  tiber  den  Ofenberg  ins  Mtinsterthal  abzweigt  mit  Fortsetzung  nach 
Bormio.  An  den  Ufern  des  mit  griinen  Wiesen  umsaumten  Inns,  umgeben 
von  hohen,  zu  einem  grossen  Theil  von  machtigen  Waldungen  bedeckten 
Bergen  (Zernetz  liegt  1497  m  iiber  Meer),  ist  seine  Wiege  gestanden.  Hierher, 
in  das  herrliche  Hochthal,  hat  es  ihn  immer  und  immer  wieder  gezogen,  wo 
er  seine  Jugend  zugebracht  und  in  dessen  Umgebung  er  als  eifriger  Jager 
jeden  Schritt  und  Tritt  auf  s  genaueste  kannte.  Die  Muttersprache  B.'s  war 
diejenige  des  Ladins;  sie  wurde  in  seiner  Familie  immer  gesprochen.  Im 
Kanton  Graubiinden  betragt  die  Zahl  der  Einwohner,  die  sich  der  rhato- 
romanischen  Sprache  bedienen,  etwa  40000  (Gesammtbevdlkerung  1888: 
94810);  sie  zerfallt  nach  den  zwei  Stromgebieten  in  die  zwei  Hauptdialekte 
des  Rheins  und  des  Inns,  welche  gewtthnlich  Romansch  und  Ladin  genannt 
werden,  beide  wesentlich  vom  Lateinischen  abstammend,  aber  in  den  Dialek- 
ten  doch  so  verschieden,  dass  der  Unterengadiner-  und  der  Oberlanderbauer 
sich  kaum  verstehen.  Eine  allgemeine  rhatoromanische  Schriftsprache  existirt 
bekanntlich  nicht,  nicht  einmal  eine  gemeinsame  bundnerisch-rhatische,  wohl 
aber  eine  unterengadinische,  deren  sich  auch  B.  mit  grossem  Geschick  bedient 
hat.  In  Zernetz  besuchte  B.  die  Gemeindeschule,  bis  er  in  die  Kantonschule 
(Gymnasium)  in  Chur  tibertrat,  wo  er  nun  erst  die  deutsche  Sprache  kennen 
lernte,  die  er  spater  freilich  mit  der  gleichen  Fertigkeit  handhabte  wie  das 
Ladin  und  die  von  den  etwa  45  000  deutschsprechenden  Bundnern  auch  am 
dialektfreisten  gesprochen  wird.  Im  Jahr  i860  verliess  B.  nach  Ablegung  des 
Maturitatsexamens  die  Heimath  und  besuchte  zum  Studium  der  Jurisprudenz  die 
Universitaten  Jena,  Berlin,  Heidelberg  und  Zurich.  Das  eigentliche  Studenten- 
leben  genoss  er  in  vollen  Ztigen  in  Jena,  das  ihm  unvergesslich  geblieben  ist 
und  wo  er  mit  einigen  anderen  Schweizern  wahrend  mehreren  Semestern 
Mitglied  und  auch  Sprecher  der  Burschenschaft  Arminia  war.  Im  Friihling 
1864  kehrte  B.,  der  auf  der  Universitat  neben  dem  Fachstudium  namentlich 
auch  Vorlesungen  tiber  Geschichte  und  Nationalokonomie  gehort  hatte,  in 
die  Heimath  zuriick  und  liess  sich  in  Zernetz  als  Rechtsanwalt  nieder,  ein 
Beruf,  der  ihm  jedoch  nicht  recht  behagte  und  der  immer  mehr  durch  die 
mannichfaltige  Inanspruchnahme  ftir  das  offentliche  Leben  verdrangt  wurde. 
Diesem  wandte  B.  sich  mit  innerer  Neigung  und  angeborenem  Talent  zu  und 
diente  von  der  Pike  auf  als  Mitglied  und  President  der  Gemeindebehorde 
von  Zernetz  bis  zum  Mitglied  des  obersten  schweizerischen  Gerichtshofes. 
Schon  an  der  ersten  Landesgemeinde  nach  seiner  Riickkehr  wahlte  ihn  der 
Kreis  Obtasna,  zu  dem  Zernetz  gehort,  1865  zum  Kreisprasidenten  (Land- 
ammann)  und  zum  Mitglied  des  grossen  Rathes  (gesetzgebende  Behorde  des 
Kantons);  spater  kam  dazu  das  Amt  eines  Bezirksrichters  und  Bezirksprasiden- 
ten.  Im  grossen  Rath  gewann  B.  rasch  durch  seine  Ttichtigkeit,  Beredsam- 
keit  und  Noblesse  des  Charakters  Ansehen  und  Einfluss  und  prasidirte  dem- 
selben  mehrere  Male.  Aber  auch  der  Volksgunst  Launen  blieben  ihm  nicht 
erspart.  Anfangs  der  siebziger  Jahre  handelte  es  sich  um  eine  Revision  der 
schweizerischen  Bundesverfassung  im  Sinne  einer  grosseren  Centralisation. 
Scharf  schieden  sich  in  den  Kantonen  die  Centralisten  und  Foderalisten  aus. 
B.  gehorte  zu  den  ersten,  wahrend  die  Mehrheit  des  Blindnervolkes  von  einer 
strammern,  eidgenossischen  Centralisation  nichts  wissen  wollte.  Der  vorgelegte 
Verfassungsentwurf  wurde   im  Friihling  1872   von   einer  kleinen  Mehrheit  des 


46 


Bezzola. 


Schweizervolkes  verworfen  und  an  der  Landsgemeinde  von  1873  wurde  B. 
wegen  seiner  centralistischen  Gesinnung  nicht  mehr  in  den  grossen  Rath  ge- 
wahlt.  Dieser  wahlte  ihn  aber  sofort  zum  Mitglied  der  Regierung,  nach  Ab- 
lauf  der  gesetzlichen  Amtsdauer  in  die  Standeskommission,  das  Kantons- 
gericht,  den  Erziehungsrath  und  1881  in  den  schweizerischen  Standerath. 
Und  nochmals  musste  B.  den  Kelch  der  veranderlichen  Volksgunst  leeren; 
die  neue  Kantonsverfassung  von  1880  tiberwies  die  Wahl  der  St&nder&the 
kUnftighin  an  das  Volk,  das  in  einem  einzigen  Wahlkreis  zu  w&hlen  hatte 
und  in  seiner  Mehrheit  1881  die  beiden  Candidaten  der  freisinnigen  Partei 
im  Stiche  liess.  Aber  schon  im  Herbst  1881  wahlte  der  Engadiner  Wahl- 
kreis B.  in  den  schweizerischen  Nationalrath,  dessen  Prasidentenstuhl  er  1885 
bestieg  und  dessen  Mitglied  er  blieb  bis  zu  seiner  Wahl  in  das  schweizerische 
Bundesgericht,  in  das  er  mit  dem  1.  October  1893  eintrat.  Hier  wurde  er 
der  Kammer  ftir  staatsrechtliche  Streitigkeiten  zugetheilt  und  er  arbeitete  sich 
mit  einem  Feuereifer  und  Geschick  in  seine  neue  Stellung  hinein,  verbunden 
mit  einer  Liebenswtirdigkeit  im  Umgang,  dass  seine  Collegen  sich  zu  ihrem 
neuen  Mitarbeiter  nur  Gltick  wiinschen  konnten.  Sehr  zu  Statten  kam  ihm 
dabei  die  vortreffliche  Schule,  die  er  in  Biinden  in  alien  Zweigen  des  dffent- 
lichen  Lebens  durchgemacht  hatte.  B.  selbst  ltihlte  sich  bei  der  neuen  Tha- 
tigkeit  und  im  Kreise  seiner  Collegen  ausserordentlich  befriedigt  und  beant- 
wortete  eine  Anfrage,  ob  er  nicht  Lust  hatte,  den  vacant  gewordenen  Posten 
eines  schweizerischen  Gesandten  in  Rom  zu  libernehmen,  sofort  in  verneinen- 
dem  Sinn.  Fataler  Weise  schien  aber  die  neue  Stellung  nicht  in  gleicher 
Weise  auf  seine  Gesundheit  einzuwirken.  Im  Frtihling  1896  befiel  ihn  ein 
Nervenleiden;  die  kraftige  Gestalt,  ausserlich  der  Typus  eines  gesunden,  in 
der  Bergluft  gest&hlten  Korpers,  fiel  nach  und  naqh  zusammen.  Er  nahm 
Urlaub,  um  in  der  Heimath  Genesung  zu  suchen.  Allein  umsonst.  Nur  auf 
das  Drangen  des  Arztes  und  seiner  Angehorigen  entschloss  er  sich  schweren 
Herzens,  sich  in  eine  Privatklinik  nach  Zurich  zu  begeben.  Und  wirklich 
trat  nach  und  nach  Besserung  ein;  das  Interesse  an  der  Aussenwelt  und  an 
seinen  Geschaften  kehrte  wieder;  in  kurzer  Zeit  hoffte  der  Patient  nach 
Lausanne  zurttckkehren  zu  konnen.  Da  packte  den  seit  langen  Monaten 
geschwachten  Korper  eine  ttickische  Lungenentztindung,  der  er  am  10.  Januar 
1897  erlag.  Tags  vorher  hatte  der  Todtkranke  telegraphisch  seinen  Col- 
legen noch  einen  Abschiedsgruss  geschickt.  — 

Die  Hauptwirksamkeit  B.'s  gehfirte  seinem  Heimathskanton  an,  dem  er 
in  alien  moglichen  Stellungen  diente.  Wir  konnen  hier  auf  die  Details  nicht 
eintreten;  es  genuge,  dass  nach  seinem  Tode  Freund  und  Gegner  einig  waren, 
dass  B.  einer  der  popularsten  und  hervorragendsten  bttndnerischen  Staats- 
manner  war.  Nur  eine  Schopfung  wollen  wir  anfilhren,  die  er  seit  langen 
Jahren  anstrebte  und  die  endlich  1892  realisirt  wurde:  eine  neue  Zusammen- 
setzung  und  Organisation  der  obersten  vollziehenden  Behorde  des  Kantons. 
Die  Tragweite  dieser  Aenderung  kann  nur  aus  der  Geschichte  des  Kantons 
erfasst  werden.  Dieser  war  entstanden  aus  den  drei  Biinden:  Gotteshausbund 
(gegrlindet  1367  von  der  Stadt  und  den  Thalschaften  des  Bisthum  Chur  mit 
dem  Domkapitel);  Oberer  oder  Grauer  Bund  (1395,  erneuert  1424,  abge- 
schlossen  zwischen  dem  Kloster  Dissentis,  Volk  und  Adel  des  Vorderrhein- 
thales);  der  Zehngerichtenbund  (1436  eingegangen  von  den  Gerichtsgemeinden 
der  librigen  Landestheile:  Prattigau,  Davos,  Schanfigg  und  Churwalden). 
Ober-  und  Unterengadin  gehorten  zum  Gotteshausbund   und   es  war  in  Zer- 


Bezzola.  47 

netz,  wo  derselbe  1367  gegrlindet  worden  war.  Jeder  dieser  drei  Btinde 
hielt  zur  Vorberathung  seiner  Angelegenheiten  Versammlungen  ab  (Bundestage, 
Landtage),  bestehend  aus  Abgeordneten  der  Gerichtsgemeinden;  ebenso  hatte 
jeder  Bund  ein  »Haupt«  zur  Leitung  der  Landtage  und  Vertretung  des  Bun- 
des  nach  aussen;  verbindliche,  definitive  Beschltisse  konnten  aber  allein  die 
Gemeinden  fassen,  wobei  die  Mehrheit  der  Gemeinden,  nicht  der  Kopfe,  ent- 
schied.  Diese  drei  BUnde,  thatsachlich  schon  mit  einander  in  Verbindung 
stehend,  schlossen  1524  einen  Bund  unter  sich  ab,  an  dessen  Spitze  ein  aus 
Gemeindeabgeordneten  aller  BUnde  bestehender  Bundestag  stand,  geleitet  je- 
weilen  vom  Haupt  desjenigen  Bundes,  in  welchem  er  seine  Sitzung  hatte. 
Auch  hier  stand  die  definitive  Entscheidung  den  Gemeinden  zu  und  es 
stimmten  daher  die  Abgeordneten  nach  Instructionen.  In  der  Zwischenzeit 
(der  Bundestag  versammelte  sich  gewOhnlich  nur  einmal  im  Jahr)  wurden  die 
Geschafte  von  den  drei  Hauptern  besorgt  und  wichtige  Sachen  unter  Zuzug 
von  3 — 5  Beisitzern  aus  jedem  Bund.  Diese  »Haupter  mit  Zuzug  «  wurden 
auch  »Beitag«,  spater  »Congress«  geheissen.  Damit  war  vertraglich  der  erste, 
auf  demokratischer  Grundlage  beruhende  Bundesstaat  errichtet  worden  und 
dessen  Organisation  blieb  sich  gleich  bis  zu  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts. 
Durch  die  Mediationsverfassung  von  i8o£  kam  Biinden  als  Kanton  zur 
schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  die  wahrend  der  Helvetik  unterbrochene 
alte  Verfassung  kam  in  etwas  anderer  Form  wieder  zur  Geltung.  Der  Kanton 
bestand  aus  den  drei  Biinden  mit  den  Gerichtsgemeinden;  der  Bundestag 
verwandelte  sich  in  den  grossen  Rath,  die  drei  Haupter  bildeten  den  kleinen 
Rath  und  aus  den  Hauptern  mit  Zuzug  (Congress)  wurde  die  Standeskom- 
mission. Spater  Hess  man  die  Ausscheidung  in  drei  BUnde  fallen :  der  Kanton 
zerfiel  nur  in  Bezirke,  Kreise  und  Gemeinden;  im  tibrigen  blieb  sich  die  Or- 
ganisation, namentlich  diejenige  des  aus  drei  Mitgliedern  bestehenden,  auf 
dem  Collegialsystem  beruhenden  kleinen  Rathes  nebst  Standeskommission 
gleich.  Nach  und  nach  machte  sich  aber  die  Schwerfalligkeit  dieser  compli- 
cirten  Regierungsmaschine  in  einem  verhaltnissmassig  kleinen  Staat  sehr  ftihl- 
bar.  B.  drang  schon' frtih  auf  deren  Beseitigung.  Aber  ein  Volk  verzichtet 
nicht  so  leicht  auf  seit  Jahrhunderten  ererbte  Sitten  und  Gewohnheiten  und 
so  ging  es  bis  1892,  dass  Wandel  geschaffen  wurde.  Die  Standeskommission 
fiel  weg,  der  kleine  Rath  wurde  aus  ftinf,  von  dem  Volke  gewahlten  Mit- 
gliedern bestellt,  die  keinen  anderen  Beruf  oder  Gewerbe  austiben  dUr- 
fen,  und  die  Organisation  beruht  auf  dem  Departementssystem.  Die  tief 
in  das  alte  Herkommen  der  drei  BUnde  eingreifende  Neuerung  hat  sich 
seither  bewahrt;  vor  deren  Ausfiihrung  konnte  B.  sich  nicht  entschliessen, 
den  Kanton  zu  verlassen  und  er  trat  daher  erst  1893  in  das  Bundesgericht 
tiber. 

Noch  miissen  wir  eine  ausserhalb  der  offentlichen  Thatigkeit  liegende 
Seite  unseres  Collegen  bertihren.  B.  besass  eine  stark  ausgepragte  poetische 
Ader,  aus  der  eine  Reihe  von  Gedichten  hervorging,  in  ladinischer  Mundart. 
Anfangs  der  neunziger  Jahre  gab  er  31  soldier  Lieder  heraus,  meistens 
Vaterlandslieder,  die  zum  Theil  sich  auf  das  Engadin  beziehen  und  die  B. 
den  ladinischen  Sangern  als  »Chantunz  ladins«  widmete.  Einige  derselben 
sind  eigentliche  Volkslieder  geworden,  deren  Dichter  vom  Volke  kurzweg 
»Mastral  Andrea«  genannt  wird  (Landamman  Andreas.)  Mag  irgendwo  im 
Engadin  ein  Fest  gefeiert  werden,  mogen  die  jungen  Burschen  mit  den  Mad- 
chen  an  Sonntagen  auf  s  Land  hinausziehen  oder  die  Dorfbewohner  sich  nach 


48  Bezzola.     Brand. 

des  Tages  Arbeit  Abends  zusammenfinden ,   tiberall  hort  man  das  popularste 
dieser  Lieder  singen,  beginnend  mit  den  Worten: 

Mia  bella  Val,  mia  Engiadina, 
A  Diouf  sta  bain  etc. 

Am  13.  Januar  1897  fand  in  Chur  unter  ungewohnlicher  Betheiligung  der 
Bevolkerung  die  Beerdigung  statt.  Winter  war's  und  hoher  Schnee  auf  den 
Bergen;  aber  das  hinderte  eine  Schaar  Zernetzer  Manner  nicht,  darunter 
solche  mit  grauen  Haaren  und  verwitterten  Gesichtern,  unter  Fiihrung  ihres 
Pfarrers  liber  den  Fltielapass  zu  reisen,  um  ihrem  frtiheren  Landammann  die 
letzte  Ehre  zu  erweisen.  Angekommen  am  Abend  vor  der  Beerdigung,  bat  en 
sie  sich  die  Ehre  aus,  die  ganze  Nacht  an  der  Todtenbahre  Wache  halten  zu 
dlirfen.  Und  Tags  darauf  sangen  diese  Wackern  am  offenen  Grabe  ein  ein- 
faches  ladinisches,  von  B.  herrtthrendes  Lied  zum  Abschied.  Es  machte  einen 
ergreifenden  Eindruck,  einen  tiefern  und  machtigeren,  als  je  ein  im  Concert- 
saal  mit  noch  so  grosser  Meisterschaft  vorgetragener  Gesang  erreichen  konnte. 

Lausanne,  Februar  1898.  Dr.  Hans  Weber. 

Brand,  Ernst,  Arzt  und  Hydro therapeut  in  Stettin,  *  2.  Januar  1827  zu 
Feuchtwangen  in  Franken,  f  7.  Marz  1897  in  Stettin.  —  B.  studirte  von  1845 
bis  1 85 1  in  Erlangen,  wo  er  1849  klinischer  Assistent  von  Canstatt  war  und 
schon  in  dieser  Eigenschaft  eine  kleine  Abhandlung  liber  Diabetes  (Deutsche 
Klinik  1849)  publicirte.  Spater  assistirte  er  bei  Canstatt's  Nachfolger  Dittrich 
und  erlangte  1851  mit  der  Inauguralabhandlung:  »Die  Stenose  des  Pylorus 
vom  pathologisch-anatomischen  Standpunkte  aus  geschildert*  die  Doctorwiirde. 
Darauf  machte  er  eine  grossere  wissenschaftliche  Reise  tiber  Wien,  Paris  und 
London,  absolvirte  das  preussische  Staatsexamen  und  habilitirte  sich  als  Arzt 
in  Stettin,  wo  er  als  Geheimer  Sanitatsrath  verstarb.  1861  veroffentlichte  er 
die  Aufsehen  erregende  Schrift  »Die  Hydro therapie  des  Typhus  «,  worin  er 
nach  langer  Zeit  wiederum  die  Aufmerksamkeit  der  arztlichen  Welt  auf  den 
Werth  einer  rationellen  Kaltwasserbehandlung,  speciell  zur  Herabsetzung  des 
Fiebers  beim  Unterleibstyphus,  lenkte.  Diese  Schrift  hatte  zur  Folge,  dass 
die  von  B.  angegebene  Methode  von  hervorragenden  Klinikern,  wie  Bartels, 
Jtirgensen  u.  A.,  ebenso  von  vielen  praktischen  Aerzten  geprlift  und  mit  ge- 
wissen  Aenderungen  adoptirt  wurde.  Erst  in  der  neueren  Zeit  ist  die  Kalt- 
wasserbehandlung bei  dem  tibrigens  viel  seltener  gewordenen  Abdominaltyphus 
eingeschrankt  bezw.  ganz  fallen  gelassen  worden.  Zur  Vertheidigung  seines 
Verfahrens  gab  B.  noch  mehrere  Schriften  heraus,  so:  »Zur  Hydro  therapie 
des  Typhus,  Bericht  tiber  die  in  St.  Petersburg,  Stettin  und  Luxemburg  hy- 
driatrisch  behandelten  Falle  (Stettin  1863);  »Die  Heilung  des  Typhus«  (Ber- 
lin 1868)  nebst  einem  Anhange  »Anweisung  ftir  die  Krankenw&rter  bei  der 
Behandlung  des  Typhus  mit  Badern«;  »Was  versteht  man  unter  Wasser- 
behandlung  des  Typhus?«  (Wiener  medicinische  Wochenschr.  1872);  »Salicyl- 
oder  Wasserbehandlung?«  (Deutsche  militararztl.  Zeitschr.  1876);  »Die  Wasser- 
behandlung  der  typhosen  Fieber«  (Ttibingen  1877).  —  Dazu  kommen  noch 
einige  Arbeiten  epidemiologischen  Inhaltes,  wie  »Verhaltungsmassregeln  wfth- 
rend  der  Anwesenheit  der  Cholera-Epidemie«  (Stettin  1866);  >Die  Meningitis 
cerebro-spinalis  complicirt  mit  Febris  recurrens«  (Berliner  klin.  Wochenschrift 
1866)  u.  a. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerxtc  VI,  S.  540. 

Pagel. 


Buchner.     Bernhardt.  49 

Buchner,  Ludwig  Andreas,  Ober-Medicihalfath  und  Universitatsprofessor 
der  Pharmacie  in  MUnchen,  *  am  23.  Juli  18 13  in  Mtinchen,  f  am  23.  Octo- 
ber 1897  daselbst.  —  B.  studirte  in  seiner  Geburtsstadt,  besonders  unter 
Leitung  seines  Vaters,  des  gleich falls  hervorragenden  Pharmakologen  Johann 
Andreas  B.  (1783 — 1852),  sowie  in  Paris  und  Giessen,  wo  v.  Fuchs,  v.  Mar- 
this,  Dollinger,  v.  Walther,  Bussy  und  v.  Liebig  seine  Lehrer  waren.  Mit 
besonderer  Vorliebe  trieb  er  schon  wahrend  der  Studienzeit  die  medicinische 
Chemie.  1839  eriangte  er  die  philosophische,  1842  die  medicinische  Doctor- 
wiirde.  Im  letztgenannten  Jahre  habilitirte  er  sich  als  Privatdocent  in  Mtin- 
chen,  riickte  bereits  1847  zum  ausserordentlichen  Professor  der  physiologischen 
und  pathologischen  Chemie  auf  und  erlangte  ebendaselbst  1852  die  ordent- 
liche  Professur  der  Pharmacie  und  Toxikologie,  die  er  bis  zu  seiner  mehrere 
Jahre  vor  seinem  Tode  erfolgten  Emeritirung  inne  hatte.  1846  wurde  B. 
ausserordentliches,  1869  ordentliches  Mitglied  der  k.  Bayerischen  Akademie 
der  Wissenschaften  in  Mtinchen.  Ferner  war  er  Mitglied  des  Obermedicinal- 
ausschusses,  insbesondere  hatte  er  das  Decernat  fiir  das  Apothekenwesen. 
Von  schriftstellerischen  Arbeiten  B/s  ist  besonders  erwahnenswerth  die  Fort- 
fiihrung  des  von  seinem  Vater  herausgegebenen  »Repertorium  fttr  die  Phar- 
macie* (Mtinchen  1852  — 1876,  25  Jahrgange),  sowie  ein  «Commentar  zur 
Pharmacopoea  Germanica«  (Mtinchen  1872,  2  Bde.  mit  verdeutschtem  Text), 
Auch  veroffentlichte  B.  noch  eine  Reihe  kleinerer  Abhandlungen :  »Betrach- 
tungen  liber  die  isomeren  K6rper«,  »Versuche  tiber  das  Verhalten  der  Auf- 
losungen  chemischer  Stoffe  zu  Reagentien  bei  verschiedenen  Graden  der  Ver- 
diinnung«,  tiber  die  Angelicawurzel,  tiber  die  Zusammensetzung  von  Heil- 
brunnenwassern,  tiber  die  Beziehungen  der  Chemie  zur  Rechtspflege  (Gelegen- 
heitsrede)  und  lieferte  einige  Beitrage  zur  »Allgem.  Deutsch.  Biographie*. 

Biogr.  Lex.  hervorr,  Aerzte  I,  p.  607;  Voss.  Ztg.  25.  October  1897. 

Pagel. 

Bernhardt  Otto  von,  K6niglich  preussischer  General  der  Kavallerie  z.  D., 
*  am  6.  December  1818  zu  Saalfeld  in  Ostpreussen,  f  am  2.  September  1897 
zu  Wiesbaden.  —  B.  trat  am  6.  Juni  1835  bei  dem  in  kleinen  Stadten  Nieder- 
schlesiens  garnisonirenden  5.  Ktirassier-Regimente  in  den  Dienst,  wurde  am 
15.  Februar  1838  Sekond-,  am  13.  November  1849  Premierlieutenant  und, 
nachdem  er  von  April  1850  bis  Februar  1854  Adjutant  der  7.  Division  zu 
Magdeburg  gewesen  war,  Rittmeister  und  Eskadronchef,  im  Januar  1858  aber 
Hauptmann  im  Generalstabe,  in  welchem  er,  alsbald  zum  Major  befordert,  ver- 
blieb,  bis  er  im  September  1862  zum  Kommandeur  des  Litthauischen  Dragoner- 
Regiments  Nr.  1  (Prinz  Albrecht  von  Preussen)  zu  Tilsit  ernannt  wurde.  Am 
i7.Marz  1863  zum  Oberstlieutenant,  am  8.  Juni  1866  zum  Oberst  aufgertickt, 
befehligte  er  das  Regiment  im  bohmischen  Feldzuge,  in  welchem  er  naroent- 
lich  den  Reiterkampf  vom  27.  Juni  bei  Trautenau  gegen  das  Dragonerregiment 
Ftirst  zu  Windisch-Graetz  bestand,  ward  im  Marz  1868  zum  Kommandeur  der 
10.  Kavallerie-Brigade  zu  Posen  ernannt,  erhielt  bei  Ausbruch  des  Krieges 
im  Jahre  1870,  gleichzeitig  zum  Generalmajor  befordert,  das  Kommando  der 
aus  den  Ulanenregimentern  Nr.  1  imd  Nr.  6  gebildeten,  zu  der  dem  Prinzen 
Albrecht  (Vater)  unterstellten  4.  Kavallerie-Division  gehorenden  9.  Kavallerie- 
Brigade  und  ftihrte  diese,  stets  am  Feinde  bleibend,  zunSchst  bei  den  Vor- 
marschen  gegen  Sedan  und  von  da  auf  Paris,  dann  gegen  Orleans,  und  in 
den  Kampfen  an  der  Loire  sowie  vor  Le  Mans;    wahrend  des  Monats  Januar 

Bk>gr.  Jahrb.  a.  Deutsche r  Nekrolog.    2.  Bd.  4 


eo  Bernhardt    Boltenstenu 

vertrat  er  den  erkrankten  Divisionskommandeur.  Nach  Friedensschlusse  tiber- 
nahm  er  wiederum  das  Kommando  der  10.  Kavallerie-  Brigade,  ward  am 
18.  Januar  1875  zum  Generallieutenant,  am  12.  Mai  d.  J.  zum  Kommandeur 
der  2.  Division  in  Danzig  ernannt,  am  12.  April  1879  in  Genehmigung  seines 
Abschiedsgesuches  zur  Disposition  gestellt  und  erhielt  am  12.  Januar  1896  den 
Charakter  als  General  der  Kavallerie. 

B.  Poten. 

Boltenstern,  Konstantin  von,  Koniglich  preussischer  Generallieutenant, 
*  am  5.  Febraar  1823  zu  Pasewalk,  f  am  31.  Januar  1897  zu  Gorlitz.  — 
B.  wurde  im  Kadettenkorps  erzogen  und  aus  diesem  am  9.  August  1840  als 
Portepeef&hnrich  bei  dem  in  Magdeburg  garnisonirenden  26.  Infanterie-Regi- 
mente  entlassen,  am  14.  Juni  1842  zum  Sekondlieutenant  ernannt,  riickte, 
nachdem  er  inzwischen  mehrfach  ausserhalb  der  Front  Verwendung  gefunden, 
im  Jahre  1866  als  Hauptmann  und  Kompagniechef  in  das  Feld.  In  der 
Koniggratzer  Schlacht,  in  welcher  sein  zur  Brigade  Fransecky  gehftrendes 
Regiment  hervorragenden  Antheil  an  der  Vertheidigung  des  Swipwaldes  hatte, 
musste  B.  das  Kommando  des  Fllsilierbataillons  iibernehmen  und  fand  schon 
damals  Gelegenheit  sich  als  ein  umsich tiger  und  ttich tiger  Offizier  zu  bewahren. 
Noch  mehr  trat  er  als  solcher  im  Kriege  von  1870/71  gegen  Frankreich  hervor. 
Bei  der  im  Herbst  1 866  vorgenommenen  Vermehrung  des  Heeres  als  Major  in 
das  neugebildete  79.  Infanterie-Regiment  zu  Hildesheim  versetzt,  filhrte  er  1870 
ziinachst  als  Oberstlieutenant  ein  Ba  tail  Ion  des  letzteren,  focht  an  der  Spitze  des- 
selben,  im  Verbande  der  Brigade  Woyna  und  der  Division  Kraatz  zum  X.  Armee- 
korps  unter  Voigts-Rhetz  und  zur  II.  Armee  unter  Prinz  Friedrich  Karl  von 
Preussen  gehorend,  am  16.  August  bei  Vionville-Mars  la  Tour  und  in  sp&ter 
Abendstunde  des  18.  auch  noch  bei  Saint-Privat,  nahm  an  der  Einschliessung 
von  Metz  theil  und  ftihrte  sodann  an  Stelle  des  anderweit  verwendeten  Komman- 
deurs  das  Regiment.  Im  Kampfe  bei  Maizteres  am  24.  November  leicht  verwundet, 
bestand  er  am  26.  mit  einer  aus  alien  Waffengattungen  zusammengesetzten  Ab- 
theilung  gelegentlich  eines  ihm  gewordenen  Sonderauftrages  ein  selbst&ndiges 
Gefecht  bei  Lorcy,  befehligte  eine  Zeit  lang  die  Brigade,  libernahm  dann  wieder 
das  Kommando  seines  Bataillons  und  stand  mit  diesem  am  Loir,  als  er  am 
26.  December  von  Venddme  flussabwarts  entsandt  wurde,  um  Ansammlungen 
von  Franctireurs  zu  zerstreuen,  welche  sich  bei  Soug£  gezeigt  hatten.  Nach- 
dem er  in  Montoire  Ubernachtet  hatte,  setzte  er  am  27.  den  Marsch  fort  und 
erflillte  seinen  Auftrag.  Auf  der  RUckkehr  fand  er  den  Weg  bei  Montoire 
durch  inzwischen  dort  eingetroffene  Truppen  verlegt,  schlug  sich  aber  glttck- 
lich,  freilich  nicht  ohne  Verluste,  durch  und  brachte  noch  Gefangene  zurtick 
(Kriegsgeschichtliche  Einzelschriften  des  Grossen  Generalstabes,  1.  Heft,  Berlin 
1883).  Bei  dem  im  Januar  1871  unternommenen  Vormarsche  auf  le  Mans 
filhrte  er  von  neuem  das  Regiment.  Mit  dem  Eisernen  Kreuze  1.  Klasse 
geschmiickt,  kehrte  er  in  die  Heimath  zurtick,  ward  im  November  d.  J.  als 
Oberst  an  die  Spitze  des  Colbergischen  Grenadier-Regiments  Nr.  9  gestellt, 
am  22.  September  1877  zum  Generalmajor  und  zum  Kommandeur  der 
15.  Infanterie-Brigade  befSrdert  und  am  16.  November  1880  in  Genehmigung 
seines  Abschiedsgesuches  mit  Pension  zur  Disposition  gestellt.  Am  ftinfund- 
zwanzigsten  Ged&chtnisstage  des  Kampfes  von  Montoire  erhielt  er  den  Cha- 
rakter als  Generallieutenant. 

B.  Poten. 


Happe.     Krez.  c  i 

Happe,  Franz  Engelbert,  Geistlicher  und  Dichter,  *  am  n.  Juni  1863 
zu  Sendenhorst  (Westfalen),  f  am  11.  September  1897  in  Siidkirchen  (West- 
falen).  —  Er  besuchte  die  Volks-  und  Rektoratschulen  in  Sendenhorst  und 
Borkum,  von  1877  bis  1881  das  Gymnasium  zu  Warendorf  und  studirte  dar- 
auf  an  der  Akademie  zu  Mtinster  Philologie  und  Theologie.  Wahrend  seiner 
Studienzeit  war  er  liber  ein  Jahr  lang  Vorleser  bei  dem  blinden  Professor 
Chr.  B.  Schlliter,  nach  dessen  Tode  (1884)  er  sich  ein  Jahr  lang  als  Erzieher 
theils  in  Briissel,  theils  im  Sauerlande  aufhielt.  Im  Herbst  1886  trat  er  in 
das  Priesterseminar  zu  Mtinster  ein,  erhielt  im  December  1887  die  Priester- 
weihe  und  kam  im  Marz  1888  als  Kaplan  nach  Ftichtorf  bei  Warendorf. 
Hier  blieb  er  mit  Ausnahme  eines  halben  Jahres,  das  er  in  Mtinster  als  Soldat 
verbrachte,  bis  zum  Herbste  1895,  um  dann  als  Vikar  nach  SUdkirchen  (Kreis 
Ltidinghausen)  zu  gehen,  wo  er  nach  zwei  Jahren  in  der  Bltithe  seines  Lebens 
starb. —  Seine  Gedichte  »Stimmungen  und  Gestalten*  (1888)  erschienen  1897 
in  einer  vermehrten  und  verbesserten  Auflage. 

Persflnliche  Mittheilungen, 

Franz  Brtimmer. 

Krez,  Konrad,  General,  Advokat  und  Dichter,  *  am  27.  April  1828  zu 
Landau  in  der  Rheinpfalz,  f  am  9.  Marz  1897  zu  Milwaukee  in  Amerika.  — 
Nachdem  er  die  Schule  seiner  Vaterstadt  und  das  Gymnasium  in  Speyer  be- 
sucht  hatte,  ging  er  auf  die  Universitat  Heidelberg,  um  die  Rechte  zu  stu- 
diren.  Aus  jener  Zeit  stammen  seine  ersten  Gedichtsammlungen  »Dornen  und 
Rosen  von  den  Vogesen*  (1846)  und  »Gesangbuch«  (1848).  Im  Frtihjahr 
1848  betheiligte  er  sich  im  Freicorps  des  Generals  von  der  Tann  an  dem 
Kriege  gegen  Danemark  und  1849  an  der  badisch-pf&lzischen  Erhebung  fllr 
die  Reichsverfassung,  wurde  deshalb  »in  contumaciam*  zum  Tode  verurtheilt 
und  musste  nach  der  Schweiz  fllichten.  Von  hier  ging  er  nach  Frankreich 
und  kam  im  Winter  1850  nach  New  York,  wo  er  sich  der  Advokatur  zu- 
wandte.  Im  Hause  des  Advokaten  Stemmler  fand  er  bald  freundliche  Auf- 
nahme,  und  zwei  Jahre  spater  heirathete  er  dessen  einzige  Tochter.  Im  Jahre 
1854  siedelte  K.  nach  Sheboygan,  Wisconsin,  tiber,  wo  er  zunachst  als  Ad- 
vokat prakticirte.  Da  er  sich  sehr  rege  im  demokratischen  Sinne  an  dem 
politischen  Leben  jener  Zeit  betheiligte,  so  beriefen  ihn  seine  Mitbttrger  bald 
zu  verschiedenen  Aemtern.  Als  der  Btirgerkrieg  ausbrach,  bekleidete  er  das 
Amt  eines  Staatsanwalts.  Im  Sommer  1862  warb  er  das  27.  Wisconsiner 
Freiwilligen-Regiment  an,  zu  dessen  Obersten  er  durch  Gouverneur  Salomon 
ernannt  wurde,  machte  mit  seinem  Regimen te  unter  Kimball  die  Belagerung 
von  Vicksburg  mit,  kampfte  unter  Steele  in  Arkansas  und  befehligte  die 
3.  Brigade  der  3.  Division  des  13.  Armeecorps  unter  Cauby  gegen  Mobile. 
Wegen  der  dort  geleisteten  Dienste  wurde  er  vom  Prasidenten  Lincoln  zum 
Brigadegeneral  ernannt;  dann  ward  er  an  den  Rio  Grande  nach  Texas  be- 
ordert  und  hier  nach  Beendigung  des  Krieges  ausgemustert.  Er  nahm  seine 
Th&tigkeit  als  Advokat  in  Sheboygan  wieder  auf  und  entfaltete  eine  eifrige 
politische  Thatigkeit.  Im  Jahre  1888  wurde  er  zur  Praxis  am  obersten  Ge- 
richtshof  der  Vereinigten  Staaten  zugelassen.  Der  President  Cleveland  betraute 
K.  mit  dem  wichtigen  und  eintraglichen  Amte  als  Zollkollektor  im  Hafen  von 
Milwaukee,  worauf  K.  auch  seine  Advokatur  dorthin  verlegte.  Inmitten  eines 
so  bewegten  Lebens  hatte  K.  immer  noch  Musse  und  Stimmung  zu  bemerkens- 
werthen  Dichtungen  gefunden,  die  er  1875  gesammelt  unter  dem  Titel  »Aus 

4* 


52 


Krez.     Prinz  von  Thurn  und  Taxis.    Burchardt. 


Wisconsin*  herausgab.  »Keiner  unter  den  hervorragenden  deutsch-amerikani- 
schen  Dichtern  hat  dem  Heimweh  und  der  Liebe  zum  alten  Vaterlande  einen 
so  rtihrenden  Ausdruck  gegeben,  wie  K.  in  seinem  Gedichte  »An  mein  Vater- 
land«,  das  wohl  als  das  schonste  aller  auf  amerikanischem  Boden  entstandenen 
deutschen  Gedichte  bezeichnet  werden  kann.« 

Dr.  G.  A.  Zim [nermann:  Deutsch  in  Amerika.  Beitr&ge  zur  Geschichte  der  deutsch- 
amerikanischen  Literatur.  2.  Auf).  Chicago  1894,  S.  64.  —  Berliner  Tageblatt  tora 
20.  Marz  1897. 

Franz  Brtimmer. 

Thurn  und  Taxis,  Prinz  von,  Franz  Maximilian  Lamoral,  Diplomat  in 
koniglich  preussischen  und  deutschen  Reichsdiensten ;  *  am  2.  Marz  1852  in 
Regensburg;  f  am  5.  Mai  1897  in  Luxemburg;  vermahlt  mit  der  Grafin 
Theresia  Grimaud  von  Orsay.  ^—  Seine  diplomatische  Laufbahn  begann  er  als 
Sekretar  bei  der  kaiserlich  deutschen  Botschaft  zu  Rom  im  Jahre  1884;  dann 
wurde  er  Sekretar  bei  der  kaiserlich  deutschen  Gesandtschaft  in  Athen;  spater 
bei  der  koniglich  preussischen  Gesandtschaft  in  Dresden;  hierauf  koniglich 
preussischer  Legationsrath  in  Constantinopel ,  und  dann  kaiserlich  deutscher 
Botschaftsrath  in  Madrid.  Bald  darauf  wurde  er  Legationsrath  bei  der  kaiser- 
lich deutschen  Gesandtschaft  in  Bnissel  und  endlich  wurde  er  zum  kaiserlich 
deutschen  Legationsrath  und  Minister-Residenten  in  Luxemburg  ernannt. 

C.  Will. 

Burchardt,  Max,  Augenarzt,  Privatdocent  und  Universitatsprofessor,  sowie 
General -Arzt  in  Berlin,  *  am  15.  Januar  1831  zu  Naugard  in  Pommern,  f  am 
25.  September  1897  in  Berlin.  —  B.  war  der  Sohn  eines  Strafanstaltsdirectors, 
besuchte  die  Gymnasien  in  Guben  und  Schulpforta  und  bezog  1851  das 
ehemalige  militairarztliche  Friedrich-Wilhelms-Institut,  die  jetzige  Kaiser-Wil- 
helm-Akademie,  von  wo  aus  er  in  tiblicher  Weise  nach  Absolvirung  der 
Studien  als  Unterarzt  an  die  Konigliche  Charity  abkommandirt  wurde.  1855 
erlangte  er  mit  einer  Inaugural-Abhandlung  fiber  die  Bauchwassersucht  die 
Doctorwiirde,  1857  bestand  er  die  Staatspriifung.  Nachdem  er  dann  an 
verschiedenen  auswartigen  Garnisonsorten  Dienst  als  Stabsarzt  geleistet  hatte, 
wurde  er  wieder  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Berlin  zuriickversetzt  und  habi- 
litirte  sich  hier  1864  als  Privatdocent  an  der  Universitat.  1866  nahm  er 
an  dem  preussisch-osterreichischen  Feldzuge  theil  und  wurde  darauf  nach 
KOnigsberg  in  Ostpreussen  versetzt,  wo  er  1867  gleichfalls  an  der  Universitat 
docirte.  Am  Feldzuge  von  1870/71  nahm  er  als  Regimentsarzt  theil.  1874 
gelangte  B.  wieder  nach  Berlin  zurtick  und  blieb  hier  seitdem  dauernd,  suc- 
cessive die  Stellungen  als  Regimentsarzt,  Oberstabsarzt  bei  der  Militarturn- 
anstalt,  Chefarzt  des  ersten  grossen  Garnisonlazareths  und  zuletzt  als  erster 
Garnisonarzt  bekleidend,  um  1896  mit  dem  Rang  als  Generalarzt  aus  dem 
Sanitatskorps  auszuscheiden.  Ausserdem  erhielt  B.  1881  die  Leitung  der  in 
der  Koniglichen  Charity  eingerichteten  Specialabtheilung  fiir  Augenkranke  und 
lehrte  voriibergehend  neben  der  Ophthalmologic  auch  noch  nach  dem  Tode 
von  Georg  Lewin  bis  zur  Berufung  von  dessen  Nachfolger  iiber  Haut-  und 
syphilitische  Krankheiten.  1890  wurde  B.  durch  den  Professortitel  ausge- 
zeichnet.  Die  schriftstellerischen  Arbeiten  B.'s  sind  ebenso  mannichfaltig  wie 
bedeutend ;  sie  bewegen  sich  hauptsachlich  auf  den  Gebieten  der  Augen-  und 
Hautkrankheiten.  Lange  Jahre  erstattete  er  den  Bericht  ftir  die  grossen 
Virchow-Hirsch'schen  Jahresberichte  tiber  acute  Exantheme,  ferner  schrieb  er: 


Burchardt     von  Billow. 


53 


»Ueber  eine  bei  Chloasma  vorkommende  Pilzform«  (Med.  Ztg.  d.  Vereins  fur 
Heilkunde,  1859);  »Ueber  Soor  und  den  dieser  Krankheit  eigenthiimlichen 
Pilz«  (Charite-Annalen,  1863);  »Ueber  Kr&tze  und  deren  Behandlung  mit 
Perubalsam*  (ebenda  1864,  Berl.  klin.  Wochenschr.  1865,  Arch.  f.  Dermat.  u. 
Syphilis  1869);  »Ueber  Sehproben«  (Berl.  klin.  Wochenschr.  1869);  »Neues 
Verfahren  zur  Bestimmung  der  Refraction  im  aufrechten  Bilde«  (Centralbl.  f. 
prakt.  Augenheilk.  1883)  und  eine  Reihe  von  Aufsatzen  tiber  Schutzpocken- 
impfung,  Sehscharfe  beziiglich  des  Militardienstes,  Keuchhusten,  venerische 
Krankheiten  beim  Manne.  Selbstandig  erschienen  »Internationale  Sehproben* 
(Berlin  1869;  3.  Aufl.  1882)  und  »Praktische  Diagnostik  der  Simulationen« 
(mit  lithographischen  Vorlagen  und  Stereoscop,  Berlin  1875;  2.  Aufl.  1878). 
B.  ist  ansserdem  noch  der  Erfinder  eines  Doppelplessimeters,  eines  neuen 
Refractions-Augenspiegels,  sowie  eines  Sprachapparats  zur  Behandlung  der 
Athmungs-  und  verwandter  Organe. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerate  etc.  I,  S.  621. 

Pagel. 

Biilow,  Hans  Julius  Adolf  von,  Koniglich  preussischer  General  der 
Artillerie,  *  am  27.  Februar  1816  zu  Ossecken  im  Kreise  Lauenburg  in  Hinter- 
pommern,  f  9.  December  1897  zu  Berlin.  —  v.  B.,  ein  im  Frieden  wie  im 
Kriege  sehr  bewahrter  Offizier,  wurde  im  Kadettenkorps  erzogen  und  aus 
diesem  am  5.  August  1833  als  Sekondlieu  tenant  der  Garde -Artillerie -Brigade 
tiberwiesen,  war  nach  mannichfacher  Verwendung  in  und  ausserhalb  der  Front 
Oberst  und  Kommandeur  des  zu  Mtinster  garnisonirenden  Westfalischen  Feld- 
artillerie-Regiments  Nr.  7,  als  der  Krieg  gegen  Oesterreich  ausbrach.  Bei  der 
Mobilmachung  erhielt  er  das  Kommando  der  Korpsartillerie  des  VH.  Armee- 
korps  bei  der  Elbarmee,  erwies  sich  durch  die  Fiihrung  derselben  im  Bohmischen 
Feldzuge  und  namentlich  in  der  Schlacht  bei  Koniggratz  als  besonders  ttichtig, 
ward  am  14.  Januar  1868  Kommandeur  der  3.  (Brandenburgischen)  Artillerie- 
Brigade,  am  18.  Juni  1869  Generalmajor  und  riickte  an  der  Spitze  jener 
Brigade  im  Jahre  1870  gegen  Frankreich  in  den  Krieg,  aus  welchem  er  mit 
der  ihm  allgemein  gezollten  Anerkennung  zurtickkehrte,  dass  er  Hervorragen- 
des  geleistet  habe  und  dass  die  Erfolge,  welche  das  Korps  errungen,  nicht 
zum  geringen  Theile  auf  Rechnung  der  von  ihm  gefUhrten  Waffe  zu  setzen 
seien.  So  war  es  schon  am  6.  August  gewesen,  wo  er  an  der  Seite  des 
Korpskommandeurs,  General  Konstantin  von  Alvensleben,  auf  das  Schlachtfeld 
von  Spicheren  eilte  und  durch  die  Entsendung  von  zwei  Batterien  auf  den 
steilen  Rothenberg  zur  Entscheidung  des  Tages  erfolgreich  mitwirkte.  Am 
blutigen  Tage  von  Vionville-Mars  la  Tour,  dem  16.  August,  waren  seine  Ge- 
schUtze  der  Fels  im  Meere,  um  welchen  die  Wogen  brandeten  und  an  dem  sie 
sich  brachen;  Alvensleben  gegentiber  sprach  er,  unerschtittert  durch  die  er- 
littenen  Verluste  und  die  Massen  des  Feindes,  als  das  Ziinglein  der  Wage 
bedenklich  schwankte,  die  feste  Zuversicht  aus,  seine  Stellung  behaupten  zu 
konnen.  Und  er  hatte  sich  nicht  getauscht.  Nicht  minder  wesentlich  waren 
seine  Leistungen  und  die  der  ihm  unterstellten  Truppen  am  18.  in  der  Schlacht 
von  Gravelotte-Saint  Privat,  wo  er  rechtzeitig  in  den  Kampf  der  Artillerie  des 
IX.  Armeekorps  am  Bois  de  la  Cusse  eingriff  und  sich  bis  zur  entscheidenden 
Abendstunde  behauptete.  Glanzend  war  ferner  seine  Verwendung  der  Waffe 
in  den  Kampfen  um  Orleans,  wo  er  sich  namentlich  am  3.  December  bei 
Chilleurs  aux  Bois    als    ein  Meister  erwies,    und  endlich  bei  dem  Schlussakte 


54  von  Bttlow.     Burckhardt. 

des  ganzen  Krieges,  als  bei  dem  Vorgehen  gegen  le  Mans  nochmals  schwere 
Anforderungen  an  den  Ftlhrer  wie  an  die  Truppe  gestellt  wurden.  Die  Ver- 
leihung  beider  Klassen  des  Eisemen  Kreuzes,  sowie  des  Ordens  pour  le  m^rite 
waren  aussere  Zeichen  der  Anerkennung,  welche  seine  Leistungen  erfahren 
hatten.  —  Nach  der  Heimkehr  erhielt  er  an  Stelle  seines  bisherigen  Kommandos 
das  der  Garde -Artillerie -Brigade,  aus  welcher  er  geschieden  war,  als  er  im 
November  1859  die  Stellung  als  Artillerieoffizier  vom  Platz  in  Koblenz  mit  der 
des  Kommandeurs  der  Festungsabtheilung  des  VL  Armeekorps  vertauschte  hatte. 
Aber  schon  im  Februar  1872  wurde  er  zu  clen  Offizieren  von  der  Armee 
verse  tzt,  urn  dem  aus  der  Kavallerie  hervorgegangenen  General  von  Podbielski, 
welcher,  als  es  sich  um  die  Scheidung  von  Feld-  und  Fussartillerie  handelte, 
zum  General-Inspekteur  der  Artillerie  ernannt  worden  war,  in  der  ersten  Zeit 
von  dessen  DienstfUhrung  bei  der  Entscheidung  technischer  Fragen  rathend 
zur  Seite  zu  stehen.  Alsdann  wurde  er,  in  Berlin  verbleibend,  Inspekteur  der 
2.  Artillerie -Inspektion  und  am  6.  November  1879,  a"s  Podbielski  gestorben 
war,  dessen  Nachfolger.  Meinungsverschiedenheiten  mit  den  in  Sachen  der 
Heeresverwaltung  massgebenden  Behorden  aber  veranlassten,  dass  er  schon 
am  12.  December  1882  unter  Ernennung  zum  General  der  Infanterie  und 
zum  Chef  des  Pommerschen  Feldartillerie- Regiments  Nr.  2  in  Genehmigung 
seines  Abschiedsgesuches  mit  Pension  zur  Disposition  gestellt  wurde;  am 
16.  August  1895,  dem  Jahrestage  von  Vionville-Mars  la  Tour  verlieh  ihm 
Kaiser  Wilhelm  II.  statt  jenes  Titels  den  eines  Generals  der  Artillerie. 

Aber  er  war  mehr  ads  der  Name  sagt.  Er  war  ein  Artilleriegeneral,  ein 
Kenner  seiner  Waffe,  ebenso  vertraut  mit  der  Technik  derselben  wie  mit  ihrer 
Taktik.  Dabei  einfach  und  anspruchslos,  mit  dem  Herzen  an  der  richtigen 
Stelle,  dem  treffenden  Worte  auf  der  Zunge  und  in  der  Feder,  ein  Mann, 
welcher  schon  durch  seine  Personlichkeit  auf  die  Kreise  wirkte,  mit  denen 
er  in  Bertihrung  trat.  Als  General-Inspekteur  war  er  in  der  Lage,  seine  her- 
vorragenden  Eigenschaften  nach  alien  Richtungen  hin  zu  entfalten.  Sein 
Streben  beruhte  auf  dem  Glaubenssatze ,  zu  dem  er  sich  schon  in  einer  Zeit 
bekannte,  welche  die  Artillerie  nur  als  Hilfswaffe  gelten  lassen  wollte:  »Es 
liegt  nur  an  uns  der  Waffe  Geltung  zu  verschaffen«. 

Eine  eingehende  Wttrdigung  des  Generals  findet  sich  in  F.  Hoenig,  Der  Volkskrieg 
an  der  Loire,  6.  Band,  Seite  295:  Die  entscheidenden  Tage  von  Orleans  (Berlin  1897). 

B.  Poten. 

Burckhardt,  Jacob  Christoph,  Universitatsprofessor  der  Geschichte  und 
Kunstgeschichte,  *  am  25.  Mai  1818  in  Basel,  f  am  8.  August  1897  ebenda. 
—  Ein  Sohn  des  Pfarrers  am  Mtinster,  eines  gebildeten,  vielseitigen,  energi- 
schen  Mannes,  der  spater  als  oberster  Geistlicher  der  Basler  Kirche  bis  zu 
seinem  Tode  1858  functionirte,  sich  daneben  auf  historischem  Gebiete  schrift- 
stellerisch  bethatigte  und  der  Kunst  reges  Interesse  und  emsige  Pflege  wid- 
mete,  wandte  sich  der  junge  B.  zunachst  in  Basel  nach  vaterlichem  Wunsche 
dem  Studium  der  Theologie  zu;  allein  die  Facher  der  philosophischen  Facul- 
tat  (ibten  bald  eine  machtigere  Anziehungskraft  auf  ihn  aus,  und  so  wurde 
mit  Einwilligung  des  Vaters  der  Abgang  an  eine  deutsche  Universitat  zugleich 
zum  Bruche  mit  dem  Theologiestudium  und  zum  entschiedenen  Uebergang  zur 
Geschichtsforschung.  B.  betrachtete  diese  ersten  Basler  Semester  nie  als  einen 
Verlust,  sondern  als  eine  werthvolle  Vorbereitung  zum  geschichtlichen  Stu- 
dium.    In    wie    hohem  Grade    schon    damals  die  Denkmaler  der  Kunst  den 


Burckhardt 


55 


jungen  B.  beschaftigten,  beweisen  eine  Reihe  von  »Bemerkungen  iiber  schwei- 
zerische  Kathedralen«,  die  der  Zwanzigjahrige  in  einer  Bauzeitung  erscheinen 
Hess;  sie  betreffen  neben  dem  Basler  Mtinster  sammt  Kreuzgang  das  ZUrcher 
Grossmlinster  und  die  Kathedralen  von  Genf  und  Lausanne.  Neben  Jugend- 
lichem  findet  sich  in  diesen  kurzen  Aufsatzen  manch  klarer  Einblick  in  die 
Welt  der  mittelalterlichen  Baukunst  und  der  Trieb,  die  einzelnen  Bauwerke 
moglichst  in  grossere  Zusammenhange  des  architektonischen  Schaffens  hin- 
einzurflcken ;  dann  trifft  man  etwa  auf  einen  Passus,  in  dem  neben  dem  Hin- 
weis  auf  die  Bedeutsamkeit  einer  kiinstlerischen  Schopfung  auch  der  Schon- 
heit  der  Natur  ihr  Recht  wird:  »ais  besonderer  Vorzug  der  Lausanner  Kathe- 
drale  gilt  mit  Recht  die  herrliche  Lage  und  Aussicht  vom  Thurme  herab, 
die  allein  schon  der  Reise  werth  ist.  Man  frage  Jeden,  der  den  Genfer  See 
gesehen.*  Wer  denkt  da  nicht  schon  an  den  Preis  des  Luganersees  im  » Ci- 
cerone*: bei  Anlass  von  Luinis  Fresken  in  S.  Maria  degli  Angeli?  Herbst  1839 
bezog  B.  die  Universitat  Berlin;  mit  Ausnahme  des  Sommersemesters  1841, 
das  er  in  Bonn  zubrachte,  blieb  der  Basler  der  Berliner  Hochschule  bis  Friih- 
ling  1843  treu;  hier  hat  er  seine  lateinische  seminarmassige  Doctordissertation 
Uber  einige  Streitfragen  aus  der  Geschichte  Karl  MarteH's  ausgearbeitet;  sie 
wurde  in  Basel  gedruckt  und  trug  ihm  die  Doctorwiirde  der  philosophischen 
Facultat  seiner  vaterstadtischen  Universitat  ein  (19.  Mai  1843),  In  der  Vita 
zur  Dissertation  schatzt  sich  B.  gliicklich,  dass  ihm  Leopold  Ranke  als  Lehrer 
beschieden  war,  der  nicht  nur  durch  seine  Vorlesungen,  sondern  auch  durch 
seinen  kostbaren  Rath  seine  Studien  gefordert  habe.  Zwei  Seminararbeiten 
hatte  B.  seinem  bertihmten  Lehrer  zu  Dank  gemacht.  Neben  dem  grossen 
Historiker  ist  es  ein  ausgezeichneter  Kunsthistoriker,  dem  B.  sich  tief  ver- 
pflichtet  fiihlte,  ja  man  kann  wohl  sagen,  in  mancher  Beziehung  noch  tiefer 
als  Ranke:  Franz  Kugler.  Er  wirkte  damals  noch  als  Professor  der  Kunst- 
geschichte  an  der  Akademie  der  Kiinste;  eine  edle  PersSnlichkeit,  habe  er 
Horizonte  weit  liber  die  Kunstgeschichte  hinaus  eroffhet:  so  hat  B.  seinen 
Lehrer  charakterisirt,  dem  er  schon  damals  persOnlich  naher  trat  und  der 
spater  sein  theurer  Freund  wurde.  In  Ranke  wie  in  Kugler  lebte  ein  mach- 
tiger  Trieb  zum  Universalhistorischen,  beide  hielten  sich  bei  allem  Detail- 
studium  den  Ueberblick  fiber  ihren  machtigen  Wissensbereich  offen,  sie  ord- 
neten  das  Specialwissen  unter  grosse  Gesichtspunkte,  sie  gingen  im  Einzelnen 
nicht  unter.  B.  ist  dieser  Betrachtungsweise  zeitlebens  treu  geblieben:  die 
Geschichte  wie  die  Kunstgeschichte  war  und  blieb  ftir  ihn  ein  Ganzes; 
das  Bewusstsein  der  Continuit&t,  der  geschichtlichen  Zusammenhange  erschien 
ihm  stets  als  etwas  ungemein  Werthvolles,  ja  als  ein  hochstes  Ziel  menschlicher 
Erkenntniss,  als  ein  Gradmesser  unserer  Geistescultur.  Und  es  ist  ausser- 
ordentlich  lehrreich  zu  sehen,  wie  schon  in  dieser  Berliner  und  Bonner  Stu- 
dienzeit  Historie  und  Kunstgeschichte  neben  einander  den  jungen  Gelehrten 
fesseln,  beschaftigen  und  zu  selbstandigen  Arbeiten  anregen.  Die  deutsche 
Universitatsstadt  am  herrlichen  Rhein  wurde  fur  B.  der  Ausgangspunkt  ftir 
Studien  verschiedenster  Art;  der  enge  Verkehr  mit  dem  geistreichen  und  viel- 
seitigen  Gottfried  Kinkel,  der  damals  schon  neben  der  Theologie  die  Kunst- 
geschichte eifrig  pflegte,  bot  manche  Anregung:  was  lag  naher,  als  dass  sich 
das  Interesse  den  Denkmalern  der  Rheinlande  zuwandte?  und  bei  dem  regen 
historischen  Sinne  B/s  war  es  fast  etwas  Selbstverstandliches,  dass  er  Uber 
der  Kunst  auch  die  Geschichte  nicht  vergass,  deren  Kenntniss  erst  jene  Zeiten 
vergangener  Grosse  verstehen  liess,  in  denen  die  Kunst,  voran  die  Architektur 


56 


Burckhardt. 


Gewaltiges  und  Unvergangliches  erstrebt  und  zum  Theil  auch  erreicht  hat. 
—  Im  September  1842  war  der  Grundstein  zum  Ausbau  des  Kfilner  Domes 
feierlich  gelegt  worden;  die  machtige  Ruine  beschaftigte  die  Phantasie  der 
damaligen  Menschen  und  weckte,  um  ein  Wort  B.'s  in  der  gleich  zu  erwah- 
nenden  Schrift  zu  gebrauchen,  »eine  laute  nationale  Begeisterung* .  Er  hat 
sich  dieser  selbst  nicht  entzogen.  Sein  Blick  wandte  sich  hin  auf  jenen 
machtigen  Kdlner  Erzbischof,  der  im  Sommer  1248  den  Grund  zum  Dombau 
gelegt  hat:  1843  erschien  in  Bonn  die  erste  historische  Schrift  B.'s  »Conrad 
von  Hochstaden,  Erzbischof  von  Kolln  1238 — i26i«;  sie  war  Gottfried  Kinkel 
gewidmet.  Noch  heute  wird  man  das  Biichlein  von  157  Seiten  gerne  lesen, 
vor  Allem  wegen  der  Partien,  in  denen  des  Verfassers  culturhistorische  Nei- 
gungen  zu  Tage  treten:  wo  er  die  deutsche  Kunst  jener  Zeit  in  alien  ihren 
Aeusserungen  charakterisirt,  wo  er  die  Mirabilien  des  Casarius  von  Heister- 
bach  fur  bezeichnende  Ztige  damaligen  Lebens  verwerthet,  wo  er  den  Dom- 
bau schildert  und  im  Anschluss  daran  von  Albertus  Magnus  spricht,  dem 
»Manne  der  Wissenschaft  im  grossten  Sinne«.  Reiche  Belesenheit  in  den 
gedruckten  Quellen  —  auf  archivalische  Nachforschungen  hatte  sich  B.  nicht 
eingelassen  —  macht  sich  iiberall  bemerkbar;  der  Autor  beherrscht  sein 
Material,  und  es  gewinnt  Leben  und  Farbe  unter  seiner  Hand.  Es  war  ein 
schoner  Ersding  historischer  Forschung  und  Darstellung. 

Ein  Aufsatz  im  niederrheinischen  Jahrbuch  zum  Besten  der  Bonner 
Miinsterkirche  (1843)  unterzog  dann  »Die  vorgothischen  Kirchen  am  Nieder- 
rhein«  einer  stilistischen  Untersuchung  und  suchte  deren  Charakteristik  fest- 
zustellen;  auch  hier  spielen  naturgemass  die  Kolnischen  Denkmaler  dieser 
Gruppe  eine  bevorzugte  Rolle:  den  Preis  erhalt  der  Kuppelbau  von  St.  Gereon, 
»das  Kleinod  der  vorgothischen  KunsU  —  bezeichnend  genug  flir  B.,  der 
dann  spater  im  Centralbau  und  in  der  Kuppel  die  hOchste  Leistung  der 
kirchlichen  Baukunst  der  Renaissance  erblickt  und  verehrt  hat.  Bemerkens- 
werth  bleibt  an  dieser  kleinen  wenige  Seiten  umfassenden  Arbeit  der  Zug  des 
Verfassers,  das  specielle  Thema  in  den  grossen  Zusammenhang  der  Entwicke- 
lung  der  Bauformensprache  hineinzustellen,  und  ein  acht  B.'scher  Wunsch  ist 
es,  »es  mochte,  als  ein  grosser  Gewinn  flir  die  Culturgeschichte,  eine  um- 
fassende  Gesammtbehandlung  der  vorgothischen  Bauten  am  Rhein  auch  diese 
Uebergangsperiode  mit  der  Zeitgeschichte  in  Zusammenhang  bringen«.  Zwolt 
Jahre  spater  bezeichnete  B.  im  »Cicerone«  das  Mitleben  der  italienischen 
Culturgeschichte  als  einen  noch  hdheren  Genuss  flir  den  Italienfahrer,  denn 
das  blosse  Anschauen  vollkommener  Formen. 

Noch  bevor  diese  beiden  genannten  Arbeiten,  die  historische  und  die 
kunsthistorische,  geschrieben  wurden,  hatte  der  eifrige  Studiosus  von  Bonn 
aus  im  Herbst  1841  eine  Studienreise  ausserhalb  Deutschlands  unternommen; 
sie  ging  nach  Belgien.  Ihr  Niederschlag  war  das  170  Seiten  starke  Biichlein 
»Die  Kunstwerke  der  belgischen  Stadte«;  es  war  Franz  Kugler  dedicirt.  B. 
zeigt  hier  zum  ersten  Male  seine  wundervolle  Cicerone-Begabung:  er  will  dem 
in  Belgien  Reisenden  einen  »kurzen  Abriss«  bieten  von  den  wichtigsten  kunst- 
historischen  Sehenswtirdigkeiten  der  sieben  grossten  belgischen  Stadte:  Liittich, 
Lowen,  Mecheln,  Antwerpen,  Brtissel,  Gent  und  Brugge;  und  er  denkt  dabei 
sogar  an  »sehr  eilig  Reisende«,  zu  deren  Handen  er  im  Register  den  beson- 
ders  beachtenswerthen  Kunstwerken  Sternchen  beigiebt.  Mit  feinstem  Ver- 
standniss  ist  er  der  Architektur  nachgegangen,  die  klarste  Schilderung  mit  der 
eindringendsten  Kritik  verbindend;  und  einen  Satz  wie  den,  dass  der  floren- 


Burckhardt.  57 

tinische  Renaissancebaumeister  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  die  Antike 
zu  reproduciren  glaubt,  w&hrend  er  etwas  unendlich  schoneres  Neues  schafft, 
dtirfen  wir  als  iiberaus  charakteristisch  ftir  B.  wohl  ad  acta  nehmen.  Der 
Malerei  gegeniiber  fiihlt  sich  der  Verfasser  noch  nicht  so  sicher;  doch  darf 
hier  vor  Allem  auf  die  umfangreiche  Stelle  tiber  Rubens  hingewiesen  werden, 
dem  B.  recht  eigentlich  eine  centrale  Stellung  in  seinen  Schilderungen  an- 
gewiesen  hat:  »Eins  hat  er  vor  alien  Malern  voraus:  die  intensivste  Bezeich- 
nung  des  kraftigsten  Lebens  im  Einzelnen  und  die  des  darzustellenden  Mo- 
mentes  im  Ganzen.«  »Man  vergesse  nicht,  dass  er  ein  Zeitgenosse  Shake- 
speare's war.*  Dieser  Verehrung  flir  Rubens  ist  B.  zeitlebens  treu  geblieben, 
und  er  hat  ihr  noch  im  Greisenalter  ein  literarisches  Denkmal  gesetzt,  von 
dem  spater  in  Klirze  die  Rede  sein  wird.  Stilistisch  ist  dieser  belgische 
Cicerone  von  einer  merkwtirdigen  Reife  des  Ausdrucks,  dessen  Treffsicherheit 
und  Pracision  oft  wahrhaft  liberraschen ;  auch  dem  Humor  lasst  er  an  einigen 
Stellen  frohlich  die  Zligel  schiessen.  Das  BUchlein  ist  aus  einem  selbstandigen 
feinfuhligen  Geiste  und  aus  einer  achten  Kunstbegeisterung  heraus  geschrieben. 
—  Einer  im  selben  Jahre  wie  diese  Schrift  in  Basel  anonym  erschienenen 
»Beschreibung  der  Mtinsterkirche  und  ihrer  Merkwttrdigkeiten  in  Basal «  sei 
hier  bios  der  Vollstandigkeit  wegen  gedacht.  Gegentiber  den  friiher  erwahn- 
ten,  jugendlichen  Aufsatzen  B.'s  tiber  das  Basler  Mtinster  zeigt  diese  Arbeit 
deutlich  den  Fortschritt  kunstgeschichtlicher  Erkenntniss. 

Die  Zeit  des  Universitatsstudiums  war  ftir  B.  vortiber,  seine  vollgiltigen 
Reifeproben  hatte  er  abgelegt.  Aus  dem  Lernenden  —  im  gewohnlichen 
Sinn  des  Wortes  —  wurde  ein  Lehrender:  der  junge  Doctor  habilitirte  sich 
im  Frtihjahr  1844  in  Basel.  Ein  mehrmonatlicher  Aufenthalt  in  Paris,  wo  B. 
u.  a.  wie  s.  Z.  auch  in  Berlin  Manuskripte  der  Bibliothek  auf  werthvolles  Ma- 
terial ftir  die  Schweizergeschichte  durchgestobert  und  excerpirt  hat,  war  dieser 
Docentenlaufbahn  vorausgegangen.  Neben  den  Universitatsvorlesungen,  die 
gleich  Anfangs  neben  der  Geschichte  auch  kunsthistorische  Themata  in  ihren 
Rahmen  zogen,  trat  der  26jahrige  Gelehrte  in  tfffentlichen  Vortragscyklen  vor 
ein  gemischtes  Publikum;  daneben  entstanden  einige  kleinere  Publicationen, 
so,  um  nur  diese  zu  nennen,  ftir  die  »Mittheilungen  der  Antiquarischen  Gesell- 
schafu  die  inhaltreiche,  wenn  auch  nur  wenige  Seiten  umfassende  Monographic 
tiber  »Die  Kirche  zu  Ottmarsheim  im  Elsass«,  der  B.  auf  Grund  genauer 
stilistischer  Analyse  ihre  richtige  Stelle  anwies  als  einem  im  n.  Jahrhundert 
nach  dem  Vorbild  der  Aachener  Palastkapelle  entstandenen  Centralbau.  Schon 
im  Frtihjahr  1845  rtickte  B.  zum  ausserordentlichen  Professor  vor,  freilich 
ohne  alles  pecuniare  Entgelt.  So  kam  es,  dass  er  im  folgenden  Jahre  einen 
literarischen  Auftrag  Franz  Kugler's,  der  1843  in's  Cultusministerium  berufen 
worden  war,  annahm:  die  Neubearbeitungen  von  Kugler's  Geschichte  der  Malerei 
und  Handbuch  der  Kunstgeschichte.  Eine  l&ngere  Studienreise  nach  Italien, 
die  ihn  zum  ersten  Male  nach  Rom  flihrte,  nachdem  er  auf  frtiheren  Reisen 
nach  dem  Siiden  nur  bis  Florenz  vorgedrungen  war,  diente  der  Vorbereitung 
auf  diese  Arbeit.  Von  Italien  ging  es  nach  Berlin,  wo  die  Bearbeitungen  der 
genannten  Werke  gefordert  und  vollendet  wurden.  Aber  Kugler's  Absichten 
mit  B.  beschrankten  sich  nicht  auf  eine  vortibergehende  Beschaftigung  des 
Basler  Freundes,  er  suchte  ihn  dauernd  nach  Berlin  zu  ziehen,  indem  er  ihm 
eine  Anstellung  an  der  Akademie  als  Lehrer  der  Kunstgeschichte  verschaffen 
und  seine  wissenschaftlichen  Fahigkeiten  zu  weiteren  schriftstellerischen  Arbeiten 
verwerthen  wollte.     Die  Vaterstadt  schien  ihres  hochbegabten  Mitbtirgers  auf 


58 


Burckhardt. 


lange  hinaus,  wenn  nicht  fiir  immer  verlustig  gehen  zu  sollen.  Allein  die 
maassgebenden  Manner  des  wissenschaftlichen  Basels  hatten  B.  nicht  aus 
dem  Auge  verloren:  ein  Schulpensum  an  oberen  Klassen  des  Gymnasiums 
war  frei  geworden;  man  konnte  endlich  B.  ein  gesichertes  Einkommen  garan- 
tiren.  Und  so  klein  dieser  Gehalt  war,  die  Liebe  zur  Vaterstadt  wog  fur  B. 
alle  die  Vortheile  und  Annehmlichkeiten  des  taglichen  Verkehrs  mit  Kugler 
und  seinem  Hause,  einem  Centrum  feinen  geistigen  Lebens,  auf.  Der  3ijahrige 
kehrte  nach  Basel  zurtick  und  nahm  neben  der  Schulthatigkeit  seine  Vor- 
lesungen  an  der  Universitat  wieder  auf.  Das  dauerte  einige  Jahre;  da  verlor 
B.  bei  Anlass  einer  Schulreorganisation  seine  Stunden  und  damit  sein  be- 
scheidenes  Auskommen,  eine  Unbilligkeit,  die  er  bis  an  sein  Lebensende  nicht 
vollig  hat  verwinden  konnen.  »Da  nahm  ich  die  Kunstgeschichte  wieder  vor«, 
fligte  er  einmal  der  Erzahlung  dieses  kleinlichen,  gehassigen  Geschehnisses  bei. 
Ein  1 5  monatlicher  Aufenthalt  in  Italien  liess  den  »Cicerone«  entstehen,  und 
dessen  Erscheinen  verschaffte  B.  den  Ruf  als  Ordinarius  der  Kunstgeschichte 
an  das  neu  geschaffene  Eidg.  Polytechnikum  in  Ztirich. 

Vor  dem  »Cicerone«  waren  aber  zwei  historische  Arbeiten  B.'s  erschienen, 
deren  eine  zu  den  Glanztiteln  seiner  Gelehrtenlaufbahn  gehort:  1850  die 
Schrift  »Erzbischof  Andreas  von  Krain  und  der  letzte  Concilsversuch  in  Basel 
1482 — 1484«,  Ende  1852  »Die  Zeit  Constantins  des  Grossen«.  Die  erst- 
genannte  Studie,  die  das  Aktenmaterial  des  Basler  Staatsarchivs  benutzt,  mag 
uns  weniger  interessiren  in  Bezug  auf  den  speciellen  Gegenstand,  obwohl  auch 
dieser  fiir  die  damaligen  kirchlichen  Zustande  recht  bezeichnend  ist,  als  in 
Bezug  auf  den  glanzenden  Rahmen,  den  B.  um  diese  Episode  herum  gelegt 
hat:  in  das  Italien  der  Renaissance  wird  die  abenteuerliche  Gestalt  des  aus 
Rom  in  die  Schweiz  kommenden  unruhigen  Concilforderers  hineingestellt. 
Und  das  Interesse  B.'s  gehort  im  Grunde  jenem;  und  schon  nimmt  er  an  eini- 
gen  Stellen  die  grosse  Verrechnung  vor  zwischen  den  Licht-  und  den  Schatten- 
seiten  jener  Zeit:  die  Papste  und  ihre  Umgebung  mogen  unsittlich,  ja  un- 
glaubig  sein;  »aber  das  damalige  Rom  ist  eine  der  Geburtsstatten  der  soge- 
nannten  Renaissance,  der  neueren,  durch  das  Alterthum  befruchteten  An- 
schauungs-  und  Darstellungsweise  in  Kunst,  Literatur  und  Leben;  und  diese 
Renaissance  ist  eine  der  bedeutendsten  Erinnerungen  der  heutigen  Nationen.« 
Und  weiterhin  heisst  es:  »dass  hier  unter  ganz  ausnahmsweisen  Bedingungen 
der  Boden  sich  vorbereitete  fiir  einen  Rafael  und  Michelangelo,  konnte  uns, 
historisch  erwogen,  allein  schon  mit  gar  manchem  versohnen.«  Und  von  der 
Schweiz  des  15.  Jahrhunderts  liest  man:  »Das  15.  Jahrhundert  erzog  Menschen 
mit  andren  Nerven,  als  die  unsrigen  sind.  Wenn  ein  Volk  unaufhorlich 
die  Hand  am  Schwert  halten,  sich  seines  Lebens  wehren  muss,  so  bildet  sich 
unter  dem  ewigen  Belagerungszustand  eine  andere  Werthschatzung  alles  Thuns 
und  Lassens  aus,  als  in  der  laulichen  Temperatur  eines  von  ausseri  garan- 
tirten  Weltfriedens.«  Aehnlichen  Gedankengangen  tiber  die  Wechselbeziehung 
von  bestandiger  Lebensgefahr  und  gesteigertem  Lebensgefiihl  und  dem  ent- 
sprechender  Genussfahigkeit  wird  man  spater  in  der  »Cultur  der  Renaissance 
in  Italien«  wieder  begegnen.  So  hatte  sich  schon  damals  B.  in  die  Ge- 
dankenwelt  und  Sinnesweise  derjenigen  Zeit  hineinzudenken  vermocht,  mit 
deren  Darstellung  und  Charakteristik  sein  Name  stets  wird  verbunden  bleiben. 
Darin  vor  Allem  liegt  fiir  uns  heute  der  Werth  der  Schrift  liber  Andreas  von 
Krain,  wobei  ubrigens  nicht  vergessen  werden  soil,  dass  die  Schrift  als  Dar- 
stellung   dieser  Concilsepisode    auch    heute  noch  nicht  veraltet  ist;    sie   wird 


Burckhardt 


59 


wiederholt    und    meist  mit  Zustimmung  von  Pastor  im  2.  Band  seiner  Papst- 
geschichte  citirt. 

Bevor  jedoch  B.  an  die  gewaltige  Aufgabe  herantrat,  die  Renaissancewelt 
in  ihrer  ganzen  Tiefe  und  Breite  zu  durchforschen  und  zu  erfassen,  war  es 
ein  anderes  unendlich  wichtiges  Phanomen  der  Weltgeschichte,  das  seinen 
Geist  zu  ergrtinden  lockte:  jene  Epoche,  da  in  die  antike  Welt  das  Christen- 
thum  als  eine  junge  und  frische  Macht  eindrang  und  sie  sich  unterwarf.  Als 
geborener  Culturhistoriker  hatte  B.  eingesehen,  dass  dieser  welthistorische 
Process  nicht  durch  ein  einfaches  politisches  Machtgebot  Constantins  des 
Grossen  erfolgt  ist,  dass  vielmehr  diese  Proklamirung  des  Christenthums  als 
Staatsreligion  nur  nach  Aussen  das  Facit  zog  aus  der  vom  Christenthum  be- 
reits  errungenen  innerlichen  Macht  liber  die  Geister.  Diesen  geistigen  Sieg 
der  neuen  Lehre  zu  erklaren  aus  der  ganzen  Cultur  der  antiken  Welt:  das 
war  das  grosse  Problem,  das  sich  B.  stellte.  Darum  schrieb  er  auch  nicht 
ein  Leben  Constantins,  sondern  er  schilderte  »Die  Zeit  Constantins  des 
Grossen«.  Ende  1852  ist  dieses  Buch  von  tiber  500  Seiten  (in  der  ersten 
Auflage;  in  der  zweiten  von  1880:  450  Seiten)  in  Basel  erschienen.  Es  zer- 
fallt  in  drei  fast  genau  gleich  grosse  Theile.  Der  erste  gehtfrt  der  Schilde- 
rung  der  Reichsgewalt  im  3.  Jahrhundert,  einer  glanzenden  Uebersicht  tiber  die 
romische  Kaisergeschichte  von  Commodus  an  bis  auf  Diocletian;  dann  der 
Darstellung  von  Diocletians  Regierung  und  Adoptionensystem ,  wobei  B.'s 
Sympathie  fiir  diesen  letzten  grossen  heidnischen  Kaiser  deudich  zu  Tage 
tritt;  und  schliesslich  in  zwei  Abschnitten  der  im  klaren,  kraftigen  Freskostil 
gehaltenen  Charakteristik  der  Provinzen  und  Nachbarlande  des  romischen 
Reiches  im  Westen  und  Osten.  Nun  folgt,  als  das  Herz  gleichsam  des 
Buches,  die  culturhistorische  Schilderung  der  antiken  Welt:  hier  lernen  wir 
kennen  jene  Processe  der  Gottermischung,  der  EinfUhrung  immer  neuer  Culte, 
der  Vermehrung  der  Mysterien,  des  erhohten  Damonenglaubens  u.  s.  w.,  die 
alle  zeigen,  wie  die  tibersinnliche  Welt,  namentlich  die  Frage  nach  Jenseits 
und  Unsterblichkeit,  die  damalige  Welt  auf's  tiefste  beschaftigt,  auf  s  schwerste 
angstigt.  Und  diese  geistige  Befangenheit  und  Bedrtickung  ist  schliesslich 
auch  nur  ein  Symptom  von  dem  durchgehenden  Factum  der  »Alterung  des 
antiken  Lebens  und  seiner  Culture,  der  »Abenddammerung  des  Heidenthums«. 
Ueberall  giebt  sie  sich  kund :  im  Physischen  wie  im  Geistigen,  in  der  Tracht  wie 
in  der  Kunst,  und  die  Menschen  sind  liberzeugt,  dass  sie  in  einer  besonders 
schlimmen  Zeit  leben.  Erst  nachdem  der  Leser  in  dieser  Weise  tiber  die 
politische  Gestaltung  des  Weltreichs  und  tiber  die  geistige  Stimmung,  die 
diesen  ungeheuren  Korper  beseelt  und  beherrscht,  orientirt  ist,  geht  die  Dar- 
stellung in  ihrem  dritten  Theil  tiber  zu  den  letzten  Regierungsjahren  Diocle- 
tians, oder  besser  zu  der  Gewaltsmaassregel,  die  den  Rest  der  sonst  so  ehren- 
vollen  Herrschaft  Diocletians  verdunkelt,  der  grossen  Christenverfolgung :  es 
ist  der  letzte  Kampf,  den  die  neue  Lehre  um  ihre  Existenz  gegentiber  der 
numerischen  Uebermacht  zu  bestehen  gehabt  hat.  Sie  ist  nicht  untergegangen, 
und  derjenige,  der  ihr  dann  nicht  nur  Duldung  gewahrte,  sondern  sie  zur 
Staatsreligion  erhob,  war  Constantin,  der  gltickliche  Sieger  im  Kampfe  um 
die  Weltherrschaft.  Die  Gestalt  dieses  »politischen  Rechners«,  »der  alle  vor- 
handenen  physischen  Krafte  und  geistigen  Machte  mit  Besonnenheit  zu  dem 
einen  Zwecke  bentitzt,  sich  und  seine  Herrschaft  zu  behaupten,  ohne  sich 
irgendwo  ganz  hinzugeben«,  »dem  der  Ehrgeiz  und  die  Herrschsucht  keine 
ruhige  Stunde  gonnen«,  bei  dem  daher  auch  »von  Christenthum  und  Heiden- 


60  Burckhardt. 

thum,  bewusster  Religiositat  und  Irreligiositat  gar  nicht  die  Rede  sein  kann« : 
diesen  Mann  lehrt  uns  B.  kennen,  in  seiner  Beziehung  zu  der  nunmehr  etablir- 
ten  christlichen  Kirche,  in  seiner  Stellungnahme  zu  den  dogmatischen  Streitig- 
keiten,  denen  er  innerlich  vOllig  neutral  gegenlibersteht,  so  dass  er  die  Par- 
teien  abwechselnd  siegen  lasst,  und  wobei  es  ihm  die  Hauptsache  ist,  »dass 
man  ihn  und  seine  Macht  nicht  vergass*.  Wir  blicken  in  die  rasche  Ver- 
weltlichung  und  Ausartung  der  Kirche  hinein ;  diesen  Auswtichsen  und  Sch&den 
aber  schafft  die  Askese  und  ihre  praktische  Ausgestaltung  im  Einsiedlerleben 
ein  ideales  Gegengewicht,  zugleich  erwachst  hier  der  Kirche  diejenige  sittliche 
Kraft,  ohne  welche  der  geisdiche  Stand  und  die  Kirche  der  folgenden  Jahr- 
hunderte  vollig  verweldicht  ware  und  der  »rohen  materiellen  Gewalt  hatte 
unterliegen  miissen«.  Den  Schluss  des  Buches  bildet  die  Betrachtung  des 
neuen  Hofwesens  unter  Constantin,  der  inneren  Reichsverwaltung,  der  Griin- 
dung  Constantinopels,  worauf  eine  Schilderung  Roms  und  Athens,  der  beiden 
klassischen  Statten,  und  ein  Ausblick  auf  Palastina  als  das  Land  der  frommen 
Sehnsucht  und  andachtigen  Verehrung  das  machtige  und  weihevoile  Finale 
bildet. 

Es  ist  ein  grossartiges  geschichtliches  Gem  aide,  das  B.  hier  vor  unseren 
Augen  aufrollt,  erstaunlich  in  der  vdlligen  Lebendigmachung  und  psychologi- 
schen  Durchdringung  eines  vielfach  sterilen  und  stark  tendenzios  gefarbten 
Quellenmaterials,  erstaunlich  durch  die  geistige  Freiheit,  mit  der  hier  an  Pro- 
bleme  und  Charaktere  herangetreten  wird,  die  bisher  einer  einseitigen  rationa- 
lisirenden  oder,  was  noch  schlimmer  war,  einer  wesenUich  erbaulichen  Be- 
handlung  ausgesetzt  gewesen  waren.  Von  beiden  Tendenzen  weiss  sich  B. 
frei:  er  will  die  damalige  Zeit  und  die  damaligen  Menschen  verstehen;  er 
giebt  sich  ruhig  und  besonnen  Rechenschaft  von  der  Schwachung  der  antiken 
Welt  und  von  der  siegreichen  Kraft  des  Christenthums,  die  wesentlich  darin 
bestand,  dass  es  alle  die  angsdichen  Fragen  nach  Jenseits  und  Unsterblichkeit, 
die  die  weitesten  Kreise  des  Imperiums  beschaftigten  und  qualten,  einfach 
und  einleuchtend  beantwortete.  Er  erkennt  in  Constantin  durch  alle  Erbau- 
lichkeit  und  Andachtigkeit  hindurch,  in  die  ihn  sein  Biograph  und  Lobredner, 
der  Bischof  Euseb  von  Casarea  eingewickelt  hat,  den  kalten  genialen  Politi- 
ker,  der  diese  ganze  religiose  Frage  als  Machtfrage  behandelt;  aus  seinem 
Hass  gegen  Euseb,  diesen  »ersten  durch  und  durch  unredlichen  Geschicht- 
schreiber  des  Alterthums«  macht  B.  kein  Hehl,  und  unbarmherzig  entkleidet 
er  seinen  Helden  air  des  mystischen  Schimmers,  den  die  Legende  um  das 
Haupt  des  ersten  christlichen  Kaisers  gewoben  hat.  Er  scheut  auch  nicht 
davor  zurtick,  eine  ftlr  die  Christen  nichts  weniger  als  schmeichelhafte  Er- 
klarung  der  Diocletianischen  Verfolgung  hypothetisch  vorzubringen.  Er  nimmt 
die  Dinge  und  Personen  durchgehends  sehr  menschlich  und  weiss  von  Ver- 
tuschungen  und  Schonfarberei  nirgends  etwas.  Und  doch  darf  man  nicht 
behaupten,  dass  B/s  Sinnesweise  eine  eigentlich  profane  sei:  wie  schon  und 
tief  spricht  er  vom  Zug  des  Menschen  nach  der  Einsamkeit  und  seiner 
Aeusserung  nach  der  religiosen  Seite  hin  in  der  Askese  der  Einsiedler;  wie 
weiss  er  auch  den  dogmatischen  Streitigkeiten,  in  welche  die  »kaum  aus  den 
Verfolgungen  gerettete  Kirche «  hineingeriet,  und  die  —  bei  Anlass  des  Con- 
cils  von  Nicaa  —  an  sich  als  » eines  der  unleidlichsten  Schauspiele  in  der 
ganzen  Geschichte*  bezeichnet  werden,  ihre  bedeutsame  Seite  abzugewinnen, 
indem  er  in  der  Orthodoxie  »die  Seele«  des  nicht  zukunftlosen  Byzantinismus 
erkennt,  die  Kraft,  wodurch  die  Kirche,  die  starker  war  als  Cultur  und  Staat, 


Burckhardt.  6 1 

»noch  anderthalb  Jahrtausende  hindurch  unter  dem  Druck  fremder  Barbaren 
die  Nationalitaten  zusammenhielt«.  Und  den  grossen  Kirchenlehrern ,  einem 
Athanasius,  Hieronymus,  Gregor  von  Nazianz  u.  s.  w.,  gesteht  er  bei  all  ihrer 
kirchlich  bedingten  Einseitigkeit  »ein  hoheres  incommensurables  Lebens- 
princip*  zu,  als  dies  »die  grossen,  ganzen,  harmonischen  Menschen  des  Alter- 
thums«   zeigen. 

Zu  alien  Vorziigen  des  Inhaltes  kommen  noch  die  der  Form  hinzu,  in 
die  B.  seine  Ergebnisse  gekleidet  hat.  Sie  ist  durchgehend  von  klarster 
Schonheit,  voll  Leben  und  Farbe.  Dem  Stoff  ist  alle  Schwere  genommen. 
Die  Lektiire  ist  lauter  Genuss.  Wie  Mommsen,  dessen  Romische  Geschichte 
1854  zu  erscheinen  begann,  scheut  auch  B.  —  freilich  weit  seltener  —  vor 
Parallelen  aus  uns  naher  liegenden  und  bekannteren  Zeiten  nicht  zuriick:  der 
Name  Cagliostros  meldet  sich  einmal  bei  Anlass  des  antiken  Aberglaubens ; 
Napoleon  wird  mehrere  Male  als  Vergleichsobjekt  beigezogen,  seine  Person- 
lichkeit  musste  gerade  bei  der  Schilderung  eines  Constantin  sich  fast  von 
selbst  aufdrangen.  In  einer  ersten  Besprechung  des  Buches  in  einer  Basler 
Zeitung  war  auf  die  fast  franzosische  Eleganz  der  durchweg  anziehenden, 
lebhaften  und  geistreichen  Darstellung  hingewiesen  worden.  Die  Bemerkung 
ist  thatsachlich  begrundet:  B.  hatte  franzosische  Historiker  sich  zum  Vorbild 
genommen,  als  er  den  Riesenstoff  seines  Werkes  zu  verarbeiten  sich  an- 
schickte;  bei  Guizot  und  den  Thierry  habe  man  gesehen,  wie  man  solche 
Dinge  angreifen  mlisse,  um  sie  noch  einigermaassen  den  Leuten  interessant 
zu  machen  —  so  hat  er  sich  selbst  mlindlich  geaussert.  Den  franzosischen 
Schriftstellern  als  stilistischen  Kiinstlern  hat  B.  zeitlebens  seine  Bewunderung 
gegonnt;  selber  ein  Meister  der  Darstellung,  flihlte  er  sich  zu  ihnen  hingezogen. 
Dass  ein  Buch  wie  »die  Zeit  Constantins  des  Grossen«  fast  dreissig  Jahre 
brauchte,  um  zum  zweiten  Male  verlegt  zu  werden,  darf  billig  in  Erstaunen 
setzen;  um  so  dankbarer  wollen  wir  sein,  dass  sein  Verfasser  sich  dadurch 
nicht  hat  abschrecken  lassen,  die  zweite  Auflage  (von  1880  bei  Seemann) 
ohne  fremde  Zuhilfenahme  zu  bearbeiten.  Das  Buch  muss  ihm  offenbar  am 
Herzen  gelegen  haben,  und  er  freute  sich  auch,  wenn  er  vernahm,  dass 
Manner  von  der  kritischen  Scharfe  und  dem  ungeheuren  Wissen  v.  Gut- 
schmid's  dem  »Constantin«  voiles  Lob  spendeten.  Nichts  spricht  deutlicher 
fiir  die  Soliditat  von  B.'s  Arbeit  als  die  Thatsache,  dass  er  in  den  wesent- 
lichen  Punkten,  namentlich  in  allem,  was  das  Culturhistorische  bedarf,  sein 
Buch  unverandert  lassen  konnte;  er  selbst  hat  die  gesammten  Aenderungen 
auf  30  bis  50  Zeilen  beziffert!  Offenbare  Irrthiimer  hat  er  willig  corrigirt: 
von  seiner  friiheren  Ansicht  z.  B.,  dass  die  Schrift  des  Lactanz  von  den  Todes- 
arten  der  Verfolger  diesem  Autor  nicht  gehore,  ist  B.  vollig  zurlickgekommen. 
Bei  seiner  Hypothese  von  den  Ursachen  der  Diocletianischen  Christenverfolgung 
aber  verblieb  er  trotz  mannichfacher  Angriffe,  zum  Theil  von  solider  Theologen- 
grobheit;  ebenso  liess  er  sich  auf  ein  diplomatisirendes  Markten  iiber  die 
grossere  oder  geringere  Verlogenheit  des  Euseb  nicht  ein:  sein  Constantin- 
portrat  behielt  die  realistische  Zeichnung  und  die  lebensvollen,  wenn  auch 
nichts  weniger  als  anmuthenden  Ziige.  Fiir  neuere  Versuche,  den  kaiserlichen 
Morder  fiir  den  christlichen  Glauben  zu  retten,  hatte  B.  nur  ein  Lacheln:  er 
hatte  zu  tief  in  Constantins  Seele  gelesen. 

Es  muss  immer  aufs  neue  in  Erstaunen  setzen,  wie  rasch  nach  dem 
Constantin-Buche  der  »Cicerone«  entstanden  ist.  Verschiedenere  Welten  lassen 
sich    doch    wohl    nicht    leicht  denken;    die   eine  schcint  die  andere  fast  aus- 


62  Burckhardt. 

zuschliessen :  dort  die  stupende  Kenntniss  der  spateren  heidnischen  Autoren, 
wie  dfer  Kirchenschriftsteller,  und  dazu  einer  grossen  gelehrten  Literatur,  im 
Dienste  politischer  und  culturgeschichtlicher  Ergrtindung  einer  an  Rathseln 
und  Problemen  reichen,  dem  Errathen  mehr  als  einmal  Spielraum  lassenden, 
die  hfcchsten  Ansprtiche  an  den  psychologischen  Scharfblick  stellenden  Ueber- 
gangszeit;  hier  eine  trotz  einzelner  —  offen  und  ehrlich  eingestandener  — 
Lticken  geradezu  imposante  Kunde  der  Denkmaler  des  italischen  Kunstschaf- 
fens  in  Architektur,  Skulptur  und  Malerei,  von  den  Tempeln  in  P&stum  an 
bis  auf  die  Landschaftsmalerei  der  Poussin  und  Claude  Lorrain,  im  Dienste 
der  feinsten  &sthetischen  Bildung,  eines  ktinstlerischen  Blickes  von  erstaunlicher 
Sicherheit,  einer  oft  wahrhaft  divinatorischen  Kraft  des  Nachempfindens  und 
Verstehens.  Dem  culturhistorischen  Meisterwerk  folgt  das  kunsthistorische.  Man 
zeige  uns  den  Gelehrten,  der  die  geistige  Ausrilstung  fiir  diese  beiden  Ge- 
biete  der  Geschichte  und  der  Kunst  in  solcher  Vollstandigkeit  sein  eigen  ge- 
nannt  hat. 

Aus  innerster  Ueberzeugung  heraus,  wie  ein  Bekenntniss  hat  B.  seinem 
1855  in  Basel  erschienenen  »Cicerone«  das  Pliniuswort  als  Motto  vorgesetzt: 
Haec  est  Italia  Diis  sacra.  Ftir  ihn  war  das  Land  jenseits  der  Alpen 
heiliger  Boden:  mit  wahrer  Andacht  hat  er  sich  in  seine  Kunst  versetzt,  und 
sie  hat  ihm  ihr  Innerstes  offenbart;  darum  liegt  es  auch  wie  ein  lichter 
Schimmer  von  eigenem  inneren  Gliick  fiber  dem  ganzen  Buche,  darum  darf 
es  auch  ausklingen  in  die  hochst  personlichen  Worte  vom  Heimweh,  »  welches 
nur  zeitweise  schlummert,  nie  stirbt,  nach  dem  unvergesslichen  Rom«:  »Der 
dieses  schreibt,  hat  die  Erfahrung  gemacht.«  per  Stoff  zerfallt  naturgemass 
in  die  drei  Theile  der  Baukunst  (mit  Einschluss  der  Decoration),  der  Bild- 
hauerei  und  der  Malerei;  innerhalb  jedes  einzelnen  geht  die  Betrachtung 
jeweilen  vom  Alterthum  bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhunderts  als  einer  fort- 
laufenden  Kundgebung  des  italischen  Kunstgeistes,  der  selbst  die  als  etwas 
Fremdartiges,  fast  Feindliches  von  vornherein  empfundene  Gothik  in  ganz 
bestimmtem  und  originellem  Sinne  umzuwandeln  vermocht  hat.  Die  Antike 
bleibt  schliesslich  doch  immer  die  grosse  Tradition,  wenn  sie  nicht  geradezu 
die  erlauchte  Lehrmeisterin  wird.  Nicht  umsonst  entfallt  denn  auch  von  den 
rund  1050  Seiten  des  »kleinen  dicken  Buches«,  wie  der  Verfasser  seinen 
»Cicerone«  charakterisirt  hat,  fast  die  Halfte  auf  die  Kunst  der  Renaissance 
(Friihrenaissance  bis  Barockstil);  in  ihr  erblickte  B.  die  grosste  ktinstlerische 
Leistung  Italiens  seit  den  Zeiten  antiker  Kunsttibung.  Hier  hat  aber  auch  an 
unz£hligen  Stellen  B.  recht  eigendich  als  Entdecker  der  klinftigen  Forschung 
die  Bahn  frei  gemacht.  Bei  aller  Vorliebe  jedoch,  die  er  dieser  Periode,  vor 
allem  der  eigendichen  Hochrenaissance,  der  kurzen  Periode,  welche  die  Le- 
benszeit  Rafaels  umschliesst,  entgegenbringt,  hat  B.  auch  der  Zeit  des  Verfalls 
seinen  ganzen  Forschereifer  und  die  voile  Kraft  seines  fisthetischen  Verstand- 
nisses  nicht  vorenthalten.  Wie  er  der  italienischen  Gothik  ihre  ganz  bestimmte 
Eigenart  und  Bedeutung  endgiltig  zuerkannt  hat,  so  wusste  er  der  Barock- 
baukunst  ihren  ganz  specifischen  Werth  abzugewinnen:  »sie  spricht  dieselbe 
Sprache,  wie  die  Renaissance,  aber  einen  verwilderten  Dialekt  davon«.  Das 
hohe  Lob  der  Gerechtigkeit  darf  dem  » Cicerone «  nicht  vorenthalten  bleiben, 
mit  einer  Ausnahme  allerdings:  Michelangelo  kommt  bei  B.  nicht  gut  weg. 
Das  Gewaltsame,  an  keine  Tradition  sich  bindende,  immer  neuen  Formproble- 
men  nachjagende  Naturell  dieses  Kiinstlertitans  war  ihm  fast  unheimlich,  er 
sptirte  etwas  »damonisches«  in  ihm,  und  das  sagte  B.  nicht  zu.    Unter  dieser 


Burckhardt.  63 

Antipathie  hat  namentlich  der  Skulptor  Michelangelo  zu  leiden  gehabt.  In 
seinen  »aus  der  Traumwelt  der  Moglichkeiten  gegriffenen  Gestalten«  glaubte 
B.  nur  »das  Motiv  als  solches,  nicht  als  passendsten  Ausdruck  eines  gegebenen 
Inhaltes«  —  wie  dies  flir  die  antike  Skulptur  der  »Cicerone«  statuirt  —  zu 
erblicken,  und  diese  Absichtlichkeit  war  ihm  antipathisch,  und  er  flihrte  gegen 
sie  in's  Feld  den  Liebling  seines  Herzens,  Rafael,  »der  den  Sinn  mit  dem 
hochsten  Interesse  an  der  Sache  und  das  Auge  mit  innigstem  Wohlgefallen 
erfullt,  lange  ehe  man  nur  an  die  Mittel  denkt,  durch  welche  er  sein  Ziel 
erreicht  hat«.  Von  Rafael  heisst  es  feierlich:  »die  Seele  des  modernen 
Menschen  hat  im  Gebiet  des  Form-Schonen  keinen  hoheren  Herrn  und  Htiter 
als  ihn«. 

Es  ist  hier  nicht  die  Stelle,  um  ausfiihrlicher  von  diesem  Buche  zu  spre- 
chen,  das  sich  ohnehin  bei  alien  Italienfreunden  des  Heimathrechts  erfreut. 
Nur  einige  Randbemerkungen  wollen  wir  uns  gestatten.  In  dem  Widmungs- 
brief  der  ersten  Auflage  »An  Franz  Kugler  in  Berlin«  schreibt  B.:  »Du  siehest, 
wie  ich  mit  unserer  schon  etwas  bejahrten  asthetischen  Sprache  gekampft 
habe,  um  ihr  ein  eigenthiimliches  Leben  abzugewinnen.«  In  diesen  beschei- 
denen  Worten  deutet  der  Verfasser  auf  eine  Seite  seines  Buches  hin,  die  nie 
genug  bewundert  werden  kann:  die  ganz  einzigartige  Pragnanz  und  Treff- 
sicherheit  des  Ausdrucks.  Jedes  Adjektiv  ist  mit  feinster  Ueberlegung  ge- 
wahlt  und  steckt  voll  bezeichnender  Charakteristik ;  jeder  Satz  ist  knapp  und 
doch  nirgends  armlich  formulirt  und  deckt  sich  in  seiner  klaren  Fassung  vollig 
mit  dem  Gedanken,  dem  Urtheil,  das  er  vermitteln  will.  So  ist  der  » Cice- 
rone* eine  unerschopfliche  Fundgrube  gesunder  asthetischer  Terminologie  ge- 
worden  und  ein  stets  neues  Entziicken  Aller,  die  sich  ein  Gefiihl  flir  Schon- 
heit,  Kraft  und  Biindigkeit  des  sprachlichen  Ausdrucks  bewahrt  haben.  Das 
personliche  Moment  in  dem  Buche  haben  wir  schon  oben  kurz  berlihrt;  an 
wie  manchen  Stellen  tiberrascht  uns  B.  mit  einer  Bemerkung,  die  wir  gerade 
hier  nicht  gesucht  hatten:  da  lesen  wir  ein  sehr  ausfiihrliches  und  ftir  B. 
hochst  bezeichnendes  Urtheil  liber  Dante's  Gottliche  Komodie;  da  stossen  wir 
auf  den  schon  friiher  erwahnten  warmen  Preis  des  Luganersees,  dem  vor  dem 
»brillanten«  Comersee  der  Vorzug  gegeben  wird;  da  treffen  wir  bei  Anlass 
Berninis  eine  feine  Parallele  oder  wol  besser  Contrastirung  der  allegorischen  Ge- 
stalten  dieses  Kiinstlers  zu  denen  in  Calderon's  Dramenwelt,  und  anschliessend 
daran  die  Bemerkung,  dass  man  auch  bei  Rubens  bisweilen  eine  ahnliche, 
zum  Glauben  zwingende  Gewalt  der  Allegorie  wie  bei  Calderon  empfinde. 
Diese  wenigen  Proben  rnussen  hier  genilgen.  An  Reich thum  der  Gesichts- 
punkte,  asthetischem  Feingehalt,  sprachlicher  Vollendung  steht  der  »Cicerone« 
in  der  Kunstgeschichte  unseres  Jahrhunderts  wohl  einzig  da.  Von  Winckel- 
mann  riihmt  huldigend  der  »Cicerone«,  dass  »die  Kunstgeschichte  ihm  vor 
alien  anderen  den  Schliissel  zur  vergleichenden  Betrachtung,  ja  ihr  Dasein 
verdankU ;  vom  »Cicerone«  selbst,  der  sich  mit  vollstem  Recht  »eine 
Anleitung  zum  Genuss  der  Kunstwerke  Italiens«  nennen  durfte,  konnen 
wir  sagen,  dass  wir  ihm  in  erster  Linie  unsere  Kenntniss  der  italienischen 
Kunst  und  damit  vielleicht  eines  der  hochsten  Gliicksgiiter  unseres  Lebens 
verdanken. 

Der  « Cicerone*  brachte,  wie  schon  erwTahnt,  B.  den  Ruf  als  Lehrer  der 
Kunstgeschichte  an's  Polytechnikum  nach  Zurich.  Gottfried  Semper  war 
gleichzeitig  mit  ihm  dahin  berufen  worden ;  naher  sind  sich  die  beiden  Manner 
bei    aller    gegenseitigen  Hochachtung    nicht  gekommen.     Zu  Gottfried  Keller 


64  Burckhardt. 

trat  der  Basler  in  ein  gutes  Verhaltniss,  und  er  freute  und  rtihmte  sich  dessen 
noch  in  seinen  alten  Tagen.  Er  hat  ihn  als  Dichter  warm  verehrt  und  ihm 
gewisse  kraftige  Ausfalle  wie  im  »Verlornen  Lachen*  ganz  besonders  hoch 
angerechnet.  Bei  allem  Lehrerfolg  und  aller  Anerkennung,  die  sich  B.  durch 
Vortrage  auch  in  weiteren  Kreisen  erwarb,  behagte  es  ihm  aber  auf  die  Lange 
in  Zurich  doch  nicht,  und  er  Hess  sich  im  Friihjahr  1858  mit  Freuden  nach 
Basel  zurtickberufen ;  endlich  fand  er  in  der  Vaterstadt  die  Stellung,  die  seiner 
Fahigkeiten  wiirdig  war:  das  Ordinariat  der  Geschichte  in  Verbindung  mit 
einem  Geschichtspensum  an  den  obersten  Klassen  des  Gymnasiums.  Im 
Sommer  1858  nahm  er  seine  Vorlesungen  in  Basel  wieder  auf.  Eine  Frucht 
des  Ziircher  Aufenthalts  ist  eine  Monographic  liber  den  Dom  von  Chur,  er- 
schienen  in  den  Mittheilungen  der  Ziircher  Antiquarischen  Gesellschaft,  leider 
anonym,  so  dass  sie,  obwohl  B.'s  Autorschaft  erwiesen  ist,  in  dem  Publica- 
tionenverzeichniss  der  Gesellschaft  fort  und  fort  unter  der  unrichtigen  Flagge 
Ferd.  Keller's  segelt.  Es  ist  eine  sorgfaltige  und  feinsinnige  Beschreibung  des 
baulich  und  um  seiner  Kirchenschatze  willen  sehenswerthen  Doms  in  der  alten 
rhatischen  Hauptstadt.  Wichtig  sind  die  Ziircher  Jahre  fiir  B.  dadurch  ge- 
worden,  dass  er  dort  auf  der  Bibliothek  reichstes  Material  fand  fiir  seine 
Renaissance-Studien.  Auf  Grund  dieser  entstand  zunachst  die  Universitats- 
vorlesung  liber  die  Culturgeschichte  Italiens  vom  13.  bis  in's  16.  Jahrhundert, 
die  B.  im  Winter  1858/59  in  Basel  hielt;  dann  erschien  i860  in  Basel  sein 
zweites  culturhistorisches  Hauptwerk  »Die  Cultur  der  Renaissance  in  Italien«. 
Das  Buch  erfreut  sich,  wie  man  heute,  da  eine  franzosische,  englische,  italie- 
nische,  ungarische  und  polnische  Uebersetzung  desselben  vorliegt,  wohl  sagen 
darf,  eines  Weltruhms;  flinf  Auflagen  sind  bis  1896  von  ihm  erschienen; 
neben  ihm  ist,  man  darf  mit  Recht  sagen  » leider «,  »Die  Zeit  Constantins  des 
Grossen«,  in  den  Schatten  gerlickt  worden,  weshalb  wir  oben  auch  absicht- 
lich  ausfuhrlicher  auf  dieses  Werk  eingegangen  sind,  das  so  reichen  Stoff  zu 
historischem  Nachdenken  bietet.  Begreiflich  ist  diese  Bevorzugung  des  Buches 
liber  die  Renaissancecultur  allerdings,  denn  zum  Italien  jener  Zeiten  fiihlen 
wir  Nordlander  uns  schon  durch  die  hohe  Kunst,  die  uns  von  Jugend  auf  in 
Reproductionen  berlihmter  Schopfungen  als  etwas  besonders  Verehrungs- 
wlirdiges  empfohlen  ist,  wie  durch  einen  geheimen  Zauber  hingezogen;  und 
von  vornherein  muss  es  uns  locken,  Naheres  zu  erfahren  von  einer  Periode, 
deren  reiches  Kunstschaffen  nur  in  der  Antike  ihres  Gleichen  besitzt.  Und 
welchen  Blick  hat  uns  da  B.  eroffnet,  wie  ist  er  auch  hier,  wie  einst  schon 
im  »Cicerone«,  der  grosse  Entdecker  geworden!  Heute  sehen  wir  recht 
eigentlich  die  Renaissance  durch  das  Medium  von  B.'s  Geist;  und  was  sich 
an  seiner  AufTassung  als  correcturbedurftig  erwiesen  hat,  beriihrt  doch  nirgends 
die  grossen  bleibenden  Hauptresultate  seines  Culturbildes.  Mag  auch  da  und 
dort  im  Mittelalter,  etwa  im  Slid-Frankreich  der  provengalischen  Cultur,  ein 
individuelles  Streben  zum  Durchbruch  gekommen  sein,  im  letzten  Grunde 
bleibt  es  eben  doch  fiir  das  geistige  Gesammtbild  des  Mittelalters  bei  dem 
berlihmten  Satze  B.'s:  »Im  Mittelalter  lagen  die  beiden  Seiten  des  Bewusst- 
seins  —  nach  der  Welt  hin  und  nach  dem  Innern  des  Menschen  selbst  — 
wie  unter  einem  gemeinsamen  Schleier  traumend  oder  halbwach.  Der  Schleier 
war  gewoben  aus  Glauben,  Kindesbefangenheit  und  Wahn;  durch  ihn  hin- 
durchgesehen  erschienen  Welt  und  Geschichte  wundersam  gefarbt.  Der  Mensch 
aber  erkannte  sich  nur  als  Rage,  Volk,  Partei,  Corporation,  Familie  oder  sonst 
in    irgend    einer    Form    des  Allgemeinen.«     Ware    das  nicht  so  gcwesen,    so 


Burckhardt.  65 

wttrde  sich  eben  doch  nie  verstehen  lassen,  warum  nur  Italien  die  Renaissance 
geschaffen  hat;  hier  muss  wirklich,  wie  B.  es  ausfiihrt,  der  Volksgeist  ein 
anderer  gewesen  sein  als  in  den  anderen  Landern,  hier  mlissen  Krafte  ge- 
schlummert  haben,  die  trotz  aller  mittelalterlicher  Bande  auf  das  Konigsrecht 
des  Individuums,  sich  seiner  Subjectivitat  bewusst  zu  werden  und  die  Dinge 
dieser  Welt  objectiv  zu  betrachten  und  zu  behandeln,  sich  zu  besinnen  die 
Fahigkeit  und  den  Muth  besassen.  Denn  daran  halt  B.  fest:  nicht  das  Alter- 
thum  allein  ist  es  gewesen,  das,  wieder  erwacht,  die  Menschen  zwang,  sich 
wieder  auf  sich  selbst  zu  besinnen,  sondern  sein  Biindniss  mit  dem  bestehen- 
den  italienischen  Volksgeist.  In  seinen  Condottieren  und  Staatsktinsdern  sah 
Italien  zum  ersten  Male  die  Macht  des  Individuums  wieder  zur  Geltung  ge- 
langen;  daneben  sind  es  die  beiden  grossen  Stadte-Republiken  Florenz  und 
Venedig,  vor  allem  das  erstere,  in  denen  der  Geist  der  antiken  Polis,  der 
selbstbewussten  Stadtgemeinde,  sich  neue  Formen  schafft  und  ein  neues  indi- 
viduelles  Leben  weckt.  Und  wie  den  Menschen,  so  entdeckt  diese  Renaissance 
im  B.'schen  Sinne  auch  die  Welt;  Michelet  hatte  einst  diese  Formel  fllr  die 
Renaissance  geschaffen,  B.  aber  giebt  ihr  als  Erster  den  wahren,  vollen  In- 
halt:  der  Blick  offnet  sich  flir  die  weite  Welt,  flir  die  landschaftliche  Schon- 
heit,  wie  er  sich  nach  innen  das  Seelenleben  des  Menschen  erschliesst  und 
diesen  zum  Mittelpunkt  der  Schilderung  in  Poesie  und  Prosa  werden  lasst.  Und 
das  alles  wird  nun  »von  der  Einwirkung  der  antiken  Welt  mannichfach  ge- 
farbU;  und  »nur  mit  ihr  und  durch  sie«c  ist  » die  Aeusserungsweise  im  Leben 
verstandlich  und  vorhanden«.  Diesem  neuen  machtigen  Fluidum  ist  B.  nach- 
gegangen  im  dritten  Abschnitt  seines  Buches,  der  von  der  Wiedererweckung 
des  Alterthums  handelt,  Wie  sich  nun  diese  italienische  Renaissancemensch- 
heit  —  B.  denkt  dabei  freilich  ausschliesslich  an  die  Gebildeten  des  damaligen 
Italiens  —  in  concreter  Weise  auslebt,  das  schildert  wunderwtirdig  der  Ab- 
schnitt liber  die  Geselligkeit  und  die  Feste.  Wie  ein  Hauch  von  Sehnsucht 
nach  diesem  gl&nzenden  und  geistvollen  Treiben  liegt  es  iiber  diesem  farben- 
prachtigen  Kapitel,  das  denn  auch  nicht  vergebens  ausgeht  in  den  resignirt- 
wehmtithigen  Refrain  aus  dem  bertihmten  Bacchus  und  Ariadne-Trionfo  Lo- 
renzo Medicis,  den  man  auf  Deutsch  etwa  so  wiedergeben  konnte:  »Golden 
ist  der  Jugend  Schimmer,  —  Doch  gar  bald  der  Zeiten  Beutel  —  Willst  Du 
froh  sein,  sei's  drum  heute,  —  Wer  weiss,  morgen  bist  Du  nimmer.«  Den 
Schluss  des  Buches  bildet  eine  Betrachtung  von  Sitte  und  Religion:  neben 
reinem  Licht  auch  tiefer  Schatten,  neben  geistiger  Freiheit  finsterer  Aber- 
glaube,  Frevelsinn  zeitweise  abwechselnd  mit  »Bussepidemien«,  neben  der 
Weltlichkeit  im  ernsten  Sinne  des  Wortes,  von  der  es  bei  B.  heisst:  »Es  ist 
eine  erhabene  Nothwendigkeit  des  modernen  Geistes,  dass  er  dieselbe  gar 
nicht  mehr  abschtitteln  kann,  dass  er  zur  Erforschung  der  Menschen  und  der 
Dinge  unwiderstehlich  getrieben  wird  und  dies  ftir  seine  Bestimmung  halU, 
neben  dieser  der  machtige  Glaubenseifer  Savonarola's,  des  Mannes  mit  der 
gewaltigen  Seele  und  dem  engen  Geiste.  Aber  bei  allem  mannichfachen 
Triiben  warnt  B.  doch  durchgehend  vor  einer  einseitigen  Verurtheilung  des 
damaligen  Italieners  in  sittlicher  Beziehung:  »Die  grosse  Verrechnung  von 
Nationalcharakter,  Schuld  und  Gewissen  bleibt  eine  geheime,  schon  weil  die 
Mangel  eine  zweite  Seite  haben;  wo  sie  dann  als  nationale  Eigenschaften ,  ja 
als  Tugenden  erscheinen.«  Und  weiter:  »Eine  grosse  Nation,  die  durch 
Cultur,  Thaten  und  Erlebnisse  mit  dem  Leben  der  ganzen  neueren  Welt  ver- 
flochten    ist,    tiberhort    es,    ob    man    sie  anklage  oder  entschuldige ;    sie  lebt 

Blogr.  Jahrb.  a.  DeuUcher  Nekrolog.    2.  Bd.  C 


66  Burckhardt. 

weiter  mit  oder  ohne  Gutheissen  der  Theoretiker.c  So  will  B.  denn  auch 
alle  seine  Aeusserungen  iiber  Sitte  und  Religion  der  Renaissancemenschen  nur 
als  eine  Reihe  von  Randbemerkungen  aufgefasst  wissen.  Er  l&sst  bis  auf  einen 
gewissen  Grad  den  Einwand  gegen  die  Renaissance  gelten,  dass  sie  zu  keiner 
eigentlichen  Reformation  gelangt  sei,  aber  er  giebt  dem  gegeniiber  auch  zu 
erwagen,  dass  seit  dem  13.  Jahrhundert  bis  auf  Savonarola  »sehr  viel  posi- 
tiver  GlaubensinhalU  vorhanden  war,  »dem  zur  Reife  nichts  als  das  Gltick 
fehlte«.  Auch  an  anderen  Stellen,  z.  B.  in  Bezug  auf  die  Unsittlichkeit  der 
damaligen  Novellisten,  auf  das  Brechen  der  Ehe,  auf  das  sogenannte  moderne 
Heidenthum  der  Renaissance,  weiss  B.  die  Gegenrechnung  geistreich  und 
liberzeugend  aufzustellen,  ohne  doch  je  in  den  Ton  eines  banalen  Plai- 
doyers  zu  verfallen.  Davor  bewahren  ihn  sein  Geschmack  und  sein  psycho- 
logischer  Scharfblick.  Dass  er  (ibrigens  ohne  Vorbehalt  und  ohne  mildernde 
Instanzen  Verwerfliches  beim  Namen  nannte,  konnte  schon  einzig  die 
Charakteristik  Pietro  Aretino's  zeigen;  so  hat  etwa  Dante  seine  Verdammten 
behandelt. 

Der  Ruhm  der  *Cultur  der  Renaissance*  lSsst  sich  gar  nicht  erschopfen; 
das  Buch  verlangt  gebildete  Leser  und  ruhige  und  wiederholte  Lektttre:  dann 
erst  wird  man  seines  ungeheuren  Reichthums  inne.  Einen  Stoff,  der  fur 
mehrere  Bande  ausgereicht  h&tte,  und  fiir  den  vielleicht  auch  urspriinglich 
eine  breitere  Darstellung  vorausgesehen  war,  hat  B.  hier  auf  560  Seiten  zu- 
sammengedr&ngt :  jeder  Satz  ist  mit  Inhalt  gesattigt,  das  Ganze  in  einer  Weise 
durchdacht  und  verarbeitet,  dass  das  Buch  wie  ein  grosser  herrlicher  Organis- 
mus  vor  uns  steht.  Lhre  admirable,  le  plus  complet  et  le  plus  philosophique 
qu'on  ait  icrit  sur  la  Renaissance  italienne:  mit  diesen  Worten  hat  H.  Taine, 
auch  ein  Gewaltiger  im  Reiche  des  Geistes,  das  Buch  B.'s  in  einer  Anmer- 
kung  seiner  Philosophie  de  FArt  charakterisirt;  und  wer  in  Deutschland  jemals 
liber  Renaissance  das  Wort  ergriffen,  hat  in  lauten  Worten  das  Verdienst 
dieses  Werkes  gepriesen,  das  den  Begriff  der  Renaissance  im  Grossen  und 
Ganzen  endgiltig  fixirt  hat.  Nur  ein  wahrhaft  philosophischer  Kopf  konnte 
dieses  Buch  schreiben  und  so  schreiben;  wir  wollen  damit  B.  nicht  zu  einem 
Philosophen  machen  in  der  iiblichen  Bedeutung  dieses  Wortes:  die  philoso- 
phische  Speculation  war  seine  Sache  nie,  und  schon  der  Student  hatte  in 
Berlin  nur  ein  skeptisches  Lacheln  fiir  den  Hegel'schen  Formelkram  und  hielt 
spottend  seinen  Hegelianer-Freunden  den  »tiberwundenen  Standpunkt«  der 
positiven  Kenntnisse  vor.  Ein  Philosoph  aber  ist  B.  in  der  Kunst,  aus  dem 
massenhaften  Stoff  das  Werthvolle,  Bleibende,  Bezeichnende  herauszusch&len, 
es  innerlich  in  Beziehung  zu  setzen,  in  einen  grossen  Zusammenhang  zu  brin- 
gen  und  so  das  tiefste  Wesen  geschichtlicher  Erscheinungen  zu  ergriinden 
und  zu  formuliren.  Halt  man  so  von  dem  Begriff  des  philosophischen  Den- 
kens  alles  Abstrakte,  Begriffsmassige,  Ntichterne  und  Kahle  fern,  so  wird  man 
dem  Ausspruch  Taine's  in  vollem  Umfange  zustimmen  mtissen,  Nur  feinste 
Geistesbildung  hat  das  Renaissancebuch  schaffen  konnen  und  nur  ein  jener 
Epoche  in  manchem  congenialer  Mann  konnte  sich  so  in  sie  hineinversetzen, 
nur  ein  Psycholog  von  so  intuitivem  Scharfblick  vermochte  mit  dieser  Sicher- 
heit  in  den  Seelen  der  damaligen  Menschen,  in  und  zwischen  den  Zeilen  der 
damaligen  Literatur  zu  lesen.  Alle  Erudition  ware  ohne  diese  Eigenschaften 
unfruchtbar  geblieben;  unter  B.'s  Handen  wurde  sie  lebendig  und  gab  ihr 
Feinstes  und  Werthvollstes  willig  her.  Das  macht  das  unvergangliche  Ver- 
dienst der  »Cultur  der  Renaissance  in  Italien«  aus. 


Burckhardt.  67 

B.  ist,  nachdem  er  einmal  sein  Werk  veroffentlicht  hatte,  nie  mehr  in 
seinen  Vorlesungen  im  Zusammenhang  auf  diese  Culturperiode  zuriickgekom- 
men;  in  dem  Geschichtscolleg,  das  die  Zeit  von  1450  bis  1598  umfasste,  lag 
der  Accent  fast  ausschliesslich  auf  der  politischen  Geschichte,  und  nur  sehr 
sporadisch  flocht  er  einzelne  Bemerkungen  tiber  die  culturgeschichtliche  Seite 
dieser  Epoche  und  ihre  Hauptvertreter  ein.  Es  hatte  ihm  widerstrebt, 
einen  Stoff  immer  und  immer  wieder  zu  behandeln,  den  er  in  eigenen  Biichern 
fixirt  hatte,  oder  gar  seine  Arbeiten  citiren  zu  miissen.  Das  ist  nie  geschehen. 
Nicht  alle  Hochschullehrer  sind  so  feinfuhlig.  Ftir  B.  war  das  Problem,  das 
er  sich  gestellt  hatte,  erledigt;  er  wandte  sich  sofort  der  Erforschung  einer 
anderen  Culturwelt  zu:  der  griechischen.  Sie  wurde  fortan  in  den  Rahmen 
seiner  Universit&tsvorlesungen  aufgenommen  und  ersetzte  mit  der  Zeit  das 
Colleg  ttber  alte  Geschichte,  dessen  Vorbereitung  bei  der  Fiille  der  neuen 
Forschungen  auf  dem  Gebiete  der  orientalischen  Geschichte  B.  besondere 
Mtihe  machte.  Ein  grosses  Werk  schuldete  er  freilich  der  Wissenschaft  noch ; 
die  kurze  Einleitung  zur  »Cultur  der  Renaissance «  hatte  er  mit  dem  Satz 
abgeschlossen :  »Der  grossten  Liicke  dieses  Buches  gedenken  wir  in  einiger 
Zeit  durch  ein  besonderes  Werk  flber  »Die  Kunst  der  Renaissance*  abzu- 
helfen.*  Er  konnte  sich  getrauen,  ein  solches  Versprechen  zu  geben,  hatte 
er  doch  im  »  Cicerone*,  den  er  hier  wie  nicht  vorhanden  behandelt,  die  voll- 
giltige  Probe  seiner  Befahigung  zu  dieser  Arbeit  abgelegt.  Leider  hat  B. 
dieses  Versprechen  nicht  im  vollen  Umfange  eingelost;  aus  dem  Kunstschaffen 
der  Renaissance  griff  er  ein  einziges  Gebiet,  das  ihm  freilich  stets  besonders 
am  Herzen  lag,  heraus:  die  Architektur  sammt  der  Decoration.  So  entstand 
»Die  Geschichte  der  Renaissance  in  Italien«,  als  4.  Band  der  von  Kugler  be- 
gonnenen,  von  W.  Llibke,  B.'s  Freunde,  fortgesetzten  »Geschichte  der  Bau- 
kunsU.  1867  erschien  das  Buch,  1878  wurde  eine  zweite  Auflage  nothig, 
die  dritte  kam  1891  zur  Ausgabe.  Die  »Geschichte  der  Renaissance*  ist 
dasjenige  Buch  B/s,  welches  die  grossten  Ansprliche  an  den  Leser  stellt  und 
deshalb  auch  immer  nur  von  Wenigen  in  seiner  ganzen  unvergleichlichen 
Feinheit  und  Eigenart  wird  gewurdigt  werden  konnen.  Indem  der  Verfasser 
auf  den  Reiz  der  fortlaufenden  Schilderung  absichtlich  verzichtete,  den  Stoff 
in  kurze,  knappe  Paragraphen  und  diese  erlauternde  und  belegende  Anmer- 
kungen  zusammendr&ngte ,  liberdies  die  Denkmaler  nach  Sachen  und  Gat- 
tungen  systematisch  gliederte,  stellte  er  an  den  Leser  die  Forderung,  ein  ge- 
naues,  anhaltendes  und  eindringendes  Studium  der  Darstellung  zu  widmen. 
Dieses  Studium  aber  wird  herrlich  belohnt.  Die  scharfe  Precision  des  sprach- 
lichen  Ausdrucks,  der  in  wenigen  Worten  immer  das  Wesentliche  und  Cha- 
rakteristische  zu  sagen  weiss;  die  Feinheit  des  formalen  Empfindens;  die 
vftllige  Durchdringung  und  Beherrschung  des  Stoffes  feiern  hier  wahre  Triumphe. 
Das  Buch  konnte  von  einem  hochgebildeten  Architekten  geschrieben  sein,  und 
doch  gewinnt  man  den  Eindruck,  dass  selbst  ein  solcher  kaum  Besseres  und 
TrefTenderes  zu  sagen  vermochte,  als  dieser  Laie  in  Bausachen,  der  aber  die 
Sprache  des  architektonischen  Schaffens  in  der  Anwendung  der  Einzelformen 
wie  in  der  Composition  des  Einzelnen  zu  einem  baulichen  Organismus  ge- 
radezu  wunderbar  verstand.  In  Fachkreisen  ist  deshalb  auch  B.  um  dieses 
Werkes  willen  willig  und  neidlos  der  Ruhm  einer  Autoritat  fur  die  Renais- 
sancebaukunst  zugestanden  worden.  Der  Hohepriester  der  Renaissance,  wie 
Waagen  einst  B.  genannt,  hatte  nochmals  in  herrlicher  Weise  seines  Amtes 
gewaltet. 

5* 


68  Burckhardt. 

Mit  der  »Geschichte  der  Renaissance  in  Italieru  schloss  B.  seine  wissen- 
schaftlichen  Publicationen  ab.  Der  literarische  Ehrgeiz  hat  ihn  nicht  geplagt, 
so  wenig  als  der  specielle  Gelehrtenruhm.  Er  empfand  es  tiberdies  als  eine 
grosse  Wohlthat,  nicht  »in  der  Knechtschaft  buchhandlerischer  Geschafte 
leben  zu  mussen«.  Und  so  haben  wir  denn  das  merkwUrdige  Schauspiel,  dass 
ein  Mann  von  B.'s  Bedeutung  vom  Jahre  1867  an  bis  zu  seinem  1897  er- 
folgten  Tode,  also  30  Jahre  lang,  mit  keinem  neuen  Werke  mehr  vor  die 
Oeffentlichkeit  trat,  ja,  dass  er  die  alten  mit  Ausnahme  der  »Zeit  Constantins 
des  Grossen*  und  der  »Geschichte  der  Renaissance*  flir  die  Neuauflagen  so- 
zusagen  v6llig  aus  seinen  Handen  gab;  und  auch  bei  letztgenanntem  Buche 
vertraute  er  die  dritte  Auflage  von  1891  Professor  Holtzinger  an,  ohne  frei- 
lich  auf  die  Mitarbeit  ganz  zu  verzichten.  Die  »Cultur  der  Renaissance « 
hatte  er  1869  in  nahezu  unveranderter  Ausgabe  zum  zweiten  Male  er- 
scheinen  lassen;  weiterhin  nahm  er  sich  dieses  Werkes  nicht  mehr  an;  Prof. 
Ludwig  Geiger  in  Berlin  besorgte  die  weiteren  Auflagen,  leider  nicht  ohne 
mannichfache  tiberflfissige  HinzufUgungen  und  ausserliche  VerSLnderungen,  ab- 
gesehen  von  gewissen  Auslassungen,  die,  angeblich  von  dem  neuen  Stand  der 
Wissenschaften  gefordert,  gar  nicht  immer  auf  die  Lange  sich  gerechtfertigt 
haben.  Nur  der  italienischen  Uebersetzung  des  Buches  durch  Prof.  Valbusa 
in  Mantua  (Florenz  1876)  lieh  B.  seine  Mithilfe  durch  einige  HinzufUgungen 
und  Correcturen;  doch  blieb  das  Werk  in  allem  Wesentlichen  vollig  unver- 
&ndert.  Unter  diesen  Umst&nden  haben  die  beiden  ersten  deutschen  Auflagen 
der  Renaissancecultur  ihren  ganz  besonderen  Werth.  Auch  dem  » Cicerone « 
ist  es  nicht  iiberall  gut  bekommen,  dass  die  moderne  Forschung  sich  seiner 
angenommen  hat.  Nachdem  zuerst  Alb.  von  Zahn  die  neuen  Auflagen  be- 
sorgt  und  Mtindler  Zusatzbandchen  dazu  herausgegeben  hatte,  iibernahm 
Wilh.  Bode,  der  hochverdiente  Berliner  Museumsdirector,  die  fernere  Heraus- 
gabe,  und  Anfangs  des  Jahres  1898  ist  nunmehr  die  siebente  »vermehrte  und 
verbesserte«  Auflage  erschienen.  Es  lag  ja  auf  der  Hand,  dass  ein  Buch,  das 
wie  der  » Cicerone «  den  Italienfahrer  zum  Genuss  der  dortigen  Kunstwerke 
anleiten  sollte,  sich  nicht  vollig  von  den  Resultaten  der  rastlos  thatigen  kunst- 
geschichtlichen  Forschung  emancipiren  konnte.  Nur  hatte  man  eben  diesen 
Zweck  des  Buches,  den  asthetischen  Genuss  zu  vermitteln,  nicht  allzu  sehr 
dem  bloss  wissenschaftlichen  Forscher-  und  Sammelfleiss  opfern  sollen.  Das 
ist  aber  vielfach  im  Uebereifer  des  Genauigkeits-  und  Vollstandigkeitsdranges 
geschehen.  Und  durch  diese  Vermehrung  in  der  Aufzahlung  von  Kunst- 
werken,  die  der  Forscher  aufsuchen  muss,  die  aber  der  kunstfreundliche 
Italienfahrer  schpn  aus  Mangel  an  Zeit  unmoglich  alle  berticksichtigen  kann, 
da  sie  vielfach  in  entlegenen  Orten  zerstreut  sind,  hat  das  Buch  eine  Ver~ 
grosserung  erfahren,  die  schon  aus  praktischen  Grtlnden  kaum  zu  begriissen 
ist.  Auch  die  Eintheilung  musste  sich  starke  Veranderungen  gefallen  lassen: 
flir  B.  war,  wie  schon  hervorgehoben  wurde,  die  italienische  Kunst  ein  grosses 
Ganzes:  die  Antike  und  die  Renaissance  bilden  die  beiden  gewaltigen  ent- 
scheidenden  Phanomene  des  italischen  Kunstschaflens ;  auf  ihnen  liegen  die 
Hauptaccente.  Diesen  wohlerwogenen  Organismus  haben  die  neuesten  Auf- 
lagen zerstort,  indem  sie  die  antike  Architektur,  Skulptur  und  Malerei  in  ein 
gesondertes  erstes  Bandchen  vereinigt  haben;  ein  zweiter  Band  bringt  dann 
die  Architektur  und  Skulptur  (in  der  neuesten  erhielt  sogar  die  Skulptur  den 
Vortritt),  ein  dritter  die  Malerei  der  »neueren  Kunst «.  Ein  viertes  Bandchen 
enthalt  das  sorgfaltige  und  reichhaltige  Register.     Die  gewaltige  Summe  von 


Burckhardt.  6o 

Forschung,  die  namentlich  dem  heute  in  der  Werthschatzung  so  enorm  gegen- 
liber  frliher  gestiegenen  Quattrocento  gegonnt  worden  ist,  ist  audi  ftir  den 
»Cicerone«  bedeutungsvoll  geworden:  hier  ist  vielfach,  namentlich  in  der 
Skulptur,  das  alte  B.'sche  Buch  ein  neues  geworden,  imd  einzelne  aus  der 
ersten  Auflage  herubergenommene  Partien  oder  nur  Satze  nehmen  sich  neben 
dieser  dem  B.  des  »Cicerone«  von  1855  fremden  Begeisterung  ftir  das  Kunst- 
schaffen  des  15,  Jahrhunderts,  namentlich  das  realistische,  manchmal  recht 
sonderbar  aus.  Aehnlich  verhalt  es  sich  bei  der  Malerei.  Den  originalen  B. 
findet  man  daher  nur  in  der  ersten  Auflage,  und  sein  Urtheil  wird  vielleicht 
neben  dem  historischen  Werth,  den  es  ftir  sich  beanspruchen  darf,  eines  Tages 
wieder  einen  actuellen  gewinnen,  wenn,  was  gar  nicht  unmoglich  ist,  der 
Schwerpunkt  der  asthetischen  Bewunderung  wieder  mehr  auf  die  eigentliche 
Hochrenaissance  und  die  von  ihren  Idealen  inspirirten  Nachzligler  gelegt  wird. 
Dass  den  sog.  Eklektikern  z.  B.  heutzutage  vielfach  Unrecht  geschehe,  blieb 
B.'s  feste  Ueberzeugung. 

Hatte  sich  auf  diese  Weise  der  grosse  Gelehrte  in  den  letzten  drei  De- 
cennien  seines  Lebens  vom  Blichermarkt  vollig  fern  gehalten  und  sich  damit 
freiwillig  der  Gefahr  des  Vergessenwerdens  in  unserer  literarisch  so  ungeheuer 
productiven  Zeit  ausgesetzt,  so  gewann  er  daftir,  was  ihm  als  das  Kostlichste 
und  Werthvollste  erschien,  die  Musse  ftir  seine  Uber  alles  geliebte  Lehrthatig- 
keit.  Sie  trat  nunmehr  beherrschend  in  die  Mitte  seiner  ganzen  Lebens- 
aufgabe.  Neben  der  Schule,  der  er  von  1858  an  bis  1883  als  Geschichts- 
lehrer  an  den  obersten  Klassen  des  Gymnasiums  auf  s  treueste  und  mit  aus- 
gesprochener  Sympathie  seine  Kraft  zur  Verftigung  gestellt  hat,  war  es  nattir- 
lich  in  erster  Linie  die  Universitat,  der  sein  Wirken  gait  Neben  der  Ge- 
schichte,  die  B.  im  ganzen  Umfang  von  der  alten  Geschichte  bis  in  den  An- 
fang  des  19.  Jahrhunderts  —  von  Adam  bis  auf  Napoleon,  pflegte  er  scher- 
zend  zu  sagen  —  in  den  Rahmen  seiner  Vorlesungen  einbezogen,  war  es  die 
Kunstgeschichte,  die  ebenfalls  von  der  Antike  an  bis  in's  18.  Jahrhundert 
anfangs  in  drei,  spater  in  ftinf  Wochenstunden  das  Thema  seiner  Vortrage 
abgab.  Und  in  den  letzten  Jahren  seiner  akademischen  Thatigkeit,  als  B., 
der  die  Last  des  Alters  zu  sptiren  begann,  einen  Theil  seiner  Collegien  auf- 
gegeben  hatte  (1886),  war  es  die  Kunstgeschichte,  die  er  bis  in  den  Frtihling 
1893  beibehielt.  Da  zwang  ein  asthmatisches  Leiden,  zusammenhangend  mit 
einer  langsam,  aber  stetig  fortschreitenden  Herzverknocherung,  den  fast  75- 
jahrigen  auf  sein  teures  Lehramt  zu  verzichten.  In  der  Stille  der  Studirstube 
flossen  B.'s  letzte  Lebensjahre  dahin,  ein  otium  cum  dignitate  im  hftchsten 
Sinne  des  Wortes;  denn  auch  jetzt  gab  sich  dieser  reiche  Geist  nicht  dem 
volligen  Ausruhen  hin.  Die  Feder,  die  in  den  verflossenen  Decennien  einzig 
der  unablassigen  Arbeit  des  Excerpirens  der  Quellenschriften  und  wissenschaft- 
licher  Bticher  und  der  rastlosen  Preparation  auf  die  Vorlesungen  gedient  hatte, 
setzte  sich  jetzt  in  Bewegung,  um  B.  vor  allem  am  Herzen  liegende  Themata 
schrifdich  zu  fixiren.  Die  Lust  am  endgiltigen  Redigiren  seiner  unzahligen 
Notizen  und  Aufzeichnungen  lag  ihm  im  Blut.  So  nahm  er  die  griechische 
Culturgeschichte,  eine  seiner  glanzendsten  Vorlesungen,  wieder  vor  und  arbei- 
tete  sie  in  einem  betrachtlichen  Umfange  aus,  leider  nicht  vollst&ndig;  immer- 
hin  ermfiglicht  das  ziemlich  druckfertig  vorhandene  Manuskript  die  Heraus- 
gabe  von  zunachst  zwei  Banden,  die  im  Laufe  des  Jahres  1 898,  herausgegeben 
von  einem  Neffen  des  Verstorbenen,  dem  Philologen  Dr.  Jak.  Oeri,  erscheinen 
werden;    die    (lberaus    umfanglichen  Collectaneen    und  Dispositionen  B.'s  fllr 


7o 


Burckhardt. 


sein  Colleg  ermoglichen  es,  dass  diesen  zwei  Banden  spater  noch  weitere, 
voraussichtlich  zwei,  folgen  werden.  Alle  diejenigen,  welche  diese  wunder- 
volle  Verrechnung  griechischen  Lebens  und  Geistes  im  Colleg  B.'s  zu  horen 
nicht  das  GlUck  hatten,  werden  dann  wohl  begreifen,  wie  ein  Friedrich  Nietz- 
sche, der  als  Philologieprofessor  in  Basel  und  Freund  B.'s  die  Vorlesung  be- 
sucht  hat,  dazu  kam,  in  einer  seiner  Schriften  B.  als  den  ersten  Kenner  der 
Griechen  in  unserer  Zeit  zu  preisen. 

Im  Uebrigen  gait  das  Interesse  des  alten  B.  der  Kunstgeschichte.  Und 
da  ist  es  nun  fast  rtihrend  zu  sehen,  wie  er  hier  in  der  einen  Schrift  zurtick- 
gegriffen  hat  auf  denjenigen  Meister,  welcher  einst  in  den  Studienjahren  schon 
machtig  zu  seiner  Seele  gesprochen:  auf  Peter  Paul  Rubens.  So  entstanden 
die  »Erinnerungen  aus  Rubens*,  die  nach  des  Verfassers  Tode  —  denn  zu 
Lebzeiten  wollte  er  von  einer  Publication  nichts  wissen  —  in  Basel  erschienen 
sind  (Weihnachten  1897,  bei  Lendorff),  ein  Buch  von  300  Seiten,  getragen 
von  der  aufrichtigsten  Bewunderung  filr  den  Genius  des  grossen  Malers,  der 
zugleich  ein  grosser  Mensch  gewesen  ist.  Von  den  verschiedensten  Seiten 
und  Gesichtspunkten  aus  suchte  sich  B.  das  Kunstvermftgen  des  Rubens  in 
all  seiner  ungeheuren  Vielseitigkeit  klar  zu  machen.  Die  Liebe  zu  diesem  in 
seinem  Wesen  und  Schaffen  innerlich  begliickten  Meister  geht  wie  ein  Feuer- 
strom  durch  diese  Schrift  hindurch,  die  man  nach  manchen  Seiten  hin  als 
ein  asthetisches  Bekenntniss  B.'s  bezeichnen  konnte.  Mag  auch  die  exacte 
Wissenschaft  bei  diesem  Buche  nicht  allzu  viel  Neues  einzuheimsen  haben, 
der  Kunstfreund  geniesst  es  als  eine  in  ihrer  Frische  und  Begeisterung  wahr- 
haft  herrliche  Gabe.  Wenn  nach  Goethe  der  Mensch  als  der  gliicklichste  zu 
preisen  ist,  der  das  Ende  seines  Lebens  mit  dem  An  fang  in  Verbindung  zu 
setzen  vermag,  so  kann  man  B.  aufrichtig  darum  beneiden,  dass  er  mit  unge- 
schwachten  Geisteskraften  des  reifen  Alters  auf  ein  kiinstlerisches  Jugendideal 
zurtickgreifen  durfte;  dass  er  als  Greis  unter  der  Ftihrung  des  gewaltigen 
Peter  Paul  wieder  in  jene  goldenen  Zeiten  der  Jugendbegeisterung  sich  zuriick- 
zuversetzen  vermocht  hat. 

Die  anderen  kunsthistorischen  Arbeiten  flihrten  B.  in  die  recht  eigentlich 
von  ihm  entdeckten  herrlichen  Gefilde  der  Renaissancekunst.  »Das  Altarbild« 
behandelt  die  Entwickelung  dieses  hochwichtigen  Kirchenschmuckes  nach  Form 
und  Inhalt  auf  Grand  einer  gewaltigen  FUlle  des  B.  zu  Gebote  stehenden 
Anschauungsmaterials  in  geistvollster  Durchdringung  des  riesigen  Stoffes  und 
lichtvollster  Anordnung,  das  Ganze  durchstrahlt  und  erwarmt  von  dem  Feuer 
der  Bewunderung  fUr  die  unvergleichliche  italienische  Kunst.  »Das  PortraU 
sodann  geht  nach  eingehendster  Behandlung  des  Bildnisses  im  Italien  des 
Quattrocento  dem  grossen  Problem  der  Stilwandelung  in  der  Bildnisskunst 
des  16.  Jahrhunderts  nach;  die  dritte  Abhandlung  endlich  bespricht  in  zu- 
sammenhangender  Darstellung  »die  Sammler«  der  Renaissance.  Diese  drei 
Studien  werden,  in  einen  Band  vereinigt,  im  Sommer  1898  (ebenfalls  in 
Basel  bei  Lendorff)  zur  Ausgabe  kommen. 

Wir  haben  diese  literarischen  Friichte  von  B.'s  letzten  Lebensjahren  hier 
vorweggenommen,  um  die  Bahn  frei  zu  haben  ftir  eine  zusammenfassende 
Schilderung  des  Lehrers  B.  Wer  den  Verstorbenen  nur  aus  seinen  Btlchera 
kennt,  wird  sich  nie  ein  vollig  zutreffendes  Bild  von  ihm  zu  machen  ver- 
mogen.  B.  besass  eine  Lehrbegabung  ersten  Ranges;  er  wusste  dies  selbst 
sehr  wohl,  freute  sich  ihrer,  fand  seine  hochste  Befriedigung  in  ihr.  Die 
gliicklichste  Redegabe  stand  ihm  zu  Gebote:  nicht  im  Sinne  des  Pathos,  das 


Burckhardt  *  X 

oft  mehr  tiberredet,  als  tiberzeugt,  sondern  im  Sinne  der  geistvollsten  Cau- 
serie;  er  meisteute  das  Wort  wie  der  Bildner  den  Thon,  der  Stilkiinstler  war 
auch  ein  Wortktinstler.  Ein  Erzahler  vollendeter  Art,  verstand  er  die  Kunst 
der  feinen  Ntiancirung,  die  oft  nur  mit  den  delicatesten  Mitteln  einer  star- 
keren  Betonung,  einer  ironischen  Farbung,  einer  Steigerung  der  Stimme  die 
feinsten  und  starksten  Wirkungen  hervorzubringen  vermag;  und  dann  zitterte 
hie  und  da  in  den  Worten  die  tiefe  Ergriffenheit  des  Redners  nach,  und  der 
Humor  streute  seine  goldenen  Lichter  hinein.  Diesem  Zauber  des  Wortes 
verband  sich  der  Gehalt  der  Rede:  nirgends  die  Phrase  der  Verlegenheit, 
tiberall  der  von  der  volligen  Stoffbeherrschung  gesattigte  plastische  und  tref- 
fendste  Ausdruck.  Gestalten  und  Ereignisse  gewannen  in  B.'s  Munde  runde 
LebensfUUe  und  dramatische  Anschaulichkeit.  Das  gait  von  den  rein  histori- 
schen  Vorlesungen  so  gut  wie  von  den  culturhistorischen  —  der  herrlichen 
griechischen,  der,  wenigstens  stellenweise,  ebenso  glanzvollen  Culturgeschichte 
des  friihen  Mittelalters  — ;  in  den  kunsthistorischen  Collegien  aber,  wo  die 
Ftille  der  Abbildungen  das  Wort  untersttitzte,  feierte  das  Vermogen  B.'s,  in 
seinen  Zuhorern  die  Freude  an  der  Kunst  zu  wecken,  die  schonsten  Siege* 
Und  dieser  ganze  ungeheure  Wissensstoff  wurde  vollig  frei,  ohne  alle  und 
jede  Zuhilfenahme  eines  Manuskriptes  oder  hilfreicher  Notizen  vorgetragen. 
Das  erstaunliche  Gedachtniss  B.'s  ermoglichte  ihm  diese  Kraftleistung,  Frei- 
lich  auch  dieses  wurde  nicht  geniigt  [haben,  ware  nicht  jeder  einzelnen  Stunde 
die  sorgfaltigste  Praparation  und  theilweise  die  genaueste  Memorirarbeit  vor- 
ausgegangen.  Die  Pflichttreue  B.'s  in  dieser  Beziehung  war  seiner  Begabung 
ebenbtlrtig;  sie  war  recht  eigentlich  der  ethische  Centralpunkt  seiner  Person- 
lichkeit. 

Neben  diesen  Lehrstunden  an  Schule  und  Universitat  einher  floss  der 
Strom  der  dffentlichen  Vortrage  vor  gemischten  Auditorien,  in  der  historisch- 
antiquarischen  Gesellschaft  und  bei  anderen  Gelegenheiten.  Hier  sah  man 
noch  einmal  hinein  in  das  unerschopfliche  Wissen  des  Mannes.  Geschichte, 
Kunst,  Literatur  stellten  ihm  immer  neuen  StofF  zur  VerfUgung:  er  konnte 
sprechen  tiber  Pythagoras  und  die  Kochkunst  der  spateren  Griechen,  tiber 
Talleyrand  \md  Uber  Shakespeare's  Macbeth,  tiber  Byzanz  im  10.  Jahrhundert 
und  tiber  landschaftliche  Schonheit,  tiber  die  Briefe  der  Madame  de  Sdvignd 
und  tiber  die  Weihgeschenke  der  Alten,  tiber  hollandische  Genremalerei  und 
tiber  Gltick  und  Ungltick  in  der  Weltgeschichte.  Diese  beliebig  gewahlten 
Beispiele  aus  der  fast  fabelhaften  Menge  von  B.'s  Vortragen  mogen  einiger- 
maassen  ein  Bild  von  der  Ausdehnung  dieses  Wissens  vermitteln.  Kein  Wun- 
der  denn  auch,  dass  alles,  was  in  Basel  Anspruch  auf  Bildung  erhob,  zu  diesen 
kostlichen  Abendstunden  herbeistromte,  kein  Wunder,  dass  der  stets  dienst- 
bereite  Redner  sich  in  frtiheren  Jahren  Sfters  zu  Wiederholungen  genothigt 
sah,  weil  das  erste  Mai  der  Saal  die  Menge  der  Zuhorer  nicht  zu  fassen  ver- 
mocht  hatte.  Von  diesen  Vortragen  her  rtihrte  in  erster  Linie  B.'s  Popu- 
laritat;  er  war  eine  stadtbekannte  Personlichkeit,  und  tiber  alien  Bticherruhm 
hat  er  die  herzlichen  Sympathien  geschatzt,  die  ihm  sein  Lehrberuf  eintrug. 

So  wenig  als  in  seinen  Vorlesungen  an  der  Universitat  hielt  B.  in  diesen 
Vortragen  mit  seinem  subjectiven  Urtheil  hinter  dem  Berg.  Er  nannte  die 
Dinge  bei  ihrem  wahren  Namen  und  machte  aus  seinen  Antipathien  gegen 
gewisse  historische  oder  ktinsderische  Personlichkeiten  kein  Hehl.  Er  konnte 
dabei  recht  deutlich,  ja  derb  werden.  So  bekam  Napoleon  I.  seinen  Wider- 
willen    vielfach    sehr    drastisch    zu    sptiren,    und   mit  Rembrandt  ist  er  nicht 


72 


Burckbardt. 


sauberlich  umgegangen.  Wie  auch  in  seinen  BUchern  etwa  ein  Euseb,  ein 
Pietro  Aretino,  ein  Michelangelo  seine  scharfe  Kritik  und  sein  unverhulltes 
Missfallen  zu  kosten  bekamen,  ist  schon  frtiher  hervorgehoben  worden.  Hier 
trennt  sich  B.  scharf  von  der  viel  gertihmten  Objectivitat  Ranke's,  die  freilich 
manchmal  mehr  einer  diplomatisirenden  Sinnesweise  als  einem  besonders  aus- 
gebildeten  Gerechtigkeitsdrange  entspringt  und  gar  nicht  (iberall  die  hfihere 
innere  Wahrheit  ftir  sich  in  Anspruch  nehmen  darf.  B.  hat  sich  denn  auch 
gelegentlich  Correcturen  Ranke'scher  Urtheile  oder  Interpretationen  in  seinen 
Vorlesungen  gestattet,  bei  aller  Bewunderung,  die  er  ftlr  den  grossen  Ge- 
schichtschreiber  und  namentlich  ftlr  dessen  »R6mische  Papste«  empfand,  das 
Werk,  das  Ranke  niemals  wieder  (ibertroffen  habe.  Ohne  je  trivial  zu  werden, 
hat  B.  als  Redner  in  der  Oeffentlichkeit  eine  edle  Popularitat  gepflegt;  er 
hatte  diese  Gabe,  auch  den  einfacher  Gebildeten  sich  verstandlich  zu  machen, 
ohne  doch  der  Wissenschaftlichkeit  etwas  zu  vergeben,  schon  in  jilngeren 
Jahren  erwiesen,  als  er  in  einem  »Neujahrsblatt«  Basels  Jugend  die  Bekehrung 
der  Alemannen  zum  Christenthum  in  wahrhaft  reizender  Weise  erzahlte.  Das 
Gesagte  mag  geniigen,  urn  die  Bedeutung  B.'s  als  Lehrers  wenigstens  ahnen 
zu  lassen.  Hier  gab  er  seiner  Vaterstadt  vom  kostlichsten,  was  er  besass,  hier 
hat  er  in  seiner  Weise  geradezu  eine  Culturaufgabe  erflillt.  Und  das  Glttck 
dieser  Lehrthatigkeit  war  ftir  B.  ein  so  grosses  und  dauerndes,  dass  ihn  auch 
die  ehrenvollsten  Berufungen  nicht  aus  Basel,  der  heissgeliebten  Vaterstadt, 
wegzulocken  vermochten.  U.  a.  hat  ihn  die  Universitat  Tubingen  ftlr  sich  zu 
gewinnen  gesucht,  und  als  Ranke  Anfang  der  i87oer  Jahre  seine  Professur 
niederlegte,  trat  an  B.  unter  den  schmeichelhaftesten  Bedingungen  der  Ruf 
heran,  dessen  Lehrstuhl  der  Geschichte,  zusammen  mit  G.  Waitz,  an  der 
Universitat  der  deutschen  Reichshauptstadt  zu  tibernehmen.  Aber  B.  blieb 
auch  diesmal  fest;  er  hat  es  aber  stets  als  einen  hohen  Beweis  der  Objectivitat 
der  preussischen  Regierung  in  wissenschaftlichen  Fragen  betrachtet,  dass  diese 
vielbegehrte  Stelle  ihm  gegeben  worden  ware,  wenn  er  nur  gewollt  hatte. 
Irgend  einen  materiellen  Vortheil  ftir  seine  Basler  Professur  hat  B.  aus  diesen 
Berufungen  niemals  gezogen.     Dazu  war  er  zu  vornehm. 

Im  Uebrigen  verlief  sein  Dasein  still,  fast  unbemerkt.  In  die  active  Po- 
litik  hat  er  nie  eingegriffen ;  alles  Hervortreten  in  offentlichen  Fragen  war  ihm 
lastig,  es  hatte  seine  ruhige  Gelehrtenarbeit  nur  stSren  konnen.  In  der  Kunst, 
sich  alles  Unangenehme,  alles  was  nach  zeitraubenden  Verpflichtungen  und 
unter  UmstSnden  lastenden  Verantwortlichkeiten  ausserhalb  seines  eigendichen 
Berufs  schmeckte,  vom  Leibe  zu  halten,  war  B.  ein  Meister,  Ein  gewisser 
Mangel  an  Muth  lasst  sich  hier  nicht  verkennen;  es  war  eine  Art  feinster 
Egoismus,  dem  B.  huldigte.  Goethe  wtirde  das  verstanden  und  gebilligt 
haben.  Die  Selbstandigkeit  ging  B.  tiber  alles.  Er  hielt  darum  gerne  zu  den 
Minoritaten;  alles  Majorisiren  war  ihm  ein  Greuel.  Nicht  umsonst  hat  er  im 
»Constantin«  die  zwei  einzigen  Bischofe,  die  dem  Nicaenum  nicht  beitraten, 
mit  Namen  genannt;  sie  mochten  ja  halsstarrig  sein,  aber  sie  hatten  sich 
nicht  von  der  Majoritat  brutalisiren  lassen.  Darum  war  auch  B.  alles  Gewalt- 
thatige,  Nivellirende  in  Politik  und  Cultur  widerwartig;  ein  stark  conservatives 
Element  lebte  in  ihm,  und  jeder  rohe,  scharfe  Bruch  mit  der  Vergangenheit 
war  ihm  unangenehm.  Man  darf  sich  deshalb  nicht  wundern,  dass  z.  B.  die 
Reformationsbewegung  bei  ihm  nicht  gut  weg  kam ;  er  fand  allzu  viel  Mensch- 
liches,  Egoistisches  und  Materielles  in  ihren  Motiven,  als  dass  er  der  ideellen 
Seite  derselben  vollig  gerecht  hatte  werden  konnen.    Es  hing  dies  zusammen 


Burckhardt. 


73 


mit  seiner  pessimistischen  Stimmung  der  Welt  und  den  Menschen  gegenliber. 
Schon  im  » Constantino  liest  man,  bei  Anlass  des  Christenthums,  die  Worte: 
»Die  idealen  Menschen  voll  geistiger  Tiefe  und  praktischer  Hingebung  waren 
gewiss  die  kleine  Minderzahl,  wie  in  alien  irdischen  Dingen.«  Bei  dieser  Auf- 
fassung  blieb  er;*  sie  befahigte  ihn  dann  aber  auch,  eben  solche  Ausnahme- 
naturen  in  ihrer  ganzen  Grosse  und  Eigenart  zu  verstehen  und  zu  wlirdigen. 
Und  wo  dann  bei  solchen  noch  das  Moment  des  heroischen  Entsagens  auf 
alle  Freude  und  Lust  der  Welt,  der  Selbstverleugnung  und  der  Aufopferung 
im  Dienste  Anderer  hinzukam,  da  fanden  sie  in  B.  einen  An  wait  der  beredte- 
sten  und  ergreifendsten  Art.  Ein  solcher  Mann,  der  in  B.'s  Darstellung  einen 
wahren  Glorienschein  erhielt,  war  der  heil.  Severinus,  dessen  Lebensbeschrei- 
bung  er  zu  den  grOssten  und  aufregendsten  Lektiiren  des  ganzen  Mittelalters 
rechnete.  Das  Christenthum  solcher  Manner,  die  von  der  Welt  nichts  mehr 
verlangen,  die  nur  den  Anderen  leben  und  darin  ihr  Gllick  finden,  das  war 
das  Christenthum,  welchem  B.  die  grftsste  Hochachtung  entgegenbrachte.  Die 
Lehre  vom  Leiden  dieser  Welt  erschien  ihm  als  der  grosse  ewige  Grund- 
gedanke  des  Christenthums;  es  war  ihm  die  Religion  derer,  die  diese  Welt 
nicht  lieb  haben.  Man  lese  nur  den  Schluss  des  Capitels  liber  die  Askese 
im  »Constantin«,  und  man  wird  sehen,  wie  von  diesem  Standpunkt  aus  B. 
auch  die  Berechtigung  der  Askese  betont  hat.  Wie  er  der  etablirten  und 
staatlich  garantirten  Kirche  im  genannten  Werke  wenig  sympathisch  gegen- 
liber steht,  so  hat  er  auch  zum  concreten  kirchlichen  Leben  Basels  sich  ab- 
lehnend  verhalten;  er  wollte  auch  hier  vollig  unabhangig  sein;  wie  er  aber 
bei  aller  raschen  Verknocherung  und  Ausartung  des  Staatskirchenthums  im 
4.  Jahrhundert  in  der  Orthodoxie  doch  einen  wichtigen  nationalen  Halt  glaubte 
erkennen  zu  dlirfen,  so  erblickte  er  auch  in  unseren  Tagen  in  dem  Bestand 
einer  Orthodoxie  gegenliber  den  freien  kirchlichen  Richtungen  etwas  Werth- 
volles,  und  er  fand  gegen  alles  Heterodoxe  scharfe  Worte  des  Widerwillens. 
Seine  Stellung  zum  Katholicismus  war  dieselbe;  dem  Alt-  oder  Christkatholi- 
cismus  vermochte  er  keine  gute  Seite  abzugewinnen. 

B.'s  Lebensweise  war  die  denkbar  einfachste,  in  frtlheren  Jahren  eine  fast 
spartanische :  kein  Luxus  irgend  welcher  Art  in  Wohnung  oder  Kleidung;  er 
behalf  sich  mit  dem  dringend  Nfithigsten;  er  wollte  auch  hier  kein  Sklave 
irgend  welcher  Bedttrfnisse  sein.  Sein  Junggesellenthum  leistete  diesem  Trieb 
nach  Einfachheit  und  Frugalitat  kraftigen  Vorschub.  Der  Tag  verging  mit 
Vorbereitungen  zu  den  Vorlesungen,  mit  unablassiger  Quellen-  und  Blicher- 
lektiire,  mit  den  Collegien  und  Vortragen;  am  Abend  spielte  der  Einsame  in 
seinem  Zimmer  Klavier:  Compositionen  seiner  alten  Lieblinge,  der  Italiener, 
Mozarts,  Schuberts;  in  friiheren  Jahren  war  er  auch  ein  eifriger  Sanger  — 
freilich  nie  in  Vereinen  —  gewesen.  Dann  begab  er  sich  gerne  zu  einem 
Glase  Wein,  wobei  B.  nicht  vorzugsweise  die  Gesellschaft  von  geistig  beson- 
ders  bedeutenden  Mannern  suchte;  er  wollte  sich  auch  hier  ungenirt  gehen  lassen, 
und  vor  allem,  er  liebte  es,  selber  die  Kosten  der  Unterhaltung  zu  tragen. 
Als  eifrigem  Zeitungsleser,  der  sich  stets  auf  dem  Laufenden  der  Tagesereig- 
nisse  hielt,  war  ihm  das  Politisiren,  und  zwar  oft  ein  sehr  pessimistisches,  ein 
eigentliches  Bedlirfniss.  In  der  Wahl  seines  naheren  Umgangs  spielte  die 
Sympathie  und  Antipathie  eine  maassgebende  Rolle;  Ansprliche  erkannte  er 
keine  an;  ihm  nicht  behagende  Menschen  wusste  er  sich  unmissverstandlich 
vom  Leibe  zu  halten.  B.  konnte  nicht  nur  in  der  Wissenschaft,  sondern  auch 
im  Leben    kraftig    hassen.     Die  aber,    die  ihm  naher  treten  durften,    werden 


74 


Burckhardt. 


seine  Freundlichkeit  und  Herzlichkeit  nie  vergessen.  Solche  konnte  er  unter 
Umstanden  auch  mit  Proben  seiner  poetischen  Begabung  erfreuen.  In  B. 
lebte  ein  Dichter.  Man  konnte  dies  leicht  schon  aus  dieser  und  jener 
Stelle  in  seinen  Werken  schliessen,  wo  das  machtige  poetische  Empfinden  sich 
Bahn  bricht;  wir  wissen  es  aber  auch  aus  zwei  kleinen,  anonym  erschienenen 
Gedichtsammlungen  aus  dem  Ende  der  40 er  und  Anfang  der  5oer  Jahre;  sie 
sind  aus  dem  Buchhandel  verschwunden,  und  B.  hat  selbst  fur  dieses  Ver- 
schwinden  gesorgt.  Es  ist  eine  weiche,  seelenvolle,  zartgetonte  Poesie  in 
formal  tadellosem  Gewand.  Das  eine  dieser  Gedichte  »Serenade«  betitelt, 
eine  Schopfung  reinsten  Wohllautes,  findet  sich  mitgetheilt  in  Baechtold's 
Vorrede  zu  Leuthold's  Gedichten;  andere  findet  der  Liebhaber  B.'scher  Poesie 
in  der  Basilea  poetica  (Basel,  Geering)  abgedruckt;  sie  sind  theils  dem  hoch- 
deutschen  Bandchen  »Ferien«,  theils  dem  in  baseldeutscher  Mundart  ver- 
fassten  »E  Hampfeli  Lieder«  (eine  Handvoll  Lieder)  entnommen  und  unter 
diesen  Titeln  aufgefuhrt. 

B.  war  von  eiserner  Gesundheit,  sein  Korper  gegen  Hitze  und  Kalte  gleich 
abgehartet;  ein  riistiger  Fussganger,  kannte  er  Basels  Umgebung  genau.  Er- 
holung  im  gewfihnlichen  Sinne  des  Wortes  existirte  flir  ihn  bis  in  seine  letzten 
Jahre  hinein  nicht;  seine  Reisen,  die  jahrlich  die  Ferien  ausftillten,  nach  Eng- 
land, Frankreich,  den  Niederlanden,  Deutschland,  Oesterreich  und  vor  allem 
nach  Italien,  waren  Studienreisen  im  vollsten  Sinne  des  Wortes:  das  Notiz- 
buch  war  B.'s  treuer  Begleiter,  und  was  er  im  Laufe  des  Tages  sich  auf- 
gezeichnet  hatte,  wurde  am  Abend  so  fort  endgiltig  redigirt.  So  bedeuteten 
die  Reisen  flir  B.'s  kunsthistorische  Arbeiten  und  Vorlesungen,  was  die  Quellen- 
lekttire,  die  nie  rastende  und  von  B.  immer  aufs  neue  seinen  Horern  ein- 
gescharfte  und  empfohlene,  fiir  die  geschichdichen  Vorlesungen.  Auf  den 
ersten  Blick  imponirte  an  dem  iiberaus  einfach,  ja  altmodisch  gekleideten 
Manne  der  prachtige  Kopf:  das  in  spateren  Jahren  immer  kurz  geschorene 
Haar  war  schon  frtih  vollig  weiss  geworden ;  auf  der  hohen  freien  Stirn  thronte 
die  Intelligenz;  das  grosse  glanzende  Auge  verrieth  das  Feuer  dieses  immer 
regen  Geistes;  die  scharf  geschwungene  Nase  und  das  kraftig  entwickelte, 
glatt  rasirte  Kinn  verliehen  dem  Gesicht  etwas  Energisches,  fast  Ktihnes.  Die 
unablassige  Denkarbeit  hatte  dieses  machtige  Antlitz  vollig  verklart.  Der  Tod 
ist  B.  leise  genaht;  an  einem  still  en  Sonntagnachmittag  ist  er  zu  ihm  heran- 
getreten  und  hat  das  bis  an's  Ende  hell  brennende  Licht  dieses  gewaltigen 
Geistes  ausgelOscht.  B.  hat  ihm  mit  philosophischer  Ruhe  und*im  Bewusst- 
sein,  ein  reiches  und  innerlich  begliicktes  Leben  gelebt  zu  haben,  entgegen- 
gesehen, 

Bei  der  Leichenfeier  kamen,  von  einem  Gebet  des  Geistlichen  begleitet,  bloss  die  von 
B.  selbst  verfassten  kurzen  biographischen  Aufzeicbnungen  zur  Verlesung;  diese  sind  im 
Druck  erschienen  (bei  LendorfF  in  Basel)  und  werden  ilberdies  der  zweiten  Aufiage  des 
Rubens-Buches ,  die  im  Mai  1898  erscheinen  wird,  beigegeben  werden.  Von  weiteren 
Quellen  dieser  Arbeit  darf  der  Verfasser  dieser  biographischen  Schilderung  wohl  zunachst 
auf  seine  bei  R,  Reich  in  Basel  erschienene  172  Seiten  starke  Arbeit  hinweisen.  Diese 
en t halt  auch  zwei  Portrats  B.'s:  das  eine  von  Franz  Kugler  gezeichnete  zeigt  den  etwa 
30jahrigen  BM  das  andere,  von  einem  Verwandten  des  Verstorbenen,  Maler  Hans  LendorfT, 
gezeichnete  den  B.  des  Greisenalters.  Ein  weiteres  Portrat  nach  einer  photographischen 
Aufnahme  des  genannten  Malers  ist  dem  Rubens-Buch  beigegeben.  Von  den  zahlreichen 
Nekrologen  iiber  B.  seien  hier  bios  einige  der  wichtigsten  aufgeflihrt:  Dr.  Otto  Markwart, 
Frankfurter  Zeitung  No.  238,  244,  245  (jeweilen  1.  Morgenblatt)  vom  28.  Aug.  bis  4.  Sept. 
1897;  Prof.  H.  Walfflin,  Repert.  ftir  Kunstwissenschaft  XX.  Bd.  5.  Heft.  1897;  Professor 
K.  Breysig,    Zukunft  vom  21.  August  1897;    Prof.  AcL  Philippi,  Grenzboten  vom  2.  Sept 


Burckhardt.     Gtiterbock.     Heidenhain. 


75 


1897;  Prof.  Eberhard  Gothein,  Preuss.  Jahrb.,  Octobcr-Heft  1897;   Professor  K.  Neumann, 
Deutsche  Rundschau,  Marzheft  1898. 

April  1898.  H.  Trog-Basel. 

Guterbock,  Paul,  Geheimer  Medicinalrath  und  Universitats-Professor  der 
Chirurgie  in  Berlin,  *  am  2.  Juni  1844  daselbst,  f  am  17.  October  1897 
ebenda.  —  G.  war  der  Sohn  des  Geheimen  Sanitatsraths  Ludwig  G.  (18 14 
bis  1895),  studirte  in  Berlin  und  Wtirzburg  und  erlangte  1865  die  Doctor- 
wiirde.  Im  folgenden  Jahre  absolvirte  er  die  Staatspriifung  und  unternahm 
dann  eine  langere  Studienreise  tiber  Wien,  Paris,  London  und  Edinburg. 
Nach  der  Rtickkehr  liess  er  sich  in  Berlin  nieder,  trat  als  Assistent  von  Ro- 
bert Wilms  in  Bethanien  ein  und  widmete  sich  fortab  der  Chirurgie.  Er 
eroffnete  eine  chirurgische  Privatklinik  und  habilitirte  sich  1873  als  Docent 
fur  sein  Specialfach.  Daneben  beschaftigte  er  sich  mit  Studien  zur  Staats- 
arzneikunde  und  bekleidete  successive  die  Stellungen  als  Hilfsarbeiter,  Medi- 
cinalassessor  und  seit  1885  als  Medicinalrath  beim  Medicinalcollegium  der 
Provinz  Brandenburg.  1894  wurde  er  durch  den  Professortitel  ausgezeichnet, 
1896  zum  Geheimen  Medicinalrath  ernannt.  Seine  schriftstellerischen  Lei- 
stungen  liegen  auf  den  Gebieten  der  Chirurgie  und  der  offentlichen  Gesund- 
heitspflege.  Specieller  beschaftigte  sich  G.  mit  der  Chirurgie  der  Harnorgane, 
iiber  die  er  ein  grosseres,  dreibandiges  Werk,  das  Werk  seines  Lebens,  schrieb, 
dessen  dritter  Theil  erst  nach  seinem  Tode  herauskam.  Auch  erstattete  er 
eine  lange  Reihe  von  Jahren  die  betreffenden  Referate  in  Virchow-Hirsch's 
grossen  Jahresberichten  liber  die  Leistungen  und  Fortschritte  in  der  gesammten 
Medicin.  Kleinere  Aufsatze  beziehen  sich  auf  die  Tracheotomie  bei  Diphtherie, 
auf  Hautemphysem  bei  Diphtherie,  spontane  Gelenkserkrankung  bei  Unterleibs- 
typhus,  auf  die  chirurgische  Antisepsis,  Verletzungen  des  Halses  in  gerichts- 
arztlicher  Beziehung,  Nekrose  der  langen  Rohrenknochen,  lupose  Erkrankung 
der  Finger,  ausseren  Harnrohrenschnitt  etc.  Dazu  kommen  Berichte  iiber  die 
grbsseren  Amputationen  im  Krankenhause  Bethanien  und  als  weitere  selb- 
standig  erschienene  Monographieen :  »Die  neueren  Methoden  der  Wund- 
behandlung  auf  statistischer  Grundlage«  (Berlin  1876);  »Die  englischen  Kran- 
kenhauser*  (ebenda  1881);  »I)ie  offentliche  Reconvalescentenpflege«  (Leipzig 
1882),  sowie  eine  Reihe  von  Artikeln  fur  die  Eulenburg'sche  Realencyclopadie. 
G.  war  mit  der  Literatur  und  Geschichte  der  Medicin  und  Chirurgie  und 
namentlich  auch  mit  den  publicistischen  Erscheinungen  in  England  und  Frank- 
reich  ausserordentlich  vertraut.  Sein  Specialgebiet  hat  er  noch  durch  die 
Construction  eines  Cystoscops  bereichert. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerzte  II,  S.  691. 

Pagel. 

Heidenhain,  Rudolf  Peter  Heinrich,  ordentlicher  Universitats-Professor  der 
Physiologie  in  Breslau,  *  am  29.  Januar  1834  zu  Marienwerder,  f  am  13.  October 
1897.  —  H.  warder  alteste  Sohn  des  Arztes  Heinrich  Jacob  H.  (1808— 1868), 
machte  seine  medicinischen  Studien  in  Konigsberg,  Halle  und  Berlin  (unter 
Heintz,  A.  W.  Volkmann  und  du  Bois-Reymond)  und  erlangte  an  letztgenannter 
UniversitatdieDoctorwurdemit  derlnaugural-Abhandlung:  »De  nervis  organisque 
centralibus  cordis  cordiumque  ranae  lymphaticorum«.  Nach  Absolvirung  des 
Staatsexamens  widmete  er  sich  ausschliesslich  der  Physiologie  und  arbeitete 
fortgesetzt    im    physiologischen    Laboratorium    zu    Berlin    unter  Leitung    von 


7  6  Heidenhain.     von  Dannenberg. 

du  Bois-Reymond.  1857  habilitirte  er  sich  mit  der  Schrift:  »Disquisitiones 
criticae  et  experimentales  de  quantitate  sanguinis  in  corpore  mammalium 
exstantis*  als  Docent  in  Halle,  von  wo  aus  er  bereits  1859  dem  Rufe  als 
ordentlicher  Professor  der  Physiologie  und  Histologic,  sowie  als  Director  des 
physiologischen  Laboratoriums  nach  Breslau  folgte.  In  dieser  Stellung  blieb 
er  bis  an  sein  Lebensende  thatig,  doch  machte  ihm  ein  schweres  Carcinom- 
leiden  die  Austibung  seiner  Thatigkeit  in  den  letzten  Lebensmonaten  unmog- 
lich.  H.  gehSrt  zu  den  grossten  und  verdientesten  Forschern  det  Neuzeit  auf 
dem  Gebiet  der  Physiologie.  Ein  genialer  Experimentator,  streng  kritischer 
Denker,  nuchterner  Beobachter,  dabei  ebrlich,  aller  Phraseologie  abhold,  mit 
philosophischem  Sinn  ausgestattet  hat  H.  durch  eine  grosse  Reihe  bahn- 
brechender  Leistungen  zum  Ausbau  seiner  Specialdisciplin  im  Geiste  der 
modern-exacten  Naturwissenschaft  ganz  erheblich  beigetragen.  Eine  seiner 
Hauptarbeiten  gait  dem  Studium  der  Drtisensecretion  und  der  Widerlegung 
resp.  Nachpriifung  der  mechanischen  Absonderungstheorie  von  Karl  Ludwig 
in  Leipzig.  H.  zeigte,  dass  der  wesentlichste  Antheil  an  den  betreffenden 
Vorgangen  den  Zellen  zukommt,  und  dass  dabei  zugleich  der  Einfluss  der 
Nerven  und  Gefasse  von  Bedeutung  ist.  Mit  diesen  Studien,  die  in  der  Schrift 
»  Physiologie  der  Absonderungsvorgange*  (erschienen  als  5.  Band  von  Her- 
mann's grossem  Handbuch  der  Physiologie,  Leipzig  1880)  zusammengefasst 
sind,  hat  H.  eine  Vermittelung  zwischen  der  physiologischen  Betrachtung  und 
der  Erforschung  der  Zellen  und  damit  eine  Methode  angebahnt,  die  sich  von 
ergebnissreichster  Tragweite  erwies.  Sehr  wichtig  sind  ferner  H.'s  Arbeiten 
iiber  »Mechanische  Leistung,  Warmeentwickelung  und  Stoffumsatz  bei  der 
MuskelthatigkeiU  (Leipzig  1864),  ftir  die  H.  den  mechanischen  Tetanomotor, 
der  zuerst  im  Berliner  physiologischen  Laboratorium  angewandt  war,  benutzte. 
Dazu  kommen  noch  eine  Reihe  kleinerer  Abhandlungen  iiber  die  Herzthatig- 
keit,  iiber  die  Korperwarme,  iiber  den  N.  vagus.  Einen  Theil  seiner  ersten 
Forschungsergebnisse  bezw.  derer  seiner  Schiller  legte  er  in  den  »Studien  des 
physiologischen  Instituts  zu  Breslau«  (4  Bde.,  Leipzig  1861  — 1868)  nieder; 
die  spateren  Schriften  erschienen  in  Pfliiger's  Archiv  und  im  Archiv  fttr  mikro- 
skopische  Anatomic  Sehr  verdient  machte  sich  H.  durch  sein  warmes  Ein- 
treten  ftir  die,  besonders  von  englischer  Seite  aus  Laienkreisen  angegrifFene 
Vivisection,  deren  Nothwendigkeit  und  Nutzen  er  in  der  Abhandlung  »Die 
Vivisection  im  Dienste  der  Heilkunde«  (Leipzig  1879),  sowie  in  einer  im 
Auftrage  des  preussischen  Cultusministeriums  1884  verfassten  Denkschrift  in 
ebenso  gediegen-sachlicher,  wie  erfolgreicher  Weise  darlegte.  Eine  seiner 
letzten  grosseren  Arbeiten  hatte  die  wissenschafdiche  Priifiing  der  durch  Han- 
sen's Versuche  wieder  angeregten  Hypnotismusfrage  zum  Gegenstande.  Er 
publicirte  dariiber:  »Der  sogenannte  thierische  Magnetismus«  (Leipzig  1880), 
worin  er  die  Resultate  der  gemeinsam  mit  Griitzner  und  Berger  angestellten 
Experimente  iiber  den  Hypnotismus  mittheilte  und  diesem  eine  wissenschaft- 
liche  Erklarung  und  Begriindung  zu  schafFen  sich  bemiihte. 
Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerzte  III,  S.  145;  Voss.  Ztg.  13.  Oct.  1897. 

Pagel. 

Dannenberg,  Clemens,  Freiherr  von,  Koniglich  preussischer  Generalmajor, 
*  am  5.  December  1819  zu  Koln,  f  am  23724.  Juni  1897  zu  Schloss  Lebenhan 
bei  Neustadt  an  der  Saale.  —  v.  D.  trat  am  n.  October  1836  als  Dreijahrig- 
freiwilliger  bei  der  zu  Wetzlar  garnisonirenden  3.  Schiitzen-Abtheilung  in  den 


von  Dannenberg.     von  Fabrice.  77 

Dienst,  wurde  am  10.  December  1838  Sekondlieutenant  und  gehOrte  der 
Jagerwaffe  an,  bis  er  ami.  Juni  als  Hauptmann  und  Kompagniechef,  wozu  er 
1852  ernannt  worden  war,  in  das  2.  Thliringische  Infanterie-Regiment  Nr.  32 
versetzt  wurde.  Vorher  hatte  er  mehrfach  an  den  mit  allgemeiner  Einfiihrung 
des  Zundnadelgewehres  abschliessenden  Vorarbeiten  zur  Ausrttstung  mit  einer 
besseren  Handfeuerwaffe  theil  genommen,  von  1855 — 1857  war  er  Vorstand 
der  Gewehr-Umanderungs-Kommission  zu  Potsdam  gewesen.  Den  kriegerischen 
Ereignissen  des  Jahres  1866  hatte  er  fern  bleiben  mtissen,  weil  er  mit  der  Fuh- 
rung  des  4.  Feldbataillons  des  5.  Rheinischen  Infanterie-Regiments  Nr.  65  beauf- 
tragt  gewesen  war,  welchem  nicht  vergonnt  ward  an  solchen  Theil  zu  nehmen. 
Um  so  vielsei tiger  war  seine  Thatigkeit  im  Kriege  von  1870/71.  Bevor  derselbe 
ausbrach,  war  Oberstlieutenant  v.  D.  Bataillonskommandeur  im  3.  Hannover- 
schen  Infanterie-Regimente  Nr.  79,  dessen  Stab  in  Hildesheim  stand;  bei  der 
Mobilmachung  wurde  er  an  die  Spitze  des  7.  Brandenburgischen  Infanterie- 
Regiments  Nr.  60  gestellt,  welches  zur  29.  Infanterie-Brigade  und  zur  15.  In- 
fanterie-Division,  zum  VTIL  Armeekorps  und  zur  1.  Armee  unter  General 
von  Steinmetz  gehorte.  An  der  Spitze  desselben  wurde  er  am  18.  August 
bei  Gravelotte,  wo  das  Regiment  33  Offiziere  und  685  Mann  an  Todten  und 
Verwundeten  verlor,  selbst  verwundet,  war  aber  in  der  letzten  Zeit  der  Ein- 
schliessung  von  Metz  wieder  zur  Stelle,  wurde  nach  dem  Falle  der  Festung 
mit  seinem  Regimente,  dem  8.  Jagerbataillone  und  zwei  Pionierbataillonen  zur 
Verstarkung  des  Belagerungskorps  vor  Verdun  entsendet  und  dort,  nachdem 
am  8.  November  die  Kapitulation  abgeschlossen  war,  Kommandant,  am  22.  d.  M. 
aber  mit  zwei  Bataillonen  seines  Regiments  und  zwei  Batterien  nach  Chaumont 
zur  Beobachtung  der  Festung  Langres  abgesandt.  Anfang  Januar  1871  erhielt 
er  den  Auftrag,  mit  seinem  eigenen  und  dem  Infanterie-Regimente  Nr.  72,  drei 
Schwadronen  und  zwei  Batterien  die  Eisenbahn  Chaumont — Nuits — Tonnere 
gegen  Angriffe  aus  der  Gegend  von  Dijon,  Autun  und  Langres  zu  sichern; 
dann  wurde  aus  jenen  beiden  Regimentern  eine  Infanterie-Brigade  gebildet 
und  ihm  unterstellt,  welche  zum  VII.  Armeekorps  unter  General  von  Zastrow 
stiess  und  mit  diesem  am  Kampfe  gegen  das  unter  General  Bourbaki  von 
Siiden  her  nahende  Heer  theilnahm,  welcher  zum  Uebertritte  des  letzteren  auf 
schweizerisches  Gebiet  flihrte.  —  v.  D.'s  vielseitige  und  erfolgreiche  Thatigkeit 
hatte  ihm  beide  Klassen  des  Eisemen  Kreuzes  eingetragen.  Nach  der  RUck- 
kehr  in  die  Heimath  wurde  er  am  11.  Februar  1873  zum  Kommandanten  von 
Wesel  ernannt,  am  15.  August  1874  aber,  nachdem  er  vorher  den  Charakter 
als  Generalmajor  erhalten  hatte,  in  Genehmigung  seines  Abschiedsgesuches  mit 
Pension  zur  Disposition  gestellt. 

B.  Poten. 

Fabrice,  Friedrich  von,  Koniglich  bayerischer  Generalmajor,  *  am  9.  Mai 
1836  zu  Nlirnberg,  f  am  9.  Juni  1897  zu  Mttnchen.  —  Am  1.  December 
1858  zum  Unterlieutenant  im  7.  Infanterie-Regimente  ernannt,  in  welchem  er 
die  Kriege  von  1866  und  von  1870/71,  den  letzteren  als  Regimentsadjutant 
mitmachte,  am  15.  Mai  1893  als  Generalmajor  und  Kommandeur  der  5.  In- 
fanterie-Brigade zu  Regensburg  aus  dem  Dienste  geschieden,  war  ein  ver- 
dienstvoller  Forscher  auf  dem  Gebiete  der  bayerischen  und  insonderheit  der 
kurpfalzischen  Heeres-  und  Kriegsgeschichte.  Den  Hauptinhalt  seiner  Arbeiten 
hat  er  in  einer  Geschichte  des  6.  Infanterie-Regiments  Kaiser  Wilhelm  I.,  Konig 
von  Preussen,   verwerthet,    welchem  er  als  Stabsoffizier  angehorte.     Von  den 


7  8  von  Fabrice.     dc  Marees.     Mttder. 

beiden  erschienenen  Theilen  reicht  der  erste  (Mlinchen  1886)  von  1725  bis 
1804,  der  zweite  (Mtinchen  1896)  von  1805  — 1835.  Nach  seiner  Verabschie- 
dung  war  General  v.  F.  im  Kriegsarchive  bei  den  Vorarbeiten  fur  eine  bayeri- 
sche  Heeresgeschichte  thatig. 

B.  Poten. 

Marees,  Wilhelm  Ludwig  de,  *  am  14.  Februar  1820  zu  Dessau  (An- 
halt),  f  am  9.  Juli  1897  zu  Bernburg.  —  Er  war  der  Sohn  des  Schuldirectors 
und  Seminarinspectors  Heinrich  Ludwig  de  M.,  der  bereits  1825  starb,  und 
erhielt  seine  Gymnasialbildung  in  Dessau,  Erlangen,  Niirnberg  und  Zerbst  und 
studirte  1840 — 44  in  Halle  und  Erlangen  Theologie  und  Philologie.  Im  Jahre 
1 85 1  wurde  er  Prediger  an  der  Hof-  und  Stiftskirche  zu  Bartholomai  in  Zerbst 
und  riickte  1857  zum  Archidiakonus  an  derselben  auf.  Seit  dem  Herbst  1872 
Prediger  zu  Osmarsleben  bei  Bernburg,  verwaltete  er  dieses  Amt  bte  zum 
1.  November  1890,  wo  er  in  den  Ruhestand  trat.  Den  Abend  seines  Lebens 
verbrachte  er  in  Bernburg.  —  de  M.  hat  als  Dichter  nur  wenig  Eigenes  ge- 
boten,  und  dies  Wenige  sind  fast  ohne  Ausnahme  geistliche  Dichtungen  und 
freie  Nachdichtungen  (»Lieder  nach  Heinrich  Mtiller's  geistlichen  Erquickstun- 
den«,  1893);  dagegen  hat  er  mehrere  Sammlungen  geistlicher  Lieder  aus  dem 
Lateinischen  und  Italienischen  (»Geistliche  Dichtungen*,  1867)  und  aus  dem 
Franzosischen  (»Kreuz-  und  Trosdieder*,  1870  —  »Geistliche  Lieder«,  1890 
—   »Hundert  geistliche  Lieder«,  1895)  llbersetzt. 

Perstinliche  Mittheilungen.  —  Karl  Leixnbach:  Die  deutschen  Dichter  der  Neuzeit  and 
Gegenwart,  Bd.  VI,  S.  87  ff. 

Franz  Brtimmer. 

M5der>  Auguste,  Erzieherin  und  Dichterin,  *  am  2.  Marz  1830  in  Eise- 
nach, f  am  15.  October  1897  daselbst.  —  M.  war  die  Tochter  eines  Bau- 
inspectors.  Als  altestes  von  sechs  Kindern  hatte  sie  nach  Absolvirung  einer 
Privattochterschule  zunachst  der  Mutter  im  Haushalt  zu  helfen  und  musste 
daher  lange  auf  die  Erflillung  ihres  lebhaften  Wunsches,  ihr  Lehrerinnen- 
examen  zu  machen  und  sich  der  Jugenderziehung  zu  widmen,  verzichten.  Ihre 
Begabung  wies  sie  aber  auf  s  entschiedenste  nach  dieser  Richtung  hin,  und 
so  erlaubten  ihr  schliesslich  die  Eltern,  zu  ihrer  weiteren  Ausbildung  nach 
Dresden  gehen  zu  diirfen.  Dort  besuchte  sie  das  Marquardt'sche  Institut, 
legte  1854  ihr  Examen  ab  und  ging  1855,  um  s*ch  den  Gebrauch  der  eng- 
lischen  Sprache  anzueignen,  nach  London,  wo  sie  als  Lehrerin  an  einer  Privat- 
schule  wirkte  und  auch  vielfach  mit  den  deutschen  Emigrantenfamilien  in 
Verbindung  kam.  Nachdem  sie  seit  1857  noch  ein  Jahr  in  Paris  geweilt, 
kehrte  sie  1858  nach  Eisenach  zuruck,  machte  vor  einer  eigens  fiir  sie  zu- 
sammen  berufenen  Priifungskommission  ihr  Staatsexamen  als  Schulvorsteherin 
und  eroffhete  noch  in  demselben  Jahre  ihre  Tochterschule  mit  Pensionat,  der 
sie  bis  an  ihr  Lebensende  mit  Untersttltzung  zweier  Partnerinnen  vorgestan- 
den  hat.  Ihr  Unternehmen  gedieh  unter  ihrer  Leitung  zu  hoher  Bltithe,  und 
die  Leiterin  erfreute  sich  der  allgemeinsten  Verehrung,  die  besonders  1883 
beim  25Jahrigen  Bestehen  der  Anstalt  und  1894  beim  4oj&hrigen  Amtsjubi- 
laum  der  Vorsteherin  zum  Ausdruck  kam.  Auch  war  A.  M.  schon  1864  von 
England  aus  zum  Member  of  the  College  of  Preceptors  ernannt  worden,  eine 
Auszeichnung,  die  sie  ihrer  hervorragenden  Ttichtigkeit  verdankte.  In  den 
letzten  Jahren  vielfach  krankelnd  und  von  schweren  Schicksalsschlagen  durch 


M6der.     Hoffory.  79 

den  Verlust  teurer  Menschen  heimgesucht,  erlag  sie  im  Alter  von  67  Jahren 
einer  Lungenentzlindung.  —  Trotz  der  umfassenden  und  schweren  Berufs- 
arbeit  fand  A.  M.  dennoch  Zeit,  eine  Reihe  von  Marchendichtungen  und  Fest- 
spielen  zu  verfasseti,  die,  von  der  Jugend  aufgefiihrt,  sich  zur  Verherrlichung 
von  Schulfesten  eignen.  Es  sind:  »Die  Verwunschene.  Das  Rosen wunder  der 
heiligen  Elisabeth«  (1879);  »Grete«  (1888);  »Dornroschen«  (1890);  »Des  Friih- 
lings  Streit  mit  dem  Winter*  (1896). 

Nach  Mitthcilungen  aus  bcfreundeten  Kreisen. 

Franz  Brtimmer. 

Hoffory,  Johan  Peter  Julius,  ausserordentlicher  Professor  fur  nordische 
Philologie  und  allgemeine  Phonetik  an  der  Universitat  Berlin,  *  am  9.  Februar 
1855  *n  Aarhus,  f  am  12.  April  1897  in  Westend  bei  Berlin.  —  H.  war  von 
Geburt  Dane;  sein  Vater  war  aus  Ungarn  eingewandert,  die  Familie  soil  ur- 
spriinglich  in  Deutschland  ihren  Wohnsitz  gehabt  haben.  Er  machte  das 
Gymnasium  in  Aarhus  durch  und  empfing  hier  wichtige  Anregungen  ftir  seine 
spatere  Laufbahn.  Was  ftir  die  asthetische  und  ethische  Ausbildung  der 
deutschen  Jugend  unsere  Klassiker  sind,  war  fiir  den  danischen  Gymnasiasten 
der  Komodiendichter  Holberg.  Die  wohlgetroffenen  Bilder,  die  dieser  feine 
Beobachter  von  den  Mannern  und  Frauen  seiner  Zeit  entworfen  hatte,  be- 
grtindeten  die  Menschenkenntniss  des  Schiilers  und  flossten  ihm  eine  dauernde 
Vorliebe  ftir  die  realistische  Richtung  in  der  Dichtkunst  ein.  Gleichzeitig 
weckte  ein  Lehrer  sein  Interesse  und  entdeckte  sein  Geschick  fur  sprachliche 
Untersuchungen.  Im  Jahre  1873  ging  er  nach  Kopenhagen,  um  Sprachwissen- 
schaft  zu  studiren.  Nachdem  er  sich  einige  Zeit  mit  den  indischen  Sprachen 
beschaftigt  hatte,  trat  er  zur  nordischen  Philologie  tiber,  die  damals  in  Kopen- 
hagen durch  K.  Gislason,  Grundtvig  und  Wimmer  nach  alien  Seiten  hin  glan- 
zend  vertreten  war.  Am  meisten  glaubte  er  spater  L.  Wimmer  schuldig  zu 
sein;  daneben  aber  wurde  er  durch  mtindlichen  und  brieflichen  Verkehr  von 
seinem  alteren  Freunde  K.  Verner  beeinflusst,  einem  der  genialsten  Entdecker 
auf  sprachlichem  Gebiet;  dieser  mag  ihn  nachdriicklich  auf  die  Sprachphysio- 
logie  und  deren  Verwerthung  fur  grammatische  Untersuchungen  hingewiesen 
haben.  H.'s  sprachliche  Arbeiten  erschienen  —  vor  und  nach  seinem  Ma- 
gisterexamen  im  Jahre  1878  —  in  deutschen  und  danischen  Fachzeitschriften. 
Als  Sprachphysiolog  baute  er  Brtlcke's  System  der  Sprachlaute  durch  werth- 
volle  Beobachtungen  weiter  aus  und  nahm  es  gegen  einen  gleichzeitigen  For- 
scher  in  Schutz  in  seiner  schneidigen  Streitschrift :  Professor  Sievers  und  die 
Principien  der  Sprachphysiologie  (1884).  Fiir  die  Erforschung  der  altnordi- 
schen  Grammatik  sind  seine  Arbeiten  mit  grundlegend  geworden  und  ihre 
Verdienste  werden  von  alien  Richtungen  freudig  anerkannt.  Seine  Haupt- 
schrift  auf  diesem  Gebiet  sind  die  »01dnordiske  Consonantstudier«,  die  ihm 
als  Doctordissertation  in  Kopenhagen  und  zugleich  —  in  deutscher  Ueber- 
setzung  —  als  Berliner  Habilitationsschrift  dienten. 

Die  Abfassung  dieser  Arbeit  fallt  in  die  Jahre,  in  denen  H.  seine  Stu- 
dien  in  Berlin  und  Strassburg  fortsetzte.  Es  waren  damals  gltickliche  Zeiten 
fiir  die  Berliner  Germanistik.  Karl  Miillenhoff,  aufgeschreckt  durch  Bang's  und 
Bugge's  Behauptung  von  der  Unechtheit  der  eddischen  Mythologie,  rtlstete  sich 
zum  Feldzug  gegen  die  Leugner  der  nordischen  Gotter;  durch  scharfe  Kritik 
und  eine  glanzende  Interpretation  der  angegriffenen  Eddalieder  hoffte  er  die 
Gegner  vom  Kampfplatz  zu  treiben.    Wilhelm  Scherer  arbeitete  die  deutsche 


So  Hoffory. 

Literaturgeschichte  aus,  und  seine  Goethestudien  reiften.  Die  Arbeitsfreudig- 
keit  der  Lehrer  riss  auch  die  Schtiler  mit  sich  fort.  H.,  der  sich  gern  einem 
Grdsseren  verehrend  unterordnete,  schloss  sich  voll  Begeisterung  an  die  Ber- 
liner Lehrer  an.  Mlillenhoflf  konnte  er  bei  der  Abfassung  des  5.  Bandes  der 
Alterthumskunde  mannichfach  hilfreiche  Hand  reichen;  bei  Scherer,  dessen 
Leistungen  er  noch  hoher  sch&tzte  als  die  MtillenhofTs,  lernte  er  Methode 
der  literarhistorischen  Forschung.  Aus  dem  Studenten  wurde  allmahlich  der 
Docent.  Im  Juni  1883  erwarb  H.  den  Doctorgrad  in  Kopenhagen  und  da- 
mit  das  Recht,  Vorlesungen  zu  halten.  Da  ihm  jedoch  eine  Stellung  in  der 
Hauptstadt  des  deutschen  Reichs  verlockender  schien,  habilitirte  er  sich  schon 
im  Juli  desselben  Jahres  in  Berlin.  Im  Januar  1887  wurde  eine  ausserordent- 
liche  Professur  der  nordischen  Philologie  und  allgemeinen  Phonetik  flir  ihn 
geschaffen.  Leider  sollte  er  sie  nicht  lange  verwalten:  Gegen  Ende  1889 
hatte  er  einen  heftigen  Influenzaanfall ,  der  in  einen  bosartigen  Typhus  ttber- 
ging.  Seine  ohnehin  nicht  bedeutende  Korperkraft,  die  er  durch  eine  un- 
gleichmassige  Lebensweise  und  durch  wunderliche  Kuren  noch  geschwacht 
hatte,  konnte  die  Krankheit  nie  ganz  liberwinden.  Eine  geistige  Schwache 
blieb  zuriick,  die  es  schliesslich  nbthig  machte,  den  noch  jugendlichen  Mann 
in  einer  Heilanstalt  zu  Westend  unterzubringen.  Ohne  sich  zu  geistiger  Thatig- 
keit  aufraffen  zu  konnen,  hat  er  dort  still  den  Rest  seiner  Tage  dahingelebt. 

H.'s  Lehrthatigkeit  war  trotz  ihrer  Ktirze  reich  an  Erfolgen.  Sein  Vor- 
trag  war  freilich  meist  matt,  fesselte  aber  dennoch  die  Zuhorer  durch  seine 
Klarheit  und  Uebersichtlichkeit.  Trug  er  Ergebnisse  eigner  Forschungen  vor, 
so  wurde  auch  seine  Sprechweise  belebter  und  erreichte  nahezu  die  Eleganz 
seiner  Schriften.  In  den  wenigen  Jahren  seiner  Wirksamkeit  hat  eine  verhalt- 
nissm&ssig  grosse  Zahl  junger  Germanisten  sich  seiner  besonderen  Leitung  an- 
vertraut;  er  ist  ihnen  alien  ein  hilfreicher  Berather  und  treuer  Freund  ge- 
wesen. 

Die  wissenschaftlichen  Arbeiten  H.'s  nach  seiner  Habilitation  gingen 
grosstentheils  aus  von  Anregungen  MtillenhofTs  und  Scherer's.  Die  Edda- 
erklarung  des  Ersteren  fUhrte  er  weiter  in  einer  Reihe  von  Aufsatzen,  die  er 
spater  als  Eddastudien  in  einem  kleinen  Bande  vereinigte.  Manche  schwierige 
Eddastelle  hat  er  darin  gedeutet;  er  hat  Beitrage  zur  Chronologic  auf  Grund 
der  Metrik  geliefert;  Lieder  und  Liedbruchstticke  hat  er  darin  richtig  ge- 
wiirdigt  und  ihnen  ihre  Stelle  in  der  eddischen  Literatur  angewiesen.  Die 
schone  Entdeckung,  dass  in  zwei  dunklen  Strophen  der  Voluspa  eine  mytho- 
logische  Schilderung  der  Mitternachtssonne  erhalten  sei,  fiihrte  H.  zur  Mytho- 
logie.  Er  suchte  das  Bild,  das  einst  Mtillenhoff  im  8.  Bande  von  Schmidt's 
Zeitschrift  fiir  Geschichte  vom  Entwickelungsgang  der  germanischen  Mytho- 
logie  entworfen  hatte,  zu  vervollstandigen  in  seinem  geistvollen  Aufsatz  fiber 
den  germanischen  Himmelsgott.  Die  Ftille  der  eddischen  Mythen  hoffle  er  — 
hierin  Uhland  am  ahnlichsten  —  aus  der  Natur  Norwegens  deuten  zu  konnen, 
und  er  unternahm  eine  Nordlandreise,  um  mythologische  Eindrticke  zu  em- 
pfangen.  Ueber  die  Ergebnisse  dieser  Reise  hat  er  sich  nur  andeutungsweise 
im  Gesprach  geaussert.  Bald  nach  seiner  Rtickkehr  brach  seine  Production 
jah  ab.  —  Was  er  von  Scherer  an  literarischer  Methode  gelernt  hatte,  wandte 
er  in  seiner  Abhandlung  liber  Holberg's  Komodiendichtung  an,  die  er  der  in 
Gemeinschaft  mit  P.  Schlenther  unternommenen  deutschen  Holbergausgabe 
einverleibte.  Hier  handelte  er  liber  die  Technik  des  Lieblingsdichters  seiner 
Jugend,  er  zeigte  seine  Entlehnungen  auf  und  charakterisirte  sein  selbstandiges 


Hoffory.     von  Hofmann.  gi 

Schaffen.  Jetzt  stand  ihm  freilich  ein  anderer  nordischer  Dichter  naher  als 
Holberg  —  Henrik  Ibsen.  In  ihm  bewunderte  er  den  Meister  der  dramati- 
schen  Technik,  in  ihm  verehrte  er  den  realistischen  Schopfergeist,  der  mit 
unerbittlicher  Wahrheitsliebe  alle  Eigenheiten  der  menschlichen  Natur  auf- 
gedeckt  habe,  der  den  modernen  Menschen  bekannt  mache  mit  der  Welt, 
wie  sie  ist,  und  der  daher  wohl  geeignet  sei,  ihn  als  warnender  Fiihrer  durchs 
Leben  zu  geleiten.  In  seiner  Nordischen  Bibliothek  hat  H.  einen  verdeutsch- 
ten  Ibsen  erscheinen  lassen,  worin  die  Uebersetzung  der  »Frau  vom  Meer«  aus 
seiner  Feder  stammt.  Ftir  die  Anerkennung  seines  Dichters  ist  er  in  der 
Berliner  Gelehrten-  und  Kiinstlerwelt  mit  seiner  ganzen  eindrucksvollen  Person- 
lichkeit  eingetreten. 

Kein  in  jeder  Hinsicht  vollendeter  Mensch  ist  mit  H.  aus  dem  Leben 
geschieden,  wohl  aber  ein  edler  Mann,  ein  ideenreicher  Gelehrter,  ein  fein- 
sinniger  Kunstfreund. 

Nekrologe  H.'s  sind  erschienen  von  A,  Heusler  im  Archiv  for  nordisk  filologi  Bd.  XIV, 
von  O.  Pniower  im  Magazin  far  Literatur  (1897). 

Osnabriick.  Wilhelm  Ranisch. 

Hofmann,  Eduard  von,  Gerichtsarzt  und  Universitats- Professor  der  ge- 
richtlichen  Medicin  in  Wien,  *  am  27.  Januar  1837  *n  Pra&  f  am  27.  August 
1897  in  Abbazia.  —  H.  studirte  in  seiner  Vaterstadt  unter  Purkinje,  Jaksch, 
Treitz,  Halla,  Hasner,  Bochdalek  und  Seyfert  und  erlangte  1861  die  Doctor- 
wiirde.  Hierauf  fungirte  er  bis  1865  als  Assistent  an  der  Lehrkanzel  ftir  ge- 
richtliche  Medicin,  habilitirte  sich  danach  als  Privatdocent  fur  gerichtliche 
Medicin  und  erhielt  den  Auftrag,  sein  Fach  in  czechischer  Sprache  zu  lehren. 
Doch  folgte  er  bereits  1869  einem  Rufe  als  ordentlicher  Professor  der.gericht- 
lichen  Medicin  und  Staatsarzneikunde  nach  Innsbruck,  von  wo  er  1875  nach 
Wien  in  gleicher  Eigenschaft  (ibersiedelte.  H.  gehort  zu  den  hervorragendsten 
Vertretern  der  gerichtlichen  Medicin  in  der  zweiten  Halfte  des  19.  Jahrhun- 
derts.  Sein  Hauptwerk  bildet  das  1878  erschienene  und  seitdem  ofters  neu 
aufgelegte  (3.  Aufl.  1884)  und  in  mehrere  fremde  Sprachen  tibersetzte  »Lehr- 
buch  der  gerichtlichen  Medicin «,  welches  den  bekannten  Werken  von  Casper- 
Liman  und  v.  Maschka  durchaus  ebenbiirtig  sowohl  in  wissenschaftlicher  wie 
didaktischer  Beziehung  sich  an  die  Seite  stellen  lasst.  Ausserdem  bereicherte 
H.  die  gerichtliche  Medicin  mit  zahlreichen,  werthvollen  neuen  Einzelheiten, 
welche  meist  als  Journalabhandlungen  erschienen  sind.  Er  lieferte  Unter- 
suchungen  Uber  Verbrennungen  (Prager  Vierteljahrsschr.  CV,  Wiener  medicin. 
Wochenschr.  1875,  1876),  Uber  den  Strangulationstod  (Mittheilungen  des  Ver- 
eins  der  Aerzte  Niederosterreichs  1876,  Wiener  medicin.  Wochenschr.  1876, 
Wiener  med.  Presse  1879 — 1881),  Uber  vorzeitige  Athembewegungen  (Eulen- 
burg's  Vierteljahrsschr.  f.  gerichtl.  Med.  XIX,  XXII),  forensische  Untersuchung 
von  Blutspuren  und  Haaren,  Uber  die  nattirlichen  Spalten  und  Ossifications- 
defekte  am  Schadel  des  Neugeborenen,  Uber  Leichenerscheinungen,  Uber  Ver- 
blutung  aus  der  Nabelschnur,  Uber  Fettwachsbildung,  Uber  Stichwunden,  Uber 
die  Sicherstellung  der  Identitat  von  Leichen,  Uber  den  Effekt  kUnstlicher 
Respiration,  insbesondere  der  Schwingungen  der  Neugeborenen  u.  v.  A.  Be- 
sonders  bemerkenswerth  sind  mehrere  aus  Anlass  von  Aufsehen  erregenden 
Criminalfallen  abgegebene  Gutachten  H.'s,  so  in  dem  bekannten,  sensationellen 
Prozess    zu  Tisza-Eszlar    wegen    eines    angeblich    zu    rituellen    Zwecken    ge- 

Blogr.  Jthrb.  u,  DeuUcher  Nekrolog.    2.  Bd.  6 


82  von  Hofmann.     Hollander.     H titer.     Kovdcs. 

schlachteten    Kindes.  —   1884  wurde    H.  durch  Verleihung    des  Ordens    der 
eisernen  Krone  in  den  Ritterstand  erhoben. 

Biogr.  Lexicon  henrorr.  Aerzte  III,  S.  250. 

Pagel. 

Hollander,  Ludwig  Heinrich,  Privatdocent  und  Universitats-Professor 
der  Zahnheilkunde  in  Halle,  *  am  4.  Februar  1833  in  Leobschiitz,  f  am 
14.  Marz.  —  H.  studirte  in  Breslau,  Wtirzburg  und  Berlin.  1856  erlangte  er 
in  Breslau  mit  der  Inauguralabhandlung  »De  corneae  et  scleroticae  conjunctione* 
die  Doctorwtirde,  absolvirte  1857  die  Staatsprtifung  und  widmete  sich  dann 
speciell  auf  Anregung  von  v.  Frerichs  der  Zahnheilkunde.  Er  habilitirte  sich 
fUr  dieses  Fach  in  Halle  1872  und  richtete  dort  ein  zahnarztliches  Institut 
ein.  1878  erhielt  er  den  Professortitel  und  die  Leitung  der  Universitatsklinik 
fiir  Zahn-  und  Mundkrankheiten.  Bevor  H.  nach  Halle  ging,  hatte  er  etwa 
8  Jahre  lang  in  Slidafrika  practicirt.  Als  Ergebniss  des  dortigen  Aufenthaltes 
verdffentlichte  er  1866  und  1867  in  der  Zeitschrift  »Globus«  eine  Reihe  von 
Aufsatzen  zur  Landerkunde  und  Anthropologic  Slidafrikas.  Auf  sein  eigent- 
liches  Fach  bezieht  sich  ein  im  Verein  mit  mehreren  Mitarbeitern  heraus- 
gegebenes  »Handbuch  der  Zahnheilkunde  «,  ferner  kleinere  Monographieen, 
wie:  »Die  Zahnheilkunde  und  ihre  Bedeutung  fur  die  innere  Medicin«  (1872); 
»Beitrage  zur  Zahnheilkunde «  (1881);  »Die  Extraction  der  Zahne«  (1882)  u.  A. 
Ausserdem  gab  er  eine  deutsche  Uebersetzung  von  Tomes'  » Manual  of  dental 
anatomy «  und  von  Kingsley  »Anomalien  der  Zahnstellung«. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerzte  III,  S.  258. 

Pagel. 

HUter,  Victor,  Privatdocent  der  Gynakologie  und  Titular -Universitats- 
Professor  in  Marburg,  *  am  16.  October  1832,  f  am  12.  November  1897  in 
Gottingen.  —  H.  studirte  und  promovirte  1855  in  Marburg  und  habilitirte  sich 
daselbst  1858.  Ausser  seiner  Doctordissertation  tiber  wahrend  der  Geburt  ent- 
standene  Schadelveranderungen  riihren  von  ihm  noch  her  die  Habilitations- 
schrift  tiber  die  Ablosung  der  Epidermis  bei  Neugeborenen,  eine  Studie  liber 
Fluxionen  des  Uterus  (1870)  und  ein  Compendium  der  geburtshilflichen  Opera- 
tionen  fur  den  Gebrauch  in  der  Praxis  (1874). 

Voss.  Ztg.  16.  Nov.  1897. 

Pagel. 

Kov&cs,  Josef,  ordentlicher  Universitats-Professor  der  Chirurgie  in  Buda- 
pest, *  1832  zu  Tengelicz  in  Ungarn,  f  am  6.  August  1897.  —  K.  machte 
seine  Studien  in  Wien  und  Pest,  promovirte  an  erstgenanntem  Orte  1858  als 
Dr.  med.  und  Magister  der  Geburtshilfe  und  an  letztgenanntem  als  Dr.  chir. 
In  Budapest  widmete  er  sich  speciell  der  Chirurgie  seit  1859,  wo  er  als 
Operationszogling  in  Balfassa's  Klinik  eintrat;  1861  rtickte  er  zum  Assistenten 
auf,  1862  habilitirte  er  sich  als  Privatdocent  fur  chirurgische  Operationslehre, 
1867  fur  chirurgische  Pathologie  und  Therapie  der  Beckenorgane,  wirkte  1866 
im  Budapester  Militarhospital  Ludoviceum  als  Primararzt  der  1.  chirurgischen 
Abtheilung,  wurde  1869  supplirender,  1870  ordentlicher  Professor  der  chirur- 
gischen Klinik  und  war  1874/75  Rector  der  Budapester  Universitat.  Um  die 
Ausgestaltung  des  klinischen  Unterrichts  in  der  Chirurgie  hat  sich  K.,  der  zu 


Kovacs.     von  der  Goltz.  83 

den  bedeutendsten  Chirurgen  Ungarns  zahlt,  dadurch  vornehmlich  verdient 
gemacht,  dass  er  den  Neubau  und  die  Einrichtung  einer  chirurgischen  Klinik  in 
Budapest  veranlasste.  K.  ist  ferner  Verfasser  zahlreicher  Journalaufsatze  liber 
die  verschiedensten  Gebiete  der  Chirurgie;  die  betreffenden  Arbeiten  erschienen 
zum  Theil  in  ungarischen,  zum  Theil  in  deutschen  Zeitschriften.  Ein  bis  1889 
reichendes  Verzeichniss  der  wichtigsten  findet  sich  in  der  unten  genannten 
Quelle. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerrte  VI,  S.  887. 

Pagel. 

Goltz,  Cuno  Freiherr  von  der,  Koniglich  preussischer  General  der  In- 
fanterie  z.  D.,  *  am  2.  Februar  181 7  zu  Wilhelmsthal  im  Kreise  Ortelsburg 
in  Ostpreussen,  f  am  29.  October  1897  zu  Ftilme  an  der  Weser  im  Kreise 
Minden.  —  v.  d.  G.  kam  aus  dem  Kadettenkorps  zu  Berlin  am  14.  August 
1834  in  das  dort  garnisonirende  Kaiser  Alexander  Garde-Grenadier-Regiment 
und  machte,  nachdem  er  zur  Schulabtheilung  (jetzt  Unteroffizierschule)  zu 
Potsdam  und  zur  Handwerkersektion  in  Sommerda,  wo  damals  das  Zlind- 
nadelgewehr  versucht  und  hergestellt  wurde,  kommandirt  gewesen  war,  im 
Jahre  1848  seinen  ersten  Feldzug  mit.  Es  war  der  gegen  Danemark,  in 
welchem  v.  d.  G.  als  Premierlieu tenant  am  23.  April  in  der  Schlacht  bei 
Schleswig  focht.  Im  nachstfolgenden  Jahre  kampfte  er  an  der  Spitze  einer 
Garde-Landwehr-Kompagnie  gegen  die  Aufstandischen  in  der  Pfalz  und  in 
Baden;  seine  dortigen  Leistungen  wurden  durch  die  Verleihung  des  Rothen 
Adlerordens  4.  Klasse  mit  Schwertern  anerkannt.  Im  October  1851  ward  er 
zum  Hauptmann  befordert,  im  April  1857  als  solcher  in  das  Garde-Schutzen- 
Bataillon,  die  sogenannten  Neufchateller  Jager,  zu  Berlin  und  im  Mai  1858 
als  Major  in  den  Generalstab  versetzt,  in  welchem  er  verblieb,  bis  er,  in- 
zwischen  Oberstlieutenant  geworden,  im  Mai  1862  Bataillonskommandeur  beim 
2.  Westfalischen  Infanterie-Regimente  Nr.  15  wurde.  Der  Stab  des  Regiments 
stand  in  Minden  und  v.  d.  G.  kam  damit  in  eine  Provinz,  welche  so  recht 
seine  Heimath  werden  sollte.  Dreimal  war  ihm  vergonnt,  mit  jenem  Regi- 
mente  in  das  Feld  zu  ziehen.  Zum  ersten  Male  geschah  es  im  Jahre  1864, 
wo  er  den  Kampf  um  Diippel,  sowie  den  Uebergang  nach  Alsen  mitmachte 
und  den  Orden  pour  le  mdrite  erwarb;  zum  zweiten  Male  1866,  jetzt  als 
Oberst  und  Kommandeur  des  Regiments.  Beide  Male  stand  er  unter  General 
von  Goeben,  welcher  1864  sein  Brigade-,  1866  sein  Divisionskommandeur  war. 
Die  von  letzterem  befehligten  Truppen  gehorten  zur  Mainarmee  und  mit  diesen 
focht  v.  d.  G.,  zur  Brigade  Wrangel  gehorend,  mit  grosser  Auszeichnung,  welche 
durch  die  Verleihung  des  Eichenlaubes  zum  Verdienstorden  Anerkennung  fand, 
bei  Dermbach,  Kissingen,  Laufach,  Aschaffenburg  und  Gerchsheim.  Als  so- 
dann  der  Krieg  gegen  Frankreich  ausbrach,  war  v.  d.  G.  seit  Jahresfrist  General 
und  Kommandeur  der  aus  seinem  frtiheren  und  dem  55.  Regimente  gebildeten 
26.  Infanterie-Brigade,  welche  zur  13.  Division  des  VII.  Armeekorps  gehorte  und 
der  I.  Armee  unter  General  von  Steinmetz  zugetheilt  wurde.  Schon  der  Nach- 
mittag  des  6.  August  gab  dem  General  v.  d.  G.  Gelegenheit  zum  Eingreifen 
in  den  Kampf  von  Spicheren;  eine  ihm  besonders  giinstig  erscheinende  aber 
bot  sich,  als  er,  um  die  namliche  Tageszeit  am  14.  vor  Metz  auf  Vorposten 
befindlich,  Bewegungen  beim  Feinde  wahrnahm,  welche  dessen  Absicht,  auf 
die  Festung  zurtickzugehen,  erkennen  liessen.  G.  schritt  sofort  zum  Angriffe 
und  fiihrte  dadurch  den  Beginn  der  von  der  oberen  Heeresleitung  nicht  beabr 

6* 


84  von  dcr  Golte. 

sichtigten  Schlacht  von  Colombey-Nouilly  herbei.  Sein  Verfahren  ist  haufiger 
gelobt  als  getadelt :  fur  seine  Brigade  bedeutete  es  eine  Einbusse  von  40  Offi- 
zieren  und  988  Mann  an  Todten  und  Verwundeten,  es  war  ein  schoner  aber 
theuer  erkaufter  Erfolg.  G.  trug  er  das  Eiserne  Kreuz  1.  Klasse  ein,  nach- 
dem  ihm  die  2.  schon  fiir  Spicheren  verliehen  war.  Auch  am  18.  bei  Gra- 
velotte  kam  seine  Brigade  zu  verlustreichem  Gefechte.  Dann  nahm  sie  an 
der  Einschliessung  von  Metz  und  den  dabei  vorfallenden  Gefechten  theil. 
Nach  der  Uebergabe  der  Festung  verblieb  das  VII.  Armeekorps  zunachst  in 
der  dortigen  Gegend,  G.  aber  wurde  mit  einer  aus  dem  30.  und  dem  34.  In- 
fanterie-Regimente,  dem  2.  Reserve-Dragoner-  und  dem  2.  Reserve  -Husaren- 
Regimente  nebst  18  Geschtitzen  zusammengesetzten  »Detachement  Goltz«  gen 
Sliden  entsendet,  wo  £r  fortan  unter  dem  Oberbefehle  des  Generals  v.  Werder 
am  Kriege  theil  nahm.  Am  17.  November  dort  eingetroffen ,  zuerst  mit  der 
Beobachtung  von  Langres  beauftragt,  aber  bald  abberufen,  um  im  freien 
Felde  verwendet  zu  werden,  hatte  er  zuerst  am  27.  November  lebhaften  An- 
theil  an  dem  Gefechte  bei  Piques  gegen  Garibaldi's  Vogesenarmee,  schlug 
dann,  von  einem  beschwerlichen  Marsche  durch  die  Cdte  d'Or  zuriickgekehrt 
und  beauftragt  in  der  Richtung  auf  Langres  fiir  die  Sicherheit  in  den  von 
den  deutschen  Truppen  besetzten  Gebieten  zu  sorgen,  einen  Theil  der  durch 
Franctireurs  verstarkten  Besatzung  der  Festung  am  16.  December  bei  Lon- 
geau,  wurde,  als  Anfang  Januar  Bourbaki's  Angriffsbewegungen  den  General 
von  Werder  bestimmten  seine  Krafte  zu  sammeln,  nach  Vesoul  herangezogen, 
focht  am  9.  d.  M.  bei  Villersexel,  vom  15. — 17.  in  der  dreitagigen  Schlacht 
an  der  Lisaine  und  sollte  schliesslich  nochmals  gegen  Langres  verwendet 
werden,  als  der  Waffenstillstand  den  Feindseligkeiten  ein  Ende  machte.  Nach 
Friedensschluss  wurde  er  zum  Inspekteur  der  Jager  und  Schiitzen,  im  April 
1873  aber  zum  Kommandeur  der  1.  Division  in  Konigsberg  ernannt,  ver- 
tauschte  die  letztere  Stellung,  nachdem  er  im  September  d.  J.  zum  General- 
lieutenant  befordert  worden  war,  mit  der  namlichen  an  der  Spitze  der  13.  Di- 
vision zu  Mlinster,  trat  im  Marz  1880  mit  dem  Charakter  als  General  der 
Infanterie  in  den  Ruhestand  und  nahm  nun,  in  Westfalen  verbleibend,  seinen 
Wohnsitz,  in  dem  Dorfe,  welches  sein  Sterbeort  werden  sollte.  Im  September 
1889  stellte  ihn  Kaiser  Wilhelm  II.  gelegentlich  der  in  der  Provinz  Westfalen 
abgehaJtenen  Kaisermanover  k  la  suite  des  einst  von  ihm  gefuhrten  15.  Re- 
giments. 

Auch  am  politischen  Leben  hat  General  v.  d.  G.  sich  betheiligt.  Als  im 
Jahre  1867  der  konstituirende  Reichstag  des  Norddeutschen  Bundes  in  Berlin 
zusammentrat,  entsandte  ihn  der  Wahlkreis  Minden-Ltibbecke  als  seinen  Ver- 
treter  dorthin,  als  darauf  der  ordentliche  Reichstag  gebildet  wurde,  fiel  die 
Wahl  wiederum  auf  den  Oberst  v.  d.  G.  und  als  dieser  im  Jahre  1869,  weil 
er  zum  General  und  zum  Brigadekommandeur  befordert  worden  war,  sein 
Mandat  niederlegen  musste,  wurde  ihm  dasselbe  von  neuem  ubertragen. 
Seiner  ejgenen  Ueberzeugung  folgend  und  im  Einklange  mit  der  Mehrheit 
seiner  Wahler  sass  er  dort  auf  der  aussersten  Rechten.  Die  Verehrung  und 
die  Liebe,  deren  er  sich  im  Mindenschen  und  im  Ravensbergischen  erfreut  hatte, 
kamen  auch  bei  seinem  am  1.  November  zu  Eisbergen,  dem  Pfarrdorfe  fiir 
Flilme,  erfolgten  Begrabnisse  zum  Ausdrucke;  sein  Freund  und  Kriegsgefahrte 
von   1870,  Pastor  Friedrich  von  Bodelschwingh,  hielt  dabei  die  Trauerrede. 

B.  Poten. 


von  Kottwitz.     von  Holleben.  85 

Kottwitz,  Hugo  von,  Freiherr,  Koniglich  Preussischer  General  der  In- 
fanterie, *  am  6.  Januar  181 5  zu  Wahlstatt  in  Schlesien,  f  am  13.  Mai  1897 
zu  Stuttgart.  —  v.  K.  trat  am  6.  Januar  1832  beim  11.  Infanterie-Regimente, 
dem  jetzigen  Grenadier- Regimen te  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  (2.  Schlesi- 
sches)  No.  11,  als  Dreijahrigfreiwilliger  in  den  Dienst  und  gehorte  diesem 
Regimente  an,  bis  er  am  3.  April  1866  zum  Oberst  und  zum  Kommandeur 
des  4.  Westfalischen  Infanterie-Regiments  No.  17  ernannt  wurde,  an  dessen 
Spitze  er  am  3.  Juli  in  der  Schlacht  bei  Koniggratz  durch  die  Wegnahme 
des  Waldes  von  Bor  nicht  unwesentlich  zur  Entscheidung  beitrug.  Bei  Aus- 
bruch  des  Krieges  gegen  Frankreich  zum  Generalmajor  und  Kommandeur  der 
aus  den  Hanseatischen  Regimentern  No.  75  und  No.  76  bestehenden  35.  In- 
fanterie-Brigade  befordert,  musste  er  zunachst  des  Ktistenschutzes  wegen  dem 
Kriegsschauplatze  fern  bleiben;  als  aber  die  BefUrchtungen,  welche  die  fran- 
zosische  Flotte  wachgerufen  hatte,  sich  als  grundlos  erwiesen  hatte,  riickte  die 
Brigade  im  Verbande  der  17.  Division,  spater  zu  dem  dem  Grossherzoge  Friedrich 
Franz  II.  von  Mecklenburg-Schwerin  unterstellten  XIII.  Armeekorps  gehorend, 
ebenfalls  nach  Frankreich  ab,  nahm  vom  4.  bis  zum  10.  September  an  der 
Einschliessung  vonMetz,  alsdann  bis  zum  20.  an  der  Belagerung  von  Toul 
und  schliesslich  an  der  Cernirung  von  Paris  theil,  bis  der  Grossherzog  am 
10.  November  mit  einer  ihm  unterstellten  Armeeabtheilung  gen  Stiden  ent- 
sandt  wurde,  um  einem  nach  dem  Treffen  von  Coulmiers  etwa  von  Orleans 
gegen  Paris  gerichteten  Angriffe  zu  begegnen.  Nachdem  dieser  ausgeblieben 
war  und  die  Brigade  Kottwitz  inzwischen  bei  dem  vom  Grossherzoge  in  der 
Richtung  auf  le  Mans  gemachten  Luftstosse  mitgewirkt  hatte,  bot  sich  ihrem 
Ftihrer  am  2.  December  in  der  Schlacht  bei  Loigny-Poupry  die  geschickt 
ergriffene  und  mit  hingebender  Tapferkeit  benutzte  Gelegenheit  durch  den  in 
einem  kritischen  Augenblicke  unternommenen  erfolgreichen,  von  ihm  person- 
lich  geleiteten  Angriff  auf  Loigny  und  die  standhafte  Behauptung  der  gewon- 
nenen  Oertlichkeiten  zur  Entscheidung  des  Tages  wesentlich  beizutragen.  Seine 
Brigade  hatte  an  Todten  und  Verwundeten  21  Offiziere  und  423  Mann  ver- 
loren.  An  den  schweren  Kampfen  vom  7,  bis  zum  11.  December,  welche 
mit  dem  Gesammtnamen  der  Schlacht  von  Beaugency-Cravant  bezeichnet  wer- 
den,  und  an  der  durch  sie  herbeigeftihrten  Abwehr  von  Chanzy's  Versuchen, 
die  auf  dem  Kriegsschauplatze  an  der  Loire  bis  dahin  erlittenen  Niederlagen 
in  Sieg  zu  verwandeln,  hatten  General  v.  K.  und  seine  Hanseaten  vollen  An- 
theil,  nicht  minder  an  dem  schliesslichen  Zurtickwerfen  dieses  gefahrlichen 
Gegners  auf  le  Mans  und  an  der  volligen  Zertriimmerung  seines  Heeres.  Mit 
dem  Eisernen  Kreuze  1.  Klasse  in  die  Heimath  zurtickgekehrt,  wurde  der 
General  am  14.  Juli  1874  nach  Wlirttemberg  kommandirt,  um  das  Kommando 
der  26.  Division  zu  tibernehmen  und  am  18.  Januar  1875  zum  Generallieute- 
nant  befbrdert.  Am  22.  December  1877  von  dort  abberufen  und  an  die  Spitze 
der  1.  Division  in  Konigsberg  gestellt,  erbat  er  seine  Pensionirung,  welche 
am  5.  Februar  1878  bewilligt  wurde;  gleichzeitig  erfolgte  seine  Stellung  zur 
Disposition  und  am  ftinfundzwanzigsten  Jahrestage  von  Loigny  seine  Charakte- 
risirung  als  General  der  Infanterie  durch  Kaiser  Wilhelm  II. 

B.  Poten. 

Holleben,  Bernhard  von,  genannt  von  Normann,  Koniglich  Sachsischer 
General  der  Infanterie  z.  D.,  *  am  30.  Juli  1824  zu  Unter-Koditz  bei  Konig- 
see  im  Flirstenthume  Scbwarzburg-Rudolstadt,  f  11.  October  1897  zu  Dresden, 


86  von  Holleben.     von  Kraatz-Koschlau. 

—  v.  H.  beabsichtigte  in  den  btirgerlichen  Staatsdienst  seines  Heimathlandes 
zu  treten  und  hatte  zu  diesem  Ende  fast  vier  Jahre  lang  zu  Jena  studirt,  als 
die  im  Winter  1848/49  gemachte  Bekanntschaft  mit  den  zum  Zwecke  der 
Aufrechterhaltung  von  Ruhe  und  Ordnung  in  Rudolstadt  befindlichen  Offizieren 
des  Koniglich  Sachsischen  1.  Schlitzen-Bataillons  ihn  veranlasste  im  Juni  1849, 
als  Portepeejunker  in  die  Sachsische  Armee  zu  treten.  Er  hatte  damit  in  eine 
Laufbahn  eingelenkt,  flir  welche  seine  geistigen  und  korperlichen  Eigenschaften 
ihn  vorzliglich  befahigten.  Sie  war  daher  eine  besonders  glanzende.  Noch 
im  namlichen  Jahre  zum  Unter-,  am  1.  Juni  1854  zum  Oberlieutenant  be- 
fordert,  1856  bis  1858  zur  Fortbildungsschule  des  Generalstabes,  1863/64  als 
Adjutant  zu  dem  Kommandeur  der  Bundes-Executionstruppen  in  Holstein, 
General -Lieutenant  von  Hake,  kommandirt,  seit  1865  zuerst  als  Brigade- 
adjutant,  dann  im  Generalstabe  verwendet,  wurde  er  am  29.  Marz  1866 
in  letzterem  zum  Hauptmann  ernannt  und  bewahrte  sich  im  Bohmischen 
Feldzuge  dieses  Jahres  im  Stabe  der  2.  Division  unter  General  von  Stieglitz 
ganz  vorzliglich  durch  Umsicht  und  Entschlossenheit,  wie  durch  seine  Fiirsorge 
fur  die  Truppen  und  durch  seine  Gabe  mit  Menschen  aller  Art  zu  verkehren. 
Die  ihm  gewordenen  Ordensauszeichnungen  erkannten  die  von  ihm  geleisteten 
Dienste  an.  Bereits  am  26.  Marz  1867,  also  nachdem  er  ein  Jahr  lang  Haupt- 
mann gewesen,  zum  Major  ernannt,  wurde  er  alsbald  zum  Grossen  General- 
stabe nach  Berlin  kommandirt  und  kurz  vor  Ausbruch  des  Krieges  gegen 
Frankreich  dort  zum  Militarbevollmachtigten,  sowie  zum  Bevollmachtigten 
beim  Bundesrathe  und  zum  Mitgliede  der  Bundes-Rayonkommission  ernannt; 
bei  der  Mobilmachung  wurde  er  dem  Generalstabe  des  Grossen  Hauptquar- 
tiers  zugetheilt.  In  dieser  Stellung  trat  er  in  den  Augusttagen  bei  Metz  durch 
werthvolle  Leistungen  hervor,  erwies  sich  hervorragend  tlichtig,  als  er,  bei 
Ausscheidung  der  Maasarmee  unter  Kronprinz  Albert  von  Sachsen,  zum  Ober- 
kommando  der  letzteren  abkommandirt  war  (auf  dem  Zuge  nach  Sedan  und 
in  der  Schlacht  vom  1 .  September),  trat  vor  Paris  zum  Grossen  Hauptquartiere 
zuriick  und  gehorte  zum  Schlusse  dem  Oberkommando  der  Sudarmee  unter 
dem  General  Freiherm  von  Manteuffel  an,  welche  die  letzte  feindliche  Feld- 
armee  liber  die  Schweizerische  Grenze  drangte.  Das  Eiserne  Kreuz  1 .  Klasse 
war  die  werthvollste  unter  den  ihm  verliehenen  Ordensauszeichnungen.  Nach 
Friedensschluss  blieb  er  bis  zum  1.  Juli  1873  in  seiner  friiheren  Stellung, 
jetzt  beim  Deutschen  Reiche  statt  beim  Norddeutschen  Bunde,  in  Berlin  und 
war  darauf  bis  zum  6.  Juli  1883  Chef  des  Generalstabes  des  XII.  (Koniglich 
Sachsischen)  Armeekorps.  Inzwischen  zum  Generalmajor  aufgerlickt,  ubernahm 
er  alsdann  das  Kommando  der  2.  Infanterie-Brigade  Nr.  46  zu  Dresden,  ver- 
tauschte  dieses  am  1.  April  1887,  zum  Generallieutenant  befordert,  mit  dem 
der  dortigen  3.  Division  No.  32,  letzteres,  nach  Leipzig  ubersiedelnd,  im  Ja- 
nuar  1889  mit  dem  der  2.  Division  No.  24  und  trat  am  22.  Januar  1892 
durch  gichtische  Leiden  bewogen  in  den  Ruhestand.  Gleichzeitig  zum  General 
der  Infanterie  ernannt,  wahlte  er  Dresden  zu  seinem  Wohnsitze. 

Militar.  Wochenblatt  No.  96,  Berlin  27.  October  1897. 

B.  Poten. 

Kraatz-Koschlau,  Alexander  von,  Koniglich  Preussischer  General  der 
Infanterie  z.  D.,  *  am  12.  Februar  181 7  zu  Wenneschin  im  hinterpommer- 
schen  Kreise  Lauenburg,  f  am  12.  September  1897  zu  Friedenau  bei  Berlin. 

—  K.  trat    an    dem    Tage,    an    welchem    er    sein   17.  Lebensjahr  vollendete, 


von  Kraatz-Koschlau.     Lobstein.  87 

als  Dreijahrigfreiwilliger  beim  4.  Infanterie- Regimen  te  in  den  Heeresdienst, 
wurde  am  13.  Februar  1836  Sekond-,  am  12.  April  1849  Premier-Lieutenant 
und  am  12,  November  1852,  nachdem  er  die  Allgemeine  Kriegsschule  besucht 
hatte  und  zum  Topographischen  BuTeau,  wie  zur  Gewehrfabrik  in  Sommerda, 
in  welcher  damals  am  Zlindnadelgewehre  gearbeitet  wurde,  kommandirt  ge- 
wesen  war,  als  Hauptmann  in  den  Generalstab  versetzt.  Diesem  hat  er,  mit 
einer  vierjahrigen,  von  1853  bis  1857  dauernden,  durch  die  Verwendung  als 
Kompagniechef  bei  dem  zu  Trier  und  Luxemburg  garnisonirenden  30.  In- 
fanterie-Regimente  ausgefiillten  Unterbrechung,  bis  1867  angehort.  Im  Jahre 
1866  nahm  er  wahrend  des  Krieges  gegen  Oesterreichs  Verbiindete  als 
Chef  des  Stabes  der  Mainarmee  eine  hervorragende  Stellung  ein,  deren 
Bedeutung  im  ersten  Theil  des  Feldzuges,  in  welchem  der  Oberbefehlshaber, 
General  Vogel  von  Falkenstein,  thatsachlich  sein  eigener  Generalstabschef 
war,  nicht  in  gleichem  Maasse  zur  Geltung  kam  wie  unter  dessen  Nach- 
folger,  dem  Generallieutenant  Freiherrn  von  Manteuflfel.  Die  Leistungen  des 
Obersten  v.  K.  in  diesem  Kriege  wurden  durch  die  Verleihung  des  Ordens 
pour  le  mdrite  anerkannt.  Nach  Friedensschluss  trat  er  in  die  von  ihm  schon 
seit  1863  bekleidete  Stellung  als  Chef  des  Generalstabes  des  VH.  Armeekorps 
zurtick,  verblieb  in  derselben  noch  ein  Jahr,  erhielt  dann  das  Kommando  der 
42.  Infanterie-Brigade  zu  Frankfurt  a.  M.,  welches  er  1869  mit  dem  eine  be- 
sondere  dienstliche  Befahigung  erfordernden  der  n.  zu  Berlin  vertauschte, 
und  erhielt,  inzwischen  Generalmajor  geworden,  bei  Ausbruch  des  Krieges 
vom  Jahre  1870  gegen  Frankreich  das  Kommando  der  zum  X.  Armeekorps 
unter  General  von  Voigts-Rhetz  und  zur  II.  Armee  des  Prinzen  Friedrich  Karl 
von  Preussen  gehorenden  20.  Infanterie-Division.  In  der  Frlihe  des  16.  Au- 
gust von  Pont  k  Mousson  aufgebrochen  und  nach  zwolfstundigem  Marsche 
bei  Tronville  auf  dem  Schlachtfelde  von  Vionville-Mars  la  Tour  eingetroffen, 
nahm  die  Division  unter  seiner  Filhrung  an  den  Schlusskampfen  des  Tages  und 
demnachst  an  der  Einschliessung  von  Metz  Theil.  Nach  dem  Falle  der  Festung 
wurde  General  v.  K.  zunachst  auf  dem  aussersten  linken  FlUgel  der  nach  der 
Loire  abruckenden  II.  Armee  gegen  Langres  entsendet,  aber  schon  so  frtih 
an  die  letztere  wieder  herangezogen,  dass  er  den  Kampfen  von  Ende  Novem- 
ber und  Anfang  December  beiwohnen  konnte,  welche  am  4.  des  letzteren 
Monats  zur  Besitznahme  von  Orleans  fllhrten.  Um  die  Jahreswende  stand  er 
Chanzy  gegeniiber  bei  Venddme  am  Loir.  Bei  dem  alsdann  erfolgenden  Vor- 
rtlcken  gegen  le  Mans  hatte  die  20.  Division  wiederum  den  linken  Fliigel  der 
Armee.  Unter  nicht  allzu  schweren  Kampfen,  aber  mittelst  anstrengender 
Marsche  langte  sie  am  12.  Januar  vor  le  Mans  an  und  drang  am  Nachmittage 
zuerst  in  die  Stadt  ein.  Mit  dem  Eisernen  Kreuze  1.  Klasse  geschmlickt, 
kehrte  General  v.  K.  nach  Friedensschlusse  in  die  Heimath  zurtick,  erhielt 
zunachst  das  Kommando  der  12.  Division  in  Neisse,  vertauschte  dieses  schon 
im  Sommer  1871  mit  dem  der  16.  in  Trier,  rlickte  am  18.  August  d.  J.  zum 
Generallieutenant  auf  und  wurde  am  4.  Marz  1879  in  Genehmigung  seines 
Abschiedsgesuches  und  unter  Verleihung  des  Characters  als  General  der  In- 
fanterie mit  Pension  zur  Disposition  gestellt.  Nachdem  sein  Vater  im  Jahre 
1857  geadelt  worden,  hiess  er  »von  Kraatz-Koschlau«,  bis  dahin  »Kraatz«. 

B.  Poten. 

Lobstein,  Friedrich  Eduard,  Arzt  und  Dichter,  *  am  3.  December  1826 
zu  Strassburg   im  Elsass,   f  am   2.  October  1897   zu  Heidelberg.  —  Er  ent- 


88  Lobstein.     Romann. 

stammte  einer  alt-elsassischen  Familie,  war  von  Geburt  zwar  Franzose,  aber 
im  Herzen  ein  guter  Deutscher,  der  sich  der  Wiedervereinigung  seiner  Hei- 
math  mit  dem  deutschen  Mutterlande  (1871)  aufrichtig  freute.  Sein  Vater 
war  der  als  pathologischer  Anatom  und  Griinder  des  anatomisch-pathologischen 
Museums  in  Strassburg  in  der  medicinischen  Welt  rtihmlichst  bekannte  Pro- 
fessor Johann  Friedrich  L.,  nach  dessen  fruhem  Tode  (1835)  er  mit  der 
Mutter  in  deren  Heimath  und  Elternhaus  nach  Landau  in  der  bayrischen 
Pfalz  tibersiedelte.  Hier  empfing  er  im  Hause  seines  Grossvaters,  des  Medi- 
cinalraths  Dr.  Pauli,  den  ersten  Unterricht,  besuchte  darauf  die  dortige  Latein- 
schule,  absolvirte  spater  das  Gymnasium  zu  Speyer  und  bezog  dann  die  Uni- 
versitat  Heidelberg,  um  Medicin  zu  studiren.  In  Wttrzburg,  wo  er  seine 
Studien  fortsetzte,  promo virte  er  1852  und  bestand  zwei  Jahre  spater  die 
Staatsprtifung.  Inzwischen  hatte  er  zu  weiterer  Ausbildung  Berlin,  Prag,  Wien 
und  Paris  besucht  und  auch  das  bayrische  Indigenat  erworben,  und  so  Hess 
er  sich  denn  1854  in  Landau  als  praktischer  Arzt  nieder.  Lobstein's  dich- 
terische  Productivity,  die  bis  zum  Jahre  1840  zuriickreicht,  gewann  durch 
die  Schillerfeier  (1859)  hohere  Weihe  und  reinere  Form.  Mit  angeborener 
Vorliebe  fiir  historische,  archaologische  und  Kunststudien  widmete  er  sich  in 
berufsfreien  Stunden  hauptsachlich  den  klassischen  Dichtformen  hellenischer 
und  rOmischer  Vorbilder.  Aus  der  Zeit  einer  italienischen  Reise  stammen 
seine  »Bilder  aus  NeapeU  (1866).  Nach  dem  Tode  seiner  Mutter  gab  L.  im 
Jahre  1872  seinen  arztlichen  Beruf  auf  und  zog  nach  Heidelberg,  wo  er  sich 
in  seiner  Villa  am  Schlossberge  ein  trauliches  Heim  schuf.  Seine  Musse  wid- 
mete er  in  der  Folge  theils  dem  stadtischen  Gemeinwesen,  theils  schriftstelle- 
rischer  Production.  Als  Denkmale  der  Pietat  veroffentlichte  er  zur  Sacular- 
feier  der  Geburt  seines  Vaters,  dessen  Marmorbtiste  bei  dieser  Gelegenheit 
von  der  medicinischen  Facultat  zu  Strassburg  in  dem  Neubau  des  Museums 
gestiftet  wurde,  die  Biographie  »Johann  Friedrich  Lobstein.  Sein  Leben  und 
Wirken«  (1878),  sowie  jene  seines  Grossoheims  »Joh,  Friedr.  Lobstein  sen., 
ein  Lehrer  Goethe's  in  Strassburg.  Nebst  Anhang:  Zur  Geschichte  des  Biir- 
gerhospitals  in  Strassburg*  (1880).  Seine  patriotische  und  dichterische  Be- 
geisterung  hatte  durch  die  grossen  Ereignisse  von  1870  und  187 1  und  ihre 
Folgen,  sowie  durch  den  unvergleichlichen  Reiz  seiner  neuen  Heimath  einen 
machtigen  Impuls  erhalten.  So  gab  er  denn  unter  dem  Titel  »In  Musse- 
stunden«  (1880)  eine  Bliithenlese  elegischer  und  lyrjscher  Dichtungen  heraus. 
PersGnliche  Mittheilungen. 

Franz  Brtimmer. 

Romann,  Albrecht,  Geistlicher  und  Dichter,  *  am  27.  Marz  1850  in 
Ziegenhals  (Schlesien),  f  am  11.  September  1897  in  Liegnitz.  —  Sein  Vater 
stand  im  Dienste  der  Judenmission  in  Oberschlesien,  starb  aber  friih  mit 
Hinterlassung  zweier  Sohne,  von  denen  Albrecht  der  altere  war,  ein  unge- 
stiimer  Geist,  aber  sehr  begabt.  Nach  dem  Besuche  des  Magdalenengymna- 
siums  in  Breslau,  studirte  er  in  Tubingen  und  Berlin  Theologie  und  gab  noch 
als  Student  zwei  Bandchen  lyrischer  Gedichte,  »Poetische  Aphorismen«  (1872) 
und  ein  Drama  »Attila«  (1872)  heraus.  Im  Jahre  1875  als  Geistlicher  ordi- 
nirt,  wurde  er  zunachst  Pfarrvikar  in  Borsigwerk  und  1876  Diakonus  an  der 
Liebfrauenkirche  in  Liegnitz,  wo  er  21  Jahre  in  grossem  Segen  wirkte.  Er 
richtete  u.  a.  eine  Sonntagsschule  ein,  grlindete  einen  Arbeiter-,  einen  Lehr- 
lings-  und  Jungfrauenverein,  veranstaltete  ofFentliche  Vortrage  und  lieferte  ftir 


Romann.     Semmig.  89 

die  Vereine  manche  poetische  Gabe,  von  denen  namentlich  das  kleine  vater- 
landische  Festspiel  »Bei  Sedan«  (1894),  das  er  unter  dem  Pseudonym  Albrecht 
von  Gaisenberg  herausgab,  in  weitere  Kreise  gedrungen  ist.  Auch  auf  theo- 
logischem  Gebiet  hat  er  verschiedene  Fragen  in  selbstandigen  Broschtiren  be- 
handelt.     Er  erlag  einem  Lungenleiden. 

Nach  Mittbeilungen  des  P.  prim.  SeyfFarth  in  Liegnitx. 

Franz  Brtimmer. 

Semmig,  Friedrich  Herman,  Schriftsteller  und  Schulmann,  *  am  23.  Juni 
1820  zu  Dobeln  im  KOnigreich  Sachsen,  f  am  22.  Juni  1897  in  Leipzig.  —  Sein 
Vater  betrieb  neben  einem  burgerlichen  Gewerbe  etwas  Landwirthschaft.  Nach- 
dem  der  Sohn  den  vorbereitenden  Unterricht  in  der  Ortsschule  und  privatim 
durch  einen  Kandidaten  der  Theologie  erhalten  hatte,  kam  er  1833  auf  die 
Ftirstenschule  in  Grimma  und  bezog  Ostern  1839  die  Universitat  Leipzig,  an 
welcher  er  drei  Jahre  Theologie  studirte.  Dann  wandte  er  sich  dem  Studium 
der  Geschichte  zu,  um  spater  die  akademische  Laufbahn  einzuschlagen,  und  trat 
deshalb  in  das  historische  Seminar  des  Prof.  Wachsmuth.  Sein  Eintritt  in  die 
Burschenschaft  (1842)  wurde  ftir  sein  ganzes  spateres  Leben  bedeutungsvoll, 
indem  ihn  von  nun  an  die  politische  Bewegung  in  ihre  Kreise  zog;  von  jetzt 
ab  erschienen  auch  viele  seiner,  die  politisch-philosophische  Bewegung  ab- 
spiegelnden  Gedichte  im  »Komet«  (Herlosssohn),  in  den  »Rosen«  (Rob.  Hel- 
ler) und  den  Hamburger  »Jahreszeiten«.  Im  Jahre  1843  ward  S.  in  die  letzte 
sogenannte  Demagogenverfolgung  verwickelt  und  musste  eine  dreimonatliche 
strenge  Haft  erdulden.  An  der  deutschkatholischen  Bewegung  betheiligte  er 
sich  durch  seine  Broschlire  »Schlesiens  Reformirung  und  Katholisirung«  (1845). 
Nach  seiner  Promotion  zum  Dr.  phil.  warf  er  sich  auf  das  Studium  der  socia- 
len  Frage;  er  war  der  erste  in  Sachsen,  der  die  Verhaltnisse  vom  socialisti- 
schen  Standpunkte  aus,  besonders  in  der  »Trierschen  Zeitung«,  besprach,  und 
in  seiner  Broschlire  »Sachsische  Zustande  nebst  Randglossen  und  Leucht- 
kugelnoc  (1846)  seine  socialistischen  Anschauungen  auf  den  Humanismus  be- 
grlindete.  In  diesem  Sinne  war  er  auch  als  Redacteur  politischer  Blatter  in 
Dobeln,  Leipzig  und  Rochlitz  thatig.  In  Leipzig  grtindete  er  1848  den  »De- 
mokratischen  Verein«  und  vertrat  denselben  als  Deputirter  auf  dem  Congress 
der  demokratischen  Vereine  zu  Pfingsten  in  Frankfurt  a.  M.,  auch  war  er 
gleichzeitig  Mitglied  des  von  Robert  Blum  gegriindeten  »Vaterlandsvereins«. 
Nach  der  Hinrichtung  dieses  Freiheitskampfers  veroffentlichte  er  »  Robert  Blum. 
Episches  Gedicht  in  4  Gesangen«  (1848).  Im  Mai  1849  betheiligte  sich  S. 
an  dem  Volksaufstande  in  Sachsen,  floh  nach  Unterdriickung  desselben  nach 
Strassburg  und  gab  noch  in  demselben  Jahre  die  Broschlire  »Handwerk  bringt 
keinen  goldenen  Boden.  Erlebnisse  eines  Handwerkers«  (1849)  heraus.  Im 
Frtihjahr  1850  von  der  Regierung  des  Prinz-Prasidenten  nach  Nancy  und  Ende 
des  Jahres  nach  Nantes  verwiesen,  durchzog  er  von  hier  aus  Frankreich  zu 
Fuss  von  Ost  nach  West,  Sitten  und  Gebrauche  des  Landes  genau  studirend, 
und  legte  dann  von  1851  an  seine  Beobachtungen  und  Ansichten  in  den 
angesehensten  deutschen  Blattern  nieder.  Auch  zwei  dramatische  Arbeiten 
»Das  Lied  an  die  Freude«  (1850)  und  »Freitag«  (1850)  Hess  er  von  Nantes 
aus  unter  dem  Namen  Fr.  Schmidt  in  Deutschland  erscheinen.  Im  Sommer 
1854  wurde  S.  Studienaufseher  am  stadtischen  Gymnasium  zu  Quimper,  war 
1855 — 56  Sekretar  eines  jungen  Gelehrten  in  Paris  und  Hauslehrer  einer 
adeligen  Familie  in  der  Vendue,   hielt  sich  seit  dem  Herbst  1856  als  Privat- 


go  Semmig.     Brahms. 

lehrer  in  Nantes  auf  und  erhielt  1858  auf  Verwendung  des  Historikers  Michelet 
die  Stelle  eines  Lehrers  der  deutschen  Sprache  am  Staatsgymnasium  zu  Le 
Puy  in  den  Sevennen.  Nachdem  er  dann  im  Herbst  i860  zu  Paris  das  Exa- 
men  als  Oberlehrer  ftir  lebende  Sprachen  bestanden  hatte,  wurde  er  als  solcher 
am  Gymnasium  zu  Chambdry  in  dem  eben  annectirten  Savoyen  angestellt, 
von  wo  aus  er  seine  »Geschichte  der  franzosischen  Literatur  im  Mittelalter* 
(1862)  verOffentlichte.  Im  Herbst  1862  an  das  Lyceum  in  Orleans  berufen, 
grundete  er  sich  hier  1866  den  gllicklichsten  Familienheerd,  wurde  aber, 
trotzdem  er  das  Civilbiirgerrecht  in  Frankreich  besass,  wie  alle  Deutschen 
1870  ausgewiesen.  Ueber  die  Bretagne,  England  und  Belgien  kehrte  er  nach 
Leipzig  zurlick  und  erhielt  hier  bald  darauf  eine  Stelle  als  Lehrer  an  der  neu 
begrtindeten  hoheren  Btirgerschule  ftir  Madchen,  die  er  bis  zu  seiner  Pen- 
sionirung  (1882)  verwaltete.  Seitdem  widmete  er  seine  Musse  literarischen 
Arbeiten.  Von  seinen  spateren  Schriften  sind  noch  zu  erwahnen:  »Das  Kind. 
Tagebuch  eines  Vaters«  (1876)  —  »Das  Frauenherz.  Lebensbilder  und  Dich- 
tungen«  (1879)  —  »Cultur-  und  Literaturgeschichte  der  franzosischen  Schweiz 
und  Savoyens«  (1882)  —  »Franzosisches  Frauenleben«  (1883)  —  »Evas  Tochter 
bis  auf  Luther's  Kathe«  (1883)  —  »Fern  von  Paris.  Erzahlungen  und  No- 
vellen«  (1884)  —  »Ein  Genzianenstrauss.  Novellen  und  Reisebilder«  (1885) 
—  »Die  Jungfrau  von  Orleans  und  ihre  Zeitgenossen«  (1885)  —  »Rhein, 
Rhone  und  Loire.  Cultur-  und  Landschaftsbilder«  (1886). 
Perstaliche  Mittheilungen. 

Franz  Brtimmer. 

Brahms,  Johannes,  Componist  und  Pianist,  *  am  7.  Mai  1833  zu  Ham- 
burg, Speckstrasse  60  (friiher  No.  24;  das  Taufjournal  der  St.  Michaelskirche 
in  Hamburg  nennt  das  Haus  »Specksgang — Schltitershof«),  f  am  3.  April  1897 
zu  Wien.  —  Die  Familie  war  friiher  im  Holstein'schen,  noch  friiher  im  Han- 
nover1 schen  ansassig  und  schrieb  sich  abwechselnd  Brahmst,  Brahms,  Brams, 
Bramst.  Der  Vater  Brahms',  Johann  Jakob  Brahms  (geb.  1.  Juni  1806  in 
Heide  im  Holsteinischen),  bevorzugte  die  erste  Schreibung  und  hatte  seinen 
Namen  in  dieser  Form  auf  seiner  Stadtmusikerfirmatafel  stehen,  trotzdem  in 
seinem  »Meisterbriefe«  Brahms  zu  lesen  war.  Der  junge  Brahms  kratzte  das 
t  von  der  Tafel  ab,  auch  wenn  es  der  alte  Herr  wieder  herstellen  Hess.  End- 
lich  gab  der  Vater  nach  und  acceptirte  auch  seinerseits  die  Lesart  » Brahms «. 
Vater  Brahms  war  Contrabassist  (zuerst  am  Carl-Schultze-Theater,  spater  am 
Stadttheater),  spielte  aber  auch  Cello  und  Horn.  In  dieser  Eigenschaft  war 
er  Mitglied  eines  Sextetts,  das  im  Sommer  im  Alster-Pavillon  musicirte  und 
flir  das  der  junge  Johannes  Marsche  und  Tanze  arrangirte,  einmal  sogar  eine 
Original  -  Composition  geliefert  haben  soil.  Die  Mutter  (Johanna  Henrika 
Christiana)  war  eine  geborene  Nissen  aus  Hamburg  (geb.  1789,  gest.  2.  Febr. 
1865)  eine  herzensgute,  einfache  Frau,  an  der  Brahms  zeitlebens  mit  grfisster 
Verehrung  hing.  Sie  betrieb  im  Hause  Fuhlentwiel  74,  wohin  die  Familie 
tibersiedelt  war,  eine  kleine  Handlung  mit  hollandischen  Waaren.  Die  Ehe 
der  El  tern  war,  wie  es  scheint,  keine  sehr  gluckliche;  die  Eheleute  gingen 
Anfangs  der  60  er  Jahre  auseinander.  Der  alte  Brahms  heirathete  nach  dem 
Tode  seiner  ersten  Frau  noch  einmal,  und  zwar  die  Wittwe  Caroline  Schnack 
(geb.  Paasch,  geb.  25.  October  1824),  die  derzeit  noch  in  Pinneberg  im  Hoi- 
steinischen  bei  ihrem  Sohne  Fritz  aus  erster  Ehe  lebt.  An  vollblutigen  Ge- 
schwistern  besass   B.  eine  Schwester  Elisabeth  (geb.   n.  Februar  1831,  gest. 


Brahms, 


91 


11.  Juni  1892)  und  einen  Bruder  Friedrich  (geb.  26.  Marz  1835,  8^st-  5- No- 
vember 1 886),  der  gleich  ihm  Musiker  wurde,  langere  Zeit  in  Amerika,  spater 
aber  in  Hamburg  lebte.  —  Vater  Brahms  unterrichtete  seinen  Sohn  im  Cello- 
und  Hornspiele.  Spater  iibernahm  ein  Schtiler  F.  Marxsen's,  Cossel,  den 
Unterricht  im  Clavierspiele,  welchen  dann  Marxsen  selbst  fortsetzte,  der  tlber- 
diess  dem  jungen  Manne  auch  die  vollstandige  theoretische  Ausbildung  an- 
gedeihen  Hess.  HOhere  Schulbildung  genoss  B.  nicht;  sein  spaterhin  viel- 
bewundertes  allgemeines  Wissen  hat  er  sich  durch  Selbststudium  angeeignet. 
—  Um  zu  dem  schmalen  Haushalte  der  Eltern  etwas  beisteuern  zu  kttnnen, 
spiel te  B.  in  Hamburg,  Bergedorf  u.  s.  w.  in  Wirthshausern,  Matrosenkneipen 
u.  dgl.  Am  21.  September  1848  gab  Johannes  sein  erstes  Concert,  dem 
am  14.  April  1849  e*n  erfolgreiches  zweites  folgte.  Der  im  Mai  1898  ver- 
storbene  ungarische  Geiger  Ed.  Remdnyi  soil  ihn  um  diese  Zeit  gehtirt  haben, 
engagirte  ihn  aber  jedenfalls  erst  1853  zu  einer  mehrwdchentlichen  Concert- 
reise  durch  Norddeutschland.  1850  machte  B.  einen  Versuch,  dem  zufallig 
in  Hamburg  weilenden  Rob.  Schumann  einige  Compositionen  vorzulegen.  Der 
Meister  fand  aber  keine  Zeit,  was  Brahms  veranlasste,  sich  spater  etwas  zu 
besinnen,  ehe  er  Schumann  —  wie  er  glaubte  —  lastig  fallen  wollte.  In 
Weimar  machte  B.  (1853)  die  Bekanntschaft  Liszt's,  der  ihn  mit  Begeisterung 
aufnahm  und  bei  dem  er  mehrere  Wochen  dieses  und  des  nachstfolgenden 
Jahres  zubrachte,  in  Gottingen  diejenige  Joachim's,  der  nun  in  ihn  drang  sich 
Schumann  vorzustellen.  Dies  geschah  aber  erst,  nachdem  Brahms  (von  Juni 
1853  an)  eine  Zeit  lang  mit  Joachim  an  der  Gottinger  Universitat  Vorlesungen 
gehort,  und  in  dessen  Gesellschaft  eine  Reise  in  die  Schweiz  und  an  den 
Rhein  unternommen  hatte.  Ende  September  oder  Anfang  October  1853  er- 
schien  B.  bei  Schumann  in  Dtisseldorf  und  erregte  das  grftsste  Interesse  des 
Meisters  und  dessen  Frau.  Am  23.  October  dieses  Jahres  veroffentlichte 
Schumann  seinen  bertihmt  gewordenen  Aufsatz  »Neue  Bahnen*,  in  welchem 
er  die  musikalische  Welt  auf  den  genialen,  jungen  Kunstler  aufmerksam 
machte.  Die  Wirkung  war  nur  zum  Theile  die  beabsichtigte.  Viele  sprachen 
von  Ueberschatzung  und  namentlich  in  der  »SUddeutschen  Musikzeitung« 
(1854  No,  11  u.  s.  w.)  erschien  eine,  man  kann  sagen,  vernichtende  Kritik  der 
durch  Schumann's  Beftirwortung  bei  Breitkopf  &  Hartel  in  Leipzig  erschienenen 
ersten  Compositionen,  den  zwei  ersten  Claviersonaten  des  Es-moll-Scherzos 
und  des  Liederheftes  op.  3.  Um  mit  Verlegern  in  FUhlung  zu  kommen,  war 
B.  nach  Leipzig  gereist,  und  trat  daselbst  am  17.  December  1853  zum  ersten 
Male  als  Pianist  und  Componist  auf.  Kurze  Zeit  darauf  (4.  Januar  1854) 
lernte  B.  in  Hannover  BUlow  kennen,  mit  dem  ihn  lebenslange  Freundschaft 
verband.  Auch  Gade,  Spohr,  Marschner,  Lowe  und  Anderen  trat  er  person- 
lich  mehr  oder  minder  nahe.  Der  innigste  Verkehr  entwickelte  sich  aber 
zwischen  B.,  dem  Ehepaar  Schumann  und  Joachim.  Nur  zu  bald  sollte  aber 
das  so  verheissungsvoll  begonnene  Verhaltniss  getrllbt  werden.  Am  6.  Fe- 
bmar  1854  sttirzte  sich  Schumann  in  den  Rhein  und  der  zwar  wieder  ge- 
rettete,  aber  geistesgest6rte  Meister  musste  am  4.  Marz  der  Endenicher  Anstalt 
(ibergeben  werden.  B.  stand  nun  der  Familie  in  Allem  und  Jedem  bei;  auch 
besuchte  er  Schumann  Cfter  in  der  Heilanstalt  und  machte  mit  ihm  Spazier- 
gange;  seine  Besuche  wirkten  wohlthatig  auf  Schumann  ein  und  er  stellte 
dieselben  erst  ein,  als  das  Ende  herannahte.  —  Inzwischen  war  B.  als  Diri- 
gent  eines  kleinen  Chores  und  als  Musiklehrer  an  den  Hof  von  Detmold  be- 
mfen,    woselbst   er    eifrig    an    seiner    eigenen  Ausbildung  arbeitete  und  eine 


92 


Brahms. 


Reihe  seiner,  nach  1859  edirten  Compositionen  (von  op.  10  an)  schuf.  Er 
gab  die  Stellung  nach  einiger  Zeit  auf  und  lebte  in  Hamburg,  ebenfalls 
Unterricht  ertheilend  und  dirigirend;  er  und  sein  Bruder  Friedrich  hatten 
jeder  seinen  Chor  und  B.  benutzte  diese  Gelegenheit,  um  recht  viel  alter  Chor- 
musik  kennen  zu  lernen.  In  der  Sommerszeit  weilte  er  entweder  in  der 
Schweiz,  wo  er  mit  Gottfried  Keller,  Kirchner  u.  A.  verkehrte,  in  Baden- 
Baden,  wo  sich  Klara  Schumann  —  in  Lichtenthal  —  angekauft  hatte  und 
wo  er  mit  A.  Feuerbach,  Turgeniew  u.  A.  in  Beziehung  trat,  in  Bonn  und 
anderen  Orten. 

Es    war    fast    still  von  B.  geworden;  da  trat  er  am  27.  Januar  1859  *n 
einem  Gewandhaus-Concerte  mit  seinem  gewaltigen  D -moll -Concerte  hervor, 
das    er    urspriinglich    als   Sonate    flir   2   Claviere  gedacht  hatte.     Das  Stuck 
wurde  ausgezischt.     B.  war  aber  nicht  der  Mann,  sich  nur  einen  Augenblick 
irre  machen   zu  lassen.     In  rascher  Folge   erschienen  (i860 — 61)  die  beiden 
Serenaden,    der   »Begrabnissgesang«,    die  Frauenchore    mit  Harfe  und  Horn. 
Simrock,    mit    dem  B.  von    da    an  in  lebenslanglicher  Verlagsbeziehung  und 
Freundschaft   beharrte,   erscheint   da  zum  ersten  Male  als  Verleger  B.'scher 
Werke.  —  Bald   verOffentlichte  B.  das  Sextett,    das    ihn  zunachst  unter  den 
Kammermusikspielern    popular    machte.      1862    folgte  B.'s  erste-Reise    nach 
Wien,  jenem  Orte,  der  von  jeher  auf  Musiker  eine  magische  Anziehungskrait 
ausgellbt  hatte  und  bestimmt  erschien,  auch  B.'s  zweite  Heimath  zu  werden. 
Er  hatte  sowohl  als  schafTender,   wie  als  ausubender  Kiinstler  grossen  Erfolg 
und  sah  sich  von  alien  Seiten  geehrt.     Da  die  »  Wiener  Singakademie«  ihm 
das  Amt  eines  Chormeisters  (ibertrug,  Ubersiedelte  er  in  die  Kaiserstadt,  wo 
er  an  Hanslick  einen  Freund  und  beredten  Anwalt,  an  Hellmesberger  einen 
begeisterten  Interpreten    gefunden    hatte.     Bis  1864   leitete   er  die   Concerte 
der  »Singakademie«  im  grossten  Style  und  brachte,  mehr  als  je  einer  seiner 
Vorganger  in  Wien,  die  Bedeutung  Seb.  Bach's  flir  die  Chorcomposition  zur 
Geltung.     Aus  dieser  Zeit  datirt  seine  personliche  Bekanntschaft  mit  R.  Wag- 
ner,  seine  Freundschaft  mit  Taussig  und  Cornelius.     Nachdem  er  seine  Be- 
ziehung   zur   Akademie    gelost,   brachte    er  ein  paar  Jahre  auf  —  meist  mit 
Joachim  ausgeftlhrten  —  Concertreisen   zu,  sich  zeitweilig  auch  auf  langere 
Zeit  an  einem  Orte  (so   1865  in  Karlsruhe)  niederlassend.     Ueberall  stand  er 
im  Mittelpunkte  des  Musiklebens.    In  Karlsruhe  regte  er  die  WiederauffUhrung 
von  Mehul's  »Uthal«  an,  betheiligte  sich  an  der,   von  seinen  Freunden  Levi 
und  Devrient    geplanten  Don-Juan-Bearbeitung,    in  Gottingen    veranlasste    er 
Ph.  Spitta,  damals  ein  blutjunger  Student,  sich  der  Musikwissenschaft  zu  ^id- 
men.     Nach  Wien  zuriickgekehrt,  dirigirte  er  von   1872  an  die  Concerte  der 
»Gesellschaft  der  Musikfreunde*,   legte  1875   die  Stelle  wieder  nieder,  blieb 
aber  —  bis  an  sein  Lebensende  —  als  Directionsrath  an  dem  Institute  thadg. 
—  In  Wien    hatte    sich    inzwischen   der  Kreis   von  Verehrem  und  Freunden 
des  Meisters  immer  mehr  erweitert,  der  anfangs  mit  norddeutscher  Schroffheit 
Auftretende    hatte    allgemach    gar    Manches    vom    gemtithlichen    Wesen    des 
Oesterreichers  angenommen  und  sich  an  Familien  und  Einzelne  angeschlossen. 
Zunehmende  Anerkennung    auf   kiinstlerischem  Gebiete  hatte  ihm  ausserdem 
manche   bittere  Erfahrung  seiner  freudlosen  Jugend,   seiner  durch  zahlreiche 
Umst&nde  getrtibten  Jiinglingsjahre  vergessen  lassen.    Sein  immer  mehr  wach- 
sender  Ruhm   war  hauptsachlich   durch   das    »deutsche   Requiem «    begrttndet 
worden,  das  1865 — 67  nach  Worten  der  heiligen  Schrift  componirt  (in  dieser 
Hinsicht  besitzt  das  B.'sche  Werk  einen  Vorganger  in  Heinr.  Schiitz*  um  1636 


Brahms. 


93 


auf  den  Tod  Heinr.  Postumus  in  deutscher  Sprache  componirten  »Musikali- 
schen  Exequien«)  zum  ersten  Male  am  10.  April  1868  im  Dom  zu  Bremen 
unter  Rheinthaler's  Leitung  eine  von  durchschlagendem  Erfolge  begleitete 
Auffiihrung  erlebt  und  zur  Folge  hatte,  dass  sich  das  Werk  rasch  Uber  ganz 
Deutschland  und  Oesterreich,  liber  die  ganze  musikalische  Welt  verbreitete. 
Diese  denkwiirdige  Auffiihrung  war  iibrigens  nicht  die  erste.  Herbeck  hatte 
in  Wien  im  zweiten  Gesellschaftsconcert  der  Saison  1867/68  (am  1.  December 
1867)  die  drei  ersten  Satze  des  Requiems  gebracht,  deren  zwei  erste  tiefen 
Eindruck  machten,  wahrend  der  dritte  (mit  dem  grossen  Orgelpunkte)  auf  die 
Opposition  verbissener  »Z6pfe«  stiess.  —  Bei  der  oben  erwahnten  Bremer 
Auffiihrung  fehlte  noch  der  Satz:  »Ich  will  Euch  trosten«,  der  erst  etwas 
spater  componirt  und  dem  Werke  eingefiigt  wurde.  —  Wie  mit  einem  Schlage 
beleuchtete  nun  das  Verst&ndniss,  welches  das  deutsche  Requiem  gefunden 
hatte,  so  manches  anscheinend  Dunkle  in  den  anderen  Werken  des  Meisters, 
die  sich  nun  langsam  Bahn  brachen.  Die  beiden  ersten  Streichquartette,  das 
F-moll-Clavierquintett  (componirt  1863,  ursprlinglich  Streichquintett,  spater 
auch  als  Sonate  ftir  zwei  Claviere  veroffentlicht),  die  beiden  Clavierquartette, 
die  Orchester-Variationen  uber  ein  Haydn'sches  Thema  (eines  der  tiefsinnig- 
sten  contrapunktischen  Werke  der  ganzen  Orchesterliteratur),  die  Alt-Rhapsodie 
(Text  aus  Goethe's  »Harzreise  im  Winter«,  componirt  1869),  namentlich  aber 
die  Lieder  erfreuten  sich  immer  steigernder  Bewunderung.  Das  Kriegsjahr 
1870  begeisterte  B.  —  der  mit  Leidenschaft  an  Deutschland  hing  —  zu  seinem 
»Triumphlied«,  das  zahllose  AuffUhrungen  erlebte  und  einen  fast  dem  Sieges- 
zug  des  »Requiem«c  ahnlichen  Erfolg  hatte. 

Gewaltiges  Aufsehen  erregte  die  Nachricht,  B.  werde  mit  einer  Symphonie 
hervortreten.  Nur  nahere  Freunde  wussten,  dass  er  sich  schon  in  den  ftinf- 
ziger  Jahren  mit  einem  derartigen  Werke  beschaftigt  hatte  (im  Sommer  1854 
schrieb  er  eine  Symphonie  in  D-moll),  dass  er  mehr  als  einmal  im  Laufe  der 
Jahre  immer  wieder  darauf  zurtickkam.  Schon  1862  hatte  B.  (ungefahr  um 
die  Zeit,  als  er  mit  seinen  wundervollen  »Magelone-Liedern«  beschaftigt  war) 
seine  C-moll-Symphonie  begonnen,  die  endlich,  nachdem  sie  mancherlei  Um- 
gestaltung  erlebt  hatte,  1876  an  die  Oeffentlichkeit  kam.  Die  erste  Auffiihrung 
leitete  B.  am  17,  December  in  Wien.  Wie  so  oftmals  bei  B.'schen  Werken 
war  die  Aufnahme  keine  solche,  die  auf  auch  nur  ann&herndes  Verstandniss 
hatte  schliessen  lassen.  —  Als  B.  am  Pulte  erschien,  umbrauste  ihn  tausend- 
stimmiger  Jubel;  nach  den  einzelnen  Satzen  war  weit  mehr  Befremden  als 
Begeisterung  aus  den  Mienen  der  Zuhorer  zu  lesen.  Um  so  unmittelbarer 
wirkten  die  zweite  und  dritte  Symphonie,  die  ihre  Erstaufflihrungen  in  Wien 
unter  H.  Richter  am  10.  Januar  1878  und  am  2.  December  1883  erlebten.  — 
Das  Violin -Concert,  1877  oder  1878  componirt,  von  Joachim  in  die  Welt 
eingeftihrt,  wurde  bald  als  hochbedeutendes  Werk  erkannt  und  ziert  dermalen 
die  Programme  der  ersten  Violinspieler.  Es  ist  das  dritte  der  grossen  Con- 
certe  neben  dem  Beethoven'schen  und  Mendelssohn'schen.  — 

1 88 1  (26.  December)  spielte  B.  bei  den  Wiener  Philharmonikern  zum 
ersten  Male  sein  zweites  Clavierconcert,  das  jubelnd  aufgenommen  wurde  und 
vielleicht  das  vollendetste  ist,  was  B.  in  symphonischer  Form  geschrieben  hat. 
Im  selben  Jahre  schrieb  er  die  »Nanie«  zum  Gedenken  des  Todes  Anselm 
Feuerbach's.  Am  25.  October  1885  dirigirte  B.  seine  vierte  Symphonie 
zum  ersten  Male  in  Meiningen,  woselbst  er  durch  Btilow's  Intervention  zu 
dem  kunstsinnigen  Hofe  in  Beziehung  getreten  war  und  hoch  geehrt  wurde. 


94 


Brahms. 


Zu  Anfang  der  neunziger  Jahre  glaubte  B.  ein  Schwinden  seiner  Schaffens- 
kraft  zu  beobachten.  Er  entwarf  Verschiedenes,  Symphonien,  Kammermusik- 
werke  u.  dgl.  und  kam  damit  nicht  so  zu  Ende,  wie  er  wollte.  Da  entschloss 
er  sich,  Nichts  mehr  zu  schreiben,  lebte  stillvergntigt  weiter,  machte  Parthien, 
endlich  schrieb  er  in  dieser  sorglosen  Stimmung  in  kurzer  Zeit  das  herrliche 
Clarinette-Quintett  und  das  kaum  weniger  schone  Clarinette-Trio,  zu  dem  ihn 
der  Meininger  Clarinettist  R.  MUhlfeld,  einer  der  bedeutendsten  ausilbenden 
Kiinsder  unserer  Zeit,  mittelbar  angeregt  hatte.  Kurz  darauf  veroffentlichte  er 
in  sieben  Heften  zu  je  sieben  Stuck  —  er  liebte  derlei  »heilige«  Zahlen  — 
seine  rasch  beriihmt  gewordenen  »Deutschen  Volkslieder«,  in  denen  er  seine 
Meisterschaft  in  Bearbeitung  fremden,  schwierigen  Stoffes  aufs  Bewunderungs- 
wlirdigste  bewahrte. 

Am  20.  Mai  1896  starb  KJara  Schumann,  die  B.  wie  eine  Mutter  geliebt 
hatte.  Das  lange  Siechthum  der  Hochverehrten  hatte  ihn  oft  des  Todes  ge- 
denken  lassen.  Er  schrieb  seine  »Ernsten  Gesange«  fur  eine  Bassstimme, 
wahre  Unica  in  der  lyrischen  Literatur.  Im  Sommer  desselben  Jahres  schuf 
er  noch  seine  ebenso  herrlichen,  als  kunstvollen  (bisher  unedirten)  Choral- 
vorspiele,  seine  letzte  Arbeit. 

Im  Juni  1896  begann  das  Aussehen  B.'s  sich  zu  verandern.  Die  Gesichts- 
farbe  wurde  immer  fahler,  gelber,  der  m&chtige  Korper  verfiel;  ein  Aufenthalt 
in  Karlsbad  (September)  schuf  keine  Besserung  des  Leidens.  Am  24.  Marz 
1897  speiste  er  zum  letzten  Male  bei  seinem  Freunde  V.  Miller  v.  Aichholz; 
tags  darauf  vermochte  er  nicht  mehr  das  Lager  zu  verlassen,  am  3.  April  kurz 
vor  9  Uhr  frfih  war  er  entschlafen.  Ein  Leberkrebs  hatte  seinem  Leben  ein 
Ende  gemacht. 

B.  war  unverheirathet;  um  das  bedeutende  Vermogen  und  die  kostbaren 
Sammlungen,  die  er  hinterliess,  wird  processirt,  da  B.  keine  vollkommen  deut- 
lichen  Verfligungen  hinterliess  und  sich  eine  Reihe  —  von  B.  kaum  am  Leben 
vermutheten  —  Blutsverwandten  meldeten. 

Obwohl  B.  von  1862  an  eigentlich  haupts&chlich  in  Wien  ansassig  war, 
befriedigte  er  sein  lebhaftes  Bediirfniss  nach  Abwechselung  durch  oftmals 
wechselnde  Sommeraufenthalte  und  Reisen.  Die  Sommer  1875 — 1877  brachte 
er  in  Ziegenhausen  bei  Heidelberg  zu,  1878 — 1880  in  Portschach  am  Wor- 
thersee  in  Karnten,  1881  in  Pressbaum  bei  Wien,  1884/85  in  Mtirzzuschlag, 
1886 — 1888  in  Thun  in  der  Schweiz,  wo  ihm  in  dem  Dichter  J.  V.  Widmann 
ein  lieber  Freund  lebte;  von  1889  an  bis  1896  hauste  er  in  Ischl  in  einem 
etwas  abgelegenen  Hauschen  an  der  Salzburger  Strasse.  Italien  bereiste  er 
1878,  1881,  1882,  1887,  1888,  1890  und  1893,  abwechselnd  mit  Billroth, 
Freund,  Hanslick,  Hegar,  Kirchner  und  Widmann.  Nach  dem  Tode  seiner 
Mutter  hatte  er  mit  seinem  alten  Vater  und  Gansbacher  (1867  und  1868) 
Steiermark  und  das  Salzkammergut  bereist;  in  den  achtziger  Jahren  Sieben- 
btirgen. 

An  ^usseren  Ehren  fehlte  es  ihm  nicht.  Im  Januar  1874  erhielt  er  — 
gleichzeitig  mit  R.  Wagner  —  vom  Konig  Ludwig  II.  von  Bayern  den  Maximi- 
lians-Ord  en,  die  Universitat  Cambridge  ernannte  ihn  1877,  die  Universitat 
Breslau  am  n.Marz  1879  zum  Ehrendoctor.  Zur  feierlichen  Promotion  in 
Breslau  (4.  Januar  1881)  schrieb  er  seine  glanzende  prunkvolle  »Academische 
Fest-Ouvert(ire«.  1886  ernannte  ihn  die  preussische  Regierung  zum  stimm- 
fahigen  Ritter  des  Ordens  pour  le  m^rite,  1889  verlieh  ihm  seine  Vaterstadt 
Hamburg  das  Ehrenburgerrecht  (wofiir  er  mit  der  Widmung  seiner  Fest-  und 


Brahms. 


95 


Gedenksprtiche  op.  109  dankte),  der  Kaiser  von  Oesterreich  1893  den  Leo- 
poldsorden  und  spater  das  Ehrenzeichen  fur  Kunst  und  Wissenschaft ;  die 
Geseilschaft  der  Musikfreunde  in  Wien  Hess  zu  seinem  60.  Geburtstage  eine 
vom  Medailleur  Scharff  geschnittene  Denkmlinze  pragen.  —  Nach  seinem  Tode 
wurden  an  seinen  Wohnhausern  in  Isch]  und  Carlsbad  Gedenktafeln  ange- 
bracht,  das  letztere  Haus,  das  bisher  »Stadt  Brtissel«  hiess  in  »Johannes 
Brahms*  umgetauft;  an  dem  Hause  Carlsgasse  4  in  Wien,  wo  er  etwa  von  1875 
an  bis  zu  seinem  Tode  gewohnt  hatte,  will  die  Gemeinde  Wien  desgleichen 
eine  Tafel  errichten.  (Friihere  Wohnungen  von  Brahms  waren:  1862  II.  No- 
varagasse  55,  1864  I.  Singerstrasse,  deutsches  Haus,  1867  I.  Postgasse  6,  spater 
III.  Ungargasse  2.) 

B.  hat  mit  Ausnahme  der  Oper  und  des  eigentlichen  geistlichen  Ora- 
toriums  alle  Gattungen  der  Musik  gepflegt.  —  Aus  der  FUlle  des  Neuen,  mit 
dem  B.  die  moderne  Tonkunst  bereicherte,  muss  zuerst  seine  ganz  personliche 
Art  der  Melodiebildung  hervorgehoben  werden,  mit  der  er  einen  ihm  allein 
zukommenden  Typus  geschaffen  hat.  Dabei  ist  der  Zug  nach  freierer  Rhyt- 
misirung  der  Melodie  bei  B.  kaum  minder  stark  als  bei  R.  Wagner.  In  har- 
monischer  Richtung  danken  wir  B.  eine  Menge  eigenartiger  Anregungen.  Er 
cultivirte  nicht  wie  Wagner  das  Feld  der  Enharmonik  und  Chromatik,  son- 
dern  blieb  mehr  im  Bereiche  des  Tonalen,  dasselbe  aber  z.  B.  nach  Seite  der 
alten  Octavengattungen  (Kirchentonarten)  hin  in  genialster,  freiester  Weise 
erweiternd.  —  Die  B.'sche  Satzweise  ist  durch  moglichste  Auflosung  des 
homophonen  Massivs  in  integrirende  Stimmen  charakterisirt.  B.  dachte  poly- 
phon.  Daher  kommt  es,  dass  er  bei  solcher  Schreibweise  nicht,  —  wie  es  so 
vielen  ergeht  —  in  den  Ton  anderer  Meister  der  Polyphonie  verfallt,  sondern 
auch  in  den  schwierigsten  Formen  keinen  Augenblick  aufhi>rt,  seine  voile  Per- 
sonlichkeit  zu  wahren.  —  In  instrumentaler  Hinsicht  ist  B.  hervorragend  neu 
in  der  Structur  seiner  Blasersatze  und  in  der  Verwendung  des  pizzicato  der 
Streichinstrumente.  Er  hat  als  Erster  di£  Seele  dieser  Spielart  vollig  entdeckt 
und  davon  in  seinen  Violoncello-Sonaten  und  in  der  ersten  Symphonie  gross- 
artigen  Gebrauch  gemacht.  Das  seit  Beethoven  in  Vergessenheit  gerathene 
Contrafagott  fuhrte  er  wieder  in  das  moderne  Orchester  ein.  —  In  seinen 
vier  Concerten  filr  Solo-Instrumente  hat  er  zum  ersten  Male  tiefernste  Tone 
angeschlagen  und  sich  dadurch  in  Gegensatz  zur  ganzen  bisherigen,  das  Ge- 
fellige  nicht  verschmahenden  Concertliteratur  gebracht.  —  Im  lyrischen  Fache, 
in  dem  er  neben  dem  Grossten,  neben  Schubert,  genannt  werden  muss,  schuf 
er  eine  neue  Welt,  eroberte  der  Musik  ganz  neue  Ausdrucksgebiete  und  hob 
namentlich  die  zu  den  Liedern  gesetzten  Begleitungen  auf  eine  vor  ihm  kaum 
geahnte  Stufe  der  Vollkommenheit.  —  Durch  eine  Menge  meisterhafter  Be- 
arbeitungen,  vor  allem  deutscher  und  ungarischer  Volksweisen  hat  er  aufs 
Eindringlichste  und  mit  grosstem  Erfolge  auf  diesen  Urquell  all$r  gesunden 
Erfindung  verwiesen.  —  Die  Clavierliteratur  verdankt  B.  einige  ihrer  grossten, 
bedeutendsten,  und  eine  Menge  kleinerer  Werke,  die  nicht  nur  im  Composi- 
torischen,  sondern  auch  im  specifisch  Clavierspielerischen,  dem  Claviersatze, 
eine  FUlle  von  Neuem,  bisher  nicht  Dagewesenen  aufweisen.  — 

Neben  seiner  eigentlichen  Thatigkeit  als  Componist  hatte  sich  B.  zu  einem 
Musikgelehrten  von  tiefstem  Wissen  ausgebildet  und  in  dieser  Eigenschaft  sich 
an  der  Neuherausgabe  alterer  Meister,  so  Couperin  und  Gluck,  sowie  an  den 
grossen  Gesammtausgaben  der  Werke  von  Mozart,  Schubert  und  Chopin  be- 
theiligt.  —  Als  Pianist  zahlte  er  zu  den  Ersten  seiner  Zeit;  namentlich  wusste 


o6  Brahms.     Marine. 

er  im  grossen  Style  vorzutragen  und  —  wenn   er  gut  bei  Stimmung  war  — 
elementar  hinzureissen.     Diiftelei  und  Feinarbeit  waren  seine  Sache  nicht. 

Als  Mensch  war  B.  einfach,  treu  und  von  unwandelbarer  Charakterfestig- 
keit,  bei  anscheinender  ausserer  Rauhheit  eine  weiche,  innige  Natur,  von 
grosster  Herzensgiite.  Zahlreiche  Menschen  hatten  sich  seiner  werkthatigen 
Hilfe  zu  erfreuen;  Wohlthaten  erwies  er  immer  in  der  Stille  und  nie  in  klei- 
nem  Maassstabe.  Er  sah  sich  seine  Leute  an,  gab  aber  dann  reichlich.  —  In 
friiheren  Jahren  wortkarg,  wurde  er  spaterhin  mittheilsam  und  konnte  fur  einen 
cbenso  geistreichen  als  liebenswtirdigen  Gesellschafter  gel  ten.  Er  sprach  vor- 
trefflich  und  wlirzte  seine  Rede  mit  iiberraschenden,  oft  ziemlich  sarkastischen 
Einf alien.  In  Gesprachen  iiber  Kunst  vermied  er  es  imrner,  seiner  selbst  zu 
erwahnen. 

Als  Quellen  zur  Biographie  B.'s  sind  zu  nennen:  H.  Deiters,  Joh.  B.  (Sammlung 
musikalischer  Vortrage  No.  23,  24  und  63);  H.  Reimann,  Joh.  B.  (Harm6nie,  Verlags- 
gesellschaft  fUr  Literatur  und  Kunst,  Berlin  W.  8);  A.  Morin,  Joh.  B.  (Bechhold,  Frank- 
furt a.  M.);  L.  Ehlert,  B.  (Deutsche  Rundschau  1880,  Heft  9);  Ph.  Spitta,  J.  Br.  (»Zur 
Musik«  S.  387,  das  Erschopfendste  und  Grttndlichste ,  was  Uber  B.  geschrieben  wurde); 
J.  V.  Widmann,  Sicilien  (Huber  in  Frauenfeld)  und  desselben  Autors  »J.  B.  in  Erinne- 
rungen«  (Gebr.  Paetel);  Alb.  Dietrich,  »Erinnerungen  an  B.«  (O.  Wigand);  Ed.  Hans- 
lick,  »Aus  meinem  Lebenc  (Paetel)  und  zahlreiche  Aufsatze  in  desselben  Autors  »Ge- 
schichte  des  Concertwesens«,  »Aus  dem  Concertsaal*  und  den  verschiedenen  Sammel- 
werken;  J.  B.  (Neujahrsblatt  der  All  gem.  Musikgesellschaft  in  Zurich  1898);  M.  Kalbeck, 
•Neues  Uber  Brahms*  u.  s.  w.  — 

Einen  Catalog  sammtlicher  Werke  ver&ffentlichte  N.  Simrock  in  Berlin;  alle  von  B. 
componirten  Dichtungen  erschienen  von  Dr.  G.  OphUls  gesammelt  unter  dem  Titel 
>Brahms-Texte«  bei  Simrock. 

Portrats.  Ausser  zahlreichen  Photographien  aus  den  verschiedensten  Lebensaltern 
(die  besten  aus  der  letzten  Zeit  von  Brasch  in  Berlin  und  Skrivanek  in  Wien)  existiren  eine 
von  Laurent  (1853)  gefertigte  Silberstiftzeichnung,  Radirungen  von  Michalek  (Heck, 
Wien),  Unger  (H.  6.  Miethke,  Wien),  Moriz  v.  Eyken  (Rieter-Biedermann),  Biisten  von 
Kundmann,  Tilgner,  Conrat  und  Fellinger,  eine  Medaille  von  Scharff. 

Monumente  sollen  in  Wien,  Hamburg  und  Meiningen  errichtet  werden. 

Werke  und  Schriften  s.  BOrsenbl.  f.  d.  dtsch.  Buchh.  1897.  No.  95. 

R.  Heuberger. 

Marme,  Wilhelm,  ordentlicher  Universitats-Professor  der  Pharmakologie  und 
Geheimer  Medicinalrath  in  Gottingen,  *  19.  Februar  1832  zu  Dierdorf  (Rhein- 
prov.),  f  am  27.  Juni  1897.  —  M.  studirte  in  Bonn,  Heidelberg,  Berlin  und 
Breslau  und  erlangte  1857  an  letztgenannter  Universitat  mit  einer  unter  Jacob 
Moleschot^s,  damaligen  Privatdocenten  in  Heidelberg,  Leitung  verfertigten 
Experimental -Untersuchung  Uber  die  Wirkung  des  Lichtes  auf  den  Verlauf 
biologischer  Vorgange  die  Doctorwlirde.  Nach  Ablegung  der  Staatsprtifung 
1858  widmete  sich  M.  speciell  der  Pharmakologie  und  habilitirte  sich  1865  fur 
dieses  Fach  in  Gottingen.  Ausserdem  las  er  noch  iiber  medicinische  Elektri- 
citatslehre  und  iiber  Geschichte  der  Medicin.  1872  wurde  er  ausserordent- 
licher,  1875  ordendicher  Professor,  1892  erhielt  er  den  Titel  als  Geheimer 
Medicinalrath.  Seit  1875  war  er  gleichzeitig  Director  des  Gottinger  pharma- 
kologischen  Instituts.  Seine  zum  Theil  im  Verein  mit  Theodor  Husemann 
und  G.  Meissner  verfertigten  literarischen  Arbeiten  haben  besonders  pharma- 
cologische,  physiologische  bezw.  physiologisch-chemische  Untersuchungen  zum 
Gegenstande.  Unter  anderem  verofFentlichte  er  Studien  iiber  die  Digitalis, 
iiber  die  physiologische  Wirkung  des  gechlorten  Schwefelathers,  iiber  das 
Verhalten  des  Salicins  im  Organismus.    Die  meisten  dieser  Detailstudien  sind 


Marine.     Michael.     Oertel* 


97 


in  den  Commentarien  der  Gdttinger  Societat  der  Wissenschaften  publicirt. 
Selbstandig  erschienen  ein  kleiner  Grundriss,  sowie  ein  grosseres  Lehrbuch 
der  Pharmakognosie. 

Pagel. 

Michael,  J.,  Laryngolog  in  Hamburg,  *  1841  daselbst  als  Sohn  eines 
Arztes,  f  am  6.  Januar  1897.  —  M.  studirte  anfangs  die  Rechtswissenschaften 
und  erst  spater  die  Heilkunde,  mit  besonderer  Voriiebe  Ohren-  und  Kehl- 
kopfkrankheiten  nach  bestandenem  Staatsexamen  in  Wien  unter  A.  Politzer, 
Urbantschitsch,  Stoerk  und  Joh.  Schnitzler.  Bei  letzterem  war  er  lange  Zeit 
als  Assistent  thatig.  Darauf  Hess  er  sich  in  seiner  Vaterstadt  als  ausiibender 
Specialist  nieder  und  gewann  allmahlich  eine  stattliche  Clientel.  Zugleich 
widmete  er  sich  auch  der  wissenschaftlichen  Thatigkeit  und  publicirte  eine 
Reihe  von  schonen  Arbeiten,  die  besonders  der  therapeutischen  Technik  zu 
Gute  kamen.  Er  gab  fur  die  Operation  der  adenoiden  Wucherungen  eine 
Doppelmeisselzange  an,  die  sich  lange  Zeit  grosser  Verbreitung  erfreute,  ferner 
empfahl  er  zuerst  die  permanente  Tamponade  der  Trachea,  ein  Instrument 
zur  Pharynxerweiterung  u.  v.  a.  Mehrere  Arbeiten  M.'s  beziehen  sich  auf  die 
Physiologie  der  Sprache  und  des  Gesanges,  unter  anderem  lieferte  er  auch 
eine  deutsche  Uebersetzung  von  Mackenzie's  bekannter  Abhandlung  aus  dem 
Englischen.  1881  empfahl  M.  zuerst  die  Benutzung  der  Kathodenstrahlen  zu 
medicinischen  Zwecken.  Uebrigens  hat  er  auch  auf  ausserhalb  seines  Special- 
faches  liegendem  Gebiete  gearbeitet,  so  tiber  die  Behandlung  der  Gebar- 
muttervorfalle  oder  das  Anasarka,  ttber  die  Therapie  der  Cholera,  ftir  die  er 
die  Infusion  empfahl.  Auch  schrieb  er  ftir  das  achtzigjahrige  Stiftungsfest  des 
Hamburger  arztlichen  Vereins  eine  ausgezeichnete  Geschichte  desselben.  Seine 
letzte  grossere  Publication  hatte  die  Behandlung  der  Mittelohreiterungen  zum 
Gegenstande.  M.'s  Tod  erfolgte  ganz  plotzlich  an  Herzlahmung  mitten  in 
seiner  Thatigkeit  in  der  Poliklinik  des  judischen  Krankenhauses  zu  Hamburg. 

Vergl.  P.  Heymann  in  Berl.  klin.  Wochenschr.  1897,  Nr.  12. 

Pagel. 

Oertel,  Max  Josef,  Laryngolog  in  MUnchen  und  bekannter  Urheber 
einer  besonderen  diatetischen  Curmethode,  *  am  20.  Marz  1835  zu  Dillingen 
in  Bayern,  f  am  19.  Juli  1897  als  ausserordentlicher  Universitats-Professor  der 
Kehlkopfheilkunde.  —  O.  studirte  die  Heilkunde  und  Naturwissenschaften  in 
MUnchen,  war  schon  wahrend  der  Studienzeit  Assistent  bei  Karl  v.  Pfeufer 
(seit  1 860)  und  erlangte  1863  die  Doctorwiirde,  in  demselben  Jahre  die 
Approbation  als  Arzt.  Schon  vorher  hatte  er  begonnen  sich  unter  Czermak's 
Leitung  mit  der  damals  eben  inaugurirten  laryngoskopischen  Untersuchungs- 
methode  vertraut  zu  machen.  Diese  Bemtihungen  setzte  er  auch  nach  seiner 
Niederlassung  als  Arzt  mit  solchem  Erfolge  fort,  dass  er  sich  bereits  1867  ftir 
das  Fach  der  Kehlkopfheilkunde  an  der  Miinchener  Universitat  als  Privat- 
docent  habilitiren  konnte,  und  zwar  war  O.  der  Erste,  der  in  Sttddeutschland 
akademischen  Unterricht  in  diesem  Sonderzweig  ertheilte.  Schon  1876  er- 
langte er  das  Extraordinariat,  das  er  bis  zu  seinem  Lebensende  bekleidete. 
O.  war  ein  ausserordentlich  fruchtbarer  Schriftsteller  und  hat  zur  Pflege  und 
zum  Ausbau  seines  Specialfaches  nicht  unwesentlich  sowohl  als  Lehrer  wie 
durch  zahlreiche  literarische  Publicationen  beigetragen.  Doch  liegt  seine 
eigentliche  Bedeutung   nicht   auf  diesem  Felde,    vielmehr  hat  er  sich  ein  ge- 

Biogr.  Jahrb.  u.  Di'iithcher  Nokmlo^.   2.  Bd.  7 


o8  Oertel.     Senfft  von  Pilsach.     von  Schachtmeyer. 

schichtliches  Andenken  durch  die  Empfehlung  und  Ausbildung  einer  beson- 
deren  Curmethode  bei  gewissen  Stoffwechselerkrankungen  gesichert,  mit  der 
sein  Name  fttr  ewig  verknupft  bleiben  wird.  Es  handelt  sich  urn  die  bekannte 
Entziehungscur,  speciell  bei  Verfettungszustanden,  Herzbeschwerden  etc.,  nie- 
dergelegt  und  rationell  begriindet  in  der  Aufsehen  erregenden  Schrift  »  Therapie 
der  Kreislaufstorungen*  (1884),  sowie  in  dem  popular  geschriebenen  Buch 
»Terraincurorte«.  Sehr  bemerkenswerth  ist  ferner  O.'s  Abhandlung  liber 
Diphtherie  (als  Theil  von  Bd.  II  des  grossen  v.  Ziemssen'schen  Handbuchs 
der  speciell  en  Pathologie  erschienen),  worm  er  bereits  die  parasitare  Aetio- 
logie  dieser  Krankheit  mit  grosser  Entschiedenheit  vertritt,  wesentlich  in  An- 
lehnung  an  die  Theorie  von  Ferdinand  Cohn.  —  Fur  das  v.  Ziemssen'- 
sche  Handbuch  der  allgemeinen  Therapie  bearbeitete  er  die  respiratorische 
Therapie. 

Vergl.  Biogr.  Lex.  bervorr.  Aerzte  IV,  S.  409;  Voss.  Ztg.  vom  19.  Juli  1897. 
Werke  u.  Schriften  s.  Bttrsenbl.  f.  d.  Deutschen  Buchhandel  1897,  No.  176. 

Pagel. 

Senfft  von  Pilsach,  Friedrich  Moritz  Adolf,  Koniglich  Sachsischer 
General  der  Kavallerie  z.  D,,  *  am  4.  October  18 16  zu  Coburg,  f  am  15.  De- 
cember 1897  zu  Dresden.  —  Seit  1829  im  dortigen  Kadettenkorps  erzogen 
und  aus  diesem  am  1.  Juli  1832  dem  1.  leichten  Reiterregimente  Prinz  Ernst 
in  Marienberg  als  Port6p6ejunker  uberwiesen,  1833  zum  Unter-,  1839  zum 
Ober-Lieutenant  befordert,  ward  er  1847  unter  Ernennung  zum  Rittmeister  dem 
noch  jetzt  lebenden  Prinzen  Georg  als  militarischer  Fiihrer  beigegeben,  ein  Jahr 
darauf  als  Adjutant  zum  Prinzen  Albert,  dem  nunmehrigen  Konige,  komman- 
dirt,  welchen  er  im  Jahre  1849  auf  den  Schauplatz  des  Krieges  gegen  Dane- 
mark  begleitete,  1853  aber  zum  Major  und  zum  Koniglichen  Fltigeladjutanten 
emannt.  Nachdem  er  sodann  die  Brautwerbung  seines  ftirstlichen  Herrn  urn 
die  Prinzessin  Carola  von  Wasa  vermittelt  und  bis  zum  Jahre  1857  dem  Hof- 
staate  des  jungen  Ehepaares  angehort  hatte,  kehrte  er  als  Stabsoffizier  beim 
3.  Reiterregimente  in  den  Frontdienst  zuriick,  wurde  1863  Oberst  und  Kom- 
mandeur  des  2.  Reiterregiments  und  1865  Kommandeur  der  2.  Reiterbrigade, 
trat  nach  kurzer  Zeit,  aus  Gesundheitsriicksichten,  vortibergehend  auf  Warte- 
geld,  aber  schon  bei  Ausbruch  des  Krieges  vom  Jahre  1866  von  neuem  in 
den  aktiven  Dienst,  war  w&hrend  des  bohmischen  Feldzuges  dem  Oberkom- 
mando  der  osterreichischen  Nordarmee  beigegeben,  ward  bei  Neugestaltung  des 
Sachsischen  Heeres  im  Jahre  1867  an  die  Spitze  der  Kavalleriedivision  berufen 
und  leitete  deren  Ueberftihrung  in  die  veranderten  Verhaltnisse,  wurde  1868 
Generallieutenant  und  im  December  1869  in  Genehmigung  seines  Abschieds- 
gesuches  mit  Pension  zur  Disposition  gestellt.  Als  Konig  Albert  1893  sein 
flinfzigjahriges  militarisches  Dienstjubilaum  feierte,  verlieh  er  S.  den  Charakter 
als  General  der  Kavallerie.  Dem  Verstorbenen  widmete  sein  friiherer  Zogling 
Prinz  Georg  einen  warm  empfundenen  Nachruf.  Nach  A.  v.  S.  war  sein  noch 
lebender  Bruder  Wilhelm  Hugo  gleichfalls  Kommandeur  der  Koniglich  Sach- 
sischen Kavalleriedivision. 

B.  Poten. 

Schachtmeyer,  Hans  von,  Koniglich  Preussischer  General  der  Infanterie, 
*  am  6.  November  181 6  zu  Berlin,  f  am  8.  November  1897  zu  Celle.  — 
Am  5.  August  1833  aus  dem  Kadettenkorps  dem  2.  Garde-Regimente  zu  Fuss, 


von  Schachtmeyer.  gg 

in  welchem  auch  sein  Vater  gestanden  hatte,  tiberwiesen,  wurde  er  seiner  tech- 
nischen  Befahigung  wegen  schon  friih  bei  den  Anstalten  und  Vorarbeiten  ver- 
wendet,  welche  sich  mit  der  Einfiihrung  einer  verbesserten  Handfeuerwaffe  zu 
besch&ftigen  hatten  und  aus  deren  Arbeiten  darnach  das  Ziindnadelgewehr 
hervorging.  Von  1841  bis  1846  war  er  zur  Gewehrfabrik  zu  Sommerda,  ein 
Jahr  darauf  zu  den  mit  jener  Waffe  —  im  Vergleich  mit  dem  Thouvenin- 
gewehre  beim  Garde -Reserve-  (jetzt  Garde -Ftisilier-)  Regimente  angestellten 
Versuchen  kommandirt;  sodann  zur  Artillerie-Abtheilung  des  Kriegsministe- 
riums,  wo  er  die  Anweisung  zum  Schulschiessen  mit  dem  Zundnadelgewehre 
bearbeitete.  Und  von  1855  bis  i8sg  stand  er  an  der  Spitze  der  damals  zu 
Spandau  errichteten  Gewehr-Priifungskommission.  In  dieser  Stellung  war  er  der 
Berather  des  Prinzen  von  Preussen,  der  technische  Vertraute  desselben,  und 
wenn  Jenem,  dem  nachmaligen  Kaiser  Wilhelm  I.,  das  Verdienst  gebtihrt,  durch 
entschiedenes  Eintreten  fiir  das  ZQndnadelgewehr  der  preussischen  Armee  die 
Waffe  verschafft  zu  haben,  welcher  sie  in  den  nicht  lange  nachher  beginnenden 
Kriegen  einen  grossen  Theil  ihrer  Erfolge  dankte,  so  darf  dabei  des  Prinzen 
treuer  Mitarbeiter  nicht  vergessen  werden,  dessen  Kaiser  Wilhelm  selbst  bis 
an  sein  Lebensende  mit  grosster  Anerkennung  und  nie  erloschendem  Wohl- 
wollen  gedacht  hat.  Nachdem  die  Ausriistung  mit  der  Waffe  durchgefuhrt 
war,  wurde  Sch.,  welcher  1852  zum  Hauptmann  im  1.  Garde -Regiment  zu 
Fuss  befordert  worden  war,  in  diesem  alsdann  drei  Jahre  lang  eine  Kompagnie 
gefiihrt  hatte,  1856  zum  Major,  i860  zum  Oberstlieutenant  aufgeriickt,  bei  der 
Mobilmachung  von  i8sg  Bataillons-Kommandeur  im  1.  Garde -Regimente  zu 
Fuss  und  darauf  Kommandeur  des  Lehr-Infanterie-Bataillons  gewesen  war,  im 
Jahre  1861  zum  Oberst  und  zum  Kommandeur  des  in  Trier  garnisonirenden 
Hohenzollernschen  Fiisilier-Regiments  No.  40  ernannt,  dessen  kriegsm&ssige 
Ausbildung  und  innerliche  Ttichtigkeit  nun  die  stetig  verfolgten  und  gllicklich 
erreichten  Endziele  seines  dienstlichen  Strebens  wurden.  Es  war  ihm  jedoch 
nicht  vergCnnt  das  Regiment  in  das  Feld  zu  fiihren.  Vielmehr  wurde  er  bei 
Ausbruch  des  Krieges  vom  Jahre  1866  unter  Beforderung  zum  Generalmajor 
zum  Kommandeur  der  aus  den  Rheinischen  Regimentern  No.  30  und  No.  70 
bestehenden,  zur  Division  Beyer  gehorenden  32.  Infanterie- Brigade  ernannt, 
an  deren  Spitze  er  den  Mainfeldzug  mitmachte;  aber  schon  am  10.  Juli  im 
Gefechte  von  Hammelburg  wurde  er,  nachdem  ihm  ein  Pferd  unter  dem  Leibe 
erschossen  und  er  selbst  durch  mehrere  Kugeln  kontusionirt  worden  war, 
durch  einen  Schuss  in  die  rechte  Hand  kampfunfahig  gemacht. 

Nach  Friedensschluss  erhielt  er  das  Kommando  der'  neu  aufgestellten 
41.  Infanterie-Brigade  zu  Frankfurt  am  Main,  wo  er  unter  schwierigen  Verhalt- 
nissen  sich  bald  grosse  Beliebtheit  und  Vertrauen  in  weiten  Kreisen  erwarb,  und 
bei  Ausbruch  des  Krieges  gegen  Frankreich,  gleichzeitig  zum  Generallieutenant 
befordert,  das  Kommando  der  2 1 .  Infanterie-Division,  deren  Stabsquartier  eben- 
falls  Frankfurt  gewesen  war.  Schon  am  4.  August  nahm  die  ihm  unterstellte 
41.  Infanterie-Brigade  am  Treffen  von  Weissenburg  namhaften  Antheil  und 
am  6.  d.  M.  kampfte  die  ganze  Division  bei  Worth  an  einem  der  Brenn- 
punkte  der  Schlacht,  ohne  dass  jedoch  ihr  Kommandeur,  wie  vielfach  im 
Verlaufe  des  Feldzuges  vorkam,  zu  einheitlicher  Verwendung  der  ihm  unter- 
steilten  Truppen  gelangt  ware.  Aehnlich  war  es  bei  Sedan,  wo  General  v.  Sch., 
nachdem  General  von  Gersdorff  todtlich  verwundet  war,  das  Kommando  des 
XI.  Armeekorps  libernahm.  Dieses  Korps  ftihrte  er  sodann  in  die  Einschlies- 
sungslinie    von  Paris,    von    wo    aber  die  zweite  der  zu  demselben  gehorigen 

7* 


loo  von  Schachtmeyer.     von  Stocken. 

Divisionen,  die  22.  unter  General  von  Wittich,  sehr  bald  behufs  anderweiter 
Verwendung.  abberufen  wurde.  Zu  besonderem  Hervortreten  gab  ihm  der 
Aufenthalt  vor  Paris  keine  Veranlassung,  da  keiner  der  Ausfalle  der  Besatzung 
sich  gegen  die  ihm  bei  Versailles  angewiesene  Stellung  richtete. 

Nach  der  Heimkehr  vertauschte  er  das  Kommando  der  21.  mit  dem  der 
8.  Division  zu  Erfurt,  wurde  am  25.  Mai  1875  zum  Gouverneur  von  Strass- 
burg,  wo  die  Verh&ltnisse  viel  Geschick  und  Arbeit  erforderten,  am  22.  Marz 
1876  zum  General  der  Infanterie  und  am  26.  Januar  1878,  als  man  vielfach 
seine  Laufbahn  im  Hinblick  auf  seine  Harthorigkeit  flir  abgeschlossen  hielt, 
zum  kommandirenden  General  des  XIII.  (Koniglich  Wiirttembergischen)  Armee- 
korps  ernannt,  eine  Wahl,  welche  sich  als  eine  in  jeder  Richtung  gliickliche 
erwiesen  hat.  Als  er  am  15.  Mai  1886  in  Genehmigung  seines  Abschieds- 
gesuches  zur  Disposition  gestellt  worden  war,  nahm  er  seinen  Wohnsitz  zu 
Celle,  wo  er  eine  verwittwete  Schwester  hatte;  seine  Leiche  wurde  zu  Gotha 
verbrannt.  An  ausseren  Ehren  wurden  ihm,  nachdem  er  aus  dem  Kriege  von 
1870/71  beide  Klassen  des  Eisernen  Kreuzes  und  den  Orden  pour  le  mtfrite 
zurlickgebracht  hatte,  u.  a.  der  Schwarze  Adlerorden  und  aus  Anlass  des  im 
Jahre  1885  abgehaltenen  Kaisermanovers  die  Emennung  zum  Chef  des  Pom- 
merschen  Fiisilier-Regiments  No.  34  zu  theil. 

Militar.  Wochenblatt  No.  102,  Berlin  17.  November  1897. 

B.  Poten. 

Stocken,  Eduard  von,  Koniglich  Preussischer  Generallieutenant  z.  D., 
*  am  27.  October  1824  zu  Halberstadt,  f  am  24.  October  1897  zu  Hannover. 
—  St.  war  ftir  den  Beruf  seines  Vaters,  das  Postfach,  bestimmt,  als  die  Zeit- 
verh&ltnisse  ihn  zum  Soldaten  machten.  Am  1.  April  1847  als  Einjahrig- 
Freiwilliger  beim  10.  Infanterie-Regimente  zu  Breslau  in  den  Dienst  getreten, 
nahm  er,  als  Sekondlieutenant  beim  3.  Bataillone  (Sorau)  des  12.  Landwehr- 
Regiments,  im  Jahre  1 849  an  der  Bekampfung  der  Aufst&ndischen  in  der  Pfalz 
und  in  Baden  theil,  ward,  zu  den  Berufsoffizieren  tibertretend,  mit  einem  Pa- 
tente  vom  15.  August  1850  in  das  14.  Infanterie-Regiment  eingereiht  und  ge- 
langte  schon  am  1.  October  1851,  durch  seine  Kommandirung  als  »Militareleve« 
zur  Central-Turnanstalt  in  Berlin,  zur  Verwendung  in  einem  Ausbildungszweige, 
zu  dessen  Entwickelung  und  Vervollkommnung  er  demnachst  in  verschiedenen 
Stellungen  in  so  hohem  Grade  beigetragen  hat,  dass  er  mit  Recht  als  der 
Hauptbegriinder  (Jer  Militargymnastik  im  preussischen  Heere  bezeichnet  wor- 
den ist.  Nach  einander  Hilfs-  und  Militarlehrer,  seit  dem  Herbst  1863 
Unterrichtsdirigent  der  genannten  Anstalt,  hat  er  derselben  bis  zum  Jahre 
1869  mit  einigen  Unterbrechungen  —  Kommandirung  von  1854  bis  1858  zur 
Divisionsschule  in  Erfurt  und  Theilnahme  am  Feldzuge  des  Jahres  1866  in 
Bohmen,  wo  er  eine  Kompagnie  seines  oben  genannten  Regimentes  ftihrte  — 
fortwahrend  angehort.  Zum  Major  aufgerUckt,  trat  er  am  18.  Juni  1869  als 
Bataillonskommandeur  beim  3.  Brandenburgischen  Infanterie-Regimente  No.  20 
in  die  Front  zuriick  und  befehligte  dieses  sowie  zeitweise  auch  das  Regiment 
im  Feldzuge  gegen  Frankreich  mit  solcher  Auszeichnung,  dass  ihm  das  Eiseme 
Kreuz  1.  Klasse  und  der  Adelstand  verliehen  wurden.  Namentlich  am 
16.  August  1870  ist  er  hervorgetreten.  An  der  von  Vionville  nach  Rezon- 
ville  flihrenden  Strasse  hat  er  sich  mit  den  Resten  seiner  Mannschaft  bis  zum 
Abend  behauptet  und  dann  erkl&rte  er  sich  »mit  Freuden  bereiU,  bei  dem 
auf  Befehl  des  Prinzen  Friedrich  Karl   unternommenen  n&chtlichen  Vorstosse 


von  Stocken.     Sievert,     Simiginowicz-Staufe.  101 

mitzuwirken.  Gleich  vortrefflich  waren  seine  Haltung  und  seine  Leistungen 
im  ferneren  Verlaufe  des  Krieges.  Namentlich  bei  dem  Schlussakte  vom 
Januar  1871,  welcher  zur  Einnahme  von  le  Mans  ftihrte.  Am  6.  Januar  hatte 
er  im  Gefechte  von  Azay  eine  leichte  Wunde  davongetragen.  Nachdem  er 
sodann  bis  1873  der  Besatzungsarmee  angehort  hatte,  ward  ihm  1876  zunachst 
die  Fiihrung,  bald  darauf  das  Kommando  des  Grenadier-Regiments  Kronprinz 
(r.  Ostpreussisches)  No.  1  zu  Konigsberg  iibertragen,  welche  Stellung  er  am 
12.  Marz  1878  mit  der  an  der  Spitze  des  3.  Garde -Grenadier-Regiments 
Konigin  Elisabeth  zu  Spandau  vertauschte;  im  August  1882  wurde  er  Kom- 
mandeur  der  22.  Infanterie-Brigade  zu  Breslau,  am  12.  Juni  1886  trat  er  in 
den  Ruhestand.  Seit  1868  Major,  seit  1873  Oberstlieutenant,  seit  1876  Oberst, 
seit  1882  Generalmajor,  erhielt  er  bei  dieser  Gelegenheit  den  Charakter  als 
Generallieutenant.  Er  nahm  nun  seinen  Wohnsitz  zu  Hannover.  —  »Die 
Konigliche  Central-Turnanstalt  zu  Berlin  «  hat  St.  im  vierten  Beihefte  zum 
Militar-Wochenblatte  vom  Jahre  1869  geschildert;  ausserdem  sind  vielfach 
aufgelegt  die  von  ihm  verfassten  »Uebungstabellen  ftir  den  systematischen  Be- 
trieb  der  Milit&r-Gymnastik«. 

MilitUr.  Wochenblatt  No.  1 12,  Berlin  18.  December  1897. 

f  B.  Poten. 

Sievert,  Auguste,  Schriftstellerin  und  Malerin,  *  am  31.  October  1824  in 
Siegen  (Westfalen),  f  am  4.  Januar  1897  in  Wettin  a.  d.  Saale.  Sie  war  die 
Tochter  eines  Bergbeamten  aus  dessen  zweiter  Ehe  und  verlor  ihren  Vater 
schon  in  ihrem  siebenten  Lebensjahre.  Die  Mutter  siedelte  nun  mit  ihren 
vier  Kindern  nach  ihrem  Geburtsorte  Wettin  uber,  wo  sie  und  auch  ihre 
Tochter  Auguste  bis  an  ihr  Lebensende  verblieben.  Auguste  betrieb  mit 
vielem  Talent  die  Malerei  und  war  langere  Zeit  Schlilerin  von  Prof.  Schirmer 
in  Dresden;  namentlich  in  der  Kleinmalerei  von  Blumen  (Streumuster)  offen- 
barte  sie  viel  Verstandniss  und  grosses  Geschick,  doch  kamen  ihre  Arbeiten 
nicht  uber  den  Kreis  ihrer  Freunde  hinaus.  Auguste  S.  war  verlobt  mit  dem 
Prediger  Wilhelm  Ewerth  in  Wettin,  doch  starb  der  Brautigam  1850  kurz  vor 
der  Hochzeit;  eine  weitere  Werbung  hat  sie  abgelehnt  und  ist  unverheirathet 
geblieben.  Bald  nach  diesem  schweren  Verluste  griff  sie  zur  Feder  und 
schrieb  ihre  ersten  Erzahlungen  ftir  das  Nathusius'sche  »Volksblatt  ftir  Stadt 
und  Land*.  Ihre  seiner  Zeit  viel  gelesenen  Schriften  sind:  »Ein  Waisenkind. 
Eine  Erzahlung«  (1854);  »  Deutsche  Heldensage*  (1856);  »Licht  und  Schatten 
in  eines  Malers  Leben«  (1858);  »Bilder  aus  dem  Alltagsleben«  (i860);  »Ger- 
trud.  Eine  Erzahlung«  (i860);  »Der  grtine  Winkel.  Eine  Erzahlung«  (1862); 
»Drei  Erzahlungen  fur  Kinder«  (1864). 

Nach  Mittheilungen  aus  der  Familie. 

Franz  Brtimmer. 

Simiginowicz-Staufe,  Ludwig  Adolf,  der  erste  deutsche  Poet  der  Buko- 
wina,  *  am  28.  Mai  1832  in  Suczawa  in  der  Bukowina,  f  am  19.  Mai  1897 
in  Czernowitz.  —  Er  war  vaterlicherseits  rutenischer,  mtitterlicherseits  deutscher 
Abkunft,  erhielt  seine  Bildung  in  der  Volksschule  seiner  Vaterstadt  und  in  der 
Unterrealschule  zu  Czernowitz,  wo  ihn  der  Ausbruch  der  Wiener  Revolution 
zu  seinem  ersten  Gedicht  begeisterte,  das  er  unter  dem  Namen  Adolf  Sand 
drucken  Hess,  und  ging  dann  nach  Wien,  wo  er  als  ausserordentlicher  Horer 
Vorlesungen    an    der  Universitat   besuchte.     Als  Lehramtskandidat    kehrte  er 


I  o  2  Simiginowicz-Staufe.     Zlindt 

1850  an  die  Unterrealschule  in  Czernowitz  zuriick,  wurde  1851  Zeichenadjunkt 
an  derselben  Anstalt  und  1852  Lehramtskandidat  an  der  Schottenfelder  Real- 
schule  in  Wien.  Hier  setzte  er  seine  Studien  an  der  Universitat  fort,  war 
auch  fiir  die  verschiedensten  Blatter  journalistisch  th&tig.  1856  kehrte  er  in 
die  Heimat  zuriick,  wurde  Supplent  am  Gymnasium  zu  Czernowitz  und  gab 
hier  von  1856  bis  Ende  1858  die  »Familienblatter«  heraus.  Dann  wurde  er 
Lehrer  am  romisch-katholischen  Gymnasium  in  Kronstadt  (Siebenbiirgen)  und, 
nachdem  er  sich  1876  an  der  Universitat  Klausenburg  die  Lehrbef&higung  fiir 
Geschichte,  Geographie  und  Deutsch  fiir  ungarische  Mittelschulen  erworben, 
noch  in  demselbeh  Jahre  Hauptlehrer  an  der  k.  k.  Lehrer-  und  Lehrerinnen- 
bildungsanstalt  in  Czernowitz.  Bald  darnach  zum  Professor  ernannt,  verblieb 
er  in  dieser  Stellung  bis  an  seinen,  nach  lingerer  schwerer  Krankheit  erfolgten 
Tod.  —  Als  Dichter  tritt  uns  S.  entgegen  in  seinen  »Hymnen«  (1850),  in  dem 
» Album  neuester  Dichtungen«  (1852),  in  den  »Heimatgrttssen  aus  Nieder- 
osterreich«  (1855)  und  in  dem  mit  Moritz  Amster  herausgegebenen  »Poeti- 
schen  Gedenkbuch«  (1875);  a*s  Uebersetzer  lernen  wir  ihn  kennen  durch  seine 
»Romanische1?oeten  in  ihren  originalen  Formen  und  metrisch  tibersetzU  (1864) 
und  durch  seine  »Kleinrussischen  Volkslieder«  (1888),  als  Sammler  durch  seine 
»Volkssagen  aus  der  Bukowina«  (1885). 

Persttnliche  Mittheilungen.  —  Bukowinaer  Pfidagogische  Blatter.  25.  Jahrgang.  Cxer- 
nowitz  1897,  S.  154. 

Franz  Brlimmer. 

ZQndt,  Ernst  Anton,  Publicist  und  Dichter,  *  am  12.  Januar  1819  zu 
Georgenberg  bei  Mindelheim  im  Algau,  dem  zu  Bayern  gehorigen  Theile 
Schwabens,  f  am  2.  Mai  1897  zu  Jefferson  City  in  Nordamerika.  —  Seinen 
Vater,  der  die  Feldztlge  der  bayerischen  Armee  unter  Napoleon  mitgemacht, 
hatte  er  frtih  verloren,  und  so  war  er  denn  nach  Mtinchen  in  ein  Seminar 
gekommen,  wo  er  seine  Erziehung  erhielt  und  daneben  das  Gymnasium  be- 
suchte.  Auch  seine  Studien  in  Philosophic  und  Jurisprudenz  machte  er  an  der 
Universitat  in  Mtinchen.  Unmittelbar  darauf  liess  er  ein  Bandchen  Gedichte 
unter  dem  Titel  »Einsame  Stunden*  (1842)  ausfliegen,  die  den  Autornamen 
»Ernst  Ztlndt,  Freiherr  von  Kenzingen«  tragen.  Ueber  die  folgenden  Jahre 
seines  Lebens  schweigen  die  Biographen;  sie  berichten  nur,  dass  sich  die 
Umstande  fiir  Z.  in  Deutschland  ungtinstig  gestalteten,  und  dass  er  deshalb 
1857  mit  Frau  und  zwei  Knaben  nach  den  Vereinigten  Staaten  auswanderte. 
In  Greenbay,  Wisconsin,  grtindete  er  zunachst  eine  Zeitung,  die  »Greenbay 
Post« ,  gab  dieselbe  aber  schon  nach  zehn  Monaten  wieder  auf  und  siedelte 
nach  Milwaukee  fiber,  wo  er  Privatunterricht  ertheilte  und  w&hrend  eines 
Winters  die  Stelle  als  Regisseur  beim  dortigen  Stadttheater  bekleidete.  Spater 
redigirte  er  daselbst  neun  Monate  den  »Gradaus«,  arbeitete  eine  Zeit  lang  am 
»Herold«  und  »Banner«  und  nahm  dann  eine  Stelle  als  Lehrer  an  den  dffent- 
lichen  Schulen  an,  die  er  drei  Jahre  lang  bekleidete.  Da  indessen  alle  diese 
Stellungen  ihm  keine  dauernde,  feste  Position  boten,  so  begab  er  sich  nach 
St.  Louis,  wo  er  drei  Jahre  lang  als  Mitarbeiter  an  der  »WestIichen  Post* 
thatig  war,  und  1868  nach  Jefferson  City,  der  Staatshauptstadt  von  Missouri, 
wo  er  bis  1876  deutschen  Unterricht  an  den  offentlichen  Schulen  ertheilte. 
Dann  ging  er  wieder  nach  St.  Louis  zuriick.  Schwere  Jahre  der  Heimsuchung 
infolge  von  Krankheiten  und  anderen  Unglticksfallen  warteten  hier  seiner,  und 
schliesslich    war    er  froh,    einige  kleine  Beamtenstellen  verwalten  zu  konnen. 


Ztlndt.     Bender. 


103 


Von  1886  bis  1888  lebte  er  als  Redacteur  der  »Freien  Presses  in  Minnea- 
polis; dann  zog  er  sich  nach  Jefferson  City  zurtick,  um  in  der  Familie  seines 
Sohnes  seinen  Lebensabend  zu  beschliessen.  —  »Sein  bestes  Konnen  tritt  uns 
in  seinen  episch-didaktischen  Dichtungen  entgegen,  die  alle  in  grossem  Stile 
abgefasst  sind.  Viele  seiner  Gedichte  sind  politischen  Inhalts.  Sonst  erinnern 
seine  lyrischen  Gedichte  vielfach  an  Brentano  und  Heine;  dieselbe  Ironie  und 
Gracie  auf  der  einen,  und  der  volksthtimliche  Ton,  sowie  der  geheimnissvolle 
Hauch  auf  der  anderen  Seite.«  Die  Dichtungen  Zundt's  liegen  in  zwei  Samm- 
lungen  vor,  »Lyrische  und  dramatische  Dichtungen  «  (1873),  worin  u.  a.  das 
Originaldrama  »Jugurtha«  enthalten  ist,  und  »Dramatische  und  lyrische  Dich- 
tungen* (1879),  welche  Sammlung  u.  a.  die  Marchendichtungen  »Aschen- 
br6del«,  Dornroschen«,  »Eisfee«  enthalt. 

Dr.  G.  A.  Zimmermann:  Deutsch  in  Amerika.  Beitrage  zur  Geschichte  der  deutsch- 
amerikanischen  Literatim  2.  Aufl.  Chicago  1894,  S.  121.  —  New  Orleans,  Deutsche  Zei- 
tnng  vom  10.  Mai  1S97. 

Franz  Brtimmer. 

Bender,  Hermann,  Dr.,  Gymnasialrector,  *  am  13.  Juni  1835  *n  Esfeld 
(im  wlirttembergischen  Oberamt  Besigheim),  f  am  21.  April  1897  in  Kirch- 
heim  unter  Teck,  vermahlt  am  10.  October  1865  in  Urach  mit  Clotilde  von 
Schramm.  —  Der  Bietigheimer  Lateinschule,  dem  niederen  Seminare  Blau- 
beuren  und  dem  Ttibinger  Stifte  verdankte  er  seine  Ausbildung.  Das  philo- 
logische  Studium  in  Wlirttemberg  schmachtete  damals  noch  vollig  in  den  Banden 
der  Theologie.  So  sah  sich  B.  trotz  entschiedener  Hinneigung  zu  jenem  ge- 
nothigt,  sich  gleichzeitig.  dieser  zu  widmen  und  die  erste  theologische  Dienst- 
prufung  zu  erstehen.  Dann  aber  wandte  er  sich  ganz  dem  humanistischen 
Lehrfache  zu.  Nachdem  er  kurze  Zeit  als  Hauslehrer  in  Konigsberg  gewirkt 
hatte,  wurde  er  1859  Repetent  am  Uracher  Seminar,  1865  Praceptor  in  Geis- 
lingen,  1868  Professor  am  Ttibinger  Gymnasium  und  1881  Rector  des  Ulmer 
Gymnasiums.  Dieser  letzte  Wirkungskreis  befriedigte  ihn  in  so  hohem  Grade, 
dass  er  damit  nicht  einmal  die  Leitung  eines  hauptstadtischen  Gymnasiums 
vertauschen  wollte.  Seine  Verdienste  wurden  durch  die  Ertheilung  des  Titels 
eines  Oberstudienrathes  anerkannt.  Am  25.  October  1895  setzte  ein  Schlag- 
anfall  seiner  Thatigkeit  unvermuthet  ein  vorzeitiges  Zieh  Da  sich  die  erhoffte 
Besserung  nicht  einstellte,  musste  er  sich  in  den  bleibenden  Ruhestand  ver- 
setzen  lassen  und  siedelte,  als  ein  vollig  gebrochener  Mann,  im  September 
1896  nach  dem  freundlichen  Stadtchen  Kirchheim  am  Fuss  der  schwabischen 
Alb  tlber.  Hier  kam  ihm  schon  nach  einem  halben  Jahre  der  Tod  als  Er- 
loser.  —  B.  war  unter  den  wlirttembergischen  humanistischen  Schulmannern 
der  Gegenwart  einer  der  bedeutendsten,  gleich  vorzuglich  als  Padagoge  wie 
als  Philologe.  Mit  seinem  Ttibinger  Schulamte  hatte  er  seit  1877  einen  er- 
folgreich  durchgeftihrten  Lehrauftrag  fur  Gymnasialpadagogik  an  der  Univer- 
sitat  vereinigt.  1885  bis  1895  gehorte  er  der  Prtiftingskommission  ftir  huma- 
nistische  Lehramter  an  und  zeigte  dabei  gleichermassen  ein  seltenes  examina- 
torisches  Geschick,  Scharfe  des  Blickes,  Milde  des  Urtheils.  In  durchaus 
humanem  und  liberalem  Geiste  leitete  er  auch  die  ihm  unterstellte  Anstalt. 
Er  gab  Lehrern  und  Schtilern  ein  Vorbild  treuer,  aber  nicht  pedantischer 
Pflichterftillung,  wusste  die  Autoritat  ohne  strenge  Massregeln  aufrecht  zu  er- 
halten  und  erwarb  sich  die  Achtung  aller,  die  zu  ihm  in  irgend  welche  Be- 
ziehungen  traten.  Im  Unterrichte  wirkte  der  vielseitig  gebildete  und  geistig 
bewegliche  Mann  stets  anregend;  sogar  ein  trockener  Humor  war  ihm  eigen, 


104  Bender.     Beyttenmiller. 

den  man  ihm  auf  den  ersten  Blick  nicht  zutraute.  Fur  sein  humanistisches 
Ideal  trat  er  mit  grosser  Entschiedenheit  in  Wort  und  Schrift  ein:  bei  Ver- 
sammlungen  von  Fachgenossen,  in  Schulreden,  in  Aufsatzen.  Von  seinen 
Gymnasialreden  veranstaltete  er  1887  eine  Buchausgabe;  seine  padagogischen 
Aufsatze  legte  er  hauptsachlich  im  Correspondenzblatt  fur  die  Gelehrten-  und 
Realschulen  Wiirttembergs  nieder,  an  dessen  Redaction  er  Jahre  lang  betheiligt 
war.  Als  klassischer  Philologe  umspannte  er  das  ganze  weite  Gebiet  dieser 
Wissenschaft;  doch  that  er  sich  namentlich  als  Latinist  hervor,  bezogen  sich 
seine  schriftstellerischen  Arbeiten  vorzugsweise  auf  romisches  Alterthum.  Sein 
anziehendes  Hauptwerk  »Rom  und  romisches  Leben  im  Alterthum*  erschien 
1880.  Ausserdem  verfasste  er:  »Der  jtingere  Plinius  nach  seinen  Briefen« 
1872,  »Grundriss  der  romischen  Literatur-Geschichte*  1876,  zweite  Auflage 
1889,  »Anthologie  aus  romischen  Dichtercu  1884,  »Romische  Geschichte  im 
Abriss«   1891. 

Schwabische  Kronik  vom  22.  April  1897  (Mittagsblatt),  Staatsanzeiger  fttr  Wtirttem- 
bcrg  vom  23.  April  1897,  Neues  Correspondenzblatt  ftir  die  Gclehrten-  und  Realschulen 
Wiirttembergs  1897,  Heft  5,  S.  177  k 

Rudolf  Krauss. 

Beyttenmiller,  Theodor,  Dichter,  *  am  2.  Februar  1820  im  wtirttem- 
bergischen  Oberamtsstadtchen  Weinsberg,  f  am  27.  December  1897  in  Stutt- 
gart. —  B.  wurde  von  Justinus  Kerner,  einem  Freunde  seines  Vaters,  der  in 
Weinsberg  Praceptor  war,  aus  der  Taufe  gehoben,  und  seine  Mutter  rtthmte 
sich,  eine  Grossnichte  von  Schiller's  Mutter  zu  sein.  So  fehlte  es  an  gliick 
lichen  Vorbedeutungen  fur  eine  ktinftige  Poetenlaufbahn  nicht.  Zunachst 
fasste  den  Knaben  das  Leben  hart  an.  Er  verlor  friihzeitig  seine  Eltern  und 
musste  1828  in  das  Stuttgarter  Waisenhaus  verbracht  werden.  Seit  1835 
wurde  er  in  dem  damit  verbundenen  Seminar  zum  Volksschullehrer  heran- 
gebildet,  wirkte  sechs  Jahre  als  Lehrgehilfe  an  verschiedenen  wtirttembergi- 
schen  Schulen  und  begab  sich  1845  auf  das  Stuttgarter  Polytechnikum,  um 
sich  auf  das  Reallehrerexamen  vorzubereiten,  dessen  zwei  Theile  er  1848  und 
1849  erstand.  Daneben  war  er  von  1846 — 1850  Erzieher  der  beiden  Sohne 
des  FUrsten  Gortschakoff,  russischen  Gesandten  in  Stuttgart,  des  nachmaligen 
Kanzlers.  Die  folgenden  Jahre  (1850  — 1856)  verlebte  er  als  Hofmeister  im 
Hause  seines  Gonners,  des  Oberststallmeisters  Grafen  Taubenheim.  Dann  trat 
er  in  den  ofFentlichen  Schuldienst  ein  und  wurde  nach  einigen  klirzeren  pro- 
visorischen  Verwendungen  1857  in  Stuttgart  definitiver  Elementarlehrer,  spater 
Reallehrer  an  unteren  Klassen,  zuletzt  mit  dem  Titel  eines  Oberreallehrers. 
1894  in  den  Ruhestand  versetzt,  verbrachte  er  seinen  Lebensabend  in  Stutt- 
gart, bis  eine  Herzlahmung  sein  plotzliches  Ende  herbeifuhrte. 

Als  Poet  trat  B.  in  jtingeren  Jahren  mit  zwei  lyrischen  Sammlungen  her- 
vor: »Gedichte«  (Stuttgart,  bei  C.  F.  Arnold,  1846)  und  »Maiglockchen« 
(Cannstatt,  bei  L.  Bosheuyer,  1854).  Er  verfiigt  liber  betrachtliche  Gewandt- 
heit  im  Versemachen  und  weiss  die  Worte  gut  zu  setzen,  die  poetischen  Rede- 
blumen  geschickt  zu  verwenden.  Wahrend  das  erste  Buch  noch  durch  die 
vielen  unreinen  Reime  entstellt  wird,  haftet  dem  zweiten  auch  dieses  formelle 
Gebrechen  nicht  mehr  an.  In  beiden  finden  sich  unleugbar  zahlreiche  schone 
und  gute  GedicTite.  Aber  man  wird  nicht  recht  warm  dabei.  Des  Dichters 
Klagen  und  sein  Jubeln,  sein  Liebesschmerz  und  seine  Liebeslust  vermogen 
die  Seele  des  Lesers  nicht  in  sympathetische  Schwingung  zu  versetzen.  Der 
ganze  Ton   dieser  Poesie  ist  zu  weichlich  schmachtend,  die  ganze  Stimmung 


BeyttenmUler.     MUller.     Preyer.  1 05 

zu  feierlich  ernst;  vergebens  sehnt  man  sich  nach  einem  Tropfen  schwabischen 
Humors.  Vor  allem  aber  vermisst  man  die  Urspriinglichkeit  der  Begabung. 
Goethe'sche,  Kerner'sche  Reminiscenzen  sind  nicht  selten,  und  auch  da,  wo 
sich  keine  direkten  fremden  Einfliisse  nachweisen  lassen,  kann  man  sich  des 
Eindrucks  nicht  erwehren,  dass  der  Dichter  Ureigenes  nicht  zu  bieten  habe. 
Die  spateren,  nicht  mehr  gesammelten  Erzeugnisse  B.'s  waren  hauptsachlich 
patriotische  Gelegenheitsgedichte,  die  er  zu  nationalen  Fest-  und  Gedenktagen 
fur  Journale  oder  militarische  Vereine  verfertigte.  Ausserdem  gab  er  1861 
das  Lehr-  und  Handbuch  »Unsere  alt-  und  mittelhochdeutschen  Dichter«, 
sowie  mehrere  lyrische  Anthologien  heraus.  Auch  sonst  entfaltete  er  mannich- 
fache  literarische  Thatigkeit,  so  als  Mitarbeiter  und  eine  Zeit  lang  als  Theater- 
referent  des  Stuttgarter  Neuen  Tagblattes  und  sechs  Jahre  als  Redakteur  der 
Stuttgarter  Frauenblatter.  -Im  Uebrigen  lebte  der  einfache  Mann  ziemlich 
still  und  zuriickgezogen  dahm.  Seine  letzte  offentliche  That  war  die  keines- 
wegs  nothwendige  Begriindung  eines  Kernervereins  in  Stuttgart. 

Franz  Brttmmer,  Lexikon  der  deutschen  Dichter  und  Prosaisten  des  neunzehnten  Jahr* 
hunderts,  4.  Ausgabe,  I,  S.  119  k,  Nekrologe,  namentlich  im  Stuttgarter  Neuen  Tagblatt  vom 
28.  December  1897. 

Rudolf  Krauss. 

Muller,  Wilhelm,  ein  jtingeres  Mitglied  des  einst  beriihmten  Gebriider 
MUller-Quartetts,  *  am  1.  Juni  1834  zu  Braunschweig,  f  in  der  zweiten  Halite 
des  Jahres  1897  in  New  York.  —  Er  war  der  Sohn  von  Karl  Friedrich  M., 
des  ersten  Violinisten  des  einst  beriihmten  Gebrtfder  Mtiller-Quartetts,  welches 
in  den  Jahren  1831  bis  1855  Europa  in  Erstaunen  durch  seine  Leistungen 
setzte.  Das  jtingere  Gebriider  Miiller-Quartett  trat  1855  an  Stelle  des  alteren, 
als  der  Bratschist  Theodor  Heinrich  Gustav  mit  Tode  abging.  Der  Herzog 
von  Meiningen  nahm  es  in  seine  Dienste  und  von  hier  aus  unternahmen  sie 
alljahrlich  ihre  Concertreisen.  Als  Karl,  der  erste  Violinist,  1866  nach  Wies- 
baden ging,  folgten  ihm  seine  Brtider,  sowie  spater  nach  Rostock;  als  aber 
Wilhelm  eine  Anstellung  als  Solo -Violoncellist  und  Lehrer  an  der  Hoch- 
schule  fur  Musik  in  Berlin  erhielt,  loste  sich  das  Quartett  auf.  Wilhelm  ver- 
einigte  sich  mit  Joachim,  De  Ahna  und  Schiver  zu  dem  beriihmten  Quartette 
in  Berlin,  trat  auch  ofter  in  Concerten  auf  und  bewies  sich  nicht  nur  als 
Virtuose,  fiir  den  es  keine  technischen  Schwierigkeiten  giebt,  sondern  auch 
als  Kiinstler,  der  in  den  geistigen  Gehalt  der  Werke  eindringt  und  ihnen  den 
entsprechenden  Ausdruck  verleiht.  Im  Jahre  1879  g*ng  er  nach  Amerika. 
Anfanglich  machte  er  sein  Gliick  im  neuen  Welttheil,  doch  bald  verschwand 
sein  Name  aus  den  Zeitungen  und  jetzt  melden  sie  nur  ganz  kurz  seinen 
Tod.  An  Compositionen  ist  von  ihm  nichts  bekannt  geworden,  doch  gab 
er  187 1  eine  Reihe  Transcriptionen  heraus  fiir  Violoncell  und  Pianoforte,  die 
sich  durch  eine  geschmackvolle  Auswahl  als  geschickte  Bearbeitung  erweisen. 

Quellen:  Hugo  Riemann's  Lexikon,  Lessmann's  Musikzeitung  1897,  S.  64  x. 

Rob.  Eitner. 

Preyer,  Thierry  William,  Physiolog  in  Jena  und  Berlin,  *  am  4.  Juli 
1841  zu  Moss-Side  (bei  Manchester),  f  am  15.  Juli  1897  in  Wiesbaden.  — 
P.  erhielt  seine  wissenschaftliche  Vorbildung  in  London,  Duisburg  und  Bonn, 
studirte  dann  die  Heilkunde  und  Naturwissenschaften  in  Bonn,  Berlin,  Wien, 
Heidelberg  und  Paris  (unter  Max  Schultze,  Helmholtz,  Carl  Ludwig,  Briicke, 


106  Preyer.    Schleis  von  Lowenfeld. 

du  Bois-Reymond,  Virchow  und  Claude  Bernard),  erlangte  1862  die  philoso- 
phische,  mit  der  Abhandlung  (iber  Plautus  impennis,  1866  die  medicinische 
Doctorwtlrde  und  1867  in  Bonn  die  Approbation  als  Arzt,  nachdem  er  hier 
schon  seit  1865  als  Privatdocent  habilitirt  war.  1869  erhielt  er  die  Berufung 
auf  den  ordentlichen  Lehrstuhl  der  Physiologie  in  Jena,  den  er  bis  1888  be- 
hielt,  urn  dann  aus  Gesundheitsriicksichten  Jena  mit  Berlin  zu  vertauschen. 
Hier  gehorte  er  bis  zu  seinem  Lebensende  dem  Lehrkorper  der  Universitat 
an;  doch  hatte  er  in  Folge  schweren  Nieren-  und  Leberleidens  die  letzte  Zeit 
in  Wiesbaden  zubringen  und  sich  von  jeder  wissenschaftlichen  Thatigkeit  zu- 
riickziehen  mttssen.  P.  gehort  zu  den  bedeutenderen  Physiologen  bezw.  Bio- 
logen  der  Gegenwart  und  hat  sich  besonders  dadurch  ein  grosses  Verdienst 
erworben,  dass  er  die  ihm  im  hohen  Masse  eigene  Gabe  der  popul&ren  Dar- 
stellung  wissenschaftlicher  Probleme  verwerthete,  die  denn  auch  in  seinen  ebenso 
zahlreichen  als  gediegenen  Schriften  zum  treffenden  Ausdruck  kommt.  Er  gehorte 
vor  Allem  zu  den  eifrigsten  Vertretern  des  Darwinismus  und  hat  durch  Wort 
und  Schrift  fur  dessen  Popularisirung  und  Verbreitung  ebenso  kraftig  wie  er- 
folgreich  gesorgt.  Ebenso  hat  P.  das  Verdienst,  das  Problem  des  Hypnotismus 
in  wissenschaftlich  rationeller  Weise  begrtindet  und  aufgeklart  zu  haben.  P. 
nahm  sich  ferner  gewisser,  die  allgemeine  Bildung,  das  Unterrichts-,  Schul- 
wesen,  die  Padagogik  etc.  betreffenden  Angelegenheiten  an  und  forderte  diese 
durch  popular-wissenschaftliche  Veroffentlichungen  im  reformatorischen  Sinne, 
indem  er  besonders  die  Wichtigkeit  der  Pflege  des  deutschen  Sprach-  und 
eines  naturwissenschaftlichen  Unterrichts  gegentiber  der  sogenannten  humani- 
stischen  Bildung  in  den  Vordergrund  zu  rticken  suchte.  Diese  Arbeiten  lenk- 
ten  seine  Aufmerksamkeit  zugleich  auf  die  Psycho-physiologie  des  Kindes,  die 
er  in  einer  gro?seren  Monographic  unter  dem  Titel  »Die  Seele  des  Kindes* 
(1882)  darlegte.  Weitere  Schriften  P.'s  betreffen  Untersuchungsresultate  tiber 
die  Wirkungen  der  Blausaure,  tiber  Blutfarbstoff,  Blutkrystalle,  die  Ursache 
des  Schlafes  (die  er  bekanntlich  von  der  Anhaufung  gewisser  Ermtidungsstoffe 
im  Gehirn  herleiten  wollte,  sodass  die  Milchsaure  nach  P.  ein  gutes  Schlaf- 
mittel  sein  sollte),  tiber  Farben-  und  Temperatursinn,  akustische  Unter- 
suchungen  (tiber  die  Lehre  von  der  Konsonanz  und  die  untere  Grenze  der 
Tonempfindung),  graphologische  Studien,  Elemente  der  reinen  Empfindungs- 
lehre,  Elemente  der  allgemeinen  Physiologie  (mit  einer  kurzen  geschichtlichen 
Einleitung)  u.  v.  A. 

Vergl,  Biogr.  Lexion  hervorr.  Aerzte  IV,  S.  625;  Voss.  Ztg.  vom  15.  Juli  1897. 
Werke  u.  Schriften  s.  Btfrsenbl.  f.  d.  Deutschen  Buchhandel  1897,  No.  174. 

Pagel. 

Schleis  von  LQwenfeld,  Max  Josef,  Geheimer  Ober-Medicinalrath  in 
Munchen,  vormaliger  Leib-Wundarzt  des  Konigs  Maximilian,  *  am  7.  Juni 
zu  Sulzbach  als  Sohn  von  Christoph  Raphael  S.  (1772  bis  1852),  f  am 
10.  Februar  1897.  —  Sch.  studirte  an  der  Ludwig-Maximilians-Universitat  zu 
Munchen  und  erlangte  daselbst  1832  die  Doctorwtirde  mit  der  von  der  medicini- 
schen  Facultat  vorher  preisgekronten  Dissertation:  »De  viis  proximis  ad  organa 
intus  posita,  quae  in  eorum  passionibus  inflammatoriis  vel  similibus  patent  me- 
dico in  usum  sanguinis  evacuationis«,  wurde  als  Privatassistent  von  Philipp  von 
Walther  in  die  Praxis  eingefiihrt  und  war  von  1833 — 1836  Assistent  desselben 
in  der  Klinik  am  stiidtischen  allgemeinen  Krankenhause  (links  der  Isar)  in  Mun- 
chen,   Mit  Hilfe  eines  Staatsstipendiums  machte  er  darauf  eine  grossere  wissen- 


Schleis  von  LdwenfekL     Stark,     von  Wachholtz.  107 

schaftliche  Reise,  wobei  er  die  bedeutenderen  Stadte  Deutschlands,  ferner  Paris, 
England,  Holland  und  Belgien  besuchte.  Nach  der  Rtickkehr  liess  er  sich  in 
Mtinchen  als  Arzt  nieder,  verwaltete  kurze  Zeit  eine  Bezirksarmenarztstelle 
daselbst  und  spater  nach  dem  Abgange  Stromeyer's  von  Mtinchen  nach  Frei- 
burg interimistisch  die  Stelle  alle  Chefarzt  der  chirurgischen  Klinik  und  der 
Abtheilung  filr  Augenkranke  an  dem  oben  genannten  Krankenhause.  1840 
wurde  er  zum  K6nigl.  Hofstabschirurgen,  1848  zum  Konigl.  Hofstabsarzt  er- 
nannt,  1851  als  Nachfolger  des  verstorbenen  von  Walther  zum  Leibchirurgen 
von  Ktfnig  Max  II.,  nach  dessen  Tode  er  von  Ludwig  II.  1864  mit  dem 
Titel  und  Rang  eines  Kdnigl.  Ober-Medicinalraths  und  1882  am  sojahrigen 
Doctorjubilaumstage  mit  dem  Titel  eines  KSnigl.  Geheimraths  ausgezeichnet 
wurde.  Sch.  war  ein  fruchtbarer  Schriftsteller.  Von  seinen  Schriften,  deren 
Verzeichniss  in  der  unten  angegebenen  Quelle  nahezu  vollstandig  zu  fmden 
ist,  nennen  wir:  »Die  Lithotripsie  in  Bezug  auf  Geschichte,  Theorie  und  Praxis 
derselben  u.  s.  w.  (Mtinchen  1838);  »Die  Lethalitatszustande  der  Verletzungen 
in  gerichtsarztlicher  Beziehung«  (ebenda  1844);  »Skizze  zu  einem  Lehrbuch  flir 
eine  allgemeine  pathologische  Anatomies  (ebenda  1847);  *Zur  Symptomato- 
logie  und  Therapie  der  Prostatakrankheiten«  (ebenda  1858). 
Vcrgl.  Biogr.  Lexicon  hervorr.  Aerzte  V,  S.  233. 

Pagel. 

Stark,  Karl,  Irrenarzt,  *  1837,  f  als  Director  der  vereinigten  Irren- 
anstalten  Stephansfeld-Hoerdt  und  Kaiserl.  Sanitatsrath.  —  St.  studirte  und 
promovirte  in  Jena,  erhielt  1862  die  Approbation  als  Arzt,  war  eine  Zeit  lang 
in  der  Heilanstalt  Kenneburg,  seit  1873  als  zweiter  Arzt,  seit  1876  als  Director 
der  erstgenannten  Anstalten  thatig,  ftir  deren  Ausbau  und  Reformation  er 
mit  Energie  eintrat.  Auch  publicirte  er  u.  A.  1871  die  Monographic:  »Die 
psychische  Degeneration  des  franzosischen  Volks,  ein  irrenarztlicher  Beitrag 
zur  Volkerpathologie«. 

Pagel. 

Wachholtz,  Robert  von,  Herzoglich  Braunschweigischer  Generallieutenant 
z.  D.,  *  am  16.  November  181 6  zu  Braunschweig,  f  am  28.  December  1897 
ebenda,  ein  Sohn  des  1841  verstorbenen,  als  Verfasser  interessanter  Aufzeich- 
nungen  tiber  seine  Erlebnisse  in  der  altpreussischen  Armee  und  in  dem  Korps 
des  Herzogs  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig  bekannt  gewordenen  Gene- 
rals von  Wachholtz,  kam  im  April  1836  aus  dem  Kadettenkorps  als  Sekond- 
lieutenant  in  das  Leibbataillon  und  wurde  1840  zum  Premierlieutenant  be- 
fordert.  Nachdem  er  von  1841  bis  1846  als  Lehrer  an  seiner  Bildungsstatte 
thatig  gewesen  war,  besuchte  er  1846/47  die  Generalstabsakademie  zu  Han- 
nover, nahm  im  Jahre  1848  als  Generalstabsoffizier  am  Feldzuge  des  X.  Deut- 
schen  Bundesarmeekorps  in  Schleswig  theil  und  ward  nach  Beendigung  des 
Krieges  als  Hauptmann  und  Kompagniechef  in  das  Infanterie-Regiment  versetzt. 
Wahrend  der  Jahre  1849  ^s  x^l  wurde  er  theilweise  im  Frontdienste,  theil- 
weise  im  Generalstabe  verwendet  und  war  zum  Oberstlieutenant  aufgestiegen, 
als  die  in  Gemassheit  des  Eintrittes  Braunschweigs  in  den  Norddeutschen 
Bund  erfolgende  Umgestaltung  des  Braunschweigischen  Feldkorps  seine  Er- 
nennung  zum  Kommandeur  des  Landwehrbezirkes  Braunschweig  II,  unter 
gleichzeitiger  Stellung  zur  Disposition,  veranlasste.  Aus  diesem  Verhaltnisse 
berief  ihn  im  April  1872  Herzog  Wilhelm  als  Fltigeladjutanten  in  seine  nachste 


108  v°n  Wachholti.    Weiss. 

Umgebung,  gleichzeitig  wurden  ihm  die  Geschafte  des  Generaladjutanten  und 
die  Inspektion  des  Gendarmeriekorps  iibertragen,  1873  riickte  er  zum  Oberst, 
1 881  zum  Generalmajor  auf.  Nach  des  Herzogs  am  13.  October  1884  erfolg- 
ten  Tode  blieb  er  in  gleicher  Verwendung  bei  dem  Regenten  des  Herzogthums, 
Prinzen  Albrecht  von  Preussen,  fiihrte  die  Verhandlungen  auf  Grund  deren 
eine  Militarkonvention  mit  Preussen  abgeschlossen  wurde  und  die  Braun- 
schweigischen  Truppen  im  Jahre  1886  in  den  Verband  des  Preussischen 
Heeres  traten,  und  ward  am  8.  Mai  1889,  unter  Verleihung  des  Charakters 
als  Generallieutenant,  zum  Generaladjutanten  des  Prinzregenten  ernannt.  General 
v.  W.,  der  letzte  Trager  der  alten  schwarzen  Uniform,  war  eine  in  Stadt  und 
Land  wohlbekannte  Personlichkeit;  das  Vertrauen  und  die  Werthschatzung,  deren 
er  sich  in  alien  Kreisen  der  Bevolkerung  erfreute,  kamen  unter  Anderem  in 
seiner  Ernennung  zum  Ehrenvorsitzenden  des  Braunschweigischen  Landes- 
verbandes  und  zum  Ehrenmitgliede  des  Burgervereins  der  Stadt  Braunschweig 
zum  Ausdrucke. 

B.  Poten. 

Weiss,  Hermann,  Koniglich  Preussischer  Geheimer  Regierungsrath  und 
Professor,  *  am  2.  April  1822  zu  Hamburg,  f  am  21.  April  1897  zu  Berlin.  — 
W.,  ein  hervorragender  Kenner  der  Kostiimkunde  aller  Zeiten  und  Lander, 
war  der  Sohn  eines  hochangesehenen  Schauspielers,  mit  welchem  er,  als  dieser 
an  das  Konigliche  Theater  berufen  wurde,  schon  im  Jahre  1827  nach  Berlin 
kam.  Der  Vater  bestimmte  den  Sohn  fur  das  Maschinenfach  und  dieser  trat 
daher,  nachdem  er  die  Schule  verlassen  hatte,  1839  zu  Berlin  bei  einem 
Mechaniker  in  die  Lehre.  Aber  die  Arbeit  am  Schraubstocke  genligte  dem 
von  Wissensdurst  und  von  Enthusiasmus  fur  die  Kunst  erfullten  Jlinglinge 
nicht  lange,  er  vertauschte  die  Werkstatt  bald  mit  dem  Atelier  und  wurde 
Maler.  Fur  seinen  neuen  Beruf  bildete  er  sich  zunachst  bei  dem  Geschichts- 
und  Bildnissmaler  J.  F.  Otto,  einem  Freunde  seines  elterlichen  Hauses,  aus; 
im  Jahre  1843  bezog  er  die  Akademie  zu  Dusseldorf.  Neben  der  Ausiibung 
seiner  Kunst  betrieb  er  wissenschaftliche  Studien;  der  Verkehr  mit  Mannern 
wie  Kugler,  Schnaase,  Waagen  u.  A.  wirkte  leitend  und  fordernd  auf  seine 
Bestrebungen.  Eine  grossere  Reise,  welche  W.  durch  die  Niederlande,  Belgien, 
Frankreich  nach  Italien  und  iiber  Mlinchen  in  die  Heimat  zurlickfuhrte,  er- 
weiterte  seinen  Gesichtskreis  und  bewog  ihn  nach  der  Heimkehr  den  Pinsel 
mit  der  Feder  zu  vertauschen  und  sich  ganz  wissenschaftlicher  Arbeit  hinzu- 
geben.  Auf  Kugler's  Anregung  hatte  er  das  damals  noch  wenig  angebaute 
Gebiet  der  Trachten  und  Gerathe  gewahlt;  ein  Ergebniss  seiner  Forschungen 
war  seine  »Geschichte  der  Kosttimkunde«,  von  welcher  1853  der  erste  Band 
erschien.  Er  verdankte  ihr  seine  1854  erfolgte  Berufung  als  Lehrer  des  Kosttims 
an  die  Akademie  zu  Berlin,  1855  folgte  die  Ernennung  zum  Professor.  Darin 
wurde  er  1858  Direktorial-Assistent  des  dortigen  Koniglichen  Kupferstich- 
kabinets  und  1873  Direktor  desselben,  legte  dieses  Amt  jedoch,  da  es  ihm 
verleidet  wurde,  1877  nieder.  Daftir  eroffnete  sich  ihm  zwei  Jahre  spater  ein 
Wirkungskreis,  welcher  seinen  Neigungen  und  Fahigkeiten  in  hohem  Grade 
entsprach:  er  wurde  als  technischer  Direktor  an  das  Berliner  Zeughaus  be- 
rufen, welches  aus  einem  Aufbewahrungsorte  fiir  Waffen  zu  einer  Ruhmeshalle 
fur  das  Heer  umgeschaffen  werden  sollte,  Bei  der  1883  erfolgten  Eroffnung 
desselben  wurde  W.  von  Kaiser  Wilhelm  I.,  der  dem  Fortgange  der  Arbeit 
—  wie  sein  Sohn,  der  damalige  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  —  mit  grossem 


Weiss,     von  Werder.     Mitterwurzer.  109 

Interesse  gefolgt  war  und  dieselbe  eifrig  gefordert  hatte,  zum  Direktor  des 
Zeughauses,  neben  welchem  ein  General  als  Kommandant  thatig  war,  und  zum 
Geheimen  Regierungsrathe  ernannt.  Bis  zum  Jahre  1895  hat  er  sich  mit 
roller  Hingabe  seinem  Amte  gewidmet,  dann  trat  er  in  den  Ruhestand.  Bis 
an  sein  Ende  hatte  er  sich  korperliche  und  geistige  Frische  bewahrt. 

Jenes  Hauptwerk  seines  Lebens,  die  »Geschichte  der  Kost(imkunde«,  ist 
in  2.  Auflage  nicht  zum  Abschlusse  gekommen.  Die  1 881/1883  zu  Stuttgart 
erschienene  2.  Auflage  enthalt  im  1.  Bande  das  Alterthum,  im  2.  das  Mittel- 
alter. 

B.  Poten. 

Werder,  Hans  von,  Koniglich  Preussischer  General  der  Infanterie  z.  D., 
*  am  29.  Juli  1834  zu  Beuthen  an  der  Oder,  f  am  6.  November  1897  zu 
Gorlitz.  —  v.  W.,  im  Kadettenkorps  erzogen  und  aus  diesem  am  27.  April 
1852  als  Sekondlieutenant  dem  19.  Infanterie-Regimente  tiberwiesen,  besuchte 
von  1858  bis  1 86 1  die  Allgemeine  Kriegsschule,  bezw.  Kriegsakademie,  ward 
sodann,  inzwischen  Premierlieutenant  geworden  und  im  Februar  1861  zum 
59.  Infanterie-Regimente  versetzt,  zum  Topographischen  Bureau  und  zum 
Generalstabe  kommandirt,  in  welchen  er,  am  11.  Februar  1865  zum  Haupt- 
mann  befordert,  im  Mai  1866  einrangirt  wurde.  Den  Feldzug  dieses  Jahres 
machte  er  als  Generalstabsoffizier  bei  dem  zur  Elbarmee  gehorenden  VIII.  Ar- 
meekorps  in  Bohmen  mit,  wo  er  an  den  Gefechten  bei  Hiinerwasser  und  bei 
Miinchengratz,  sowie  an  der  Schlacht  bei  Koniggratz  theil  nahm.    Im  October 

1869  erhielt  er  eine  Kompagnie  im  Mecklenburgischen  Fiisilier-Regimente 
No.  90,  kam  aber  nach  Jahresfrist  als  Major  in  den  Generalstab  zuriick,  riickte 

1870  mit  der  zuerst  vom  General  von  Gliimer,  dann  vom  General  von  Both- 
mer  befehligten  13.  Division,  welche  zunachst  bei  Metz  und  dann  im  SUden 
focht,  von  neuem  in  das  Feld,  kehrte  mit  dem  Eisernen  Kreuze  1.  Klasse 
geschmtickt  heim  und  verblieb  nun,  abgesehen  von  einer  Verwendung  im 
Kriegsministerium  wahrend  der  Jahre  1872  bis  1875,  bis  zum  Februar  1880 
im  Generalstabe,  zuletzt  als  Chef  des  Generalstabes  des  XV,  Armeekorps  zu 
Strassburg.  Schon  1877  zum  Oberst  aufgeriickt,  erhielt  er  alsdann  das  Kom- 
mando  des  7.  Thtiringischen  Infanterie-Regiments  No.  96  zu  Altenburg,  im 
December  1883  als  Generalmajor  das  der  50.  Infanterie-Brigade  zu  Darmstadt, 
im  Juli  1888  als  Generallieutenant  das  der  1.  Division  zu  Konigsberg,  ver- 
tauschte  die  letztere  Stellung  im  Juni  1891  mit  der  des  kommandirenden 
Generals  des  I.  Armeekorps  am  namlichen  Orte,  ward  am  2.  September  1892 
zum  General  der  Infanterie  befordert  und  am  10.  Januar  1895  *n  Genehmigung 
seines  Abschiedsgesuches  mit  Pension  zur  Disposition  gestellt,  worauf  er  seinen 
Wohnsitz  zu  Gorlitz  nahm. 

B.  Poten. 

Mitterwurzer,  Anton  Fried  rich,  Schauspieler;  *  am  16.  October  1844 
zu  Dresden,  f  am  13.  Februar  1897  zu  Wien.  —  Er  stammte  aus  einer 
tirolischen  Familie,  der  Grossvater  lebte  in  den  ersten  Decennien  des  Jahr- 
hunderts  als  Kanzlist  zu  Sterzing  am  Brenner,  ein  Bruder  der  Grossmutter, 
Johann  B.  Gansbacher,  that  sich  als  Student  im  Kriege  von  1797  rlihmlich 
hervor,  ward  Kapellmeister  zu  St.  Stephan  in  Wien  und  ein  geachteter  Kom- 
ponist.  Die  Grossmutter  selbst,  eine  tief  religiose  Frau,  war  zweimal  wahn- 
sinnig,  einmal  im  Jahre  1809   unc*  am  Ende  ihres  Lebens,   als  achtzigjahrige 


HO  Mitterwurzer. 

Greisin.  Von  ihren  Kindern,  die  sie  in  harter  Armuth  auferzog,  verfiel  eine 
Tochter  Ursula  in  spateren  Jahren  gleichfalls  in  Wahnsinn,  sie  glaubte  sich 
zu  ewiger  Verdammniss  vorherbestimmt;  ein  Sohn  wurde  Geistlicher,  zwei 
andere  Schullehrer,  von  diesen  war  der  eine,  Anton,  Vater  unseres  M.;  er 
verliess  bald  den  Lehrstand  und  widmete  sich,  wohl  vom  Oheim  bestimmt, 
der  Musik,  wurde  ein  berlihmter  Sanger  und  in  den  vierziger,  fiinfziger  und 
sechziger  Jahren  war  er  eine  Zierde  des  Dresdener  Hoftheaters.  Im  Alter 
wurde  auch  er  geisteskrank,  starb  1876  im  Irrenhaus  zu  Dobling  bei  Wien. 
Er  war  verheirathet  mit  der  Schauspielerin  Anna  Herold  aus  Basel,  gleichfalls 
am  Dresdener  Theater  thatig,  eine  Schtilerin  Tieck's  unji  selbst  als  dramatische 
Lehrerin  geriihmt,  den  schauspielerischen  Theil  der  grossen  Partien  ihres 
Mannes  studirte  sie  mit  ihm  ein.  Der  Sohn  Anton  Friedrich  zeigte  als  Knabe 
kein  anderes  Interesse  als  ftir  religiose  Dinge,  die  erste  Communion  er- 
schiitterte  ihn  so  tief,  dass  er  in  einen  Weinkrampf  fiel,  er  ministrirte  oft 
beim  Gottesdienst  in  der  Dresdener  Hofkirche.  Erst  spat  erwachte  die  Nei- 
gung  fiir*s  Theater  in  ihm,  vom  Vater  nicht  gem  gesehen,  von  der  Mutter 
doch  begiinstigt  —  sie  studirte  die  ersten  Rollen  mit  ihm  ein.  Von  den 
Schauspielern ,  die  er  in  Dresden  sah,  machte  nach  seiner  eigenen  Erzahlung 
Emil  Devrient  den  grossten  Eindruck  auf  ihn,  unbewusst  wird  er  vielleicht 
eine  tiefere  Wirkung  von  Dawison  empfangen  haben,  wenigstens  wollten  spater 
solche,  die  sie  beide  kannten,  eine  grosse  Aehnlichkeit  zwischen  beiden  wahr- 
nehmen.  Nach  seiner  Angabe  mit  18  Jahren  —  also  1862  —  nach  anderer 
erst  1864,  ging  er  zum  Theater.  Zuerst  trat  er  zu  Meissen  in  den  Ungltick- 
lichen  des  Kotzebue  in  einer  kleinen  Liebhaber-  und  Naturburschenrolle  auf 
(Gustav  Falk).  In  raschem  Wechsel  gehorte  er  dann  verschiedenen  Biihnen 
an,  bisweilen  waren  es  Schmieren :  in  einer  kleinen  Stadt  im  Riesengebirge  hatte 
er  1 7  Thlr.  preussisch  Monatsgage,  spater  setzte  ihn  der  Director  auf  1 2  Thlr. 
herab.  Unter  anderem  war  er  in  Liegnitz,  in  Plauen,  in  Breslau.  In  Hamburg, 
unter  Maurice,  durfte  er  zum  erstenmal  eine  ernste  Charakterrolle,  den  Schul- 
meister  in  der  »Deborah«  MosenthaTs  spielen.  Doch  hatte  er  in  solchen 
Rollen  meist  keinen  Erfolg,  eher  in  komischen.  Erst  in  Graz,  wohin  er  1866 
kam,  gefiel  er  auch  in  jenen,  hier  erhielt  er  nach  und  nach  alle  grossen 
Helden-  und  Charakterliebhaberrollen.  1867  durfte  er  ein  Gastspiel  in  Wien 
geben,  er  trat  —  es  war  in  der  letzten  Zeit  der  Direction  Laube's  —  als 
Hamlet,  als  Tellheim,  als  Petrucchio  in  der  »Widerspenstigen  Zahmung«  und 
als  Hauptmann  Posert  im  Iffland'schen  »Spieler«  auf.  Als  Tellheim  fiel  er 
durch,  liber  die  andern  Darstellungen  gehen  die  Recensionen  auseinander, 
interessirt  scheint  er  darin  zum  mindesten  zu  haben.  Zu  einem  Engagement, 
das  er  sehnlichst  wiinschte,  kam  es  damals  noch  nicht,  er  kehrte  nach  Graz 
zurlick.  Als  aber  Laube  die  Direction  des  Leipziger  Stadttheaters  tibernahm, 
rief  er  M.  zu  sich,  er  spielte  nun  auch  in  Leipzig  grossere  Helden-  und 
Charakterrollen,  so  den  Posa,  den  Uriel  Acosta,  den  Waffenmeister  im  Wild- 
feuer,  die  Titelrolle  in  GottschalPs  Herzog  von  Weimar,  die  er  creirte,  den 
Bastard  im  K6nig  Lear.  1871  engagirte  ihn  Dingelstedt  fur's  Burgtheater. 
Seine  Antrittsrollen  waren:  Moltere  in  Gutzkow's  Urbild  des  Tartuffe,  Be- 
nedict in  Viel  Larm  um  Nichts  und  Alba  im  Egmont.  Mit  einer  Unter- 
brechung  von  8  Monaten  (1.  Janner  bis  31.  August  1875)  gehbrte  er  nun 
dem  Burgtheater  bis  zum  Juni  1880  an.  Dann  war  er  am  Wiener  Stadt- 
theater,  am  Ringtheater  (das  am  8.  December  1881  abbrannte)  und  wieder 
am  Wiener  Stadttheater  engagirt.     Im  Herbst  1884  tibernahm   er  mit  einem 


Mitterwurzer.  1 1 1 

gewissen  Tatarczy  die  Direction  des  Carltheaters  in  Wien.  Von  1886  bis 
1894  reiste  er  als  Virtuose  in  Deutschland,  Holland  und  Amerika.  1894 
wurde  er  zum  drittenmal  am  Burgtheater  engagirt,  seine  Antrittsrollen  waren 
diesmal  Mephistopheles,  Wallenstein  und  der  Derblay  im  Huttenbesitzer.  Er 
starb  nach  kurzer  Krankheit,  die  Todesursache  wurde  auch  durch  die  Section 
nicht  mit  voller  Gewissheit  bestimmt,  wahrscheinlich  (unfreiwillige)  Vergiftung 
mit  chlorsaurem  Kali,  das  er,  anstatt  es  bloss  als  Gurgelwasser  zu  benutzen, 
als  Medicament  genommen  haben  mochte.  Zum  letzten  Mai  trat  er  am 
4.  Februar  1897  als  Musikdirector  Bergmann  in  dem  »Lustspiel«  von  Bene- 
dix  auf. 

Wahrend  seiner  ersten  beiden  Burgtheaterengagements  spielte  er  haupt- 
sachlich  Episodenrollen:  alte  Vater  wie  den  Attinghausen,  den  Borotin  in  der 
Ahnfrau,  den  hundertjahrigen  Laroque  im  Verarmten  Edelmann,  Lebemanner 
und  Wustlinge  wie  den  Gianettino  Doria,  den  Rosen  in  Mosenthars  Deutschen 
Komodianten,  ernste  und  heitere  Liebhaber  wie  den  Grafen  Appiani,  den 
Heinrich  Frank  in  Bauernfeld's  Leichtsinn  aus  Liebe,  den  Fabrice  in  den 
Geschwistern,  den  Professor  Oldendorf  in  den  Journalisten,  den  Gustav  Theo- 
dor  und  den  Fritz  in  Topfer's  Rosenmiiller  und  Finke,  Tyrannen  wie  den 
Gessler,  Intriganten  und  Bosewichter  aller  Art,  so  den  Zawisch  in  Konig 
Ottokar's  Gliick  und  Ende,  den  Leonhard  in  Hebbel's  Maria  Magdalena,  den 
Konig  im  Hamlet,  den  Cardinal  von  Winchester  im  Heinrich  VI.,  den  Don 
Juan  in  Viel  Larm  um  Nichts,  den  Jacob  in  Sheridan's  Lasterschule,  den 
Livius  Drusus  in  Wilbrandt's  Gracchus,  Fanatiker  wie  den  De  Santo  im  Uriel 
Acosta  oder  den  Erzherzog  Ferdinand  im  Bruderzwist,  Kraftmenschen  wie  den 
Caesar,  den  Etzel  in  den  Nibelungen,  den  Gunar  in  Ibsen's  Nordischer  Heer- 
fahrt,  komische  Chargen  wie  den  Malvolio  in  »Was  ihr  wollt«,  den  Prinzen 
von  Mauretanien  im  Kaufmann  von  Venedig,  den  Baron  Flichting  in  Topfer's 
reichem  Mann,  verlotterte  Gesellen  und  verlorene  Existenzen  wie  den  Buch- 
jager  im  Erbforster,  den  Ramsdorf  im  Gefangnen  von  Benedict,  eiferslichtige 
Ehemanner,  die  ihre  Ehre  rachen  wie  den  Herzog  in  Mosenthal's  Parisina 
oder  den  Grafen  Angerolles  in  dem  franzosischen  Schauspiel  Umkehr,  feine 
Diplomaten  wie  den  Macchiavell  im  Egmont,  schwankende  Charaktere  wie 
den  Konig  Eduard  im  Richard  III.,  den  Leicester  in  der  Maria  Stuart, 
Menschen  von  einer  tief  verhaltenen  Empfindung,  die  nur  einmal  iibermachtig 
hervorbricht  wie  den  Kammerdiener  in  Kabale  und  Liebe,  den  Lieutenant 
Stahl  in  den  beiden  Klingsberg,  efnfache  edle  Menschen  wie  den  Sultan  im 
Nathan,  den  Burgund  in  der  Jungfrau,  reine  Representations-  und  Sprecher- 
rollen  wie  den  Questenberg  im  Wallenstein,  den  Fiirsten  in  Romeo  und  Julia, 
den  Bischof  im  Demetrius.  Von  ersten  Partien  wurde  ihm  ausser  dem  Molifere 
im  Urbild  des  Tartuffe,  den  er  beibehielt,  anfangs  nur  der  Fiesko  zu  Theil, 
den  Faust  spielte  er  einmal  als  Aushilfe;  in  seinem  zweiten  Engagement  durfte 
er  auch  in  grossen  Zwischenraumen  den  Shylock,  den  Franz  Moor,  den  Jago, 
den  Richard  III.,  den  Marinelli,  den  Wurm,  den  Carlos  im  Clavigo,  den  Konig 
Philipp  im  Don  Carlos,  den  Macbeth,  den  Mephistopheles,  den  Narciss,  den 
Lord  Rochester  in  der  Waise  von  Lowood  spielen,  den  Caliban  im  Sturm 
creirte  er.  Im  Episodenfach  von  Publikum  und  Kritik  fast  durchaus  als  aus- 
gezeichnet  anerkannt  (bisweilen  ward  ihm  in  solchen  Partien  der  Haupterfolg 
der  ganzen  Vorstellung  zu  Theil,  so  als  Buchjager  im  Erbforster),  fand  er 
in  Darstellungen  des  grossen  Charakterfachs  damals  nur  etwa  als  Jago  und 
als  Caliban  ungetheilten  Beifall,  in  einigen  wurde  er  geradezu  zurtickgewiesen, 


H2  Mitterwurzer. 

am  entschiedensten  sein  Mephisto,  den  Speidel  einen  »grasslichen  Hans- 
wursU  nannte.  Doch  auch  die,  die  ihn  verurtheilten,  gestanden  zu,  dass 
er  immer  interessant  sei  und  die  junge  Generation  schwarmte  fur  ihn. 
Am  Stadttheater  spiel te  er  meist  Bonvivants  und  heitere  Liebhaber,  so  den 
Conrad  Bolz  in  den  Journalisten  mit  grossem  Erfolg,  von  Charakterrollen  den 
Pfarrer  von  Kirchfeld  und  den  Coupeau  in  der  dramatischen  Bearbeitung  von 
Zola's  Assommoir.  Am  Carltheater  zeigte  er  sich  als  tiichtiger  Regisseur.  Auf 
seinen  Wanderungen  spielte  er  wieder  alle  grossen  Rollen  wie  einst  in  Graz; 
die  Wildenbruch'schen  Dramen  und  Ibsen,  der  erst  in  den  achtziger  Jahren 
in  das  Repertoire  der  deutschen  Buhnen  kam,  lieferte  ihm  neue,  haufig  mehr 
interessante  als  dankbare  Aufgaben.  Der  materielle  Erfolg  seiner  Fahrten 
war  wechselnd  und  im  Ganzen  nicht  sehr  gross,  er  erzahlt  selbst,  dass  er 
manchen  Abend  ioo,  50,  12  Mark,  ja  gar  nichts  eingenommen  hat,  in  Amster- 
dam, wo  er  den  Hamlet  spiel  en  wollte,  kam  gar  niemand.  In  den  Jahren 
1 89 1  und  1892  spielte  er  als  Gast  im  Wiener  deutschen  Volkstheater  den 
Eugen  Janikow  in  Sudermann's  Sodoms  Ende,  den  Theaterdirector  Striese  in 
Schonthans  Raub  der  Sabinerinnen,  den  Consul  Bernik  in  Ibsens  Stiitzen  der 
Gesellschaft,  den  Hjalmar  in  dessen  Wildente,  den  Ramseth  in  Heiberg's 
Konig  Midas,  diesmal  liessen  ihn  Publikum  und  Kritik  mit  wenigen  Ausnahmen 
als  grossen  Ktinstler  gel  ten.  In  seiner  letzten  Periode,  am  Burgtheater, 
1894 — 1897,  spielte  er  neu  den  Giboyer  in  der  offentlichen  Meinung  und 
im  Pelikan  von  Augier,  den  Derwisch  im  Nathan,  den  Fox  in  Gottschall's 
Pitt  und  Fox,  den  Bolingbroke  in  Scribe's  Glas  Wasser,  den  Prasidenten  im 
Urbild  des  Tartuffe,  den  alten  Moor,  den  Miiller  in  Raupach's  Miiller  und 
sein  Kind,  den  Holofernes  in  Hebbel's  Judith,  komische  Rollen  in  alten 
Benedixstiicken,  wie  den  Doctor  Wespe,  den  Doctor  Hagen,  den  Musikdirector 
Bergmann,  er  creirte  den  Reisenden  Kessler  in  Sudermann's  Schmetterlings- 
schlacht,  den  Allmers  in  Ibsen's  Klein  Eyolf,  den  Tabarin  von  Catulle  Mend£s, 
den  Rocknitz  in  Sudermann's  Gliick  im  Winkel,  die  Titelrolle  in  der  franzo- 
sischen  Posse  der  Ministerialdirector,  zuletzt  den  Fechtmeister  in  Rostand's 
Roman tischen.  Auch  die  Episode  verschmahte  er  nicht  ganz,  sein  »Herr« 
in  Schnitzler's  Liebelei  war  wie  aus  dem  Repertoire  seiner  Friihzeit.  Rollen, 
die  er  schon  friiher  am  Burgtheater  gespielt  hatte,  schuf  er  ganz  oder  theil- 
weise  um,  so  den  Richard  III.,  den  Franz  Moor,  am  meisten  den  Konig 
Philipp,  am  wenigsten  den  Mephistopheles.  Auf  einer  Gastspielreise  im  Winter 
1896  spielte  er  zum  erstenmal  (in  Koln)  den  Konig  Lear.  In  den  heiteren 
Rollen,  wie  als  Conrad  Bolz  gait  er  nun  ganz  unbestritten  als  Meister,  aber 
auch  die  ernsten  Charakterrollen  spielte  er  nun  selbst  so  strengen  Kritikern 
wie  Speidel  zum  Dank:  seinen  Konig  Philipp  bezeichnete  dieser  einroal  als 
das  Ereigniss  des  Abends,  er  Uberragte  —  so  urtheilte  er  —  alle  anderen 
Mitspielenden  um  Haupteslange.  Auch  seinem  Giboyer,  seinem  Tabarin  und 
Rocknitz  spendete  er  hohes  Lob.  Als  Rocknitz  entztickte  er  noch  als 
Ftinfzigjahriger  alle  Frauen.  Nur  eine  kleine  Gruppe  von  Kritikern  wider- 
sprach,  sie  warfen  ihm  gewaltsames  Missverstehen  des  Dichters,  Auflosung  der 
Rollen  in  eine  Masse  oft  unvermittelter  Details,  ja  geradezu  Haschen  nach 
groben  Effekten  vor,  verwiesen  ihn  immer  wieder  auf  die  Episode  und  das 
Genre  der  Benedix'schen  Lustspielhelden. 

Er  war  ein  grosser  stattlicher  Mann,  die  linke  Schulter  etwas  in  die 
Hohe  gezogen,  der  Gang  haufig  etwas  vorwarts  geneigt,  wie  zum  Sprung  aus- 
holend,   doch  konnte  er  auch  kerzengerade  und  steif  sein.     Der  Mimiker  war 


Mitterwurzer. 


"3 


in  ihm  dem  Redner  entschieden  iiberlegen,  sein  machtvollstes  mimisches 
Mittel  war  das  Auge,  es  war  »  nicht  bloss  auf  kiinstliche  Vergrosserung  ange- 
wiesen,  sondern  auch  halbgeoffhet  wirksam,  nicht  von  ruhigem  Feuer  leuch- 
tend,  sondern  von  zuckenden  Blicken  belebU,  es  vermochte  »in  weltab  ge- 
wandter  Ruhe  feme  Tiefen  und  Hohen  zu  schauen«.  Das  Organ,  in  der 
Mittellage  nicht  ganz  voll  und  unrein,  war  doch  vortrefflich  fur  scharfe  Aus- 
einandersetzung,  eindringliche  Rede,  Spott  und  Sarkasmus,  er  konnte  durch 
Dehnen  und  Zerren  der  Worte,  durch  plotzliche  Uebergange  aus  einer  Hohen- 
lage  in  die  andere  die  mannichfachsten  Effecte  hervorbringen,  am  ergreifendsten 
aber  driickte  er  halb  unterdrlickte  Bewegungen  aus:  durch  Stammeln  und 
fallen,  ein  unheimliches  Fliistern,  ein  zitterndes  Hervorpressen ,  ja  Heraus- 
wiirgen  der  Worte.  Aber  es  wohnte  ihm  auch  die  Kraft  inne,  fur  einen  Augen- 
blick  wenigstens  auch  das  Furchtbarste  und  Aeusserste  zu  bezeichnen,  die 
Stimme  konnte  zum  Donner  anschwellen,  das  Wort  sich.  wie  ein  Blitz  in 
einem  wilden  Aufschrei  entladen.  Nur  rein  rhetorische  und  lyrische  Wirkung 
war  ihr  versagt. 

Namentlich  in  der  ersten  Halfte  seiner  Laufbahn  erregte  er  durch  seine 
Verwandlungsfahigkeit  Aufsehen,  es  bedurfte  einer  langen  aufmerksamen  Be- 
obachtung,  ehe  man  sicher  sein  konnte,  ihn  in  jeder  Rolle  wieder  zu  erkennen. 
In  seinen  letzten  Jahren  legte  er  auf  die  Maske  scheinbar  nicht  mehr  so  viel 
Werth:  er  liess  fast  immer  sein  wirkliches  Gesicht  sehen,  nur  mit  ganz  leisen, 
feinen  Pinselstrichen  deutete  er  die  Verschiedenheiten  an.  Gemeinsam  war 
alien  seinen  grosseren  Partien  ein  gewisser  Grundton,  wenigstens  in  einem 
Moment  trat  er  hervor,  man  empfing  dann  den  Eindruck  einer  hochgradigen 
Nervenerregung,  die  bisweilen  die  Grenzen  des  Wahnsinns  streifte,  ihre  phy- 
siologischen  Symptome  waren  ein  grelles  Funkeln  des  Auges,  ein  eigenthtim- 
liches  Dehnen  aller  Korpermuskeln,  die  Gestalt  schien  iiber  ihr  gewohnliches 
Maass  hinauszuwachsen,  die  Arme  und  Hande  geriethen  in  fast  chiragrische 
Bewegungen,  um  zuletzt  mit  krampfhaft  geschlossenen  Fausten  in  die  senk- 
rechte  Lage  liberzugehen,  convulsivische  Schauer  durchzitterten  den  Leib,  die 
Stimme  wurde  oft  erstickt  von  einem  nervosen  Lachen:  alles  dies  dauerte 
bisweilen  nur  einen  Moment,  war  aber  nie  blosse  Nachahmung,  immer  elemen- 
tare  Offenbarung  innerer  Exaltation. 

Mit  dem  Schlagwort  »realistisch«  konnte  seine  Darstellungsweise  nicht 
charakterisirt  werden.  Eine  natiirliche,  ungezwungene  Sprechweise  war  im 
Burgtheater  im  Lustspiel,  im  Schauspiel,  in  Prosa  seit  langem  iiblich,  wahr- 
scheinlich  hat  sie  M.  dort  erst  gelernt.  Neu  war  er  nur  darin,  dass  er  diese 
natiirliche  Sprechweise  auch  in  die  Jambentragodie  libertrug.  Dabei  zerpfluckte 
er  freilich  oft  die  Verse,  aber  weder  im  Ton  noch  in  der  Geberde  verfiel  er 
in  einen  gemeinen  Naturalismus,  wie  Speidel  ihm  nachriihmte:  eine  feinge- 
zogene  Linie  trennte  ihn  stets  von  der  gewohnlichen  Wirklichkeit, 

Er  war  auch  durchaus  nicht  etwa  der  Schauspieler  der  Moderne.  Die 
Ibsenstlicke  gaben  ihm  interessante  Aufgaben,  Sudermann  ein  paar  wirksame 
Rollen,  von  Hauptmann'schen  Schopfungen  lag  nur  der  College  Crampton 
innerhalb  seines  Gestaltungskreises.  Im  Ganzen  war  ihm,  wie  ein  geistreicher 
Beobachter  einmal  sagte,  die  Literatur  nur  Vorwand  zur  Vorftihrung  seiner 
Personlichkeit,  Benedix  und  Kotzebue  waren  ihm  da  eben  so  sympathised 
wie  Shakespeare  oder  Ibsen.  Die  letzte  Rolle,  die  er  studirte,  war  der  Svengali 
in  dem  Effectsttick  Trilby. 

Im    Leben    hatte     er    manche    Seltsamkeiten.       Auch    seine    kirchliche 

Biogr.  Jahrb.  u.  Deutscher  Nekrulog.     2.  Bd.  3 


1 1 4  Mitterwurzer.     Wasserfuhr. 

Frfimmigkeit  rechnete  man  zu  diesen,  in  jungeren  Jahren  trug  er  sie  wohl 
mit  etwas  Exaltation  zur  Schau,  spater  aber  nicht.  Haufig  hatte  er  Anfalle 
von  tiefer  Melancholie,  wie  von  Verzweiflung,  hielt  sich  fttr  erblich  belastet 
und  furchtete  auch  wahnsinnig  zu  werden,  wie  Grossmutter,  Tante  und  Vater. 
Auch  war  er  in  seinen  letzten  Jahren  immer  in  Angst,  dass  er  im  Alter  in 
Noth  gerathen  konnte,  er  lebte  sehr  zuriickgezogen  und  sparsam. 

Auch  als  dramatischer  Schriftsteller  hat  er  sich  versucht  und  eine  Reihe 
von  possenhaften  Einactern  geschrieben,  von  denen  mehrere  aufgefUhrt  worden 
sind  (Ein  Sieg  der  Geschichte,  Strohfeuer,  Ein  Hausmittel,  Der  liebe  Cousin); 
er  legte  selbst  keinen  Werth  auf  die  Producte.  Dagegen  hat  er  als  Vorleser, 
besonders  von  Kindermarchen,  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  sehr  grosse 
unbestrittene  Erfolge.  Als  er  starb,  bezeichneten  ihn  viele  als  den  grossten 
deutschen  Schauspieler  der  Gegenwart,  Speidel  schrieb:  »M.  ist  nicht  zu  er- 
setzen,  grosse  Schauspieler  sind  so  selten  wie  grosse  Dichter*. 

Zur  Familiengeschichte  M/s  siehe  Domanig,  Von  der  Grossmutter  Fried  rich  Mitter- 
wurzer's.  Reichswehr  vom  27.  Februar  1897.  —  Ueber  seine  Jugendzeit  in  Dresden  siehe 
einen  Aufsatz  im  Wiener  Tagblatt  vom  14.  Februar  1897.  Eine  Episode  erzahlt  er  selbst 
in  einem  Beitrag  des  Decamerone  des  Burgtheaters  (1880).  Ueber  die  Grazer  Zeit  finden 
sich  einige  Mittheilungen  seines  damaligen  Directors  Kreibig  im  Neuen  Wiener  Tagblatt 
vom  gleichen  Datum,  Ueber  die  Leipziger  Zeit  einiges  in  Laube's  Norddeutschem  Thea- 
ter. Ueber  seine  Wirksamkeit  im  Wiener  Stadtt heater  R.  Tyrolt,  Chronik  des  Wiener 
Stadttheaters  a.  v.  O.  Siehe  ferner  Wl  as  sack,  Chronik  des  Hofburgtheaters  (1876).  — 
Die  Monographic  E.  Guglia's,  Friedrich  Mitterwurzer  (1896)  giebt  viele  biographische 
Einzelheiten,  die  der  Verf.  von  M.  selbst  hatte,  doch  sind  sie  trotzdem  nicht  verlasslich, 
wie  denn  z.  B.  das  Geburtsdatum  nicht  rich  tig  gegeben  ist;  der  Werth  des  Buches  besteht 
vielmehr  darin,  dass  darin  mehr  als  50  Darstellungen  Mitterwurzer's  aus  den  Jahren  1874 
bis  1895  ausfuhrlich  geschildert  werden.  Zur  Erganzung  dient  die  Recension  J.  Minor's 
in  den  Biographischen  Blattern  II,  2,  und  von  Weil  en's  in  den  Dramaturg.  Blattern  1896, 
der  Nekrolog  L.  Speidel' s  in  der  Neuen  freien  Presse  vom  21.  Februar  1897,  der  Auf- 
satz von  F.  Gross  liber  M.  als  Vorleser  im  Fremdenblatt  vom  2.  Februar  1895,  die  Er- 
innerungen  an  Fr.  Mitterwurzer  von  E.  Guglia  ebenda  am  12.  Februar  1898  und  desselben 
Verfassers,  Mitterwurzer  Redivivus  in  der  Wiener  Rundschau  vom  1.  Mai  1898.  —  Nach 
M.'s  Tode  sind  auch  mehrere  Gedichte  erschienen,  die  als  Beit  rage  zu  seiner  Charakteristik 
dienen  kttnnen,  so  von  F.  Dfirmann  in  der  Neuen  freien  Presse  vom  14.  Februar  1897, 
von  Guglia  in  der  Wiener  Rundschau  vom  1.  Marz  1897  un<*  von  Hofmannsthal  ebenda 
am  1.  Mai  1898.  Ein  gutes  Bild  aus  seinen  letzten  Jahren  ist  der  Monographic  E.  Guglia's 
beigegeben. 

E.  Guglia. 

Wasserfuhr,  Hermann,  Hygieniker,  zuletzt  in  Berlin,  *  am  14.  Juli  1823 
zu  Stettin  als  altester  Sohn  des  verdienten  Militararztes  (1787 — 1867),  f  am 
16.  Juli  1897.  —  W.  studirte  in  Halle,  Bonn  und  Berlin  und  erlangte  am 
letztgenannten  Orte  1845  die  Doctorwlirde.  Darauf  machte  er  eine  wissen- 
schaftliche  Reise  mit  langerem  Aufenthalt  in  Prag  und  Wien,  wo  er  die  Kli- 
niken  von  Oppolzer,  Pitha,  Arlt  und  Hamernjk  besuchte.  1846  liess  er  sich 
als  Arzt  in  Stettin  nieder,  war  wahrend  der  Cholera-Epidemien  von  1856  bis 
1857  stadtischer  Leichenschauarzt,  seit  1858  Kreiswundarzt  des  Stettiner  Stadt- 
und  des  Randow'schen  Kreises,  1 866  wahrend  der  Cholera-Epidemie  dirigirender 
Arzt  des  stadtischen  Cholera-Lazareths  in  Petrihof.  Wahrend  des  Krieges  von 
1870/71  wirkte  er  hauptsachlich  als  Flihrer  und  dirigirender  Arzt  eines  Eisen- 
bahn-Lazarethzuges  bei  der  Evacuation  der  Verwundeten  und  Kranken  aus 
Frankreich  nach  Deutschland  mit.  1871  erhielt  W.  den  Auftrag.  zur  Reorgani- 
sation des  Medicinalwesens  in  Elsass-Lothringen,  siedelte  nach  Strassburg  tiber 
und   wurde  1872  zum  Regierungs-  und  Medicinalrath ,  1879  zum  Ministerial- 


Wasserfuhr.     Welcker.  ne 

rath  in  dem  fteugebildeten  Ministerium  fur  Elsass-Lothringen  ernannt,  schied 

aber  1885  aus  und  siedelte  nach  Berlin  liber,  wo  er  seit  1886  mehrere  Jahre 

lang  das  Amt  eines  Stadtraths  bekleidete.     W.,   der  librigens  auch  in  seinen 

militararztlichen  Stellungen  bis  zum  Rang  eines  Generalarztes  (1886)  empor- 

geriickt  war,   hat  sich  urn  die  wissenschaftliche,  schriftstellerische  und  prakti- 

sche  Pflege  der  offentlichen  Hygiene  grosse  Verdienste  erworben.    Er  gehorte 

1868  zu    den  Mitbegrtindern    der  deutschen  Vierteljahrsschrift  fur  offentliche 

Gesundheitspflege,    fUr  die  er  eine  grosse  Zahl  von  Abhandlungen  und  kriti- 

schen  Beitragen    lieferte.     Ferner    gab    er    selbst    ein  »Archiv   fttr  offentliche 

Gesundheitspflege  in  Elsass-Lothringen «  (9  Bde.,  Strassburg  1876 — 1884)  her- 

aus  und  schilderte  in  4  Banden  den  Gesundheitszustand  in  Elsass-Lothringen 

wahrend   der  Jahre  1879  — 1882.     Dazu  kommen  zahlreiche  Publicationen  in 

anderen  Zeitschriften,  wie  Berliner  klinische  Wochenschrift,  Deutsche  medici- 

nische  Wochenschrift,  Deutsche  Medicinal-Zeitung  u.  A.    Ein  Verzeichniss  findet 

sich  in  der  unten  angegebenen  Quelle. 

Biogr.  Lex.  hervorr.  Aerzte  VI,  S.  200.  «         . 

6  Pagel. 

Welcker,  Hermann,  Anatom  und  Anthropolog  in  Halle,  ordentlicher 
Universitats- Professor,  Director  des  anatomischen  Instituts  daselbst,  *  am 
8.  April  1822  in  Giessen,  f  am  12.  September  1897  zu  Winterstein  im  Herzog- 
thum  Gotha,  wohin  er  sich  zuletzt  zuruckgezogen  hatte.  —  W.  entstammte 
einer  ansehnlichen  Gelehrtenfamilie;  er  war  Neffe  des  Alterthumsforschers 
Gottlieb  Welcker,  des  Mitbegriinders  der  alten  Bonner  Philologenschule,  und 
des  freisinnigen  Politikers  und  Publicisten  Karl  Theodor  Welcker,  Mitheraus- 
gebers  des  »Staatslexicons«.  Seine  Studien  begann  W.  in  Bonn  1841  und 
beendigte  sie  in  seiner  Vaterstadt,  wo  er  1851  die  Doctorwlirde  erlangte,  von 
1850 — 1853  Assistent  an  der  medicinischen  Klinik  war,  1853  sich  flir  Ana- 
tomie  habilitirte  und  1855  Prosector  wurde.  1859  folgte  er  einem  Ruf  als 
Prosector  und  Extraordinarius  nach  Halle,  erlangte  hier  1866  die  ordentliche 
Professur  der  Anatomie  und  war  seit  1876  als  Nachfolger  von  A.  W.  Volk- 
mann  auch  Director  des  anatomischen  Instituts,  eine  Stellung,  die  er  bis  zu 
dem  kurze  Zeit  vor  seinem  Tode  aus  Gesundheitsrlicksichten  erfolgten  RUck- 
tritt  verwaltete.  W.  gehorte  zu  den  verdientesten  und  vielseitigsten  medicinisch- 
naturwissenschaftlichen  Forschern  der  Neuzeit.  Das  weit  liber  50  Nummern 
betragende  Verzeichniss  von  W/s  schriftstellerischen  Arbeiten  in  der  unten 
genannten  Quelle  lehrt,  dass  W.'s  Productivitat  den  verschiedensten  Gebieten 
zu  Gute  gekommen  ist:  Optik,  Mikroskopie,  Histologic,  Biologie,  Anatomie, 
Anthropologic  und  Ethnologic  und  dazu  noch  verschiedenen  anderen  Zweigen 
des  menschlichen  Wissens.  Wir  heben  vor  Allem  die  schonen  Arbeiten  Uber 
»Schiller*s  Schadel  und  Todtenmaske  nebst  Mittheilungen  liber  Schadel  und 
Todtenmaske  Kant's*  (Braunschweig  1883),  liber  den  »Schadel  Raphael's  und 
die  Raphaelportrats«  (Archiv  flir  Anthropol.  XV),  liber  den  » Schadel  Dante's « 
(Anthrop.  Review  1867)  hervor.  Die  Mikroskopie  forderte  W.  durch  Angabe 
von  Methoden  zur  Ausmessung  des  senkrechten  Durchmessers  mikroskopischer 
Objecte  und  zur  Unterscheidung  der  ErhOhungen  und  Vertiefungen  in  mikro- 
skopischen  Praparaten,  durch  Construction  eines  Zahlenmikrometers.  Die  Phy- 
siologic verdankt  W.  wesentliche  Bereicherungen  in  der  Blutlehre;  so  ver- 
besserte  er  u.  A.:  die  Vierordt'sche  Methode  der  Blutktirperchenzahlung, 
lieferte  Modelle  der  Blutkorperchen,  deren  Grosse,  Zahl,  Oberflache  und  Farbe 
beim  Menschen  er  bestimmen  lehrte,  untersuchte  systematisch  und  im  grfisseren 

8* 


xifi  Welcker.    Rflntgen.    Bargiel. 

Massstabe  die  Blutmenge  bei  Menschen  und  Thieren,  wobei  eine  Reihe  von 
friiheren  Irrthtimern  berichtigt  wurden,  und  lehrte  ein  besonderes  Farbeverfahren 
zur  Feststellung  des  Gehaltes  des  Blutes  an  gef&rbten  Korperchen.  Zur  makro- 
skopischen  Anatomie  bezw.  Anthropologic  brachte  W.  noch  Beitr&ge  iiber 
Hirnventrikel,  ijber  Bau  und  Entwickelung  der  Wirbelsaule,  liber  Gelenke, 
Untersuchungen  (iber  Bau  und  Wachsthum  des  menschlichen  Sch&dels  nebst 
einem  besonderen  Messungssystem,  mit  welchem  er  die  deutschen  und  hol- 
l&ndischen  Sammlungen  von  i860— 1865  durchforschte,  und  verschiedene  an- 
dere  craniologische  Studien. 

VergL  Biogr.  Lex.  VI,  231.  Pagel. 

RSntgen,  Engelbert,  ein  bis  in  hohes  Alter  thatiger  und  vortrefflicher 
Violinist  in  Leipzig;  *  am  30.  September  1829  zu  Deventer  in  Holland,  fam 

12.  December  1897  zu  Leipzig  im  69.  Lebensjahre.  —  Schon  in  friiher  Jugend 
begann  er  sich  als  Violinist  auszuzeichnen,  dennoch  kam  eine  Zeit,  in  der  er 
sich  so  entschieden  als  talentvoller  Zeichner  bekundete,  dass  ihn  die  Eltern 
auf  die  Deventer  Malerschule  schickten,  wo  er  bei  einer  Prttfung  sogar  einen 
Preis  erwarb.  Ebenso  plotzlich  wandte  er  sich  aber  wieder  der  Musik  zu, 
ging  1848  nach  Leipzig  aufs  Conservatorium  und  wurde  ein  Schiller  David's. 
Am  1.  October  1853  trat  er  in's  Theater-  und  Gewandhaus-Orchester  als 
Violinist  ein,  nachdem  er  schon  seit  1850  als  Uberschtissiger  Violinist  in  den 
Gewandhaus-Concerten  im  Orchester  mitwirkte  und  mehrfach  als  Sologeiger 
aufgetreten  war.  Eine  gewisse  Scheu  vor  der  Oeffentlichkeit,  verbunden  mit 
peinlicher  Aengstlichkeit,  bewog  ihn  sich  sehr  bald  als  Solist  zurtickzuziehen 
und  wie  A.  Dorffel  sagt:  nicht  mit  Recht,  da  ihm  eine  ebenso  geklarte 
Technik,  als  ein  edler  und  empfindungsvoller  Ausdruck  zu  Gebote  standen. 
Am  8.  Januar  1869  wurde  er  zum  Concertmeister  des  Stad  torch  esters  ernannt 
und  beim  hundertjahrigen  Jubelfeste  der  Gewandhaus-Concerte  im  Jahre  1881 
trat  er  nach  vielem  Zureden  zum  letzten  Male  als  Solist  auf.  Am  1 .  October 
1875  wurde  sein  2  5Jahriges  Jubilaum  von  dem  Orchester  mit  Bekranzung 
seines  Pultes,  einem  Tusch  bei  seinem  Eintritt  in  den  Saal  und  Ueberreichung 
einer  Uhr  in  Marmorgehause  gefeiert,  sowie  1888  sein  30J£hriges  Jubilaum 
durch  Festreden  und  einem  Festprogramm  begangen.  Auch  am  Conserva- 
torium ftir  Musik  wirkte  er  als  Lehrer  in  segensreicher  Weise.  Nach  David's 
Tode  nahm  er  dessen  Stelle  ein.  Das  Leipziger  Tageblatt  vom  13.  Decem- 
ber schreibt:  Er  war  der  unaufhaltsam  weiterstrebende,  immer  fortstudirende, 
fur  die  Interessen  der  Kunst  begeisterte,  in  seinem  Berufe  als  leuchtendes 
Beispiel  hervorragende  Kttnstler,  dem  Leipzig  ftir  immer  ein  dankbares  An- 
denken  bewahren  wird.  Noch  im  letzten  Lebensjahre  spiel te  er  bei  der  Auf- 
flihrung  der  Beethoven'schen  Missa  solemnis  das  Violinsolo  im  Benedictus; 
diese  ward  seine  Todtenmesse,  in  der  That  eine  Fiigung  des  Schicksals,  wie 
sie  einem  Ktinstler,  dessen  Leben  ganz  der  Musik  geweiht  war,  nicht  schoner 
bescheert  sein  kann. 

Quellen:  Dtfrffel,  Geschichte  der  Gewandhaus-Concerte  1884.    Leipziger  Tageblatt  vom 

13.  December. 

Rob.  Eitner. 

Bargiel,  Woldemar,  Stiefbruder  der  Klara  Schumann,  geb.  Wieck,  ein 
tlich tiger  Musiker  und  Componist,  *  am  3.  October  1828  zu  Berlin,  f  am 
23.  Februar  1897  ebendort.  —  Sein  Vater,  August  Adolph  B.,  hatte  sich  in 


Bargiel.     Behr.  n*j 

Berlin  als  Musiklehrer  niedergelassen  und  die  von  Wieck  geschiedene  Frau 
geheirathet.  Von  Kind  an  in  die  Musik  eingeweiht,  wurde  er  in  seinen 
Knabenjahren  Diskantist  am  neu  errichteten  Berliner  Domchore,  der  zuerst 
unter  Grell's  und  Mendelssohn's  Leitung  stand,  und  brachte  es  bis  zum  Solo- 
sanger.  Im  vaterlichen  Hause  erlernte  er  Klavier,  Orgel  und  Violine,  und  in 
spateren  Jahren  erhielt  er  von  S.  Dehn  Unterricht  im  Contrapunkt  und  der 
Composition.  Seine  Schulwissenschaften  erledigte  er  auf  dem  Joachimsthal- 
schen  Gymnasium.  Auf  den  Rath  seines  Sch wagers,  Robert  Schumann,  be- 
suchte  er  1846  das  Leipziger  Conservatorium,  wo  er  durch  die  Protection 
und  Vermittelung  Mendelssohn's  unter  gtinstigen  Bedingungen  Aufnahme  fand 
und  in  einer  offentlichen  Prlifung  durch  ein  Octett  ftir  Streichinstrumente 
eigener  Arbeit  bereits  die  Aufmerksamkeit  der  Fachkenner  in  hdchst  vortheil- 
hafter  Weise  auf  sich  lenkte.  1849  kehrte  er  mit  einem  glanzenden  Abgangs- 
zeugnisse  in  seine  Vaterstadt  zuriick  und  Hess  sich  als  Musiklehrer  nieder,  wo 
er  ein  gerauschloses,  aber  thatiges  und  fleissiges  Leben  fiihrte.  Jede  freie 
Zeit  benlitzte  er  zum  Componiren  und  seine  edlen  und  hohen  Ziele,  die  er 
anstrebte,  blieben  nicht  unbeachtet.  Gegen  1850  erschien  bereits  sein  opus  1, 
Charakterstticke  ftir  Pianoforte,  bei  Whistling  in  Leipzig,  denen  in  kurzer  Zeit 
bis  zum  Jahre  1859  die  opus  2 — 5,  8,  9,  11  — 13  Klavierpiecen,  opus  6  ein 
Trio  fur  Pianoforte,  Violine  und  Violoncelle,  opus  io  eine  Sonate  ftir  Piano- 
forte und  Violine,  opus  17  eine  Suite  ftir  dieselben  Instrumente  und  opus  18 
eine  Ouvertiire  im  vierhandigen  Arrangement  sich  anschlossen.  In  der  ausseren 
Form  war  Mozart  und  Beethoven  sein  Vorbild,  wie  auch  sein  Lehrer  Mendels- 
sohn sich  streng  in  ihnen  bewegte.  Im  Ausdruck  lehnten  sie  sich  an  Rob. 
Schumann  an,  nur  fehlte  ihnen  eine  lebendige,  originelle  und  stets  fltissige 
Erfindungsgabe.  Seine  Bestrebungen  waren  anerkennenswerth  und  wurden 
von  Musikern  und  Kennern  wohl  geschatzt,  aber  einen  bleibenden  Werth 
konnten  sie  sich  nicht  erringen.  Die  Nachbildung  erreicht  selten  das  Original. 
Als  trefflicher  Musiker  wurde  er  liberall  geehrt  und  1859  zog  ihn  Ferdinand 
Hiller,  eine  verwandte  Natur,  an  seine  in  K6ln  errichtete  Musikschule  als 
Lehrer  der  Composition  und  des  Contrapunkts.  1865  erhielt  er  einen  Ruf 
nach  Rotterdam  als  Direktor  des  Gesangvereins  und  der  Musikschule,  die  von 
der  Vereinigung  der  Gesellschaft  zur  Beforderung  der  Tonkunst  in  Holland 
errichtet  war.  Die  Stellung  im  fremden  Lande  schien  ihn  aber  nicht  zu  be- 
friedigen,  denn  als  man  ihm  von  Berlin  aus  den  Antrag  machte,  eine  Lehrer- 
stelle  an  der  Hochschule  fiir  Musik  zu  tibemehmen,  ging  er  mit  Freuden 
darauf  ein  und  kehrte  in  den  siebziger  Jahren  in  seine  Vaterstadt  zuriick, 
wurde  Vorsteher  der  Compositions-Abtheilung  und  spater  als  Mitglied  in  den 
Senat  der  Akademie  der  Kiinste  aufgenommen.  In  alien  Fachern  der  Musik 
versuchte  er  sich  mit  Ausnahme  der  Oper  und  erreichte  stets  durch  sein 
ideales  Streben  die  Anerkennung  seiner  Kunstgenossen,  wenn  auch  das  Publi- 
kum  wenig  Antheil  daran  nahm.  Hin  und  wieder  fand  auch  eins  seiner 
Orchesterwerke  Aufnahme  in  die  Programme  der  grossen  Concertinstitute, 
doch  auch  hier  war  ihm  ein  durchschlagender  Erfolg  versagt. 

Quellen:  Mendel-Reissmann's  Tonktinstler-Lexikon,  Todesanzcigen  und  Selbstcrlebtes. 

Rob.  Eitner. 

Behr,  Heinrich,  ehemaliger  Opernsanger  und  Theaterdirektor,  *  am 
2.  Juni  1 82 1  zu  Rostock,  f  am  13.  Marz  1897  zu  Leipzig.  —  Nach  vollende- 
ter  Schulbildung  wurde  er  Bildhauer,  jedoch  seine  scheme  ausgiebigc  Bariton- 


Il8  Behr.     Grammann.     Glinther. 

stimme  und  das  Zureden  von  Sachverstandigen  bewog  ihn  bei  Eduard  Man- 
tius,  dem  bekannten  einstigen  Opernsanger  an  der  Berliner  Hofoper,  und  bei 
G.  W.  Teschner  in  Berlin  Gesangstudien  zu  machen.  Im  Jahre  1843  trat  er 
im  Berliner  Opernhause  auf,  worauf  er  auf  drei  Jahre  ein  Engagement  an- 
nahm.  Nach  Ablauf  dieser  Zeit  wurde  er  1846  in  Leipzig  angestefit  und  trat 
dort  bis  1858  auf.  In  komischen  Rollen  war  er  untibertrefflich.  Die  jtingere 
Generation  kennt  nur  den  alteren  rtistigen  Herrn,  der  einstmals  Opernsanger 
war,  die  altere  dagegen  verehrte  ihn  als  Kiinstler  und  Darsteller  komischer 
Rollen,  der  ihnen  manchen  vergnligten  Abend  bereitet  hat.  Nachdem  er  sich 
mit  der  Schwester  des  Lustspieldichters  Roderich  Benedix  verheirathet  hatte, 
trat  er  als  Sanger  von  der  Btthne  zurtick  und  wurde  an  verschiedenen  Btthnen 
als  Theaterdirektor  angestellt,  wie  zu  Bremen,  Koln  und  Rotterdam.  Erst 
spater  kehrte  er  nach  Leipzig  zurilck,  als  Laube  Theater-Intendant  war  und 
derselbe  ihn  auflforderte,  die  Opern-  und  Oekonomie-Direktion  zu  Ubernehmen. 
Als  er  dann  bei  herannahendem  Alter  vom  offentlichen  Schauplatze  zuruck- 
trat,  wurde  er  zum  Mitgliede  der  Direktion  des  Conservatoriums  ftir  Musik 
gewahlt.  Nur  eine  kurze  Zeit  kehrte  er  Leipzig  den  Rticken  und  bemiihte  sich, 
sich  in  die  Berliner  Verhaltnisse  einzuleben,  doch  es  zog  ihn  machtig  in  seine 
zweite  Vaterstadt  zurtick,  in  der  er  auch  bis  zu  seinem  Tode  verblieb.  Seine 
Freunde  schildern  ihn  als  eine  biedere,  echt  deutsche  Kraftnatur,  als  treuen 
Freund  und  prachtigen  Gesellschafter. 

Quellen:  Signale  von  B.  Senff  S.  305.     Vossischc  Zeitung  1897  No.  127. 

Rob.  Eitner. 

Grammann,  Karl,  ein  beliebter  Componist,  *  am  3.  Juni  1842  zu  Llibeck, 
f  am  30.  Januar  1897  in  Dresden.  —  Er  pflegte  in  der  Jugend  Musik  nur  als 
Bildungsmittel,  da  der  Vater,  Kaufmann  und  Consul  in  Liibeck,  ihn  zur  Land- 
wirthschaft  bestimmt  hatte,  und  studirte  vorher  in  Bonn  und  Halle.  Hier 
brach  sich  aber  sein  Talent  Bahn  und  er  betrieb  mehr  Musik  als  seine  Fach- 
studien,  trat  auch  bereits  als  Componist  mit  den  Singspielen  »Der  Schatz- 
graber«  und  »Die  Eisjungfrau«  auf,  zu  denen  er  auch  den  Text  schrieb.  Von 
1866  bis  1 87 1  besuchte  er  das  Leipziger  Conservatorium  fur  Musik  und  hatte 
Papperitz,  Reinecke,  David,  Hauptmann,  Moscheles  u.  A.  zu  Lehrern.  Nach 
Vollendung  der  Kurse  ging  er  nach  Wien  und  widmete  sich  ganz  der  Com- 
position, schrieb  zwei  Sinfonien,  Streichquartette ,  Trios,  Violin  -  Sonaten, 
Klavierpiecen  und  zahlreiche  Lieder.  Spater  siedelte  er  nach  Dresden  uber 
und  hier  entstanden  die  Opern:  Melusine,  Andreasfest,  Thusnelda,  Ingrid  und 
das  Irrlicht,  die  mit  wechselndem  Erfolge  in  Wiesbaden,  Dresden,  Konigsberg, 
Frankfurt  a.  M.,  Hamburg  und  anderen  Stadten  zur  Auffiihrung  gelangten. 
Ingrid  und  das  Irrlicht  erschienen  beide  im  Klavier-Auszuge  bei  J.  Schuberth 
&  Co.  Seine  Gesangswerke  und  Instrumentalpiecen,  welche  die  Opuszahl  53 
erreichen,  veroffentlichte  er  vom  Jahre  1876  bis  1888;  dann  verschwindet  sein 
Name  aus  den  Verlagskatalogen.  In  wohlhabenden  Verhaltnissen  lebend,  hat 
er  sich  nie  um  die  Kritik  geklimmert  und  so  umgekehrt:  die  Kritiker  selten 
um  ihn.  Wahrend  andere  begierig  darauf  lauern,  ihren  Namen  und  ihre 
Werke  offentlich  besprochen  zu  sehen,  zeigte  sich  G.  als  echter  Ktinsder,  der 
nicht  nach  ausserem  Ruhme  fragte  und  nur  in  der  Ausiibung  seiner  Kunst 
sich  selbst  genug  that. 

Quelle:  Opernbericht  No.  4  des  Musikverlags  J.  Schuberth  &  Co.  in  Leipzig,  mit 
Portr&t.     Neue  Musikzeitung,  Stuttgart  1897,  62  mit  falschem  Geburtsdatum. 

Rob.  Eitner. 


GOnther.     Goldschmidt.  no 

Giinther,  Otto  Ferdinand,  Dr.  juris,  *  am  4.  November  1822  zu  Leipzig, 
f  am  11.  September  1897  ebendort.  —  Ein  in  vieler  Hinsicht  fur  die  Stadt 
Leipzig  hervorragender  Biirger,  begann  seine  Laufbahn  als  Jurist,  erlangte  den 
Doktorgrad,  wurde  Rechtsanwalt,  dann  Gerichtsdirektor,  dabei  ein  tlichtig  ge- 
bildeter  Musikdilettant,  der  sich  bei  offentlichen  Musikauftuhrungen  stets  als 
thatiger  Organisator  auszeichnete.  Die  Biirger  wahlten  ihn  in  die  Stadtver- 
ordneten-Versammlung  und  auch  hier  bethatigte  er  sein  organisatorisches 
Talent,  so  dass  man  ihn  zum  Stadtverordneten-Vorsteher  wahlte,  ein  Amt, 
das  er  viele  Jahre  hindurch  bekleidete.  Der  fleissige  Besucher  der  Gewand- 
haus-Concerte  wurde  auch  zum  Mitgliede  der  Concertdirektion  ernannt,  und 
als  Schleinitz  im  Jahre  1881  in's  Jenseits  abberufen  wurde,  wahlte  man  ihn 
zum  Direktor  des  einst  von  Mendelssohn  errichteten  Conservatoriums  fur 
Musik.  Hier  wirkte  er  lange  Jahre,  vermehrte  die  Anstalt  durch  eine  Or- 
chester-  und  eine  Opernschule  und  hob  das  Conservatorium  durch  um- 
sichtige  Leitung  zu  einem  weltberiihmten  Kunstinstitute.  Auch  ftlr  monu- 
mentale  Bauten  und  menschenfreundliche  Institute  wirkte  er,  und  so  entstan- 
den  die  Augenheilanstalt,  das  neue  Stadttheater,  das  Concerthaus,  das  Con- 
servatoriums -Gebaude,  sowie  das  Standbild  Mendelssohn's.  Das  Leipziger 
Tageblatt  schreibt  am  13.  September:  »Der  liebenswiirdige,  wohlwollende, 
freundlich  gewinnende  Direktor  war  ein  Mann  von  ganz  besonderer  Herzens- 
gtite.  Schmerzlich  wird  der  Heimgang  dieses  trefflichen  Mannes  alle  Kreise 
unserer  Stadt  und  der  gesammten  Musikwelt,  ja  darliber  hinaus,  beriihren, 
denn  eine  nach  vielen  Hunderten  zahlende  musikstudirende  Jugend  hat  langst 
iiber  beide  Hemispharen  den  Ruf  und  den  Ruhm  des  ausgezeichneten  Leiters 
unsers  Musikinstitutes  getragen.« 

Quelle:  Leipziger  Tageblatt,  13.  Sept.  1897  und  Jahresberichte  des  Conservatoriums. 

Rob.  Eitner. 

Goldschmidt,  Levin,  Universitatsprofessor  des  Handelsrechtes,  Geheimer 
Justizrath,  *  am  30.  Mai  1829  in  Danzig,  f  am  16.  Juli  1897  in  Wilhelms- 
hohe.  —  Mit  G.  ist  in  Deutschland  die  letzte  der  grossen  Leuchten  erloschen, 
welche  die  deutsche  Rechtswissenschaft  der  zweiten  Halfte  dieses  Jahrhunderts 
zu  einer  Epoche  unverganglichen  Ruhmes  gemacht  haben.  Unter  den  Namen, 
auf  welchen  der  Glanz  dieser  Epoche  beruht,  gehftren  zwei  der  Wissenschaft 
des  Handelsrechtes  an,  Thol  und  Goldschmidt;  die  anderen:  Brinz,  Ihering 
und  Windscheid  der  Civilistik.  In  der  Meinung  der  Zeitgenossen  tiberstrahlt 
unter  den  Genannten  der  Name  Ihering's  den  aller  Anderen.  An  geschicht- 
licher  Bedeutung  werden  aber  alle  von  G.  iiberragt.  Wenn,  wie  vorauszu- 
sehen,  sich  das  Urtheil  der  Geschichte  von  dem  der  Zeitgenossen  zu  Gunsten 
G.'s  entfernen  wird,  so  ist  daran  nicht  in  letzter  Linie  der  Umstand  schuld, 
dass  dessen  reifstes  und  grosstes  Werk,  die  Universalgeschichte  des  Handels- 
rechtes (Stuttgart  1892)  zugleich  sein  letztes  war,  so  dass  die  Zeit  seit  dessen 
Erscheinen  noch  immer  zu  kurz  ist,  als  dass  seine  ganze  Grosse  und  Tiefe 
sich  dem  Urtheile  weiterer  Kreise  schon  hatte  erschliessen  konnen. 

G.  war  urspriinglich  zum  Arzte  bestimmt  und  hat,  gleich  merkwtirdig 
vielen  anderen  Heroen  der  Wissenschaft,  seinen  wahren  Beruf  im  Kampfe 
mit  practischen  Erwagungen  als  Ueberlaufer  gefunden.  Er  studirte  1847  bis 
1 85 1  in  Berlin,  Bonn  und  Heidelberg.  1851  erlangte  er  in  Halle  die  Doctor- 
wilrde  auf  Grund  einer  Dissertation:  de  societate  en  commandite.  Schon  in 
dieser  Jugendarbeit    betrat    er    mit    einer    tieferen    historischen    Grundlegung 


120  Goldschxnidt 

einen  flir  das  Gebiet  des  Handelsrechts  neuen  Weg.  1855  habilitirte  sich 
G.  auf  Grund  von  Untersuchungen  zu  1.  122  §  I  D  de  v.  o.  (45,  I).  Es  kam 
eine  fur  die  deutsche  Rechtsentwickelung  entscheidungsvolle  Zeit.  Die  Ent- 
stehung  des  allgemeinen  deutschen  Handelsgesetzbuches  begleitete  G.  mit  zwei 
vielbemerkten  und  einflussreichen  Arbeiten:  »Kritik  des  Entwurfs  eines  Handels- 
gesetzbuches fur  die  preussischen  Staaten«  1857 — 1858,  »Gutachten  (iber  den 
Entwurf  eines  deutschen  Handelsgesetzbuchs«  i860.  Ich  habe  den  Eindruck, 
dass  G.  wichtige  Theile  dieser  vielgertihmten  Arbeiten  spater  als  Uberholt  er- 
kannte  und  sie  nicht  zu  seinen  Ruhmestiteln  rechnete.  Er  citirt  sie  nicht  in 
seinem  Grundriss  und  ausserte  mir  gegeniiber  als  private  Erwiderung  auf  eine 
literarische  Bekampfung,  er  wisse  wohl,  dass  er  damals  »die  Selbstandigkeit 
des  Gesellschaftsvermogens  iibersehen  habe«. 

In  die  Zeit,  welche  zwischen  den  letztgenannten  Arbeiten  liegt,  fiel  die 
Griindung  der  Zeitschrift  flir  das  gesammte  Handelsrecht  und  das  beriihmte 
Gutachten  tiber  den  Lucca-Pistojaactienstreit  (Frankfurt  1859,  Nachtrag  1861). 
Erstere  wurde  das  ausgezeichnete  Muster  fur  ahnliche  auslandische  Unter- 
nehmungen,  welchem  jedoch  in  der  guten,  d.  h.  G.'schen  Aera  nur  Thaller's 
Annales  de  droit  commercial  annahernd  gleichkamen.  Die  peinliche 
Sorgfalt,  mit  welcher  G.  den  Arbeiten  der  Redaction  oblag,  diirfte  nicht 
wieder  erreicht  worden  sein.  Fast  jeder,  der  mit  einer  Zeile  in  dieser  Zeit- 
schrift vertreten  ist,  wird  davon  Erfahrung  haben.  Grtinhut,  der  berufene 
Erbe  des  Schiedsrichteramtes,  welches  G.  in  dieser  Zeitschrift  auslibte,  schreibt 
in  der  N.  Fr.  Presse  vom  20.  Juli  1897:  »Die  meisten  Bande  der  Zeitschrift 
wurden  von  ihm  selbst  geleitet  und  von  seinem  Geiste  erftillt;  in  den  letzten 
Jahren,  wo  G.  dem  Werke  nicht  mehr  selbst  vorstand,  machte  sich  der 
Mangel  seiner  leitenden  Hand  empfindlich  ftihlbar.« 

i860  wurde  G.  ausserordentlicher,  1866  ordentlicher  Professor  in  Heidel- 
berg, wo  er  bis  zu  seiner  Berufung  in  das  Bundes-,  spater  Reichsoberhandels- 
gericht  wirkte.  1862  erschien  die  »Encyklopadie  der  Rechtswissenschaft  im 
Grundriss «  (Heidelberg).  Hier  zeigt  sich  schon  jene  fast  hypertrophische 
Fiille  der  Gelehrsamkeit  —  insbesondere  der  Literaturkenntniss  — ,  welche  flir 
ihren  Trager  zu  einer  kaum  mehr  zu  bewaltigenden  Last  wurde.  1864 — 1868 
erschien  die  erste  Auflage  des  »Handbuchs  des  Handelsrechts*  (Erlangen). 
Das  Werk  ist  Torso  geblieben.  Es  ist  in  einem  Stile  angelegt,  welcher  nicht 
mit  den  Schranken  der  menschlichen  Natur  und  der  Klirze  des  Lebens  rechnet. 

Mit  besonderer  Freude  erwahnen  wir  femer  aus  dieser  Periode  den  Ent- 
wurf eines  Reglements  fiir  internationale  Schiedsgerichte,  welchen  G.  in  Grtin- 
hut's  Zeitschrift  (II,  714)  verbffentlichte.  Diese  kleine  Arbeit  beweist,  dass 
G.  seiner  Zeit  weit  voran  —  nicht  wie  die  Mehrzahl  der  Fachgenossen  ge- 
willt  war,  die  wissenschaftliche  Pflege  dieser  guten  Sache  einer  Schaar  von 
ungelehrten  Schwarmern  und  Enthusiasten  zu  iiberlassen. 

In  den  Jahren  1875  — 1877  war  G.  Mitglied  des  deutschen  Reichstags. 
Im  Jahre  1875  erhielt  er  die  erste  und  bis  heute  einzige  reichsdeutsche  Lehr- 
kanzel  des  Handelsrechts,  die  er  ungefahr  20  Jahre,  wie  Riesser  in  einem 
kurzen  in  der  Nationalzeitung  veroffentlichten  Nachruf  ergreifend  sagt,  »bis 
zum  ganzlichen  Versagen  seiner  Krafte«,  bekleidet  hat.  »Bis  zum  ganzlichen 
Versagen  seiner  Krafte.«  Ein  tiefer  Jammer  und  fiir  so  manchen  sogar  ein 
Vorwurf  liegt  in  diesen  Worten.  Denn  nicht  der  ungeheuren  Arbeitslast  ist 
G.  nach  meiner  Ueberzeugung  erlegen,  sondern  in  erster  Linie  nutzlosen 
Quengeleien    und    Qualereien,    welche  —  meistens    gar    nicht    hose    gemeint 


Goldschmidt.  121 

—  im  Verein  mit  theilweise  unhehaglichen  collegialen  Verhaltnissen  seine 
selten  verstandene,  ausserst  sensitive  Natur  auf  eine  allzu  harte  Probe 
stellten.  Als  ich  im  Studienjahre  1890/91  in  Berlin  —  ich  weiss  nicht, 
ob  Handelsrecht  oder  Goldschmidt  —  studirte,  schien  er  mir  nie  grosser  und 
ehrwiirdiger,  als  wenn  er  seiner  zahlreichen,  aber  nicht  durchaus  musterhaften 
Horerschaft  die  ersten  Anfangsgrtinde  seiner  Wissenschaft  vortrug.  Ich  habe 
nie  etwas  in  einem  tiefen  Sinne  tragischer  gesehen,  als  die  schmerzhafte  Ver- 
zerrung  seiner  ZUge,  wenn  muthwilliges,  auf  seine  Empfindlichkeit  berechnetes 
Scharren  den  Vortrag  unterbrach.  Dieses  Verhaltniss  zu  einem  Theile  seiner 
sonst  aufmerksamen  und  lernbegierigen  Horerschaft  bot  mir  einen  Schliissel 
zu  seiner  Personlichkeit  mit  ihren  grossen  Vorzugen  und  kleinen  Schwachen. 
Er  war  ein  hochst  milder  und  giitiger,  aber  ein  —  trotz  aller  grossen  An- 
erkennung  —  gequalter  und  gehetzter  Merisch.  Ungerechtigkeiten  und  Un- 
dank,  denen  keiner  entgeht,  verstand  er  nicht  zu  ertragen.  So  bildete  sich 
urn  sein  Gemuth  scheinbar  eine  Kruste  von  Schroffheit  und  Misstrauen,  stets 
bereit  dem  Einzelnen  gegeniiber  wegzuschmelzen  und  das  edelste  und  gerech- 
teste  Herz  zu  offenbaren. 

Von  seiner  Fiirsorge  fiir  die  nachwachsende  Juristengeneration  zeugt 
nichts  so  sehr,  wie  sein  grosses  Werk  tiber  »Rechtsstudium  und  Prtifungs- 
ordnung«  Berlin  1887,  welches  unter  dem  bescheidenen  Titel  bedeutende 
historische  Ausfiihrungen  verbirgt:  nach  dem  Urtheil  eines  geistreichen  Eng- 
enders geschrieben,  with  that  fine  thoroughness  of  German  authors,  which 
is  the  despair  of  their  foreign  rivals  and  not  seldom  of  their  readers  too. 

Seine  beiden  letzten  Werke  waren  das  System  des  Handelsrechts  im 
Grundriss  (Vierte  Aufl.  1895)  und  die  Universalgeschichte  des  Handelsrechts 
(1891)  als  erste  Lieferung  der  dritten  Auflage  seines  Handbuchs.  Die  erste 
dieser  Schriften  ist  ein  Auszug  aus  dem  in  seiner  Art  einzigen  Collegien- 
hefte  G.'s.  Es  enthalt  im  ersten  Theile  die  Paragraphen-Ueberschriften 
eines  ausserst  feindurchdachten  und  umfassenden  Systems  des  Handelsrechts 
mit  Einschluss  des  Versicherungs-,  See-  und  Wechselrechts  nebst  einer  ausser- 
ordentlich  werthvollen  kritischen  Bibliographic  Hie  und  da  liberrascht  uns 
ein  Ausrufungszeichen  nach  dem  Titel  eines  Buches,  ein  Zeichen,  class  er  eine 
Schrift  ftir  unter  jeder  Kritik  stehend  erklarte.  Wir  finden  dieses  Zeichen 
u.  A.  bei  Schriften  von  unter  Unkundigen  und  Halbkundigen  wohl  accredi- 
tirten  Autoren.  So  im  §  21  bei  Professor  v.  VoeldemdorfTs  bekanntem  Bei- 
trage  in  Endemann's  Handbuch  des  Handelsrechts.  Der  zweite  Theil  enthalt 
Ausfiihrungen,  die  G.  zum  Theile  nur  urn  den  Vortrag  zu  entlasten,  aus  seinem 
Collegienhefte  abdrucken  liess,  mit  welchen  er  aber  auch  zum  Theile  Richtung 
gebend  in  die  wichtigsten  schwebenden  Controversen  eingriff. 

Sein  grosster  Ruhmestitel  ist  die  Universalgeschichte.  Selten  hat  ein 
Schriftsteller  ein  neues  Riesenmaterial  in  solcher  Concentration  auf  bios  468 
Seiten  geboten.  In  einzelnen  Anmerkungen  ist  durch  Citate  und  Fingerzeige 
der  Stoff  ftir  ganze  Bande  eingeschlossen  und  harrt  der  Entwickelung  durch 
nachwachsende  Krafte.  Mit  unvergleichlicher  Sachkenntniss  wird  das  Handels- 
recht des  Alterthums,  insbesondere  der  Romer  erortert.  Sodann  folgt  die 
Darstellung  des  mittelalterlichen  Handelsrechts,  welche  fiir  die  italienischen 
Staaten  bis  zum  16.  Jahrhundert  reicht.  Sie  griindet  sich  auf  eine  hochst 
umfassende  Kenntniss  der  allgemeinen  Cultur-  und  Wirthschaftsgeschichte  und 
auf  eine  tiefgehende  Untersuchung  aller  bedeutenderen  siideuropaischen  Stadt- 
rechte.    Fiir  diese  Untersuchung  sincl  nicht  bloss  die  Handels-  und  Seeordnun- 


122  Goldschmidt.     Heiser. 

gen  und  unzahligen  Innungsstatuten  von  Barcelona,  Valencia,  Sevilla,  Marseille, 
Avignon,  Toulouse,  Lyon,  Oleron,  Florenz,  Genua,  Pisa,  Venedig,  Verona, 
Rom  und  viele  andere,  sondern  auch  unzahlige,  grosstentheils  aus  Notariats- 
Archiven  stammende  Privaturkunden  verwerthet  worden.  Ein  Rechtshistoriker 
vom  Range  G.'s,  der  zugleich  als  practischer  Jurist  und  Kenner  des  geltenden 
Rechts  hervorragt,  ist  gegeniiber  dem  politischen  Historiker,  der  nicht,  wie 
Thiers  und  Lamartine  zugleich  practischer  Staatsmann  ist,  sehr  im  Vortheile. 
Er  kennt  den  Gegenstand  seiner  historischen  Betrachtung,  die  menschliche 
Natur,  wie  sie  sich  in  Verkehr  und  Wirthschaft  offenbart,  nicht  bloss  vom 
Horensagen,  sondern  aus  lebendigster  Anschauung. 

»Das  Leichenbegangniss  G.'s  war  recht  feierlich,  wenn  auch  die  Bethei- 
ligung  ausserst  schwach  war*,  schreibt  mir  ein  Augenzeuge.  »Aus  dem  Kreise 
der  Studenten,  denen  er  freilich  kaum  noch  bekannt  war,  war  ausser  einer 
Deputation  von  3  Mann  niemand  erschienen*. 

Aus  der  biographischen  Literatur  jlber  Goldschmidt  hcben  wir  die  am  13.  November 
1897  gehaltene  Gedachtnissrcde  Riesser's  (Berlin  1897,  Verlag  von  Otto  Liebmann)  und 
den  Nachruf  Pappenheim's,  seines  Nachfolgers  in  der  Redaction  der  Zeitschrift  fiir 
Handelsrecht  im  47.  Bandc  dieser  Zeitschrift  hervor,  beide  mit  vortrefflichen  Portraits  ge- 
schmlickt.  Die  erste  dieser  Arbeiten  beleuchtet  in  meisterhafter  Weise  die  historische  Be- 
deutung  Goldschmidt' s  far  die  Rechtswissenschaft  und  darf  mit  Goldschmidt's  ausgezeich- 
netem  Essay  liber  Savigny  (Bluntschli  und  Brater's  deutschem  Staatsworterbuch)  verglichen 
werden.  Sie  enthalt  eine  sehr  vollstandige  Zusammcnstellung  der  G.'schen  Schriften.  — 
Lab  and,  Deutsche  Juristenzeitung,  II.  Jahrgang  No.  15. 

Bibliographische  Zusammenstellungen  des  Bttrsenblatts  ftir  den  Deutschen  Buchhandel 
i897,  No.  ,74  u.  179.  Dr.  K.  Adler. 

Heiser,  Wilhelm,  ein  popular  gewordener  Liedercomponist,  *  am  15.  April 
181 6  zu  Berlin,  f  Anfang  September  1897  in  Friedenau  bei  Berlin,  begraben 
am  12.,  81  Jahre  alt.  —  Ein  Schtiler  Zelter's,  dann  Grell's.  Da  er  sich  als 
zwolfjahriger  Knabe  durch  eine  sehr  schone  Sopranstimme  auszeichnete  und 
dabei  eine  iiberraschende  Trefffertigkeit  der  schwierigsten  Intervalle  besass,  so 
wurde  er  als  Chorknabe  in  die  Konigliche  Oper,  sowie  in  den  kleinen  Ka- 
pellenchor  des  Konigs  Friedrich  Wilhelm  III.,  bestehend  aus  sechs  Knaben 
und  sechs  Mannern,  unter  Leitung  Zelter's  aufgenommen;  noch  im  Jahre  1830 
sang  er  in  der  Zauberflote  von  Mozart  eine  Parthie  der  drei  Genien.  H. 
widmete  sich  spater  ganz  der  Btihne  und  trat  in  Schwerin  und  Sondershausen 
auf,  verliess  aber  sehr  bald  die  Carrtere,  ging  nach  Stralsund  als  Gesanglehrer, 
1840  nach  Berlin  und  wurde  1852  nach  Rostock  als  Direktor  der  Akademie 
fur  Gesang  berufen,  kehrte  jedoch  schon  1853  nach  Berlin  zurlick,  um  eine 
ihm  von  Wieprecht  angebotene  Musikmeisterstelle  beim  Garde-FUsilier-Regiment 
zu  iibernehmen,  auch  erhielt  er  die  Direktion  des  Garnison-Kirchenchores. 
Nach  dem  Feldzuge  von  1866  nahm  er  seinen  Abschied  und  widmete  sich 
wieder  dem  Gesangsunterrichte  und  der  Composition.  Ausser  einigen  Tanzen 
und  Marschen  schrieb  er  zahlreiche  Lieder,  von  denen  einige  durch  ganz 
Deutschland  wanderten  und  sogar  in  Uebersetzungen  bis  nach  Frankreich, 
England  und  Schweden  gelangten.  Die  Verlagsverzeichnisse  zeigen  weit  tiber 
200  Opuszahlen  an.  Beliebt  waren  besonders  »Das  Grab  auf  der  Haide«, 
»Die  Thrane«,  »Zieht  im  Herbst  die  Lerche  forU  und  »Die  beiden  Grena- 
diere«.     Auch  ein  Liederspiel  wurde  in  Berlin  von  ihm  aufgefiihrt. 

Quellen:  von  Ledebur,  Berliner  Tonktinstler-Lexikon  und  Mendel-Reissmann's  Con- 
versation s-Lexikon.  *d  *u    T7W«^^ 

Kod.  .bitner. 


Hess.     Kahnt.     Kothe. 


123 


Hess,  Karl,  Kammervirtuose  an  der  Dresdener  Hofkapelle,  *  am  7.  Juli 
1840  in  Heddesheim,  zwischen  Mannheim  und  Heidelberg,  der  Sohn  eines 
badischen  Schullehrers,  f  am  2.  (?)  September  1897  zu  Dresden.  —  Schon 
frtih  zeigte  sich  seine  Veranlagung  zur  Musik  und  mit  sechs  Jahren  spielte 
er  vom  Blatt  und  componirte.  Um  1854  schickte  ihn  sein  Vater  in  die 
Musikschule  des  Hofraths  Schilling  nach  Stuttgart,  und  als  Schilling,  der  Ver- 
fasser  des  Conversations -Lexikon  ftir  Musik,  wegen  Wechselfalschung  nach 
Amerika  entwich,  besuchte  er  das  Stuttgarter  KSnigliche  Conservatorium  unter 
Faifst,  Pruckner  und  Speidel.  1861  stand  er  auf  eigenen  Ftissen  und  Hess 
sich  in  Dresden  als  Musiklehrer  nieder.  Er  war  ein  tlichtiger  Klaviervirtuose, 
der  nicht  nur  technisch  grosse  Vollkommenheit  zeigte,  sondern  auch  geistig 
tiefes  Eindringen  in  die  Composition  verrieth.  Zu  nennen  sind  besonders 
$eine  Trios  fur  Pianoforte,  Violine  und  Violoncello,  eine  Sonate  ftir  Piano- 
forte und  Violine,  Piecen  ftir's  Violoncell,  Klavierstticke,  ein-  und  mehrstim- 
mige  Lieder,  die  im  Druck  erschienen  und  einen  tlichligen  durchgebildeten 
Musiker  zeigen.  In  seinem  Nachlasse  finden  sich  zahlreiche  grossere  Werke 
ftir  Orchester  und  Chor,  die  keinen  Verleger  fanden,  darunter  eine  Sinfonie, 
OuvertUren  zu  Romeo  und  Julia  und  zum  Wintermarchen,  sowie  »Elfrieda« 
ftir  Soli,  Chor  und  Orchester.  Auch  als  thatiges  Mitglied  in  Vereinen  war  er 
ein  eifriger  Heifer,  wie  im  Verlage  der  freien  musikalischen  Vereinigung,  im 
Dresdener  Tonkiinstler-Vereine,  im  Wagner-Vereine.  In  den  letzten  Jahren 
war  er  auch  Lehrer  an  der  Rollfus'schen  Musik-Akademie. 

Quelle:  Berliner  Signale  1897,  273  mit  Portrftt. 

Rob.  Eitner. 

Kahnt,  Christian  Friedrich,  ein  bedeu  tender  Musik  verleger  und  Redak- 
teur  der  Neuen  Zeitschrift  ftir  Musik,  *  am  10.  Mai  1823  in  Leipzig,  f  am 
5.  Juni  1897  ebendaselbst.  —  K.  errichtete  am  2.  October  1851  in  Leipzig 
eine  Musikalien-Verlagshandlung  unter  der  Firma  C.  F.  Kahnt,  die  sich  neben 
gangbaren  Artikeln  besonders  durch  den  Verlag  Franz  Liszt'scher  Com- 
positionen  auszeichnete.  Als  Robert  Friese  den  Verlag  der  von  Robert  Schu- 
mann gegriindeten  Neuen  Zeitschrift  fur  Musik  abgab,  deren  Redaktion  nach 
Schumann  Franz  Brendel  iibernahm,  ging  die  Zeitung  in  Kahnt's  Verlag  liber, 
der  auch  nach  Brendel's  Tode  im  November  1868  die  Redaktion  selbst  leitete. 
Von  1863  bis  1868  gab  er  noch  eine  zweite  Musikzeitung  »Symphonia, 
Fliegende  Blatter  ftir  Musiker  und  Musikfreunde*  heraus.  Seit  Grtindung  des 
Allgemeinen  deutschen  Musikvereins  war  er  Direktorial-Mitglied  und  Kassirer 
desselben.  Am  1.  Juli  1886  verkaufte  |er  an  Oskar  Schwalm  sein  Geschaft 
nebst  der  Neuen  Zeitschrift  ftir  Musik,  die  nun  unter  des  letzteren  Redaktion 
erschien,  doch  schon  1888  ging  das  Geschaft  an  Dr.  Paul  Simon  tiber.  K. 
war  eine  liebenswtirdige  und  geachtete  Personlichkeit  und  hatte  sich  zur  Auf- 
gabe  gestellt,  besonders  junge  talentvolle  Componisten  zu  unterstlitzen.  Auch 
fiirstliche  Ehrenbezeugungen  blieben  nicht  aus:  als  Verleger  Liszt'scher  Com- 
positionen  ernannte  ihn  der  Grossherzog  von  Weimar  zum  Commissionsrath 
und  der  Fiirst  von  Schwarzburg-Sondershausen  zum  Hof-Musikalienhandler. 

Quellen:  Riemann's,  Schuberth's  und  Mendel-Reissmann's  Lexika. 

Rob.  Eitner. 

Kothe,  Bernhardt,  ein  praktisch  und  theoretisch  gebildeter  Musiker,  der 
sich    durch    seine   zahlreichen  Werke  einen  geachteten  Namen  erwarb,  *  am 


124 


Kotbe.     Hartmann. 


12.  Mai  1821  zu  Grobing,  Kreis  Leobschiitz  in  Schlesien,  jam  25.  Juli  1897 
zu  Breslau.  —  K.  kam  mit  16  Jahren  in's  Seminar  zu  Oberglogau,  um  sich 
als  Schullehrer  auszubilden  und  verliess  dasselbe  1840.  Zuerst  erhielt  er  eine 
Hilfslehrerstelle  in  Czarnovanz,  Kreis  Oppeln  und  wurde  darauf  am  1.  Juni 
1842  als  stadtischer  Lehrer  in  Oppeln  angestellt;  doch  die  Lust  zur  Musik 
drangte  ihn  zu  griindlicheren  Studien  und  mit  einem  kleinen  Stipendium  be- 
suchte  er  in  den  Jahren  1843 — 44  das  Konigliche  Kircheninstitut  zu  Berlin, 
sah  sich  aber  doch  gezwungen  wieder  eine  Lehrerstelle  anzunehmen,  bis  er 
eine  geeignete  Musikerstellung  erlangen  konnte.  Endlich  im  Jahre  1850  er- 
hielt er  die  Chordirigentenstelle  an  der  Pfarrkirche  zu  Oppeln  und  wurde 
zugleich  Gesanglehrer  am  Gymnasium.  Bald  darauf  griindete  er  einen  Zweig- 
verein  des  Regensburger  Cacilien-Vereins  fur  Schlesien  und  schrieb  das  Werk 
»Die  Musik  in  der  katholischen  Kirche«.  Obiger  Regensburger  Cacilienverein, 
unter  Franz  Witt's  Leitung,  hatte  sich  zur  Aufgabe  gestellt,  die  sehr  verwelt- 
lichte  Musik  in  der  katholischen  Kirche  in  bessere  Bahnen  zu  leiten.  Zum 
Behufe  dessen  bildete  er  den  Cacilienverein,  der  sich  nach  und  nach  tiber 
Europa  ausbreitete,  und  alle  tiichtigen  Elemente  wirkten  durch  Grlindung  von 
Zeitschriften,  miindliche  Vortrage,  Auffuhrungen  von  Musterwerken  und  An- 
fertigung  von  Verzeichnissen  derselben  in  anspruchsloser  Weise.  Auch  der 
Mannergesangverein  in  Oppeln  wahlte  K.  zum  Dirigenten,  und  diese  viel- 
seitige  Beschaftigung  beniitzte  er,  seinen  idealen  Grundsatzen  im  Publikum 
Eingang  zu  verschaffen.  Am  7.  November  1863  ernannte  ihn  das  Ministerium 
zum  Koniglichen  Musikdirektor  und  am  20.  Januar  1869  berief  es  ihn  zum 
Seminarlehrer  fiir  Musik  nach  Breslau.  Hier  wirkte  er  28  Jahre  und  hat 
redlich  gestrebt,  seine  Grundsatze  seinen  Schlilern  und  der  Welt  durch  viel- 
fache  Schriften  und  Compositionen  einzuimpfen.  Wie  sehr  dieselben  in  der 
Achtung  aller  Fachgenossen  standen,  beweisen  die  zahlreichen  Auflagen  seiner 
Werke.  Eine  Gesanglehre  fiir  Gymnasien  erreichte  zehn  Auflagen,  das  Vade- 
mecum  fiir  Gesanglehrer  drei,  die  Liedersammlung  »Kinderstrauss«  neun,  die 
Orgelschule  zwei,  das  Handbuch  fiir  Organisten  sechs,  der  Abriss  der  Musik- 
geschichte  fiinf,  die  kleine  Orgelbaulehre  fiinf,  und  die  Musica  sacra  vier 
Auflagen.  Ausserdem  erschienen  noch  zahlreiche  geistliche  Compositionen 
von  ihm. 

Quelle:  Privatnachrichten  und  Zeitungsreferate. 

Rob.  Eitner. 

Hartmann,  Karl  Alfred  Emanuel,  schweizerischer  Schriftsteller,  *  am 
1.  Januar  1814  in  Thunstetten  (Kanton  Bern),  f  am  10.  December  1897  in  Solo- 
thurn.  —  Sein  einem  Berner  Patriziergeschlecht  entstammender  Vater,  Sieg- 
mund  Emanuel  H.,  bewohnte  als  Landvogt,  spater  als  Oberamtmann  von 
Aarwangen,  das  Schloss  Thunstetten  in  der  Nahe  von  Langenthal;  seine 
Mutter,  in  erster  Ehe  mit  einem  Herrn  von  Graffenried  verheirathet,  war 
eine  geborne  Tscharner,  ebenfalls  aus  Bern.  Nachdem  Alfred  seine  Jugend- 
zeit  im  reizend  gelegenen  Thunstetten  verlebt  und  dann  zwei  Jahre  in  einem 
Erziehungsinstitut  in  Gottstatt  bei  Biel  zugebracht  hatte,  besuchte  er  von 
1827  bis  1 83 1  die  hoheren  Klassen  des  Gymnasiums  von  Solothurn,  wohin 
seine  Eltern  zu  bleibendem  Aufenthalt  iibergesieclelt  waren,  und  widmete  sich 
hierauf  von  1831  bis  1834  auf  den  Universitaten  von  Miinchen,  Heidelberg 
und  Berlin  rechtswissenschaftlichen,  im  folgenden  Jahre  in  Paris  litterarischen 
Studien.     Nachdem  er  1835  nach  Solothurn  zuriickgekehrt  war,    griindete  er 


Hartmann. 


"5 


sich  bald  einen  eigenen  Hausstand,  und,  da  er  an  der  praktischen  Austibung 
des  juristischen  Berufes  kein  Gefallen  fand,  ihm  seine  Verhaltnisse  auch  ge- 
statteten,  ganz  seinen  Neigungen  zu  leben,  fing  er  bald  an,  sich  mit  schrift- 
stellerischen  Arbeiten  zu  beschaftigen ,  denen  er  bis  in  sein  hohes  Alter  treu 
blieb.  Solothurn,  das  ihm  auch  durch  seine  Vermahlung  mit  einer  Tochter 
aus  angesehener  Familie  zur  zweiten  Heimath  geworden  war,  verliess  er  nur 
noch  vonibergehend,  um  auf  grosseren  und  kleineren  Reisen  neue  Eindrticke 
zu  sammeln  und  seinen  geistigen  Gesichtskreis  zu  erweitern.  —  H/s  erste 
litterarische  Unternehmung  war  »Der  Morgensternc,  eine  »Zeitschrift  fiir  Lit- 
teratur  und  Kritik,  herausgegeben  von  einer  litterarischen  GesellschafU,  die 
es  freilich  nicht  liber  den  ersten  Jahrgang  (1836,  Solothurn)  hinausbrachte. 
Neben  Beitragen  von  G.  Schlatter,  Franz  Knitter,  J.  J.  Reithard,  F.  PfeiflFer  u.  a., 
zu  denen  Martin  Disteli  sechs  Originalzeichnungen  lieferte,  enthalt  der  »Mor- 
genstern*  mehrere  Novellen  von  H.,  darunter  die  historische  Erzahlung  »Die 
Kronenfresser«,  ferner  einen  dramatischen  Versuch  »Der  Burgerlarm  in  Bern« 
und  mehrere  Gedichte.  Eine  zweite  Publication,  die  es  ebenfalls  nur  auf 
einen  Jahrgang  brachte,  war  die  »Alpina,  schweizerisches  Jahrbuch  ftir  schone 
Litteratur<c ,  die  im  Jahre  1841  von  H.,  F.  Kr  utter  und  G.Schlatter  heraus- 
gegeben wurde  (Solothurn,  Jent  und  Gassmann)  und  mit  Radierungen  von 
M.  Disteli  und  H.  Hess  geschmlickt  war.  Neben  den  drei  Herausgebern, 
unter  denen  H.  mit  zwei  Novellen  vertreten  ist,  hatten  auch  andere  Schrift- 
steller,  die  sich  zum  Theil  bereits  einen  bekannten  Namen  gemacht  hatten, 
wie  Rochholz,  Ettmuller,  A.  L.  Follen  und  Jeremias  Gotthelf  Beitrage  ge- 
steuert.  Von  langerem  Bestande  als  diese  beiden  sollte  die  dritte  Publication 
sein,  zu  der  sich  die  drei  Freunde  H.,  Krutter  und  Schlatter  von  neuem  ver- 
einigten,  das  Witzblatt  »Der  Postheiri«,  » Blatter  fiir  Gegenwart,  Oeffentlich- 
keit  und  Gefiihl*,  dessen  erste  Nummer  im  Juli  1845  erschien  und  der  von 
grosser  Bedeutung  fiir  das  offentliche  Leben  nicht  nur  im  Kanton  Solothurn, 
sondern  in  der  ganzen  Schweiz  geworden  ist.  Alles  was  von  Wichtigkeit  fiir 
die  schweizerische  Politik  war,  spiegelt  sich  in  humoristischer  Weise  im  »Post- 
heiru  wieder,  zu  dem  spater  Heinrich  Jenni  die  Illustrationen  lieferte  und  der 
auch  ausserhalb  der  Schweiz  bekannt  geworden  ist.  Dreissig  Jahre  lang  blieb 
H.  dem  »Postheiri«,  dessen  Hauptredaktor  er  von  Anfang  an  war,  treu,  und 
es  mag  ihm  oft  schwer  geworden  sein,  besonders  nachdem  die  treuen  Ge- 
nossen  Krutter  und  Schlatter  aus  dem  Leben  geschieden  waren  und  er  selbst 
das  sechzigste  Altersjahr  tiberschritten  hatte,  die  Spalten  des  Blattes  zu  fiillen. 
Am  25.  December  1875  erschien  die  letzte  Nummer,  in  der  H.  in  einem  seiner 
schonsten  Gedichte  von  seinen  Lesern  Abschied  nahm. 

Auch  an  dem  »Wochenblatt  fiir  Freunde  der  schftnen  Litteratur  und 
vaterlandischen  Geschichte«,  das  in  drei  Jahrgangen  von  1845  — 1847  in  Solo- 
thurn erschien  und  in  dem  das  durch  historische  Arbeiten  und  durch  zahl- 
reiche  zum  ersten  Male  abgedruckte  Urkunden  bekannte  » Solothurnische 
WochenblatU  (1810  — 1834)  wieder  aufleben  sollte,  betheiligte  sich  H.  mit 
novellistischen  Beitragen.  Daneben  redigierte  er  von  1847  — 1850  den  vom 
Landwirthschaftlichen  Verein  des  Kan  tons  Solothurn  herausgegebenen  »Neuen 
Bauernkalender«  und  korrespondirte  ziemlich  fleissig  in  die  »Allgemeine  Zei- 
tung«  und  in  das  Stuttgarter  »Morgenblatt  fiir  gebildete  Leser«,  in  das  er 
neben  politischen  Berichten  aus  der  Schweiz  auch  Reiseschilderungen  und 
Novellen  lieferte. 

Eine  erste  Sammlung  seiner  Erzahlungen  erschien  in  zwei  Biinden  in  den 


126  Hartmann. 

Jahren  1852  und  1854  bei  Jent  und  Reinert  in  Bern  unter  dem  Titel  »Kilt- 
abendgeschichten«.  Wie  schon  dieser  Titel  und  dann  auch  die  Ueberschriften 
der  einzelnen  Erzahlungen  (Karlidtirsen  Joggi's  Liseli,  Dursli  der  Auswan- 
derer,  Peterli  der  verlorene  Sohn  etc.)  errathen  lassen,  sind  es  Dorfgeschichten 
aus  der  Schweiz,  in  welchen  zum  Theil  auch  der  Dialekt  zur  Anwendung 
kommt  und  die  beweisen,  dass  der  Verfasser  ein  offenes  Auge  ftir  das  Leben 
des  Volkes  hat,  das  er  mit  humorvollem  Ernst  schildert.  »Der  Boden,  auf 
welchem  diese  Dorfgeschichten  gewachsen  sind,  sagt  H.  selbst  in  seinem 
Vorwort,  ist  der  sonnige  Stidabhang  des  Juragebirges.  Diese  Seppli  und 
Dursli,  diese  Liseli  und  Babeli,  gehoren  aile  der  Flora  des  Jura  an.  Sie 
wurzeln  in  warmem,  lockerem  Kalkgrund,  wahrend  Jeremias  Gotthelf's  Hans- 
joggeli,  Annebabi,  Madi  und  Uli  nur  auf  jenem  zahen  aber  fruchtbaren  Letten- 
boden  vorkommen,  der  sich  urn  die  Molassenhiigel  des  »Bernbiets«  abgelagert 
hat  und  welcher  das  Lebenselement  des  Bernerbauern  ist.«  Die  »Kiltabend- 
geschichten«,  denen  sich  zehn  Jahre  spater  eine  zweite  Folge  unter  dem  Titel 
»Erzahlungen  aus  der  Schweiz*  (Solothurn  1863)  anreihte,  enthalten  jeden- 
falls  einige  der  besten  Schopfungen  H.'s  und  sichern  ihm  einen  bleibenden 
ehrenvollen  Rang  unter  den  schweizerischen  Volkschriftstellern. 

Dazwischen  veroffendichte  er  im  Jahre  1858  den  helvetischen  Roman 
»Meister  Putsch  und  seine  Gesellen«  (Solothurn,  Jent  und  Gassmann)  und 
1861  »Junker  Hans  Jakob  vom  Staal«,  ein  Lebensbild  aus  dem  siebzehnten 
Jahrhundert  (Solothurn,  Scherer'sche  Buchhandlung).  Wahrend  im  erstge- 
nannten  grossern  Werke,  das  in  Bezug  auf  die  {Composition  nicht  zu  den  besten 
Schopfungen  H.'s  gehort,  aber  durch  die  Schilderung  der  politischen  Ereignisse 
der  vierziger  Jahre  stets  sein  grosses  Interesse  bewahren  wird,  der  Verfasser 
Dinge  erzahlt,  die  er  aus  eigener  Anschauung  kannte  und  miterlebt  hatte, 
berichtet  er  im  zweiten  in  behaglichem  Chronistenton,  gestlitzt  auf  schriftliche 
Aufzeichnungen  seines  Helden,  die  Erlebnisse  des  spatern  solothumischen 
Schultheissen  Hans  Jakob  vom  Staal  d.  J.  —  Dass  H.'s  Name  auch  in  Deutsch- 
land  bekannt  geworden  war,  beweist  der  Umstand,  dass  er  in  Otto  Janke  in 
Berlin,  dem  Herausgeber  der  »Deutschen  Romanzeitung«  einen  Verleger  fand, 
bei  dem  mehrere  seiner  Werke  erschienen  sind,  so  1865  der  historische  Ro- 
man » Junker  und  Blirger  oder  die  letzten  Tage  der  alten  EidgenossenschafU, 
in  dem  er  in  anschaulicher  Weise  und  gestlitzt  auf  eingehende  historische 
Forschungen  den  Kampf  zwischen  den  alten  Anschauungen  und  den  durch 
die  franzosische  Revolution  verbreiteten  Ideen  schildert.  H.  war  tiberhaupt 
ein  eifriger  Freund  der  Geschichte,  und  als  schonste  Frucht  seiner  Studien 
auf  diesem  Gebiete  erschienen  in  den  Jahren  1868  und  1871  die  beiden 
stattlichen  Foliobande  seiner  »Gallerie  bertihmter  Schweizer  der  Neuzeit«, 
mit  Bildern  von  F.  und  H.  Hasler  (Baden,  bei  Fr.  Hasler)  mit  100  Biographien 
hervorragender  Schweizer  meist  des  19.  Jahrhunderts,  auf  die  er  zum  Schluss 
in  einem  ordnenden  Riickblick  eine  kurze  Geschichte  der  Schweiz  seit  der 
Helvetik  folgen  liess.  Die  »Gallerie  bertihmter  Schweizer*  ist  ein  Werk  von 
bleibendem  Werthe,  auf  das  spatere  Historiker  gerne  zurtickgreifen  werden. 
Unter  den  Biographien  befindet  sich  auch  diejenige  des  Malers  Martin  Disteli, 
dem  er  schon  1861  das  Neujahrsblatt  des  Solothurner  Kunstvereins  gewidmet 
hatte.  Die  Arbeit,  welche  diese  Biographien  ihm  auferlegten,  liess  H.  wenig 
Musse  zu  dichterischem  Schaifen,  und  ausser  dem  Schauspiel  »Die  Limmat- 
schaferc,  das  er  unter  der  Bezeichnung  >ein  dramatischer  Versuch*  zuerst  im 
»Berner  Taschenbuch«  ftir  1870  erscheinen  liess,  dann  aber  unter  dem  Titel 


Hartmsmn. 


127 


»Ein  Pamphlet  vor  hundert  Jahren  oder  Lavater  und  seine  Freunde«  separat 
herausgab,  hat  er  in  dieser  Zeit  nichts  anderes  veroffentlicht  Um  so  rascher 
folgten  sich  einige  Jahre  spater  neue  Erzeugnisse  seiner  Erz£hlungskunst.  »Die 
Denkwtirdigkeiten  des  Kanzlers  Hory«  (Berlin  1876),  die  er  in  der  Erinnerung 
an  die  Sommerfrische  von  Combe- Varin  seinem  Freunde  Professor  E.  Dessor 
in  Neuenburg  widmete,  erzahlen  in  schlichter  aber  ergreifender  Weise  das 
tragische  Schicksal  des  im  17.  Jahrhundert  machtigen  und  einflussreichen 
Kanzlers  des  Flirstenthums  Neuenburg,  zur  Zeit  als  dasselbe  noch  unter  der 
Herrschaft  der  Prinzen  von  Longueville  stand.  Wie  mehrere  seiner  Dorf- 
geschichten  wurde  auch  dieser  Roman  von  Gustave  Revilliod  ins  franzosische 
tibersetzt  und  fand  in  dieser  Gestalt  viele  Leser  in  der  Westschweiz.  Schon 
ein  Jahr  spater  erschienen  die  »Schweizer-Novellen«  (Berlin  1877),  von  denen 
ich  die  am  meisten  bekannt  gewordene  Dorfgeschichte  »Die  Erbvettern  aut 
dem  Aspihofe«  erwahne  und  welchen  1879  »Neue  Schweizer  Novellen«  (Berlin) 
folgten,  unter  denen  sich  die  seither  wiederholt  gedruckte  Kiltabendgeschichte 
»Tanrtenbaum  und  Dattelpalme*  findet,  die  auch  ins  hollandische  tibersetzt 
worden  ist.  Nachdem  H.  im  namlichen  Jahre  noch  seinen  dreibandigen 
Roman  »Fortunat«  (Berlin  1879)  hatte  erscheinen  lassen,  welcher  das  Leben 
an  einem  deutschen  Fiirstenhofe  schildert  und  den  kr&ftigen  Erdgeruch  ver- 
missen  lasst,  der  seine  auf  heimathlichem  Boden  spielenden  Geschichten  aus- 
zeichnet,  veroffentlichte  er  1881  seinen  Volksroman  »Der  gerechte  Brannt- 
weinbrenner*  (Bern),  in  welchem  er  in  drastischer  Weise  die  »mit  der  Fusel- 
fabrikation  im  engsten  ursachlichen  Zusammenhang  stehende  ethische  und 
physische  Verkiimmerung  des  Volkes«  schildert  und  den  er,  sich  unter  ihre 
Fahne  stellend,  der  schweizerischen  gemeinnlitzigen  Gesellschaft  widmete.  Dass 
mit  dem  zunehmenden  Alter  die  poetische  Gestaltungskraft  H.'s  nicht  erlahmt 
war,  bewies  die  dreibandige  Novellensammlung  »Auf  Schweizererde«,  welche 
in  den  Jahren  1883  und  1885  in  Bern  erschien  und  in  der  sich  einige  vor- 
treffliche  Erzahlungen,  wie  der  »Wunderdoktor«  und  die  »Aufzeichnungen  des 
Bruders  Arsenius«  finden,  die  ihres  Lokalkolorits  wegen  allerdings  hauptsach- 
lich  flir  schweizerische  und  speciell  fiir  solothurnische  Leser  ein  besonderes 
Interesse  bieten.  Mit  der  1887  erschienenen  Kiltabendgeschichte  »Der  Linden- 
hofer«,  die  er  zuerst  in  der  von  Robert  Weber  herausgegebenen  Zeitschrift 
»  Helvetia*  (10.  Jahrgang)  veroffentlichte,  hatte  das  dichterische  Schaffen  H.'s 
sein  Ende  erreicht  und  er  durfte  sich  um  so  mehr  der  wohlverdienten  Ruhe 
hingeben,  als  sein  mlide  gewordener  Leib  von  schweren  Erkrankungen  heim- 
gesucht  wurde,  die  allmahlich  auch  seine  geistige  Kraft  erschlaffen  liessen.  Ef 
flihlte  das  selbst  und  schloss  im  Herbst  1887  seine  schriftstellerische  Thatigkeit 
mit  einem  Bandchen  »Reime«  ab,  mit  dem  er  seine  Freunde  beschenkte  und 
das  nicht  in  den  Buchhandel  gekommen  ist.  Er  stellte  darin  seine  zu  ver- 
schiedenen  Zeiten  und  zum  grossten  Theil  im  »Postheiri«  erschienenen  Ge- 
dichte  zusammen,  die  er  des  Aufbewahrens  werth  hielt,  und  indem  er  das 
Btichlein  seinen  acht  Enkelkindern  zueignete,  hinterliess  er  ihnen  ein  von 
seiner  treuen  Liebe  zeugendes  Verm£chtniss.  H.  hatte  sich  eines  glticklichen 
Familienlebens  erfreut,  das  allerdings  1876  durch  den  Tod  seines  einzigen 
Sohnes  Otto  und  1887  durch  den  Hinscheid  des  mit  der  einzigen  Tochter 
vermahlten  Schwiegersohnes  Ludwig  Glutz  getrtlbt  worden  war;  seine  Gattin 
ging  ihm  nur  wenige  Jahre  im  Tode  voraus.  —  Wenn  H.  im  dffentlichen 
politischen  Leben  auch  wenig  hervortrat,  betheiligte  er  sich  um  so  lebhafter 
an  den  geistigen  Bestrebungen  seiner  engeren  Heimath.    Ein  besonderes  Ver- 


128  Hartmann.     Krolop. 

dienst    erwarb    er    sich    durch   die   Leitiing  der  hauptsachlich   auf  seine  An- 

regung  hin  gegrtindeten   sog.   »T6pfergesellschafU  in  Solothurn,   die  sich  zur 

Aufgabe  gemacht  hat,  regelmassig  jeden  Winter  Hterarische  und  wissenschaft- 

liche  Vortrage  in   der  kleinen  Hauptstadt  des  Kan  tons    zu    veranstalten.     Er 

war  auch  stets  bereit,  sein  Talent  in  den  Dienst  der  Oeffentlichkeit  zu  stellen 

und  festliche  Anlasse  durch  seine  immer  willkommenen  poetischen  Gaben  zu 

verschonern.     Wenn  er  auch   durch  seine  Familientraditionen  mehr  der  con- 

servativen  Richtung  anzugehoren   schien,   war  er  doch  ein  Mann  von  ausge- 

sprochen  freisinnigem  Geiste,   der  seine  Zeit  verstand   und   an  alten  Einrich- 

tungen,  wenn  sie  berechtigten  modernen  Anschauungen  weichen  mussten,  nicht 

starr  festhielt.    Davon  geben  sowohl  seine  Novellen  und  Romane,  als  beson- 

ders  auch  seine  im  »Postheiri«  erschienenen  Gedichte  Zeugniss,    die   er  zum 

Theil  in   seine   »Reime«  aufgenommen   hat.     Als  Schrifsteller  nimmt  H.  eine 

ehrenvolle  Stellung  in  der  Geschichte  der  deutschen  Literatur  in  der  Schweiz 

ein.     Seine  Bedeutung  beruht  weniger  auf  seinen  grosseren  Romanen,  denen 

es  an  consequenter  Durchftihrung  des  Planes  und  scharfer  Charakteristik  der 

Hauptfiguren   fehlt,    als   vielmehr  auf  seinen  Dorfgeschichten,    in   weichen  er 

sich   als   vortrefflichen   Schilderer    des    schweizerischen  Volkslebens    bewiesen 

hat,  der  die  realistische  Darstellung  durch  einen  gesunden  Humor  und  durch 

die  sittliche  Tendenz,  die  ihr  zu  Grunde  liegt,    in  glticklicher  Weise  zu  mil- 

dern  verstand. 

Weber,  Die  poetische  National! iterator  der  deutschen  Schweiz,  3.  Band  (Glarus  1867). 

—  Solothurner  Tagblatt  1897,  No.  288  —  290.  —  Oltner  Tagblatt  1897,   No.  289.   —  Lu- 

zerner  »Vaterland«   1897,  No.  283— 285.  w     *-••    • 

J         D  M.    Gisi. 

Krolop,  Franz,  ein  ausgezeichneter  Biihnensanger  (Bassist)  an  der  Konig- 
lichen  Oper  zu  Berlin,  *  im  September  1839  2U  TroJa  *n  Bohmen,  f  am 
30.  Mai  1897  zu  Berlin,  58  Jahre  alt.  —  K.  studirte  in  Prag  Jura  und  be- 
gann  seine  Carriere  als  Armeeauditor.  Seine  prachtige  Bassstimme  bestimmte 
ihn  dieselbe  auszubilden;  er  ging  1861  zum  Behufe  dessen  nach  Wien,  um 
unter  Richard  Levy  Gesangsstudien  zu  machen.  1863  trat  er  zu  Troppau 
als  Ernani  auf  und  entwickelte  sich  seitdem  zu  einem  der  angesehensten 
Bassisten.  Seine  erste  Anstellung  erfolgte  in  Troppau,  er  ging  dann  nach 
Linz,  Bremen  und  Leipzig,  bis  er  im  Jahre  1872  eine  Zierde  der  Berliner 
Hofoper  wurde.  Hier  war  er  im  ernsten,  wie  komischen  Fache  gleich  vor- 
trefflich.  Er  sang  im  Don  Juan  den  Gouverneur,  im  Figaro  den  Leporello 
und  Masetto,  in  der  Zauberflote  den  Papageno,  im  Postilion  den  Bijou  und 
den  Bombardon  im  Goldenen  Kreuz.  Den  grossten  Erfolg  erreichte  er  in 
Bizet's  Carmen,  in  dem  er  den  Escamillo  sang  und  sein  Verdienst  war  es  zum 
Theil,  dass  die  Oper  so  zugkraftig  wurde  und  unzahlige  Wiederholungen  er- 
lebte.  Verdient  gemacht  hat  er  sich  besonders  auch  um  die  Genossenschaft 
deutscher  Buhnenangehdriger,  sowohl  als  Vorstandsmitglied,  wie  als  praktischer 
Forderer  der  damit  verbundenen  Pensionsanstalt.  1868  verheirathete  er  sich 
mit  der  bekannten  Sangerin  von  Voggenhuber,  die  ihm  aber  1888  durch  den 
Tod  entrissen  wurde,  worauf  er  sich  zum  zweiten  Male  verheirathete.  Eine 
Darmfistel,  die  ihm  grosse  Schmerzen  bereitete,  musste  durch  einen  operativen 
Eingriff  entfernt  werden.  Standhaft  und  heiteren  Muthes  tiberstand  er  die 
Operation,  starb  aber  nach  zwei  Tagen  an  den  Folgen  derselben. 

Quelle:  Deutsche  Btihnen-Genossenschaft,  Theater-Almanach  derselben  Genossenschaft 
und  Riemann's  Lexikon. 

Rob.  Eitner. 


Fischer.  129 

Fischer,  Johann  Georg,  Dichter,  *  am  25.  October  181 6  im  Marktflecken 
Grosssussen  a.  d.  Fils  (wtirttembergisches  Oberamt  Geislingen),  f  am  4.  Mai 
1897  zu  Stuttgart.  —  F.  entstammte  einer  landlichen  Handwerkerfamilie :  sein 
Grossvater  war  Weber,  sein  Vater  Zimmermann.  Von  letzterem,  den  ein 
sinniges  Wesen,  Streberi  nach  Htfherem  und  grosse  Freude  an  der  Natur  aus- 
zeichneten,  scheint  die  poetische  Begabung  des  Sohnes  eher  herzurtihren,  als 
von  der  Mutter,  Katharina  Cramer,  die  tibrigens  als  wackere  Frau  geschildert 
wird.  F.  wuchs  in  den  bescheidensten  Verhaltnissen  auf,  mit  ihm  ein  um 
drei  Jahre  jttngerer  Bruder,  Jakob,  der  in  den  sechziger  Jahren  zu  Paris  ver- 
storben  ist.  Friihzeitig  verlor  der  Knabe  den  Vater.  Da  er  in  der  Dorf- 
schule  sich  hervorthat,  wurde  er  zum  Schullehrer  bestimmt  und  trat  1831  in 
das  Esslinger  Seminar  ein.  Nach  absolvirtem  Provisorsexamen  amtete  er  als 
Schulgehilfe  in  Neckarhausen  (Oberamt  Nlirtingen)  vom  December  1833  bis 
Juli  1836,  in  Ettlenschiess  (Oberamt  Ulm)  bis  November  1837,  in  Mehrstetten 
(Oberamt  Miinsingen)  bis  December  1838,  in  Eningen  (Oberamt  Reutlingen) 
bis  November  1840.  Dann  erstand  er  die  Schulpriifung  und  erhielt  alsbald 
die  Stelle  eines  Unterlehrers  in  Bernstadt  (Oberamt  Ulm).  Hier  verlobte  er 
sich  mit  der  181 1  geborenen  Auguste  Neubert,  einer  der  vielen  Tochter  des 
Ortspfarrers,  Diese  Verbindung,  die  ihn  in  eine  andere  Gesellschaftssphare 
hob,  brachte  den  Entschluss  in  ihm  zur  Reife,  zum  hoheren  Schulfach  tiber- 
zugehen.  Er  besuchte  vom  Herbst  1841  bis  zum  Frtihjahr  1843  das  Real- 
lehrerseminar  in  Tiibingen.  Trotz  ausdauerndem  Fleiss,  trotz  den  beschrank- 
testen  Mitteln  ermoglichte  er  es  dennoch,  am  Studentenleben  einigen  Antheil 
zu  nehmen.  Unter  seinen  Lehrern  befanden  sich  Friedrich  Theodor  Vischer 
und  Adelbert  Keller;  mit  beiden  blieb  er  auch  spater  in  Verkehr.  December 
1843  unterzog  er  sich  der  Reallehrerprtifung  mit  Erfolg.  Er  wurde  nun  der 
Reihe  nach  als  Unterlehrer  an  der  Mittelschule  in  Langenau  bei  Ulm,  als 
Vikar  an  der  Ulmer  Realschule  und  als  Elementarlehrer  in  Stuttgart  verwendet. 
Anfang  1848  erhielt  er  die  zweite  Klasse  der  hauptstadtischen  Elementarschule 
definitiv  ttbertragen.  Am  25.  April  desselben  Jahres  konnte  endlich  nach 
siebenjahriger  Verlobung  Hochzeit  in  Bernstadt  gefeiert  werden.  Da  seine 
okonomische  Lage  ihn  nothigte,  auf  Nebeneinkiinfte  bedacht  zu  sein,  ertheilte 
er  von  1847  bis  1857  Singstunden  an  dem  Gymnasium  und  der  Realschule, 
sowie  seit  1853  Unterricht  in  deutscher  Sprache  und  Literatur  an  der  kauf- 
mannischen  Fortbildungsschule.  1857  erwarb  er  sich  den  Doktorgrad  bei  der 
philosophischen  Fakultat  in  Tubingen.  Im  folgenden  Jahre  wurde  er  zum 
Vorstand  der  Elementarschule  mit  dem  Titel  eines  Schulinspektors  ernannt; 
sein  Avancement  hatte  sich  ungebiihrlich  lange  verzogert,  weil  er  infolge  seiner 
politischen  Haltung  bei  Konig  Wilhelm  I.  von  Wlirttemberg  missliebig  ge- 
worden  war.  1859  erhielt  er  zugleich  die  Leitung  der  Fortbildungsschule, 
die  er  bis  1872  beibehielt.  1861  tibernahm  er  einen  Lehrauftrag  fiir  deutsche 
Sprache,  Geschichte  und  Geographie  an  der  oberen  Stuttgarter  Realschule 
und  trat  Jahrs  darauf  als  Professor  in  diesen  seinen  Fahigkeiten  und  Neigungen 
zusagenden  Wirkungskreis  definitiv  ein,  noch  bis  1866  die  Vorstandschaft  der 
Elementarschule  damit  vereinigend.  Am  15.  Juni  1867  wurde  F.'s  gltickliche 
Ehe,  der  ein  einziges  Kind,  der  gegenwartig  als  Professor  an  der  Tlibinger 
Hochschule  wirkende  Germanist  und  Literarhistoriker  Hermann  Fischer,  ent- 
sprossen  ist,  durch  den  Tod  der  Gattin  getrennt.  Die  Einsamkeit  und  Oede 
des  Hauses  war  fiir  F.  vollends  unertraglich,  seitdem  der  Sohn  im  Seminar 
untergebracht  worden  war,  und  so  entschloss  er  sich  zu  einem  neuen  Bunde. 

Biogr.  Jabrb.  u.  Deatscber  Nekrolog,    2.  Eld.  q 


I  *0  Fischer. 

Seine  Wahl  fiel  auf  die  fiinfundzwanzigjahrige  Bertha  Feucht,  WirthstSchterlein 
aus  Marbach,  wohin  ihn  damals  die  Bemiihungen  flir  das  dortige  Schiller- 
denkmal  ofters  fiihrten.  Am  15.  Februar  1870  fand  die  Hochzeit  in  Marbach 
statt.  Die  junge  Frau  brachte  wieder  Sonnenschein  in  das  Haus,  das  sich 
bald  mit  froher  Jugend  belebte:  zwei  Knaben,  von  denen  der  al teste  freilich 
schon  siebenjahrig  starb,  und  einer  Tochter.  1885  trat  F.  in  den  Ruhestand, 
als  ein  rustiger  und  ungebeugter  Greis,  der  nach  redlich  vollbrachter  Lebens- 
arbeit  sich  noch  manchen  schonen  Tages  freuen  durfte.  Einen  schweren 
Schlag  versetzte  ihm  der  Verlust  der  zweiten  Gattin  am  14.  August  1890;  in 
der  Sammlung  »Auf  dem  Heimweg*  hat  er  »der  Rose  von  Marbach «  einen 
wtirdigen  »Todtenkranz<c  gewunden.  Die  Tochter  pflegte  fortan  den  Vater, 
bis  sie  sich  1894  in  Stuttgart  verheirathete.  1893  hatte  F.  eine  gefahrliche 
Lungenentziindung  durchzumachen,  von  der  er  sich  jedoch  vollstandig  erholte. 
Ende  April  1897  befiel  ihn  infolge  einer  Erkaltung  abermals  eine  leichte  Ent- 
zundung  der  Lungen,  die  ganz  unerwartet  zu  einem  sanften  und  schmerzlosen 
Ende  fiihrte.  Am  Abend  des  6.  Mai  fand  auf  dem  Pragfriedhofe  das  Be- 
grabniss  unter  grossartiger  Betheiligung  der  hoheren  Gesellschaftskreise  sowie 
der  Btirgerschaft  Stuttgarts  statt,  und  schon  sind  Vorbereitungen  ftir  ein  Denk- 
mal  im  Gange,  das  dem  Dichter  in  der  wtirttembergischen  Hauptstadt  gesetzt 
werden  soil. 

F.  gehorte  zu  den  M&nnern,  welchen  offentliche  Wirksamkeit,  Qffentliche 
Anerkennung  ein  Bediirfniss  ist.  Beides  fand  er  wahrend  seines  fiinfzigjahrigen 
Stuttgarter  Aufenthaltes  in  reichstem  Maasse.  Weiteren  Kreisen  wurde  er 
namentlich  durch  seine  Beziehungen  zum  Liederkranze  bekannt,  dem  er  lange 
Jahre  als  Sanger,  seit  1865  als  Ehrenmitglied  angehorte  und  auf's  bereit- 
willigste  seine  poetischen  und  oratorischen  Talente  zur  Verfiigung  stellte.  Bei 
dem  vom  Liederkranz  alljahrlich  an  Schiller's  Todestag  veranstalteten  Maien- 
Volksfest  hielt  er  zwischen  1849  un4  ^93  nicht  weniger  als  einundzwanzig 
Mal  die  Festrede,  den  von  ihm  vergotterten  Dichter  in  alien  Tonarten  mit 
sich  gleich  bleibender  Begeisterung  preisend.  Auch  sonst  machte  er  sich 
die  Verherrlichung  Schiller's,  mit  dessen  Werken  er  aufs  innigste  vertraut 
war,  zur  Aufgabe.  Zum  grossen  Schillerfest  im  Jahre  1859  verfasste  er  eine 
von  Kticken  componirte  Cantate  und  trat  als  Festredner  im  Reithause  sowie 
zur  Emweihung  des  Marbacher  Schillerhauses  auf.  Ebenso  weihte  er  am 
9.  Mai  1876  das  Marbacher  Denkmal  durch  Rede  und  Cantate  ein.  Eifrig 
wirkte  er  ftir  die  Grtindung  der  allgemeinen  Schillerstiftung,  in  deren  Ver- 
waltungsrath  er  eine  Zeit  lang  sass,  und  noch  in  seinen  letzten  Lebensjahren 
gehorte  er  dem  Ausschusse  des  neu  gestifteten  Schwabischen  Schillervereines 
an.  Er  betheiligte  sich  ferner  an  der  Redaktion  von  Auswahlen  aus  Schiller's 
Gedichten  und  Prosa'  ftir  die  Jugend  und  besorgte  1877  die  illustrirte  Hall- 
bergersche  Schillerausgabe.  Desgleichen  nahm  er  sich  anderer  schwabischer 
Dichter  mit  sorgender  Liebe  an.  So  bemiihte  er  sich  um  ein  Grabmal  flir 
den  frtih  in  Rom  verstorbenen  Wilhelm  Waiblinger,  bereitete  Holderlin,  den 
er  wahrend  seines  Ttibinger  Aufenthaltes  mit  inniger  Theilnahme  gesehen 
hatte,  dem  von  ihm  aufs  hochste  verehrten  Uhland,  Justinus  Kerner,  dessen 
Gast  er  hin  und  wider  in  Weinsberg  war,  Morike,  zu  dem  er  sich  besonders 
hingezogen  ftihlte,  als  Redner  und  Poet  Huldigungen,  feierte  zahlreiche  Freunde 
und  Manner  offentlichen  Wirkens  bei  festlichen  Anlassen  oder  an  ihrem  Grabe. 
Das  Jahr  1848  brachte  ihn  mit  der  Politik  in  Verbindung.  Er  betheiligte 
sich  am  Volksverein,  trat  bei  der  Stuttgarter  Btirgerwehr  ein  und  brachte  es 


Fischer.  Iji 

zum  Lieutenant,  trug  da  und  dort  patriotische  Gedichte  vor.  Uebrigens  war 
er  zu  sehr  Geftihlsmensch,  um  zum  aktiven  Politiker  geschaffen  zu  sein.  Ohne 
fernerhin  in  die  Zeitbewegungen  mithandelnd  einzugreifen,  verfolgte  er  doch 
alle  Ereignisse  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  und  begleitete  sie  vielfach  mit 
poetischen  Aeusserungen.  Als  echter  Stiddeutscher  sympathisirte  er  urspriing- 
lich  mehr  mit  Oesterreich  als  mit  Preussen  und  blieb  bis  1 866  in  der  Haupt- 
sache  Grossdeutscher.  Dann  wandelte  er  sich  zum  begeisterten  Verehrer  Bis- 
marck's, zum  warmen  Anhanger  des  neuen  Reiches  um.  Im  geistigen  Leben 
Stuttgarts  spielte  F.  eine  bedeutende  Rolle.  Er  war  in  gelehrten  und  litera- 
rischen,  ktinstlerischen  und  Theaterkreisen  zuhause.  Zahlreichen  Vereinen  und 
Gesellschaften  gehorte  er  als  Mitglied  oder  als  Ehrenmitglied  an.  Doch  nicht 
in  solchen  lag  fiir  ihn  der  Schwerpunkt  der  Geselligkeit,  vielmehr  im  zwang- 
losen  Verkehre  mit  geistig  angeregten  und  anregenden  Mannern.  Er  pflegte 
regelmassig  Abends  eine  Weinstube  zu  besuchen,  gehfirte  lange  Jahre  einem 
kleinen  literarischen  Kranzchen  an,  das  sich  Sonntag  Nachmittags  von  14  zu 
14  Tagen  versammelte.  In  erster  Linie  standen  natiirlich  seine  Dichterfreund- 
schaften,  besonders  die  mit  Morike,  Notter,  Gustav  Pfizer,  Schonhardt,  Frei- 
ligrath  u.  s.  w.  Auch  manches  jtingere  Talent  hat  er  bereitwillig  gefordert 
und  durch  freundliche  Zuvorkommenheit  an  sich  gekntipft.  Sein  60.,  70.  und 
80.  Geburtstag  wurde  mit  steigenden  Ehren  gefeiert,  der  letzte  nicht  bloss 
von  Seiten  seiner  engeren  Heimat,  sondern  von  der  literarischen  Welt  des 
gesammten  deutschen  Vaterlands.  Es  gereichte  ihm  zur  besonderen  Genug- 
thuung,  dass  sich  allmahlich  sein  Dichterruhm  auch  tiber  den  deutschen  Nor- 
den  ausbreitete.  An  ausserer  Anerkennung  fehlte  es  ihm  uberhaupt  nicht:  er 
besass  mehrere  Orden  und  war  unter  anderem  Ehrendoktor  der  naturwissen- 
schaftlichen  Fakult&t  in  Tubingen,  Meister  des  freien  deutschen  Hochstiftes  in 
Frankfurt,  Mitglied  des  Pegnesischen  Blumenordens,  Ehrenbiirger  von  Marbach 
und  Grosssiissen.  Seine  Ansprtiche  an  Lebensgenuss  beschrankten  sich  auf 
ein  bescheidenes  Maass.  Er  war  ein  riistiger  Fussganger,  reiste  gern  im 
Schwabenlande  herum,  besuchte  wohl  auch  dann  und  wann  fremde  Lender 
und  Grossst&dte.  Eine  innige  Liebe  zur  Natur  durchzog  sein  ganzes  Leben. 
Auf  dem  Lande  war  er  ja  aufgewachsen,  hatte  von  Jugend  an  mit  der  Natur 
vertrauten  Verkehr  gepflogen  und  sich  mit  alien  Vorgangen  im  Naturleben 
aufs  genaueste  bekannt  gemacht,  wobei  ihn  eine  seltene  Scharfe  der  Sinnes- 
organe  unterstiitzte.  Blumen  und  Pflanzen  und  Singvogel  waren  seine  haupt- 
sachliche  Liebhaberei.  Sein  ganzes  Haus  war  mit  blUhenden  und  griinenden 
Gew&chsen  ausgeschmtickt,  in  deren  Pflege  es  ihm  kein  gelernter  Gartner  zu- 
vorthat.  Ebenso  kamen  ihm  in  der  Kenntniss  der  einheimischen  Singvogel 
nur  wenige  gleich. 

Als  Dichter  ist  F.  erstmals  im  22.  Lebensjahre  mit  einer  ziemlich  un- 
selbstandigen,  noch  wenig  asthetische  Bildung  und  Geschmack  verrathenden 
Sammlung  »Gedichte«  (MUnsingen,  bei  Johannes  Hohloch,  1838)  hervor- 
getreten.  Auf  einer  nicht  viel  hoheren  Stufe  stehen  die  drei  Jahre  spater 
gedruckten  »Dichtungen«  (Stuttgart,  bei  Griesinger  &  Comp.,  1841),  worin 
die  Form,  namentlich  der  Reim,  noch  immer  ausserst  mangelhaft  gehandhabt 
ist.  F.  selbst  hat  spater  an  diesen  beiden  vorzeitigen  VerOfTentlichungen 
wenig  Freude  gehabt.  Geraume  Zeit  schwieg  nun  seine  Muse:  es  kamen  die 
Jahre  der  inneren  Sammlung,  der  hoheren  Ausbildung.  1851  trat  er  wieder 
als  ein  anderer,  Gereifterer  auf  den  Plan,  zunachst  mit  einzelnen  Gedichten 
im  Morgenblatte,    dessen    eifriger  Mitarbeiter    er    fortan  blieb,    bald  auch  in 

9* 


Ij2  Fischer. 

Prutz'  Deutschem  Museum  und  anderen  Zeitschriften.  1854  erschien  (Stutt- 
gart und  Tubingen,  bei  J.  G.  Cotta)  eine  neue  Sammlung  »Gedichte«,  die  F. 
bereits  auf  der  Hohe  seines  Konnens  zeigt  und  seinen  Ruf  begrlindet  hat. 
Sie  wurde,  jedesmal  stark  vermehrt,  1858  und  1883  neu  aufgelegt.  Da  die 
letzte  Ausgabe  auch  aus  anderen  Sammlungen  des  Dichters  vervollstandigt 
ist,  gewahrt  sie  einen  guten  Ueberblick  liber  sein  gesammtes  poetisches 
Schaffen.  Ausserdem  verdffentlichte  er  folgende  Gedichtbticher:  »Neue  Ge- 
dichte*  (Stuttgart,  bei  J.  G.  Cotta,  1865),  »Den  deutschen  Frauen«  (ebenda 
1869),  »Drei  Kameraderu  (Stuttgart,  bei  A.  Kroner,  1870)  in  Gemeinschaft 
mit  F.  Lowe  und  K.  Schonhardt,  »Aus  frischer  Luft«  (Stuttgart,  bei  Karl 
Gruninger,  1872),  »Neue  Lieder*  (Stuttgart,  bei  J.  B.  Metzler,  1876),  »  Merlin* 
(Stuttgart  und  Leipzig,  bei  Eduard  Hallberger,  1877),  ein  der  Universitat 
Tubingen  zu  ihrem  vierhundertjahrigen  Stiftungsfeste  gewidmeter  Liedercyklus, 
»Der  Gliickliche  Knecht«  (Stuttgart,  bei  Adolf  Bonz  &  Comp.,  1881),  ein  Idyll 
in  neun  Gesangen,  »Auf  dem  Heimweg«  (Stuttgart,  bei  J.  G.  Cotta,  1891), 
»Mit  achtzig  Jahren«  (ebenda,  1896).  In  die  sechziger  Jahre  fallt  F.'s  kurze 
dramatische  Thatigkeit.  In  rascher  Folge  erschienen  vier  Trauerspiele  im 
Buchhandel:  1862  »Saul«,  1863  »  Friedrich  der  Zweite  von  Hohenstaufen«, 
1866  »Florian  Geyer  der  Volksheld  im  deutschen  Bauernkrieg«,  1868  »  Kaiser 
Maximilian  von  Mexiko*  (die  drei  ersten  bei  J.  G.  Cotta,  das  vierte  bei 
Franckh  in  Stuttgart).  Nur  Saul  und  Friedrich  II.  gingen  iiber  die  Bretter. 
Ersteres  Drama  wurde  1862/63  dreimal,  letzteres  1864  zweimal  und  1867/69 
dreimal  in  Stuttgart  dargestellt,  Friedrich  II.  ausserdem  noch  1862/63  drei- 
mal am  Weimarer  Hoftheater.  F.  setzte  seine  ganze  Kraft,  seinen  ganzen 
Ehrgeiz  daran,  auch  auf  diesem  Gebiete  Grosses  zu  leisten.  Er  selbst  wie 
seine  beiden  Freunde,  der  Dichter  und  Heldenspieler  Feodor  L6we  und  der 
beriihmte  Charakterdars teller  Karl  Grunert,  gaben  sich  bei  der  Einstudirung 
auf  der  Stuttgarter  Hofbuhne  alle  Miihe.  Es  fehlte  bei  den  Aufluhrungen 
auch  nicht  an  ausserem  Erfolg,  aber  die  nachhaltige  Wirkung  blieb  aus,  und 
tief  schmerzte  den  Dichter  diese  getauschte  Hoffnung.  Noch  bis  in  das 
hochste  Alter  hinein  that  es  ihm  wohl,  wenn  man  seiner  dramatischen  Schd- 
pfungen  rtihmend  gedachte.  F.'s  Prosaschriftstellerei  beschrankte  sich  auf  ein 
feines  naturpsychologisches  Schriftchen  »Aus  dem  Leben  der  V6gel«  (Leipzig, 
bei  Friedrich  Brandstetter,  1863)  und  auf  Aufsatze  und  Kritiken  meist  litera- 
rischen  Inhalts  ftlr  Journale,  wie  das  Morgenblatt,  die  Allgemeine  Zeitung,  den 
Schwabischen  Merkur,  den  Staats-Anzeiger  ftir  Wiirttemberg.  Was  er  vor- 
brachte,  hatte  stets  Gehalt  und  Charakter,  aber  ein  Meister  im  Prosastile  war 
er  keineswegs. 

F.  gilt  mit  Recht  als  der  letzte  bedeutende  Vertreter  der  guten  schwa- 
bischen Dichtertradition.  Wie  ein  gewal tiger  Fels  ragte  er  als  Wahrzeichen 
der  grossen  klassisch-romantischen  Vergangenheit  in  die  vom  Naturalismus 
iiberfluthete  Gegenwart  herein.  Die  modernsten  Bestrebungen  waxen  ihm  in 
der  Seele  zuwider,  und  es  krankte  ihn  tief,  dass  sie  den  Geschmack  des 
Publikums  beherrschten,  dass  die  idealistischen  Poeten  durch  jene  Helden  der 
Mode  zuriickgedrangt  wurden.  Ueber  seinem  eigenen  Dichterrufe  wachte  er 
eifersiichtig,  und  (iber  Tadel  oder  mehr  noch  liber  Zurticksetzung  wurde  er 
leicht  empfindlich.  Man  konnte  ihn  wohl  klagen  horen,  dass  die  Alten  tiber 
den  Jungen  vernachlassigt  werden;  gelegentlich  hat  er  auch  der  Meinung 
Ausdruck  verliehen,  dass  das  Schwabenthum  fur  Ausbreitung  des  Ruhms  ein 
Hinderniss   bilde   (vergl.  »Hermann  Kurz«    in  »Auf  dem  Heimweg«  S.  180), 


Fischer,  j  33 

Aber  zu  Concessioner!  Hess  er  sich,  so  sehr  es  ihm  um  Anerkennung  zu  thun 
war,  nicht  herbei,   und  Rticksicht  auf  den  Beifall  der  Menge  bestimmte  sein 
Dichten  niemals.     Sein  Ziel  war  die  Verkorperung  von  Ideen,  und  der  Flug, 
den  sein  Geist  nahm,  ftihrte  empor  zu  den  reinsten  Hohen  des  Lichtes.    Nicht 
umsonst    hatte    sein  Abgott    von  Jugend    auf  Schiller    geheissen.     Die   ganze 
Denkart    und  Lebensauffassung  F.'s    steht    unter    dem  Zeichen  dieses  grossen 
idealistischen  Dichters.     Doch  es  handelt  sich  dabei  nur  um  eine  allgemeine 
geistige  Beeinflussung:    in    seiner    reifen  Lyrik   hat  sich  F.  von  Schiller  sehr 
weit  entfernt.    Da  berilhrt  er  sich  naher  mit  Goethe,  Holderlin,  Morike.    Aber 
es  kann  immer  nur  von  Beriihrungspunkten  die  Rede  isein.    Denn  was  seiner 
Lyrik    eben    ihren    besonderen  Werth    verleiht,    ist  ihr  durchaus  eigenartiges 
Geprage.     Schon   langst  hat  man  erkannt,  dass  nichts  ftir  ihn  bezeichnender 
sei,  als  die  inbiiinstige  Liebe  zur  Natur  und  zum  Weib  und  das  geheimniss- 
volle,    fast    mystische  Ineinanderfliessen    dieser   beiden  Gefuhle.     Seit    seiner 
Kindheit    hat    er    die  Natur  beobachtet,    belauscht,  sich  in  sie  versenkt,  und 
zum  Danke  dafiir  hat  sie  ihm  ihr  Vertrauen  geschenkt,  wie  wenigen,  ihm  die 
tiefsten  Blicke  in  ihr  geheimstes  Walten  gestattet.    Alles  erscheint  ihm  wichtig 
an    ihr,    das  Kleine  so  gut  wie  das  Grosse.     Er  preist  nicht  bloss  die  Herr- 
lichkeiten  der  Sonne,    die  schauerliche  Schonheit  von  Sturm  und  Wetter,    er 
gewinnt  auch   den  Lebensausserungen  jeder  Pflanze,  jedes  Vogels  Bedeutung 
ab,  findet  zum  Murmeln  des  Baches,  zum  Wehen  des  Windes,  zum  Rauschen 
des   Baumes   in   seinem  Inneren   die  richtige  Melodie.     Nicht    minder    innig 
ist  sein  Verhaltniss  zum  Weibe.    Schon  als  DorfschUler  hatte  er  sich,  wie  sein 
Sohn,    also    gewiss    ein    glaubwiirdiger  Zeuge,  berichtet,  in  eine  Mitschulerin 
verliebt,  und  bis  zuletzt  blieb  er  diesem  unwiderstehlichen  Zuge  zum  anderen 
Geschlechte  treu:  hat  er  doch  noch  »mit  achtzig  Jahren«  erotische  »Herzens- 
gesprache*  gehalten.    In  endlosen  Variationen  malt  er  stufenweise  alle  Wonnen 
des  Liebeslebens  von  dem  ersten  siissen  Ahnen  bis  zum  vOlligen  Ineinander- 
fliessen  der  Seelen.     Doch   weder  der  Natur  noch  der  Liebe  gegentiber  ver- 
halt  er  sich  nur  ktihl  beobachtend,  leidenschaftslos  schildernd.    Er  giebt  sich 
vielmehr  seinen  Empfindungen  und  Stimmungen  mit  der  raschen  Begeisterung 
eines  erregbaren  Temperaments  und  mit  der  nachhaltigen  Kraft  einer  starken 
Seele  hin.    Frische,  gesunde  Lebenslust  ist  ein  Grundzug  seines  Wesens.    Wohl 
sind  auch  ftir  ihn  die  Zeiten  gekommen,  da  er  sich  in  dtisteres  Grtlbeln  ver- 
loren    hat,    wohl    haben    auch    ihm  schwere  Verluste,  wie  die  seiner  beiden 
Auserkorenen,  elegische  Klange  entlockt:  aber  das  warenKrisen,  die  vorliber- 
gingen,  die  Freude  am  Dasein  kehrte  ihm,  der  vom  Pessimismus  nichts  wusste 
und    nichts    wissen    wollte,    immer    wieder.     Der  vorherrschende  Ton    seiner 
Poesie  ist  darum  ein  dithyrambisch  jauchzender,  ihm  ist  die  Zwiesprache  mit 
der  Muse  ein  Zustand  der  Ekstase,  der  gottlichen  Trunkenheit.    Dennoch  hat 
die  Begeisterung  ihn  niemals  vergessen  lassen,  dass  das  Dichten  zugleich  ein 
kiinstlerischer  Vorgang    ist.     Nach    seinen   verungliickten  Jugendversuchen   ist 
ihm    diese  Erkenntniss    aufgegangen,    hat  er  gelernt,    alle  Formen  zu  beherr- 
schen.     Besonders    neigt    er    zu  antiken  Maassen,    die  er  mit  Sicherheit  und 
Feinheit  handhabt,  und  nicht  minder  gut  gelingen  ihm  freie  reimlose  Rhyth- 
men.     So  gewahrt  F.'s  Muse  einen  weihevollen  Genuss.    Muhelos  lassen  sich 
freilich    die  Frtichte  von  seinem  poetischen  Baume  nur  selten  pfllicken.     Das 
bloss  Oberflachliche,  Aeusserliche    hasst    er,    was  er  bietet,    ist  vorher  durch 
das  Medium    seines    eigenen  Geistes    gegangen.     Um   ihn   ganz  zu  verstehen, 
muss    man    sehen    und    hiiren,   denken  und  fuhlen  konnen,  wie  er.     Es  liegt 


134  Fischer. 

etwas  energisch  Subjektives,  etwas  herb  Charaktervolles  in  seiner  Art,  das 
von  dem  Leser  vollige  Hingabe  verlangt.  In  friiheren  Jahren  glUckte  ihm 
wohl  auch  manches  im  naiven  Tone  des  Volksliedes,  aber  mehr  und  mehr 
kam  ihm  dann  die  einfache  populare  Haltung  abhanden.  Je  defer  er  sich  in 
die  Rathsel  des  Weltalls  und  der  Frauenseele  verbohrt,  desto  schwerer  fallt 
es  ihm,  ftir  das,  was  ihm  ahnend  vorschwebt,  den  deutlichen  Ausdruck  zu 
finden.  Es  ist  oft  ein  Ringen  mit  dem  Stoff,  ttber  den  er  nicht  ganz  Herr 
wird,  und  der  deshalb  nicht  zu  vollkommener  Plastik  ausgepragt  ist.  Darum 
erscheint  an  seinen  Erzeugnissen  manches  geschraubt  und  gektinstelt,  hat  man 
bei  einzelnen  seiner  Gedichte  die  Empfindung,  dass  in  seiner  Seele  noch  Keime 
herrlicherer  Poesie  geschlummert  haben,  als  seine  Worte  auszudrttcken  ver- 
mogen.  Namentlich  mit  dem  beginnenden  Alter  macht  sich  der  Ueberschuss 
an  Gedankenreichthum  und  damit  an  Reflexion  geltend:  in  seinem  ganz  von 
dunkler  Naturmystik  durchtrankten  Liedercyklus  »Merlin«  hat  diese  Neigung 
ihren  Gipfel  erreicht.  Aber  wunderbar  ist  es,  wie  sich  F.  dann  wieder  zur 
volligen  Klarheit  durchgekampft  und  schliesslich  in  der  Sammlung  »Mit  achtzig 
Jahren «  seine  ganze  Kraft  zu  den  reifsten  und  siissesten  Gaben  zusammen- 
gefasst  hat.  Neben  der  geschilderten  Lyrik,  die  den  Kern  der  Poesie  F.'s 
bildet,  hat  er  zeitlebens  das  Epigramm  gepflegt,  und  zwar  mit  entschiedenem 
Gliick.  Ob  nun  seine  Sprliche  mehr  allgemein  beschaulicher  und  lehrhafter 
Natur  sind,  oder  ob  sie  eine  gescharfte  Spitze  aufweisen:  immer  sind  sie 
selbstandig  im  Gedanken,  entschieden  in  der  Gesinnung,  edel  in  der  Form. 
Aus  seinen  Zeitgedichten  flammt  ein  heissbllitiges  Temperament,  spriiht  ein 
feuriger  Geist.  Er  riittelt  die  Deutschen  aus  ihrer  Tragheit  und  Stumpfheit 
auf,  er  mahnt  sie  an  die  unverganglichen  Menschheitsideale.  Kraftvoll  liebt 
er  sein  Vaterland,  hasst  dessen  Feinde.  Und  wie  versteht  er  zu  jubeln,  wie 
zu  zlirnen!  Bismarck  vor  alien  ist,  wie  schon  erwahnt,  sein  Held.  Ihn  hat 
er  bereits  im  Jahr  1849  herbeigesehnt,  vorausgeahnt,  als  er  in  einem  seiner 
berlihmtesten  Gedichte  »Nur  einen  Mann  aus  Millionen«  (erst  1865  in  den 
Neuen  Gedichten  S.  132  f.  gedruckt)  fur  sein  Volk  begehrte.  Ihn  zu  bewun- 
dern  und  zu  preisen,  wird  er  nicht  mtide,  und  mit  Ingrimm  erfiillt  es  ihn, 
dass  man  den  Einzigen  vor  der  Zeit  bei  Seite  geschoben  hat.  Ueberhaupt 
verschmaht  es  F.  nicht,  seine  Leier  zur  Feier  von  lokalen  Begebenheiten  oder 
von  Personlichkeiten  zu  stimmen;  besonders  gern  weiht  er  sein  Lied  dem 
Andenken  bertihmter  Manner.  Doch  auch  in  seinen  Gelegenheitsgedichten 
meidet  er  die  breite  Heerstrasse  des  Alltaglichen  und  Gewohnlichen ,  bindet 
sich  durchweg  an  den  hoheren  poetischen  Stil  und  bewahrt  so  gerade  auf 
diesem  gefahrlichen  Gebiete  seine  voile  Meisterschaft.  In  der  lyrischen  Kunst- 
poesie,  in  der  hoheren  Gelegenheitsdichtung  und  im  Epigramme  liegt  die 
Starke  F.'s.  Von  den  epischen  Gattungen  sagt  nur  eine  seiner  Begabung 
vollig  zu:  das  Idyll.  Die  Naturbetrachtung  ftihrt  ihn  zur  Schilderung  des 
bauerlichen  Lebens.  Mit  grosser  Anschaulichkeit  zeichnet  er  das  hoher  stre- 
bende  Landvolk,  dem  er  ja  selbst  entstammt  ist,  mit  wohlthuender  Warme 
frischt  er  Jugenderinnerungen  an  das  Elternhaus  und  den  Vater,  das  Heimat- 
dorf  und  dessen  Bewohner  auf.  Ein  anmuthiges  Landpfarridyll  lasst  er  auch 
in  dem  seinem  ersten  Schwiegervater  gewidmeten  »Beim  alten  Hernu  (in 
Neue  Gedichte  S.  83  ff.)  an  uns  vorliberziehen.  Einige  dieser  Idyllen  gehoren 
zu  den  eigenthumlichsten  und  schonsten  Bliithen,  die  F.'s  Dichtergeist  ge- 
trieben  hat.  Dartiber  hinaus  reicht  sein  episches  Vermogen  nicht.  Dass  er 
spater    die    kostliche  Dichtung  »Beim  Kirchenbauer«  zu    dem    langeren  selb- 


Fischer.     Ramaniu 


135 


standigen  Werke  »Der  Gltickliche  Knecht*  gesteckt  hat,  ist  kaum  zu  ihrem 
Vortheil  ausgeschlagen.  Eigentliche  Balladen  und  Romanzen  gelingen  ihm 
nicht.  Er  giebt  weniger  Handlungen  als  Situationen,  liefert  nicht  sowohl 
fortschreitende  Erzahlungen  als  durch  Monologe  oder  Dialoge  festgehaltene 
Momentbilder,  darunter  allerdings  solche  von  ausgesuchter  Schonheit. 

An  dem  langst  feststehenden  Urtheil  tiber  F.'s  Dramen  ist  nicht  zu  riit- 
teln.  Sie  sind  reich  an  poetischen  Vorzligen,  selbst  an  scenisch  wirksamen 
Momenten  im  einzelnen  (z.  B.  der  Ausgang  des  vierten  Akts  in  Friedrich  II.), 
aber  der  eigentliche  dramatische  Nerv,  die  sichere  Gestaltungskraft  fehlt,  die 
Mangel  der  Composition  und  Technik  sind  zu  auffallend,  um  das  Geftihl 
vollst&ndiger  Befriedigung  aufkommen  zu  lassen.  Der  Dichter  hat  sich  grosse 
und  oft  behandelte  historische  StofTe  aus  den  verschiedensten  Weltepochen 
vom  orientalischen  Alterthume  bis  zur  Gegenwart  ausgewahlt.  Dabei  durch- 
zieht  sein  dramatisches  Schaffen  ein  gemeinsamer  Grundgedanke:  der  Gegen- 
satz  zwischen  den  staatlichen  Gewalten  und  dem  Priesterthume.  Diese  Ten- 
denz,  hervorgerufen  durch  die  damals  Deutschland  bewegenden  kirchlichen 
Kulturkampfe,  beherrscht  sowohl  im  Saul  als  im  Kaiser  Maximilian  (Ubrigens 
seiner  schwachsten  Leistung)  die  ganze  Handlung,  wirkt  im  Friedrich  II.  mehr 
latent,  um  im  Florian  Geyer  hinter  dem  social-politischen  Motive  vollig  zu- 
rtickzutreten.  Die  Sprache  ist  in  dem  zuletzt  genannten  Trauerspiel  wuchtige 
Prosa,  deren  Periodenbau  freilich  nicht  immer  durchsichtig  genug  ist,  in  den 
(ibrigen  StUcken  waltet  der  Jambus,  den  F.  mehr  mit  der  Kraft  und  Wlirde 
Uhland's  als  mit  dem  hinreissenden  Schwunge  Schiller's  handhabt.  Seine 
klassischen  Vorbilder  sind  im  Allgemeinen,  stellenweise  sogar  im  Einzelnen 
deutlich  erkennbar  (die  Scene  zwischen  Karl  V.  und  Florian  Geyer  erinnert 
z.  B.  an  die  zwischen  Konig  Philipp  und  Marquis  Posa,  die  Urbilder  des 
Obersten  Lopez  und  der  Prinzessin  Salm  im  Kaiser  Maximilian  sind  Buttler 
und  Grafin  Terzky  im  Wallenstein).  Immerhin  hat  sich  F.  auch  in  diesem 
Fache,  das  jenseits  der  Grenzen  seines  natlirlichen  Talentes  liegt,  als  einen 
Dichter  von  hochstem  Streben  und  reinstem  Wollen  angeklindigt. 

Hermann  Fischer,  Erinnerungen  an  Johann  Georg  Fischer  von  seinem  Sohne  (Tu- 
bingen, 1897,  H.  Laupp'sche  Buchhandlung ;  mit  Portrat).  Aus  den  zahlreichen  Widmungs- 
artikeln  bei  Gelegenheit  von  Fischer's  80.  Geburtstag  und  seinem  Tode  seien  hervorgehoben : 
pie  Nekrologe  in  der  Schwab ischen  Chronik  vom  8.  Mai  1897  (Sonntagsbeilage),  im  Stutt- 
garter  Neuen  Tagblatt  vom  5.  Mai  1897  (Adolf  Palm),  im  Neuen  Correspondenzblatt  fiir 
die  Gelehrten-  und  Realschulen  Wttrttembergs  V  (1898)  S.  52—58  (Otto  Gttntter),  die 
Aufsatze  von  Karl  Busse  in  Die  Gegenwart,  1896,  No.  44,  Blatter  fttr  literarische  Unter- 
haltung,  1896,  No.  43,  die  Nation  15.  Jahrgang  (1898)  No.  14/15,  von  Ludwig  Jacobowski 
in  Nord  und  Slid,  Novemberheft  1896;  Alfred  Biese,  Lyrische  Dichtung  und  neuere  deut- 
sche  Lyriker,  S.  82—93.  Ueber  Fischer  als  Dramatiker  handelt  ausftthrlich  Heinrich  Kurz, 
Geschichte  der  deutschen  Literatur,  IV  (1872),  S.  639 — 643. 

Werke  u.  Schriften  s.  Bflrsenbl.  f.  d.  Deutschen  Buchhandel  1897,  No.  107. 

Rudolf  Krauss. 

Ramann,  Bruno  (eigentlich  Adolf  August  Moritz),  *  am  17.  April  1832 
zu  Erfurt,  f  am  13.  Marz  1897  in  Dresden.  —  Ein  vielseitig  gebildeter  Mu- 
siker,  der  sich  auch  als  Dichter  auszeichnete.  In  Leipzig  unter  Moritz  Haupt- 
mann  machte  er  seine  Musikstudien ;  1871  Hess  er  sich  in  Dresden  nieder. 
Von  Natur  schiichtern  und  zurtickhaltend,  die  Verdienste  anderer  mit  Freuden 
anerkennend,  trat  er  mit  seinen  eigenen  Leistungen  nur  ungern  hervor.  Im 
Umgange  liebenswiirdig  und  bescheiden,  in  seinen  Arbeiten  tlichtig  und  ge- 
diegen,  genoss  er  in  Dresden,  wo  er  als  Gesanglehrer  und  Musikkritiker  wirkte, 
einen  wohlverdienten  Ruf  und  wurde  von  seinen  Schttlern  in  seltener  Weise 


1 3  6  Ramann.     Ritter  von  Arneth. 

verehrt.  Auch  als  Musikkritiker  erwarb  er  sich  durch  seine  Unparteilichkeitr 
sein  mildes  und  schonendes  Urtheil,  ohne  in  eine  allgemeine  Lobhudelei  zu 
verfallen,  die  Liebe  und  Freundschaft  aller  Kunstgenossen.  Als  Componist 
trat  er  mit  weniger  Erfolg  auf  und  nur  in  den  Kreisen  seiner  Schuler  wurden 
seine  Lieder  fleissig  gesungen.  Im  Jahre  1891  erschien  bereits  das  74.  Werk: 
2  Klavierpiecen. 

Quelle:  Rabich's  Blatter  ftir  Haus-  und  Kirchenmusik  1897,  S.  71. 

Rob.  Eitner. 

Arneth,  Alfred,  Ritter  von,  Historiker  und  Politiker,  *  am  10.  Juli  1819 
zu  Wien,  f  am  30.  Juli  1897  ebenda.  —  In  ihren  Aufzeichnungen  schildert 
A.'s  Mutter,  Toni  Adamberger,  ihre  erste  Begegnung  mit  Korner,  als  sie  an 
einem  kalten,  aber  herrlichen  Jannertage  des  Jahres  181 2  zur  Probe  in  das 
Burgtheater  abgeholt  wurde:  »Die  helle  Sonne  schien  so  warm  und  goldig, 
dass  ich,  frohlich  in's  Leben  hineinblickend,  Gott  dankte,  dass  er  mir  er- 
laubte,  nach  langerer  Zeit  wieder  die  kUhle  Luft  in  langen  Ztigen  einzuathmen. 
Im  Theater  angekommen,  wurde  ich  mit  heiterem  Jubel  empfangen,  denn 
man  hatte  mich  wirklich  lieb,  und  »Toni,  griiss  Gott,  Toni«!  schallte  mir  von 
alien  Seifen  lustig  entgegen.  Alle  umringten  mich,  und  die  Herzlichkeit,  mit 
der  sie  mich  begriissten,  war  wirklich  riihrend,  weil  sie  so  wahr  und  aufrichtig 
empfunden  war.  —  Ein  junger  Mann  stand  im  Halbdunkel  des  Zimmers  und 
hatte  der  Scene  mit  lebhaftem  Erstaunen  zugesehen.  Die  grossen,  ausdrucks- 
vollen,  tiefblauen  Augen  ruhten  auf  mir  mit  dem  Ausdrucke  hochster  Ver- 
wunderung.  Er  hatte  so  oft  und  so  viel  von  dem  Neide  und  der  Missgunst 
reden  gehort,  welche  unter  dem  so  reizbaren  Volke  der  Schauspieler  leben 
sollten,  dass  ihm  diese  ungeheuchelte  Freundschaft  ftir  mich  ein  gtinstiges 
Urtheil  fur  sie  wie  ftir  mich  abnothigte.  Ich  sah  ihn  ebenso  verwundert  an, 
und  so  standen  wir  einen  Augenblick  einander  stumm  gegentiber.  Es  war 
Theodor  Korner. « 

Es  ist  bekannt,  dass  Toni  Adamberger,  die  nicht  nur  blendend  schone, 
sondern  auch  sittenstrenge  Heroine  des  Burgtheaters,  dem  jungen  Dichter  und 
Helden  sich  verlobte  und  ebenso  bekannt  ist  das  tragische  Ende  dieses  kurzen 
Gliickes.  »Als  Theodor  zu  Tode  getroffen  fiel  —  erzahlt  uns  Toni  in  ihren 
Aufzeichnungen  —  hatte  er  mein  Bild,  von  Lieder  gemalt,  auf  der  Brust, 
einen  Ring  mit  einem  kleinen  Herzen  von  mir  am  Finger,  meine  Briefe  in 
der  Tasche.*  Ueber  ihren  Brautstand  selbst  beobachtete  sie  Zeidebens  ein 
ehrftirchtiges  Schweigen. 

Im  Jahre  1817  verlobte  sie  sich  mit  dem  Kustoden  des  Mtinz-  und  An- 
tikenkabinets,  Josef  Arneth,  den  sie  in  dem  Salon  der  Schriftstellerin  Karoline 
Pichler  kennen  gelernt  hatte,  und  trat  aus  dem  Verbande  des  Burgtheaters. 
Am  17.  Juni  dieses  Jahres  erschien  sie  als  Jertha  in  der  »Schuld«  das  letzte- 
mal  vor  dem  Publikum,  von  dem  sie  in  der  ruhrendsten  Weise  Abschied 
nahm.  In  dem  zu  Weidlingau  befindlichen  Schlosse  des  FUrsten  Dietrichstein, 
des  wohlwollendsten  Protektors  des  jungen,  aufstrebenden  Gelehrten,  dem  er 
auch  die  Erziehung  seines  einzigen  Sohnes  Josef  anvertraut  hatte,  wurde  der 
neue  Ehebund  geschlossen.  Am  16.  Marz  1818  wurde  den  glticklichen  Gatten 
ein  Sohn  geschenkt,  der  jetzt  noch  lebende,  angesehene  Arzt  Franz  Hektor 
von  A.  Das  Jahr  darauf,  am  10.  Juli  erblickte  Alfred  von  A.  zu  Wien  das 
Licht  der  Welt.  Fast  schien  es,  als  sei  er  nicht  zur  Erreichung  einer  hdheren 
Stufe  im  Staatsdienst  geboren ;  denn  der  italienische  Geistliche,  der  ihn  taufte, 


Ritter  von  Arneth. 


137 


sprach  die  in  dem  Rituale  vorgeschriebenen  Worte  fehlerhaft  aus  und  fragte: 
»Widersagst  du  dem  b6sen  Feinde  und  seinem  Hofrath?«,  wahrend  es  »seiner 
HoffarU  hatte  heissen  sollen.  In  glucklicher  Kindheit  wurden  die  ersten 
Jahre  des  Lebens  verbracht  und  im  Konvikt  von  Kremsmlinster  die  Gymnasial- 
studien  vollendet.  Als  es  sich  um  die  Wahl  des  Brodstudiums  handelte, 
kam  es  nach  langerem  Schwanken  schliesslich  dazu,  dass  der  altere  Sohn 
den  medicinischen,  der  jUngere  aber  den  juristischen  Studien  obliegen  sollte. 
Nach  deren  Vollendung  trat  A.  bei  der  Kameralgefallenverwaltung,  der  heutigen 
Finanz-Landesdirection,  ein.  Die  Geschafte  jedoch,  denen  sich  (ibrigens  A. 
mit  unermtidlichem  Fleiss  hingab,  konnte  den  nach  edleren  Zielen  strebenden 
Jtingling  nicht  befriedigen.  War  von  seiner  schonen  Mutter  ausser  der  Wohl- 
gestalt  des  Kfirpers  auch  der  klinsderische  Sinn  auf  ihn  vererbt  worden,  so 
war  von  seinem  Vater  das  heisse  Verlangen  nach  einer  wissenschaftlichen 
Thatigkeit  auf  ihn  tibergegangen.  Als  er  nun  von  seinem  im  Staatsarchive 
angestellten  Freunde  Chmel  erfuhr,  dass  bei  diesem  Institut  eine  neue  Orga- 
nisation in  der  Durchfiihrung  begriffen  sei,  trachtete  er  eifrigst,  dort  angestellt 
zu  werden.  Seine  Bemiihungen  waren  von  Erfolg  begleitet  und  A.  war  einer 
der  drei  Glticklichen,  die  je  eine  Praktikantenstelle  mit  einem  Adjutum  von 
jahrlich  vierhundert  Gulden  erhielten. 

Aber  nicht  lange  sollte  A.  im  Archive  verbleiben.  Die  ausgedehnten 
Sprachkenntnisse  und  die  schone  Schrift  des  jungen  Praktikanten  bewogen 
seinen  obersten  Chef,  Flirsten  Metternich,  ihm  eine  freigewordene  Offizial- 
stelle  in  der  Staatskanzlei  zu  verleihen.  Dies  geschah  im  Oktober  1841. 
Diese  neue  Wendung  seines  Geschicks  versetzte  A.  in  einen  wahren  Taumel 
der  Freude:  denn  jetzt  schien  ihm  die  Moglichkeit  gewahrt,  das  Madchen,  dem 
seine  erste  Liebe  gait,  heimzuftihren  als  sein  Weib.  Es  war  dies  eine  der 
Tochter  des  vielgesuchten  Wiener  Arztes  Dr.  von  Schaffer,  der  Grillparzer 
folgende  Verse  widmete: 

Einst  auf  denselben  Banken 

Sassen  Dein  Vater  und  ich; 

Des  Guten  und  Schttnen  zu  denken, 

Der  Vorsatz  uns  nimmer  entwich. 

Und  dass  wir's  nicht  g&nzlich  verfehlten, 

Das  zeigte  die  Zeit,  die  verstrich, 

All  was  wir  schufen  und  wahlten; 

Und  jeder  lSsst  sterbend  nach  sich 

Die  Kinder  voll  Anmuth  und  Sitten  — 

Neid,  weisst  Du  es  anders,  so  sprichl 

Ich  Sapphon  und  Melitten, 

Dein  Vater,  o  Liebliche,  Dich. 

A/s  Vater  wollte  aus  finanziellen  Grtlnden  von  einer  so  friihen  Ehe 
seines  Sohnes  nichts  wissen.  Um  den  Widerstand  des  Vaters  zu  brechen, 
hatte  sich  A.  entschlossen,  dessen  bereits  etwas  veraltete  Geschichte  Oester- 
reichs  einer  grtindlichen,  den  neuen  Anschauungen  entsprechenden  Umarbeitung 
zu  unterziehen.  Nun  gab  auch  der  Vater  nach.  Indessen  war  dem  Sohn  zu- 
gleich  die  Lust  zu  grosseren  historischen  Werken  erwacht.  Machtig  zog  ihn 
die  romantische,  ritterliche  Gestalt  des  Feldmarschalls  Grafen  Guido  Starhem- 
berg  an,  und  ihr  gait  sein  erstes  historisches  Werk,  das  im  April  1852  voll- 
endet wurde  und  den  Beifall  der  hervorragendsten  Geschichtsschreiber  fand. 
A.  sah  jedoch  sein  Werk  liber  Starhemberg  nur  als  eine  Vorarbeit  zu  einem 
ahnlichen,    wenngleich  weit  grosseren    liber  Eugen  von  Savoyen  an.      »Uner* 


138  Ritter  von  Arneth. 

mlidlich  —  so  erzahlt  er  uns  in  seiner  Selbstbiographie  —  kopirte  und 
excerpirte  ich  darauf  los,  ja  wahrend  ich  desMorgens  in  den  Archiven  noch 
dasjenige  sammelte,  was  sich  auf  die  spateren  Lebensjahre  des  Prinzen  bezog, 
ging  ich  in  den  Abendstunden  schon  an  die  Verarbeitung  dessen,  was  seine 
friiheren  Schicksale  betraf.«  In  der  Zwischenzeit  veroffentlichte  A.  noch  kleinere 
Publikationen.  Eine  solche  war  der  interessante  Briefwechsel,  den  Konig 
Karl  III.  von  Spanien,  nachmals  Kaiser  Karl  VI.,  wahrend  seines  Aufenthaltes 
in  Barcelona  in  den  Jahren  1705  bis  1711  mit  dem  obersten  Kanzler  von 
Bohmen,  Grafen  Johann  Wenzel  Wratislau,  gepflogen  hatte.  Im  December  des 
Jahres  1857  erschien  der  erste  Band  von  A.'s  »Prinz  Eugen« ,  ihm  folgten 
schnell  der  zweite  und  endlich,  noch  im  Jahre  1858,  der  dritte  und  letzte 
Band.  Seine  schOnen  Leistungen  auf  historischem  Gebiete  erschlossen  A.  gar 
bald  die  Pforte  des  ersten  wissenschaf  tlichen  Instituts  der  Monarchic :  im  Mai 
1858  wurde  er  zum  korrespondirenden  Mitglied  der  kaiserlichen  Akademie 
der  Wissenschaften  gewahlt.  Am  20.  November  desselben  Jahres  starb  Josef 
Chmel,  Vicedirektor  des  Haus-,  Hof-  und  Staatsarchivs,  ein  Ereigniss,  das  in 
seiner  Nachwirkung  einen  entscheidenden,  Uberaus  giinstigen  Einfluss  auf  das 
Schicksal  A.'s  ausiibte.  Allmahlich  war  in  diesem  die  Sehnsucht  starker  ge- 
worden,  sich  von  der  eigentlichen  Laufbahn  eines  Beamten  vollstandig  loszu- 
losen  und  einzig  und  all  ein  der  historischen  Wissenschaft  zu  leben.  Im 
Staatsarchiv  winkte  ihm  die  Gelegenheit,  seinen  lebhaften  Wunsch  erfiillt  zu 
sehen,  und  eifrig  trachtete  er,  die  durch  dimel's  Ableben  erledigte  Stelle 
eines  Vicedirektors  zu  erlangen.  Aber  man  zogerte  lange  mit  dem  Entschlusse, 
das  Staatsarchiv,  das  bisher  sowohl  vom  Ministerium  selbst,  als  von  der  Archiv- 
verwaltung  als  ein  Sammelpunkt  angstlich  zu  htitender  Staatsgeheimnisse  be- 
trachtet  und  deshalb,  wenigstens  insofern  es  die  neuere  Zeit  anging,  vor  jedem 
profanen  Auge  sorgfaltig  verschlossen  worden  war,  nun  plotzlich  einem  Manne 
unbedingt  zuganglich  zu  machen,  der  ganz  offen  als  seinen  Hauptzweck  be- 
zeichnete,  die  dort  aufgehauften  handschriftlichen  Schatze  literarisch  zu  ver- 
werthen.  Noch  vor  Erfiillung  seines  Wunsches  trug  sich  A.  mit  dem  Plane 
zu  einer  historischen  Arbeit,  die  an  Umfang  und  an  Bedeutung  fiir  Oesterreich 
sein  Buch  liber  den  Prinzen  Eugen  noch  weit  tibertreflfen  sollte.  Es  war  dies 
eine  pragmatische  Geschichte  der  Kaiserin  Maria  Theresia.  Endlich  nach 
zweijahriger  Bewerbung,  am  8.  November  i860,  erhielt  A.  die  Vice-Direktor- 
stelle  im  Staatsarchiv  und  somit  war  dieser  Zielpunkt  seiner  Sehnsucht  gltick- 
lich  erreicht.  Nun  konnte  er  sich  ungestort  und  sogar  unter  den  Auspizien 
des  auswartigen  Amtes  mit  seiner  »Herzensdame«  beschaftigen ,  wie  sein 
Bruder  Maria  Theresia  scherzweise  nannte.  Durch  fast  zwanzig  Jahre  that  er 
dies  mit  rastlosem  Bemiihen,  bis  endlich  Ende  April  1879  die  Biographie  der 
Kaiserin  in  zehn  Banden  abgeschlossen  vor  ihm  lag,  ein  Werk,  von  dem 
Dollinger  schrieb,  es  sei  ein  Denkmal  »dauernder  als  Erz«.  Aber  A.  konnte 
sich  der  wehmlithigen  Empfindung  nicht  entschlagen,  dass  die  beste  Arbeit 
seines  Lebens  gethan  sei  und  er  eine  ahnliche  nicht  mehr  zu  Stande  bringen 
werde. 

Die  eifrige  Thatigkeit  A.'s  auf  historischem  Gebiete  brachte  es  mit  sich, 
dass  er  der  unversiegbaren  Quelle,  aus  welcher  er  schopfte,  dem  Staatsarchiv, 
die  grosste  Sorgfalt  widmete.  Noch  als  Vicedirektor  erwies  er  diesem  Institut 
einen  uberaus  wichtigen  Dienst,  indem  er  ihm  den  rechtlichen  Besitz  der  fiir 
die  osterreichische  Geschichtsforschung  so  bedeutenden  Dispacci  di  Germania 
zu  gewinnen    sich   bemtlhte,    die    durch   den  Benediktiner  P.  Beda  Dudik  im 


Ritter  von  Arneth. 


139 


Juli  1866  nach  Oesterreich  gebracht  worden  waren.  Aber  erst  im  Jahre  1868 
konnte  A.,  damals  bereits  Direktor  des  Staatsarchivs,  dieses  in  den  endgiltigen 
Besitz  der  Dispacci  bringen,  die,  von  den  Tagen  Karls  V.  bis  in  das  letzte 
Decennium  des  vergangenen  Jahrhunderts  reichend,  nicht  weniger  als  323 
Original-Depeschenbande  zahlen. 

Mit  der  Krnennung  A.'s  zum  Direktor  des  k.  und  k.  Haus-,  Hof-  und 
Staatsarchivs  begann  eine  neue  glanzende  Epoche  nicht  nur  dieses  Instituts, 
sondern  auch  der  osterreichischen  und  deutschen  Geschichtsforschung  (iber- 
haupt.  Denn  die  Quelle,  aus  der  diese  schopfte,  war  nicht  mehr  in  ihrem 
Laufe  gehemmt  und  spendete  von  nun  an  jedem  ernsten  Forscher  von  ihrem 
Reichthum.  Infolge  seines  liberalen  Systems  ahmten  bald  die  auswartigen 
Archive  das  Beispiel  A.'s  nach  und  oflheten  ihre  Schatze  in  freigebigerer 
Weise  als  bisher  der  Wissenschaft.  Angesichts  solcher  Leistungen  war  es 
begreiflich,  dass  A.  in  das  Presidium  der  Akademie  der  Wissenschaften  be- 
rufen  wurde.  1872  ging  er  im  Auftrage  der  Akademie  als  der  Reprasentant 
nach  Brlissel,  urn  dem  hundertjahrigen  Jubilaum  der  Stiftung  der  belgischen 
Akademie  durch  die  Kaiserin  Maria  Theresia  beizuwohnen.  Ihm  wurde  die 
Aufgabe  gestellt,  in  franzosischer  Sprache  die  Rede  zu  halten,  die  man  von 
einem  der  fremden  Delegirten  bei  dem  festlichen  Bankette  erwartete  und  die 
in  einen  Trinkspruch  auf  die  belgische  Akademie  ausklingen  sollte.  A.  ent- 
sprach  diesem  Wunsche  in  einer  Weise,  die  ihm  selbst  und  der  von  ihm  re- 
prasentirten  Wiener  Akademie  zu  wahrer  Ehre  gereichte.  »Die  ersten  Satze 
meiner  Rede  —  sagt  er  selbst  dariiber  —  waren  in  tiefstem  Stillschweigen 
angehort  worden.  Aber  je  langer  ich  sprach,  desto  lebhafter  wurde  der  Bei- 
fall;  schliesslich  war  er  so  stiirmisch  und  so  betaubend,  dass  er  meine  letzten 
Worte  vollstandig  unhorbar  machte.  Nun  aber  drang  Alles  auf  mich  ein, 
Alles  drlickte  mir  die  Hand,  Alles  stellte  sich  mir  vor,  alle  moglichen  und 
unmoglichen  Namen  wurden  mir  genannt,  jeder  wollte  mit  mir  anstossen,  und 
meine  Hande  waren  formlich  tiberfluthet  von  dem  Champagner,  den  man 
hierbei  vergoss.  Als  ich  mich  aber  bei  Einigen,  die  mich  besonders  lebhaft 
begl tick wtinsch ten,  wegen  eines  hie  und  da  unterlaufenen  Fehlers  der  Sprache 
oder  einer  allzu  deutsch  gedachten  Wendung  der  Rede  entschuldigen  wollte, 
da  antwortete  mir  Einer:  Ach  was,  das  ist  nichts!  Sie  redeten  zu  uns  in  der 
Sprache  des  Herzens,  die  versteht  Jedermann  und  Jeden  reisst  sie  hin!« 

Und  wirklich  kam  gleich  darauf  sein  Herz  in  einer  ihn  innig  riihrenden 
Weise  in's  Spiel.  Kaum  hatte  er  geendet,  so  naherte  sich  ihm  der  ehrwurdige 
President,  der  ihm  in  bewegten  Worten  mittheilte,  nicht  nur  sein  Name, 
sondern  mehr  noch  sein  Auftreten  und  seine  Sprechweise  habe  ihn  an  eine 
Frau  erinnert,  mit  der  er  vor  ftinfunddreissig  Jahren  eine  Reise  von  Mtinchen 
nach  Salzburg  zurUcklegte,  und  deren  Andenken  ihm  um  ihrer  seltenen  Liebens- 
wiirdigkeit  willen  unvergesslich  geblieben  sei.  »Diese  Wiederbelebung  des 
Bildes  meiner  Mutter  in  jener  Stunde  der  Aufregung  und  des  Erfolges  — 
lesen  wir  in  A.'s  Aufzeichnungen  —  hatte  wirklich  etwas  Ueberwaltigendes 
flir  mich,  und  mit  uberstromendem  Gefuhl  gedachte  ich  ihrer,  der  ich  ja 
auch  den  grossten  Theil  dessen,  was  mir  soeben  zu  so  vielstimmiger  Aner- 
kennung  verholfen  hatte,  das  bischen  Redegewandtheit  und  die  Fahigkeit 
verdankte,  es  auch  in  einer  fremden,  der  franzosischen  Sprache,  zu  einiger 
Geltung  zu  bringen. « 

Als  am  23.  Juli  1878  Rokitansky  starb,  trat  A.  als  Viceprasident,  nach  den 
Satzungen  der  Akademie  einstweilen  provisorisch    an    die  Spitze    dieser  Kor- 


140 


Ritter  von  Arneth. 


poration,  zu  deren  Prasidenten  er  spater,  am  27.  Mai  1879  einstimmig  gewahlt 
wurde.  Seither  hatte  die  Akademie  seine  Wahl  zu  ihrem  Prasidenten  nach 
je  drei  Jahren  sechsmal  erneuert,  so  dass  er  sich  bis  zu  seinem  Hinscheiden 
in  dieser  ehrenvollen  Stellung  befand.  Im  Juni  1880  aber  erfolgte  aus  Anlass 
der  bevorstehenden  Vollendung  seines  vierzigjahrigen  Dienstjahres  seine  Er- 
nennung  zum  wirklichen  geheimen  Rath. 

Auch  ausserhalb  der  Monarchic  drang  sein  Name  in  die  wissenschaftliche 
"Welt  und  da  erfiillte  es  A.  mit  grosster  Freude,  als  die  bayerische  Akademie 
der  Wissenschaften  ihn,  den  Oesterreicher,  zum  Prasidenten  der  historischen 
Commission  ernannte  —  eine  Stelle,  die  vor  ihm  Ranke  und  Sybel  bekleidet 
hatten. 

Die  gesunde  Weltanschauung  A.'s  brachte  es  mit  sich,  dass  er  Wider- 
willen  gegen  diejenigen  empfand,  die  man  als  Menschen  der  Katastrophen 
bezeichnen  darf.  Stiirmer  und  Dranger  stiessen  ihn  ab,  nur  Vernunft,  ge- 
paart  mit  zielbewusstem ,  rechtschaffenem  Handeln,  konnte  ihm  Achtung 
einflftssen,  die  er  in  diesem  Falle  auch  dem  Gegner  nicht  versagte.  Mit  Vor- 
liebe  ruhte  daher  sein  Blick  auf  jenen  Gestalten  vaterlandischer  Geschichte, 
die  nicht  allein  durch  Staatskunst,  sondern  auch  durch  Rechtschaffenheit  des 
Charakters  gleich  ausgezeichnet  waren.  Sie,  die  nicht  in  den  Winkelziigen 
des  Machiavellismus,  sondern  auf  der  geraden  Bahn  einer  offenen  und  ehr- 
lichen  Politik  die  naturgemasse  Ausgestaltung  des  Reiches  anstrebten,  fesselten 
ihn  zumeist  und  regten  ihn  an,  ihre  Geschichte  niederzuschreiben. 

Scharfer  als  bei  Ranke  tritt  bei  A.  die  Personlichkeit  in  den  Vorder- 
grund;  sie  ist  es,  welche  das  Ganze  beherrscht  und  das  biographische 
Moment  ist  es,  worin  A.'s  eigentliche  Grosse  liegt.  Immer  wieder  zog  es 
ihn  dahin  und  diesem  Drange  verdanken  wir  seine  Monographic  Bartenstein's 
(187 1),  seine  eigene  Lebensbeschreibung  (1893),  sein  Buch  iiber  Schmerling 
(1896)  und  sein  letztes  iiber  den  Minister  Wessenberg  (1898). 

Die  Korrespondenzen,  die  A.  theils  allein,  theils  mit  Geffroy  und 
Flammermont  herausgab,  sind  Quellenwerke,  die  nicht  bios  einen  tiefen  Ein- 
blick  in  die  Politik  der  Monarchic,  sondern  auch  in  das  Innerste  der  Per- 
sonlichkeiten  gewahren,  die  sie  leiteten.  Maria  Theresia,  Joseph  und  Kaunitz 
sind  uns  menschlich  naher  gertickt,  wir  erkennen  ihre  Grosse,  aber  auch  ihre 
Schwachen,  Ueberdies  waren  diese  Publikationen  auch  sachlich  sehr  er- 
giebig.  Sie  entkrafteten  vielfach  irrige  Anschauungen.  So  brachte  der  Brief- 
wechsel  mit  Marie  Antoinette  in  iiberzeugender  Weise  die  Unechtheit  der 
Briefe  an  den  Tag,  die  Hunolstein  und  Feuillet  de  Conches  herausgegeben 
hatten,  und  die  geheime  Korrespondenz  zwischen  Joseph  II,  Kaunitz  und  dem 
Grafen  Mercy  machte  endgiltig  den  Glauben  zu  nichte,  dass  die  Konigin  Ein- 
fluss  auf  die  Geschafte  gehabt  und  sie  recht  eigentlich  geleitet  habe. 

Wie  A.  in  dem  geistigen  Leben  seines  Vaterlandes  und  iiber  dieses  hinaus 
eine  hervorragende  Stellung  einnahm,  so  hatte  er  auch  verstanden,  sich  eine 
gleich  angesehene  auf  politischem  Gebiet  zu  erringen.  Die  Ausschreibung  der 
Wahlen  fur  das  Frankfurter  Parlament  bot  ihm  1848  zum  ersten  Male  Ge- 
legenheit,  oflfentlich  zu  sprechen  und  in  schon  durchdachter  Rede  sein  poli- 
tisches  Glaubensbekenntniss  zu  enthiillen.  Nicht  so  sehr  der  Beifall,  der  ihm 
hierbei  gezollt  wurde,  als  vielmehr  die  Ueberzeugung,  »dass  es  fur  einen 
einzelnen  Mann  schon  ein  verdienstliches  Unternehmen  sei,  das  Seinige  bei- 
zutragen,  dass  wenigstens  eine  Stimme  in  einem  der  gesetzgebenden  Korper 
nicht  wieder  der  radikalen  Partei  anheimfalle,  sondern  dass  sie  in  gemassigtem 


Ritter  von  Arneth.  141 

Sinne  abgegeben  werde«  best&rkte  A.  in  dem  Vorsatze,  die  politische  Btihne 
zu  betreten  und  werkthatig  an  dem  Aufbau  eines  neuen  Oesterreich  mitzu- 
helfen.  Er  bewarb  sich  in  Neunkirchen  um  das  Abgeordnetenmandat  zum 
Frankfurter  Parlament  und  trug  ttber  nicht  weniger  als  zehn  Kandidaten, 
darunter  Perthaler,  den  Sieg  davon.  Als  A.  in  Frankfurt  eintraf,  befand  sich 
diese  Stadt  in  grosser  Aufreguijg.  Die  preussische  Regierung  hatte  den  Krieg, 
den  sie  im  Auftrage  Deutschlands  wegen  Schleswig-Holstein  gegen  Danemark 
fiihrte,  durch  den  von  ihr  zu  Malmo  abgeschlossenen  Waffenstillstand  eigen- 
machtig  abgebrochen  und  an  das  Frankfurter  Parlament  die  Zumuthung  ge- 
stellt,  diesen  Vertrag  zu  ratificiren.  Als  das  Ministerium  Schmerling  nothge- 
drungen  nachgab  und  den  Malmoer  Vertrag  dem  Parlament  zur  Gutheissung 
vorlegte,  blieb  es  mit  seinem  Antrag  in  der  Minderheit  und  resignirte.  Der 
Erzherzog-Reichsverweser  beauftragte  nun  Schmerling,  dem  Parlament  neuer- 
dings  den  Waffenstillstand  zur  Ratification  vorzulegen.  Zwei  Gesichtspunkte 
waren  es,  von  denen  A.  sich  nun  leiten  Hess;  er  hielt  es  fiir  seine  Pflicht, 
alles  zu  thun,  um  seinen  Landsmann  Schmerling  im  Amte  zu  erhalten  und 
weiter  alles  zu  vermeiden,  was  der  radikalen  Partei  die  Oberhand  verschaffen 
konnte.  Am  16.  September  erfolgte  die  entscheidende  Abstimmung,  die  eine 
Majoritat  von  21  Stimmen  fiir  den  Waffenstillstand  ergab.  A.  schloss  sich 
dem  jungsten  Club  an,  gebildet  aus  den  Abgeordneten,  die  bisher  dem 
Wurttemberger  Hof  angehort  hatten  und  aus  diesem  wegen  ihrer  Abstimmung 
zu  Gunsten  des  Waffenstillstandes  ausgeschieden  waren.  Die  Clubs  als  solche 
besassen  jedoch  nicht  die  geringste  Einflussnahme  auf  die  Geschaftsfiihrung 
des  Parlaments.  Dieser  gemass  wurden  die  einzusetzenden  Commissionen 
nicht  von  der  Versammlung  selbst,  sondern  von  den  fiinfzehn  Abtheilungen 
gewahlt,  in  die  sie  zerfiel.  Aus  deren  Zusammensetzung  konnte  A.  mit  grosser 
Befriedigung  erkennen,  dass  die  entschiedene  Majoritat  dem  Wiener  Aufstande 
unglinstig  gesinnt  sei.  Nichts  destoweniger  musste  er  sich  gestehen,  dass  so- 
wohl  die  deutsche  Centralgewalt,  als  auch  die  National  versammlung  den  in 
Oesterreich  vor  sich  gehenden  Ereignissen  ohnmachtig  gegeniiberstanden.  In 
lebhafter  Weise  betheiligte  sich  A.  nunmehr  an  der  Diskussion  liber  die 
Paragraphen  2  und  3  der  Reichsverfassung,  wobei  er  sich  einzig  und  allein 
von  der  Ansicht  leiten  Hess,  »dass  eine  Unterordnung  Oesterreichs  unter  diese 
Bestimmung  eine  Unmoglichkeit  sei«.  Hierzu  kam  noch  das  von  Miihlfeld 
eingebrachte  Minoritatsgutachten,  das  von  einem  volkerrechtlichen  Bunde 
Oesterreichs  mit  Deutschland  sprach.  »Wer  es  gut  meine  mit  Deutschland  — 
Hess  er  sich  vernehmen  —  mtisse  alles  daran  setzen,  um  ihm  das  schonste, 
das  herrlichste  seiner  Lander,  um  ihm  Oesterreich  zu  erhalten. «  Eine  Losung 
der  deutschen  Frage  wurde  aber  nicht  erzielt.  Die  Parteiunterschiede  im 
Parlament  waren  zu  weitgehende,  als  dass  eine  fiir  alle  Theile  gleich  zufrie- 
denstellende  Einigung  herbeigefuhrt  worden  ware.  Ein  einziges  Mai  verschwand 
jeder  Parteiunterschied  —  dies  war  anlasslich  der  Abstimmung  der  Fall,  die 
liber  den  Antrag  erfolgte,  das  Reichsministerium  aufzufordern ,  mit  allem 
Nachdruck  Massregeln  zu  treffen,  um  die  an  der  Verhaftung  und  Todtung 
des  Abgeordneten  Blum  unmittelbar  und  mittelbar  Schuldtragenden  zur  Ver- 
antwortung  zu  ziehen  und  zu  bestrafen.  Die  Verlegenheiten  der  Oesterreicher 
mehrten  sich  von  Tag  zu  Tag  und  wurden  ganz  besonders  bedenklich,  als 
das  Ministerium  Schwarzenberg-Stadion  vor  den  Kremsierer  Reichstag  mit 
einem  Programm  hintrat,  aus  dem  unschwer  zu  erkennen  war,  dass  man  in 
Oesterreich    aufrichtig    und  wahr    den  Einheitsstaat    wolle    und    diesem    ver- 


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Ritter  von  Arneth. 


lockenden  Ziele  energisch  zustreben  werde.  An  die  Oesterreicher  trat  nun- 
mehr  die  Frage  heran,  ob  sie  angesichts  der  sich  immer  deutlicher  heraus- 
stellenden  Gewissheit,  dass  sich  Oesterreich  in  den  neu  zu  griindenden 
deutschen  Bundesstaat  nicht  einfugen  konne  und  werde,  liberhaupt  noch  be- 
rechtigt  seien,  an  der  Gesetzgebung  liber  diesen  einen  thatigen  Antheil  zu 
nehmen.  Aber  erst  die  Octroyirung  der  Verfass^ng  vom  4.  Marz  1849  n^usste 
sie  erkennen  lassen,  dass  ihre  Mission  als  osterreichische  Abgeordnete  als  be- 
endet  zu  betrachten  sei.  »Als  Oesterreicher*  —  so  erzahlt  uns  A.  —  »freute 
ich  mich  aufrichtig  des  entschiedenen  Schrittes,  welchen  die  Regierung  gethan, 
um  einerseits  den  Volkern  Oesterreichs  den  Fortgenuss  der  constitutionellen 
Freiheiten  zu  sichern  und  anderseits  wieder  ein  gesetzmassiges  Geftige  in  das 
arg  zerrlittete  Staatswesen  zu  bringen.«  A.  legte  sein  Mandat  nieder,  indem 
er  von  der  Voraussetzung  ausging,  »dass  es  vielmehr  im  Interesse  dieser  Re- 
gierung liege,  einer  Situation  freiwillig  ein  Ende  zu  machen,  welche  ihrem 
Einflusse  in  Deutschland  nicht  das  Mindeste  ntitze,  ihr  Ansehen  aber  empfind- 
lich  benachtheilige«.  In  bescheidener ,  jedoch  entschiedener  Weise  trat  A. 
ftir  diese  seine  Anschauung  ein,  als  er  sich  im  Ministerium  des  Aeussern 
seinem  neuen  Chef,  dem  Fttrsten  Schwarzenberg,  vorstellte. 

Zwolf  Jahre  spater  ergab  sich  ftir  A.  abermals  die  Gelegenheit,  als  Po- 
litiker  thatig  zu  sein,  indem  er  im  Marz  1861  das  Neunkirchner  Mandat  ftir 
den  Landtag,  um  das  er  sich  beworben  hatte,  erhielt.  Dass  er  kurz  vorher, 
im  Jahre  i860,  beauftragt  worden  war,  den  Sitzungen  des  verstarkten  Reichs- 
rathes  beizuwohnen  und  die  gehaltenen  Reden  zu  ihrer  Veroffentlichung  zu 
redigiren,  hatte  nicht  wenig  beigetragen,  sein  Urtheil  nach  mancher  Richtung 
hin  zu  scharfen.  Auch  jetzt  betrachtete  er  als  seine  hauptsachlichste  Aufgabe, 
»das  Ministerium  Schmerling  in  seinen  auf  Einftihrung  des  Verfassungslebens 
in  Oesterreich  gerichteten  Bestrebungen  zu  unterstutzen  und  ihm  keine  wie 
immer  gearteten  Schwierigkeiten  zu  bereiten«.  Deshalb  schloss  er  sich  mit 
Pillersdorf,  Pratobevera,  Heinrich  Perger  und  Schindler  der  Partei  an,  deren 
Kern  der  Grossgrundbesitz  unter  Ftihrung  des  Freiherrn  Karl  von  Tinti 
bildete.  Die  zweite  Partei  stand  unter  dem  uberwiegenden  Einfluss  von 
Miihlfeld  und  Berger.  Bereits  in  der  ersten  Sitzung  wurde  A.  das  Amt  eines 
Berichterstatters  des  Ausschusses  ftir  Ausarbeitung  einer  Geschaftsordnung 
ubertragen.  Bald  trat  an  ihn  die  Frage  heran,  ob  er  vom  Landtag  in  den 
Reichsrath  oder  in  den  niederosterreichischen  Landesausschuss  gewahlt  werden 
wolle.  Umstande  der  verschiedensten  Art  bewogen  ihn,  eine  Wahl  in  den 
Reichsrath  nicht  anzunehmen,  wogegen  er  hoffte,  im  Landesausschuss  eine 
vielleicht  nicht  glanzende  aber  erspriessliche  Thatigkeit  entwickeln  zu  konnen. 
Am  20.  April  1861  mit  42  gegen  24  Stimmen  gewahlt,  erhielt  A.  am  folgenden 
Tage  das  Referat  iiber  Unterrichtsfragen. 

Wenn  sich  auch  A.  durch  seinen  Verzicht  auf  eine  Wahl  in  den  Reichs- 
rat  von  jeder  grosseren  Thatigkeit  auf  politischem  Gebiete  freiwillig  ausge- 
schlossen  hatte,  so  hinderte  ihn  dies  nicht,  alle  Vorkommnisse  mit  regem 
Interesse  zu  verfolgen.  Leider  waren  sie  nicht  derart,  dass  sie  einen  in  alt- 
dsterreichischen  Traditionen  aufgewachsenen  Mann,  wie  A.,  mit  grossen  HofF- 
nungen  ftir  die  Zukunft  erftillen  konnten.  Mit  wachsender  Besorgniss  sah  A. 
wie  sich  die  Kluft  zwischen  dem  Ministerium  Schmerling  und  der  deutsch- 
liberalen  Partei  erweiterte.  Seine  eigene  Parteistellung  charakterisirt  A.  selbst 
in  folgenden  Worten:  »Von  dem  ersten  Augenblick  angefangen,  in  welchem 
ich  durch  meine  Wahl  in  das  Frankfurter  Parlament  zur  Entfaltung  einer  po- 


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litischen  Thatigkeit  berufen  wurde,  bis  auf  den  heutigen  Tag,  also  fast  schon 
ein  halbes  Jahrhundert  hindurch,  betrachtete  ich  mich  albeit  als  ein  Mitglied 
und  einen  treuen  Anhanger  der  deutschliberalen  Verfassungspartei  und  bin 
gewiss,  dies  auch  bis  zum  Ende  meiner  Tage  unver&ndert  zu  bleiben.  Ich 
habe  mich  zu  dieser  Fahne  vereidigt,  weil  ich  durch  Geburt  und  Abstam- 
mung  ein  Deutschosterreicher  bin,  und  mir  jede  Verleugnung  meiner  Natio- 
nalist, jede  Hintansetzung  ihrer  berechtigten  Interessen  oder  gar  ein  Btlndniss 
mit  ihren  Gegnern  als  eine  so  verwerfliche  Handlung  erscheint,  dass  ich  mich 
ihrer  niemals  schuldig  machen  werde.  Den  Reihen  der  gemassigten  Liberalen, 
der  aufrichtig  constitutionell  gesinnten  aber  gesellte  ich  mich  zu  und  werde 
immerdar  in  ihnen  verbleiben,  weil  ich  der  Meinung  bin,  der  gleichzeitig 
ernste  und  redliche  Politiker  mtisse  sich  allezeit  zu  dem  System  bekennen, 
welches  er  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  als  das  heilbringendste  flir 
den  Staat  und  dessen  Bevolkerung  betrachtet.*  Als  nach  dem  Sturze 
Schmerling's  Graf  Richard  Belcredi  zu  dessen  Nachfolger  ernannt  wurde  und 
seine  Thatigkeit  mit  dem  Patent  vom  20.  September  1865  erOflhete,  trat  an 
A.  die  Pflicht  heran,  in  dem  bevorstehenden  Konflict  zwischen  Regierung  und 
Landesvertretung  Partei  zu  ergreifen  und  Farbe  zu  bekennen.  Viele  Jahre 
damach  konnte  sich  A.  nicht  von  dem  Vorwurf  freisprechen ,  dass  die  Art 
und  Weise,  in  der  er  den  an  und  flir  sich  gewiss  nur  zu  billigenden  Ent- 
schluss  ausfiihrte,  sich  gegen  das  September-Patent  zu  erklaren  und  mit  ein- 
zustimmen  in  das  Begehren  um  Zuriicknahme  dieses,  »  nicht  gerade  Lob, 
sondern  eher  Tad  el  verdiente*.  »Ich  verfiel  hierbei  in  den  Fehler*  —  gesteht 
er  uns  —  »welchen  wir  Deutsche  so  oft  begehen,  und  der  vielleicht  unserer 
Gewissenhaftigkeit  und  unserem  personlichen  Charakter,  nicht  aber  auch  unserer 
politischen  Einsicht  zur  Ehre  gereicht.  Nichts  fallt  uns  schwerer,  nichts  kostet 
uns  ein  grosseres  Opfer,  als  die  blinde  Unterordnung  unter  die  strenge  Partei- 
disciplin,  und  doch  ist  sie  die  unerlassliche  Vorbedingung  zur  Erreichung  von 
Erfolgen  auf  polirischem  Gebiete.     Auch  mir  ging  es  nicht  anders.* 

Unmittelbar  nach  Schluss  der  zweiten  Landtagssession  von  1866,  am 
2.  Janner  1867,  wurde  das  kaiserliche  Patent  erlassen,  welches  die  Auflttsung 
der  Landtage  und  die  unverziigliche  Veranstaltung  von  Neuwahlen  anordnete. 
Unter  solchen  Verhaltnissen  erachtete  A.  es  »als  ein  Gebot  der  Ehre  und 
der  Pflicht«,  sich  neuerdings  um  das  Landtagsmandat  zu  bewerben,  das  er 
fiir  den  Bezirk  Neunkirchen  abermals  erhielt.  Da  enthob  der  Kaiser  am 
7.  Februar  den  Grafen  Belcredi  seiner  Functionen  und  ernannte  den  Minister 
des  Aeusseren,  Freiherrn  von  Beust,  zum  Prasidenten  des  Ministerrathes.  Es  sei 
uns  gestattet,  hier  anknlipfend  zu  erwahnen,  dass  bereits  im  October  1864 
Graf  Rechberg  auf  seinem  Posten  eines  Ministers  der  auswartigen  Angel  egen- 
heiten  durch  den  Grafen  Alexander  MensdorfT  ersetzt  worden  war.  Dieser 
war,  versichert  uns  A.  mit  voller  Bestimmtheit,  ein  Gegner  der  Sistirungs- 
politik,  des  Doppelkrieges  gegen  Preussen  und  Italien,  sowie  der  Abtretung 
Venedigs  an  Nappleon  III.  In  Betreff  Beust's  bedauerte  A.  auf  das  leb- 
hafteste,  »dass  ein  Mann  in  das  Ministerium  berufen  wurde,  der  nach  seinem 
eigenen  Gestandnisse  den  inneren  Verhaltnissen  Oesterreichs  vollkommen 
fremd  gegenilberstand«.  Mit  der  ihm  eigenen  Offenheit  erklarte  A.  seinem 
neuen  Chef,  und  zwar  von  ihm  selbst  hierzu  aufgefordert,  zwei  Punkte  seien 
es  vor  Allem,  an  welche  ohne  Zeitverlust  Hand  angelegt  werden  mttsse:  »der 
erste  bestand  in  der  entschiedenen  und  aufrichtigen  Beseitigung  der  Sistirungs- 
politik,  in  der  Wiedereinftihrung  verfassungsmassiger  Zustande  und  in  treuem 


144 


Ritter  von  Araeth. 


Festhalten  an  denselben.  Der  zweite  aber,  in  dem  ernsten  und  unausgesetzten 
Bestreben,  mit  Ungarn  einen  dauernden  Ausgleich  auf  der  Grundlage  von 
Bestimmungen  zu  Stande  zu  bringen,  welche  dem  Gesammtstaate  Oesterreich 
wesentlich  giinstiger  waren  als  diejenigen,  die  in  den  verschiedenen,  grossten- 
theils  von  dort  herriihrenden  Staatsschriften  enthalten  seien.«  Hinsichtlich 
des  ersten  Punktes  erklarte  sich  Beust  mit  A.  einverstanden.  Was  den  zweiten 
betrifft,  wobei  sich  A.  auf  Seite  derer  stellte,  »  welche  auch  ftlr  die  Zukunft 
einen  Gesammtstaat  Oesterreich  erhalten  wissen  wollten ,  innerhalb  dessen 
Ungarn  eine  abgesonderte  Stellung  einnehmen  konne«,  konnte  A.  in  Balde 
zur  Ueberzeugung  gelangen,  dass  seine  Auseinandersetzungen  Beust  keines- 
wegs  zusagten.  Aber  dieser  unterbrach  in  seiner  echt  sachsischen  Hoftichkeit 
A.  nicht,  der  erst  dann  das  Gesprach  abbrach,  als  er  merkte,  er  dlirfe  Beust's 
Geduld  nicht  langer  in  Anspruch  nehmen. 

Als  die  Landtage  zusammentraten,  legte  ihnen  die  Regierung  ein  Rescript 
vor,  kraft  dessen  die  Sistirungspolitik  und  mit  ihr  die  Einberufung  eines 
aussergewohnlichen  Reichsrathes  vollstandig  fallen  gelassen  wurde.  Bios  die 
Wahlen  fur  den  legalen  Reichsrath  sol  ken  vorgenommen  werden.  Im  nieder- 
osterreichischen  Landtag  selbst  besassen  in  Folge  der  wahrend  der  Periode 
Belcredi  stattgehabten  Neuwahlen  nach  beiden  Seiten  hin  die  extremen  Rich- 
tungen  eine  starkere  Vertretung  als  friiher.  Trotz  dieser  Aenderung  wurde 
A.  abermals  in  den  Landesausschuss  entsendet.  In  seiner  Selbstbiographie 
geht  A.  auf  die  Agenden  dieser  sehr  kurzen  Landtagssession  ebensowenig  ein, 
wie  auf  die  Verhandlungen  des  Reichsrathes.  Er  hatte  zwar  gewtinscht,  dass 
Regierung  und  Reichsrath  etwas  weniger  nachgiebig  gegen  die  Forderungen 
der  Ungarn  gewesen  waren.  »Nachdem  aber  einmal*  —  lesen  wir  dort  — 
»der  Ausgleich  auf  der  Basis  des  Dualismus  und  der  staatlichen  Selbstandig- 
keit  Ungarns  auf  gesetzlichem  Wege  zu  Stande  kam,  darf  man  auf  beiden 
Seiten  nichts  anderes  thun,  als  gewissenhaft  an  ihm  festhalten. « 

So  wie  A.'s  Stellung  im  wissenschaftlichen  Leben  durch  die  Ernennung 
zum  Director  des  Staatsarchivs  und  spater  durch  die  Wahl  zum  Prasidenten 
der  Akademie  der  Wissenschaften  die  rechte  Weihe  erhielt,  so  wurde  ihm 
auch  als  Politiker  die  glanzendste  Auszeichnung  zu  Theil,  als  ihn  der  Kaiser 
1869  in  das  osterreichische  Herrenhaus  berief.  »Wer  sich  das  Ansehen, 
welches  zu  jener  Zeit  das  Herrenhaus  in  Anbetracht  seiner  maassvoll  frei- 
sinnigen,  echt  staatsmannischen  Haltung  besass,  wer  sich  die  Summe  von 
Talenten  nicht  allein,  sondern  von  Charakteren  vergegenwartigt ,  liber  die  es 
in  so  reichem  Maasse  verftigte,  der  wird  wohl  begreifen,  dass  es  mich  ebenso 
mit  Stolz  wie  mit  Freude  erflillte,  von  nun  an  dieser  glanzvollen  Versammlung 
anzugehoren  und  im  Schoosse  derselben  an  den  Berathungen  liber  die  wich- 
tigsten  Angelegenheiten  meines  Vaterlandes  regen  Antheil  nehmen  zu  dlirfen. 
Aber  nicht  nur  die  achtunggebietende  Stellung  des  Herrenhauses  und  die 
HofFnung,  dort  eine  nicht  ganz  unfruchtbare  Thatigkeit  entwickeln  zu  konnen, 
gereichten  mir  zur  Freude;  in  kaum  geringerem  Masse  trug  hierzu  auch  die 
Genugthuung  bei,  einer  Kftrperschaft  anzugehoren,  welche,  wie  dies  auch 
jetzt  noch  geschieht,  ihre  Verhandlungen  in  jener  urbanen,  riicksichtsvollen 
und  leidenschaftslosen  Form  zu  flihren  gewohnt  ist,  die  der  Wurde  der  ersten 
politischen  Corporation  des  Reiches  allein  entspricht.«  Im  Herrenhause  sah 
ihn  die  Linke  stets  auf  seinem  Platze  und  stets  bereit,  mit  den  Wortftihrern 
der  feudal-klerikalen  Partei  die  Waffen  zu  kreuzen.  So  trat  er  ganz  entschieden 
ftir  die  Aufhebung  des  Concordates  ein,  wogegen  der  Cardinal-Fiirsterzbischof 


Ritter  von  Arneth. 


M5 


Rauscher  —  am  10.  April  1874  —  erklarte,  dass  es  noch  giltig  und  rechts- 
kraftig  sei.  A.  widerlegte  dies  in  einer  Rede,  in  der  er  der  Hierarchie  das 
Recht  bestritt,  sich  selbst  immer  als  die  Kirche  zu  betrachten.  Er  erinnerte 
den  Kirchenfiirsten  an  dessen  eigenen  Ausspruch ,  der  Clerus  habe  sich  fern 
zu  halten  von  politischen  Agitationen.  Als  es  sich  um  die  Errichtung  der 
tschechischen  Universit&t  handelte  und  ein  Mitglied  des  Hauses  in  tschechischem 
Sinne  sprach  und  den  Gedanken  einer  Versohnung  laut  werden  Hess,  da  er- 
hob  sich  A.,  um  ihm  die  bedeutungsvollen  Worte  zuzurufen:  »Wenn  fort- 
wahrend  von  Versohnung  gesprochen  wird,  so  ist  das  nicht  zutreffend.  Die 
Versohnung  setzt  Feindschaft  voraus  und  wir  sind  keine  Feinde,  sondern 
politische  Gegner.  Wenn  es  da  zu  einer  Versohnung  kame,  dann  miissten 
die  mannhaften  politischen  Ueberzeugungen  abdiciren.«  Nicht  bios  bei  diesem 
Anlass  gelangten  die  mannliche  Gesinnung  und  der  unerschutterliche  Charakter 
A.'s  so  recht  zum  Ausdruck.  Ein  Jahr  spater  hatte  sich  das  Herrenhaus 
mit  dem  Liechtenstein'schen  Schulantrag  und  mit  der  Schulnovelle  zu  be- 
fassen.  A.  war  Berichterstatter ,  welches  Amt  er  jedoch  niederlegte,  als  es 
Hess,  die  Regierung  wolle  Neuwahlen  fur  die  Schulcommission  erzwingen, 
um  die  Vorlage  in  irgend  einer  Form  durchzubringen. 

Selten  erhob  A.  im  Herrenhaus  seine  Stimme;  wenn  es  aber  der  Fall 
war,  dann  geschah  es  um  einer  guten  Sache  willen.  So  trat  er  am  20.  Mai 
1890  Jaworski  entgegen,  der  im  Abgeordnetenhaus  behauptet  und  sich  dabei 
auf  ihn  selbst  berufen  hatte,  Galizien  sei  unter  Maria  Theresia  und  Joseph  II. 
von  den  osterreichischen  Beamten  ausgesaugt  worden.  »Man  war  in  Wien 
bestrebt*  —  so  Hess  sich  A.  vernehmen  —  »das  beste  BeamtenmateriaJ,  sowohl 
in  seinen  unteren  wie  oberen  Instanzen,  nach  Galizien  zu  entsenden.  Schon 
die  Auswahl  des  ersten  Gouverneurs,  des  Grafen  Johann  Anton  Perger,  wurde 
auf  die  Goldwaage  gelegt.  Ich  will  aber  recht  gern  zugestehen,  dass  er  nicht 
energisch  genug  war,  um  den  Augiasstall,  den  fiirchterlichen  Zustand,  in 
welchem  er  das  Land  traf,  in  welchem  es  seit  der  Republik  und  nicht  allein 
durch  das  Verschulden  der  Republik,  sondern  auch  durch  das  Verschulden 
der  polnischen  Confederation  gerathen  war,  zu  saubern.« 

So  zeichneten  A.  als  Historiker  und  als  Politiker  die  gleiche  patriotische 
Gesinnung,  das  gleiche  treue  Festhalten  an  glorreichen  Ueberlieferungen  aus, 
und  jederzeit  trat  er,  in  Wort  und  Schrift,  fur  Oesterreichs  Ehre  und  Macht- 
stellung  auf  den  Kampfplatz,  fiir  die  Starkung  der  Einheitsidee  auf  constitu- 
rioneller  Grundlage,  fur  die  Forderung  von  Unterricht  und  Bildung  in  Hberalem 
Sinne  und  fiir  die  Vertheidigung  des  Staates  gegen  die  Bevormundung  durch 
die  Kirche.  Aber  blutenden  Herzens  sah  A.  am  Abend  seines  Lebens,  dass 
auch  die  Sonne  seiner  Ideale  unterging.  Der  Einfluss  des  Clerus  drang  in 
ein  Gebiet,  das  ausserhalb  des  Machtbereichs  der  Kirche  lag,  die  Fluthen 
des  Antisemitismus  ergossen  sich  (iber  die  Gefilde  josephinischer  Aufklarung, 
und  an  der  festesten  Saule  des  Reiches  wurde  gerllttelt  —  das  deutsche 
Volk  in  seinem  Besitzstand  bedroht.  Da  suchte  er  Trost  in  der  Erftillung 
einer  edlen  Sendung,  indem  er  an  die  Spitze  eines  Vereins  trat,  der  es  sich 
zur  Aufgabe  gemacht  hatte,  das  geistige  Niveau  der  untersten  Klassen  zu 
heben.  So  wie  A.  als  Direktor  des  Staatsarchivs,  als  President  der  kaiser- 
lichen  Akademie  der  Wissenschaften  die  Gelehrtenwelt  zu  fordern  suchte,  so 
wollte  er  als  President  des  Volksbildungsvereins,  dass  mit  der  gesteigerten 
Erkenntniss  auch  die  politische  Reife  vorbereitet  und  das  Volk  in  seiner  Ge- 
sammtheit  zu  einer  hdheren  Auffassung  der  Dinge  befahigt  werde.     In  einem 

Blogr.  Jabrb.  a.  Deatecber  Nekrolog.  2.  Bd.  I O 


146  Ritter  von  Arneth.     Fraas. 

Alter,  das  ihn  wohl  berechtigt  h&tte,  sich  von  alien  Geschaften  zuriickzuziehen, 
stellte  er  den  Glanz  seines  Namens  in  den  Dienst  der  wissensdurstigen  Menge. 
Er  war  ein  Christ  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes;  nie  fehlte  er  Sonntags  in 
der  Kirche,  wo  er,  nicht  um  den  ausseren  Schein  zu  wahren,  sondern  fromtn 
und  vertrauensvoll  zu  Gott  betete;  aber  mit  Abscheu  wendete  er  sich  von 
solchen  Priestern  ab,  die  ihr  heiliges  Amt  missbrauchten,  um  aus  Parteiruck- 
sichten  das  Volk  in  seiner  Unwissenheit  zu  erhalten  und  es  darin  zu  be- 
starken.  Ungezahlt  sind  die  stillen  Wohlthaten,  die  er  im  Leben  seinen 
Nachsten  erwies  und  noch  tiber  das  Grab  hinaus  tiber  seine  Schutzlinge  aus- 
streute.  Kein  Makel  haftete  an  seiner  Seele,  die  so  treu  und  giitig  aus 
blauen  Augen  blickte,  aus  dem  Wohlklang  seiner  Stimme  tonte,  dass  keiner, 
ob  Hoch,  ob  Nieder,  einmal  in  seine  Nahe  gertickt,  dem  Zauber  zu  wider- 
stehen  vermochte,  der  in  seinem  Wesen  lag.  Ftir  die  Herzensgtite  des  Ver- 
blichenen  und  ftir  seine  Sanftmuth  moge  auch  folgendes  sprechen.  Trotz  den 
unsaglichen  Schmerzen,  von  denen  er  in  den  letzten  Tagen  seines  Lebens 
heimgesucht  war,  zeigte  er  sich  nie  mtirrisch,  sondern  gottergeben  ertrug  er 
seine  Qualen.  Und  als  eines  Morgens  seine  treue  Pflegerin  Therese  Gschwandtner 
in  Thranen  ausbrach  und  schluchzend  rief:  »Wie  war*  es  mir  leichter  urn's 
Herz,  thaten  mich  Excellenz  so  recht  ausschelten,  sobald  die  Schmerzen 
kommen«,  da  lachelte  der  edle  Greis  und  sprach:  »Was  konnen  denn  die 
Anderen  dafiir,  dass  ich  leide?  Soil  ich  es  sie  entgelten  lassen?«  Wohl  kann 
von  ihm  gesagt  werden,  was  Goethe  den  Manen  Schiller's  nachrief: 

Und  hinter  ihm  im  wesenlosen  Scheme 

Lag,  was  uns  alle  bandigt,  das  Gemeine. 
Quellen:  Arneth,  Aus  meinem  Leben.  2  Bde.  1893.  —  Nekrologe:  A*  Dove, 
Beilage  zur  Allgetn.  Ztg.  August  1897.  —  Alfred  Stern,  Die  Nation  No.  50,  zi.  September 
1897.  —  Eduard  Wertheimer,  Revue  historique  1897.  —  Franz  Zweybrttck,  Monatsblatter 
des  wissenschaftlichen  Club  in  Wien.  XIX*  Jahrgang,  No.  a.  —  Hans  von  Zwiedineck, 
Deutsche  Zeitschrift  fttr  Geschichtswissenschaft  N.  F.  1897.  —  Von  Port  rats  seien 
genannt:  Canon  (Eigenthum  des  Staatsarchivs).  L'Allemand  (Eigenthum  der  Baronin 
von  Eiselsberg,  geb.  Arneth).  Schmidt  Michalek.  Biiste  von  Pessl.  Medaille  von  Anton 
Scharff). 

Dr.  Hanns  Schlitter. 

Fraas,  Oskar  (von),  Dr.,  Naturforscher,  *  am  17.  Januar  1824  zu  Lorch 
in  Wiirttemberg  (Oberamt  Welzheim),  f  am  22.  November  1897  zu  Stuttgart, 
in  erster,  am  27.  August  1850  zu  Balingen  geschlossener  Ehe  mit  Fanny 
Sayle,  in  zweiter  (Leonberg  4.  August  1866)  mit  Anna  Theurer  vermahlt.  — 
Die  Familie  F.  wanderte  Ende  des  17.  Jahrhunderts  aus  Tirol  nach  Wiirttem- 
berg ein;  die  Neigung  zu  den  Naturwissenschaften  soil  von  alters  her  in  ihr 
heimisch  gewesen  sein.  Auch  bei  dem  jungen  Oskar  trat  sie  frlihzeitig  her- 
vor.  Trotzdem  wurde  er  ftir  den  theologischen  Stand,  dem  Grossvater  und 
Vater  angehorten,  bestimmt.  Nachdem  er  auf  der  Goppinger  Lateinschulc 
fUr  das  Landexamen  vorbereitet  worden  war,  besuchte  er  das  niedere  Seminar 
Blaubeuren  und  dann  das  Ttibinger  Stift.  Ohne  sein  Berufsstudium  zu  ver- 
nachlassigen,  ertibrigte  er  doch  Zeit,  um  seinen  naturhistorischen  Liebhabereien 
nachzugehen.  Schon  als  Seminarist  beschaftigte  er  sich  eingehend  mit  der 
Flora  von  Blaubeuren  und  ftihrte  manchen  schonen,  selbst  gefundenen  Am- 
moniten  der  bedeutenden  S am m lung  seines  Vaters  zu.  Als  Ttibinger  Student 
horte  er  bei  dem  damals  noch  jugendlichen  Quenstedt  Geologic  und  wurde 
ganz  ftir  diese  Wisscnschaft  begcistert.  Mit  einer  geognostischen  Aufhahme 
der  Umgebung  von  Tubingen  trug  er  einen  akademischen  Preis  davon.    Bald 


Fraaa.  I47 

verband  innige  Freundschaft  Lehrer  und  Schtller,  sie  untemahmen  zusammen 
grosse,  originell  ausgeflihrte  Exkursionen  weit  iiber  die  Grenzen  WUrttembergs 
hinaus,  in  die  Alpenwelt,  nach  Oberitalien  und  Stidfrankreich.  Nachdem  F. 
sein  Examen  bestanden  hatte,  that  er  bei  seinem  Vater,  damals  Dekan  in 
Balingen,  Vikarsdienste,  nahm  jedoch  dazwischen  hinein  1847  einjahrigen  Auf- 
enthalt  in  Paris,  urn  die  Ecole  des  mines  zu  besuchen  und  seine  geologischen 
Studien  fortzusetzen ,  und  bereiste  auch  die  Normandie  und  England.  1850 
bis  1854  wirkte  er  als  Pfarrer  in  Laufen  a.  d.  Eyach  (Oberamt  Balingen),  wo 
er  sich  einen  eigenen,  bald  durch  zahlreiche  Nachkommenschaft  belebten 
Hausstand  grlindete.  Das  Sammeln  von  Versteinerungen,  wozu  die  noch 
wenig  ausgebeutete  Balinger  Gegend  besonders  gtinstige  Gelegenheit  bot, 
wurde  eifrig  fortgesetzt;  F.  zog  die  Mitglieder  seiner  Gemeinde  dazu  heran, 
die  sich  auf  diese  Weise  in  den  damaligen  Hungerjahren  manches  Stlick  Geld 
verdienten.  Das  Laufener  Pfarrhaus  aber  wurde  fiir  Sammler  und  Forscher 
aus  Nah  und  Fern  ein  viel  besuchter  Anziehungspunkt.  Der  wachsende  geo- 
logische  Ruf  des  Pfarrherrn  lenkte  die  Blicke  der  maassgebenden  Kreise  auf 
ihn.  Er  wurde  1854  als  Konservator  fiir  die  geologischen  und  mineraJogi- 
schen  Abtheilungen  an  das  Stuttgarter  Natural ienkabinet  berufen,  zunachst  in 
der  bescheidenen  Stellung  eines  Hilfsarbeiters,  aber  allmahlich  von  Stufe  zu 
Stufe  bis  zum  Vorstand  der  Anstalt  emporsteigend.  Nachdem  noch  sein 
70.  Geburtstag  festlich  begangen  worden  war,  trat  er  April  1894  in  den  blei- 
benden  Ruhestand.  Nicht  mehr  im  Vollbesitze  seiner  geistigen  und  kOrper- 
lichen  Krafte,  verbrachte  er  den  Rest  seines  Lebens  still,  aber  heiteren  Ge- 
mtiths,  bis  ihn  ein  sanfter  Tod  abrief.  —  F.  hat  seine  besten  Krafte  der 
Einrichtung  des  Stuttgarter  Naturalienkabinets  gewidmet.  Er  hat  die  geo- 
logischen und  mineral ogisch en  Sammlungen  dieser  Anstalt  auf  eine  bedeutende 
Hohe  gebracht  und  durch  die  seltensten  und  werthvollsten  palaontologischen 
und  sonstigen  Fundstticke  bereichert.  Zumal  den  vaterlandischen  Saal  stattete 
er  in  gl&nzender  Weise  aus.  Wie  unermtidlich  durchpilgerte  und  durchforschte 
er  aber  auch  das  ganze  Land!  Seine  Erfolge  beschrankten  sich  nicht  auf 
das  geologische  Gebiet.  Es  gelang  ihm,  zahlreiche  Hohlen  zu  erschliessen, 
eine  prahistorische  Niederlassung  an  der  Schussenquelle  auszugraben.  Durch 
seine  fortgesetzten  Exkursionen  wurde  der  »Steiner-Fraas«  oder  »Hohlen- 
Fraas«,  wie  ihn  der  Volksmund  nannte,  zu  einer  der  popularsten  PersOnlich- 
keiten  in  Schwaben.  Auch  seine  grossen  Studienreisen  kamen  ebenso  den 
ihm  anvertrauten  Sammlungen  als  der  Wissenschaft  im  Allgemeinen  zu  gut. 
1865/66  besuchte  er  Egypten,  die  Sinai-Hal binsel  und  Palastina,  1875  Ubcr- 
nahm  er  im  Auftrage  des  Generalgouverneurs  von  Syrien,  Rustem  Pascha,  die 
geologische  Untersuchung  des  Libanon,  1882  bereiste  er  Stidfrankreich  und 
Spanien.  F.  betrachtete  es  nicht  bloss  als  seine  Aufgabe,  das  Naturalien- 
kabinet  zu  vergrossern  und  zu  ordnen,  sondern  er  bemtihte  sich  auch,  es  fiir 
die  weitesten  Kreise  nutzbar  zu  machen,  auf  das  Volk  belehrend  wirken  zu 
lassen.  Trefflich  verstand  er  es,  in  allgemein  fasslicher  Weise  seine  Museen 
in  Wort  und  Schrift  dem  grossen  Publikum  vorzuftihren.  Neben  seiner  haupt- 
sachlichen  Wirksamkeit  entwickelte  der  vielseitige  Mann  sonst  noch  auf  zahl- 
reichen  wissenschaftlichen  und  praktischen  Gebieten  rege  Thatigkeit,  Uberall 
einen  klaren  Blick  und  ein  sicheres  Urtheil  zeigend.  Er  war  seit  1859  Mit- 
glied  der  Kommission  zur  Herstellung  eines  geognostischen  Atlas  von  Wlirttem- 
berg,  Begrtinder  und  langjahriger  Vorstand  des  wtirttembergischen  anthro- 
pologischen  Vereines,  seit   1872  Vorstandsmitglied  der  deutschen  Anthropolo- 

10* 


148  Fraas.     von  Haldenwang. 

gengesellschaft,  Mitvorstand  und  Redaktionsmitglied  des  Vereins  fiir  vater- 
landische  Naturkunde,  Mitglied  der  weiteren  Kommission  fiir  die  Verwaltung 
der  Staatssammlungen  vaterlandischer  Kunst-  und  Alterthumsdenkmale.  Viele 
Jahre  lehrte  er  ferner  den  Weinbau  an  der  benachbarten  Akademie  Hohen- 
heim,  wie  er  auch  als  langjahriger  Vorstand  des  Wiirttembergischen  Weinbau- 
vereins  diesen  Erwerbszweig  f6rderte.  Ebenso  erwarb  er  sich  urn  den  wiirt- 
tembergischen Eisenbahnbau  als  geognostischer  Konsulent  der  Baukommission 
Verdienste.  1865  bis  1869  stand  er  an  der  Spitze  des  Stuttgarter  Gewerbe- 
Vereins.  Die  deutsche  Partei  zahlte  ihn  zu  den  Ihrigen,  und  187 1  wurde  er 
in  den  hauptstadtischen  Gerneinderath  gew&hlt.  Ueberhaupt  fehlte  es  ihm  an 
vielfacher  Anerkennung  und  Auszeichnung  nicht,  denn  sein  Ruf  war  weit  Uber 
die  Grenzen  seiner  engeren  Heimat,  sogar  tiber  die  Deutschlands  hinaus- 
gedrungen.  Orden  schmiickten  ihn,  viele  gelehrte  Gesellschaften  machten  ihn 
zu  ihrem  Mitglied  oder  Ehrenmitglied ;  noch  acht  Tage  nach  seinem  Tode 
traf  die  Ernennung  zum  correspondirenden  Mitglied  der  Geological  Society  of 
London  ein.  1894  iiberreichte  ihm  die  Ttibinger  naturwissenschafdiche  Fa- 
kultat  ihr  Ehrendoktordiplom.  Seine  literarischen  Werke  wurden  viel  gelesen, 
denn  er  verband  mit  Gediegenheit  und  Grtindlichkeit  die  Gabe  lebendiger 
Darstellung  und  wusste  die  Ergebnisse  seiner  Studien  und  Reisen  auch  einem 
nicht  fachmannisch  gebildeten  Publikum  in  angenehmer  Form  zuganglich  zu 
machen.  Die  bedeutendsten  Schriften  F.'s  sind:  »Die  nutzbaren  Mineralien 
Wiirttembergs«  i860,  »Vor  der  Siindfluth,  eine  Geschichte  der  Urwelt«  1864, 
»Die  geognostische  Sammlung  Wtirttembergs«  1869,  »Die  Nftrdlinger  SchlachU 
1869,  »Drei  Monate  im  Libanon«  1876,  »Wiirttembergs  Eisenbahnen  mit  Land 
und  Leu  ten  an  der  Bahn«  1880,  »Geognostische  Beschreibung  von  Wtirttem- 
berg,  Baden  und  Hohenzollern«   1882,  »Reisebriefe  aus  dem  Stiden«   1883. 

Schwabische  Chronik  vom  22.  November  1897  (Abendblatt)  und  1.  December  1897 
(Mittwochsbeilage),  Neues  Tagblatt  vom  23.  November  1897,  Schwabenland  1898,  No.  I, 
Leopoldina  XXXIV  (1898)  Heft  1  (mit  einem  ausftlhrlichen  Verzeichniss  der  Publikationen 
Fraas').     Illustrirte  Zeitung  vom  9.  December  1897,  S.  8iof.  (mit  Portr&t). 

Rudolf  Krauss. 

Haldenwang,  Otto  von,  wtirttembergischer  General,  *  am  18.  August 
1828  zu  Buttenhausen  (Oberamt  Mtinsingen),  f  am  18.  April  1897  zu  Stutt- 
gart. —  Einem  Pfarrhaus  entstammt,  wurde  H.  in  der  Ludwigsburger  Kriegs- 
schule  zum  Offizier  herangebildet,  gehorte  seit  1848  als  Lieutenant  dem  drit- 
ten,  dann  dem  ersten  wiirttembergischen  Infanterie-Regiment  an  und  machte, 
1864  zum  Hauptmann  befordert,  in  letzterem  den  Feldzug  des  Jahres  1866 
mit.  Am  deutsch-franzosischen  Kriege  nahm  er  als  Major  und  Kommandeur 
des  1.  Infanterie-  (Grenadier-)  Regiments  Konigin  Olga  theil,  war  in  den 
Schlachten  von  Worth  und  Sedan  und  griff  in  die  Kampfe  bei  Champigny 
und  Villiers  am  30.  November  und  2.  December  1870  in  einer  Weise  ein, 
die  seinem  Namen  ein  bleibendes  Andenken  in  der  Geschichte  jenes  Krieges 
gesichert  hat.  Nachdem  am  30.  .November  beim  Angriffe  des  1,  Regimentes 
auf  die  Hohe  des  Jagerhauses  Oberst  von  Berger  gefallen  war,  Ubernahm  H. 
das  Kommando.  Ueberzeugt  von  der  Unmoglichkeit,  bei  der  starken  Ueber- 
zahl  des  Feindes  den  Vorstoss  durchzuftihren,  ordnete  er  den  Riickzug  nach 
dem  Parke  von  Coeuilly  an.  Die  Parkmauer  wurde  besetzt,  und  von  hier 
aus  (iberschtittete  ein  verheerendes  Schnellfeuer  den  in  dichten  Haufen  nach- 
drangenden  Feind,  dessen  Vormarsch  bald  zum  Stehen  gebracht  und  in  Flucht 
verwandelt   wurde.     Auch    am   2.  December  wirkte  H.  durch  seine  Gefechts- 


von  Haldenwang.     Hecker.  140 

leitung  im  Parke  von  Villiers  zum  Erfolge  des  Tages  mit.  Seine  entschlossene 
und  umsichtige  Haltung  wurde  durch  Verleihung  des  Militarvcrdienstordens 
und  eisernen  Kreuzes  erster  Klassc  belohnt.  Nach  Beendigung  des  Feldzuges 
riickte  er  der  Reihe  nach  zum  Oberstlieutenant,  Regimentsfuhrer  des  3.  In- 
fanterie- Regiments  No.  121,  Kommandeur  des  8.  Regiments  No.  126  in 
Strassburg  und  Obersten  vor.  1883  wurde  er  als  Generalmajor  zum  Kom- 
mandeur der  24.  Infanteriebrigade  in  Neisse,  1887  ^s  Generallieutenant  zum 
Kommandeur  der  27.  Division  in  Ulm  befiBrdert.  1890  nahm  er  seinen  Ab- 
schied,  den  er  unter  Anerkennung  seiner  treuen  und  vorzUglichen  Dienste  mit 
dem  Titel  eines  Generals  der  Infanterie  erhielt.  1892  fiel  ihm  der  Posten 
eines  Vorstandes  des  Verwaltungsrathes  der  wllrttenibergischen  Invalidenstiftung 
zu.  Am  30.  November  1895  wurde  H.,  der  sich  natiirlich  im  Besitze  zahl- 
loser  Orden  und  Ehrenzeichen  befand,  zur  ftinfundzwanzigjahrigen  Gedenkfeier 
des  Ruhmestages  von  Coeuilly  in  den  erblichen  Adelstand  des  Konigreiches 
erhoben.  Er  starb  an  einem  Herzschlage  nach  langerer  Krankheit.  Der  ein- 
fache,  gerade  und  wohlwollende  Mann,  der  an  schwabischer  Art  zeitlebens 
festhielt,  durfte  sich  grosser  Beliebtheit  bei  Vorgesetzten,  Kameraden  und 
Untergebenen  und  auch  in  Civilkreisen  erfreuen.  Er  war  mit  Pauline  Eschen- 
mayer  vermahlt;  funf  dieser  Ehe  entsprossene  Sfihne  bekleiden  Stellungen  in 
der  wurttembergischen  Armee. 

Nekrologe  in  Schwabischer  Chronik  vom  20.  April  1897  (Mittagsblatt),  Staatsanzeiger 
fUr  Wttrttemberg  und  Stuttgarter  Neuen  Tagblatt  vom  selben  Tag.  Auf  dem  grossen  Ge- 
malde  von  Otto  Faber  du  Faur,  das  den  Kampf  um  den  Park  von  Coeuilly  darstellt  (Kgl. 
Staatsgalerie  Stuttgart),  ist  H.  mit  voller  Portrattreue  verewigt. 

Rudolf  Krauss. 

Hecker,  Karl,  Novellist,  *  am  23.  November  1845  in  Ulm  (nicht  Ess- 
lingen),  f  am  18.  November  1897  in  Stuttgart.  —  Der  Vater  H.'s  war  Rechts- 
konsulent  in  Ulm,  spater  in  Esslingen  und  Stuttgart.  Den  humanistischen 
Lehranstalten  der  beiden  zuletzt  genannten  Stadte  verdankte  der  aufgeweckte 
und  heiter  veranlagte  Knabe  seine  erste  Ausbildung.  Da  ihn  die  militarische 
Laufbahn  verlockte,  trat  er  1861  in  die  damals  noch  bestehende  Koniglich 
wtirttembergische  Kriegsschule  zu  Ludwigsburg  ein.  H.'s  martialischen  Nei- 
gungen  liefen  bald  poetische  den  Rang  ab:  seine  Mussestunden  benutzte  er 
dazu,  »Des  Trompeters  von  Sakkingen  letztes  Stuck «,  eine  zwolf  Gesange  lange 
Fortsetzung  zu  Scheffers  berilhmtem  Werke,  zu  dichten;  ja  der  Kadett  fand 
sogar  den  Muth,  seine  ErstlingsschSpfung  durch  einen  Mittelsmann  dem  Mei- 
ster  vorzulegen,  der  sich  in  einem  langeren  Schreiben  anerkennend  und  auf- 
munternd  darUber  ausserte  (vergl.  Vom  Fels  zum  Meer,  15.  Jahrgang,  5.  Heft, 
S.  208—211).  Doch  blieb  H.  vorerst  noch  dem  Soldatenstande  treu  und 
wurde  1865  Lieutenant  in  dem  zu  Ludwigsburg  garnisonirenden  1.  Reiter- 
Regiment  Konig  Karl,  spater  ebendaselbst  im  1 .  wtirttembergischen  Dragoner- 
Regiment  (Konigin  Olga)  No.  25,  dem  er  ftir  den  Rest  seiner  Dienstzeit  an- 
gehorte.  Er  machte  die  Feldztige  von  1866  und  1870/71  mit.  In  Frankreich 
verfasste  er  eine  stattliche  Reihe  Kriegsbilder,  die  namentlich  im  Schwabischen 
Merkur  erschienen  und  ihrer  frischen,  charakteristischen  Art  wegen  gerne  ge- 
lesen  wurden.  Auch  nach  der  Beendigung  des  Krieges  setzte  H.  seine  litera- 
rische  Thatigkeit  fort.  Seine  humoristischen  Skizzen  und  Erzahlungen  aus 
dem  Offiziersleben  wurden  in  den  bedeutendsten  Blattern  abgedruckt  und 
machten  ihn  bald  zu  einem  beliebten  Autor,  sollen  ihm  jedoch  von  Seiten 
seiner  Vorgesetzten    mancherlei  Verdriesslichkeiten    zugezogen  haben.     Nach- 


*$° 


Hecker. 


dem  er  schon  1878  zum  Rittmeister  befordert  worden  war,  erhielt  er  1888 
mit  dem  Charakter  eines  Majors  und  dem  Rechte,  Uniform  zu  tragen,  seinen 
ehrenvollen  Abschied.  Jetzt  konnte  er  ganz  seinem  schriftstellerischen  Talente 
leben.  Er  nahm  zun&chst  einj&hrigen  Aufenthalt  in  Berlin  und  trat  dann  in 
die  Dienste  der  Stuttgarter  Verlagsgesellschaft  Union  als  Redakteur  der  Zeit- 
schrift  Vom  Fels  zum  Meer.  Diese  Thatigkeit  nahm  ihn  so  stark  in  Anspruch, 
dass  er  fllr  grossere  selbstandige  Schopfungen  nur  noch  wenig  Musse  erlibrigte. 
Die  Ausarbeitung  von  mancherlei  Entwtlrfen,  die  seinen  Geist  beschaftigten, 
sparte  er  sich  flir  spatere  ruhigere  Zeiten  auf.  Es  sollte  ihm  nicht  mehr  so 
gut  werden.  Von  einem  Herbstausfluge  nach  den  Ufern  der  Mosel  war  er 
mit  einer  Magenverstimmung  heimgekehrt,  der  man  um  so  weniger  ernsthafte 
Folgen  beimaass,  als  seine  Gesundheit  unverwtistlich  schien.  Das  Uebel  ver- 
schlimmerte  sich  jedoch  und  zog  sich  auf  das  Herz.  H.  sah  sich  genttthigt, 
ein  Spital  zu  beziehen,  eine  schwere  Magenblutung  kam  hinzu,  und  fiihrte  ein 
rasches  Ende  herbei.  H.  war  eine  in  Stuttgart  bekannte  und  in  der  guten  Ge- 
sellschaft  wohl  gelittene  Personlichkeit.  Ein  flotter  Junggeselle,  der,  soweit 
es  mit  der  Erftillung  seiner  Pflichten  sich  vereinigen  liess,  sein  Leben  genoss, 
hatte  er  selbst  etwas  von  dem  militarischen  Schwerenfither  an  sich,  den  er  so 
kflstlich  zu  schildern  verstand.  Er  war  ein  geistreicher,  witziger  Kopf,  und 
knauserte  mit  seinen  Talenten  nicht.  Gesellige  Kreise  hiessen  stets  den  lebens- 
frohen  Mann  willkommen,  der  sich  so  sicher  zu  bewegen  wusste,  der  so  treff- 
lich  plauderte  und  erzahlte,  scherzte  und  spottete.  Von  den  naheren  Freunden 
und  Kollegen  wurde  er  noch  besonders  seiner  guten  Herzenseigenschaften 
wegen  geschatzt.  Den  schriftstellerischen  Ruf  H.'s  hat  das  1887  erstmals  er- 
schienene,  in  vielen  Tausenden  verbreitete  Buch  »Aus  den  Memoiren  eines 
Lieutenants*  begriindet.  Hacklander  war  sein  unverkennbares  Vorbild,  und 
bei  Karl  Krabbe,  dem  Verleger  jenes,  erschienen  auch  alle  seine  Schriften, 
die  H.  Albrecht,  H.  Schlittgen  und  andere  reizend  illustrirt  haben.  H.  bewahrt 
sich  schon  in  seinem  Erstlingswerk  als  Meister  auf  dem  freilich  eng  begrenz- 
ten  Gebiete,  das  er  sich  zur  Behandlung  auserkoren  hat.  Er  schildert  in 
humoristischen  Novellen  und  Skizzen  das  deutsche  Offiziersleben  der  Gegen- 
wart  mit  seinen  Vorzligen  und  Schatten,  seinen  ernsthaften  und  lacherlichen 
Seiten  auf  ebenso  unterhaltende  als  zuverlassige  und  darum  kulturhistorisch 
werthvolle  Weise.  Alles  beruht  auf  eigener  Beobachtung.  Das  Recht  der 
Uebertreibung,  das  der  satirische  Sittenschilderer  von  jeher  gehabt  hat,  nimmt 
natiirlich  auch  H.  flir  sich  in  Anspruch,  ohne  dass  dadurch  die  Treue  seiner 
Portrats  im  Allgemeinen  noth  leidet.  Er  ist  ein  gewandter,  flotter,  frischer, 
von  Witz  spriihender  Erzahler,  der  nur  mitunter  das  Niveau  seiner  Darstellung 
dadurch  herabdrtickt,  dass  er  auch  jencr  niedersten  Sorte  von  Witzen,  die 
man  als  Kalauer  zu  bezeichnen  pflegt,  nicht  aus  dem  Wege  geht.  1888  folgte 
die  mehr  sentimental  gehaltene  Erz^hlung  »I)as  Kasernenbltimchen«,  1889  die 
Novellensammlung  »Casino-Geschichten«  sowie  die  beiden  Erzahlungen  »Blaue 
Husaren«  und  »Spiele  nicht  mit  Schiessgewehren!«  (in  einem  Bande  zusammen), 
1893  »Im  alten  Schloss  und  andere  Erzahlungen «.  Einen  eigentlichen  Fort- 
schritt  bedeuten  alle  diese  Erzeugnisse  den  Memoiren  eines  Lieutenants  gegen- 
iiber  kaum.  H.  bewegt  sich  uberall  in  der  gleichen  Sphare,  nur  zieht  er  jetzt 
auch  mitunter  die  Tragik  des  Offizierlebens  in  den  Kreis  seiner  Schilderungen, 
die  dann  mit  Duell  oder  Selbstmord  zu  enden  pflegen.  Nicht  durch  Erfin- 
dungsgabe,  die  sich  in  seinen  Novellen  seiten  Uber  das  Durchschnittsmaass 
erhebt,    sondern    durch  hubsche  Einkleidung  und  Ausfiihrung  erzielt  er  seine 


Hecker.     Zimmermann.  151 

Erfolge.  Gerade  wenn  er  sich  bemtiht,  etwas  Ausserordentliches  zu  bieten, 
besonders  poetisch  oder  gar  symbolisch  zu  werden,  scheitert  seine  Kunst  am 
leichtesten.  Doch  nimmt  in  seinem  letzten  Buche  seine  Phantasie  ein  paar- 
mal  mit  GlUck  einen  hoheren  Schwung,  so  in  der  artigen  Marchennovelle 
»Im  alten  Schloss«  und  in  der  »Geschichte  eines  Briefest,  wo  ein  eigenartiger 
Einfall  kunstvoll  durchgefUhrt  ist.  Auch  unter  den  niemals  gesammelten  Ge- 
dichten  H.'s  findet  sich  manches  ansprechende  Sttick. 

Schwabische  Kronik  vom  18.  November  1897  (Abendblatt)  und  sonstige  Zeitungs- 
notizen,  Vom  Fels  zum  Meer  17.  Jabrgang,  9.  Heft,  S.  386  f.  (mit  Bildniss),  Leichenrede 
(mit  Nachrufen),  Franz  Brtiraroer,  Lexikon  der  deutschen  Dichter  und  Prosaisten  des  neun- 
zehnten  Jabrhunderts ,  4.  Ausgabe,  II,  S.  115.  In  dem  Lieutenant  Rosen  in  »Spiele  nicbt 
mit  ScbiessgewebrenU  bat  sicb  H.  offenbar  selbst  gezeicbnet  (vergl.  namentlicb  die  Charak- 
teristik  auf  S.  136). 

Rudolf  Krauss. 

Zimmermann,  Josef  Andreas,  Prasident  des  evangel.  Oberkirchenrathes 
in  Wien,  *  am  2.  Dezember  1810  in  Schassburg  in  Siebenbiirgen,  f  am 
18.  Mai  1897  in  Hermannstadt.  —  Z.  war  ein  Siebenbiirger  Sachse,  geboren 
am  2.  Dezember  18 10  in  Schassburg  im  Sachsenland  in  Siebenbiirgen.  Nach 
Absolvirung  des  Schassburger  Gymnasiums,  das  unter  (dem  spatern  Bischof) 
G.  P.  Binder  eine  scheme  Bltithe  erreichte,  dem  insbesonders  auch  Z.  die 
tiefsten  Anregungen  verdankte,  besuchte  er  in  Klausenburg  die  Vorlesungen 
am  kgl.  Lyceum,  dann  am  ref.  Collegium,  wo  er  die  juridisch-politischen 
Studien  1832  mit  Auszeichnung  absolvirte.  Von  1832 — 35  beim  Gubernium 
in  Klausenburg  im  Dienst,  wurde  er  beim  Magistrat  in  Schassburg  angestellt, 
ging  1838  nach  Vasarhely,  um  bei  der  Gerichtstafel  die  Gerichtspraxis  zu 
erlernen.  Dort  arbeitete  er  auch  eifrig  in  der  Telekischen  Bibliothek  und 
vermehrte  seine  schon  reichen  Kenntnisse  der  vaterlandischen  Geschichte. 
Im  Jahre  1839  wurde  er  als  Lehrer  des  Rechts  an  das  Hermannstadter  Gym- 
nasium berufen,  von  wo  er  1844  an  die  neugegrtindete  juridische  Facult&t 
in  Hermannstadt  liberging. 

Die  Griindung  dieser  Facultat  war  ein  Zeichen  des  neuerwachten  politischen 
und  geistigen  Lebens  unter  den  Siebenbiirger  Sachsen.  Im  Zusammenhang  mit 
den  Vorgangen  in  Ungam  empfand  man  auch  in  Siebenbiirgen  das  Bedtirfniss, 
den  Kampf  um  die  von  der  Regierung  allseitig  verletzte  Verfassung  aufzu- 
nehmen,  insbesonders  auch  unter  den  Sachsen  die  Nothigung,  angesichts  der 
steigenden  Forderungen  der  Magyaren  und  der  Vorsorge  fiir  ihre  Nationalitat 
ftir  die  Entwickelung  des  eigenen  deutschen  nationalen  Lebens  zu  sorgen. 
Eine  grosse  Regenerationsarbeit  begann,  die  jene  Starkung  ins  Auge  fasste. 
Vereine  auf  alien  Gebieten  nahmen  die  Krafte  zusammen  und  die  Facultat 
sollte  dazu  dienen,  der  Nation  geschulte  Juristen  zu  erziehen,  die  das  Herz 
auf  dem  rechten  Fleck  geeignet  waren,  im  politischen  Kampf  die  nationalen 
Rechte  zu  vertheidigen.  Denn  im  Grunde  stand  die  ganze  Bewegung  und 
die  ganze  Arbeit  jener  Jahre  unter  dem  politischen  Zeichen. 

Z.  ist  ein  Haupttrager  dieser  Gedanken  gewesen.  Er  war  es,  der  das  alte 
siebenbiirgische  Staatsrecht  aus  den  verstaubten  Gesetzbiichern  wieder  ans  Licht 
des  Tages  zog,  der  das  sachsische  Volk  lehrte,  das  alte  Recht  auch  als  einen 
Schutzwall  fiir  die  eigene  nationale  Entwickelung  anzusehn.  In  der  Hermann- 
stadter Stadtvertretung  und  auf  dem  siebenbiirgischen  Landtag  trat  er  fiir  die 
freiheitliche  Entwickelung  gegen  die  verzopfte  Bureaukratie  des  herrschenden 
Beamtenthums  auf,  stellte  in  der  Publizistik  seinen  Mann  und  war  einer  der 


152 


Zimmermann. 


Vordersten,  die  der  Nation  das  alte  Recht  zuriickeroberten,  sich  den  Comes 
(Nationsgrafen)  frei  zu  wahlen.  Als  1848  die  Revolution  ausbrach,  die  in 
Ungarn  und  Siebenbtirgen  von  Seiten  der  Magyaren  als  eine  Fordemng  die 
Union  Siebenblirgens  mit  Ungarn  aufstellte,  da  gehtirte  Z.  zu  Jenen,  die  in 
dieser  Absicht  eine  schwere  Gefahrdung  des  nationalen  Lebens  und  der  selbst- 
standigen  Entwickelung  des  sachs.  Volkes  sahen  und  die  Union  daher  ent- 
schieden  bekampften.  Die  Nation  sandte  ihn  als  Mitglied  einer  Deputation 
an  den  kaiserlicher  Hof  nach  Wien  und  Innsbruck,  um  die  Union  als  gefahr- 
lich  ftir  die  Sachsen  darzustellen  und  wenn  moglich  zu  verhindern.  Was  der 
Deputation  nicht  moglich  gewesen  war,  that  der  Burgerkrieg;  die  Union  wurde 
nicht  durchgefiihrt,  der  Absolutismus  hob  jede  Verfassung  auf. 

Z.  erkannte  nun  mit  scharfem  Blick,  dass  in  den  veranderten  Zeitver- 
haltnissen  neue  Bollwerke  ftir  die  nationale  Entwickelung  des  sachsischen 
Volkes  geschaffen  werden  miissten.  Schule  und  Kirche  und  die  geistigen  und 
sittlichen  Gtiter,  die  sie  in  sich  schliessen,  miissten  gestarkt  werden.  So  half 
er  zunachst  mit,  dass  der  osterreichische  Organisationsentwurf  auch  fur  die 
sachsischen  Gymnasien  eingefuhrt  wurde,  wodurch  Einheit  in  diesen  Anstalten 
und  ein  neuer  schoner  Aufschwung  ermoglicht  wurde.  Die  Neuorganisation  aber 
war  ohne  neue  grosse  Mittel  nicht  mdglich.  Und  da  war  Z.  der  Schopfer  der 
sog.  »Nationaldotation«,  d.  h.  der  Widmung  der  sachsischen  Nationsuniversitat 
(der  politischen  Vertretung  des  Sachsenlandes)  vor  allem  zur  Unterstutzung  der 
evangelischen  Gymnasien  der  Sachsen.  Sie  bestand  in  jahrlichen  52  500  fl.  6.  W. 

Im  November  1850  wurde  Z.  in  das  Kultusministerium  nach  Wien  berufen 
und  1852  verlegte  er  seinen  Wohnsitz  dorthin.  Da  wurde  er  am  9.  April  1852 
Minis terialsecretar,  am  1.  Marz  1855  Sectionsrath,  am  20.  November  1858 
Ministerialrath,  am  1.  September  1859  Leiter  des  evangelischen  Konsistoriums, 
am  13.  Juni  1861  Vorsitzender  des  Oberkirchenraths  beider  evangelischer  Be- 
kenntnisse,  am  31.  Juli  1867  President  des  Oberkirchenraths  mit  dem  Rang 
eines  Sectionschefs.  Auf  sein  eigenes  Ansuchen  erfolgte  1874  die  Versetzung 
in  den  Ruhestand,  wobei  ihm  das  Comthurkreuz  des  Franz-Josefs-Ordens  mit 
dem  Stern  »in  Anerkennung  seines  vieljahrigen  vorzliglichen  Wirkens*  ver- 
liehen  wurde. 

Auf  seiner  Arbeit  hat  in  jenen  Jahren  ein  gut  Theil  des  evangelischen 
Lebens  in  Oesterreich  und  Siebenbtirgen  beruht,  im  letzteren  langere  Zeit  auch 
ein  Theil  des  politischen  Lebens. 

Die  evangelische  Larideskirche  A.  B.  in  Siebenbiirgen  musste  sich  eine 
neue  Verfassung  geben,  da  die  Grundlage  der  alten  durch  die  Revolution  und 
den  Absolutismus,  der  darauf  folgte,  zusammengebrochen  war.  Zur  Fdrderung 
dieses  Werkes  wurde  Z.  i860  nach  Hermannstadt  geschickt,  um  Vertrauens- 
manner  zu  hdren,  wie  die  Sache  am  besten  zu  fordern  sei.  Die  Arbeit  dieser 
Vertrauensmanner  bildete  die  Grundlage  ftir  die  neue  presbyterial-synodale 
Verfassung,  die  nach  mannigfachen  Verhandlungen  mit  der  Regierung  von 
der  1.  Landeskirchenversammlung  1861  angenommen  wurde.  Z.'s  Verdienst 
bestand  vor  allem  darin,  dass  er  die  Regierung,  dabei  in  erster  Reihe  den 
Cultusminister  Grafen  Leo  Thun,  uberzeugte,  dass  die  Landeskirche  das 
Recht  der  Autonomic  besitze  und  der  Staat  darum  ihr  es  wiedergeben  musse. 
Auch  auf  den  Inhalt  der  freien  Verfassung  hat  Z.  Einfluss  genommen.  Sie 
legte  die  Zusammensetzung  sammtlicher  Behdrden  in  die  freie  Wahl  der 
Kirche,  gab  den  Laien  in  den  Behorden  des  Bezirks  und  den  obersten  Vertre- 
tungen  gleiche  Vertretung  wie  den  Geistlichen,  selbst  der  Bischof  wurde  gewahlt. 


Zimmerroann. 


*53 


Diese  neue  Kirchenverfassung  aber  bildete  ein  neues  Band  auch  der 
nationalen  Einheit  fur  die  Sachsen,  als  die  politische  Einheit  im  Sturm  der 
nachsten  Jahre  zusammenbrach. 

Z.  ist  in  jenen  Jahren  eine  anerkannt  fllhrende  Personlichkeit  im  sachsischen 
Volk  gewesen.  Litterarisch  ungewohnlich  erfahren,  der  Besitzer  der  grossten 
Privatbibliothek,  die  er  unablassig  und  umsichtig  vermehrte,  der  beste  Kenner 
der  Rechtsentwickelung  des  Landes,  klug  und  verschwiegen,  mit  unendlicher 
Ausdauer  im  geheimen  ftir  die  Ziele  arbeitend,  die  er  als  richtig  erkannt 
hatte,  ein  Mann  mit  eigenen  festen  Anschauungen,  von  riesiger  Gedachtniss- 
kraft,  eine  geschlossene  Personlichkeit,  die  nicht  die  ausgetretenen  Wege  ging, 
gait  er  als  Autoritat  auch  im  politischen  Kampf. 

Als  das  Oktoberdiplom  i860  und  dann  das  Februarpatent  1861  das  neu- 
constitutionelle  einheitliche  Gross-Oesterreich  zu  schaffen  versuchte,  da  war  Z. 
ein  Hauptvertreter  dieser  in  Schmerling  verkorperten  Idee.  Seinem  Einfluss 
ist  es  mit  zu  verdanken,  dass .  die  Sachsen  diesen  Zielen  sich  geneigt  zeigten. 
Die  Durchfiihrung  dieser  Plane  verbtirgte,  was  die  Union  mit  Ungarn  eben  in 
Frage  gestellt  hatte,  die  nationale  Entwickelung  des  sachsischen  Volkes.  Auf 
dem  Landtag  in  Hermannstadt  1863/65  war  er  als  Regalist  (Kronberufener) 
anwesend  und  seiner  Klugheit  war  es  mit  zu  danken,  dass  das  Ziel  erreicht 
wurde,  Siebenbtlrgen  in  den  Reichsrath  nach  Wien  zu  ftihren.  Auch  Z.  war 
unter  den  Abgeordneten,  die  Siebenbtlrgen  vertraten. 

Aber  dort  im  Wiener  Reichsrath  erkannte  er  sehr  bald,  was  dem  neuen 
Staate  fehlte,  sah  vor  allem,  wie  das  Verhaltniss  Oesterreichs  zu  Deutschland 
immer  mehr  der  Losung  zudrangte,  merkte  wie  die  Regierung  unter  consti- 
tutionellen  Formen  das  freiheitliche  Leben  zu  unterbinden  versuchte  und  sah 
sich  zum  Schluss  in  die  Opposition  gedrangt.  Schmerlings  Sturz  iiberraschte 
ihn  nicht,  wohl  aber  die  neue  Bahn,  die  nun  entgegen  alien  Versicherungen 
und  Zielen  der  letzten  Jahre  eingeschlagen  wurde,  und  die  eine  Verstandigung 
mit  Ungarn  auf  Grund  der  Gesetze  von  1848  anstrebte.  Die  Vertreter  des 
sachsischen  Volkes  sind  nicht  in  der  Lage  gewesen,  auf  diese  grossen  Fragen 
grossern  Einfluss  zu  nehmen,  der  sich  fast  nur  auf  publizistische  Theilnahme 
beschrankte;  sie  sahen  sich  nach  der  grundsatzlichen  Wendung  der  Politik 
plotzlich  vor  die  Thatsache  gestellt,  wieder  Stellung  zu  nehmen  in  der  Frage 
der  Union  Siebenbtirgens  mit  Ungarn.  Denn  die  Anerkennung  der  i848er 
Gesetze  schloss  diese  Union  in  sich.  »Zur  endgiiltigen  Regelung  der  staats- 
rechtlichen  Verhaltnisse  Siebenbtirgens  «  wurde  1865  der  Landtag  nach  Klau- 
senburg  zusammengerufen,  auch  Z.  als  Regalist  in  denselben  berufen,  doch 
nahm  er  an  den  Verhandlungen  keinen  Antheil.  Der  Landtag  beschloss  — 
gegen  eine  von  der  Mehrzahl  der  Sachsen  eingereichte  Sondermeinung,  die 
das  Verhaltniss  Siebenbtirgens  zu  Ungarn  durch  einen  Staatsvertrag  geregelt 
wissen  wollten  — ,  da  die  Union  von  1848  rechtskraftig  sei,  sollten  die  sieben- 
btirgischen  Abgeordneten  nach  Pest  in  den  ungarischen  Reichstag  gerufen  wer- 
den,  der  allein  das  Recht  habe,  weiteres  zu  beschliessen.  Im  ilbrigen  herrschte 
dartiber  kein  Zweifel,  dass  die  Rechte  auch  des  sachsischen  Volkes,  das  Recht 
der  deutschen  Sprache  in  Gericht  und  Verwaltung,  die  Autonomic  der  Kirchen 
u.  s.  f.  unantastbar  seien.  In  Erledigung  der  Klausenburger  Beschliisse  »ge- 
stattete«  die  Krone  1865  die  Beschickung  des  ungarischen  Reichstages  von 
Siebenbtlrgen,  eine  Erlaubniss,  von  der  die  sachsischen  Wahlkreise  unter 
Rechtsverwahrung  Gebrauch  machten,  als  sei  dadurch  die  Union  beschlossen. 
Auch  Z.  wurde  als  Abgeordneter  nach  Pest  gewahlt. 


1 54  Zimmermann. 

Er  kam  dorthin  mit  der  Ueberzeugung,  die  die  Mehrzahl  seiner  Volks- 
genossen  theilte,  dass  es  sich  um  einen  verhaltnissmassig  kurzen  Uebergang 
handle,  aus  dem  mit  Nothwendigkeit  eine  engere  Einheit,  eine  straffere  Zu- 
sammenfassung  der  Monarchic  hervorgehen  mtisste.  Anfangs  wollte  Z.  sich  an 
den  Verhandlungen  nicht  betheiligen,  aber  Schritt  fur  Schritt  zeigten  sich  die 
Verhaltnisse  machtiger  als  die  Menschen,  die  Union  war  faktisch  durchgeftihrt 
und  das  sachsische  Volk  sah  sich  in  einen  Kampf  um  die  nationale  Existenz 
hineingedrangt,  die  die  Gegner  der  Union  eben  immer  vorausgesehen  oder 
den  sie  doch  fiir  so  zerstorend  nicht  voraussehen  konnten. 

Die  erste  Verfligung  des  ungarischen  Reichstages  am  8.  M&rz  1867  liber 
Siebenbtirgen  bestand  in  einem  Beschluss,  der  dem  Ministerium  »freie  Handc 
gab,  in  Siebenbtirgen  nach  Belieben  zu  schalten  wie  in  einem  eroberten  Lande, 
was  das  Ministerium  nicht  einmal  verlangt  hatte.  Z.  wies  mit  Entschieden- 
heit  die  Unzulassigkeit  dieses  Vorgangs  nach,  da  ja  die  Frage  der  Union 
noch  nicht  einmal  endgtiltig  geregelt  sei  —  aber  die  Mehrheit  des  Hauses 
wollte  das  als  Einleitung  zur  Union.  Es  ist  nicht  nur  Zufall,  sondern  ein 
tiefer  Zusammenhang,  dass  Z.  in  den  neuen  Reichstag  1869  nicht  mehr  ein- 
trat.  Das  formale  Recht  hatte  seine  Kraft  bei  jenen  Mannern  verloren,  die 
Ungarns  Wiedergeburt  in  erster  Reihe  durch  Festhalten  an  jenem  Recht  er- 
moglicht  hatten  —  Andern  gegeniiber  wollten  sie  es  nicht  gelten  lassen,  und 
der  Mann,  der  dieses  Recht  sein  Leben  lang  als  Talisman  geschtitzt  und  ge- 
hiitet  hatte,  Z.,  der  es  einst  ftir  Siebenbtirgen  neu  entdeckt  und  gefunden 
hatte,  schied  damit  aus  dem  offentlichen  Leben  in  Ungarn  aus. 

Seine  Kraft  nahm  die  osterreichische  evangelische  Kirche  nun  ganz  in 
Anspruch.  In  dem  Land,  wo  gegen  diese  Kirche  Stinde  auf  Stinde  gehauft 
worden  war,  und  eine  traurige  Vergangenheit  gut  zu  machen  war,  gait  es  mit 
einer  neuen  Kirchenverfassung  zugleich  den  verschiedenen  nationalen  Beken- 
nern  gerecht  zu  werden  und  zugleich  das  innere  Leben  der  Kirche  gegen  die 
vielfachen  Feinde  zu  sichern.  Z.'s  Verdienst  besteht  darin,  dass  er  der  dster- 
reichischen  Kirche  eine  Verfassung  schuf,  von  der  Friedberg  sagt,  sie  sei  die 
den  Anforderungen  am  meisten  entsprechende.  Sie  hat  sich  auch  bewahrt 
und  das  evangelische  Leben  dort  gesichert. 

Sein  Heimathland  aber  vergass  Z.  auch  ftirder  nicht.  Er  wusste  sich  in  der 
deutschen  und  der  magyarischen  Literatur  auf  dem  Laufenden  zu  erhalten  und 
wie  er  fortwahrend  an  die  evangelischen  Gymnasien  in  Siebenbtirgen  grosse 
Bticherspenden  gemacht  hatte,  so  schenkte  er  seine  ganze  reiche  Bibliothek 
1875  an  die  Landeskirche  in  Hermannstadt,  wofiir  ihm  die  XII.  Landeskirchen- 
versammlung  warmen  Dank  in  den  Worten  aussprach:  »Wir  haben  nicht  ver- 
gessen,  was  Sie  einst  als  Lehrer,  was  Sie  in  6ffentlichen  Sendungen  fiir  die 
geistige  und  sittliche  Erstarkung  Ihrer  Nation  gethan;  wir  wissen,  was  unsere 
Kirche  Ihrer  grundlegenden  Arbeit  ftir  die  Widmung  und  Erhaltung  der  National- 
dotation,  ftir  den  Aufbau  und  ftir  die  Fortbildung  ihrer  Verfassung  verdankt; 
um  so  mehr  freut  unser  Herz,  wie  wir  sehen,  wie  Sie  nicht  mtide  werden 
auch  in  dem  wtirdigen  otium  cum  dignitate,  das  Ihnen  Gott  noch  lange  lange 
erhalten  wolle,  durch  so  reiche  Widmungen  wissenschaftlicher  Schatze,  welche 
ebenso  an  Zahl  wie  durch  Wahl  hervorragend  sind,  nach  dem  schonen  Wort 
der  Schrift  die  Seelen  zu  starken  und  so  an  Ihrem  Theil  auch  weiterhin  bei- 
zutragen,  dass  es  unter  uns  nicht  Abend  werde  und  der  Tag  sich  nicht  neige*. 

Seit  seiner  Pensionirung  (1874)  lebte  er  abwechselnd  in  Hermannstadt 
und  Wien,  zuletzt  in  Hermannstadt    seinen  Btichern,  seiner  Familie    und  der 


Zimmermann.     Schmetz.     Schulz.  155 

Sorge  um  Kirche,    Schule  und  Volksthum,    bei  grossen  Fragen  ofter  rathend 
und  helfend. 

Als  der  fast  87Jahrige  Greis,  noch  rtistig  an  Korper  und  Geist,  am 
18.  Mai  1897  nach  kurzer  Krankheit  still  entschlief,  da  trauerte  das  sachsische 
Volk  und  die  evangelische  Kirche  an  seinem  Sarge  um  den  tiefsten  Kenner 
und  verdienten  Vertheidiger  seiner  und  ihrer  Rechte,  den  Ftihrer  im  Kampf 
um  die  Rlickeroberung  der  Autonomic  der  Kirche,  den  Mitbegrlinder  ihrer 
Verfassung,  den  SchOpfer  der  Nationaldotation,  den  ganzen  Mann,  wie  er  als 
Sachse  und  Protestant  sein  Leben  lang  es  gewesen  war. 

Fr.  Tcutsch:  Denkrede  auf  J,  A,  Zimmermann.  Archiv  dcs  Vercins  f.  siebenb.  Landes- 
kunde.    28.  Band,  S.  5. 

Fr.  Teutsch. 

Schmetz,  Johann  Paul,  ein  fleissiger  Schriftsteller  im  Fache  der  Choral- 
kunde,  *  am  2.  September  1845  zu  RQtt  *n  der  Rheinprovinz,  f  am  25.  Septem- 
ber 1897  zu  Zell  an  der  Mosel.  —  Im  Jahre  1866  trat  er  in's  Seminar  zu 
Kempen  ein,  wo  er  den  tttchtigen  Chorallehrer  P.  Piel  zum  Musiklehrer 
hatte,  der  auch  den  Keim  seiner  spateren  Thatigkeit  legte.  Nach  vollendeten 
Studien  kam  er  als  Lehrer  in  das  Eifeldorf  Halm,  dann  an  die  Sanct  Albert- 
schule  zu  Aachen,  und  bald  darauf  an  die  dortige  Vorschule  des  Karls- 
gymnasium.  1878  wurde  er  Seminarlehrer  in  Montabaur,  und  als  der  bekannte 
Chorallehrer  Severin  Meister  1881  starb,  wurde  er  dessen  Nachfolger  als 
Musiklehrer  am  Seminar.  Endlich  erhielt  er  am  i.Juli  1893  die  Kreis-Schul- 
Inspektorstelle  in  Zell  an  der  Mosel,  wo  ihm  jedoch  nur  wenige  Jahre  zu 
wirken  vergonnt  war.  Seit  etwa  filnfzehn  Jahren  ist  man  eifrig  bemtiht, 
den  katholischen  sogenannten  gregorianischen  Choralgesang  in  seiner  alten 
Reinheit  wieder  herzustellen.  Zum  Behufe  dessen  bildeten  sich  in  Deutsch- 
land,  Frankreich  und  England  Vereine,  welche  sich  die  Aufgabe  stellten  aus 
den  altesten  noch  vorhandenen  Handschriften  die  Choralgesange  neu  zu  ver- 
offentlichen  und  die  mit  der  alten  Neume  notirten  in  unsere  heutige  Noten- 
schrift  zu  Ubersetzen.  Es  fanden  sich  nun  auch  aller  Orten  Manner,  welche 
das  so  gewonnene  Material  praktisch  verwertheten  und  ftir  den  Gottesdienst 
brauchbar  machten,  und  neben  Pothier,  Piel  u.  A.  steht  auch  Sch.,  der 
nicht  zum  geringsten  Theile  dazu  beigetragen  hat,  das  Neugewonnene  in  wei- 
tere  Kreise  zu  verbreiten.  Seine  Hauptwerke  sind:  Dom  Pothier' s  Liber  Gra- 
dualis  und  seine  historische  und  praktische  Bedeutung,  Mainz  1884.  Die 
Harmonisirung  des  gregorianischen  Choralgesanges,  DUsseldorf  1885;  2.  Auf- 
lage  1894.  Orgelbegleitung  zum  Ordinarium  Missae,  DUsseldorf  1887;  2.  Auf- 
lage  1 89 1.  Orgelbegleitung  zu  den  Melodien  des  Gesangbuches  filr  die  An- 
gehorigen  des  Bisthums  Limburg,  Limburg  1892.  Kleines  Vesperbuch, 
Regensburg  1893.  Auch  ein  Liederbuch  ftir  Volksschulen  gab  er  in  DUssel- 
dorf 1888  heraus,  welches  bis  zum  Jahre  1895  in   12.  Auflage  erschien. 

Quelle:  Frz.  Xav.  Haberl's  Musica  sacra  1897,  S.  243. 

Rob.  Eitner. 

Schulz,  Ferdinand,  Componist  und  Musikdirektor,  *  am  21.  October  1821 
zu  Kossar  bei  Krossen,  f  am  27.  Mai  1897  zu  Berlin.  —  Sein  Vater,  Kantor 
und  Organist  in  Kossar,  lehrte  ihn  die  AnfangsgrUnde  in  der  Musik,  darauf 
brachte  er  ihn  auf's  Gymnasium  zu  ZUllichau,  wo  er  unter  Leitung  von  Mo- 
ritz  Kaehler  und  Musikdirektor  Gaebler  seine  Musikstudien  fortsetzte.  1841 
ging  er  nach  Berlin  und  besuchte  das  Institut  ftir  Kirchenmusik  unter  A.  W. 


ie6  Schulz.     Succo. 

Bach  und  Ed.  Grell,  machte  die  Bekanntschaft  mit  dem  Musikhistoriker  Pro- 
fessor Dehn,  dem  spateren  Bibliothekar  an  der  Koniglichen  Bibliothek,  und 
wurde  von  ihm  in  die  alten  Meisterwerke  des  sechzehnten  Jahrhunderts  ein- 
gefuhrt,  denen  er  von  da  ab  eine  stete  Aufmerksamkeit  zuwendete,  die  seinen 
eigenen  geistlichen  Compositionen  den  alten  glaubigen  Ernst  verlieh.  Als 
Konig  Friedrich  Wilhelm  IV.  von  Preussen  im  Jahre  1843  den  Domchor 
unter  Mendelssohn's  und  Neithardt's  Leitung  errichtete,  wurde  Schulz  als 
Bassist  und  ttich tiger  Musiker  angestellt,  gab  Gesang-  und  Klavierunterricht, 
griindete  1856  den  Mannergesangverein  »Cacilia«,  begann  seine  Compositionen 
herauszugeben,  die  zum  Theil  aus  kirchlichen  Gesangen,  theils  aus  Liedern 
und  Gesangen  fiir  eine  bis  vier  Stimmen  und  theils  aus  Klavierpiecen  be- 
standen;  letztere  dienten  aber  mehr  der  Geldspeculation,  als  der  Kunst,  denn 
sie  gehorten  der  untersten  Gattung  der  Klavierpiecen  an  und  waren  dem 
Geschmacke  des  klimpernden  Damenpublikums  angepasst,  welches  nur  Sinn 
fiir  Tanzrhythmen  hat.  Im  Jahre  1858  dirigirte  er  den  Kirchenchor  der  St. 
Markus-Parochie  und  wurde  bald  darauf  Organist  an  der  Sophienkirche  zu 
Berlin.  Seine  geistlichen  Gesangswerke  zeigen  einen  tlichtig  gebildeten  Musiker 
und  seine  Lieder  errangen  sich  durch  ihre  melodische  Erfindung  eine  weite 
Verbreitung. 

Quellen:  von  Ledcbur's  Berliner  Tonkttnstler-Lexikon.  Sangerhalle,  Leipzig  1892,  und 
1897,  S.  310. 

Rob.  Eitner. 

Succo,  Reinhold,  der  Sohn  eines  Organisten  in  Gorlitz,  *  daselbst  am 
29.  Mai  1837,  f  am  29.  November  1897  zu  Breslau.  —  Schon  zwei  Jahre 
nach  der  Geburt  des  Sohnes  siedelte  der  Vater  nach  Berlin  Uber  und  erhielt 
1846  eine  Organistenstelle  in  Landsberg  an  der  Warte.  Reinhold  besuchte 
hier  das  Realgymnasium,  da  er  beabsichtigte  Maschinen-Ingenieur  zu  werden. 
Nach  abgelegtem  Abiturienten-Examen  ging  er  1855  nach  Berlin,  diente 
beim  Kaiser  Franz  -  Regiment  sein  Militarjahr  ab  und  hatte  wahrend  der 
Zeit  sich  entschlossen,  sich  ganz  der  Musik  zu  widmen,  besuchte  in  Berlin 
das  Institut  fiir  Kirchenmusik  unter  A.  W.  Bach's  Leitung  und  1857  die 
Konigliche  Akademie  der  Kiinste,  Abtheilung  fiir  Musik,  die  unter  Grell's 
Leitung  sich  befand.  Grell  war  ein  gewandter  Contrapunktiker  und  nahm 
seine  Schiiler  in  eine  strenge  Schule.  S.  besass  Talent  genug,  um  sich  in  die 
strenge  Contrapunktik  so  einzuleben,  dass  er  zeidebens  nur  in  diesem  Stile 
geschrieben  hat.  Ausserdem  wurde  die  praktische  Auslibung  der  Kunst  nicht 
vernachlassigt,  doch  hat  S.  auf  keinem  Instrumente  eine  hervorragende  Technik 
sich  erworben;  am  gewandtesten  war  er  noch  auf  der  Orgel.  Noch  wahrend 
seiner  Studienzeit  erhielt  er  die  Organistenstelle  an  der  englischen  Kapelle  zu 
Berlin  und  widmete  sich  nach  Vollendung  des  Cursus  auf  der  Koniglichen 
Akademie  dem  Musikunterricht,  anfanglich  dem  Klavierspiel  und  Theorie, 
spater  auch  dem  Gesangsunterricht.  1863  erhielt  er  die  Organistenstelle  an 
der  Bartholomauskirche,  1865  an  der  Thomaskirche.  Hier  grlindete  und  leitete 
er  25  Jahre  lang  einen  Gesangschor,  der  sowohl  den  Gottesdienst  durch  seine 
eingelegten  Chore  ausschmtickte,  als  auch  in  besonderen  AufRihrungen  in  der 
Kirche  stets  eine  zahlreiche  Zuhorerschaft  versammelte  und  den  Sinn  fiir 
geistliche  Musik  in  der  Gemeinde  wesentlich  hob.  Jedoch  die  Geistlichkeit 
sieht  in  jener  AusschmUckung  der  kirchlichen  Handlung  eine  Profanirung  des 
Gottesdienstes,  und  so  sah  sich  schliesslich  S.  genothigt  den  Chor  zu  ent- 
lassen.     Neben  seiner  Stellung  als  Organist  bekleidete  er  seit  1864  die  Ge- 


Succo.     Pilckert.     Hofmann. 


iS7 


sanglehrerstelle  an  dem  neu  gegriindeten  Luisenstadtischen  Gymnasium.  1867 
verheirathete  er  sich  mit  Klara  Pauli,  der  Tochtter  eines  schlesischen  Predigers. 
1873  wurde  er  als  Lehrer  der  Theorie  an  die  neu  gegrtindete  Konigliche 
Hochschule  flir  Musik  berufen,  1888  ernannte  ihn  die  Akademie  der  Klinste 
zu  ihrem  Mitgliede  und  1892  zum  Senator  derselben  Akademie.  Als  Com- 
ponist  ist  er  weiteren  Kreisen  nur  wenig  bekannt  geworden.  Die  meisten 
seiner  kirchlichen  Compositionen  schrieb  er  in  der  Zeit,  als  er  seinen  Kirchen- 
chor  in  der  Thomaskirche  leitete,  die  auch  dort  allein  zur  Auffuhrung  ge- 
langten,  doch  wurden  auch  in  den  achtziger  Jahren  einige  weltliche  Lieder 
von  ihm  gedruckt,  und  ein  Menuett  fiir  Violoncello  erlangte  sogar  eine  wei- 
tere  Verbreitung.  Die  KOnigliche  Hochschule  fiihrte  auch  einmal  ein  grosses 
Oratorium  »Konig  Heinrich«  von  ihm  auf.  Nur  mit  einer  schwach  entwick el- 
ten  Erfindungsgabe  begabt,  legte  er  selbst  keinen  grossen  Werth  auf  seine 
Compositionen,  sondern  beschaftigte  sich  weit  eindringlicher  mit  der  Aus- 
gestaltung  der  kirchlichen  Liturgie,  besonders  nach  1889,  nach  der  Aufgabe 
des  Organistendienstes  an  der  Thomaskirche.  In  Folge  dieser  Arbeiten  wurde 
er  von  den  Consistorien  der  Provinz  Brandenburg  und  Nassau  als  Mitarbeiter 
und  Rathgeber  herangezogen.  Mitten  aus  diesen  Arbeiten  wurde  er  durch 
ein  korperliches  Leiden  herausgerissen,  und  nachdem  er  in  Breslau  sich  hatte 
operiren  lassen,  machte  ein  Schlaganfall  seinen  Leiden  ein  schnelles  Ende. 
Quelle:  Familien-Nachrichten  und  Selbsterlebtes. 

Rob.  Eitner. 

Piickert,  Wilhelm,  Professor  der  Geschichte,  *  am  2.  Januar  1830  zu 
Leipzig,  f  am  13.  September  1897  ebenda.  —  P.  bezog  nach  Absolvirung 
der  Gymnasialstudien  die  Leipziger  Universitat,  an  der  er  1859  zum  Doktor 
promovirt  wurde.  Spater  studirte  er  noch  in  Berlin  und  Jena,  wo  besonders 
Droysen  auf  ihn  wirkte.  Nach  einer  vortibergehenden  Lehrthatigkeit  an  der 
Dresdener  Kreuzschule  widmete  er  mehrere  Jahre  der  weiteren  Vorbereitung 
flir  die  wissenschaftliche  Laufbahn.  1862  ward  er  in  Leipzig  als  Privatdocent 
zugelassen,  1867  zum  ausserordentlichen  Professor  befordert.  Verdienstlich 
war  seiner  Zeit  die  Schrift  »Die  kurfiirstliche  Neutralitat  wahrend  des  Basler 
Concils.  1858*;  werthvoll  ist  noch  jetzt  die  Studie  »Das  Miinzwesen  Sachsens 
1518 — 1545.  I.  1862.0c  Eine  Arbeit  »tiber  die  kleine  Lorscher  Frank enchronik« 
(Berichte  iiber  die  Verhandlungen  der  sachsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaft 
1884)  hat  mit  Scharfsinn  in  eine  vielbehandelte  Frage  eingegriffen.  In  den  letzten 
Jahren  war  P.  mit  umfassenden  Studien  zum  mittelalterlichen  Kloster-  und 
Ordenswesen  beschaftigt,  ist  indessen  nicht  mehr  zur  Ver6ffentlichung  der 
Ergebnisse  gelangt.  Eine  vorwiegend  receptive  Natur,  hat  er  eine  seinem 
Fleiss  und  seinem  Wissen  entsprechende  literarische  Th&tigkeit  nicht  zu  ent- 
falten  vermocht.  Aber  dem  liebenswllrdigen  und  bescheidenen,  kenntniss- 
reichen  und  warmfiihlenden  Mann  werden  alle,  die  ihn  kannten,  ein  herzliches 
Andenken  bewahren. 

G.  Seeliger. 

Hofmann,  Franz,  Dr.,  ordentlicher  Professor  der  Rechte  an  der  Univer- 
sitat in  Wien,  *  am  20.  Juni  1845  in  Zdaunek,  Mahren,  f  am  25.  October  1897 
in  Wien.  —  Der  ausserliche  Verlauf  des  viel  zu  friihe  abgeschlossenen  Lebens 
dieses  bedeutenden  Mannes  kann  sehr  kurz  erzahlt  werden.  Er  war  in  Zdaunek 
in  Mahren  geboren,  wo  sein  Vater  ein  Land  gut  besass;  dort  verlebte  er  seine 


tc3  Hofmann. 

Kinderjahre,  absolvirte  das  Gymnasium  in  Kremsier  und  begann  1862  das 
Studium  der  Rechte  an  der  Universitat  in  Wien,  wo  er  bald  die  Aufmerk- 
samkeit  von  Arndts  und  Unger  erregte  und  bei  beiden  freundliche  Forderung 
fand.  Nachdem  er  im  November  1867  den  Doctorgrad  erworben  hatte,  setzte 
er  seine  Studien  in  Gottingen  fort,  wo  ihn  besonders  Thol  anzog.  Im  Juli 
1868  habilitirte  er  sich  fiir  romisches  Recht  in  Wien  auf  Grund  einer  Ab- 
handlung  (iber  das  Periculum  beim  Kaufe,  die  zwei  Jahre  spater  im  Druck 
erschien;  1869  wurde  seine  venia  legendi  auf  dsterreichisches  allgemeines 
Privatrecht,  sowie  auf  Handels-  und  Wechselrecht  ausgedehnt;  im  Marz  1871 
wurde  er  ausserordentHcher  Professor  des  osterreichischen  und  romischen 
Privatrechts;  in  demselben  Jahre  verband  er  sich  mit  Fraulein  Ludmilla 
Czermak  zu  glticklicher  Ehe,  der  drei  Kinder,  ein  Sohn  und  zwei  Tochter, 
entsprossen;  1877  wurde  er  ordentlicher  Professor  des  osterreichischen  und 
gemeinen  Privatrechts,  1885  correspondirendes,  1890  wirkliches  Mitglied  der 
kaiserlichen  Akademie  der  Wissenschaften,  1888  Ehrenmitglied  des  Istituto 
di  Diritto  Romano  in  Rom.  Von  jeher  von  nicht  sehr  fester  Gesundheit, 
war  er  in  den  letzten  fiinf  bis  sechs  Jahren  oft  ernstlich  leidend,  doch  schien 
sein  Willen  geraume  Zeit  starker,  als  seine  kranken  Nerven,  denn  bis  in  den 
Sommer  1895  war  er  —  mit  nur  geringen  Unterbrechungen  —  stets  im 
Stande,  den  Obliegenheiten  seines  Amtes  nachzukommen ;  seither  sah  er  sich 
gezwungen,  seine  Lehrthatigkeit  einzustellen,  da  seine  Beweglichkeit  sehr  be- 
eintrachtigt  war.  Zwar  schien  sein  Befinden  sich  wiederholt  zum  Besseren 
zu  wenden;  im  Sommer  1897  aber  schwand  jede  HofTnung;  eine  Lungenent- 
zlindung  machte  seinem  Leben  ein  Ende. 

Aber  der  geistige  Gehalt  dieses  im  besten  Mannesalter  beschlossenen 
Lebens  ist  (iberreich.  Vollkommen  passt  auf  H.'s  Thatigkeit,  was  Jakob 
Grimm  (Ueber  Schule,  Universitat,  Akademie;  Kleinere  Schriften  I,  S.  214) 
sagt:  »Alles  Wissen  hat  eine  elementarische  Kraft  und  gleicht  dem  ent- 
sprungenen  Wasser,  das  unablassig  fortrinnt,  der  Flamme,  die,  einmal  geweckt, 
Strome  von  Licht  und  Warme  aus  sich  ergiesst  ....  Eigenheit  der  Elemente 
ist  es  aber,  aller  Enden  hin  in  ungemessener  Weise  zu  wirken,  und  darum 
verdriesst  es  die  Wissenschaft  jeder  ihr  in  den  Weg  geriickten  Schranke,  und 
sie  findet  sich  nicht  eher  zufrieden  gestellt,  bis  sie  eine  nach  der  anderen 
Uberstiegen  hat.«  Die  Abhandlung  H.'s  Zur  Geschichte  der  Fideicommisse 
(1884),  welche  die  bedeutsamste  Entdeckung  enthalt,  die  er  auf  rechtsge- 
schichtlichem  Gebiete  gemacht  hat,  ist  durch  solche  ^elementarische  KrafU 
entstanden:  In  seinen  und  meinen  Excursen  (II,  2.  1880)  hatte  er  betont, 
dass  zur  Losung  der  Frage  nach  der  Entstehung  der  Fideicommisse  die  ganze 
politische  Geschichte  und  namentlich  eine  genaue  Geschichte  der  Entwickelung 
der  Individualsuccession  hinsichtlich  aller  Institute,  bei  denen  sie  vorkommt, 
von  der  Thronfolge  bis  herab  zum  Rechte  des  bauerlichen  Anerben,  heran- 
gezogen  werden  mtisse.  »Auch  ware  es«  —  fugte  er  hinzu  —  »wohl  der  Mlihe 
werth,  zu  untersuchen,  ob  und  welchen  Einfluss  das  spanische  Recht  auf  die 
Entwickelung  der  deutschen  Fideicommisse  gehabt  habe.  Gewiss  ist,  dass 
spanische  Juristen  sich  frtiher  mit  dem  Institute  beschaftigt  haben,  als  Deutsche. 
Knipschild  benutzte  das  Werk  Molina's  und  in  Stiftbriefen  osterreichischer 
Fideicommisse  finden  sich  Verweisungen  auf  das  spanische  Recht.  .  .  Jeden- 
falls  hatte  eine  der  Geschichte  unseres  Institutes  gewidmete  Specialuntersuchung 
auch  dieser  Spur  nachzugehen.«  Als  H.  dies  schrieb,  dachte  er  noch  durch- 
aus  nicht  daran,    eine  solche  Untersuchung    selbst  vorzunehmen;    bald    aber. 


Hofmann.  I  en 

trieb  es  ihn  unwiderstehlich,  der  Anregung,  die  er  hingeworfen,  selbst  zu 
folgen.  In  verhaltnissmassig  unglaublich  kurzer  Zeit  hatte  er  eine  Bibliothek 
von  Werken  spanischer  Majoratisten  durchstudirt  und  konnte  in  einem  in  den 
Jurist.  Blattern  1881,  17  zur  Wahrung  der  Prioritat  veroffentlichten  kurzen 
Aufsatz  als  Ergebniss  seiner  Forschungen  mittheilen,  dass  die  Familienfidei- 
commisse  spanischen  Ursprungs  seien.  Er  beabsichtigte,  den  eingehenden 
Nachweis  in  einem  eigenen  Buche  zu  erbriftgen ;  dieses  zu  schreiben,  hat  ihn 
allerdings  zunachst  manche  drangendere  Arbeit  und  dann  der  Tod  verhindert; 
aber  schon  die  kurze  Darstellung,  die  er  im  Rah  men  unserer  Excurse  geben 
konnte,  war  ausreichend,  mehrere  der  hervorragendsten  Germanisten  von  der 
Richtigkeit  seiner  Entdeckung  zu  liberzeugen. 

Die  umfassendsten  Arbeiten  H/s  waren  der  dogmatischen  Darstellung 
des  osterreichischen  Privatrechts  gewidmet,  aber  er  beschrankte  sich  keines- 
wegs  auf  dieses  Arbeitsgebiet,  Mit  derselben  Sorgfalt  bearbeitete  er  auch 
Stoffe  der  allgemeinen  Rechtslehre,  des  griechischen,  romischen,  deutschen 
und  gemeinen  Rechts,  und  Uberall  verband  er  historische  Forschung,  Exegese, 
Dogmengeschichte  und  philosophische  Betrachtung.  Er  war  auch  in  der  That 
ftir  alles  das  in  trefflicher  Weise  veranlagt,  vorbereitet  und  ausgertistet.  Sein 
Geist  war  lebhaft,  seine  Bildung  vollendet,  seine  Kenntnisse  ungewohnlich 
ausgedehnt  und  mannichfaltig;  insbesondere  waren  ihm  mehr  als  zehn  Spra- 
chen  gelaufig,  so  dass  er  die  Fortschritte  der  scandinavischen  Jurisprudenz 
mit  der  n&mlichen  Leichtigkeit  verfolgte,  mit  der  er  die  Werke  der  spanischen 
Majoratisten  las;  sein  freier  Blick  erfasste  das  Entlegenste  und  sein  Scharfsinn 
Hess  den  kleinsten  Unterschied  nicht  unbeachtet;  sein  Denken  blieb  immer 
klar  und  wenn  er  sich  auch  mit  dem  Stoffe  einer  beabsichtigten  Arbeit  noch 
so  sehr  erfiillt  hatte,  blieb  seine  Unbefangenheit  ungetrtibt,  er  war  Herr  liber 
den  Stoff,  nicht  dieser  Uber  ihn.  So  weckte  und  nahrte  seine  Begabung  in 
ihm  die  Beschaftigung  mit  sehr  verschiedenen  Problemen  der  Wissenschaft 
und  gab  ihm  die  Mittel,  sie  erfolgreich  zu  losen.  Und  wie  er  in  der  Wissen- 
schaft nur  die  Wahrheit  suchte  —  »Recht  ist  wahr«  sagt  ein  altes  deutsches 
Sprtichwort  — ,  so  war  die  Wahrheit  auch  in  seinem  Leben  immer  sein  Leit- 
stern;  dabei  war  er  von  unbegrenzter  Gtite  und  Pflichttreue.  Dass  er  iden- 
tisch  ist  mit  dem  Dichter  Heinrich  Falkland,  der  vor  etwa  einem  Vierteljahr- 
hundert  einen  Band  Gedichte  voll  tiefer,  meist  ernster,  zuweilen  melancholi- 
scher  Gedanken  veroffentlichte,  dieses  mir  langst  mitgetheilte  Geheimniss  zu 
verlautbaren,  wurde  mir  erst  nach  seinem  Tode  gestattet. 

Von  seinen  Werken  nenne  ich  nicht  einzeln  die  zahlreichen  Recensionen, 
die  er  (meist  in  Grtinhut's  Zeitschrift,  Band  1  — 12  und  14,  einige  auch  in 
der  Munchener  kritischen  Vierteljahrschrift  und  in  der  osterreichischen  Ge- 
richtszeitung)  publicirt  hat.  Von  sonstigen  Schriften  flihre  ich  an,  und  hoffe, 
nichts  oder  doch  nichts  Wichtiges  tlbersehen  zu  haben: 

Ueber  das  Periculum  beim  Kaufe.     Wien  1870. 

BeitrHge  zur  Gcschichte  des  griechischen  und  rttmischen  Rechts.     Wien  1870. 

Ueber  den  Verlobungs-  und  Trauring.     Wien  1870. 

Ueber  dingliche  und  persttnliche,  absolute  und  relative  Rechte:  Ger.-Ztg.  1870,  No.  9,  10. 

Ueber  das  Wesen  der  Servituten:  Ebenda  No.  40. 

Zwei  Aufsatze  zur  Theorie  des  Pfandrechts:  Ihering's  Jahrb.  X.    1871. 

Die  Zahlenspielerei  in  der  Eintheilung  der  Digestcn. 

Zur  Beerbung  der  liberta. 

Zum  pr.  Inst,  de  codic.    2.  25.    (Diese  drei  Aufstttze  in  der  Zeitschr.  f.  Recbtsgeschichte. 
XI.  1873.) 

Der  erste  nordische  Juristentag:  Ger.-Ztg.  1873,  No.  15. 


160  Hofmann.     Ueberlee. 

Zur  Lehre  vom  titulus  und  modus  acquirendi  trad  von  der  justa  causa  traditionis.    Wien 

1873- 
Die  Entstehungsgriinde  der  Obligationen,  insbes.  der  Vertrag.     Wien  1874. 
Ueber  die  Pranotation  des  Pfandrechtes  (mit  einem  Nachtrag). 
Zur  Frage  nach  der  Restitution  einer  durch  Schulderlass  bestellten  Dos. 
Ueber  den  Unterhaltsanspruch  des  Uberlebenden  Ehegatten  nach  §  796  B.  G.  B.    (Diese 

drei  Abhandl.  in  GrUn hut's  Zeitschr.    I.    1874.) 
Zur  Beerbung  und  Arrogation  des  libertus:  Zeitschr.  f.  Recbtsgeschichte.    XII.    1876. 
Zur  Zahlenmystik  Justinians:  Ebenda. 

Wesen  und  Wirkung  des  Erbverzichts  und  des  Erbvertrags:  Grtinhut's  Zeitschr.   III.  1876. 
Comxnentar  zum  flsterr.  allg.  bUrgl.  G.-B.    Wien  1877  ff.    I.  (1.2,  II)  1  —  5. 
Excurse  (Beilagen  zum  Commentar),    Wien  1877  ff.    I.    1—4,    IL    1 — 3.     (Diese  beiden 

Werke  vereint  mit  dem  Unterzeichnetcn.)    Aus  dem  letzteren  Werke  erschien  auch 

im  S.-A.  die  erwahnte  Abh.  tiber  die  Entstehung  der  Fideicommisse. 
Ludwig  yon  Arndts.     Ein  Beitrag   zu   seiner  Lebensbeschreibung:    Grtinhut's    Zeitschrift 

VI.    1878. 
Lehrbuch  der  Pandekten  von  Ludwig  von  Arndts.   10. — 14.  Aufl.    18795".   Herausgegeben 

von  Pfaff  und  Hofmann. 
Art.:  Bona  fides,  Causa  und  (Familien-)  Gewalt,  in  der  3.  Aufl.  von  Holtzendorffs  Rechts- 

lexicon  1880.     (Mit  dem  Unterzeichneten.) 
Zur  Lehre  vom  beneficium  inventarii   und  von  der  separatio   bonorum:    Grtinhut's  Zeit- 
schrift VIII.    1881. 
Schenkungen  unter  Gatten  und  Brautleuten:  Ebenda. 
Ueber  Lebensversicherungspolizzen :  Jurist.  Blatter  1882,  No.  35 — 37. 
Kritische  Studien  im  rdmischen  Recht.    Wien  1885. 
Fragmentum  de  formula  Fabiana.    Herausgegeben  und  erlftutert  von  Pfaff  und  Hofmann. 

Wien  1888. 
Verwandtschaft  und  Familie.     Vortrag  in  der  feierlichen  Sitzung  der  Kaiserl.  Akademie 

der  Wissenschaften,    Wien  1891. 
Art.  Fideicommisse:  Oesterreich.  Staatswttrterbuch.   I.  (1894). 
Literatur:  Nekrolog  von  L.  Pfaff  in  der  (Wiener)  Ger.-Zeitung  1897,  No.  45. 

Wien,  Juni  1898.  L.  Pfaff. 

Ucbcrl6e,  Felix  Wilhelm  Adalbert,  auf  seinen  Compositionen  findet  sich 
als  Vorname  nur  der  letztere,  ein  tiichtiger  Lieder-  und  Chor-Componist,  *  am 
27.  Juni  1837  zu  Berlin,  f  am  15.  Marz  1897  zu  Charlottenburg  bei  Berlin. 
—  Nachdem  er  das  Gymnasium  des  grauen  Klosters  zu  Berlin  besucht  hatte, 
studirte  er  Musik  am  Conservatorium  fur  Musik  unter  Marx,  Stern  und  Kullack, 
ging  dann  aufs  Konigliche  Institut  fur  Kirchenmusik,  um  das  Zeugniss  fur  Er- 
langung  eines  Organistenpostens  zu  erlangen  und  frequentirte  als  Abschluss  die 
Konigliche  Akademie,  Abtheilung  fur  Musik.  Hier  gewann  er  1862  mit  einer 
Gesangscomposition  die  silberne  Medaille  und  1864  mit  einem  Te  Deum  lau- 
damus  fiir  Solo,  Chor  und  Orchester  den  Michel-Beer* schen  Preis,  bestehend 
in  einem  Stipendium  zu  einer  Studienreise  nach  Italien,  die  er  in  den  Jahren 
1864/65  ausfuhrte.  In  letzterem  Jahre  erlangte  er  kurz  nach  seiner  Rtlckkehr 
den  Organistenposten  an  der  Bartholomauskirche  zu  Berlin,  1866  an  der 
Dorotheenstadtischen  Kirche,  und  1867  wurde  er  noch  Gesanglehrer  an  der 
Louisenstadtischen  Gewerbeschule.  Seit  1873  ist  er  auch  bei  den  sonn tag- 
lichen  Hausandachten  in  der  einstigen  kronprinzlichen  Familie  thatig.  1878 
iibernahm  er  noch  die  Direktion  des  philharmonischen  Chorvereins  mit  Orche- 
ster, der  auch  allj&hrlich  fur  seine  Mitglieder  einige  AuffUhrungen  veranstaltete. 
Von  seinen  Compositionen  fanden  nur  die  kleineren  Werke  einen  Verleger, 
wahrend  seine  Oratorien  »Das  Wort  Gottes«  und  »Golgatha«,  sowie  ein  Re- 
quiem und  ein  Stabat  mater,  auch  einige  Opern  im  ernsten  und  heiteren  Stile 
Manuscript    blieben.     Seit    dem  Jahre  1872  bis   1892   erschienen  dagegen  an 


Ueberlee.     Plflddemaniu  1 6 1 

85  Werke  geistlichen  und  weltlichen  Inhalts,  Lieder  fiir  ein  bis  vier  Stimmen, 
ein  Melodrama  »Der  Schutzgeist*,  als  opus  29  1875  in  Weimar  erschienen, 
viele  Lieder  bei  Challier  in  Berlin,  zahlreiche  Mannerchore,  ein  Magnificat  flir 
achtstimmigen  Chor  ohne  Begleitung,  1886  6  Motetten  fiir  gemischten  Chor 
als  opus  81  in  Leipzig.  Auch  fiir  Schulen  und  Gymnasien  gab  er  in  Gemein- 
schaft  mit  Otto  Wangemann  1889 — 1891  drei  Sammlungen  heraus.  Sein  Stil 
zeigt  eine  gewandte  Feder,  nur  fehlt  ihm  die  Bedeutung  der  Themen-Erfin- 
dung  und  die  Steigerung  im  Verlaufe  der  Composition.  Es  ist  alles  recht 
hlibsch  im  conventionellen  Stile  geschrieben,  ohne  je  dartiber  hinauszukommen. 
Qucllen:  Mendel-Reissmann's  Lexikon.     Vossische  Zeitung  1897  vom  l&  M&rz. 

Rob.  Eitner. 

Pliiddemann,  Martin,  geschatzt  als  Balladencomponist,  *  am  29.  Septem- 
ber 1854  zu  Kolberg,  wo  sein  Vater  Schiffsrheder  und  Consul  war,  f  am 
8.  October  1897  zu  Berlin.  —  Die  Familie  betrieb  viel  Musik  und  unterhielt 
mit  Karl  Lttwe,  dem  Stettiner  Balladencomponist,  einen  regen  personlichen 
und  ktinstlerischen  Verkehr;  als  Martin  dem  Vater  seinen  Wunsch  zu  erkennen 
gab,  Musik  er  zu  werden,  willfahrte  ihm  dieser  gern.  Er  ging  1871  nach 
Leipzig  zu  dem  Theoretiker  E.  Fr.  Richter  und  nach  Vollendung  seiner  Stu- 
dien  zu  den  Gesanglehrern  Julius  Hey  und  Friedrich  Schmitt  in  Miinchen, 
um  seine  klangvolle  Stimme  auszubilden.  Unter  dem  Einflusse  Mendelssohn's, 
Schumann's  und  Robert  Franz'  versuchte  er  sich  in  der  Liedcomposition ;  als 
er  aber  Richard  Wagner's  Werke  kennen  lernte,  wurde  er  ein  gllihender  Ver- 
ehrer  desselben,  besuchte  die  Bayreuther  Festspiele  und  trat  in  personlichen 
Verkehr  mit  ihm.  Auf  Wagner's  Anregung  entschloss  er  sich  die  S&ngerlauf- 
bahn  zu  betreten  und  begann  ernsthafte  Studien.  Sein  erstes  Auftreten  in 
einem  Concerte  verhiess  ihm  eine  schone  Zukunft,  doch  eine  starke  Erkaltung 
beraubte  ihn  der  Stimme.  Er  warf  sich  nun  mit  verdoppeltem  Eifer  auf  die 
Gesangscomposition,  die  Musikschriftstellerei  und  Kritik.  1876  erschien  die 
Schrift:  Das  Biihnenfestspiel  in  Bayreuth,  1879  Aus  der  Zeit,  1885  Die  ersten 
Uebungen  flir  die  menschliche  Singstimme,  neben  zahlreichen  Aufsatzen  in 
Musikzeitschriften.  Als  Componist  gab  er  zuerst  eine  Bearbeitung  altdeutscher 
Lieder  und  mehrere  Hefte  eigene  Lieder  und  Gesange  heraus,  bis  er  sich  der 
Balladencomposition  zuwandte  und  eine  lange  Reihe  von  Werken  schuf,  die 
in  ihrer  Eigenart  voile  Beachtung  erheischten,  die  ihnen  aber  bisher  nicht  in 
dem  Maasse  zu  Theil  wurde,  wie  sie  es  wohl  verdient  hatten.  Ich  nenne  nur 
Jung  Dietrich,  Einkehr,  Graf  Eberhard's  Weissdorn,  Biterolf 's  Heimkehr,  Ritter 
und  Konigstochter,  Ritter  Toggenburg,  Legende  vom  heiligen  Stephan,  Der 
Raiser  und  der  Abt,  Der  Taucher,  Barbarossa,  Des  Sangers  Fluch,  Vineta, 
Volker's  Nachtgesang,  Ode  an  die  preussische  Armee,  Der  wilde  Jager  u.  a. 
Er  gab  dieselben  im  Selbstverlage  in  5  Banden  heraus,  einen  sechsten  bereitete 
er  1893  vor.  Jedem  Bande  lasst  er  eine  Erklarung  vorangehen,  die  sich  zum 
Theil  auf  den  historischen  Thatbestand  bezieht,  theils  auf  die  Auffassung 
seiner  Composition.  P.'s  Schreib-  und  Empfindungsweise  schliesst  sich  dem 
Dramatischen  eng  an,  die  Recitation  des  Textes  ist  meisterhaft  und  die  Sing- 
stimme in  ihrer  Klangfarbe  wohl  berechnet.  Man  bemerkt  stets  den  Sanger 
und  tiichtigen  Gesanglehrer,  der  Kenntniss  der  menschlichen  Stimme  hat  und 
ihr  nur  Ausfiihrbares  zumuthet.  Die  Klavierbegleitung  ist  ganz  im  Wagner' - 
schen  Stile  ausgefiihrt,  indem  er  darin  die  Situation  zu  verdeutlichen  sucht; 
auch  an  den  kfihnen  plotzlichen  Modulationen,  welche  dem  Sanger  eine  grosse 

Biogr.  Jahrb.  u.'Deutacher  Nekrolog.    2.  Bd.  II 


j62  PlUddemann.     von  Hahn. 

TreffTahigkeit  zumuthen  und  an  der  vielfach  angewandten  Chromatik  erkennt 
man  den  Einfluss  Wagner's,  der  sich  aber  nie  zu  sklavischer  Nachahmung 
erniedrigt,  sondern  stets  auf  eigener  Eingebung  beruht.  Die  Sanger  Gura  und 
Bulss  haben  mehrfach  seine  Balladen  offentlich  vorgetragen,  doch  die  Schwie- 
rigkeit  der  Ausfuhrung  scheint  ihnen  ein  Hinderniss  weiterer  Verbreitung  zu 
sein.  Dagegen  haben  sich  einige  Lieder  der  Gunst  des  Publikums  zu  erfreuen, 
wie  das  »Russische  Lied«  und  »Gute  Nacht«.  P.  dirigirte  in  den  achtziger 
Jahren  die  Singakademie  in  Ratibor,  siedelte  dann  im  Herbst  1890  als  Ge- 
sanglehrer  nach  Graz  liber,  wo  er  auf  Subscription  seine  Balladen  in  den 
Druck  brachte,  und  1894  nach  Berlin.  1895  hatte  er  die  Genugthuung,  dass 
Richard  Blatka  seine  Balladen  in  einer  besonderen  Schrift  besprach,  betitelt: 
Pltiddemann  und  seine  Balladen.  Prag  1895  bei  F.  Ehrlich.  Dessen  biogra- 
phische  Mittheilungen  sind  hier  benutzt  worden,  sowie  die  beiden  Artikel  in 
den  Berliner  Signalen  1895  No-  x4  und  l897  S-  3°5-  Eine  Autobiographic 
erschien  in  der  Wiener  Musikzeitung  Lyra,  doch  war  mir  dieselbe  unerreichbar. 

Rob.  Eitner. 

Hahn,  Friedrich  von,  *  am  7.  Juni  1823  zu  Homburg  v.  d.  H.,  f  am 
3.  Marz  1897  in  Leipzig.  —  H.  war  der  Sohn  des  landgraflich  hessisch-hom- 
burgischen  Leibarztes  und  Geheimen  Raths  Dr.  Philipp  Franz  v.  Hahn;  von  1837 
bis  1842  hat  er  die  Ftirstenschule  zu  St.  Afra  in  Meissen  besucht.  Lehrer  und 
Unterricht  dort  haben  einen  bedeutenden  Einfluss  auf  ihn  ausgeubt;  er  hat  dieser 
Schulzeit  oft  und  gern  gedacht.  Nachdem  er  von  1842  bis  1846  in  Jena 
und  Heidelberg  studirt,  promovirte  er  in  Heidelberg  am  15.  August  1846 
und  wurde  vom  4.  Juni  bis  24.  Juli  1847  bei  der  landgraflichen  Landes- 
regierung,  spater  bei  dem  Justizamt  als  Accessist  beschaftigt.  Diese  Anfange 
einer  spater  so  hochbedeutsamen  practischen  Thatigkeit  befriedigten  ihn  so 
wenig,  dass  er  sich  am  24.  November  1847  m^  der  Schrift  »de  diversis 
testamentorum  formis,  quae  in  Germania  obtinuerant«  als  Privatdocent  in  Jena 
habilitirte.  Der  Universitat  Jena  hat  er  von  1847  bis  1872  angehort.  1850 
zum  ausserordentlichen  Professor  und  sehr  bald  zum  ausserordentlichen  Bei- 
sitzer  des  Spruchcollegiums  der  Juristenfacultat  und  des  Schoppenstuhls  er- 
nannt,  wurde  er  1861  ordentlicher  Honorarprofessor,  am  1.  April  1862 
ordentlicher  Professor  des  deutschen  Privatrechts  und  des  Handelsrechts  und 
zugleich  Mitglied  des  Gesammt-Ober-Appellationsgerichts  zu  Jena,  nachdem 
sein  Schwiegervater,  der  Oberapi)ellationsgerichtsrath  Guyet,  aus  dem  Gerichts- 
hofe  geschieden  war.  Von  seiner  Bedeutung  als  Docent  und  seinem  Einfluss 
auf  die  studirende  Jugend  ist  wenig  bekannt.  v.  H.  selbst  war  in  seiner 
Bescheidenheit  nach  vielfach  en  miindlichen  Aeusserungen  nicht  geneigt,  sein 
Lehrtalent  und  seinen  Vortrag  sehr  hoch  zu  stellen.  Dagegen  fallt  in  diese 
Zeit  eine  Thatigkeit,  die  fur  seinen  ausseren  Lebensgang  wie  seine  wissen- 
schaftliche  Arbeit  bestimmend  gewesen  ist.  Als  Commissar  der  grossherzog- 
lich  und  herzoglich  sachsischen  und  der  anhaltischen  Regierungen  nahm  er 
an  den  Confcrenzen  zur  Berathung  des  Entwurfs  eines  Allgemeinen  Deutschen 
Handelsgesetzbuchs  in  Ntirnberg  und  Hamburg  von  1857  bis  1861  theil. 
Ueber  die  Bedeutung  dieser  Conferenzen  und  der  daraus  hervorgegangcnen 
Protocolle  ist  kein  Wort  zu  verlieren.  Sie  sind  ein  Stuck  deutscher  Rechts- 
entwicklung  und  deutscher  Rechtsgcschichte,  an  der  v.  H.  hervorragenden 
Antheil  hat.  Aus  dieser  Zeit  stammt  seine  im  November  i860,  unmittel- 
bar  vor  der  dritten  Lesung  aus  Anlass  der  Controverse  iiber  die  Bchandlung 


von  Hafcn.     von  Wilmowski.  i6j 

des  Frachtgeschaftes  der  Eisenbahnen,  ohne  Namen  erschienene  Schrift 
»Das  Deutsche  Handelsgesetzbuch  und  die  Eisenbahnen  «  (Jena),  in  der  v.  H. 
lebhaft  ftir  die  Beschrankung  der  Vertragsfreiheit  den  Eisenbahnen  gegen- 
iiber  eintrat,  wie  sie  jetzt  auch  der  §  463  des  Entwurfs  eines  Handels- 
gesetzbuchs  statuirt.  Dieser  Schrift  folgte  1863  der  erste  Band,  1867  der 
zweite  Band  seines  Commentars  zum  Allgemeinen  Deutschen  Handelsgesetz- 
buch, der  1871,  1875  in  2.  Auflage,  1877  in  3.  Auflage  (Band  1)  erschienen, 
als  immer  noch  unerreichtes  Muster  der  commentarmassigen  Behandlung  eines 
Gesetzbuchs  bezeichnet  werden  muss,  unerreicht  in  der  einfachen,  klaren, 
grtindlichen,  tief  und  fein  durchdachten  Darlegung  der  Entstehung  und  des 
Inhalts  des  Gesetzes.  Litterarisch  ist  v.  H.  sonst  wenig  hervorgetreten.  1856 
erschien  eine  seinem  Schwiegervater  Guyet  gewidmete  Arbeit  tiber  »Die 
materielle  Uebereinstimmung  der  romischen  und  germanischen  Rechtsprinci- 
pien«,  ausserdem  in  Band  29  der  Zeitschrift  ftir  das  gesammte  Handelsrecht 
ein  Beitrag  zur  Lehre  vom  Commissionsgesch&ft.  Vom  1.  April  1872  ab 
wurde  v.  H/s  Kraft  durch  seine  Thatigkeit  als  Richter  bei  dem  Oberhandels- 
gericht  voll  in  Anspruch  genommen.  Am  1.  October  1879  *****  er  *n  den  ersten 
Civilsenat  des  Reichsgerichts.  Am  1.  October  1891  wurde  er  zum  Senats- 
prasidenten  ernannt  und  Ubernahm  als  solcher  den  Vorsitz  des  sechsten  Civil- 
senats.  Am  1.  Januar  1893  trat  er  in  den  Ruhestand.  Eine  kurze  Erholungs- 
pause  von  schwerer  Arbeit  brachte  ihm  Arbeitskraft  und  Arbeitsfreude,  er- 
moglichte  ihm  die  Bearbeitung  von  zwei  Lieferungen  der  vierten  Auflage 
seines  im  Buchhandel  vollig  vergriflFenen  Commentars;  die  Kraft  dauerte  aber 
leider  nicht  lange.  Die  vierte  Auflage  sollte  und  wird  unvollendet  bleiben. 
Ein  gtitiges  Geschick  hat  ihn  durch  einen  leichten  Tod  vor  einem  voraus- 
sichtlich  schweren  und  langen  Leiden  bewahrt.  Was  v.  H.  ftir  die  Wissen- 
schaft  des  Handelsrechts  geleistet,  ist  unverganglich.  Wer,  wie  der  Schreiber 
dieser  Zeilen,  mit  ihm  durch  Jahre  in  demselben  Senat  gearbeitet  hat,  wird 
des  ruhigen,  in  Haltung  und  Gesinnung  vornehmen  Mannes  eingedenk  bleiben. 
v.  H.  gab  sich  nur  schwer.  Wenige  sind  ihm  wohl  ganz  nahe  getreten, 
keiner  so  nahe  wie  sein  von  ihm  tiber  Alles  geschatzter  und  verehrter  Schwieger- 
vater Guyet.  Sein  Wesen  ging  in  seiner  Wissenschaft,  in  seinem  Amte,  in 
seinem  Hause  und  in  den  Seinen  auf.  Er  wird  auch  ausserhalb  des  Kreises 
der  Seinen  unvergessen  bleiben, 

Wiederholt  aus  der  Deutschen  Juristenzeitung,  II.  Jahrgang,  No.  7. 

Reichsgerichtsrath  Dr.  Rehbein,   Leipzig. 

Wilmowski,  Gustav  Karl  Adolf  von,  *  zu  Paderborn  am  17.  August 
1 81 8,  f  am  28.  Dec.  1897  zu  Berlin.  —  v.  W.  studirte  in  Bonn  und  Berlin 
die  Rechtswissenschaft,  wurde  am  28.  September  1838  als  Auscultator  beim 
Land-  und  Stadtgericht  zu  Naumburg  a.  S.  verpflichtet  und  erhielt  am  1.  Octo- 
ber 1844  eine  etatsmassige  Anstellung  als  Obergerichts-Assessor  bei  dem  Land- 
und  Stadtgericht  zu  Wollstein.  Allcin  seine  Herzensneigung  trieb  ihn  zur 
Advocatur,  und  im  Juli  1849  kam  er  als  Rechtsanwalt  nach  Schlawe,  in 
welchem  Oertchen  er  alsdann  tiber  20  Jahre  verblieb.  Hier  erfolgte  1867 
seine  Ernennung  zum  Justizrath  und  gleichzeitig  die  VerofFentlichung  seiner 
hochverdienstlichen  Schrift  tiber  das  Ltibische  Recht  in  Pommern.  — 
Endlich  am  1.  November  1869  nach  Breslau  versetzt,  veroffentlichte  er 
1870  Beitrage  zum  Pommerischen  Lehnrecht  und  eine  Beurtheilung  des 
sog.    Norddeutschen    Entwurfs    einer    Civilprocess-Ordnung,    welche    letztere 

11* 


164  von  Wilmowski.     Bergen  v 

seine  Wahl  in  die  vom  Bundesrathe  zur  definitiven  Feststellung  des  Entwurfs 
einer  deutschen  Civilprocess-Ordnung  niedergesetzte  Commission  zur  Folge 
hatte.  Bereits  am  1.  April  1872  wurde  v.  W.  nach  Berlin  versetzt,  wo 
er  als  Notar  und  als  Rechtsanwalt  beim  Stadtgericht  (seit  1879  Land- 
gericht  I)  und  seit  Juli  1883  beim  Kammergericht  fungirt  hat,  bis  er 
am  1.  April  1891  aus  dem  Justizdienste  schied.  In  Berlin  entfaltete  er 
eine  umfassende  schriftstellerische  Thatigkeit  und  trat  zugleich  vermoge  her- 
vorragender  Charaktereigenschaften  und  vorzuglicher  Befahigung  flir  den  von 
ihm  gewahlten  Beruf  in  die  erste  Reihe  und  schliesslich  an  die  Spitze 
seiner  Berufsgenossen,  welche  ihn  als  Vorbild  verehrten.  Langjahriges  Mit- 
glied,  demnachst  stellvertretender  Vorsitzender  der  Anwaltskammer  des  Kam- 
mergerichtsbezirks,  hat  er  in  derselben  in  der  letzten  Zeit  vor  seinem  Abgange 
den  Vorsitz  geftihrt.  Im  Jahre  1882  zum  Geheimen  Justizrath  ernannt,  wurde 
er  aus  Veranlassung  seines  Dienstjubilaums  am  28.  September  1888  durch 
Verleihung  des  Kronenordens  II.  Klasse  und  seitens  der  Berliner  Friedrich 
Wilhelms-Universitat  durch  die  Ernennung  zum  Ehrendoctor  der  Rechte  aus- 
gezeichnet.  Seinen  Beruf  als  Schriftsteller  bew&hrte  er  durch  die  beiden 
grossen,  in  der  Praxis  zu  iiberwiegendem  Ansehen  gelangten  Commentare, 
von  welchen  im  Jahre  1895  der  von  v.  W.  allein  verfasste  Commentar  zur 
Reichs-  Concurs  -Ordnung  in  ftinfter,  der  von  ihm  in  Gemeinschaft  mit 
dem  Justizrath  M.  Levy  herausgegebene  Commentar  zur  Reichs- Civilpro- 
cess-Ordnung in  siebenter  Auflage  erschienen  sind.  —  v.  W.  war  Mitglied 
der  standigen  Deputation  des  Juristentages,  in  welcher  er  von  1880  bis  1888 
das  mtihevolle  Schriftfuhreramt  bekleidete.  Auch  nach  Niederlegung  seiner 
Aemter  blieb  v.  W.  in  rastloser  Thatigkeit  mit  Bearbeitung  der  Commentare, 
Fortfiihrung  von  Vermogensverwaltungen,  Ertheilung  von  Gutachten  unaus- 
gesetzt  beschaftigt.  Daneben  Schatzmeister  der  Juristischen  Gesellschaft  und 
als  Referent  und  Abtheilungsvorsitzender  auf  den  letzten  Juristentagen  thatig, 
ist  er  bis  zum  letzten  Athemzuge  mit  Wort  und  Schrift  flir  die  Erhaltung  der 
Advocatur  und  des  Richterstandes  auf  der  Hohe  ihrer  Bestimmung  uberall 
eingetreten,  so  noch  im  April  1896  in  der  Deutschen  Juristen-Zeitung  durch 
den  Aufsatz  tiber  die  Auswahl  der  Gerichtsassessoren. 

Wiederholt  aus  der  Deutschen  Juristenzeitung,  II.  jahrgang,  No.  2. 

Justizrath  Professor  Dr.  Jacob  i-Charlottenburg. 

Berger,  Mathias,  Architekt,  *  am  24.  April  1825  in  der  damaligen  Vor- 
stadt  Au  (Mlinchen),  f  am  30.  April  1897.  —  Sohn  eines  Maurerpolier,  be- 
suchte  er  die  Volksschule,  erhielt  durch  den  vorziiglichen  Lehrer  Georg  Reis 
(f  12.  Marz  1872)  Unterricht  im  Zeichnen,  diente  als  Morteltrager  beim  Bau 
der  Hof-  und  Staatsbibliothek ,  erregte  durch  seine  schone  Handschrift  die 
Aufmerksamkeit  des  Direktor  Fr.  von  Gartner,  welcher  den  intelligenten 
Jungen  schon  1838  in  sein  Bureau  aufnahm.  So  ergab  sich  die  Gelegenheit, 
nicht  allein  zu  den  vielen  Projecten  seines  Meisters,  sondern  auch  bei  Aus- 
flihrung  der  Bauten  des  Wittelsbacher  Palais,  der  k.  Villa  an  der  Schwabinger 
Landstrasse  (deren  weitere  Adaptirung  zum  Prinz  Leopold-Palais  gleichfaJls 
B/s  Werk  war),  dem  Siegesthor  in  der  Ludwigsstrasse,  verwendet  zu  werden. 
Im  Jahre  1847  bestand  B.  mit  Erfolg  die  Priifung  als  Civilarchitekt  und  trat 
nach  dem  am  21.  April  1847  erfolgten  Tode  seines  Meisters  in  selbstandiger 
Weise  auf.  B.  entwarf  den  Plan  zur  ersten  Vergrosserung  des  Friedhofes  der 
damaligen  Vorstadt  Au,  machte  die  Zeichnungen  zu  den  Gedenktafeln  in  der 


Berger.  165 

Auer-Kirche  fiir  Konig  Ludwig  L  und  Baumeister  Daniel  Ohlmtiller  (f  am 
22.  April  1839)  unc*  bethatigte  sich  mit  einer  Ansicht  des  »Siegesthor«  als 
Kupferstecher,  auch  veroffentlichte  er  ein  Werk  mit  Ansichten  der  merkwiirdig- 
sten  »Grabmonumente  des  Miinchener  Gottesackers«  (1852).  Das  erste  Pro- 
ject zur  heutigen  Maximilians-Strasse  lieferte  B.;  er  dachte  dieselbe  in  direkter 
Verbindung  mit  einer,  spater  von  ihm  wirklich  erbauten  Pfarrkirche  zu  Haid- 
hausen,  welche  mit  ihrem  hochragenden  Fagadenthurm  den  imposanten  Ab- 
schluss  bilden  sollte;  die  Achse  dieser  Prachtstrasse  hatte  sich  alsdann  etwas 
gegen  Siiden  geneigt  wahrend  sie  spater  nach  Btirklein's  Plane  genau  parallel 
der  Mittellinie  des  Hof-  und  National-Theaters  hergestellt  wurde  und  als 
Schluss  die  lange  Front  des  Maximilianeums  erhielt.  Nach  vielen  Unterhand- 
lungen  wurde  am  17.  October  1852  der  Grundstein  zur  Haidhauser-Kirche 
gelegt,  welche,  da  die  Mittel  dazu  durch  Almosen  und  freiwillige  Beitrage  nur 
langsam  flossen,  1863  im  Aeussern  und  1874  auch  im  Innern  zur  Vollendung 
kam,  jedoch  erst  1879  dem  Cultus  (ibergeben  wurde,  Es  ist  ein  hochst 
achtenswerther,  im  reinen  Spitzbogenstyl,  vdllig  aus  Backstein  und  Tefracotta 
aufgefiihrter  Bau,  mit  einem  schlanken  Fa^adenthurme  und  zwei  sehr  wirk- 
samen  kleineren,  auf  besonderen  Wunsch  Konig  Max  II.  eingefiigten  Chor- 
thtirmen.  Das  einschiffige  Langhaus  mit  den  zum  Theil  nach  innen  gezogenen 
Strebepfeilern  und  einem  schmaleren,  mit  fUnf  Seiten  des  regelmassigen  Acht- 
eckes  geschlossenem  Chore,  hat  eine  Lichtweite  von  achtzehn  Meter,  welche 
von  der  beriihmten  Michaelskirche  nur  um  vier  Meter  tibertroffen  wird.  Zu 
den  drei,  in  weissem  Marmor  weniger  wirkenden  Altaren  stiftete  ein  Burger 
Haidhausens  das  kostbare  Material.  Trotz  der  gebotenen  Sparsamkeit  erzielte 
der  Kilnstler  eine  treffliche  Wirkung,  insbesondere  durch  die  schlichte  Arkatur 
unter  dem  Dachaufsatz.  Den  reichen  Schmuck  mit  Statuen  (von  Jos.  Knabl) 
an  der  Aussenseite  besorgte  der  Magistrat  der  Stadt.  Den  Spitzbogenstyl 
brachte  B.  auch  bei  der  1854  errichteten  Pfarrkirche  zu  Gaimersheim  (bei 
Ingolstadt)  und  bei  der  1867  — 1871  erbauten  dreischiffigen  Hallenkirche  zu 
Partenkirchen  in  Anwendung.  Nach  seinen  Entwtirfen  und  unter  seiner  Lei- 
tung  begann  1858  die  Restauration  der  Miinchener  Frauenkirche,  welche  B. 
streng  im  Charakter  des  XV.  Jahrhunderts  unter  Ausscheidung  aller  spateren 
stylstorenden  Zuthaten  auszufuhren  gedachte.  An  die  Stelle  des  barocken, 
holzernen  Orgelchores  setzte  er  eine  Steinconstruction  mit  feuersicherer  Ein- 
wolbung,  und  zwar  in  so  sachgemasser  Uebereinstimmung  mit  dem  alteren 
Theile  der  Musiktribtine,  dass  heute  Niemand  den  Unterschied  der  Entstehungs- 
zeit  wahrnehmen  dlirfte.  B.  befreite  die  durch  Kasten  verdeckten  Rtickwande 
der  Chorsttihle  und  brachte  dadurch  die  schonen  Skulpturen  wieder  zu  Ehren ; 
in  Uebereinstimmung  damit  componirte  er  den  mit  Flugelthliren  ausgestatteten 
Hochaltar  (mit  Bildern  von  M.  von  Schwind)  und  die  beiden  Seitenaltare, 
ebenso  die  kunstvolle  Kanzel  und  die  erzbischofliche  Cathedra;  erstere  wurde 
von  Sickinger,  letztere  von  Wirth  mit  bewunderungswlirdiger  Technik  in 
Eichenholz  ausgefuhrt.  Allerlei  bittere  Erfahrungen,  theils  mit  dem  Restaura- 
tions-Comit^  und  wohlmeinenden  Stiftern,  bewogen  den  KUnstler,  seine  Thatig- 
keit  dabei  niederzulegen,  worauf  Ludwig  Foltz,  nicht  zum  Besten  der  einheit- 
lichen  Wirkung,  das  Ganze  vollendete.  Die  Erweiterung  und  Restauration 
der  Herzogspitalkirche  erfolgte  ohne  weitere  Schwierigkeiten.  Nach  B.'s  Ent- 
wiirfen  entstanden  ausserdem  in  und  ausser  der  Stadt  eine  grosse  Anzahl  von 
Profanbauten,  das  burgartige  Haus  des  Professor  Dr.  Sepp  (in  der  Schonfeld- 
strasse),  das  heitere  Bijou  der  Hofschauspielerin  Clara  Christen-Ziegler  (Konigin- 


1 66  Berger.     Birkmeyer. 

strasse),  das  Cafe  Danner  u.  s.  w.,  wobei  B.  seine  Vorliebe  fur  die  Formen 
des  Spitzbogens  mit  grossem  Geschick  bethatigte.  Zu  Beginn  der  sechziger 
Jahre  gelangte  an  der  Nymphenburger-Dachauer-Strasse  die  neue  Maximilians- 
Kaserne  auf  Oberwiesenfeld  nach  B.'s  Entwtirfen  als  stattlicher  Backstein- 
Rohbau  zur  Ausftihrung  und  das  Erzbischofliche  Knabenseminar  auf  dem 
Domberge  zu  Freising;  in  beiden  Fallen  bewies  der  Architekt,  dass  er  auch 
den  Aufgaben  des  Profanbaues  gewachsen  war.  Drei  grosse,  bis  in's  kleinste 
Detail  ausgearbeitete  monumentale  Projecte,  einer  neuen  Synagoge,  eines 
prachtvollen  Ktinstlerhauses  und  eines  Justizpalastes  scheiterten  leider,  weil 
der  Klinstler  an  dem  dazu  als  passend  erwahlten  Terrain  unerschiitterlich 
festhielt;  sie  wiirden  der  rasch  aufbliihenden  Stadt  zur  bleibenden  Ehre  ge- 
dient  haben.  Konig  Maximilian  wiirdigte  die  Leistungen  des  Meisters  da- 
durch,  dass  er  ihn  zum  Ritter  des  Verdienstordens  vom  hi.  Michael  I.  Klasse 
ernannte.  B.'s  unverwiistlich  scheinende  Natur  erlag  am  30.  April  1897  den 
Folgen  einer  schleichenden  Influenza.  Sein  gesammter  artistischer  Nachlass 
mit  alien  Zeichnungen,  Skizzen,  Entwtirfen  und  Planen  wurde  am  28.  Marz 
1898  durch  Georg  Mossel  versteigert. 

Vergl.  Franz  v.  Reber:  Bautechnischer  FUhrer  durch  MUnchen.  1876.  S.  123.  Hans 
Moninger:  Fr.  v.  Gartner.  1882.  S.  105.  Nekrolog  von  Franz  Jakob  Scbmitt  in  No.  102 
der  Augsburger  Postzeitung  vom  7.  Mai  1897.  Rechenschaftsbericht  des  Vereins  ftir 
Christliche  Kunst  f(ir  1897.    S.  12  ff. 

Hyac.  Holland. 

Birkmeyer,  Fritz,  *  1848  zu  Rothenburg  an  der  Tauber,  f  am  9.  Decem- 
ber 1897.  —  B.  absolvirte  die  Lateinschule,  widmete  sich  im  Atelier  des  am 
12.  December  1885  verstorbenen  Bernhard  Mittermaier  der  Glasmalerei  (1863), 
besuchte  die  Kunstschule  zu  Nlirnberg  und  tibersiedelte  nach  Munchen.  Mit 
gleichem  Geschick  im  Charakter  der  spateren  Spitzbogenzeit  wie  des  Renais- 
sancestyles  schaffend,  fertigte  er  viele  Cartonzeichnungen  figtirlichen  Inhalts  fur 
die  Konigliche  Hofglasmalerei-Anstalt  des  Commerzienrath  Franz  Xaver  Zettler 
zu  Munchen.  Darunter  eine  »Taufe  Christi«,  eine  »Magdalena  zu  den  Fiissen 
des  Heilands«,  sieben  Darstellungen  aus  der  Lebensgeschichte  des  Apostel 
Paulus  (fur  das  Chorfenster  des  Ulmer  Miinsters),  ein  Portrat  des  Kaisers 
Wilhelm  I.  mit  Wappenschilden  und  Kriegern  (1883).  Mit  grosser  Begeiste- 
rung  erfasste  der  vielseitige  Kunstler  die  Idee  des  von  Ludwig  Stark  gedich- 
teten  »Rothenburger  Festspieles<c  (1883),  lieferte  dazu  Scenen  und  Costiime, 
auch  ein  Erinnerungsblatt  mit  der  Darstellung  des  »Meistertrunk  des  Burger- 
meister«  und  die  Illustrationen  zu  Ludwig  Stark's  Sang  »Der  Jungherr  von 
Rothenburg«  (Stuttgart  1891).  Damit  standen  die  ernsten  Oelbilder  »Tilly  in 
Rothenburg«  und  »Marodeure  aus  dem  dreissigjahrigen  Kriege«  (in  No.  52 
»Ueber  Land  und  Meer«  1889)  in  Zusammenhang.  Im  Jahre  1868  trat  B. 
freiwillig  in  das  12.  bayerische  Infanterie-Regiment,  machte  den  Feldzug  1870/71 
mit  und  erhielt  im  Treffen  von  Coulmies  flinf  Verwundungen.  In  Folge  davon 
zu  weiterem  Dienste  untauglich,  nahm  B.  wieder  die  Kunst  auf;  seine  eige- 
nen  Kriegserlebnisse  gestaltete  B.  zu  Illustrationen  und  Oelbildern.  So 
entstanden  eine  »Friedliche  Begegnung  in  der  Kriegszeit«  (No.  29  »Ueber 
Land  und  Meer«  1890),  eine  » Requisition «,  »Bayerische  Soldaten  vor  Paris« 
(»Hurrah  Paris !«);  ein  »Motiv  bei  Artenay«;  »Reiter  und  Wegweiser«  (No.  13 
ebendas.  1894);  »Auf  Vorposten  in  der  Christnacht«  (im  »Soldatenfreund« 
1895),  der  ergreifende  »Todesritt«  (ebendas.),  der  Einzug  cles  General  von  der 
Tann  (»Voil&  le  G^n^ral  de  Tann!«)  in  einer  Strasse  von  St.  Ay  s.  Loire  im 


Birkmeyer.     Sohncke.  167 

December  1870  und  ^General  von  Hartmann  bei  Moulin  de  la  Tour«,  beide 
mit  reichem,  gleichfalls  portraittreuem  Gefolge.  Ein  »Kriegserlebniss  aus 
Foinard«  reproducirte  die  »Kunst  fur  Alle«  vom  15.  Januar  1898.  Ein  sehr 
charakteristisches,  friedfertiges  Bild  gestaltete  B.  aus  der  »Mlinchener  Wacht- 
parade«.  Als  Freund  heiterer  Geselligkeit  gastete  unser  Kunstler  gerne  bei 
den  frohlichen  Waldfesten  des  Gesangvereines  »Germania«,  und  schuf  ein 
Banner  und  einen  »Bardenschild«,  wofur  er  als  »Edeling«  (Ehrenmitglied)  aus- 
gerufen  wurde.  Am  3.  December  1897  besuchte  B.  die  Generalversammlung 
der  KUnstlergenossenschaft;  auf  dem  Heimwege  brach  er  in  der  ersten  Morgen- 
stunde  des  4.  December,  vom  Herzschlag  getroffen,  zusammen;  Wieder- 
belebungsversuche  waren  vergeblich.  Eine  hubsche  Serie  von  Gemalden  und 
Aquarellen,  darunter  theilweise  alteres  Militar,  bayerische  leichte  und  schwere 
Reiter,  Scenen  mit  Turkos  und  Zuaven  u.  s.  w.  brachte  der  Mtinchener  Kunst- 
verein  im  Marz  1898  zur  Ausstellung.  Eine  grosse  Sammlung  von  Waffen, 
Sabeln,  musikalischen  Instrumenten,  Helmen,  Tschakos  und  Mlitzen,  welche 
B.  mit  bayerischen,  preussischen,  osterreichischen,  franzosischen,  turkischen 
Uniformen  zusammengebracht  hatte,  eine  achte,  reich  bestellte  Atelier-Ausstat- 
tung,  wurde  am   12.  Mai  1898  durch  F.  Haunschild  versteigert. 

Vgl.  Abendblatt  338  »AUgemelne  Zeitung«  vom   7.  December  1897   und  Bericht  des 
Mtinchener  Kunstverein  flir  1897.    S.  71.  —  Das  geistige  Deutschland.    Lpz.  1898.    S.  55. 

Hyac.  Holland. 

Sohncke,  Leonhard,  Professor  der  Physik  an  der  technischen  Hochschule 
zu  Miinchen,  *  am  22.  Februar  1842  zu  Halle  a.  S.,  f  am  1.  November  1897 
zu  Munchen.  —  S.  gehorte  unzweifelhaft  zu  den  Zierden  seiner  Wissenschaft 
und  zahlte  zu  den  beliebtesten  Universitatslehrern.  Sein  Vater  Ludwig  Adolf 
Sohncke,  noch  heute  durch  seine  klassische  Uebersetzung  von  Chasles'  Ge- 
schichte  der  Geometrie  bekannt,  hatte  an  der  Universitat  Halle  a.  S.  eine  Professur 
fur  Mathematik  inne.  Schon  durch  die  Erziehung  im  Elternhause  ftir  die  exacten 
Wissenschaften  begeistert,  widmete  sich  Sohncke,  als  er  bereits  mit  17  Jahren 
die  Universitat  Halle  bezog,  den  mathematischen  und  physik alischen  Studien 
und  legte  1862  seine  Lehramtspriifung  mit  bestem  Erfolge  ab.  Neben  seinen 
Hauptstudien  zog  ihn  insbesondere  die  Mineralogie  an  —  schon  als  Student 
bekleidete  er  am  mineralogischen  Institut  die  Stelle  eines  Hilfsassistenten  —  und 
dieser  Hang,  begunstigt  von  seinem  Lehrer,  dem  beruhmten  Franz  Neumann, 
dem  Begrtinder  des  physikalischen  Seminars  in  Konigsberg,  bei  welchem  es  ihm 
vergonnt  war,  langere  Zeit  zuzubringen,  gab  seinen  spateren  Studien  die  ent- 
scheidende  Richtung.  In  Konigsberg,  das  damals  der  Sammelplatz  aller  lern- 
begierigen  Jiinger  der  physikalischen  Wissenschaften  war,  erhielt  S. ,  nachdem 
er  sein  Probejahr  abgelegt  hatte,  1866  seine  erste  Anstellung  als  Gymnasial- 
lehrer  und  griindete  alsbald  einen  eigenen  Herd,  indem  er  sich  mit  einer 
Verwandten  verehelichte.  Aber  sein  wissenschaftlicher  Sinn  fand  in  der  Lehr- 
thatigkeit  an  der  Mittelschule  nicht  die  genligende  Befriedigung,  und  so  habi- 
litirte  er  sich  drei  Jahre  spater  als  Privatdocent  der  Physik  an  der  Konigs- 
berger  Universitat  mit  einer  Arbeit  tiber  die  Cohasion  des  Steinsalzes  (Poggen- 
dorff's  Ann.  CXXXV1I)  und  behielt  nebenher  seine  Lehrstelle  bei.  Doch 
dauerte  diese  doppelte  anstrengende  Lehrthatigkeit  nicht  lange;  denn  als  er 
durch  einen  glticklichen  Zufall  mit  dem  theoretischen  Physiker  Georg  Kirchhoff 
bekannt  wurde,  lernte  ihn  dieser  rasch  schiitzen  und  verwendete  sich  ftir  ihn, 
so  dass  er  schon  1871   das  Ordinariat  ftir  Physik  am  Polytechnikum  zu  Karls- 


1 68  Sohncke. 

ruhe  erhielt.  Im  Kreise  liebenswtirdiger  Collegen,  von  denen  er  besonders 
den  Mineralogen  Knop  und  den  darstellenden  Geometer  Wiener  hochschatzte, 
fand  er  sich  rasch  in  seinen  akademischen  Wirkungskreis  und  konnte  mit  mehr 
Muse  und  mit  reichen  experimentellen  Mitteln  versehen,  seinen  wissenschaft- 
lichen  Arbeiten  obliegen.  Hier  entstand  auch  sein  bedeutendstes  Werk  »Ent- 
wickelung  einer  Theorie  der  Krystallstructur«.  Der  franzosische  Mineraloge 
Bravais  hatte  zur  Erklarung  der  Eigenthtimlichkeit  krystallisirender  Medien, 
nach  ein  und  derselben  Richtung  stets  die  gleiche,  nach  verschiedenen  Rich- 
tungen  aber  verschiedene  Eigenschaften  aufzuweisen,  die  Zusammensetzung 
eines  ganzflachigen  Krystalls  aus  unendlich  vielen  congruenten  und  gleich- 
gestellten  Bausteinen  angenommen  und  nachgewiesen,  dass  die  entstehenden 
Symmetrieverhaltnisse  mit  denen  gewisser  geometrischer  Gitterstructuren  liber- 
einstimmen;  doch  war  ihm  dieser  Nachweis  bei  den  halbflachigen  Krystallen 
nicht  gelungen.  Dadurch  dass  nun  S.,  durch  geometrische  Untersuchungen 
seines  Freundes  Wiener  angeregt,  die  von  dem  Mathematiker  Camille  Jordan 
aufgestellten  Bewegungsgruppen  in  Betracht  zog,  welche  die  Auffindung  aller 
solcher  Punktsysteme  ermoglichten,  gelang  es  ihm,  die  Zusammensetzung  aller 
bekannten  Krystallstructuren,  auch  die  der  halbflachigen,  durch  solche  Gitter- 
systeme  darzustellen,  die  er  durch  sinnreich  erdachte  Modelle  veranschaulichte. 
Auch  spater  kam  S.  noch  wiederholt  auf  diese  seine  fundamentalen  Ent- 
deckungen  im  Gebiete  der  Molekularphysik  zuriick,  die  ihn  weitaus  am  meisten 
fesselte,  und  veroffentlichte  hieruber  eine  Reihe  von  Artikeln  in  Gerth's 
Zeitschrift  ftir  Krystallographie  und  Mineralogie,  in  den  Mathematischen  An- 
nalen  (IX)  und  in  Poggendorff's  Annalen.  In  anderen  Abhandlungen,  die  in 
denselben  Zeitschriften  erschienen,  beschaftigte  er  sich  eingehend  mit  den 
optischen  Eigenschaften  der  Krystalle,  sowie  mit  den  Newton'schen  Farben- 
ringen,  wobei  er  Iiberall  Neues  zu  Tage  forderte.  Auch  Fernerstehende  suchte 
er  mit  jenen  merkwiirdigen  Molekularvprgangen  vertraut  zu  machen,  indem 
er,  unterstUtzt  von  seinem  hervorragenden  Darstellungstalent,  wiederholt  popu- 
lare  Aufsatze  hieruber  veroffentlichte  (Bayrisches  Industrie-  und  Gewerbeblatt 
1 891,  »Nature«  1884).  —  S.  war  bei  seiner  Berufung  nach  Karlsruhe  als 
Nebenamt  auch  die  theilweise  Organisation  und  Leitung  des  meteorologischen 
Beobachtungsnetzes  in  Baden  tibertragen  worden.  Dadurch  war  er  gezwungen, 
sich  in  ein  ihm  bisher  fremdes  Gebiet  einzuarbeiten ,  was  ihm  bei  seiner 
Gewissenhaftigkeit  und  Energie  in  kiirzester  Zeit  so  vollstandig  gelang,  dass 
auch  dieser  Wissenszweig  bald  zu  seinen  Lieblingsstudien  gehorte,  obwohl 
er  die  taglichen  Registrir-  und  Biireauarbeiten,  die  mit  der  Meteorologie  un- 
abweislich  verbunden  sind,  stets  als  eine  Last  empfand.  Aus  jener  ersten 
Zeit  seiner  Beschaftigung  mit  der  Meteorolgie  stammt  ein  kleines  Schriftchen : 
»Ueber  Stiirme  und  Sturm warnungen«  1875,  sowie  »Vorschlage  zur  Verein- 
fachung  der  Ableitung  der  barometrischen  Hohenmessungsformel*  (Zeitschrift 
ftir  Mathematik  und  Physik  XX).  Doch  trotz  dieser  Vorliebe  fur  das  neu  ge- 
wonnene  Fach  waren  es  hauptsachlich  die  zeitraubenden  meteorologischen 
Nebenarbeiten,  welche  ihn  vermochten,  einen  Ruf  an  die  Universitat  Jena, 
der  1883  an  ihn  erging,  anzunehmen.  Daselbst  wurde  ihm  die  Leitung  des 
physikalischen  Instituts  tibertragen,  das  er  auf  neuer  Grundlage  einzurichten 
hatte.  Trotz  der  hiermit  verbundenen  grossen  Arbeitslast  ftihlte  er  sich  in 
der  Freiheit  des  Jenaer  Universitatslebens ,  welches  seinem  Charakter  ganz 
besonders  zusagte,  stets  ausserst  wohl  und  erinnerte  sich  spater  noch  oft  gern 
an  jene  Zeit,     Daselbst  bentitzte  er  die  sparlichen  Musestunden,  welche  ihm 


Sohncke.  1 69 

seine  Berufsarbeiten  tibrig  liessen,  urn  seine  in  Karlsruhe  begonnenen  meteoro- 
logischen  Studien  fortzusetzen  und  schuf  seine  hochbedeutende  Theorie  der 
Gewitterbildung,  die  er  in  der  Monographie:  »Der  Ursprung  der  Gewitter- 
elektricitaU,  Jena  1885,  niederlegte.  Dieselbe  fand  nicht  nur  bei  den  Fach- 
mannern  allgemeinen  Anklang,  sondern  machte  S.'s  Namen  auch  in  weiteren 
Kreisen  bekannt.  Die  in  dieser  Schrift  angedeuteten  Grundgedanken  ftihrte 
er  in  spateren  Veroffentlichungen  noch  weiter  aus,  so  in  den  Sitzungsberichten 
der  Bayerischen  Akademie  1888,  in  der  Zeitschrift  »Himmel  und  Erde«  1889, 
in  der  Meteorologischen  Zeitschrift  V  und  in  den  Abhandlungen  der  Mtin- 
chener  Akademie  XVIII,  3,  woselbst  die  »Gewitterstudien  auf  Grand  von 
Ballonfahrten«  erschienen.  —  Sein  Aufenthalt  in  Jena  dauerte  nur  zwei  Jahre, 
denn  schon  1885  erhielt  er  einen  Ruf  an  die  technische  Hochschule  zu 
Mtinchen,  dem  er  auch  in  der  Aussicht  auf  eine  ausgedehntere  Lehrth&tig- 
keit,  wenn  auch  nur  zogernd,  Folge  leistete.  Daselbst  entfaltete  er  seine  ganze 
enorme  Arbeitskraft.  Denn  obwohl  sich  infolge  der  bestandig  zunehmenden 
Frequenz  der  Hochschule  seine  Berufsarbeiten  bis  zum  Uebermaasse  steigerten, 
setzte  er  doch  die  Forschungen  auf  seinen  Specialgebieten  fort,  in  die  er  auch 
noch  andere,  wie  die  Elektricitatslehre  (Mtinchener  Sitzungsberichte  1888)  und 
die  Warmelehre  (ebenda  1897)  miteinbezog.  Auch  der  Optik,  der  er  schon 
friiher  sein  Interesse  geschenkt  hatte  (Apologie  der  Doppler'schen  Theorie, 
Poggendorff's  Annalen  CXXXII),  trat  er  wieder  naher,  indem  er  einerseits  mit 
optischen  Hilfsmitteln  .  die  Dicke  einer  auf  Wasser  sich  ausbreitenden  Oel- 
schicht  bestimmte  (Mtinchener  Sitzungsberichte  1889),  andererseits  eine  einfache 
Erklarung  der  Nebenbilder  gab,  welche  man  bei  Betrachtung  einer  Abbe'schen 
Diffraktionsplatte  erkennt.  Eine  seiner  letzten  Arbeiten  liber  die  polarisirte 
Fluorescenz  (Mtinchener  Sitzungsberichte  1896)  war  ebenfalls  optischer  Natur, 
und  ausserdem  fesselten  den  gewiegten  Meteorologen  auch  die  optisch  inter- 
essanten  meteorologischen  Erscheinungen,  wie  z.  B.  das  bei  Sonnenuntergang 
wahrzunehmende  »blaugriine  Flammchen«,  woflir  er  eine  Erklarung  brachte 
(Meteorologische  Zeitschrift  VI),  und  die  bei  Ballonfahrten  nicht  selten  wahr- 
nehmbaren  Luftspiegelungen.  Als  ihn  schon  langst  das  unheilbare  Leiden 
befallen  hatte,  das  eine  rasche  Abnahme  seiner  Krafte  bewirkte  und  schliess- 
lich  seinem  Leben  ein  Ende  setzte,  sammelte  der  energische  Mann,  bis  zum 
letzten  Augenblicke  muthvoll  sein  Leiden  bekampfend,  noch  eifrig  Material 
ftir  eine  im  kommenden  Sommer  zu  haltende  Vorlesung  tiber  meteorologische 
Optik,  die  er  in  popularer  Form  unter  dem  Titel  »Der  Himmel«,  herauszu- 
geben  gedachte.  Ueberhaupt  hat  S.  viel  ftir  Popularisirung  seiner  Wissen- 
schaft  im  besten  Sinne  des  Wortes  gethan:  seine  »Gemeinverstandlichen  Vor- 
trage  aus  dem  Gebiete  der  Physik«,  Jena  1892,  sowie  mehrere  hochinter- 
essante  Vortrage,  die  in  der  Zeitschrift  »Himmel  und  Erde«  und  in  der  Bei- 
lage  zur  Allgemeinen  Zeitung  erschienen  und  in  glanzender  Darstellung  nicht 
die  leichtesten  Fragen  behandelten,  sind  Zeugen  von  dieser  ftir  die  Verbrei- 
tung  wissenschaftlicher  Bildung  so  wichtigen,  aber  ebenso  seltenen  Begabung. 
Doch  in  der  schriftstellerischen  Thatigkeit  S.,  die  wir  wenigstens  in  den 
Hauptztigen  zu  schildern  versuchten,  lag  nicht  allein  seine  Bedeutung  ftir  die 
Wissenschaft.  Er  verstand  es  vielmehr  auch  im  Umgang  mit  anderen  an- 
regend  zu  wirken  und  scheute  keine  MUhe,  um  seine  Begeisterung  ftir  wissen- 
schaftliches  Streben  anderen  einzuflossen.  So  schuf  er  in  Mtinchen  ein  zwang- 
loses  physikalisches  Colloquium,  an  dem  jeder,  der  sich  ftir  Physik  inter- 
essirte    und    mitarbeiten    wollte,    theilnehmen    konnte;    ferner    war    er    Mit- 


170 


Sohncke.     Weierstrass. 


begriinder  des  Munchener  Vereins  filr  Luftschiffahrt  und  wusste  als  erster 
Vorstand  desselben  dem  neuen  Untemehmen  rasch  eine  geachtete  Stellung 
zu  verschaffen.  Auch  als  Lehrer  wirkte  er  ausserst  fruchtbringend.  Sein  Vor- 
trag  war  lebhaft  und  fliessend,  seine  Kunst  zu  experimentiren,  bewunderns- 
werth,  und  der  Eifer,  mit  dem  er  sein  Practicum  leitete,  diente  seinen  zahl- 
reichen  Schulern  als  nachahmenswerthes  Vorbild.  Daher  ging  auch  aus  seinem 
Laboratorium  eine  Reihe  werthvoller  Dissertationen  und  Specialabhandlungen 
hervor.  —  S.  war  ein  gerader  und  energischer  Charakter,  von  seltener  Wahr- 
heits-  und  Gerechtigkeitsliebe,  dazu  freundlich  und  gefallig,  namentlich  gegen 
jlingere  Leute,  bei  denen  er  ideales  Streben  erkannte,  und  obgleich  er  in  Folge 
seiner  anstrengenden  Thatigkeit  am  gesellschaftlichen  Leben  wenig  theilnahm, 
so  war  er  doch  in  engerem  Freundeskreise  stets  ein  gern  gesehener  und 
heiterer  Gesellschafter.  Die  Reinheit  seines  Charakters  und  sein  idealer  Sinn 
bedingten  auch,  dass  er  jedem  Streberthum  fern  blieb  und  Ehrungen  gerade- 
zu  aus  dem  Wege  ging;  als  hochste  Ehre  gait  ihm  stets,  als  emster  Forscher 
und  als  ttichtiger  Lehrer  anerkannt  zu  werden.  Darum  wollen  wir  auch  von 
den  ungesuchten  Ehrungen,  die  ihm  zu  Theil  wurden,  nur  seine  Aufnahme 
in  die  kgl.  bayerische  Akademie  der  Wissenschaften  nennen,  deren  Mitglied 
er  alsbald  nach  seiner  Berufung  nach  Mtinchen  wurde. 

Quellen:  Die  Nachrufe  von  Prof.  Finsterwalder,  Mtinchner  Neueste  Nachrichten  1897, 
No.  519,  und  Prof.  Gunther,  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  1897,  No.  275,  sowie  person- 
liche  Bekanntschaft  mit  Sohncke. 

A.  v.  Braunmlihl. 

Weierstrass,  Karl  Theodor  Wilhelm,  Professor  der  Mathematik  an 
der  Berliner  Universitat,  *  am  31.  October  181 5  zu  Ostenfelde  im  Regie- 
rungsbezirk  Mtinster  als  al tester  Sohn  des  dortigen  Burgermeisters,  f  am 
19.  Februar  1897  zu  Berlin.  —  Nachdem  W.  von  1829  —  34  das  Gymna- 
sium in  Paderborn  besucht  hatte,  studierte  er  von  1834 — 38  in  Bonn  Jura 
und  Cameralia.  Doch  befriedigten  ihn  diese  Studien  wenig,  da  seine  eigent- 
liche  Begabung  auf  mathematisch-physikalischem  Gebiete  lag.  Er  begab  sich 
daher  an  die  Akademie  Minister  und  beschaftigte  sich  dort  unter  Gudermann's 
privater  Leitung  intensiv  mit  seinen  Lieblingsfachern.  Nach  Beendigung  seiner 
Studien  bestand  er  1841  das  Examen  pro  facultate  docendi  in  Mtinster,  legte 
dort  sein  Probejahr  ab  und  wurde  1842  Lehrer  am  Progymnasium  in  Deutsch- 
Krone  in  Westpreussen  und  von  1848  an  Oberlehrer  am  Gymnasium  zu  Brauns- 
berg  in  Ermeland.  Aber  wahrend  dieser  Lehrthatigkeit  an  den  Mittelschulen 
beschaftigte  er  sich  bereits  mit  den  bedeutendsten  Problemen  der  Mathematik 
und  veroffentlichte  seine  epochemachenden  Resultate  in  der  bescheidensten 
Weise  in  den  Gymnasialprogrammen.  Aus  jener  Zeit  datirt  seine  beriihmte 
Arbeit  tiber  die  Theorie  der  analytischen  Facultaten  (Jahresbericht  liber  das 
Progymnasium  zu  Deutsch-Krone  1843),  Aber  die  Umkehrprobleme  der  hyper- 
elliptischen  Functionen  und  vor  allem  sein  erster  Beitrag  zur  Theorie  der 
Abel'schen  Integrate  (Jahresbericht  tiber  das  Gymnasium  zu  Braunsberg  1849). 
Diese  Abhandlungen  zeichneten  sich  schon  durch  jene  Strenge  der  methodi- 
schen  Beweisfiihrung  aus,  die  alle  seine  Arbeiten  in  so  hervorragender  Weise 
kennzeichnet,  und  lenkten  die  Blicke  der  Gelehrten  auf  den  jungen  Gymnasial- 
lehrer.  Er  erhielt  daher  1854  honoris  causa  den  Doctorhut  von  der  Univer- 
sitat Konigsberg,  wo  der  in  den  gleichen  Fachern  thatige  Richelot,  Jacobi's 
Schiiler,  zuerst  die  Wichtigkeit  von  W/s  Leistungen  erkannt  hatte.  1856 
wurde  er  als  Professor  der  Mathematik  an  das  Gewerbeinstitut  zu  Berlin  berufen 


Weierstrass.  171 

und  zugleich  zum  Mitgliede  der  Berliner  Akademie  ernannt.  1864  wurde  er 
endlich,  nachdem  er  ein  in  Folge  von  Ueberarbeitung  entstandenes  Nerven- 
leiden  gliicklich  Uberwunden  hatte,  ordentlicher  Professor  an  der  dortigen 
Universitat,  woselbst  er  schon  in  seiner  Stellung  als  Professor  des  Gewerbe- 
institutes  Vorlesungen  gehalten  hatte.  Diese  Stellung  behielt  er  bis  zu  seinem 
Tode  bei.  Seiner  eminenten  Lehrbegabung,  die  in  seinen  vorhergehenden  Stel- 
lungen  die  beste  Schulung  erhalten  hatte,  gelang  es,  eine  eigene  mathematische 
Schule  zu  grlinden,  aus  welcher  eine  Menge  der  hervorragendsten  und  ttich- 
tigsten  Gelehrten  hervorging.  Dazu  trug  aber  auch  nicht  wenig  sein  selbst- 
loses  Wesen  bei,  indem  er  stets,  unbeklimmert  urn  die  Wahrung  der  eigenen 
Prioritat,  seine  Geistesschatze  mit  vollen  Handen  unter  seine  Zuhorer  aus- 
streute.  Alle  seine  Schtiler  hingen  daher  auch  mit  unbegrenzter  Liebe  und 
Verehrung  an  dem  Meister,  der  noch  bis  in  sein  hohes  Alter,  trotzdem  sein 
Nervenleiden  sich  immer  wieder  einstellte,  ihre  Studien  mit  Hingabe  leitete 
und  unterstlitzte.  Erst  als  1887  ein  Herzleiden  allmahlich  seine  ohnehin  schon 
geschwachte  Gesundheit  zu  untergraben  begann,  musste  er  seine  Arbeit  ein- 
schranken  und  drei  Jahre  spater  der  ihm  so  lieb  gewordenen  Lehrthatigkeit 
ganz  entsagen.  Aber  selbst,  als  er  bereits  durch  Wassersucht  an  seiner  Be- 
wegung  gehindert  war,  betheiligte  er  sich  noch  lebhaft  an  einer  Gesammt- 
ausgabe  seiner  Schriften,  welche  die  preussische  Akademie  unternommen  hatte. 
Mit  ihm  ist,  nachdem  seine  Freunde  Kummer  und  Kronecker  ihm  im  Tode 
vorausgingen,  der  letzte  der  drei  grossen  Mathematiker  dahingegangen,  welche 
wahrend  eines  Menschenalters  die  Zierde  der  Berliner  Hochschule  gebildet 
hatten.  W.  war  unverheirathet  geblieben,  ftihrte  aber  mit  seinen  beiden 
Sch western  ein  trautes  Familienleben,  in  dem  sich  jeder  wrohlfiihlte,  der  das 
Gllick  hatte,  zu  den  Freunden  des  grossen  Mannes  zu  zahlen. 

Wenn  auch  die  Zahl  von  W.'s  bisher  im  Druck  erschienenen  Schriften 
verhaltnismassig  nicht  gross  ist,  so  sind  dieselben  doch  von  so  hervorragender 
Bedeutung,  dass  sie  ihm  den  Weltruf  eines  der  hervorragendsten  Analytiker 
aller  Zeiten  sichern.  In  seiner  Antrittsrede  in  der  Berliner  Akademie  (9.  Juli 
1857)  sagte  er  selbst,  dass  seine  Studien  von  den  elliptischen  Functionen,  in 
die  er  durch  eine  Vorlesung  Gudermann's  eingefiihrt  worden  war,  ihren 
Ausgang  genommen  hatten,  und  steckte  sich  als  ferneres  Ziel,  die  Erforschung 
der  Eigenschaften  der  nach  ihrem  Entdecker  Abel  benannten  Functionen. 
Aber  er  will  diese  abstrakten  Gebiete  nicht  nur  um  ihrer  selbst  willen  be- 
bauen,  obwohl  ja  jede  Wissenschaft  zunachst  sich  Selbstzweck  ist,  sondern 
er  hofft  mit  Zuversicht,  dass  seine  Theorien  auch  praktische  Anwendung 
finclen  werden  und  »wtirde  sich  gliicklich  schatzen,  wenn  er  spaterhin  nament- 
lich  fiir  die  Physik  aus  ihnen  einigen  Nutzen  ziehen  konnte«.  In  der  That 
hat  er  auch  sowohl  in  Vorlesungen,  als  in  einigen  Abhandlungen  (Ein  die 
homogenen  Functionen  zweiten  Grades  betreffendes  Theorem,  nebst  Anwen- 
dungen  desselben  auf  die  Theorie  der  kleinen  Schwingungen.  Monatsberichte 
der  Berliner  Akademie  1858,  und  ebenda  1861:  Die  geodatischen  Linien  auf 
dem  dreiaxigen  Ellipsoid)  selbst  Beweise  fiir  die  Anwendbarkeit  seiner  Resul- 
tate  gegeben.  Doch  sein  Hauptaugenmerk  blieb  immer  auf  die  Entwickelung 
der  Theorie  gerichtet.  Dabei  verschmahte  er  es,  ja  er  hielt  es  nicht  fiir 
richtig,  bet  der  Begrtindung  functionentheoretischer  Wahrheiten  sich  der 
geometrischen  Methoden  zu  bedienen,  mit  denen  Riemann,  Clebsch  und 
dessen  Schliler  so  wichtige  Resultate  zu  Tage  gefordert  hatten,  und  konnte 
sich   nie   mit   der   von  jener  Seite   mit  so  vielem  Gliick  durchgefuhrten  Ver- 


172 


Weierstrass. 


bindung  von  Geometrie  und  Analysis  befreunden.  Dabei  hatte  er  jedoch  nur 
die  »systematische  Begrlindung«  im  Auge,  indem  er  einmal  ausdriicklich  sagt, 
»es  verstehe  sich  von  selbst,  dass  dem  Forscher,  so  lange  er  suche,  jeder 
Weg  gestattet  sein  muss«.  Aber  gerade  diese  systematische  Begrtindung,  fur 
die  ihm  die  Einheit  der  Methode  und  der  Darstellung  eine  unerlassliche 
Nothwendigkeit  schien,  war  ihm  bei  seinen  Forschungen,  namentlich  in  spaterer 
Zeit,  fast  durchweg  die  Hauptsache.  Er  ging  weniger  darauf  aus,  glanzende 
neue  Resultate  zu  erzielen,  die  sich  ubrigens  bei  seinen  Studien  wie  von  selbst 
einstellten,  als  die  Theorien,  die  er  schuf,  von  den  einfachsten  Principien 
ausgehend,  durch  strenge  analytische  Methoden  einwandfrei  zu  entwickeln. 
So  gelang  es  ihm  z.  B.  die  Theorie  der  complexen  Functionen  von  den  ein- 
fachsten Rechnungsoperationen  ausgehend  bis  zu  den  allgemeinsten  Theoremen 
liber  die  eindeutigen  holomorphen  Functionen  fortzufiihren,  indem  er  alien 
seinen  Satzen  und  Beweisen  die  Entwickelung  in  Potenzreihen  zu  Grunde 
legte.  Die  Potenzreihe,  das  »  Element*,  wie  er  sie  nannte,  war  ihm  tiberhaupt 
das  Instrument  aller  seiner  Untersuchungen  im  Gebiete  der  Functionentheorie. 
Das  stolze  Gebaude  dieser  Theorie,  das  er  aufgerichtet,  hat  an  Consequenz 
und  Systematik  des  Aufbaues  in  der  ganzen  Entwickelungsgeschichte  der 
Mathematik  nur  ein  ebenbtlrtiges  Analogon:  das  Euklid'sche  System  der 
Elementargeometrie. 

Die  Scharfe  seiner  Schlussweise  und  die  Reinheit  der  von  ihm  verwen- 
deten  Methoden  verfehlten  auch  nicht,  ihre  gute  Wirkung  auf  die  Pracisirung 
mancher  Resultate  moderner  Forschung  auszutiben  und  tiberhaupt  das  Augen- 
merk  der  Mathematiker  wieder  mehr  auf  die  Nothwendigkeit  grfisserer  Strenge 
und  Exaktheit  der  Beweisftihrung  zu  lenken.  So  hat  er  durch  seine  Abhand- 
lung  liber  das  sogenannte  Dirichlet'sche  Princip  (1870)  Lticken  in  der  bis- 
herigen  Beweisftihrung  flir  dasselbe  nachgewiesen,  die  dann  von  andern  er- 
ganzt  wurden,  und  in  dem  Aufsatze:  »Ueber  continuirliche  Functionen  eines 
reellen  Argumentes,  die  ftir  keinen  Werth  des  letzteren  bestimmte  Differential- 
quotienten  besitzen«  (1872),  loste  er  die  wichtige  Frage  iiber  den  Zusammen- 
hang  der  Stetigkeit  einer  Function  mit  der  Eigenschaft,  einen  Differential- 
quotienten  zu  haben,  zum  ersten  Male  in  vollig  befriedigender  Weise.  Von 
grosser  Bedeutung  wurden  auch  seine  Arbeiten  iiber  Schaaren  quadratischer 
Formen  und  die  damit  verbundenen  Elementartheiler,  sowie  seine  Aufstellung 
der  Gleichung  algebraischer  Minimalflachen,  an  die  sich  eine  ganze  Literatur 
ankniipft. 

Doch  W.'s  Grosse  wtirde  nicht  voll  erfasst  werden,  wenn  man  nur  die 
von  ihm  selbst  publicirten  Abhandlungen  und  die  in  ihnen  niedergelegten 
Theorien,  von  denen  allein  die  liber  eindeutige  Functionen  zu  einem  gewissen 
Abschlusse  gediehen  ist,  in  Betracht  zoge,  sondern  man  muss  unbedingt  auch 
seine  zahlreichen  Vorlesungen  ins  Auge  fassen,  die  noch  grosstentheils  un- 
veroffentlicht  in  den  Handen  seiner  Schiiler  ruhen.  Darunter  sind  vor  allem 
seine  Vorlesungen  liber  elliptische  und  Abersche  Functionen,  sowie  liber 
Variationsrechnung  zu  nennen,  in  denen  er  tiberall  neue  Bahnen  eingeschlagen 
hat,  und  wenn  auch  die  darin  verwendeten  Methoden  bereits  vielfach  bekannt 
geworden  sind  und  in  der  verschiedensten  Weise  anregend  gewirkt  haben,  so 
wird  doch  erst  eine  Herausgabe  derselben  die  voile  Grosse  des  Geisteser- 
messen  lassen,  der  sie  geschaffen  hat.  HofTen  wir,  dass  die  Publication  seiner 
Werke,  von  denen  bereits  zwei  Bande  erschienen,  wahrend  der  dritte  schon 
sehr  weit  gediehen  ist,  in  nicht  zu  langer  Zeit  zu  Ende  geflihrt  sein  werde. 


Weierstrass.     Grttgler.  173 

Trotzdem  W.  unablassig  mit  seinen  tiefsinnigen  analytischen  Speculationen 
beschaftigt  war,  fand  er  doch  noch  Muse,  um  im  Auftrage  der  Akademie  in 
den  Jahren  1881/82  die  gesammelten  Werke  Steiner's  herauszugeben,  mit 
Beihilfe  seiner  Schtiler  nach  dem  Tode  Borchardt's  die  von  diesem  begonnene 
Veroffentlichung  der  Werke  Jacobi's  fortzufuhren  und  zu  vollenden  und  sich 
an  der  Redaction  des  Journals  ftir  Mathematik  (von  Band  91 — 103)  zu  be- 
theiligen. 

W.  kannte  den  Werth  seiner  eigenen  Leistungen  sehr  wohl,  dessenunge- 
achtet  verschmahte  er  es,  als  ein  Charakter  von  seltener  Grosse,  irgendwie 
fur  seinen  eigenen  Ruhm  zu  sorgen.  Daher  blieb  er  auch  dem  Auslande 
lange  Zeit  unbekannt;  aber  als  seine  Schliler  den  Namen  des  Meisters  in  alle 
Welt  getragen  hatten,  und  die  Abschriften  seiner  Vorlesungen,  in  denen  sich 
die  ganze  Gedankentiefe  des  grossen  Mannes  abspiegelt,  tiberall  hin  verbreitet 
wurden,  erkannte  man  ihm  neidlos  die  erste  Stelle  unter  den  damals  lebenden 
Mathematikern  zu  und  (iberschiittete  ihn  bei  seinem  80.  Geburtstage  mit 
Ehrenbezeugungen,  die  er  zeitlebens  nie  gesucht  hatte.  Die  treue  Anhang- 
lichkeit,  die  Liebe  und  der  Dank  seiner  zahlreichen  Schtiler,  die  damals  den 
Greis  umgaben,  waren  ihm,  wie  er  selbst  versicherte,  der  schonste  Lohn  flir 
seine  mtihevolle  Lebensarbeit. 

Quellen:  Nekrologe  von  C.  Voit,  Sitzungsberichte  der  MUnchoer  Akademie  1897.  2. 
und  von  E.  Lampe,  Leipzig  1897;  ferner  Leopoldina.  XXXIII.  S.  54  und  WeierstTass* 
Werke. 

A.  v.  BraunmUhl. 

GrSgler,  Wilhelm.  Am  6.  Mai  1897  verschied  in  Folge  eines  Herz- 
schlages  der  Genremaler,  Zeichner  und  Illustrator  G.  im  58.  Lebensjahre 
und  wurde  am  8.  Mai  auf  dem  ostlichen  (Auer-)  Friedhofe  begraben.  Trotz 
vielfachen  Nachfragen  gelang  es  nicht,  weitere  biographische  Daten  zu  er- 
reichen.  Die  zustandigen  Lexica  ignoriren  seinen  Namen,  auch  die  Listen 
des  Kunstvereins;  G.  war  kein  Mitglied  der  Klinstler-Genossenschaft  oder 
des  Kunstvereins,  sein  Name  fehlt  sogar  im  Mtinchener  Adressbuch,  wahr- 
scheinlich  weil  derselbe  nur  als  »Zimmerherr«  (nach  Adolf  Bothe's  »Adress- 
buch  der  bildenden  Kunstler  der  Gegenwart«  1897)  in  der  Augusten- 
strasse  41.  I.  wohnte.  Ueber  Geburtsort  und  Bildungsgang  schweigen  die 
Quellen.  Aus  der  Manier  des  Vortrags  und  der  Wahl  seiner  Stoffe  ware 
vielleicht  als  Geburtsort  auf  Wien  zu  rathen ;  er  muss  sich  aber  auch  in  Ber- 
lin, Strassburg  und  zuletzt  auch  in  Tirol  und  Mahren  umgethan  haben.  Die 
Kunstausstellungskataloge  kennen  ihn  nicht.  Der  Miinchener  Kunstverein 
zeigte  im  August  1873  ein  Oelbild  »Bettelmdnch  in  einer  Schenke«.  Dagegen 
erscheint  sein  Name  haufig  in  illustrirten  Slattern  und  Zeitschriften.  Hier 
folgen  flir  einen  spateren  Biographen  nur  einige  seiner  Arbeiten,  welche  ich  mir 
zufallig  angemerkt  habe.  1871 :  »Vor  der  Verlustliste«  (eine  junge  Frau  mit  zwei 
Kindern,  sucht  mit  dem  Ausdrucke  tiefster  Bektimmerniss  in  dem  an  der 
Strassenecke  angehefteten  officiellen  Verzeichniss  der  auf  dem  Felde  der  Ehre 
verwundeten  und  gebliebenen  Krieger;  im  »Daheim«  1871.  S.  61.  —  »Der 
Ulan  kommt!«  in  A.  Schricker:  »Deut.  Kriegs-Ztg.«  Stuttg.  187 1.  S.  80.  — 
»Wirkungen  beim  Vortiberziehen  eines  Musikkorps«  in  No.  7  »Ueber  Land 
und  Meer.«  1871.  XXVII.  B.  —  1872:  »Die  Schule  des  Waldbruders«  in 
>Alte  und  Neue  Welt«.  1872.  S.  353.  —  Ulustrationen  und  Randzeichnungen 
zu  dem  Liede  »K6nig  Wilhelm  sass  ganz  heiter«  im  «Daheimkalender«  1872 
S.  48.  —   »Der  erste  Schuss«  (eines  Knaben  auf  eine  Wildtaube  zur  Freude 


174  GrBgler. 

seines  forsterlichen  Vaters)  in  » Das  Neue  Blatt«.  S.  169.  —  1873:  »Der  ver- 
botene  Weg«  (ein  junges  Liebespaar  iibersieht  die  Warnungstafel,  wahrend  die 
Mutter  im  Hintergrunde  durch  Zuruf  abmahnt)  in  Hallbergers  »Die  Illustr. 
Welt«.  1873.  S.  136.  —  »Alte  und  Neue  Zeit«  (ein  Tiroler  Htihnerhandler 
mit  seinem  Sohne  und  einem  bepackten  Esel,  bestaunen  einen  durch  die  Berge 
dahin  sausenden  Bahnzug)  in  »Ulustr.  Welt«.  1873.  S.  589.  —  1875:  »Aus 
der  Mtinchener  Bierwelt«  in  der  »IUustr.  Welt«.  1875.  XXIV.  S.  625,  neun 
Skizzen,  dabei  auch  das  Portrait  der  verstorbenen  »Radi-Rosl«.  —  »Zeiten 
und  Menschen«.  —  »Ein  Idyll«  (ein  feines  Stadtfraulein,  welchem  ein  junger 
Schafer  eine  Hirtenpfeife  schneidet;  »Zehn  Jahre  spater«  prasentirt  derselbe 
vor  dem  mit  seiner  Gattin  voruberfahrenden  General)  in  No.  16  »Ueber  Land 
und  Meer«.  1875.  XXXIII.  B.  —  1877:  »Aus  dem  bayerischen  Hochland* 
in  No.  47  »Ueber  Land  und  Meer«.  XXXVIIL  S.  957  (5  Scenen  mit  Kinder- 
begrabniss,  Posthalterei ,  Wallfahrt  in  Birkenstein,  Schuhplattl-Tanz  und  Kir- 
tagsschluss)  und  Fortsetzung  in  No.  2  ebendas.  XXXIX.  S.  32.  —  1878: 
Scenen  aus  Hermann  v.  Schmid's  Schauspiel  »Z'widerwurzen«  in  No.  1832 
»Hlustr.  Zeitg.«,  Leipzig  1878,  S.  109  und  aus  dem  Volkssttick  Franz  Bonn's 
»Gundel  vom  Kdnigssee«  in  No.  1840  ebendas.  vom  5.  October  1878.  — 
»AUerhand  Munchener  Fahrgelegenheiten«  im  XV.  Heft  der  »Alten  und  Neuen 
Welt«.  1878.  —  »Eine  Maus!  Eine  Maus!«  (Schrecken  in  einer  Madchenschule) 
in  »Illustr.  Welt«.  1878.  S.  36.  —  1879:  »Der  Mtinchener  Schafflertanz*  in 
No.  1858  Illustr.  Ztg.  Leipz.  vom  8.  Februar  1879.  —  »Weibliche  Typen  aus 
Munchen«  ebendas.  No.  1861  vom  1.  Marz  1879.  —  1880:  »Die  Gebirgs- 
schtitzen  am  Grabe  der  in  der  Bauernschlacht  1705  Gefallenen  auf  dem  Send- 
linger  Kirchhof«  in  No.  1942  ebendas.  vom  18.  September  1880.  —  1881: 
Drei  Scenen  aus  dem  Schauspiel  »Die  Geierwally«  von  Wilhelmine  von  Hil- 
lern«  nach  der  Aufliihrung  im  Theater  am  Gartnerplatz  zu  Munch^n,  ebendas. 
No.  1962  vom  5.  Februar  1881.  —  Zwolf  Bilder  »Aus  den  Munchener  Som- 
merbierkellern«  in  No.  38  »Ueber  Land  und  Meer«.    1881.    XL VI.  B.    S.  757. 

—  1882:  »Der  Plampatsch«  in  No.  1  »Illustr.  Welt«.  1882.  —  »Italien  in 
Deutschland«   in  No.  46   »Ueber  Land  und  Meer«.    1882.    XLVIII.  B.    S.  929. 

—  »Die  Regatta  in  Starnberg«  ebendas.  No.  47,  S.  945.  —  1883:  »Prinz 
Wilhelm  von  Preussen  in  Wien.  Die  Revue  auf  der  Schmelz  am  28.  April « 
in  No.  2081  »Illustr.  Ztg.«  Leipz.  vom  19.  Mai  1883.  —  »Allerseelen«  ebendas. 
No.  2105  vom  3.  November  1883.  —  1885:  »Das  Fasszieherfest  in  Nieder- 
osterreich«  in  No.  2212  »Illustr.  Ztg.«  Leipz.  vom  21.  November  1885.  — 
1887:  »Das  Todaustragen  in  Mahren«  in  No.  n  »Gartenlaube«.  1887.  —  »Die 
letzten  Garben.  Aus  dem  Alpachthal  bei  Brixlegg«  No.  38  ebendas.  —  1889: 
»Mythologisches  aus  dem  Ballsaal«  in  No.  14  »Ueber  Land  und  Meer«.  LXL  B. 
S.  321.  —  »Ein  Idyll  aus  dem  Berliner  Thiergarten«  (der  Soldat  als  Kinds- 
magd)  in  No.  27  »Ueber  Land  und  Meer«.  1889.  LXII.  B.  S.  581.  —  » Bil- 
der aus  dem  Wiener  Gasthausleben«  in  No.  38  »Ueber  Land  und  Meer*.  1889. 
LXII.  B.  S.  801,  —  1890:  »Dammwild-Fiitterung  im  Hirschgarten  des  Konigl. 
Schlosses  Nymphenburg«  in  No.  46  »I)as  Neue  Blatt«.  1890.  S.  724.  —  Da- 
mit  enden  leider  meine  zufalligen  Aufzeichnungen,  welche  hoffentlich  dazu 
beitragen,  das  Interesse  nachtraglich  auf  einen  Ktinstler  zu  richten,  welcher 
weniger  durch  die  strenge  Sicherheit  der  Zeichnung,  als  durch  den  gemiith- 
lichen  Erzahlerton  seines  Stiftes  das  Leben  seiner  Zeit  festzuhalten  strebte. 

Hyac.  Holland. 


Hirt  175 

Hirt,  Johann  Christian,  Bildhauer,  *  am  4.  Marz  1836  als  der  erste  Sohn 
eines  Kammmachers  zu  Ftirth,  f  am  19.  August  1897  zu  Miinchen.  —  H.  that 
sich  schon  in  der  Volks-  und  in  der  Gewerbe-Schule  hervor,  wo  er  Auszeich- 
nungen  und  Pramien  erhielt  und  durch  selbstgefertigte  Zeichnungen  Aufmerk- 
keit  erregte.  Erst  bei  einem  Oheim  im  Kunstdrechsler-Handwerk  in  der  Lehre, 
schnitzte  er  viel  in  Elfenbein  und  gewann  mit  einem  Becher  auf  einer  Pariser 
Exposition  sein  erstes  Ehrendiplom.  Im  Jahre  1855  bezog  H.  die  Mtinchener 
Akademie  und  war  bald  an  Fleiss  und  Konnen  unter  den  Besten,  ging  aus 
einer  Concurrenz  preisgekront  hervor  und  bekannte  sich  bei  Professor  Max 
Widnmann  (gest.  3.  Marz  1895)  zur  idealen  Plastik.  Ausser  mehreren  sehr 
lebendig  und  individuell  behandelten  Biisten  that  sich  H.  hervor  mit  vielen 
anmuthigen  und  zierlichen  Gruppen  und  Statuetten,  darunter  ein  etwas  thea- 
tralischer  »Faust  mit  Gretchen«,  eine  »Spinnerin«,  der  »Verweigerte  Kuss«, 
das  »Haideroslein«,  Hermann  und  Dorothea,  eine  Lady  Macbeth,  Aschen- 
brodel,  eine  horchende  Amazone,  eine  oberbayerische  Fischerin  und  ein  ditto 
Jager,  ein  Ritterfraulein  mit  der  Laute  und  ein  mittelalterlicher  Flotenspieler. 
Besonderen  Beifall  erwarben  eine  grosse  »Charitas«  (1872),  ein  mit  seinem 
»Hunde  spielendes  Kind«,  ein  »Madchen  mit  Zicklein«  (1873),  einige  sehr 
sinnige  Grabfiguren  u.  s.  w.  In  einem  Cyclus  schilderte  H.  dife  »Vier  Jahres- 
zeiten« ;  Scheffel's  »Ekkehard«  begeisterte  ihn  zu  einer  Gruppe,  wie  der  junge 
Monch  die  (vom  KUnstler  gar  zu  jugendlich  gedachte  und  in  Wahrheit  gar 
nicht  so  schone)  Herzogin  Hadwig  von  Schwaben  Uber  die  Klosterschwelle 
tragt.  Viel  glUcklicher  war  H.  in  der  Darstellung  des  ganzen  Zaubers  frisch 
knospender,  unberiihrter  Madchenschonheit,  der  unschuldigen  »naked  purity«, 
und  der  vollen  majestatischen  Frauengestalt.  Zu  den  beliebtesten  Schopfungen 
des  Kiinstlers  gehort  eine  unter  verschiedenen  Namen  wiederholte,  viel  bewun- 
derte  »Quellen-Nymphe«  (vgl.  LUtzow's  Zeitschrift  1882.  XVII.  59),  wovon 
eine  Variante  fur  die  Sammlung  des  Miinchener  Kunstvereins  angekauft  wurde; 
die  vom  Schlangenbiss  verwundete  »Eurydike«  (1879  a*s  lebensgrosses  Gyps- 
model!  auf  der  Intemationalen  Kunstausstellung  zu  Miinchen  und  1881  in 
Carraramarmor  fiir  Koln  ausgefiihrt),  eine  gefesselte  »Andromeda«  und  »Are- 
thusa«  (nach  H/s  Tode  im  Februar  1898  auf  Staatskosten  fur  die  Konigliche 
Glyptothek  angekauft),  welche  mit  einem  »David<c  und  der  Gruppe  »Nessus 
und  Dejaneira«  1888  auf  der  Ausstellung  zu  Miinchen  erschien.  Mit  Recht 
riihmte  die  Kritik:  »Der  reine  Geist,  mit  welchem  der  KUnstler  die  entziicken- 
den  Formen  des  Weibes  wiedergegeben  und  ihr  die  ganze  Flille  des  ver- 
lockendsten  sinnlichen  Reizes  verliehen  hat,  wahrend  doch  der  hohe  Adel  der 
Auffassung  dem  Beschauer  unmoglich  macht,  einer  niederen  Regung  auch  nur 
fiir  einen  Augenblick  Raum  zu  geben,  kann  nicht  hoch  genug  gepriesen  wer- 
den.«  Weitere  Schopfungen  dieser  Art  waren  eine  »Klythia«,  eine  pfeil- 
getroffene  »Niobide«,  eine  trauernde  »Eva«,  blissende  »Magdalena«,  eine  dem 
Amor  im  Pfeilschiessen  Unterricht  ertheilende  »Venus«,  ein  »Fischer  und 
Nixe«  ;  dazu  ersanru  seine  nimmer  rastende  Phantasie  eine  Anzahl  kleinerer, 
reizender  Erosspielereien :  wie  der  kleine  Liebesgott  mit  dem  Blasebalg,  am 
Schleifstein  und  mit  der  Feile  seine  Waffen  bereitet  und  zu  grosserer  Fahr- 
lichkeit  gliittet,  eine  ganze  Serie  von  zierlichen  Entwiirfen,  welche  aus  H.'s 
Nachlass  die  Kunstgewerbeschule  erstand.  Fiir  die  historische  Galerie  des 
National-Museums  lieferte  H.  die  Statue  Kaiser  Ludwig  des  Bayern  und  das 
Standbild  des  Herzog  Johann  Wilhelm  (1680),  auch  allerlei  allegorische 
Figuren    zu    den    Prachtbauten    Konig    Ludwig    II.    und    fiir    viele    andere 


176  Hirt     Herpfer. 

Gebaude  Mtinchens  im  mehr  oder  minder  ausgesprochenen  Decorationsstyl. 
H.  entschlief  nach  langen  Leiden.  Er  hatte  allerlei  Ehrenauszeichnungen 
durch  Medaillen  erhalten  und  war  Mitglied  der  Akademie  und  Konigl.  Pro- 
fessor, Bitter  des  Verdienstordens  des  hi.  Michael  u.  s.  w.  Sein  zahlreicher, 
Uber  200  Nummern  umfassender  Nachlass  mit  Original -Arbei ten  in  Marmor 
und  Bronze,  Gypsmodellen,  Entwiirfen  und  Skizzen  wurde  am  7.  Februar  1898 
versteigert;  der  deshalb  von  E.  A.  Fleischmann's  Hofkunsthandlung  heraus- 
gegebene  Katalog  zeigt  das  Portrait  und  Facsimile  H.'s,  wobei  das  Todesjahr 
jedoch  irrthiimlich  mit  1896  (statt  1897)  angegeben  ist. 

Vgl.  die  Nekrologe  in  Abendblatt  230  »Allgemeine  Zeitungc  vom  20.  August  1879. 
»Kunst  fUr  Alle«  vom  15.  September  1897,  S.  397  (mit  Portrait)  und  Kunstvereinsbericht 
fur  1897,  S.  72  ft 

Hyac.  Holland. 

Herpfer,  Karl,  Genremaler,  *  am  30.  November  1836  als  der  Sohn  eines 
Strumpfwirkers  zu  DinkelsbUhl,  f  am  19.  Juli  1897  im  Worthsee.  —  Obwohl  zum 
Geschaft  des  Vaters  bestimmt,  ftihrte  H.  Neigung  und  Befahigung  bald  zum  kiinst- 
lerischen  Beruf.  Im  Alter  von  achtzehn  Jahren  bezog  er  die  Akademie  zu  Mtin- 
chen,  lernte  erst  bei  Professor  Joh.  von  Schraudolph  und  Philipp  Foltz,  dann  bei 
Arthur  von  Ramberg,  dessen  Meisterschaft  in  der  Behandlung  der  Rococozeit 
ftir  ihn  schliesslich  maassgebend  wurde.  Mit  Eifer  und  Fleiss  arbeitete  er  un- 
ausgesetzt.  Seine  Bilder  gefielen.  Mit  dem  »Muttergliick«,  darstellend  ein 
vornehmes,  auf  der  Chaiselongue  ruhendes  Damchen,  vor  ihr  die  hiibsche  Amme 
mit  dem  netten  Sprossling  (Holzschnitt  von  Knesing  in  No.  11  »lleber  Land 
und  Meer«  1872),  der  »Unterbrochenen  Verlobungsfeier«,  der  »Ueberraschung 
nach  der  JagcU  (No.  8  »Ueber  Land  und  Meer«  1875)  un(J  niehreren  in 
zopfigen  Prunkgemachern  und  Antichambren  spielenden  amourosen  Tandeleien 
(»Rose  in  Gefahr«)  machte  sich  H.  einen  beliebten  Namen,  welcher  auch  das 
nicht  kaufende  grossere  Publikum  zu  schatzen  wusste.  Seine  farbenfrischen, 
lebensprtihenden  Gemalde  fanden  Absatz  in  den  Kunstvereinen  und  Privat- 
sammlungen;  ftir  weiteren  Export  nach  England  und  Amerika  sorgte  der 
Kunsthandel.  Photographie,  Holzschnitt  und  Farbendruck  boten  wetteifernd 
die  Hand.  Ein  anziehender  Stoff,  welcher  an  den  Beschauer  gerade  keine 
besonderen  Ansprtiche  auf  tieferes  Denken  stellte,  ansprechender  Vortrag  und 
ein  zierliches  Colorit,  insbesondere  aber  die  tiberraschende  Durchbildung  alles 
Nebensachlichen,  der  hiibsche  architektonische  Hintergrund,  wozu  die  Ge- 
m&cher  des  Schleissheimer  und  Nymphenburger  Schlosses  unerschopflichen 
Vorrath  boten,  nebst  einem  figurenreichen  Beiwerk,  worin  sich  der  Maler  gar 
nie  genug  thun  konnte:  das  Alles  zahlte  zu  dent  Vorziigen,  welche  seinen 
Schopfungen  zahlreiche  Freunde  gewannen.  Als  Prototyp  seiner  Bilder  mag 
das  durch  einen  leichten  Regen  gefahrdete  »KellerfesU  gelten  (1885;  Holz- 
schnitt in  No.  50  »Ueber  Land  und  Meer«  1888):  es  ist  eigentlich  eine  im 
Costtim  der  Zopfzeit  veranstaltete  Maskerade,  die  ebenso  gut  am  Rhein,  in 
Franken  oder  Schwaben  sich  abspielen  konnte,  da  die  Gesichter  alle  modernes 
Geprage  zeigen  und  nur  die  Bierkrtige  altbayerische  Signatur  tragen.  Ebenso 
international  geben  sich  eine  harmlose  Scene  »Belauscht«,  die  »Ankunft  eines 
Taufpatheiu  oder  des  »Brautwerbers«  (No.  32  »Daheim«  1892),  die  »Vor- 
stellung  eines  Verlobten«,  eine  »Dame  am  SchachbretU,  »Am  Kamin«  oder 
beim  »Schachspiel« ,  ihren  Gegner  doppelt  »matt«  setzend.  Der  »Junge 
Maestro  an  der  OrgeU  kann  wohl  Mozart  heissen;  der  »Polterabend«>,  die 
»Schmlickung  einer  Braut«  (»Illustr.  Welt«   1897.    S.  161),  das  »Gestandniss«, 


Herpfer.     von  Bradke.  i  n  j 

die  »Grtisse  in  die  Ferne«,  eine  »Verhaftung«  und  ahnliche  Costiimbilder 
glitten  ihm  spater  nur  zu  bereitwillig  aus  der  Hand.  Immerhin  wird  ein 
guter  »Herpfer«  noch  lange  seine  Zugkraft  bewahren.  Seltsamer  Weise  war 
sein  jtingstes,  im  Glaspalast  1897  ausgestelltes  Bild  »Sein  letzter  Lorbeer« 
betitelt.  H.  endete  wahrend  eines  Bades  im  Worthsee  durch  plotzlichen  Herz- 
schlag.  Seine  Gattin  war  schon  am  5.  Februar  1888,  gleichfalls  schnell  und 
unerwartet,  aus  dem  Leben  geschieden.  Ein  grosser  Theil  seines  Nachlasses, 
darunter  alle  Skizzen  zu  seinen  sammtlichen  Bildern,  versteigerte  am  1.  De- 
cember 1897  Carl  Maurer;  eine  Serie  von  180  Naturstudien  und  Zeichnungen 
kam  am  10.  December  im  Munchener  Kunstverein  zur  Ausstellung  und  wurde 
verkauft.  p 

VgL  No.  170  »Allgem.  Ztg.«  vom  21.  Juni  1897.  Kunstvereinsbericht  fUr  1897.  S.  71. 
—  Das  Geistige  Deutschland.    Lpz.  1898.    S.  292. 

Hyac.  Holland. 

Bradke,  Peter  von,  Professor  der  indischen  Philologie  und  vergleichen- 
den  Sprachwissenschaft  an  der  Universitat  Giessen,  *  am  27.  Juni  1853  zu 
St.  Petersburg,  f  am  7.  Marz  1897  in  Giessen.  —  Sein  Vater  war  der  einer 
deutschen  Familie  entstammende  russische  Senator  Georg  von  Bradke,  der  sich 
um  das  Emporbllihen  der  Universitat  Dorpat  als  deren  Curator  die  hochsten 
Verdienste  erworben  hat.  In  Dorpat,  das  ihm  nach  der  Uebersiedelung  des 
Vaters  die  eigentliche  Heimath  wurde,  erhielt  er  seine  erste  Ausbildung.  Vom 
Januar  1871  bis  Ende  1875  widmete  er  sich  an  der  dortigen  Universitat 
dem  Studium  der  klassischen  und  germanischen  Philologie  und  der  verglei- 
chenden  Sprachwissenschaft,  in  die  er  von  Leo  Meyer  eingeftihrt  wurde. 
Nachdem  er  im  Marz  1876  das  Diplom  eines  Candidaten  der  vergleichenden 
Sprachkunde  erworben,  bezog  er  im  Sommer  dieses  Jahres  die  Universitat 
Tubingen,  wo  er  zwei  Jahre  hindurch  unter  Rudolf  von  Roth's  Leitung  dem 
Studium  der  indischen  und  arischen  Philologie  oblag,  daneben  aber  auch 
eifrig  die  Vorlesungen  A.  v.  Gutschmid's  fiber  antike  und  orientalische  Ge- 
schichte  horte.  Die  folgenden  Jahre  flihrten  v.  B.  zu  langerem  Aufenthalte 
nach  Mtinchen,  das  ihm  zu  einer  Zeit  arbeithemmender  korperlicher  Leiden 
durch  seine  Kunstsammlungen  und  den  Unterricht  des  Altmeisters  Heinrich 
von  Brunn  Erholung  und  reiche  Anregung  bot,  sodann  nach  Jena,  wo  er  sich 
Delbrtick  anschloss  und  den  hochverdienten  Sanskritisten  O.  von  Bohtlingk 
kennen  lernte,  der  ihm  ein  vaterlicher  Freund  und  Berather  wurde.  Nachdem 
er  im  Jahre  1882  sich  in  Jena  die  philosophische  Doktorwiirde  erworben, 
habilitirte  er  sich  am  1.  November  1884  an  der  Universitat  Giessen  flir  Sans- 
krit und  vergleichende  Sprachwissenschaft;  zwei  Jahre  spater  wurde  er  dort 
zum  ausserordentlichen  Professor,  im  Jahre  1894  zum  ordentlichen  Professor 
ernannt.  Mitten  in  erfolgreicher  Berufsthatigkeit  und  in  weitaussehenden 
wissenschaftlichen  Unternehmungen  ist  er  durch  ein  bosartiges  Darmleiden, 
das  wohl  schon  langA  an  seiner  Lebenskraft  zehrte,  aber  erst  im  Spatherbst 
1896  zu  ernsten  Besorgnissen  Anlass  gab,  nach  monatelangem ,  heroisch  er- 
tragenem  Leiden  dahingerafft  worden. 

Seine  literarische  Thatigkeit  eroffhete  v.  B.  mit  einer  Untersuchung  »iiber 
das  Manava-Grhya-Sutra«  x),   in   welcher  er  die  Stellung  dieses  Ritualwerks  in 


l)  Zeitschrift  der  deutschen  Morgenlandischen  Geseilschaft,  Bd.  36,  1882,  S.  417  bis 
477»  woraus  der  erste  Theil  als  Jenenser  Inaugural -Dissertation  im  gleichen  jahre  ab- 
gedruckt  ist. 

Biogr.  Jahrb.  u.  Deutscher  Nekrolog.    2.  Bd.  I  2 


i78 


von  Bradke. 


der  Geschichte  der  indischen  Literatur  in  ausserst  grilndlicher  Weise  behandelte 
(vergl.  A.  Barth's  Bemerkungen  in  der  Revue  de  Phistoire  des  religions,  T.  XI, 
1885,  S.  59  f.).  1st  v.  B/s  Interesse  auch  in  der  Folge  und  bis  in  seine  letzten 
Tage  dem  Studium  des  Veda  und  den  Problemen  der  Sprachgeschichte  zuge- 
wendet  geblieben1),  so  nahmen  ihn  in  den  nachsten  Jahren  doch  vor  allem 
Anderen  Untersuchungen  aus  dem  Gebiete  der  Religionsgeschichte  und  der  indo- 
gennanischen  Alterthumswissenschaft  in.Anspruch;  dies  erklart  es  denn  auch, 
dass  er  seine  weit  gediehenen  Vorarbeiten  zu  einer  Herausgabe  des  Manava- 
Grhya-Sutra  seinem  Freunde  F.  Knauer  uberliess.  —  Einen  bedeutsamen  Beitrag 
zur  Kenntniss  der  friihesten  religiosen  Entwickelung  unseres  Sprachstammes  legte 
v.  B.  in  seiner  Schrift  »Dy4us  Asura,  Ahura  MazdH.  und  Aie  Asuras*  (Halle 
1885)  vora).  Ausgehend  von  der  Betrachtung  des  Verhaltnisses  des  gotdichen 
Asura  im  Rigveda  zu  dem  Ahura  Mazd£,  dem  hochsten  Gott  der  Iranier, 
gelangt  die  Schrift  zu  wichtigen  Ergebnissen  tiber  die  muthmaassliche  alteste 
Religionsform  der  Indogermanen ,  als  welche  v.  B.  einen  Polytheismus  mit 
ausgepragt  monarchischem  Charakter  erschloss.  Die  Spitze  dieses  polytheisti- 
schen  Systems  bildet  nach  v.  B.  der  leuchtende  Himmelsgott  Dyflus  Pitar 
Asura,  der  »Herr  und  Vater  Zeus«,  von  dem  die  Lichtgotter  der  Indogermanen, 
die  DSvas,  abstammen>  die  aber  ihren  himmlischen  Vater,  dessen  Ehrentitel 
»Asura«  auf  sie  iibergeht  und  endlich  im  Veda  zur  Bezeichnung  widergott- 
licher  Wesen  dient,  mit  der  Zeit  vollstandig  tiberwuchern  sollten. 

Schon  in  der  eben  genannten  Schrift  hatte  v.  B.  seinen  Bedenken  gegen 
die  Methode  und  Ergebnisse  der  sogenannten  »linguistischen  Palaeontologie«, 
die  aus  Wortgleichungen  die  Cultur  der  arischen  Urzeit  reconstruiren  zu 
kfinnen  hoflfte,  Ausdruck  gegeben;  durch  die  Fortfuhrung  seiner  culturgeschicht- 
lichen  Studien*)  in  den  folgenden  Jahren  wurde  alsdann  eine  principielle 
Auseinandersetzung  mit  dem  bekanntesten  Vertreter  jener  Richtung,  O.  Schrader, 
dessen  weit  verbreitete  Schriften  anscheinend  einer  allgemeinen  Zustimmung 
seitens  der  Fachgelehrten  sich  erfreuen  durften,  fur  v.  B.  unvermeidlich. 
Nachdem  Schrader  einen  ersten  in  v.  B.'s  »Beitragen«  gegen  ihn  geflihrten 
Angriff  scharf  zurlickgewiesen  hatte,  entschloss  sich  v.  B.  die  methodischen 
Mangel  der  Schrader'schen  »Sprachvergleichung  und  Urgeschichte«  in  grosse- 
rem  Zusammenhang  darzulegen.  Sein  1890  erschienenes  Buch  »Ueber  Me- 
thode und  Ergebnisse  der  arischen  (indogermanischen)  Alterthumswissenschaft* 
ist  indessen  weit  tiber  den  Rahmen   einer  kritischen  Auseinandersetzung  mit 


')  Von  hierher  gehflrigen  kleineren  Arbeiten  erwahnen  wir:  »Ein  lustiges  Wagenrennen 
in  Altindien«  (Zeitschr.  d.  deutsch.  morgenlfindischen  Gesellschaft ,  £d.  46,  S.  445 — 465); 
Beitrage  zur  altindischen  Religions-  und  Sprachgeschichte  (ebenda,  Bd.  40,  S.  347 — 364, 
655—698);  »Ueber  Vorvedisches  im  Veda  (ebenda,  Bd.  45,  S.  68a — 684);  »Zur  Bharata- 
Sage«  (ebenda,  Bd.  48,  S.  498 — 503);  »Ueber  die  sanskritiscbe  Form  der  Wurxeln  auf 
skr. -ani  und  -ami«  (Indogermanische  Forschungen  V,  266  —  273);  »Zwei  sprachgeschicht- 
liche  Skizien«  (ebenda  IV,  85 — 91);  »Ueber  den  »Bindevokal«  skn  i  griech.  a  im  Perfectum* 
(ebenda  VIII,  123 — 160);  »£tymologisch-grammatikali$che  Bemerkungen  und  Skizten*  (Zeit- 
schrift  f.  vergleich.  Sprachforschg.  XXXIV,  152—159);  »Etymologica«  (ebenda  XXVIII,  295 
bis  301);  »Von  der  Marut  wunderbarer  GeburU  (In  Gurupujakaumudi,  Festgruss  an  R. 
von  Roth,  S.  117— 125). 

*)  Ein  Abschnitt  dieses  Buches  wurde  von  v.  B.  1884  unter  dem  Titel:  » Ahura  Mazda 
und  die  A  suras «  als  Giessener  Habilitationsschrift  eingereicht. 

*)  »Ueber  die  arische  Alterthumswissenschaft  und  die  Eigenart  unseres  Sprachstammes. « 
Akad.  Antrittsrede.  Giessen  1888.  »Beitrage  zur  Kenntniss  der  vorhistorischen  Entwicke- 
lung unseres  Sprachstammes. «  Festschrift  fur  O.  v.  Btthtlingk.  Giessen  1888.  »Einigc 
Bemerkungen  Uber  die  arische  Urzeit«  im  » Festgruss  an  O.  v.  Bbhtlingk«.    Stuttgart  1888. 


von  Bradke.     Newald.  iyo 

dem  Werke  Schrader's  hinausgewachsen,  indem  es  zum  ersten  Male  in  um- 
fassendster  Weise  die  bisher  kaum  aufgeworfene  Frage  erorterte,  »unter  wel- 
chen  Bedingungen  wir  von  der  Etymologie  Auskunft  (iber  die  Cultur  der 
arischen  Urzeit  erwarten  dlirfen,  was  sich  fur  diese  aus  sprachlichen  Glei- 
chungen  ergiebt,  und  ob  und  inwieweit  Ergebnisse  dieser  Art  fest  genug 
stehen,  urn  weitere  Folgerungen  tragen  zu  konnen*.  Indem  v.  B.  an  der 
Aufdeckung  der  methodischen  Schwachen  und  Irrgange  des  Schrader'schen 
Werkes  zeigte,  wie  sehr  man  auch  in  Fachkreisen  die  Bedeutung  der  Sprach- 
wissenschaft  fur  die  Aufhellung  der  Zustande  der  indogermanischen  Urzeit 
liberschatzt  und  wie  weit  man  bei  dieser  Art  von  Culturgeschichtschreibung 
von  dem  Wege  strenger  Methode  sich  entfernt  hatte,  darf  sein  Werk  mit  Fug 
als  ein  »Markstein  in  der  Geschichte  der  indogermanischen  Alterthumswissen- 
schafU  bezeichnet  werden.  Von  den  wichtigeren  Einzelergebnissen  der  cultur- 
geschichtlichen  Arbeiten  v.  B.'s  sind  namentlich  die  in  seinen  »Beitragen« 
gemachten  feinen  Beobachtungen  iiber  das  Problem  der  Sprach-  und  Volker- 
mischung  und  iiber  den  muthmaasslichen  Einfluss  der  Sprachen  der  nicht- 
indogermanischen  Urbevolkerung  Europas  auf  die  Entstehung  der  west -indo- 
germanischen Dialekte  hervorzuheben,  ferner  der  Nachweis  der  hohen  Be- 
deutung, welcher  den  religiosen  Culten  fiir  die  Feststellung  der  engeren 
Zusammengehorigkeit  der  einzelnen  indogermanischen  Volkergruppen  zukomrrtt. 
In  seinen  letzten  Jahren  concentrirte  sich  v.  B.  mehr  und  mehr  auf  die  Vor- 
arbeiten  fur  eine  ausfiihrlichere  Darstellung  der  indischen  Religionsgeschichte. 
Dass  er  sie  nicht  mehr  zum  Abschluss  bringen  durfte,  ist  um  so  schmerz- 
licher  zu  beklagen,  als  man  auch  auf  diesem  Gebiete  von  dem  Verstorbenen, 
wie  z.  B.  seine  gedankenreiche ,  zu  der  modernen  speculativ-ethnologischen 
Betrachtungsweise  der  Religionsgeschichte  allerdings  in  scharfe  Opposition 
tretende  Besprechung  von  Oldenberg's  »Religion  des  Veda«  (Theolog.  Literat.- 
Zeitung  1895,  577  ff-)  zei&>  sehr  bedeutsame,  aus  durchaus  selbstandiger  Ge- 
dankenarbeit  erwachsene  Leistungen  erwarten  durfte. 

Eine  scharf  ausgepragte,  innerlich  vornehme  Personlichkeit,  war  v.  B.  mit 
einer  seltenen  Empfanglichkeit  fur  alles  kunstlerische  Schaffen  begabt  und 
verfugte  iiber  ein  ungewohnliches  Maass  von  gediegenstem  Wissen  und  Belesen- 
heit.  Von  lauterstem  Charakter,  war  v.  B.  bei  aller  Scharfe  des  Urtheils  und 
einer  ausgesprochenen  Vorliebe  fiir  sarkastischen  Humor  eine  hochst  liebens- 
wtirdige  und  wrohlwollende  Natur  von  weichem  und  tiefem  Empfinden,  den 
Seinen  in  zartlicher  Liebe  zugethan,  ein  Freund  von  goldener  Treue.  Ein 
begeisterter  deutscher  Patriot,  nahm  er  an  alien  Vorgangen  des  offentlichen 
Lebens  den  regsten  Antheil;  unter  der  Vergewaltigung  seiner  baltischen  Hei- 
math,  der  er  sein  Leben  lang  in  treuer  Liebe  anhing,  hat  er  darum  auch  um 
so  schmerzlicher  gelitten. 

Nckrologe:  H.  Hirth  in  der  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  1897,  No.  71;  Streit- 
berg  in  den  Indogerm.  Forschungen  Bd.  VIII,  Anzeiger  (1897)  S.  3^9  f.  Einen  Nekrolog 
aus  der  Feder  Thurneysens  wird  der  Jahrgang  1897  des  Bursian-Mtlller'schen  Biographischen 
Jahrbuchs  fiir  Alterthumskunde  bringen. 

Herman  Haupt. 

Newald,  Julius,  Dr. ,  Ritter  von,  Btirgermeister  von  Wien,  *  am  11.  April 
1824  zu  Neutitschein  (Mahren),  f  am  17.  August  1897  zu  Wien.  —  N.,  Sohn 
eines  unbemittelten  Tuchmachers,  absolvirte  in  Troppau  das  Gymnasium  und 
in  Wien  die  Jura,  worauf  er  den  Doctorgrad  erwarb.  Nach  langerer  Praxis 
im  Justiz-   und   politischen   Dienste,   bei   der  Advocatur   und   dem   Notariate, 

12* 


180  Newald. 

ernannte  ihn  die  Regierung  zum  Sffentlichen  Civil-  und  Militaragenten  in  Wien 
mit  der  Berechtigung  zur  Parteienvertretung.  1857  vermahlte  er  sich  mit 
Laura  Dirnbock,  der  Tochter  des  Gemeindevorstehers  in  der  Wiener  Alser- 
vorstadt.  Von  1864  an  vertrat  N.  den  ersten  Wahlkorper  des  DC.  Bezirkes  im 
Wiener  Gemeinderathe,  1868  wurde  er  alszweiter,  1869  als  erster  Btirgermeister, 
stellvertreter  erwahlt.  1 866  wurde  er  fur  seine  Thatigkeit  wahrend  des  Krieges 
mit  dem  Franz-Josefs-Orden,  1873  m*t  der  eisernen  Krone  decorirt  und  in  den 
erblichen  Ritterstand  erhoben.  Seine  sehr  gut  gehende  Agentur  legte  er  1872, 
um  sich  ganz  dem  dffentlichen  Leben  zu  widmen,  zurtick.  Nach  Felder's 
Demission,  Juli  1878,  wurde  N.  mit  109  von  111  Stimmen  unter  Acclamation 
des  ganzen  Gemeinderathes  zum  Btirgermeister  gewahlt.  Im  Juli  1881 
erfolgte  seine  Wiederwahl  mit  95  von  119  Stimmen.  Nach  seiner  erfolg- 
reichen  Mitwirkung  am  Gelingen  des  herrlichen  Festzuges  von  1879  war  er 
mit  dem  Comthurkreuze  des  Franz-Josefs-Ordens  decorirt  worden,  wozu  ihm 
der  Kaiser  bei  der  Vermahlung  des  Kronprinzen  den  Stern  verlieh.  —  N.  hat 
sich  im  Gemeinderathe  u.  A.  um  die  Dienstpragmatik  und  die  Wiener  Bau- 
ordnung  (beide  sein  Elaborat)  verdient  gemacht,  desgleichen  um  die  Donau- 
regulirung  und  um  andere  grosse  Schopfungen  (Hochquellenleitung,  Rath- 
hausbau  u.  s.  w.).  Selbst  N.!s  Gegner  mussten  seine  Arbeitskraft,  seine  Kennt- 
niss  der  Verwaltung,  seinen  juristischen  Scharfsinn,  vor  Allem  aber  die  Makel- 
losigkeit  seines  privaten  und  6ffentlichen  Charakters  anerkennen.  Als  Vor- 
sitzender  war  er  von  musterhafter  Objectivitat.  Ein  ausgezeichneter  Admini- 
strator sah  er  die  Aufgabe  der  Gemeindevertretung  mehr  in  positiver  Arbeit, 
als  in  der  Politik.  Zum  Parteienkampfe  fehlte  ihm  die  Schneidigkeit.  Sein 
conciliates  Wesen  wurde  oft  zu  haltlosem  Schwanken.  NVs  Sturz  steht  im 
Zusammenhange  mit  der  entsetzlichen  Ringtheaterkatastrophe  (8.  December 
1 881).  Aus  den  unerquicklichen  Debatten  tiber  die  Verantwortung  fiir  das 
namenlose  UnglUck  entspann  sich  ein  Notenkrieg  zwischen  N.  und  dem  Statt- 
halter  Possinger.  Als  der  Vertreter  des  Letzteren  (Kronenfels)  in  oflfener 
Gemeinderathssitzung  den  Btirgermeister  actenwidriger  Darstellung  beschul- 
digte,  als  NVs  eigene,  die  Mittelpartei,  gegen  ihn  Stellung  nahm,  resignirte 
er,  seelisch  gebrochen,  auf  sein  Amt  (24.  Januar  1882).  Das  Schwerste  sollte 
aber  fiir  den  Hartgeprtiften  erst  kommen.  Die  Staatsanwaltschaft  erhob  auch 
gegen  N.  die  Anklage  nach  §  335  Strafgesetz  (fahrlassige  Todtung),  weil  er 
die  Durchftihrung  der  seiner  Zeit  erlassenen  Theaterordnung  verzogert  habc. 
Der  Exbtirgermeister  konnte  sich,  —  was  alle  Welt  erwartet  hatte  —  so  voll- 
kommen  rechtfertigen ,  dass  die  Anklage  noch  vor  Schluss  des  Processes  zu- 
rtickgezogen  und  N.  freigesprochen  wurde.  Er  empfing  damals  von  alien 
Seiten  Zeichen  der  Sympathie.  Eine  hundertkopfige  Deputation  von  Wiener 
Btirgern  tiberreichte  ihm  eine  mit  mehr  als  40000  Unterschriften  bedeck te 
Gltickwunschadresse.  —  Nachdem  N.  1882  auch  aus  dem  Niederosterreichi- 
schen  Landtage,  dem  er  mehrere  Jahre  angehort,  ausgetreten,  lebte  er  in  voller 
Zurtickgezogenheit,  bis  an  sein  Ende  geistig  und  korperlich  rtistig.  Er  erlag  einer 
Nierenentztindung  am  17.  August  1897.  Seine  Leiche  wurde  unter  officieller 
Betheiligung  der  Commune  in  Klosterneuburg  beerdigt.  Mit  Recht  konnte 
Btirgermeister  Lueger  an  der  offenen  Graft  sagen,  dass  hier  ein  Mann  scheide, 
dem  schweres  und  bitteres  Unrecht  widerfahren  war.  Ein  von  der  Gemeinde 
angebotenes  Ehrengrab  hatte  die  Familie  abgelehnt.  N.'s  Portrat,  von  Eugen 
Felix  gemalt,  befindet  sich  in  der  Btirgermeistergallerie  des  Wiener  Rath- 
hauses. 


Freiberr  von  Dalwigk.     Kaiser.  jgi 

Dalwigk,  Reinhard  Ludwig  Karl  Gustav  von,  Freiherr,  *  am  21.  Ja- 
nuar  1818  in  Cassel,  f  am  3.  Juni  1897  zu  Wohlheiden  bei  Cassel.  —  Sohn 
des  kurhessischen  Majors  und  Hofmarschalls  Alexander  Felix  Freiherr  v.  D.  zu 
Lichtenfels  und  der  Gemahlin  desselben,  Hedwig,  geborenen  Milchling  von 
und  zu  Schttnstadt.  Er  verlebte  seine  Kinderjahre  grosstentheils  in  Arolsen, 
wohin  sich  sein  Vater  zurtickgezogen  hatte,  nachdem  er  beim  Kurfiirsten 
Wilhelm  II.  in  Ungnade  gefallen  war,  sowie  in  Weilburg  und  in  Bielefeld,  wo 
er  das  Gymnasium  besuchte.  Nachdem  er  in  Heidelberg  und  Marburg  Jura 
studirt  hatte,  erhielt  er  1847  e*ne  Anstellung  als  Kammerjunker  am  Gross- 
herzoglichen  Hofe  zu  Oldenburg  und  fasste  1848  den  Entschluss  den  Feldzug 
in  Schleswig  als  Freiwilliger  mitzumachen,  wozu  ihm  der  Urlaub  in  sehr  gna- 
diger  Form  ertheilt  wurde.  Nachdem  er  in  verschiedenen  Gefechten  und  am 
5.  Juni  in  der  Schlacht  von  Diippel  mitgefochten  hatte,  schied  er  am  26.  Octo- 
ber 1848  mit  dem  Charakter  als  Lieutenant  wieder  aus  und  trat  in  den 
Oldenburgipchen  Militar-  und  Hofdienst  zurtick.  Am  15.  October  1850  wurde 
er  zum  Oberlieutenant  und  Cavalier  Sr,  Kgl.  Hoheit  des  Erbgrossherzogs  er- 
nannt  und  trat  185 1  ganz  in  den  Hofdienst  liber.  Als  Kammerherr  begleitete 
er  dann  Se.  Kgl.  Hoheit  den  Erbgrossherzog  Nicolaus  Friedrich  Peter,  auf 
dessen  Reisen  nach  Italien  und  Griechenland  und  darauf  zu  den  Vermahlungs- 
feierlichkeiten  nach  Altenburg.  Am  19.  October  1851  heirathete  er  Jenny 
Charlotte  von  Wachholtz,  Tochter  des  Braunschweigischen  Generals  F.  L. 
von  Wachholtz. 

In  ein  naheres  Verhaltniss  zum  Publikum  trat  v.  D.  als  Chef  der  Gross- 
herzoglichen  Hofkapelle  (seit  1854)  und  als  Vorstand  der  Grossherzoglichen 
Theaterkommission  (seit  1868).  In  dieser  Eigenschaft  hat  v.  D.  mit  liebevollem 
Eifer  viel  fiir  die  Weiterentwickelung  des  Oldenburger  Kunstlebens  gethan, 
da  in  ihm  feiner,  geistiger  Geschmack,  ideales  Streben  und  achter  Kunsteifer 
zur  schonen  Zusammenwirkung  sich  trefflich  verbanden.  Das  Grossherzogliche 
Theater  hat  er  stets  in  demselben  Sinne  zu  lei  ten  gesucht  und  gewusst,  in 
welchem  das  alte  Hoftheater  um  die  Mitte  der  vierziger  Jahre  seinen  Ruhm 
begrlindet  hatte,  und  fiir  das  Musikleben  sorgte  er  fordernd  namentlich 
durch  die  Berufung  von  Albert  Dietrich  als  Hofkapellmeister  (1861).  Nachdem 
er  beiden  Kunstinstituten  auch  nach  seiner  Ernennung  zum  Oberhofmarschall, 
Excellenz,  (1873.  1877)  noch  lange  Jahre  vorgestanden  hatte  und  auch  ausser- 
dienstlich  als  Vorsitzender  des  Kunstvereinsvorstandes  in  seiner  feingeistigen 
Weise  anregend  und  fordernd  gewirkt  hatte,  zwangen  ihn  leider  Alter  und 
Befinden  1893  seine  Chargen  niederzulegen.  Zum  grossen  Bedauern  seiner 
hiesigen  Freunde  und  Bekannten  verliess  er  dann  Oldenburg  und  kehrte  in 
die  alte  Heimath  zurtick,  wo  er  in  der  N&he  seiner  Kinder  und  nachsten 
Verwandten  noch  einige  Jahre  theils  auf  dem  Familiengute  seiner  Speciallinie, 
Kampf  im  Waldeckischen ,  theils  in  Wehlheiden  bei  Cassel  gelebt  hat,  bis  er 
hier  im  achtzigsten  Jahre  seines  Lebens  sanft  entschlafen  ist.  —  Sehr  ver- 
dienstvoll  und  fiir  die  Geschichte  des  deutschen  Theaters  wichtig  ist  seine 
1881   erschienene  »Chronik  des  alten  Theaters  in  Oldenburg  (1833  —  i88i).« 

Dr.  Reinhard  Mosen. 

Kaiser,  Victor,  Dr.  phil.,  Professor  der  Philosophic  und  Culturgeschichte, 
*  am  3.  Juli  1 82 1  in  Solothurn,  f  daselbst  am  30.  September  1897.  —  Der 
Sohn  wackerer  Eltern,  die  sich  aus  bescheidenen  Anlangen  zu  einem  ansehn- 
lichen  Wohlstande  emporgearbeitet   hatten   und    nichts  vernachl&ssigten,    um 


1 82  Kaiser. 

ihren   beiden  Sohnen   eine   tiichtige  Erziehung  zu  gewahren,  besuchte  K.  mit 
gutem  Erfolge  die  Primarschulen  und  die  aus  Gymnasium  und  Lyceum  be- 
stehende  cantonale  hOhere  Lehranstalt  in  Solothurn.     Ohne  sich  fllr  ein  be- 
stimmtes  Berufsstudium  entschieden  zu  haben,   ging  er  im  Herbste  1839  an 
die  Universitat  Jena,  spater  nach  Leipzig  und  Berlin.    Unter  Gdttling,  Stickel, 
Gottfried  Hermann,    Moritz  Haupt,   Immanuel  Bekker   und  Lachmann    h6rte 
er  philologische,   unter  Luden,  A.  Becker,    Ranke   geschichtliche   und    kunst- 
historische,  unter  Hartenstein,  Chr.  Weisse,  Schelling  und  Trendelenburg  philo- 
sophische  Vorlesungen.     Ferienreisen  filhrten  ihn  nach  Dresden  und  Kopen- 
hagen,   wo  er  in  der  Betrachtung  der  dortigen  Kunstschatze  den  Grund  zur 
Kenntniss  der  Kunstgeschichte  legte,    die  neben  der  Philosophic  der  Haupt- 
gegenstand  seiner  Studien  wurde.    Nachdem  er  am  15.  Februar  1845  von  der 
Universitat  Leipzig  auf  Grand  seiner  Dissertation  »De  numeris  Platonis«  zum 
Doctor  der  Philosophic  promovirt  worden  war,  widmete  er  sich  im  folgenden 
Winter  an  der  Akademie  in  Genf  dem  Studium    der    franzosischen  Sprache 
und  Literatur    und    kehrte    dann    in    die  Heimat    zurtick,    um    sich  auf  die 
akademische  Laufbahn   vorzubereiten.     Von    seinem  Vorhaben,    sich    an  der 
Berner  Universitat  als  Privatdocent  zu  habilitiren,  wurde  er  im  Frtihling  1847 
durch  seine  Wahl  zum  Professor  der  Philosophic    und  Culturgeschichte  am 
Lyceum  in  Solothurn  abgewendet,  eine  Stellung,  in  der  er  ttber  50  Jahre  als 
hochangesehener  Lehrer   wirken    sollte.     Seine   philosophischen  Vortrage,    in 
denen  er  sich  hauptsachlich  an  Herbart  anschloss,  erstreckten  sich  anfanglich 
in  zwei  Jahreskursen  auf  sammtliche  Disciplinen  dieser  Wissenschaft;   die  all- 
mahliche  Umgestaltung  der  hdheren  Lehranstalt,   durch  welche  neue  F&cher 
in  den  Lehrplan  eingeftihrt  wurden,  hatte  eine  Verminderung  der  Stunden- 
zahl  und  damit  auch  eine  Beschrankung  des  philosophischen  Unterrichts  zur 
Folge.    Ebenso  anregend  und  fruchtbar  wie  als  Lehrer  der  Philosophic  wirkte 
K.  durch  seine  Vortrage  iiber  Culturgeschichte,    welche  die  Zeit  vom  Alter- 
thum  bis  zum  18.  Jahrhundert  umfassten  und  in  denen   er  es  in  vorztlglicher 
Weise  verstand,  seine  Zuhorer  auch  mit  der  Entwickelung  der  Kunst  bekannt 
zu  machen.     Frei  von  materiellen  Sorgen   und  sich  eines  schdnen  Familien- 
lebens  erfreuend,  das  allerdings  durch  den  Tod  seiner  ersten  Gattin  und  eines 
Sohnes  aus  zweiter  Ehe  auch  schwere  Trtibungen  erlitten  hatte,   widmete  K. 
seine   freie  Zeit   seinen  Lieblingsstudien  in  seinem  traulichen  Heim,    das    er 
allmahlich  mit  reichen  Kunstschatzen  ausstattete  und  in  harmonischer  Weise 
ausschmtickte.     Zahlreiche  Reisen  nach  Wien,  Berlin,  Miinchen,  Kopenhagen, 
nach  den  Niederlanden,  England  und  besonders  nach  Italien,  das  er  drei  Mai 
besuchte,  waren  eingehenden  Kunststudien  gewidmet  und  boten  ihm  Gelegen- 
heit,    seine  Kenntnisse  zu  bereichern  und  die  durch   seine  Forschungen  ge- 
wonnenen  Anschauungen  zu  befestigen.    Mit  besonderer  Vorliebe  beschaftigte 
er  sich  mit  der  Philosophic  und  Kunst  der  italienischen  Renaissance,  dann 
aber  auch  mit  den  Vertretern  der  neuern  deutschen  Renaissancekunst.    Wie 
nach  K.   die  Hauptwerke  der  beiden  grdssten  Meister  der  italienischen  Re- 
naissance,   Michelangelo  und  Raphael,    das    gleiche  Geprage    ihres  Zeit- 
alters,  den  Stempel  des  philosophischen  oder  platonischen  Humanismus  tragen, 
so  hangt  auch  die  neuere  deutsche  Renaissancekunst,   wenn  auch   unbewusst 
und  mittelbar,  mit  diescm  zusammen:  die  Vermittelung  zwischen  beiden  bilden 
sowohl  der  Platonismus  in  den  Werken  Michelangelo's  als  auch    die  antike 
Reliefkomposition    der    hellenischen   Sophrosyne,    welche  Thorwaldsen    als 
klassischen  Ausdruck  der  Menschenwlirde  erkannt  und  im  Geiste  Winkelmann's 


Kaiser.     Hochl.  1 83 

bei  seinen  Nachfolgern  Cornelius  und  Kaulbach  zur  anerkannten  Geltung 
gebracht  hat.  »So  stimmt  der  Humanismus  in  der  Kunst  der  Gegenwart 
tiber  Jahrhunderte  hinaus  tiberein  mit  dem  philosophischen  Humanismus  der 
italienischen  Renaissance  und  liber  Jahrtausende  hinweg  mit  dem  Humanismus 
Platons.«  Diesem  Grundgedanken  ist  eine  Reihe  von  Abhandlungen  gewidmet, 
welche  sowohl  von  K.'s  grlindlichen  Studien,  wie  von  seinem  feinen  und  scharf- 
sinnigen  Eingehen  auf  die  verborgensten  Intentionen  der  Klinstler  beredtes 
Zeugniss  ablegen.  In  der  Form  von  offentlichen  Vortragen  abgefasst,  die  er 
in  Solothurn  gehalten  hat,  sind  folgende  von  diesen  Abhandlungen,  zum  Theil 
erweitert,  durch  den  Druck  veroffentlicht  worden:  Der  Gegensatz  der  idealen 
Humanitat  zum  Materialismus.  Bern  1869;  Macbeth  und  Lady  Macbeth  in 
Shakespeares  Dichtung  und  in  Kunstwerken  von  Cornelius  und  Kaulbach. 
Basel  1876;  Cornelius  und  Kaulbach  in  ihren  Lieblingswerken.  Basel  1877; 
Kaulbach's  Bilderkreis  der  Weltgeschichte.  Berlin  1879;  Der  Platonismus 
Michelangelo's:  I.  Michelangelo's  Adam.  II.  Michelangelo's  Jonas.  III.  Michel- 
angelo's Medicaer.  In  Zeitschrift  fur  Volkerpsychologie  und  Sprachwissen- 
schaft,  15.  und  16.  Band,  Berlin  1884 — 1886;  Der  Humanismus  in  der  Kunst. 
Frauenfeld  1896;  Homer  und  die  Sybille  in  Kaulbach's  Bilderkreis  der  Welt- 
geschichte. Hamburg  1897.  Alle  diese  Abhandlungen,  die  sich  sowohl  durch 
ihren  Gedankenreichthum  wie  durch  die  formvollendete  Sprache  auszeichnen, 
bildeten  gewissermassen  die  Bausteine  zu  einem  grosseren  Werke  tiber  die 
Idee  der  Menschenwiirde  in  der  Kunst  Italiens  und  Deutschlands,  dem  K. 
die  letzten  Jahre  seines  Lebens  zu  widmen  gedachte,  dessen  Ausftihrung  aber 
sein  unerwartet  rascher  Tod  verhinderte.  Zum  15.  Februar  1895  hatte  ihn 
die  philosophische  Facultat  der  Universitat  Leipzig,  bei  Anlass  der  flinfzigsten 
Wiederkehr  des  Tages  seiner  Promotion,  mit  der  Erneuerung  seines  Doctor- 
diploms  und  einer  Gllickwunschadresse  geehrt,  als  einen  Mann,  »qui  poeseos 
et  picturae  rationes  mutuas  eleganti  iudicio  persecutus  est«.  Am  30.  Juli 
1896  feierte  er,  gemeinsam  mit  seinem  Collegen  Professor  Dr.  F.  Lang,  das 
funfzigjahrige  Jubilaum  seiner  Lehrthatigkeit  an  der  Cantonsschule  von  Solo- 
thurn und  hatte  sich  der  herzlichen  Beweise  der  Anerkennung  der  Behorden 
und  Collegen  wie  der  treuen  Anhanglichkeit  seiner  Schtiler,  die  zahlreich  zu 
dem  seltenen  Doppelfeste  herbeigeeilt  waren,  zu  erfreuen.  Im  Laufe  des 
folgenden  Schuljahres  reichte  er,  trotz  seiner  76  Jahre  sich  noch  voller  geistiger 
Frische  erfreuend  und  von  den  Schwachen  des  Alters  wenig  beriihrt,  seine 
Demission  ein,  um,  wie  er  sich  ausserte,  seine  angefangenen  wissenschaftlichen 
Arbeiten  weiterzufiihren  und  zu  vollenden.  Leider  sollte  ihm  das  nicht  ver- 
gonnt  sein,  und  am  Vormittag  des  30.  September  1897  starb  er,  ohne  lan- 
geres  vorhergehendes  Unwohlsein,  plotzlich  an  einem  Herzschlage,  tief  be- 
trauert  nicht  nur  von  seiner  Familie,  sondern  auch  von  seinen  ehemaligen 
Schiilern  und  alien  denen,  die  das  Gltick  gehabt  hatten,  sich  des  Umgangs 
mit  dem  durch  seine  reichen  Kenntnisse,  wie  durch  seine  liebenswiirdigen 
Charaktereigenschaften  ausgezeichneten  Manne  zu  erfreuen. 

Festrede,  gehalten  von  Rektor  Dr.  Kaufmann  an  der  flinfzigjahrigen  Jubelfeier  der 
Herren  Professoren  Dr.  Victor  Kaiser  und  Dr.  Franz  Lang,  im  Jabresberichte  der  Kantons- 
scbule  von  Solothurn  fur  das  Schuljahr  1895/96;  Festnummer  zum  »01tncr  Tagblatt*  vom 
30.  Juli  1896,  mit  der  von  P.  Dietschi  verfassten  Biographie  der  beiden  Jubilare;  Solo- 
thurner  Tagblatt  1897,  No.  229  u.  230.  p.    . 

Hochl,  Anton,  Architecturmaler,  *  am  20.  Februar  1820  zu  Miinchen, 
f  am   21.  Februar  1897.   —    H.  war  der  Sohn    des   durch    eine   Menge  von 


1 84  H*chl- 

Bauwerken  wohlbekannten  Stadtbaumeisters  Jakob  Hochl  (*  am  5.  Marz  1777, 
f  am   6.  Januar    1838),    welcher    als    Maurermeister    bei    vielen    Schopfungen 
Konig  Ludwig  I.  thatig  war    und   durch    artistische  Privatbauten   ein   h6chst 
ansehnliches  Vermogen  erwarb.     Da  der  Vater  die  Ansicht  hegte,  dass  jedes 
Handwerk  einen  goldenen  Boden  habe,  so  musste  der  reiche  Btirgersohn  von 
der  Pike  auf  dasselbe  grtindlich  kennen  lernen,  friihzeitig  Mortel  riihren  und 
Steine  tragen,    als  Maurer  in  Tagelohn    sich  zum  Palier  durcharbeiten    und 
nebenbei  wacker  zeichnen  und  rechnen.     Beides  verstand  er  bald  grtindlich, 
insbesondere  das  Rechnen;    beim  Zeichnen   kam   seine   ktinstlerische  Anlage 
zum  Durchbruch,   welche  sich   in  anerkenneswerther  Weise  gel  tend  machte. 
So   fertigte  der  junge  H.  die  Modelle  zu  dem  aus  gebrannter  Ziegelerde  be- 
stehenden  Prachtthore  der  k5nigl.  Salinen-Administration  in  der  Ludwig-Strasse. 
Leider  blieb  das  schone  Vorbild,  dieses  dem  Mtinchener  Clima  so  angepasste 
Material  ktinstlerisch  zu  verwerthen,  ohne  weitere  Nachfolge.    Nach  dem  Ab- 
leben  des  Vaters,   eines  ausserordentlich  ernsten,  streng  rechtlichen  und  ge- 
wissenhaften  Geschaftsmannes,  der  indessen  nicht  ohne  ktinsderische  Interessen 
war  und  in  seiner  Jugend  mit  hellen  Augen  Italien  bereist  und  viele  interessante 
Studien  gezeichnet  und  angesammelt  hatte,    wendete  sich  H.   zur  Kunst  und 
erwahlte  unter  der  Leitung  von  Michel  Neher  (1798— 1876)  die  Architectur- 
malerei    als   dilettantischen  Lebensberuf.     Den  Betrieb  seiner,  in  bester  Lage 
auf  dem  rechten  Isarufer  weit  ausgedehnten  Ziegeleien  setzte  er  fort,    auch 
aus  dem  echt  humanen  Interesse,    den  braven  Arbeitern  seines  Vaters  nicht 
den  Stuhl    vor   die   Thlire    zu    stellen;    er  hielt  diese  Maxime  beinahe  zeit- 
lebens  fest,  als  spater  der  Tagelohn  bedeutend  gestiegen  war  und  die  reich 
angewachsene    Concurrenz    den    Ertrag   gewaltig   herabdrtickte.      Nur   wider- 
strebend    liess    er    sich    herbei,    seine    alten  Mietheinwohner  im  Hauszins  zu 
steigern,    obwohl    die    officielle    Einschatzung    den    wirklichen    Ertrag    seiner 
Hauser  theilweise  ofters  tiberschritt.     In  dieser  Beziehung  obwaltete  bei  ihm 
ein   conservatives  Element,    welches   ihn   mit   seinen  Inwohnern   in   eine   fast 
cordiale  Beziehung  brachte,  welche  sich  auch  nicht  abschwachte,  wenn  diese 
sein  Dach  und  Fach  verliessen   und  anderswohin  verzogen.     Dagegen  war  er 
freilich    kein  Freund    von    verbessernden  Neuerungen,    er   hatte  am   liebsten 
Alles    auf   dem    alten    Fusse    gelassen;    selbst  die    dringendsten   Reparaturen 
erfolgten  nur  nach  langen  Vorstellungen,  auf  besondere  Ftirsprache  und  Bitte. 
Auf  seinen  kleinen  Oelbildern  und  zahlreichen  Aquarellen    schilderte  er  mit 
grosser   Vorliebe    das    alterthlimliche    Winkelwerk    Altmtinchens,    mit    dessen 
Hausern,    Thoren,  Thtirmen    und    Basteien,    welche    allmahlich    der    Neuzeit 
weichen  mussten  und  jetzt  schon  ein  gesteigertes,  historisches  Interesse  ftir  sich 
in  Anspruch  nehmen.   Seine  Aufnahmen  waren  moglichst  treu  und  wahr;  zu  der 
minutiosen  Ausfuhrung  seines  Lehrers  Neher  fehlte  ihm  aber  die  fleissige  Ge- 
duld;    H,  liebte  mehr  eine  behagliche  Breite  des  Vortrags,   ohne  sich  in  be- 
sondere Stimmung    allzu   angstlich    zu   vertiefen.     Mit    gleicher  Vorliebe  und 
Umsicht    besuchte    er    auch   andere  Stadte    und  Marktflecken,   Schlosser   und 
Burgen  Altbayerns  und  Frankens.     Mit  solchen  Schilderungen  beschenkte  H. 
die  historischen  Vereine,   das  National-Museum   und  andere  Sammlungen  auf 
das  Freigebigste.     Zur  unsaglichen  Freude  gereichte  es  ihm,   wenn  seine  Bil- 
der  unerwarteten  Absatz  und  Kaufer  fanden.    Dieses  wohlverdiente  Geld  gait 
ftir  ihn  als  ein  »Schatz«,    ebenso   wie  der  frliher  so  schwer  erworbene  Tage- 
lohn.     Seiner    geschaftlichen   Thatigkeit    wegen,    wozu    wohl    eine    mit   dem 
Alter  zunehmende  Bequemiichkeit   mithalf,   verzichtete   er   auf  eine  lang   ge- 


Httchl.  185 

plante  Studienreise  nach  Venedig.  In  jtingeren  Jahren  machte  er  mit  seiner 
Frau  —  er  hatte  ein  ganz  armes,  braves  Madchen  geheirathet  —  eine  Fahrt 
nach  Paris,  welche  aber  gar  keine  klinstlerische  Ausbeute  und  keine  Aende- 
rung  in  seiner  Technik  und  Farbe  brachte.  Dagegen  sammelte  H.  eine 
schone  Galerie  von  kleinen  Bildern,  womit  er  fast  alle  seine  Zeitgenossen  in 
lehrreicher  Weise  vereinte.  Hierbei  mag  ihm  bisweilen  wohl  auch  die  Charitas 
manches  StUck  geliefert  haben;  fttr  solche  edle  Bestrebungen  besass  er  eine 
hochst  freigebige,  aber  nicht  immer  offene  Hand.  Einen  verschollenen  Marine- 
maler  subventionirte  H.  grossmttthig,  ohne  dass  der  Betroflfene  voile  Kenntniss 
erlangte,  woher  die  Htilfe  kam.  Einem  unverschuldet  geiahrdeten  Collegen 
gewahrte  er  die  Mittel,  wieder  festen  Fuss  zu  fassen.  Ausser  der  Malerei 
cultivirte  H.  eine  gemiithliche  Hausmusik  und  spielte  dabei  Cello  und  Brat- 
sche  mit  Uberraschend  tiefer  Empfindung.  Geschichtlichen  Studien  oblag  er 
gern,  durch  ein  neidenswerthes  treues  Zahlen-  und  Datengedachtniss  unter- 
stiitzt.  Auf  seiner,  am  Reste  eines  ehedem  gewaltigen,  weit  verzweigten 
Stadtwaldes  liegenden  Ziegelei  grtindete  er  sein  stilles  Tusculum,  aus  welchem 
er  taglich  zu  seiner  innigst  geliebten  alten  Mutter  und  in  das  benachbarte 
»Tivoli«  oder  zu  den  abendlichen  Symposien  des  Herzogs  Maximilian  (1808 — 88) 
fuhr,  welcher  den  sonst  so  stillen  Mann  seines  gediegenen  Wissens  und  Charakters 
wegen  schatzte.  Auf  einer  seiner  nachtlichen  Rtlckfahrten  wurde  H.  im 
Winter  1885  von  vier  Strolchen  iiberfallen  und  nur  durch  glUcklichen  Zu- 
fall  vor  weiterer  Gefahr  gerettet.  Von  da  an  schloss  er  sich  noch  enger  ab 
und  besuchte  nicht  einmal  mehr  seinen  schonen  Waldfrieden,  welchen  eine 
von  Heinrich  Natter  gemeisselte  Colossalstatue  Wotans  kronte.  Nach  dem 
1893  erfolgten  Ableben  seiner  Gattin  verschwand  H.  ganz  in  der  Stille  seines 
Hauses,  kaum  einigen  Auserwahlten  bisweilen  einen  kurzen  Zutritt  gewahrend, 
vielfach  geplagt  von  den  wirklichen  oder  auch  eingebildeten  Zufallen  und 
Launen  des  Alters,  bis  er  ohne  besondere  Krankheit  am  21.  Februar  1897 
den  unabanderlichen  Gesetzen  der  Natur  erlag.  Sein  umfangreiches  Vermogen 
und  die  Verwaltung  desselben  hatte  ihm  sicherlich  mehr  Kummer,  Sorgen 
und  Verdruss  als  Vergntlgen  oder  Genuss  bereitet.  H.  hat  an  dritthalb  Hun- 
dert  Bilder  gemalt.  Als  ihm  die  Ausfltige  zu  eigenen  Skizzen  und  Studien 
lastig  wurden,  sendete  er  gute  Photographen  nach  verschiedenen  Gegenden 
Altbayerns  zur  Aufnahme  von  denkwiirdigen  Grabdenkmalen,  Skulpturen  und 
Bauwerken  von  historischer  Bedeutung  und  stiftete  solche  Reproductionen  in 
Vereine  und  wissenschaftliche  Sammlungen  mit  unermtidlicher  Liberalitat. 
Einen  grossen  Theil  seiner  umsichtig  angelegten  Gallerie  von  Gemalden  gleich- 
zei tiger  Kiinstler  vermachte  H.  der  Kfinigl.  Neuen  Pinakothek,  wo  sie  zur 
Erinnerung  des  Stifters  eine  ganze  Wand  in  einem  der  grosseren  Cabinete 
fallen.  Seine  nicht  bloss  Bavarica,  sondern  viele  grosse  Geschichtswerke  und 
erhebliche  Kunstliteratur  umfassende  Bibliothek  stiftete  H.  in  die  Sammlungen 
des  Historischen  Vereins  von  Oberbayern,  dazu  seine  Collection  von  alteren 
Miinzen,  Waffen  und  Skulpturen,  dazu  die  ganze  Folge  seiner  von  1831  bis 
1896  laufenden  Tagebiicher,  in  welchen  er  die  Hauptereignisse  aus  Politik 
und  Tagesgeschichte  verzeichnete  und  alle  beriihmten,  im  Gebiete  des  Wissens 
oder  der  Kunst  verdienten  Namen  mit  charakteristischen  Zusatzen  und  Re- 
flexionen  eintrug:  eine  Art  biographisches  Urkundenbuch,  welches  wohl  zu 
weiterer  Mittheilung  und  Bearbeitung  reizen  dtirfte.  Mit  einer  grossen  Anzahl 
von  Legaten  bedachte  H.  eine  Menge  von  Vereinen,  gemeinnutzigen  Genossen- 
schaften    und   Stiftungen,    darunter  die  Waisen-  und  Armen-Anstalten,   auch 


1 86  Hochl.     Freiherr  von  Leoprechting. 

die  Freiwillige  Feuerwehr  Miinchens,  welchen  er  zeitlebens  gerne  gespendet 
hatte. 

Vergl.  Abendblatt  54  »Allgemeine  Zeitung*  vom  23.  Februar  1897.  Kunstvereins- 
Bericht  fttr  1897.    S.  73. 

.  Hyac.  Holland. 

Leoprechting,  Marquard,  Freiherr  von,  konigl.  bayer.  Oberst  a.  D.  und 
Maler,  *  am  30.  Juli  1839  zu  Straubing,  f  am  9.  Januar  1897  zu  Mtinchen.  — 
L.,  Sohn  des  damaligen  Kreis-  und  Stadtgerichts-Assessors  Maximilian  Frei- 
herr von  Leoprechting,  erhielt  im  kOnigl.  Cadettencorps  zu  Mtinchen  seine 
Bildung  und  bekundete  frlihzeitig  seine  besondere  Anlage  durch  Zeichnungen 
und  Compositionen,  in  welchen  sich  eine  unverkennbare  Begabung  und 
scharfe  Naturbeobachtung,  verbunden  mit  neckischer  Laune  und  heiterem 
Ffohsinn,  aussprach.  Seine  geselligen  Fahigkeiten  machten  den  jungen  Officier 
vielfach  beliebt.  Aus  dem  Kriege  des  Jahres  1866  kehrte  er  heil  zurtick  und 
avancirte  zum  Oberlieutenant  im  k6nigl.  bayer.  4.  J&ger-Bataillon.  Dagegen 
wurde  ihm  am  31.  August  1870  bei  Ersttirmung  der  Eisenbahnbrticke  von 
Bazeilles  durch  ein  Chassepotgeschoss  der  linke  Oberschenkelknochen  voll- 
standig  zerschmettert;  auch  jetzt  noch  enthusiasmirte  er  seine  wackeren  Jager, 
alle  Hilfe  von  sich  weisend.  So  blieb  er  lange  liegen,  bis  ihn  endlich  zwei 
seiner  braven  Krieger  fanden  und  an  Dr.  von  Nussbaum  ablieferten,  durch 
dessen  vorsichtige  Operation  der  junge  Held  gerettet  wurde,  aber  fttr  den 
weiteren  Dienst  untauglich  blieb,  da  er  sich  nur  durch  einen  kUnstlichen 
Schuh  bewegen  konnte,  was  jedoch  seine  edelmtithige  Braut,  die  Senators- 
tochter  Emma  Hartung  aus  Hamburg,  nicht  abhielt,  ihm  1872  die  wohlver- 
diente  Hand  zu  reichen.  Seine  unfreiwillige  Musse,  in  welcher  er  gesetz- 
massig  weiter  avancirte,  benutzend,  widmete  er  sich  ganz  der  Zeichnung  und 
Malerei,  nachdem  er  seine  Erinnerungen  aus  dem  Jahre  1866  in  einem  ganzen 
Cyklus  von  Illustrationen  niedergelegt  und  einen  Theil  seiner  Erlebnisse  aus 
dem  franzosischen  Kriege  in  A.  Schricker's  »Deutscher  Kriegszeitung«  (Stutt- 
gart 1870  und  187 1  bei  G.  Weise)  in  Bild  und  Wort  sehr  anziehend  ver- 
arbeitet  hatte.  Unter  der  Leitung  von  Ferdinand  Barth  (f  am  30.  August 
1892),  insbesondere  aber  im  Atelier  des  Professor  Wilhelm  von  Dietz  suchte 
L.  nun  die  frtiheren  Versaumnisse  im  Gebiete  der  Technik  nachzuholen. 
Indem  er  sich  mit  grosser  Vorliebe  auf  das  Studium  des  altbayerischen  Volks- 
lebens  warf,  gelang  es  ihm,  eine  Reihe  htibsch  durchgeftihrter  Genrebilder 
zu  schaffen  —  darunter  einen  einsamen  »Raucher«,  einen  »Flickschneider«, 
allerlei  harmlose  Ktichen-  und  Wirthshausscenen,  Gemtise-,  Fisch-  und  Wild- 
preth&ndler,  auch  ein  »Strickendes  M&dchen«  — ,  welche  bereitwillige  Ab- 
nehmer  und  Kaufer  fanden;  nebenbei  dachte  er  auch  an  Schlachten-  und 
Kriegsscenen  aus  alter  und  neuer  Zeit.  Insbesondere  aber  excellirte  L.  in 
kleinen,  ausserordendich  sicher  hingeschriebenen  Federzeichnungen,  in  welchen 
er,  unterstiitzt  durch  ein  scharfes  ErinnerungsvermOgen  und  durch  eine  fast 
photographisch  treue  Wiedergabe,  allerlei  Charaktere  aus  dem  taglichen  Leben, 
seine  Reise-  und  Sommerfrische-Eindrticke  aus  der  Schweiz,  Tirol,  aus  See- 
bader-Erlebnissen  und  aus  dem  Hamburger  Treiben,  meist  nur  auf  Visiten- 
karten,  Enveloppes  und  Papierfragmenten  skizzirte.  Aus  ihnen  spricht  eine 
hochst  gemlithliche  Heiterkeit  und  schalkische  Laune,  welche  jeden  Beschauer 
gewinnt,  erfreut  und  fesselt.  Eine  durch  photographischen  Lichtdruck  ver- 
vielfaltigte  Auswahl  in  Albumform  dtirfte  gewiss  noch  auf  zahlreiche  Freunde 
rechnen.     Erwahnenswerth  ist  auch  ein  Skizzen -Cyklus   »Aus  dem  Cadetten- 


Freiherr  von  Leoprechting.     Lossow.  187 

leben«,  welche  Frhr.  v.  L.  auf  28  durch  Meissenbach  reproducirten  Blattern 
mit  der  Widmung  an  S.  K.  Hoh.  den  Prinz-Regenten  Luitpold  1890  heraus- 
gab.  Der  edle  Freiherr  zahlte  ebenso  wie  Ferdinand  von  Miller,  Heinrich 
Lang  (f  1 891),  August  Spiess,  Adolf  Paulus  u.  A.  zu  den  Symposien-Gasten 
des  kunstsinnigen  Regenten.  So  verflossen  in  heiterem  Schaffen,  getragen 
von  einer  glucklichen  Ehe,  zwei  schone  Decennien,  bis  offenbar  im  Zusam- 
menhang  und  in  Folge  seiner  Verwundung  jene  Symptome  eines  ttickischen 
Nervenleidens  auftraten,  welches  sich  lahmend  iiber  die  ganze  unverwtistlich 
scheinende  Natur  des  prachtigen  Mannes  ausbreitete. 

Vergl.  Abendblatt  11  »Allgemeinc  Zeitungoc  11.  Januar  1897  und  No.  18  Morgcn- 
blatt  der  »Neuesten  Nachrichtcnoc   13.  Januar  1897. 

Hyac.  Holland. 

Lossow,  Heinrich,  Genremaler,  *  am  10.  Marz  1843,  f  am  19.  Mai 
1897.  —  L.  stammte  aus  einer  Ktinstlerfamilie.  Der  Vater  Arnold  Her- 
mann Lossow,  geboren  am  24.  October  1805  zu  Bremen,  hatte  schon  im 
vaterlichen  Hause  die  Bildhauerei  gelernt,  sich  dann  in  Rom  weiter  gebildet 
und  1 83 1  in  Miinchen  niedergelassen,  wo  er  bald  zu  Schwanthaler's  Lieblings- 
schtilern  und  ausfiihrenden  Gehtilfen  zahlte.  Als  guter  Marmorarbeiter  lieferte 
er  unter  anderem  die  Statuen  Thorwaldsen's  und  Canova's  (nach  Max  Widn- 
mann)  filr  die  Nischen  der  Glyptothek  und  eine  grosse  Anzahl  von  Bitsten  fUr 
die  Walhalla  und  die  Bayerische  Ruhmeshalle.  Er  starb  am  3.  Februar  1874. 
Zwei  seiner  talentvollen  Sohne  waren  schon  vor  ihm  aus  dem  Leben  gegan- 
gen:  der  Historienmaler  Karl  L.  und  der  als  humoristischer  Thierzeichner 
wohlbekannte  Friedrich  L.  Ersterer,  geboren  am  6.  August  1835  zu  Miinchen, 
hatte  sich  unter  Philipp  Foltz  der  historischen  Richtung  zugewendet,  dann 
aber  unter  dem  Einfluss  seines  gleichstrebenden  alteren  Freundes  Andreas 
Miiller,  insbesondere  auch  nach  Moriz  von  Schwind,  selbstandig  weiter  ge- 
fordert.  Auf  einer  Reise  nach  Oberitalien  traf  L.  zufallig  den  damaligen 
Erbprinzen  von  Meiningen  und  erhielt  schone  Auftrage  fur  die  herzogliche 
»  Villa  Carlotta«  am  Comersee:  einen  Cyklus  aus  der  »Gudrun«  und  einen 
ahnlichen  zu  Uhland's  Balladen.  Aber  noch  vor  der  Vollendung  seiner  vor- 
ziiglich  componirten  Bilder  starb  Karl  L.,  eine  herrliche  Kraft  voll  Schon- 
heitsgeflihl  und  Originalitat,  zu  Rom  am  12.  Marz  1861.  Sein  jiingerer  Bruder 
Friedrich  L.  (geboren  am  13.  Juni  1837)  hatte  sich  erst  bei  Karl  Piloty  im 
Genrefach  umgethan,  dann  aber  ganz  auf  das  Thierbild  geworfen.  Seine 
landlichen  Scenen,  seine  Hunde-  und  Affentheater,  die  komischen  Eselbilder 
mit  zudringlichen  Gansen,  ergotzlichen  Huhnern,  mit  Ladenrittern  und  Sonn- 
"tagsreitern,  seine  Viehmarkte  und  militarischen  Uebungslager  gewannen  ihm 
viele  Freunde,  ebenso  wie  die  zahlreichen  Zeichnungen  in  den  weltbekannten 
»Miinchener  Bilderbogen«  und  den  »Fliegenden  Blattern«.  Friedrich  L.  starb 
nach  langen  Leiden  am  19.  Januar  1872.  Sein  Bruder,  der  jetzt  in  Rede 
stehende  Heinrich  L.,  hospitirte  bei  Piloty  und  Arthur  von  Ramberg,  trat 
schon  1864  mit  einem  kleinen  »Mozart  als  Orgelspieler«  in  die  Oeffentlich- 
keit,  wie  er  denn  das  Oelbild  und  die  Illustration  gleichmassig  cultivirte.  So 
zeichnete  er,  nach  Grtitzner's  Beispiel,  Scenen  zu  den  »Lustigen  Weibem« 
und  zu  »Kabale  und  Liebe«,  warf  sich  auf  Heinrich  Heine's  »Buch  der 
Lieder«  (insbesondere  die  »Sphinx«),  kokettirte  mit  lippigen,  schaferlichen 
Zopfdamen  des  vorigen  Saculums,  mit  pikanten  Kammerkatzchen  und  Putz- 
macherinnen  und  ihren  galanten  Courschneidern  im  zweckdienlichsten  Rococo- 
costtim.      Er    tibersetzte    Watteau,    sein    franzosisches    Ideal,    in's    Deutsche, 


1 88  Lossow.     Bilrkner. 

freilich  ohne  dessen  Feinheit  und  Eleganz  zu  erreichen,  obwohl  L.  an  Roben, 
Spitzen  und  anderem  Beiwerk  sein  mCglichstes  that.  Dadurch  unterschied  er 
sich  von  den  rohen  Fadaisen  des  Joh.  Heinrich  Ramberg,  als  dessen  tech- 
nisch  verbesserte  Neuauflage  L.  ofter  bezeichnet  wurde.  Auch  bearbeitete  er 
in  »hochpikanten«  Bleistiftzeichnungen  zwolf  »Metamorphosen  nach  Homer 
und  Ovid«  (Mtinchen  1884)  im  zopfigen  Charakter,  womit  er  »den  ganzen 
Reiz  schoner  Plastik  und  weiblicher  Formvollendung  verewigte*,  und  lieferte 
amourdses  Getandel  (eine  im  Bette  liegende  Coquette  jonglirt  auf  den  Fuss- 
sohlen  ihr  Leibhtindchen)  und  allerlei  trivialen  Schnickschnack,  gerade  nicht 
immer  zum  Ruhme  der  deutschen  Kunst,  welche  dergleichen  Firlefanz  besser 
unseren  westlichen  Nachbarn  (iberlassen  hatte.  Hohe  Aufgaben  stellte  er 
sich  nicht,  loste  sie  aber  mit  vielem  Fleiss.  In  einem  »Ich  thue,  was  ich 
will«  benannten  Oelbilde  (1874)  ist  das  eigensinnige  Handschuhanziehen  der 
fascinirenden  Reiterin  mit  bestem  Chik  dem  Leben  abgelauscht.  Die  Itister- 
nen  Scenen  mit  den  »galanten«  Putzmacherinnen  und  das  ewige  Parfum  der 
ganzen  Demimonde  enuyirte  ihn  schliesslich  selbst,  er  warf  sich  auf  Land- 
schaften,  wie  sie  ihm  der  Park  von  Schleissheim,  woselbst  L.  seit  1885  als 
Galerie-Conservator  eine  Stelle  fand,  in  bereitwilliger  Auswahl  bot.  Hier  hul- 
digte  er  auch  dem  Plainairiren  und  qualte  seine  armen  Modelle  mit  kalten 
Badern  in  den  von  schattigen  Kastanien  oder  mageren  Akazien  Uberwolbten 
geradelinigen  Kanalen.  In  dieser  Zwitterstellung  zwischen  alter  und  moderner 
Methode  verdarb  es  L.  mit  der  Ausstellungs-Jury  1897,  welche  seine  Einsen- 
dungen  abwiesen.  In's  Herz  getroffen,  verschied  der  darob  erzlirnte  Ktinsder 
auf  der  Heimfahrt  nach  Schleissheim,  worauf  das  beanstandete  mit  einer 
Trauerschleife  ausgezeichnete  Bild  im  Glaspalast  Aufnahme  erhielt.  Kurz 
vorher  hatte  L.  noch  ein  Deckenbild  im  Directorialzimmer  des  neuerbauten 
Mlinchener  Justiz-Palastes  vollendet  (vgl.  »Kunst  ftir  Alle«  vom  1.  Juli  1897 
S.  310).  Vortreffliches  leistete  L.,  natlirlich  in  gleichem  Genre,  auch  als 
Kleinmeister  ftir  das  Kunstgewerbe,  wie  zahlreiche  Blatter  und  practische 
Entwlirfe  ftir  Goldschmiede  und  Metallarbeiter  beweisen.  Viele  diese  Muster- 
vorlagen  wurden  in  der  Zeitschrift  des  Mtinchener  Kunstgewerbe -Vereins 
reproducirt.  Als  eine  besondere  Schopfung  L/s  muss  der  Juwelierladen  von 
Julius  Elchinger  genannt  werden,  welchen  er  als  ein  malerisch  und  plastisch 
wirkendes,  wahres  Schatzkastchen  ausstattete.  Auch  sonst  that  er  mit  bereit- 
williger Liebenswiirdigkeit  tiberall  mit,  malte  beispielsweise  der  »Vitruvia« 
ein  muthwilliges  Wappenbild,  ebenso  die  auf  dem  Siegeswagen  von  Lowen 
gezogene  »Kunst«  fur  den  Mittelbau  der  Kunstgewerbe- Ausstellung  (1888), 
half  bei  alien  Ktinstlerfesten  »mit  kundigem  Geist  der  Erfindung«  und  stellte 
lebende  Bilder,  sogar  im  Style  eines  Dierick  Bouts  van  Harlem.  Bei  der 
Exposition  seines  zahlreichen  Nachlasses  im  Miinchener  Kunstverein  (Januar 
1898)  erschien  auch  das  sehr  energisch  gemalte  Selbstportrait  L.'s,  eine 
hochst  charakteristische  Leistung. 

Vergl.  Fr.  Pecht,  »Geschichte  der  Mtinchener  Kunst«.  1888.  S.  248  ft  —  No.  140 
»Allgemeine  Zeitung«  21.  Mai  1897  und  No.  10  vom  11.  Januar  1898.  »Kunst  fur  Alle« 
vom  1.  Juli  1897.    S.  310.    Kunstvereinsbericht  ftir  1897.    S.  75. 

Hyac.  Holland. 

Biirkner,  Hugo  Leopold  Friedrich  Heinrich,  *  am  24.  August  181 8  in 
Dessau,  f  am  17.  Januar  1897  in  Dresden,  Meister  der  Holzschneidekunst; 
besuchte  das  Gymnasium  seiner  Vaterstadt,  kam  1837  nach  Diisseldorf  an  die 
Kunstakademie,    trat  1839  in  Berlin    vorlibergehend    in  Beziehung  zu  Unzel- 


Bttrkner.     Alphons.  1 89 

mann,  tibersiedelte  1840  nach  Dresden,  wohin  seine  Freunde  Bendemann  und 
Hlibner  an  die  Akademie  berufen  worden  waren,  und  woselbst  er  bald  auch 
Ludwig  Richter  naher  trat.  1846  wurde  er  selbst  an  die  Akademie  berufen. 
1847  vermahlte  er  sich  mit  einer  jungen  Berlinerin,  einer  Verwandten  von 
Eduard  Bendemann,  mit  der  er  fast  50  Jahre  in  gliicklichster  Ehe  lebte.  In 
gesegneter,  reicher  Thatigkeit  gingen  aus  seiner  Werkstatt  liber  1 1  000  Holz- 
schnitte  hervor;  hierzu  kommen  noch  an  200  Radirungen. 

Dr.  K.  Bttrkner:  Hugo  Bttrkner,  Biographisches  Jahrbuch  und  Deutscher  Nekrolog 
S.  22* — 42*,    Band  I.    1897. 

Alphons,  Theodor,  Maler  und  Radirer,  *  am  28.  October  i860  in  Krakau, 
f  am  2.  September  1897  in  Graz,  entstammte  einer  steirischen  Familie  und 
kam  im  Alter  von  sieben  Jahren  nach  Graz,  wo  er  die  Realschule  besuchte 
und  spater  mit  technischen  Studien  begann.  Doch .  fand  er  bald  seinen 
wahren  Beruf  und  bezog  1879  die  Wiener  Akademie:  hier  wurde  er  in  der 
Landschaftsmalerei  von  Eduard  von  Lichtenfels,  im  Kupferstich  von  Johannes 
Sonnenleiter  unterwiesen.  Bald  wandte  er  sich  aber  von  dem  strengen  Linien- 
stich,  den  Sonnenleiter  pflegt,  ab  und  erlernte  (1885)  bei  William  Unger  die 
Radirung.  Seither  gehorte  er  zu  den  besten  Schtilern  dieses  Meisters  und 
machte  sich  durch  seine  Radirungen  in  kurzer  Zeit  einen  guten  Namen. 
Spater  nahm  er  seinen  Wohnsitz  wieder  in  Graz;  haufige  Studienreisen  flihrten 
ihn  durch  Oesterreich,  Deutschland  und  Oberitalien.  Auf  einer  solchen  Reise 
wurde  er  1896  in  Niirnberg  von  einem  heftigen  Nervenleiden  befallen  und 
musste  deshalb  einige  Monate  in  der  Irrenanstalt  zu  Feldhof  bei  Graz  ver- 
bringen.  Scheinbar  geheilt  entlassen  und  durch  einen  langeren  Aufenthalt 
in  Meran  und  Venedig  in  seiner  Gesundheit  gekraftigt,  kehrte  er  nach  Graz 
zurtick,  machte  aber  dort  in  einem  neuerlichen  Anfalle  von  Geistesstorung 
durch  einen  Sprung  aus  dem  Fenster  seinem  Leben  ein  Ende.  A.  pflegte  als 
Maler  hauptsachlich  das  Aquarell;  nur  selten  wendete  er  die  Oeltechnik  an. 
In  seinen  Ansichten  aus  Niirnberg  und  Venedig,  aus  Wien  und  Niederosterreich, 
aus  Steiermark,  Tirol,  Salzburg,  dem  Salzkammergute  und  Bohmen  erscheint 
er  uns  als  einer  der  letzten  Auslaufer  der  alten  Wiener  Aquarellistenschule ; 
sicherlich  haben  Meister  wie  die  Alt  und  Thomas  Ender  auf  ihn  eingewirkt. 
Von  seinem  Lehrer  Lichtenfels  hat  er  Manches:  die  geschickte  Auswahl  der 
Motive  und  die  strenge  sorgfaltige  Zeichnung,  dabei  aber  auch  den  geringen 
Geschmack  in  der  Farbe.  Nur  in  einzelnen  kleinen  Blattern,  in  denen  er 
ganz  einfache  Motive  darstellt,  erreicht  er  einen  Reiz  malerischer  Stimmung, 
der  auch  dem  verwohnten  modernen  Geschmack  zu  geniigen  vermag.  Diese 
Arbeiten  beweisen,  dass  er,  wenn  er  in  einer  anderen  Schule  und  Umgebung 
aufgewachsen  ware,  auch  im  rein  Malerischen  h&tte  VortrefFliches  leisten 
konnen. 

Auch  in  seinen  Originalradirungen  bewegt  er  sich  in  demselben  Kreise: 
es  sind  meist  Ansichten  aus  den  osterreichischen  Alpen.  Seine  Blatter  grossen 
Formats  wirken  trotz  der  Sorgfalt  und  Geschicklichkeit  der  Nadelftihrung 
etwas  trocken.  Fttr  seine  gelungenste  Originalradirung  halte  ich  das  kleine 
Blatt  »Haidelandschaftc,  worin  er  durch  die  Anwendung  warmer  und  kalter 
Farbentone  die  Stimmung  eines  klihlen,  sttirmischen  und  regnerischen  Herbst- 
tages  ausgezeichnet  wiedergegeben  hat.  Das  Beste  aber,  was  A.  geschaffen 
hat,  sind  die  Radirungen,  die  Gem&lde  anderer  Meister  reproduciren.  Seine 
Blatter  nach  Bildern  von  Aart  Van  der  Neer,  Pettenkofen,  Schindler,  Passini, 


I  go  Alphons.     Pfotenhauer.     WeltzeL 

Defregger,  Rumpler  und  Anderen  gehOren  durch  die  Treue  und  Frische  in 
der  Wiedergabe  verschiedener  Stile  zu  den  vorziiglichsten  Leistungen,  die  die 
Unger'sche  Schule  hervorgebracht  hat. 

Katalog  des  kiinstlerischen  Nachlasses  Th.  A/s.  Wien,  Miethke  1898.  —  Hans 
Grasberger  in  den  Graphischen  Kttnsten.    Jabrg.  XXI.    1898.    S.  67. 

G.  Gliick. 

Pfotenhauer,  Friedrich  Paul,  kOniglich  preussischer  Archivrath,  *  am 
30.  Juli  1842  zu  Glauchau  in  Sachsen,  f  am  8.  August  1897  in  Bad  Ilmenau. 
—  P.  studirte  anfanglich  die  Rechts-  und  Kameralwissenschaften  in  Leipzig, 
dann  Geschichte  und  Germanistik  in  Heidelberg  und  Berlin.  Sommer  1866 
erwarb  er  sich  durch  eine  Abhandlung  liber  den  von  Kaiser  Otto  I.  dem 
Papst  Johann  XII.  geleisteten  Eid  zu  Leipzig  die  philosophische  Doctorwtirde 
und  wurde  darauf  mehrere  Jahre  hindurch  ftir  den  Codex  diplomaticus  Saxo- 
niae  regiae  verwendet.  1875  wul"de  er  von  der  preussischen  Staatsarchiv- 
verwaltung  zunachst  probeweise  tibernommen  und  in  Schleswig  verwendet, 
dann  Marz  1876  zum  Hilfsarbeiter  befordert,  September  desselben  Jahres  nach 
Breslau  versetzt,  welchem  Archive  er  dann  ununterbrochen  unter  Beforderung 
in  der  iiblichen  Stufenfolge  bis  zu  seinem  Tode  angehort  hat.  Pf.  widmete 
sich  nun  fast  ausschliesslich  der  schlesischen  Geschichtsforschung  und  wurde 
bald  eine  Autoritat  auf  den  Gebieten  der  schlesischen  Adelsgeschichte,  der 
Wappen-  und  Siegelkunde.  Die  Ergebnisse  seiner  Studien  legte  er  vorzugs- 
weise  in  der  Zeitschrift  ftir  schlesische  Geschichte  nieder;  als  selbstandige 
Publikationen  gab  er  Namens  des  schlesischen  Geschichtsvereins  1873  »die 
schlesischen  Siegel  von  1250—1300  resp.  1327  und  1881  als  Bd.  X  des  Cod. 
dipl.  Sil.  die  »Urkunden  des  Klosters  Kamenz«  in  sorgsamer  Bearbeitung  her- 
aus.  In  seinen  letzten  Lebensjahren  beschaftigte  er  sich  vornehmlich  mit  der 
Erziehungs-  und  der  Universitatsgeschichte.  Pf.  war  ein  selbstloser,  beschei- 
dener  Charakter,  von  grosser  Liebenswtirdigkeit  und  bereitwilligem  Entgegen- 
kommen,  sodass  er  namentlich  durch  genealogische  Nachfragen  stark  in  An- 
spruch  genommen  wurde.  In  den  letzten  Jahren  bereits  kranklich,  erlag  er 
in  der  mit  seiner  Familie  aufgesuchten  Sommerfrische  den  Folgen  eines  wieder- 
holten  Schlaganfalles;  beerdigt  wurde  er  zu  Breslau. 

Nekrolog  in  der  Zeitschr.  L  Gesch.  u.  Alterthum  Schlesiens  Bd.  XXXII,  383  flf. 

Konrad  Wutke. 

Weltzel,  August,  Dr.  theol.,  katholischer  Pfarrer  und  Historiker,  *  am 
9.  April  1 81 7  zu  Jeltsch,  Kreis  Ohlau,  f  am  4.  November  1897  zu  Tworkau, 
Kreis  Ratibor.  —  W.  widmete  sich  dem  geistlichen  Stande  und  wurde  am 
8.  Mai  1842  ordinirt.  Zuerst  als  Geistlicher  in  Stettin  thatig,  wo  er  auch 
Vorstandsmitglied  der  Gesellschaft  ftir  Pommersche  Geschichte  war,  erhielt  er 
1857  die  Pfarrei  Tworkau  bei  Ratibor,  wo  er  auch  bis  zu  seinem  Tode  am- 
tirt  hat.  Er  war  ein  unermlidlicher  Sammler  alles  auf  die  Geschichte  Ober- 
schlesiens  bezuglichen  Materials  und  gelangte  in  den  Besitz  einer  erstaunlichen 
StofflUlle.  Er  veroffentlichte  die  Geschichte  der  Stadte  Ratibor,  Kosel,  Neu- 
stadt,  Guttentag,  Sohrau,  des  Archipresbyterats  Ratibor,  der  Pfarreien  Ostrog, 
Prgrzebin,  der  Propstei  Kasimir,  des  Klosters  Himmelwitz,  der  Besiedelungen 
des  nordlich  der  Oppa  gelegenen  Landes,  der  Geschlechter  Saurma,  Praschma, 
Gaschin,  Eichendorff,  Oppersdorff  (letzteres  nur  im  Manuscript),  ferner  zahl- 
reiche  Artikel  in   verschiedenen  Zeitschriften   u.  a.  in   der  Zeitschrift  ftir  Ge- 


Weltzel.     Adamy.     von  Ltttzow.  191 

schichte  und  Alterthum  Schlesiens.  Seine  Werke  sind  meistens  Sammlungen 
einer  Ueberfiille  von  Details,  in  der  Regel  chronikartig  unter  bestimmten 
Rubriken  zusammengestellt,  deren  Benutzung  aber  durch  das  Fehlen  von  Re- 
gistern  sehr  erschwert  wird.  Seine  hervorragende,  genaue  Kenntniss  der  ge- 
schichtlichen  Vergangenheit  Oberschlesiens  wurde  Dank  seines  steten  bereit- 
willigen  Entgegenkommens  ausgiebig  von  Behfirden,  Genealogen,  Ortshistori- 
kern  etc.  lebhaft  und  mit  Erfolg  in  Anspruch  genommen. 

Nekrolog  in  der  Zeitschr.  f.  Gesch.  und  Alterthum  Schlesiens  Bd.  XXXII,  386  ff. 

Wutke. 

Adamy,  Heinrich,  Vorschullehrer,  *  am  27.  Januar  181 2  zu  Landeshut 
in  Schlesien,  f  am  13.  October  1897  zu  Breslau.  —  A.  war  Lehrer  in  Schweid- 
nitz,  Posen,  Hirschberg  und  Breslau  und  hat  sich  besondere  Verdienste  urn 
die  Verbreitung  der  Heimathskunde  in  Schlesien  erworben.  Er  schrieb  eine 
kleine  Geographie  von  Schlesien  ftir  Volksschulen,  die  viele  Auflagen  erlebt 
hat,  ferner  die  viel  umfanglichere  Schrift  »  Schlesien  nach  seinen  physischen, 
geographischen  und  statistischen  Verhaltnissen*  (7.  Aufl.  1893),  Heimathskunde 
von  Breslau  (1872),  Die  schlesischen  Ortsnamen,  ihre  Entstehung  und  Bedeu- 
tung  (1887,  2.  Aufl.  1891). 

Nekrologe  in  der  Zeitschr.  f.  Gesch.  u.  Alterth.  Schlesiens  Bd.  XXXII,  379/380  und 
in  der  Schles.  Schulzeitung. 

Wutke. 

Liitzow,  Carl  von,  Kunstschriftsteller,  *  Gottingen  am  25.  December 
1832,  f  Wien  am  22.  Apil  1897.  C.  v.  L.'s  Vater  war  der  grossherzoglich 
Mecklenburgische  Kammerherr  und  Schlosshauptmann  v.  L.,  der  sich  durch 
eine  dreibandige  Geschichte  Mecklenburgs  einen  Namen  gemacht  hat,  seine 
Mutter  die  Tochter  des  Anatomen  Loder  in  Jena.  C.  v.  L.  besuchte  in 
Schwerin  die  BUrgerschule  und  das  Gymnasium  und  bezog  1851  die  Univer- 
sitat  zu  Gottingen,  um  classische  Philologie  und  Arch&ologie  zu  studiren. 
Hier  horte  er  haupts£chlich  die  Vorlesungen  C.  F.  Hermann's,  Schneidewin's 
und  Wieseler's  und  erhielt  durch  sie  eine  treffliche  philologische  Vorbildung. 
Zur  Fortsetzung  seiner  Studien  ging  er  im  Frtihjahr  1854  nach  Mtinchen,  wo 
er  einen  sehr  anregenden  geselligen  Verkehr  fand.  Er  war  an  den  Phil- 
hellenen  Friedrich  Wilhelm  Thiersch  und  an  den  Dichter  Friedrich  Boden- 
stedt  empfohlen  und  trat  dadurch  bald  zu  den  literarischen  und  ktinsterischen 
Kreisen  Mtinchens  in  nahere  Beziehungen.  *)  Im  Sommer  1856  erhielt  er  aut 
Grund  seiner  Dissertation  De  vasts  fictilibus  antiquis  more  archaic o  pictis 
den  Doctorgrad.  Im  folgenden  Jahre  zog  er  nach  Berlin,  um  dort  die  Antiken- 
sammlungen  zu  studiren.  Dieser  Berliner  Aufenthalt  scheint  aber  gerade  seine 
Neigung  von  der  klassischen  Archaologie  abgelenkt  und  der  Geschichte  der 
neueren  Kunst  zugewendet  zu  haben.  Sicherlich  hatten  auf  diese  Wandlung 
der  Verkehr  mit  Kugler  und  Liibke,  deren  Bekanntschaft  er  in  Berlin  machte, 
und  eine  Studienreise  nach  I  tali  en,  die  er  mit  Schnaase  und  Liibke  unter- 
nahm,  den  grossten  Einfluss.  Vorlaufig  blieb  er  aber  noch  den  archaologi- 
schen  Studien  treu.  1859  habilitirte  er  sich  in  Mtinchen  als  Privatdocent, 
las  liber  die  verschiedensten  Gegenst&nde  der  klassischen  Kunstgeschichte  und 
Alterthumskunde  und  gab  vom  Jahre  1861  an  das  Prachtwerk  »Munchener 
AnHken*  heraus. 


*)  Vgl.  Carl  v.  Liitzow,  Erinncrungcn  an  Bodenstedt.     Biographtsches  Jahrbuch  und 
Deutscher  Nekrolog  1896,  42* — 49*. 


192 


von  Llltzow. 


Von  der  Richtung,  die  L.'s  Studien  unter  der  Einwirkung  von  Mannern 
wie  Kugler,  Schnaase  und  Ltibke  nahmen,  zeugt  sein  Buch :  Die  Meisterwerke 
der  Kirchenbaukunst  Eine  Darsiellung  der  Geschichte  des  christlichen 
Kirchenbaues  durch  ihre  hauptsachlichsten  Denkmaler.  Es  ist  1862  er- 
schienen  und  Wilhelm  Liibke  gewidmet.  In  diesem  Werke  zeigt  sich  schon 
L.'s  Begabung  fur  eine  gemeinverstandliche,  klare  und  ubersichtliche  Darstel- 
lung;  seine  Absicht  ist,  darin  nach  griindlichen  eigenen  Studien  und  nach 
den  Forschungen  Anderer  dem  grossen  Publikum  ein  zuverlassiges,  getreues 
Bild  der  Geschichte  der  einzelnen  Kunstdenkmaler  zu  geben  und  weniger 
durch  gelehrte  oder  asthetische  Erorterungen ,  als  durch  eingehende  Analyse 
der  Denkmaler  selbst  bei  dem  ungelehrten  Leser  ein  tieferes  Verstandniss  flir 
die  Kunst  zu  erwecken.  Man  kann  sagen,  dass  er  diese  Absicht,  soweit  es 
damals  die  vorhandenen  Vorstudien  zuliessen,  wirklich  erreicht  hat. 

Verschiedene  Misshelligkeiten  bewogen  L.  im  Jahre  1863  Mlinchen  zu 
verlassen  und  im  Frlihjahr  nach  Wien  iiberzusiedeln,  wo  er  zunachst  als 
Privatdocent  flir  Geschichte  und  Archaologie  der  klassischen  Kunst  an  der 
Universitat,  vom  folgenden  Jahre  an  auch  als  Docent  der  Kunstgeschichte  an 
der  Akademie  der  bildenden  Ktinste  wirkte.  1865  wurde  er  zum  Vorstande 
und  Bibliothekar  der  Akademie  ernannt.  Vom  Jahre  1867  an  bekleidete  er 
daneben  noch  die  Stelle  eines  Professors  der  Architekturgeschichte  an  der 
technischen  Hochschule  zu  Wien.  Ausser  dieser  anstrengenden  Lehrthiitigkeit 
nahmen  ihn,  seitdem  er  nach  Wien  iibergesiedelt  war,  redactionelle  Arbeiten 
stark  in  Anspruch:  unter  Mitwirkung  Eitelberger's,  Falke's,  Llibke's  und  Pecht's 
gab  er  die  Recensionen  mit  Mittheilungen  tiber  bildende  Kunst  heraus.  Als 
aber  diese  Zeitschrift  1865  zu  erscheinen  aufhorte,  griindete  C.  v.  L,  gemein- 
sam  mit  dem  Leipziger  Verleger  E.  A.  Seemann  eine  neue  Zeitschrift  von 
ahnlicher  Richtung,  die  Zeitschrift  fur  bildende  Kunst,  mit  dem  Beiblatte 
Kunstchronik.  L.  verstand  es,  in  kurzer  Zeit  eine  Zahl  von  tiichtigen  litera- 
rischen  und  kiinstlerischen  Mitarbeitern  um  sich  zu  versammeln  und  dadurch 
seiner  Zeitschrift  bald  zu  grossem  Ansehen  zu  verhelfen ;  die  Redaction  hat  er 
bis  zu  seinem  Tode,  also  mehr  als  dreissig  Jahre  lang,  fortgefuhrt.  Wien  ist 
C.  v.  L.  zur  zweiten  Heimat  geworden  und  bei  den  Wienern  hat  er  sich  durch 
offentliche  Vortrage,  durch  seine  Thatigkeit  in  literarischen  und  kiinstlerischen 
Vereinen  und  endlich  durch  die  Feuilletons,  die  er  von  Zeit  zu  Zeit  liber 
Tagesfragen  des  Kunstlebens  schrieb,  bekannt  und  beliebt  gemacht. 

Ueberblickt  man  C.  v.  L.'s  schriftstellerische  Thatigkeit,  so  muss  man 
sagen,  dass  ihr  Werth  weniger  in  selbstandigen  Untersuchungen  und  For- 
schungen, weniger  in  einer  eigenartigen  Auffassung  liegt,  als  in  einer  sehr 
geschickten  und  libersichtlichen  Verwerthung  des  von  Anderen  Gefundenem 
und  Ausgesprochenen.  Nur  ftir  seine  Geschichte  der  kais.  konigL  Akademie 
der  bildenden  Ktinste,  die  1877  als  Festschrift  zur  Eroffnung  des  neuen  Aka- 
demie-Gebaudes  erschienen  ist,  hat  er  selbstandige  archivalische  Studien  an- 
gestellt  und  bisher  unausgenutzte  Quellen  verwerthet;  dadurch  ist  dieses  Werk 
zu  einem  trefflichen,  zuverlassigen  Hilfsmittel  ftir  die  Geschichte  der  Wiener 
Kunst  geworden.  In  seinen  iibrigen  Schriften  verfolgt  er  ein  ahnliches  Ziel, 
wie  er  es  schon  in  seinen  Meisterwerken  der  Kirchenbaukunst  angestrebt 
hatte;  dahin  gehoren  Die  Kunstschdtze  Italiens  hi  geographisch-historischer 
Uebersicht  geschildert  (Stuttgart  1884),  worin  er  zum  ersten  Male  die  For- 
schungen Giovanni  Morellis,  dem  das  Buch  gewidmet  ist,  dem  grossen  deut- 
schen  Publikum  zuganglich  machte,  und  die  Geschichte  des  deutschen  Kupfer- 


von  Lutzow. 


*93 


stiches  und  Holzschnittes  (erschienen  1889— 189 1  als  ein  Theil  der  Grotischen 
Geschichte  der  deutschen  Kunst),  ein  Buch,  das,  trotz  mancher  Mangel  im 
Einzelnen,  doch  als  die  erste  zusammenhangende  Darstellung  der  Entwicke- 
lung  dieser  Kunstzweige  sein  eigenes  Verdienst  hat.  Dieselbe  popularisirende 
Tendenz  haben  seine  Texte  zu  verschiedenen  Bildwerken,  wie  z.  B.  zu  den 
Denkmdlern  der  Kunst  (Stuttgart  1858),  die  er  gemeinsam  mit  Llibke  heraus- 
gab,  zu  den  Wiener  Neubauten  (Wien  1876—1881),  zur  Kunst  fur  Alle 
(Stuttgart  1880,  gemeinsam  mit  L.  Weisser),  zu  Albrecht  Diirer 's  Holzschnitt- 
werk  (Niirnberg  1883)  und  endlich  der  Text  zu  William  Unger's  Radimngen 
nach  Gemalden  der  kais.  kgl.  Gemaldegalerie  zu  Wien  (Wien  1886).  Unter 
seinen  archaologischen  Schriften  heben  wir  noch  ausser  den  schon  genannten 
die  folgenden  hervor:  Zur  Geschichte  des  Ornaments  an  den  bemalten  grie- 
chischen  Thong  efdssen,  Miinchen  1858,  und  Das  choragische  Denkmal  des 
Lysikrates  in  Athen.  Nach  Th.  Hansen's  Restaurationsentwurf.  Leipzig  1868. 
Ausserdem  hat  C.  v.  L.  einige  sorgfaltige  Verzeichnisse  von  Antiken-  und  Ge- 
maldesammlungen,  Bibliotheken  und  Ausstellungen  verfasst,  unter  denen  der 
Katalog  der  Gemalde-Galerie  der  Akademie  der  bildenden  Ktinste  zu  Wien 
wohl  am  meisten  Anerkennung  gefunden  hat,  er  hat  ferner  die  Herausgabe 
neuer  Auflagen  von  Schnaase's  und  Liibke's  Schriften  besorgt  und  endlich 
eine  grosse  Anzahl  von  kleineren  Recensionen,  Berichten,  Mittheilungen, 
Feuilletons  und  dergleichen  geschrieben.  Nach  all  dem  kann  man  nicht 
anders  als  die  ausserordendiche  Arbeitskraft  dieses  Mannes  bewundern,  und 
man  muss  daruber  staunen,  dass  die  meisten  seiner  Schriften  sich  durch  einen 
sorgfaltigen,  klaren  und  fltissigen  Stil  auszeichnen. 

Ein  Hauptverdienst  C.  v.  L.'s  ist  seine  redactionelle  Thatigkeit.  Zu  dieser 
befahigte  ihn  ein  Vorzug  seiner  Natur,  den  man  aber  zugleich  auch  als  eine 
Art  liebenswlirdiger  Schwache  bezeichnen  muss.  Es  ist  dies  seine  wahrhaft 
feurige  Vorliebe  fur  alles  Neue.  War  irgend  ein  neues  Kunstwerk  entstanden, 
wogegen  die  Vorsichtigen  unter  den  Beurtheilern  noch  klihle  Zurlickhaltung 
bewahrten,  oder  war  ein  Gelehrter  der  Meinung,  eine  ganz  iiberraschende 
Entdeckung  gemacht  zu  haben,  die  jedoch  einer  ruhigen  kritischen  Prufung 
nicht  Stand  halten  sollte,  so  konnte  C.  v.  L.  im  ersten  Eifer  iiber  eine  solche 
neue  Erscheinung  in  eine  wahre  Begeisterung  gerathen  und  sie  auch  offentlich 
durch  enthusiastisches  Lob  unterstiitzen.  Daher  kam  es,  dass  er,  ohne  es  zu 
wollen,  neben  vielem  Guten  auch  manches  Mittelmassige  forderte  oder  wenig- 
stens  gelten  Hess.  Andererseits  hat  aber  die  grosse  Ehrlichkeit  seines  Charak- 
ters  bewirkt,  dass  er  sich  bei  der  Leitung  seiner  Zeitschrift  von  dem  Einflusse 
des  Clique-  und  Parteiwesens,  das  die  literarischen  und  kiinstlerischen  Kreise 
Deutschlands  beherrscht,  vollig  frei  gehalten  hat. 

Seine  hervorragende  redactionelle  Begabung  hat  sich  auch  die  Wiener 
Gesellschaft  fur  vervielfaltigende  Kunst  zu  nutze  gemacht:  sie  hat  ihm  die  Heraus- 
gabe der  Geschichte  der  vervielfdltigenden  Ktinste  anvertraut.  Ausserdem  hat  L. 
fur  die  Zeitschrift  dieser  Gesellschaft,  die  Graphischen  Ktinste,  einige  werthvolle 
grossere  Beitr&ge  geliefert,  wie  z.  B.  RaffaeVs  Bildungsgang  (1888),  Die  Kunst 
in  Wien  unter  der  Regierung  Franz  Josephs  I.  (1889)  und  Die  Geschichte 
der  Gesellschaft  fiir  vervielfaltigende  Kunst  1 871  — 1895  (1895). 

Zeitschrift  fUr  bildende  Kunst  Neue  Folge.  VIII,  1897.  S.  233  (C.  L.).  —  Mitthei- 
lungen der  Gesellschaft  fur  vervielfaltigende  Kunst.  1897.  S.  21.  —  Ein  Verzeichniss  seiner 
Schriften  nndet  man  in  dem  Katalog  seiner  Bibliothek,  den  Friedrich  Meyer's  Buchhandlung 
Leipzig  herausgcgeben  hat, 

G.  Gliick. 

Biogr.  Jahrb.  u.  Dcutscher  Nckrolog.    2.  Bd.  \\ 


1 04  Duncker.     Bergstraesser. 

Duncker,  Alexander  Friedrich  Wilhelm,  Buchhandler,  *  zu  Berlin  am 
18.  Februar  1813,  f  23.  August  1897  zu  Berlin.  —  D.,  zweiter  Sohn  des  hoch- 
geachteten  Buchhandlers  Karl  Duncker,  trat  nach  absolvirter  Gymnasialbildung 
gegen  Ende  1829  in  die  Lehre  seines  vaterlichen  Geschaftes  Duncker  &  Hum- 
blot,  um  spater  wahrend  mehrerer  Jahre  in  dem  beriihmten  Hause  Perthes  & 
Besser  in  Hamburg  den  Kreis  seiner  buchhandlerischen  Kenntnisse  zu  erweitern. 
Wieder  nach  Berlin  zuriickgekehrt,  arbeitete  er  mehrere  Jahre  hindurch  in 
dem  vaterlichen  Gesch&ft  und  iibernahm  dann  am  1.  Januar  1837  das  Sorti- 
ment  desselben.  Bald  knupfte  sich  daran  auch  Verlag,  indem  es  ihm  gelang, 
jugendliche  Dichter  und  Dichterinnen,  wie  Paul  Heyse,  Emanuel  Geibel, 
Gustav  zu  Putlitz,  Theodor  Storm,  Wilhelm  Jensen,  Thekla  von  Gumpert,  Ida 
Grafin  Hahn-Hahn,  Fanny  Lewald,  Marie  Petersen  u.  a.  zu  gewinnen  und 
zwar  die  meisten  zuerst  in  die  Literatur  einzuftihren.  Der  Kreis  seiner  Unter- 
nehmungen  vergrosserte  sich  von  Jahr  zu  Jahr.  Es  traten  demselben  allmah- 
lich  hochbedeutsame  Kunstwerke  hinzu,  so  die  28  grossen  Kupferstiche  der 
weltberiihmten  »Wandgem&lde  Wilhelm  von  Kaulbach's«,  die  in  gegen  1000 
chromolithographischen  Ansichten  herausgegebenen  »Rittersitze,  Schlosser  und 
Residenzen  in  der  Preussischen  Monarchic*  (Preis  1 200  M.)  und  viele  andere 
Pracht-  und  illustrirte  Werke.  Hierzu  trat  das  fiir  die  Geschichte  und  Politik 
so  hochbedeutsame  Werk  der  »Politischen  Correspondenz  Friedrichs  des 
Grossen*.  i860  hatte  D.  sein  Sortiment  an  Wilhelm  Lobeck  (jetzt  Paul 
Schelter's  Buchhandlung),  1870  seinen  Buchverlag  mit  Ausnahme  der  Kunst- 
und  Psachtwerke  und  des  zuletzt  angeftthrten  erst  spater  verlegten  Werkes  an 
Gebr.  Paetel  verkauft.  Er  leitete  dann  seine  weiteren  Unternehmungen  per- 
sonlich  imd  stand  bis  an  sein  Ende  mit  Riistigkeit  und  Frische  seinem  Geschaft 
vor.  —  D.  war  nicht  bloss  eifriger  Buchhandler,  er  war  auch  mit  Leib  und 
Seele  Soldat.  Das  fiihrte  ihn  nach  der  Schlacht  von  Koniggratz  von  Pardu- 
bitz  nach  Leipzig,  um  dem  dort  commandirenden  General  der  Occupation 
mit  seinen  Lokalkenntnissen  als  Adjutant  zur  Seite  zu  stehen.  Dies  Verhalt- 
niss  gab  ihm  Gelegenheit,  sowohl  der  Stadt  Leipzig,  als  auch  seinen  Collegen 
im  Buchhandel  mancherlei  Erleichterungen  zu  verschaffen;  beispielsweise  ge- 
lang es  ihm,  die  Aufhebung  des  Verbotes  der  Gartenlaube  zunachst  in  Sachsen 
und  danach  auch  in  Preussen  herbeizufuhren.  —  An  ausseren  Ehren  fehlte 
es  ihm  nicht.  Als  Landwehroffizier  hatte  er  an  den  Feldztigen  1864,  1866 
und  1870/71  theilgenommen  und  wurde  zuletzt  (1897)  zum  Oberstlieutenant 
befordert.  Er  nannte  (1895)  l7  *m  Militar-  und  Civilverhaltniss  erworbene 
Ehrenzeichen  und  Orden,  meist  hoherer  Grade,  sein  eigen.  Er  war  Vor- 
sitzender  verschiedener  Kunst-  und  gemeinntltziger  Vereine,  sowie  Ehrenmit- 
glied  der  Akademie  der  bildenden  Ktinste  in  Mlinchen.  —  Seine  schrift- 
stellerische  Thatigkeit  umfasst  einen  in  zwei  Auflagen  erschienen  Band 
Gedichte:  »Abseits  vom  Wege«,  dann  die  Novellen:  »Angiola  Filomarino«, 
»Ihr  Bild«,  das  Drama:  »Die  Patrioten«,  kleinere  Sachen  und  Gelegenheits- 
gedichte,  die  alle  eine  sehr  freundliche  Aufnahme  fanden. 

Handschrifdiche  Autobiographic.  —  Borscnblatt  fUr  den  deutschen  Buchhandel.  1897. 
No.  196  und  260. 

H.  Ellissen. 

Bergstraesser,  Arnold,  Buchhandler,  *  am  3.  October  1841  auf  der  Schloss- 
ruine  Braeuberg  im  Odenwald,  f  5.  Januar  1897  zu  Darmstadt.  —  B.  war  der 
Sohn  des  Rentamtmanns  Friedrich  Bergstraesser.  Die  Familie  stammte  aus 
Malchen  am  Melibocus,    also   dem  Namen   entsprechend  von  der  Bergstrasse. 


Bcrgstraesser.  195 

Nachdem  der  Vater  schon  1847  verstorben  war,  zog  die  Mutter  nach  Darm- 
stadt, wo  B.  zuerst  die  katholische  Volksschule,  dann  das  Schmitz'sche 
Institut  und  1852 — 57  die  Realschule  besuchte.  Er  war  ein  ttichtiger  Schiiler 
und  bei  Lehrern  und  Mitschiilern  beliebt.  Nach  dem  1857  erfolgten  Tode 
seiner  Mutter  und  bestandener  Abgangsprtifung  widmete  er  sich  dem  Soldaten- 
stande,  trat  zunachst  bei  der  Leibcompagnie  des  1 .  Infanterie  -  Regiments 
(jetzt  115.)  ein  und  besuchte  1858/59  die  Kriegsschule.  Schon  bei  der 
Mobilmachung  1859  wurde  er  zum  Lieutenant  befordert.  1865  erwirkte  er 
einen  l&ngeren  Urlaub  zum  Besuche  der  polytechnischen  Hochschule  in 
Zurich,  wo  er  mit  bedeutenden  Mannern,  wie  Bolley,  Scherr,  Billroth,  Semper, 
Herwegh  und  Rtistow  verkehrte.  Die  Kriegsunruhen  von  1866  riefen  ihn  in 
den  Dienst  zuriick.  Als  Oberlieutenant  machte  er  das  Gefecht  bei  Frohnhofen 
mit,  wurde  am  linken  Fuss  schwer  verwundet  und  nahm  infolge  dessen  1 867 
seinen  Abschied.  —  Seine  kurz  zuvor  erfolgte  Verlobung  mit  der  Tochter  des 
Buchhandlers  J.  P.  Diehl  in  Darmstadt  gab  Veranlassung,  sich  von  nun  an 
dem  Buchhandel  zuzuwenden.  Er  lernte  diesen  in  der  Franz'schen  Buch- 
handlung  in  Munchen  und  bei  Franz  Koehler  sen.  (K.  F.  Koehler)  in  Leipzig, 
seinem  spateren  Commissionar,  kennen  und  (ibernahm  1869  das  Sortiments- 
geschaft  seines  Schwiegervaters.  Unter  seiner  Leitung  nahm  es  einen  be- 
deutenden Aufschwung.  Seit  1879  widmete  er  sich  auch  dem  Verlag,  in 
dem  u.  a.  das  Handbuch  der  Architectur  hervorragt.  —  Die  Ereignisse  von 
1870  ftihrten  ihn  der  Politik  zu,  und  mit  grosser  Beredsamkeit  trat  er  in 
einer  hauptsachlich  durch  ihn  veranlassten  grossen  Volksversammlung  fiir  die 
Bestrebungen  der  nationalliberalen  Partei  ein.  Er  wurde  zum  Mitglied  des 
Landesausschusses  und  des  Centralausschusses  in  Berlin,  spater  wiederholt 
in  die  zweite  Kammer  der  hessischen  Landesstande  gewahlt  (erst  fur  Hochst, 
dann  fiir  Darmstadt).  Krankheit  veranlasste  ihn  1896  zur  Niederlegung  seines 
Amtes.  Auch  als  Stadtverordneter  war  er  lange  th&tig.  Die  hochsten  Ver- 
dienste  erwarb  er  sich  um  Hebung  der  polytechnischen  Schule  in  Darmstadt, 
um  die  Universitat  Giessen,  um  Besserung  der  Lage  der  Lehrer  und  Beamten. 
—  In  hervorragender  Weise  aber  ist  B.'s  Name  besonders  mit  der  Geschichte 
des  deutscheri  Buchhandels  verkntlpft.  Seit  1878  war  er  an  alien  auf  Neu- 
gestaltung  des  Buchhandels  gerichteten  Bestrebungen  und  Verhandlungen  in 
lebhaftester  und  erfolgreichster  Weise  betheiligt.  1885  bis  1889  und  1892 
bis  zu  seinem  Tode  wirkte  er  im  Hauptvorstande  des  Borsenvereins  fiir  den 
deutschen  Buchhandel  mit  und  war  seit  1895  der  erste  Vorsteher  desselben, 
ein  Ehrenposten,  dem  bei  der  gewaltigen  Corporation  des  deutschen  Buch- 
handels nur  wenige  andere  gleichkommen  dtirften.  Am  5.  Januar  1897  wurde 
er  von  monatelangen  schweren  Leiden  durch  den  Tod  erldst.  An  seinem 
Grabe  sprachen  nach  der  iiblichen  geistlichen  Trauerrede  u.  a.  Oberblirger- 
meister  Morneweg,  Verlagsbuchhandler  Engelhorn,  der  Rector  der  Technischen 
Hochschule,  Professor  Berndt,  Hauptmann  d.  L.  Waldeck,  Reichstagsabgeord- 
neter  Dr.  Osann,  Obersdieutenant  a.  D.  Gad,  Verlagsbuchhandler  Hauptmann 
Zernin,  Schuldirector  Dr.  Meisel,  Buchhandler  Geeks.  Diese  u.  a.  zwar  wohl 
meist  mit  dem  Verewigten  persSnlich  befreundeten  Herren  sprachen  hier  im 
Namen  hochangesehener  Vereine  und  Institute,  alle  voll  hoher  Anerkennung 
Bergstraesser's  als  Mensch,  Politiker,  Buchhandler  u.  s.  w. 

Vergl.  Bdrsenblatt  f.  d.  deutschen  Buchhandel  1897,  No.  8  u.  62  (Nekrolog;  auch  ab- 
gedruckt  im  Adressbuch  des  deutschen  Buchhandels  1898). 

H.  Ellissen. 
13* 


ig6  von  Stephan. 

Stephan,  Ernst  Heinrich  Wilhclm  von,  Staatssekretar  der  Post  des 
deutschen  Reiches,  Schopfer  des  Weltpostvereins  und  culturgeschichtlicher 
Schriftsteller,  *  am  7.  Januar  1831  zu  Stolp  in  Pommern,  f  am  8.  April  1897 
in  Berlin.  —  Die  beiden  Grundziige  in  dem  Wesen  des  ausserordentlichen 
Mannes  sind  eine  Bildung  von  hervorragender  Universalitat  und  der  machtige 
Trieb,  die  Ergebnisse  dieser  Bildung  nach  aussen  zu  wenden  und  sie  in  das 
praktische  Leben  zu  tibertragen.  Unsere  Zeit  ist  reich  an  Weltverbesseren, 
die  mit  alien  ihren  Planen  scheitern,  weil  sie  traumen.  St.  war  auch  ein 
Weltverbesserer,  aber  er  hat  in  vierzigjahriger  Arbeit  sein  Ziel  erreicht,  weil 
er  nie  getraumt  hat. 

Als  er  auf  der  Hohe  seiner  Erfolge  stand,  hat  er  einmal  der  Idee,  welche 
ihn  leitete,  einen  kurzen  Ausdruck  gegeben.  Jedes  Weltalter  hat  einen  Trieb, 
von  dem  es  beherrscht  wird.  In  der  griechischen  Zeit  war  es  die  Kunst; 
»und  das  Schone  war  immer  der  Gott  der  WelU,  sagt  Schiller.  In  Rom  war 
es  Recht,  Staat  und  Macht;  »die  Helden  singen  den  Herrscher  an,  und  den 
Machtigen  suchen  die  Schwachen«,  sagt  Schiller.  Im  Mittelalter  war  es  die 
religiose  Vertiefung;  »der  Monch  und  die  Nonne  zergeiselten  sich;  es  war 
das  Leben  (faster  und  wild«,  sagt  Schiller.  Das  vierte  Weltalter  erklart  St. 
anders  als  Schiller.  Heute  ist  es  der  Verkehr,  der  Alles  regiert.  Und  wer 
heute  der  Menschheit  dienen  will,  muss  dem  Verkehr  dienen.  Nach  diesen 
Gesichtspunkten  ordnete  er  sein  Leben. 

St.  war  der  Sohn  eines  Handwerkers,  eines  Schneiders,  aber  nicht  in 
trliber  Mittelmassigkeit  aufgewachsen.  Sein  Vater  hatte  sein  gutes  Auskommen, 
genoss  die  Achtung  seiner  Mitbllrger  und  hat  es  zum  Rathsherrn  gebracht. 
Dass  die  Mutter  eine  vortreffliche  Frau  war,  braucht  nicht  gesagt  zu  werden, 
denn  sonst  hatte  es  der  Sohn  zu  Nichts  gebracht.  Der  Vater  zeichnete  sich 
durch  zwei  Eigenschaften  aus;  hohe  Bibelfestigkeit  und  grosse  Achtung  vor 
Sprachkenntnissen ;  er  Hess  seine  Sohne  friih  in  neueren  Sprachen  unterrichten, 
auch  in  solchen  die  nicht  landesiiblich  waren. 

Der  Knabe  wurde  der  Wohlthat  einer  Gymnasialbildung  fahig  und  er 
eignete  sie  sich  in  vollem  Umfange  an.  Den  kiinftigen  Philologen  erkennt 
man  daran,  dass  er  den  Pythagoraischen  Lehrsatz  nicht  begreift;  der  klinftige 
Historiker  lernt  nicht  Roggen  von  Weizen  unterscheiden.  Und  der  grosse 
Musiker  ist  ein  schlechter  Turner.  St.  war  ausgezeichnet  in  alien  Fachern; 
alte  und  neue  Sprachen,  Mathematik  und  Naturwissenschaften,  Geschichte  und 
Geographie,  Religion,  Gesang,  Zeichnen  und  Turnen.  Die  Kenntnisse,  die  er 
erworben  hatte,  blieben  ihm  treu  sein  Leben  hindurch.  Es  gab  in  seinem 
spateren  Leben  keinen  Tag,  an  welchem  er  das  Abiturientenexamen  —  nicht 
etwa  von  Neuem  hatte  machen  konnen;  das  ware  eine  Kleinigkeit  gewesen, 
—  nein,  an  dem  er  es  einer  Anzahl  von  Prfiflingen  nicht  hatte  abnehmen 
konnen. 

Zu  der  Wohlthat  der  Gymnasialbildung  noch  diejenige  der  Universitats- 
bildung  zu  fiigen,  blieb  ihm  versagt.  Ich  nehme  an,  dass  die  Mittel  des 
Vaters  ausgereicht  h&tten,  sie  ihm  zu  gewahren,  wenn  er  nur  diesen  einen 
Sohn  besessen  hatte,  aber  es  war  eine  Schaar  von  jlingeren  Kindern  da.  Jedoch 
die  Universitatsbildung,  so  schatzbar  sie  ist,  ist  nicht  alleinseligmachend ;  es 
giebt  Mittel,  sie  zu  ersetzen:  fortgesetztes  Privatstudium,  Reisen  und  ein  heller 
Blick  in  die  Welt.     Alle  diese  Mittel  hat  er  benutzt. 

Mit  sechszehn  Jahren  hatte  er  das  Gymnasium  absolvirt,  etwas  zu  friih, 
urn  in  das  praktische  Leben  sofort  eintreten  zu  konnen;  die  nachsten  vor  ihm 


von  Stephan.  igy 

liegenden  Monate  benutzte  er  hauptsachlich,  um  in  dem  Sortimentsbuchladen 
seiner  Vaterstadt  so  viel  Bttcher  zu  lesen,  als  moglich  war. 

Ueber  seine  Berufswahl  hat  er  nicht  einen  Augenblick  geschwankt;  er 
war  tiberzeugt,  dass  die  Postlaufbahn,  die  unzahligen  seiner  Altersgenossen 
als  eine  ode  Schreiberei  erscheint,  ihm  voile  Befriedigung  seiner  Sehnsucht 
bringen  wtirde.  Der  Gedanke,  einmal  Generalpostmeister  zu  werden,  lag  ihm 
nicht  fern,  wenn  er  auch  nicht  erwartet  haben  wird,  das  Ziel  so  schnell  zu 
erreichen. 

Die  ersten  sieben  Jahre  wurde  er  in  kleinem  Dienst  beschaftigt,  in  Marien- 
burg  und  Danzig,  dann  nach  abgelegter  Assistentenprtifung  am  6.  November 
1 85 1  in  Coin,  wo  sich  sein  geistiger  Gesichtskreis  erheblich  erweitert.  Unter- 
brochen  wurde  diese  Dienstzeit  auf  ein  Jahr  dadurch,  dass  er  in  Magdeburg 
seiner  militarischen  Pflicht  bei  der  Artillerie  genligte. 

Ueber  diese  sieben  Jahre  hat  die  Legende  manchen  Nebel  verbreitet, 
den  zu  zerstreuen  unmOglich  ist.  Er  soil  ab  und  zu  die  Unzufriedenheit 
eines  Vorgesetzten  in  so  hohem  Grade  auf  sich  gezogen  haben,  dass  ihm 
dieser  den  Rath  gab,  seine  Carrtere  zu  verlassen  und  Journalist  zu  werden. 
Das  Wahre  an  dieser  Legende  wird  das  sein,  dass  er  zuweilen  das  Mechani- 
sche  des  Dienstes  recht  drtlckend  empfunden  hat,  aber  doch  auf  der  andern 
Seite  durch  einzelne  hervorragende  Leistungen  die  Aufmerksamkeit  auf  sich 
gezogen  hat.  Jedenfalls  bewegt  sich  sein  Leben  vom  13.  Januar  1855  an, 
wo  er  die  Priifung  fiir  das  hohere  Postfach  zum  frlihsten  zulassigen  Termin 
bestand,  in  stark  aufsteigender  Curve.  Er  wird  am  2.  Februar  1855  Post- 
sekretar,  am  1.  Mai  1855  Postkassen-Controlleur  in  Frankfurt  a.  O.,  am 
13.  Januar  1856  Hilfsarbeiter  im  General-Postamt,  am  1.  Mai  1856  Geheimer 
expedirender  Sekretar,  am  14.  August  1858  Postrath  bei  der  Oberpostdirektion 
in  Potsdam,  1863  Oberpostrath  im  General-Postamt,  1865  Geheimer  Postrath 
und  vortragender  Rath,  am  26.  April  1870  General-Postdirektor  des  deutschen 
Bundes. 

Eine  hehere  Stellung  konnte  er  in  der  von  ihm  erwahlten  Laufbahn 
nicht  mehr  erringen.  Aber  die  Stellung  selbst  hat  sich  noch  mehrfach  ver- 
andert.  Die  Erweiterung  des  Norddeutschen  Bundes  zum  deutschen  Reiche 
hatte  von  selbst  die  Folge,  dass  er  nunmehr  General-Postdirektor  des  deut- 
schen Reiches  wurde.  Die  Reservatrechte,  welche  sich  Bayern  und  Wtirttem- 
berg  in  Beziehung  auf  die  Verwaltung  der  Post  zu  erringen  gewusst  hatten, 
schlossen  nicht  aus,  dass  sie  der  Gesetzgebung  des  Reiches  unterworfen  waren. 
Im  Jahre  1875  wurde  die  Telegraphenverwaltung  mit  der  Postverwaltung  ver- 
einigt  und  St.  trat  auch  an  die  Spitze  der  letzteren;  von  1876  ab  heisst  er 
nun  General-Postmeister.  Im  Jahre  1879  wurde  ein  dritter  Verwaltungszweig, 
die  Leitung  der  Reichsdruckerei  ihm  tibertragen.  Im  Jahre  1880  wird  aus 
Griinden,  die  mit  dem  Verwaltungsrecht  des  deutschen  Reiches  zusammen- 
hangen,  der  Titel  abermals  verandert.  Er  heisst  fortan  Staatssekretar  des 
Reichspostamts,  und  als  solcher  ist  er  gestorben,  wie  Ftirst  Bismarck  es  ftir 
sich  gewiinscht  hat,  »in  den  Siehlen«,  noch  auf  dem  Sterbelager  mit  Amts- 
geschaften  beladen. 

An  ausseren  Ehren  hat  es  ihm  nicht  gefehlt.  Die  zahlreichen  Orden, 
die  sich  bei  einer  so  hohen  Stellung  von  selbst  verstehen,  konnen  hier  tiber- 
gangen  werden.  Im  Jahre  1872  wird  er  zum  Mitgliede  des  Herrenhauses 
aus  personlichem  Vertrauen  des  Konigs  ernannt;  1873  verleiht  ihm  die  Uni- 
versitat  Halle  durch  Ertheilung  des  philosophischen  Doktordiploms  den  wissen- 


ig8  von  Stepban. 

schaftlichen  Adel.  Im  Jahre  1884  wird  er  als  Mitglied  in  den  Staatsrath 
berufen,  im  Jahre  1885  in  den  erblichen  Adelsstand  erhoben.  Die  Wurde 
eines  Domherrn  in  Merseburg  wurde  ihm  im  Jahre  1890  verliehen.  Das  be- 
darf  fiir  den  nichtpreussischen  Leser,  der  nicht  begreift,  wie  man  Domherr 
sein  kann,  ohne  Theolog  zu  sein,  einer  Erlauterung.  Es  bestehen  in  Preussen 
als  Reste  einer  mittelalterlichen  Vergangenheit  einige  Domstifter,  deren  Mit- 
glieder  vom  Konige  ernannt  werden  und  einige  Competenzen  beziehen,  ohne 
Pflichten  zu  iibernehmen.  Dass  der  Kfinig  ihm  eine  solche  Auszeichnung  ver- 
lieh,  war  eine  besondere  Auszeichnung,  da  in  der  Regel  adelige  Geburt  er- 
fordert  wird.     Endlich  erhielt  1895  St.  den  Rang  eines  Staatsministers. 

Absichtlich  ist  der  aussere  Rahmen  dieses  Lebens  so  knapp  als  mtfglich 
gehalten.  Der  Inhalt  dieses  Lebens  tragt  sich  in  systematischer  Darstellung 
besser  vor,  als  in  chronologischer. 

Der  wirthschaftlichen  Grundsatze,  von  denen  St.  sich  bei  der  Ver- 
waltung  der  Post  leiten  Hess,  lassen  sich  drei  aufftihren.  Zunachst  muss  die 
Post  dem  Publikum  die  Gelegenheit  zu  schreiben  mSglichst  nahe  riicken.  Sie 
muss  ihm  das  Schreiben  nicht  allein  erleichtern,  sondern  sie  muss  ihn  geradezu 
dazu  verftihren.  Sie  hat  das  Bewusstsein,  ihn  dadurch  zu  keiner  unntitzen 
Geldausgabe  zu  verftihren,  denn  Briefe  zu  schreiben  ist  ein  gar  niitzliches 
Werk.  Auch  der  Brief,  der  weder  dem  Schreiber  noch  dem  Empfanger  einen 
unmittelbaren  Geldgewinn  abwirft,  ist  nicht  verloren,  denn  er  dient  der  gei- 
stigen  Anregung  und  der  Erhebung  des  GemUths.  Er  unterh&lt  die  Beziehun- 
gen  von  Mensch  zu  Mensch  und  erhoht  die  Lebensfreude.  Darum  muss, 
wenn  Mohamet  nicht  zum  Berge  kommt,  der  Berg  zu  Mohamet  kommen  und 
dem  Menschen,  der  nicht  zur  Post  kommt,  muss  die  Post  naher  kommen,  darum 
eine  starke  Vermehrung  der  Postanstalten,  der  Briefkasten,  der  Botengange. 
Die  Postanstalten  mtissen  hinausgehen  auf  das  flache  Land,  auf  die  Hohe  der 
Berge.  Der  Brieftrager  muss  den  Brief  in  jede  Hlitte  bringen  und  darf  von 
dem  Landbewohner  nicht  fordern,  dass  dieser  sich  seine  Correspondenz  von 
der  Post  abholen  lasst.  Nichts  erleichtert  aber  das  Briefschreiben  so  sehr, 
als  die  Benutzung  der  offenen  Postkarte,  bei  der  man  den  Briefumschlag 
und  dessen  Verschluss  erspart,  in  der  die  KUrze  aufhtirt  eine  Unhoflichkeit 
zu  sein  und  zur  Tugend  wird.  Die  Einftihrung  der  Postkarte  war  ein  Lieb- 
lingsgedanke  St.'s,  als  er  sich  noch  in  untergeordneter  Stellung  befand,  und 
nachdem  er  hier  damit  gescheitert  war,  wurde  sie  seine  erste  That,  nachdem 
er  Chef  geworden  war.  Dem  Gedanken  an  die  Einftihrung  der  Postkarte 
haben  noch  andere  nachgehangen,  aber  St.  war  der  Columbus,  der  das  Ei 
auf  die  Spitze  stellte. 

Der  zweite  wirthschaftliche  Gedanke  war  die  Vereinfachung  der  Be- 
triebseinrichtungen  fiir  den  Beamten  sowohl  wie  fiir  das  Publikum.  Die 
heutige  Jugend,  die  im  Besitze  des  Erworbenen  heranwachst,  hat  keine  Vor- 
stellung  mehr  davon,  wie  das  Postwesen  vor  vierzig  Jahren  beschaffen  war, 
so  wenig  sie  sich  den  Zustand  des  Geldwesens  jener  Zeit  vergegenwartigen 
kann  und  es  ware  eine  ebenso  schwierige  als  unerfreuliche  Aufgabe,  ihr  das 
Bild  vor  die  Augen  zu  ftihren.  Auszurechnen  wann  ein  Brief  von  einem  Orte 
an  den  anderen  gelangen  konne,  auf  welchen  Wegen  er  geleitet  werden  miisse 
und  wie  viel  er  kosten  wtirde,  war  eine  Aufgabe,  die  Wissen  und  Scharfsinn 
erforderte.  Anzugeben,  wie  viel  Zopfe  St.  abgeschnitten  hat,  wtirde  unniitz 
sein;  es  gentigt  zu  wissen,  dass  sie  alle  am  Boden  liegen. 

Als  einer  der  wesentlichsten  Arbeiten  der  Vereinfachung  erschien  ihm  die 


von  Stephan.  xqq 

Verschmelzung  der  Post  mit  der  Telegraphie,  die  ihm  von  jeher  am  Herzen 
gelegen  hatte.  Die  Telegraphenverwaltung  hatte  mit  Mangel  an  Rentabilitat 
zu  kampfen;  die  einfache  Anordnung,  dass  jeder  Postbeamte  zugleich  Tele- 
graphenbeamter  ist  und  umgekehrt,  verringerte  die  Verwaltungskosten. 

Und  nun  begann  das  Bestreben,  jeder  Veranderung  des  Verkehrs  den 
Posteinrichtungen  so  eng  als  moglich  anzuschmiegen ;  in  dieser  Beziehung 
hatte  St.  einen  praktischen  Blick  und  verstand  es,  die  ihm  untergeordneten 
Beamten  zu  gleich  scharfer  und  schneller  Auffassung  heranzuziehen.  Er  ver- 
lieh  auch  dem  inneren  Gebiete  der  Verwaltung  die  hochste  Einfachheit,  be- 
seitigte  den  schleppenden  Geschaftsstil  und  nutzlose  Schreibereien. 

Der  dritte  Grundsatz  endlich  war  die  Verwohlfeilerung  der  Briefe. 
Was  darllber  zu  sagen  ist  ergiebt  sich  von  selbst  und  braucht  nicht  naher 
ausgefuhrt  zu  werden.  Nur  der  Punkt  mag  hervorgehoben  werden,  dass  die 
Einftihrung  der  Worttaxe  ftir  Telegramme  sich  als  ein  wesentliches  Mittel  der 
Verwohlfeilerung  erwiesen  hat.  Frtiher  bestand  die  Einrichtung,  dass  zwanzig 
Worte  als  die  Mindestlange  eines  Telegrammes  angesehen  wtirden  und  der 
Tarif  von  zehn  zu  zehn  Worten  fortschritt. 

Den  wirthschaftlichen  Verbesserungen  gingen  technische  zur  Seite.  Auf 
dem  Gebiete  der  Post  war  hier  weniger  zu  thun,  doch  wurde  der  zweck- 
massigsten  Einrichtung  der  Briefkasten,  der  Postwagen  und  so  weiter  stets 
grosse  Aufmerksamkeit  zugewendet.  Der  wichtigste  Schritt  war  hier  die  Be- 
nutzung  der  comprimirten  Luft  zu  Postkarten  durch  die  Einftihrung  der  Rohr- 
post.  Durch  ein  ausgedehntes  Rohrensystem  und  die  Aufstellung  geeigneter 
Maschinen  wurde  es  moglich,  einen  Brief  in  Berlin  auf  acht  Kilometer  in 
sechszehn  Minuten  zu  befordern  und  ihn  in  weniger  als  einer  Stunde  vom 
Augenblick  der  Einlieferung  auf  der  Postanstalt  in  die  Hande  des  Empfangers 
zu  befordern. 

Wichtiger  als  ftir  die  Post  ist  die  Technik  ftir  die  Telegraphie,  denn 
diese  beruht  auf  der  jlingsten  und  lebenskraftigsten  der  Wissenschaften,  auf 
der  El ektro technik.  St.  war  kein  berufsmassiger  Elektrotechniker,  denn 
dieser  Beruf  erfordert  die  ungetheilte  Kraft  des  Menschen.  Er  hat  keine 
gelehrten  Entdeckungen  und  keine  scharfsinnigen  Erfindungen  gemacht.  Allein 
er  besass  eine  Gabe,  die  fur  sein  Amt  unentbehrlich  war.  Ich  mochte  einen 
allgemeinen  Satz  formuliren.  Jeder  hohere  Beamte,  der  Verwaltungsbeamte 
sowohl  wie  der  Richter,  muss  von  jedem  Zweige  des  menschlichen  Wisseus 
so  viel  Kenntnisse  besitzen,  dass  er  im  Stande  ist,  verstandige  Fragen  zu 
stellen.  Dieser  Anforderung  gentigte  St.  und  er  ging  noch  einen  Schritt 
weiter.  Der  ihm  befreundete  Grossmeister  der  Wissenschaft,  Werner  von  Sie- 
mens hat  ihm  bezeugt,  dass  er  nicht  allein  jeden  Fortschritt  der  Wissenschaft 
mit  Verstandniss  gefolgt  ist,  sondern  auch  wichtige  Anregungen  gegeben  hat. 

Im  Jahre  1879  grtindete  er  in  Berlin  den  elektrotechnichen  Verein, 
dessen  zweiter  Vorsitzender  er  bis  an  sein  Lebensende  geblieben  ist.  Die  von 
ihm  bei  festlichen  Veranstaltungen  hier  gehaltenen  Reden  haben  wegen  ihres 
weiten  Gesichtskreises  stets  berechtigte  Aufmerksamkeit  erregt,  und  bei  Er- 
offnung  der  elektrotechnischen  Ausstellung  in  Frankfurt  am  Main  1891  hat  er 
eine  Rede  gehalten,  die  man  als  eine  Philosophic  der  Elektrotechnik  be- 
zeichnet  hat. 

Er  war  der  erste,  der  von  der  praktischen  Verwendbarkeit  des  Tele- 
phojns  und  von  der  Wichtigkeit  dieser  Erfindung  eine  klare  Vorstellung  ge- 
habt  hat,  und  hat  fUr  seine  weite  Verbreitung  das  Mogliche  gethan.     Er  hat 


200  von  Stephan. 

es    sich    auch    nicht    nehmen  lassen,    der  Wittwe  des  ersten  Urhebers  dieser 
Erfindung,  des  deutschen  Volksschullehrers  Reis,  eine  Pension  zu  verschaffen. 

Vom  Jahre  1875  an  hat  er  der  Legung  unterirdischer  Kabel  seine 
Aufmerlcsamkeit  zugewendet  und  seine  Thatigkeit  in  dieser  Beziehung  ist  be- 
sonders  bemerkenswerth,  weil  er  die  Anregung  gegeben  hat,  dass  der  deutsche 
Gewerbefleiss  sich  dieser  Thatigkeit  bemachtigt  und  darin  grosse  Erfolge  er- 
zielt  hat. 

Wirthschaftliche  und  technische  Erfolge  zu  erzielen  ist  verdienstlich,  aber 
es  gentigt  flir  den  Leiter  einer  grossen  Verwaltung  nicht.  Er  muss  auch  den 
finanziellen  Erfolg  im  Auge  haben.  Der  Techniker  gleicht  nur  all  zu  oft 
dem  verliebten  Thoren,  der  Sonne,  Mond  und  alle  Sterne  dem  Liebchen  zu 
Liebe  verpufft.  St.  war  ein  guter  Finanzmann;  er  hat  stets  darauf  gehalten, 
dass  die  Post  grosse  und  wachsende  Ueberschiisse  abwarf.  Er  hat  es  nicht 
aus  fiskalischer  Engherzigkeit,  sondern  der  Sache  zu  Liebe  gethan.  Er  fand 
in  der  finanziellen  Eintraglichkeit  die  sichere  Gew&hr  dafUr,  dass  er  mit  Fort- 
schritten  stets  fortfahren  konne.  Er  war  ein  Anh&nger  des  Satzes:  Qui  va 
sano  va  lontano.  Und  hier  ist  es  an  der  Zeit,  eine  Betrachtung  einzu- 
schieben. 

St.  hat  den  HOhepunkt  seiner  Popularit&t  (iberlebt.  Es  wurden  ihm  Vor- 
wiirfe  gemacht,  dass  er  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  stillgestanden  sei. 
Diese  Vorwiirfe  haben  ihn  gekrankt,  vielleicht  sogar  verbittert.  Waren  sie 
auch  in  der  Sache  begrtindet  gewesen,  so  wurden  sie  doch  in  einer  Form 
vorgetragen,  welche  die  Dankbarkeit  ftir  frlihere  Verdienste  vergessen  Hess. 
Die  demagogische  Richtung  hatte  sich  der  Sache  bemachtigt. 

Es  sind  drei  Falle  denkbar.  Entweder  die  Vorwiirfe  waren  begrtindet 
und  St.  hat-  dem  Alter  durch  Abnahme  seiner  Energie  einen  Zoll  bezahlt. 
Oder  der  Vorwurf  war  zwar  begriindet,  aber  an  die  falsche  Adresse  gerichtet. 
St.  hat  die  Absicht  gehabt,  weiter  vorwarts  zu  gehen,  hat  aber  bei  der  Finanz- 
verwaltung  Schwierigkeiten  gefunden.  Oder  drittens  die  Vorwiirfe  waren  auch 
in  der  Sache  unbegriindet.  Alles  in  der  Welt  hat  seine  Zeit,  Verschieben  hat 
seine  Zeit  und  Verschnaufen  hat  auch  seine  Zeit.  St.  hat  die  Ueberzeugung 
gewonnen,  dass  es  an  der  Zeit  sei,  mit  grftsseren  Maassregeln  fttr  eine  Zeit 
lang  innezuhalten ;  an  kleineren  Verbesserungen  hat  es  bis  zum  letzten  Augen- 
blick  nicht  gefehlt.  Welche  dieser  drei  Annahmen  die  richtige  sei,  ist  eine 
Frage,  die  noch  nicht  spruchreif  ist;  ich  neige  mich-  personlich  der  letz- 
teren  zu. 

Ich  gehe  nun  weiter.  Es  ist  kurz  skizzirt,  was  St.  im  Innern  geleistet 
hat;  nun  ist  zu  zeigen,  wie  er  die  von  ihm  gehegten  Grundsatze  auf  weitere 
Kreise  tibertragen  hat.  Der  kosmopolitische  Postmann  erheischt  eine  Be- 
trachtung. 

Am  17.  Juli  1866  rlickte  er  mit  den  siegreichen  preussischen  Truppen  in 
Frankfurt  ein,  belegte  die  Geschaftsbticher  und  Akten  der  Thurn-  und  Taxis- 
schen  Post  mit  Beschlag  und  schuf  so  die  Grundlage  ftir  Verhandlungen, 
welche  damit  abschlossen,  dass  die  Taxissche  Post  aufgehoben,  im  Wege  des 
Vertrages  abgelost  und  mit  der  Preussischen,  nunmehr  Deutschen  Post  ver- 
schmolzen  wurde.  Die  Posteinrichtungen,  welche  im  Jahre  1516  FUrst  Fran- 
cesco de  Taxis  geschaffen,  waren  einst  ein  gut  Stuck  Fortschritt  gewesen; 
nunmehr  waren  sie  zum  Abbruch  reif.  Die  Verschmelzung  der  Post  von 
Schleswig-Holstein  und  von  Hannover  mit  der  Preussischen  machte  auch 
mancherlei  Arbeit;    iiberall    fand    man  Verschiedenheiten    der  Organisationen 


von  Stephan.  201 

und  Instruktionen,  die  mit  kraftiger  Hand  ausgeglichen  wurden;  die  Kronung 
des  Werkes  war  aber  doch,  als  nach  abgeschlossenem  Vertrage  die  Taxissche 
Post  ihre  Thatigkeit  einstellte  und  nunmehr  fiir  den  norddeutschen  Bund  nur 
eine  einzige  Postinstitution  bestand.  Der  Abschluss  dieses  Vertrages,  den  St. 
noch  als  vortragender  Rath  vollzog,  bahnte  ihm  den  Weg  zu  seinen  hoheren 
Stellungen.  Sie  war  sein  Gesellenstiick ,  das  wohl  fiir  ein  Meisterstuck  hatte 
gelten  konnen,  wenn  er  es  nur  daftir  hatte  gelten  lassen  wollen. 

Bald  darauf  gab  es  neue  Arbeit.  Im  Jahre  1872  wurde  die  Badische 
Post  und  im  Jahre  1875  die  elsassisch-lothringische,  die  auf  den  zwar  guten, 
aber  vollig  abweichenden  franztisischen  Einrichtungen  beruhte,  mit  der  deut- 
schen  verschmolzen. 

Doch  Alles  das  war  nur  Vorbereitung  fiir  das  nahe  Meisterstiick,  fiir  den 
Abschluss  des  Weltpostvertrages. 

Am  15.  September  1874  trat  in  Bern  die  Conferenz  zusammen,  die  den 
Grundstein  zu  diesem  grossen  Werke  legte.  Am  9.  Oktober  desselben  Jahres 
wurde  der  Vertrag  geschlossen,  durch  den  der  Allgemeine  Postverein  ge- 
giiindet  wurde.  St.  hatte  es  vorbereitet  und  durch  alle  Schwierigkeiten  hin- 
durchgefuhrt.  Auf  den  Postkongressen  in  Paris  (1878),  Lissabon  (1885), 
Wien  (1890),  Washington  (1897)  wurde  es  fortgeftihrt.  Auf  dem  letzteren 
schlossen  sich  die  letzten  Staaten,  die  kultivirt  genug  sind,  um  tiberhaupt 
eine  Post  zu  haben,  dem  Weltpostverein  an.  St.  hat  es  nicht  mehr  erlebt, 
aber  vorausgesehen.  Es  ist  der  erste  Vertrag,  der  die  ganze  gesittete  Welt 
umspannt,  ein  Vertrag,  der  so  lose  ist,  dass  ihn  jeder  einzelne  Staat  in  jedem 
Augenblick  mit  Jahresfrist  kiindigen  darf  und  doch  so  fest,  dass  ihn  nie  ein 
Staat  kiindigen  wird.  Er  lasst  jedem  Staate  die  vollstandigste  Freiheit  der 
Verwaltung  und  bindet  ihn  nur  an  wenige  Grundsatze,  die  ihm  selbst  zum 
Vortheil  gereichen.  Er  schafft  einen  Posttarif,  der  fiir  die  ganze  Welt  gilt 
und  nur  wenige  Zeilen  umfasst,  wahrend  fiinfzig  Jahre  friiher  der  Posttarif 
fiir  Deutschland  allein  einen  dicken  Band  bildete. 

Die  Post  bedarf,  um  ihrer  Aufgabe  gerecht  zu  werden,  gewisser  Mittel 
und  diese  Mittel  wachsen  mit  ihren  grosseren  Zielen.  Sie  bedarf  eines  Rechts, 
auf  dem  sie  fusst,  bedarf  der  Beamten  und  der  Gebaude. 

Das  Postrecht  beruht  auf  dem  Reichsgesetze  vom  28.  Oktober  1871, 
einem  iiberaus  trefflichen  Gesetze,  von  dem  man  mit  Bedauern  sehen  muss, 
dass  kaum  ein  Jahr  nach  St.'s  Tode  an  seinen  Grundlagen  geriittelt  wird, 
um  einen  gesunden  privaten  Gewerbebetrieb  aus  fiskalischen  Griinden  zu  ver- 
nichten.  St.  hatte  den  Grundsatz,  Nichts  fiir  die  Post  in  Anspruch  zu  nehmen, 
was  Private  besser  konnen  als  sie  und  so  liess  er  den  lokalen  Briefverkehr 
jenen  Privatunternehmungen.  Er  scheute  sich  dagegen  nicht,  Regalien  fiir 
die  Post  in  Anspruch  zu  nehmen,  wo  er  sie  fiir  nothwendig  hielt  und  das 
war  in  Beziehung  auf  das  Telegraphenwesen  in  sehr  umfassender  Weise  der 
Fall.  Seine  Forderungen  wurden  durch  des  Gesetz  iiber  das  Telegraphen- 
wesen am  6.  September  1892  erfiillt.  Die  einzelnen  erganzenden  Gesetze  und 
Reglements  hier  aufzufiihren  liegt  ausserhalb  der  gestellten  Aufgabe. 

Seinen  Beamtenstand  suchte  er  in  jeder  Weise  zu  heben.  Einerseits 
stellte  er  hohe  Anforderungen  an  die  Vorbildung  der  hoheren  Beamten;  an- 
dererseits  liess  er  sich  die  Verbesserung  der  Gehiilter  und  die  SchafTung  von 
Wohl fahrtsanstal ten  angelegen  sein.  Krankenkassen,  Unterstutzungskassen,  Ver- 
sorgungsanstalten  fiir  Waisen,  Rentenversicherungen,  Konsumvereine  und  ahn- 
liche  Anstalten    sind    durch    ihn   in   grosser  Anzahl    angeregt    und   zum  Theil 


202  von  Stephan. 

geschaffen  worden.  Ob  er  dabei  hin  und  wieder  zu  weit  gegangen  ist,  bleibt 
eine  offene  Frage.  FUr  die  wissenschaftliche  Hebung  schuf  er  eine  Post- 
und  Telegraphenschule  und  eine  Postbibliothek.  Die  Criminalitat  der  Post- 
beamten  hat  sich  unter  seiner  Verwaltung  in  aufialliger  Weise  vermindert.  Er 
hat  einen  Stamm  von  hoheren  Postbeamten  geschaffen,  der  im  Stande  ist, 
sein  Werk  in  seinem  Geiste  fortzufiihren ,  vorausgesetzt,  dass  nicht  storende 
Elemente  eindringen.  Auf  der  anderen  Seite  hielt  er  auf  sehr  strenge  Disciplin 
und  war  der  Ausubung  des  Vereins-  und  Petitionsrechts  durch  seine  Beamten 
abgeneigt.  Die  Zeit  muss  dartiber  entscheiden,  ob  er  nicht  auch  in  dieser 
Beziehung  Recht  gehabt  hat.  Viele  einzelne  ZUge  werden  von  ihm  angefuhrt, 
aus  denen  hervorgeht,  dass  er  gegen  Beamte,  die  zwar  gegen  eine  Vorschrift 
verstossen  hatten,  aber  doch  mildernde  Umstande  anflihren  konnten,  die  ver- 
diente  Milde  walten  Hess. 

Eine  erstaunlich  umfassende  Thatigkeit  entwickelte  er  auf  dem  Gebiete 
des  Postbauwesens.  Es  sind  unter  seiner  Verwaltung  280  Postgebaude  des 
Reichs  mit  einem  Kostenaufwande  von  115  Millionen  Mark  hergestellt  worden. 
Sein  oberster  Grundsatz  dabei  war,  dass  die  Post  ftir  ihre  Thatigkeit  ge- 
niigenden,  auch  ftir  absehbare  Zukunft  ausreichenden  Raum  haben  miisse. 
Daran  schloss  sich  die  zweite  Forderung,  dass  die  Raume  zweckentsprechend 
und  der  Gesundheit  nicht  nachtheilig  seien.  Die  dritte  Forderung  war  die, 
dass  die  Gebaude  solide  und  dauerhaft  aufgefiihrt  seien  und  daran  schloss 
sich  die  vierte,  dass  sie  so  schdn  seien,  als  sich  ohne  wesentliche  Verletzung 
von  GrundsaUen  der  Sparsamkeit  ermoglichen  lasse.  Wenn  diese  vier  Grund- 
satze  allgemein  anerkannt  wurden,  so  stiess  der  fiinfte  auf  Widerspruch,  dass 
es  unter  Umstanden  Nichts  schadet,  wenn  zur  Erzielung  der  Schtmheit  auch 
gewisse  finanzielle  Opfer  gebracht  wurden. 

Von  klinstlerischer  Seite  ist  in  der  lebhaftesten  Weise  anerkannt  worden, 
dass  die  Postbauten  sich  durch  die  Abwesenheit  jeder  Monotonie  rtihmlich 
auszeichnen.  Sie  schliessen  sich  in  jeder  Stadt  dem  dort  herrschenden  Baustil 
an  und  jedes  Gebaude  tragt  einen  individuellen  Charakter.  Er  war  nicht 
abhangig  von  den  Vorschlagen  seiner  Baurathe,  sondern  verwarf  deren  Ent- 
wiirfe,  nothigenfalls  mehrere  Male,  wenn  sie  seinen  Ansprtichen  nicht  geniigten. 

Er  hat  heftige  Kampfe  im  Reichstage  aus  finanziellen  und  ausserhalb 
desselben  aus  asthetischen  Grtlnden  zu  bestehen  gehabt,  aber  es  lasst  sich 
wohl  abschliessend  jetzt  schon  das  Urtheil  fallen,  dass  er  auf  der  ganzen 
Linie  Sieger  geblieben  ist. 

Die  Besprechung  der  Postbauten  hat  von  selbst  dazu  geftihrt,  zu  be- 
merken,  dass  die  Post  als  ein  wesendiches  Culturelement  Beziehungen  zur 
Kunst  hat.  St.  war  eine  kiinstlerisch  empfangliche  Natur;  er  Ubte  und  liebte 
die  Musik,  sammelte  mit  Geschmack  alte  Bilder,  Hess  sich  bei  Tischreden 
oder  sonstigen  Gelegenheiten  in  Versen  gehen  und  hat  dann  auch  unter  dem 
Namen  eines  »Poststammbuches«  eine  Sammlung  von  Gedichten  und  Auf- 
satzen  zu  Stande  gebracht,  die  sich  auf  die  Post  beziehen. 

Als  ein  Culturelement  hat  die  Post  aber  auch  Beziehungen  zurW  is  sense  haft 
und  diese  hat  St.  in  der  ernstesten  Weise  gepflegt.  Die  Bedeutung,  welche  die 
Verkehrseinrichtungen  ftir  das  Culturleben  der  Menschheit  haben,  hat  er  im 
Geiste  zu  jeder  Zeit  erwogen.  In  einem  gedruckt  vorliegendenVortrage  (iber  »  Welt- 
post  und  Luftschiffahrt«  hat  er  eine  der  entziickendsten  Plaudereien  geschaffen, 
die  je  geschrieben  sind.  Von  dem  Augenblicke  an,  wo  Jemand  zum  ersten 
Male  ein  Pferd  bestieg,  oder  einen  Baumast  als  Schleife  brauchte,  bis  zu  dem 


von  Stephan.  203 

zuktinftigen  Zeitpunkt,  wo  das  lenkbare  Luftschiff  die  heute  iiblichen  Ver- 
kehrsmittel  ersetzt,  geht  eine  Reihe  von  bunten  Bildern  an  unserem  Auge 
vortiber.  Eine  Ftille  von  Anekdoten,  geschichtlichen,  sprachlichen,  natur- 
wissenschafdichen  Belehrungen  fluthet  tiber  uns  her.  Man  hat  den  Eindruck, 
dass  ein  Mann,  der  vor  einer  reich  versehenen  Speisekammer  steht,  aus  der- 
selben  nur  eben  so  viel  herausnimmt,  dass  er  uns  ein  Friihsttick  vorsetzen  kann, 
welches  den  Appetit  zum  Mittagessen  reizt. 

Zwei  langere  Abhandlungen  besprechen  »das  Verkehrsleben  im  Alterthum« 
und  »das  Verkehrsleben  im  Mittelalter«.  Sie  beschranken  sich  nicht  auf  das 
Gebiet  der  Verkehrseinrichtungen,  sondern  ktinnen  als  ein  Abriss  der  Han- 
delsgeschichte  betrachtet  werden.  Von  Philologen  und  Historikern  sind  sie 
als  mustergiltige,  auf  Quellenstudium  beruhende  Werke  bezeichnet  worden. 

Mehr  als  achthundert  Seiten  ftillt  seine  »Geschichte  der  Preussischen 
Post«,  die  durchweg  archivalisches  Material  erschlossen  hat  und  von  Roscher 
als  ein  hervorragendes  Werk  auf  dem  Gebiete  der  Nationalokonomik  be- 
zeichnet wurde. 

Zur  Untersttitzung  der  wissenschaftlichen  Erforschung  der  Verkehrsge- 
schichte  schuf  er  in  Berlin  das  Postmuseum,  eine  Sammlung  von  Gegen- 
standen  jeder  Art,  die  auf  einen  Zweig  der  Post  oder  Telegraphie  Bezug 
haben.  Modelle  von  Posthausern  und  Maschinen,  Apparate,  Abbildungen, 
Briefmarken,  Originale  alter  Briefe  und  andere  Dinge  sind  hier  systema- 
tisch  vereinigt.  Die  Sammlung  steht  ohne  Gleichen  da  und  hat  vielen  Neid 
erregt. 

Die  Beschaftigung  mit  anderen  Formen  des  Verkehrs  als  Post  und  Tele- 
graphie konnte  einem  Manne  wie  St.  nicht  fern  bleiben.  Der  Dampfschiff- 
fahrt  hat  er  dadurch  Vorschub  geleistet,  dass  er  zunachst  deutsche  Dampf- 
schiffe  mit  der  Beforderung  der  deutschen  Post  betraute  und  sodann  die 
deutschen  Dampferverbindungen  mit  Afrika,  Ostasien  und  Australien,  denen 
er  eine  staatliche  Subvention  verschaffte,  in  das  Leben  rief. 

Mit  dem  Eisenbahnwesen  hat  er  sich  anhaltend  in  der  Weise  beschaftigt, 
dass  er  President  der  Eisenbahncommission  des  Herrenhauses  war.  Es  war 
ein  Lieblingsgedanke  von  ihm,  dass  sich  die  Eisenbahnverwaltung  in  einer 
Weise  mtlsse  gestalten  lassen,  die  der  Post-  und  Telegraphenverwaltung  sehr 
ahnlich  sei,  am  liebsten  sich  mit  ihr  verschmelzen  lasse.  Allem  Anschein 
nach  hatte  Ftirst  Bismarck  in  einem  bestimmten  Zeitpunkte  an  ihn  be- 
stimmte  Erwartungen  gekniipft,  denen  zu  entsprechen  er  sich  bemtihte. 
Es  kam  dann  wohl  zu  der  auffallenden  Erscheinung,  dass  der  Staats- 
minister,  der  die  Eisenbahnverwaltung  zu  leiten  hatte,  von  einem  Mitgliede 
der  Staatsregierung,  das  nicht  als  solches,  sondern  in  der  Rolle  eines  unver- 
antwortlichen  Mitgliedes  des  Herrenhauses  auftrat,  sehr  heftig  angegrifFen 
wurde.  Es  scheint  indessen,  als  habe  St.  allmahlich  die  Ueberzeugung  ge 
wonnen,  dass  seine  das  Eisenbahnwesen  betreffenden  Plane  noch  nicht  hin- 
reichend  ausgereift  seien,  und  er  hat  Abstand  davon  genommen,  sie  weiter 
zu  verfolgen. 

Ehe  wir  von  der  Thatigkeit,  die  er  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrswesens 
entfaltete,  Abschied  nehmen,  haben  wir  noch  einer  Schopfung  zu  gedenken, 
die  St.  nicht  ftir  die  Dauer,  sondern  fiir  einen  vortibergehenden  Zweck  in 
das  Leben  rief,  die  aber  hohe  Bewunderung  erregt  hat;  es  war  die  Feldpost. 
Noch  niemals  hatte  ein  kampfendes  Heer  mit  der  Heimath  in  so  ununter- 
brochener  und  enger  geistiger  Verbindung  gestanden,  als  dies  dem  deutschen 


204  von  Stcphan. 

Heer  wahrend  des  franzosischen  Krieges  beschieden  war.  Es  ist  kein  Zweifel, 
dass  diese  enge  Verbindung  den  Muth  und  die  Stimmung  der  Truppen 
wesentlich  gehoben  hat,  und  diese  Leistungen  sind  denn  auch  im  Reichstage 
und  an  anderen  Stellen  als  ein  Element  des  Sieges  gewtirdigt  worden. 

Man  steht  nicht  ein  Menschenalter  hindurch  an  der  Spitze  eines  grossen 
Verwaltungszweiges,  man  erhalt  nicht  den  Titel  eines  Staatsministers,  wird 
nicht  Mitglied  des  Staatsraths  und  des  Herrenhauses,  ohne  zugleich  zum 
Politiker  zu  werden. 

Er  hatte  es  in  noch  umfassenderer  Weise  sein  konnen,  als  er  es  war. 
Als  Bismarck  im  Jahre  1879  nach  der  Endassung  Camphausen's  einen  Finanz- 
minister  suchte,  mit  welchem  er  die  Ideen  seiner  neuen  Wirthschaftspolitik 
durchfuhren  konnte,  wurde  das  Portefeuille  auch  St.  angeboten.  Ebenso  war 
mehrfach  davon  die  Rede,  ihn  im  diplomatischen  Dienst  zu  verwenden  und 
jedenfalls  ware  er  den  ihm  gestellten  Aufgaben  gerecht  geworden.  Seine 
Sprachkenntnisse  befahigten  ihn  ebenso  dazu  wie  die  Gewandtheit,  die  er  im 
Abschluss  von  Postvertragen  bewiesen  hatte.  Er  zog  es  vor,  Erster  im  Post- 
fach  als  Zweiter  in  der  Diplomatic  zu  sein. 

Kein  anderer  Staatsmann  hat  sich  auch  nur  annahernd  so  lange  neben 
dem  Fiirsten  Bismarck  auf  seinem  Posten  erhalten.  Man  kann  das  nicht 
darauf  zuriickflihren,  dass  Bismarck  mit  Allem,  was  St.  gethan,  einverstanden 
gewesen  ware.  Im  Gegentheil,  er  hat  einmal  im  Reichstage  erklart,  es  ge- 
schehe  bei  der  Post  manches,  was  seinen  Ueberzeugungen  zuwiderlaufe,  aber 
er  vermoge  es  nicht  zu  andern.  Das  deutet  darauf,  dass  St.  mit  diplomati- 
schem  Geschick  verstanden  hat,  sich  auf  seinem  Posten  zu  erhalten.  Ueber 
politische  Fragen,  die  sein  Amt  nicht  beriihrten,  hat  er  sich  nicht  ausge- 
sprochen.  Er  war  wohl  schwerlich  auf  irgend  ein  Parteiprogramm  einge- 
schworen;  vor  eigentlich  reactionaren  Velleitaten  schtitzte  ihn  seine  Bildung 
und  seine  Erziehung.  Aus  seinen  Schriften  geht  hervor,  dass  er  in  kirch- 
licher  Beziehung  auf  einem  zwar  frommen,  aber  doch  auch  freien  Standpunkte 
stand.  Die  Bibel  und  das  Evangelium,  aber  nicht  das  Dogma  waren  ihm  an 
das  Herz  gewachsen. 

Im  Jahre  1869  wohnte  er  der  Eroflhung  des  Suezkanals  bei.  Die 
damalige  Reise  hat  als  Frucht  eine  Schrift  uber  das  heutige  Aegypten  hervor- 
gebracht,  die  ein  merkwlirdiges  Zeugniss  fur  die  umfassende  Bildung  des  Ver- 
fassers  liefert.  Er  schildert  Land  und  Volk,  Landwirthschaft  und  Agrarver- 
fassung,  Regierung  und  Verwaltung,  Finanzen,  Cultus  und  Justiz,  Handel, 
Verkehr  und  Industrie.  Das  stoffreiche  Buch  konnte  nur  in  Nebenstunden 
hingeschrieben  werden,  wahrend  der  Verfasser  mit  Amtsgeschaften  schwer 
belastet  war.  Es  ist  ein  Menschenalter  seitdem  vergangen,  und  Aegypten 
hat  seitdem  eine  reiche  Geschichte  —  erlitten.  Die  statistischen  Notizen  sind 
zum  Theil  veraltet.  Und  dennoch  ist  das  Buch  wegen  des  weiten  Blickes, 
den  es  bekundet,  heute  noch  nicht  allein  lesbar,  sondern  auch  unterrichtend. 
Und  vor  alien  Dingen  liefert  es  einen  Beweis  daflir,  wie  St.  zu  sehen  ver- 
stand.  Fur  die  Sitten  des  Volkes,  fiir  die  EigenthUmlichkeiten  der  Flora  und 
der  Fauna,  fiir  Bodenverhaltnisse  und  Gebirgsformationen  findet  sich  das 
gleiche  Verstandniss  und  die  gleich  sichere  Herrschaft  Uber  die  Elemente 
des  Wissens,  welche  es  ermoglicht,  den  Vorrath  der  Kenntnisse  zu  erweitern. 

St.  war  ein  Meister  der  Sprachen,  der  fremden  wie  der  deutschen.  Bei 
einem  Festmahl  hat  er  eine  Ansprache,  die  er  hielt,  in  den  Idiomen  aller 
dort    vertretenen  Volker    wiederholt.     Von  frlih  auf  hat  er  die  Fertigkeit  im 


yon  Stepban.  205 

mtindlichen  und  schriftlichen  Gebrauch  der  lebenden  Sprachen  getibt.  Um 
die  deutsche  Sprache  hat  er  sich  ein  Verdienst  als  deren  Reiniger  erworben. 
Die  Frage  nach  der  Berechtigung  der  Fremdworter  ist  eine  solche,  deren 
vollstandig  befriedigende  Losung  nie  gelingen  wird.  Die  Erfahrung  spricht 
daftir,  dass  St.  das  rechte  Maass  getroffen  hat.  Er  hat  Fremdworter  beibe- 
halten,  fiir  welche  er  einen  guten  Ersatz  nicht  fand,  und  fur  diejenigen,  die 
er  beseitigte,  haben  die  Ersatzwtirter  sich  eingelebt.  Das  Beispiel,  das  er 
gegeben  hat,  wurde  in  anderen  Verwaltungszweigen,  zunachst  in  Eisenbahn 
und  Rechtspflege,  nachgeahmt.  Die  eigenen  Schriften,  welche  wir  von  ihm 
besitzen,  geben  ihm  das%Recht,  den  besten  deutschen  Stilisten  neuerer  Zeit 
zugezahlt  zu  werden. 

St.  war  ein  eifriger  Jager.  Im  Herrenhause  wurde  er  einst  zum  Bericht- 
erstatter  gewahlt,  als  ein  neues  Jagdgesetz  berathen  wurde.  Es  war  das  ein- 
zige  Mai,  dass  er  als  Redner  in  einer  Frage  aufgetreten  ist,  die  seinem 
eigentlichen  Beruf  so  vollstandig  fern  lag.  Es  lag  ein  eigenthtimlicher  Humor 
darin,  dass  das  Herrenhaus  ihn  zum  Berichterstatter  gewahlt  hatte,  denn 
einige  Jahre  zuvor  hatte  Graf  Briihl  bei  seinen  Standesgenossen  bewegliche 
Klage  dartiber  geftihrt,  dass  man  bei  dem  edlen  Jagdvergnugen  so  haufig 
durch  »Kramer,  Juden,  Postschreiber  und  derartige  unangenehme  GesellschafU 
belastigt  werde.  Und  nun  musste  das  Herrenhaus  der  Postschreiber  Obersten 
als  die  geeignetste  Person  herausfinden,  um  Bericht  zu  erstatten  Uber  eine 
Angelegenheit,  die  ihm  vor  allem  wichtig  war.  St.  betonte,  dass  bei  alien 
germanischen  Nationen  das  Jagdhandwerk  als  ein  Kraftzusatz  aufgefasst  wor- 
den  sei.  Selbstverstandlich  war  er  kein  Sonntagsjager.  Seine  Stellung  brachte 
ihm  den  Vortheil,  dass  er  iiberall  dort  eingeladen  wurde,  wo  die  Jagd  ein 
besonderes  Interesse  gewahrte.  Die  Geschichtsforschung  hat  den  Tag  auf- 
gezeichnet,  an  welchem  er  seine  erste  Gemse  geschossen  hat;  es  war  der 
31.  Juli   1882. 

Unter  den  Mannern  friedlicher  Arbeit,  die  sich  um  den  Kaiser  Wilhelm  I. 
gesellt  hatten,  nimmt  St.  ohne  Frage  die  erste  Stelle  ein.  Er  hinterlasst  ein 
Werk,  das  unverganglicher  ist  als  Erz.  Den  Lorbeer  flir  die  kriegerischen 
Thaten  eines  Bismarck  oder  Moltke  zollt  das  Volk,  dem  sie  zum  Vortheil 
gedient  haben;  der  Schopfer  des  Weltpostvereins  hat  fiir  die  Menschheit  ge- 
arbeitet  und  deren  Dank  verdient. 

Ueber  die  Bedeutung  seines  Werkes  hat  sich  St.  selbst  mit  der  gezie- 
menden  Mischung  von  Stolz  und  Bescheidenheit  ausgesprochen.  Er  hat  die 
giinstigen  Zeitumstande  betont,  die  seinen  Absichten  entgegenkamen.  Es  ist 
gewiss,  dass  der  Mensch  Wind  und  Strom  nicht  schaffen,  sondern  nur  fiir 
seine  Werke  benutzen  kann.  Flinfzig  Jahre  fhiher  hatte  der  genialste  Mann 
an  solche  Plane,  wie  St.  sie  ausgefiihrt,  nicht  einmal  denken  konnen.  Aber 
umgekehrt,  die  Gunst  der  Zeit  ntitzt  nichts,  wenn  nicht  Jemand  da  ist,  der 
sie  auszubeuten  versteht.  Reformen  im  Postwesen  hatten  sich  am  Ende  auch 
vollzogen,  wenn  ein  St.  nie  gelebt  hatte;  vielleicht  ware  es  sogar  auch  einmal 
zu  einem  Weltpostverein  gekommen.  Aber  Alles  hatte  sich  langsamer  und 
in  unsicherer  Weise  vollzogen.  Die  Zeit  hat  St.  ihre  voile  Gunst  gewahrt, 
aber  auch  er  ist  ihr  nichts  schuldig  geblieben. 

Man  darf  wohl  sagen,  dass  er  ein  providentieller  Mann  war.  Sein  Bil- 
dungsgang,  die  Eigenthtimlichkeit  seiner  geistigen  Veranlagung  war  erforder- 
lich,  um  eine  so  grosse  Kraft  concentrirt  auf  den  Einen  Punkt  zu  richten, 
wie    man   die  Hemmnisse  des  Verkehrs  beseitigen  konne,    den  zu  heben  die 


206  von  Stepban. 

vornehmste  Aufgabe  unserer  Zeit  sei.  Als  das  Werk  der  deutschen  W£h- 
rungsreform  einmal  in  das  Stocken  gerathen  war,  rief  Bamberger  aus,  er  sehne 
sich  nach  einem  Mtinz-Stephan.  So  sehr  war  schon  den  Zeitgenossen  der 
Name  St.  zu  einem  Typus  geworden. 

Er  ist  grossen  Zielen  nachgegangen,  deren  Erreichung,  als  sie  zuerst 
ausgesprochen  wurden,  unerreichbar  erscheinen  mochten.  Und  dennoch  ist  er 
ein  ntichterner  Realist  gewesen,  der  stets  seine  Krafte  wohl  erwogen  hat  und 
darum  vor  Fehlschlagen  bewahrt  geblieben  ist.  Er  hat  eben  so  wenig  ge- 
rastet,  als  sich  jemals  ubereilt.  Er  hat  auf  dem  Gebiete,  das  er  beherrschte, 
mit  einer  Selbstandigkeit  gehandelt,  die  sich  vor  jedem  Eingriff  zu  htiten 
wusste,  und  hat  der  Versuchung  widerstanden,  sich  in  andere  Gebiete  einzu- 
mischen,  in  denen  er  vielleicht  auch  Tiichtiges,  aber  nichts  Unwidersprech- 
bares  geleistet  hatte. 

Er  verstand  es  nicht  allein,  gute  Gedanken  zu  fassen,  sondern  sie  auch 
zu  vertheidigen.  Er  war  im  Reichstage  einer  der  schlagfertigsten  und  erfolg- 
reichsten  Redner.  Er  hat  jeden  Widerstand,  der  ihm  entgegengesetzt  wurde, 
liberwunden  und  hat  wahrscheinlich  an  anderen  Stellen  manchen  Widerstand, 
der  sich  nicht  offentlich  bemerkbar  machen  wird,  gleichfalls  iiberwunden. 
Eine  starke  Dosis  Humor  kam  ihm  zu  statten.  Noch  mehr  aber  entfaltete 
sich  dieser  Humor,  wo  er  sich  mit  der  Polemik  nicht  zu  paaren  hatte.  Seine 
Tischreden  waren  bertihmt;  auf  poetische  Anreden  oder  Zuschriften  hatte  er 
die  Erwiderungsrede  sofort  bereit. 

Zu  seiner  reichen  geistigen  Veranlagung  gesellte  sich  eine  gliickliche 
Korperbeschaffenheit.  Ein  schlanker  und  dabei  doch  muskuloser  Korper,  eine 
tiefbraunliche  Gesichtsfarbe,  die  auf  Wetterfestigkeit  deutete,  liessen  ihn  als 
ein  Urbild  der  Gesundheit  erscheinen.  Er  war  jeder  Anstrengung,  nament- 
lich  auch  auf  Reisen,  gewachsen.  Wie  im  Voriibergehn  nahm  er  haufig  die 
Revision  eines  Postamts  vor,  und  seinem  scharfen  Blicke  offenbarten  sich 
sofort  alle  Schwachen. 

Und  doch  war  diese  Gesundheit  weniger  dauerhaft  als  sie  versprach.  Es 
hatte  sich  eine  Zuckerkrankheit  eingeschlichen,  die  dadurch  verschlimmert 
wurde,  dass  der  Kranke  sich  keine  Schonung  gOnnte.  Ende  1896  hatte  er 
sich  bei  dem  Ausschneiden  eines  Huhnerauges  eine  unbedeutende  Wunde  an 
einer  Zehe  zugezogen,  die,  wie  dies  bei  Zuckerkranken  haufig  vorkommt, 
nicht  wieder  verheilen  wollte.  Vom  28.  bis  zum  30.  Januar  1897  hatte  er  im 
Reichstage  in  anstrengenden  Debatten  seinen  Etat  zu  vertreten.  Am  22.  Februar 
wurde  ihm  die  erkrankte  Zehe  operirt,  und  am  3.  April  folgte  die  Amputation 
des  rechten  Unterschenkels.  Der  Kranke  hatte  bis  zum  letzten  Augenblick 
Amtsgeschafte  erledigt,  dabei  sich  den  arztlichen  Anordnungen  ohne  Wider- 
spruch  geftigt  und  eine  heitere,  sogar  vertrauensvolle  Stimmung  bewahrt. 
Am  8.  April  machte  der  Brand  seinem  Leben  ein  Ende.  »Die  Welt  hat  ihn 
verlorenU  sagte  Kaiser  Wilhelm  II.  an  seinem  Sarge. 

Schriften.  Geschichte  der  Preussischen  Post  von  ihrem  Ursprunge  bis 
zur  Gegenwart.  Berlin  1859.  Leitfaden  flir  schrifdiche  Arbeiten  im  Post- 
fache.  Berlin  1859.  (Genannt:  Der  kleine  Stephan.)  Verschiedene  Artikel 
tiber  Postwesen  in  der  dritten  Auflage  von  Rotteck  und  Welcker's  Staats- 
lexikon.  Leipzig  1 864  fgg.  Das  Verkehrsleben  im  Alterthum.  (In  Raumer's 
historischem  Taschenbuch  fiir  1868.  Leipzig.)  Das  Verkehrsleben  im  Mittel- 
alter.  (In  demselben  fiir  1869.)  Der  Suezkanal  und  seine  Eroffhung.  Zwei 
Artikel.      (In    Unsere  Zeit,    Jahrgang    1870.)      Die    Weltverkehrsstrassen    zur 


von  Stephan.     Einsle.  207 

Verbindung  des  Atlantischen  und  Stillen  Oceans,  (Ebenda.)  Das  heutige 
Aegypten.  Leipzig  1872.  Weltpost  und  Luftschiffahrt.  Berlin  1874.  Post- 
stammbuch.  Berlin  1875.  ^*e  Fremdworter,  Vortrag,  gehalten  im  wissen- 
schaftlichen  Verein.  Berlin  1877.  Das  Reichspostgebiet.  Berlin  1878.  (Topo- 
graphisch-statistisches  Handbuch.)  Die  Post  im  Reiche  der  Ltifte.  (In: 
O.  Verederius,  Das  Buch  von  der  Weltpost.  Berlin  1885.)  Orient  1891. 
Berlin  1896.  Eine  sehr  grosse  Anzahl  von  ktirzeren  Aufsatzen  und  Abhand- 
lungen  sind  in  den  verschiedensten  Zeitschriften,  meist  ohne  Angabe  des 
Verfassers,  erschienen.  Audi  wird  eine  Sammlung  von  lyrischen  Gedichten, 
die  nur  ftir  Freunde  gedruckt  ist,  und  manche  ungedruckte  Abhandlung  er- 
wahnt. 

Biographisches.  Das  werthvollste  Material  enthalt  die  unter  dem  Titel  >Unter 
dem  Zeichen  des  Verkehrs<c  anonym  erschienen e  Schrift,  Berlin  1895.  Sie  ist  von  zwei 
Beam  ten  des  Reichspostamts  abgefasst  und  zum  flinfundzwanzigjahrigen  Jubilaum  der  Er- 
nennung  St.'s  zum  Generalpostmeister  herausgegeben.  Aus  ihr  haben  die  zahlreichen  Ne- 
krologe  geschftpft,  die  in  Zeitschriften  erschienen  sind.  Von  ihnen  m6gen  erwahnt  sein 
derjenige  von  Hennicke  in  Westermann's  Monatsheften,  der  selbstandige  Forschungen 
liber  die  Jugendzeit  des  Gefeierten  enthalt  und  derjenige  in  der  Cosmopolis,  von  dem 
Unterstaatssekretar  Fischer,  dem  n&chsten  Mitarbeiter  Stephan's.  In  Buch  form  erschien: 
Heinrich  von  Stephan,  ein  Lebensbild  von  E.  Krickeberg.  (Dresden  und  Leipzig  1897.) 
Eine  besondere  Seite  behandelt:  Weise,  Stephan  als  Waidmann.  Neudamm  1898.  Eine 
ausfiihrliche  Monographic  unter  Benutzung  des  brieflichen  Nachlasses  und  der  amtlichen 
Schriftstttcke  ist  dringend  erwUnscht. 

Alexander  Meyer. 

Einsle,  Anton,  Buchhandler,  *  1848  als  Sohn  des  bedeutenden  Portrait- 
und  Historienmalers  A.  Einsle  in  Wien,  f  ebenda  am  n.  October  1897.  —  Nach 
Absolvirung  der  Ober-Realschule  widmete  er  sich  dem  Studium  der  Chemie 
und  besuchte  das  Wiener  Polytechnicum,  trat  aber  auf  Wunsch  des  Vaters 
1868  als  Beamter  bei  der  Nordbahn  ein  und  war  als  Stationsassistent  zwei 
Jahre  in  Briinn  angestellt.  Nebenher  beschaftigte  er  sich  als  Violinist  eifrig 
mit  Musiktheorie  und  nahm,  nach  Wien  zurtickgekehrt,  Unterricht  im  Contra- 
punkt.  Nach  Ausscheidung  aus  dem  Beamtenstande  wandte  er  sich  dem 
Buchhandel  zu,  den  er  in  dem  beriihmten  Antiquariat  von  C.  Helf  in  Wien 
erlernte.  1871  eroffnete  er  mit  L.  Lang  unter  der  Firma  Lang  &  Einsle 
eine  Buchhandlung  mit  Antiquariat  in  Wien.  Er  trennte  sich  jedoch  schon 
im  folgenden  Jahre  von  seinem  Freunde  Lang,  um  in  Dresden  eine  andere 
bald  emporbluhende  Buchhandlung  zu  griinden.  Schon  1876  aber  zog  es 
ihn  in  die  Heimath  zurlick,  wo  er  mit  Erfolg  ein  neues  Geschaft  eroffnete. 
Besonderes  Vertrauen  besass  Einsle  als  Auctionator,  wie  die  von  ihm  ver- 
offentlichten  84  Auctionscataloge  beweisen,  grossentheils  die  Bibliotheken  be- 
deutender  Bibliophilen  und  Bibliomanen  umfassend.  Unermiidlich  war  er  in 
der  Bereicherung  seiner  Kenntnisse  auf  den  mit  dem  Buchhandel  in  Zusam- 
menhang  stehenden  Gebieten.  Besonders  eifrig  betrieb  er  das  Studium  der 
Kupferstichkunde  und  der  Malerei,  und  noch  als  Siebenunddreissiger  erlernte 
er  in  der  k.  k.  Lehr-  und  Versuchsanstalt  die  photographischen  Verfahren, 
auch  Lichtdruck-  und  Heliogravure,  sowie  Photolithographie.  Die  den  Druck 
ausgenommen  von  ihm  hergestellte  »Biblia  pauperum«  der  Albertina  und  sein 
»Holbein's  Totentanz«  werden  als  das  Vollendetste  auf  diesem  Gebiete  ge- 
riihmt  Diese  und  andere  seiner  photogTaphischen  Arbeiten  wurden  durch 
neun  Medaillen  anerkannt.  —  Ganz  bedeutend  war  E.  als  Bibliograph,  woftir 
seine  » Bibliographic  der  Incunabel«,  sein  »Catalogus  librorum  in  Austria  pro- 


208  Einsle.     Wasmutb.     Klinkhardt. 

hibitorum«  u.  a.  Arbeiten  Zeugniss  ablegen.  —  Gross  waren  seine  Verdienste 
um  die  Corporation  der  Wiener  Buch-,  Kunst-  und  Musikalienhandler,  sowie 
des  Vereins  der  osterreichisch-ungarischen  Buchhandler,  deren  Secretar  er  seit 
1886  war.  Er  war  ferner  Schatzmeister  des  k.  u.  k.  Oberstmarschall-Amtes 
des  Kaisers  und  des  Wiener  Handelsgerichts.  Auch  als  langjahriger  Redacteur 
der  Oesterreichisch-Ungarischen  Buchhandler-Correspondenz  beth&tigte  er  seine 
vielseitige  Arbeitskraft.  Schliesslich  ist  noch  hervorzuheben,  dass  er  1895 
und  1896  als  fortschrittlicher  Candidat  flir  den  zweiten  Wahlkorper  des  Be- 
zirkes  Innere  Stadt  in  den  Gemeinderath  gew&hlt  wurde.  E.  starb  nach 
langerem  schweren  Leiden  im  Rudolfinenhause  in  Dobling  bei  Wien. 

VergL  Friedrich  W.  Goldschmidt  im  B&rsenblatt  f.  d.  deutsch.  Buchh.  1897.  No.  237. 

H.  Ellissen. 

Wasmuth,  Ernst,  Buchhandler,  *  am  28.  M&rz  1845  *n  Regendiin  bei 
Woldenberg,  Kreis  Arnswalde,  f  3.  October  1897  zu  Wiesbaden.  —  W.  er- 
lernte  nach  dem  Besuch  der  Gymnasien  zu  Landsberg  a.  W.  und  Frankfurt  a.  O. 
in  der  Trautwein'schen  Buchhandlung  (Martin  Bahn)  zu  Berlin  den  Buchhan- 
del.  Mitte  der  sechziger  Jahre  ging  er  nach  Paris  und  wurde  Vertreter  des 
beriihmten  Hauses  Morel,  musste  aber  infolge  des  Krieges  1870  Frankreich 
verlassen.  Nach  Berlin  zurtickgekehrt,  grtindete  er  am  i.Mai  1872  unter  der 
Firma  Ernst  Wasmuth  eine  Specialbuchhandlung  fiir  Architectur,  deren  Theil- 
haber  am  1.  April  1874  sein  am  7.  Februar  1894  verstorbener  jtingerer  Bruder 
Emil  Eduard  wurde.  Innerhalb  der  gesteckten  Grenzen  wurden  Verlag,  Sor- 
timent  und  Antiquariat  betrieben,  auch  eine  artistische  Anstalt  errichtet,  die 
Photographie,  Lithographie,  Steindruckerei,  Zinkographie  und  Autotypie  um- 
fasste.  Als  Verleger  entfaltete  W.  eine  ausserordentliche  Thatigkeit.  Waren 
die  deutschen  KUnstler  bisher  fast  nur  auf  franzfisische  und  englische  Quellen 
angewiesen,  so  Hess  er  sich  angelegen  sein,  die  reichen  deutschen  Sch&tze  in 
grossen  Tafelwerken  zu  reproduciren  und  der  gesammten  Klinstlerwelt  zu  er- 
schliessen;  aber  nicht  das  allein,  er  riistete  Expeditionen  von  Gelehrten  und 
Photographen  nach  Spanien  und  England,  nach  Italien  und  D£nemark  aus 
zur  Sammlung  von  Material  fiir  seine  reichhaltigen  Werke,  die  den  Bedurf- 
nissen  der  Architecten,  Bildhauer  und  Maler  entgegenkamen.  Ausserdem  liess 
er  nicht  nur  ganz  Deutschland  und  Oesterreich,  sondern  die  ganze  Culturwelt 
bereisen,  um  seinem  Verlage  und  seinem  Hause  die  weitesten  Absatzgebiete, 
der  deutschen  Kunst  aber  immer  mehr  Geltung  zu  verschaffen.  Schon  1885 
konnte  er  sein  eigenes  Haus  in  der  Markgrafenstrasse  35  beziehen.  Sein 
25Jahriges  Geschaftsjubilaum  am  1.  Mai  1897  sollte  er  leider  nicht  lange  (iber- 
leben.  Ftir  seine  schon  damals  angegriffene  Gesundheit  gewahrte  auch  eine 
Kur  in  Wiesbaden  keine  Genesung. 

VergL  Bttrsenbl.  f.  d.  deutsch.  Buch han del.  1897.  No.  260. 

H.  Ellissen. 

Klinkhardt,  Bruno,  Buchhandler,  war  der  zweite  Sohn  des  Verlagsbuch- 
handlers  Friedrich  Julius  Klinkhardt,  *  am  24.  August  1843  in  Leipzig,  f  am 
17.  November  1897  ebenda.  —  1857 — 61  erlernte  er  bei  E.  Polz  in  Leipzig 
die  Buchdruckerkunst  und  war  dann  kurze  Zeit  in  der  kgl.  Hofbuchdruckerei 
von  C.  C.  Meinhold  &  Sohne  in  Dresden  beschaftigt.  Ende  1861  tibernahm 
er  die  Leitung  der  von  seinem  Vater  erworbenen  frtlheren  Umlauf  &  Lilder- 
schen  Buch-  und  Notendruckerei,  wahrend  sein  alterer  Bruder  Robert  schon 


Klinkhardt.     von  Hoefler. 


209 


frQher  in  das  bereits  1834  gegriindete  vaterliche  Geschaft  eingetreten  war. 
1870  wurden  beide  Briider  Theilhaber,  1881,  nach  dem  Tode  des  Vaters, 
Alleinbesitzer  des  immer  mehr  emporbltihenden  Geschafts.  Hatte  dieses  sich 
schon  friih  durch  einen  bedeutenden  padagogischen  Verlag  ausgezeichnet,  so 
Hess  Bruno  Klinkhardt,  der  bis  zu  seinem  Tode  die  technische  Abtheilung 
des  Hauses  leitete,  die  Erweiterung  der  Buchdruckerei  und  die  Errichtung 
zahlreicher  anderer  Zweige,  wie  Lithographie  und  Lichtdruckerei,  Schrift- 
giesserei,  Graviranstalt,  Stereotypic,  Galvanoplastische  Anstalt,  Messinglinien- 
fabrik,  Xylographische  Anstalt,  Buchbinderei  u.  s.  w.  sich  angelegen  sein. 
Wie  manche  Seite  der  von  ihm  ausgegebenen  grossen  Schriftprobenverzeich- 
nisse  beweist,  trug  die  Schriftgiesserei  nicht  wenig  zur  Hebung  des  typo- 
graphischen  Geschmackes  bei.  Neben  seiner  vielseitigen  Thatigkeit  im 
eigenen  Geschaft  machte  er  sich  besonders  auch  verdient  um  Hebung  der 
socialen  und  gewerblichen  Verhaltnisse  im  Buchdruckerwesen.  Viele  im  Laufe 
der  Jahre  bekleidete  Ehrenposten  hatte  er  seinen  bedeutenden  Fachkennt- 
nissen  und  dem  Vertrauen  seiner  Berufsgenossen  zu  danken.  Er  war  lange 
Jahre  Vorsitzender  der  Genossenschaft  der  Schriftgiesser-Invaliden-  und  Wittwen- 
kasse,  Vorstandsmitglied  und  Kassirer  der  Innung  Leipziger  Buchdruckerei- 
besitzer,  Vorsitzender  des  Deutschen  Buchdruckervereins  und  des  Kreises  VII 
(Sachsen)  dieser  Genossenschaft.  Seine  Verdienste,  die  er  in  diesen  Stellun- 
gen  sich  erwarb  (u.  a.  auch  um  das  Zustandekommen  eines  mit  den  Gehilfen 
vereinbarten  Lohntarifs)  sind  vielseitiger  Art.  Sie  wurden  beim  2  5Jahrigen 
Jubil&um  des  Deutschen  Buchdruckervereins  u.  a.  durch  Ernennung  zum 
k.  s&chs.  Commerzienrath,  Verleihung  des  k,  preuss.  Adlerordens,  vor  allem 
aber  bei  Aufgabe  seines  Ehrenamtes  1897  vom  Deutschen  Buchdruckerverein 
durch  Stiftung  einer  vom  Bildhauer  Sturm  angefertigten  prachtigen  silbernen 
Gedenktafel  anerkannt.  Durch  Krankheit  sah  er  in  den  letzten  Jahren  zur 
Einschrankung  seiner  Thatigkeit  sich  gezwungen.  Durch  ein  Vermachtniss 
von  40000  M.  erhohte  er  das  Kapital  der  zum  Besten  des  Hauses  Klinkhardt 
errichteten  Hauskasse  auf  150000  M. 

Vergl.  »Den  Man  en  Bruno  Klinkhardt's.  Erweiterter  Sonderabzug  aus  der  Zeitschrift 
fUr  Deutschlands  Buchdrucker«  (8.  20  S.  mit  Lichtdruck-Portrat).  Druck  von  Drugulin  in 
Leipzig  (1897),  sowie  BdrsenbL  f.  d.  deutsch.  Buchhandel.  1897.  No.  71.  136.  270  u.  1898. 
No.  17). 

H.  Ellissen. 

Hoefler,  Constantin  von,  *  am  26.  Marz  181 1  zu  Memmingen,  f  am 
30.  Dezember  1897  zu  Prag,  der  hochverdiente  Neubegrtinder  deutscher  Ge- 
schichtsforschung  und  Geschichtsschreibung  in  Bohmen,  der  Nestor  und  einer 
der  verdientesten  osterreichischen  Historiker  (iberhaupt.  Mannigfacher  Schick- 
salswechsel,  aber  auch  verdienstvolle  Arbeit  und  vielfacher  Erfolg  ward  ihm 
in  seinem  langen  Leben  zu  Theil.  Durch  ttichtige  Bemtihung  und  unab- 
lassige  Selbstzucht,  untersttitzt  von  Natur  durch  einen  feinen  Verstand,  tiefes 
Empfinden,  aber  auch  durch  reiche  korperliche  Gaben,  eine  feste  Gesundheit 
und  das  mannlich-schone  Aeussere,  ist  es  ihm  vergonnt  worden,  tiber  manche 
Entwickelungsstufen  und  schwierige  Lebenslagen  hinauf  zur  H6he  eines  weit- 
hin  geschatzten  Gelehrten  und  hochverdienten  Lehrers,  zur  Umsicht  und  Er- 
fahrung  des  Staatsmannes,  zur  sicheren  harmonischen  Lebensftihrung  des 
Weisen  emporzusteigen.  War  der  Grundzug  seines  Wesens  unbegrenzte  Gttte, 
so  dass  er  nicht  zuletzt  auch  dort  zu  helfen  versuchte,  wo  Forderung  unmog- 
lich  oder  nicht   mehr  am  Platze  war,   so   blieb   er  um   so  sicherer  der  stets 

BiogT.  Jahrb.  a.  Dentschcr  Nekrolog.   2.  Bd.  i^ 


210  von  Hoefler. 

besorgte  Berather  und  Gonner  seiner  Schiiler,  der  treueste  verlasslichste  Freund, 
dabei  bei  aller  Antheilnahme  und  allem  Verdienste  auch  dem  Jiingeren  ge- 
geniiber  angstlich  bemtiht,  das  Individuelle  zu  respectiren,  Lehrer  im  besten 
Sinne,  stets  bestrebt,  das  Muster  feiner  Sitte  und  gerechter  Denkungsart  zu 
sein,  nicht  bios  zu  heissen. 

H.  ward  als  Sohn  des  Gerichtsprasidenten  geboren.  Ungewohnliche  Be- 
gabung,  namentlich  ein  sicheres  Gedachtniss  und  reiches  Sprach talent,  aber 
auch  unbegrenzter  Lerneifer  und  das  lebhafteste  Interesse  fur  alles  Wissenswerthe 
liessen  ihn  in  frtiher  Jugend  fur  die  Gelehrtenlaufbahn  berufen  erscheinen. 
In  der  That  widmete  er  sich  nach  Absolvirung  der  Gymnasialstudien  (zu 
Landshut  a.  d.  Isar)  den  juristischen  und  sprachlich-historischen  Fachern  in 
Mtinchen  und  Gottingen,  und  fand  namentlich  an  ersterer  Universitat,  wo 
Gorres,  Thiersch,  Dollinger  und  Schelling  wirkten,  vielfach  reiche  Anregung, 
wobei,  wie  nattirlich  nach  seiner  ganzen  Naturanlage  und  Denkweise,  der 
Einfluss  von  Schelling  voranstand.  Aber  noch  mach  tiger,  als  Worte  und 
Schriften  der  akademischen  Lehrer  waren  die  Ftihrung  durch  einen  feinsinnigen, 
hochgebildeten,  wahrhaft  liberal  denkenden  Vater  und  rastlose  Selbstthatigkeit, 
die  sich  zunachst  im  Lesen,  ja  Verschlingen  der  Historiker,  Philosophen  und 
Dichter  des  klassischen  Alterthums  und  Mittelalters  und  aller  besseren  er- 
reichbaren  neueren  Geschichtswerke  kundthat.  Im  Jahre  1831  promovirte 
H.  mit  der  Dissertation:  »Ueber  die  Anfange  der  griechischen  Geschichte*. 
Auch  jetzt  wurden  die  Studien  mit  dem  friiheren  Eifer  fortgesetzt.  Im  Jahre 
1834  erhielt  H.  ein  Stipendium  zum  Besuche  Italiens,  das  dann  nochmals 
erneuert  wurde.  So  vermochte  er,  im  gliicklichen  Genusse  aller  Mittel,  urn 
die  Anregungen  des  klassischen  Landes  ganz  und  voll  auf  .sich  wirken  zu 
lassen,  seine  literarische  und  weltmannische  Ausbildung  zu  vollenden. 

Der  Tod  des  Vaters  zwang  H.  nach  der  RUckkehr  von  dem  ultramon- 
tanen  Ministerium  Abel  die  Stelle  eines  Redakteurs  der  »Mtinchener  amtlichen 
Zeitung«  anzunehmen.  Doch  blieb  ihm  wenigstens  die  Musse  zur  Fortsetzung 
seiner  wissenschaftlichen  Arbeiten,  so  dass  1838  seine  Aufnahme  als  Privat- 
docent  in  die  philosophische  Fakultat  der  Universitat  Mtinchen  erfolgen  konnte. 
Eine  Reihe  rasch  aufeinander  folgender  Schriften,  in  denen  alien  sich  der  Ein- 
fluss von  Gorres  und  Schelling  unverkennbar  aussprach,  verschaflften  H.  bereifcl 
1839  die  Ernennung  zum  ausserordentlichen,  1841  zum  ordentlichen  Professor 
der  Geschichte  in  Mtinchen,  nachdem  er  der  journalistischen  Thatigkeit  schon 
frtiher  wieder  entsagt  hatte.  Obwohl  energischer  Widerspruch  namentlich  gegen 
das  Lehrbuch  der  allgemeinen  Geschichte  (Mittelalter,  Bearbeitung  des  Breyer'- 
schen  Lehrbuches)  und  »Kaiser  Friedrich  II«  nicht  ausblieb,  so  gewann  der 
junge  rastlos  thatige  Gelehrte  doch  stetig  an  Boden,  Die  Munchener  Akademie 
gewahrte  ihm  die  Mitgliedschaft.  Als  Lehrer  erschloss  sich  ihm  eine  lohnende 
Thatigkeit,  der  er  mit  Begeisterung  oblag.  Er  hatte  sich  durch  seine  Ver- 
mahlung  mit  der  ihm  durchaus  geistesverwandten  Isabella  Hofmann  einen 
hauslichen  Herd  geschaffen,  dem  das  schonste  Familiengltick  nicht  fehlte,  als 
die  Ungnade  Konig  Ludwig*s,  zufolge  der  Affaire  Lola  Montez,  neben  den 
anderen  Professoren  seiner  Richtung  (Dollinger,  Phillips,  Lasaulx)  auch  H. 
traf:  am  26.  Marz  1847  erhielt  er  seine  Pensionirung.  Erst  nach  flinfjahren, 
die  er  in  eifrigster  wissenschaftlicher  Thatigkeit  am  Kreisarchiv  zu  Bamberg 
zubrachte  —  die  Quellensammlung  zur  frankischen  Geschichte,  die  frankischen 
und  bohmischen  Studien  und  zahlreiche  Aufsatze  und  Vortrage  entstammen 
jener  Zeit  —  ward  er  der  akademischen  Thatigkeit  zuruckgegeben  durch  seine 


von  Hoefler.     Herbig.  211 

Berufung  als  Professor  der  Geschichte  an  die  Universitat  Prag.  Gleich  den 
anderen  damals  aus  Deutschland  berufenen  Professoren  fand  H.  in  Oester- 
reich  ein  weites,  schwieriges  aber  fruchtbares  Arbeitsfeld.  Er  hat  seine  ganze 
reiche  Kraft  daran  gesetzt,  urn  es  zu  bestellen.  Er  hat  seine  Ziele  stets  hoher 
gestellt  und  ist  mit  ihnen  selbst  emporgewachsen.  In  steter  wissenschaftlicher 
Arbeit,  die  der  Wiedererweckung  historischer  Studien  namentlich  unter  den 
Deutschen  in  Bohmen  gait,  als  trefflicher  Lehrer,  dem  das  Wohl  seiner 
Horerschaft  stets  am  Herzen  lag,  als  gesinnungsfester  Parteimann  hat  er 
sich  um  Volk  und  Vaterland,  urn  Wissenschaft  und  Deutschthum  in  Oester- 
reich  das  reichste  Verdienst  erworben. 

H/s  zahlreiche  wissenschaftliche  Arbeiten  hier  im  besondern  anzuftihren, 
ist  ebenso  unmoglich,  als  die  Flille  ausserer  Ehren  und  Auszeichnungen,  die 
ihm  zu  Theil  wurde,  aufzuzahlen  wohl  uberfllissig.  Beides  wird  an  beque- 
meren  Orten  zu  geschehen  haben.  Bemerkt  sei  aber  doch  die  Herausgabe 
der  Scriptores  rerum  Hussiticarum,  3  Bande,  1856 — 1866,  und  seine  erfolg- 
reiche  Thatigkeit  fiir  die  Aufhellung  der  kirchlich-reformatorischen  Bestre- 
bungen  innerhalb  der  romanischen  Vftlker  wahrend  der  spateren  Jahrhunderte 
des  Mittelalters  der  Geschichte  der  ersten  Habsburger  auf  dem  spanischen 
Throne  und  ihrer  Familie.  In  der  Einleitung  zu  ersterer  Publikation  und  den 
damit  in  Verbindung  stehenden  Arbeiten  H.'s  trat  der  Gegensatz  zu  der  seit 
Palacky's  Darstellung  des  Hussitenkrieges  zu  so  scharfer  Auspragung  gelangten 
AufFassung  dieser  Dinge  auf  czechisch-nationaler  Seite  scharf  hervor.  Die  Stel- 
lung  H.'s  im  Landtage,  wo  er  nattirlich  entschieden  fiir  die  Rechte  und  For- 
derungen  der  Deutschen  eintrat,  verscharfte  die  DifTerenzen  in  hohem  Grade. 
So  ward  H.  auch  ein  gehoriges  Maass  von  Streit  und  Unannehmlichkeit  zu 
Theil,  zumal  dann  die  Deutschen  sich  den  unter  ihren  Verhaltnissen  gefahr- 
lichen  Luxus  gestatteten,  sich  nach  politischen  Gesichtspunkten  zu  spalten. 
H.  vertrat  dabei  die  katholisch-conservativere  Richtung,  wahrend  die  Mehrheit 
der  Volksgenossen  in  radicalere  Bahnen  einlenkte.  Dem  wahren  Liberalismus 
ist  dabei  H.  niemals  untreu  geworden,  wie  sein  Verhalten  im  osterreichischen 
Herrenhause,  in  das  er  1873  berufen  worden  war,  und  seine  Schriften  hin- 
langlich  erweisen. 

H.  blieb  bis  in  das  hochste  Alter  im  Besitze  seiner  Arbeitskraft  und 
Schaffensfreudigkeit.  Seit  das  Alter  ihn  lahmte  und  er  in  seinen  SchUlern 
und  in  dem  von  ihm  gegriindeten  »Verein  fur  Geschichte  der  Deutschen  in 
Bohmen «,  in  erwiinschtem  Maasse  Mitarbeiter  auf  dem  Gebiete  der  deutschen 
Geschichtsforschung  und  Geschichtschreibung  in  Bohmen  gefunden  hatte,  da 
unterliess  er  es  nicht,  Volk  und  Vaterland  auf  dem  Gebiete  der  historischen 
Poesie  zu  dienen:  in  einer  Reihe  formvollendeter  und  gedankenreicher  Dramen 
suchte  er  die  historischen  Gestalten,  deren  Wesen  und  Wirken  ihm  sympathisch 
war  odcr  Anderen  ein  warnendes  Exempel  sein  konnte,  poetisch  zu  verkor- 
pern  und  den  reichen  Schatz  von  Lebensweisheit  und  Wissen,  den  er  gesam- 
melt,  in  Epigrammen  und  Sinngedichten  zu  verkiinden.  Zu  Neujahr  1897 
traf  H.  ein  Schlaganfall,  der  ihm  die  rechte  Seite  lahmte.  Doch  widerstand 
der  starke  Korper  auch  jetzt  noch  hartnackig  dem  Uebel.  Erst  am  30.  De- 
zember  1897  ging  H.  sanft  aus  dem  Leben. 

Ad.  Bachmann. 

Herbig,  Max,  Buchh&ndler,  einer  hochangesehenen  alten  Buchhandler- 
familie  entstammend,  *  am  15.  April  1844  *n  Berlin,  f  am  2.  November  ebenda. 

14* 


212  Herbig.     Klasing.     Mohr. 

—  Nach  Absolvirung  des  Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums  erlernte  er  1861  bis 
1864  bei  Eduard  Miiller  in  Bremen  den  Buchhandel,  war  dann  thatig  bei 
Eduard  Trewendt  in  Breslau  und  in  der  Hirt'schen  Sortimentsbuchhandlung 
daselbst.  Am  1.  Januar  1869  6*n6  die  von  Dr.  Justus  Albert  Wohlgemuth 
1839  gegrtindete  Verlagsbuchhandlung  in  Berlin  durch  Kauf  in  seinen  Besitz 
liber.  Den  vorwiegend  padagogischen  Verlag  weiter  ausbauend  und  den  Be- 
strebungen  anderer  hochverdienter  p&dagogischer  Verleger  sich  an  die  Seite 
stellend,  fiihrte  er  das  Geschaft  unter  der  Firma  J.  A,  Wohlgemuth's  Verlags- 
buchhandlung bis  zu  seinem  nach  leider  langem  und  schwerem  Leiden  er- 
folgten  Tode  fort. 

Handschriftl.  Notizen.  —  BOrsenbl.  f.  d.  deutsch.  Buchh.  1897.  No-  259. 

H.  Ellissen. 

Klasing,  August,  Buchhandler,  *  am  8.  October  1809  in  Bielefeld, 
f  am  5.  August  1897  ebenda,  Sohn  einer  wohlhabenden  Handwerkerfamilie, 
erlernte  nach  gediegener  Erziehung  bei  Wilhelm  Starke  in  Chemnitz  den 
Buchhandel,  bekleidete  dann  Gehilfenstellungen  bei  Johann  Ambrosius  Barth 
in  Leipzig,  bei  C.  G.  Kunze  in  Mainz  und  A.  Marcus  in  Bonn.  Am  12.  Au- 
gust 1835  trat  er  *n  das  seit  zwei  Jahren  bestehende  Geschaft  seines  Freundes 
August  Velhagen  in  Bielefeld  als  Gesellschafter  ein.  Die  Firma  Velhagen  & 
Klasing  beschrankte  sich  anfanglich  nur  auf  Sortiment,  grtindete  bald  aber 
auch  einen  durch  bedeutende  Unternehmungen  sich  auszeichnenden  Verlag 
und  eine  Druckerei.  Zu  den  ersten  hervorragenden  Artikeln  gehorten  u.  a. 
das  Musde  frangais,  dem  sich  spater  das  Theatre  frangais,  die  Prosateurs 
frangais  u.  a.  anschlossen,  eine  Polyglottenbibel  und  Lange's  Theologisch- 
homiletisches  Bibelwerk.  Mit  der  Griindung  der  illustrirten  Zeitschrift  »Da- 
heinu,  1864,  begann  ein  neuer  Aufschwung  des  Hauses.  Diesem  Blatte 
widmete  K.  stets  mit  Vorliebe  seine  Aufmerksamkeit  und  wurde  viele  Jahre 
hindurch  nicht  milde,  durch  kritische  Urtheile  jeder  Nummer  der  Redaction 
fordernd  zur  Seite  zu  stehen.  Die  »Daheim-Expedition«  hatte  ihren  Haupt- 
sitz  in  Leipzig,  wie  der  Verlag  tiberhaupt  dort  bald  selbstandig  vertreten  war, 
1873  wurde  das  Geschaft  durch  Enichtung  einer  Geographischen  Anstalt  in 
Leipzig  unter  Leitung  des  beruhmten  Kartographen  Dr.  Richard  Andr^e  er- 
weitert.  Vielen  wichtigen  Verlagsartikeln,  besonders  auch  einem  ausgezeich- 
neten  Schulbiicherverlag,  dem  1882  der  Verlag  von  Stubenrauch  in  Berlin 
einverleibt  war,  wurde  nach  und  nach  auch  ein  hochst  gediegener  Jugend- 
schriften-Verlag  beigeftigt.  Bis  in  sein  hohes  Alter  war  K.  die  Seele  des 
weitverzweigten  Geschaftes,  klihn  tiberwand  er  mannichfach  sich  darbietende 
Schwierigkeiten  und  trug  wesentlich  zu  den  spater  errungenen  bedeutenden 
Erfolgen  bei.  Bis  in  seine  letzten  Tage  korperlich  und  geistig  frisch  und  an 
der  Spitze  seines  angesehenen  Hauses  thatig,  beschloss  er  sein  arbeits-  und 
erfolgreiches  Leben. 

Vergl.  Bflrsenblatt  f.  d.  deutsch.  Buchh.  1897.  No.  181  und  Daheim  1898.  No.  5  (Nc- 
krolog  von  Robert  Ktinig  mit  PortrBt). 

H.  Ellissen. 

Mohr,  Karl,  Buchhandler,  *  am  3.  Juni  181 7  als  Sohn  des  bertihmten 
Buchhandlers  J.  C.  B.  Mohr  in  Heidelberg,  f  am  23.  November  1897  ebenda. 

—  M.  war  mit  seinem  alteren  1890  verstorbenen  Bruder  Ernst  Mohr  1856 
bis  1877  Mitinhaber  und  Mitleiter  des  bedeutenden  Verlagsgeschaftes  J.  C.  B. 
Mohr.     Nach   dem  Verkauf  des  Geschaftes  an  Paul  Siebeck  widmete  er  sich 


Mohr.     Palme.  2 1 3 

vorwiegend  stadtischen  Interessen,  und  hat  in  seinem  Ehrenamt  als  Stadtrath 
wesendich  zur  Entwickelung  Heidelbergs  beigetragen.  An  seinem  achtzigsten 
Geburtstage  wurden  ihm  viele  Ehrungen  zu  theil,  leider  aber  sollte  er  ihn 
nur  um  wenige  Monate  iiberleben. 

Vergl.  Bdrsenblatt  f,  d.  deutschen  Buchh.  1897.  No.  131  u.  274. 

H.  Ellissen. 

Palme,  Augustin,  Historienmaler,  *  am  21,  November  1808  zu  Rochlitz 
in  Bohmen,  f  am  18.  October  1897.  —  Als  der  Sohn  armer  aber  kinderreicher 
Landleute,  hatte  P.  eine  harte  Jugend  und  musste  friihzeitig  im  Haushalt  ftir 
eine  so  zahlreiche  Familie  mitarbeiten  und  schaffen.  Trotz  seiner  friihzeitig 
hervorbrechenden  Vorliebe  zu  ktinstlerischem  Schaffen  kostete  es  doch  viele 
Mtihe,  bis  es  ihm  gelang,  bei  einem  Porzellanmaler  zu  Gebhardsdorf  (Schlesien) 
unterzukommen.  Nach  vierj&hriger  Lehrzeit  zog  der  strebsame  Jiingling  1824 
als  Porzellanmaler-Gehtilfe  in  die  Fremde,  fand  zu  Ronneburg  im  Altenburgi- 
schen  Arbeit  und  weitere  Forderung.  Mit  den  in  Koburg  gemachten  wenigen 
Ersparnissen  wagte  er  sich  auf  die  Akademie  nach  Dresden;  alsbald  wieder 
mittellos  (ibernahm  er  die  artistische  Leitung  der  Schmidt'schen  Porzellanmal- 
Anstalt  zu  Koburg,  von  wo  der  Uebergang  nach  der  Miinchener  Akademie 
und  durch  den  wackeren  Maler  Gustav  Jager  die  Aufnahme  bei  Julius  Schnorr 
von  Carolsfeld  erfolgte.  Unter  Schnorr's  Leitung  componirte  P.  eine  »Hoch- 
zeit  des  Isaak  mit  Rebekka«,  welche  schon  1832  in  den  Kunstverein  kam; 
mit  einigen  Portraits,  einer  »Ehebrecherin  vor  Christusc  und  yerschiedenen 
akademischen  Versuchen  fand  P.  wohl  freundliche  Anerkennung,  aber  gerin- 
gen  Lohn,  so  dass  er  wieder  in  seine  frtihere  Stellung  nach  Koburg  zurlick- 
kehrte,  wo  er  jedoch  durch  seine  Geschicklichkeit  im  Bildnissmalen  und 
seinen  unermiidlichen  Fleiss  hinreichend  erwarb,  um  im  Herbst  1835  die 
Fahrt  nach  dem  vielersehnten  Italien  mit  dem  Landschaftsmaler  Max  Haus- 
hofer,  dem  Bildhauer  Widnmann  und  seinem  Freunde  Gustav  Jager  wagen 
zu  kfinnen.  In  Rom  vollendete  P.  eine  »Findung  Mosis«;  auch  sammelte  er 
eine  Menge  von  landschaftlichen  Studien  und  figiirlichen  Skizzen.  Als  Flttcht- 
linge  vor  der  damals  Italien  durchziehenden  Cholera  wanderten  P.,  Friedrich 
Dtirck  und  Gustav  Jager  1836  in  das  Sabiner-Gebirge,  nach  Praeneste,  Olevano 
und  Civitella,  dann  nach  Neapel,  Amalfi,  Sorrent  und  dem  lieblichen  Capri, 
wo  sie  in  einer  vierwochentlichen  Idylle  an  den  schonen  Capri-Madchen  ge- 
lehrige  Tanzerinnen  fanden  und  im  frohlichsten  Jugendmuthe  alle  Sorgen 
vertraumten,  wahrend  am  Fusse  des  Vesuv  die  Todtenglocken  Tag  und  Nacht 
heulten.  Endlich  trennten  sich  die  Genossen  und  P.  eilte  1837  Uber  Man- 
fredonia  und  von  da  mit  einem  griechischen  Trabaculo  nach  Triest  und  dann 
nach  MUnchen  zuriick,  um  seinem  hochverehrten  Meister  Schnorr  sowohl  bei 
den  Cartons  zu  dem  Bildercyclus  aus  dem  Leben  Karls  des  Grossen  und  deren 
Ausfiihrung  (vgl.  Kunstblatt  1841.  S.  239),  wie  auch  an  den  Bildern  des 
sog.  Barbarossa-Saales  in  der  kgl.  Residenz  wacker  beizustehen.  Doch  ergab 
sich  immerdar  noch  Zeit,  um  neben  diesen  in  enkaustischer  Technik  ausge- 
fuhrten  Wandgemalden  eigene  Oelbilder,  Herren-  und  Damenbildnisse,  auch 
eine  »Vermahlung  der  hi.  Katharina«  (vgl.  N.  67.  Kunstblatt.  Stuttgart  1839. 
S.  266)  und  eine  »Taufe  der  Clorinde«  (1843)  zu  vollenden.  Auch  entstand 
ein  »Englischer  Gruss«  flir  die  Kirche  zu  Kronstadt,  ein  »hl.  Marcus«  fur 
Graf  Harrach  in  Wien  (1844);  Herr  von  Veith,  der  grosse  Kunstfreund, 
welcher  eine  bohmische  Walhalla  plante,  bestellte  eine  historische  Scene  aus 


214 


Palme. 


dem  Leben  des  hi.  Adalbert  (1846).  Auch  fertigte  P.  viele  Altarbilder  fur 
Linz,  Bohmenkirch  (im  Wlirttemberger  Donaukreise),  Saalfelden  (bei  Salzburg) 
und  das  Pramonstratenser-Stift  Schlagel  in  Oberosterreich,  wozu  der  Maler 
i860  eine  eigene  Studienreise  nach  Venedig  unternahm  (Kunstblatt.  1848. 
No.  35).  —  Mit  Echter,  Muhr  und  Nilson  betheiligte  sich  P.,  die  das  neuere 
Mtinchener  Kunstleben  darstellenden  und  haufig  auch  ironisirenden  Composi- 
tionen  W.  von  Kaulbach's  an  den  Aussenwanden  der  Neuen  Pinakothek  zu 
freskotiren.  Wind  und  Wetter  haben  seither  denselben  arg  zugesetzt  und  den 
grossten  Theil  davon  vernichtet.  Eine  selbstandige,  dankenswerthe  und 
brillante  Arbeit  erwuchs  flir  P.  durch  den  Auftrag,  die  beriihmte  Wallfahrts- 
kirche  zu  Vierzehnheiligen,  dieses  frankische  Loretto,  mit  Fresken  auszu- 
schmticken,  eine  colossale  Leistung,  welche  P.  unter  Beihulfe  des  gewandten 
Max  Ben  tele  (f  am  9.  Marz  1893)  glllcklich  vollftihrte.  Auch  flir  die  Histo- 
rische  Gallerie  des  Bayerischen  National-Museums  erhielt  P.  vier  Fresken  mit 
unmalerischen  Stoflfen  1868  bestellt,  deren  kunstlerische  Bewaltigung  der  ge- 
wandte  Mann  moglichst  versuchte.  Das  umfangreiche  Programm  dazu  hatte 
General  von  Spruner  (f  am  24.  August  1892)  unmittelbar  im  Auftrage  Konig 
Maximilian  II.  ausgearbeitet;  davon  trafen  auf  Palme,  »wie  Kurflirst  Johann 
Wilhelm  Dtisseldorf  verschonert  und  daselbst  die  beriihmte  Gemaldegallerie 
begrtindeU;  »Philipp  Wilhelm  von  Pfalz-Neuburg  erwirbt  Jlilich,  Berg  und 
Ravenstein  und  halt  zu  Dtisseldorf  1666  seinen  feierlichen  Einzug*;  »Karl 
Theodor  beschliesst  1789  die  Anlage  des  sog.  Englischen  Gartens  durch  Rum- 
ford*  und  »erhebt  Mannheim  zum  Hauptsitz  der  Kunstbildung«.  Der  konig- 
liche  Macen  und  sein  in  historischen  Fragen  immer  rathbereiter  General 
hegten  gewiss  ebenso  grosse  Pietat  fiir  die  Geschichte,  wie  flir  die  Kunst, 
machten  es  aber  den  Ktinstlern  fllrchterlich  schwer,  solche  der  malerischen 
Behandlung  fast  untiberwindliche  Schwierigkeiten  bietende  Vorwiirfe  wie  die 
ganze  Ftille  von  Klosterstiftungen,  Grundsteinlegungen  und  Staatsactionen 
u.  dgl.  zu  losen.  Nach  Vollendung  dieser  Auftrage,  wo  P.  noch  dazu  mit 
jtingeren,  frischen  Kraften  in  Concurrenz  trat,  legte  er  rechtzeitig  Pinsel  und 
Palette  nieder  und  erfreute  sich  einer  mehr  als  behabigen,  stolzen  Unab- 
hangigkeit.  Durch  seinen  Fleiss  und  eine  gliickliche  Heirath  (1841)  fruhzeitig 
in  behaglichen  Verhaltnissen  —  sein  Sohn  Bonifaz  Ludwig  war  1850  der 
erste  Taufling  in  der  Basilica,  wobei  Konig  Ludwig  I.  die  Stelle  eines  Pathen 
libernahm  —  erwarb  P.  zwei  Hauser  in  reizender  Lage  nachst  dem  Botani- 
schen  Garten,  welche  in  der  Folge  die  Generaldirection  der  kgl.  bayer.  Eisen- 
bahnen  benothigte  und  ankaufte.  Beim  Auszug  aus  dem  eigenen,  liebgewon- 
nenen  Heim  (ibergab  P.  seinen  ganzen  artistischen  Besitz,  alle  eigenen 
Zeichnungen,  Cartons  und  Bilder,  kurz  alle  seine  Sammlungen,  das  gesammte 
Maler-  und  Ateliergerathe,  in  eine  Auction  (November  1888)  und  behielt  nur 
die  Skizzenbucher  und  einige  seiner  Lieblingsarbeiten.  Hatte  er  lange  schon 
den  Verkehr  mit  gleichstrebenden  Ktinstlern  auf  das  Aeusserste  beschrankt, 
so  lebte  P.  seit  dem  1879  erfolgten  Tode  seiner  Frau,  von  seinen  Tochtern 
gepflegt,  in  schroffer  Zurtickgezogenheit,  in  skeptischer  Beschaulichkeit,  einge- 
sponnen  in  seine  Erinnerungen.  Trotz  der  reichsten  Musse  dazu  schrieb  er 
seine  Erlebnisse  niemals  nieder,  obwohl  er  als  Zeuge  und  Mitarbeiter  der 
glanzendsten  Aera  vollauf  Wissen  und  Berechtigung  hatte.  Was  P.  einmal 
erfasste,  fiihrte  er  mit  ehrgeiziger  Ausdauer  zu  Ende,  wenn  auch  seine  Empfin- 
dung  oder  Ueberzeugung  nicht  bei  der  Sache  war;  so  ergab  sich  in  seinen 
Arbeiten    eine    gewisse  Ungleichheit    von    wahrem  Schonheitsgeftihl   und  con- 


Palme.     Wcigand.  215 

ventioneller  Manier;  er  strebte  und  tastete,  auch  als  Colorist,  einen  neuen 
Weg  zu  finden,  doch  ohne  denselben  mit  seinen  Mitteln  zu  erreichen.  P.  starb 
nach  kurzem,  schwerem  Leiden. 

Vergl.  Abeudblatt  292  »Allgemeine  Zeitung*  vom  21.  October  1897.  No.  241  »Augs- 
bnrger  Postzeitung«  vom  23.  October  1897.  Reber,  Gesch.  der  neueren  Kunst.  1884.  II. 
54  «•  7i    Wurzbach,  Biogr.  Lexicon  XXI.    245. 

Hyac.  Holland. 

Weigand,  Konrad,  Historienmaler,    *  am  12.  December  1842    zu  Niirn- 
berg,  f  am  3.  December  1897  zu  Miinchen.  —  W.  erheiterte- schon  in  seinen 
Kinderjahren  den  Kreis  seiner  Spielgefahrten  durch  froheste  Laune  und  allerlei 
Kunstfertigkeiten ;  er  besuchte,  nach  guter  Vorbildung,  in  den  Abendstunden 
die    Kunstgewerbeschule,    tagsiiber    den  Unterhalt    mit    Lithographiren    sich 
erwerbend,  bis  er  spater  durch  eine  Htilfe  aus  der  Schillerstiftung  die  Schule 
den    ganzen  Tag    besuchen    konnte.     Einen  Sommer  lang  weilte  er  auf  der 
Burg  Hohenzollern,  vielbeschaftigt  mit  Wandmalereien  in  den  dortigen  Prunk- 
raumen.     Friihzeitig  bethatigte  er  sich  durch  eigene  Compositionen,  Kirchen- 
bilder  und  Copiren  von  Gemalden,  wozu  das  Vorbild  des  universellen  Director 
August  von  Kreling    den    feurigen  Jtingling    in    erfreulichster  Weise  forderte. 
Es  dauerte  indessen  ziemlich   lange,    bis    sein  Lieblingswunsch  nach  weiterer 
Bildung  in  Miinchen  sich  verwirklichte.     Hier  als  Schliler  bei  Prof.  Wilhelm 
von  Diez    erhielt  W.    bei    einer   Academie-Concurrenz    fur    eine    Scene    aus 
Shakespeare's  »  Julius  Casar«    den  ersten  Preis.     Hierauf  folgte  als  sorgfaltig 
durchgefiihrtes  Oelbild    ein  »Religionsgesprach«   zwischen  Ulrich  von  Hutten, 
Franz    von    Sickingen    und   Martin  Bucer,    ein    moglichst    ungtinstiger    Stoff, 
welchen  W.    durch  Lebendigkeit,    Costiimtreue    und  Kolorit  anziehend  loste, 
so  dass  Frhr.   von  Reischach    zu    Stuttgart    das    originelle    GemaJde    erwarb. 
Dadurch    ermuthigt    wagte    sich    der  Ktinstler    mit    gleichem    Gltick    an    ein 
grosseres,    figurenreiches  Thema,    den    »Einzug  Luthers    in  Worms «,    dessen 
Hauptwirkung  der  Maler  nur  durch  einige  gar  zu  genremassige  Ziige,  die  mit 
der  Geschichte    nichts    zu   thun  haben,    abschwachte;    doch  erregte  das  Bild 
1879  au^  ^er  Munchener  Kunstausstellung  die  wohlverdiente  Theilnahme  und 
Aufmerksamkeit.      Auch    lieferte   W.    die    Vignetten    zu    Franz    Trautmann's 
»Herzog  Christoph«,  einem  culturhistorischen  Roman,  welcher  1880  in  dritter 
endlich  iJlustrirter  Auflage  erschien,     Als  ein  edelmtithiger  Macen,  Frhr.  von 
Biehl  aus  Mecklenburg-Schwerin,    der  Mtinchener  Akademie  eine  sehr  erheb- 
Iiche  Summe  tibermittelte,  damit  in  oder  an  einem  beliebigen  Privathause  der 
Stadt    ein  Freskobild    ausgeftihrt  werden  sollte,    ging  W.  aus  der  Concurrenz 
siegreich    hervor.     Das    die    »Hochzeit  Albrecht  DUrer's    zu  Niirnberg«    vor- 
^tellende,    vielleicht   nur  zu  figurenreiche    und  den  Einfluss  der  Piloty-Schule 
allzu  prunkhaft  verktindende  Project  kam  in  der  Vorhalle  von  August  Humpl- 
mayr's    Kunsthandlung    in    der    Briennerstrasse    zur   gediegenen    Ausflihrung. 
Seine  unermtidlich  gestaltende  Phantasie  bewahrte  W.  im  Wetteifer  mit  Wil- 
helm Schade    in    den  Ulustrationen   zu  W.  Hauff's  »Lichtenstein«,    auch  mit 
allerlei  kunstgewerblichen  Zeichnungen  z.  B.  mit  dem  Entwurf  zu  einer  prach- 
tigen  Fahne    fur    den  Mannergesangverein   »Neu-Bavaria«    und  die  Schtitzen- 
gesellschaft  »Freundschaft«  u.  s.  w.     Unterdessen    machte    sich   W.    abermals 
an  einen  grossen  historischen  Stoff,  darstellend  wie  der  heute  noch  im  Volks- 
lied    besungene    »Raubritter    Hans  Schtittensamen    mit    seinen    Spiessgesellen 
1465  gefangen  in  Nurnberg  eingebracht«  wird,     eine    sehr  achtunggebietende 
Leistung,    welche  W.    im  Auftrage    des  »Vereins    fiir  Historische  Kunstc    als 


2 1 6  Weigand.     Wenban. 

grosses  Oelbild  zur  Ausflihrung  brachte.  Unermtidet  schuf  W.,  immer,  selbst 
bei  kleineren  Auftragen,  mit  derselben  Treue  und  Tiichtigkeit  seine  beste 
Kraft  einsetzend,  wir  erinnern  nur  an  die  Ulustrationen  zu  einer  »Rauber- 
geschichte«  von  Wtirthmann  (im  »Buch  der  Jugend«,  Stuttgart  1892),  an  die 
kostliche  Adresse  der  stadtischen  Collegien  ftir  den  General-Intendanten  Frhrn. 
von  Perfall  (1893),  an  einen  Carton  ftir  die  Glasmalerei-Anstalt  Gustav  von 
Treek's  »Luther  im  Kreise  seiner  Families.  In  der  Kunstausstellung  1897 
war  W.  noch  mit  einem  Genresttlck  vertreten  (»Ein  Trinker  und  sein  Lieb 
in  einer  Thurmstube*).  Der  treffliche  Klinstler  starb  nach  langerer  Krank- 
heit,  jedoch  schnell  und  unerwartet.  Seine  treuen  Schwestern  verbrachten 
die  Leiche  zur  Bestattung  nach  Ntirnberg. 

Vergl.  Abentfblatt  338  »Allgemeine  Zeitung*  vom  7.  December  1897.  Kunstvereins- 
bericht  fttr  1897.  S.  77.     »Kunst  ftir  Allec  15.  Januar  1898.    S.  126. 

Hyac.  Holland. 

Wenban,  Longly  Sion,  Landschafter,  *  am  9.  Marz  1848  in  Cincinnati- 
Ohio,  f  am  19.  April  1897  zu  Mlinchen.  —  W.  war  ein  hochst  eigenartiger 
Kunstler,  welcher  zeidebens  mit  grosser  Sorgfalt  sich  von  der  Oeffentlichkeit 
moglichst  feme  hielt,  so  dass  erst  mit  seinem  Tode  der  Name  in  die  Welt 
trat.  Der  Sohn  eines  Wagen-Fabrikanten,  studirte  und  zeichnete  W.  an  der 
Academie  zu  New-York  bei  Professor  Wilmorth,  welcher  dem  jungen  Ktinstler 
den  Rath  ertheilte,  sich  in  Miinchen  weiter  zu  bilden.  Hier  erschien  W. 
1879  und  besuchte  kurze  Zeit  die  Malschule  des  Prof.  Gabriel  Hackl  an 
der  Akademie,  fand  auch  bei  Frank  Doubek  fordernde  Anregung,  oblag  clann 
aber  seit  1880  erst  zu  Schleissheim,  Planegg  und  anderen  umliegenden  klei- 
neren Ortschaften  seinen  durchaus  autodidaktischen  Kunstbestrebungen,  wobei 
er  sorgfaltig  jede  fremde  Einwirkung  und  Beihlilfe  vermied,  um  sich  in  Technik 
und  Auffassung  durch  kein  Vorbild  auf  seinem  eigenen  Wege  beirren  zu 
lassen.  So  qualte  er  sich  mit  rastlosem  Aufwand  von  Zeit  und  Mlihe,  um 
Erfolge  zu  erringen,  welche  jedem  Anderen  im  fordernden  Wetteifer  gleichsam 
von  selbst  zufallen.  Ausser  der  Oelmalerei  und  dem  Kohlenzeichnen  warf  er 
sich  ebenso  standhaft  auf  die  eigenmachtig  erworbene  Radirung.  Immer 
unzufrieden  mit  seinen  schwererrungenen  Resultaten  schliff  er  die  Platten 
wieder  ab;  dessen  ungeachtet  fanden  sich  doch  in  seinem  Nachlasse  an  drei- 
hundert  derselben,  darunter  viele  von  ausserordendich  feiner  Stimmung,  breiter 
Wirkung  und  subtiler  Ausftihrung.  Seit  1883  mit  einer  Tochter  des  kgl.  Bau- 
amtmanns  von  Langenmantel  verheirathet,  wahlte  W.  zu  seinem  standigen 
Wohnsitz  Mtinchen,  von  wo  aus  er  auf  fortgesetzten  Ausfltigen  immer  neue 
Studien  zu  Bildern  sammelte.  Trotz  des  massenhaft  anwachsenden  Stoflfes 
konnte  er  sich  doch  nicht  entschliessen,  dieselben  in  die  Oeffentlichkeit  zu 
bringen  oder  sich  derselben  zu  entaussern.  Erst  bei  seinem  nach  langem, 
schwerem  Leiden  erfolgten  Ableben  kam  es  zu  einer  Ausstellung  dieser  einen 
ganzen  Saal  des  Kunstvereins  fiillenden  Arbeiten;  sie  erwarben  dem  Ge- 
schiedenen  die  langst  verdiente  ehrenvolle  Anerkennung  seines  redlichen 
Strebens  und  tlichtigen  Konnens.  Auch  auf  der  VIL  International  en  Kunst- 
ausstellung zu  Miinchen  erschienen  vier  vollendete  Oelbilder:  eine  »Baum- 
gruppe  mit  Bauernhaus«,  ein  »Freier  Platz  bei  Regenwetter«,  ein  »Bauern- 
haus«  und  abermals  eine  »Regenstimmung« ;  eine  Kohlenzeichnung  »Bei 
Schleissheim «,  zwei  Landschaften  in  Pastell,  ein  »Motiv  bei  Schleissheim« 
und  ein  »Herbstabend«,  woriiber  Dr.  Gustav  Keyssner  (in  No.  296  der  »Neue- 


Wenban. 


217 


sten  Nachrichten*  vom  1.  Juli  1897)  also  berichtete:  »Nicht  ohne  Wehmuth 
kann  man  diese  Landschaften  betrachten,  Bilder  von  einer  stillen,  feinen 
Vornehmheit,  die  gerade  durch  ihre  Zurtickhaltung  den  aufmerksamen  Blick 
auf  sich  zieht.  Es  bedarf  keiner  Worte  zum  Lobe  dieser  Arbeiten,  die  in  so 
ruhiger,  sachgemasser  Technik  soldi'  intim  beobachtete  und  empfundene 
Naturstimmungen  wiedergeben.  Alle  sind  Zeugnisse  einer  reinen,  edlen  Per- 
sonlichkeit,  deren  Vorzlige  man  sich  lieber  und  vielleicht  sogar  richtiger  in 
denkbarer  Sympathie,  als  durch  zergliedernde  Analyse  bewusst  macht.  Dass 
gerade  ftir  solche  Menschen  und  Ktinstler  an  der  Tafel  des  GlUckes  kein 
Platz  zu  finden  ist,  gehfirt  zu  jenen  Documenten  ftir  die  »gebrechliche  Ein- 
richtung  der  Welt«,  die  nur  um  so  tragischer  sind,  weil  ihnen  alles  laute 
Pathos  fehlt.«  Aehnlich  ausserte  sich  Jos.  Popp  (in  No.  335  des  » Bayer. 
Kurier«  vom  4.  December  1897):  »So  still  und  innerlich,  wie  diese  Zeichnungen 
und  Gemalde,  war  Wenban  selber.  Man  muss  sich  in  diese  scheinbar  an- 
spruchslosen  Blatter  hineindenken  und  empfinden,  wenn  man  sie  geniessen 
will.  Die  Zeichnungen  haben  eine  ganz  hervorragende  Warme,  die  sich  aus 
einer  origin ellen  Technik  entwickelt.  Und  obwohl  ganz  einfache  Naturaus- 
schnitte,  wie  knorrige  Baumriesen  und  Baumgruppen,  Alleen  und  Walddurch- 
sichten  (iberwiegen,  liegt  doch  ein  machtiger  Stimmungsgehalt  in  ihnen.  Die 
Farbe  beherrscht  W.  in  feiner  und  poetischer  Weise.  Eigenartig  weiche  Tone 
stehen  ihm  zu  Gebote,  wenn  er  das  Traumerische  und  Einsame  verborgener 
Waldwiesen  und  Hange  schildert,  wie  ein  stisses  Adagio  empfinden  sich 
manche  seiner  DammerungsstUcke.  Besonders  gelingt  W.  das  Elegische  —  es 
ist,  als  ob  sich  die  eigene  Seele  in  diesen  zarten  Farbennuancen  auflosen 
wollte,  um  in  einzelnen  Zligen  das  zu  finden,  was  im  ganzen  ihm  versagt 
schien:  lebensfreudige,  temperamentvolle  Hingabe  an  das  Frohliche  und  Be- 
wegte.  Als  ein  besonderer  Vorzug  air  dieser  geschickten,  interessanten  und 
vielfach  sehr  intimen  Werke  muss  noch  hervorgehoben  werden,  dass  sie,  ob- 
wohl grossentheils  Skizzen,  dennoch  als  etwas  Fertiges  wirken.«  Dr.  Karl 
Voll  (in  No.  331  »Allgemeine  Zeitung«  vom  30.  November  1897)  schildert 
W.'s  Schopfungen,  wobei  er  seine  Bilder  noch  liber  die  Radirungen  stellt: 
»Meistens  sind  es  Studien  aus  den  bayerischen  Voralpen:  kleine  Gebirgsseen, 
die  lieben  Schlierseer  Berge,  sowohl  bei  heiterem  Wetter  als  verdeckt  von 
tief  herabhangenden  Wolken,  trauliche  Gebirgsthaler,  aus  denen  der  kokette 
grune  Kirch thurm  eines  fernen  Dorfes  neckisch  zu  uns  heriiberschaut,  einfache 
Halden  und  bescheidene  Garten.  Vieles  ist  mit  einer  entztickenden  Frische 
geschildert,  besonders  auf  den  StUcken,  wo  er  sein  reizendes,  von  silbernem 
Duft  libergossenes  Grtin  zur  Darstellung  eines  kleinen  Naturausschnittes  ver- 
wendet;  weniger  gelungen,  beziehungsweise  total  misslungen  sind  die  aller- 
dings  nicht  zahlreichen  Studien,  wo  den  Ktinstler  der  Ehrgeiz  getrieben  zu 
haben  scheint,  es  auch  einmal  mit  tiefen,  kraftigen,  fetten  Farben  zu  versuchen. 
Da  verliess  er  stets  das,  was  ausser  der  lichten  Frische  der  Empfindung  seinen 
Arbeiten  den  Werth  verleiht:  die  unmittelbare,  deutliche  Anschaulichkeit.  Er 
steht  dann  nicht  mehr  auf  festem  Boden  und  liefert  nichts  Positives. «  Gele- 
gentlich  einer  Ausstellung  von  W.'s  Blattem  im  Mtinchener  »Verein  ftir 
Original-Radirung«  (welcher  dann  auch  mehrere  Platten  im  VI.  Jahrgang 
seiner  Publicationen  zum  Abdruck  brachte,  darunter  zwei  kleine  Landschaften 
und  eine  Ansicht  der  neuen  »Isarbrticke«  in  Mtinchen,  letztere  wieder  in  der 
Stimmung  eines  leichten  Spriihregens),  heisst  es  im  Feuilleton  der  »Neuesten 
Nachrichten«  (No.  235  vom  22.  Mai  1897),  eine  Anzahl  dieser  Blatter  konnten 


2 1 8  Wenban.     Kneipp. 

auch  mit  »Rembrandt«  bezeichnet  sein  und  mit  dem  Besten  den  Vergleich 
bestehen,  sowohl  nach  Auffassung  wie  nach  positiver  Technik:  »Die  gleiche 
absichtslose,  von  jedem  manieristischen  ebenso  wie  akademischen  Hauche  frcie 
Art,  die  der  grosse  Niederlander  in  seinen  Blattern  zeigt,  ist  auch  W.'s 
Arbeiten  eigen.  Er  wusste  mit  Nadel  und  Saure  so  umzugehen,  wie  bedeu- 
tende  Maler  die  Farbe  handhaben.  Es  handelte  sich  fur  ihn  nicht  urn  die 
Erscheinung  von  Schwarz  und  Weiss,  sondern  um  den  Ausdruck  feiner  Empfin- 
dung  auf  radistischem  Wege.  Und  wie  einfach  die  meisten  Arbeiten  gehalten 
sind!  Nicht  Strichelei  sondern  Strich!  Er  liebte  die  allzu  spitzen  Nadeln 
nicht,  er  war  kein  Dtiftler;  wo  sein  Instrument  die  Platte  anriss,  da  sass  der 
Strich  wie  hingemauert.  Dabei  ist  Alles  reine  Radirung;  nirgends  hat  er 
unter  successiver  Anwendung  verschiedenartiger  Proceduren  sein  Ziel  zu  «■> 
reichen  gesucht.  Immer  ist  ein  frischer  Zug,  etwas  Freudiges  in  der  Arbeit .  .« 
Personlich  war  W.  ein  einfacher,  syttipathischer,  vor  allem  ein  guter  and 
wahrer  Mensch.  Sein  ganzes  Naturell  stand  im  scharfsten  Widerspruche  zu 
dem  hastigen,  ruhelosen  Leben  und  Treiben  seines  Heimatlandes,  dahin  zuriick- 
zukehren  er  nie  eine  Sehnsucht  ftihlte. 

Bericht  des  Mlinchener  Kunstvereins.    1897.    S.  78. 

Hyac.  Holland. 

Kneipp,  Sebastian,  Naturarzt,  Pfarrer  und  Pralat,  *  am  17.  Mai  182 1  zu 
Stephansried  (bei  Ottobeuren),  f  am  17.  Juni  1897  zu  Worishofen.  —  K. 
stammte  aus  einer  arm  en  Weberfamilie,  genoss,  zum  gleichen  Gewerbe  be- 
stimmt,  eine  harte  Jugend.  Willige  Wohlthater,  darunter  insbesondere  der 
nachmalige  Lycealprofessor  und  Hauspralat  Mathias  Merkle  (1816 — 1881),  ver- 
mittelten  endlich  dem  wissbegierigen  Jilngling  die  nfithigen  Mittel  zum  Studium 
am  Gymnasium  zu  Dillingen,  wo  der  vielfach  krankelnde  Candidat  die  star- 
kenden  Donaubader  zur  Wiederherstellung  seiner  schwachen  Gesundheit  ge- 
brauchte.  Wahrend  K.  den  theologischen  Studien  am  Georgianum  zu  Miinchen 
oblag,  fiel  ihm  zufallig  Joh.  Siegmund  Hahn's  »Unterricht  von  der  Kraft  und 
Wirkung  des  frischen  Wassers«  (1770)  in  die  Hande,  ein  Buch,  welches  er 
ganz  in  sich  aufhahm  und  nach  seiner  Art  verarbeitete.  Obwohl  die  Haus- 
ordnung  der  Anstalt  einer  ergiebigen  Praxis  im  Wege  stand,  verschaffte  er 
sich  doch  eine  Giesskanne  —  das  Non  plus  ultra  seiner  nachmaligen  Panacde 
—  und  begann  nachtlicher  Weile  im  grossen  Gartenbassin  seine  Wassergtisse. 
Damit  war  der  Weg  betreten,  auf  welchem  K.,  anfangs  noch  unsicher,  dann 
aber  bald  zielbewusst  und  von  unerwarteten  Stromungen  erfasst,  in  das  breite 
Fahrwasser  seiner  tiberaus  lebendigen,  aber  doch  ziemlich  einformigen  und 
beschrankten  Thatigkeit  getrieben  wurde.  Im  Jahre  1852  zum  Priester  ge- 
weiht,  erhielt  K.  seine  erste  Stelle  als  Kaplan  in  Boos,  dann  bei  St  Moritz 
in  Augsburg  und  1855  im  Kloster  zu  Wftrishofen,  woselbst  er  endlich  1880 
zum  Pfarrer  vorrUckte.  Inzwischen  hatte  der  geistliche  Wassermann  fleissig 
mit  Rath  und  That  alien  Hiilfesuchenden  beigestanden ;  sein  Name  gewann 
aber  plotzlich  durchschlagenden  Aufschwung,  als  1885  sein  »Meine  Wasserkur« 
betiteltes  Werk  erschien,  welches  bis  1897  einundsechzig  Auflagen,  sogar  in 
besonderen  »Pracht-  und  Luxus-Ausgaben«,  erlebte  und  schon  1885  einen 
rauschenden  Zuzug  von  Fremden  nach  dem  frliher  so  stillen  Worishofen 
lockte,  die  alle,  gegen  K.'s  urspningliche  Intention,  den  Wundermann  sehen, 
sprechen  und  berathen  wollten.  Die  nachste  Folge  dieser  lawinenartig  an- 
wachsenden  Volkerwanderung   nach   dem   abgelegenen  Worishofen  ergab  den 


Kneipp.  219 

Missstand,  dass  allerlei  erhohtes  Gasthofleben  und  Hotelwesen  sich  durch 
speculative  Unternehrner  breit  machten  und  der  in  alien  Schichten  und  Classen 
immer  fruchttragende  Schwindel  reichlichen  Zuwachs  erhielt.  Obwohl  sich  K. 
durch  das  zudringliche  Consultations-Fieber  nach  aussen  argerlich  zeigte  und 
ihm  in  Wahrheit  auch  der  bisweilen  etwas  dtinne  Faden  der  Geduld  riss,  so 
fiihlte  er  sich  innerlich  doch  geschmeichelt;  es  that  ihm  wohl,  der  gelehrten 
Facultat  durch  seine  Popularitat  den  Rang  abgelaufen  und  einen  fuhlbaren 
Streich  versetzt  zu  haben.  Trotz  seiner  kirchlichen  ObHegenheiten,  welche  er 
nie  vernachlassigte,  und  dem  rasenden  Zulauf  der  wirklich  oder  auch  imaginar 
leidenden  Menschheit,  behielt  K.  immer  noch  Zeit  zu  Ansprachen  auf  dem 
eigenen  Terrain,  zu  Wandervortragen  auf  den  oft  ziemlich  ausgedehnten  Reise- 
ausflilgen  und  zur  Abfassung  neuer  Biicher,  Brochuren  und  anderer  heilge- 
schichtlicher  Schriften.  Darunter  das  ebenso  gierig  aufgenommene  Opus  »So 
sollt  ihr  leben!«,  seine  »Volksgesundheitslehre«,  seine  »Oeffentliche  Vortrage«, 
sein  »  Testament*  und  das  nachtr&gliche  »Codizill«.  Dazu  assistirte  ihm  ein 
ganzer  Schwann  von  berufenen  und  freiwilligen  Scribenten,  welche  dem 
»Vater  Kneipp«,  dem  neuen  »Wohlthater  der  Menschheit*,  gerne  ihre  Federn 
boten.  Wahrend  ein  Anderer  Schatze  gehauft  hatte,  blieb  K.  immer  edel 
und  gut,  heischte  keine  Deserviten,  nahm  nur,  was  man  ihm  freiwillig  bot 
und  behielt  nichts  flir  sich  —  Alles  wieder  zu  gemeinntitzigen,  acht  humanen 
Zwecken  verwendend.  Das  alte  Kurhaus  kostete  103000  Mark,  zum  neuen 
Kurhaus  steuerte  K.  75000  Mark  bei,  das  Kinderasyl  kostete  284000  Mark, 
das  »Kneippianum«  100 000,  die  Madchenschule  60000  Mark.  Alle  diese 
Anstalten  gingen  schenkungsweise,  das  alte  und  das  neue  Kurhaus  und  das 
Kinderasyl  an  den  Orden  der  barmherzigen  Brlider,  das  »Kneippianum«  an 
die  armen  Franziskanerinnen  von  Mallersdorf  tiber.  Er  legirte  betrachtliche 
Summen  der  Armenkasse  und  grundete  in  dankbarer  Erinnerung  fiir  die  wah- 
rend seiner  entbehrungsreichen  Studienzeit  empfangene  Hlilfe  eine  Reihe  von 
Freiplatzen  im  Seminar  zu  Dillingen.  Seine  Mittel  erlaubten  ihm  freilich  eine 
solche  Generositat,  denn  das  Geld  floss  ihm  von  alien  Seiten  zu.  Die  Honorare 
fiir  seine  fortwahrend  neu  aufgelegten  Biicher  bezifferten  sich  auf  280000  Mark, 
die  Licenzgebuhr  flir  den  Kneipp-Malzkaffee  auf  220000  Mark,  und  die  freiwilli- 
gen Ordinationsgeblihren  und  Geschenke  ergaben  von  1887  — 1897  eine  jahrliche 
Durchschnittsziffer  von  16200  Mark.  Das  Alles  fand  wieder  Verwendung 
zum  Wohle  der  leidenden  Menschheit.  Hlibsche  Brocken  und  Tantiemen 
verschlangen  auch  seine  arztlichen  Beisassen,  Amanuensen  und  das  weitere 
Dienstpersonal.  Ungeheure  Summen  flossen  in  die  Hande  der  speculativen 
Hoteliers,  Fuhrwerkbesitzer,  Staats-  und  Privatbahnen.  Der  Werth  von  Grund 
und  Boden  stieg  auf  das  Unsinnigste.  Die  Fremden  aus  alien  Classen  der 
Gesellschaft  brachten  eine  Flille  von  Geld  in  Umlauf,  welcher  mit  K.'s  Ab- 
gang  natiirlich  erkaltete  und  erlosch.  —  Alle  momentanen  Erfolge  wurden 
von  bereitwilligen  Organen  prunkend  der  Welt  verklindet,  dagegen  die  Unzahl 
der  in  Worishofen  verpfuschten,  um  die  letzten  Chancen  der  Heilung  ge- 
brachten  Falle  sorgfaltig  mit  dem  Mantel  der  Liebe  und  Nachsicht  geborgen, 
Recriminationen  verschwiegen.  Unerschiitterlich  fest  und  begleitet  von  einer 
gewissen  Routine  stand  sein  Bewusstsein  von  der  Richtigkeit  seiner  »Wissen- 
schafU,  obwohl  diese  einen  so  massigen  Umfang  hatte,  dass  Vater  K.  bei 
dem  ersten  Rigorosum  einen  glanzenden  Durchfall  erlebt  hatte.  Seine  Er- 
klarung  liber  das  Entstehen  der  Cholera  oder  die  Genesis  des  uberhaupt 
harmonikamassig  dehnbaren  Begriffes  der  Influenza  zeugten  von  einer  mitleid- 


2  20  Kneipp. 

erregenden  Kindlichkeit.  Sein  ganzes  System  gipfelte  in  dem  einzigen  Satze, 
dass  jede  Krankheit  auf  Storungen  des  Blutes  beruhe.  Von  anderen  that- 
sachlichen  Erscheinungen,  wie  z.  B.  einer  Zellenkrankheitslehre,  hatte  er  nicht 
die  geringste  Kenntniss;  er  leugnete  uberhaupt  Alles,  was  in  seinen  einmal 
gefundenen  Kram  nicht  passte.  Dass  es  andere,  ebenso  ehrenhafte  Collegen 
mit  ihrer  Weisheit  ebenso  halten,  kann  fiir  K.  nicht  als  Entschuldigung  gelten. 
Sein  apodiktischer  Trugschluss  lautete  mit  reizender  Klarheit:  »Wie  einfach, 
uncomplicirt  und  leicht,  ich  mochte  sagen,  fast  jede  Tauschung,  jeden  Irrthum 
ausschliessend,  ist  die  Heilung,  wenn  ich  weiss,  jede  Krankheit  ruht  in  Storun- 
gen des  Blutes.  Die  Arbeit  der  Heilung  kann  nur  eine  zweifache  Aufgabe 
haben:  entweder  muss  ich  das  ungeordnet  circulirende  Blut  wieder  zum  rich- 
tigen  und  normalen  Laufe  zuriickkehren  lassen,  oder  ich  muss  die  schlechten 
Safte  aus  dem  Blute  auszuscheiden  suchen.  Eine  weitere  Arbeit,  die  Krafti- 
gung  des  geschwachten  Organismus  ausgenommen,  giebt  es  nicht.  Das  Wasser, 
im  besonderen  unsere  Wasserkur,  heilt  alle  Uberhaupt  heilbaren  Krankheiten.* 
Das  war  nichts  Neues.  Das  wusste  schon  der  vorgenannte  Dr.  Hahn  (1696 
bis  1773),  dasselbe  hatte  der  schlesische  Bauer  Vincenz  Priessnitz  (1779  bis 
1 851)  verkiindet,  von  welchem  eine  ganze  Stufenleiter  mehr  oder  minder 
geistreicher  Wasserarzte  bis  zu  Vater  K.  ihre  Thatigkeit  tibten.  Wie  jeder 
Heilktinstler  zahlte  K.  nur  seine  Erfolge;  wobei  die  gegenseitig  unbewusst 
mitspielende  Suggestion  nie  in  Betracht  kam.  Gegentheilige  Falle  kiimmerten 
ihn  nicht;  warum  waren  die  Heilsuchenden  nicht  friiher  zu  ihm  gekommen, 
weshalb  hatten  sie  sich  auch  uberhaupt  mit  solchen  Uebeln  eingelassen,  wo- 
gegen  Barfussgehen,  Aufgtisse,  Theil-  und  Sturzbader  und  selbst  der  »spanische 
Mantel «  nichts  mehr  vermochten.  Dass  nicht  fiir  Alles  Hiilfe  sei,  wussten 
schon  die  alten  Griechen  und  die  Gelehrten  von  Salerno.  Sein  System  war 
rich  tig,  zum  Scrupuliren  hatte  er  uberhaupt  keine  Zeit;  was  weiter  geschah, 
lag  iiber  seiner  Sehweite,  da  ihn  ja  haufig  der  nachstliegende  Augenschein 
tauschte.  Also  vivat  sequens!  Man  denkt  unwillktirlich  an  das  Mephistophe- 
lische:  »Der  Geist  der  Medicin  ist  leicht  zu  fassen!«  Geist  war  librigens  in 
Worishofen  nicht  viel  in  Circulation.  Auf  seinen  Wanderziigen  und  Ortsvor- 
tragen  hielt  ein  hausbackener  Witz  und  urwtichsiger  Humor  immer  die  Lacher 
auf  seiner  Seite.  Am  liebsten  geisselte  er  unsere  den  wahren  Anforderungen 
der  Natur  abgewendete  Lebensweise,  drang  wie  J.  J.  Rousseau  zur  Rtickkehr 
auf  entsprechendere  Atzung  und  Kleidung,  donnerte  gegen  den  Luxus  der 
»Mannen  und  Weiberleute«,  insbesondere  gegen  Corset  und  Frauenbeinkleid. 
Er  amiisirte  sein  bescheidenes  Publikum  kostlich.  Und  das  genQgte.  Dazu 
passte  auch  der  wohlwollende,  trockene  Ausdruck  dieses  achten,  vergntiglichen 
Schwabenkopfes.  Wenn  er  schwieg,  zeigte  seine  Physiognomie  etwas  Hauben- 
stockartiges,  ein  Eindruck,  welchen  alle  Busten,  Oelbilder,  Zeichnungen  und 
Photographien  getreulich  wiedergeben.  Bewundernswerth  bleibt  seine  Aus- 
dauer  und  Arbeitskraft.  Fanatismus  hegte  er  keinen,  nicht  einmal  fiir  Giess- 
kanne  und  Malzkaffee;  was  von  Conversionen  in  Worishofen  erzahlt  wird, 
gehort  in  das  Bereich  der  Mythenbildung,  welche  iiber  Kneipp  mit  geschaf- 
tiger  Hand  unnothig  zu  walten  begann.  Neben  seiner  nicht  unerheblichen 
priesterlichen  Amtirung  widmete  K.  viele  Sorgfalt  und  Miihc  der  Landwirth* 
schaft:  Futterbau,  Verbesserung  und  Pflege  der  Wiesen,  Bereitung  des  Dangers, 
Viehzucht  und  Bienenpflege  fanden  an  ihm  einen  sorgfaltigen  Anwalt;  durch 
Wort  und  Schrift  suchte  er  die  bauerliche  Lage  zu  klaren  und  zu  heben. 
»Ehrgeiz    und  Barmherzigkcit,    Rauhhcit  und  Milde    mischten   sich  in  seinem 


Kneipp.     Menzel.  2  21 

Weseru.  Nattirlich  passt  auch  auf  ihn  das  Dichterwort,  class  von  der  Parteien 
Gunst  und  Hass  getrtibt  sein  Bild  schwanke:  wahrend  die  Einen  ihn  als 
cinen  neuen  Apostel  priesen,  fanden  die  Anderen  keine  passendere  Bezeich- 
nung  als  die  eines  Charlatan,  dessen  Thun  und  Treiben  zum  Schaden  der 
menschlichen  Gesellschaft  moglichst  schnell  zu  sistiren  sei.  —  Kneipp's  Vor- 
bild  (ibte  insbesondere  auf  den  jiingeren  Clerus  eine  stark  oscillirende  Wir- 
kung,  welcher  neuestens  das  Augsburger  Diocesan -Blatt  cinen  warnenden 
Dampfer  entgegensetzte.  —  Kneipp  erlag  einer  von  ihm  nie  diagnosticirten 
Leberkrankheit.  Wenn  man  ihm  auch  seiner  achtenswerthen  Charaktereigen- 
schaften  halber  nicht  Feind  sein  konnte,  so  muss  man  doch  seinen  unwissen- 
schaftlichen  Dilettantismus  bedauern,  welcher  tiber  eine  gewisse  einseitige 
Autodidaxie  niemals  hinauskam.  Die  Zahl  der  pro  und  contra  angewachsenen 
Tagesliteratur  ist  unlibersehbar. 

Werkc  s.  Btfrsenblatt  f.  d.  deutsch.  Buchhandel.  1897.  No.  151. 

Hyac.  Holland. 

Menzel,  Karl,  Historiker,  *  am  3.  November  1&35  in  Speyer,  f  am 
10.  Mai  1897  zu  Bonn.  —  Ordentl.  Professor  der  Geschichte  und  historischen 
Hilfswissenschaften  an  der  genannten  rheinischen  Hochschule  ist  M.  nach 
l&ngerem  Leiden  gestorben.  Einer  angesehenen  bayerischen  Beamtenfamilie 
entstammt,  bezog  er  nach  dem  Besuch  der  Gymnasien  Bayreuth  und  Speyer 
1855  die  Universitat  Mtinchen,  wo  bald  v.  Sybel  durch  Vorlesungen  und 
Seminar  eine  bedeutende  Anziehungskraft  auf  ihn  austibte.  Der  gefeierte 
akademische  Lehrer  fand  an  dem  frischen,  lebensfrohen,  fiir  jede  hohere  An- 
regung  empfanglichen  Corpsstudenten  ein  grosses  Wohlgefallen.  Wie  er  ihm 
seine  Gunst  bis  an  das  Lebensende  in  besonderem  Maasse  bewahrte,  so  blieb 
auch  M.  seinem  Gonner  in  unwandelbarer  Treue  ergeben.  Unter  dem  Druck 
politischer  Verstimmungen  folgte  v.  Sybel,  als  Kleindeutscher  und  »Neuberu- 
fener*  in  Miinchen  missliebig  geworden,  im  Sommer  1861  einem  Rufe  nach 
Bonn.  Die  akademische  Jugend  sollte  ihn  nicht  sang-  und  klanglos  abziehen 
lassen,  und  M.  hat  es  mit  seinem  Einfluss  unter  der  Mtinchener  Studenten- 
schaft  durchgesetzt,  dass  —  fast  wie  als  Demonstration  —  dem  gefeierten 
Lehrer  ein  glanzender  Fackelzug  dargebracht  wurde. 

Der  Plan,  sich  zu  habilitiren,  ftihrte  M.  im  Jahre  1865  nach  Erlangen; 
aber  bevor  es  dazu  kam,  wurde  ihm  im  Friihjahr  1866  die  Stelle  eines 
Secretars  am  Grossherzoglichen  Staatsarchiv  zu  Weimar  tibertragen,  und  damit 
eine  ihm  sehr  zusagende  Laufbahn  eroffnet.  Hier  grtindete  er  denn  auch 
seinen  mit  Kindern  reich  gesegneten  Hausstand.  Als  auf  v.  Sybel's  Antrag 
eine  ordentliche  Professur  flir  Geschichte  und  historische  Hilfswissenschaften 
in  Bonn  gegriindet  wurde,  hatte  es  M.  seiner  Empfehlung  zu  danken,  dass 
ihm  dieser  Lehrstuhl  1873  Ubertragen  wurde.  Den  speciellen  Lehrauftrag  flir 
historische  Hilfswissenschaften  ftihrte  er  so  gewissenhaft  aus,  dass  er  in  jedem 
Semester  Palaographie  oder  Diplomatik  oder  Chronologic  oder  Quellenkunde 
des  deutschen  Mittelalters,  sei  es  in  Vorlesungen,  sei  es  im  Seminar,  behan- 
delte,  und  dass  er  von  Streifztigen  in  andere  Gebiete  des  historischen  Studiums 
mit  der  Zeit  ganz  und  gar  absah.  Er,  der  lebhaft  empfindende,  leicht  ge- 
staltende  und  redegewandte  Siiddeutsche,  mag  die  Selbstbeschrankung,  die  er 
damit  seiner  akademischen  Wirksamkeit  auferlegte,  wohl  als  Entsagung  ge- 
ftihlt  haben,  aber  mit  seinem  klaren  Verstand,  seinem  ruhigen  Blick  und 
seinem  nuchtemen  Urtheil  hat  er  sich  frtihzeitig  die  Grenzen  gezogen,  inner- 
halb  deren  er  seinen  Amtspflichten  gentigen  wollte. 


222  Menzel. 

Der  Lehrberuf  liess  dem  arbeitsfrohen  Manne  Musse  zu  ausgedehnter 
schriftstellerischer  Thatigkeit.  Noch  in  seine  Mtinchener  Zeit  fallt  die  preis- 
gekronte  Arbeit  »Kurfiirst  Friedrich  der  Siegreiche  von  der  Pfalz  und  seine 
Beziehungen  zum  Reiche  und  zur  Reichsreform  1454  bis  1464.0c  Munchen 
1 86 1.  Er  war  um  diese  Zeit  Mitarbeiter  bei  der  Redaction  der  Deutschen 
Reichstagsakten,  in  der  strengen  Weizsacker'schen  Schule  hat  er  viel  gelernt, 
und  haufige  und  langandauemde  Reisen  in  deutsche  und  auswartige  Archive 
haben  seiner  entschiedenen  Befahigung  fUr  die  Beschaftigung  mit  dem  archi- 
valischen  Material  reichlich  Nahrung  geboten.  Ueberall,  wo  er  erschien,  ver- 
schaffte  ihm  sein  anspruchsloses,  munteres  und  ungezwungenes  Auftreten  und 
der  Eifer  fur  seine  Mission  Freunde  und  Forderung.  Noch  in  den  spateren 
Lebensjahren  unternahm  er,  wenn  auch  manchmal  unter  korperlichen  Be- 
schwerden,  rait  besonderer  Vorliebe  Archivreisen.  Anlass  hiezu  boten  ihm 
die  Unternehmungen  der  Gesellschaft  fiir  rheinische  Geschichtskunde,  zu  deren 
kundigsten  und  eifrigsten  Mitgliedern  er  von  ihrer  Grtindung  an  gehorte. 
Nachdem  er  an  der %  Herausgabe  der  Ada-Handschrift  thatigen  Antheil  ge- 
nommen,  sammelte  und  bearbeitete  er  die  alteren  rheinischen  Urkunden  bis 
zum  Jahre  900,  die  er  denn  auch  dem  Abdruck  sehr  nahe  gebracht  hat; 
weit  vorgeschritten  sind  ferner  seine  erzbischoflich  kolnischen  Regesten.  Von 
langerer  Zeit  her  datiren  seine  Vorbereitungen  zur  Herausgabe  eines  zweiten 
Bandes  des  Codex  diplomaticus  Nassoicus.  Urkunden  und  Acten  —  dies 
war  so  recht  seine  Domane,  und  dieses  Merkmal  tragen  mehr  oder  weniger 
auch  seine  darstellenden  Werke.  Es  traf  sich,  dass  er  —  abgesehen  von  einer 
1868  erschienenen  kiirzeren  Monographic  uber  »Diether  von  Isenburg,  Erz- 
bischof  von  Mainz,  1459 — 1463*  —  die  Arbeiten  Anderer  fortsetzte,  wie 
Schliephake's  Geschichte  von  Nassau,  die  er  mit  Bd.  5,  6  und  7  bis  zum 
Jahre  1816  weiterfiihrte  (Wiesbaden  1879.  84.  89);  oder  da  und  dort  erganzt 
und  berichtigt  druckfertig  machte,  wie  Knochenhauer's  Geschichte  ThUringens 
(1039 — 1247)«  Gotha  1871;  oder  erst  aus  dem  gesammelten  Rohmaterial  zu- 
sammenstellte  und  der  Presse  ubergab,  wie  den  literarischen  Nachlass  des  pfalzi- 
schen  Dekans  Schwartz,  aus  dem  —  mit  Recht  unter  M.'s  Namen  —  die  Schrift 
» Wolfgang  von  Zweibriicken,  Pfalzgraf  bei  Rhein  1526 — 1569.  Mtinchen  1893* 
in  die  Oeffentlichkeit  trat.  Diesen  zum  Theil  sehr  umfangreichen  Arbeiten 
soil  die  Anerkennung  nicht  versagt  werden,  dass  sie,  die  ihrem  Herausgeber 
Entsagung  und  Mtihe  in  reichem  Maasse  brachten,  geschickt  und  umsichtig 
ausgefuhrt  sind  und  die  Forschung  mit  viel  Material  und  neuen  Erkenntnissen 
bereichern.  Neben  ihnen  darf  aber  die  Abhandlung  »uber  Ordnung  und  Ein- 
richtung  der  Archive*  (Historische  Zeitschrift  22,  225 — 256)  nicht  vergessen 
werden,  mit  welcher  der  Verfasser  die  Aufgabe,  die  er  sich  gestellt,  so  trefflich 
gelost  hat,  dass  man  fast  bedauern  mochte,  dass  dieser  Mann  mit  seinem  gesunden 
Menschenverstand,  Ordnungssinn  und  praktischen  Geschick,  seiner  Gelehrsam- 
keit  und  seinem  wissenschaftlichen  Eifer  nicht  dem  Archivdienst  erhalten  blieb. 

Das  Bild,  das  wir  von  dem  Verewigten  zu  entwerfen  versuchten,  ware 
unvollstandig,  wenn  wir  nicht  auch  des  tapferen  Patrioten  gedachten,  des 
beredten  und  zu  jedem  Opfer  bereiten  Vorkampfers  der  nationalen  Sache  in 
den  Rheinlanden.  Aber  nur  um  die  Sache  kampfte  er :  fur  das  neue  deutsche 
Reich,  fur  die  Freiheit  der  religiosen  Ueberzeugung  und  fur  das  Recht  des 
freien  Wortes.  Hasserfulltes,  die  Personen  befehdendes  Parteitreiben  lag  seinem 
Wesen  fern,  in  welchem  Lauterkeit,  Geradheit  und  Wohlwollen  die  Grund- 
ziige  bildeten.  Kerler. 


Martiny.     Hirschberger.     Herz.  223 

Martiny,  Friedrich,  *  1819,  f  am  7.  April  1897  in  Danzig.  —  Ein 
Achtundvierziger.  Als  Stadtrichter  in  Friedland  (Westpreussen)  wurde  er  in 
das  Frankfurter  Parlament  gewahlt,  schloss  sich  der  aussersten  Linken  an, 
hielt  beim  Stuttgarter  Rumpfparlament  aus,  wurde  wegen  Hochverrath  an- 
geklagt  und  nach  einer  Untersuchungshaft  von  19  Monaten  vom  Schwur- 
gericht  in  Konitz  freigesprochen.  Er  wurde  dann  zum  Kreisrichter  in  Kau- 
kehmen  ernannt  und  im  Jahre  1861  in  das  Abgeordnetenhaus  gewahlt. 
Hier  Hess  er  sich  fur  die  Ideen  des  damals  noch  ziemlich  isolirt  da- 
stehenden  Lassalle  gewinnen,  nach  welcher  das  Abgeordnetenhaus  die  Regie- 
rung  zur  Nachgiebigkeit  im  Militarconflict  dadurch  zwingen  k6nne  und  solle, 
dass  es  seine  Thatigkeit  vollig  einstelle.  Da  er  in  der  Partei  keine  Genossen 
fur  diese  Ansichten  fand,  legte  er  am  10.  Februar  1862  sein  Mandat  (flir 
Memel-Heydekrug)  nieder.  Man  betrachtete  ihn  seitdem  als  Anhanger  der 
Socialdemokratie  und  Lassalle  wies  ihm  in  seinem  Testament  eine  erhebliche 
Rolle  zu.  M.  zog  sich  aber  vom.  offentlichen  Leben  vollig  zuriick.  Er  wurde 
1869  Rechtsanwalt  in  Danzig  und  1879  Vorsitzender  der  Westpreussischen 
Anwaltskammer. 

Alexander  Meyer. 

Hirschberger,  Traugott,  *  1811  in  Lampersdorf,  Kreis  Frankenstein 
(Schlesien),  f  am  13.  Februar  1897  in  Ltibbenau.  Freisinniger  Abgeordneter.  — 
Besuchte  die  Volksschule  und  erlernte  das  Mlillerhandwerk.  Durch  eifriges 
Selbststudium  brachte  er  es  so  weit,  dass  er  das  Muhlenbauwesen  tnit  eigenen 
Arbeiten  fordern  und  technischen  Unterricht  an  der  Handwerker-Fortbildungs- 
schule  ertheilen  konnte.  Er  wurde  zum  Mitglied  der  Priifungskommission  fiir 
Bauhandwerker  ernannt.  Von  1861  bis  1866  gehorte  er  dem  Abgeordneten- 
hause  fUr  den  Wahlkreis  Kottbus-Spremberg  und  von  1881  bis  1884  dem 
Reichstage  flir  denselben  Wahlkreis  an.  Noch  als  achtzigjahriger  Greis  hat 
er  in  Vortragen  politischen  und  technischen  Inhalts  unermtidlich  gewirkt.  Bei 
der  Feier  der  Eroffhung  des  neuen  Reichstagshauses  war  er  der  jugendfrische 
Senior  unter  den  Anwesenden. 

Alexander  Meyer. 

Herz,  Karl,  bayerischer  Jurist  und  Abgeordneter,  *  am  21.  December 
1 83 1  in  Wtirzburg,  f  am  8,  Mai  1897  in  Aschaffenburg.  —  Studirte  in  Heidel- 
berg und  Wtirzburg  Jura,  arbeitete  an  der  Staatsanwaltschaft  in  Aschaffenburg 
und  Mtinchen,  wurde  1868  Bezirks-  und  Landgerichtsrath  in  Niirnberg,  im 
August  1883  Landgerichtsprasident  in  Aschaffenburg,  starb  im  Pensionsstandc. 

Seit  dem  Jahre  1869  gehorte  er  dem  bayerischen  Abgeordnetenhause  an 
und  schloss  sich  der  Fortschrittspartei  an.  In  den  Reichstag  wurde  er  187 1 
fiir  Eichstadt,  einen  tiberwiegend  katholischen  Wahlkreis,  1874  fiir  Berlin  III, 
1877  fiir  Ansbach,  1881  flir  Forchheim  gew&hlt.  *  Dem  in  Folge  der  Auf- 
I6sung  von  1878  gewahlten  Reichstage  hat  er  nicht  angehort.  Im  August 
1883  legte  er  in  Folge  von  Beforderung  im  Dienste  sein  Mandat  flir  immer 
nieder. 

Die  Fortschrittspartei  zahlte  ihn  zu  ihren  hervorragenden  Mitgliedern. 
Sie  designirte  ihn  zum  Schriftflihrer  des  Reichstags  und  wahlte  ihn  1877  in 
einen  Ausschuss  von  zehn  Mitgliedern,  der  eine  programmatische  Erklarung 
der  Partei  festzustellen  hatte.  Als  er  im  Jahre  1874  in  Eichstadt  durch- 
gefallen    war,    empfahl    ihn  Hoverbeck  in  einem  sehr  eindringlich  gehaltenen 


224  Herz.     Grill  enberger.     Zinn. 

Briefe  fur  eine  Nachwahl  in  Berlin  an  seiner  eigenen  Stelle,  da  er  ftir  einen 
ostpreussischen  Wahlbezirk  angenommen  hatte.  Und  als  er  hier  gewahlt  war, 
wurden  in  seinem  alten  Wahlkreise  Freudenfeuer  angeztindet. 

Seine  uichtigste  Thatigkeit  entfaltete  er  als  Mitglied  der  Commission  fiir 
die  Justizgesetze.  Er  trat  im  Plenum  ein  fur  den  nichtconfessionellen  Eid 
(20.  November  1876),  ftir  die  Befugniss  des  Gerichts,  einstimmig  einen  Schuld- 
spruch  der  Geschworenen  zu  kassiren  (1.  December  1876),  ftir  die  Zustandig- 
keit  der  Geschworenen  in  Presssachen  (19.  December  1876),  ftir  die  Be- 
schrankung  der  Militargerichte  im  Frieden  auf  Dienstvergehen  der  Militar- 
personen  (21.  December  1876). 

Alexander  Meyer. 

Grillenberger,  Karl,  *  am  22.  Februar  1848  in  Zirndorf  in  Bayern,  f  am 
19.  October  1897  in  Ntirnberg.  Socialdemokratischer  Abgeordneter  und  Re- 
dakteur.  —  Besuchte  die  Volksschule,  lernte  das  Schlosserhandwerk  und  arbei- 
tete  zeitweise  in  der  Gewehrfabrik  zu  Ntirnberg.  Seit  1875  *m  Sinne  der 
Socialdemokratie  publicistisch  thatig,  tibernahm  er  spater  die  Redaktion  der 
Frankfurter  Tagespost  in  Ntirnberg.  Seit  1881  bis  zu  seinem  Tode  gehorte 
er  dem  Reichstage  als  Abgeordneter  fur  Ntirnberg  an,  war  auch  Mitglied  des 
bayerischen  Abgeordnetenhauses. 

Er  war  ein  markiger  Redner,  der  sich  auch  in  den  der  Arbeiterversiche- 
rung  betreffenden  Fragen  ein  ttichtiges  Wissen  angeeignet  hatte. 

Alexander  Meyer. 

Zinn,  August,  *  am  20.  August  1825  zu  Ilbesheim  in  der  bayerischen 
Pfalz,  f  am  17.  November  1897  zu  Eberswalde.  Irrenarzt,  zeitweise  Reichs- 
tagsabgeordneter.  —  Z.  war  der  Sohn  eines  mit  Kindern  reich  gesegneten 
Pfarrers,  den  er  frtihzeitig  verlor.  Er  wurde  ftir  das  Forstfach  bestimmt  und 
hatte  es  schon  zu  einer  mit  kleinem  Gehalt  ausgestatteten  Beamtenstelle  ge- 
bracht,  als  das  Jahr  1849  ^n  in  den  Strudel  der  Revolution  zog.  Er  musste 
in  die  Schweiz  fltichten  und  nahm  hier  mit  Untersttitzung  einiger  Gonner  das 
Studium  der  Medicin  auf.  Er  liess  sich  1858  als  praktischer  Arzt  in  Thai- 
weil,  Kanton  Ztirich,  nieder  und  heirathete  seine  Jugendgeliebte  Anna  Haas. 
Kleine  Schriften,  die  er  tiber  irrenarztliche  Themata  geschrieben  hatte,  ver- 
anlassten,  dass  er  zum  Direktor  der  Irrenanstalt  zu  St.  Pirminsberg  (St.  Gallen) 
berufen  wurde,  um  deren  Entwickelung  er  sich  hohe  Verdienste  erworben. 
Im  Jahre  1867  wurde  er  Ehrenbtirger  der  Stadt  und  des  Kantons  St.  Gallen. 
Im  Jahre  1872  wurde  er  als  Chefarzt  und  Direktor  an  die  Landesirrenanstalt 
Eberswalde  (Provinz  Brandenburg)  berufen  und  war  ftinfzehn  Jahre  als  Re- 
ferent der  Brandenburgischen  Provinzialverwaltung  thatig,  in  der  er  das  Me- 
dicinalwesen  bearbeitete.  Obwohl  seine  literarische  Thatigkeit  gering  war, 
hatte  er  sich  doch  in  weiten  Krefeen  den  Ruf  eines  sehr  ttichtigen  Medicinal- 
beamten  erworben. 

Von  1874  bis  1881  vertrat  er  den  Kreis  Kirchheim-Bolanden  im  Reichs- 
tag. Seine  Thatigkeit  war  hier  dadurch  bemerkenswerth,  dass  er  der  einzige 
Nicht- Jurist  war,  der  in  die  Commission  zur  Berathung  der  Justizgesetze  (Ge- 
richtsverfassung,  Civil-  und  Strafprocessordnung)  gewahlt  wurde.  Er  leistete 
gute  Dienste  bei  alien  den  Kapiteln,  die  arztliche  Kenntnisse  in  Anspruch 
nahmen,  allein  er  arbeitete  sich  in  das  ganze  Thema  so  vorztiglich  ein,  dass 
er  schliesslich  auch  in  rein  juristischen  Fragen  fur  voll  genommen  wurde. 


Zinti.     Petri, 


225 


Er  hatte  sich,  getreu  seinen  Jugenderinnerungen,  ursprilnglich  der  Fort- 
schrittspartei  angeschlossen,  allein  als  Filrst  Bismarck  eine  neue  handelspoliti- 
sche  Aera  in  das  Leben  rief,  zeigte  es  sich,  dass  Z.  Schutzzollner  durch  und 
durch  war.  Seine  alten  Freunde  brachen  mit  ihm  und  er  hielt  es  nach  kur- 
zem  Schwanken  gerathen,  sich  aus  dem  parlamentarischen  Leben  ganzlich 
zurlickzuziehen.     Ein  langwieriges  Leiden  machte  seinem  Leben  ein  Ende. 

Schriften  und  Aufsatze:  Ueber  die  Cholera  in  Zurich;  Uber  die  Masernepideroie 
in  Thalweil  bei  Zurich;  Uber  das  OfFentliche  Irrenwesen  im  Kanton  Zurich  1850;  Uber  die 
Staatsaufsicht  in  den  Irrenanstalten,  1877;  Uber  die  Stellung  des  Geistlichen  an  der  Irren- 
anstalt,  1880;  Uber  die  Versorgung  geisteskranker  Verbrecher,  1882;  Uber  die  Sffentliche 
Irrenpflege  in  Preussen,  1884;  Uber  Psychiatrie  und  Seelsorge,  1893;  zur  Reform  des  Irren- 
wesens  in  Preussen  und  das  Verfahren  in  EntmUndigungssachen  von  Geisteskranken,  1893; 
zur  Frage  der  Reform  des  Irrenwesens,  1895.  —  Ueber  ihn:  Zeitschrift  fUr  Psychiatrie,  1898. 

Alexander  Meyer. 

Petri,  Wilhelm  Joseph,  *  am  9.  October  1826  zu  Oestrich  im  Rhein- 
gau,  f  am  13.  November  1897  in  Cassel.  Vorkampfer  der  altkatholischen 
Bewegung,  Richter  und  eine  Zeit  lang  Abgeordneter.  —  Er  war  der  Sohn  eines 
Grundbesitzers  und  Oberschultheissen,  erhielt  seine  Schulbildung  in  Wiesbaden, 
Hadamar  und  Weilburg  und  studirte  in  Heidelberg,  Leipzig  und  Bonn,  Im 
Jahre  1848  machte  er  als  Soldat  im  2.  Nassauischen  Infanterie-Regiment  den 
Feldzug  gegen  die  Danen  mit.  Im  Jahre  1849  promovirte  er  summa  cum 
laude  zum  Dr.  jur.  und  legte  bis  1854  seine  beiden  Staatsprtifungen  ab.  Er 
wurde  nach  der  Annexion  Nassaus  zum  Appellationsgerichtsrath  ernannt  und 
Ende  1881  Senatsprasident  am  Oberlandesgericht  Cassel.  Er  erhielt  1891 
den  Titel  eines  Geheimen  Ober-Justizraths  und  schied  kurz  vor  seinem  Tode, 
mit  hohen  Orden  geehrt,  aus  dem  aktiven  Dienst.  Ein  ausserst  schmerzhaftes 
carcinomoses  Leiden  hatte  ihm  die  letzten  Lebensjahre  verbittert. 

Von  1872  bis  1 88 1  hat  er  den  Stadtkreis  Wiesbaden  im  Preussischen 
Abgeordnetenhause  vertreten,  sich  der  Fortschrittspartei  angeschlossen  und 
sich  hauptsachlich  als  Vorkampfer  der  altkatholischen  Sache  einen  Namen 
gemacht.  Wesentlich  seiner  Anregung  war  es  zu  verdanken,  dass  das  Alt- 
katholikengesetz  erlassen  wurde.  Selbstverstandlich  wurde  er  die  Zielscheibe 
der  ultramontanen  AngrifFe  und  man  hat  ihm  hohnisch  wiederholt  die  Frage 
vorgelegt,  ob  er  denn  —  mit  Ausnahme  des  Unfehlbarkeitsdogmas  —  alle 
tibrigen  Dogmen  der  katholischen  Kirche  glaube.  Mit  Recht  hat  er  dieser 
unberufenen  Frage  das  Schweigen  des  Unwillens  entgegengesetzt.  P.  war  ein 
viel  zu  lauterer  Charakter,  als  dass  er  in  der  katholischen  Kirche  verharrt 
haben  wurde,  wenn  er  nicht  die  Ueberzeugung  gehabt  hatte,  dass  er  mit 
seiner  kirchlichen  Ueberzeugung  das  Recht  gehabt  hatte,  in  ihr  zu  stehen. 
Er  nannte  den  Katholicismus  die  Religion  seiner  Vater  und  sah  in  dem  Un- 
fehlbarkeitsdogma  einen  Abfall  von  der  Religion  seiner  Vater  und  er  war  der 
Mann  nicht,  um  zu  liigen.  In  der  Regel  ein  Mann  von  ruhigen  Formen  und 
ein  Gegner  des  leeren  Pathos,  machte  es  einen  grossen  Eindruck,  als  er  die 
Verse  des  Pseudo-Walther  von  der  Vogelweide  recitirte: 

Wer  zagt,  dass  er  des  Himmels  fehle, 
Der  beuge  sich  des  Bannes  Reich, 
Ich  fUrchte  Nichts  fUr  meine  Seele, 
Steh'  ich  zu  Kaiser  und  zu  Reich. 

Im  Jahre  1877  trat  er  aus  der  Fraktion  der  Fortschrittspartei  aus  und 
wurde  »wild«.    Griinde  fur  diesen  Schritt  hat  er  nicht  angegeben;  es  lasst  sich 

Biogr.  Jahrb.  u.  Deutacher  Nekrolog.    2.  Bd.  I  c 


aa6  Petri.     Engelhorn,     Janice, 

vermuthen,  dass  ihm  auch  hier  einige  Dogmen  aufgezwangt  werden  soil  ten, 
die  er  verwarf,  obwohl  er  an  der  Politik  seiner  Vater,  dem  Liberalismus, 
festhielt. 

Durch  eine  erste  sehr  kurze  Ehe  wurde  P.  der  Schwager  des  Cultur- 
historikers  Riehl  und  wurde  durch  diesen  veranlasst,  in  der  Augsburger  All- 
gemeinen  Zeitung  und  in  den  Annalen  des  Nassauischen  Alterthumsvereins 
einige  Aufsatze,  darunter  einen  iiber  die  Niederlage  der  Rheingauer  Bauern 
bei  dem  Wachholderhof  (im  Bauernkriege)  zu  schreiben.  Aus  einer  zweiten 
Ehe  mit  einem  Fraulein  Hilf  hinterliess  er  zahlreiche  Kinder. 

P.  war  ein  Mann  von  grosser  korperlicher  und  geistiger  Energie,  ein 
rlistiger  Bergsteiger.  Nebenher  einer  der  besten  Kenner  und  Kaufer  rheini- 
scher  Weine,  vor  dem  selbst  Karl  Braun  seine  Klinge  neigte.  Dieser  Cha- 
rakterzug  gehort  nothwendig  zu  seinem  Bilde.  Seines  Umganges  konnte  man 
sich  erfreuen,  wie  eines  edlen  firmen  Weines.  So  war  Festigkeit  und  Milde 
in  seinem  Wesen  gepaart.  Um  eine  grossere  und  langere  Rolle  im  politischen 
Leben  zu  spielen,  fehlte  ihm  der  Ehrgeiz;  er  trat  hervor,  so  lange  Pflicht  und 
Gewissen  es  ihm  gebot. 

Alexander  Meyer. 

Engelhorn,  Julius,  Buchhandler,  *  am  4.  Juni  181 8  in  Mannheim,  f  am 
10.  Mai  1897  in  Stuttgart.  —  E.  war  lange  Jahre  hindurch  im  kaufmannischen 
Berufe  thatig  und  machte  sich  als  Verlagsbuchhandler  erst  im  Jahre  i860  in 
Stuttgart  selbstandig.  Durch  Grtindung  der  gediegenen  Kunstzeitschrift  »Ge- 
werbehalle«  und  ahnliche  zeitgemasse  Unternehmungen  erzielte  er  bald  grosse 
Anerkennung  und  Erfolge.  Ausserordentlich  giinstige  Aufnahme  und  Ver- 
breitung  fand  das  1884  gegriindete  Unternehmen :  »EngeIhorn's  Romanbiblio- 
thek«,  eine  Sammlung  neuer  gediegener  Romane  und  Novellen  in  gleichmassigen, 
ausserst  billigen  Ausgaben.  Allen  Vorgangen  im  Buchhandel  schenkte  er  das 
lebhafteste  Interesse  und  machte  in  engeren  und  weiteren  Kreisen  um  das 
Gemeinwohl  des  Standes  in  hohem  Grade  sich  verdient.  —  Besitz  und  Lei- 
tung  des  Geschaftes  gingen  1890  in  die  Hande  seines  Sohnes  und  langjahrigen 
Theilhabers  Karl  Engelhorn,  Mitgliedes  des  Borsenvcreins-Vorstandes,  iiber. 

Vergl.  Borsenblatt  f.  d.  deutsch.  Buchh.  1897.  No.  108. 

H.  Ellissen. 

Janke,  Richard,  Buchhandler,  *  1852  in  Berlin,  f  am  21.  August  1897 
ebenda.  — -  J.  absolvirte  das  Gymnasium  und  erlernte  bei  Fr.  Frommann  in 
Jena  den  Buchhandel.  Spater  widmete  er  sich  kurze  Zeit  dem  Bankfach, 
dann  ausschliesslich  dem  Musikalienhandel.  Nachdem  er  diesen  bei  Martin 
Bahn  in  Berlin  naher  kennen  gelernt  und  die  Sulzer'sche  Handlung  in  Biele- 
feld einige  Zeit  geleitet  hatte,  erwarb  er  die  Schmid'sche  Hofmusikalienhand- 
lung  in  Munchen,  trat  jedoch  nach  mehreren  Jahren  auf  Wunsch  seines  Vaters 
und  Bruders  in  das  hochangesehene  vaterliche  Verlagsgeschaft  Otto  Janke  ein 
und  wurde  1883  dessen  Mitinhaber.  Nach  dem  Ausscheiden  des  Begrunders 
(1885)  fiihrte  er  es  bis  zu  seinem  Tode  gemeinschaftlich  mit  seinem  alteren 
Bruder  Dr.  Gustav  Janke  in  erfolgreicher  Weise  fort.  —  Im  Privatleben 
pflegte  J.  eifrig  die  Musik.  Sein  heiteres  Wesen  machte  ihn  beliebt  in  einem 
grossen  Kreise  seiner  Collegen. 

Vergl.  Btirsenblatt  f.  d.  deutsch.  Buchh.   1897.  No.  196  u.  260. 

H.  Ellissen. 


Koch.     Koehler'. 


227 


Koch,  Eduard  Friedrich,  Buchhandler,  *  am  10.  Juli  1838  zu  Gross- 
aspach,  Oberamt  Backnang,  in  Wttrttemberg,  als  altester  Sohn  des  Pfarrers 
Koch,  f  am  30.  November  1897  in  Stuttgart.  —  Seit  1847  besuchte  er  das 
Gymnasium  in  Heilbronn,  wohin  sein  Vater  versetzt  war.  Mit  1 6  Jahren  ver- 
liess  er  die  Schule,  um  sich  dem  Buchhandel  zu  widmen,  den  er  in  Heidel- 
berg erlernte.  Spater  war  er  in  Braunschweig,  Leipzig  und  Freiburg  i.  Br. 
thatig.  Schon  damals  betrieb  er  nebenbei  eifrig  das  Studium  der  Natur- 
wissenschaften,  besonders  das  der  Geologie,  und  legte  den  Grund  zu  einer 
spateren  grossartigen  palaontologischen  Sammlung.  1867  tibernahm  er  die 
1826  gegriindete  Schweizerbart'sche  Verlagshandlung  und  Druckerei  in  Stutt- 
gart. Wahrend  der  Verlag  bisher  Schriften  des  verschiedensten  Inhalts  um- 
fasst  hatte,  pflegte  K.  fast  nur  den  naturwissenschaftlichen  Verlag.  So  ver- 
legte  er  u.  a.  die  Schriften  von  Darwin  in  der  Uebersetzung  von  J.  V.  Cams, 
die  in  20  Nummern  43  Bande  umfassen  und  etwa  300  M.  kosten.  Welche 
Dienste  er  aber  besonders  der  Palaontologie  Jeistete,  beweisen  die  in  vielen 
Banden  vorliegenden  »Palaontographica,  Beitrage  zur  Geschichte  der  Vorzeiu 
im  Werthe  von  beinahe  3000  M.  Die  flir  diese  u.  a.  seiner  naturwissen- 
schaftlichen Zeitschriften  vielfach  nothigen  Abbildungen  trugen  wesentlich  zur 
Forderung  der  modernen  Reproductionsverfahren  bei.  Er  bekleidete  Ehren- 
und  Vertrauensposten  im  Verein  ftir  vaterlandische  Naturkunde  und  im  Wlirt- 
tembergischen  anthropologischen  Verein.  Auch  sein  Interesse  fiir  das  Gemein- 
wohl  des  Buchhandels  hat  er  vielfach  an  den  Tag  gelegt. 

Vergl.  Mediciniscbes  Correspondenzblatt  des  WUrttembergiscben  Brztlicben  Landes- 
vereins,  abgedruckt  im  Borsenblatt  f.  d*  deutscb.  Buchh.  1897.  No.  300. 

H.  Ellissen. 

Koehler,  Karl  Franz,  Buchhandler,  *  am  22.  August  1843  als  der  alteste 
Sohn  des  zweiten  Inhabers  des  grossen  Buchhandlerhauses  K.  F.  Koehler, 
Franz  Koehler  in  Leipzig,  f  am  5.  August  1897  in  Bonn.  —  Nach  strenger 
vaterlicher  Erziehung,  bestand  er  eine  vierjahrige  Lehrzeit  bei  Vandenhoeck 
&  Ruprecht  in  Gottingen.  Spater  in  den  berlihmten  Buchhandlungen  Dulau 
&  Co.  in  London,  Otto  Lorenz  in  Paris  und  Wilhelm  Braumiiller  &  Sohn  in 
Wien  als  Gehilfe  thatig,  hatte  er  Gelegenheit,  seine  geschaftlichen  Kenntnisse 
in  ungewohnlicher  Weise  zu  bereichern.  1867  trat  er  in  das  bereits  1789 
gegriindete  vaterliche  Geschaft  ein,  das  schon  damals  zu  den  bedeutendsten 
Leipziger  Commissions-Buchhandlungen  gehorte,  und  mit  einem  nicht  minder 
angesehenen  Antiquariat  verbunden  war;  1881  aber  wurde  es,  nachdem  1873 
das  Commissionsgeschaft  in  den  Alleinbesitz  von  Karl  Franz  Ubergegangen 
war,  wahrend  sein  Bruder  Hugo  das  Antiquariat  iibernommen  hatte,  noch 
wesentlich  vergrossert  durch  Erwerbung  des  Hermann  Fries*schen  Commissions- 
geschafts.  In  dem  1880/81  von  K.  erbauten  palastartigen  Hause  an  der 
Stephanstrasse  eroflfnete  er  1887/88  ein  bald  zu  hochstem  Ansehen  gelangen- 
des  Baarsortiment,  das  die  sofortige  Lieferung  aller  gangbaren  Verlagsartikel, 
meist  in  gebundenem  Zustande  und  zu  den  Verlagsnettopreisen,  an  die  Sorti- 
mentshandlungen  vermittelt.  Eine  grossere  Anzahl  alljahrlich  und  semester- 
weise  verdffentlicher  gediegener  Cataloge  legt  Zeugniss  fur  die  hohe  Bedeu- 
tung  dieses  Geschaftszweiges  ab.  Die  gewaltige  Ausdehnung  des  Geschaftes 
fuhrte  zur  Errichtung  eines  noch  grosseren,  ein  ganzes  Strassenviertel  am 
T&ubchenweg  bedeckenden  Geschaftshauses,  das  1894  bezogen  wurde.  Unter 
fast  unaufhorlichen  Aufregungen  und  Anstrengungen   leider  schon  seit  Jahren 

15* 


228  Koehler.     Rupp.    Walch. 

erkrankt,  suchte  K.  zuletzt  in  Bonn  Heilung  von  einem  periodisch  wieder- 
kehrenden  qualvollen  Uebel.  Am  8,  August  wurde  er  in  der  mit  herrlichen 
Reliefs  von  Kaffsack  geschmuckten  Familiengruft  unter  unabsehbarem  Gefolge 
zur  Ruhe  bestattet. 

Vergl.  Bdrsenblatt  far  den  deutschen  Buchhandel  1897.  No,  181,  183,  197  und  Da- 
heim  1897,  No.  48  (mit  Portr.>  H    Eujssen 

Rupp,  Adolf,  Architekt,  *  am  14.  Marz  1843  als  Sohn  eines  griechischen 
Militarspitalverwalters  in  A  then,  f  am  15.  Mai  1897  zu  Miinchen.  —  R.  kam 
dreizehnjahrig  zu  seiner  Ausbildung  nach  Deutschland,  wo  er  die  Realschule 
zu  Augsburg  und  dann  das  Polytechnikum  in  Miinchen  besuchte.  R.  begann 
seine  Praxis  als  Ingenieur  der  bayerischen  Staatseisenbahnen,  ging  als  Ober- 
ingenieur  nach  Rumanien  und  Oesterreich,  kehrte  1875  nach  Bayern  zuruck 
und  liess  sich  1888  in  Miinchen  als  Ingenieur  und  Baumeister  nieder,  wo  er 
verschiedene  grossere  Privatbauten  ausfiihrte,  zuletzt  das  mustergiltige,  eine 
Sehenswlirdigkeit  ersten  Ranges  bildende  »Kaufhaus  B6hmler«,  welches  im 
Marz  1897  vollendet  wurde.  Doch  schon  am  15.  Mai  endete  der  Tod  die 
vielseitige  Thatigkeit  des  merkwiirdigen  Mannes. 

Vergl.  No.  74  »Allgemeine  Zeitung*  vom    15.  Mfirz  1897   und  No.  227  »Mtinchener 

Neueste  Nachrichten*  vom  18.  Mai  1807.  TT  TT    ,*        , 

y'  Hyac.  Holland. 

Walch,  Emanuel,  Maler,  *  am  28.  August  1862  im  hochgelegenen  Berg- 
dorf  Kaisers  in  Tirol,  f  am  25.  August  1897  zu  Toblach.  —  Ein  vorziiglich 
begabter  Kiinstler,  welcher  trotz  seiner  kurzen  Lebenszeit  doch  schon  einen 
sehr  guten  Namen  erwarb.  In  W.  entwickelfe  sich  die  fast  alien  seinen  Lancjs- 
leuten  eigene  Veranlagung  zur  Kunst  durch  das  Betrachten  von  Kirchen- 
gemalden  und  Biicher-Illustrationen.  Die  Neigung,  selbst  Zeichner  und  Maler 
zu  werden,  fiihrte  ihn  alsbald  in  die  Werkstatte  des  in  Vorderhornbach  sess- 
haften  Malers  Karle  und  etliche  Jahre  spater  an  die  Miinchener  Akademie, 
wo  Ludwig  v.  Ltifftz  und  insbesondere  Andreas  MUller  das  vielversprechende 
Talent  cultivirten.  Die  nothige  Unterstiitzung  boten  einige  wohlgeneigte 
Conner  und  ein  Stipendium  der  Tiroler  Landesregierung.  W.,  welcher  sich 
der  religiosen  Kunst  zuwendete,  malte  drei  Oelbilder  fiir  die  Kirche  zu  Mtin- 
ster  (Unterinnthal),  mehrere  Fresken  in  der  Kirche  zu  Vomp,  auch  eine  »hl. 
Elisabeth «  fur  eine  Villa  in  Schwaz.  Sein  energischer  Fleiss  ermoglichte  1894 
sechs  Bilder  in  der  neuen  Kirche  zu  Villach,  acht  Wandbilder  an  der  Aussen- 
seite  der  Pfarrkirche  zu  Mieming  zu  schaffen.  Schon  1893  hatte  W.  ftir  Obeske 
und  Szabadka  in  Ungarn  mehrere  treffliche  Fresken  geliefert,  wahrend  viele 
Oelbilder  in  die  Kirchen  Tirols  kamen,  darunter  das  liebliche  »Rosenkranz- 
bild«  fur  Innervillgratten,  welches  auf  der  Ausstellung  der  »Deutschen  Gesell- 
schaft  fur  Christliche  Kunst«  zu  Miinchen  1895  die  verdiente  Wiirdigung  fand. 
Kleinere  Bilder  erwarb  der  Miinchener  »Verein  flir  Christliche  Kunst«  zu 
seinen  Verloosungen  in  den  Jahren  1889,  1894  und  1896.  Die  fortgesetzt 
anstrengenden  Arbeiten  zehrten  an  der  ohnehin  schwachlichen  Gesundheit  des 
Kiinstlers,  dazu  gesellten  sich  durch  einen  ungllicklichen  Sturz  von  einem 
Malgeriiste  haufige  Blutergusse  und  ein  rasch  vorschreitendes  Lungenleiden. 
Sein  den  hochsten  Zielen  zugewendetes  edles  Streben  endete  schon  am 
25.  August  1897.    Er  wurde  auf  dem  stillen  Friedhofe  zu  Toblach  begraben. 

Vergl.  Max  Fttrst  im  »Rechenschaftsbericht  des  Vereins  fUr  christl.  Kunst*  f.  1897. 
Miinchen  1898.    S.  13. 

Hyac.  Holland. 


Sanger.     Stieler.  2  20 

Sanger,  Dominik,  Bildhauer,  *  am  6.  October  1845  zu  Berlin,  f  am 
6.  Marz  1897  in  Mlinchen.  —  S.  kam  nach  Vollendung  der  Realschule  zu 
Breslau  in  das  Geschaft  eines  angesehenen  Steinmetzen  und  Stuccateurs  und 
mit  demselben  nach  Russland,  wo  ein  grosser  Auftrag  des  damaligen  Kaisers 
zu  erledigen  war.  Darauf  trat  S.  zu  Miinchen  im  Atelier  des  Bildhauers  Anselm 
Sickinger  (1807 — 1873)  in  Condition,  wo  er  bald  die  verdiente  Aufmerksam- 
keit  erregte,  aber  schon  nach  kaum  einjahriger  Thatigkeit  durch  seine  Militar- 
pflicht  nach  Berlin  gerufen  wurde  auf  die  Dauer  des  Feldzugs  1866.  Nach 
Ablauf  desselben  arbeitete  S.  in  Budapest,  Wien  und  abermals  zu  Mlinchen 
in  verschiedenen  Ateliers,  doch  forderte  er  sich  nebenher  noch  durch  fleissigen 
Besuch  von  Akt-  und  Zeichnungsschulen.  Der  Krieg  1870  rief  ihn  abermals 
unter  die  Waffen  bei  den  Konigin  Elisabeth  Garde-Grenadieren.  Nach  dem 
Frieden  eilte  S.  abermals  nach  Miinchen;  hier  grlindete  er  1873  seinen  eigenen 
Herd,  beschaftigte  sich  mit  seiner  eminenten  Meisselfuhrung  nicht  allein  bei 
Wagmiiller's  Liebigdenkmal  und  ftir  Fr.  Wilh.  Wanderer,  sondern  erwarb  auch 
durch  geistreich  ausgefiihrte  Portratbiisten  (darunter  das  Brustbild  von  Julius 
Knorr)  und  andere  Leistungen  einen  geachteten  Namen.  Das  Dichterwort, 
dass  der  Mensch  mit  seinen  hoheren  Zielen  wachse,  bewahrte  sich  an  diesem 
Kunstler.  In  seiner  mtihevollen  Laufbahn  arbeitete  S.  voll  unermtidlichen 
Schaffens.  Trotz  seines  herkulisch  scheinenden  Korperbaus  unterlag  er  doch 
einem  ttickischen  Leiden,  welches  in  den  letzten  drei  Jahren,  genahrt  durch 
seinen  schweren  Beruf,  unaufhaltsam  sich  entwickelte  und  den  Kunstler  am 
6.  Marz  1897  in  die  Anne  des  Todes  legte.  Die  kosdiche  Steinskulptur 
eines  jungen  lachenden  Faunkopfes  erschien  im  Mai  1898  im  Mtinchener 
Kunstverein. 

Vergl.  Bericht  des  genannten  Vereins  fc  1897.    S.  76. 

Hyac.  Holland. 

Stieler,  Max,  Maler,  *  am  16.  Februar  1825,  f  am  23.  Juni  1897  zu 
Miinchen.  —  St.  war  der  alteste  Sohn  des  seiner  Zeit  so  viel  gefeierten  Por- 
tratmalers  Joseph  von  Stieler  (1 781  — 1858),  besuchte  die  Akademie,  arbeitete 
im  Atelier  seines  Vaters  und  copirte  viele  Bildnisse  desselben,  litt  aber  unter 
der  Bertihmtheit  des  Namens,  so  dass  er  zu  keiner  freien,  selbstandigen  Tha- 
tigkeit gelangte.  Desshalb  wendete  sich  St.  zur  Genremalerei  und  lieferte 
mehrere  anspruchslose ,  gemuthvolle  Bilder,  z.  B.  »Schiller  in  Ausiibung 
seiner  arztlichen  Praxis  als  Medicus  beim  Grenadier-Regiment  des  General 
Aug£,  einen  Verwundeten  verbindend« ;  eine  am  Feiertag  im  Gebetbuch 
»Lesende  Frau«  (1862);  eine  »Schnitterin«  (1864),  einen  »Zillerthaler  Bauer« 
(1872)  u.  s.  w.  Bei  verschiedenen  Ktinstlerfesten  trat  er  als  Redner  auf  (auch 
1868  bei  der  Trauerfeier  fur  Konig  Ludwig  I.),  dichtete  ftir  die  Ktinstler- 
genossenschaft  und  Liedertafel  viele  Prologe  und  komische  Scenen,  darunter 
das  in  altbayerischer  Mundart  verfasste  Zwiegesprach  »Philemon  und  Baucis« 
(1881)  und  errang  auf  den  BUhnen  des  Residenz-  und  Volkstheaters  vielfachen 
Beifall  durch  mehrere  dramatische  Dichtungen  und  Lustspiele,  darunter  »Der 
blaue  Teufek,  »Aus  Dazumal  und  Heute«,  »Der  Schatz«,  das  culturhistori- 
sche  Dramolet  »Gluck  in  Trianon«  und  eine  Tragodie  »Fra  Filippo«.  Aber 
auch  hier  beengte  ihn  die  glanzende  Popularitat  seines  jiingeren  Bruders 
Karl  Stieler  (1842 — 1885),  der  mit  seinen  lebensprtihenden  Gedichten,  ins- 
besondere  in  altbayerischer  Mundart,  sich  hervorthat.  So  zog  er  sich  ganz 
von  der  Oeffentlichkeit  zurtick  und  begann  das  reiche  Material  zur  Geschichte 


230  Sticler.     Schneidt.     Keller. 

und  Biographic  seines  Vaters  zu  ordnen,  eine  Arbeit,  welche  St.  jedoch  nicht 
mehr  zustande  brachte,  da  derselbe  nach  langen  Leiden  starb. 
Vergl.  No.  174  »Allgemeine  Zeitung*  vom  25.  Juni  1897. 

Hyac.  Holland. 

Schneidt,  Laura,  Dichterin,  f  am  12.  Mai  1897  zu  Mtinchen,  73  Jahre 
und  4  Monate  alt.  —  Sie  hatte  als  Tochter  eines  Obertaxators  eine  sehr  gute 
Bildung  genossen  und  verwerthete  sie  als  Erzieherin  in  einigen  adeligen  Fami- 
lien,  wo  man  ihr  zeitlebens  eine  dankbare  Erinnerung  bewahrte.  Als  sie 
spater  erblindete,  ertheilte  sie  Unterrichtsstunden  und  sorgte  in  liebreichster 
Weise  ftir  ihre  ganz  gelahmte  Mutter.  Nach  dem  Tode  derselben  fand  sie 
noch  immer  Mittel  und  Wege,  um  anderen,  armeren  Mitmenschen  hilfreich 
unter  die  Arme  zu  greifen  und  ihnen  Trost  und  Freude  zu  bereiten.  Dess- 
halb  sammelte  sie  auch  ihre  Gedichte  und  gab  dieselben  heraus  unter  dem  Titel 
»  Flora's  Tagebuch.  Zum  Besten  einiger  im  Feldzuge  1870  erblindeten  Bayern; 
von  einer  erbHndeten  Compatriotin«,  Mtinchen  (1875.  80S.  12.  2.  Aufl.  1896. 
100  S.  8).  Was  ihren  nur  durch  Diktiren  in  Schrift  gebrachten  und  deshalb 
weniger  gefeilten  Dichtungen  etwa  in  formeller  Weise  abging,  ersetzten  ihre 
originellen  Gedanken,  ihre  tiefe  Auffassung  des  menschlichen  Daseins,  beson- 
clers  aber  eine  wahre,  innige  FrCmmigkeit,  die  allein  im  Stande  war,  der  viel- 
geprtiften  Dichterin  jenen  Seelenfrieden  und  jene  Ergebung  zu  verleihen, 
welche  den  Verkehr  mit  derselben  so  anmuthig  machte.  Sie  verstand  mit 
einer  den  Blinden  haufig  verliehenen  Findigkeit  den  Mangel  ihres  Augenlichtes 
geschickt  zu  verbergen  und  der  leisesten  Fuhlung  ihrer  Ftihrerin  zu  folgen, 
eine  glanzende  Conversation  zu  ftihren  und  eine  gute  Gesellschaft  auf  das 
Anziehendste  zu  unterhalten. 

Hyac.  Holland. 

Keller,  Franz,  schwabischer  Dialektdichter,  *  am  24.  October  1824  als 
Sohn  eines  Weissgerbers  zu  Gtinzburg  an  der  Donau,  f  am  8.  October  1897 
zu  Unterroth.  —  Erst  zum  Handwerk  bestimmt,  studirte  K.  unter  vielen  Ent- 
behrungen  am  Gymnasium  und  Lyceum  in  Augsburg,  immer  mit  Auszeich- 
nung,  trat  als  Candidat  der  Theologie  in  das  »Georgianum«  zu  Mtinchen, 
absolvirte  die  Universitat,  wurde  Priester  und  Caplan  in  Altusried,  Pfarrer  in 
Haldenwang  bei  Burgau,  in  welcher  Stellung  er  zugleich  die  Hauslehrerstelle 
in  der  Familie  des  Grafen  von  Freiberg  sieben  Jahre  lang  versah,  wirkte  vier- 
zehn  Jahre  lang  in  Waldkirch  als  Pfarrer,  dann  mit  gleicher  Thatigkeit 
zu  Unterroth  (bei  Illertissen)  in  Schwaben,  wo  er  starb.  Wie  alle  achten 
Dichter  dankte  auch  er  seiner  gemtithvollen  Mutter  den  poetischen  Sinn 
und  die  heitere  Laune,  die,  trotz  der  strengen  Erziehung  des  ernsten  Vaters 
und  den  durch  die  Nothlage  der  El  tern  friihe  empfundenen  Sorgen,  ihm 
immerdar  treu  verblieb  und  trotz  spateren  korperlichen  Leiden  seinen  von 
Witz  und  kosthchen  Einfallen  ubersprudelnden  Humor  belebte.  K.  begann 
schon  als  Student  in  Augsburg  zu  dichten;  Andere  dadurch  zu  erheitern 
war  seine  Freude.  Und  diesen  Zweck  erreichte  er  fast  stets,  da  alle  seine  Stoffe 
dem  vollen  Menschenleben  entnommen  sind  und  durch  sein  reiches  Gemiith 
die  ansprechendste  Form  erhielten.  Sie  fanden  die  beste  Aufnahme,  als  er 
allmahlich  damit  sich  in  die  Oeffentlichkeit  wagte,  und  erlebte  insgesammt 
mehrfache  Auflagen,  deren  Ertrag  der  Dichter  in  acht  humaner  Weise  den 
Cretinen-  und  Blinden-Anstalten  in  Lautrach  und  Ursberg  zuwendete.    Zuerst 


Keller.     Ritter  von  Schonherr.  231 

erschienen  die  »Doaraschleah«  (1873  bei  Jos.  Kosel  in  Kempten.  5.  Aufl.  1891), 
dann  »Eda  Hagabutza«  (1874.  4.  Aufl.  1891),  »Erdborla«  (1875.  2.  Aufl.  1887), 
»Duranand«  (1880.  2.  Aufl.  1891  mit  dem  Lichtdruckbildnisse  des  Dichters), 
die  »Hoidlborla«,  »Brau'b6rla«  (1887)  und  »Hoidl-B6rla«  (1891).  Ein  neues 
und  letztes  Strausschen  dieser  anspruchslosen,  acht  naturwuchsigen  und  bei 
aller  heilkraftigen  Herbigkeit  doch  durchweg  acht  poetischen  Beeren,  steht 
noch  aus  dem  Nachlass  in  Aussicht.  Dieselbe  hohe  Stufe,  welche  Franz 
von  Kobell  durch  seine  in  altbayerischer  und  pfalzer  Mundart  gelieferten  Dich- 
tungen  errang,  kann  auch  K.  ftir  seine  meisterhaften  Leistungen  in  dem  frdh- 
lich  breiten  schwabischen  Dialekt  beanspruchen.  Sie  sind  ein  treuer  Spiegel 
von  Land  und  Leuten  und  von  dem  edlen  Sinne  des  Dichters,  welcher  das 
Horazische  »prodesse  et  delectare«  nie  aus  dem  Auge  verlor  und  im  Verein 
mit  seiner  virtuosen,  urweltfrischen  Beherrschung  der  Sprache  nachst  seinem 
erst  neuerdings  gewtirdigten  Landsmann  Ludwig  Aurbacher  (1784 — 1847,  Ver- 
fasser  des  Volksbuches  »Die  sieben  Schwaben«),  Joh.  Peter  Hebel,  Griibel, 
Fritz  Reuter,  Karl  Stieler  und  alien  neueren  zeitgenossischen  Dialektdichtern 
genannt  zu  werden  verdient. 

Hyac.  Holland. 

SchOnherr,  David,  Ritter  von,  Dr.,  k.  k.  Hofrath  und  Archivdirektor  a.  D., 
•  am  20.  October  1822  zu  Kniepass,  f  am  17.  October  1897  zu  Innsbruck. 
—  Als  Sch.  sein  thatiges  Leben  nach  kurzer,  wohlverdienter  Ruhe  beschloss, 
hatte  er  als  achter  Patriot  einen  hochst  popularen  Namen  in  Tirol  und  errang, 
als  seine  politische  Rolle  zu  Ende  ging,  durch  seine  archivalischen  Funde 
und  ihre  lobliche  Verarbeitung,  den  Ruf  eines  wackeren  Forschers  und  ttich- 
tigen  Kunst-  und  Culturhistorikers.  Geboren  als  der  Sohn  ein  k.  k.  Zoll- 
beamten  in  der  ehemaligen  Grenzveste  Kniepass  bei  Reutte  in  Tirol,  sammelte 
Sch.  zu  Wien  eine  schatzbare  Grundlage  von  historischen  und  artistischen 
Studien,  welche  vorlaufig  freilich  nicht  zur  Reife  gediehen,  da  er  1848  beim 
Beginn  der  dortigen  Revolution,  durch  den  Tod  seiner  Mutter  in  die  Hei- 
math  zuriickberufen,  zu  Innsbruck  die  Redaktion  der  »Schtitzen-Zeitung«  tiber- 
nahm,  welche  er  mit  seiner  publicistischen  Begabung,  in  kurzer  Frist  zum 
volksthlimlichsten  und  einflussreichsten  Organ  des  Tiroler  Landes  erhob.  Durch 
eine  gltickliche  Heirath  und  seine  journalistische  Thatigkeit  ganz  an  Tirol 
gefesselt,  wendete  Sch.  sein  Augenmerk  auf  das  damals  frisch  erbllihende 
Schiitzenwesen ;  er  besuchte  alle  Schiessstande  des  Landes  und  gewann  als 
einer  der  besten  Treffer  bei  alien  Festschiessen  nicht  nur  Schtitzen-Preis  und 
-Dank,  sondern  auch  die  ausgebreitesten  Bekanntschaften  aus  alien  Standen 
und  grlindliche  Einsicht  in  alle  Verhaltnisse  und  in  die  wohlberechtigten  Wtin- 
sche  des  Volkes.  Die  freimtithige  Unerschrockenheit,  womit  Sch.  seine  Stimme 
bei  alien  Beschwerden  und  Misshelligkeiten  erhob,  zog  freilich  ein  ganzes 
Conglomerat  von  Confiscationen  und  Pressprocessen  (iber  den  Redakteur  der 
Schlitzen-Zeitung  zusammen,  welche  immer  mit  Freisprechung  endend,  nur  zur 
weiteren  Verbreitung  des  Blattes  beitrugen.  Es  ist  unglaublich,  was  damals 
als  strafwtirdiges  Reat  betrachtet  wurde  und  mit  welch1  ruder  Gewissenlosig- 
keit  Polizei  und  Regierung  im  acht  vormarzlich  bureaukratischen  Nachklange 
hausten.  —  Hatte  sich  die  Bedeutung  des  Schiitzenwesens  schon  1848  gegen 
den  piemontesischen  Rummel  bemerkbar  gemacht,  so  brachten  die  Jahre  1859 
und  1866  neue  Erfahrungen  und  Resultate,  welche  Sch.  als  Kreis-  und  Lan- 
des-Defensions-Commissar  sattsam  verwerthete.    Zum  fortwahrenden  Exercitium 


232  Rittcr  von  Schonherr. 

in  Friedenszeiten  organisirte  Sch.  als  Schtitzenmeister  des  k.  k.  Landes-Haupt- 
schiessstandes    die    vom   reinsten  Patriotismus  belebten  grossen  Schiitzenfeste, 
so   1853    bei    der  Feier    der  Rettung  und  Wiedergenesung  des  Kaiser  Franz 
Joseph,  dann  das  Schiessen  zu  Innsbruck,  auf  welchem  der  Kaiser,  Erzherzog 
Karl  Ludwig  und  5400  aktive  Schiitzen  erschienen,  ferner  die  »Tiroler  Schtitzen- 
ztige«,  insbesondere   1862  nach  Frankfurt  und   1868  nach  Wien.     Flir  Frank- 
furt   hatte  Sch.  nicht    nur    die    prachtvollsten  Exemplare,   welche  damals  als 
»Schmerzenskinder«  mit  feuriger  Begeisterung  durchschlugen,  ausgewahlt,  son- 
dern  sich  daselbst  auch  als  Meister  bewahrt,    »da  er  innerhalb  drei  Stunden 
212  Punkte    gewann    und    die  Figur    auf  der  Feldscheibe    zehnmal  ununter- 
brochen   durch   die  Brust  schoss.«   —  Inzwischen  besuchte  Sch.,   urn  friihere 
Versaumnisse    nachzuholen,    als    ordentlicher    Zuhorer    die    Vorlesungen    der 
rechts-    und    staatswirthschaftlichen    Facultat    der  Universitat  Innsbruck    und 
bestand    mit   Auszeichnung    das  Rigorosum,    womit  er  wohl  seine  juridische 
Laufbahn,   nicht  aber  seine  offentliche  Thatigkeit  abschloss,   denn  seit  1857 
wirkte  Sch.  als  Curator  und  Fachdirektor  des  Landesmuseums  (Ferdinandeum), 
seit  1864   als  Correspondent  des  »Oesterreichischen  Museums  fiir  Kunst  und 
Industrie  in  Wien«  und  als  vom  Landtag  bestellter  Beirath  des  Landes-Ober- 
schtitzenmeisters,    ferner    als  Mitglied  verschiedener  Comit^s  in  Bewaffhungs- 
und  Landesvertheidigungs-Angelegenheiten   —   bis    er  endlich  1871   die  Stelle 
eines  »Oberschtitzenmeisters  des  Landes-Hauptschiessstandes«,  fast  gleichzeitig 
mit  der  Redaktion  seiner  Zeitung  niederlegte,  um  den  schon  friiher  begonnenen 
geschichtlichen  Untersuchungen  und  Forschungen  sich  ganz  zuzuwenden,  wo- 
ftir  das  Statthalterei-Archiv  ein  unschatzbares,   vollig  neues  Quellen- Material 
bot.    Unter  der  Beihilfe  seiner  Freunde  Prof.  Dr.  A.  Huber,  Durig,  Ladurner, 
Ign.  Zingerle  u.  A.  edirte  Sch.  ftlnf  Jahre  lang  die  »Zeitschrift  fiir  Geschichte 
und  Alterthumskunde  Tirols«.    Hier  legte  er  eine  Reihe  seiner  eigenen,  meist 
kunsthistorischen  Elaborate    nieder,    woftir    ihm  die  Universitat  Tubingen  ein 
ehrenvolles  Doktor-Diplom    votirte    und    der  Fiirst  von  Thurn   und  Taxis  zu 
Regensburg  die  Direktion   seines  Hof-  und  Familien-Archivs  antrug.     Gliick- 
licher  Weise  erinnerte  man  sich  nun  auch  in  Wien  an  diese  gute,  wohl  ver- 
wendbare   Kraft,    indem    fur  Sch.  die  Stelle   eines  Statthalterei-Archivars  er- 
richtet  wurde.    So  blieb  er  der  Heimath  erhalten  und  schlirfte  aus  dem  ihm 
wohl  vertrauten  Bod  en  nicht  nur  eine  Ftille  dankenswerther  Funde,    sondern 
trug    auch    wesentlich  dazu   bei,    die  Schatze  dieses  Archivs  den  aus  Oester- 
reich,  Deutschland  und  der  Schweiz  kommenden  gelehrten  Anfragen  zugang- 
lich  zu  machen  und  zu  erschliessen.     Sch.'s  Arbeiten  erschienen  in  Buchform 
oder    in    den    verschiedensten    wissenschaftlichen    Fachzeitschriften,    darunter 
»Franz  Schweyger's  Chronik  der  Stadt  Hall«  (1867);   der  »Einfall   des  Chur- 
fiirsten  Moriz  von  Sachsen    in  Tirol   1552*   (1868);    iiber  »die   Lage   der  an- 
geblich  verschtitteten  Romerstadt  Maja«  (1873)  u«  s-  w-     Absonderliches  Ver- 
dienst    erwarb    sich  Sch.  mit  seiner  »Geschichte   des  Grabmals  Kaiser  Maxi- 
milians I.«  und  dem  urkundlichen  Nachweis  der  dabei  verwendeten  KUnstler, 
durch  seine  Theilnahme  an  der  Restauration  des  herrlichen  Schlosses  Runkel- 
stein  (1874)    und    die  Wiederherstellung  der  landesfiirstlichen  Burg  in  Meran 
1882  und   1892  (vgl.  Beilage  236  »Allgemeine  Zeitung*  vom  26.  August  1893). 
Vollig  Neues  brachte  Sch.  iiber  den  bertihmten  Tirol er-Kanzler  Biener,    Uber 
Treitz-Sauerwein's  Heimath  und  Familie;  iiber  Hans  Ried,  den  Schreiber  des 
Heldenbuchs;    liber    »Dic   alteste   Papierfabrikation   und  Druckerei  in  Tirol«, 
iiber  »Erzherzog  Ferdinand  als  Baumeister«,   iiber  den  »Krieg  Kaiser  Max  I. 


Ritter  von  Schtfnherr.     Otto. 


233 


mit  Venedig  i509«  (1876);  die  »Heirath  Jakob  III.  von  England  und  die 
Entfuhrung  seiner  Braut  aus  Innsbruck  1719*  (1877);  »Wenzel  Jamnitzer's 
Arbeiten  fur  Erzherzog  Ferdinand«;  liber  einen  »Ehescheidungsprocess  aus 
dem  XV.  Jahrhundert*  (vergl.  No.  37  »Allgem.  Ztg.«  vom  6.  Februar  1882) 
und  die  kunsthistorischen  Excurse  liber  »  Alexander  Colin's  Leben  und  Werke 
und  seinen  Antheil  an  der  plastischen  Ausschmiickung  des  Heidelberger 
Schlosses«  (1889);  liber  »Tizians  nahere  Beziehungen  zu  Kaiser  Karl  V.«  (1879) 
u.  s.  w.  Sch.'s  Styl  war  schlicht  und  einfach,  wie  sein  ganzer  Charakter;  die 
Schwachen  eines  verhaltnissmassig  erst  spat  zum  Durchbruch  gebrachten  Auto- 
didakten  wusste  er  in  seiner,  nur  dem  Fachgenossen  erkennbaren  Naivetat 
geschickt  zu  deck  en,  auch  blieb  er  in  wissenschaftlichen  Fragen,  mit  einer 
einzigen  Ausnahme,  wo  er  aber  glorreich  sein  gutes  Recht  behauptete,  aller 
Polemik  ferne.  In  jiingeren  Jahren  lieferte  er  im  achten  Volkston  viele  Er- 
zahlungen  und  Geschichten,  von  denen  eine  Auswahl  in  vier  Bandchen  1854 
erschien.  Der  Tod  seiner  Frau  (1893)  und  eine  schwere  Influenza  brachen 
die  eiserne  Arbeitskraft  des  Mannes,  welcher  im  Februar  1897  unter  den 
ehrendsten  Beweisen  des  Wohlwollens  und  der  Freundschaft  aus  seinem  Amte 
schied  und  das  »Otium  cum  dignitatem  nur  eine  kurze  Frist  genoss. 

Vergl.  Wurzbach,  Biographisches  Lexicon  des  Kaiserthums  Oesterreich.  Wien  1876. 
XXXI,  160  ff. 

Hyac.  Holland. 

Otto,  Carl,  Doctor,  Besitzer  einer  Fabrik  feuerfester  Erzeugnisse,  *  am 
7.  Marz  1838  in  Jalapa  (Mexiko),  f  am  13.  November  1897  in  Ahrweiler.  — 
O.  ward  als  Sohn  des  Landrichters  Otto  geboren,  der  nach  Mexiko  geflohen 
war,  weil  er  als  Burschenschafter  in  jener  traurigen  Zeitperiode  der  deutschen 
Geschichte  verfolgt  wurde,  in  der  mancher  edle  deutsche  Mann  die  treue  Liebe 
zum  Vaterlande  schwer  blissen  musste.  Nach  dem  Tode  des  Vaters,  der,  um 
das  Ungllick  voll  zu  machen,  von  Rauberhand  in  Mexiko  fiel,  trat  die  be- 
klimmerte  Mutter  mit  ihrem  Sohne  Carl  und  einem  alteren  Bruder  die  Rtick- 
reise  nach  Deutschland  an.  Unter  ihrer  bewunderungswiirdigen  Erziehung 
wuchs  O.  frisch  und  froh  heran,  absolvirte  das  Gymnasium  und  ein  dreijahriges 
Studium  auf  der  Universitat,  wo  er  im  jugendlichen  Alter  von  20  Jahren  zum 
Doctor  promovirt  wurde.  Im  Jahre  1858/59  vervollstandigte  er  seine  Studien 
auf  der  Berghochschule  in  Freiberg  i.  S.  und  arbeitete  in  den  Laboratorien 
verschiedener  Hiitten  der  dortigen  Umgebung.  Von  i860  bis  1872  war  er 
hierauf  zuerst  als  Chemiker,  spater  als  technischer  Leiter  bei  der  Firma  J.  H. 
Vygen  &  Cie.  in  Duisburg  thatig  und  begann  dann  in  Dahlhausen  in  eigener 
Fabrik  die  Herstellung  feuerfester  Erzeugnisse.  Sein  grosstes  Verdienst  bildet 
die  Einftihrung  des  neuen  Industriezweiges  der  Koksherstellung  mit  gleich- 
zeitiger  Gewinnung  der  Nebenerzeugnisse  (Theer,  Benzol,  Ammoniak). 
Seine  Fabrik  befasste  sich  namlich  ausser  der  Herstellung  von  feuerfesten 
Steinen  und  anderen  feuerfesten  Fabrikaten  fur  alle  metallurgischen  und  che- 
mischen  Zwecke  in  erster  Linie  mit  der  Anlage  von  Koksofen  und  bildete 
namentlich  das  System  Otto -Hoffmann  aus,  das  wesentlich  in  einer  Verbin- 
dung  von  Siemens'schen  Regeneratoren  mit  gewohnlichen  Koksofen  besteht. 
Seit  1876  bis  1897  wurden  seitens  der  Firma  Dr.  Otto  &  Cie.  nicht  weniger 
als  9922  Koksofen  mit  Gewinnung  der  Nebenerzeugnisse  in  den  verschieden- 
sten  Revieren  Deutschlands  ausgefiihrt  und  damit  dieser  Industriezweig  bei 
uns    fast    monopolism.     Durch  die  Gewinnung  der  Nebenerzeugnisse  Theer, 


234 


Otto.     Thielen. 


Benzol  und  Ammoniak  ist  die  Koksofenanlage,  die  frliher  einen  einfachen 
Betrieb  darstellte,  in  eine  chemische  Fabrik  mit  complicirten  Vorgangen  — 
die  Kohlendestillation  —  umgewandelt  worden.  Ihre  An  1  age  erfordert  aber 
auch  die  Anwendung  bedeutender  Geldmittel,  wahrend  man  andererseits  be- 
ftirchtete,  keine  lohnenden  Preise  fiir  die  Nebenerzeugnisse  zu  erhalten.  Dank 
der  durchgreifenden  Thatkraft  O.'s  ging  seine  Dahlhausener  Firma  auf  diesem 
Gebiete  bahnbrechend  vor,  indem  sie  den  Kohlenzechen  die  vollstandige  An- 
lage  einschliesslich  des  Zubehors  schenkte  und  sich  nur  flir  eine  gewisse  Reihe 
von  Jahren  den  Erlds  aus  dem  Verkauf  der  Nebenerzeugnisse  vorbehielt.  Es 
ist  bekannt,  dass  durch  die  grossartige  Gewinnung  der  Nebenerzeugnisse  ein 
vollstandig  neuer  Industriezweig  geschaffen  ist,  durch  welchen  sowohl  unser 
Gewerbsleben  als  auch  unsere  Landwirthschaft  einen  reichen  Segen  erhalten 
hat,  Haben  an  der  Losung  der  vielen  Schwierigkeiten,  welche  sich  hierbei 
ergeben,  auch  viele  tUchtige  Manner  mitgewirkt,  so  werden  diese  alle  gerne 
anerkennen,  dass  O.  unter  ihnen  in  vorderster  Reihe  gestanden,  gekampft  und 
die  bedeutsamsten  Erfolge  erreicht  hat.  Durch  rastlose  Arbeit  hat  er  Deutsch- 
land  in  die  ftihrende  Stellung  betreffs  dieser  Industrie  gebracht.  —  Im  Jahre 
1887  verlor  er  durch  den  Tod  seine  bewahrte  Lebensgefahrtin.  Der  Schmerz 
und  Kummer  um  diesen  Verlust  in  Verbindung  mit  starker  Ueberarbeitung 
legte  den  Keim  zu  einer  ttickischen  Krankheit,  der  er  nach  mehr  als  vier- 
jahrigem  Siechthum  am  13.  November  1897  in  der  Heilanstalt  zu  Ahrweiler 
erlag;  ein  genialer  Mann  mit  einem  edlen  und  treuen  Herzen,  dessen  Tod 
nicht  nur  zahlreiche  Freunde,  sondern  vor  allem  auch  die  Schaaren  seiner 
Arbeiter  beklagt  haben,  die  in  ihm  nicht  nur  den  Fabrikherrn  verehrten,  son- 
dern auch  den  treuen,  vaterlichen  Berather  und  allzeit  hilfbereiten  Menschen- 
freund  von  ganzem  Herzen  liebten. 

Dr.  W.  Beumer. 

Thielen,  Alexander,  Generaldirektor  der  Aktien-Gesellschaft  fiir  Bergbau 
und  HUttenbetrieb  »Phonix«  in  Laar  bei  Ruhrort,  *  am  3.  Mai  1841  zu 
Dtisseldorf,  f  am  20.  Juli  1897  zu  Heidelberg.  —  Als  einer  der  begabten 
Sohne  des  Feldprobstes  Th.  zu  Dtisseldorf  geboren,  trat  er  nach  rascher  Ab- 
solvirung  der  Schulen  im  Herbst  1858  in  die  Styrumer  Eisenindustrie  ein, 
arbeitete  dort  zwei  Jahre  praktisch  und  studirte  dann  drei  Jahre  auf  der  Berg- 
akademie  in  Clausthal,  sowie  ein  ferneres  Jahr  auf  der  Hochschule  in  Berlin, 
wo  er  gleichzeitig  seiner  Militarpflicht  geniigte.  Gegen  Ende  des  Jahres  1864 
nahm  er  eine  Betriebsassistentenstelle  auf  der  Zinkhlitte  in  Latmathe  an  und 
folgte  dann  1865  einem  Rufe  aus  Swansea  in  Slidwales,  um  in  die  Dienste 
von  Sir  Hussey  Vivian  einzutreten.  Dort  blieb  er  bis  Marz  1870  und  ging 
alsdann  im  Interesse  der  Copper  Mining  Co.  (Lim.)  nach  Siidafrika.  Im 
Friihjahr  1873  kehrte  er  mit  reichen  Erfahrungen  nach  Deutschland  zurttck 
und  nahm  dort  die  Stelle  eines  Direktors  der  Aktien-Gesellschaft  fiir  Bergbau 
und  Htittenbetrieb  »Ph5nix«  in  Laar  bei  Ruhrort  an.  In  dieser  verantwor- 
tungsvollen  Stellung  entfaltete  er  seine  glanzenden  Geistesgaben,  seine  Energie 
und  seine  Leutseligkeit,  und  im  Verein  mit  seinen  Collegen  in  der  Direction 
hat  er  die  genannte  Aktien-Gesellschaft  durch  schwierige  Zeiten  hindurch  zu 
ihrer  heutigen  Bliithe  gebracht  und  sie  zu  einem  der  bedeutendsten  Unter- 
nehmen  dieser  Art  gestaltet,  das  sich  im  In-  und  Auslande  durch  seine  Fa- 
brikate  —  namentlich  Strassenbahnschienen  —  eines  wohlberechtigten  hohen 
Rufes    erfreut.     Aber    neben    dieser  Thatigkeit  entfaltete  Th.  auch  eine  dem 


Thielen.     Baare. 


235 


Gesammtinteresse  der  deutschen  Industrie  in  hohem  Grade  forderliche  Wirk- 
samkeit,  indem  er  namentlich  die  gemeinsamen  Bestrebungen  der  Eisenindu- 
strie  in  weitblickender  Weise  unterstiitzte.  Frlihzeitig  erkannte  er,  dass  das 
Heil  der  deutschen  Eisenindustrie,  fiir  deren  zunehmende  Erzeugungsfahigkeit 
lohnenden  Absatz  zu  finden  zeitweise  grosse  Schwierigkeiten  bot,  nicht  in 
gegensei tiger  Bekampfung  und  Aufreibung,  sondern  in  der  Vereinigung  der 
widerstrebenden  Elemente  zu  suchen  sei.  Zur  Losung  dieser  Aufgabe  war  er 
vermoge  seiner  Personlichkeit  besonders  begabt:  neben  gewinnender  Liebens- 
wurdigkeit  verfiigte  er  iiber  eine  tiberzeugende  Beredsamkeit,  welche,  unter- 
sttitzt  durch  kraftvolle  Energie,  ihn  manches  Ziel  erreichen  liess,  das  Andere 
zwar  als  wiinschenswerth  angestrebt,  aber  als  hoffhungslos  aufgegeben  hatten. 
Urn  die  Mitte  der  achtziger  Jahre  schuf  er  den  rheinisch-westfalischen  Roh- 
eisenverband,  aus  dem  spater  das  Roheisensyndikat  hervorging  und  fUhrte  den 
Vorsitz  in  diesem  segensreich  wirkenden  Verbande  bis  zu  seinem  Tode.  In 
den  Jahren  1884  und  1885  war  er  Viceprasident  der  intemationalen  Schienen- 
gemeinschaft,  und  auch  in  anderen  Verbanden  wirkte  er  mit  grossem  Erfolge. 
In  der  auslandischen  Eisenindustrie,  namentlich  der  englischen,  war  Th.  sehr 
bekannt  und  beliebt;  er  verstand  es,  die  auf  intemationalem  Gebiete  herr- 
schenden  Gegensatze  geschickt  auszugleichen,  die  gemeinsamen  Berlihrungs- 
punkte  aufzusuchen  und  enge  Verbindungen  mit  den  auslandischen  Fach- 
genossen  herzustellen.  Infolge  dessen  wahlte  man  ihn  1891  auch  in  das 
Council  des  »Iron  and  Steel  Institute^  Gegen  ein  ttickisches  Leiden  suchte 
er  vergeblich  im  Jahre  1897  in  Baden-Baden  und  Heidelberg  Heilung;  in 
letzterem  Orte  starb  er  eines  sanften  Todes,  tiefbeklagt  von  seiner  Frau  und 
zwei  Tochtern,  sowie  seinem  alteren  Bruder,  dem  preussischen  Minister  der 
offentlichen  Arbeiten,  nicht  minder  aber  von  zahllosen  Freunden  in  der  Eisen- 
industrie der  ganzen  Welt. 

Dr.  W.  Beumer. 

Baare,  Louis,  Generaldirektor  des  Bochumer  Vereins  fiir  Bergbau  und  Guss- 
stahlfabrikation,  *  am  12.  Juli  1821  in  Minden  i.  W.,  f  am  17.  Mai  1897.  —  Als 
Sohn  eines  Tabakfabrikanten  geboren,  Ubernahm  der  2  2Jahrige  beim  Tode  des 
Vaters  das  von  letzterem  nach  Aufgabe  des  Tabakfabrikationsgeschaft  gegrtin- 
dete  Speditionsgeschaft  und  setzte  es  mit  gutem  Erfolge  fort,  bis  er  im  Jahre 
1 849  eine  Stelle  Ubernahm,  die  an  seine  Leistungsfahigkeit  die  denkbar  hOchsten 
Anfordemngen  stellte.  Die  Verwaltung  der  Koln-Mindener  Eisenbahn  Ubertrug 
ihm  die  Stellung  eines  gemeinsamen  Beamten  ihrer  Bahn  und  der  Koniglich 
Hannoverschen  Eisenbahndirektion.  Es  lag  ihm  dabei  ob,  die  Vermittelung 
des  Gtiterverkehrs  zwischen  beiden  Gesellschaften  zu  Ubernehmen,  ebenso  wie 
die  damit  verbundenen  Zoll-  bezw.  Steuerangelegenheiten  an  der  Grenze  des 
Zollvereins  und  des  Norddeutschen  Steuervereins.  Bei  den  verwickelten  Ver- 
haltnissen,  die  damals  in  Deutschland  herrschten,  war  es  keine  Kleinigkeit, 
die  vielfachen,  oft  sich  widersprechenden  Anforderungen  zu  erftillen,  die  von 
den  vier  »Herren«  gestellt  wurden,  denen  B.  gewissermaassen  zu  »dienen« 
hatte  und  denen  er  theils  durch  Eid,  theils  durch  Handschlag  verpflichtet  war. 
Dennoch  gelang  ihm  die  Erfullung  seiner  vielfachen  Pflichten  zu  allseitiger 
Zufriedenheit.  Er  verblieb  in  seiner  Stellung  bis  zum  Uebertritt  des  Nord- 
deutschen Steuervereins  in  den  Zollverein.  Dann  trat  er  auf  Wunsch  der 
Hannoverschen  Eisenbahndirektion  in  den  gemeinschaftlichen  Dienst  der  Eisen- 
bahndirektion   und    des  Bremer  Senats,   wobei  ihm  sein  Wohnsitz  in  Bremen 


236  Baare. 

angewiesen  wurde.  Hier  blieb  er,  bis  ihn  im  Jahre  1855  verschiedene  Eisen- 
bahndirektionen,  die  zugleich  Mitglieder  des  Aufsichtsrathes  der  Bochumer 
»Gussstahlfabrik«  waren,  nach  Bochum  beriefen  und  ihm  die  Oberleitung  der 
Fabrik  (ibertrugen,  die  vor  ihm  der  Regierungsassessor  v.  Sybel  ein  halbes 
Jahr  lang  provisorisch  innegehabt  hatte.  Als  technischer  Leiter  stand  ihm 
der  Mitbegriinder  der  Fabrik  Mayer  zur  Seite.  Noch  war  das  kleine  Werk 
wenig  bekannt;  200  Arbeiter  waren  in  demselben  angestellt,  und  ein  verhalt- 
nissmassig  kleines  Areal  gehorte  dazu.  Die  Grundflache,  die  jetzt  dem  Bo- 
chumer Verein  gehort,  ist  seitdem  wohl  auf  das  20ofache  angewachsen,  und 
die  Zahl  der  Angestellten  des  Werkes  hat  in  den  sogenannten  »flotten  Jahren* 
1873  und  1874  6000  betragen,  ist  dann  allmahlich  auf  4000  heruntergegangen, 
ist  aber  seit  den  achtziger  Jahren  wieder  im  Wachsen  begriffen  gewesen. 
Welchen  schwerwiegenden  Einfluss  diese  ausserordentliche  Entwickelung  auch 
auf  das  Emporbluhen  der  Stadt  haben  musste,  liegt  auf  der  Hand.  1855 
zahlte  Bochum  6000  Seelen,  meist  Ackerburger,.  kleine  Fabrikanten,  Hand- 
werker  und  einige  Kaufleute.  Von  nun  an  ging  es  aber  mit  ausserordent- 
licher  Schnelligkeit  vorwarts.  Im  Jahre  1872  waren  24000  Einwohner  an- 
sassig,  von  denen,  da  der  Bochumer  Verein  allein  6000  Arbeiter,  Meister  und 
Beamte  beschaftigte,  mindestens  die  Halfte  von  diesem  Werke  lebte.  Damals 
entstanden  in  einem  Jahre  ganze  Strassen;  denn  wo  jetzt  ein  dichtes  Hauser- 
meer  sich  befindet,  waren  vor  jener  Zeit  Garten  und  Bauernhofe.  Sie  alle 
sind  verschwunden,  und  an  der  Stelle,  wo  frtiher  das  Vieh  der  Btirger  wei- 
dete,  wo  die  Schuljugend  im  Herbste  in  »die  N(isse«  ging,  da  erheben  sich 
jetzt  riesige  Fabrikgebaude,  Hochofen  senden  lodernde  Flammen  in  die  Luft, 
und  aus  tausend  Schloten  steigt  der  Rauch  empor.  Und  in  den  Fabrik- 
gebauden,  welch  rastloses  Hammern  und  Schaffen  bei  Tag  und  Nacht;  in 
unermlidlicher  Arbeit  werden  die  aus  dem  Innern  der  Erde  zu  Tage  gefor- 
derten  reichen  Schatze  verarbeitet,  immer  neue  Absatzgebiete  erschliessen  sich 
den  daraus  genommenen  Produkten.  Eine  solche  vollige  Veranderung  der 
bestehenden  Verhaltnisse  ist  im  wesentlichen  dem  Marine  zu  verdanken,  der 
an  der  Spitze  des  Unternehmens  stand.  B.  verstand  es,  durch  geschickte 
Finanzoperationen  die  Moglichkeit  einer  stetigen  Erweiterung  der  Fabriken  zu 
schaffen.  Er  wusste  an  der  rechten  Stelle  zu  sparen,  aber  schonte  in  der 
Voraussicht  kunftigen  Gewinnes  keine  noch  so  grossen  Ausgaben  und  Neu- 
anlagen.  Er  benutzte  die  sich  bietenden  glinstigen  Conjuncturen  ohne  Zau- 
dern  und  wusste  die  sich  darbietenden  Vortheile  dem  Werke  nutzbar  zu 
machen.  Auch  in  Sttirmen  und  Gefahren,  die  das  Werk  im  Laufe  der  Zeit 
bedrangten,  wurde  der  Bochumer  Verein  sicher  geleitet  und  zu  erfreulicher 
Entwickelung  gebracht.  Erw&hnenswerth  sind  auch  die  Maassnahmen  zur 
Fursorge  ftir  die  Arbeiter.  Auf  dem  Bochumer  Verein  ist  ein  ausserordent- 
lich  grosser  Stamm  von  Arbeitern  vorhanden,  die  seit  funfundzwanzig  Jahren 
und  langer  unausgesetzt  dort  thatig  waren.  Die  Arbeitercolonie  Stahlhausen 
ist  mit  ihren  Hauschen,  Garten,  freien  Platzen  und  schattigen  Wegen  ein 
Muster  derartiger  Anlagen.  Eine  weitere  Musteranstalt  ist  das  Arbeiterlogier- 
haus.  Aber  B.*s  Bedeutung  geht  weit  liber  Bochum  und  Westfalen  hinaus. 
Seine  Mitwirkung  an  der  socialpolitischen  Gesetzgebung  sichert  ihm  ein  dank- 
bares  Andenken  in  der  Arbeiterschaft  des  gesammten  deutschen  Verbandes. 
Er  ist  es  gewesen,  der  den  Anstoss  zu  der  Unfallversicherungsgesetzgebung 
des  deutschen  Reiches  gab,  welche  die  lastigen  Haftpflichtprocesse  beseitigte. 
FUrst  Bismarck,  mit  dem  er  zuerst  tiber  diese  Materie  verhandelte,  hat  auch 


Baare.     BruUiot. 


«37 


in  der  Folgezeit  oft  seinen  Rath  gesucht,  den  B.  gerne  gab,  wie  er  auch  als 
Mitglied  des  Staatsrathes  seine  reichen  Kenntnisse  in  den  Dienst  des  Landes 
stellte.  Sein  Leben  war  Mlihe  und  Arbeit  bis  in  sein  hohes  Greisenalter. 
» Arbeit  aus  Treue«  war  der  Wahlspruch  seines  Lebens. 

Dr.  W.  Beumer. 

BruUiot,  Karl,  Kgl.  Hofopernregisseur,  Professor  an  der  Kgl.  Akademie 
der  Tonkunst  in  Mlinchen,  *  am  31.  Juli  1831,  f  am  23.  Marz  1897  zu 
Miinchen.  —  B.  war  der  Sohn  des  durch  mannichfache  gelehrte  Arbeiten  auf 
dem  Gebiete  der  Kupferstichkunde  und  als  langjahriger  Conservator  der  sich 
aus  kleinen  Anlangen  entwickelnden  Kgl.  Kupferstichsammlung  bekannten 
Conservators  Franz  B.  In  seiner  Vaterstadt  Mlinchen  absolvirte  er  das  Wil- 
helms-  Gymnasium  und  besuchte  als  Student  der  Rechte  die  Universitat. 
Gleichzeitig  aber  trat  er  in  das  Conservatorium  ein,  um  unter  der  Leitung 
Franz  Hausers  sich  Gesangsstudien  zu  widmen.  Nach  Abschluss  derselben 
wurde  er  von  Eduard  Devrient,  dem  beriihmten  Leiter  des  Karlsruher  Hof- 
theaters,  als  erster  Bassist  engagirt  und  begann  im  Frtihjahr  1853  dort  seine 
Laufbahn  als  Sanger,  wurde  aber  schon  damals  vielfach  auch  als  Schauspieler 
beschaftigt.  Im  Jahre  1859  wurde  er  zum  Opernregisseur  ernannt,  in  welcher 
Eigenschaft  er  in  Karlsruhe  sammtliche  Auffiihrungen  der  grossherzoglichen 
Biihne  leitete;  seine  Specialitat  war  die  Spieloper,  die  er  durch  feinsinniges 
Herausarbeiten  der  heiteren  Effecte  zu  grosser  Wirkung  zu  bringen  verstand. 
Im  Jahre  1872  wurde  ihm  zwischen  Kaiser's  und  Koberle's  Directionsfiihrung 
auch  die  selbstandige  Leitung  der  Hofbuhne  anvertraut.  In  diesem  Jahre 
ftihrte  er  auch  die  Coloratursangerin  Anna  Braunhofer-Masius  als  Gattin  heim. 
Die  Anh&nglichkeit  an  seine  in  Mtinchen  zuriickgebliebene  alte  Mutter  und 
ein  wiederholter  Ruf  veranlassten  ihn  1873,  in  gleicher*  Stellung  an  das  Mun- 
chener  Hoftheater  zu  (ibersiedeln,  wo  er  im  Laufe  der  Zeit  uber  30  Opern 
in  Regie  setzte.  Daneben  war  er  immer  noch  als  Sanger  und  Schauspieler 
thatig,  bis  er  zum  Professor  an  der  Kgl.  Musikschule  ernannt  wurde.  Am 
11.  November  1892  betrat  er  als  Gordon  in  »Wallenstein's  Tod«  zum  letzten 
Male  die  Biihne.  Schon  vorher,  im  August  1892,  zwang  ihn  Kranklichkeit 
in  Pension  zu  gehen.  Am  23.  Marz  1897  (nicht  am  24.,  wie  der  Almanach 
der  Biihnengenossenschaft  irrigerweise  angiebt)  ist  B.  nach  langen,  schweren, 
aber  mit  bewundemswerther  Geduld  ertragenen  Leiden  in  seiner  Geburtsstadt 
gestorben.  Ein  Nachruf  sagt  von  ihm  mit  Recht:  »Alle,  die  unter  B.'s  Lei- 
tung thatig  gewesen,  rtihmen  die  Ruhe,  die  Vornehmheit  und  die  durch  nichts 
zu  beirrende  Gerechtigkeit,  mit  der  er  das  Regiment  gefiihrt  hat.  Wie  vielen 
Schlilern  und  Anfangern  hat  er  die  Wege  geebnet,  wie  vielen  zu  schonen 
Stellen  hinaufgeholfen!  Als  Mensch  war  B.  eine  in  sich  gekehrte,  stille  Natur, 
jedoch  im  engen  Freundeskreise  durchaus  nicht  karg  und  verschlossen.  Er 
besass  eine  der  schonsten  Gottesgaben,  er  hatte  Humor,  und  die  Wirkung 
seines  Witzes  wurde  erhoht  durch  die  classische  Ruhe,  mit  der  er  ihn  brachte. 
Allerdings  konnte  er  auch  stark  sarkastisch  sein;  ein  Blick  aus  seinen  gut- 
miithigen  Augen  aber  wusste  gleich  wieder  mildernd  zu  wirken.  Alle,  die  B. 
im  Leben  naher  getreten  sind,  werden  ihm  ein  freundliches  Andenken  be- 
wahrenU  B.  war,  und  dies  giebt  ihm  eine  bleibende  Bedeutung  fiir  die 
Mtinchener  Theatergeschichte,  der  erste  Regisseur  Richard  Wagner's  in  Mtin- 
chen, er  kam  wenigstens  gerade  zurecht  nach  Mtinchen,  um  insbesondere  den 
Siegfried  (10.  Juni  1878)  und  die  Gotterdammerung  (15.  September  1878)  in 


238  Brullibt     Hieber. 

Scene  zu  setzen.  Das  waren  neue  und  bedeutende  Aufgaben  —  die  Nibe- 
Jungentrilogie,  die  nach  ihm  in  Miinchen  und  anderwarts  noch  oft  des  Studiums 
genug  gekostet.  Mit  eiserner  Thatkraft  arbeitete  er  sich,  als  der  erste  Regisseur 
nach  Wagner  in  Bayreuth,  in  diesen  fremdartigen  und  seinem  bisherigen 
Kunstempfinden  ni<;ht  eben  homogenen  Stoff  ein.  Jedem  Spateren  ist  es 
leichter  geworden.  Die  Adresse,  die  seine  Kunstgenossen  ihm  bei  seinem 
Scheiden  im  August  1892  tiberreichten,  war  von  lauter  Aufrichtigen  unter- 
schrieben  —  er  war  beliebt  wie  wenige  vor  ihm,  denn  er  war  keinem  ein 
Stein  des  Anstosses  gewesen.  An  seiner  Ruhe,  an  seinem  Humor  brach  sich 
aller  Neid  und  jede  Intrigue.  B.  war  zuletzt,  als  die  Stimmmittel  den  ge- 
steigerten  Anforderungen  nicht  mehr  Stand  hielten,  kein  Sanger  ersten  Ranges 
mehr.  Die  gegenwartige  Generation  erinnert  sich  seiner  mehr  als  einer  Utility 
und  vor  allem  als  einer  tiberall  ihren  Mann  stellenden  Reprasentantenfigur. 
Es  war  ein  Vergniigen,  ihn  nur  als  Terzky'schen  Wachtmeister  zu  sehen  — 
ein  ganzer  Mann!  Er  brauchte  sich  nicht  viel  zu  schminken,  und  niemals 
veranderte  er  seinen  angegrauten  schonen  Vollbart,  denn  er  konnte  sich  kaum 
empfehlender  und  vor  allem  imponirender  herrichten  als  er  von  Natur  war. 
In  seinen  besseren  Zeiten,  an  die  sich  der  Schreiber  dieser  Zeilen  wohl  er- 
innert, drohnte  aber  auch  seines  Basses  Grundgewalt  gar  voll  und  schon 
durch  das  grosse  Haus.  Er  ging  still  und  bescheiden  von  der  Btihne  und 
aus  dem  Leben,  wie  er  gekommen  war.  Als  er  fast  fiinf  Jahre  nach  seinem 
Austritt  starb,  tauchte  sein  Name  voriibergehend  in  wenigen  kleinen  Nach- 
rufen  auf,  und  wer  nicht  dem  Theater  naher  stand,  wusste  kaum,  dass  er 
noch  am  Leben  gewesen.  In  unserer  unruhigen,  nervenzerstorenden  Zeit 
konnte  ein  ruhiger  und  zielbewusster  Btihnenleiter  gleich  B.  mehr  denn  je  ein 
Vorbild  fur  alle  Nachstrebenden  sein. 

Alfred  Freiherr  v.  Mensi. 

Hieber,  Otto,  Kgl.  Hofcapellmeister  und  Professor  an  der  Kgl.  Akademie 
der  Tonkunst  in  Mtinchen,  *  daselbst  am  20.  Februar  1848,  f  am  9.  Januar 
1897  ebenda.  —  H.,  der  Sohn  des  noch  jetzt  an  der  St.  Cajetans-Hofkirche 
wirkenden  Chordirectors  Ulrich  H.  entstammte  einer  alten  und  angesehenen 
Mtinchener  Musikerfamilie.  Es  war  also  fast  selbstverstandlich,  dass  auch  ihm 
die  Musik  Lebensberuf  wurde.  Er  kam  an  die  Kgl.  Musikschule  seiner  Vater- 
stadt,  die  spater  den  stolzeren  Titel  einer  Akademie  der  Tonkunst  erhielt, 
aber  seitdem  fiir  das  Mtinchener  Musikleben  lange  nicht  mehr  von  der  Be- 
deutung  ist,  die  sie  in  den  ersten  Jahrzehnten  ihrer  Griindung  hatte,  nachdem 
Hans  v.  Blilow  sie  nach  den  Ideen  Richard  Wagner's  reorganisirt  hatte, 
Bulow,  Joseph  Rheinberger,  der  noch  als  Professor  und  Inspector  wirkt,  sowie 
Franz  Wiillner  waren  H.'s  Lehrer.  Seine  Stellung  als  Capellmeister  war  ihm 
gewissermaassen  durch  Tradition  und  Erziehung  vorgezeichnet,  zum  Gltick 
auch  durch  seine  Begabung.  Er  begann  in  dieser  Eigenschaft  am  Theater 
am  Gartnerplatz,  das  Anfang  der  siebziger  Jahre  der  Kgl.  Hoftheater-Inten- 
danz  aufgeblirdet  wurde,  sich  aber  bald  davon  emancipiren  musste,  seine 
Laufbahn.  Im  Jahre  1877  ging  er  mit  dem  Titel  eines  kgl.  Musik  directors 
an  das  Kgl.  Hoftheater  tiber,  wo  er  eine  stille,  dem  Publikum  verborgen  ge- 
bliebene,  aber  ungemein  segensreiche  Wirksamkeit  entfaltete:  er  hatte  das 
Studium  der  Solosanger  zu  leiten,  und  manche  spater  zu  Namen  und  Ruf  ge- 
langte  Kraft  verdankt  H.'s  gediegener  musikalischer  und  technischer  Bildung 
erfolgreichste  Unterweisung.     Ende   der   achtziger  Jahre   vertauschte  H.  diese 


Hicber.    Tunner.  239 

Thatigkeit  mit  der  eines  Directors  des  Chors,  und  damit  schien  er  seinen 
eigentlichen  Beruf  gefunden  zu  haben,  denn  als  unfehlbarer  Chorleiter  auf  der 
Biihne  wie  bei  den  Chorklassen  der  Akademie  hat  er  sich  den  besten  Namen 
im  Munchener  Musikleben  gemacht;  darin  erwies  er  sich  als  der  verstandniss- 
vollste  Schtiler  Wullner's,  dessen  Methode  er  mit  padagogischem  Tact  tiberall 
zu  verwenden  wusste.  Des  gaben  insbesondere  die  herkommlichen  Priifungs- 
concerte  der  Akademie  der  Tonkunst  Zeugniss,  nicht  minder  aber  die  Leistungen 
der  koniglichen  Vocalcapelle,  deren  Leitung  ihm  nach  dem  Riicktritt  Rhein- 
berger's  libertragen  wurde.  Nebenher  dirigirte  er  auch  den  Oratorienverein, 
der  nach  ihm  an  Bedeutung  schnell  verloren  hat.  Auch  als  Orgelspieler  und 
-Lehrer  war  er  tiberaus  geschatzt.  H.,  den  eine  jahe  Krankheit  viel  zu  frtih 
dahingerafft,  war  kein  productives  musikalisches  Genie  und  kein  moderner 
damenbezaubernder  Pultvirtuose,  aber  er  war  ein  gewissenhaft  und  ehrlich 
im  Dienste  seiner  geliebten  Kunst  reproducirendes  Talent,  ein  gediegener 
Musiker  von  altem  Schrot  und  Korn,  wie  sie  immer  seltener  werden  —  gleich 
gewandt  in  der  musica  sacra  wie  in  der  profanen.  Damit  in  harmonischer 
Uebereinstimmung  stand  der  deutsche  kernhafte  Charakter  dieses  echten  Alt- 
miincheners,  dem  Zeit  seines  Lebens  jede  Pose  fremd  geblieben  ist. 

Alfred  Freiherr  v.  Mensi. 

Tunner,  Peter  v.,  k.  k.  Ministerialrath  und  jubil.  Bergakademiedirector, 
*  am  10.  Mai  1809  in  Turrach  (Steiermark),  f  am  8.  Juni  1897  zu  Leoben 
(Steiermark).  —  Sohn  des  Ftirstlich  Schwarzenberg'schen  Verwesers  Peter  Tunner 
in  Turrach,  war  T.  von  Jugend  auf  in  seiner  freien  Zeit  beim  Bergbau-  und 
Huttenbetrieb  beschaftigt  und  in  alle  Einzelheiten  desselben  eingefuhrt;  seine 
wissenschaftliche  Ausbildung  erhielt  er  an  dem  k.  k.  polytechnischen  Institute 
in  Wien.  Dem  Umstande,  dass  er  in  die  Familie  des  Gewerken  M.  v.  Rosthorn 
eingeftihrt  wurde,  verdankte  T.  zweifellos  die  Grundlage  zu  seiner  her- 
vorragenden  Fahigkeit,  technische  Fragen  von  weiten  Gesichtspunkten  aufzu- 
fassen.  Nach  Vollendung  seiner  Studien  arbeitete  er  zwei  Jahre  lang  praktisch 
auf  den  Furstlich  Schwarzenberg'schen  Stahlhammern.  Dann  war  er  einige 
Monate  auf  dem  der  Familie  v.  Rosthorn  geh6rigen  Eisenwerk  in  Frautschach, 
um  daselbst  den  Harzer  Rennprocess  einzufiihren,  weiterhin  Werkfiihrer  in 
Mauternddrf,  worauf  seine  Ernennung  zum  Verweser  auf  dem  Furstlich  Schwar- 
zenberg'schen  Stahlhammer  in  Katsch  erfolgte.  Er  hatte  sich  somit  friih- 
zeitig  neben  einer  gediegenen  theoretischen  Bildung  auch  griindliche  und 
vielseitige  praktische  Kenntnisse  erworben.  Es  war  dies  besonders  maass- 
gebend,  als  es  gait,  auf  die  neu  zu  errichtende  Lehrkanzel  fur  HUttenkunde 
am  Grazer  Johanneum  eine  geeignete  Personlichkeit  zu  stellen.  Der  um  die 
steirische  Eisenindustrie  hochverdiente  Erzherzog  Johann  entschied  sich  fiir 
T.  und  fuhr  1833  nach  Katsch,  um  personlich  mit  ihm  zu  verhandeln,  worauf 
T.  sich,  ganz  gegen  den  Willen  seines  Vaters,  entschloss,  die  Stellung  anzunehmen. 

Welches  hohe  Interesse  der  Erzherzog  fiir  T.  gefasst  hatte,  geht  aus 
einem  Schreiben  hervor,  das  Ersterer  am  14.  September  1833  an  die  Stande 
von  Steiermark  richtete,  worin  er  u.  a.  sagte:  *Nach  meiner  Ueberzeugung 
schlage  ich  den  Peter  Tunner,  dermalen  Flirst  Schwarzenberg'scher  Verweser 
des  Hammerwerks  Katsch,  zu  diesem  Endzweck  vor.  Landeskind,  vom  besten 
moralischen  Charakter,  einer  der  vorztiglichsten  Zoglinge  des  Polytechnischen 
Instituts,  folglich  ausgertistet  mit  den  erforderlichen  wissenschaftlichen  Kennt- 
nissen,    vollkommen    erfahren    in    der   heimischen    Eisenmanipulation,    da    er 


240 


Tunner. 


langere  Zeit  als  Meister  auf  dem  Hammer  arbeitete,  von  guter  Korper- 
beschaffenheit,  genligsam,  verbindet  er  alle  erforderlichen  Eigenschaften,  um 
den  Zweck  zu  erfiillen,  welchen  wir  beabsichtigen  mttssen.  —  Diesen  trage 
ich  an,  reisen  zu  lassen  nach  Schlesien,  Schweden  und  da,  wo  es  noch  weiter 
erforderlich  sein  diirfte.  Zur  Bestreitung  dieser  Reise  dtirften  die  bereits  als 
Dotirung  des  Professors  der  Hiittenkunde  bewilligten  1200  fl.  C.  M.,  wozu 
noch  ein  Zuschuss  zu  kommen  hatte,  zu  verwenden  sein  .  .  .  .«  Die  Stande 
Steiermarks  kamen  dieser  Aufforderung  nach,  indem  sie  am  10.  October  1833 
berichteten,  dass  sie  »in  Anbetracht  der  ausgezeichneten  wissenschaftlichen 
und  moralischen  Eigenschaften  dieses  Individuums^  nicht  nur  mit  dessen  An- 
stellung  als  Professor,  sondem  auch  mit  dem  Antrag  Seiner  K.  K.  Hoheit, 
denselben  bis  zur  Errichtung  des  neuen  Lehrgebaudes  auf  eine  Bildungsreise 
zu  schicken,  vollkommen  einverstanden  seien.  Ungeachtet  der  kraftigsten 
Unterstiitzung  seitens  des  Erzherzogs  erfolgte  erst  zwei  Jahre  spater  die  Er- 
nennung  TVs  zum  Professor.  Die  diesbeziigliche  Urkunde  wurde  am  15.  Mai 
1835  ausgestellt.  T.  war  bei  seiner  Ernennung  erst  26  Jahre  alt;  er  hatte 
das  Gliick,  dass  ihm  vor  Antritt  seiner  Professur  noch  5  Jahre  zu  seiner  Vor- 
bereitung  zur  Verfugung  standen,  und  dass  ihm  zu  einer  Zeit,  in  welcher  noch 
wenige  Techniker  wissenschaftliche  Reisen  zu  unternehmen  vermochten,  aus- 
reichende  Mittel  geboten  wurden,  um  die  wichtigsten  Industriebezirke  bereisen 
und  studiren  zu  konnen.  Im  Marz  1837  trat  T.  seine  Studienreise  an,  welche 
bis  zum  December  desselben  Jahres  dauerte;  da  aber  der  Bau  der  neuen 
Lehranstalt  bei  seiner  Rlickkehr  noch  nicht  weit  genug  gediehen  war,  so 
ging  er  am  20.  April  des  folgenden  Jahres  auf  seine  zweite  Reise,  von 
welcher  er  am  19.  Juli  zuriickkehrte.  Eine  dritte  Studienreise  dauerte  vom 
25.  August  bis  ii.  October  1838.  Auf  seinen  drei  Reisen  besuchte  er  die 
bertihmtesten  Berg-  und  Htittenwerke  Oesterreich-Ungarns,  Deutschlands, 
Schwedens,  Englands,  Frankreichs,  Belgiens  und  Italiens.  Am  1.  November 
1 840  wurde  die  neue  Lehranstalt  fur  Bergbau-  und  Hiittenkunde  in  Vordern- 
berg  eingeweiht.  Neben  dem  Schulgeb&ude  befand  sich  eine  kleine  Lehr- 
frischhutte  mit  zwei  Frischfeuern,  in  welcher  die  Schuler  unter  TVs  person- 
licher  Anleitung  die  Frischmethoden  praktisch  einttbten.  Im  Jahre  1849 
wurde  die  Anstalt  nach  Leoben  verlegt  und  am  14.  October  1861  in  eine 
Bergakademie  umgewandelt.  Wie  innig  T.'s  ganzes  Sein  an  dem  Geschick 
der  von  ihm  begrundeten  und  weit  tiber  die  Grenzen  der  Monarchie  bekannten 
Lehranstalt  hing,  erhellt  am  deutlichsten  aus  dem  Ausspruch,  den  der  Alt- 
meister  einst  that:  »Wenn  einmal  die  letzte  Stunde  an  mich  herantritt,  weiss 
ich  nicht,  ob  ich  mehr  an  meine  Familie  oder  an  meine  Akademie  denken 
werde.«  —  T.  war  auch  Mitbegriinder  der  in  Leoben  neben  der  Akademie 
bestehenden  Berg-  und  Hilttenschule,  deren  Curatorium  er  10  Jahre  lang  als 
Obmann  vorgestanden  hat.  Die  Thatigkeit,  welche  T.  1840  als  Lehrer  der 
Eisenhtittenkunde  begann  und  auch  mehr  als  ein  Menschenalter  mit  bewun- 
dernswerther  Kraft  fortsetzte,  war  bahnbrechend;  mit  seltenem  Geschick  wusste 
er  seine  vielseitigen  praktischen  Erfahrungen  mit  den  wissenschaftlichen  Grund- 
satzen  zu  verbinden  und  das  Ergebniss  seinen  Schtilern  in  lichtvollem  Vortrag 
mitzutheilen.  Letztere  sind  liber  die  ganze  Erde  vertheilt;  wo  sie  aber  auch 
immer  sein  mogen,  ihres  hochverehrten  »Peters«  gedenken  sie  alle  mit  rtihren- 
der  Treue  in  hochster  Anerkennung  und  Dankbarkeit.  Seine  letzten  Vortrage 
tiber  Eisenhtittenkunde  hielt  T.  im  Studienjahr  1865/66.  Am  20.  Juli  1874 
trat  er  in  den  bleibenden  Ruhestand. 


Tunncr.     Breitenlohner. 


241 


Bei  seiner  Thatigkeit  als  Lehrer  der  Eisenlitittenkunde  hat  T.  alien 
Neuerungen  auf  diesem  Gebiete  seine  voile  Aufmerksamkeit  gewidmet.  So 
hat  er  als  einer  der  Ersten  die  Bedeutung  des  Bessemerverfahrens  erkannt 
und  dessen  Einflihrung  in  Oesterreich  veranlasst.  Bekannt  ist  ferner  das  von 
ihm  erfundene  Gltihfrischen. 

Auch*  schriftstellerisch  war  T.  in  hervorragender  Weise  th&tig.  Seine 
zahlreichen  Arbeiten  erschienen  zumeist  in  den  Leobener  berg-  und  hiitten- 
mannischen  Jahrbiichern,  in  jenen  der  Wiener  geologischen  Reichsanstalt, 
sowie  in  anderen  Zeitschriften.  Von  Sonderschriften  seien  nur  erwahnt: 
»Ueber  die  Walzenkalibrirung«,  »Ueber  die  Zukunft  des  osterreichischen 
Eisenhuttenwesens«,  »Ueber  Russlands  Montanindustrie«,  »Bericht  liber  die 
Londoner  Weltindustrieausstellung«  u.  s.  w.  Eine  seiner  letzten  Arbeiten  war 
eine  treffliche  »Darstellung  der  Eisenindustrie  in  Steiermark  und  K&rnthen«, 
welche  er  anlasslich  des  Besuches  des  »Iron  and  Steel  Institute*  in  Oester- 
reich-Ungarn  im  Jahre  1884  verfasste.  Seine  letzte  grossere  Arbeit  behandelt 
das  Eisenhuttenwesen  in  den  Vereinigten  Staaten.  Seit  dem  Jahre  1845  be- 
suchte  T.  alle  grossen  Industrieausstellungen,  und  noch  in  seinem  69.  Lebens- 
jahre  unterzog  er  sich  den  Strapazen  einer  Amerikafahrt  zum  Besuch  der 
Centennialausstellung.  Im  Jahre  1867  wurde  T.  in  den  steierm&rkischen 
Landtag  und  noch  in  demselben  Jahre  auch  in  das  Abgeordnetenhaus  des 
Reichstags  gewahlt. 

An  ausseren  Ehrenbezeugungen  hat  es  ihm  nicht  gefehlt.  Im  Jahre  1864 
wurde  T,  in  den  osterreichischen  Ritterstand  erhoben.  Er  erhielt  zahlreiche 
in-  und  auslandische  Orden,  mehrere  St&dte  und  Bergorte  machten  ihn  zu 
ihrem  Ehrenbiirger,  gelehrte  Gesellschaften,  viele  wissenschaftliche  und  techni- 
sche  Vereine  der  ganzen  Welt  erwahlten  ihn  zum  Ehrenmitglied.  Auch  der 
Verein  deutscher  gisenhiittenleute  ernannte  ihn  in  der  Hauptversammlung 
vom  11.  December  1881  zu  seinem  Ehrenmitgliede. 

Der  Name  »Peter  Tunner«  ist  mit  der  Geschichte  des  Eisenhtlttenwesens 
unaufloslich  verkniipft.  Er  hat  klar  und  zielbewusst  in  hervorragender  und 
schopferischer  Weise  an  der  Festlegung  der  Grundlagen  mitgewirkt,  auf 
welchen  die  machtvolle  Entwickelung  der  heutigen  Eisenindustrie  sich  aufge- 
baut  hat. 

Dr.  W.  Beumer. 

Breitenlohner,  Jakob,  Professor  der  Hochschule  ftir  Bodencultur  in  Wien, 
*  am  21,  Juli  1833  zu  Oberweyr,  OberOsterreich,  f  am  24.  Marz  1897  zu 
Wien.  —  Als  das  Kind  armer  Eltern  geboren,  verbrachte  B.  seine  Jugendzeit 
in  sehr  bescheidenen  Verhaltnissen.  Auch  wahrend  seiner  Gymnasialstudien 
zu  Linz  verfolgte  ihn  die  Sorge  um  das  t&gliche  Brod,  nur  unter  unsaglichen 
Entbehrungen  gelang  es  ihm  seine  Studien  zu  vollenden  und  endlich  die 
Maturitatsprtifung,  mit  ausgezeichnetem  Erfolge,  abzulegen.  Er  bezog  hier- 
auf  die  Universitaten  Graz  und  Wien,  widmete  sich  dem  Studium  verschie- 
dener  Gegenstande  und  promovirte  i860  zum  Doctor  der  Chemie.  Die 
erste  Anstellung  fand  B.  1861  als  Leiter  der  Torfproduktenfabrik  des  Gra- 
fen  Stadion  auf  der  Herrschaft  Chlumetz  (gegenw£rtig  im  Besitze  Sr.  kaiserl. 
Hoheit  Erzherzog  Franz  Ferdinand),  woselbst  Photogen  und  Paraffin  erzeugt 
wurde.  Im  Jahre  1865  trat  B.  in  die  unter  der  Leitung  Dr.  Hanemann's 
stehende,  landwirthschaftliche  Versuchsstation  des  Flirsten  Schwarzenberg  zu 
Lobositz    in  Bohmen    als  Chemiker  ein.     In  dieser  Stellung  verblieb  er  acht 

BiogT.  Jabrb.  u.  DeuUcher  Nekrolog.    2.  Bd.  1 6 


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Breitenlohner. 


Jahre  mit  Moor-,  Dtingungs-,  Culturversuchen  und  mit  meteorologischen  Be- 
obachtungen  beschaftigt.  Aus  dieser  Zeit  stammen  seine  ersten  wissenschaft- 
lichen  Arbeiten.  Die  geringen  Einklinfte  seiner  Stellung  in  Lobositz,  vielleicht 
aber  noch  mehr  seine  Vorliebe  zum  Lehrfache  veranlassten  ihn,  die  Stellung 
in  Lobositz  aufzugeben  und  sich  dem  Lehrfache  zu  widmen.  Im  Jahre  1875, 
im  Alter  von  41  Jahren,  wurde  er  an  der  Forstakademie  zu  Mariabrunn  als 
honorirter  Docent  angestellt  und  ihm  der  Titel  Adjunct  verliehen.  B.  war 
der  geeignete  Mann  zur  Uebernahme  der  Facher  Meteorologie,  Klimatologie 
und  Standortlehre.  Bei  der  Errichtung  der  Hochschule  fur  Bodencultur  in 
Wien  wurde  er  dorthin  iibernommen,  erhielt  1881  den  Titel  eines  ausser- 
ordentlichen  Professors,  1884  auch  das  hiefiir  systemisirte  Gehalt.  Die  fach- 
liche  Tiichtigkeit  B.'s  beruhte  nicht  allein  auf  seinem  Talente,  sondern  auch 
in  dem  Umstande,  dass  er  ausschliesslich  seiner  wissenschaftlichen  Thatigkeit 
lebte.  Fiir  seine  Person  war  er  von  ausserordentlicher  Bediirfnisslosigkeit, 
die  Genusse  des  gewOhnlichen  Lebens  waren  ihm  fremd,  auch  blieb  er  un- 
vermahlt.  Trotz  des  geringftigigen  Einkommens,  welches  mit  seinem  Lehr- 
amte  verbunden  war,  wusste  er  doch  die  Mittel  ftir  Studienreisen  zu  finden. 
Insbesondere  in  seiner  Ferialzeit  durchreiste  er  die  verschiedensten  Theile  der 
Monarchic  Haufig  weilte  er  in  den  Alpen  und  war  dort  in  den  entlegensten 
Orten,  mit  der  einfachsten  im  Rucksacke  untergebrachten  Ausriistung  und 
einem  Geologenhammer  anzutreffen.  Es  war  ihm  auf  Studienreisen  ganz 
gleichgiltig,  was  sonst  in  der  Welt  vorging,  er  wies  jeden  Brief  mit  dem  Ver- 
merk  zuriick:  »Auf  Ferialreisen  des  Lesens  und  Schreibens  unkundig.«  Die 
Rlicksichtslosigkeit,  mit  der  er  sich  die  zu  wissenschaftlicher  Arbeit  nothige 
Ungebundenheit  schaffte,  seine  schonungslose  Offenherzigkeit,  die  Gering- 
schatzung  ausseren  Scheines,  waren  nicht  geeignet,  Fernestehende  ftir  ihn  ein- 
zunehmen.  Erst  bei  naherem  Umgang  erschloss  sich  seine  schlichte,  grund- 
ehrliche  und  treuherzige  Art,  ofFenbarte  sich  die  ganze  Flille  seines  Wissens. 
Durch  seinen  zwar  nicht  gerundeten  aber  doch  klaren  und  fasslichen,  durch 
muhevoll  beschafftes  Demonstrationsmaterial  anschaulich  gemachten  Vortrag 
wusste  er  seine  Schtiler  ebenso  an  sich  zu  fesseln,  als  durch  das  warme  Herz 
und  das  eingehende  Verstandniss,  welches  er  ihren  Interessen  entgegenbrachte. 
Der  wissenschaftlichen  Thatigkeit  B/s  wurde  durch  seine  im  Leben  erlangten 
Stellungen  die  Richtung  gewiesen.  So  erwuchs  er  wahrend  seiner  Anwesen- 
heit  in  Chlumetz  und  Lobositz  zu  einem  namhaften  Fachmann  im  Moorwesen. 
In  Komers'  Jahrbuch  ftir  osterreichische  Landwirthe  veroffentlichte  er  eine 
Reihe  von  Aufsatzen  fiber  Loss  (1869),  Basalt  (1870),  Planer  (1872),  Moor- 
boden  (1873).  Im  osterreichischen  landwirthschaftlichen  Wochenblatte  II.  und 
III.  Jahrgang  (1876  und  1877)  gibt  er  eine  treffliche,  landschaftliche  und 
entwicklungsgeschichtliche  Schilderung  des  2200  Joch  grossen  Ibmermoores 
bei  Wildshut  in  Oberosterreich  und  fiihrt  die  Versuche  an,  dasselbe  trocken 
zu  legen.  Die  Entwasserungsarbeiten  sind  zum  grossen  Theile  an  dem  Wider- 
stande  der  Bauern  gescheitert,  welche  aus  dem  Moore  Nutzen  ziehen.  B. 
meint,  dass  durch  Wanderlehrer  erst  das  richtige  Verstandniss  der  Anwohner- 
schaft  erweckt  werden  mfisse,  urn  zum  Ziele  zu  gelangen.  Bei  dergleichen 
Dingen  fiele  wohl  noch  der  Schuie  eine  wichtige  Rolle  zu.  In  der  Oester- 
reichischen  landwirthschaftlichen  Zeitung  1877  schildert  B.  unter  dem  Titel 
»Gloria  in  desertis  Deo« ,  der  Ueberschrift  eines  Kirchenportales  mit  der 
Jahreszahl  1790,  in  Gnarrenberg,  auf  einem  inselgleich  aus  den  Mooren  auf- 
tauchenden  Geestrlicken,  die  Moorgegend  zwischen  Elbe  und  Weser.    Gnarren- 


Breitenlohner. 


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berg  ist  sozusagen  die  Markthalle  der  umliegenden  etlichen  20  Colonien  und 
Dorfer,  die  alle  ihren  Bedarf  dort  decken.  Durch  die  Canalisation  ist  den 
Mooren  ein  radikaler  Aderlass  applicirt  worden  und  zugleich  die  praktischeste 
Verkehrsstrasse  geschaffen.  Dasselbe  Element,  welches  frliher  jeden  Zugang 
wehrte,  sollte  in  kluger  Benutzung  des  billigen  Transportmittels  der  Commu- 
nication den  weitesten  Spielraum  erofFnen.  Auf  den  Kanalen  wird  der  ge- 
wonnene  Torf  ausgeflihrt;  sie  erstrecken  sich  bis  zur  Weser  und  Elbe.  Neben 
der  Erdrterung  der  Lebensverhaltnisse  der  Moorbauern  bespricht  B.  auch  das 
Moorbrennen.  Im  Centralblatte  fur  das  gesammte  Forstwesen  1877  beschaf- 
tigt  sich  B.  mit  der  Aufforstung  der  Hochmoore.  Im  Jahrgange  1878  der 
Wiener  landwirthschaftlichen  Zeitung  berichtet  B.  tiber  einen  Besuch,  den  er 
zu  Pfingsten  dem  Hansdg,  einem  grossen  Moorboden  am  Neusiedlersee,  ab- 
gestattet  hat. 

In  Lobositz  beschaftigte  sich  B.  schon  mit  geologischen  und  meteoro- 
logischen  Beobachtungen  und  verfolgte  die  Niederschlagsverhaltnisse,  die  ihn 
auch  spaterhin  beschaftigten.  So  machte  er  dartiber  in  Wollny's  Forschungen 
auf  dem  Gebiete  der  Agriculturphysik,  1886,  iiber  die  Hochwasserkatastrophe 
zu  Bruneck  in  Tirol  im  September  1882  eine  besondere  Mittheilung.  Seine 
Streifzuge  im  Wienerwalde  lieferten  ihm  das  Material  zu  den  »Beitragen  zur 
Untersuchung  der  standortlichen  Verhaltnisse  der  Rothbuche  im  Wienerwalde* 
im  Centralblatte  fur  das  gesammte  Forstwesen  1878.  Im  Komers'schen  Jahr- 
buche  1879  kommt  er  wieder  auf  den  Wald  als  klimatischen  Factor  zuriick. 
1 893  fasste  er  die  von  Lorenz  gezogenen  Schliisse  wie  folgt  zusammen :  wenn 
auch  im  Ganzen  und  Grossen  nur  eine  geringfligige  Einwirkung  des  Waldes 
in  seine  Umgebung  hieraus  sich  erkennen  lasst,  so  ist  damit  nicht  gesagt, 
dass  auch  das  Verschwinden  des  Waldes  von  ebenso  unbedeutenden  Con- 
sequenzen  begleitet  sein  wiirde.  Diese  Folgerung  ware  schon  deshalb  nicht 
stichhaltig,  weil  das  Klima  der  Umgebung  bereits  unter  dem  Einflusse  des 
vorhandenen  Waldes  steht.  Die  negativen  Folgen  einer  Entwaldung  wslren 
moglicherweise  viel  deutlicher  als  die  positiven  des  Waldbestandes.  Mit  dem 
Pflanzenphysiologen  Dr.  Josef  Bohm  zusammen  unternahm  B.  eine  Untersuchung 
»Ueber  die  Baumtemperatur  in  ihrer  Abhangigkeit  von  ausseren  Einfltissen* 
(Sitzungsberichte  der  Wiener  Akademie  der  Wissenschaften,  Bd.  LXXV,  S.  615). 

Als  in  der  Mitte  der  siebziger  Jahre  der  jetzige  Hofrath  Wilhelm  Exner 
auf  die  volkswirthschaftliche  Bedeutung  der  Weidencultur  und  Korbflechterei 
aufmerksam  machte  und  sich  als  Vorstand  des  technologischen  Gewerbe- 
museums  dieser  Sache  annahm,  fand  er  in  B.  eine  werkthatige  UnterstUtzung. 
Mit  der  ihm  eigenen  Grlindlichkeit  erfasste  B.  das  Studium  dieses  Gebietes. 
Im  landwirthschaftlichen  Wochenblatte  (1887)  weist  er  in  einem  Aufsatze: 
»Die  Purpur-  und  Korbweide  in  Niederosterreich*  darauf  hin,  dass  die  auen- 
reiche  Donau  mit  dem  Eintritte  aus  Bayern  bloss  wildes  Weidicht  zur  Schau 
tragt,  wahrend  anderwarts  lukrative  Weidenwerder  bestehen.  Das  Stromgebiet 
der  Donau  erscheint,  was  Boden  imd  Klima  betrifft,  von  Natur  aus  fiir  Weiden- 
plantagen  gleichsam  pradestinirt,  und  Niederosterreich  ware  allein  im  Stande, 
den  ganzen  Bedarf  an  Flechtmaterial  zu  decken.  Dieser  Thatigkeit  B/s  ist 
im  Laufe  der  Zeit  reicher  Erfolg  erwachsen.  Die  Weidencultur  in  Oester- 
reich  ist  seither  in  der  diesseitigen  Reichshalfte  nicht  nur  in  Wsetin,  im 
Beczwathale,  in  Trpist  in  Bohmen,  im  Sanngebiete  in  Galizien,  sondern  vieler 
Orten  erbltiht. 

Aus    seinen   Streifziigen    in   den  Alpen   berichtet   B.   in   einem  Vortrage: 

16* 


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Breitenlohner.     Fuchs. 


»Wie  Muhrbrtiche  entstehen,  was  sie  anrichten  und  wie  man  sie  bandigt* 
im  Vereine  zur  Verbreitung  naturwissenschaftlicher  Kenntnisse  in  Wien  am 
7.  Marz  1883. 

Das  warme  Interesse  fur  die  Erscheinungen  der  Hochregion  spricht  sich 
auch  in  der  Aneiferung  Rojacher's  zu  meteorologischen  Beobachtungen  aus. 
Als  das  Project  der  Errichtung  der  Station  auf  dem  Sonnblick  erwogen  wurde, 
hielt  B.  am  24.  November  1885  in  der  geographischen  Gesellschaft  in  Wien 
einen  Vortrag  (Mittheilungen  der  geographischen  Gesellschaft  in  Wien,  1886, 
XXIX.  Bd.)  dariiber,  urn  das  Interesse  ftir  diese  Unternehmung  in  der  Oeffent- 
lichkeit  anzuregen.  So  wurde  B.  das  Bindeglied  zwischen  den  weitausgreifen- 
den,  anderwarts  damals  in  Verwirklichung  begriffen  gewesenen  Ideen  Hann's 
beziiglich  der  Errichtung  von  Hohenobservatorien,  und  Rojacher,  dem  Manne 
in  Oesterreich,  der  vor  der  Durchftihrung  eines  solchen  Unternehmens  nicht 
zuriickscheute  und  es  auch  wirklich  zu  Stande  brachte. 

Nach  A.  v.  Obermayer  in  dem  6.  Jahresbericht  des  Sonnblick- Vereines,  Wien  1898. 

Fuchs,  Wilhelm,  Advokat  und  Privatdocent  der  Rechte,  *  am  27.  Septem- 
ber 1853  zu  Wien,  f  ebenda  am  17,  Juli  1897.  —  F.  war  einer  der  hervor- 
ragendsten  Rechtsanwalte  Wiens,  welcher  es  vermocht  hatte,  nebst  seiner  aus- 
gedehnten  advocatorischen  Praxis  die  Jurisprudenz  durch  wissenschafdiche  Bei- 
trage  fortwahrend  zu  bereichern  und  sich  dadurch,  sowie  durch  die  Vortreff- 
lichkeit  seines  Charakters  ein  Andenken  zu  sichern,  das  ihn  lange  (iberleben 
wird.  F.  war  ein  Sohn  des  Dr.  Adalbert  Fuchs,  Professors  der  Landwirthschaft 
an  der  technischen  Hochschule  in  Wien.  Wahrend  seiner  Kindheit  und  Jugend 
hatte  er  viel  mit  schweren  Krankheiten  zu  kampfen,  die  er  nur  durch  die  auf- 
opfernde  Pflege  seiner  Mutter  glticklich  tiberstand.  Seiner  besonderen  Begabung 
hatte  er  es  zu  danken,  dass  er  trotz  seiner  Kranklichkeit  sehr  frtihzeitig  —  vor 
dem  vollendeten  17.  Lebensjahre  —  das  Gymnasium,  welches  er  bei  den  Schotten 
in  Wien  besuchte,  absolviren  konnte.  Die  Gymnasialf&cher  hatten  ihm  ubrigens 
nie  besonders  zugesagt  und  wie  ein  neues,  bis  dahin  ungeahntes  Leben  war 
es  ftir  ihn,  als  er  als  Horer  an  der  juridischen  Fakultat  in  Wien  zu  den 
Fiissen  einer  Anzahl  hervorragender  Rechtslehrer  sitzen  konnte.  An  der  Uni- 
versitat fand  er  bald  eine  Anzahl  gleichgesinnter  junger  Manner,  mit  welchen 
er  ftir  das  ganze  Leben  innige  Freundschaft  schloss,  wie  die  Schriftsteller 
Dr.  Anton  Bettelheim  und  Dr.  Richard  v.  Kralik,  die  Advokaten  Dr.  Joset 
Schmiedl  und  Dr.  Max  v.  Schneider.  Der  Letztgenannte  hatte  die  Gtite,  die 
juridische  Seite  der  Thatigkeit  seines  verstorbenen  Freundes  in  Folgendem 
kurz  zu  skizziren: 

»F.  studirte  Jus  an  der  Wiener  Universitat  1870 — 1874.  Ihering  und  nach 
ihm  Exner  hatten  eben  begonnen,  abweichend  von  der  bisherigen  Uebung, 
auch  an  der  Juristenfakultat  persfinliche  Beziehungen  zwischen  den  Lehrern 
und  ihren  begabteren  Horern  anzukntipfen,  sowie  durch  Verbindung  mit  prak- 
tischen  Cursen  ihre  systematischen  Vortrage  anziehender  und  wirkungsvoller 
zu  gestalten.  F.  hing  vor  allem  an  Exner  mit  grosser  Verehrung,  sowie  auch 
Exner  grosse  StUcke  auf  ihn  hielt,  und  der  Einfluss  des  erwahnten  Gelehrten 
auf  die  Richtung  seiner  literarischen  Thatigkeit  ist  unverkennbar. 

Nach  vollendeten  Studien  besuchte  F.  im  Sommersemester  1875  die 
Heidelberger,  im  Wintersemester  1875/76  die  Berliner  Universitat  Schon 
1877  habilitirte  er  sich  als  Privatdocent  fur  osterreichisches  Recht  in  Wien. 
Gleichzeitig    trat    er    in   den   praktischen  Dienst   bei  Gericht,  ging  aber  bald 


Fuchs.  245 

darauf  zur  Advokatur  liber;   1883  wurde  er  in  die  Advokatenliste  eingetragen. 

1879  veroffentlichte  er  eine  grossere  Abhandlung  »Das  Ehehinderniss  des 
bestehenden  Ehebandes  nach  osterreichischem  Rechte  und  seine  Umgehung*. 
Es  ist  charakteristisch,  dass  diese  Schrift  durch  ein  Zeitungsinserat  veranlasst 
wurde.  F.  behandelte  das  Thema  unter  steter  Verweisung  auf  praktische 
Falle  so  anschaulich,  dass  die  Arbeit  auch  in  Laienkreisen  Verbreitung  fand, 
was  ihn  veranlasste,  1889  ungefahr  den  gleichen  Stoff  unter  dem  Titel  »die 
sogenannten  siebenburgischen  Ehen  und  andere  Arten  der  Wiederverehelichung 
geschiedener  osterreichischer  Katholiken«  in  wesentlich  erweiterter  und  ver- 
tiefter  Form  nochmals  zu  bearbeiten.  Das  Buch  zeichnete  sich  durch  klare 
verstandliche  Darlegung  der  meist  verwickelten  Rechtsverhaltnisse  aus  und 
wird  durch  Mittheilung  eines  reichen  Quellenmateriales  ftir  jeden  werthvoll, 
der  diesen  Fragen  naher  treten  will. 

Die  neuere  Gesetzgebung  Ungarns  veranlasste  F.  kurz  vor  seinem  Tode 
abermals  an  eine  Umarbeitung  zu  schreiten,  die  er  leider  nicht  mehr  vollenden 
konnte.     Gleichfalls    dem  Gebiete    des  Familienrechtes  gehort  eine  im  Jahre 

1880  veroffentlichte  Abhandlung  liber  »Die  Rechtsvermuthung  der  ehelichen 
Vaterschaft  nach  romischem  und  neuerem  Rechte «  an.  Sie  enthalt  eine  sorg- 
faltige  Darstellung  der  gesetzlichen  Besrimmungen  des  romischen  Rechtes  und 
der  modernen  Staaten,  sowie  an  der  Hand  einer  reichen  Casuistik  und  mit 
Bezug  auf  den  heutigen  Stand  der  &rztlichen  Wissenschaft  auch  werthvolle 
Vorschlage  zur  Behandlung  der  Frage  in  ktinftigen  Gesetzen.  1881  erschienen 
»Die  Karten  und  Marken  des  taglichen  Verkehrs«  und  »Rechtsfalle  zum  all- 
gemeinen  btirgerlichen  Gesetzbuche«.  In  der  ersteren  Abhandlung  wird  zum 
ersten  Mai  und  mit  Geschick  der  Versuch  gemacht,  die  reiche  Mannichfaltig- 
keit  dieses  Kleinlebens  systematisch  zu  bearbeiten.  Die  Rechtsfalle  sind  ftir 
den  akademischen  Gebrauch  bei  praktischen  Cursen  berechnet.  1883/84  gab 
F.  eine  Sammlung  von  Entscheidungen  in  Grundbuchsachen  heraus,  1891  eine 
Studie  aus  dem  Wiener  Leben  »Der  Hausmeister  und  sein  RechU,  endlich 
1894  »Beitrage  zur  Lehre  von  der  Religionsfreiheit  in  der  Praxis«.  F.'s  Tha- 
tigkeit  als  Anwalt  besonders  in  Eheangelegenheiten,  wo  er  bald  allgemein  als 
Autoritat  bekannt  wurde,  Hess  ihm  in  den  letzten  Jahren  weniger  Zeit  ftir 
grossere  schriftstellerische  Arbeiten.  Dagegen  griff  er  noch  ofter  zur  Feder, 
um  namentlich  in  der  Fachpresse  actuelle  Fragen  zu  behandeln.  Eine  frische, 
lebendige  Schreibweise,  nicht  selten  gewtirzt  durch  atzende  Kritik  formalisti- 
scher  Missgriffe,  sind  auch  diesen  Aufsatzen  eigen.  Aber  auch  den  Tagesfragen 
in  Angelegenheiten  des  Standes  brachte  er  lebhaftes  Interesse  entgegen  und 
wirkte  vielfach  anregend.  1896  berief  ihn  das  Vertrauen  seiner  Collegen  in 
den  Ausschuss  der  Advokatenkammer,  nachdem  er  nicht  ohne  Erfolg  den 
Kampf  dagegen  unternommen  hatte,  dass  die  Ehrenamter  in  der  Regel  nur 
durch  und  aus  einer  kleinen  Minoritat  der  Kammermitglieder  besetzt  wurden. 
F.  war  ferner  Mitglied  der  judiciellen  Staatsprtifungscommission  und  fungirte 
durch  eine  Reihe  von  Jahren  auch  als  Prtifungscommissar  bei  den  Ad-  • 
vokatenprtifungen. « 

F.'s  Charakter  war  ein  eigen thiimliches  Gemisch  von  Strenge  auf  der 
einen  und  unendlicher  Giite  auf  der  anderen  Seite.  Die  Strenge  beruhte  auf 
seiner  Wahrheitsliebe  und  seiner  streng  logischen  Denkweise;  er  konnte  weder 
eine  Unwahrheit,  noch  einen  Denkfehler,  von  welcher  Seite  immer,  ohne  Be- 
merkung  durchgehen  lassen.  Insofern  war  er  der  Mann  des  Kampfes  um  das 
Recht,    wie    er   ihn  von  seinem  Lehrer  Ihering  gelernt  hatte.     Venibtes  Un- 


246  Fuchs.     Peters. 

recht,  wen  immer  es  betroffen  haben  moge,  erbitterte  ihn  auf  das  Tiefste: 
die  laxe  Moral,  die  er  bei  der  Verfolgung  einzelner  Rechtssachen  in  den  ost- 
lichen  Provinzen  des  Reiches  angetroffen  hatte,  bekampfte  er  auf  das  ausserste, 
indem  er  bis  zu  den  obersten  Instanzen  des  Reiches  ging,  welche  seine  An- 
klagen  als  gerechtfertigt  anerkennen  mussten.  —  Im  Gegensatze  zu  seiner 
Energie  gegeniiber  jeder  bewussten  Unredlichkeit  stand  seine  Nachsicht  gegen- 
tiber  den  Schwachen  und  Bedriickten,  deren  getreuer  Anwalt  er  war.  Als  der 
Rechtshilfeverein  gegriindet  wurde,  dessen  Aufgabe  es  war,  Unbemittelten 
unentgeltlichen  Rechtsbeistand  zu  gewahren,  war  er  eines  der  ersten  Mitglie- 
der  desselben  und  der  eifrigste  Anwalt  der  Armen  Wiens.  Gross  war  auch 
die  Zahl  derjenigen,  welchen  er  trotz  seiner  beschrankten  Mitteln  materielle 
Hilfe  leistete.  Diesem  Mitgeftthl  fur  die  Schwachen  entsprang  seine  Zuneigung 
zu  den  Arbeitern  und  damit  seine  socialen  Anschauungen,  welche  zum  Socia- 
lismus  hinneigten,  soweit  derselbe  innerhalb  verniinftiger  Grenzen  die  Verbesse- 
rung  des  Looses  der  arbeitenden  Klasse  anstrebt.  Man  hatte  daher  ofter  in 
ihn  gedrungen,  in  diesem  Sinne  activ  an  der  Politik  sich  zu  betheiligen,  von 
welcher  ihn  aber  stets  das  niedrige  Parteigetriebe  mit  seiner  inneren  Unwahr- 
heit  abschreckte. 

F.'s  theilnehmendem  Charakter  entsprach  es,  auch  bei  Anderen  Liebe 
und  Zuneigung  zu  suchen  und  zu  finden.  Er  hatte  im  Jahre  1884  die  Toch- 
ter  des  Landesgerichtsrathes  Straub  geheirathet,  welche  ihm  eine  Tochter 
schenkte.  An  Frau  und  Tochter,  sowie  an  seiner  Mutter  hing  er  bis  zu  seinem 
Tode  mit  rilhrender  Zartlichkeit.  Nachdem  sich  seine  friiher  so  schwankende 
Gesundheit  vollkommen  gekraftigt  hatte,  verlebte  er  im  Schoosse  seiner  Fa- 
milie,  geliebt  von  seinen  Freunden  und  geachtet  von  Jedermann,  eine  Reihe 
von  gllicklichen  Jahren,  an  seiner  sich  immer  ausbreitenden  Thatigkeit  er- 
freuend.  Viele  solcher  Jahre  schienen  ihm  noch  beschieden,  als  eine  tticki- 
sche  Krankheit  ihn  erfasste.  Nach  wenigen  Tagen  schien  sein  kraftiger  Kor- 
per  liber  dieselbe  zu  triumphiren,  als  sie  in  neuerlichem  Ansturm  ihn  ftir 
immer  niederwarf. 

Nachrufe  in  den  Juristischen  Blattern  (Wien)  und  der  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung 
Quli  1897)- 

Ernst  Fuchs. 

Peters,  Fritz,  bedeu tender  Landwirth,  als  Forderer  und  bester  Freund 
von  Fritz  Reuter  alien  Lesern  des  beriihmten  plattdeutschen  Schriftstellers 
wohlbekannt,  *  am  29.  September  18 19  auf  dem  von  seinem  Vater  gepach- 
teten  graflich  Hahn'schen  Gute  Liepen  in  Mecklenburg-Schwerin,  f  am  18.  De- 
cember 1897  in  Siedenbollentin.  —  Er  kam  1828  nach  der  nahe  gelegenen 
Stadt  Malchin  auf  die  Schule,  wo  der  damalige  Rektor  Bttlch,  ein  alter  Frei- 
heitskampfer  und  Verehrer  von  Jahn,  sowie  der  zweite  Lehrer  Susemihl  sich 
seiner  nach  jeder  Richtung  hin  annahmen  und  den  Grund  zu  seinem  tiich- 
tigen  Wissen  legten;  Ersterer  sorgte  auch  fur  die  Korperentwickelung  durch 
Turn-  und  Schwimmunterricht.  Beim  Eintritt  in's  vierzehnte  Jahr  sollte  der 
Knabe  confirmirt  und  in  die  Landwirthschaft  gethan  werden,  was  ihm  bei 
seiner  grossen  Passion  fur  das  Studium-  der  Chirurgie  gar  nicht  zusagte.  Der 
wackere  Susemihl  reiste  in  Folge  seiner  Bitte  zum  Vater,  ihn  zu  bestimmen, 
den  Sohn  doch  noch  etwas,  und  ware  es  nur  ein  Jahr,  auf  der  Schule  zu 
lassen;  aber  auch  dies  half  nichts.  Fritz  wurde  Ostern  1834  eingesegnet  und 
Lehrling    auf  dem  Gute  Liepen,    Anfangs  traurig  iiber  sein  Schicksal,    spater 


Peters.  247 

seinem  seligen  Vater  vollkommen  Recht  gebend;  denn  es  stellte  sich  bald 
heraus,  dass  des  Letzteren  Leben  nicht  von  langer  Dauer  sein  sollte.  Von 
dem  Vater  in  liebevollster  Weise  mit  alien  Geschaften,  mochte  es  Ein-  oder 
Verkauf  des  flir  die  Wirthschaft  Nothigen,  mochten  es  Geldsachen  u.  a.  sein, 
vertraut  gemacht,  konnte  er  der  verwittweten  Mutter  eine  Sttltze  werden.  Er 
selbst  schrieb  dem  Unterzeichneten :  »Meine  Jugend  war  nach  heutigen  Be- 
griffen  eine  wunderbare;  nach  der  einen  Seite  hin  eine  ausserst  mUhevolle, 
denn  noch  nicht  lange  war  in  Mecklenburg  die  Leibeigenschaft  aufgehoben, 
jeder  verlangte  von  sich  und  seinen  Untergebenen  ungewtihnlich  viel;  dazu 
fehlten  Communicationsmittel  und  Kunststrassen  ganzlich,  das  Ackergerath  war 
mehr  als  primitiv,  die  Maschinen  gleich  Null,  wirthschaftlich  also  viel  Qualerei. 
Nach  der  anderen  Seite  war  mir  durch  reichliche  Mittel  und  den  haufigen 
Aufenthalt  in  Rostock,  wo  ich  das  Theater  fleissig  besuchte  und  intimen  Ver- 
kehr  mit  der  akademischen  Jugend  unterhielt,  Gelegenheit  geboten,  meinen 
Geist  weiter  auszubilden.« 

Im  Jahre  1842  kam  Fritz  Reuter  zu  P.'s  Schwager,  dem  Pachter  Rust, 
auf  das  graflich  Hahn'sche  Gut  Demzin  bei  Stavenhagen,  um,  nachdem  er 
den  Versuch,  nach  seiner  Festungszeit,  sein  Studium  wieder  aufzunehmen, 
aufgegeben  hatte,  sich  der  Landwirthschaft  zu  widmen.  Die  Zuneigung  zwi- 
schen  Fritz  Reuter  und  Fritz  P.  war  von  Anfang  an  eine  gegenseitige,  und 
da  Ersterer  auch  des  Letzteren  nachherige  Frau  Marie  geb.  Ohl  kennen  lernte 
und  gleich  sehr  gern  mochte,  so  wurde  von  dem  Tage  ihrer  Bekanntschaft 
an  ein  Band  ftir's  Leben  um  sie  geschlungen,  und  spater  ebenfalls  um  Reu- 
ter's  Frau  Luise  geb.  Kuntze.  Jahre  lang  war  Reuter  Hausgast  bei  P.,  der 
1843  das  Gut  Thalberg  bei  Treptow  a.  Toll,  gepachtet  hatte,  1853  die  Gtiter 
Stolpe  und  Neuhof  unweit  Anklam  (ibernahm  und  schliesslich  eine  Muster- 
wirthschaft  auf  Siedenbollentin  in  Vorpommern  einrichtete,  wo  er,  als  Konig- 
licher  Oekonomierath  bis  zuletzt  thatig,  jetzt  seiner  kurz  vorher  heimgegangenen 
Gattin  in's  Jenseits  gefolgt  ist. 

Unter  seinen  Augen  hat  Fritz  Reuter  sich  zu  dem  eigenartigen  Schrift- 
steller  entwickelt,  von  ihm  mannichfache  Anregung  bekommen.  Fritz  P.  brachte 
auch  Reuter's  schwankendes  Lebensschiff  in  einen  sicheren  Hafen,  indem  er 
seine  Niederlassung  als  Lehrer  im  nahen  Treptow  betrieb;  ja  ihm  wie  seiner 
nachmaligen  Frau  Luise  stand  er  stets  treu  und  opferbereit  mit  Rath  und 
That  zur  Seite.  Jahre  hindurch  verlebten  sie  gemeinsam  fast  alle  Sonntage 
auf  dem  Gute,  Jahrzehnte  lang  jedes  Weihnachtsfest,  das  Reuter  immer  durch 
allerliebste  Julklappverse  verschonte.  Nach  den  Mittheilungen  des  P/schen 
Ehepaares  habe  ich  des  Dichters  Leben  und  Treiben  auf  Thalberg  und  Sieden- 
bollentin geschildert  in  dem  Buche  »Reuter-Studien«  und  neuerdings  viele 
herzlich  anmuthende  Einzelheiten,  Briefe,  Gelegenheitspoesien,  sowie  die  Por- 
traits der  gesammten  P.'schen  Familie,  von  Reuter,  der  ein  sehr  geschickter 
Zeichner  war  und  grosse  Treffsicherheit  besass,  selbst  gemalt,  dargeboten  in 
den  beiden  Banden   »Aus  Fritz  Reuter's  jungen  und  alten  Tagen«. 

Liegt  die  Bedeutung  von  Fritz  P.  flir  das  deutsche  Volk  wesentlich  in 
seiner  engen,  unzertrennlichen  Beziehung  zu  unserem  Nationaldichter,  so 
hat  er  doch  noch  ausserdem  sich  hervorragende  Verdienste  erworben,  nicht 
nur  durch  seine  praktische  erfolgreiche  Thatigkeit  als  Landwirth,  sondern 
speciell  auch  durch  seine  schriftstellerische,  die  in  Agrarierkreisen  mit  Recht 
geschatzt  worden  ist.  Den  ersten  Band  der  »Lauschen  un  Rimels«  widmete 
Reuter  bekanntlich  seinem  besten  Freunde  Fritz  Peters  zum  Andenken  an  froh 


248  Peters.     Fresenius. 

verlebte  Stunden;  P.  revanchirte  sich  durch  das  Werk  »Fiihrung  einer  vor- 
pommerschen  Landwirthschaft  an  einem  vorhandenen  (namlich  seinem  eigenen) 
Beispiele*  (Wismar,  HinstorflF)  »seinem  alten  lieben  Freunde  Fritz  Reuter  zur 
Erinnerung  an  seine  Okonomische  Laufbahn«.  Von  den  zahlreichen  P.'schen 
Publicationen  seien  aus  demselben  Verlage  noch  genannt  »Praktische  Einfiih- 
rung  der  Sommerstallftitterung*  (3.  Auflage  unter  dem  Titel  cViehzucht  und 
Milchwirthschaft  in  Verbindung  mit  Sommerstallftitterung  und  Fruchtwechsel- 
wirthschafu),  ferner  »Revision  der  gesammten  Wirthschaftsflihrung«  und  vier 
Hefte  »Siedenbollentiner  ZUchtungen«,  dann  die  »Abhandlung  (iber  Schweine- 
zucht  und  SchweinemasU,  sowie  die  viel  beachtete  zeitgemasse  Broschiire 
»Ueber  die  Ursachen  der  so  allgemein  bedrtickten  Lage  der  Landwirthschaft. « 
Eine  durchaus  tlichtige  Personlichkeit  und  ein  wahrhaft  edler  Charakter 
ist  mit  Fritz  P.  dahingegangen;  er,  der  treue  Freund  in  der  Noth  und  stets 
liebenswlirdige  Mensch,  wird  in  Ehren  genannt  werden,  so  lange  Fritz  Reu- 
ter's  Schdpfungen  und  Lebensgeschichte  Interesse  und  Theilnahme  erwecken. 

Karl  Theodor  Gaedertz. 

Fresenius,  Carl  Remigius,  Chemiker,  *  am  28.  December  181 8  zu  Frank- 
furt  a.  M.,  f  am  n.  Juni  1897  zu  Wiesbaden.  —  Seine  Eltern  waren  der  Advocat 
Jacob  Heinrich  Samuel  F.  und  Marie  Veronika  geb.  Finger.  Die  erste  Jugend- 
bildung  erhielt  F.  auf  der  Musterschule  zu  Frankfurt  a.  M.,  dann  im  Bender'- 
schen  Institute  zu  Weinheim  an  der  Bergstrasse;  nachher  besuchte  er  das 
Gymnasium  seiner  Vaterstadt.  Im  Frllhjahr  1836  trat  er  in  die  Stein'sche 
Apotheke  in  Frankfurt  a.  M.  als  Lehrling  ein,  woselbst  er  vier  Jahre  lang  die 
Pharmacie  praktisch  erlernte  und  ausiibte ;  zugleich  aber  besuchte  er  die  Vor- 
lesungen  am  Senckenberg'schen  Institut,  insbesondere  die  tiber  Chemie  und 
Physik  von  Prof.  Dr.  Rudolf  Bottger  und  diejenigen  tiber  Botanik  von  Prof. 
Dr.  Georg  Fresenius.  Schon  damals  zog  ihn  das  Studium  der  analytischen 
Chemie  ganz  besonders  an,  und  die  wenigen  freien  Tage,  welche  ihm  blieben, 
benutzte  er  eifrig  zur  Losung  analytisch-chemischer  Aufgaben  in  einem  kleinen 
Laboratorium,  das  er  sich  in  einem  Gartenhause  des  grossen  vaterlichen 
Gartens  eingerichtet  hatte.  Im  Friihjahr  1840  bezog  er  die  Universi tat  Bonn, 
woselbst  er  ein  Jahr  verblieb.  Er  widmete  sich  zunachst  dem  Studium  der 
Pharmacie  und  der  Naturwissenschaften  ttberhaupt  unter  den  Professoren 
Gustav  Bischof,  Treviranus,  Vogel,  N6ggerath,  Marquart  u.  s.  w.,  horte  aber 
auch  geschichtliche  und  philosophische  Vorlesungen  bei  Ernst  Moritz  Arndt, 
A.  W.  v.  Schlegel  und  Anderen.  Im  zweiten  Semester  seines  Bonner  Auf- 
enthaltes  schrieb  F.  seine  Anleitung  zur  qualitativen  chemischen  Analyse,  und 
zwar  lediglich  zu  eigener  Uebung.  In  Druck  gab  er  das  Buch  erst  auf  die 
dringende  Aufforderung  Marquart's,  in  dessen  Privatlaboratorium  er  praktisch 
arbeitete,  weil  ein  Universitatslaboratorium  damals  in  Bonn  noch  nicht  exi- 
stirte.  Nachdem  wahrend  des  Bonner  Aufenthaltes  der  Entschluss  in  ihm 
gereift  war,  sich  ganz  der  Chemie  zu  widmen,  war  nichts  natUrlicher,  als  dass 
er  sich  alsbald  nach  Giessen  wandte,  wo  sich  damals  um  Liebig  die  Jlinger 
dieser  Wissenschaft  von  Nah  und  Fern  zusammenschaarten.  Er  arbeitete 
unter  dem  grossen  Meister  und  horte  ausser  bei  Liebig  Vorlesungen  bei  Bufl 
und  Kopp.  Aus  dem  ersten  Giessener  Semester  stammt  seine  Arbeit  »Ueber 
die  traubensauren  Salze«  (Annalen  der  Chemie  und  Pharmacie  41,  1).  Bereits 
im  Herbst  1841  wurde  er  Liebig's  Privatassistent,  am  1.  April  1842  staat- 
licher  Unterrichtsassistent  am  Liebig'schen  Laboratorium.    In  demselben  Jahre 


Fresenius.  249 

veroffentlichte  er  die  2.  Auflage  der  Anleitung  zur  qualitative!!  Analyse,  wor- 
auf  ihm  am  23.  Juli  1842  die  Doctorwtirde  von  der  philosophischen  Facultat 
der  Universitat  Giessen  verliehen  wurde.    Am  23.  Juni  1843  habilitirte  er  sich 
als  Privatdocent    in  Giessen    und    blieb    als  solcher  in  Thatigkeit  bis  ihn  im 
September  1845  e*n  ^u^  a*s  Professor  der  Chemie,  Physik  und  Technologie 
an    das    herzoglich    nassauische  landwirthschaftliche  Institut  nach  Wiesbaden 
fuhrte.     Es    war    eine    herrliche  Zeit,    die  er  in  Giessen  verlebte,  nicht  bloss 
reich  an  wissenschaftlicher  Anregung  und  Forderung,  sondern  auch  verschont 
durch  Freundschaft    und  Liebe.     In  Giessen    kntlpfte   sich  das  Freundschafts- 
band  fiir's  Leben  zwischen  ihm,  A.  W.  Hofmann,  H.  Will  und  L.  von  Babo. 
Von  dort  fiihrte  er  seine  Gattin  Charlotte,  geb.  Rumpf,  die  Tochter  des  Gym- 
nasialdirectors  Prof.  Dr.  Rumpf  zu  Giessen,  als  junge  Frau  nach  Wiesbaden. 
Aus  der  Giessener  Zeit  stammen  noch  eine  Reihe  von  wichtigen  literarischen 
Arbeiten,  von  denen  hier  erwahnt  sein  mogen:    »Neues  Verfahren  zur  Unter- 
scheidung  und  Trennung    des  Arsens  vom  Antimon  in  mit  dem  Marsh'schen 
Apparate  erhaltenen  Metallspiegeln<c,  die  mit  Will  veroffentlichte  Schrift:  »Neue 
Verfahrungsweisen    zur  Priifung    der  Pottasche  und   Soda,    der   Aschen,    der 
Sauren    und    des  Braunsteins«,    Heidelberg  bei  C.  F.  Winter  1843,   mehrere 
Mineralwasseruntersuchungen,    einige    davon    gemeinschaftlich    mit   Will,    die 
zusammen   mit   Haidlen    veroffentlichte  Arbeit:    »Ueber   die  Anwendung   des 
Cyankaliums    in    der  chemischen  Analyse*,   die  mit  v.  Babo  gemeinschaftlich 
ausgeftihrte  »Ueber    ein    neues  Verfahren  zur  Ausmittelung  und  quantitativen 
Bestimmung  des  Arsens  bei  Vergiftungsfallen«,   die  mit  Will  »Ueber  die  un- 
organischen  Bestandtheile  der  Pflanzen.«    In  Wiesbaden  begann  F.  1845  se*ne 
Lehrthatigkeit  am  landwirthschaftlichen  Institut  und  hielt  ausserdem  wahrend 
des  Winters  1845—46  dem  Herzog  von  Nassau  an  zwei  Abenden  wdchentlich 
Experimentalvortrage  Uber  Chemie  in  einem  im  Schlosse  eingerichteten  Hor- 
saal.     Mit  Begeisterung  gedenken  die  Manner,   die  damals  Schtiler  des  land- 
wirthschaftlichen Instituts  waren,  noch  heute  des  jungen  Professors,  der  ihnen 
das  Eindringen    in    die   Chemie    ermtiglichte    und    deren  Bedeutung  fiir  die 
Landwirthschaft   vor  Augen    fuhrte.     Diesem  aber  bot  die  Thatigkeit  an  der 
Anstalt,  zumal  da  sie  nur  Winterkurse  hatte,  nicht  voile  Befriedigung;  nament- 
lich    fehlte    es    ihm    an    einem  Laboratorium   und   somit  an  der  Gelegenheit, 
junge  Manner  in  die  praktische  Chemie  einfuhren  zu  konnen.     In  der  ersten 
Wiesbadener  Zeit  war  er  deshalb  besonders  schriftstellerisch  thatig,  er  gab  die 
4.  und  5.  Auflage    der    qualitativen  Analyse    heraus    und  schrieb  1846  seine 
Anleitung  zur  quantitativen  chemischen  Analyse,  von  der  bereits  im  gleichen 
Jahr  die  zweite  Auflage  erschien,  sowie  1847  ein  sehr  beifallig  aufgenommenes 
Lehrbuch  der  Chemie  ftir  Landwirthe,  Forstmanner  und  Cameralisten.     Das- 
selbe    war    bald    vergriffen  und  wurde  auch  in's  Hollandische  und  Englische 
(ibersetzt;  zur  Bearbeitung  einer  neuen  Auflage  fehlte  ihm  aber  spater,  anderer 
Arbeiten    halber,    die  Zeit.     So  gut  es  die  bescheidenen  Hilfsmittel  seines  in 
einer  Miethwohnung    eingerichteten  Privatlaboratoriums  gestatteten,   ftihrte  er 
daneben  noch  analytische  Untersuchungen  verschiedener  Art  aus,   namentlich 
solche    nassauischer  Mineralien  und  Landesprodukte,    von   denen  hier  beson- 
ders die  Analysen  einiger  vorztiglicher  Weine  des  Jahres  1846  erwahnt  seien. 
Im  Jahre  1847  fasste  F.  den  Entschluss  zur  Errichtung  eines  zum  Unterricht 
junger  Manner  in  der  Chemie  und  deren  Hilfswissenschaften  geeigneten  selbst- 
standigen   chemischen  Laboratoriums,   und  kaufte  in  Folge  dessen  das  Haus, 
in  welchem  er  seitdem  gewohnt  hat,  und  in  dem  er  auch  gestorben  ist.    Dies 


250 


Fresenius. 


Haus,  spater  umgebaut  unci  vergrossert,  umgeben  von  einem  in  der  Folge 
erheblich  erweiterten  Garten,  war  ein  trautes  Familienheim  und  auch  in  spa- 
teren  Jahren,  als  die  Kinder  theilweise  auswarts  verheirathet  waren,  der  Mittel- 
punkt  der  grossen  Familie.  Gleich  beim  Eintritt  in  die  Wiesbadener  Ver- 
haltnisse  betheiligte  sich  F.  auch  rege  am  offentlichen  Leben;  er  trat  den 
bestehenden  wissenschaftlichen  Vereinen  bei  und  gehorte  mit  zu  den  Grtin- 
dern  des  Gewerbevereins  fur  Nassau  und  anderer  gemeinntitziger  Vereine. 
Durch  das  Vertrauen  seiner  Mitbiirger  wurde  er  im  Jahre  1847  von  der  Stadt 
Wiesbaden  zum  Abgeordneten  in  die  nassauische  Standeversammlung  gewahlt. 
Trotzdem  behielt  er  sein  nachstes  Ziel  unverrtickt  im  Auge,  sodass  er  mitten 
in  der  stiirmischen  Revolutionszeit  des  Jahres  1848  sein  Laboratorium  mit 
Untersttitzung  der  nassauischen  Regierung,  aber  doch  gross  ten  theils  aus  eigenen 
Mitteln  einrichten  und  erOffnen  konnte.  Nun  bot  sich  ihm  der  ersehnte  Wir- 
kungskreis.  Gern  hat  er  sp&ter  gelegentlich  im  Familien-  und  Freundeskreise 
von  den  bewegten  Tagen  des  Jahres  1848  erzahlt,  in  denen  er  aus  den 
Sitzungen  der  Standekammer  zur  Vorlesung  und  aus  der  Vorlesung  zur  Waffen- 
tibung  der  Btirgerwehr  eilte.  Im  Jahre  1849  begann  F.  seine  chemische 
Untersuchung  der  wichtigsten  Mineralwasser  des  Herzogthums  Nassau;  grOssten- 
theils  im  Auftrag  der  nassauischen  Regierung  ausgeflihrt,  theilweise  aber  auch 
auf  Wunsch  des  Erzherzogs  Stephan  von  Oesterreich,  der  damals  auf  Schloss 
Schaumburg  residirte,  und  mit  dem  F.  bei  dieser  Gelegenheit  in  naheren 
personlichen  Verkehr  trat.  Das  chemische  Laboratorium  wurde  aber  auch 
sonst  vielfach  von  Gerichten,  Verwaltungsbeh6rden,  von  der  Industrie  und 
von  Privaten  in  Anspruch  genommen,  und  auch  die  Zahl  der  Studirenden 
mehrte  sich  fort  und  fort,  so  dass  das  Laboratorium,  welches  urspriinglich 
mit  einem  Assistenten,  dem  spateren  Professor  Erlenmeyer,  und  ftinf  Prakti- 
k  an  ten  eroflhet  worden  war,  schon  in  ktirzester  Frist  bedeutend  erweitert 
werden  musste.  Im  Friihjahr  1852  wurde  zu  diesem  Behuf  ein  Neubau  auf- 
gefuhrt,  sodass  nun  Arbeitsplatze  flir  30  Praktikanten  vorhanden  waren.  Es 
wtirde  zu  weit  ftihren,  die  weitere  Entwickelung  des  Laboratoriums  im  ein- 
zelnen  zu  verfolgen;  dies  alles  wurde  von  F.  selbst  in  der  1873  zur  Feier  des 
2  5Jahrigen  Bestehens  der  Anstalt  veroffentiichten  »Geschichte  des  chemischen 
Laboratoriums  zu  Wiesbaden «  lebendig  geschildert;  in  dieser  Schrift  sind  auch 
die  aus  dem  Laboratorium  hervorgegangenen  Bticher  und  wissenschaftlichen 
Arbeiten  verzeichnet,  desgleichen  die  Docenten,  Assistenten  und  Praktikanten, 
welche  der  Anstalt  bis  zum  Jahr  1873  angehOrt  haben.  Die  Leitung  des  Labora- 
toriums stellte  neben  der  Herausgabe  neuer  Auflagen  der  qualitativen  und  quan- 
titativen  Analyse  naturgemass  hohe  Anspriiche  an  die  Arbeitskraft  des  Directors, 
sodass  er  mit  Genehmigung  der  herzoglichen  Regierung  von  1855  ab  die 
Vorlesungen  liber  allgemeine  Chemie  und  Physik  am  landwirthschaftlichen 
Institut  an  Neubauer  (ibertrug,  wahrend  er  selbst  die  Vorlesungen  Uber 
Agriculturchemie  und  landwirthschaftliche  Technologie  beibehielt,  und  die 
im  Jahre  1852  erfolgte  Wahl  zum  Mitglied  der  ersten  Standekammer  ab- 
lehnen  musste.  Zu  manchen  wissenschafdichen  Arbeiten  zog  F.  auch  seine 
Schiller  heran,  namentlich  zur  chemischen  Untersuchung  der  wichtigsten  Obst- 
arten,  die  im  Jahre  1858  in  der  Zeitschrift  flir  deutsche  Landwirthe  veroffent- 
licht  wurde.  Im  Jahre  1861  fasste  F.  den  Entschluss  zur  Herausgabe  der 
Zeitschrift  fur  analytische  Chemie.  Der  erste  Band  der  Zeitschrift  erschien 
1862  in  Wiesbaden  im  Verlag  von  C.  W.  Kxeidel,  einem  nahen  Freunde  des 
Herausgebers.     Der    urspriinglich    entworfene  Plan    ist  in  seinen  Grundziigen 


Fresenius.  251 

bis  heute  vollstandig  beibehalten  worden ;  er  hat  sich  somit  durchaus  bewahrt. 
Anfanglich  wurden  jahrlich  4  Hefte  der  Zeitschrift  ausgegeben,  vom  26.  Jahr- 
gang  an  erschien  sie  in  6  Heften  und  vom  36.  ab  erscheint  sie  in  12  Heften 
jahrlich.  Bei  der  Herausgabe  der  Zeitschrift  wurde  F.  untersttitzt  vom  20.  Band 
an  von  seinem  Sohne  Heinrich,  vom  36.  Band  an  ausserdem  noch  von  seinem 
zweiten  Sohn  Wilhelm  und  seinem  Schwiegersohn  Hintz.  Das  Geburtsjahr 
der  Zeitschrift  brachte  auch  eine  wesentliche  Erweiterung  des  Laboratoriums ; 
es  wurde  mit  ihm  eine  pharmaceutische  Lehranstalt  verbunden,  die  sich  als- 
bald  eines  guten  Besuches  zu  erfreuen  hatte,  aber  kurz  nach  der  Einverlei- 
bung  Nassaus  in  den  preussischen  Staat  aufgehoben  wurde. 

Das  Laboratorium  hatte  sich  stets  der  wohlwollenden  Ftirsorge  auch  der 
preussischen  Regierung  zu  erfreuen,  insbesondere  gewahrte  das  konigliche  Unter- 
richtsministerium  den  Staatszuschuss  weiter  und  erhOhte  denselben  spater  noch. 
Schon  kurz  nach  Errichtung  seines  Laboratoriums  war  F.  auch  mit  der  Indu- 
strie in  nahe  Beziehungen  getreten.  In  den  ftinfziger  Jahren  grlindete  er  mit 
einem  NefTen  in  Lorch  am  Rhein  eine  Fabrik  zur  trockenen  Destination  des 
Holzes  und  zur  Verarbeitung  der  dabei  erzielten  Produkte,  aus  welcher  sich 
dann  nach  und  nach  der  »Verein  ftir  chemische  Industrie«  entwickelt  hat,  eine 
in  hoher  Bliithe  stehende  Aktiengesellschaft,  in  deren  Aufsichtsrath  F.  bis  an 
sein  Lebensende  den  Vorsitz  fiihrte.  Auch  an  dem  »Verein  chemischer  Fa- 
brik en  zu  Mannheim «  war  er  betheiligt,  und  auch  dort  war  er  lange  Jahre 
Vorsitzender  des  Aufsichtsrathes,  desgleichen  bei  der  Aktiengesellschaft  »Schwein- 
furter  Ultramarinfabrik«.  Nahe  Beziehungen  mit  dem  praktischen  Leben  traten 
aber  nicht  nur  hinsichtlich  der  Industrie,  sondern  auch  hinsichtlich  aller  Ge- 
werbe  hervor,  auf  welche  die  Chemie  von  maassgebendem  Einfluss  ist,  so 
besonders  auch  beztiglich  des  Weinbaues  und  der  Weinbereitung.  In  Folge 
davon  wurde  im  Jahre  1868  die  erste  onologische  Versuchsstation  im  An- 
schluss an  das  Laboratorium  als  staatliche  Anstalt  errichtet,  unter  Neubauer's 
Leitung.  Im  Winter  1872/73  weilte  Kaiser  Friedrich,  damals  Kronprinz  des 
deutschen  Reiches,  in  Wiesbaden.  Die  damalige  Kronprinzessin  besuchte  in 
diesem  Winter  fifters  das  Laboratorium  und  Hess  sich  dort  von  F.  Vorlesungen 
Uber  Chemie  halten.  In  den  Jahren  1874/75  wurde  zur  VergrCsserung  des 
Laboratoriums  ein  geraumiger  Neubau  aufgeflihrt  und  bald  darauf  im  Jahre 
1877  die  Ausbildung  von  Nahrungsmittelchemikern,  wohl  zuerst  in  Deutsch- 
land,  systematisch  organisirt.  Vom  5.  bis  24.  November  1877  nahm  F.  au^ 
Einladung  des  Reichsgesundheitsamts  als  Mitglied  zweier  Commissionen  an 
den  Berathungen  liber  den  Gesetzentwurf,  betreffend  den  Verkehr  mit  Nah- 
rungsmitteln,  Genussmitteln  und  Gebrauchsgegenstanden  theil,  die  im  kaiser- 
lichen  Gesundheitsamte  zu  Berlin  stattfanden.  1884  wurde  am  Laboratorium 
eine  besondere,  mit  alien  Hilfsmitteln  der  Neuzeit  ausgestattete  Abtheilung  fur 
Hygiene  und  Bakteriologie  eingerichtet,  und  zwar  in  einem  weiter  angekauften, 
an  die  bisherigen  Hauser  angrenzenden  Hause. 

Die  Oberleitung  hat  F.  bis  zu  seinem  Tode  beibehalten,  aber,  um  seine 
ausgedehnte  literarische  Thatigkeit  (iberhaupt  zu  ermoglichen,  im  Jahre  1884 
die  specielle  Leitung  der  einzelnen  Abtheilungen  des  Laboratoriums  in  die 
Hande  seiner  Sohne  und  seines  Schwiegersohnes  gelegt. 

Wie  ausgedehnt  F/s  literarische  Thatigkeit  war,  geht  daraus  hervor,  dass 
er  ausser  der  Zeitschrift  fiir  analytische  Chemie  im  Laufe  der  Jahre  16  Auf- 
lagen  seiner  Anleitung  zur  qualitativen  chemischen  Analyse  und  6  Auflagen 
seiner    Anleitung    zur    quantitativen    chemischen  Analyse    herausgegeben   hat 


252 


Fresenius. 


Die  qualitative  Analyse  ist  in  fast  alle  lebenden  Cultursprachen,  sogar  in's 
Chinesische,  libersetzt  worden  und  auch  von  der  quantitativen  Analyse  sind 
zahlreiche  Auflagen  in  fremden  Sprachen  erschienen.  Kurz  nach  Errichtung 
seines  Laboratoriums  hat  F.  die  Erforschung  der  Teichen  Bodenschatze  des 
Herzogthums  Nassau  in  Angriff  genommen,  insbesondere  die  Mineralwasser- 
analysen.  Der  Untersuchung  der  nassauischen  Mineralquellen  reihten  sich 
dann  im  Laufe  der  Jahre  die  chemischen  Analysen  einer  grossen  Reihe  an- 
derer  Mineralquellen  an.  Ein  Verzeichniss  der  von  F.  veroffentlichten  Ori- 
ginalabhandlungen  bis  zum  Jahre  1873  findet  sich  in  der  von  ihm  heraus- 
gegebenen  »Geschichte  des  chemischen  Laboratoriums  zu  Wiesbaden«.  Die 
seitdem  veroffentlichten  sind  in  der  gelegentlich  des  flinfzigjahrigen  Bestehens 
der  Anstalt  erschienenen  Geschichte  des  Laboratoriums  wahrend  der  zweiten 
25  Jahre  seines  Bestehens  von  Prof.  Dr.  H.  Fresenius  zusammengestellt  mit 
den  tibrigen  wissenschaftlichen  VerOffentlichungen,  welche  seitdem  aus  dem 
Laboratorium  hervorgegangen  sind. 

Besonders  erfolgreich  war  F.  auch  als  Lehrer,  zumal  da  er  seinen  Schlilern 
immer  ein  wohlwollender  vaterlicher  Freund  und  Berather  war.  Eine  grosse 
Schaar  dankbarer  Schliler  diesseits  und  jenseits  des  Oceans  in  den  verschie- 
densten  Lebensstellungen,  in  der  Wissenschaft  und  in  der  Industrie  thatig, 
werden  ihm  stets  ein  treues  Gedenken  bewahren. 

Aus  der  Studierstube  und  aus  dem  Laboratorium  heraus  trat  F.  aber 
auch  vielfach  in's  offentliche  Leben,  so  als  Sachverstandiger  vor  Gericht, 
als  Berather  von  Staatsbehftrden  und  Verwaltungskorperschaften  der  ver- 
schiedensten  Art,  als  Vorstandsmitglied  von  wissenschaftlichen  und  gemein- 
nlitzigen  Vereinen,  als  Mitglied  des  Kirchenvorstandes,  des  Communallandtages 
fur  den  Regierungsbezirk  Wiesbaden,  des  Provinziallandtages  ftir  die  Provinz 
Hessen-Nassau  und  namentlich  als  Vorsitzender  der  Wiesbadener  Stadtverord- 
netenversammlung.  Ausser  seiner  strengen  Gerechtigkeitsliebe,  Charakterfestig- 
keit,  Arbeitsfreudigkeit  und  geschaftlichen  Gewandtheit  gewann  ihm  sein  ein- 
faches,  liebenswiirdiges  Wesen  die  Herzen,  so  dass  es  ihm  gelang,  Gegensatze 
auszugleichen  und  ein  erspriessliches  Zusammenarbeiten  von  Mannern  zu  er- 
moglichen,  welche  verschiedenen  politischen  Parteien  angehorten  und  auch 
sonst  oft  in  vielen  Dingen  verschiedener  Ansicht  waren.  Besonders  auch  im 
kirchlichen  Leben  ist  F.  offentlich  hervorgetreten  als  hervorragendes  Mitglied 
des  deutschen  Protestantenvereins  und  Ftihrer  der  Kirchlich-Liberalen  in 
Nassau. 

Erholung  suchte  und  fand  F.  in  seiner  Familie  und  in  der  Natur. 

»Wer  froh  durch's  Leben  will  wallen, 
Dem  muss  es  im  Hause  gefallenc 

ist  einer  seiner  Sinnsprtiche,  der  gerade  auf  ihn  selbst  trefflich  passt.  Zur 
Fuhrung  eines  glilcklichen  Familienlebens  war  er  auf's  Glinstigste  veranlagt. 
Er  besass  ein  frohes,  heiteres  Gemtith,  einen  treflflichen,  nie  versiegenden 
Humor  und  eine  eigene  Gabe,  alien  Dingen  die  beste  Seite  abzugewinnen, 
dabei  aber  einen  tief  religiosen  Sinn,  der  ihn  befahigte  auch  in  schweren 
Tagen  standhaft  und  muthig  zu  bleiben.  F.  war  zweimal  verheirathet.  Mit 
seiner  ersten  Gattin,  Charlotte,  geb.  Rumpf,  konnte  er  am  21.  September  1870 
das  Fest  der  silbernen  Hochzeit  feiern.  Dieser  Ehe  entsprossen  7  Kinder, 
3  Sohne  und  4  Tochter.  Zwei  der  Sohne  und  ein  Schwiegersohn  sind,  seinem 
Beispiel  folgend,  Chemiker  geworden  und  haben  nicht  nur  als  Schliler  zu 
seinen  Ftissen  gesessen,  sondem  durften  sich  auch  spater  langjahriger  gemein- 


Fresenius.     Seebach.  253 

samer  Arbeit    unter    ihm    und  mit  ihm  an  seinem  Laboratorium  und  an  der 
Zeitschrift  fur  analytische  Chemie  erfreuen. 

Nachdem  ihm  der  Tod  die  treue  Lebensgefahrtin  entrissen  hatte,  ver- 
heirathete  er  sich  spater  zum  zweiten  Male  mit  einer  der  Verstorbenen  wie 
ihm  selbst  und  seinen  Kindern  seit  Jahren  befreundeten  Dame,  Auguste,  geb. 
Fritze,  einer  Tochter  des  verstorbenen  Herzoglich  nassauischen  Geheimen 
Rathes  und  Leibmedicus  Dr.  Fritze.  Sie  hat  ihm  das  verOdete  Haus  wieder 
zu  einem  trauten  Heim  gemacht  und  ihn  mit  sorgender  Liebe  umgeben  bis 
zu  seinem  Lebensende.  Ausser  in  der  Familie  verlebte  F.  seine  Mussestunden 
gern  in  Gottes  freier  Natur,  besonders  im  schonen  deutschen  Wald  oder  in 
seinem  mit  Sorgfalt  gepflegten  Garten.  Er  liebte  es,  wenn  ihm  dazu  Zeit 
vergonnt  war,  dem  edlen  Waidwerk  obzuliegen  und  freute  sich  seiner  mannich- 
faltigen  Jagdtrophaen,  welche  sein  Gartenhaus  zierten.  Gewiss  hat  die  Aus- 
tibung  der  Jagd  wesentlich  mit  dazu  beigetragen,  seinen  von  Natur  gesunden 
und  kraftigen  Korper  zu  stahlen,  so  dass  er  sich  auch  im  hohen  Greisenalter 
bis  zu  seinem  Tode  nicht  nur  besonderer  geistiger  Frische,  sondern  auch 
korperlicher  RUstigkeit  erfreute.  Dass  es  F.,  dem  Ehrenblirger  der  Stadt 
Wiesbaden,  auch  an  ausserer  Anerkennung  nicht  fehlte,  brauche  ich  wohl 
kaum  zu  erwahnen.  Soil  ich  sie  aufz&hlen  die  besonderen  Ehrungen,  welche 
ihm  zu  Theil  geworden  sind,  die  ihm  verliehenen  Titel  und  Wiirden,  die 
Orden,  welche  seine  Brust  schmiickten?  Ich  glaube  man  wird  es  mir  erlassen. 
Als  F.  durch  einen  sanften  Tod  unerwartet,  mitten  aus  voller,  mit  Jugend- 
frische  ausgetibter  Thatigkeit  heraus,  abgerufen  wurde,  da  hatte  ein  reiches, 
gesegnetes  Leben  seinen  Abschluss  gefunden.  Seine  sterbliche  HUlle,  die 
uberh&uft  war  von  Lorbeeren,  Palmen  und  Blumen,  gespendet  von  dem  Kaiser, 
der  Kaiserin  Friedrich,  von  der  Stadt  Wiesbaden,  von  den  zahlreichen,  wissen- 
schaftlichen  Gesellschaften  und  Vereinen,  deren  Ehrenmitglied  er  gewesen, 
sowie  von  seinen  vielen  Freunden  und  Verehrern  aus  alien  Berufsarten  und 
Standen  nah  und  fern,  haben  wir  in  die  Erde  gebettet  zur  letzten  Ruhe, 
sein  verklartes  Bild  aber  wird  in  unserem  Gedachtniss  fortleben. 

Sep.-Abdr.  aus  der  Zeitschr.  fttr  analytische  Chemie.  Vgl.  Nekrolog  von  A.  Pagen- 
stecher,  Bd.  50  des  Jahrb.  des  nass.  Vereins  fUr  Naturkunde;  die  Grabreden  von  Bickel 
und  Veesenmeyer  (Wiesbaden,  1897).  Nachruf  von  E.  Fischer,  Berichte  der  Deutsch. 
chem.  Gesellschaft,  Jahrg.  30,  No.  11.  Bildnisse  in  der  Zeitschr.  fttr  an.  Chemie  und  bei 
Pagenstecher.  Photographien  bei  Karl  Schipper,  Wiesbaden.  —  Bibliographische  Zusammen- 
stellungen  d.  Bttrsenbl.  fttr  den  Deutschen  Buchhandel,  betr.  Verstorbener  des  Jahres  1897, 
No.  139. 

Heinrich  Fresenius. 

Seebach  (Niemann-Seebach),  Marie,  Schauspielerin,  *  am  24.  Februar 
1830  in  Riga,  f  am  3.  August  1897  in  St.  Moritz.  —  Das  Geburtsjahr  1830 
steht  urkundlich  fest;  bei  ihren  Lebzeiten  wurde  das  Jahr  1834  angegeben. 
Ihr  Vater  war  ein  Sanger,  die  Mutter  eine  Schwester  der  Schauspielerin  Frieb- 
Blumauer;  das  Elternpaar  ftihrte  ein  herumziehendes  Comodiantenleben.  Riga 
ist  daher  nicht  als  die  eigentliche  Heimat,  sondern  nur  als  der  zufallige  Ge- 
burtsort  von  M.  S.  zu  betrachten.  Die  Kinder  (ausser  Marie  war  noch  eine 
Schwester  Wilhelmine  vorhanden)  wurden  auf  der  Buhne  gross;  mit  6  Jahren 
haben  sie  schon  auf  den  Brettern  gestanden.  Der  Geistliche,  der  an  Marie's 
Grab  sprach,  rtihmte  den  Eltern  nach,  dass  sie  ftlr  die  intellectuelle  und  sitt- 
liche  Erziehung  ihrer  Kinder  das  Mogliche  gethan  und  dass  diese  ernsthaft 
auf  einen   sittlichen  Lebenswandel  gehalten.     Marie  wurde  zur  Sangerin  aus- 


254  Scebach. 

gebildet,  aber  ihre  Stimmmittel  erwiesen  sich  als  unzureichend ;  nachdem  sie 
im  Jahre  1847  zuerst  auf  einer  grosseren  Btihne  in  Ntirnberg  aufgetreten, 
musste  sie  sich  hier,  sowie  in  Ltibeck,  Dessau,  Danzig  und  (1852)  Cassel  mit 
Soubrettenrollen  geniigen.  Von  hier  engagirte  sie  1853  Chdri  Maurice  nach 
Hamburg  mit  der  Absicht,  ihr  erste  Rollen  im  Schauspiel  anzuvertrauen ; 
nach  einer  Darstellung  der  Waise  von  Lowood  bescheinigte  ihr  Karl  Topfer 
als  Kritiker  den  Eintritt  in  die  Meisterjahre.  Inzwischen  hatte  Laube  ihre 
personliche  Bekanntschaft  in  Carlsbad  gemacht  und  lud  sie  fiir  den  April  1854 
zu  einem  Gastspiel  in  das  Burgtheater  ein.  Der  Erfolg,  den  es  hatte,  war 
nicht  durchschlagend,  ftihrte  aber  doch  zu  einem  Engagement.  Bevor  sie 
dasselbe  antrat,  nahm  sie  Theil  an  dem  im  Juli  1854  von  Dingelstedt  in 
Mtinchen  veranstalteten  sogenannten  Gesammtgastspiel ,  spielte  das  Clarchen, 
das  Gretchen  und  die  Luise  Millerin,  und  von  hier  ab  datirt  die  Epoche  ihres 
Ruhmes. 

Gerade  dieser  frisch  erworbene  Ruhm  wirkte  storend  auf  ihre  Verhalt- 
nisse  in  Wien  ein;  sie*  trat  dem  Direktor  Laube  mit  einem  gewissen  Eigensinn 
gegentiber,  den  dieser  nicht  vertrug  und  das  Publikum  befreundete  sich  mit 
der  Spielweise  der  S.  nicht.  Das  Verhaltniss  wurde  bald  gelttst;  im  Jahre 
1856  gastirte  M.  S.  in  Dresden  und  im  Juni  1857  gab  sie  ein  langeres  Gast- 
spiel in  Berlin,  das  ihr  den  Enthusiasmus  des  Publikums  und  den  Beifall  der 
jtingeren  Kritik  eintrug,  wahrend  die  alteren  Kritiker,  wie  Rotscher,  Zuriick- 
haltung  beobachteten.  Der  Generalintendant  von  Hlilsen  wollte  auf  ihr 
Engagement  nicht  eingehen,  weil  er  an  ihr  kOrperliche  Vorztige  vermisste. 
Dagegen  fand  sie  eine  feste  Stellung  bei  dem  Theater  in  Hannover.  Hier 
fasste  sie  eine  leidenschaftliche  Neigung  zu  dem  hervorragenden  Tenoristen 
Albert  Niemann  und  schloss  mit  ihm  eine  Ehe,  die  ihr  Ungltick  wurde.  Der 
Gatte  wird  von  dem  Vorwurf  rauhen,  riicksichtslosen  Benehmens  nicht  frei  zu 
sprechen  sein;  andererseits  scheint  M.  S.  nicht  die  Gaben  besessen  zu  haben, 
ihrem  Gatten  eine  traute  Hauslichkeit  zu  bereiten.  Im  Jahre  1866  siedelten 
beide  nach  Berlin  iiber  und  bald  darauf  kam  es  zu  einer  Trennung,  die  1868 
durch  ein  gerichtliches  Scheidungsurtheil  bestatigt  wurde. 

Schon  vorher  hatte  M.  S.  an  Gastspielen  mehr  geleistet,  als  fiir  ihre 
ktinstlerische  Entwickelung  gut  gewesen  ware.  Von  1867  ergab  sie  sich  zehn 
Jahre  lang  einem  ruhelosen  Wanderleben,  das  sie  nicht  allein  durch  ganz 
Deutschland,  sondern  auch  nach  Russland  und  den  Niederlanden  ftihrte.  Mit 
ihren  europaischen  Erfolgen  nicht  zufrieden,  war  sie  unter  deutschen  Btihnen- 
klinstlern  eine  der  ersten,  die  Amerika  durchzog  und  dort  Gold  und  Lorbeer 
in  reichstem  Maasse,  freilich  auch  manche  Dornen  erntete. 

Im  Jahre  1877  zoS  s*e  s^c^  von  der  Btihne  zuriick  und  nahm  ihren  Auf- 
enthalt  in  Dresden.  Allein  zehn  Jahre  spater  nahm  sie  wiederum  ein  Engage- 
ment an  der  Berliner  Hofbiihne,  nunmehr  fiir  Mutterrollen  an.  Schwerer 
Gram  lastete  auf  ihren  letzten  Lebensjahren.  Aus  ihrer  Ehe  mit  Albert  Nie- 
mann hatte  sie  einen  einzigen  Sohn  Oskar,  der  ihr  zur  Erziehung  verblieb, 
als  die  Gatten  sich  trennten.  Trotz  der  ausseren  Entfremdung  hatte  sie  nie 
aufgehort,  ihren  Gatten  leidenschaftlich  zu  lieben  und  trug  nun  diese  Leiden- 
schaft  auf  den  gemeinsamen  Sohn  tiber.  Aber  dieser  Sohn  konnte  es  zu 
keinem  festen  Lebensberufe  bringen,  wurde,  sehr  jung,  in  leichtsinnige  Liebes- 
abenteuer  vcrstrickt  und  starb  1893  an  der  Schwindsucht.  Bald  darauf  wurde 
M.  S.  in  den  Strassen  Berlins  von  einem  schwer  beladenen  Wagen  iiberfahren, 
erlitt    mehrfache  Knochenbruche    und    wurde   an  ein  langes  Schmerzenslager 


Seebach. 


255 


gefesselt.  In  jedem  Sommer  suchte  sie  Erholung  im  Engadin  und  dort  hat 
sie  der  Tod  erlost. 

Das  Gebiet  ihres  Wirkens  war  kein  grosses;  die  Bltithe  ihres  Ruhmes 
war  keine  lang  ausdauernde  und  dennoch  muss  M.  S.  als  eine  in  der 
Geschichte  des  deutschen  Theaters  bahnbrechende  Ktinsderin  bezeichnet 
werden. 

Das  Hofburgtheater  in  Wien  hatte  seinen  festen  Stil;  von  den  tibrigen 
grossen  Bilhnen  hatte  wohl  keine  einen  Stil,  aber  sie  hatten  ihre  Tradition, 
ihre  Manier.  M.  S.  brach  mit  Stil,  mit  Tradition  und  Manier.  Sie  hielt  es 
mit  dem  Goethe'schen  Worte:  »Hochstes  Gltick  der  Erdenkinder  ist  doch 
die  Personlichkeiu.  Sie  trat  den  Rollen,  die  sie  tibernahm,  so  gegentiber, 
als  hatte  sie  Niemand  vor  ihr  gespielt.  Sie  suchte  mit  dem  Geiste  des  Dich- 
ters  vertraute  Zwiesprache  zu  halten  und  hatte  haufig  das  Gltick  von  ihm 
belehrt  zu  werden.  Der  Grund,  aus  welchem  sie  in  Wien  die  wenigsten  Er- 
folge  hatte,  aus  welchem  Laube  mit  ihr  unzufrieden  war  und  Hebbel  ge- 
legentlich  eine  voile  Schale  Grimm  liber  sie  ausschtittete,  lag  darin,  dass  man 
in  Wien  am  festesten  an  der  Tradition  hielt.  Schon  frtiher  als  M.  S.  hatte 
Bogumil  Dawison  in  ahnlicher  Weise  zu  wirken  begonnen.  Ueber  ihn  wie 
Uber  sie  blieb  das  Urtheil  ein  getheiltes,  stritten  die  Alten  mit  den  Jungen. 
Aber  beide  haben  schliesslich  einen  nachhaltigen  Einfluss  auf  die  folgende 
Generation  gelibt.  Es  ist  seither  kein  Schauspieler  und  keine  Schauspielerin 
in  Deutschland  zu  Ruhm  gelangt,  die  nicht  ihres  Geistes  einen  Hauch  ver- 
sptirt  hatte. 

Marie's  genialste  Schdpfung  war  das  Clarchen  im  Egmont.  Wenn  sie 
auftrat,  hatte  man  etwa  den  Eindruck,  vor  einem  der  vorztiglichsten  Portraits 
von  Rubens  zu  stehen.  Wir  wussten  sehr  genau,  dass  wir  Alltagsmenschen 
einem  Wesen  dieser  eigenthtimlichen  Art  auf  Weg  und  Steg  nirgend  begegnen 
werden  und  dass  dennoch  dieses  Wesen  in  Fleisch  und  Blut  eben  so  sicher 
existirt  hat,  wie  alle  die,  mit  denen  wir  in  taglicher  Berilhrung  sind. 

Dieses  Madchen,  welches  in  den  Augen  der  Welt  als  eine  Dime  gelten 
muss,  welches  das  Urtheil  der  Welt  grtindlich  kennt  und  eben  so  grtindlich 
verachtet,  weil  es  sich  durch  das,  was  man  ihr  zum  Vorwurf  macht,  gehoben 
und  geheiligt  ftihlt,  wurde  in  einer  Weise  zur  Darstellung  gebracht,  dass  zwi- 
schen  den  Absichten  des  Dichters,  die  er  ja  selbst  noch  in  guter  Prosa  er- 
lautert  hat,  und  der  Ausflihrung  nicht  der  geringste  Unterschied  blieb. 

Der  Wirkungskreis  von  M.  S.  war  kein  grosser.  Versagt  blieb  ihr  das 
Heroische;  versagt  blieb  ihr  diejenige  Naivitat,  in  welcher  ein  bisserl  Schalk- 
heit  gar  nicht  dabei  ist;  versagt  blieb  ihr  die  komische  Scharfe,  mit  welcher 
ihre  Tante  Frieb  so  reichlich  ausgestattet  war,  und  die  sie  sich  im  Alter  ver- 
geblich  anzueignen  suchte.  Aber  innerhalb  des  Gebietes,  das  sie  beherrschte, 
lagen  die  vier  Rollen,  die  sie  in  ihren  Jugendjahren  mit  Vorliebe  spielte, 
Gretchen,  Clarchen,  Luise  Millerin  und  Desdemona,  und  zu  denen  sie  in 
spateren  Jahren  als  die  ftinfte  die  Stella  gesellte.  In  jeder  dieser  Rollen  war 
sie  eine  andere,  und  in  jeder  vollendet.  Dazu  kamen  eine  Anzahl  von  Parade- 
rollen,  mehr  darauf  berechnet,  die  schauspielerische  Virtuositat  zu  bekunden, 
als  einen  Dichter  zu  interpretiren,  wie  Lorle,  Jane  Eyre,  Adrienne  Lecouvreur. 
Margarethe  Western  in  Blum's  Erziehungsresultaten,  obwohl  des  poetischen 
Werthes  baar,  war  eine  erfreuliche  Leistung,  weil  hier  eine  FUlle  liebenswlir- 
diger  Schelmerei  zum  Ausdruck  kam.  Shakespeare's  Julie,  die  sie  mit  Vor- 
liebe spielte,  lag  ausserhalb  der  Grenzen  ihres  Talents ;  es  war  zum  Anstaunen, 


256  Seebach.     van  der  Linde. 

wie  sie  den  Versuch  machte,  die  Rolle  sich  zurecht  zu  legen,  aber  Shake- 
speare litt  Noth. 

Die  Bltithe  ihres  Ruhmes  war  eine  kurze;  sie  konnte  den  rosenfarbenen 
Schleier  der  Jugend  nicht  entbehren.  Schon  als  nach  ihrer  Ehe  Sorge  und 
Gram  bei  ihr  einzuziehen  begannen,  begann  der  Duft  zu  schwinden,  der  bis 
dahin  iiber  ihren.Schopfungen  gelagert  war.  Sie  war  nicht  ohne  Schuld  an 
diesem  frtihen  Verfall.  Ihr  unruhiges  Wanderleben  machte  ihr  eine  Entwicke- 
lung  unmoglich,  hinderte  sie,  sich  in  neue  Rollenkreise  einzuarbeiten,  nach- 
dem  die  bisherigen  ftir  sie  unmoglich  geworden  waren. 

Sie  blieb  bis  zu  ihrem  Ende  das,  was  man  eine  gute,  verstandige  Schau- 
spielerin  nennt.  Sie  hatte  das  Handwerksmassige  ihrer  Kunst  vollstandig  inne, 
und  besass  nebenher  eine  tlichtige  Bildung.  Gerade  das  stand  ihrem  Ruhm 
im  Wege,  dass  man  jetzt  noch  von  ihr  Leistungen  sah,  die  Achtung  verdienen, 
die  aber  Andere  eben  so  gut  aufweisen  konnten.  Man  versteht  eher,  dass 
eine  gewaltige  Kraft  g&nzlich  zusammenbricht,  als  dass  sie  sich  in  die  goldene 
Mittelmassigkeit  verliert.  Das  jtingere  Geschlecht  kam  auf  den  Gedanken, 
dass  die  alteren  die  Verdienste  der  S.  tibertrieben  h&tten. 

Auf  der  Generalversammlung  der  Goethe -Gesellschaft  im  Jahre  1895 
brachte  ein  Verehrer,  der  sich  der  M.  S.,  wie  sie  vierzig  Jahre  frtiher  gewesen 
war,  sehr  genau  erinnerte,  einen  Toast  auf  sie  aus  und  sie,  sichtlich  ergriflfen, 
antwortete  mit  einer  improvisirten  Rede,  in  der  sie  die  Summe  ihres  Lebens 
zog,  die  Ideale,  denen  sie  nachgestrebt,  die  Enttauschungen,  die  ihr  bereitet 
waren;  in  der  edelsten  Sprache  zauberte  sie  wohl  auch  dem  Zweifler  ein  Bild 
von  dem  vor,  was  sie  in  ihrer  Jugend  gewesen. 

Nach  dem  Tode  ihres  Sohnes  hat  M.  S.  schon  bei  Lebzeiten  einen 
grossen  Theil  ihres  Vermogens  zu  einem  in  Weimar  errichteten  Asyl  ftir  in- 
valide  Mitglieder  der  Btihnengenossenschaft  gewidmet  und  von  Todes  wegen 
diese  Gabe  noch  erheblich  erhoht.  Sie  hat  sich  auch  dadurch  ein  unvergess- 
liches  Andenken  gestiftet. 

Literatur:  Eine  Biographie  von  M.  S.,  die  von  den  Angehtfrigen  der  KUnstlerin  mit 
Material  reichlich  versehen  ist,  ist  von  O.  F.  Gensichen  ausgearbeitet  und  ihr  Erscheinen 
steht  bevor. 

Alexander  Meyer. 

Linde,  Antonius  van  der,  Bibliothekar  und  Schriftsteller.  *  am  14.  No- 
vember 1833  zu  Haarlem,  f  am  13.  August  1897  zu  Wiesbaden.  —  Nachdem  L. 
den  Unterricht  der  Gelehrten  Tobias  Knuivers  und  Dirk  Harting  zu  Enkhuizen 
genossen,  legte  er  am  5.  April  1853  seine  Prtifungen  ab;  im  Jahre  1855  wandte 
er  sich  den  theologischen  Studien  zu,  die  er  in  Leyden  vollendete.  1859 
wurde  er  Pastor  einer  reformierten  Gemeinde,  legte  aber  das  Amt  schon 
nach  zwei  Jahren  nieder  und  wohnte  von  1861  ab  auf  seinem  Landgut 
Winkelsteeg  bei  Nymwegen.  Von  hier  begab  er  sich  dann  nach  Gottingen, 
von  wo  er  nach  Erwerbung  des  Doktorgrades  (1862)  wieder  in  seine  Heimat 
zunickkehrte ,  jedoch  keineswegs,  um  sich  hier  der  Musse  hinzugeben,  wie 
die  grosse  Zahl  seiner  Schriften  beweist.  Ob  ihn  sein  1870  erschienenes 
Werk  »De  Haarlemsche  Costerlegende«,  in  dem  er  seinen  Landsleuten  gegen- 
tiber  nachwies,  dass  nicht  Laurens  Coster,  sondern  Gutenberg  die  Buchdruck- 
kunst  erfunden  habe,  und  die  dadurch  hervorgerufenen  Controversen,  oder 
aber  seine  Begeisterung  ftir  die  deutsche  Sache(i87i)  nach  Deutschland 
drangten,    darliber  divergieren  die  vorhandenen  Quellen;    es  dtirfte  aber  der 


van  der  Lindc.     Malcher. 


257 


Wahrheit  mehr  entsprechen  den  ersteren  Grund  flir  den  maassgebenden  211 
halten,  denn  seine  scharfe,  in  Angriff  und  Vertheidigung  gleich  spitzige  Feder 
war  wohl  geeignet,  Anstoss  zu  erregen.  L.  wandte  sich  nach  Berlin,  wo  er 
sich  dem  Studium  des  Sanskrit  eifrig  hingab  —  dessen  er  zum  Quellen- 
studium  fiir  die  Geschichte  des  Schachspiels  bedurfte  —  und  in  der  Koniglichen 
Bibliothek  Aufnahme  fand.  1876  wurde  er  zum  Bibliothekar  der  Landes- 
bibliothek  in  Wiesbaden  ernannt  und  start)  im  Alter  von  64  Jahren  in  seiner 
zweiten  Heimath  als  Oberbibliothekar  a.  D.  Er  versuchte  sich  auf  vielen 
Gebieten  und  wandte  seine  Thatigkeit  mit  Vorliebe  Personen  und  Gegen- 
standen  zu,  die  von  Anderen  nicht  beachtet  oder  falsch  beurtheilt  worden 
waren.  Fiir  die  Geschichte  des  Schachspiels  gehort  er  zu  den  besten  und 
ergiebigsten  Quellen;  seine  Hauptthatigkeitaber  entwickelte  er  in  der  Biblio- 
graphic, in  der  er  so  manches  Gebiet  erschopfend  behandelte.  Am  meisten 
Aufsehen  erregte  seine  schon  erwahnte  »Costerlegende«,  deren  Vorarbeiten 
auch  spateren  Werken  zugutekamen:  »Gutenberg«,  »Quellenforschungen  zur 
Erfindung  der  Typographies  »Geschichte  der  Erfindung  der  BuchdruckkunsU; 
auf  Grund  der  letztgenannten  Arbeit  wurde  er  auch  mit  dem  Titel  eines  Pro- 
fessors ausgezeichnet.  —  Die  Zahl  seiner  Schriften  ist  eine  enorme.  In  der 
1885  erschienenen  »Selbstbibliographie«  fuhrt  er  221  Werke  und  Aufsatze  an, 
bezliglich  deren  hier  auf  dieses  Buch  verwiesen  werden  kann;  von  den 
Werken  seiner  letzten  Lebensjahre  seien  noch  erwahnt:  »Geschichte  der  Er- 
findung der  Buchdruckkunst.«  3  Bde.  Berlin,  1886.  »Bijdrage  tot  de  ge- 
schiedenis  der  Boekdrukkunst.«  Gent,  1887.  »Kaspar  Hauser.  Eine  neu- 
geschichtliche  Legende.«  2  Bde.  Wiesbaden,  1887.  »Michael  Servet,  een 
brandoffer  der  geref.  inquisitie«.  Gron.,  1890.  »  Antoinette  Bourignon.  Das 
Licht  der  Welt.«     Leyden,   1895. 

Quellen :  Die  betr.  Artikel  in :  Ad.  Hinrichsen,  Das  literar.  Deutschland,  Frederiks  und 
Branden,  Biograph.  Woordenboek  etc.;  ferner  Centralblatt  f.  Bibl.-Wesen,  XIV,  S.  436  und 
die  vom  Oberbibliothekar  in  Wiesbaden  freundlichst  zur  VerfUgung  gestellte  Selbstbiogra- 
phie  Linde's. 

H.  Bohatta. 

Malcher,  Franz  Xaver,  Bibliothekar,  *  am  3.  Dezember  1835  zu 
Fulnek  in  Mahren,  f  am  i2.Februar  1897  zu  Wien.  —  M.  war  der  Sohn 
eines  Kratzenerzeugers  fiir  Tuchfabrikanten.  Er  besuchte  zunachst  die  Volks- 
schule  seines  Heimathsortes ;  von  hier  kam  er  nach  Leipnik  in  die  damals 
sogenannte  vierte  Klasse;  darauf  absolvierte  er  das  Gymnasium  in  Troppau, 
ebenso  wie  die  niederen  Schulen  durchwegs  mit  vorzliglichem  Erfolg;  die 
Gabe  des  Gesanges,  mit  der  ihn  die  Natur  beschenkt,  vernachlassigte  er 
dariiber  nicht.  Die  Zeit  von  1854  bis  1856,  welche  Missernte  und  grosse 
Theuerung  brachte,  drohte  dem  Lerneifer  des  Junglings  ein  jahes  Ende 
zu  bereiten;  um  sein  Studium  nicht  aufgeben  zu  mtissen,  verlegte  er  sich 
auf  das  einzige  Mittel  der  Selbsthilfe,  die  Ertheilung  von  Unterricht,  auf 
die  er  vollends  angewiesen  war,  als  bald,  nachdem  er  die  Wiener  Univer- 
sity bezogen,  1859  sein  Vater  starb  und  eine  Wittwe  mit  fiinf  noch  un- 
versorgten  Kindern  hinterliess.  An  der  Hochschule  machte^  M.  die  Ge- 
schichte und  die  klassische  Philologie  zu  Gegenstanden  seiner  'Studien,  nach 
deren  Vollendung  er  Erzieher  in  verschiedenen  Hausern  wurde,  so  bei  Frei- 
herm  von  Bees,  dem  Grafen  Llitzow  u.  s.  w.  1870  eroffnete  sich  ihm  das 
Haus  des  Erzherzogs  Carl  Ferdinand,  wo  er  die  Prinzen  Erzh.  Friedrich, 
Eugen,  Carl  Stefan,  sowie  die  Prinzessin  Erzh.  Maria  Christine  —    gegenwartig 

Blogr.  Jahrb.  u.  DeuUcher  Nekrolog.    2.  Bd.  I  7 


258  Malclier.     Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen. 

Konigin  von  Spanien  —  unterrichtete.  Nachdem  er  fast  siebcn  Jahre  in 
dieser  Stellung  zugebracht,  wurde  er  im  Februar  1877  in  Anerkennung  seiner 
eifrigen  Dienstleistung  Archivar  des  erzherzoglichen  Hauses  und  im  September 
1884  nach  dem  Tode  des  ehemaligen  Universitats-Professors  Dr.  Moritz 
Thausing  dessen  Nachfolger  als  Bibliothekar  der  »Albertina«  in  Wien.  1894 
wurde  er  mit  dem  Titel  eines  Regierungsrathes  ausgezeichnet.  —  M.'s  soliden, 
bescheidenen  Charakter  schatzten  AJle,  die  mit  ihm  zu  verkehren  hatten; 
Erzherzog  Friedrich  ausserte  sich  beim  Leichenbegangnisse  gegen  den  Bru- 
der  des  Verstorbenen :  »Ich  verliere  in  ihm  einen  zuverl&ssigen,  auf- 
richtigen,  treuen  Beamten«.  —  Im  Friihjahre  1884  wurde  er  von  den  Erz- 
herzogen  Albrecht  und  Wilhelm  mit  der  Herausgabe  der  ausgewahlten  Werke 
des  Erzherzogs  Carl  betraut.  Er  verfasste  ferner  eine  Biographie  des  Herzogs 
von  Sachsen-Teschen,  des  Begriinders  der  »Albertina«:  »Herzog  Albrecht  zu 
Sachsen-Teschen  bis  zu  seinem  Antritt  der  Statthalterschaft  in  Ungarn 
1738 — 1766.  Eine  biographische  Skizze.  Wien,  1894*  und  eine  Biographie 
des  Erzherzogs  Albrecht  in  den  »BiogTaphischen  Blatterru.  Seine  Schriften 
zeigen  nicht  nur  liebevolle  Auffassung  und  Behandlung  der  Stoffe,  sondern 
auch  historische  Treue  und  sorgfaltige  Benutzung  der  Quellen,  unter  denen 
ihm  ja  die  besten  im  erzherzoglichen  Archive  zur  Verfligung  standen. 

Nach  freundlichen  Mittheilungen  Rudolf  Malchcr's  in  Baden  bei  Wien  und  des  Custos 
der  »Albertina«,  Dr.  Jos.  Meder. 

H.  Bohatta. 

Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen,  konigliche  Prinzessin  der  Nieder- 
lande, *  am  8.  April  1824  im  Haag,  vermahlt  am  8.  October  1842,  f  am 
23.  Marz  1897  zu  Weimar.  —  Die  Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen,  eine  Toch- 
ter  des  Oranisch-Nassauischen  Hauses,  war  ganz  und  gar  eine  FUrstin.  Unmittel- 
bar  unter  dem  Eindruck  der  Nachricht  von  ihrem  Tode  sagte  eine  deutsche 
Ftirstin  von  ihr,  dass  sie  wohl  befahigt  gewesen  sei,  wie  Maria  Theresia  tiber 
Millionen  zu  herrschen,  ein  Ausspruch,  den  scharf  urtheilende  Manner,  die 
der  Grossherzogin  seit  Jahren  nahe  gestanden  und  sie  von  sehr  verschiedenen 
Standpunkten  aus  zu  beurtheilen  Gelegenheit  gehabt  hatten,  bestatigt 'haben. 
Solche  Herrscher-Beiahigung  lasst  sich  nicht  anlernen,  sie  ist  eine  Begabung, 
oft  das  Ergebniss  der  Abstammung.  Jedenfalls  vereinigte  die  Grossherzogin 
Sophie  in  sich  in  besonderem  Maasse  die  hohen  fiirstlichen  und  staatsmanni- 
schen  Eigenschaften,  die  den  Ruhm  des  Oranischen  FUrstenhauses,  eines 
Wilhelm  I.,  eines  Moritz,  eines  Wilhelm  II.  von  Oranien  begrtindet  haben: 
»was  in  ihrem  Wesen  vorbildlich  und  unvergleichlich,  grossartig  und  einzig 
war,  liegt  tief  begrtindet  in  ihrer  oranischen  Art  und  wurzelt  in  ihrer  orani- 
schen Abstammung«  (Kuno  Fischer).  Aber  Erziehung  hat  sicherhch  nicht 
wenig  dazu  beigetragen,  diese  Befahigung  zur  Entwickelung  zu  bringen,  die 
Erziehung  im  elterlichen  Hause,  noch  mehr  die  Erziehung,  die  sie  selbst  als 
Erbgrossherzogin  und  Grossherzogin  bestandig  an  sich  austibte. 

Die  Grossherzogin  S.  war  die  einzige  Tochter  des  Prinzen  Wilhelm  von 
Oranien,  seit  1840  Konig  Wilhelm  II.  der  Niederlande,  und  der  Grossfurstin 
Anna  Paulo^a  von  Russland.  Ihre  Kindheit  verfloss  zumeist  in  dem  Schloss 
Soestdyk,  das  das  Land  ihrem  Vater  nach  der  Befreiung  der  Niederlande  von 
der  franzosischen  Herrschaft  dargebracht  hatte.  Ihre  ersten  nachhaltigen  poli- 
tischen  Eindriicke  werden  zuruckzuflihren  sein  auf  den  Aufstand  in  BrUssel 
und  auf  den  Feldzug  des  Vaters,  der  siegreich  die  niederlandischen  Truppen 


Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen.  250 

in  Belgien  vorwarts  fuhrte,  bis  er  sich  vor  der  bewaffneten  Intervention  Frank- 
reichs  zurtickziehen  musste.  Beide  Eltern  hatten  sich  sorglich  der  Erziehung 
der  Tochter  angenommen;  besonderen  Einfluss  hat  auf  die  Entwickelung  ihrer 
politisch-fiirstlichen  Sinnesart  der  lebhafte  und  anregende  Verkehr  mit  dem 
Vater  gehabt  Die  junge,  kaum  erwachsene  Prinzessin  begleitete  diesen  nach 
der  Thronbesteigung  vielfach  auf  seinen  Reisen  im  Lande;  ihr  Geist  stark te 
und  weitete  sich  im  Verkehr  mit  politisch  hervorragenden  Personlichkeiten 
und  in  der  grundlichen  Beobachtung  der  Einrichtungen  und  des  wirthschaft- 
lichen  Verkehrs  des  niederlandischen  Reiches,  das  durch  seine  iiberseeischen 
Besitzungen  ungleich  grosseren  und  lebensvolleren  Antheil  an  der  Weltpolitik 
hatte,  als  mancher  umfang-  und  bevdlkerungsreichere  Festlandsbinnenstaat. 
Eine  echte  Tochter  der  Niederlande,  liebte  die  Grossherzogin  S.  das  Meer, 
die  machtig  aufrauschende  Fluth,  die  weiten  Horizonte,  und  ihre  Individuality 
war  durchzogen  von  jenem  frischen,  kraftigenden  Hauch  der  Meerluft,  der  den 
Blick  und  die  Thatkraft  scharft.  Mit  dem  Vater  stand  sie  bis  zu  seinem 
Tode  (1849)  in  einem  wesendich  politische  Vorkommnisse  und  Erorterungen 
umfassenden  Briefwechsel. 

Am  8.  April  1842  hatte  im  Haag  die  Verlobung  der  Prinzessin  S.  mit 
dem  damaligen  Erbgrossherzog  Carl  Alexander  von  Sachsen  stattgefunden,  der 
am  8.  October  desselben  Jahres  die  Vermahlung  folgte.  Das  junge  Paar 
fuhrte  in  dem  ersten  Jahrzehnt  ein  durch  die  Pflege  kiinstlerischer  und  schon- 
geistiger  Interessen  und  die  sorgfaltige  Erziehung  seiner  Kinder:  Erbgross- 
herzog Carl  August  (geb.  1844,  gestorben  1894),  Prinzessin  Marie  (geb.  1849, 
verm&hlt  1876  mit  dem  Prinzen  Heinrich  VII.  Reuss),  Prinzessin  Anna  (geb. 
1 85 1,  gest.  1859),  Prinzessin  Elisabeth  (geb.  1854,  vermahlt  1886  mit  Herzog 
Johann  Albrecht  von  Mecklenburg-Schwerin)  vertieftes  Stillleben,  doch  wurden 
auch  gr6ssere  Reisen  nach  Russland,  England,  Italien  unternommen:  ein  fast 
halbjahriger  Aufenthalt  in  Italien  bot  erwunschte  und  eifrig  benutzte  Gelegen- 
heit  zu  ernsten  Kunststudien.  Denn  auch  ein  feines  und  tiefes  Kunstverstand- 
niss  hatte  die  Prinzessin  aus  dem  elterlichen  Hause  mitgebracht. 

Am  8.  Juli  1853  iibernahm  nach  dem  Tode  seines  Vaters  Carl  Friedrich 
Grossherzog  Carl  Alexander  die  Regierung  des  Weimarischen  Staates.  Damit 
vollzog  sich  natlirlich  auch  eine  bedeutende  Wandelung  in  den  Aufgaben  und 
Pflichten  der  Grossherzogin  S.  Sie  ist  immer  eine  aufmerksame  Beobachterin 
der  Vorkommnisse  auf  dem  Gebiete  der  europaischen  und  der  inneren  deut- 
schen  Politik  gewesen  und  hat  selbstverstandlich  lebhaftesten  Antheil  genom- 
men  an  den  Angelegenheiten  des  Landes,  ohne  einen  unmittelbaren  Einfluss 
auf  sie  auszutiben.  Sie  war  dadurch,  als  in  Folge  der  Abwesenheit  des  Ge- 
mahls  und  des  Sohnes  wahrend  des  deutsch-franzosischen  Krieges  die  Regent- 
schaft  ihr  tibertragen  ward,  befahigt,  mit  voller  Sachkenntniss  die  Regierungs- 
geschafte  zu  flihren,  mit  einer  Klarheit  und  Sicherheit  des  Urtheils,  die 
staunende  Bewunderung  der  Rathe  erweckte.  Aber  sie  brachte  noch  mehr 
mit,  den  Fleiss,  die  Pflichttreue,  das  Verstandniss  fur  die  technischen  Er- 
fordernisse  der  Regierungsthatigkeit  und  jenen  feinen  Takt,  der  vorahnend 
das  Richtige  treffen  lasst,  das  Richtige  in  Bezug  auf  die  Ziele  und  das  Rich- 
tige  in  Bezug  auf  die  Mittel,  wie  sie  zu  erreichen  sind,  vor  Allem  jene  ftir 
fiirstliches  Wirken  wichtigste  Gabe:  die  F&higkeit  zur  sorgfaltigsten,  aber  ver- 
schwiegenen  Vorbereitung  ihrer  Plane.  Der  erste  slusserlich  wahrnehmbare 
Schritt  bei  Allem,  was  sie  that,  war  schon  ein  Glied  einer  im  Stillen  langst 
vorbereiteten  Folge,   so  dass  nichts  dem  Zufalle  liberlassen  blieb.     Ein  Wort 

17* 


260  Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen. 

aus  einem  ihrer  Briefer  »il  faut  agir  en  parlant  le  moins  possible*  ist  be- 
zeichnend  fiir  diesen  hochst  charakterischen  Zug;  sie  war  sich  desselben  und 
seiner  Bedeutung  als  eines  Erbtheils  Wilhelms  des  Schweigers  wohl  bewusst: 
»vous  voyez,  que  mon  origine  se  fait  valoirc  setzt  sie  jenem  Worte  hinzu. 

Natttrlich  hat  sie  ihre  hervorragende  Begabung  ftir  ein  grosses  fiirstJiches 
Walten    nicht    erst    und    nicht    allein   in   den  wenigen  Monaten  bekundet,  in 
denen  sie  die  Regierung  im  Grossherzogthum  Sachsen  fiihrte.    Die  fiirsdichen 
Frauen  vermogen  heute  auf  den  weiten  Gebieten    der  Wohlfahrtspflege    eine 
tief  eingreifende  Th&tigkeit  zu  entfalten,  die  an  ihre  Arbeitskraft  und  an  ihre 
Arbeitsfkhigkeit  grosse  Aufgaben  stellt.    Die  Grossherzogin  S.  war  sich  dessen 
wohl  bewusst  und  hat  ftir  Wohlfahrtszwecke  in  hervorragendem  Maasse  gewirkt. 
Das  Grossherzogthum  Sachsen  besitzt  seit  dem  Jahre  1817  das  »Patriotische 
Institut  der  Frauen  vereine«,   eine  Schdpfung  der  damaligen  Erbgrossherzogin 
Maria    Paulowna,    die    bestimmt     war,    die    Unterstiitzung    armer,     arbeits- 
unfahiger    Personen,    die    Krankenpflege,    die    Hilfeleistung    in   Nothst&nden, 
die   Erziehung   und    Ausbildung   der    weiblichen  Jugend    nicht  nur  in  Hand- 
arbeit,   sondern    auch    in    Haushaltungsdingen    zu    leiten.      Im    Jahre    1859, 
nach    dem  Tode    der  Grossherzogin  Maria  Paulowna,    trat  die  Grossherzogin 
S.  an    die  Spitze    dieses  Institute   und  hat  dasselbe  in  der  umsichtigsten  und 
zweckmassigsten  Weise  weiter  zu  entwickeln  verstanden.    Sie  hat  in  dem,  was 
die  Zeit   bewegte,   stets   das  berechtigte   und    deshalb  dauerverheissende  von 
dem  falschen  und  deshalb  verganglichen  zu  sondern  gewusst,  ohne  sich  tiber 
die  Kurzlebigkeit  scheinbarer  glanzender  Erfolge  zu  t&uschen.    Aus  ihrer  An- 
regung  heraus  und  unter  ihrer  unmittelbarsten  personlichen  Leitung  sind  statt- 
liche    Anstalten    fiir    weibliche  Erziehung,    vor  Allem    ftir  Krankenpflege,    im 
Grossherzogthum  Sachsen  entstanden.    Die  (iberaus  segensreiche  Entwickelung 
der  in  so  vielen  Richtungen  wohlthatig  wirkenden  Gemeindepflege  lag  ihr  vor- 
nehmlich    am  Herzen.     Ein    von    ihr    gegrtindetes  Haus  zur  Ausbildung  von 
Krankenpflegerinnen    bildet    den  Mittelpunkt    fiir   ein  Netz  von  Stationen  ftir 
Gemeindepflege  im  Lande.     Wie  sehr  der  Werth  dieser  Schdpfung  gewtirdigt 
wird,    zeigt,    dass    im  Landtag    des  Grossherzogthums    nach    ihrem  Tode  die 
ansehnliche  Summe    von   150000  Mark    zur  Vermehrung    der  Fonds  flir   die 
Gemeindepflege   ohne  Widerspruch   bewilligt    ward.     Neben  diesem  Kranken- 
hause    errichtete   die  Grossherzogin  ein  Kinderheilbad ,   in   dem  viele  hundert 
bedilrftige  Kinder   jahrlich  Starkung    und  Genesung    finden,    und  genehmigte 
noch  in   ihren  letzten  Tagen   die  Anlegung  einer  Volksheilstatte  fiir  Lungen- 
kranke. 

Wer  die  Grossherzogin  beobachten,  sehen  konnte,  wie  sie  alle  die  man- 
nichfaltigen  Aufgaben  einer  ungemein  ausgedehnten  Verwaltung,  die  ihrer 
eigenen  Besitzungen  mit  eingezogen,  mit  der  grossten  Sorgfalt  verfolgte,  in 
die  technischen  Einzelheiten  des  Unterrichtes  in  den  Handarbeiten  wie  in  die 
Detailfragen  baulicher  Constructionen  sich  vertiefte,  und  dann  aus  grtindlicher 
Sachkenntniss  die  richtigen  Entscheidungen  traf,  konnte  ihr  bewundernde 
Anerkennung  nicht  versagen.  Aber  sie  war  nicht  bios  eine  bedeutende  Lei- 
terin,  sie  war  eine  berufene  Organisatorin,  die  es  verstand,  die  Menschen  zur 
Thatigkeit  im  Dienste  grosser  Ideen  anzuregen.  Wodurch  sie  auf  andere 
wirkte,  das  war  im  letzten  Grund  das  Beispiel,  das  sie  gab,  das  Beispiel  rast- 
loser  Arbeit  an  sich  selbst,  einer  stetigen  Selbsterziehung,  grosster  Selbst- 
beherrschung  und  einer  unvergleichlichen  Selbstlosigkeit.  Ihre  Pflichten  er- 
fiillen  zu  dtirfen  —  und   den  Kreis  derselben  erweiterte  sie  immer  mehr  — , 


Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen.  261 

empfand  sie,  nach  ihrem  eigenen  Worte,  als  eine  Wohlthat  Dass  dne  so 
ernste  Auffassung  ihrer  Individualist  einen  strengen  Zug  geben  musste,  ist 
begreiflich,  aber  doch  bewahrheitete  sich  auch  an  ihr,  wenn  sie  schreibt:  »Das 
Bewusstsein,  das  anvertraute  Leben  ntitzlich  ausziiftillen,  den  christlichen 
Pflichten  nach  bestem  Wissen  und  Konnen  nachzukommen  bestrebt  zu  sein, 
gewahrt  eine  Freudigkeit,  die  schwere  Erfahrungen  und  Priifungen  nicht  zu 
trtiben  vermogen«.  Bittern  Schmerz  hat  ihr  der  Tod  des  Sohnes  bereitet, 
einen  Schmerz,  der  die  Krafte  des  KSrpers  verzehrte,  aber  die  Freudigkeit 
in  ihrem  Wirken  vermochte  er  nicht  zu  trtiben. 

Die  Grossherzogin  war  eine  Freundin  der  Literatur  und  der  Kunst  von 
Jugend  auf  und  bald  eine  wohlbewanderte  Kennerin  der  geistigen  Erzeugnisse 
der  Culturvolker.  Die  Grlindung  der  deutschen  Shakespeare-Gesellschaft  (1864) 
ist  wesentlich  durch  ihr  thatiges  Eingreifen  schon  bei  den  Vorarbeiten  zu 
Stande  gekommen.  Als  Protektorin  derselben  hat  sie  ihr  bis  zu  ihrem  Tode 
stetes  Interesse  und  werkthatige  Forderung  zugewendet.  Mancher  Schrift- 
steller,  mancher  Ktinstler  hat  bald  in  dieser,  bald  in  jener  Form  ihre  wohl- 
wollende  Theilnahme  erfahren,  die  sie  mit  edlem  Zartgeflihl  bethatigte.  Am 
Abend  ihres  Lebens  war  es  ihr  beschieden,  ihre  voile  organisatorische  Kraft 
auch  auf  literarischem  Gebiete  zu  bewahren  und  eine  Schopfung  in  das  Leben 
zu  rufen,  die  ihrem  Namen  in  der  Geschichte  deutscher  Geistesarbeit  einen 
unverganglichen  Ehrenplatz  sichert.  Das  Testament  des  letzten  Goethe  (gest. 
15.  April  1885)  liberwies  ihr  die  literarische  Nachlassenschaft  des  Dichters. 
Eine  grosse  Aufgabe,  die  sie  gross  gelost  hat.  Nur  wenige  Wochen  und  ihre 
anfanglich  durch  die  grosse  Verantwortung,  die  ihr  diese  Erbschaft  auferlegte, 
unruhig  bewegten  Anschauungen  liber  das,  was  zu  thun  sei,  haben  bereits 
eine  feste,  klare  Gestalt  gefunden.  In  einer  Niederschrift  vom  5.  Mai  1885 
bestimmt  sie,  dass  das  Goethe -Archiv  »alsbald  mit  Rticksicht  auf  ktinftige 
Veroffendichungen  wissenschaftlich  durchforscht  und  sein  gegenwartiger  Werth 
vom  Standpunkt  der  Goethe- Wissenschaft  festgestellu  werde:  eine  umfassende 
Goethebiographie,  die  Herausgabe  einer  grossen,  abschliessenden  Ausgabe  der 
Werke  waren  die  Ziele,  die  sie  stellte  und  zu  deren  Verwirklichung  sie  auch 
hier  mit  strenger  Folgerichtigkeit  und  wahrhaft  flirstlicher  Freigebigkeit  alles 
Erforderliche  anordnete.  Die  Goethe-Gesellschaft  wurde  noch  im  selben  Jahre 
auf  ihre  Anregung  begriindet,  und  auch  in  dieser  »ist  vom  Stiftungstage  an 
nichts  wichtigeres  geschehen,  an  dem  sie  keinen  warmen,  forderlichen  Antheil 
durch  Wort  und  That  genommen  hatte«  (Erich  Schmidt).  Das  Goethe- Archiv 
erweiterte  sich  bald  durch  die  hochherzige  Schenkung  der  Freiherren  v.  Glei- 
chen-Russwurm  zum  Goethe-  und  Schiller-Archiv,  durch  kostbare  Erwerbungen 
seitens  der  Flirstin  und  werthvolle,  der  Anstalt  von  alien  Seiten  dargebrachte 
Gaben  zu  einer  Sammelstatte  fiir  die  Denkmale  der  neuen  deutschen  Literatur 
tiberhaupt,  Schatze,  flir  deren  Aufbewahrung  die  Grossherzogin  entsprechend 
ihrem  schon  in  den  ersten  Tagen  nach  Antritt  der  Goethe'schen  Erbschaft 
gefassten  Plan,  ein  monumen tales  Bauwerk  errichtete,  dessen  feierliche  Ein- 
weihung  sie  am  28.  Juni  1896  vollzog. 

Den  politischen  Angelegenheiten  Deutschlands  wandte  die  Grossherzogin 
S.  namentlich  seit  dem  Kriege  von  1870/71  das  lebhafteste  Interesse  zu.  Eine 
Natur  von  starkem,  politischem  Geprage,  eine  Oranierin,  aufgewachsen  in 
dem  kraftvollen  nationalen  Bewusstsein  der  Niederlander,  hatte  sie  angesichts 
der  grossen  Bewegung,  die  durch  ganz  Deutschland  ging,  die  Tiefe  und  Be- 
deutung    unserer    nationalen  Bestrebungen    verstehen   und  damit  auch  lieben 


262  Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen.    von  Sachs. 

gelernt.  In  der  heiligen  Gluth  jenes  Jahres  war  Alles,  was  etwa  noch  fremd- 
landisch  in  ihr  war,  geschmolzen  und  sie  eine  deutsche  Fiirstin  geworden, 
voll  lebhafter  unmittelbarster  Antheilnahme  an  den  Vorgangen  auf  politischem, 
wirthschaftlichem  und  kirchlichem  Gebiete.  Eine  echte  Oranierin,  stand  sie 
fest  in  dem  Bekenntniss  zum  evangelischen  Glauben  und  war  eine  entschie- 
dene  Gegnerin  des  Ultramontanismus.  Als  Niederlanderin  bewahrte  sie  sich 
in  dem  Eifer,  mit  dem  sie  die  Bedeutung  (iberseeischer  Besitzungen  fur 
Deutschland  voll  wiirdigte,  von  Anfang  an  die  Bestrebungen,  Deutschland  den 
Besitz  von  Colonien  zu  verschaffen,  in  nachdriickiichster  Weise  forderte. 

Am  8.  October  1892  beging  das  Grossherzogliche  Paar  die  Feier  der 
goldenen  Hochzeit  in  festlicher  Weise,  aufs  Herzlichste  begrlisst  von  der 
dankbaren  Bevolkerung  des  Landes  und  dem  Kreise  der  deutschen  Fiirsten. 
Am  23.  Marz  1897,  am  Tage  nach  der  Centennarfeier  Kaiser  Wilhelms,  zu 
der  sie  noch  Abordnungen  empfangen  hatte,  um  ihrer  herzlichen  Antheil- 
nahme an  der  allgemeinen  vaterlandischen  Feier  Ausdruck  zu  geben,  endete 
ein  sanfter  Tod  ihr  bedeutendes  Leben. 

Kuno  Fischer:  Kleine  Schriften,  Grossherzogin  von  Sachsen.  —  P.  v.  Bojanowski: 
Grossherzogin  Sophie  von  Sachsen,  Westermann's  Monatshefte  (November  1897).  —  Bericht 
liber  die  31.  General  versammlung  des  Vaterlandischen  Frauenvereins  in  Berlin  1898.  —  Jahr- 
buch  der  deutschen  Shakespeare-Gesellschaft,  Bd.  XXXI I L  —  Hebbel's  Briefwechsel,  Bd.  II, 
S.  600  ff.  —  Erich  Schmidt:  Jahrbuch  der  Goethegesellschaft,  Bd.  XVIII. 

P.  von  Bojanowski. 

Sachs,  Julius  von,  Universitatsprofessor  der  Botanik,  *  am  2  Oktober  1832 
in  Breslau,  f  am  29.  Mai  1897  in  Wtirzburg.  —  Am  Morgen  des  29.  Mai  1897 
verschied  nach  kurzem  Krankenlager,  aber  langjahrigen  Leiden  der  grosse 
Pflanzenphysiologe  Geheimrath  Julius  v.  Sv  dessen  Name  mit  unverganglichen 
Lettern  in  der  Geschichte  seiner  Wissenschaft  verzeichnet  ist,  dessen  hervor- 
ragende  Bedeutung  weit  liber  den  Kreis  seiner  engeren  Fachgenossen  hinaus 
anerkannt  wurde  und  dessen  Tod  eine  unausfullbare  Liicke  in  die  Reihen 
der  Naturforscher  gerissen  hat.  Mit  ihm  ist  der  Mann  dahingegangen,  der 
die  Pflanzenphysiologie  nicht  nur  begriindet,  sondern  ihr  auch  die  fur  viele 
Jahre  herrschende  geachtetste  Stellung  in  der  Botanik,  sowie  die]  hochste 
Achtung  und  Berticksichtigung  in  den  tibrigen  Zweigen  der  Naturwissen- 
schaften  errungen  hat  und  zwar  zu  einer  Zeit,  in  der  von  sehr  vielen  be- 
deutenden  Botanikern  diese  Richtung  ftlr  agrikulturchemisch  aber  nicht  fur 
botanisch  gehalten  wurde.  In  Verbindung  mit  einigen  andern  Botanikern  hat 
er  seine  Wissenschaft  auf  eine  auch  in  Deutschland  bisher  nie  erreichte  H6he 
gebracht,  die  Augen  der  ganzen  naturwissenschaftlichen  Welt  hat  er  auf  sich 
gelenkt,  und  Schliler  aus  alien  Theilen  der  Erde  haben  die  Ideen  des 
Meisters  mit  heimgenommen  in  ihr  Vaterland  und  dort  erfolgreich  ausgebaut 
und  erweitert. 

Der  aussere  Lebenslauf  dieses  bedeutenden  Mannes  weicht  ziemlich  er- 
heblich  von  dem  sonst  meist  ruhig  dahinfliessenden  der  Manner  der  Wissen- 
schaften  ab,  besonders  wahrend  der  Zeit  der  Lehrjahre.  S.  wurde  in  Breslau 
als  der  zweite  Sohn  eines  Graveurs  geboren.  Die  pecuniaren  Verhaltnisse 
seiner  Eltern  waren  durchaus  keine  guten.  Als  sie  daher  nach  kurzem  Auf- 
enthalt  in  Namslau  wieder  nach  Breslau  tibersiedelten,  konnten  sie  dem  hoch- 
begabten  Knaben  nur  den  Unterricht  in  der  Seminarschule  zu  theil  werden 
lassen.  Diesen  genoss  er  vom  8.  bis  12.  Jahre,  doch  war  derselbe  durchaus 
nicht  ein  ihn    auch    nur   einigermaassen  befriedigender.      Um    so    begliickter 


von  Sachs.  263 

war  er  aber,  als  es  den  unablassigen  Bemlihungen  seiner  Mutter  gelang,  ihm 
den  Besuch  des  Gymnasiums  zu  ermoglichen,  ein  Vorzug,  der  keinem  seiner 
Briider  zu  theil  wurde.  Im  Jahre  1845  trat  er  *n  das  Elisabethanum  ein,  in 
dem  es  ihm  gelang,  nicht  nur  bis  zum  Jahre  1849  die  Obersecunda  zu  er- 
reichen,  sondern  auch  wahrend  dieser  Zeit  als  der  erste  in  den  Klassen 
mehrfache  Schulpramien  als  offentliche  Anerkennung  seines  Fleisses  zu  er- 
h  alt  en.  Gleichwohl  Hess  ihm  die  Schulzeit  Musse  genug,  seiner  schon  frtih 
erwachten  und  durch  mehrfachen  Aufenthalt  auf  dem  Lande  genahrten  Vor- 
liebe  ftir  die  Naturwissenschaften  nachzugehen.  Gefordert  wurden  diese  Nei- 
gungen  weiter  durch  den  gliicklichen  Umstand,  dass  zunachst  sein  alterer 
Bruder,  dann  auch  er  selbst  mit  den  Sfthnen  des  in  der  Nachbarschaft 
wohnenden  grossen  Experimentalphysiologen  Purkinje  bekannt  wurde.  Die 
naturwissenschaftlichen  BUcher,  die  er  auf  diese  Weise  geliehen  erhielt,  regten 
seine  Phantasie  ausserordentlich  an,  und  das  Interesse,  das  die  Spielkameraden 
ftir  naturwissenschaftliche  Sammlungen  hatten,  forderte  auch  das  seinige.  Er 
lernte  von  ihnen  Pflanzen  pressen  und  begann  nun,  mit  grossem  Eifer  Feld 
und  Wald  zu  durchstreifen ,  Pflanzen  zu  sammeln  und  zu  bestimmen,  und 
—  vielfach  dabei  von  seinem  Vater  unterstutzt  —  ein  Herbarium  anzulegen. 
Diese  mit  grosser  S  org  fait  zusammengebrachte  Sammlung  umfasste  schon 
gegen  300  Arten,  als  sie  ihm  gestohlen  wurde.  Dieser  Verlust,  der  ihm  den 
ersten  grossen  Seelenschmerz  seines  Lebens  bereitete,  ging  ihm  so  nahe,  dass 
er  ihm  die  Botanik  ftir  langere  Zeit  verleidete.  Er  konnte  sich  nicht  dazu 
entschliessen,  eine  neue  Sammlung  der  Breslauer  Flora  anzulegen,  ja  er  be- 
gann erst  wieder  Pflanzen  zu  sammeln,  als  es  ihm  in  Wtirzburg  darauf  an- 
kam,  Herbar-  und  Demonstrationsmaterial  fiir  die  Vorlesungen  herzustellen. 
Dagegen  wandte  er  sich  dem  zoologischen  Gebiete  zu  und  brachte  ausser 
einer  Insektensammlung  auch  eine  solche  von  Schadeln  zusammen.  Dabei 
wurde  diese  Seite  der  Begabung  des  jungen  S.  von  der  Schule  aus  in  keiner 
Weise  untersttitzt.  Der  naturwissenschaftliche  Unterricht  wurde  in  durchaus 
unzureichender  Weise  und  keineswegs  anregend  ertheilt.  Ja,  der  Lehrer  ftir 
dieses  Fach,  rieth  —  mit  den  positiven  Beweisen  fiir  die  ausserordentlichen 
Fahigkeiten  des  Schiilers  in  den  Handen  —  diesem  dringend  ab,  sich  den 
Naturwissenschaften  zu  widmen;  da  gabe  niemand  einen  Groschen  ftir!  — 
Wie  weit  ware  wohl  jetzt  die  Pflanzenphysiologie,  hatte  der  SchUler  den 
Rath  des  Lehrers  befolgt!  Und  es  waren  wirklich  schlagende  Beweise  ernster 
Studien,  nicht  etwa  dilettantenhafte  Liebhabereien ,  denen  der  junge  Auto- 
didakt  sich  widmete.  Der  Vater  hatte  ihm  einen  griindlichen  Zeichenunter- 
richt  ertheilt,  und  beim  Zeichnen  und  Malen  der  mannichfachsten  Naturgegen- 
stande  —  wie  Pilze,  Blumen,  Thiere  —  tibte  und  scharfte  er  nicht  nur  seine 
ktinstlerische ,  sondern  auch  seine  naturwissenschaftliche  Begabung.  Neben- 
her  gingen  praktische  Anatomirtibungen  an  den  verschiedensten  Thieren,  so- 
wie  theoretische  Studien,  denen  er  einen  Theil  seiner  Nachtruhe  opferte. 
Zu  jenen  Studien  gehorte  auch  das  der  naturphilosophischen  Schriften  Oken's, 
die  er  mit  grossem  Eifer  in  sich  aufnahm;  sie  haben  ihm  jedoch,  so  meinte 
er  spater,  nichts  geschadet.  Vor  alien  Dingen  aber  muss  hier  eine  von  ihm 
verfasste  langere  Abhandlung  »Die  Monographic  des  Flusskrebses«  erwahnt 
werden.  Das  Manuskript  ist  noch  jetzt  vorhanden.  Es  ist  mit  zahlreichen 
Zeichnungen  versehen,  von  denen  eine  ganze  Zahl  geradezu  ktinstlerisch 
ausgefuhrt  ist.  Sein  Inhalt  ist  im  Grossen  und  Ganzen  dem  jetzigen  Stande 
der  zoologischen  Wissenschaft   noch   heute   entsprechend.      Und  diese  Arbeit 


264  von  Sachs. 

wurde  ausgefiihrt  von  einem  jungen  Obersekundaner,  der  die  Zeit  hier- 
fiir  zwischen  den  Schulstunden  fand!  Inzwischen  war  der  Gymnasiast  durch 
seine  Schulgefahrten  in  Purkinje's l)  Haus  eingefiihrt  worden  und  zu  letzterem 
in  nahere  Beziehung  getreten.  Dieser  hatte  die  Begabung  des  Knaben  sehr 
bald  erkannt  und  ihn  mehrfach  zur  Anfertigung  wissenschaftlicher  Zeichnungen 
herangezogen.  Diese  nahere  Bekanntschaft  wurde  ihm  von  Nutzen,  als  im 
Jahre  1848  erst  der  Vater  und  im  folgenden  Jahre  auch  die  Mutter  gestorben 
waren,  und  der  i7Jahrige  junge  Mann  nun  verwaist  und  viillig  mittellos  sich 
bemiihte,  durch  Lithographiren,  sowie  durch  Zeichen-  und  Malunterricht  sich 
die  Mittel  nicht  nur  zum  Lebensunterhalt ,  sondern  auch  zur  Fortsetzung 
seiner  Gymnasialstudien  zu  erwerben.  Das  war  nicht  leicht,  aber  es  gelang 
ihm  doch  einigermaassen,  zumal  ihn  auch  der  Bruder  etwas  unterstiitzte,  in- 
dem  er  ihm  zu  seinen  Studien  eine  allerdings  nicht  heizbare  Dachkammer 
anwies.  Unter  diesen  schwierigen  Verhaltnissen  kam  es  ihm  daher  recht  ge- 
legen,  als  Purkinje  im  Jahre  1850  die  Aufforderung  an  ihn  richtete,  nach  Prag 
Uberzusiedeln  und  gegen  ein  Gehalt  von  100  Gulden  und  freier  Station  die 
Stelle  eines  Privatassistenten  zu  tlbernehmen.  S.  stimmte  sofort  zu  und  nach- 
dem  auch  die  Vormundschaft  schliesslich  ihre  Einwilligung  gegeben  hatte, 
traf  S.  am  14.  Februar  1851  in  Prag  ein  und  fand  in  der  Familie  Purkinje's 
Aufnahme.  Doch  zu  einer  freundlichen  Heimat  wollten  sich  ihm  das 
Purkinje'sche  Haus  nicht  gestalten,  da  Lehrer  und  Schtiler  zu  eigenartige 
Naturen  waren,  die  sich  menschlich  viel  zu  fern  standen,  um  eine  herzliche 
Annaherung  aufkommen  zu  Iassen.  S.  hat  nie  verhehlt,  welche  Achtung  er 
vor  der  Genialitat  Purkinje's  hatte  und  dass  er  ihm  vieles  verdankte,  er  hat 
es  aber  auch  nicht  verschwiegen,  welche  schwere  Arbeit  er  im  Dienste  Pur- 
kinje's  leisten  musste,  so  dass  er  wohl  mehr  gegeben,  als  empfangen  hat  Und 
niemals  hatte  er  sich  trotz  seiner  gewissenhaftesten  Anstrengungen,  trotz  vor- 
ztiglicher  Leistungen  auch  nur  eines  Wortes  der  Anerkennung  und  der  Theil- 
nahme  oder  gar  der  Ermuthigung  und  des  Lobes  zu  erfreuen.  Im  wesent- 
lichen  bestand  seine  Thatigkeit  in  der  Herstellung  von  Wandtafeln  fiir  den 
Unterricht  und  Zeichnungen  nach  mikroskopischen  Praparaten,  die  er  zum 
Theil  direkt  auf  dem  Stein  ausfiihrte;  doch  gewann  er  auch  durch  den 
Aufenthalt  in  dem  Laboratorium  des  Begriinders  der  experimentellen  Physio- 
logic eine  eingehende  Kenntniss  von  den  Forschungsmethoden  und  von  der 
Art  und  Weise  des  experimentellen  Arbeitens,  die  ihm  in  spateren  Jahren 
ausserordendich  zu  Statten  kam.  Zunachst  allerdings  benutzte  er  den  Theil 
seiner  Zeit,  der  nicht  den  Arbeiten  Purkinje1  s  gewidmet  war,  zur  Vorbereitung 
fiir  die  Maturitatsprtifung  und  nachdem  diese  im  Herbst  1851  mit  sehr  gutem 
Erfolge  bestanden  war,  zum  Studium  an  der  Universitat,  zu  dem  er  sich  — 
zum  Gliick  fiir  die  Wissenschaft!  —  nach  langem  Schwanken,  ob  er  nicht 
lieber  naturwissenschaftlicher  Zeichner  bleiben  solle,  entschlossen  hatte. 

Aber  wie  als  Schtiler,  so  ging  er  auch  als  Studio  seinen  eigenen  Weg. 
Ein  eifriger  Kollegbesucher  ist  er  nicht  gewesen.  Seine  botanischen  und 
zoologischen  Studien  trieb  er  privatim,  das  Studium  der  Physik  und  Mathe- 
matik  ebenfalls ;  das  Vorlesen  des  Botanikers  Kosteletzky  war  sogar  dasjenige, 
das  am  wenigsten  einen  Reiz  auf  ihn  auslibte.      Einen  nennenswerthen  Ein- 


l)  J.  £.  Purkinje  hatte  zuerst  Philosophic,  dann  Mcdicin  in  Prag  studirt  und  war  von 
1823  ab  Professor  der  Physiologie  und  Pathologie  in  Breslau,  von  1850  ab  Professor  der 
Physiologie  in  Prag  (gestorben  zu  Prag  1869). 


von  Sachs.  265 

fluss  auf  ihn  gewann  dagegen  der  hervorragende  Herbartianer  Robert  Zimmer- 
mann.  Durch  diesen,  dem  der  intelligente  Student  auffiel,  und  der  ihn  auch 
in  sein  Haus  zog,  wurde  die  schon  bei  S.  vorhandene  Anlage  zum  Philo- 
sophiren  angeregt  und  vertieft,  und  durch  ihn  wurde  er  besonders  zum  Stu- 
dium  von  Locke ,  Hume,  Kant  und  Herbart  veranlasst,  und  bis  an  sein 
Lebensende  gehfirte  das  Lesen  philosophischer  Werke  zu  den  Lieblingsbe- 
schaftigungen  von  S.  Neben  diesen  mannigfachen  Studien  vernachlassigte  er 
jedoch  auch  keineswegs  seine  ktinstlerische  Beanlagung  und  besonders  in  den 
ersten  Semestern  priifte  er  sich  beim  Zeichnen  im  Antikensaal  des  Prager 
Museums,  ob  er  wohl  Talent  zum  Maler  hatte.  Nach  beendetem  Triennium 
bereitete  er  sich  trotz  seiner  ungUnstigen  pecuniSren  Lage,  die  er  durch 
kleinere  literarische  Arbeiten,  Anfertigung  von  Zeichnungen  zu  verbessern 
suchte,  zum  Doctorexamen  vor,  das  zu  jener  Zeit  in  Prag  sehr  schwierig  und 
vor  allem  sehr  zeitraubend  war.  Im  Sommer  1856  erfolgte  die  Promotion 
zum  Doctor  der  Philosophie,  zu  der  der  Druck  einer  Dissertation  jedoch  nicht 
erforderlich  war.  Wenn  wir  daher  eine  Doctorarbeit  von  S.  nicht  besitzen, 
so  liegen  uns  aber  doch  eine  grosse  Zahl  naturwissenschaftlicher  Aufsatze  aus 
jener  Zeit  vor.  Es  sind  das  18  Artikel,  die  in's  Czechische  tibersetzt  in  der 
von  Purkinje,  der  Seele  der  altczechischen  Bewegung,  gegriindeten  Zeitschrift 
»Ziva«  veroffentlicht  wurden.  Die  erste  in  deutscher  Sprache  erschienene 
Arbeit  war  —  abgesehen  von  einem  Aufsatz  in  dem  » Lotos «  —  eine  Unter- 
suchung  tiber  die  Entwickelungsgeschichte  einer  Flechte  (aus  dem  December 
1853),  die  in  der  »Botanischen  Zeitung*  vom  Jahre  1855  erschien.  Es  zeugt 
von  dem  grossen  Scharfblick  des  Studenten,  dass  er  in  dieser  Arbeit  schon 
das  symbiotische  Verhaltniss  zwischen  den  Pilzen  und  Algen,  die  die  Flechte 
zusammensetzen,  erkannte,  eine  Entdeckung,  die  der  junge  S.  allerdings  noch 
nicht  aussprach,  aber  auch  noch  nicht  aussprechen  konnte,  da  erst  15  Jahre 
spater  auf  Grund  vieler  und  umfangreicher  Untersuchungen  dieses  Resultat 
sicher  gestellt  ward. 

Da  infolge  der  Verheirathung  Emanuel  Purkinje's  der  Raum  im  Hause 
seines  Lehrers  zu  eng  wurde,  bezog  S.  einige  Zimmer  im  physiologischen  In- 
stitut,  wodurch  der  tagliche  engere  Verkehr  zwischen  beiden  ein  Ende  er- 
reichte.  Auch  die  immer  intensiver  werdenden  czechischen  Agitationen  Pur- 
kinje's  und  sein  oflfen  zur  Schau  getragener  Deutschenhass  trugen  sehr  viel 
dazu  bei,  das  Verhaltniss  zu  S.,  dessen  Herz  stets  begeistert  ftir  nationale 
deutsche  Bestrebungen  schlug,  der  ein  gltihender  Verehrer  Bismarck's  war, 
noch  mehr  zu  lockern.  So  zog  er  es  denn  schliesslich  vor,  sich  ganz  von 
Purkinje  zu  trennen  und  seine  Assistentenstellung  aufzugeben.  Er  richtete 
sich  ein  Hauslaboratorium  ein,  in  dem  er  seine  ersten  physiologischen  Unter- 
suchungen begann,  wahrend  er  sich  gleichzeitig  mit  literarischen  und  zeichne- 
rischen  Arbeiten  das  Geld  zum  Lebensunterhalte  verdiente. 

Mit  dem  Auszug  aus  dem  Purkinje'schen  Laboratorium  fallen  auch  seine 
Bemtihungen  wegen  seiner  Habilitation  zusammen.  Er  wollte  sich  fur  Pflanzen- 
physiologie  habilitiren  und  hatte  deshalb  verschiedene  Schwierigkeiten  zu  iiber- 
winden.  Denn  dieser  Zweig  der  Wissenschaft  existirte  als  selbstandiges  Fach 
noch  nirgends,  ja  er  wurde  sogar,  wenn  er  uberhaupt  behandelt  wurde,  ganz 
nebenbei  abgethan.  Besonders  war  er  auch  durch  die  Behandlung,  die  er  in 
Schleidens  »Grundzligen  der  Botanik«  erfahren  hatte,  bei  der  herrschenden 
Generation  durchaus  in  Misscredit  gerathen.  Jedenfalls  gab  es  weder  einen 
dffentlichen  Vertreter  der  Pflanzenphysiologie,  noch   waren  Laboratorien  oder 


266  yon  Sachs. 

Instrumente  zum  fachgemassen  Betrieb  derselben  vorhanden.  Sie  lag  iiber- 
haupt  in  einer  Weise  darnieder,  dass  ihm  mit  Recht  der  Ordinarius  der  Chemie, 
Rochleder,  den  wohlmeinenden  Rath  gab,  lieber  etwas  anderes  als  Pflanzen- 
physiologie  vorzutragen,  da  man  damit  ja  doch  in  2  bis  3  Stunden  fertig  sein 
wurde.  Schliesslich  gelang  es  aber  S.  doch  Dank  der  energischen  Bemuhungen 
mehrerer  Ordinarien,  die  entgegenstehenden  Schwierigkeiten  zu  beseitigen, 
und  so  war  denn  S.  nach  seiner  Habilitation  im  Wintersemester  1857  der 
erste  Vertreter  des  Faches,  das  ihm  zu  so  grossem  Ruhm  verhelfen  soilte. 
Die  Habilitationsschrift,  die  ein  mehr  physikalisches  Thema,  die  Diffusion, 
behandelte,  ist  im  Druck  nicht  erschienen. 

Eine  wesentliche,  von  Erfolg  begleitete  Lehrthatigkeit  hat  S.  als  Privat- 
docent  nicht  entfaltet,  dagegen  war  er  unermiidlich  forschend  thatig,  indem 
er  nach  Verbesserung  der  bisherigen  mikrochemischen  Methoden  sich  ein- 
gehend,  und  Jahre  hindurch  die  diesbezliglichen  Untersuchungen  fortsetzend, 
mit  den  Erscheinungen  bei  der  Keimung  der  Pflanzen  beschaftigte.  Er  wies 
darin  nach,  in  welcher  Weise  die  Umbildung  und  Wanderung  der  Stoffe 
erfolgt,  die  in  den  Keimblattern  enthalten  sind;  sie  liefern  bei  der  Keimung 
das  Material  fur  die  Entwickelung  und  Ausbildung  des  Embryos,  und  es  ist 
sonach  die  Keimung  gewissermaassen  nur  die  Umgestaltung  der  in  den  Keim- 
blattern vorhandenen  Stoffe.  Die  dabei  gewonnenen  Resultate  stellten  ganz 
neue  Thatsachen  fest  und  brachten  Licht  in  bis  dahin  ganz  unbekannte  Vor- 
gange.  Diese  Untersuchungen  brachten  ihn  auch  zur  Ueberzeugung,  dass  es 
moglich  sein  miisse,  Landpflanzen  mit  Erfolg  in  wasserigen  Losungen  zu 
cultiviren.  Zwar  waren  schon  mehrfach  vor  S.  Pflanzen  in  salzhaltigen  Wassern 
gezogen  worden,  aber  ohne  grossen  Erfolg.  Erst  von  S.  wurde  die  hohe 
Bedeutung  dieser  Methode  erkannt,  und  es  wurde  zuerst  von  ihm  gezeigt, 
dass  es  gelingt,  in  geeigneten  wassrigen  Losungen  Landpflanzen  vom  kei- 
menden  Samen  an  so  zu  erziehen,  dass  sie  sich  normal  entwickeln,  unter 
Vervielfaltigung  ihres  Samengewichtes  alle  Organe  entfalten  und  schliess- 
lich neue  Samen  hervorbringen,  die  wieder  keimfahig  sind.  Anfangs  sind 
zwar  diese  Experimente  stark  angegriffen  worden,  bald  aber  wurden  sie 
von  anderen  Forschern  mit  dem  gleichen  Erfolge  ausgefiihrt;  die  Methode 
wurde  etwas  vervollkommnet  und  weiter  ausgebildet  und  ist  ja  von  ganz 
ausserordentlicher  Bedeutung  fur  die  Land-  und  Forstwirthschaft  geworden. 
Durch  die  von  S.  angegebene  Methode  wurde  die  Ernahrungslehre  der 
Pflanzen  begrtindet,  und  durch  diese  moderne  Ernahrungstheorie  haben  ja 
Land-  und  Forstwirthschaft  einen  vollstandigen  Umschwung  erfahren. 

Inzwischen  hatten  sich  fiir  S.  die  Verhaltnisse  in  Prag  zu  recht  unertrag- 
lichen  gestaltet.  Die  czechische  Bewegung  hatte  ihren  Hdhepunkt  erreicht 
und  S.  sah  nicht  nur  ein,  sondern  man  sagte  es  ihm  auch  direct,  dass  fur 
ihn  an  einen  materiellen  Erfolg  oder  gar  an  ein  Weiterkommen  nicht  zu 
denken  sei.  Sehr  gelegen  kamen  ihm  daher  die  Bemiihungen  des  Chemikers 
Hofrath  Stockhardt  in  Tharandt,  ihn  fiir  die  landwirthschaftliche  Abtheilung, 
die  seit  1830  mit  der  dortigen  Forstakademie  verbunden  war,  zu  gewinnen. 
Stockhardt  hatte  durch  den  Zoologen  Stein,  der  frtiher  in  Tharandt  gewesen 
war,  von  den  Wasserculturen  S.'s  erfahren  und  forderte  ihn  nun  auf,  sich  zu 
dem  sachsischen  Ministerium  in  einem  langeren  (spater  auch  seitens  des 
Ministeriums  gedruckten)  Aufsatze  »Ueber  den  Nutzen  der  Pflanzenphysiologie 
fiir  agriculturchemische  Anstalten*  auszusprechen.  Die  von  S.  geheferte  Ab- 
handlung  brachte  ihm  den  Erfolg,  dass  er  in  das  Laboratorium  nach  Tharandt 


von  Sachs.  267 

berufen  wurde.  Er  trat  dort  Ende  Wkxz  ein  und  hatte  dort  die  Aufgabe, 
seine  in  Prag  begonnenen  Versuche,  Pflanzen  ohne  Erde  in  wassrigen  Losungen 
vom  Samen  an  bis  zur  Fruchtreife  zu  erziehen,  in  Gemeinschaft  mit  Stock- 
hardt  fortzusetzen.  Daneben  besch&ftigten  ihn  aber  auch  unausgesetzt  Unter- 
suchungen  auf  anderen  Feldem  des  physiologischen  Gebietes.  Er  begann 
seine  Ideen  tiber  die  Assimilationsfunktion  der  Chlorophyllkorper,  der  Ent- 
stehung  der  Starke  in  denselben  zu  beweisen,  wahrend  er  gleichzeitig  wichtige 
und  fundamentale  Thatsachen  tiber  die  Function  der  Wurzeln  sowie  in  bezug 
auf  die  Transpiration  zu  Tage  ffcrderte. 

Im  emsigsten  Eifer  war  er  taglich  von  frtih  4  Uhr  an  der  Arbeit,  fast 
jeder  Tag  brachte  ihm  eine  neue  Entdeckung,  auf  dem  einzig  und  allein 
von  ihm  bestellten  Acker,  und  eine  grossere  Zahl  von  Aufsatzen,  die  in  den 
» landwirthschaftlichen  Versuchsstationen*  veroffentlicht  sind,  legen  Zeugniss 
hierftir  ab.  UngestOrt  von  anderen  Botanikem  bot  sich  ihm  auch  weiter  die 
Moglichkeit  dar,  neue  Gedanken  experimentell  zu  prtifen  und  zu  neuen  Ent- 
deckungen  heranreifen  zu  lassen.  Die  Botaniker  waren  auf  anderen  Arbeits- 
gebieten  thatig,  und  Nageli  erklarte  sogar  die  Arbeiten  dieser  neuen  Richtung 
nicht  fiir  physiologische,   sondern  fiir  agriculturchemische. 

Ausser  diesen  Arbeiten  widmete  er  sich  in  Tharandt,  wo  ihm  seine 
Stellung  tlbrigens  die  Verpflichtung  auferlegte,  in  landwirthschaftlichen  Versamm- 
lungen  populare  Vortrage  zu  halten,  auch  einem  griindlichen  Studium  der 
alteren  pflanzenphysiologischen  Arbeiten.  Diese  eingehenden  Studien  liessen 
ihn  die  vollige  Unzulanglichkeit  der  botanischen  Lehrbticher  erkennen,  und 
es  entstand  in  ihm  die  Absicht,  gemeinsam  mit  anderen  Botanikern  die  ganze 
Botanik  neu  zu  bearbeiten. 

Schon  auf  der  Naturforscherversammlung  in  Wien  1856,  wo  er  einen  kur- 
zen  pflanzenphysiologischen  Vortrag  gehalten  hatte,  war  er  mit  einigen  Haupt- 
vertretern  der  Botanik  bekannt  geworden,  und  im  Jahre  darauf  hatte  er  den 
genialen  Hofmeister  kennen  gelernt.  Ein  Besuch  wahrend  des  Weihnachts- 
festes  1858  bei  diesem  in  Leipzig  hatte  die  Bekanntschaft  erneuert  und  ver- 
tieft,  und  seitdem  sind  beide  bis  zu  Hofmeister's  Tode  (1877)  durch  das 
Band  der  Freundschaft  verkniipft  im  engsten  wissenschaftlichen  und  gelegent- 
lich  auch  personlichen  Verkehr  geblieben.  Dem  Freunde  Hofmeister  nun 
machte  er  im  Frtihjahr  i860  den  Vorschlag,  dem  modernen  Stand punkt  der 
Wissenschaft  entsprechend  das  Gesammtgebiet  der  Botanik  in  einem  mehr- 
bandigen  Handbuch  zu  bearbeiten.  Er  selbst  (ibernahm  die  Bearbeitung  der 
Physiologie,  wahrend  die  tibrigen  Gebiete  unter  Hofmeister,  de  Bary  und 
Irmisch  vertheilt  wurden. 

Mit  den  ersten  Vorarbeiten  zur  Physiologie  beschaftigt,  wurde  er  im 
Wintersemester  1860/61  dazu  ausersehen,  am  Polytechnikum  in  Chemnitz  die 
Leitung  der  landwirthschafdichen  Abtheilung,  die  dort  —  ahnlich  wie  in 
Tharandt  —  eingerichtet  werden  sollte,  zu  iibernehmen.  Im  Februar  1861 
ging  er  daher  nach  Chemnitz.  Die  Neueinrichtung  schien  sich  indessen  zu 
verzogern,  manche  Unzulanglichkeiten  machten  sich  bemerkbar,  und  so  loste 
er  denn  ohne  langes  Besinnen  seine  Beziehungen  zum  sachsischen  Landwirth- 
schaftsministerium,  als  er  im  Marz  vom  Director  der  landwirthschaftlichen 
Akademie  zu  Poppelsdorf  bei  Bonn  die  Aufforderung  erhielt,  als  Professor 
fur  Botanik,  Zoologie  und  Mineralogie  hinzukommen. 

Nachdem  er  sich  in  Prag  verheirathet  hatte,  siedelte  er  im  April  nach 
Bonn  tiber.     Bei  einem  sehr  bescheidenen  Gehalt  hielten  sich  auch  sonst  die 


268  von  Sachs. 

Mittel,  die  ihm  dort  zur  VerfUgung  gestellt  waren,  in  sehr  engen  Grenzen,  so 
dass  er  sein  Untersuchungsmaterial  dort  meist  aus  eigener  Tasche  bezahlen 
musste.  Auch  das  Gartchen,  das  er  zu  seinen  Versuchen  benutzen  konnte, 
war  nur  klein,  doch  leistete  ihm  der  einzige,  aber  intelligente  Arbeiter  bei 
der  Bestellung  desselben  und  bei  seinen  Experimenten  recht  gute  Dienste. 

Hier  entfaltete  er  auch  zuerst  eine  sehr  erfolgreiche  Lehrthatigkeit.  EHe 
Vorlesungen  erfreuten  sich  des  grossten  Beifalls  und  waren  ausserordentlich 
gut  besucht.  Da  in  Folge  dessen  das  botanische  Studium  in  Poppelsdorf 
einen  lebhaften  Aufschwung  nahm,  so  wurde  ihm  nach  zwei  Jahren  in  seiner 
Lehrthatigkeit  die  Erleichterung  zu  theil,  dass  er  von  den  Vorlesungen  tiber 
Zoologie  und  Mineralogie  entbunden  wurde;  er  war  nur  zu  zwei  Vorlesungen 
verpflichtet,  im  Winter  las  er  Physiologie  und  im  Sommer  Monographic  land- 
wirthschaftlicher  Pflanzen.  Auch  fand  er  hier  seine  ersten  Schtiler:  seinen 
jetzigen  Nachfolger  Professor  Kraus  und  den  Ministerialdirector  Dr.  Thiel. 

Der  sechsjahrige  Aufenthalt  in  Bonn  gehort  zu  den  an  wissenschaftlichen 
Untersuchungen  und  Entdeckungen  reichsten  Jahren  des  unermiidlichen  For- 
schers.  Sie  sind  in  zahlreichen  Publicationen,  die  zum  Theil  in  der  Flora 
erschienen,  niedergelegt.  Sie  behandeln  theils  Untersuchungen  iiber  die  Nahr- 
stoffe  der  Pflanzen,  theils  die  Stoffumwandelung  und  -Wanderung  in  der  Pflanze, 
vor  allem  aber  wurden  die  experimentellen  Untersuchungen  tiber  die  Ent- 
stehung  der  Starke  im  Chlorophyll  hier  in  Angriff  genommen  und  der  Grund 
gelegt  zu  der  jetzt  feststehenden  Ernahrungslehre  der  Pflanzen. 

Neben  diesen  hochwichtigen  Arbeiten  aber  setzte  sich  S.  ein  monumen- 
tales  Denkmal  in  dem  vierten  Bande  des  »Handbuchs  der  Botanik*,  in  dem 
im  Jahre  1865  erschienenen  »Handbuch  der  Experimental-Physiologie  der 
Pflanzen«,  das  seipen  Ruf  in  der  Gelehrtenwelt  mit  einem  Schlage  auf  das 
festeste  begrtindete.  Und  wie  sehr  dieses  Werk  ein  dringendes  Bediirfniss 
war,  davon  legt  der  Umstand  Zeugniss  ab,  dass  es  sofort  nach  seinem  Er- 
sch einen  auch  schon  vergriffen  war!  Leider  erfuhr  es  eine  zweite  Auflage 
nicht,  doch  enthalten  die  ubrigen  grossen  Werke,  die  in  der  Folgezeit  aus 
S/s  Feder  hervorgingen,  die  wesentlichsten  in  der  »Experimentalphysiologie« 
zuerst  zusammengestellten  Thatsachen  in  gleicher  tibersichtlicher  KJarheit. 
Ausserordentlich  klare  Darstellung,  tibersichtliche  logische  Gruppirung  des 
Stoffes,  vollstandig  ebenmassige  Composition  in  alien  Theilen  des  Werkes 
sind  seine  Hauptvorziige,  die  sie  mit  alien  seinen  grosseren  Werken  gemein 
haben  und  diese  zu  geradezu  klassischen  Schriften  der  Botanik  stem- 
peln!  Noch  heute  ist  die  allerdings  erst  nach  ftinfjahriger  literarischer 
Vorarbeit  fertiggestellte  »  Experimental  physiologic*  der  gelesenste  Theil  des 
Handbuches  der  Botanik,  noch  heute  ist  sie  ein  reicher  Born  der  Anregung 
und  Belehrung. 

Die  Hoffnung,  den  durch  Schacht's  Tod  1864  frei  gewordenen  Lehrstuhl 
der  Botanik  in  Bonn  (ibertragen  zu  erhalten,  erflillte  sich  nicht.  Schacht's  Nach- 
folger wurde  Johannes  Hanstein,  mit  dem  sich  auch  ein  freundschaftliches 
Verhaltniss  anspann,  wahrend  S.  mit  dem  kranklichen  Schacht  wenig  in  Be- 
riihrung  gekommen  war.  Da  aber  durch  die  Geburt  zweier  Tochter  und 
eines  Sohnes  die  pecuniare  Lage  der  Familie  sich  immer  ungiinstiger  gestal- 
tete,  so  begrtisste  er  es  mit  grosster  Freude,  als  er  am  Sylvesterabend  des 
Jahres  1866  die  Nachricht  erhielt,  dass  er  zum  Nachfolger  de  Barys*  in  Frei- 
burg i.  Br.  gewahlt  worden  war.  Im  Frtihjahre  1867  siedelte  er  nach  dieser 
—  damals    allerdings,    wie    er  spater    oft    klagte,  schlechtsten  —  Universitat 


von  Sachs.  260 

tiber,  um  mit  dem  Sommersemester  dort  seine  Lehrthatigkeit  zu  beginnen. 
Auch  hier  traf  er  wieder  seinen  alten  Schtiler  Kraus  vor  und  ausserdem  den 
jetzigen  Professor  in  Bordeaux  Millardet,  mit  dem  er  bis  zu  seinem  Tode 
einen  lebhaften,  wissenschaftlichen  Meinungsaustausch  aufrecht  erhielt. 

Er  war  nur  drei  Semester  lang  in  Freiburg,  und  diese  Zeit  war  fast  aus- 
schliesslich  der  Herstellung  des  »Lehrbuches  der  Botanik*  gewidmet.  Mehr 
noch  als  die  »Experimentalphysiologie«,  die  sich  naturgemass  mehr  an  die 
selbstthatigen  Forscher  wandte,  machte  dies  Lehrbuch  S.'s  Namen  popular  in 
fast  alien  Culturstaaten.  Und  mehr  noch  als  das  erstere  ward  dieses  Werk 
einem  dringenden  Bedtlrfniss  in  der  botanischen  Literatur  gerecht.  Denn  seit 
den  allm&hlich  ganzlich  veralteten  »Grundztigen  der  Botanik«  von  Schleiden 
war  eigentlich  kein  einziges  Lehrbuch  grossen  Stiles  vorhanden,  und  erst  durch 
das  »nach  dem  gegenwartigen  Zustand«  der  botanischen  Wissenschaft  be- 
arbeitete  Werk  von  S.  wurden  die  inzwischen  festgestellten  Ergebnisse  der 
Forschungen  Hofmeister's,  Nageli's,  Schacht's,  ja  zum  Theil  auch  Mohl's  den 
Studirenden  der  Naturwissenschaften  —  und  auch  manchem  ihrer  Lehrer 
zuganglich  gemacht.  Vor  allem  wurden  auch  die  wichtigen  Entdeckungen 
der  physiologischen  Forschungen  des  Verfassers  selbst  in  weiteste  Kreise  ge- 
tragen.  Und  nicht  zum  mindesten  ist  es  eine  werthvolle  Eigenschaft  des 
Buches,  dass  auch  die  Jtinger  der  Wissenschaft  mit  den  streitigen  Problemen 
und  Theorien  bekannt  gemacht  und  dadurch  zu  selbstandigem  Nachdenken 
veranlasst  wurden.  Ganz  besonderen  und  ganz  allgemein  anerkannten  Werth 
aber  erhielt  das  Buch  durch  die  vorztiglichen  Abbildungen,  mit  denen  das 
Buch  in  der  reichhaltigsten  Weise  ausgestattet  war  (348  in  der  ersten,  492  in 
der  letzten  Auflage).  Diese  bisher  untibertrofFenen  Abbildungen  sind  zum 
allergrossten  Theil  S.'sche  Originale;  sehr  viele  davpn  sind  das  Resultat 
langwieriger  Untersuchungen.  Diese  S.'schen  Originalfiguren  sind  gewisser- 
massen  Gemeingut  der  botanischen  Welt  geworden;  sie  sind  —  allerdings 
gegen  den  Willen  des  Verfassers,  dessen  Erlaubniss  zur  Reproduction  haufig 
gar  nicht  eingeholt  wurde  —  in  die  botanischen  Lehrbticher  sammtlicher 
cultivirten  Lander  iibergegangen,  und  man  kann  heute  kaum  ein  botanisches 
Werk  aufschlagen,  ohne  S.'schen  Abbildungen  zu  begegnen.  Bietet  das  Werk 
trotz  der  ausserordendich  klaren  Darstellungsweise  dem  ganz  jungen  Anfanger 
doch  wohl  manche  Schwierigkeit,  so  machte  sich  gleichwohl  schon  nach  zwei 
Jahren  die  Herstellung  einer  zweiten,  1872  der  dritten  und  1874  der  vierten 
Auflage  nOthig.  Diese  neuen  Auflagen  trugen  selbstverstandlich  den  Fort- 
schritten  der  Botanik  wahrend  dieser  Zeit  vollkommen  Rechnung,  sie  waren 
aber  auch  von  einer  steten  Vermehrung  des  Textes  und  der  vorztiglichen 
Abbildungen  begleitet.  Vor  allem  aber  nahm  von  Auflage  zu  Auflage  die 
Darstellung  der  Physiologie,  der  eigentlichen  Dom&ne  des  Verfassers,  einen 
breiteren  Raum  ein.  Zur  Fertigstellung  einer  fiinften  Auflage  seines  auch  in 
die  verschiedensten  Sprachen  Ubersetzten  Lehrbuches  konnte  er  sich  jedoch 
nicht  mehr  entschliessen.  Die  Composition  hatte  aufgehort,  der  Ausdruck 
seiner  Idee  zu  sein,  wie  er  in  der  trefllichen  Vorrede  zu  den  »Vorlesungen 
tiber  Pflanzen-Physiologie«,  die  an  die  Stelle  des  physiologischen  Theiles  seines 
Lehrbuches  traten,  selbst  sagte,  da  die  fortschreitende  Ausbildung  seiner 
wissenschaftlichen  Ueberzeugungen  seine  »AufFassung  wich tiger  Fragen  der 
Pflanzenphysiologie  nach  verschiedenen  Richtungen  hin  geanderU  hatte.  Auch 
war  es  sein  Wunsch,  einen  weiteren  Leserkreis  in  anziehend  geschriebenen 
Essays  mit  den  bedeutenden  Fortschritten  der  Pflanzenphysiologie  bekannt  zu 


270  von  Sachs. 

machen.  In  allgemein  verstandlicher  freier  Darstellung  gehalten,  in  glanzen- 
dem  Stile  geschrieben,  in  meisterhafter  Durchfuhrung  entstanden  so  die  »Vor- 
lesungen«,  in  denen  er  es  sich  zur  Pflicht  machte,  »seine  eigenste  Auffassung 
des  Gegenstandes  in  den  Vordergrund  zu  stellen;  die  Horer  wollen  und 
sollen  wissen,  wie  sich  das  Gesammtbild  der  Wissenschaft  im  Kopf  des  Vor- 
tragenden  gestaltet,  es  bleibt  dabei  Nebensache,  ob  andere  ebenso  oder  an- 
ders  denken.«  Dieses  Meisterwerk  hat  denn  auch  in  der  That  nicht  nur  im 
Kreise  der  Studirenden,  sondern  auch  im  gebildeten  Laienpublikum  Eingang 
und  weitere  Verbreitung  gefunden.  Die  Bearbeitung  des  anderen  Theiles, 
der  Morphologie  und  Systematik  tibertrug  er  seinem  langjahrigen  Schiller  und 
Freunde  Professor  Goebel.  —  Inzwischen  hatten  sich  S.'s  aussere  Verh&ltnisse 
erheblich  geandert.  Seines  Bleibens  war,  wie  schon  erwahnt,  nicht  lange  in 
Freiburg.  Dim  behagten  die  dortigen  Zustande  nicht  und  so  folgte  er  denn 
gerne  dem  Ruf,  der  von  Wtirzburg  aus  an  ihn  erging.  Er  vertauschte  im 
Herbst  1868  Freiburg  mit  Wtirzburg,  um  diese  Universitat  nicht  mehr  —  auch 
kaum  einmal  vortibergehend  wahrend  der  Ferien  —  zu  verlassen.  Trotz  der 
glanzendsten  Berufungen,  die  im  Laufe  der  nachsten  Jahre  verhaltnissmassig 
oft  an  ihn  ergingen,  konnte  er  sich  doch  nicht  entschliessen,  Wtirzburg  zu 
verlassen,  obwohl  er  selbst  fuhlte,  dass  das  Klima  seinen  nervosen  Leiden, 
die  ihn  hefdg  qualten,  nicht  zu  tragi ich  war.  Aber  er  lehnte  sowohl  den  schon 
im  nachsten  Jahre  aus  Jena  an  ihn  ergehenden  Ruf  ab,  wie  die  nach  Heidel- 
berg 1872,  nach  Wien  1873,  nach  Berlin  1877.  Auch  fur  die  landwirth- 
schaftliche  Hochschule  der  Reichshauptstadt,  fiir  die  Universitat  Bonn  und 
nach  Nageli's  Tod  fur  die  Universitat  Mtinchen  suchte  man  ihn  zu  gewinnen, 
aber  er  blieb  dem  im  Laufe  der  Zeit  liebgewonnenen  Wtirzburger  Institut 
und  dem  dort  von  ihm  GeschafFenen  treu.  Ueberdies  iibten  die  grossen  Stadte 
gar  keine  Anziehung  auf  ihn  aus,  da  er  an  die  Moglichkeit  eines  intensiven 
wissenschaftlichen  Lebens  in  einer  solchen  nicht  recht  glaubte.  Diese  An- 
hanglichkeit  an  Wtirzburg  fand  ihre  Anerkennung  seitens  der  Regierung  in 
den  Verleihungen  des  Hofrathstitels  1873,  des  Geheimrathstitels  1877,  sowie 
mehrerer  Orden,  mit  deren  einem  die  Ftihrung  des  personlichen  Adels  ver- 
bunden  war.  Seine  Collegen  aber  ehrten  ihn  dadurch,  dass  sie  ihm  schon 
1 87 1  die  Rectorwtirde  tibertrugen  und  ihn  auch  mehrfach  Jahre  hindurch  bis 
1895  in  den  Senat  wahlten.  In  Wtirzburg  entfaltete  S.  seine  Lehr-  und 
Forscherthatigkeit  in  grossem  Maassstabe.  Zunachst  musste  es  aber  seine 
Sorge  sein,  das  Institut,  das  ursprtinglich  nur  aus  vier  Zimmern  bestand,  zu 
vergrossern,  da  nach  der  Publication  des  »Lehrbuches«  die  Schtiler  in  grosser 
Menge  ihm  zustromten.  Die  bayerische  Regierung  kam  ihm  dabei  in  bereit- 
williger  Weise  entgegen  und  es  gelang  ihm  allmahlich  das  ganze  Haus,  das 
ursprtinglich  bei  S.'s  Antritt  der  Wtirzburger  Professur  ausser  dem  botanischen 
Institut  auch  noch  das  pharmakologische,  sowie  die  Poliklinik  beherbergt  hatte, 
allein  flir  seine  Zwecke  zu  erhalten.  Auch  erfuhr  das  Haus  selbst  durch  Auf- 
bau  zweier  Stockwerke  und  Anbau  eines  grossen  Horsaales  eine  weitere  Ver- 
grosserung,  sodass  nunmehr  auch  ausserhch  die  historische  Statte  der  Pflanzen- 
physiologie  einen  einigermaassen  ertraglichen  Anblick  darbietet,  wenn  sie  auch 
sonst  von  den  jetzt  allgemein  tiblichen  modernen  Prachtbauten  der  neueren 
naturwissenschafdichen  Palaste  ganz  colossal  absticht. 

In  ahnlicher  Weise  Hess  er  sich  es  sehr  angelegen  sein,  den  Garten,  der 
auf  ungtinstigstem  Terrain  —  den  Mauerresten  des  alten  Festungsglacis  — 
angelegt  war,   durch   sorgfaltigste  Pflege  zu  uppigem  Wachsthum  zu  bringen; 


von  Sachs.  271 

er  ist  denn  auch  im  Laufe  der  Jahre  zu  einer  viel  besuchten  Zierde  der  Stadt 
Wurzburg  geworden. 

Hier  sammelte  sich  nun  die  Schaar  der  jungen  Botaniker  aus  aller  Herren 
Lander,  um  auf  dem  physiologischen  Gebiete  der  Botanik  unter  der  Leitung 
des  Meisters  experimentell-physiologische  Arbeiten  selbstthatig  auszufiihren. 
Die  ersten,  die  im  Sommersemester  1870  eintrafen,  waren  Schmitz,  Reinke 
und  Pfeffer.  Mit  Ausbruch  des  Krieges  leerten  sich  auch  hier  die  Saale, 
Pfeffer  blieb  allein  zurtick.  Bald  aber  gesellten  sich  ihm  de  Vries  und  Ba- 
ranetzky  zu  und  im  Laufe  der  Jahre  waren  dann  noch  weiter  unter  ihm  thatig 
Amelung,  Brefeld,  Fr.  Darwin,  Detlefsen,  Dufour,  Elfving,  Gardiner,  Godlewski, 
Goebel,  Hansen,  Hauptfleisch,  Heinricher,  Klebs,  Miliarakis,  Moll,  Mtiller- 
Thurgau,  Nagamatsz,  Noll,  Pedersen,  Prand,  Scott,  Stahl,  Vines,  Marsh.  Ward, 
Woronin,  Wortmann,  Zimmermann  und  noch  einige  andere.  Eine  stattliche 
Zahl!  Und  dabei  muss  berucksichtigt  werden,  dass  S.  in  sein  Laboratorium 
nur  solche  aufhahm,  denen  es  heiliger  Ernst  mit  ihrer  Wissenschaft  war  und 
die  gewillt  waren,  sich  ausschiesslich  in  den  Dienst  der  Botanik  zu  stellen. 
Leicht  hatte  er  die  Zahl  seiner  Schuler  ausserordendich  vermehren  konnen, 
wenn  es  ihm  darum  zu  thun  gewesen  ware;  denn  sehr  gern  hatten  viele  unter 
seiner  Leitung  eine  Doctorarbeit  ausgefuhrt,  doch  schreckten  die  ungewohn- 
lich  hohen  Anforderungen,  die  er  an  die  Leistungsfahigkeit  seiner  Schuler  und 
an  ihre  Opferwilligkeit  fur  die  Wissenschaft  stellte,  fast  jeden  ab. 

Die  Zahl  der  Horer  seiner  Vorlesungen  aber  iiberstieg  stets  weit  die  100, 
und  alle  Fakultaten  entsandten  standige  Besucher  in  sein  Auditorium,  Von 
welchem  Feuereifer,  von  welchem  Siegesbewusstsein  waren  aber  auch  stets 
und  alle  seine  Zuhorer  beseelt,  wenn  er  ihnen  in  seiner  glanzenden,  fast  po- 
pularen  und  doch  —  oder  vielleicht  gerade  deshalb  —  ausserordendich  klaren 
Vortragsweise  mit  (iberwaltigender  Ueberzeugung,  immer  von  seinem  Stoffe 
begeistert,  immer  fiir  ihn  begeisternd  die  Physiologie  vortrug  oder  Lebens- 
bilder  aus  der  Naturgeschichte  des  Pflanzenreiches  ausmalte.  Der  Vortrag 
fast  jeder  einzigen  Stunde  war  ein  oratorisches  Meisterstiick ;  niemals  verliess 
er  ohne  die  enthusiastische,  in  liblicher  studentischer  Weise  dargebrachte  Bei- 
fallsbezeugung  den  Horsaal.  Welche  Sorgfalt  verwandte  er  aber  auch  t&glich 
—  bis  zum  letzten  Colleg  —  auf  die  Vorbereitung  zu  seinen  Vorlesungen! 
Er  iiberdachte  —  stets  sprach  er  vollkommen  frei,  ohne  auch  nur  die  aller- 
geringste  schriftliche  Aufzeichnung  oder  Notiz  —  seinen  Vorlesungsstoff  Ian- 
gere  Zeit  hindurch  auf  s  grtindlichste,  so  dass  er  wohl  recht  hatte,  wenn  er 
sagte,  dass  ihn  jede  Vorlesungsstunde  3  Stunden  Vorbereitungen  koste.  Und 
mit  welch  reichhaltigen,  im  Laufe  der  Jahre  zusammengetragenen,  aber  auch 
bis  zum  letzten  Tage  vermehrten  Sammlung  von  belehrendstem  Demonstra- 
tionsmaterial  pflegte  er  seine  ohnehin  schon  durchaus  lichtvollen  Vortr&ge 
noch  verstandlicher  zu  machen  und  seinen  Worten  eine  noch  zwingendere 
Beweiskraft  zu  geben!  Welche  Ftille  von  Tafeln  hatte  er  ftir  seine  Vorlesungen 
gemalt  mit  Figuren  und  Abbildungen,  deren  Einzelheiten  von  der  femsten 
Ecke  des  grossen  Horsaales  deutlich  zu  erkennen  waren!  Viele  dieser  Tafeln 
sind  von  geradezu  kiinstlerischer  Vollendung,  von  einer  Pracht  der  Farben, 
von  einer  Naturwahrheit,  wie  sie  von  dem  genialsten  Maler  kaum  erreicht, 
geschweige  iibertroffen  werden  kann.  Es  paarte  sich  bei  ihm  mit  der  Scharfe 
der  Beobachtung  des  gelibten  Forschers  ein  feines  ktinstlerisches  Empfinden, 
dem  er  auch  durch  sein  Konnen  Ausdruck  zu  geben  vermochte.  So  war  es 
denn    kein  Wunder,    dass    die  Studenten    sein  Lob    hinaustrugen    an  andere 


272 


von  Sachs. 


Universitaten  und  Propaganda  machten  fur  den  Besuch  der  Alma  Julia  in 
Wiirzburg.  Freilich,  die  Zahl  seiner  Schuler,  der  jungen  Botaniker,  nahm  in 
den  letzten  Jahren,  als  fortgesetzte  Kranklichkeit  seine  Schaffenskraft  lahmte, 
allmahlich  ab,  doch  zeugen  drei  stattliche  Bande  der  »Arbeiten  des  botani- 
schen  Instituts  in  Wlirzburg«,  sammtlich  von  hochster  wissenschaftlicher  Be- 
deutung,  von  der  intensiven  Thatigkeit  des  Lehrers  und  seiner  Schuler.  Er- 
sterer  fand  aber  daneben  noch  die  Moglichkeit,  » freilich  auf  Kosten  einiger 
Jahre  von  Arbeitskraft  und  zum  betrachtlichen  Schaden  der  Gesundheiu,  flir 
die  von  der  koniglichen  Akademie  der  Wissenschaften  auf  Veranlassung  und 
mit  Unterstiitzung  des  Konigs  von  Bayern,  Maximilian  n.,  herausgegebene 
Geschichte  der  Wissenschaften  in  Deutschland  die  Bearbeitung  der  »Geschichte 
der  Botanik«  (1875)  auszuftihren.  Damit  schuf  er  ein  Werk,  das  ihm  weit 
liber  die  Kreise  seiner  Fachgenossen  hinaus  als  glanzendem  Schriftsteller  all- 
gemeinste  Anerkennung  verschaffte  und  das  vielfach  fiir  das  beste  seiner 
Blicher  gehalten  wird.  Jedenfalls  zeichnet  es  sich  wie  alle  Publicationen  des 
Verfassers  durch  lichtvolle  Klarheit  aus  und  steht  infolge  der  eigenartigen 
Auffassung  und  geistigen  Verarbeitung  des  Stoffes  thurmhoch  iiber  den  son- 
stigen  Geschichten  der  Botanik.  Nicht  um  eine  chronologische  Aufzahlung 
handelte  es  sich  ihm,  nachdem  er  das  colossale  Material  kritisch  durchgeprtift 
hatte,  sondern  er  suchte  seine  Hauptaufgabe  darin,  »die  erste  Entstehung 
wissenschaftlicher  Gedanken  aufzusuchen  und  ihre  weitere  Entwickelung  zu 
umfassenden  Theorien  zu  verfolgen«,  wie  er  selbst  in  der  Vorrede  sagt.  Und 
er  fahrt  dann  an  einer  anderen  Stelle  fort:  »Ich  habe  daher  als  die  eigent- 
lichen  Trager  unserer  Geschichte  diejenigen  Manner  in  den  Vordergrund  ge- 
stellt,  welche  nicht  bios  neue  Thatsachen  feststellten,  sondern  fruchtbare  Ge- 
danken schufen  und  das  empirische  Material  theoretisch  verarbeiteten«.  Von 
diesem  Grundgedanken  durchweht  ist  denn  auch  S.'s  »Geschichte«  das  Ge- 
richt  der  Botanik  geworden  *). 

Widmete  S.  im  wesentlichen  die  Wintermonate  der  Composition  seiner 
grosseren  Werke,  so  wurden  die  Sommermonate  zur  Ausfiihrung  experimen- 
teller  Untersuchungen  benutzt,  bei  denen  er  theils  den  schon  friiher  in  Angriff 
genommenen  Fragen  weiter  nachging,  theils  auch  neue  Gebiete  durch  seine 
Arbeiten  erschloss.  Alle  diese  Untersuchungen  sind  wie  die  fruheren  mit 
ausserordentlich  scharfsinnigen  und  meist  sehr  einfachen  Methoden  und 
Apparaten  ausgeflihrt.  Manche  seiner  Methoden  sind  wohl  nicht  nur  von 
Pflanzenphysiologen,  sondern  auch  von  anderen  Naturforschern  tibemommen 
worden,  aber  in  keinem  pflanzenphysiologischen  Institut  fehlt  sein  selbst- 
registrirendes  Auxanometer  (zum  Messen  des  Zuwachses  der  Pflanzen,  den  sie 
selbst  aufzeichnen),  und  sein  Klinostat  (ein  Drehapparat,  der  die  einseitige 
Wirkung  der  Schwerkraft  oder  des  Lichtes  auf  die  Pflanzen  aufzuheben  ver- 
mag),  ganz  zu  schweigen  von  den  kleineren  von  ihm  ersonnenen  Apparaten, 
deren  Aufzahlung  hier  indess  zu  weit  fiihren  wlirde. 

Ebenso  ist  es  unmoglich,  an  dieser  Stelle  auch  nur  in  Klirze  liber  seine 


!)  Das  uns  jetzt  vorliegende  Werk  kam  Ubrigens  in  recht  origineller  Weise  zu  stand e. 
Als  das  Manuskript  —  wie  mir  S.  erzShlte  —  zur  Absendung  bereit  lag  und  er  es  eben 
einpacken  wolltc,  blatterte  er  noch  ein  wenig  darin  umher.  Dabei  missfielen  ihm  einige 
Stellen  von  Sekunde  zu  Sekunde  immer  mehr,  so  dass  er  kurz  entschlossen  den  ganzen 
Stoss  der  druckfertigen  Bliitter  in's  Feuer  warf.  Er  hat  dann  allerdings  das  zweite  Manu- 
skript einem  Schreiber  in  ununterbrochenem  Zuge  in  die  Feder  diktirt  und  somit  dies  Buch 
wie  aus  einem  Gusse  geschaflfen. 


i 


yon  Sachs,  27 1 

zahlreicheft   wissenschaftlichen   publicirten  Arbeiten   (etwa  ioo)  zu  berichten. 

Sie  umfassen  sammtliche  Gebiete  der  Pflanzenphysiologie  und  enthalten  die 

Feststellung    nunmehr    allgemein    anerkannter    Thatsachen;    Thatsachen,    die  ! 

allerdings    bisweilen    schon   gelegentlich  von  anderen  wahrgenommen  worden  { 

waren,    deren  Bedeutung    aber    erst  von  ihm   erkannt  wurde,   deren  sichere 

Kenntniss  wir  allein  ihm  verdanken.     Alle  diese  Arbeiten  sind  mit  derselben 

Klarheit,    in    demselben    blendenden    Stile    geschrieben,    wie  seine  grosseren 

Werke;    fast    alle    sind  auch  heute  noch  von  der  hochsten  Bedeutung.     Die 

Feststellung    der  Entstehung    und  Thatigkeit    des  Blattgrtins,    der  Entstehung 

der  Starke,  der  Wanderung  dieser  und  anderer  Stoffe  bei  der  Organbildung/ 

der  Thatigkeit  der  Wurzeln,  des  Zweckes  und  der  Bedeutung  der  Transpira-  j 

tion  und  vieler,  vieler  anderer  zum  Grundbestande  der  Physiologie  gehoriger  | 

Thatsachen,  sowie  eine  tiefere  Einsicht  in  die  Tropismen,  die  Feststellung  der  I 

Nachwirkung    derselben    u.  s.  w.  verdanken    wir    seinen  bedeutenden  Unter-  ] 

suchungen.    Wie  eminent  auch  vielfach  ihr  praktischer  Werth  ist,  dafiir  moge 

folgender  kurzer  Hinweis  gentigen.     Von  den  Landwirthen  wurde  —  auf  Lie-  .  j 

big's  Veranlassung  —  alljahriich  allein  in  Deutschland  ftir  mehrere  Millionen  J 

Thaler  Kieselsaure    in    loslicher  Form    in   die  Erde  gesteckt,  um  das  Lagern  | 

des  Getreides  zu  verhindern.    S.  stellte  nun  fest,  dass  Silicium  kein  Nahrstoff  I 

der  Pflanzen    ist,    und    dass    das  Lagern  nicht  durch  Mangel  an  Kieselsaure,  j 

sondern  durch  mangelhafte  Festigkeit  der  Stengel  infolge  zu  starker  Beschat- 

tung  durch  zu  dichte  Aussaat  bewirkt  wird.    Die  Landwirthe  saen  nun  weiter 

und  sparen  das  Geld  ftir  die  Kieselsauredtingung.  —  Wenn  auch  das  Resultat 

seiner  Untersuchungen    auf   einem    anderen  Gebiet,  seine  geistreiche  Theorie 

der  Wasserbewegung  in  den  Holzwanden  der  Pflanzenzellen,  die  Imbibitions- 

theorie,    nicht    allgemein    angenommen  wurde,   so  forderten  doch  auch  diese 

Arbeiten  viele  werthvolle  Thatsachen  zu  Tage.    Mit  Riicksicht  auf  die  grosse 

Zahl  der  von  ihm  festgestellten  Thatsachen,  die  iiberdies  zu  den  Fundamenten 

der  Pflanzenphysiologie  gehoren,  war  es  denn  durchaus  kein  Wagniss,  wie  er 

selbst   in   der  Vorrede  ftirchtete,    als  er  in  den  Jahren  1892  und  1893  seine 

Abhandlungen    tiber    Pflanzenphysiologie    gesammelt    herausgab;    Thatsachen 

behalten  eben  immer  ihren  Werth. 

Allmahlich  wandte  er  sich  in  seinen  Publicationen  —  ohne  indess  ex- 
perimentelle  Untersuchungen  ganz  zu  vernachlassigen  —  mehr  theoretischen 
Erorterungen  zu;  sein  ktinstlerisch  schaffender  Geist  fand  schliesslich  mehr 
Befriedigung  darin,  mit  seiner  gereiften  Erfahrung  als  Meister  am  stolzen  Bau 
der  Wissenschaft  das  gesammelte  Baumaterial  kunstvoll  einzufiigen,  als  neues 
Material  zusammenzutragen.  In  diesen  Arbeiten  erweist  er  sich  denn  auch 
nicht  mehr  als  Anhanger  Darwin's,  als  welcher  er  sich,  hoch  erfreut  iiber  die 
Beseitigung  des  Dogmas  von  der  Constanz  der  Arten,  noch  in  der  Geschichte 
der  Botanik  zu  erkennen  gab;  dem  gereiften  Geist  konnte  die  grobsinnliche 
Weltauffassung  des  darwinschen  Materialismus  nicht  Geniige  leisten.  Er  suchte 
vielmehr  seiner  Causalitatsauffassung  der  Natur  auf  s  eingehendste  Ausdruck 
zu  geben  und  beabsichtigte  seine  Anschauungen,  die  er  schon  in  den  »Phy- 
siologischen  Notizen«  (Flora  1892  bis  1896)  formulirt  hatte,  in  den  gross  an- 
gelegten  »Principien  der  vegetabilischen  Gestaltung«  l)  zu  vertiefen  und  zu 
verallgemeinern,    als    dem  schon  Jahre  lang  schwer  Leidenden  der  Tod  Er- 

])  Die  hierfUr  schon  gesammelten  Notizen  hat  Herr  Prof.  Noll  zur  Zusammenfassung 
und  Herausgabe  erhalten. 

Biogr.  Jahrb.  u.  DeuUcber  Nekrolog.   2.  Bd.  1 8 


274 


von  Sachs. 


lOsung  brachte.  Leider  war  es  ihm  nicht  vergftnnt,  das  Manuskript  ftir  die 
»Principien«  —  wie  es  sein  heisser  Wunsch  war  —  fertig  zu  stellen,  aber  auch 
schon  in  den  »Physiologischen  Notizen«  (und  auch  schon  in  frtiheren  Publi- 
cationen)  beschranken  sich  seine  Erorterungen  nicht  auf  botanische  Fragen 
allein,  sondern  er  behandelte  darin  die  gesammte  Biologie,  und  seine  Ideeh 
fanden  auch  bei  Anatomen  (v.  Kupffer,  v.  Kolliker)  und  Zoologen  wiirdigende 
Anerkennung. 

Und  alle  die  vielen  Stunden,  die  das  Durchdenken  und  Niederschreiben 
dieser  hochgeschatzten  Abhandlungen  erforderten,  musste  der  von  schweren 
Krankheiten  Heimgesuchte  den  Tagen  formlich  abstehlen.  Seine  rastlose 
Thatigkeit,  die  weder  Korper  noch  Geist  schon  te,  lange  Jahre  im  heissen 
Kampfe  urn  das  t&gliche  Brod,  und  schweres  Ungliick  in  der  Familie  hatte 
ihn  schliesslich  langem  Siechthum  entgegengeflihrt.  Er  hat  sich  aber  auch 
fast  niemals  eine  Erholung  gegonnt,  selbst  dann  kaum,  als  in  spateren  Jahren 
sich  seine  pecuni&re  Lage  gebessert  hatte;  stets  hat  er  in  den  Ferien  am 
intensivsten  gearbeitet.  Dass  der  Acker  zeitweilig  brach  liegen  muss,  dass 
die  Pflanze  eine  Ruheperiode  durchmachen  muss,  davon  zog  er  ftir  sich  fast 
niemals  die  Nutzanwendung.  Und  wenn  er  wirklich  einmal  dem  Drangen 
seiner  Angehorigen  und  Freunde  nachgab,  urn  Erholung  auf  einer  Reise  zu 
suchen  —  sehr  bald  trieb  es  ihn  wieder  zurtick  in  sein  Institut,  an  seinen 
Arbeitstisch ;  stets  fand  viel  friiher,  als  er  geplant  hatte,  die  Reise  ihren  Ab- 
schluss.  —  Wie  schwer  leidend  er  aber  Jahre  lang  gewesen  sein  muss,  das 
zeigte  die  Section,  durch  die  eine  weitgehende  Erkrankung  fast  aller  Organe 
festgestellt  wurde.  Welche  riesige  Willensenergie  muss  ihm  zu  Gebote  ge- 
standen  haben,  wenn  er  trotzdem  bis  fiinf  Wochen  vor  seinem  Tode  thatig 
sein  konnte! 

Wo  Licht,  da  ist  auch  Schatten:  doch  muss  man  auch  den  Werdegang 
dieses  aussergewohnlichen  Menschen  im  Auge  behalten,  wenn  man  seine 
Schattenseite  gerecht  beurtheilen  will.  Er  stand  in  den  letzten  Jahren  recht 
vereinsamt,  und  gar  mancher  seiner  frtiheren  Freunde  war  ihm  durch  die 
scharfe  und  personlich  werdende  Kritik  entfremctet  worden.  Aber  wie  er 
selbst  in  jeder  seiner  Arbeit  nicht  nur  seine  Beobachtungen  und  Ideen,  son- 
dern gewissermaassen  auch  sich  selbst  gab,  so  identificirte  er  nur  zu  leicht 
auch  mit  der  gegnerischen  Arbeit  den  Gegner,  dem  dann  wohl  haufig  die 
Wunde  zu  theil  wurde,  die  im  Grunde  nur  jener  zugedacht  war.  Indessen 
viel  Feind,  viel  Ehr!  Und  an  wissenschaftlichen  Ehrungen  ist  sein  Lebens- 
abend  sehr  reich  gewesen.  Die  verschiedensten  Akademien  und  bedeutende 
naturforschende  Gesellschaften  ernannten  ihn  zu  ihrem  Ehrenmitglied,  wie  er 
auch  Ehrendoctor  der  Universit&ten  Bonn  und  Bologna  war.  Trotz  seiner 
jahrelangen  Leiden  machte  der  nur  langsam  Dahinschreitende,  der  in  jtingeren 
Jahren  ein  bildschOner  Mann  gewesen  sein  soil,  noch  bis  zu  seinem  Tode 
einen  fascinirenden  Eindruck  auf  jeden  Vortibergehenden  und  besonders  auf 
den,  der  den  zwar  von  Leiden  durchfurchten,  aber  auch  ideal  durchgeistigten 
Ztigen  mit  dem  durchdringenden  Blick  gegeniibertrat.  Jeder  musste  dann 
ftthlen,  dass  ein  ungewOhnlich  bedeutender  Geist  in  dieser  auch  zuletzt  noch 
imponirenden  Erscheinung  wohnte.  So  war  denn  auch  die  Trauer,  die  ihn 
zu  Grabe  leitete,  eine  tief  empfundene  und  allgemeine.  Von  warmem  Wohl- 
wollen  ftir  seine  Mitmenschen  erflillt,  hatte  er  so  manche  Thr&ne  getrocknet, 
und  manche  Thrane  der  Dankbarkeit  fiel  auf  seinen  Grabhtigel.  Was  er  aber 
der  Universitat  Wtirzburg  geworden  war,  das  fand  die  warmste  Anerkennung 


yon  Sachs.     Heniler. 


275 


in  den  begeisterten  Worten,  die  ihr  Rektor,  Prof.  Dr.  Schell,  dem  von  seinen 
Leiden  Erlosten  in  das  Grab  nachrief. 

Schriftenverzeichniss.  1.  Grossere  Werke:  Handbuch  der  Experimental-Physio- 
logie  der  Pflanzen.  Leipzig  1865.  —  Lehrbuch  der  Botanik.  Leipzig.  1.  Aufl.  1868,  2.  Aufl. 
1870,  3.  Aufl.  1872,  4.  Aufl.  1874.  (Auch  Ubersetzt  in's  Englische,  Franz5sische  u.  s.  w.).  — 
Geschichte  der  Botanik  vom  16.  Jahrhundert  bis  i860.  Mttnchen  1875.  (In's  Englische 
Ubersetzt  1890).  —  Vorlesungen  ttber  Pflanzenphysiologie.  Leipzig.  I.  Aufl.  1882,  2.  Aufl. 
1887.  (In  s  Englische  Ubersetzt).  —  Arbeiten  des  botanischen  Instituts  in  Wflrzburg.  Leipzig. 
Erster  Band  1874,  zweiter  Band  1882,  dritter  Band  1888.  —  Gesammelte  Abhandlungen 
tiber  Pflanzenphysiologie.  Leipzig.  Erster  Band  1892,  zweiter  Band  1893.  —  2»  Kleinere 
wissenschaftliche  Publicationen :  18  Aufsatze  in  der  »Ziva«,  3  im  »Lotos«,  19  Abhand- 
lungen in  der  »  Botanischen  Zeitung«,  23  in  der  »Flora«,  5  in  den  »Berichten  der  k.  k. 
Akademie  der  Wissenschaften  zu  Wien«,  3  in  den  » Bench  ten  der  kbnigl.  sachs.  Gesellschaft 
der  Wissenschaften «,  5  in  den  »Landwirthschaftlichen  Versuchsstationen«,  4  in  den  »Annalen 
der  Land wirthsch aft  in  den  k5nigl.  preuss.  Staatenc,  4  in  den  »Berichten  des  naturhistori- 
schen  Vereins  der  preussischen  Rheinlande  und  Westphalens«,  16  in  den  verschiedenen 
Schriften  der  »Physikalisch-medicinischen  Gesellschaft*  zu  WUrzburg,  21  in  den  » Arbeiten 
des  botanischen  Instituts  in  WUrzburg*  und  noch  einige  einzelne  Aufsatze  z.  B.  in  der 
» Nature,  den  »Pomologischen  Monatsheften«  u.  s.  w.  —  Gute  Reproductionen  seines  Bild- 
nisses  nach  Pho  tog  ram  men  sind  vorhanden  in:  Julius  Sachs  von  K.  GobeL  Sonderabdmck 
aus  »Flora  oder  Allgem.  bot.  Zeitung*,  Erganzungsband  zuro  Jahrg.  1897.  84.  Band,  und 
in:  Professor  Julius  von  Sachs.  Gedachtnissrede,  gehalten  in  der  Physikal.-med.  Gesellschaft 
zu  WUrzburg  von  Dr.  Paul  Hauptfleiscb.  Wttrzburg,  Stahel,  1897.  —  Ausserdem  ist  von 
dem  Bildhauer  Feile  in  Wttrzburg  eine  vorzllglich  gelungene  Bttste  hergestellt  worden.  — 
Werke  und  Schriften  s.  auch  Bttrsenbl.  f.  d.  deutsch.  Buchh.  1897,  No.  132. 

P.  Hauptfleisch-Wtirzburg. 

Henzler,  Christian  (von),  Schulmann,  *  am  29.  September  1829  in  der 
wiirttembergischen  Oberamtsstadt  Ntirtingen,  f  3.  August  1897  zu  Stuttgart.  — 
H.,  der  Sohn  eines  Schuhmachers,  wurde  im  NUrtinger  Seminar  zum  Volks- 
schullehrer  ausgebildet  und  blickte  bereits  auf  eine  sechsjahrige  praktische 
Wirksamkeit  zurtick,  als  der  Wunsch  in  ihm  aufstieg,  sich  dem  hqheren  Schul- 
wesen  zu  widmen.  Er  bereitete  sich  von  1854 — 1857  in  Stuttgart  am  Poly- 
technikum  und  in  einer  privaten  »franzosischen  Schule«  auf  die  Reallehrer- 
prtifung  vor,  deren  ersten  Theil  er  1857  erstand.  1859  unternahm  er  zu 
seiner  weiteren  sprachlichen  Ausbildung  wissenschaftliche  Reisen  nach  P'rank- 
reich  und  England  und  war  dann  2  Jahre  lang  Hofmeister  in  Nordamerika. 
1 86 1  holte  er  den  zweiten  Theil  der  Reallehrerprufung  nach,  fand  einige  Jahre 
an  der  Stuttgarter  Realanstalt  provisorische  Verwendung,  besuchte  noch  kurze 
Zeit  die  Universitaten  Bonn  und  Heidelberg  und  unterzog  sich  1865  mit  Er- 
folg  der  Professoratsprtifung  sprachlich-historischer  Richtung.  Alsbald  erhieltj 
er  seine  erste  definitive  Anstellung  als  Professor  flir  die  realistischen  Facher 
am  Gymnasium  in  Ellwangen,  wurde  187 1  Vorstand  der  Nurtinger  Realschule 
und  1873  Rektor  der  Reutlinger  Realanstalt.  1876  wurde  er  als  Oberstudien- 
rath  und  realistischer  Referent  in  die  Konigliche  Cultministerialabtheilung  fUr 
Gelehrten-  und  Realschulen  berufen.  In  einer  Zeit,  da  das  Realschulwesen 
in  Deutschland  einen  gewaltigen  Aufschwung  nahm  und  es  gait,  diese  Fort- 
schritte  auch  nach  Wiirttemberg,  der  uralten  Hochburg  des  Humanismus,  zu 
iibertragen,  sah  sich  H.  vor  eine  grosse  Aufgabe  gestellt,  an  deren  Losung  er 
sich  mit  betrachtlicher  Energie  und  Gewandtheit  betheiligte.  Daneben  war 
er  als  Mitglied  der  Commissionen  flir  die  gewerblichen  Fortbildungsschulen 
und  seit  1879  ^r  d*e  hoheren  Madchenschulen  thatig.  Schriftstellerisch  trat 
er  dagegen  nicht  hervor.  Seine  beiden  letzten  Lebensjahre  verbitterte  ihm 
ein  schweres  Fussleiden,  das  ihn  zuletzt  ganz  an  das  Zimmer  fesselte.    Doch 

18* 


276  Henzler.     Klemnu     Kober. 

besorgte    er    noch    von    hier    aus    seine  Berufsgeschafte,  bis  der  Tod  seiner 
Wirksamkeit  ein  Ziel  setzte. 

Schw&bische  Kronik  voni  23,  August  1897  (Mittagsblatt),  zerstreute  sonstige  Zeitungs- 
notizen,  Correspondenzblatt  ftlr  die  Gelehrten-  und  Realschulen  Wiirttembergs  1897.  Heft  8. 
Seite  297. 

Rudolf  Krauss. 

Klemm,  Alfred,  wiirttembergischer  Alterthumsforscher  und  Epigraphiker, 
*  am  8.  November  1840  zu  Ellwangen,  f  am  27.  Marz  1897  zu  Backnang. 
—  Nachdem  K.  im  evangelischen  Stifte  zu  Tubingen  Theologie  studirt  und 
seine  Dienstprtifung  mit  Auszeichnung  bestanden  hatte,  unternahm  er  eine 
Bildungsreise  nach  Norddeutschland,  wurde  1865  Stiftsrepetent,  1869  Dia- 
konus  in  Vaihingen  a.  d.  Enz,  1876  Diakonus  und  Bezirksschulinspektor  in 
Geislingen,  1887  Dekan  und  1888  zugleich  Bezirksschulinspektor  in  Sulz,  1892 
Dekan  in  Backnang,  wo  er  einer  rasch  verlaufenden  Lungenentziindung  zum 
Opfer  fiel.  In  Vaihingen  begann  K.  sich  mit  der  heimathlichen  Special-  und 
Lokalgeschichte  zu  besch&ftigen  und  zog  allmahlich  deren  verschiedenste  Zweige 
in  den  Kreis  seiner  Studien,  denen  er  mit  der  Zeit  immer  grossere  Ausdeh- 
nung  und  Vertiefung  verlieh.  Seine  Specialitat  war  die  Baugeschichte  und 
Epigraphik  des  wurttembergischen  Landes  und  der  angrenzenden  Gegenden. 
Seine  Arbeiten  tiber  wtirttembergische  Baumeister  und  Bildhauer  fanden  in 
Fachkreisen  die  verdiente  Beachtung.  Namentlich  verlegte  er  sich  auf  das 
Sammeln  von  Steinmetzzeichen.  Mit  rastlosem  Fleiss  und  scharfem  SpUrsinn 
durchforschte  er  alle  irgendwie  zuganglichen  gedruckten,  handschriftlichen  und 
inschriftlichen  Quellen,  mochten  sie  noch  so  entlegen  sein.  Er  sah  durch 
manche  wichtige  Entdeckungen  seine  Mlihe  belohnt.  Auf  diesem  Gebiete  der 
Epigraphik  war  K.  eine  Autoritat  ersten  Ranges.  Besondere  Flirsorge  widmete 
er  den  Ulmer  Kunstdenkmalen.  Seine  zahlreichen  kleineren  und  grosseren 
Aufsatze  hat  er  in  allerhand  Journalen,  fachwissenschaftlichen  Zeitschriften, 
Publicationen  von  Alterthumsvereinen  und  Sammelschriften  niedergelegt,  ohne 
jemals  seine  Kraft  zu  einem  grosseren  Werke  zusammenzufassen. 

Nekrologe  in  Schwabische  Kronik  vom  2.  April  1897  (Mittagsblatt)  und  Staats-Anz. 
fttr  Wttrttemberg  vom  30,  M&rz  1897. 

Rudolf  Krauss. 

Kober,  Franz  Quirin  (von),  Dr.,  katholischer  Theologe,  *  am  6.  Marz 
1 82 1  zu  Warthausen  (im  wtirttembergischen  Oberamt  Biberach),  f  am  25.  Ja- 
puar  1897  zu  Tubingen.  —  Er  war  der  Sohn  einfacher  Landleute,  besuchte 
die  Biberacher  Lateinschule  und  das  Ehinger  Konvikt,  studirte  1840 — 44  im 
Ttibinger  Wilhelmsstifte  Theologie  und  wurde  am  4.  September  1845  zum 
Priester  geweiht.  Er  war  zunachst  Vikar  in  Ulm,  seit  Mai  1846  Repetent  in 
Tubingen,  wo  er  zugleich  akademische  Vorlesungen  tiber  philologische  und 
theologische  Disciplinen  hielt.  1851  erhielt  er  einen  Lehrauftrag  flir  Pada- 
gogik,  Didaktik  und  Epistoralexegese;  daneben  docirte  er  katholisches  Kirchen- 
recht.  1853  wurde  er  ausserordentlicher  Professor,  1857  Doctor  theologiae 
und  im  September  desselben  Jahres  Ordinarius;  das  Kirchenrecht  gehftrte  nun 
auch  zu  seinem  Lehrauftrag.  In  den  ersten  Jahren  seiner  Docentenlaufbahn 
verwandte  er  seine  ganze  Kraft  auf  die  umfassenden  Vorlesungen,  die  er  zu 
halten  hatte.  Er  stellte  dafiir  auf  s  sorgfaltigste  ausgearbeitete  Collegienhefte 
her,  nach  denen  er  sich  genau  richtete.  Spater  entfaltete  er  auch  eine  reiche 
literarische  Thatigkeit.    Er  gehorte  zu  den  eifrigsten  Mitarbeitern  und  Redak- 


Kober.    Knosp.  277 

teuren  der  (Tlibinger)  Theologischen  Quartalschrift.  Seine  meisten  Aufeatze 
bezogen  sich  auf  das  Kirchenrecht  und  im  besonderen  auf  das  kirchliche 
Strafrecht.  Dieses  behandelte  er  in  einer  Folge  von  drei  bedeutsamen  Schrif- 
ten:  »Der  Kirchenbann*  (1857),  »Die  Suspension  der  Kirchendiener«  (1862), 
»Die  Deposition  und  Degradation*  (1867),  An  geschichtliche  Auseinander- 
setzungen  knlipfte  er  jedesmal  ausflihrliche  Darlegungen  des  bestehenden 
Rechtes.  Diese  gediegenen,  nur  etwas  zu  breiten  Arbeiten  sind  erst  von  den 
entsprechenden  Partien  in  Hinschius,  Kirchenrecht  tiberholt  worden.  K.  zeigte 
sich  in  seinen  Forderungen  fiir  Freiheit  der  katholischen  Kirche  stets  maass- 
voll  und  auf  Wahrung  des  confessionellen  Friedens  in  WUrttemberg  bedacht. 
Bei  Collegen  und  Schtllern  genoss  er  Liebe  und  Verehrung.  Er  war  freund- 
lichen  und  wohlwollenden  Wesens,  wenn  auch  zuriickhaltend  und  wortkarg, 
hierin  und  auch  sonst  ein  echter  Schwabe.  Er  klebte  an  der  Scholle  und 
kam  liber  die  Grenzen  seiner  engeren  Heimath  kaum  je  hinaus.  Zeichen  aus- 
serer  Anerkennung  brauchte  er  nicht  zu  missen.  1878  wurde  er  zum  Rektor 
der  Universitat  fiir  das  nachste  Studienjahr  gewahlt,  1895  beging  er  sein  flinf- 
zigjahriges  Priesterjubilaum.  Schon  damals  krankelte  er,  im  folgenden  Sommer 
musste  er  sich  pensioniren  lassen.  Ende  October  traf  ihn  ein  Schlaganfall, 
der  ihn  der  Sprache  beraubte.  Er  hatte  noch  ein  Vierteljahr  zu  leiden.  Am 
28.  Januar  1897  wurde  er  in  Tubingen  mit  akademischen  Ehren  zu  Grabe 
getragen. 

Professor  Dr.  SagmUller  in  Theologische  Quartalschrift,  79,  Jahrg.  (1897)  S.  569  bis 
579;  zerstreute  Zeitungsnotizen. 

Wcrke  u.  Schriften  s.  Bftrsenbl.  f.  d.  Deutschen  Buchhandel  1897,  No.  32. 

Rudolf  Krauss. 

Knosp,  Rudolf  (von),  Grossindustrieller,  *  am  22.  Juni  1820  zu  Ludwigs- 
burg,  f  am  26.  Marz  1897  zu  Stuttgart.  —  Er  besuchte  das  Lyceum  seiner 
Vaterstadt  und  die  Gewerbeschule  Stuttgarts,  trat  dann  in  ein  hauptstadtisches 
Indigogeschaft  als  Lehrling  ein  und  war  bei*  demselben  spater  als  Commis 
und  Reisender  angestellt.  Nach  seiner  1845  erfolgten  ehelichen  Verbindung 
mit  Sophie  Schmid  aus  Basel  begriindete  er  in  Cannstatt  eine  eigene  Firma, 
die,  bald  nach  Stuttgart  verlegt,  von  den  kleinsten  Anfangen  aus  allmahlich 
grossartigen  Umfang  gewann.  Durch  Intelligenz,  Thatkraft  und  Ausdauer 
schwang  sich  K.  zu  einem  der  ersten  und  reichsten  deutschen  Handels- 
herrn  empor.  Er  rief  die  deutsche  Anilinindustrie  in's  Leben,  indem  er  zu- 
nachst  die  zuvor  nur  in  Frankreich  betriebene  Fabrikation  verschiedener  Indigo- 
stoffe  einftihrte  und  dann  zur  Fabrikation  von  Theerprodukten  (iberging.  Die 
von  ihm  hergestellten  Erzeugnisse  wurden  auf  mehreren  Weltausstellungen 
ausgezeichnet.  1873  vereinigte  K.  sein  Geschaft  (zugleich  mit  dem  Heinrich 
Siegle'schen  in  Stuttgart)  mit  der  Badischen  Anilin-  und  Sodafabrik  in  Lud- 
wigshafen  a.  Rh.  Diesem  grossten  deutschen,  den  Weltmarkt  beherrschenden 
Farbenfabrikations-Geschafte  widmete  er  fortan  als  Vorsitzender  des  Verwal- 
tungsrathes  seine  Krafte.  Ausserdem  war  er  stets  bemtiht,  die  wlirttembergi- 
sche  Industrie  durch  Rath  und  That  zu  untersttitzen  und  zu  heben.  An 
zahlreichen  Unternehmungen  und  Grlindungen  .  betheiligte  er  sich  finanziell, 
wie  als  Vorsitzender  oder  Mitglied  des  Aufsichtsrathes.  Mit  lebhaftem  Inter- 
esse  fiir  alle  politischen  und  Verwaltungsangelegenheiten  ausgertistet,  entzog 
er  sich  den  an  ihn  herantretenden  5ffendichen  Pflichten  nicht.  Er  gehiirte 
1865 — 71  dem  hauptstadtischen  Gemeinderath  an,  ebenso  langere  Zeit  dem 
Handels-    und    Oberhandelsgerichte,    zu    Ende    der  sechziger  Jahre  dem  Ge- 


2*g  Knosp.     Kopp. 

heimenrath  als  technischer  Beirath.  1868  wurde  er  vom  x.  wtirttembergischen 
Wahlkreis  in  das  deutsche  Zollparlament  entsandt;  die  grossdeutsch-demokra- 
tische  Partei,  deren  Erwahlter  K.  war,  drang  damals  in  heftigem  Wahlkampf 
gegen  die  deutsche  Partei  durch.  In  der  Folge  lernte  er  die  neu  errungene 
deutsche  Einheit  schatzen,  hielt  jedoch  an  maassvoll  partikularistischen,  frei- 
sinnigen  und  freihandlerischen  Neigungen  zeitlebens  fest.  Verleihungen  von 
Titeln  (1866  Commerzienrath,  1889  Geheimer  Commerzienrath)  und  Orden 
liessen  nicht  auf  sich  warten.  Aber  stets  blieb  K.  der  schlichte  und  beschei- 
dene  Sohn  des  Bttrgerthums.  In  den  letzten  Jahren  zog  er  sich,  von  einem 
Herzleiden  gequalt,  mehr  von  den  fiffentlichen  Geschaften  zurtick.  Er  weilte  mit 
Vorliebe  auf  seinem  1872  erworbenen  Herrensitz  am  Starnberger  See.  Seine 
Leiden  steigerten  sich  schliesslich  so  sehr,  dass  das  Ende  jvillkommen  war. 

Schwiibische  Kronik  vom  30.  Marz  1897  (Abendblatt),  der  Beobachter  vom  29.  Marz 
1897,  zerstreute  Zeitungsnotizen. 

Rudolf  Krauss. 

Kopp,  Karl,  Bildhauer,  *  am  24.  October  1825  zu  Wasseralfingen  (im 
wtirttembergischen  Oberamt  Aalen),  f  am  1.  Marz  1897  zu  Stuttgart.  —  Er  be- 
suchte  als  Jtinger  der  Bildhauerkunst  das  Polytechnikum  und  die  Kunstschule 
in  Stuttgart,  wurde  von  dem  bekannten  Architekten  Zanth  beim  Bau  des  Lust- 
schlosses  Wilhelma  verwendet  und  verbrachte  die  Jahre  1850 — 54  zu  Paris, 
wo  er  in  der  ficole  des  beaux-arts  seine  Ausbildung  vervollstandigte  und  bei 
Lequesne  und  Toussaint  lernte.  Seinem  Pariser  Aufenthalte  verdankte  er 
namentlich  sichere  Leichtigkeit  in  der  Vortragsweise.  1854 — 1862  war  er 
Zeichenlehrer  an  der  Fortbildungsschule  in  Biberach.  1862  wurde  er  als 
Lehrer  des  Ornamentzeichnens  und  Modellirens  an  das  Stuttgarter  Polytechni- 
kum berufen,  in  welchem  Wirkungskreise  er,  seit  1868  als  Professor,  bis  an 
sein  Ende  verharrte.  Mit  seinem  Hauptamte  verband  er  das  eines  Lehrers 
flir  Figurenmodelliren  an  der  Kunstgewerbeschule  und  eines  Mitglieds  der 
Kommission  von  Sachverstandigen  beim  Conservatorium  der  vaterlandischen 
Kunst-  und  Alterthumsdenkmale.  K.  war  ein  tiichtiger  und  geschatzter  Lehrer, 
der  den  ihm  eigenen  Sinn  fiir  das  Idealistische  auch  bei  seinen  Schtilern  zu 
wecken  verstand.  Daneben  entfaltete  er  eine  emsige  produktive  Thatigkeit. 
Von  seinen  hauptsachlichen  Gruppenwerken ,  deren  Motive  er  mit  Vorliebe 
der  antiken  Mythologie  entlehnte,  seien  Hero  und  Leander,  Der  Raub  der 
Europa,  Bacchus  und  Ariadne  hervorgehoben.  Ferner  lieferte  er  Werke  fiir 
Kirchen  (z.  B.  Christus  am  Kreuz  in  der  Esslinger  Frauenkirche)  oder  Re- 
staurationen  solcher  (z.  B.  der  wtirttembergischen  Grafen  im  Chore  der  Stutt- 
garter Stiftskirche),  schuf  zahlreiche  Grabmonumente  und  Portratbtisten  (z.  B. 
die  1885  enthtillte  Erzbtiste  Johann  Jakob  Moser's  in  Stuttgart  und  die  1889 
enthiillte  Bliste  Robert  Mayer's  vor  dem  dortigen  Polytechnikum).  Ausserdem 
betheiligte  er  sich  am  Ausschmucke  verschiedener  hauptstadtischer  Bauten,  so 
des  Hauptbahnhofes  (kolossale  Karyatiden  an  der  Fassade),  des  Polytechni- 
kums,  des  Justizpalastes.  Endlich  stammen  die  Figuren  an  den  Fontanen  des 
Stuttgarter  Schlossplatzes,  Personificationen  von  acht  schwabischen  FlUssen 
darstellend,  von  seiner  Hand.  Im  Dekorativen  leistete  K.,  der  sonst  als  aus- 
iibender  Klinstler  ein  mittleres  Talent  war,  Verdienstvolles. 

Schwabische  Kronik  vom  2.  Marz  1897  (Abendblatt) ,  Kttnstler-  und  Conversations- 
lexica,  handschriftliche  Notizen  des  Herrn  Oberstudienraths  Dr.  Wintterlin,  Oberbibliothc- 
kars  in  Stuttgart. 

Rudolf  Krauss. 


Rosenthal-Bonin.     Wagner.  2  7Q 

Rosenthal-Bonin,  Hugo,  Schriftsteller,  *  am  14.  October  1840  in  Palermo 
von  deutschen  Eltern,  f  am  7.  April  1897  in  Stuttgart.  —  Er  widmete  sich 
in  Berlin  naturwissenschaftlichen ,  medicinischen,  spater  philosophischen  Stu- 
dien  und  machte  dann  als  Schiffsarzt  weite  Reisen  nach  Stideuropa,  Kalifor- 
nien  und  Japan.  Nach  der  Ruckkehr  wurde  er  Schriftsteller,  erhielt  1872  bei 
der  Deutschen  Verlagsanstalt  in  Stuttgart  Anstellung,  war  erst  an  der  Re- 
daktion  von  »Ueber  Land  und  Meer«  betheiligt  und  leitete  dann  lange  Zeit 
die  »Illustrirte  Welu,  in  der  er  meist  auch  seine  Romane  zuerst  veroffent- 
lichte.  Nach  Kiirschner's  Rucktritt  ubernahm  er  die  Redaktion  der  Spemann'- 
schen  Zeitschrift  »Vom  Fels  zum  Meer«.  Die  letzten  Lebensjahre  verbrachte 
er  als  unabhangiger  Schriftsteller  zu  Stuttgart  in  volliger  Zurlickgezogenheit. 
Er  verfasste  ausser  kleinen  Lustspielen  eine  lange  Reihe  von  Romanen  und 
Erzahlungen,  deren  Stoffe  er  vorzugsweise  den  unerschopflichen  Erinnerungen 
seiner  exotischen  Fahrten  verdankte.  Eine  lebhafte  Phantasie  und  die  Gabe 
des  Fabulirens,  die  er  auch  im  geselligen  Verkehre  bethatigte,  machten  seine 
Erzeugnisse,  die  ubrigens  keinerlei  literarische,  nur  belletristische  Bedeutung 
haben,  zur  beliebten  Lekttire  weiter  Kreise. 

Die  Titel  seiner  Werke  sind  vollstandig  namhaft  gemacht  in  Franz  BrUmmer's  Lexicon 
der  deutschen  Dichter  und  Prosaisten  des  neunzchnten  Jahrhunderts,  4.  Ausgabe,  III,  S.  350 
und  in  Kiirschner's  Deutschem  Literaturkalender ;  die  biographischen  Nachrichten  ebenfalls 
bei  BrUmmer;  vergleichc  auch  die  Notizen  in  wUrttembergischen  Blattern  nach  Rosenthal- 
Bonin's  Tod. 

Rudolf  Krauss. 

Wagner,  Heinrich,  Dr.,  Architekt,  *  am  5.  October  1834  in  Stuttgart, 
f  am  19.  Marz  1897  in  Darmstadt.  —  Er  bereitete  sich  auf  dem  Stuttgarter 
Polytechnikum,  auf  der  Pariser  £cole  des  beaux-arts  und  in  Londoner  Bau- 
ateliers  auf  seinen  Beruf  vor,  war  sieben  Jahre  als  Lehrer  an  der  Baugewerk- 
schule  und  zugleich  als  Hilfslehrer  am  Polytechnikum  seiner  Vaterstadt  thatig 
und  kam  1869  als  Professor  fur  Architektur  an  das  Darmstadter  Polytechni- 
kum, welcher  emporbltihenden  Anstalt  er  bis  zu  seinem  Tode,  zuletzt  mit 
dem  Titel  eines  Geheimen  Bauraths,  seine  Krafte  widmete.  Er  ertheilte  Unter- 
richt  im  Entwerfen,  in  der  Anlage  und  Einrichtung  von  Gebauden,  sowie  in 
der  Bauftihrung.  W.  war  ein  arbeitskraftiger  und  kenntnissreicher  Mann,  der 
nicht  bloss  mit  alien  praktischen,  sondern  auch  mit  den  wissenschaftlichen 
und  klinstlerischen  Aufgaben  seines  Faches  genau  vertraut  wrar.  Davon  legen 
auch  seine  literarischen  Leistungen  Zeugniss  ab.  Er  lieferte  Beitrage  zum 
deutschen  Bauhandbuch,  hatte  hervorragenden  Antheil  an  der  Herausgabe  und 
Bearbeitung  des  Handbuchs  der  Architektur,  verfasste  ein  Werk  tiber  die 
Kunstdenkmaler  des  Kreises  Blidingen.  Er  war  Mitglied  des  hessischen  Kunst- 
raths  und  verschiedener  Ausschtisse  flir  Erhaltung  deutscher  Baudenkmaler, 
ferner  ein  gesuchter  Preisrichter.  Als  Baumeister  hat  er  eine  Reihe  dffent- 
licher  (iebiiude  und  Privathauser  in  Stuttgart  und  Darmstadt  aufgeflihrt,  in 
ersterer  Stadt  unter  anderem  die  Englische  Kirche,  in  letzterer  das  Haupt- 
gebaude  der  technischen  Hochschule,  sein  bedeutendstes  architektonisches 
Werk. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  1897,  No.  13,  S.  147  f.  (woraus  auch  die  Nckrologc 
im  Schwabischcn  Merkur  vom  1.  April  1897  (Abendblatt)  und  in  anderen  wUrttembergi- 
schen Zeitungen  geschopft  sind). 

Rudolf  Krauss. 


2  go  Bassermann. 

Bassermann,  Anton,  Landgerichtsprasident,  ♦am  18.  October  1821  in 
Mannheim,  f  am  22.  September  1897  ebendaselbst.  —  Sohn  des  Kaufmanns 
Ludwig  Bassermann,  aus  einem  in  Mannheim  hochangesehenen  Geschlechte 
stammend,  wahlte  B.,  nachdem  er  das  Lyceum  seiner  Vaterstadt  absolvirt 
hatte,  die  Rechtswissenschaft  zum  Lebensberufe,  wozu  er  sich  von  1841  bis 
1845  auf  der  Universitat  Heidelberg  vorbereitete.  1848  Rechtspraktikant, 
1854,  mit  Nachlass  der  zweiten  Priifung,  Referendar,  erhielt  er  1856  die 
erste  Anstellung  als  Amtsassessor  in  Heidelberg.  1857  wurde  er  zum  Amts- 
richter  in  Philippsburg  ernannt,  1859  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Rastatt 
versetzt,  1864  zum  Kreisgerichtsrath  in  Offenburg,  1869  zum  Kreisgerichts- 
direktor  in  Villingen,  1872  zum  vorsitzenden  Rath  beim  Kreis-  und  Hofgericht 
Mannheim,  1879  zum  Direktor  des  Landgerichts  Mannheim  und  1889  zu 
dessen  Prasidenten  befordert.  In  alien  diesen  Stellungen  erwarb  sich  B. 
nicht  nur  den  Ruf  eines  gewissenhaften  und  tiichtigen  Beamten  und  scharf- 
sinnigen  Juristen,  sondern  seine  reichen  Kenntnisse,  die  leerem  Formalismus 
abholde  Auffassung  seines  richterlichen  Berufes,  sein  klarer  und  gesunder 
Verstand,  sein  unbestechlicher  Gerechtigkeitssinn  liessen  ihn  als  einen  der 
hervorragendsten  Richter  des  Landes  erscheinen,  dessen  Beispiel  und  Leitung 
von  Bedeutung  fur  die  Rechtsprechung  des  Gerichtshofes  war,  an  dem  er  so 
lange  eine  hervorragende  Thatigkeit  entfaltete.  Durch  den  hellen  Blick  und 
die  offene,  franke,  der  Derbheit  nicht  immer  entbehrende  Form  seines  Wesens, 
wie  sie  der  pfalzischen  Bevolkerung  eigenthtimlich  und  lieb  ist,  gewann  B. 
in  alien  Kreisen  der  Einwohnerschaft  der  verschiedenen  Landestheile,  in  denen 
er  amtlich  wirkte,  Vertrauen  und  Ansehen.  Sein  vielseitiges  Wissen,  sein 
Verstandniss  ftir  die  geistigen  und  wirthschaftlichen  Interessen,  seine  unab- 
hangige  politische  Gesinnung  und  seine  Vaterlandsliebe,  an  deren  Warme 
niemand  zweifelte,  wenn  er  sie  auch  nicht  in  auffalliger  Weise  zur  Schau 
trug,  hatte  schon  wahrend  seines  Aufenthaltes  zu  Villingen  die  Aufmerksamkeit 
seiner  Mitbiirger  auf  ihn  gelenkt,  welche  ihn  zu  ihrem  Vertreter  im  Landtag 
erwahlten.  Zu  wiederholten  Malen  gehorte  er  fernerhin  als  Abgeordneter 
seiner  Vaterstadt  Mannheim  der  zweiten  Kammer  an,  in  welcher  er  sich  der 
nationalliberalen  Fraktion  anschloss,  deren  Programm  nach  den  beiden  in 
ihrem  Namen  vereinigten  Beziehungen  seinen  politischen  Ueberzeugungen 
entsprach.  Eine  hervorragende  Thatigkeit  entfaltete  B.  insbesondere  wahrend 
des  Landtages,  dem  die  Aufgabe  gestellt  war,  das  Einfiihrungsgesetz  zu  den 
Reichsjustizgesetzen  ftir  Baden  zu  berathen.  Es  war  —  wie  ein  competenter 
Beurtheiler  sagt  —  »hauptsachlich  mit  sein  personliches  Verdienst,  als  einer 
der  Kommissionsberichterstatter,  diejenige  LCsung  herbeigeflihrt  zu  haben, 
welche  die  praktische  Anwendung  des  in  Hinkunft  geltenden  Rechtes  wesent- 
lich  erleichtert  und  das  Vertrauen  der  Bevolkerung  in  die  Forterhaltung 
einer  constanten  Rechtsprechung  vor  jeder  unliebsamen.  Erschtitterung  be- 
wahrt  hat«. 

B.  war  dem  protestantischen  Bekenntnisse  treu  ergeben,  dessen  freiere 
Richtung  seiner  Sinnesart  entsprach,  die  ihm  auch  jede  Art  von  Unduldsam- 
keit  gegen  Andersglaubige  verbot.  Seine  Glaubensgenossen  ehrten  ihn  wieder- 
holt  durch  Wahl  zum  Kirchenaltesten  und  zum  Mitglied   der  Generalsynode. 

Im  Jahre  1852  vermahlte  sich  B,  mit  Maria  Eisenlohr  aus  Durlach.  Sein 
Sohn  Ernst  ist  Rechtsanwalt  und  Mitglied  des  Reichstages. 

Quellen:  Dienstakten,  Karlsruher  Zeitung  1897,  No.  470. 

F,  v.  Weech. 


ten  Brink,     von  Regenauer.  281 

ten  Brink,  Karl,  Fabrikant,  *  am  20.  Januar  1827  in  Courcelles  sur  Aire 
(Dep.  Meuse),  f  in  Arlen  bei  Singen  (Baden)  am  3.  December  1897.  —  In 
der  Schule  von  Bar  le  Due,  in  dem  Gymnasium  von  Saarbriicken  und  dem 
Polytechnikum  von  Karlsruhe  vorbereitet,  erwarb  ten  B.  sich  die  erforderlichen 
technischen  Kenntnisse  in  den  Maschinenfabriken  von  Farcot  und  von  Cail 
in  Paris  und  wurde  am  Ende  der  i84oer  Jahre  Vorstand  der  Eisenbahnwerk- 
statte  der  franzosischen  Ostbahn  in  Montigny.  1861  trat  er  als  Theilhaber 
und  Leiter  in  die  Spinnerei  und  Weberei  Arlen  ein,  welche  unter  seiner  Ge- 
schaftsfiihrung  einen  grossarrigen  Aufschwung  nahm.  Sie  hat  heute  65000  Spin- 
deln  und  850  Websttihle  im  Betrieb  und  beschaftigt  1300  Arbeiter.  Seine 
Erfindung  der  kohlenersparenden  Feuerung,  welche  der  Flamme  an  den  rich- 
tigen  Stellen  Luft  und  zwar  nur  so  viel  Luft  zufuhrt,  als  zur  grossten  Warme- 
entwickelung  zweckmassig  ist,  die  er  zuerst  bei  den  Lokomotiven  anwandte, 
wurde  nun  auch  hier  eingeflihrt  und  fand  durch  sein  Entgegenkommen  weite 
Verbreitung  bei  stehenden  Kesselanlagen.  Er  ersann  auch  Einrichtungen  zur 
Einfuhrung  frischer  Luft  mit  dem  nothigen  Wassergehalt  in  die  Spinn-  und 
Websale.  Neben  dem  Aufschwung  seiner  Fabrikation  lag  ten  B.  die  Wohl- 
fahrt  seiner  Arbeiter  sehr  am  Herzen.  In  Erganzung  der  durch  die  Reichs- 
gesetzgebung  geschaffenen  Einrichtungen  war  er  nach  den  verschiedensten 
Richtungen  bedacht,  fur  die  Gesundheit  und  Bildung  seiner  Arbeiter  zu  sorgen. 
In  Kochanstalten  werden  nicht  nur  zu  billigen  Preisen  einfache  Mahlzeiten 
bereitet,  sondern  die  Arbeiterfrauen  und  -Tochter  finden  auch  Gelegenheit, 
die  Fiihrung  einer  einfachen  Kilche  zu  erlernen.  In  einer  kleinen  Schrift 
»Ueber  die  Ernahrung  des  Volkes.  Ftir  meine  Arbeiter  geschrieben«  erlau- 
terte  er  die  dabei  von  ihm  angestrebten  Ziele.  Flir  die  Arbeiter  Hess  er 
kleine  Wohnhauser  —  nicht  in  Form  von  Kolonien,  sondern  mitten  unter 
den  Dorfhausern  —  erbauen,  welche  um  billigen  Preis  an  die  Arbeiter  gegen 
allmahliche  Abzahlung  verkauft  werden.  Kinderschulen,  Heimstatten  flir 
Madchen,  ein  nach  alien  Regeln  der  Antisepsis  eingerichtetes  Krankenhaus, 
ein  Sanatorium,  in  welchem  auch  andere  unbemittelte  Kranke  Aufnahme 
finden,  hat  er  im  Laufe  der  Zeit  in's  Leben  gerufen  und  reich  dotirt.  Ebenso 
Ersparnisskassen,  in  welche  fur  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  nach  5Jahriger 
Dienstzeit  jahrlich  Gratifikationen  eingelegt  werden,  die  mit  den  Dienstjahren 
wachsen  und  mit  Zinseszins  allmahlich  ansehnliche  Betrage  erreichen.  Bei 
den  von  ihm  getibten  Werken  der  Wohlthatigkeit  verband  sich  ein  klihl  be- 
rechnender,  Utopien  und  Ueberschwanglichkeiten  abholder  Verstand,  ein 
tiberaus  scharfer  Blick  flir  das  Praktische  mit  einer  auf  tiefer  Religiositat  be- 
ruhenden  Nachstenliebe,  mit  edler  Herzensgiite  und  einer  Energie,  die  das 
einmal  fur  richtig  Erkannte  mit  einer  vor  keinem  Hinderniss  zuriickweichenden 
Consequenz  zur  Ausftihrung  brachte. 

Quelle:  Bericht  Uber  einen  Vortrag  des  Oberbauraths  Gross  in  Esslingen.  Beilage 
zur  Badischen  Landeszeitung  1898,  No.  15. 

F.  v.  Weech. 

von  Regenauer,  Eugen,  President  der  Generalintendanz  der  Grossh. 
Bad.  Civilliste,  *  am  11.  Juni  1824  in  Karlsruhe,  f  am  6.  December  1897 
daselbst.  —  Sohn  des  Grossherzogl.  Staatsrathes,  spateren  Finanzministers 
Regenauer,  machte  R.  seine  Studien  auf  dem  Lyceum  zu  Karlsruhe,  von 
1842 — 1846  auf  den  Universitaten  Heidelberg  und  Munchen.  Im  Herbst 
1847  bestand    er    die  Staatsprtifung    und  wurde    mit  dem  Pradikat   »gut  be- 


282  von  Regenauer. 

fahigU  unter  die  Zahl  der  Kameralpraktikanten  aufgenommen.  Seine  erste 
Anstellung  fand  R.  als  Hauptzollamtsgehilfe  in  Mannheim,  wo  er  sich  von 
seinem  Vorgesetzten  das  Zeugniss  erwarb,  dass  er,  ein  fleissiger,  wissenschaft- 
lich  gebildeter,  intelligenter  junger  Mann,  schon  nach  Jahresfrist  so  viel  wie 
andere,  die  schon  Jahre  lang  im  Zollwesen  beschaftigt  sind,  leiste.  Beson- 
ders  wurde  seine  erspriessliche  Thatigkeit  im  neuen  Rheinhafen  wahrend  des 
mehrtagigen  Kampfes  zwischen  dem  Kgl.  preussischen  Militair  zu  Ludwigs- 
hafen  und  den  Aufstandischen  zu  Mannheim  im  Jahre  1849  anerkannt.  Im 
August  1849  zum  Assistenten  bei  dem  gleichen  Zollamt  ernannt,  wurde  er 
im  October  zum  Hauptsteueramt  in  Altbreisach  versetzt,  im  November  1850 
zum  Assistenten  im  Secretariat  der  Zolldirection  beftirdert  und  ein  Jahr 
spater  in  gleicher  Stellung  in  das  Finanzministerium  berufen.  Von  da  ging 
er  im  Mai  1852  als  Referent  mit  Sitz  und  Stimme  in  das  Collegium  der 
Zolldirection  tiber,  in  welchem  er  1853  Assessor,  1856  Finanzrath  wurde. 
Im  Januar  1857  zum  Ministerialrath  mit  dem  Titel  Legationsrath  beim 
Ministerium  des  Grossh.  Hauses  und  der  auswartigen  Angelegenheiten  er- 
nannt, wurde  er  im  Juni  i860  als  Ministerialrath  in  das  Finanzministerium 
versetzt.  1868  wurde  er  Mitglied  der  Ministerial  -  Commission  fiir  die  neue 
Katastrirung  der  landwirthschaftlichen  Gebaude. 

Im  October  1870  zum  Steuerdirektor  befordert,  wurde  R.  noch  im 
gleichen  Monat  durch  den  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes  an  Stelle  des 
Geheimraths  v.  Lessing  zur  Uebernahme  der  Leitung  der  Verwaltung  der 
indirekten  Steuern  und  des  Zollwesens  im  Elsass  berufen,  wo  er  sein  be- 
deutendes  Organisationstalent  in  aufopfernder  Thatigkeit  so  erfolgreich  be- 
wahrte,  dass  die  Verwaltung  von  Elsass  -  Lothringen  seine  hervorragende 
Arbeitskraft  dauernd  sich  zu  erhalten  wlinschte.  R.  aber,  der,  so  erfreulich 
und  erhebend  ihm  die  Wirksamkeit  in  dem  wiedergewonnenen  Reichslande 
war,  es  in  erster  Reihe  fiir  seine  Pflicht  hielt,  seine  Dienste  dem  ihm 
tiber  alles  theuren  Heimathlande  zu  widmen,  lehnte  die  an  ihn  ergangene  Auf- 
forderung  ab  und  kehrte  nach  iy^jahrigem  Aufenthalte  in  Strasssburg  wieder 
in  seine  Stellung  als  Steuerdirektor  in  Karlsruhe  zuriick,  in  welcher  er  bis  zum 
September  1880  verblieb.  Zu  dieser  Zeit  wurde  er  durch  das  Vertrauen 
des  Grossherzogs  von  Baden  als  President  der  General -Intendanz  der  Gross- 
herzoglichen  Civilliste  an  die  Spitze  der  Hofverwaltung  berufen  und  bewahrte 
auch  in  dieser  Stellung,  in  welcher  manche  Schwierigkeiten  zu  tiberwinden, 
manche  Frictionen  auszugleichen  waren,  sein  Verwaltungs-  und  Finanztalent 
und  seine  unermtidliche  Arbeitskraft.  Die  Vielseitigkeit  der  ihm  obliegenden 
Geschafte  konnte  nur  ein  Mann  beherrschen,  der  mit  einer  strengen  Ge- 
wissenhaftigkeit  und  einem  jede  Rticksicht  auf  sein  personliches  Befinden 
ausser  Acht  lassenden  Pflichtgefuhle  eine  klare  Einsicht  in  alle  Lebensver- 
haltnisse  und  ein  stets  reges  Wohlwollen  verband.  Die  Anerkennung,  die 
ihm  sein  Flirst  bei  manchen  Anlassen  zollte,  wurde  ihm  mit  vollem  Rechte 
auch  im  Mai  1890  zu  Theil,  nachdem  er  vom  Abgang  des  Hoftheater- 
Intendanten  Gustav  zu  Putlitz  bis  zum  Dienstantritt  des  neuen  Intendanten 
Dr.  Burklin  mit  der  Oberleitung  der  Hofbiihne  betraut  gewesen  war.  In 
seiner  amtlichen  Stellung  verstand  R.  es  ganz  vortrefflich,  die  ihm  anvertraute 
Wahrung  der  finanziellen  Interessen  des  Grossherzogs  und  seines  Hauses  mit 
den  stets  der  offentlichen  Wohlfahrt  zugewandten  Wlinschen  seines  Herrn, 
mit  den  vielen  Verpflichtungen,  die  dem  Landesherrn  sein  hoher  fiirstlicher 
Beruf  auferlegt,  mit  der  Freigebigkeit  des  Grossherzogs  und  der  Grossherzogin 


von  Regenauer.     Gemebl.  28L3 

auf  alien  Gebieten  des  Lebens  zu  vereinigen.  Gtitig  und  wohlwollend  gegen 
Jedermann,  voll  warmer  Fiirsorge  ftir  die  Armen,  ist  er  Vielen  ein  Wohl- 
thater  gewesen,  dessen  Andenken  in  dankbaren  Herzen   fortlebt. 

R.  gehorte  seit  1861  den  Verwaltungs  -  und  Aufsichtsorganen  der  All- 
gemeinen  Versorgungsanstalt  im  Grossherzogthum  Baden,  einer  gemein- 
niitzigen,  auf  Gegenseitigkeit  beruhenden  Gesellschaft,  welche  Lebensver- 
sicherung,  Rentengeschafte,  Darlehen  auf  Annuitaten  u.  dgl.  zum  Gegenstand 
ihrer  Thatigkeit  macht,  an  und  stand  von  1879  ^s  zu  seinem  Tode  an  der 
Spitze  der  Anstaltsleitung.  Er  war  auch  Mitglied  des  Aufsichtsrathes  der 
Rheinischen  Hypothekenbank  in  Mannheim. 

Seinem  Landesflirsten  in  unverbrlichlicher  Hingebung  dienend,  wie  er 
dem  Staate  seine  ganze  Kraft  widmete,  ein  deutscher  Patriot,  der  sich  gliick- 
lich  schatzte,  die  Grundung  und  Erstarkung  des  Reiches  erleben  zu  diirfen, 
war  er  auch  ein  glaubiger  Katholik  und  hielt  fest  und  streng  an  den  Satzun- 
gen  seiner  Kirche,  jedoch  ohne  sich  der  Richtung  anzuschliessen,  welche 
das  Glaubensbekenntniss  zur  Grundlage  einer  politischen  Parteibildung  ge- 
macht  hat.  Im  personlichen  Verkehr  war  er  von  herzgewinnender  Liebens- 
wtirdigkeit.  Im  Jahre  1885  wurde  R.  vom  Grossherzog  durch  Verleihung 
des  erblichen  Adels,  1888  durch  Ernennung  zum  Wirklichen  Geheimen  Rath 
mit  dem  Pradikat  Excellenz  ausgezeichnet.  —  1854  vermahlte  er  sich  mit 
Anna  Heine,  Tochter  des  Hofraths  Dr.  Heine  in  Kannstadt.  Aus  dieser  Ehe 
entstammen  ein  Sohn,  der  mit  Hinterlassung  eines  Knaben  noch  zu  des 
Vaters  Lebzeiten  starb,  und  eine  mit  dem  Professor  der  Geschichte  an  der 
Universitat  Miinchen  Dr.  Grauert  vermahlte  Tochter. 

Ein  schweres  und  schmerzhaftes  Leiden  triibte  seine  letzten  Lebensjahre 
und  zwang  ihn,  nachdem  er,  so  lange  es  seine  Krafte  gestatteten,  seinem 
Amte  vorgestanden,  seine  Versetzung  in  den  Ruhestand  zu  erbitten,  die  am 
2.  Januar  1897  erfolgte.  Nach  scheinbarer  Erholung  erlag  er  unerwartet 
einem  Schlaganfall  am  6.  December  des  gleichen  Jahres. 

Quellen:  Dienstakten,  Karlsruher  Zeitung  1897,  No.  521. 

F.  v.  Weech. 

Gemehl,  Berthold,  Generalmajor,  *  am  24.  October  1832  zu  Bruchsal, 
f  am  28.  Marz  1897  zu  Karlsruhe.  —  Als  Studirender  der  Jurisprudenz  trat 
G.  1859,  als  der  Ausbruch  eines  Krieges  mit  Frankreich  drohte,  in  das  Heer, 
wurde  nach  kurzer  militarischer  Ausbildung  zum  Lieutenant  ernannt  und 
blieb,  auch  nachdem  die  Kriegsgefahr  geschwunden  war,  in  der  militarischen 
Laufbahn.  1866  zum  Oberlieutenant  und  Regimentsadjutanten  im  badischen 
Leibgrenadier-Regiment  in  wrelcher  Stellung  er  den  kurzen  Feldzug  dieses  Jahres 
mitmachte,  befordert,  erhielt  er  1870  die  Ftihrung  der  7.  Kompagnie,  wurde 
am  18.  December  bei  Nuits  leicht,  am  18.  December  bei  dem  Angriff  auf 
die  Ferme  la  Berch£re  schwer  verwundet,  womit  seine  Theilnahme  am  Kriege 
ihr  Ende  erreichte.  Im  Februar  187 1  zum  Hauptmann  befordert,  trat  G., 
in  Folge  seiner  Verwundung  zum  aktiven  Dienst  nicht  mehr  geeignet,  als 
Adjutant  zum  Kommando  des  badischen  Gendarmeriecorps  liber,  wurde  1875 
zum  Kommandanten  des  2.  Gendarmeriedistrikts  in  Freiburg  ernannt,  1880 
zum  Major,  1889  zum  Oberstlieutenant,  1891  zum  Obersten  und  Komman- 
deur  des  Gendarmeriecorps,  1895  zum  Generalmajor  befordert.  Er  genoss 
die  hohe  Achtung  seiner  Kameraden,  die  Liebe  und  Verehrung  seiner  Unter- 
gebcnen. 


284  StttUcl.     N.  Diez.     J,  Ch.  Diez, 

StSlzel,  Otto,  Generalmajor,  *  am  13.  Januar  18 13  zu  Offenburg,  f  am 

17.  Marz  1897  zu  Karlsruhe.  —  Im  badischen  Kadettenhaus  als  Sohn  eines 
Gendarmerie -Rittmeisters  erzogen,  wurde  er  1841  Lieutenant,  1847  Ober- 
lieutenant,  1855  Hauptmann,  1859  erster  Adjutant  beim  Gouvernement  Ra- 
statt,  1864  Major.  In  dieser  Stellung  machte  St.  den  Krieg  von  1866  mit, 
1870  als  Obersdieutenant  zum  Kommandeur  des  aus  Landwehrtruppen  ge- 
bildeten  Besatzungsregiments  in  Rastatt  ernannt,   wurde  er  an  Stelle  des  am 

18.  December  bei  Nuits  gefallenen  Obersten  v.  Renz  zum  Obersten  und  Kom- 
mandeur des  2.  Infanterie-Regiments  befordert  und  machte  als  soldier  die 
Kampfe  an  der  Lisaine  mit.  187 1  trat  er  in  dieser  Stellung  in  die  konigl. 
preuss.  Armee  iiber.  1873  erhielt  er  den  erbetenen  Abschied  aus  dem  aktiven 
Dienst.  1875  wurde  er  zum  Kommandeur  des  badischen  Gendarmeriecorps 
ernannt,  welche  Stellung  er,  zum  Generalmajor  befordert,  inne  hatte,  bis  ihn 
zunehmende  korperliche  Leiden  1891  zwangen,  in  den  Ruhestand  zu  treten.  Er 
war  als  tlichtiger  und  kenntnissreicher  Officier  und  lauterer  Charakter  allgemein 
hochgeschatzt. 

Diez,  Nikodemus,  katholischer  Pfarrer  in  Stockach  (Baden),  *  zu  Katten- 
horn  am  Bodensee  am  10.  October  1806,  f  am  3.  Januar  1897  zu  Stockach. 
—  Armer  Rebleute  Sohn,  kam  D.  erst  im  Alter  von  18  Jahren  an  das 
Gymnasium  in  Konstanz  und  fristete  sein  Leben  durch  Stundengeben  an  jiin- 
gere  Schuler  und  durch  Untersttitzungen  wohlgesinnter  Geistlicher  (darunter 
des  Bisthumsverwesers  v.  Wessenberg  und  des  spateren  Freiburger  Erzbischofs 
v.  Vicari)  und  Konstanzer  Burger.  Seine  weitere  Vorbereitung  erhielt  er  an 
der  Universitat  Freiburg  und  dem  dortigen  Priesterseminar.  1834  empfing 
er  die  Priesterweihe,  und  er  hatte  das  GlUck,  1894  den  60.  Jahrestag  der- 
selben  in  voller  RUstigkeit  zu  feiern.  Nach  dreizehnjahrigem  Wirken  als 
Vicar  und  einjahrigem  als  Pfarrverweser  wurde  D.  1847  Kaplan  in  Villingen 
und  Vorstand  der  dortigen  hoheren  Btirgerschule.  Mit  grosser  Entschieden- 
heit  trat  er  in  den  Jahren  1848/49  der  revolutionaren  Bewegung  entgegen 
und  gewann  dadurch  das  Vertrauen  der  Civil-  und  Militarbehorden,  welches 
ihm  moglich  machte,  seinen  Einfluss  zu  Gunsten  der  Villinger  Burgerschaft 
geltend  zu  machen,  als  die  Reaction  hereinbrach.  1850  wurde  D.  Pfarrer 
in  Nenzingen,  das  er  1866  mit  Stockach  vertauschte,  wo  er  von  nun  an 
bis  an  sein  Lebensende  segensreich  wirkte.  D.  war  ein  Priester,  der  im 
Wessenberg' schen  Geiste  seines  Amtes  waltete,  sich  aber  doch  nie  in  direk- 
ten  Gegensatz  zu  dem  Kirchenregiment  stellte.  Fiir  Schule,  Krankenpflege 
und  Armenfiirsorge  bewies  er  stets  ein  thatkraftiges  Interesse.  Vom  politi- 
schen  Leben  hielt  er  sich  grundsatzlich  fern.  Er  genoss  Vertrauen  und  Liebe 
seiner  Pfarrkinder  und  hohes  Ansehen  in  weiten  Kreisen  und  wurde  auch 
vom  Grossherzog  mehrfach  ausgezeichnet.  Als  er  im  91.  Lebensjahre  sich 
entschlossen  hatte,  seine  Zuruhesetzung  zu  erbitten  und  sich  eben  anschickte, 
das  Pfarrhaus,  in  dem  er  dreissig  Jahre  lang  gehaust,  mit  einer  Privatwohnung 
zu  vertauschen,  nahm  ihn  nach  kurzer  Krankheit  ein  sanfter  Tod  hinweg. 

Diez,  Johann  Christoph,  katholischer  Pfarrer  in  WalldUrn  (Baden),  *  am 
11.  August  1826  zu  Kupprichhausen  im  badischen  Bezirksamt  Tauber- 
bischofsheim ,  f  am  12.  Februar  1897  in  Walldtirn.  —  Sohn  von  Bauers- 
leuten  wahlte  D.  aus  eigenem  Antrieb  und  aus  Liebe  zum  geistlichen  Stand 
im  19.  Lebensjahre  1845    ^as  Studium    und  Uberwand    durch    grossen  Fleiss 


J.  Ch.  Dieti.     Degcn.     Kraft*.  285 

alle  Schwierigkeiten,  so  dass  er  nach  zehn  Jahren  1855  die  Priesterweihe  er- 
langen  konnte.  Von  1864  an  wirkte  er  zuerst  als  Pfarrverweser,  seit  1867  ^s 
Stadtpfarrer  an  dem  Wallfahrtsorte  Walldlirn.  Als  im  Kriege  von  1866  die 
Cholera  ausbrach,  erwarb  er  sich  um  die  Krankenpflege  grosse  Verdienste. 
Wahrend  vieler  Jahre  war  er  Abgeordneter  zur  Kreisversammlung,  seit  1872 
Dekan  des  Landkapitels  Walldlirn,  tiber  32  Jahre  stand  er  dem  dortigen 
Armenkinderhaus  vor,  mit  besonderer  Vorliebe  war  er  in  der  Krankenseel- 
sorge  th&tig.  Um  den  Wallfahrtsort  erwarb  D.  sich  grosse  Verdienste,  nament- 
lich  auch  durch  die  geschmackvolle  Restauration  der  Wallfahrtskirche,  wozu 
die  sehr  bedeutenden  Geldmittel  zum  grossen  Theile  durch  seine  Bemtihungen 
zusammengebracht  wurden. 


Degen,  Ludwig,  kathol.  Pfarrer  in  Konstanz,  *  zu  Engen  in  Baden  am 
9.  August  1839,  f  zu  Konstanz  am  28.  Februar  1897,  studirte  in  Konstanz 
und  Freiburg,  wurde  1863  zum  Priester  geweiht,  war  von  1864  bis  1872 
Cooperator  und  Pfarrverweser  in  Karlsruhe  und  —  da  die  wahrend  des  sog. 
Kulturkampfes  erlassene  Verordnung  tiber  das  Staatsexamen  der  Geistlichen 
seine  definitive  Anstellung  verzogerte  —  gleichfalls  in  der  Eigenschaft  als  Pfarr- 
verweser bis  1883  in  Giiesheim  bei  Offenburg,  Furtwangen  und  Bruchsal. 
1883  wurde  er  Stadtpfarrer  in  Bruchsal,  1894  Stadtpfarrer  von  St.  Stephan 
in  Konstanz.  Er  war  ein  sehr  untenichteter  und  eifriger  Priester.  Mit 
grosser  Energie  besorgte  er,  als  den  Altkatholiken  in  Furtwangen  der  Mit- 
gebrauch  der  Pfarrkirche  zugesprochen  wurde,  welchen  die  Kirchenbehorde 
fur  unzulassig  erklarte,  den  Bau  einer  Nothkirche  fur  die  Rtimisch  -  Katholi- 
schen,  deren  festes  Zusammenhalten  er  im  Kampfe  mit  vielen  Schwierig- 
keiten  durchsetzte.  Eine  kurze  schwere  Krankheit  setzte  seinem  Leben  ein 
frlihes  Ziel. 


Krafft,  Wilhelm,  Ludwig,  Consistorialrath,  Professor  Dr.  theol.,  *  am 
8.  Sept.  182 1  in  Koln,  f  7.  Januar  1897  zu  Bonn.  —  Nach  vollendetem 
18.  Jahre  trat  er  1839  *n  Bonn  das  Studium  der  Theologie  an,  um  es  bis 
1844  in  Berlin  zum  vorlaufigen  akademischen  Abschluss  zu  bringen.  Von 
da  ftihrte  ihn  eine  wissenschaftliche  Studienreise  nach  dem  heiligen  Lande  — 
damals  ein  noch  recht  umstandliches  Unternehmen.  Aus  ihr  ging  seine 
Jugendschrift  liber  »Die  Topographie  Jerusalems«  1846  hervor,  mit  der  er 
zugleich  in  Bonn  als  Dozent  der  Theologie  sich  habilitirte.  1850  wurde  er 
zum  ausserordentiichen  Professor  ernannt,  die  Beforderung  zum  Ordinarius 
folgte  erst  nach  9  Jahren.  Auch  Albrecht  Ritschl,  der  ein  Jahr  jtlnger  als 
K.  1853  als  Extraordinarius  ihm  zur  Seite  trat,  hat  bis  i860  dort  auf  die 
ordentliche  Professur  warten  mtissen.  Im  Jahre  1854  Hess  K.  den  ersten 
Band  seines  weitangelegten  Werkes:  »Die  Kirchengeschichte  der  germanischen 
Volker*  erscheinen.  Es  ist  leider  bei  diesem  ersten  Theile,  von  den  »An- 
fangen  der  christlichen  Kirche  bei  den  Germanen«,  verblieben.  Erst  in  den 
letzten  Jahren  hat  Hauck  in  seiner  »  Kirchengeschichte  Deutschlands«  dasselbe 
Gebiet  von  Grund  aus  und  in  durchaus  selbstandiger  Durchfiihrung  zur  Dar- 
stellung  gebracht.  Nach  einer  Monographie  tiber  »Karl  Ktipper,  ein  Lebens- 
bild  aus  der  rheinischen  Kirche«  (i860)  trat  K.  erst  wieder  1876  mit  einem 


286  Krafft     MUller. 

gemeinsam  mit  seinem  Bruder  Karl  bearbeiteten  Sammelwerk:  »Briefe  und 
Documente  aus  der  Zeit  der  Reformation*  vor  der  Oeffentliehkeit  hervor. 
Daran  schloss  sich  im  Lutherjahre  1883  die  gediegene  Studie  tiber  »Die 
deutsche  Bibel  vor  Luther«,  in  der  er  sich  ebenso  als  grlindlichen  Kenner 
wie  als  objectiv-niichternen  Beurtheiler  der  romischerseits  vielfach  recht  ten- 
denzios  verarbeiteten  Materialien  aufs  neue  bethatigte.  Die  1886  publicirte 
»Geschichte  der  Martyrer  der  evangelischen  Kirche  Adolph  Clarenbach  und 
Peter  Fliesteden«  (1529  in  Koln  verbrannt),  die  ich  auch  als  sein  Werk  ver- 
zeichnet  fand,  stammt  jedoch  aus  der  Feder  seines  Bruders  Karl,  der  sich 
—  abgesehen  von  seiner  Mitarbeit  an  den  obengenannten  »Briefen  und  Do- 
cumenten  aus  der  Zeit  der  Reformation  «  —  als  hervorragender  Mitbegriinder 
des  Bergischen  Geschichtsvereins  und  des  Bonner  wissenschaftlichen  Prediger- 
vereins  sowie  der  Evangelischen  Bundesorganisation  im  Wupperthal  ein  hoch- 
geachtetes  Andenken  in  den  Rheinlanden  gesichert  hat.  Seit  1881  war 
K.  Mitglied  des  Consistoriums  der  Rheinprovinz,  nachdem  schon  Jahrzehnte 
zuvor  die  Leitung  des  evangelisch-theologischen  Seminars  in  Bonn  seiner 
treuen  Hand  anvertraut  war.  So  wird  bei  ungezahlten  rheinischen  Geistlichen 
das  Gedachtniss  des  Brtiderpaares,  insbesondere  des  »alten  Krafft«  in  Bonn 
fiir  lange  Zeit  unvergessen  bleiben. 

Kohlschmidt. 


MUller,  Ferdinand  Gottlob  Jacob  (von),  evangelischer  Theologe,  *  am 
9.  Juni  1 8 16  zu  Winnenden  (im  wurttembergischen  Oberamt  Waiblingen), 
f  am  2.  Februar  1897  zu  Stuttgart.  —  M.'s  Vater  war  Besitzer  einer  Kunst- 
und  Schonfarberei  in  Winnenden,  und  in  der  Lateinschule  dieser  Stadt 
empfing  der  Knabe  seinen  ersten  Unterricht.  Dann  wurde  er  in  Blaubeuren 
auf  das  sog.  Landexamen  vorbereitet,  nach  dessen  Erstehung  er  4  Jahre  lang 
das  niedere  Seminar  Urach  besuchte.  Herbst  1834  begann  er  als  Z6gling 
des  Tiibinger  Stifts  seine  theologischen  Studien,  die  er  Herbst  1838  durch 
die  erste  Dienstprtifung  mit  glanzendem  Ergebniss  zum  Abschluss  brachte. 
Nach  zweijahriger  Vikariatszeit  in  MGssingen  (Oberamt  Rottenburg)  unternahm 
er  eine  einjahrige  Bildungsreise  nach  Norddeutschland,  Holland,  Schweden; 
in  den  Universitatsstadten  Bonn  und  Berlin  hielt  er  sich  langere  Zeit  auf  und 
horte  in  letzterer  Vorlesungen  Schelling's.  Februar  1842  in  die  Heimath 
zurtickgekehrt,  fand  er  zunachst  wieder  im  praktischen  Kirchendienste  provi- 
sorische  Verwendung  und  versah  dann  von  Juli  1843  bis  September  1845 
die  Stelle  eines  Repetenten  am  Tiibinger  Stift.  1844  erhielt  er  in  der  zweiten 
theologischen  Dienstprtifung  die  hochste  Note.  Von  Stuttgart  aus,  wo  er 
vortibergehend  Stadtvikar  war,  wurde  er  vom  Ftirsten  von  Hohenlohe-Langen- 
burg  als  Patronatsherrn  zum  Stadtpfarrer  von  Langenburg  ernannt.  December 
1845  tibernahm  er  das  Amt,  das  er,  seit  1847  m^  ^er  Leitung  der  Diocese 
betraut  und  seit  1852  Dekan,  tiber  8  Jahre  segensreich  und  im  innigsten 
Verkehre  mit  der  ftirstlichen  Familie  verwaltete.  Einen  Ruf  auf  eine  ordent- 
liche  Professur  an  der  Universitat  Konigsberg  lehnte  er  ab,  da  er  praktische 
Wirksamkeit  einer  bedeutenden  wissenschaftlichen  Stellung,  der  er  tibrigens 
wohl  gewachsen  gewesen  ware,  vorzog.  Am  14.  Februar  1847  vermahlte  er 
sich  mit  Marie  Schelling,    einer  Tochter   des  Obermedicinalraths  Schelling  in 


MOller.     Nttrdlinger.  287 

Stuttgart  und  Nichte  des  Philosophen;  die  glUckliche,  mit  4  SOhnen  und 
4  TOchtern  gesegnete  Ehe  wurde  schon  1862  durch  den  Tod  der  Gattin  ge- 
lost.  1853  kam  M.  als  Garnisonpfarrer  nach  Stuttgart,  und  bald  begann  er 
in  der  Hauptstadt  eine  Wirksamkeit  im  grossen  Stile  zu  entfalten.  Zu  seinem 
Hauptamte  eignete  er  sich  vermoge  ausserer  und  innerer  Eigenschaften  vor- 
ztiglich.  Nachdem  er  1868  zum  Feldprobst  und  Pr&lat  ernannt  und  mit  der 
Inspection  und  Leitung  des  evangelischen  Feldprobstei-Sprengels  beauftragt 
worden  war,  traf  er  im  Krieg  1870/71  umfassende  Ftirsorge  ftir  die  geistliche 
Nahrung  der  im  Felde  stehenden  wiirttembergischen  Truppen.  Dann  gal  ten 
seine  Bemtihungen  der  Errichtung  einer  neuen  Garnisonkirche  in  Stuttgart 
statt  der  alten,  wenig  wttrdigen;  1874  wurde  der  Bau  beschlossen  und  1879 
das  stattliche,  im  romanischen  Stil  aufgeftihrte  Gotteshaus  eingeweiht.  Wie 
als  Prediger  und  Seelsorger  entfaltete  er  auch  eine  erspriessliche  Thatigkeit 
als  religioser  Lehrer  sowohl  fiir  die  Jugend  als  ftir  die  Erwachsenen  durch 
Kinderlehre,  Confirmandenunterricht,  abendliche  Versammlungsstunden ;  eine 
Zeit  lang  ertheilte  er  auch  Religionsunterricht  an  der  Oberrealschule  und  am 
Polytechnikum.  Schon  1855  in  die  theologische  Prtifungscommission  des 
k.  evangelischen  Consistoriums  berufen,  wurde  er  1861  als  Oberconsistorial- 
rath  Mitglied  dieser  Behorde  und  betheiligte  sich  Jahrzehnte  lang  mit  Energie 
am  wiirttembergischen  Kirchenregimente.  Namentlich  stellte  er  seine  organi- 
satorischen  Talente  in  den  Dienst  des  hoheren  Madchenschulwesens.  1877 
tibernahm  er  die  Vorstandschaft  der  hierfilr  neugeschaffenen  Commission, 
nachdem  er  bereits  1865  Commissar  beim  k.  Catharinenstift  und  1873  bei 
dem  damals  gegrtindeten  Olgastift  geworden  war.  Eine  besonders  verdienst- 
liche  Schfipfung  M.'s  ist  das  mit  dem  Catharinenstift  in  Verbindung  stehende 
hOhere  Lehrerinnenseminar.  Neben  alien  amtlichen  Wiirden  und  Biirden  fand 
der  vielseitige  und  arbeitsfrohe  Mann  noch  Zeit  und  Lust,  am  Stuttgarter 
Vereins-  und  Armenwesen  den  regsten  und  thatkr&ftigsten  Antheil  zu  nehmen. 
Er  that  dies  im  engen  Bunde  mit  der  hochseligen  Konigin  Olga  von  Wurttem- 
berg,  deren  voiles  Vertrauen  und  hohe  Gunst  er  bis  an  ihren  Tod  ge- 
noss.  Ende  1895  beschloss  M.,  dessen  Korperkrafte  erschopft  waren,  seine 
offentliche  Wirksamkeit,  der  es  an  Anerkennungen  und  Belohnungen  aller  Art 
nicht  gefehlt  hat.  Eine  langere  Leidenszeit  erwartete  ihn  nun,  so  dass  der 
Tod  als  ein  Erloser  erschien.  M.  war  kein  pietistischer  Eiferer,  aber  ein 
fester  und  (iberzeugter  Christ  von  wtirdevollem  Ernste  im  Wesen,  daneben 
von  weltm&nnischer  Gewandtheit  im  Auftreten. 

Nach  dem  ausfUhrlichen  Nekrolog  in  der  Schwabischen  Kronik  vom  13.  Marz  1897 
(Sonntagsbeilage)  and  17.  Marz  1897  (Mittwochsbeilage). 

Rudolf  Krauss. 

Nttrdlinger,  Hermann  (von),  Dr.,  Oberforstrath  und  Professor,  *am  13.  Au« 
gust  1 818  zu  Stuttgart,  f  am  19.  Januar  1897  zu  Ludwigsburg,  —  Der  Vater 
N.'s,  Oberfinanzrath  Julius  N.,  war  im  wiirttembergischen  Finanzministerium  lang- 
jahriger  Referent  ftir  Forstwesen,  so  dass  der  Knabe  schon  friihzeitig  Gelegen- 
heit  hatte,  sich  ftir  seinen  ktinftigen  Beruf  zu  interessiren.  Nachdem  er  das 
Stuttgarter  Gymnasium  besucht,  auf  der  dortigen  polytechnischen  Schule  seine 
mathematischen  Kenntnisse  vervollstandigt  und  sich  im  praktischen  Forstdienst 
etwas  umgesehen  hatte,  studirte  er  1838 — 1840  in  Tubingen,  wo  er  der 
Burschenschaft  angehtfrte,  Forst-  und  Naturwissenschaften,  und  1840/41  in 
Hohenheim  Forst-  und  Landwirthschaft,   war  1841/42  Praktikant  beim  Forst- 


288  NBrdlinger. 

amt  Bebenhausen  und  erstand  1842  das  Staatsexamen.  Alsbald  erhielt  er 
einen  Ruf  als  Professor  der  Forstwirthschaft  an  die  ficole  Rdgionale  d' Agri- 
culture de  Grand-Jouan  in  der  Bretagne  (Departement  Loire-Inferieure).  Ehe 
er  seine  neue  Stelle  antrat,  hielt  er  sich  ein  Semester  in  Nancy  zum  Besuche 
der  dortigen  Forstschule  und  kurze  Zeit  in  Paris  auf.  Von  Frtihjahr  1843 
bis  Herbst  1845  lehrte  N.  in  Grand-Jouan,  zugleich  seinen  franzosischen  Auf- 
enthalt  zu  wissenschafdichen  Reisen  im  Lande  benutzend.  Dann  (ibernahm 
er  die  zweite  forstwirthschaftliche  Professur  an  der  wiirttembergischen  Akademie 
Hohenheim.  Nachdem  er  hierauf  einige  Jahre  im  praktischen  Staatsforst- 
dienste  zu  Oberstenfeld,  Kirchheim  unter  Teck  und  Schorndorf  verbracht 
hatte,  kehrte  er  1855  als  erster  forstwirthschaftlicher  Professor  nach  Hohen- 
heim zurtick,  mit  welchem  Posten  die  Verwaltung  des  dortigen  Forstreviers 
verbunden  war.  Sein  Lehrauftrag  erstreckte  sich  auf  Forstbotanik,  Forstschutz, 
Forsteinrichtung  und  Staatsforstwirthschaftslehre.  In  den  beiden  erstgenannten 
von  ihm  bevorzugten  Fachern  leistete  er  besonders  Bedeutendes.  1866  erhielt 
er  den  Titel  eines  Forstraths.  An  der  Agitation  zu  Gunsten  der  Ruckver- 
legung  des  Forststudiums  nach  Tubingen  nahm  er  lebhaften  Antheil  und 
siedelte,  als  dieses  Ziel  erreicht  war,  1881  dorthin  als  ordentliches  Mitglied 
der  staatswissenschaftlichen  Facultat  liber.  1887  trat  er  vorgeriickten  Alters 
wegen  als  Oberforstrath  in  den  Ruhestand,  behielt  jedoch  noch  bis  1891 
einen  Theil  seines  Lehrauftrags  bei.  Seine  geistigen  Krafte  zerfielen  in  den 
letzten  Jahren,  und  er  fiel  schwerem  Siechthum  anheim;  ausserdem  triibte 
Familienungliick  seinen  Lebensabend.  Er  wurde  am  22.  Januar  1897  in 
Tubingen  mit  academischem  Geprange  zu  Grabe  getragen.  Auch  im  Leben 
hatte  er  Ehrungen  in  Fiille  erfahren.  Schon  1851  hatte  ihn  die  Tiibinger 
Hochschule  zum  naturwissenschaftlichen  Doctor  creirt.  Orden,  Mitglied- 
schaften  gelehrter  Gesellschaften  kamen  hinzu.  Er  war  ferner  langjahriger 
President  des  wiirttembergischen  Forstvereins  und  spielte  auf  den  Versamm- 
lungen  deutscher  Forstmanner,  die  ihm  wiederholt  den  Vorsitz  tibertrugen, 
eine  Rolle.  N.  hat  eine  emsige  literarische  Thatigkeit  entfaltet.  Als  Frlichte 
seines  franzosischen  Aufenthaltes  erschienen  1845  »M£moire  sur  les  essences 
forestiferes  de  la  Bretagne«  und  1847  »Essai  sur  les  formations  gdologiques 
de  Grand-Jouan«.  Seine  deutschen  Werke  zerfallen  in  4  Gruppen.  1.  i860 
gab  er  »Die  technischen  Eigenschaften  der  Holzer«  heraus,  welches  Buch 
seinen  wissenschafdichen  Ruf  begriindet  hat.  Auf  diesem  Gebiete  wirkte  er 
bahnbrechend.  Bei  verhaltnissmassig  beschrankten  Mitteln  sammelte  und  be- 
arbeitete  er  mit  unermtidlichem  Fleiss  ein  grosses  Material.  Er  veroffent- 
lichte  mehrere  Sammlungen  von  Querschnitten  in-  und  auslandischer  Holzer, 
so  namentlich    »Querschnitte  von  500  Holzarten«    (1852  — 1888,    11  Bande). 

2.  Ebenso  Bedeutendes  leistete  er  im  Fache  der  Forstbotanik.  Hierher  ge- 
horen  folgende  Arbeiten:  »Der  Holzring  als  Grundlage  .des  Baumkorpers« 
(1871),  »Deutsche  Forstbotanik*  (1874/76,  2  Bande),  sein  umfassendes  Haupt- 
werk  auf  diesem  Feld,  »Anatomische  Merkmale  der  wichtigsten  deutschen 
Wald-  und  Gartenholzarten«  (1881),  »Die  gewerblichen  Eigenschaften  der 
H6lzer«  (1890),  eine  gedrangte  Zusammenfassung   seiner  bezliglichen  Studien. 

3.  Als  ausgezeichneten  Kenner  der  Entomologie  bewahrte  sich  N.  in  nach- 
stehenden  Schriften:  »Die  kleinen  Feinde  der  Landwirthschaft«  (1855,  2.Auf- 
lage  1869),  »Nachtrage  zu  Ratzeburg's  Forstinsecten  (Lebensweise  von  Forst- 
kerfen)«  (1856,  2.  Auflage  1*880),  »Die  Kenntniss  der  wichtigsten  kleinen 
Feinde    der  Landwirthschaft«    (1871,    2.  Auflage    1884).     4.    »Lehrbuch  des 


NtSrdlinger.     S&xinger.  289 

Forstschutzes«  (1884),  ein  stark  angefochtenes  Werk.  Ausserdem  gab  er 
i860— 1870  die  »Kritischen  Blatter  ftir  Forst-  und  JagdwissenschafU  heraus, 
deren  SpaJten  er  vorzugsweise  mit  eigenen  Artikeln  ftillte.  N.'s  grosse  wissen- 
schaftliche  Bedeutung  gehort  mehr  einer  vergangenen  Zeit  an,  und  seine 
Leistungen  sind  in  der  Gegenwart  bereits  (iberholt. 

Forstrath  Graner  in   Forstwissenschaftliches  Centralblatt  (Juni)  1897,   S.  291  —  297, 
Allgemeine  Forst-  und  Jagdzeitung  (Mai)  1897,  S.  182  f.,  Conversationslexica. 
Werke  u.  Schriften  s.  BOrsenbl.  f.  d.  deutschen  Buchhandel  1897,  No.  27. 

Rudolf  Krauss. 

S&xinger,  Johann  (von),  Dr.,  Gynakologe,  *  am  18.  Mai  1835  zu  Aussig 
in  Bohmen,  f  am  30.  Marz  1897  in  Tubingen.  —  Als  Sohn  eines  Arztes  fasste 
er  frtihzeitige  Neigung  zu  diesem  Beruf  und  studirte,  nachdem  er  die  Gym- 
nasien  zu  Schlackenwerth  und  Prag-Kleinseite  durchlaufen  hatte,  1854 — 1859 
Medicin  an  der  Prager  Universitat.  Dann  wurde  er  auf  verschiedenen  Ab- 
theilungen  des  dortigen  allgemeinen  Krankenhauses  Assistent,  spater  Secund&r- 
arzt  und  ging  schliesslich  als  Assistent  des  genialen  Gynakologen  Seyfert  an 
die  geburtshilfliche  Klinik  Uber.  Damals  machte  er  seinen  Namen  in  wissen- 
schafdichen  Kreisen  durch  zahlreiche  Publicationen  in  Fachzeitschriften  vor- 
theilhaft  bekannt.  1862  vermahlte  er  sich  mit  der  den  Gatten  Uberlebenden 
Rosa  Trinks  aus  Prag;  die  Ehe  blieb  kinderlos.  1866  wurde  er  Assistent  an 
der  geburtshilflichen  Klinik  fur  Aerzte.  Hier  erwarb  er  sich  reiche  Erfah- 
rung  und  grosse  technische  Gewandtheit  in  seinem  Fach  und  bildete  sich 
zum  beliebten  akademischen  Lehrer  aus.  Junge  wiirttembergische  Aerzte 
pflegten  sich  damals  nach  Beendigung  ihrer  eigentlichen  Studien  nach  Prag 
zu  begeben,  um  noch  dort  einen  geburtshilflichen  Kurs  durchzumachen.  So 
wurde  man  im  Schwabenland  auf  S.  aufmerksam,  und  als  1868  die  Professur 
der  Geburtshilfe  und  Vorstandschaft  der  geburtshilflichen  Klinik  an  der 
Ttibinger  Universitat  erledigt  wurde,  erhielt  der  junge  bohmische  Docent 
diese  Stelle,  zunachst  als  ausserordentlicher  Professor,  schon  seit  1869  als 
Ordinarius.  S.  hatte  in  seinem  neuen  Wirkungskreise  Gelegenheit,  sein  organisato- 
risches  Geschick  zu  zeigen.  Die  geburtshilfliche  Klinik  war  ausserst  primitiv 
eingerichtet,  die  gynakologische  erst  im  Entstehen  begriffen.  Das  alte,  bau- 
tallige  Haus  wies  die  schlimmsten  sanitaren  Mangel  auf,  und  eine  fortgesetzte 
Puerperalfieberepidemie  wlithete  darin.  Der  Energie  S.'s  gelang  es  schliess- 
lich, befriedigende  Gesundheitsverh&ltnisse  herzustellen,  so  dass  am  26.  Septem- 
ber 1886  die  tausendste  Wochnerin  entlassen  werden  konnte,  ohne  dass  eine 
in  dieser  langen  Reihe  dem  Fieber  zum  Opfer  gefallen  war.  Doch  genligte 
das  alte  Clinicum  nicht  lange  mehr  dem  statigen  Zuwachs  an  Gebarenden 
und  Kranken.  So  erstand  nach  S.'s  Angaben  ein  prachtiger  Neubau,  der  1890 
bezogen  wurde,  die  sogenannte  k.  Universitats-Frauenklinik,  deren  gynakolo- 
gische und  geburtshilfliche  Abtheilungen  zusammen  135  Betten  hatten.  Durch 
sein  freundliches,  leutseliges  Wesen  machte  sich  S.  bei  seinen  Patientinnen 
sehr  beliebt.  Als  Lehrer  war  er  nicht  weniger  geschatzt.  FUr  seine  Wissen- 
schaft  begeistert,  wusste  er  auf  seine  Schiiler  begeisternd  zu  wirken.  Er  ver- 
ftigte  tiber  einen  klaren,  fliessenden  Vortrag.  Er  war  ein  vorzliglicher  Dia- 
gnostiker  und  besass  jene  Sicherheit  des  Urtheils,  die  allein  aus  grosser 
Erfahrung  hervorgeht.  Bei  allem  Geschick  im  Operiren  vermied  er  doch 
jedes  vorzeitige  und  iiberflussige  operative  Eingreifen.  Er  war  im  ganzen 
conservativ  und  hielt  sich  an  die  festen  Regeln  der  Prager  Schule  ftir  geburts- 

Blogr.  Jahrb.  u.  Deatscher  Nekrol^g*.    2.  Bd.  XQ 


2oo  SSxinger.     Straubenmllller. 

hilfliches  Handeln.  Die  Wichtigkeit  dieser  machte  er  auch  seinen  Schiilem 
einleuchtend,  deren  Erfahrung  und  Anschauung  er  mit  der  grossten  Liberalitat 
forderte,  und  die  er  so  hauptsachlich  zu  ttichtigen  Praktikern  heranzog.  Er 
selbst  trat  litterarisch  nur  noch  mit  einigen  kleineren  Arbeiten  hervor.  Seine 
Absicht,  eine  geburtshilfliche  Operationslehre  erscheinen  zu  lassen,  wurde  nicht 
ausgefuhrt.  Doch  wurde  das  wissenschaftliche  Material  seiner  Klinik  in  vielen 
Dissertationen  von  Schfllern  und  in  Arbeiten  von  Assistenzarzten  verwerthet. 
S.  war  lange  Jahre  Mitglied  des  academischen  Verwaltungsausschusses,  Vor- 
stand  der  medicinischen  Priifungscommission,  1882/83  Rector  magnificus, 
zuletzt  Senior  seiner  Facultat.  Durch  Ordensverleihungen  und  andere  Ehrun- 
gen  fand  sein  Wirken  Anerkennung.  November  1893  feierte  er  das  Jubilaum 
seiner  funfundzwanzigjahrigen  Lehrthatigkeit  in  Tubingen.  Um  das  gesellige 
Leben  des  Universitatsstadtchens  erwarb  er  sich,  namentlich  als  Vorstand  der 
Museumsgesellschaft,  Verdienste.  Im  Marz  1897  wurde  der  scheinbar  kern- 
gesunde  Mann  von  einer  Bauchfellentztindung  befallen,  der  er  binnen  14  Tagen 
erlag.  Die  irdischen  Reste  wurden  nach  Prag  gebracht  und  in  der  dortigen 
Familiengruft  beigesetzt. 

Hauff  in  Medicinisches  Correspondenzblatt  des  Wtirttembergischen  arztlichen  Landes- 
vereins,  Bd.  LXVH  (1897),  No.  37,  S.  337— 341  (mit  Bildniss),  SchwBbische  Kronik  vom 
5.  April  1897  (Abendblatt). 

Rudolf  Krauss. 

Straubenmiiller,  Johann,  Schulmann  und  Dichter,  *  am  11.  Mai  18 14  zu 
Schwabisch  Gmiind,  f  Anfangs  November  1897  zu  New- York. —  Das  zwolfte 
Kind  eines  Handwerkers,  wurde  er  fiir  den  Lehrerstand  bestimmt.  Nach  Ab- 
solvirung  des  katholischen  Schullehrerseminars  amtete  er  zu  Ellwangen,  Stutt- 
gart, Gmiind  und  Horb.  Bald  nahm  er  an  der  politischen  Bewegung  theil 
und  verlieh  in  Gedichten,  die  namentlich  durch  Hermann  Kurz1  Vermittelung 
in  Lewald's  Europa,  doch  auch  in  sonstigen  Tagesblattern  Aufhahme  fanden, 
seinen  Gesinnungen  lebhaften  Ausdruck.  Es  ging  sogar  das  Gerticht,  er  rtiste 
eine  Freischaar  aus,  mit  der  er  sich  am  badischen  Aufstande  betheiligen 
wolle.  So  wurde  ihm  der  Process  gemacht,  der  damit  endigte,  dass  er  zur 
Auswanderung  »begnadigt«  wurde.  Vergebens  bemiihten  sich  Gonner  St.'s, 
ihm  eine  Stelle  in  der  Schweiz  zu  verschaffen.  Als  ihm  eine  Unterkunft  an 
einer  Stuttgarter  Lehranstalt  in  Aussicht  stand,  hinderte  es  der  Minister 
Duvernoy  mit  der  Erklarung,  solange  der  Straubenmiiller  im  Lande  sei,  gebe 
es  keine  Ruhe.  So  musste  er  sich  zur  Uebersiedelung  nach  Amerika  ent- 
schliessen,  die  er  1852  mit  Weib  und  Kind  bewerkstelligte.  Er  erhielt  in 
Baltimore  den  Posten  eines  Lehrers  und  Organisten  der  St.  Michaelsgemeinde. 
1863  wurde  er  Director  der  »Freien  deutschen  Schule«  in  New-York.  Je 
weniger  er  seine  Ideale  in  Amerika  verwirklicht  fand,  mit  desto  treuerer  Liebe 
hing  er  an  seiner  alten  Heimat.  Er  wirkte  darum  nach  Kraften  fiir  Ver- 
breitung  deutscher  Sprache  und  Sitte  in  Nordamerika.  Als  Dichter  gehdrte  er 
zu  den  bescheidenen  Talenten.  Er  veroffentlichte  1848  »Gedichte  fur  Lehrer«, 
185 1  »Kinderlieder«  (mit  eigenen  Compositionen),  1859  die  erzahlende  Dich- 
tung  »Pocohontas,  oder:  Die  Griindung  von  Virginien«,  1867  »Gedichte  ftir 
die  liebe  Jugend«  und  1889  gesammelte  Gedichte  unter  dem  Titel  »Herbst- 
rosen«. 

Franz  Brlimmer,  Lexicon  der  deutschen  Dichter  und  Prosaisten  des  19.  Jahrhunderts, 
4,  Aus       e,  IV,  S.  164  f.f  zerstreute  Zeitungsnotizen. 

Rudolf  Krauss. 


Freihcrr  von  Reitzenstein.  201 

Reitzenstein,  Friedrich  Freiherr  von,  *  am  26.  Marz  1834  in  Berlin, 
f  am  4.  Februar  1897  im  63.  Lebensjahre  zu  Freiburg  i.  B.  —  Ein  Mann, 
der  sich  durch  seine  Bestrebungen  auf  gemeinntttzigem  Gebiete  ein  unver- 
gangliches  Verdienst  erworben  hat.  R.  ward  als  Sohn  des  Majors  Freiherrn 
Karl  von  Reitzenstein  geboren,  besuchte,  nachdem  er  die  Reifepriifung  am 
Gymnasium  schon  mit  1 6  Jahren  bestanden,  die  Universitaten  Berlin  und  Halle, 
war  als  Referendar  bei  der  Regierung  in  Konigsberg  thatig,  desgleichen 
langere  Zeit  als  Assessor,  bis  er  zum  zweiten  Burgermeister  dieser  Stadt  ge- 
wahlt  wurde,  wo  er  reiche  Gelegenheit  zu  einem  verdienstvollen  Wirken 
fand.  In  dieser  kommunalen  Stellung  verheirathete  sich  R.  mit  der  Freiin 
Claudia  von  Reitzenstein  aus  Miinchen.  Nach  dem  deutsch-franzosischen 
Kfiege  wurde  er  als  Ober-Regierungsrath  nach  Metz  berufen  und  in  Anerkennung 
seiner  besonderen  Bewahrung  unter  schwierigen  politischen  Verhaltnissen  im 
Jahre  1877  zum  Bezirksprasidenten  von  Lothringen  ernannt.  Von  diesem  Amte 
trat  er  jedoch  bereits  nach  drei  Jahren  aus  Gesundheitsrticksichten  zurtick,  um 
sich  nunmehr  dauernd  in  Freiburg  i.  B.  niederzulassen  und  dort  bis  zu  seinem 
Ableben  ganz  in  den  Dienst  wissenschaftlicher  und  praktischer  Untersuchungen 
auf  dem  Gebiete  der  offentlichen  Wohlfahrtspflege  zu  stellen. 

In  besonders  hervorragender  Weise  widmete  er  seine  Zeit  und  Kraft  den 
Bestrebungen  des  »  Deutschen  Vereins  fUr  Armenpflege  und  Wohlth&tigkeit«, 
dessen  erster  stellvertretender  Vorsitzender  er  bis  zu  seinem  Tode  war,  des- 
gleichen als  Ausschussmitglied  dem  »Verein  fur  Socialpolitik«.  Er  gab  den 
ersten  Anstoss  zu  der  1892  erfolgten  Grtindung  der  »Arbeitsnachweis-Anstalt« 
in  Freiburg  i.  B. ;  auch  ihrem  Vorstande  gehorte  er  bis  zuletzt  an.  Ausserdem 
war  er  Mitglied  des  evangelischen  Kirchengemeinderaths,  des  evangelischen 
Arbeitervereins,  des  Arbeiterbildungsvereins,  des  Vereins  gegen  Haus-  und 
Strassenbettel,  der  Herberge  zur  Heimath,  des  Schutzvereins  fiir  entlassene 
Strafgefangene  u.  a.  m.  (sammtlich  zu  Freiburg  i.  B.). 

R.  war  ein  Mann  von  unermtidlicher  Schaffenskraft ;  selbst  wahrend  seines 
Lebensabends  beschaftigte  er  sich  ununterbrochen  mit  ernsten,  vielfach  grund- 
legenden  wissenschaftlichen  Arbeiten,  die  ihn  bald  in  die  Reihe  der  Ftihrer 
auf  dem  Gebiete  der  Wohlfahrtspflege  und  Socialpolitik  filhrten. 

Von  seinen,  vorwiegend  in  fachlichen  und  wissenschafdichen  Sammel- 
werken  erschienenen  zahlreichen  Schriften  heben  wir  folgende  hervor: 

1.  Die  Armengesetzgebung  Frankreichs  in  den  Grundzttgen  ihrer  historischen  Ent- 
wickelung.  Leipzig  1881.  (Sonderabdruck  aus  dem  Jahrbuche  fUr  Gesetzgebung ,  Ver- 
waltung  und  Volkswirthschaft.) 

2.  Agrarische  Zust&nde  in  Frankreich  und  England.  Auf  Grund  der  neuen  Enqueten 
dargestellt  von  F.  Frhr.  v.  Reitzenstein  und  Erwin  Nasse.  Leipzig  1884.  (A.  u.  d.  T.: 
Schriften  des  Vereins  fttr  Socialpolitik,  Bd,  XXVII.) 

3.  Die  landliche  Armenpflege  und  ihre  Reform.  Verhandlungen  des  deutschen  Ver- 
eins fttr  Armenpflege  und  WohlthStigkeit,  sowie  der  von  ihm  niedergesetzten  Kommission. 
Im  Auftrage  des  Vereins  und  der  Kommission  berausgegeben  von  F.  Frhr.  v.  Reitzenstein. 
2  Theile  und  Anhang  in  1  Bande.     Freiburg  i.  B.  1887. 

4.  Beschaftigung  arbeitsloser  Armer  und  Arbeitsnachweis.     Freiburg  i.  B.   1887. 

5.  Das  deutscbe  Wegerecht  in  seinen  Grundziigen.  Mit  Erweiterungen  versehener 
Abdruck  aus  ^Stengel,  Wdrterbuch  des  deutschen  Verwaltungsrechts*.  Freiburg  i.  B.  189X). 
Dasselbe,  zweite  mit  einem  Nachtrag  versehene  Ausgabe.     Ebenda  1892. 

6.  Arbeiterversicherung,  Armenpflege  und  Armenreform.  Sondergutachten  fiber  die 
Frage:  In  welcher  Weise  wirkt  die  neue  soziale  Gesetzgebung  auf  die  Armengesetzgebung 
und  Armenpflege  ein?  zu  dem  von  Freund  dem  deutschen  Verein  fttr  Armenpflege  etc. 
erstatteten  Referate  verfasst.     Freiburg  i.  B.   1895. 

19* 


2Q2  Freiherr  von  Reitzenstein.     Bardey. 

Die  letzten  beiden  Lebensjahre  widmete  der  Verstorbene  vorwiegend  der 
Frage  des  Arbeitsnachweises,  fur  die  er  ein  ungewohnlich  reiches  Material 
gesammelt  hatte.  Das  Ergebniss  dieses  Studiums  erschien  nach  seinem  Tode 
unter  dem  Titel: 

7.  Der  Arbeitsnachweis.  Seine  Entwickelung  und  Gestaltung  im  In-  und  Auslande. 
Nach  dem  Tode  des  Verfassers  herausgegeben  von  Dr.  Rich.  Freund.  Berlin  1897.  (A. 
u.  d.  T. :  Schriften  der  Centralstelle  fur  Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen,  No.  11.) 

Zu  erwahnen  waren  auch  noch  die  seit  1891  von  Reitzenstein  miindlich 
zu  Beginn  der  Jahresversammlungen  des  Deutschen  Vereins  fiir  Armenpflege 
und  Wohlthatigkeit  erstatteten,  sodann  am  Eingange  der  Verhandlungen  (zu- 
letzt  flir  1895)  abgedruckten  Berichte  liber 

8.  »Die  neueren  Entwickelungen  und  Bestrebungen ,  welche  im  Gebiete  des  Anritn- 
wesens   bei   den   fttr  Deutschland   wichtigsten  Staaten  des  Auslandes  hervorgetreten  sind.e 

Auch  in  dem  Dresdener  »Helfer«,  sowie  in  der  dortigen  »Social-Cor- 
respondenz«   finden  wir  viele  Beitrage  von  ihm. 

Die  Ttibinger  staatswissenschaftliche  Fakultat  ernannte  Fr.  v.  R.  1888 
im  Hinblick  auf  die  wissenschaftliche  Bedeutung  seiner  Arbeiten  zum  Ehren- 
doktor.  Auch  sonstige  hohe  Auszeichnungen  wurden  ihm  zu  Theil.  Sein 
Andenken  wird  in  den  weitesten  Kreisen  treu  bewahrt  bleiben. 

E.  Blenck. 

Bardey,  Ernst,  Dr.,  ein  in  weiten  Kreisen  bekannter  Schulmathematiker, 
*  am  21.  Mai  1828  im  Pfarrdorfe  Muchow  (Amt  Neustadt  in  Mecklenburg- 
Schwerin),  f  am  1.  April  1897  in  Bad  Stuer  (in  Mecklenburg)  im  69.  Lebens- 
jahre. —  B.,  Sohn  des  Pastors  seines  Geburtsortes,  absolvirte  das  Gymnasium 
zu  Parchim  und  studirte  dann,  ganz  mittellos  und  unter  den  grossten  Ent- 
behrungen,  nur  auf  Privatstunden,  Konvikt  und  Stipendien  angewiesen  —  der 
Vater  war  frtih  gestorben  —  von  Ostern  1849  bis  1852  in  Rostock  und  von 
Ostern  1852  bis  1855  in  Konigsberg,  wo  Richelot  und  Hesse  Mathematik 
und  Neumann  Physik  lehrten.  Schwer  an  Gelenkrheumatismus  erkrankt, 
reiste  er  April  1855  Sanz  gelahmt  nach  der  von  seinem  Bruder  verwalteten 
Kaltwasseranstalt  Stuer,  spater  nach  seinem  Heimathsorte,  wo  er  bis  1861 
krank  darniederlag.  Seinen  einst  kraftigen  Korper  vermochte  er  nur  an 
Krticken  mlihsam  fortzuschleppen.  Als  sich  sein  Zustand  etwas  gebessert  hatte, 
nahm  er  eine  Hauslehrerstelle,  erst  in  Neu-Stuer,  dann  in  Hoppenrade  bei 
Schwerin  an.  Spater  ging  er  von  da  als  Privatlehrer  nach  Brandenburg  a./H., 
wo  ein  anderer  Bruder  als  Zahnarzt  ansassig  war.  Wahrend  seines  dortigen 
Aufenthalts  erschienen  bei  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  seine  »Algebraischen 
Gleichungen«  (1868),  seine  »Methodisch  geordnete  Aufgabensammlung  iiber 
alle  Theile  der  Elementar-Arithmetik«  (187 1)  und  seine  »Quadratische 
Gleichungen«  (1871).  B.  fand  in  Brandenburg  durch  Privatstunden  seinen 
guten  Unterhalt,  zumal  ihm  seine  Blicher  auch  damals  schon  etwas  Honorar 
einbrachten.  Doch  wurde  durch  die  angestrengte  Arbeit  sein  Gesundheits- 
zustand  wieder  merklich  schwacher;  er  siedelte  deshalb  im  Juni  1878  wieder 
nach  Bad  Stuer  liber  und  lebte  nur  seinen  Biichern.  Im  Jahre  1881  gab 
er  noch  seine  »Arithmetischen  Aufgaben  nebst  Lehrbuch  der  Arithmetik« 
heraus.  Seine  Verhaltnisse  waren  jetzt  so,  dass  er  ganz  ohne  pekuniare  Sorgen 
leben  konnte.  Trotz  des  gebrechlichen  Korpers  hat  B.  es  dann  auf  ein 
Lebensaltcr  von  69  Jahren  gebracht,  die  letzten  zehn  allerdings  wieder  unter 
traurigen  korperlichen  und  auch  geistigen  Verhiiltnisscn. 


Bardey.     Joest  203 

Seinen  Ruf  als  Schulmathematiker  hat  B.  durch  seine  beiden  arithme- 
tischen  Aufgabensammlungen  begriindet.  Die  grosse  »Methodisch  geordnete 
Aufgabensammlung«  ist  gegenwartig  in  23,  die  kleinere  Ausgabe  in  10  Auf- 
lagen  an  einem  grossen  Theile  der  hoheren  Schulen  Deutschlands  verbreitet; 
die  friiher  vielgebrauchten  und  beriihmten  Sammlungen  von  Meier  Hirsch  und 
Heis  sind  durch  diese  zu  einem  guten  Theil  verdrangt.  Ihr  wesentlicher  Vor- 
zug  bestand  darin,  dass  sie  mehr  als  jene  plan-  und  stufenmassig  vom  Leichten 
zum  Schwierigen,  vom  Einfachen  zum  Verwickelten  fortschreiten.  Ohne 
Zweifel  hat  B.,  obgleich  ganz  ausserhalb  des  offentlichen  Schuldienstes  stehend, 
einen  gTOssen  Einfluss  auf  den  Unterricht  in  der  Arithmetik  und  Algebra 
wahrend  der  letzten  drei  Jahrzehnte  ausgetibt,  und  in  einer  Geschichte  des 
mathematischen  Unterrichts  wird  sein  Name  immer  mit  Ehren  genannt 
werden. 

Vgl.  Hoffmann's  Zeitschrift  ftir  mathematischen  und  naturwissenschaftlichen  Unterricht 
1897,  28.  Jahrg.,  5.  Heft,  S.  392—395  und  1898,  29.  Jahrg.,  4.  Heft,  S.  241—259,  mit  Portr. 

W.  Wolkenhauer. 

Joest,  Wilhelm,  Professor,  Dr.,  Ethnolog  und  Forschungsreisender,  *  am 
15.  Miirz  1852  zu  Koln  als  Sohn  des  Geh.  Kommerzienraths  Eduard  Joest, 
f  am  25.  November  1897  auf  der  zu  Melanesien  gehorigen  Santa  Cruz-Insel 
im  besten  Mannesalter.  Im  Mai  1897  hatte  er  Berlin  verlassen,  um  auf  drei- 
jahrigen  Reisen  weniger  bekannte  Inseln  des  Grossen  Ozeans  zu  besuchen. 
Da  kam  noch  vor  Schluss  des  Jahres  die  traurige  Kunde,  dass  er  auf  den 
Santa  Cruz-Inseln,  im  Norden  der  Neuen  Hebriden,  einem  Herzschlag  er- 
legen  sei. 

Nach  Ablegung  des  Abiturientenexamens  trat  J.  als  Freiwilliger  in  das 
Konigshusarenregiment  zu  Bonn  ein,  um  in  diesem  1870  den  Krieg  gegen 
Frankreich  mitzumachen.  Seinen  Neigungen  folgend  studirte  er  nach  Beendi- 
gung  des  Krieges  in  Bonn,  Heidelberg  und  Berlin  Naturwissenschaften  und 
Sprachen,  wobei  schon  damals  seine  Vorliebe  ftir  Lander-  und  Volkerkunde 
sich  zeigte.  Da  ihm  die  grossen  Mittel  seines  Vaters  die  freiste  Bewegung 
gestatteten,  so  ging  er  nach  beendigten  Studien  auf  Reisen,  die  ihn  nach 
alien  Erdtheilen  ftihrten  und  auf  denen  er  sich  zu  einem  ttichtigen  Ethno- 
graphen  ausbildete.  J.'s  erste  grosse  Reise  (1874)  war  Aegypten  und  anderen 
afrikanischen  Mittelmeerlandern  zugewandt.  Von  1876  bis  1879  besuchte  er 
dann  Nordamerika,  Kanada,  Mexiko,  Mittelamerika,  Peru,  Bolivia,  die  Ata- 
camawtiste,  Chile,  die  Magellanstrasse,  Buenos-Aires,  ging  tiber  die  Kordilleren 
nach  Valparaiso  und  Santiago  und  wieder  zuriick  nach  Buenos-Aires;  es 
folgten  Uruguay,  Paraguay  und  Rio  Grande  do  Sul  mit  seinen  deutschen  An- 
siedelungen.  Ueber  Rio  de  Janeiro  und  Pernambuco  kehrte  J.  1878  nach 
Europa  zuriick.  Kaum  hatte  er  in  der  Heimat  seine  ethnographischen  und 
naturwissenschaftlichen  Sammlungen  geordnet,  als  er  seine  zweite  Reise  an- 
trat,  die  nach  Asien  gerichtet  war.  Er  begab  sich  zuerst  nach  Ceylon,  durch- 
reiste  dann  Indien  bis  zum  Himalaya,  begleitete  das  britische  Heer  1879  au^ 
dessen  Feldzuge  nach  Afghanistan,  ging  nach  Birma  und  Siam,  beschaftigte 
sich  auf  Borneo,  Ceram,  Celebes  mit  dem  Studium  der  wilden  Volkerstamme, 
wohnte  dem  Kriege  der  Hollander  gegen  Atschin  bei,  durchreiste  Kambodscha 
und  die  Philippinen  und  lebte  langere  Zeit  auf  Formosa.  Von  Peking  aus 
unternahm  er  dann  einen  Ausflug  in  die  Mongolei,  besuchte  Japan  und  kehrte 
1881  vom  russischen  Hafen  Wladiwostok  durch  die  Mandschurei,  Mongolei 
und  durch  Sibirien  nach  Koln  zuriick.     Die  Berichte,  die  J.  von  den  einzelnen 


2g4  Joest.     Baumgarten. 

Haltestellen  auf  seiner  Weltreise  in  die  Heimat  schickte  (zum  grossen  Theil 
in  der  »K6lnischen  Zeitung«  erschienen),  machten  ihn  rtihmlich  bekannt.  Den 
letzten  Abschnitt  seiner  Weltreise  schilderte  er  in  dem  Buche  »Aus  Japan 
nach  Deutschland  durch  Sibirien«  (Koln  1883)  in  lebendigen  Farben  und  oft 
mit  kraftigem  Humor,  dabei  haufig  eine  scharfe  Kritik  tibend.  Mit  seiner  Studie 
»Das  Holontalo,  Gossen  und  grammatische  Skizzen.  Ein  Beitrag  zur  Kennt- 
niss  der  Sprachen  von  Celebes«  (1884)  erwarb  er  sich  noch  nachtraglich 
1883  in  Leipzig  den  philosophischen  Doktortitel. 

Nachdem  J.  wahrend  des  Winters  1882/83  unter  Bastian's,  Kiepert's 
und  Virchow's  Leitung  seine  wissenschaftlichen  Kenntnisse  noch  durch  ein- 
gehende  Studien  erganzt  hatte,  trat  er  Ende  1883  seine  dritte  Reise  an. 
Afrika  und  die  Stidsee-Inseln  waren  sein  Ziel.  Nachdem  er  zunachst  Madeira, 
dann  ein  Jahrlang  das  stidliche  und  ostliche  Afrika  bereist  hatte,  zwangen 
ihn  fortwahrende  heftige  Fieberanfalle,  seine  Siidseereise  vorerst  aufzugeben. 
Seine  von  dieser  Reise  an  die  »Kolnische  Zeitung«  gerichteten  und  Aufsehen 
erregenden  Berichte  erschienen  iiberarbeitet  und  erweitert  1885  unter  dem 
Titel  »Um  Afrika«  als  ein  selbstandiges  Buch. 

Es  entstand  nun  eine,  langere  Pause  in  den  Reisen  J.'s.  Im  Marz  1885 
verheirathete  er  sich  und  nahm  seinen  Wohnsitz  in  Berlin,  wo  er  sich  ein 
neues  prachtiges  Haus  einrichtete,  das  er  mit  dem  kunstgewerblichen  Theile 
seiner  gesammelten  Schatze  in  einer  so  originellen,  aber  gefalligen  und  an- 
heimelnden  Weise  ausschmiickte,  dass  seine  Wohnung  zugleich  einem  kleinen 
Museum  glich.  Den  grossten  Theil  seiner  ethnographischen  Sammlung 
schenkte  er  an  die  Museen  in  Berlin,  Dresden,  Karlsruhe,  Braunschweig, 
Leyden,  Kopenhagen  u.  a.  Er  selbst  widmete  sich  nun  vor  allem  der  wissen- 
schaftlichen Bearbeitung  seiner  eingeheimsten  Schatze.  Von  seinen  selbst- 
standigen  Werken  seien  hier  noch  folgende  aufgefiihrt,  zunachst  das  grosse 
Prachtwerk  »Tatowiren,  Narbenzeichnen  und  K6rperbemalen«  (Berlin  1887); 
es  folgten  dann:  »Die  aussereuropaische  deutsche  Presse,  nebst  einem  Ver- 
zeichniss  sammtlicher  ausserhalb  Europas  erscheinenden  deutschen  Zeitungen 
und  Zeitschriften«  (Koln  1888);  »Spanische  Stiergefechte.  Eine  kulturge- 
schichtliche  Skizze«  (Berlin  1889);  »Weltfahrten«  (3  Bande,  Berlin  1895),  e*ne 
Sammlung  von  wissenschaftlichen  Aufsatzen,   meist   ethnographischen  Inhalts. 

Im  Beginne  des  Jahres  1889  unternahm  J.  abermals  eine  grossere  Reise, 
die  ihn  noch  einmal  nach  Slidamerika,  und  zwar  nach  Guayana,  fiihren  sollte. 
Die  von  dieser  Reise  mitgebrachten  reichen  Sammlungen  schenkte  er  wieder 
dem  Berliner  Museum  fiir  Volkerkunde,  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse  legte 
er  in  der  Schrift  »Ethnographisches  und  Verwandtes  aus  Guyana «  (Leyden 
1893)  nieder.  Von  seiner  letzten  Reise  sollte  er  nicht  zurlickkehren ;  zu  frtth 
fiir  die  Wissenschaft  ist  er  auf  jener  einsamen  SUdseeinsel  von  uns  geschieden. 
Zumal  die  deutschen  ethnographischen  Sammlungen  sind  J.  zu  grossem  Dank 
verpflichtet. 

Vgl.  Globus,  LXXIII.  Bd.f  1898,  mit  PortrMt;  femer  Deutsche  Rundschau  fttr  Geogr. 
u.  Statistik,  1887,  IX,  mit  Portrat. 

W.  Wolkenhauer. 

Baumgarten,  Johannes,  Dr.,  Professor  am  Gymnasium  in  Koblenz, 
*  am  29.  September  1829  zu  Aachen,  f  am  22.  April  1897  daselbst  im 
Alter  von  75  Jahren.  —  Er  gait  fiir  einen  der  besten  Kenner  der  franzSsi- 
schen  Sprache  und  Literatur.  B.  studirte  in  Bonn  und  war  dann  langere 
Zeit    in  Belgien    und  Frankreich;    1859  ward  er  Lehrer  am  Koblenzer  Gym- 


Baumgarten.     Liebenow.     Wolter.  205 

nasium.  B.  war  schriftstellerisch  ausserordentlich  thatig.  Von  seinen  sprach- 
lichen  Arbeiten  sind  zu  nennen:  Glossaire  des  idiomes  populaires  du  Nord  et 
du  Centre  de  la  France;  La  France  comique  et  populaire;  Anthologie  poly- 
technique  et  militaire;  Les  Mystdres  comiques  de  la  province;  La  France 
contemporaine ;  A  travers  la  France  nouvelle;  La  France  qui  rit  u.  a.  Auch 
mehrere  Reiseschilderungen  und  Reisefiihrer  veroffentlichte  er,  so:  »Abenteuer- 
leben  in  Guyana  und  am  Amazonas*  (2.  Aufl.  1881);  »Der  Orients  (1882); 
»Amerika«  (1882);  »  Koblenz  und  seine  Umgebung«  (2.  Aufl.  1880)  u.  a. 

W.  Wolkenhauer. 

Liebenow,  Wilhelm,  Geheimer  Regierungsrath  und  Titular-Professor,  ein 
durch  seine  zahlreichen  Karten  in  weiten  Kreisen  bekannter  Kartograph,  *  am 
13.  October  1822  zu  Schonfliess  in  der  Provinz  Brandenburg,  f  am  17.  Juli 
1897   zu  Schoneberg    bei  Berlin    im  Alter    von  74  Jahren.  —  L.  kam   1841 
nach  Berlin,  um  bei  Ritter,  Dove  und  Mitscherlich  Vorlesungen  zu  h6ren  und 
spater,  nach  kurzer  aktiver  Dienstzeit,  als  Ingenieur-Geograph  bei  der  preussi- 
schen  Landesaufnahme  thatig  zu  sein.    Im  Jahre  1854  trat  er  in  das  preussi- 
sche  Ministerium  fiir  Handel,    Gewerbe  und  dffendiche  Arbeiten,    in  dem  er 
spater  viele  Jahre  Vorstand  des  kartographischen  Bureaus  fur  die  Eisenbahn- 
abtheilung  und  der  Plankammer  ftir  die  Bauabtheilung  war.    In  dieser  Dienst- 
stellung    lag    ihm  die  Bearbeitung  der  zahlreichen  kartographischen  Arbeiten 
ob,    die    vom  Ministerium    der    offentlichen  Arbeiten    herausgegeben  werden, 
insbesondere    auch    die  »Karte  von  Centraleuropa  zur  Uebersicht  der  Eisen- 
bahnen«  (1.  Blatt,  1  :  1  250000),  die  jahrlich  erscheint.    Bemerkenswerthe  Ar- 
beiten  aus  L.'s  frtihester  kartographischer  Thatigkeit  sind  seine  Karten  tiber 
Galilaa  ftir  K.  Ritter's  Erdkunde  und  seine  Skizzen  und  Modelle  zu  Mitscher- 
Hch's  Studien   iiber  die  vulkanische  Eifel.     Nach  Abtretung  der  Hohenzoller- 
schen  Lande  an  Preussen  fertigte   er  auf  Anregung  Alex.  v.  Humboldt's  eine 
Specialkarte  von  Hohenzollern  (1  :  100000,  1854)  an,  die  Friedrich  Wilhelm  IV. 
gewidmet  wurde.    L.'s  umfassendstes  und  bekanntestes  Werk  ist  die  »Special- 
karte  von  Mitteleuropa«  im  Maassstab  1  1300000,  in  164  Bl,,  lith.  und  kol., 
Hannover  1869 — 1885.     Die  ersten  20  Blatter  dieser  Karte,   die  das  Gebiet 
zwischen  Rhein  und  Paris  darstellen,  waren  1870  bei  Ausbruch  des  Krieges 
soeben   erschienen   und  haben  nach  Moltke's  Aeusserung  ftir  das  rasche  und 
sichere  VorrUcken    der    deutschen  Truppen  die  wichtigsten  Dienste  geleistet. 
Der  Verstorbene   war  1871  auch  Mitarbeiter   im  Hauptquartier   an  der  Fest- 
legung    der    neuen    deutsch-franzosischen  Grenze.     Andere    bekannte  Karten 
von  L.  sind    noch:    Karte    von    Schlesien,    Specialkarte    vom  Riesengebirge, 
Karte    vom   preussischen  Staate  (6.  Auflage  1876),   Karte  von  Rheinland  und 
Westfalen,  Verkehrskarte  von  Oesterreich  und  Ungarn,  Karte  von  Westdeutsch- 
land  u.  a.    Bei  seinem  Uebertritt  in  den  Ruhestand  im  Jahre  1894  wurde  L., 
nachdem    er    frtiher  schon  den  Titel  Geheimer  Rechnungsrath  und  Professor 
erhalten  hatte,  zum  Geheimen  Regierungsrath  ernannt. 

Vgl.  Globus,  1897,  LXXII.  Bd. 

W.  Wolkenhauer. 

Wolter,  Charlotte,  verwittwete  Grafin  O' Sullivan,  k.  u.  k.  Hofschau- 
spielerin  am  Burgtheater,  *  am  1.  Marz  1834  in  Koln  a.  Rh.,  f  am  14,  Juni 
1897  in  Wien.  —  Die  grcisste  deutsche  Tragodin  ihrer  Zeit  hat  aus  unge- 
mein  armlichen  und  traurigen  Verhaltnissen  sich  emporgearbeitet ;  ihre  Wiege 
soil    in  der  Werkstatt  eines    mit  Kindern    reicher,    als    mit  GlUcksgtitern  ge- 


296  Wolter. 

segneten  Schneiders  gestanden  haben.    Wie  die  schwer  nachzuprlifende  Fama 
weiter  meldet,    soil  sie    als  Zehnjahrige  zufallig    in  das  Theater  ihrer  Vater- 
stadt  gekommen  sein,   beim  Vortibergehen  vom  Balletmeister  halb  im  Scherz 
aufgefordert,     mitzustatiren.      Von    Stund    an    Hess    sie    der    Coulissenzauber 
nicht    mehr    los.     Mit   16  Jahren  ging  sie  abenteuerlustig  in  die  weite  Welt. 
Dire  erste  Lehrerin,  eine  sonst  wenig  bekannte  Burgschauspielerin  Frau  Gott- 
dank  in  Wien,    richtete   ihr  Augenmerk  insbesondere    auf  schtine  Plastik  der 
Bewegungen.     Ihr  erstes  belangreicheres  Auftreten  fand   am  25.  Mai  1857  in 
Ofen  statt,  wo    sie  am    deutschen  Festungstheater    die  Jane  Eyre  gab.     Der 
Director  stellte  bald  darauf  die  Zahlungen  ein.     Die  Gesellschaft  wagte  sich 
nothgedrungen  auf  Wanderfahrten ,    die  u.  A.   nach  Stuhlweissenburg  fuhrten. 
Diese  Schmieren-Wirthschaft  brachte  der  jungen  W.  nur  Demttthigungen  und 
Enttauschungen.    Sie  musste  ihre  geringen  Habseligkeiten  verpfanden.    Gleich- 
wohl  sollte  sie  im  Strassenkleid   die  »Jungfrau  von  Orleans«  darstellen,    und 
als  sie  Miene  machte,    sich  zu  weigern,   Hess    sie  der  Stuhlrichter  durch  be- 
waffhete  Panduren    auf   die    Btihne    ftihren    und    zum   Spiele    zwingen.     Am 
nachsten  Morgen  war  sie  verschwunden,    durchgegangen.     Eine  Weile  spater 
taucht    sie  wieder  in  Wien    auf.     Hier  gonnte   ihr  Nestroy  an  dem  dazumal 
von    ihm    geleiteten  Carltheater  gegen    ein  Monatsgehalt    von  fttnfzig  Gulden 
ein    hochst    bescheidenes  Unterkommen   fiir  Anmelde-    und  Zofenrollen,    die 
man  ihr  lediglich  ihrer  Schonheit  willen  anvertraute;  sonst  gait  sie  nicht  nur 
fiir  vollkommen    talentlos,    sie    war    das  Stichblatt    schnoder  Spasse    ftir  den 
Director  und  die  Modesoubretten.     »Ich  gehorte  zu  jenen  Personen«,  so  be- 
kannte   hernach  Anna  Grobecker,    »die  Charlotte  W.    gar    kein    Talent    zu- 
trauten.     Ich  sah  sie  zum  erstenmal  in  der  Rolle  eines  Kammermadchens  in 
der  »Liebschaft  in  Briefen*    und  fallte   trotz  ihrer  bestechenden  Erscheinung 
ein  abfalliges  Urtheil.    Dass  sie  dort  nicht  am  Platze  war,  ahnte  meine  Weis- 
heit  damals    nicht  und    so  konnte  ich    es  nicht  lassen,    sie  nach  Herzenslust 
zu  bekritteln.     Sie  trat  meiner  Meinung  nach  zu  vornehm  ein,  geruhte  einen 
Brief   abzugeben,  warf   einen  gelangweilten  Blick    in  das  Publikum  und  ging 
gravitatisch  ab,  als  ob  sie  zwei  Schlepptrager  hinter  sich  hatte.     Mein  Gott, 
dachte  ich,  der  fehlt  auch  alles  zur  Kammerzofe.     Unser  Regisseur,  der  alte 
Papa  Lang,  gab  mir  auch  vollstandig  Recht,  als  ich  ihm  sagte:   »Frl.  W.  ist 
zwar  sehr  schon,   aber  sie  hat  meiner  Ansicht  nach  keinen  Funken  Talent  U 
Frau  von  Wassowitsch,  unsere  Anstandsdame  und  eine  Lehrerin  der  W.,  war 
ausser    sich    tiber    meine  Aeusserung    und  rief  entriistet:     »Was,  die  W.  hat 
kein  Talent?    Sie  hat  Talent  und  sogar  ein  bedeutendes,   von  dem  die  Welt 
noch  einmal  reden  wird.     Ihr  werdet  es  sehen,  sie  wird  nachstens  in  Brtinn 
die  Maria  Stuart  spielen*.     »Na,  das  wird  nett  werden«,  rief  die  Grobecker 
und    der    alte    Prakticus    Lang    stimmte    lachend    mit    ein.     Unbeirrt    durch 
solche    Meinungen    und  Gegenmeinungen    der  Kameraden    hatte    der    feine 
Kenner   und  Kritiker  Rudolph  Valdek    dem    verkannten  Talente    seinen  Bei- 
stand    angedeihen    lassen.     Im  Herbst  1858  forderte  ihn  der  Wiener  Literat 
Cajetan  Cerri  auf,    sich   der    vielbespottelten    anzunehmen.     Die  W.  war   in- 
dessen  Valdek  selbst  schon  vorher  aufgefallen,  sowohl  durch  die  angeborenen, 
ausserordentlichen  Naturgaben,  wie  durch  die  erstaunliche  Unbeholfenheit  im 
Gebrauch    dieser    elementaren   Mittel    der    Darstellung.     »Ein    Kopf,    dessen 
Profil  die  schonste  Kamee  wlirde  abgegeben  haben,  eine  mittelgrosse  Gestalt 
von  bestem  Geftige,  eine  wohllautende  Stimme  und  dabei  dte  Schonheit  wie 
verschleiert    durch  einen   gleichsam  unbeweglichen  Ausdruck,    der  Gang  ver- 


Woltcr. 


297 


nachlassigt,  Laut-  und  Satzbildung  in  hohem  Grade  mangelhaft.  Was  Wunder, 
wenn  eine  Erscheinung,  wo  die  Natur  so  viel  versprach  und  der  Geist  so 
wenig  zu  halten  schien,  mit  Befremden  bemerkt  und  ihr  Name  in  nicht  be- 
neidenswerther  Weise  bekannt  wurde.  Dabei  war  dieses  Frl.  W.  nicht  mehr 
in  der  ersten  Jugendblttte,  denn  sie  stand  in  der  Mitte  der  Zwanziger.  Sie 
war  auch  keine  Anfangerin,  denn  seit  wohl  zehn  Jahren  gehorte  sie  der 
Btthne  an.  Im  Carltheater  trat  sie  nur  selten  und  stets  nur  in  unbedeuten- 
den  Rollen  auf.  Dagegen  war  sie  jeden  Abend  im  Zuschauerraum  zu  sehen. 
In  der  ersten  Gallerie,  in  der  Mitte  derselben,  sass  sie  da  und  sah  aufmerk- 
sam  ihren  Collegen  zu,  die  drunten  Comodie  spiel  ten,  wobei  manchmal  ein 
Zug  von  leisem  Spott  tiber  ihre  Lippen  glitt.«  Ein  oder  zwei  Jahre  waren 
in  so  unergiebiger  Weise  verstrichen,  als  ein  Gastspiel  Emil  Devrients  im 
Carltheater  eine  Wende  im  Leben  der  W.  herbeifiihrte.  »Aushilfsweise« 
hatte  sie  die  Elisabeth  in  Richard  III.  zu  tibernehmen:  »  welch  seltsame  Ver- 
wandlung!  Sie  sprach  zwar  so  schlecht,  wie  gewohnlich,  aber  mit  welchem 
Nachdruck.  Wie  edel  war  ihre  Haltung,  wie  gross,  frei  und  sch6n  ihre 
ArmbewegungenU  Es  hiess,  sie  hatte  damals  die  Aufmerksamkeit  von 
Devrient  erregt,  wie  ein  ander  Mai  bei  einem  Gastspiel  von  Hendrichs  in 
» Macbeth «  ihre  Hexe  dem  Berliner  Heldenspieler  Eindruck  machte.  Ge- 
holfen  hatten  ihr  diese  beiden  Begegnungen  wenig,  wenn  sie  sich  nicht  be- 
herzt  entschlossen  hatte,  das  Carltheater  so  schnell  als  moglich  zu  verlassen, 
fleissig  an  ihrer  Ausbildung  zu  arbeiten,  grosse  Rollen  zu  lernen  und  vor 
Allem  die  rechte  Statte  filr  die  Bethatigung  ihrer  Kraft  zu  suchen.  In  diesen 
Tagen  wurde  Valdek  mit  ihr  bekannt.  Sie  wohnte  unweit  der  Leopold- 
stadter  Kirche  sehr  bescheiden  in  der  Jagerzeile.  Ausser  einem  halbdutzend 
tragischer  Rollen  (Adrienne  Lecouvreur,  Maria  Stuart  etc.)  lernte  sie  dazu- 
mal  auch  Franzosisch  »mit  eigenthtimlich  gelassener  Zuversicht  und  ohne 
von  ihrer  sonstigen  Lebenslust  was  abzubrechen.  Zu  gute  kam  ihr,  dass 
sie  seit  vielen  Jahren  mit  der  Btthne  vertraut  war.  Sie  wusste  das  Hand- 
werk  in  der  Kunst  zu  schatzen  und  mit  takt fester  Ausdauer  auszuiiben. 
Manchmal  kam  sie  mir  vor,  wie  eine  junge  Wittwe,  die  wieder  Bjaut  ge- 
worden.  Sie  war  Schauspielerin  geworden  und  wollte  es  in  hoherem  Sinne 
wieder  werden.«  Nun  gait  es  vor  Allem,  den  damaligen  Director  des  Burg- 
theaters,  Laube,  auf  die  W.  aufmerksam  zu  machen.  Es  dauerte  indessen 
noch  geraume  Zeit  und  bedurfte  wiederholter  Mahnungen,  bis  Laube  Valdek's 
Wink  beachtete.  Als  er  die  W.  endlich,  in  einem  Zofenrollchen,  gesehen, 
sagte  er  Tags  darauf  zu  Valdek:  »Sie  haben  Recht.  Sie  ist  eine  bildschone 
Person.  Keine  in  unserem  Burgtheater  kann  sich  darin  mit  ihr  messen. 
Auch  scheint  Talent  in  ihr  zu  stecken.  Sagen  sie  ihr,  sie  soil  zu  mir 
kommen«.  Eine  lange  Unterredung  mit  der  W.  bestarkte  Laube  in  seiner 
giinstigen  Ansicht.  Nun  hiess  es  weiter,  ein  Gastspiel  auf  einer  fremden 
Buhne  zu  veranlassen,  das  Laube  mitmachen  wollte.  Valdek's  erste  Bemtthun- 
gen  schlugen  fehl;  geradezu  entrtistet  schrieb  ihm  der  Director  des  Breslauer 
Stadttheaters:  ^50  Gulden  flir  ein  Debut?  Ein  solches  Honorar  wtirde  viel- 
leicht  einer  Frau  Rettich  zugestanden,  niemals  aber  einer  unbekannten  An- 
fangerin, die  hochstens  umsonst  auftreten  dlirfe.«  »Umsonst«  waren  aber 
naher  drei  (der  W.  vom  Maler  Aigner  vermittelte)  Gastvorstellungen  in  Briinn 
zu  haben.  Als  Vertrauensmann  Laube's  fuhr  Valdek  zu  diesen  Proberollen. 
Der  Erfolg  war  echt  und  stark.  Das  Gastspiel  wurde  verlangert.  Vergntigt 
bench tete  Valdek  so  glinstig,    dass  Laube    beim    damaligen  Oberstkammerer 


298  Wolter. 

Grafen  Lanckoronski  auf  Grund  dieses  Gutachtens  das  Engagement  der  W. 
ftir  das  Burgtheater  beantragte.  Vergebens.  Der  hohe  Herr  gerieth  bei 
dem  Ansinnen,  die  Hofblihne  durch  eine  »NichtbertihmtheiU  des  Carl- 
theaters  zu  behelligen,  in  drollige  Entriistung.  In  Folge  dieser  schroffen 
Abweisung  musste  sich  die  W.  nach  Berlin  wenden,  wo  sie  am  Victoria- 
theater,  unter  dem  frtiheren  Director  der  Wiener  Hofoper,  Cornet,  auftreten 
sollte.  Auch  hier  fehltees  zunachst  nicht  an  Hemmungen.  Ihre  Debutrolle 
musste  abgesetzt  werden,  da  der  erste  Liebhaber  erklarte,  mit  »dieser  Person* 
schlechterdings  nicht  auftreten  zu  wollen,  das  sei  die  »personifizirte  Talent- 
losigkeiU.  Am  nachsten  Tag  fallt  der  hochnasige  Liebhaber  durch,  wahrend 
die  W.  in  der  Neuigkeit  des  folgenden  Abends  gefiel.  Sie  spielt  nun  Rolle 
auf  Rolle,  singt  einmal  auch  in  einem  Vaudeville,  lernt  eifrig  unter  dem 
wackeren  Regisseur  Hein  und  bei  Frau  Perroni  -  Glassbrenner,  und  erregt 
grossere  Aufmerksamkeit  in  dem  Schauspiel  »Ninon  de  TEnclos«.  In  Folge 
dessen  rath  Frau  Perroni  -  Glassbrenner  der  W. ,  den  Generalintendanten 
von  Htilsen  zu  besuchen  und  sich  um  das  nach  Lina  Fuhr  erledigte  Fach 
am  koniglichen  Schau spiel haus  zu  bewerben.  Herr  von  Htilsen  empfangt 
die  Unbekannte  freundlich  und  verbllifft  sie  im  Verlauf  des  Gespraches  durch 
den  pldtzlichen  Anruf:  »Stehen  Sie  einmal  auf«.  Die  W.  meint,  der  Sessel 
sei  schadhaft  geworden  oder  dgl.  und  erhebt  sich  eilig.  Der  friihere  Garde- 
lieutenant  mustert  sie  einen  Augenblick  scharf,  dann  sagt  er  gemessenen 
Tones:  »Ich  kann  Sie  nicht  engagiren;  Sie  sind  mir  zu  klein;  auch  habe  ich 
bereits  Frau  Kierschner  in  Betracht  gezogen«.  Auch  einem  anderen  Theater- 
leiter  flosste  die  Statur  der  W.  ursprtinglich  Bedenken  ein.  Dingelstedt  war  von 
Weimar  nach  Berlin  gekommen,  um  im  Victoriatheater  seine  Bearbeitung 
von  Shakespeare's  »Wintermarchen«  zu  (iberwachen.  Als  ihm  ftir  die  Her- 
mione  die  W.  empfohlen  wurde,  sagte  er  verdriesslich  zum  Regisseur:  »Die 
soil  die  Hermione  spielen?  Sie  ist  ftir  diese  Rolle  um  einen  Kopf  zu  klein*. 
Ruhig  erwiderte  Hein:  »Warten  Sie  nur!  Nach  der  ersten  Scene  wird  sie 
um  zwei  Kopfe  grosser  erscheinen«.  Hein  behielt  Recht.  Die  Hermione  der 
W.  wur^e  eine  Berliner  Sehenswlirdigkeit.  Ch£ri  Maurice,  der  sie  im  Winter 
1860/61  sah,  engagirte  sie  auf  diese  Leistung  hin  sofort  fest  auf  drei  Jahre 
nach  Hamburg,  wo  sie  am  19.  August  1861  zum  ersten  Mai  als  Adrienne 
Lecouvreur  mit  durchgreifendem  Erfolg  auftrat;  dann  spiel te  sie  nach  Mau- 
rice^ Bericht  »DieWaise  aus  Lowood«,  »  Deborah*,  »Marie  Anne,  das  Weib 
aus  dem  Volke«,  vor  Allem  aber  die  Hermione,  die  im  Lauf  einer 
Saison  dreissig  Mai  gegeben  wurde.  »Versuche,  Charlotte  im  Lustspiel  zu 
verwenden,  wollten  nicht  recht  gelingen.  Die  fur  die  Tragodie  pradestinirte 
Ktinstierin  konnte  an  meiner  Biihne  in  dieser  Gattung,  welche  meine  Con- 
cession verbot,  —  erst  1866  trat  Theaterfreiheit  ein  — ,  das  Feld  wo  spater 
ihre  schonsten  Lorbeeren  bllihten,  nicht  finden«.  Laube  setzte  nun  alles 
daran,  die  W.  am  Burgtheater  wenigstens  gastiren  zu  lassen:  im  Juni  1861 
trat  sie  als  Adrienne  Lecouvreur,  Jane  Eyre,  in  der  »Waisen  aus  Lowood«  und 
der  »Rudand«  in  Graf  Essex  auf,  vom  Publikum  sofort  mit  grosser  Warme 
willkommen  geheissen,  in  der  Kritik  von  Friedrich  Uhl  in  ihrer  Bedeutung 
und  Begabung  ftir  die  Tragodie  richtig  erkannt:  »Die  Aussprache*  —  der 
geborenen  Rheinlanderin  —  »ist  noch  nicht  genug  dialektrein  und  manch- 
mal  wird  der  Effect,  der  sich  mit  der  Melodie  der  Sprache  erreichen  lasst, 
der  bestimmten  Umgrenzung  des  Wortes  geopfert;  allein  wir  haben  nur 
wenig  Schauspielerinnen    die  Adrienne    so  effectvoll  in  Haltung,    Mimik  imd 


Wolter. 


299 


leidenschaftlicher  Entwicklung,  namentlich  nicht  den  letzten  Akt  so  einheit- 
lich  stark  und  wahr  darstellen  gesehen«.  Neben  so  entschiedenem  Lob 
fehlte  auch  makelnde  Gegnerschaft  nicht.  Allein  Laube  zweifelte  keinen 
Augenblick  an  der  schopferischen  Kraft  der  W.  und  er  wusste  nun  auch 
den  ehedem  so  sproden  Oberstkammerer  von  dem  Werth  der  aufstrebenden 
Grosse  flir  das  Burgtheater  zu  tiberzeugen.  Chtfri  Maurice,  der  bis  dahin 
alien  Bitten  Dritter  um  Losung  des  dreijahrigen  Contractes  der  W.  Wider- 
stand  geleistet,  liess  sich  endlich  durch  die  Thranen  der  Ktinstlerin  rUhren, 
sie  vom  1.  Juni  1862  ab  freizugeben.  Sie  musste  sich  nur  verpflichten,  drei 
Jahre  nacheinander  ein  einmonatliches  Gastspiel  im  Thaliatheater  zu  ab- 
solviren.  Ihre  letzte  Hamburger  Rolle  war  gleich  der  ersten  Adrienne 
Lecouvreur.  Am  12.  Juni  1862  erschien  die  W.  in  der  Rolle  der  Iphigenie 
als  Mitglied  des  Burgtheaters,  dem  sie  fortan  durch  voile  35  Jahre  ange- 
horte:  als  Liebling  aller  Kunstfreunde,  als  die  starkste  Stiitze  der  Tragodie, 
in  den  Dichtungen  der  Klassiker  von  Sophokles  bis  auf  Shakespeare,  Racine, 
Lessing,  Schiller,  Goethe,  ebenso  ausserordentlich  wie  in  den  neueren  und 
neuesten  Dramen  von  Grillparzer,  Hebbel,  Otto  Ludwig,  Wilbrandt,  Dumas 
fils,  Sardou,  Augier  etc.  In  127  Rollen  ist  sie  2109  Mai  aufgetreten.  Gast- 
spiele  und  Ehrengastspiele  fiihrten  sie  zunachst  in  die  osterreichischen  Landes- 
hauptstadte  Prag,  Pest,  Graz,  Innsbruck,  Brtinn;  weiter  nach  Berlin,  Koln, 
Miinchen,  Weimar,  Coburg  etc.,  von  wo  sie  Orden,  Widmungsgeschenke  und 
unzahlige  Kranze  heimbrachte,  mit  deren  Schleifen  sie  das  Stiegenhaus  ihrer 
Hietzinger  Villa  buchstablich  tapezirte.  Nach  Amerika  ging  sie  trotz  locken- 
der  Anerbietungen  niemals.  Den  fragwiirdigen  Ruhm  der  Wander virtuosin 
hat  sie  stets  verschmaht. 

Angesichts  solcher  Erfolge  und  Leistungen  begreift  man  das  stolzbeschei- 
dene  Wort,  mit  dem  sie  einem  Biographen  auf  die  Bitte  um  Einzelheiten  aus 
ihrem  kunstlerischem  Werdegang  erwiderte:  »Meine  ganze  Theatercarriere  liegt 
vor  den  Augen  des  Publicums.  Sie  ist  ein  aufgeschlagenes  Buch.  Lesen  auch 
Sie  daraus«.  Ueberblickt  man  diesem  Rathe  gemass  das  (von  Albert  J.  Weltner 
'veroffentlichte)  statistische  Verzeichniss  ihrer  Burgtheaterrollen  der  Zeitfolge 
nach,  dann  zeigt  sich,  dass  Laube  die  W.  nicht  nur  in  classischen  Charakteren, 
als  jugendliche  heroische  Liebhaberin  und  Heldenspielerin  hinausstellte. 
Neben  der  Iphigenie,  der  Jungfrau  von  Orleans,  der  Julia,  Maria  Stuart,  dem 
Clarchen,  der  Hero,  der  Prinzessin  im  »Tasso«,  Sappho,  Phadra,  Preciosa, 
Orsina,  Lady  Macbeth  erprobte  er  Grosse  und  Grenze  ihrer  Kraft  im  alteren 
deutschen  und  franzosischen  Schauspiel;  er  liess  sie  selbst  im  Lustspiel,  in 
Moreto's  Donna  Diana,  Bauernfeld's  »B(irgerlich  und  Romantisclu,  Topfer's 
»Rosenmuller  und  Finkec  sich  versuchen;  er  brachte  endlich  nur  ftir  sie  ge- 
dachte  und  gemachte  »  Wolter-  St(icke«,  wie  Mautner's  Eglantine,  Weilen's 
Edda,  Mosenthal^  Pietra  etc.,  ihren  Paraderollen  zuliebe,  zur  Auffiihrung.  Alle 
klinstlerischen  Schopfungen  der  W.  in  diesem  ersten  Jahrftinft  ihrer  Burg- 
theater-Zeit  (1862 — 1867)  tiberglanzte  jedoch  ihre  Kriemhild  in  den  beiden 
ersten  Theilen  von  Hebbel's  Nibelungen-Trilogie.  Laube  hatte  die  machtige 
Dichtung  viel  zu  lange  zuriickgedrangt,  angeblich,  weil  ihm  die  rechte  Dar- 
stellerin  ftir  die  Braut  und  Wittwe  Siegfrieds  ^fehlte.  Mit  der  W.  errang 
Hebbers  Werk  nun  endlich  eine  geradezu  triumphale  Aufnahme.  Als  Tochter 
Utens  von  gewinnender  Sittsamkeit;  vor  dem  Mtinster  mit  Brunhild,  wo  sich 
die  Koniginnen  schalten,  von  einer  im  Burgtheater  bis  dahin  unerhorten  Wild- 
heit;  am  Sarge  Siegfrieds    zusammenbrechend    mit  dem  dazumal   zum  ersten- 


300  Wolter. 

mal  vernommenen,  theatergeschichtlich  gewordenen  »Wolter-Schrei«  tiberwal- 
tigte  und  Uberzeugte  sie  durch  die  Wahrheit  dieser  fessellos  hinrasenden,  damo- 
nischen  Naturkraft  zumal  das  jtingere  Geschlecht.  Vergebens  hohnte  der  seither 
besser  belehrte  Ludwig  Speidel  solche  und  ahnliche  Offenbarungen  ihres  ge- 
waltigen  Naturells  als  »groben  Naturalismus«.  »Kurze  eckige  Bewegungen«,  so 
schrieb  er  1864,  also  schon  nach  ihrer  Kriemhild,  tiber  ihre  Deborah,  »die 
einander  in  der  unschonsten  Weise  schneiden;  gewaltsame  Ausrenkungen  des 
Satzbaues,  grelle  Naturschreie,  wie  sie  der  Gipfel  der  Lust  und  die  Spitze 
des  Schmerzes  bezeichnen,  vor  denen  aber  die  Muse,  welche  auch  die  Lei- 
denschaft  schon  will,  die  Ohren  verstopftU  Der  Kritiker  vergass  bei  diesem 
maasslos  absprechenden  Urtheil,  dass  der  in  gigantischen  Wasserstttrzen  nieder- 
tosende  Rheinfall  bei  Schaffhausen  durch  andere  Reize  wirkt,  als  die  maje- 
statische  Ruhe  des  Rheinstroms  bei  Koln.  Er  tlbersah  zugleich,  was  dem 
weisesten  und  grossten  Kenner  Altwiens,  dem  greisen  Grillparzer,  in  seiner 
einsamen  Zelle  nicht  entging:  die  Nothwendigkeit  der  neuen  Spiel  weise. 
Grillparzer  begriff  es,  dass  die  Sappho  der  W.  alle  frtiheren  DarstelVerinnen 
in  manchen  Beziehungen  (Iberragte,  »obschon  die  Schrdder  diese  Rolle  un- 
tibertrefflich  und  mit  grossartigem  Schwung  gab  und  eine  Kraft  der  Rede, 
des  Organs  und  Ausdrucks  hatte,  mit  einem  Wort  eine  Meisterin  der  Decla- 
mation war,  wie  sie  sich  kaum  wieder  findet  Allein  es  war  dem  Geist  des 
Sttickes  entgegen,  dass  altere  oder  reizlose  Frauen  diese  Rolle  spielten,  weil 
Entsagung  in  der  Liebe  von  Seiten  der  Frau  in  reiferen  Jahren  allzusehr  in 
der  Ordnung  der  Natur  liegt,  als  dass  dadurch  das  Hauptinteresse  nicht  von 
der  Heldin  abgleiten  und  auf  die  jtingere  Melitta  tibergehen  musste.«  Er  hob 
auch  gerecht  und  mild  den  Unterschied  zwischen  dem  akademischen,  hohen- 
priesterlichen  Wesen  einer  Rettich  und  der  Leidenschaft  der  jtlngeren  He- 
roine hervor:  »  Julie  Rettich «,  so  sagte  Grillparzer  zu  Frau  v.  Littrow- 
Bischoff,  »war  eine  hochbegabte  Frau,  in  ihrer  Jugend  ein  vortreffliches,  tiber 
jeden  Tadel  erhabenes  Madchen  und  sie  hat  alles  geleistet,  was  heller  Ver- 
stand,  hohes  Talent,  wahre  Bildung  und  ein  vortreffliches  Genie  zu  leisten 
vermogen.  Aber  eben  den  Anlauf  der  Begeisterung  —  welcher  oft* 
dem  ihrigen  weit  untergeordneten  Charakteren  zu  Gebote  steht  —  den  An- 
lauf der  Begeisterung  zu  nehmen,  dazu  fehlte  ihr  die  Fahigkeit.  Sie  ver- 
setzte  haufig  auf  den  Boden  der  Reflexion,  was  der  Phantasie  angehoren 
sollte,  und  wenn  sie  den  Ausbruch  der  Leidenschaft  mit  machtigen  Mitt  ein 
auch  darzustellen  wusste,  derAusdruck  der  leidenschaftlichen  Natur 
lag  ihrem  Wesen  fern,  wie  auch  ein  gewisser  Reiz  der  Anmuth  und  Lieb- 
lichkeit,  obschon  sie  eine  interessante,  bedeutende,  ja  eine  schone  Erschei- 
nung  war!*  Als  die  Zeitungen  die  Lady  Macbeth  der  Wolter  tadelten,  schenkte 
Grillparzer  diesen  Verdammungsworten  keinen  Glauben :  »Ich  denke,  mir  wtirde 
ihre  Auffassung  dieser  Rolle  gefallen  haben«.  Und  noch  bevor  er  die  von 
Frau  v.  Littrow  in  seine  enge  Klause  gefiihrte  W.  bei  sich  begrtisst  hatte  — , 
»wie  ein  alter  Marchenkonig,  der  sich  vaterlich-freudig  tiber  die  glanzende, 
lebensvolle  Erscheinung  des  auf  dem  niedrigen  Sessel  ihm  gleichsam  zu  Fiissen 
sitzenden  Feenkindes  mit  dem  Korallen-Diadem  neigte«  —  ausserte  er:  »Solch 
eine  Schauspielerin,  welche  Anmuth  und  Talent  vereint,  hatte  mich,  wenn  sie 
mir  in  meiner  Jugend  begegnet  ware,  schon  durch  den  Wunsch,  wie  wtirde 
sie  Dies  und  Jenes  spielen,  zu  Vielem  begeistert  und  angeregt,  zu  Dichtun- 
gen  bestimmt,  welche  durch  den  Hauch  der  Personlichkeit  wachge- 
rufen  werden  und  welche,  weil  mir  in  den  Jahren,  da  ich  productiv  war, 
eine  solche  fehlte,  unterbliebenc. 


Wolter.  301 

Dichtergrossen,  wie  Grillparzer  und  Hebbel,  begegneten  unter  den  jiin- 
gern  Dramatikern  der  W.  nicht  mehr.  Allein  die  edleren  unter  ihnen,  Wil- 
brandt  und  Nissel,  sahen  ihre  Eingebungen  durch  diesen  von  Grillparzer  mit 
Recht  so  hochgeriihmten  »Hauch  der  PersonlichkeiU  in  ungeahnte  Hohen 
gehoben:  die  W.  hat  die  rasende  Sinnlichkeit  der  Messalina  durch  Schdnheit 
geadelt,  durch  das  Naturrecht  heidnischen  Tumultes  heissen  Blutes,  trotziger 
Abkehr  von  dem  stoischen  Tugendstolz  der  Contrastfigur  Arria  zu  einer  so 
einzigen  Gestalt  herausgearbeitet,  dass  sie  alle  Zuschauer,  selbst  die  Gegner 
des  Dramas,  fortriss,  Makart  zur  malerischen  Nachbildung  dieses  unerreich- 
baren  Urbildes  anregte,  Wilbrandt  aber  zu  mehr  als  einem  Preislied  auf  ihre 
Kunst  und  Art  entziindete:  —  niemals  zu  einem  besseren  und  aufrichtigeren, 
als  dem  Festgruss  zu  Ehren  ihres  2  5Jahrigen  (1867  feierlich  begangenen)  Burg- 
theater-  Jubilaums : 

Rdmische  Kraft,  die  mit  den  Gdttern  ringt, 
Griechische  Schttnheit,  die  noch  Frevel  adelt, 
Ein  deutsch  Gewissen,  das  belehrt,  getadelt 
Rastlosen  Kampfes  Kunst  und  Stolz  bezwingt, 
So  kenn'  ich  Dich,  so  dank*  ich  Dir  von  Herzen 
Verkund'rin  httchster  Wonnen,  tiefster  Schmerzen. 

Diesen  Hymnus  stimmte  nicht  nur  der  Dichter  und  Kenner  an.  Die 
Verse  waren  zugleich  das  Ehrenzeugniss  des  Directors.  Unter  Wilbrandt,  wie 
zuvor  unter  Laube  und  Dingelstedt,  wie  hernach  unter  Forster  und  Burck- 
hard  war  die  W.,  eiferstichtig  darauf  bedacht,  unbestritten  als  die  erste  tra- 
gische  Schauspielerin  des  Burgtheaters  sich  zu  behaupten,  nimmermiide  ge- 
wesen  im  Dienste  ihrer  Kunst.  Laube's  harte  Zucht  beherzigend ,  •  miihte  sie 
sich  bis  an  das  Ende  ihrer  Laufbahn  —  zuletzt  mit  vollem  Gelingen  —  die 
Idiotismen  der  Kolner  mundartlichen  Aussprache  abzustreifen ,  die  Rhythmik 
des  Verses,  die  Melodik  der  »gesetzlich  klaren  Rede«  sich  zu  eigen  zu 
machen.  Die  ehedem  ihrer  Uberstlirzten  Vortragsweise  halber  so  herb  An- 
gelassene  beherrschte  in  den  siebziger  und  achtziger  Jahren  gebundene  und 
ungebundene  Rede  mit  gleicher  Ueberlegenheit:  das  »Parzenlied«  in  der 
Iphigenia  wirkte  in  ihrem  Munde  wie  Musik  (wohlgemerkt :  nicht  wie  Gesang); 
die  Prosa  Lessing's,  vordem  eine  Klippe  W.'scher  Kunst,  trug  sie  spaterhin 
zum  Gipfel  ihres  Konnens.  Hatte  Laube's  Einfluss  die  W.  sprechen  lehren, 
so  hob  Dingelstedt's  auf  das  fertige  BUhnenbild  gerichteter  Sinn  ihre  an- 
geborene  Gabe,  Haltung  und  Tracht  ktinstlerisch  zu  bilden,  Niemand  hat 
diese  Fahigkeit  feiner  gewiirdigt,  als  der  feinste  Wiener  Kritiker  bildender 
Kunst,  Ludwig  Hevesi :  » Laube,  der  Ausstattungsfeind,  fiihrte  ein  gesprochenes 
Theater,  erst  unter  Dingelstedt  sah  man  ein  gestimmtes  Theater.  Gestimmt, 
in  Wien,  auf  Hans  Makart.  Der  erste  Laut  von  ihren  Lippen  fuhr  elemen- 
tar  durch  die  tausend  Herzen  und,  ehe  man  noch  etwas  gesehen,  war  man 
auf  den  tragischen  Ton  gestimmt.  Durch  alle  Fibern  rieselte  der  Schauer, 
den  dieses  Organ  weckte,  als  eine  Empfindung  sinnlicher  Wohligkeit,  farbiger 
Warme.  Das  ist  das  tonende  Bild,  modemer  Zeiten,  denn  auch  Bild  war  sie 
und  war  es  mit  unwiderstehlicher  Machtfiille.  Von  Iphigenia  bis  zur  Fedora, 
von  Maria  Stuart  bis  zu  Helena:  Bild  um  Bild,  und  immer  eine  andere 
Schonheit.«  Solcherart  trat  sie  in  stetig  steigender  Entwicklung  an  immer 
neue  Aufgaben,  Fehlschlage  gab  es  nur,  wenn  sie  ihrem  Wesen  vollig  fremde 
Rollen  (die  Jiidin  von  Toledo,  Libussa,  Sidonie  in  Fromont  jun.  und 
Risler  sen.)  sich  aufreden  Hess.  Desto  voller  in  ihrem  Element  in  damoni- 
schen,    uberlebensgrosscn    Gestalten,    in  Shakespeare's  Historien,    in  Goethe's 


jO  2  Wolter. 

Faust.  Erstaunt  wahnte  man  jahrelang,  dass  das  Alter  keine  Gewalt  iiber 
sie  habe.  Ihr  Zauber  verstarkte  sich.  »Nicht  nur  in  dem  Orgelton  ihres 
Organs,  das  von  den  Schmeicheltonen  der  Cantilene  bis  zum  Donnerhall  des 
Dies  irae  als  »boses  Gewissen«  im  Faust  sich  steigern  konnte;  nicht  nur*, 
wie  ich  gleich  nach  ihrem  Heimgang  in  der  Allg.  Ztg.  schrieb,  »in  der  Pla- 
stik  ihrer  Posen,  die  Zug  und  Stil  und  zugleich  voile  Glaubwlirdigkeit  und 
Naturtreue  offenbarten,  wie  die  Meisterstiicke  griechischer  Bildnerkunst  —  sie 
hielt  uns  in  wachsender  Liebe  und  Bewunderung  fest  durch  den  »Ernst,  den 
keine  Mtihe  bleicheU.  Sie  hat  die  Geschenke  einer  iiberreichen  Natur  aus- 
gemtinzt  im  Dienste  einer  grossen,  kerndeutschen,  das  heisst  congenial  in  den 
Geist  Aller  sich  vertiefenden  Kunsttibung.  Denn  ihren  classischen  Schopfun- 
gen  ebenblirtig  waren  ihre  britischen  Charaktere,  unter  denen  ihre  Lady  Mac- 
beth obenan  steht.  Ihren  antiken  Gestalten  gesellte  sie  Typen,  wie  Sardou's 
Georgette:  eine  Cocottenfigur,  derengleichen  ich  niemals  tiberlegener,  ausge- 
lassener,  leichtbliitiger  irgendwo  auf  dem  franzosischen  Theater  gesehen  habe. 
Und  den  Heroinen,  Manaden,  Teufelinnen  ihrer  jiingeren  Jahre,  der  Konigin 
Margarethe  in  den  Konigsdramen,  Wilbrandt's  Messalina  und  der  Volandinne 
in  Kriemhilds  Rache  folgten  in  ihren  letzten  Lebensjahren  Matronen:  eine  Lea 
in  den  Makkabaern,  eine  Volumnia  im  Coriolan,  die  Pastorin  in  Richard 
Voss'  Neuer  Zeit  und  die  Hamburger  Patricierin  in  Philippi's  Dornenweg  — 
Erscheinungen  von  gehaltener  Wiirde,  wie  ich  sie  vorher  und  nachher  weder 
auf  der  deutschen,  noch  auf  einer  anderen  Btihne  je  zu  Gesicht  bekommen. 
Und  was  nicht  zu  vergessen  ist:  die  Wolter  war  in  alledem  Original.  Sehr 
empfanglich  fiir  gute  kiinstlerische  Rathschlage  ihrer  Directoren  und  Kame- 
raden,  von  Laube  und  Dingelstedt  bis  auf  Wilbrandt,  Forster,  Sonnenthal 
und  Berger,  ahmte  sie  niemals  einen  fremden  Ton,  irgendein  heimisches  oder 
auslandisches  Muster  nach.  I  am  myself  alone  durfte  sie  mit  Shakespeare's 
Konig  sagen.  In  Costume-Fragen  hat  sie  Makart  manche  Anregung  zu  dan- 
ken.  In  der  Auffassung  einzelner  Stellen  hat  sie  die  Kenner  -  Ansicht  ihres 
edlen,  auch  kiinstlerisch  edel  empfindenden  Gatten  (des  belgischen  Grafen 
O'Sullivan)  beherzigt.  Im  Ganzen  hat  sie  ihr  Bestes,  Eigenstes  nur  aus  sich 
selbst  geschopft.* 

1894  musste  die  W.  zum  erstenmal  ihre  Wirksamkeit  am  Burgtheater 
unterbrechen.  Ein  alteres  chronisches  Nierenleiden  trat  plotzlich  acut  so 
heftig  und  qualvoll  auf,  dass  die  Aerzte  die  Moglichkeit  eines  Wiederauftretens 
bezweifelten,  jedesfalls  im  Interesse  ihres  physischen  Befindens  am  liebsten 
ein-  fur  allemal  ausgeschlossen  hatten.  Starker,  als  der  Wunsch  nach  Ge- 
nesung,  war  indessen  die  Sehnsucht  nach  dem  iiber  Alles  geliebten  Berufe. 
Im  Winter  1895/96  trat  sie,  zunachst  in  der  »Sappho«,  auf,  mit  iiberstrtimen- 
der  Herzlichkeit  willkommen  geheissen  von  der  Burgtheater-  Gemeinde.  Mit 
hochster  Selbstiiberwindung  spielte  sie  nun  u.  A.  auch  als  neue  Rolle  die 
Johanna  Wedekind  im  Dornenweg  untibertrefflich.  Hier  war  einmal  der  Geist 
starker,  als  das  Fleisch,  In  den  Ferien  verschlimmerte  sich  aber  ihr  Zustand 
wieder  und  nun  begann  ein  monatelanges ,  martervolles  Siechthum,  dem  ein 
barmherziger  Tod  erst  am  14.  Juni  1897  ein  Ziel  setzte.  Ihrem  letzten 
Wunsche  gemass  wurde  sie  in  ihrem  reichen  goldverzierten  Costume  als  Iphi- 
genie  in  den  Sarg  gebettet  und  an  der  Seite  ihres  ihr  im  Tode  vorangegan- 
genen  Gemahls  auf  dem  Hietzinger  Ortsfriedhof  bestattet.  Der  damalige 
Direktor  des  Burgtheaters,  Dr.  Burckhard,  widmete  ihr  die  folgende  wiirdige 
Grabrede : 


Wolter. 


303 


» Charlotte  Wolter,  die  grosse,  unsterbliche  Ktinstlerin,  die  so  oft  im 
Leben  spielend  den  Tod  besiegt  hat,  indem  sie  seine  Schauer  verklarend  in 
die  befreienden  Regionen  ihrer  Kunst  erhob,  sie  ist  dem  Furchtbaren  nun 
doch  erlegen.  Nicht  mit  sanftem  Kusse  schloss  er  diese  Augen,  nach  heissem 
Kampfe  hat  er  sie  gebrochen.  » Dieses  Ringens  blutige  Qual«  —  sie  blieb 
ihr  nicht  erspart.  Nur  widerstrebend  verliess  die  Seele  den  Korper,  aus 
dessen  Antlitz  bis  zu  den  letzten  Augenblicken  der  Schimmer  antiker  Schon- 
heit  widerstrahlte;  der  Hauch  des  Odems  straubte  sich,  fur  immer  diesem 
klassisch  geformten  Munde  zu  entschweben,  der  ihm  tausend-  und  tausendmal 
ein  wundervolles  Instrument  gewesen,  das  er  bald  in  melodischen  Glocken- 
klangen  erklingend,  bald  in  machtigem  Orgeltone  dahinbrausend  mit  den 
herrlichsten  Symphonien  belebte,  jetzt  alle  Sinne  zu  begeistertem  Jubel  hin- 
reissend,  jetzt  die  Herzen  der  athemlos  Lauschenden  mit  den  Schauern  heisse- 
ster  Leidenschaft  erfiillend  —  das  Leben  floh  nur  zogernd  aus  der  abgeklarten 
Harmonie,  die  inmitten  des  dissonirenden  Weltgetriebes  sich  in  dieser  Kiinstler- 
brust  aufgebaut  hatte. 

Wie  hast  du  dich  selbst  erfasst,  Charlotte  Wolter,  da  du  gewunscht,  nicht 
in  den  Farben  der  Trauer  den  Weg  des  Todes  zu  beschreiten,  sondern  mit 
hellem  Schimmer  die  Raume  ftillen  zu  lassen,  von  denen  die  letzte  Fahrt 
dich  hieherfiihrte,  so  den  Gedanken,  den  Altmeister  Goethe  in  seiner  Ge- 
dachtnissrede  zum  briiderlichen  Andenken  Wieland's  geaussert,  fiir  dich  nach- 
empfindend:  »Ein  festlich  geschmiickter  Saal,  mit  bunten  Teppichen  und 
munteren  Kranzen,  so  froh  und  klar  als  dein  Leben,  moge  vor  den  Augen 
deiner  trauernden  Freunde  erscheinen«. 

Was  das  Leben  an  Gliick,  an  Liebe,  an  Ehre,  an  Ruhm  bieten  kann,  es 
ward  dir,  Charlotte  Wolter,  in  reichstem  Maasse  zu  theil.  Nach  kurzem 
Kampfe,  wie  er  wohl  noch  keiner  Kiinstlerseele  erspart  blieb,  bist  du  in 
raschem  Fluge  zu  den  lichten  Sonnenhohen  ewigen  Ruhmes  emporgeschnellt ; 
es  war  dir  gegonnt,  durch  Jahre  an  der  Seite  eines  feinsinnigen,  dich  und 
deine  hehre  Kunst  voll  wtirdigenden  Gatten  dahinzuwandeln,  der  mit  zarter 
Fursorge  deine  Pfade  ebnete.  Tausende,  Tausende  haben  dir  zugejubelt  und 
dich  geliebt  und  verehrt,  wie  selten  Menschen  geliebt  und  verehrt  werden; 
durch  grosse  Reiche,  iiber  weite  Meere  hin  flog  der  Ruhm  deines  Namens 
und  deiner  Kunst;  du  warst  durch  Decennien  der  belebende  Mittelpunkt,  um 
den  sich  ein  grosses  Kunstinstitut,  ja  um  den  sich  die  dramatische  Production 
eines  ganzen  Volkes  drehte. 

Aber  hast  du  Grosses  von  deiner  Zeit  empfangen,  so  hast  du  es  nur 
erhalten,  weil  du  ihr  Grosses  gegeben  hast.  Gedenken  wir  der  schonsten, 
der  erhabensten  Eindriicke  unseres  Lebens,  Charlotte  Wolter,  so  werden  wir 
stets  auch  deines  Namens  gedenken,  und  hast  du  uns  durch  dein  Scheiden 
Vieles  genommen,  so  hast  du  uns  Vieles  gelassen:  den  reichen  Schatz  unver- 
ganglicher  Erinnerungen  an  die  Kunstlerin,  mit  der  gelebt,  von  der  empfangen 
zu  haben,  noch  spatere  Geschlechter  uns  neiden  dtirfen.  Nimm  unseren  Dank 
fiir  Alles,  was  dein  Genius  so  iiberreich  uns  gespendet:  durch  Jahrhunderte 
wird  dein  Name  ein  Leitstern  sein  fiir  Alle,  die  in  der  Schauspielkunst  das 
Hochste  anstreben.« 

Quellen:  Rudolf  Valdek:  Deutsche  Zeitung,  Wien,  14.  Mai  1887.  —  Laube: 
Das  Burgtheater.  —  Aus  dem  perstinlichen  Verkehr  mit  Franz  Grillparzer  von  Auguste 
v.  Littrow-Bischoff.  Wien  1873,  S.  54ff«t  I02ff.  —  M.  Ehrenfeld:  Charlotte 
Wolter,  Wien  1887  (eine  nur  einzelner  stoflflicher  Angaben  halber  zu  erwahnende  Ge- 
legenheitsschrift).  —  Adolf  Wilbrandt:  Neue  Gedichte  (»Aus  dem  Burgtheater*,  Char- 


3°4 


Wolter.     Petiold.     Valentin.    Schflnlank. 


lotte  Wolter,  1874,  1887).  —  Charlotte  Wolter.  Nacbruf  von  Ludwig  Hevesi.  Wie- 
ner Fremdenblatt  vom  15.  Juni  1897.  —  Neue  freie  Presse  vom  15.  Juni  1897  (mit  Albert 
J,  Weltner's  Rollenverzeichniss  der  Wolter).  Ebenda:  17.  Juni:  Charlotte  Wolter 
1834 — 1897  von  Ludwig  Speidel  und  Bericht  ttber  ihre  Leichenfeier.  —  Charlotte 
Wolter  von  Paul  Schlenther,  Vossische  Zeitung  vom  15.  Juni  1897.  —  Leo  Hirsch- 
feld:  Charlotte  Wolter.  Ein  Erinnerungsblatt  mit  Illustrationen  und  einer  statistischen 
Rollentabelle,  Wien  1897.  —  Alexander  v.  Weilen:  Allgemeine  Deutsche  Biographie 
s.  v.  Wolter.  —  Die  Bilder  und  B  lis  ten  der  Wolter  (von  Makart,  Canon.  Angeli,  Tilg- 
ner  etc.)  waren  in  der  Wiener  Theaterausstellung  in  einem  besonderen  Woltenimmer  ver- 
einigt  und  in  Karl  Glossy's  Katalog  dieser  Ausstellung  verzeichnet.  —  Nach  dem  Tode  der 
W.  wurden  ihre  reichen  Kunstschatze ,  einschliesslich  sammtlicher  Portrats  ihres  Gemahls 
und  der  Meisterin,  von  H.  O.  Miethke  versteigert:  der  Katalog  ihres  Nachlasses 
(Wien,  H.  O.  Miethke,  1898)  reproducirt  Makart's  Bild  der  W.  als  Messalina,  Angeli's 
W.-PortrSt,  Canon's  W.-BUd,  Matsch's  Oelbild  Charlotte  W.  als  Sappho,  die  W.-Btiste  von 
Tilgner.  —  Bildnisse  der  W.  sind  auch  in  der  Portrat-Gallerie  des  Burgtheaters  und  im 
Wiener  stfldtischen  Museum. 

Anton  Bettelheim. 

Petzold,  Wilhelm,  Dr.,  ein  verdienstvoller  Forderer  der  Schulgeographie, 
Professor  an  der  Ober-Realschule  in  Braunschweig,  *  am  8.  Februar  1848  im 
Pfarrhause  zu  Keutschen  bei  Weissenfels,  f  am  24.  Juli  1897  wahrend  eines 
Ferienaufenthaltes  zu  Pouch  bei  Bitterfeld  (Provinz  Sachsen).  —  P.  erhielt 
seine  Vorbildung  auf  der  Landesschule  zu  Schulpforta,  studirte  in  Halle, 
machte  1870  den  Feldzug  mit  und  war  hiernach  als  Lehrer  in  Neubranden- 
burg  und  Weissenburg  (im  Elsass)  thatig.  Nach  einem  abermaligen  kurzen 
Studium  in  Halle  wurde  er  dann  an  die  Ober-Realschule  in  Braunschweig 
berufen.  Ausser  mehreren  schulgeographischen  Aufsatzen  schrieb  er  einen 
»Leitfaden  ftir  den  Unterricht  in  der  astronomischen  Geographie  «  (1885, 
2.  Aufl.  1 891)  nebst  Fragen  und  Aufgaben  (mit  Losungen)  aus  dem  Gebiete 
der  astronomischen  Geographie  (1892)  und  gab  kurz  vor  seinem  Tode  mit 
Professor  R.  Lehmann  den  trefflichen  »Atlas  ftir  Mittel-  und  Oberklassen 
hftherer  Lehranstalten*  (Leipzig  1897)  heraus.  Das  Lehrbuch  der  Geographie 
von  Baenitz  und  Kopka  gab  er  neu  heraus,  revidirte  die  Bamberg*schen  Schul- 
wandkarten  und  war  auchMitarbeiter  am  Skobel'schen  Handbuch  zu  Andree's 
Handatlas. 

Vgl.  Padagogisches  Archiv  von  E.  Dahn  1897,  S.  643/44. 

W.  Wolkenhauer. 

Valentin,  Joh.,  Dr.,  ein  junger  deutscher  Naturforscher,  *  in  Frank- 
furt a.  M. ,  verungllickte  am  10.  December  1897  auf  einer  wissenschaft- 
lichen  Reise  nach  Chubut  in  Patagonien  (bei  Aguade  de  Reyes,  einem 
Punkte,  der  85  km  von  Rawson,  der  Hauptstadt  von  Chubut,  entfernt  ist).  — 
V.  studirte  in  Strassburg  und  promovirte  hier  1889  zum  Dr.  phil.  Ende  1893 
folgte  er  einem  Rufe  an  das  Museum  von  La  Plata  und  wurde  April  1895 
Sectionschef  ftir  Geologie  und  Mineralogie  am  Nationalmuseum  in  Buenos 
Aires. 

Vgl.  Globus  1898,  LXXIII.  Bd.  w    Wolkenhauer. 

SchOnlank,  William,  Grosskaufmann  und  Generalconsul  ftir  Salvador  und 
Haiti,  *  am  6.  August  18 14  in  der  kleinen  Stadt  Markisch-Friedland  als  Sohn 
einer  jtidischen  Familie  in  kleinen  Verhaltnissen,  f  am  23.  December  1897  in 
dem  hohen  Alter  von  84  Jahren  zu  Berlin.  —  Sch.  hatte  es  verstanden,  sich 
durch  eigene  Kraft,  Rtihrigkeit,  kluge  Berechnung  und  unternehmenden  Geist 


Schtfnlank.     Moericke.     von  Rutimer. 


305 


zu  'grossem  Reichthum  und  zum  Chef  des  urn  den  deutschen  Handel  ver- 
dienten  Indigo -Importhauses  Sal.  Schonlank  Sohne  emporzuarbeiten.  Seiner 
ktihnen  Initiative  war  es  zu  danken,  dass  das  Indigo-  und  Farbwaarengeschaft, 
welches  friiher  von  England  abhangig  war,  dem  deutschen  Markte  erobert 
wurde;  er  hatte  ein  gutes  Stlick  der  indischen  Production  in  seiner  Hand. 
Durch  seine  iiberseeischen  Handelsverbindungen  zu  allem,  was  Natur-  und 
Volkerkunde  pflegte  und  fBrderte,  in  Beziehung  getreten  (Gesellschaft  fiir  Erd- 
kunde,  Museum  fiir  Volkerkunde,  Museum  fiir  Volkstrachten,  Zoologischer 
Garten,  Handelsgeographischer  Verein  u.  a.  in  Berlin),  wurde  er  alien  dahin 
gerichteten  Bestrebungen  seit  seinem  Rticktritt  von  den  kaufmannischen  Ge- 
schaften  ein  verstandnissvoller  Mitarbeiter  und  freigebiger  Gonner.  1878  ge- 
horte  S.  zu  den  sieben  Stiftern  des  Centralvereins  fiir  Handelsgeographie. 
Auch  Nordenskiold's  Expeditionen  und  andere  Forschungsreisende  fanden 
seine  Unterstutzung.  Wissenschaftlichen  Versammlungen  bereitete  er  gern 
einen  gastfreundschaftlichen  Empfang.  So  wurde  er  allmahlich  fast  unentbehr- 
lich  fiir  grosse  Unternehmungen ;  man  wahlte  ihn  in  die  Vorstande  vieler 
wissenschaftlicher  Gesellschaften  und  tiberliess  ihm  mehrfach  auch  die  Ver- 
tretung  im  Auslande.  Der  Berliner  Gesellschaft  fiir  Erdkunde  hat  er  ein 
Legat  von  50000  Mark  als  »  William  Schonlank  Stiftung*  hinterlassen. 

Vergl.  Export  1898,  No.  1;  Verh.  d.  Berliner  Ges.  f.  Anthrop.  etc.  1898,  S.  27/28. 

W.  Wolkenhauer. 

Moericke,  Wilhelm,  Dr.,  Privatdocent  der  Mineralogie  an  der  Universitat 
Freiburg  i.  Br.,  f  am  8.  November  1897  daselbst.  —  Nachdem  M.,  der  aus 
Stuttgart  stammt,  1889  promovirt  hatte,  ging  er  nach  Chile  zu  wissenschaft- 
lichen Studien  und  wurde  einer  der  besten  Kenner  der  chilenischen  Anden, 
Uber  die  er  mehrere  fachwissenschaftliche  Arbeiten  veroffentlicht  hat. 

Leopoldina  1897,  S.  163. 

W.  Wolkenhauer. 

Ruthner,  Anton  von,  Dr.,  hervorragender  Alpenforscher  und  geographi- 
scher  Schriftsteller,  *  am  21.  Sept.  181 7  zu  Wien,  f  am  16.  Dezember  1897 
zu  Salzburg,  80  Jahre  alt.  —  R.  erhielt  seine  Vorbildung  auf  dem  Gymnasium 
zu  Linz  und  im  Stifte  Kremsmiinster  und  studirte  in  Wien  die  Rechte;  von 
1848  bis  187 1  war  er  Hof-  und  Gerichtsadvokat  in  Wien,  1873  iibernahm 
er  eine  Advokatur  in  Steyr  in  Oberosterreich  und  1875  eine  solche  in  Salz- 
burg und  wurde  hier  1878  zum  Notar  ernannt.  Schon  als  Jiingling  hatte 
R.  einige  Ausfliige  in  das  naheliegende  Alpengebiet  unternommen,  bereits 
1841  als  junger  Doctor  den  Gross -Venediger  bestiegen,  aber  erst  1852  be- 
gann  er  systematise!!  die  Durchforschung  und  Besteigung  der  osterreichi- 
schen  Alpen  zu  betreiben.  Ueber  300  Hochgipfel  und  Hochpasse  hat  er  be- 
treten  und  iiberschritten,  darunter  viele,  auf  denen  vor  ihm  noch  keines  Men- 
schen  Fuss  gestanden.  Im  Jahre  1862  war  R.  Mitbegriinder  des  osterreichi- 
schen  Alpenvereins,  zu  dessen  Prasidenten  er  ftinfmal  gewahlt  wurde.  Noch 
grosser  wie  als  thatiger  Erschliesser  wurde  sein  Ruf  als  Schriftsteller.  Neben 
zahlreichen  Aufsatzen  in  verschiedenen  Zeitungen,  den  Jahrbuchern  des  Oester- 
reichischen  Alpenvereins  und  in  den  Mittheilungen  der  Wiener  Geographischen 
Gesellschaft  veroffentlichte  er  eine  lange  Reihe  selbstandiger  Werke,  von  denen 
hier  nur  die  folgenden  hervorgehoben  werden  sollen:  »Die  Alpenlander 
Oesterreichs  und  der  Schweiz.  Eine  Parallele  der  Naturschonheiten  des  oster- 
reichischen    und    Schweizer    Hochlandes«   (Wien    1843);    »Aus   den    Tauern. 

Biogr.  Jabrb.  n.  DeuUcher  Nekrolog.    2.  Bd.  20 


jo6  von  R^thner.     Vogel.     Graf  Thun-Hohenstein. 

Berg-  und  Gletscherreisen  in  den  osterreichischen  Hochalpen*  (Wien  1864, 
neue  Folge  1869);  »Das  Kaiserthum  Oesterreich*  (Wien  1871 — 1879),  ein 
geographisch-ethnographisches  Prachtwerk.  Auch  an  dem  vom  Kronprinzen 
Rudolf  von  Oesterreich  ins  Leben  gerufenen  Prachtwerk  »Die  Oesterreichisch- 
Ungarische  Monarchic  in  Wort  und  Bild«  war  R.  Mitarbeiter;  er  schrieb  die 
Schilderung  von  zwei  Salzburger  Landestheilen,  des  prachtigen  Pinzgaues  und 
Lungaues.  Der  Verstorbene  war  Ehrenmitglied  der  Wiener  Geogr.  Gesell- 
schaft  und  Inhaber  der  osterreichischen  goldenen  Medaille  flir  Kunst  und 
Wissenschaft,  sowie  der  preussischen  goldenen  Medaille  fiir  Wissenscliaft. 

Vgl.  Deutsche  Rundschau  f.  Geogr.  u.  Statistik,  Wien,  1888,  X,  mit  Portrat;  Mitth. 
d.  Deutsch-Oesterr.  Alpenvereins  1897,  No.  24. 

W.  Wolkenhauer. 

Vogel,  Karl,  Dr.,  hervorragender  Topograph,  *  am  4.  Mai  1828  zu  Hers- 
feld  in  Hessen,  f  am  17.  Juli  1897  zu  Gotha  im  eben  vollendeten  69.  Le- 
bensjahre  nach  langerem  Leiden.  —  Die  deutsche  Kartographie  hat  in  dem 
Verstorbenen  einen  ihrer  bekanntesten  und  ttichtigsten  Vertreter  verloren. 
V.  bildete  sich  zum  Landmesser  aus  und  war  schon  in  friihem  Lebensalter, 
1846  bis  185 1,  bei  der  topographischen  Landesaufnahme  von  Kurhessen  unter 
der  trefflichen  Leitung  des  Oberst  Wieggrebe  thatig.  Nachdem  er  dann  flir 
den  Herzog  Ernst  von  Koburg-Gotha  fiir  ein  beabsichtigtes  Kriegswerk  einen 
Atlas  liber  die  Schlachtfelder  in  Schleswig-Holstein  (welches  Werk  jedoch 
nicht  zur  Ausgabe  gelangte)  angefertigt  hatte,  trat  er  am  1.  Februar  1853  als 
Mitarbeiter  in  die  Gothaer  geographische  Anstalt  von  Justus  Perthes  ein,  der 
er  dann  44  Jahre,  freilich  in  den  letzten  Jahren  schweren  Leidens  nur  noch 
als  Invalide,  angehort  hat.  Mit  Aug.  Petermann,  Ernst  Behm,  Hermann 
Berghaus  gehorte  V.  zu  den  Mannern,  denen  die  geographische  Anstalt  von 
Justus  Perthes  die  hohe  Bllithe  der  letzten  Jahrzehnte  verdankte.  Neben 
mehreren  Karten  tiber  den  Thuringer  Wald  (1865/66)  und  seiner  Mitarbeit  an 
den  Terrainbildern  fiir  die  Schul-  und  flir  andere  kleine  Atlanten  des  Instituts 
ist  vor  allem  seine  Mitwirkung  an  der  Neubearbeitung  des  weltbekannten 
Stieler'schen  Handatlas  (seit  1862)  hervorzuheben :  die  Karten  der  mittel- 
und  sudeuropaischen  Staaten,  von  den  95  Blattern  des  Atlas  35,  sind  V.'s 
eigenste  Arbeit.  V.'s  Meisterschaft  liegt  vor  allem  in  der  grossen  Zuverlassig- 
keit  und  Treue  seiner  Karten  in  alien  Einzelheiten.  Als  die  Glanzarbeit  V.'s 
aber  ist  die  »Karte  des  Deutschen  Reichs«  in  27  Blattern  im  Maassstabe 
1  :  500  000,  die  unter  seiner  Leitung  in  zwdlfjahriger  Arbeit  1893  vollendet 
wurde,  zu  nennen.  Als  einer  ihrer  grossten  Vorztige  gilt  die  ungemein  grosse 
Einheitlichkeit  ihrer  Darstellung  und  sie  bildet  das  schonste  Denkmal,  das  er 
sich  selbst  gesetzt  hat.  Auch  literarisch  ist  V.  vielfach  thatig  gewesen,  indem 
er  in  Petermann's  Mittheilungen  zu  seinen  eigenen  Karten  Commentare  gab, 
oder  fremde  Kartenwerke  anzeigte  und  kritisirte.  Auf  dem  m.  Internationalen 
Geographen-Congress  in  Venedig  im  Jahre  1881  wurde  V.  fiir  seine  Leistungen 
die  grosse  Medaille  zuerkannt  und  die  Universitat  Marburg  ehrte  ihn  1891 
durch  Ernennung  zum  Doctor  philosophiae  honoris  causa. 

Vgl.  Deutsche  Rundschau  f.  Geogr.  u.  Statistik,  Wien  1892,  XIV,  mit  Portrat,  und 
Petermann's  Mitth.  1897,  No.  8. 

W.  Wolkenhauer. 

Thun-Hohenstein ,  Graf  Sigmund,  der  langjahrige  Landespr&sident  des 
Herzogthums  Salzburg,  *  am  11.  Juni  1827  a's  Sohn  des  Grafen  Josef 
Mathias,  vom  Majorat  Klosterle,  aus    dessen  Ehe    mit  Franziska,  geb.  Grafin 


Graf  Thun-Hohenstein,  307 

Thun  vom  Zweige  Thun-Benatak-Ronsburg,  f  am  7.  September  1897  in  Salz- 
burg. —  Er  begann  seine  Carriere  in  der  Armee;  als  Oberlieutenant  im  g.Husaren- 
Regimente  bekam  er  fur  sein  ausgezeichnetes  Verhalten  im  ungarischen  Feld- 
zuge  1849  die  kaiserliche  Belobung.  Indess  verliess  er  den  Milit&rdienst  sp&ter- 
hin  und  wandte  sich  dem  politischen  Leben  zu.  Der  deutsche  Grossgrund- 
besitz  in  Bohmen  entsandte  ihn  im  Jahre  1867  in  den  bohmischen  Landes- 
ausschuss,  wo  er  als  Stellvertreter  des  Oberstlandmarschalls  Flirsten  Adolf 
Auersperg  thatig  war.  Diese  gemeinsame  Thatigkeit  mit  dem  spateren 
Ministerprasidenten  mag  auch  wohl  den  Grand  dazu  gelegt  haben,  dass  Graf 
Th.  in  den  politischen  Verwaltungsdienst  berufen  wurde.  Ftirst  Auersperg 
wurde  im  Jahre  1870  als  Landesprasident  nach  Salzburg  berufen,  auf  denselben 
Posten,  den  zwei  Jahre  s pater  Graf  Th.  einnahm.  Im  Jahre  1870  mit  der 
Wurde  eines  Geheimen  Rathes  bekleidet  und  durch  Verleihung  des  Ordens  der 
Eisernen  Krone  erster  Klasse  ausgezeichnet,  wurde  Graf  Th.  im  September 
1870  zunachst  zur  Nachfolge  des  Freiherrn  v.  Poche  als  S  tat  thai  ter  nach 
Briinn  berufen.  Im  October  1872,  unter  dem  Cabinet  Auersperg,  wurde 
Graf  Th.  zum  Landesprasidenten  des  Herzogthums  Salzburg  ernannt  und 
diese  Stelle  bekleidete  er,  mit  dem  Titel  eines  Statthalters  ausgezeichnet, 
bis  zu  seinem  Tode*  Graf  Th.  war  weit  weniger  Politiker,  als  Verwaltungs- 
beamter,  seine  Statth  a]  terse  haft  wird  Salzburg  noch  auf  lange  hinaus  in 
bestem  Andenken  bleiben.  Die  wirthschaftliche  Kraftigung  dieses  Landchens, 
seine  Eroffnung  ftir  den  Fremdenverkehr  ist  in  betrachtlichem  Maasse  auch 
dem  eifrigen,  unverdrossenen  Wirken  Graf  Th.'s  zu  danken.  In  die  Zeit 
seiner  Statthalterschaft  iallt  die  Eroffnung  der  Giselabahn,  der  Bau  der  Salz- 
burger  Lokalbahn,  der  Ober  -  Pinzgauer  Lokalbahn,  der  Gaisbergbahn  und 
anderer  Bergbahnen  und  sonstiger  Anlagen,  durch  die  der  Fremdenverkehr 
Salzburgs,  der  Stadt  wie  des  Kronlandes,  auf  eine  vorher  kaum  geahnte  Hfche 
gebracht  wurde.  Graf  Th.  war  flir  diese  Bemtihungen  rastlos  thatig,  die 
starre,  unfruchtbare  Bureaukratie  konnte  in  ihm  keinen  Vertreter  erblicken. 
Welch  frischen  Sinn  er  ftir  den  modernen  Fortschritt  hatte,  das  zeigte  unter 
anderem  sein  Eifer  fur  das  Zustandekommen  der  Elektricitatswerke  in  Salz- 
burg und  des  elektrischen  Monchsberg-Aufzuges.  Daneben  vernachlassigte  er 
aber  auch  nicht  die  kunstgewerbliche  Hebung  des  Landes,  die  Salzburger 
Museen  schatzten  in  ihm  einen  treuen  Forderer.  Dass  er  auf  Seite  des 
liberalen  Deutschthums  stand,  das  zeigte  er  wiederholt,  unter  anderem  bei 
der  Begriissungsrede  in  einer  Generalversammlung,  die  der  Deutsche  und 
Oesterreichische  Alpenverein  in  Salzburg  abhielt.  Spaterhin  freilich,  mit  dem 
Vordringen  des  Klerikalismus,  glaubte  auch  er  sich  veranlasst,  mit  dieser  Be- 
wegung  zu  paktiren,  schon  mit  Riicksicht  auf  das  Anwachsen  des  klerikalen 
Einflusses  im  Salzburger  Landtage.  Und  so  unterschieden  sich  seine  An- 
sprachen  an  die  in  Salzburg  im  August  1894  bezw.  1896  abgehaltenen  Ver- 
sammlungen  der  Leo-Gesellschaft  und  des  Katholikentages  recht  merklich 
von  der  seiner  Zeit  viel  bemerkten  Alpenvereins-Rede.  Freilich  fallt  in 
die  Zwischenzeit  ein  ziemlich  tiefgehender  Systemwechsel,  tiber  den  der  Chef 
der  Landesregierung  sich  nicht  ganz  hinwegsetzen  konnte.  In  der  Ansprache 
an  den  Salzburger Katholikentag  bemerkte  er,  dieErstarkung  des  religiosen  Geistes 
sei  berufen,  die  Befreiung  aus  den  Fesseln  des  Materialismus  zu  bringen,  der 
sonst  der  Menschheit  den  Untergang  bereiten  mtisste.  Die  Bestrebungen  des 
Katholikentages  entsprachen  den  BedUrfnissen  der  Gegenwart.  Als  Vertreter 
der  Regierung  konne  er  den  aufrichtigen  Wunsch  beifilgen,    dass  die  hohen 

20* 


*o8  Graf  Thun-Hohen9tein.     Freihenr  von  Kosjek. 

Ziele  des  Katholikentages  zum  Wohle  der  Katholiken  wie  der  Gesammt- 
bevolkerung  Oesterreichs  ihre  Verwirklichung  finden  mogen.  Diese  Ansprache 
gab  dann  Anlass  zu  einer  bei  Wiederzusammentritt  des  Reichsrathes  am 
i.  October  1896  vom  Abgeordneten  Graf  Kuenburg  eingebrachten  Inter- 
pellation, die  am  6.  d.  M.  vom  MinisterprSsidenten  Grafen  Badeni  dahin  be- 
an twortet  wurde,  die  Begrtissung  sei  mit  Zustimmung  der  Regierung  erfolgt, 
doch  sei  daraus  nicht  zu  schliessen,  dass  die  Regierung  sich  mit  alien  Ver- 
handlungen  und  BeschlUssen  des  Katholikentages  identificire.  Graf  Th.  war 
schon  langere  Zeit  vor  seinem  Tode  leidend.  Aus  Gastein,  seinem  alljkhr- 
lichen  Sommeraufenthalte,  wurde  er  auf  seinen  Wunsch  nach  Salzburg  zurtick- 
gebracht.  Sein  Zustand  verschlimmerte  sich  immer  mehr  und  am  7.  Septem- 
ber 1897  verschied  er.  Seiner  am  10.  Juli  185$  in  Wieschitz  geschlossenen 
Ehe  mit  Mathilde  geb.  Gr&fin  Nostiz  -  Rieneck  entsprossen  zwei  Sohne,  die 
Grafen  Josef  und  Felix  Thun-Hohenstein. 

Heinrich  Adler. 

Kosjek,   Gustav,   Freiherr  von,  Diplomat,   zuletzt  bevollmachtigter  Ge- 
sandter  am   griechischen  Hofe,    ein   trefflicher  Kenner  der  Verhkltnisse   des 
Orients,    in    dem    er    den    grossten   Theil    seines   Lebens    verbrachte;    *  am 
17.   August    1838    zu    Mittertrixen    (Karnthen),    f  am    2.  Februar    1897.    — 
Er    war  Zogling    der  Orientalischen  Akademie    und    begann    seine  Laufbahn 
am  2.  November  1859  beim  Consulate  Galatz,   von  wo  er  schon  am  11.  De- 
cember d.  J.  al6  Dolmetsch -Adjunct  zur  damaligen  Internuntiatur  nach  Con- 
Stantinopel    versetzt    wurde.      Dort    rlickte    er    allmahlich    bis    zum    zweiten 
Dolmetsch    (20.  December    1869)    mit    dem    Titel    und  Charakter   eines  Le- 
gations -  Sekretars    vor    und    wurde    am    15.  April    1870    in    den    erblichen 
Ritterstand   erhoben.     Im  Laufe   der  Jahre  wurde    er  erster  Dolmetsch  und 
bekam    im  Jahre    1877    den   Charakter    eines  Legationsrathes    verliehen.     In 
demselben  Jahre  fungirte  er  auch  als  Generalconsul  in  Rustschuk,   und   er- 
regte    damals    durch    seine   Unerschrockenheit  wie   auch    durch    seine    auf- 
opfernde  Flirsorge    ftlr    die    dortige    osterreichisch-ungarische  Kolonie    allge- 
meine    Aufmerksamkeit.      Im    Juni    1878    war    er    dem    Berliner    Congresse 
zugetheilt    und    wurde   danach  in   den   Freihermstand  erhoben.     Ebenso  war 
er  auch  bei  der  im  selben  Jahre   in  Constantinopel    abgehaltenen    ostrume- 
lischen  Conferenz  thatig.     Am  31.  October  1881  wurde  er  als  diplomatischer 
Agent  und  Generalconsul   I.  Kl.  nach  Kairo  versetzt,  wo  er  die  Leitung  des 
General -Consulats  iibernahm,  und  schon  am   5.  Februar  1883  mit  dem  Titel 
und  Charakter  eines  ausserordentlichen  Gesandten  und  bevollmachtigten  Mini- 
sters bekleidet;   sein  Wirken  in  Aegypten  fiel  also  in   eine  ungemein  bewegte 
Zeit.    Am  4.  Marz  1883  wurde  er  als  ausserordentlicher  Gesandter  und  bevoll- 
machtigter Minister  nach  Teheran  versetzt,   bis  er  schliesslich  am  26.  August 
1887    als  Gesandter   beim    griechischen    Hofe    beglaubigt    wurde.     Das    aus- 
wartige  Amt    in  Wien  besass    in  ihm  einen    gediegenen  Kenner  des  Orients; 
die  beste   Zeit  seines  Lebens   hatte   er  dort  verbracht  und   die  Wirksamkeit 
auf  den   vielen  Posten,   auf  die   man  ihn  berief,  von  Galatz  und  Athen  bis 
Teheran,   gaben  ihm   reichlich  Gelegenheit,   mit  scharfem,  offenem  Blick  die 
Eigenheiten   der  verschiedenen  Staatsgebilde   und  Volker  des  Ostens  kennen 
zu  lernen.     Baron  K.  besass  zahlreiche  Auszeichnungen ;  am   14.  Juni   1891 
wurde  ihm  auch  noch  das  Grosskreuz  des  Franz  Josef- Ordens,    am   30.  Juli 
die    Wtirde    eines    Geheimen    Rathes    verliehen.      Am    10.   September    1867 


Freiherr  von  Kosjek.     Klee.     Richter.  309 

vermahlte  er  sich  in  Bujukdere  mit  Eveline  von  Klezl,  Tochter  cles  Regie- 
rungs  -  Rathes  Peter  Edlen  v.  Klezl.  Der  Ehe  entstammten  2  Sohne  und 
2  Tochter. 

Heinrich  Adler. 

Klee,  Elisabeth,  *  am  19.  Juli  1842  in  Posen,  f  am  10.  September  1897 
in  der  Heilanstalt  Untergoltsch  bei  Rodewisch  im  Konigreich  Sachsen.  —  Sie 
war  die  Tochter  des  Geheimen  Ober-Regierungsraths  und  Prasiclenten  des 
Consistoriums  der  Provinz  Posen,  Dr.  Klee,  dessen  Tod  (1855)  den  ersten 
finsteren  Schatten  in  die  sonnige  Kindheit  der  Tochter  warf.  Diese  zog 
nun  mit  ihrer  Familie  nach  Halle  a.  S.,  und  nachdem  sie  drei  Jahre  spater 
auch  ihre  Mutter  durch  den  Tod  verloren  hatte,  trat  sie  im  September  1859 
in  das  Gouvernanten-Institut  zu  Droyssig  ein,  um  sich  zur  Erzieherin  aus- 
zubilden.  Aber  schon  zu  Ostern  i860  musste  sie  eines  heftigen  dreimonat- 
lichen  Leidens  wegen  das  Institut  verlassen  und  zunachst  ftir  die  Wieder- 
herstellung  ihrer  Gesundheit  sorgen.  Sie  ftihrte  daher  in  den  folgenden  Jahren 
eine  Art  Wanderleben,  theils  in  Kurorten,  theils  in  den  Hausern  von  Freun- 
den  und  Verwandten,  deren  Kinder  sie  unterrichtete.  Um  diese  Thatigkeit 
auch  auf  die  ihr  ferner  stehende  Jugend  ausdehnen  zu  konnen,  legte  sie  im 
Herbste  1866  ihr  Lehrerinnenexamen  in  Danzig  ab  und  wurde  zu  Ostern  1867 
als  Lehrerin  an  einer  Privattochterschule  in  dieser  Stadt  angestellt.  Aber 
schon  nach  anderthalb  Jahren  musste  sie  auf  den  Rath  der  Aerzte  ihren 
Beruf  aufgeben  und  im  Suden  Heilung  von  ihren  Leiden  suchen.  Das  Hoch- 
gebirge  wurde  die  Geburtsstatte  der  Schriftstellerin;  doch  erst  in  Dresden,  wo 
sie  1874  ihren  dauernden  Wohnsitz  nahm,  gelangte  ihr  Jugendsehnen ,  litera- 
risch  wirken  zu  konnen,  zu  voller  und  freier  Entfaltung  und  Befriedigung. 
Das  Hauptgebiet  ihrer  schriftstellerischen  Thatigkeit  ist  die  einfache  Erzahlung, 
die  sich  auf  sittlich-religiosem  Grunde  aufbaut;  z.  B.  »Ueberwunden«  (1878); 
»Die  Heimath  im  Hochland«  (1880);  »Durch!«  (1880);  »Ein  Vermachtniss« 
(1880);  »Lehrjahre  des  Lebens«  (1881);  »Sein  und  Schein«  (1885);  5>^in 
VierblatU  (1886).  Das  letzte  Jahrzehnt  ihres  Lebens  zeitigte  keine  novellisti- 
schen  Friichte  mehr;  ein  kranklicher  Korper  legte  dem  sonst  regen  Geiste  doch 
seine  Fesseln  an. 

Fers&nliche  Mittheilungen. 

Franz  Briimmer. 

Richter,  Albert,  Schulmann  und  padagogischer  Schriftsteller,  *  am  7.  Fe- 
bruar  1838  in  Lichtensee  bei  Grossenhain  im  Konigreich  Sachsen,  f  am 
29.  Juni  1897  in  Hockendorf  bei  Tharand.  —  R.  stammte  aus  einem  Lehrer- 
hause  und  widmete  sich  selbst  seit  1853  auf  dem  Seminar  in  Dresden-Friedrich- 
stadt  dem  Lehrerberufe.  Noch  ehe  er  den  Seminarcursus  ganz  beendet  hatte, 
ubertrug  die  Behorde  ihm  schon  1857  wegen  seines  grossen  Lehrgeschicks 
und  seiner  musikalischen  Tiichtigkeit  die  Verwaltung  einer  Lehrerstelle  in 
Hockendorf.  Von  hier  ging  R.  i860  nach  Leipzig,  wo  er  an  mehreren 
Schulen  thatig  war  (zuletzt  als  Oberlehrer  an  der  Rcalschule),  bis  er  1874 
zum  Direktor  der  dortigen  ersten  hoheren  Madchen-Blirgerschule  ernannt 
wurde,  die  er  mit  Umsicht  und  grosser  Treue  23  Jahre  leitete.  Zu  Ende  des 
Jahres  1895  wurde  er  auf's  Krankenlager  geworfcn;  aber  selbst  eine  schwere 
Operation  gab  ihm  die  alte  Gesundheit  nicht  wieder,  und  wahrend  eines  Er- 
holungs-Aufenthalts  in  Hockendorf  nahm  ihn  der  Tod  hinweg.  —  R.'s  Thatig- 


3io 


Richter.     Bach. 


keit  ist  fiir  die  Entwickelung  des  Leipziger  und  weiterhin  des  sachsischen 
Schulwesens  von  Bedeutung  gewesen;  er  gehorte  zu  Jenen,  die  durch  ihre 
scharfen  Angriffe  auf  die  liberlebten  Formen  des  sachsischen  Volksschulwesens 
dessen  Reorganisation,  wie  sie  im  Schulgesetz  von  1873  ihren  Ausdruck  fand, 
in  die  Wege  leiteten;  er  war  einer  der  ersten,  der  die  Einftihrung  der  obli- 
gatorischen  Fortbildungsschule  forderte  und  diese  Forderung  durch  Wort  und 
Schrift  mit  Erfolg  vertrat.  Aeusserst  vielseitig  war  seine  schriftstellerische 
Thatigkeit;  er  redigirte  nicht  nur  den  »Praktischen  Schulmann«  (seit  1874) 
und  daneben  spater  den  »Padagogischen  Jahresbericht«,  sondern  bot  auch 
der  Lehrerwelt  in  einer  Reihe  von  selbstandigen  Schriften  eine  Flille  von 
Anregungen.  Wir  erwahnen  hier  nur  seine  preisgekronte  Schrift  »Der  Unter- 
richt  in  der  Muttersprache  und  seine  nationale  Bedeutung«  (1872),  ferner 
»Ziel,  Umfang  und  Form  des  grammatischen  Unterrichts  in  der  Volksschule« 
(2.  Aufl.  1886),  »Bilder  aus  der  deutschen  Culturgeschichte«  (2.  Aufl.  1884), 
^Deutsche  Redensarten.  Sprachlich  und  culturgeschichtlich  erlautert«  (1889) 
und  vor  alien  sein  »Quellenbuch  zur  deutschen  Geschichte«  (1888). 
Sonntagsblatt  der  Preussischen  Lehrer-Zeitung,  Jahrgang  1897,  S.  321  flf. 

Franz  Briimmer. 

Bach,  Franz  Theodor,  Schulmann,  *  am  7.  August  1833  in  Breslau,  f  in 
der  Nacht  vom  9.  zum  10.  Juli  1897  in  Berlin.  —  Der  Vater,  Nikolaus  B.,  war 
seiner  Zeit  Oberlehrer  und  Professor  am  Matthiasgymnasium  in  Breslau,  die 
Mutter  eine  Tochter  des  bekannten  Prasidenten  Gottfried  Theodor  von  Hippel, 
des  Verfassers  des  koniglichen  »Aufruf  an  mein  Volk«  (1813).  Theodor  B. 
erhielt  seine  Schulbildung  auf  dem  Gymnasium  in  Bromberg,  studirte  an  der 
Universitat  Breslau  Philologie  und  arbeitete  unter  Rossbach,  Schneider  und 
Haase  in  dem  Breslauer  philologischen  Seminar.  Nach  Beendigung  seiner 
Studien  war  B.  eine  Zeit  lang  Hauslehrer,  erwarb  sich  mit  der  Schrift  »Me- 
letemata  Platonica«  1858  die  Doktorwiirde,  legte  kurz  darauf  die  Oberlehrer- 
prlifung  ab  und  erhielt  i860  eine  Lehrerstelle  am  Gymnasium  in  Lauban. 
Schon  nach  zwei  Jahren  kehrte  er  nach  Breslau  zurtick,  urn  das  Rektorat  der 
ersten  Mittelschule  zu  ubernehmen;  der  ihm  gleichzeitig  gewordene  Auftrag, 
diese  Schule  auf  die  Stufe  einer  hoheren  Burgerschule  zu  bringen,  war  es 
wesentlich,  der  B.  dem  Realschulwesen  zufiihrte,  bei  welchem  er  in  der  Folge 
dauernd  verblieb.  Noch  eine  andere  Aufgabe  erwuchs  ihm  in  Breslau.  Von 
jeher  ein  Freund  und  Forderer  des  Turnens,  wurde  er  in  den  Turnrath  ge- 
wahlt  und  vom  Oberbiirgermeister  Hobrecht  damit  betraut,  das  Breslauer 
Schulturnen  neu  zu  ordnen,  welche  Aufgabe  er  mit  Verstandniss  und  Ge- 
schick  zu  losen  verstand.  Diesem  Unterrichtszweige  dienen  auch  seine  Schrif- 
ten »Wanderungen,  Turnfahrten  und  Schulerreisen«  (1884)  unc^  SGm  Lehrbuch 
der  »Schulgesundheitspflege«  (1889),  das  er  mit  dem  bewahrten  Medicinal- 
beamten  und  Hygienfker  Hermann  Eulenburg  verfasste,  und  das  fur  das  beste 
Werk  seiner  Art  gilt.  Inzwischen  war  der  Oberbiirgermeister  Hobrecht  1872 
in  die  gleiche  Stellung  der  Reichshauptstadt  berufen  worden,  und  schon  1874 
zog  er  B.  nach  Berlin,  wo  ihm  zunachst  die  Direktion  der  Sophien-Realschule 
(ibertragen  wurde,  bis  man  ihn  1880  an  die  Spitze  des  neu  begrlindeten 
Falk-Realgymnasiums  stellte,  das  er  bis  zu  seinem  Uebertritt  in  den  Ruhe- 
stand  1896  leitcte.  —  Die  meisten  literarischen  Arbeiten  B.'s  sind  Gelegen- 
heitsschriften,  so  die  »Grtindung  und  Entwickelung  der  Breslauer  Burschen- 
schaft«   (1867)  und   »J.  H.  Deinhardu   (1884),  ein  Lebensbild  seines  Lehrers. 


Bach.     Zintgraff.  31 1 

Eine  ganze  Gruppe  von  Schriften  hat  B.'s  Grossvater  G.  Th.  v.  Hippel  zum 
Gegenstande.  Bei  Gelegenheit  der  Funfzigjahrfeier  des  Beginnes  der  Freiheits- 
kriege  veroffentlichte  er  liber  »Gottlob  Theodor  von  Hippel«  (1863)  ein  aus- 
fiihrliches  Lebensbild.  Spater  erganzte  er  dasselbe  durch  zwei  Abhandlungen 
»Denknisse  und  Erinnerungen  aus  der  Zeit  der  Erniedrigung  Preussens«  (1886) 
und  »Denknisse  und  Erinnerungen  aus  der  Zeit  der  Erhebung  Preussens« 
(1887),  die  wesentlich  Ausziige  aus  den  nachgelassenen  Aufzeichnungen,  Brie- 
fen  und  Denkschriften  Hipper s  enthalten. 

Dr.  Fritz  Abraham:  Franz  Theodor  Bach.  Gedachtnissrede.  Berlin  1898.  —  Vossi- 
schc  Zeitung  vom   11.  Juli  1897. 

Franz  Brtimmer. 

Zintgraff,  Eugen,  Afrikareisender ,  *  am  16.  Januar  1858  in  Diisseldorf, 
f  am  3.  December  1897  auf  Teneriffa.  —  Z.  besuchte  in  Diisseldorf  das  Gym- 
nasium und  vollendete  seine  Gymnasialbildung  in  Bielefeld.  Dann  bezog  er  die 
Universitat  Strassburg,  wo  er  zugleich  seinen  einjahrigen  Dienst  bei  den  Ulanen 
ableistete.  Er  studierte  dann  weiter  in  Bonn,  Berlin  und  Greifswald  und  machte 
seinen  juristischen  Doktor  in  Heidelberg.  Dann  beschaftigte  er  sich  einige  Zeit 
in  Berlin  journalistisch  und  bereitete  sich  durch  Sprachstudien  und  geographische 
Studien  fur  eine  Afrikareise  vor,  die  er  1884  mit  dem  Oesterreicher  Chavanne 
nach  dem  unteren  Congo  antrat.  Er  hat  in  seinem  Buch  Nord-Kamerun  er- 
zahlt,  wie  beim  Abschluss  dieser  ersten,  nicht  durchaus  gliicklich  verlaufenen 
Reise  zuerst  die  Kunde  von  dem  Flusse  Ubangi  zu  ihm  drang,  den  der 
Missionar  Grenfell  eben  bis  in  die  Breite  von  Kamerun  befahren  hatte.  »Hatte 
es  mich  hinausgetrieben,  ohne  dass  ich  die  Wirklichkeit  kannte,  wievielmehr 
musste  dies  jetzt  der  Fall  sein,  nachdem  Afrika  fur  mich  nicht  mehr  ein 
verschleiertes  Bild  war!«  Er  begeisterte  sich  ftir  den  Gedanken  einer  Expedi- 
tion in  das  Hinterland  von  Kamerun  unter  deutscher  Flagge.  Er  legte  am 
11.  December  1885  dem  Auswartigen  Amt  den  Plan  vor,  auf  dem  Kongo 
und  Ubangi  oder  einem  anderen  schiffbaren  Nebenfluss  des  Kongo  bis  zum 
Ende  der  Schiffbarkeit  vorzudringen  und  mit  einem  Stamm  von  20  bis  30 
Schwarzen  von  dorther  den  Marsch  tiber  Land  nach  Kamerun  anzutreten. 
Eine  ahnliche  Anregung  gab  einen  Monat  spater  auch  die  Deutsche  Afrika- 
nische  Gesellschaft.  Man  lehnte  indessen  diesen  Plan  ab,  wie  man  auch 
spater  daran  festhielt,  den  Weg  ins  Innere  nur  von  der  Ktiste  zu  nehmen. 
Den  Anlass  zu  dieser  Beschrankung  haben  wesentlich  die  kameruner  Firmen 
gegeben,  denen  es  praktischer  schien,  ihr  Handelsgebiet  von  der  Ktiste  her 
auszudehnen.  Dafiir  wurde  Z.  der  Vorschlag  gemacht,  zunachst  kleinere  Vor- 
stosse  zur  Erforschung  des  Kustenhinterlandes  zu  machen,  um  dann  spater 
grossere  Expeditionen  ins  Hinterland  zu  ftihren.  Z.  verliess  am  1.  Mai  1886 
Europa  und  war  am  15.  Juni  in  Kamerun,  wo  damals  von  Soden  als  Gou- 
verneur  amtete.  Z.  machte  in  diesem  Jahr  noch  vier  Vorstosse  mit  Unter- 
stutzung  befreundeter  Hauptlinge.  Die  Reise  zum  oberen  Wuri  fiihrte  ihn 
zum  ersten  Mai  tiber  die  Schwelle  des  damals  nahe  bei  der  Ktiste  beginnen- 
den  Hinterlandes,  und  als  er  im  Frtihling  1887  nach  Berlin  reiste,  um  grossere 
Plane  zu  vertreten,  konnte  er  darauf  hinweisen,  dass  der  nordliche  Theil  des 
Schutzgebietes  in  einem  Halbmesser  von  etwa  125  Kilometer  in  den  Kiisten- 
gebieten  durchreist  war  und  die  Durchgangspunkte  wichtiger  Handelsstrassen 
nach  dem  Inneren  gefunden  waren.  Bei  der  damaligen  Beschranktheit  der 
Mittel  musste  er  froh  sein,  aus  seinem  Netze  vorgeschobener  Stationen,  deren 


•j  1 2  Zintgraff. 

Plan  er  der  Kolonialabtheilung  vorlegte,  wenigstens  eine   einzige  zu  verwirk- 
Hchen.     Auf  verschiedenen  Wegen  gingen   er  und  Lieutenant  Zeuner  im  De- 
cember   1887   zum  Elephantensee  und  griindeten  dort  die  Barombi  -  Station, 
Die  Geschichte  dieser  Griindung,  wie  sie  Z.  in  seinem  Buche  »Nord-Kamerun« 
gegeben  hat,  gehort  zu  den  anziehendsten,  auch  rein  menschlich  ansprechend- 
sten  Kapiteln  unserer  Afrika-Literatur.    Man  begreift  das  Geftihl,  mit  dem  Z. 
am  Schluss  seines  zweiten  Kapitels  ausruft:  »Jahre  sind  seit  jenem  Tage  dahin 
gegangen,  wo  ich  zum  ersten  Mai  das  Krachen  der  durch  unsere  Schwarzen 
zu  Falle  gebrachten  Urwaldriesen  vernommen  habe.     Mancher  harten  Arbeit, 
die  ein  wechselvolles,  vieljahriges  Expeditionsleben  mit  sich  bringt,   habe  ich 
mich  stets  mit  Begeisterung  und  Eifer  unterzogen.     Nie  aber  wieder  empfand 
ich  eine  so  tiefinnerliche  Befriedigung  beim  Schaffen,  wie  gerade  damals  auf 
der  Barombistation.«     Die  Barombistation  war  die  erste  ihrer  Art,  sie  ist  ge- 
diehen  und  wurde  in  mancher  Beziehung    das  Muster    ftir    andere    tiefer    im 
Innern  begrlindete.     Von  hier  aus  machte  Z.  im  Februar  1888   seinen  ersten 
Vorstoss  nach  Batom,  wo  er  die  ersten  Schwierigkeiten  desAnstiegs  aus  dem 
KUstentiefland  zum  Hochland  kennen  lernte,    und  die  viel  grosseren  Schwie- 
rigkeiten wenigstens  ahnen  konnte,  die  sich  in  der  verworrenen  Volkerlagerung, 
alle  40 — 50  km  eine  neue  Mundart  und  dabei  Mangel    einer    allgemein    ver- 
standenen  Handelssprache,    und    in    dem  Wettbewerb    der  Handelsmonopole 
einzelner  Stamme  einst  dem  weiteren  Vordringen  entgegenstellen  sollten.    Ein 
zweiter  Vorstoss  flihrte  ihn  im  Juli  1888  bereits  in  ein  Gebiet  weit  abweichen- 
der  Vdlker,  wo  jenseits  Batom  die  Kiistendorfer  mit  ihren  an  breiter  Strasse 
neben  einander  stehenden  Rohrhlitten  den  zerstreut  liegenden  Gehoften  Platz 
machen.     Es  ausserte  sich  darin  der  Baustil  der  Banyang,    des  kriegerischen 
Volkes,  dessen  Gefahrlichkeit  das  Gerllcht  bis  zur  Kuste  getragen  hatte  und 
durch   dessen  Land  Z.  und  Zeuner    nach    einem   wochenlangen   gezwungenen 
Aufenthalt,    verstarkt  durch   Lagosleute,    die  Z.   von  der  Kuste  geholt  hatte, 
mit  Waffengewalt    zum  ersten  Mai  ins  Grasland  den  Weg  bahnten.   Der  Tag, 
an  dem  Z.'s  aus  dem  Inneren  stammender  Dolmetscher  einen  in  hellen  braun- 
lichen  Tonen  tiber  die  dunkelgrtinen  Waldberge  hervorsteigenden  fernen  Ho- 
henzug  mit  den  Worten  begrtisst:  »Look  Massa,   my  country,   grass  live  for 
topside:  Sieh,  Herr,  meine  Heimat,  dort  oben  wachst  Gras«,  war  der  wich- 
tigste  in  seinem  afrikanischen  Leben,    zugleich    ein    bedeutsamer  Tag  in  der 
Geschichte    unserer  Kolonie  Kamerun.     Seine  ziemlich  geradlinig    nordwarts 
von  Kamerun  durchgeftihrten  Vorstosse  brachten  ihn  hier  mit  den  ersten  Stam- 
men  des  Graslandes,  den  Babd,  in  Beruhrung.    Kolantisse  als  Friedenszeichen, 
seltsam  geformte  Messer,   lange  kunstvolle  von   ihrem  Trager  unzertrennliche 
Tabakspfeifen,  viereckige  LehmhUtten  mit  Pyramidendacheni,  Hirsenbier,  be- 
zeichneten    den    Eintritt    in    den    Einflussbereich    der    sudanesischen    Kultur, 
hydrographisch    den  Uebergang    aus  dem   Gebiete  der  Kamerunfliisse  in  das 
obere   Becken  des  Kalabar,  wirthschaftsgeographisch  die  Erreichung   des  Ur- 
sprungsgebietes   jener  Masse    von  Palmol,    die    den  Kalabar    und  Gen.    den 
Namen    »Oelfllisse«    verschafft    haben.      Am    12.  Januar  1889   betrat  Z.   das 
Grasland.     »Das  daXotrca!  SaXarra!  der  xenophontischen  Schaaren  kann  nicht 
froher  erklungen  sein  als  das  Grass !    Grass !  •  Massa !  meiner  Trager,  die  unter 
diesem  Freudengeheul,    alle  Mtldigkeit  vergessend,    die  bequemen  Pfade  des 
Graslandes  dahin  eilten.«    Bald  darauf  war  Bali  erreicht,  wo  die  kraftige  Ge- 
stalt  des  Hauptlings  Garrega  und  der  Empfang  im  Kreise  von  einigen  Tausend 
ebenso  kraftigen  Hochlandssohnen  verklindeten,  dass  mit  der  Erreichung  Stid- 


Zintgraff.  2 1 3 

Adamauas  die  schwersten  Aufgaben  der  Expedition  erst  anhuben.  Zuerst 
folgte  der  lange  gezwungene  Aufenthalt  in  Bali,  darauf  der  Bau  der  Station 
Baliburg  —  »selten  ward  wohl  auf  so  vergntigte  Art  gebaut«  —  und  die 
Beziehungen  zu  den  Bali  gestalteten  sich  ganz  harmonisch ;  aber  aufdereinen 
Seite  war  die  Verbindung  mit  der  Barombistation  unterbrochen,  wo  Zeuner 
kommandirte,  und  auf  der  anderen  Seite  verschloss  die  Unlust  Garregas,  den 
weissen  Gast  dem  Benue  zu  ziehen  zu  lassen,  alle  Wege,  und  in  dem  behag- 
lichen  Ruheleben  drohte  die  Unternehmungslust  seiner  Leute  vollstandig  ein- 
zuschlafen.  Da  riss  Z.  in  einem  geschickten  Kriegspalaver,  das  in  einem 
wilden  Kriegstanz  mit  dem  Ruf  Benue!  Benue!  endigte,  seine  Leute  sammt 
den  Bali  mit  und  am  26.  April  1889  befand  er  sich  auf  dem  Marsch,  der 
nicht  ohne  Schwierigkeit  und  Irrwege,  aber  ohne  Kampfe  nach  Donga  und 
von  da  nach  Jola  flihrte.  Z.  hatte  diesen  Weg  barfuss  zu  machen,  da  sein 
Schuhwerk  aufgebraucht  war.  In  dem  unbewohnten  Lande  zwischen  dem 
Gebiet  der  unabhangigen  Stamme  und  dem  slidlichsten  Sultanat  Adamauas, 
Takiim,  hatte  er  mit  Mangel  an  Lebensmitteln  zu  kampfen.  Aber  er  fand 
in  Adamaua  bessere  Wege,  leichtere  Verpflegung  und  erreichte  am  28.  Mai 
Donga  und  damit  die  Verbindung.  mit  Flegels  Benuereise.  Er  legte  sich  hier 
Flegels  in  Adamaua  landesliblichen  Namen  Abder  Rahman  bei.  In  Ibi  sah  er 
den  Benue,  den  ersten  Dampfer  und  wurde  in  der  englischen  Handelsstation 
freundlich  aufgenommen.  Von  hier  konnte  er  die  Erreichung  seines  Zieles 
nach  Berlin  melden.  Von  seiner  Bereitwilligkeit  gleich  weiter  zum  Tsadsee 
zu  gehen,  wurde  kein  Gebrauch  gemacht.  Er  kehrte  um,  nachdem  er  9  tiber- 
fltissige  Weileute  nach  Kamerun  gesandt  hatte,  und  machte  von  Gaschaka  aus 
einen  Abstecher  nach  Jola,  um  tiber  Bagnio,  Flegels  stidlichsten  Punkt,  zu- 
rUckzukehren,  was  ihm  versagt  wurde* 

So  ftihrte  er  seine  Karawane  tiber  Takum  nach  Bali  zurtick.  Nach  manchen 
Hungertagen  und  einem  heftigen  Hagelsturm  auf  der  H6he  von  Mabni,  der 
ihm  16  Leute  kostete,  traf  Z.  im  September  in  Baliburg  ein  und  zog  bald 
unter  Zurticklassung  einer  kleinen  Besatzung  nach  der  Kiiste  weiter,  nicht 
ohne  noch  einmal  einen  Angriff  der  Banyang  erfahren  zu  haben.  Am  5.  Januar 
1890  traf  er  in  Kamerun  ein.  Auf  der  Riickreise  nach  Deutschland  ftihrte  er 
seine  Weijungen  selbst  nach  Monrovia  zurtick  und  suchte  dann  in  Berlin 
personlich  seine  Auffassung  zu  vertreten,  dass  die  Verbindung  mit  den  Bali- 
landern  im  wirthschaftlichen  und  Verwaltungsinteresse  der  Kolonie  offen  ge- 
halten  werden  mtisse,  da  sie  als  Handels-  und  als  Rekrutirungsgebiete  fur  die 
Plantagen  und  die  Schutztruppe  wichtig  seien.  Z.  schlug  nun  vor,  in  Baliburg 
eine  dauernde  Vertretung  einzurichten,  und  zugleich  eine  Handelsstation  dort 
in's  Leben  zu  rufen.  Das  letztere  unternahm  die  kameruner  Firma  Jantzen 
und  Thormahlen  und  das  Auswartige  Amt  entschloss  sich,  eine  neue  Expedi- 
tion nach  Bali  zu  schicken  und  Z.  dort  als  Commissar  fur  die  ndrdliche 
Gegend  der  Kolonie  einzusetzen,  dem  aufgetragen  wurde,  mit  den  Haupt- 
lingen  freundliche  Beziehungen  anzukntipfen,  Ruhe  und  Ordnung  im  Hinter- 
land aufrecht  zu  erhalten,  ftir  offene  Strassen  und  sicheren  Verkehr  nach  der 
Ktiste  zu  sorgen  und  den  Handel  des  Hinterlandes  nach  der  Ktiste  von  Ka- 
merun zu  leiten.  Nach  halbjahrigem  Aufenthalt  in  Deutschland  trat  Z.  am 
1.  September  1890  seine  Reise  an.  An  die  Stelle  seines  treuen  Gefahrten 
Zeuner,  der  am  23.  April  1890  auf  der  Rhede  von  Lagos  am  Tropenfieber 
gestorben  war,  trat  Lieutenant  von  Spangenberg,  und  Landwirth  Huwe  wurde 
als  Expeditionsmeister  angenommen.    Die  Handelsexpedition  leitete  unter  dem 


314  Zintgraff. 

Befehl  Z.'s  Nehber.  Nach  ausserst  miihsamer  Anwerbung  von  Wei-Leuten 
musterte  die  Expedition  7  Europaer  und  375  Afrikaner.  Nachdem  auf  der 
Barombistation  noch  Maassregeln  fiir  die  Erweiterung  der  Anpflanzungen 
getroffen  waren,  aus  deren  Ertrag  ein  Theil  der  Ernahrung  dieser  Mann- 
schaft  bestritten  werden  sollte,  und  der  vorausgesandte  Lieutenant  von 
Spangenberg  die  gttnstigsten  Nachrichten  fiber  die  Gesinnungen  der  Banyang 
gebracht  hatte,  brach  Ende  November  die  Expedition  auf.  Z.  fiihrte  die 
letzte  Abtheilung,  bei  der  sich  auch  die  nun  in  ihre  Heimath  zuriick- 
kehrenden  Bali  befanden.  Am  9.  December  traf  er  in  Bali  ein,  wo  er  ebenso 
freundlich  wie  friiher  empfangen  wurde.  Aber  in  den  umgebenden  Landchen 
war  die  Stimmung  nicht  ebenso  gtlnstig.  In  Bafut  wurden  zwei  Boten  Z.'s 
ermordet,  und  Z.  glaubte  die  benachbarten  Haupdinge  von  Bafut  und  Bandeng 
zuchtigen  zu  sollen.  Mit  UnterstUtzung  von  5000  Bali  griff  er  sie  am  31.  Januar 
an  und  erstiirmte  Bandeng;  auf  dem  Rtickmarsch  aber  wurde  er  vom  grossten 
Theil  seiner  Leute  abgedrangt,  diese  angegriffen  und  4  Europaer,  68  Wei  und 
100  Bali  getOdtet.  Zugleich  fielen  andere  Nachbarstamme  den  Siegera  zu, 
und  die  Verluste  an  Munition  liessen  im  Fall  eines  Angriffes  Schlimmes  be- 
furchten.  Z.  hatte  schon  Ende  Januar,  als  die  Lage  drohend  wurde,  die 
Kolonialverwaltung  gebeten,  die  auf  der  Barombistation  lagernde  Reserve- 
Munition  seiner  Expedition  nach  Bali  oder  Banyang  zu  senden.  Es  geschah 
nicht,  auch  nachdem  Gertichte  von  dem  unglticklichen  Gefecht  vom  31.  Ja- 
nuar in  Kamerun  angelangt  waren.  Z.  wartete  14  Tage  vergebens,  bis  er 
selbst  nach  Kamerun  ging  und  nun  endlich  die  Absendung  der  Munition  be- 
wirkte.  Die  Ursache  des  Zogerns  der  Kolonialverwaltung,  an  deren  Spitze 
damals  der  Gouverneur  Zimmerer  stand,  kann  der  Unbetheiligte  nur  in  der 
verschiedenen  Auslegung  der  Selbstandigjceit  gegenliber  der  Kolonialverwaltung 
von  Kamerun  suchen,  die  Z.  sich  in  Berlin  eigens  hatte  verbriefen  lassen.  Auch 
scheinen  Z.'s  Ansichten  iiber  die  Bedeutung  seiner  Beziehungen  zu  den  Bali  fur 
die  Kolonie,  sowohl  in  Kamerun  wie  in  Berlin  nicht  mehr  ganz  getheilt  worden 
zu  sein.  Es  ist  aber  nicht  zweifelhaft,  dass  der  Aufschub  jeglicher  Hilfeleistung 
die  Wiederherstellung  des  in  dem  Gefecht  bei  Bandeng  erschtitterten  Einflusses 
der  Deutschen  im  Hinterland  von  Kamerun  sehr  erschwert  hat,  und  dem  deut- 
schen  Ansehen  iiberhaupt  abtraglich  gewesen  ist.  Noch  in  anderen  Beziehungen 
erhob  Z.  Vorwtirfe  gegen  die  kameruner  Verwaltung,  besonders  gegen  den 
Gouverneur  Zimmerer.  Das  fiir  die  Entwickelung  der  Kolonie  so  nothwendige 
Herabftihren  der  Bali  soil  dieser  eher  gehindert,  als  gefOrdert  haben.  Kleinere 
Beschwerden,  die  er  in  einer  (ohne  Jahreszahl)  zu  Hamburg  erschienenen  Schrift 
»Meine  Beschwerden  gegen  das  Kaiserliche  Gouvernement  in  Kamerun.  Bei- 
trage  zu  dem  derzeitigen  bureaukratischen  Regime  in  der  Kamerunkolonie«  erhob, 
bekundeten  seine  tiefe  Verstimmung  gegen  die  leitenden  Beamten  in  Kamerun 
und  zuletzt  auch  gegen  die  Kolonialabtheilung  im  Auswartigen  Amt,  die  seine 
Klagen  unbeachtet  liess.  Nachdem  er  in  dieser  Schrift  beherzigenswerthe 
Winke  tiber  die  Reform  unserer  Kolonialbeamtenschaft  mit  grosser  Aufrichtig- 
keit  ausgesprochen  und  besonders  die  damalige  Verwaltung  von  Kamerun  als 
unfahig  bezeichnet  hatte,  war  nattirlich  seines  Verbleibens  im  Dienst  der  von 
ihm  mit  so  grossem  Misstrauen  betrachteten  Verwaltung  nicht  langer.  Z., 
der  Todtgeglaubte,  war  am  1.  Marz  in  Kamerun  eingetroffen.  Der  lang- 
jahrige  Gefahrte  Z.'s,  G.  Conrau,  der  zuerst  in  dieser  kritischen  Zeit  nach 
dem  unglticklichen  Gefecht  vom  Januar  1891  mit  Z.  in  Verbindung  trat,  und 
mit   ihm    nach  Baliburg  zuriickkehrte,    schildert  sein  damaliges  Wesen  in  fol- 


Zintgraff.  315 

genden  Worten:  »Er  besass  eine  Energie,  wie  man  sie  selten  findet,  mit  der 
sich  eine  vornehme  Denkungsweise  paarte.  Seine  Unerschrockenheit  und 
Geistesgegenwart  hat  den  Negern  gewaltig  imponirt  und  wurde  oft  von  ihnen 
besprochen.  .  .  .  Sein  Einfluss  auf  die  Bali  war  durch  das  Gefecht  nicht  nur 
nicht  abgeschwacht,    sondern  im  Gegentheil  gewachsen.     Seine  Energie  und 

Unerschrockenheit  hatten  einen  zu  grossen  Eindruck  auf  sie  gemacht 

Er  war  einer  der  besten  Fussganger.  Er  hat  auch  hierdurch  den  Negern,  die 
selbst  ausgezeichnet  zu  Fusse  sind,  sehr  imponirt.  Massa  Doctor  sabe  walk 
too  much,  passes  us  all,  horte  man  sehr  oft.  Mit  den  Negern  verstand  er 
vorztlglich  umzugehen  und  fertig  zu  werden.  Er  wusste  vortrefflich  seine 
Plane  ihnen  gegentiber  durchzusetzen.  Bei  diesen  Verhandlungen  kamen  ihm 
sein  Humor  und  sein  oft  sarkastischer  Witz  sehr  zu  statten.* 

Z.  verband  mit  seinem  Bericht  iiber  das  Gefecht,  den  er  demAuswartigen 
Amt  einsandte,  den  Antrag  die  Bali  mit  2000  Mausergewehren  zu  bewaffnen  und 
die  gefallenen  Europaer  zu  ersetzen.  Zugleich  kam  er  auf  den  Plan  zurlick, 
Mundame  am  oberen  Ende  der  allerdings  unsicheren  Schiffbarkeit  des  Mungo 
mit  Bali  durch  eine  Strasse  zu  verbinden.  Die  Kolonialverwaltung  schien  aber 
Z/s  Entwlirfen  Zweifel  entgegenzusetzen,  dieser  ging  nach  Barombi  zuriick,  um 
Bali  naher  zu  sein  und  begann  dort  mit  der  Ausbesserung  des  Weges  in's  Innere. 
Er  kam  am  23.  August  mit  Lieutenant  Hutter  nach  Bali  zuriick,  und  langsam 
folgten  die  verlangten  Gewehre,  mit  denen  die  waffenfahige  Balimannschaft  ein- 
exercirt  wurde.  Gleich  in  den  ersten  Wochen  schloss  Z.  einen  Vertrag  mit 
Garega  ab,  in  dem  dieser  Z.,  dem  weissen  Freund,  die  Ausltbung  aller  Gewalt 
Uber  die  Balilander  tibertrug.  Der  merkwlirdige  Vertrag  ist  in  »Nordkamerun« 
S.  395  f.  abgedruckt.  Ende  1891  traf  in  Lieutenant  Steinacker  ein  zweiter 
Officier  ftir  die  sich  mehrenden  Aufgaben  ein,  doch  wurde  der  frtiher  befoh- 
lene  Vorstoss  zum  Tsadsee,  den  Z.  vorbereitet  hatte,  vom  Auswartigen  Amte 
wieder  abbestellt.  Eine  ruhrartige  Seuche,  die  anfanglich  eine  gewaltige  Sterb- 
lichkeit  unter  den  Bali  hervorgerufen  hatte,  wurde  liberstanden  und  die  Ver- 
haltnisse  entwickelten  sich  in  jeder  Weise  glinstig;  Z.  verwaltete  vollstandig 
unabhangig  ein  rasch  sich  erweiterndes  Gebiet.  Er  legte  Stationen  in  Tinto 
bei  den  Banyang  und  in  Mundame  an,  wohin  Jantzen  und  Thormalen  auf  dem 
Mungo  einen  Schleppdampfer  gehen  liessen,  und  auf  den  dazwischen  gebauten 
Wegen  wuchs  der  friedliche  Verkehr,  wahrend  besonders  in  Barombi  der 
eigene  Anbau  Fortschritte  machte.  Es  fehlte  nur  die  Uebereinstimmung  mit 
der  Kolonialverwaltung,  deren  Mangel  besonders  hervortrat,  als  Bali,  die  mit 
Steinacker  an  die  Kiiste  gegangen  waren,  von  den  Dualla  misshandelt  wur- 
den  und  die  Kolonialverwaltung  ablehnte,  eine  Untersuchung  zu  erfiffnen.  Z. 
reiste  nach  Europa,  fand  aber,  dass  man  in  Berlin  sich  auf  die  Seite  der, 
kameruner  Beamten  stellte,  nahm  und  empfing  1892  seine  Entlassung.  Seinem 
Versuch,  die  Culturarbeit  im  Hinterland  durch  Anleitung  zur  Anlage  von  Pflan- 
zungen  an  der  Strasse  Mundame-Bali  durch  Eingeborene  und  durch  Schulung 
von  Balileuten  im  Plantagenbau,  ferner  durch  wissenschaftliche  Beobachtungen 
fortzusetzen,  versagte  das  Auswartige  Amt  die  Genehmigung  mit  der  Begriindung, 
dass  es  nicht  im  Interesse  der  geordneten  Verwaltung  der  Kolonie  liege,  Z. 
jetzt  oder  in  den  nachsten  zwei  Jahren  dorthin  zuriickkehren  zu  lassen.  Z. 
Hess  sich  darauf  fiir  einige  Zeit  in  Neu-Babelsberg  nieder,  hielt  Vortrage  Uber 
seine  Reisen  und  schrieb  sein  Buch  »Nordkamerun«,  das  1895  in  Berlin  er- 
schien.  1893  war  er  nach  Transvaal  gegangen,  um  die  Verhaltnisse  der 
Goldfelder  kennen  zu  lernen,  und  1896  bot  sich. ihm  endlich  die  Gelegenheit 


2 1 6  Zintgraff. 

dar,  als  Direktor  der  Pflanzungsgesellschaft  Victoria  mit  Esser  und  Hosch 
nach  Kamerun  zurtickzukehren.  Er  ging  neuerdings  daran,  aus  den  Bali  einen 
Stamm  von  tiichtigen  Arbeitern  auf  Pflanzungen  heranzuziehen  und  schien 
vor  dem  erhofften  Erfolge  zu  stehen,  als  er  im  Spatjahr  1897  wegen  Krank- 
heit  Urlaub  nehmen  musste.  Sein  Humor,  der  ihn  nie,  auch  nicht  in  den 
Tagen  der  Sorge  und  des  Ungemaches,  verlassen  hatte,  verliess  ihn  auch 
nicht  auf  dem  Sterbebette.  Man  erzahlt,  dass,  nachdem  er  vorher  angeordnet 
hatte,  man  solle  seine  Ankunft  nach  Hause  melden,  er  bei  der  plotzlichen 
Verschlimmerung  seines  Zustandes  befohlen  habe:  »Kabelt  nach  Hause,  ich 
kann  wegen  Todesfall  nicht  kommen«. 

Z.  ist  unter  den  jtingeren  deutschen  Afrikareisenden,  deren  Thatigkeit  in 
die  koloniale  Aera  fallt,  einer  der  hervorragendsten.  Er  ist  ein  Vertreter  der 
besten  Eigenschaften  dieser  jtingeren  Generation.  Z.  war  nicht  in  erster  Linie 
Gelehrter.  Sein  Verhaltniss  zu  Afrika  auch  war  nicht  das  des  ktihlen  Beobach- 
ters.  Er  stand  Afrika  mit  einer  tiefen  Neigung  gegentiber.  Afrika  hatte  fur  ihn 
eine  unschatzbare  Eigenschaft,  die  ihm  viele  Unannehmlichkeiten  aufwog:  »hier 
muss  der  Mensch  die  Maske  fallen  lassen  und  seinen  wahren  Charakter  zei- 
gen;  hier  weist  es  sich  aus,  wer  wahrhaft  vornehm  und  gebildet,  und  wer 
nur  mit  Cultur  oberflachlich  tibertiincht  ist.«  Er  hatte,  wie  seine  Laufbahn 
zeigt,  alle  seine  Krafte  in  den  Dienst  Afrikas  gestellt.  »Dort  ein  tuchtiges 
Stuck  Culturarbeit  zu  schaffen,  war  das  Ziel,  das  er  unentwegt  im  Auge  be- 
hielt.  Nachdem  er  aus  dem  Regierungsdienst  geschieden  war,  baute  er  Plan 
auf  Plan  mit  unermudlichem  Eifer,  um  sich  ein  neues  Wirkungsfeld  in  der 
Kolonie  zu  schaffen.  Der  Tod  riss  ihn  weg,  als  er  eben  die  selbstandige 
Arbeit  fur  ein  grosseres  Plantagenunternehmen  begonnen  hatte.  Man  kann 
die  Frage  aufwerfen,  ob  er  nicht  zu  sturmisch  und  zu  rastlos  ftir  eine  solche 
Stellung  war,  die  viel  Geduld  und  Ausdauer  verlangt.  Mit  seinem  Unter- 
nehmungsgeist  und  seiner  den  europaischen  Comfort  verschmahenden  An- 
spruchslosigkeit  war  er  mehr  geschaffen,  Expeditionen  zu  flihren  oder  Stationen 
in  ausgesetzter  Lage  zu  befehligen.  Dazu  kam  seine  Fahigkeit,  mit  den  Ne- 
gern  zu  verkehren.  Eine  Grausamkeit  gegen  die  Neger  hat  er  sich  nie  zu 
Schulden  kommen  lassen.  Er  strafte  wohl  streng,  wenn  es  nothwendig  war, 
die  Leute  durften  ihm  aber  auch  alle  ihre  kleinen  Sorgen  und  Wunsche  vor- 
tragen,  er  lieh  jedem  ein  geduldiges  Ohr  und  half,  wo  er  nur  konnte.  Er 
war  geftlrchtet  und  geliebu  (Conrau).  So  gut  er  mit  den  Negern  umgehen 
konnte,  so  wenig  verstand  er  dies  denen  gegentiber,  in  deren  Hand  damals 
das  Geschick  der  Kolonie  ruhte.  Diese  tadelten  seine  Ueberhebung  und 
hielten  seine  Plane  fur  utopisch.  Er  war  zu  wenig  schmiegsam  und  nach- 
giebig,  konnte  sich  nur  schlecht  einem  anderen  beugen,  war  zu  sehr  eine 
Herrennatur.  Man  horte  ihn  wohl  sagen:  »Ich  werde  die  Leute  mit  That- 
sachen  ohrfeigen.«  Dabei  vergass  er  leider,  dass  dieselbe  Thatsache  von  ver- 
schiedenen  Beurtheilern  entgegengesetzt  gedeutet  und  geschatzt  wird,  ebenso 
wie  er  libersah,  dass,  wenn  er  rucksichtslos  das  durchzusetzen  suchte,  was  er 
flir  Recht  hielt,  abweichende  Meinungen  tiber  das  Rechte  ebenso  rucksichts- 
los sich  unter  heftiger  Gegnerschaft  verwirklichen  wollten.  Wer  mfichte  in- 
dessen  angesichts  der  Entwickelung  der  Verhaltnisse  in  Kamerun  laugnen, 
dass  Z.'s  Ansichten  und  Vorgehen  in  den  Hauptpunkten  gerechtfertigt 
worden  sind?  Sein  einstiger  Gehilfe  Hutter  hat  1893  in  der  Kolonial- 
zeitung  den  Bali  als  Soldatenmaterial  und  den  Ergebnissen  ihres  Exercitiums 
ein  Lob    gespendet,    das    Z.'s    optimistischen   AufTassungen    entspricht.     Dass 


ZihtgrafF.  3 1  j 

Kamerun  nicht  auf  die  Dauer  sich  mit  einer  Truppe  von  Wei-  oder  Dahomey- 
sklaven  behelfen  kann,  haben  die  Ereignisse,  besonders  bei  den  verungltickten 
Expeditionen  von  Gravenreuth  und  Ramsay,  nur  zu  deudich  gezeigt.  Und 
welcher  Vortheil  es  ftir  die  ganze  Kolonie  gewesen  ware,  wenn  die  Anfange 
Z.'s  mit  der  Schulung  der  Neger  im  kleinen  und  grossen  Plantagenbau  besserer 
Fortfdhrung  und  Untersttitzung  gewurdigt  worden  waren,  lehrt  die  Geschichte 
jeder  Pflanzung  auf  dem  Boden  von  Kamerun.  Auch  was  Z.  in  dem  Schluss- 
abschnitt  seines  Buches  iiber  Reisetechnik  sagt,  ist  als  gesund  und  praktisch 
anerkannt  worden,  wenn  auch  nicht  viele  Z.  in  der  absoluten  Enthaltung  vom 
Alkohol  folgen  oder  seine  Grundsatze  uber  den  Verkehr  mit  den  Negern  in 
alien  Einzelheiten  billigen  werden. 

In  rein  politischer  Beziehung  hat  Z.  ebenso  wie  die  gleichzeitig  mit  ihm 
auf  slidlicheren  Wegen  dem  Benue  zustrebenden  Kund  und  Tappenbeck  nicht 
das  geleistet,  was  man  bei  seiner  Aussendung  erwartet  hatte.  Die  Schwierig- 
keit  des  Vordringens  war  in  jenen  Jahren  noch  zu  gross;  war  doch  Kamerun 
gerade  die  Stelle,  wo  das  unbekannte  Innere  des  Erdtheils  am  nachsten  an 
die  KUste  herantrat.  Zugleich  waren  die  Mittel  zu  gering.  Daher  die  merk- 
wiirdige  Aehnlichkeit  der  Schicksale  der  Z.'schen  Bemtihungen  mit  denen  der 
Kund-  und  Tappenbeck'schen  Expedition:  Zu  frtthe  Ablenkung  vom  Vor- 
dringen  nach  Osten  und  an  den  Tsadsee,  kriegerische  Verwickelungen,  Rtick- 
schlage.  Dass  Z.,  als  er  zum  zweiten  Mai  mit  starkerer  Macht  in's  Grasland 
vordrang,  sich  zu  fruh  von  Garrega  in  Krieg  mit  anderen  Stammen  ver- 
wickeln  Hess,  ist  ihm  mit  Recht  als  ein  Fehler  angerechnet  worden.  Der 
Misserfolg  dieses  zweiten  Vorstosses  ist  einer  der  Griinde,  dass  die  Deutschen 
von  den  Franzosen  am  Schari  uberholt  wurden  und  tiberhaupt  bis  1894  nicht 
uber  den  1 5  °  6.  L.  vorgedrungen  waren. 

Z.'s  wissenschaftliche  Ausbildung  zum  Afrikareisenden  war  nicht  so,  wie 
man  sie  in  der  Zeit  Barth's,  Nachtigal's  und  Schweinfurth's  fiir  nothwendig 
gehalten  hat.  Seine  Anlagen  und  Neigungen  lagen  mehr  nach  der  praktischen 
Seite,  und  was  es  hier  zu  beobachten  gab,  das  hat  er  scharf  gesehen,  richtig 
beurtheilt  und  klar  geschildert.  Der  Boden,  soweit  er  ftir  Pflanzungszwecke 
geeignet  war,  die  Pflanzen  und  Thiere  soweit  sie  dem  Menschen  ntitzen  konn- 
ten,  vor  allem  aber  die  Eingeborenen  mit  ihren  Fehlern  und  Tugenden  fes- 
selten  seine  Aufmerksamkeit.  Seine  Berichte  enthalten  dartiber  sehr  grund- 
liche  Ausfiihrungen,  und  das  einzige  grossere  Werk,  das  er  hinterlassen  hat, 
ist  eine  Fundgrube  von  schonen  ethnographischen  Beobachtungen.  Aber  gerade 
durch  dieses  Buch  weht  ein  freier,  froher  Geist,  der  uns  sagt:  Es  ist  das 
Buch  eines  Pfadfinders  und  Urbarmachers,  der  die  praktischste  Kolonialpolitik 
treibt.  »Bei  schdnem  trockenen  Wetter,  in  bester  Gesundheit,  ein  noch  un- 
bekanntes  Ziel  vor  Augen,  gefolgt  von  seiner  Tragerschar  durch  Afrika  zu 
marschieren,  das  ist  das  Schonste,  was  man  sich  auf  Gottes  Welt  denken 
kann.«  Man  erkennt  zwar  an  manchen  Stellen,  dass  das  Buch  in  einer  kurzen 
Pause  zwischen  zwei  Perioden  grosser  praktischer  Thatigkeit  ausgearbeitet  wurde. 
Es  ist  nicht  als  Ganzes  so  sorgsam  gefeilt,  wie  Barth's  oder  Nachtigal's  Werke. 
Doch  zeigt  es  eine  ausgesprochene  schriftstellerische  Begabung  in  seiner  ge- 
drangten,  plastischen  Sprache,  die  fesselt  und  mitreisst.  Die  Schilderung  der 
Elephantenjagd  in  Mabum  an  der  Grenze  der  Banyang  gehort  zu  den  Ka- 
binetsstticken  afrikanischer  Natur-  und  Volkerzeichnung,  aber  nicht  minder 
auch  die  Schilderung  des  Schwerttanzes  im  Hochlandnebel  bei  den  ersten 
Graslandbewohnern,  deren  Dorf  er  betritt,  und  der  endlosen  Palmweingelage 


318  Zintgraff.     Graf  Wimpffen, 

der  Bali,  »wo  alles  auf  Kommers  und  Rundgesang  zugeschnitten  ist.«  Wir 
empfinden  mit  ihm  lebhaft  die  Wohlthat,  nach  wochenlanger  Waldwanderung 
den  ins  Baliland  ftihrenden  Pfad  viele  Kilometer  durch  das  frische  Gras  hin 
mit  den  Augen  verfolgen  zu  konnen,  wie  er  auf  Kammen  hinfdhrte,  in  Sen- 
kungen  hinabstieg  und  Hohen  hinaufkletterte ;  wir  freuen  uns  mit  ihm  des 
Blickes  auf  die  zahlreichen  grtinen  Flecken  der  Siedelungen  auf  den  Anhohen 
des  welligen  Landes  und  der  ersten  Antilopen,  die  den  Weg  kreuzen.  Gerade 
die  Fahigkeit,  uns  mitten  in  eine  fremde  Welt  hineinzuversetzen,  zeichnet  Z.'s 
Buch  in  besonderem  Maasse  aus.  Nach  seiner  afrikanischen  Erstlingsarbeit: 
Der  untere  Kongo  von  Banana  bis  Vivi,  die  in  den  Mittheilungen  der  Hamburger 
Geographischen  Gesellschaft  1885/86  erschien,  hat  Z.  eine  Reihe  von  Reise- 
berichten  in  den  Mittheilungen  aus  den  deutschen  Schutzgebieten  von  1888  bis 
1890,  im  Export  1891,  in  den  deutschen  Kolonialblattern  1892,  veroffent- 
licht.  Im  »Ausland«  1890  erschien  von  ihm  ein  Aufsatz  »Ueber  Gesten  und 
Mienenspiel  der  Neger«  und  in  den  Mittheilungen  aus  den  deutschen  Schutz- 
gebieten veroffentlichte  er  1890  Meteorologische  Beobachtungen  auf  der  Bali- 
station,  Die  geographischen  Zeitschriften  enthalten  in  der  Periode  1885  bis 
1893  eine  grosse  Anzahl  von  kleineren  Berichten  liber  Z.'s  Reisen.  Ueber 
Z/s  kolonialpolitische  Thatigkeit  vgl.  besonders  die  im  Deutschen  KoloniaJ- 
blatt  Bd.  V.  veroffentlichte  Denkschrift  zum  Abkommen  vom  15.  Marz  1894. 

Kurze  Biographien  Z.'s  steben  in  der  Rundschau  f.  Geographic  XIV,  und  in  Weid- 
mann's  Deutsche  Manner  in  Afrika,  1894.  Ebendas.  auch  Bildnisse.  Ein  gutes  Bildniss 
steht  vor  »Nordkamerun«.  Fttr  die  vorliegende  Arbeit  habe  ich  Privatmittheilungen  ver- 
werthen  kttnnen,  deren  Einsendern  ich  herzlich  danke. 

Friedrich  Ratzel. 

Wimpffen,  Victor,  Graf,  k.  k.  Hofrath  und  Corvettenkapitan  a.  D.,  *  am 
24.  Juli  1834  in  Hietzing  (Wien)  als  Sohn  des  1870  verstorbenen  Feldzeug- 
meisters  Grafen  Franz  Wimpffen,  f  am  22.  Mai  1897  zu  Battaglia.  —  Sein  Vater 
hatte  ftir  seine  Leistungen  im  italienischen  Feldzuge  1848^49  Ritter-  und  Kom- 
mandurkreuz  des  Maria  Theresien-Ordens  erhalten.  Er  war  mit  Maria  geb. 
Freiin  von  Eskeles  vermahlt.  Graf  Victor  v.  W.  war  schon  1849  ^s  Volontar 
im  Hauptquartier  seines  Vaters  thatig.  Er  trat  dann,  1850,  als  Seekadett  in 
die  osterreichische  Marine,  und  rettete  in  dieser  Stellung  einen  franzosischen 
Kauffahrer  vor  dem  Untergange.  Die  franzosische  Regierung  zeichnete  den 
jungen  Seemann  dafiir  mit  dem  Kreuze  der  Ehrenlegion  aus.  Ende  1851 
Fregatten-,  1854  Linienschiffs-Fahnrich,  wurde  er  1857  zum  Fregattenlieutenant 
ernannt.  Er  unternahm  grossere  Seereisen,  so  1857/58  auf  der  Corvette 
»Carolina«,  und  berichtete  darliber  in  dem  Buche:  »Skizzen  aus  einem  Tage- 
buche«  (1859;  2.  Aufl.  1870,  Verlag  Zamarski).  Im  Jahre  1859  erhielt  er, 
dem  Generalstab  der  » ersten  Armee«  zugetheilt,  fur  sein  Verhalten  bei 
Solferino  die  kaiserliche  Anerkennung  ausgedriickt.  Im  Jahre  1866,  bei 
Lissa,  zeichnete  er  sich  als  Kommandant  des  Dampfers  »Stadium«  aus.  In 
seiner  Brochure  liber  die  Schlacht  bei  Lissa  (»Lissa,  20.  Juli  i866«,  Verlag 
Ferrari,  Bozen)  bewahrte  er  abermals  seine  Federgewandtheit.  Mit  dem  Feld- 
zuge 1866  beschloss  Graf  W.  seine  militarische  Laufbahn.  Er  verliess  den 
Militardienst  unter  Erhalt  des  Ranges  eines  Corvettenkapitans.  Im  Jahre  1 868 
folgte  er  noch  einer  Sendung  nach  London  als  Vertreter  der  osterreichischen 
Marine  bei  der  International  en  Conferenz  der  Hilfsvereine  des  Rothen 
Kreuzes  und  wurde  bei  seiner  Rlickkehr  mit  dem  Orden  der  Eisemen  Krone 
III.  Kl.  ausgezeichnet.     Die  Reisen    in  seiner  Jugendzeit  hatten    in  ihm  Sinn 


Graf  Wimpffen.     Graf  Wolkenstein*     Frciherr  von  Eichhoff.  jig 

und  Verstandniss  fiir  das  moderne  Verkehrsleben  gefordert.  So  fand  er  sich 
bald  in  seine  neue  Stellung  als  Prasident  der  damals  neu  gebauten  Nieder- 
osterreichischen  Siidwestbahnen  und  folgte  um  so  lieber  der  Berufung  als 
Hofrath  und  Generalinspektor  des  Telegraphenwesens  in's  Handelsministerium 
im  Jahre  1876,  wo  er  bis  Mitte  1880  thatig  war.  Ihm  dankt  man  die  Ein- 
fiihrung  des  telegraphischen  Worttarifes  in  Oesterreich,  der  fiir  den  Fiskus 
wie  fiir  das  telegraphische  Bedlirfniss  des  Publikums  gleich  willkommen  war. 
Auch  sonst  zeigte  er  durch  zahlreiche  Verbesserungen  seinen  praktischen 
Blick  und  erwarb  sich  speciell  um  die  Telegraphistinnen  durch  Begriindung 
ihrer  Altersversorgung  grosse  Verdienste.  Graf  W.  war  seiner  Zeit  durch  seine 
eifrige  Mitarbeit  in  zahlreichen  kiinsderischen  Vereinigungen  und  bei  gesell- 
schaftlichen  Veranstaltungen  eine  vielgekannte  Personlichkeit.  Mehrere  Jahr- 
zehnte  war  er  als  Administrator  der  Ersten  Oesterreichischen  Donau-Dampf- 
schiffiahrts  -  Gesellschaft  thatig.  Er  verschied  auf  seinem  Gute  Battaglia  (in 
Oberitalien).  Als  Besitzer  der  Guter  Kainberg,  Reitenau  und  Eichberg  hatte 
er  sich  grosse  Verdienste  um  die  Hebung  der  steirischen  Fischzucht  er- 
worben.  Seiner  Ehe  mit  Anastasia  Freiin  von  Sina  entsprossen  die  Grafin 
Hedwig  Anastasia  Iphigenie  und  die  Grafen  Siegfried  Simon  Franz  und  Simon 
Alf.  Victor. 

Heinrich  Adler. 

Wolkenstein,  Heinrich,  Graf,  Oberstjagermeister  des  Kaisers  Franz 
Josef,  *  am  7.  Januar  1841  als  Sohn  des  bohmischen  Herrschaftsbesitzers 
Grafen  Karl  Wolkenstein,  f  am  11.  Februar  1897  zu  Wien.  —  Er  trat  noch  in 
den  funfziger  Jahren  in  die  Armee  und  riickte  dort  allmahlich  bis  zum  Major 
(1.  Mai  1880)  vor,  Als  solcher  war  er  auch  als  Fltigeladjutant  des  Kaisers 
bis  zum  Jahre  1884  thatig,  wo  er  zum  Oberstlieutenant  befordert  wurde. 
Im  Jahre  1886  trat  er  mit  dem  Titel  eines  Obersten  in  Disponibilitiit.  Er 
wurde  zum  Oberst-Ktichenmeister  ernannt  und  mit  der  Wlirde  eines  Geheimen 
Rathes  ausgezeichnet.  Die  Stelle  eines  Oberst-Klichenmeisters  bekleidete  er 
bis  zum  21.  Januar  1897.  Damals  —  man  brachte  das  mit  gewissen  System- 
£nderungen  in  der  Verwaltung  des  Hofstaates  in  Verbindung  —  wurde  er 
seiner  Stellung  enthoben  und1  zum  Oberstjagermeister  ernannt.  In  der  Nacht 
vom  11.  auf  den  12.  Februar  1897  machte  er  seinem  Leben  mit  einem 
Schuss  aus  einem  Kugelstutzen  ein  Ende.  Von  anderer  Seite  wurde  sein 
jahes  Ende  auf  schweres  Leiden  zuriickgefiihrt.  Der  Verschiedene  war  ein 
j lingerer  Bruder  des  Botschafters  in  Paris,  Grafen  Anton  Wolkenstein. 

Heinrich  Adler. 

Eichhoff,  Josef,  Freiherr  von,  osterreichischer  Politiker,  *  als  Sohn  des 
Hofkammer-Prasidenten  Peter  Josef  Freiherrn  von  Eichhoff  am  28.  October  1822, 
f  am  17.  November  1897.  —  In  den  Jahren  1835 — 1840  versuchte  esE.'s  Vater 
mit  kr&ftiger,  fester  Hand,  die  trostlose  Lage  des  osterreichischen  Staatshaus- 
haltes  zu  bessern.  Peter  Josef  Eichhoff  wurde  im  Jahre  1834  in  den  oster- 
reichischen Ritterstand  —  die  Familie  Eichhoff  stammt  aus  Bonn  —  und  1836 
in  den  Freiherrnstand  erhoben  und  im  Jahre  1839  zum  ungarischen  In- 
digena  und  Magnaten  ernannt.  Als  Vertreter  des  verfassungstreuen  mahri- 
schen  Grossgrundbesitzes  trat  Baron  E.  1863  in  den  mahrischeri  Landtag, 
der  ihn  dann  viele  Jahre  hindurch  in  den  Reichsrath  entsandte.  Dort  be- 
sass  er  lange  Zeit  eine  fuhrende  Stelle  als  Obmann  der  liberalen  Centrums- 
partei;  seine  maassvoll  liberalen  Anschauungen  waren  von  grosser  Bedeutung 


320  Freiherr  von  EichhofT.     Gerhard. 

auch  fur  die  mehr  fortschrittlichen  Parteien  der  Linken.  Seit  23.  October 
1823  mit  Marie  Rosalie,  geb.  Grafin  v.  Hohenwart  zu  Gerlachstein,  vermahlt, 
also  Schwager  des  Grafen  Hohenwart,  stand  er  immerhin  in  der  ersten  Reihe 
des  Kampfes,  der  im  Sommer  1871  gegen  die  Vorbereitung  der  Fundamental- 
artikel  entbrannte.  Nach  dem  Sturze  Hohenwart's  wurde  Baron  E.  vielfach 
in  die  Kabinetscombinationen  einbezogen,  als  Ministerprasident  oder  als 
Minister  des  Inneren.  In  der  Aera  Taaffe  zog  E.  sich  dann  vollig  auf  seine 
Stellung  als  Fiihrer  des  verfassungstreuen  mahrischen  Grossgrundbesitzes  im 
mahrischen  Landtage  zuriick,  bis  er  schliesslich,  am  1.  November  1892,  in 
das  Herrenhaus  benifen  wurde.  Im  Jahre  1872  wurde  er  mit  der  Wtirde 
eines  Geheimen  Rathes  bekleidet.  Seine  Gemahlin  verschied  zwei  Jahre  vor 
ihm.  Ihrer  Ehe  entsprossen  Freiherr  Josef  und  Freiin  Clara.  Die  Allodial- 
herrschaften  Czekin,  Winar,  Roketnitz  und  Przekawalk  in  Mahren  sind  frei- 
herrlich  Eichhoff* sche  Besitzung. 

Heinrich  Adler. 

Gerhard,  Johannes  Dietrich  Adolar,  Rechtsanwalt  und  Schriftsteller,  *am 
17.  Juni  1825  in  Leipzig,  f  am  8.  Mai  1897  daselbst.  —  Er  war  der  dritte  Sohn 
des  bekannten  Legationsraths  Wilhelm  G.,  eines  Weimaraners ,  der  sich  der 
Freundschaft  und  Gunst  Goethe's  ruhmen  durfte,  und  der  sich  durch  Ueber- 
setzungen  serbischer  und  schottischer  Balladen,  durch  Uebertragungen  aus  dem 
Mittelhochdeutschen,  sowie  durch  eigene  Gedichte,  von  denen  viele  Volkslieder 
geworden,  in  der  deutschen  Literatur  einen  Platz  gesichert  hat.  In  dem  Hause 
des  Vaters,  in  welchem  Gelehrte  und  Kiinstler  geselligen  Verkehr  pflegten  und 
gastliche  Aufnahme  fanden,  gab  es  viele  poetisch  anregende  Beziehungen,  und 
in  dieser  geistigen  Atmosphare  wuchs  Adolar  G.  auf.  Nach  Absolvirung  des 
Gymnasiums  studirte  er  in  Jena  und  Leipzig  unter  Wachter,  Albrecht,  Giintter 
u.  A.  Jurisprudenz  und  erlangte  nach  Abschluss  seiner  Studien  die  nur  selten 
gewahrte  erste  Censur.  Bald  darauf  (1856)  Hess  er  sich  in  Leipzig  als  Rechts- 
anwalt nieder.  Er  war  namentlich  als  Vertheidiger  beim  Schwurgericht  eine 
gesuchte  Personlichkeit,  da  er  bei  rascher  Geistesgegenwart  die  Gabe  der 
freien  und  schwunghaften  Rede  in  hohem  Grade  besass.  Als  warmer  Literatur- 
freund  und  einer  der  besten  Literaturkenner  wandte  er  seine  Aufmerksamkeit 
den  Rechtsfragen  zu,  welche  dieses  Gebiet  betrafen,  und  als  das  Urheber- 
gesetz  vom  Jahre  1871  fur  das  geistige  Eigenthum  einen  festen  Rechtsboden 
geschaffen,  da  war  er  mit  Ernst  Wichert,  Karl  Batz  u.  A.  unter  den  ersten, 
welche  die  Grtindung  der  »Genossenschaft  dramatischer  Autoren  und  Com- 
ponisten*  durchsetzten.  Und  als  sich  diese  1871  in  Leipzig  constituirt  hatte, 
wurde  G.  der  Syndikus  derselben  und  nahm  sich  ihrer  Interessen  mit  Sach- 
kenntniss  und  grosser  Uneigenniitzigkeit  an.  Im  Jahre  1884  legte  G.  das 
Syndikat  nieder,  und  da  er  auch  in  demselben  Jahre  Wittwer  geworden  war, 
gab  er  auch  seine  Thatigkeit  als  Rechtsanwalt  auf  und  lebte  nun  hinfort 
ganz  der  Literatur  und  der  Dichtung.  Er  konnte  sich  schon  frliher  manches 
schonen  Erfolges  als  Poet  ruhmen.  Das  Festspiel  » Victoria  regia«  (1858),  das 
er  fur  die  Berliner  BUhne  zur  Vermahlungsfeier  des  Prinzen  Friedrich  Wilhelm 
von  Preussen  und  der  Prinzessin  Victoria  von  England  geschrieben,  wurde 
mit  dem  ersten  Preise  gekront  und  in  den  Festmonaten  in  Berlin  wieder- 
holt  aufgeftihrt.  Eine  epische  Dichtung  »Der  Erloser«  Hess  er  unter  dem 
Namen  Gerhard  Ger  (1885)  erscheinen,  wahrend  ein  Theil  seiner  »Gedichte« 
erst  nach  seinem  Tode  herausgegeben  ward  (1898).    Im  Jahre  1894  erlitt  G. 


Gerhard.     Deeckc,  321 

einen  Schlaganfall,  der  ihn  linksseitig  lahmte,  aber  geistig  blieb  er  bis  wenige 
Monate  vor  seinem  Tode  noch  rege  und  schaffend.  Er  war  ein  Mann  von 
edlem  Charakter  und  den  strengsten  Grundsatzen,  eine  Natur,  die  sich  mehr 
nach  innen  kehrte,  ja  fast  zur  Hypochondrie  neigte  und  niemals  die  offent- 
liche  Anerkennung  herausforderte. 

Nach  Mittheilungen  aus  der  Familie.  —  Rudolf  von  Gottschall's  Nachruf  im  »Leip- 
zigcr  Tageblatt  und  Anzeiger*  vom  11.  Mai   1897. 

Franz  Briimmer. 

Deecke,  Wilhelm,  *  am  1.  April  1831  in  Llibeck,  f  am  2.  Januar  1897 
in  Strassburg  i.  E.  —  Er  war  der  Sohn  des  Professors  Dr.  Deecke,  der  die 
freie  Hansestadt  auch  1848  im  Frankfurter  Parlament  vertrat.  Nach  Absol- 
virung  des  Katharineums  bezog  D.  schon  mit  17  Jahren  die  Universitat 
Leipzig,  wo  er  sich  dem  Studium  der  Philologie  —  und  zwar  in  weitestem 
Umfange  —  widmete.  Im  Herbst  1849  &nS  er  nach  Berlin,  wo  er  bis  1852 
seine  Studien  fortsetzte,  die  sich  hier  auch  auf  Alterthumskunde  und  ver- 
gleichende  Sprachwissenschaft  ausdehnte.  Ohne  seine  Studien  durch  irgend 
ein  Examen  zum  Abschluss  gebracht  zu  haben,  aber  doch  mit  einem  univer- 
sellen  Wissen  ausgestattet,  kehrte  er  nach  Llibeck  zurlick,  wo  er  vertretungs- 
weise  Unterricht  im  Lateinischen  am  Katharineum  ertheilte,  1855  aber  die 
Leitung  der  Ernestinenschulej  einer  hoheren  Madchenschule,  iibernahm.  Diese, 
urspriinglich  nur  fur  wenige  Jahre  beabsichtigte  Thatigkeit  wurde  ihm  mehr 
und  mehr  lieb,  so  dass  er,  nachdem  er  seinen  Hausstand  gegrundet  hatte, 
15  Jahre  in  derselben  verharrte.  Diese  Zeit  wurde  nicht  nur  durch  seine 
amtliche  Thatigkeit,  sondern  auch  durch  eifrige  Beschaftigung  mit  den  friiher 
erwahlten  wissenschaftlichen  Fachern,  durch  Reisen  nach  England,  Frankreich, 
Holland  und  Italien,  durch  die  Theilnahme  am  offentlichen  Leben,  durch 
Wirksamkeit  in  der  Oberschulbehorde  (seit  1865)  u.  a.  ausgefiillt  und  durch 
innigen  Verkehr  mit  Emanuel  Geibel  und  anderen  bedeutenden  Mannern  ver- 
schont.  Auch  als  Schriftsteller  bethatigte  er  sich,  besonders  in  seinem  Buch 
tiber  » Deutsche  Verwandtschaftsnamen«  (1870).  Nachdem  er  1870  die  preussi- 
sche  Oberlehrerprlifung  bestanden  und  sich  in  Leipzig  die  Doktorwiirde  er- 
worben  hatte,  erhielt  er  noch  in  demselben  Jahre  eine  Stelle  als  Oberlehrer 
an  der  Realschule  I.  Ordnung  in  Elberfeld,  aber  schon  1871  wurde  er  als 
Mitdirektor  des  kaiserlichen  Lyceums  nach  Strassburg  i.  E.  berufen.  Er 
brachte  diese  Anstalt,  deren  Leitung  er  von  1879  an  ^Gin  fiihrte,  zu  hoher 
Bliithe,  so  dass  die  Schiilerzahl  von  etwa  100  in  drei  Jahren  auf  500  wuchs.  Als 
aber  Meinungsverschiedenheiten  liber  principielle  Schulfragen  zwischen  dem 
Statthalter  Edwin  von  Manteuffel  und  D.  entstanden  und  der  letztere 
seine  Ansicht  in  den  »Plaudereien  liber  Schule  und  Haus«  (2  Hefte,  1884) 
ruhig  und  wurdevoll  vertheidigte,  wurde  der  Wirksamkeit  D.'s  in  Strassburg 
schnell  ein  Ende  bereitet  und  er  als  Direktor  des  Gymnasiums  nach  Buchs- 
weiler  im  Unter-Elsass  versetzt  (1884).  Erst  funf  Jahre  spater  trat  er  durch 
seine  Ernennung  zum  Direktor  des  grossen  Gymnasiums  in  Mlilhausen  — 
unter  dem  Statthalter  Flirsten  Hohenlohe-Schillingsftirst  —  wieder  in  eine 
Stellung  ein,  die  der  friiher  eingenommenen  gleichwerthig  war,  und  die  er 
bis  zu  seinem  Tode  inne  hatte.  Ein  schweres  Leiden  machte  Ende  d.  J. 
1896  seine  Ueberflihrung  in  das  Diakonissenhaus  zu  Strassburg  nothig,  und 
hier  ist  er  wenige  Stunden  vor  der  beabsichtigten  Operation  verschieden.  — 
D.  gait,    als  Verfasscr    der    genauesten    »Jahresberichte   liber  die  Fortschritte 

Blogr.  Jabrb.  a.  Deutschtr  Nekrolog.    2.  Bd.  2  I 


322  Deccke.     Bode. 

der  lateinischen  Sprachkunde«  (1875 — 95),  als  einer  der  besten  Kenner  dieser 
Sprache.  Infolge  dessen  wurde  er  ersucht,  eine  »Lateinische  Grammatik  mit 
Erlauterungen«  (1893)  zu  schreiben.  Sein  Hauptverdienst  liegt  in  seinen 
Forschungen  auf  dem  Gebiete  der  etruskischen  Sprache  und  Alterthtimer, 
deren  Resultate  er  in  dem  dreibandigen  Werke  »Etruskische  Forschungen « 
(1875  —  84),  in  dem  Buche  tiber  »Die  Falisker*  (1888)  und  anderen  Ver- 
offentlichungen  niedergelegt  hat.  Den  intimen  Beziehungen  zu  seiner  Vater- 
stadt  entstammten  seine  biographischen  Arbeiten  »Wilhelm  von  Bippen,  ein 
Gelehrtenleben«  (1867)  und  »Aus  meinen  Erinnerungen  an  Emanuel  Geibel« 
(1885),  sowie  auch  eine  Sammlung  seiner  Gedichte   »Heimathklange«  (1870). 

Ltlbeckische  Blatter,  Jabrg.  1897,  No.  2  u.  $  vom   10.  und  31.  Januar.  —  Jahresbericht 
des  Gymnasiums  zu  Mulhausen  im  Elsass  1896 — 97. 

Franz  Briimmer. 

Bode,  Richard  Werner,  *  am  1.  August  1842  in  Halberstadt,  f  am 
14.  Juli  1897,  durch  langere  Krankheit  vom  Sitz  seiner  Amtsthatigkeit  fern 
gehalten,  in  Blankenburg  am  Harz  als  vortragender  Rath  im  Ministerium  der 
offentlichen  Arbeiten  und  Geheimer  Baurath.  Allzufrlih  hat  der  Tod  einen 
hochbegabten  Mann  abberufen,  dem  nach  pflichttreuem  und  an  Erfolg 
reichem  Wirken  eine  bedeutende  Zukunft  vorbehalten  schien.  Er  genoss 
seine  Schulbildung  auf  dem  Gymnasium  zu  Halberstadt,  bezog  1863  die 
Konigliche  Bauakademie  in  Berlin  und  bestand  Ende  1865  die  erste  Staats- 
prlifung.  Schon  als  Baufiihrer  entschied  er  sich  ftir  das  Eisenbahnfach ,  in 
welchem  auch  sein  Vater  als  oberster  Baubeamter  der  Magdeburg -Halber- 
stadter  Eisenbahngesellschaft  hervorragend  thatig  war.  Seine  Baumeister- 
priifung  legte  B.  kurz  vor  dem  Ausbruch  des  deutsch-franzosischen  Krieges 
ab.  Nachdem  er  wahrend  des  osterreichischen  Feldzuges  der  Executivcom- 
mission  fur  grossere  Truppentransporte  im  grossen  Hauptquartier  beigeordnet 
war,  wurde  er  1870  als  Officier  der  Landwehr  der  zweiten  Feldeisenbahn- 
Abtheilung  zugetheilt  und  erwarb  auf  franzosischem  Boden  das  eiserne  Kreuz. 
Nach  Beendigung  des  Krieges  und  kurzer  Thatigkeit  bei  Privateisenbahnbauten 
wurde  er  1873  auf  seinen  Wunsch  in  den  preussischen  Staatseisenbahn- 
dienst  berufen,  in  der  Folge  als  Abtheilungsbaumeister  beim  Bau  der  Linie 
Berlin-Nordhausen,  von  1 880  ab  beim  Bau  der  Gebirgsbahn  Erfurt-Rietschen- 
hausen  —  zum  Theil  unter  aussergewohnlich  schwierigen  Verhaltnissen  — 
beschaftigt  und  nach  gliicklicher  Losung  der  ihm  gestellten  Aufgaben  durch 
Verleihung  des  Rothen  Adler-Ordens  sowie  des  sachsisch-ernestinischen  Haus- 
ordens  ausgezeichnet.  1882  in  die  etatmassige  Stelle  eines  Eisenbahn-Bau- 
und  Betriebsinspectors  eingertickt,  wurde  er  1885  als  Hilfsarbeiter  und  Be- 
triebsdecernent  an  das  damals  durch  den  Umbau  des  Bahnhofs  Halle  stark 
belastete  Betriebsamt  Magdeburg  (Wittenberge-Leipzig)  versetzt,  1890  zum 
Regierungs-  und  Baurath,  Vorsteher  des  betriebstechnischen  Bureaus  und 
BahnbevoUmachtigten  der  Koniglichen  Eisenbahndirection  Magdeburg  und 
1892  zum  Mitgliede  dieser  Behorde  befordert.  Die  von  ihm  in  jeder  Stellung 
bewiesene  Umsicht  und  Leistungsfahigkeit,  seine  umfassenden  Kenntnisse  im 
Eisenbahnbau  und  -Betriebe,  seine  Gewandtheit  im  dienstlichen  und  ausser- 
dienstlichen  Verkehr  veranlassten  1893  seine  Entsendung  zur  Weltausstellung 
in  Chicago  als  Berichterstatter  liber  amerikanische  Bahn-  und  Bahnhofsanlagen 
und  1894  —  nach  vorlibergehender  Beschaftigung  im  Reichs-Eisenbahnamt  — 
seine  Berufung    in    das  Ministerium   der  offentlichen  Arbeiten  als  technischer 


Bode.     Bauer.  323 

Referent  fur  die  Directionsbezirke  Halle  und  Magdeburg  und  als  Referent  fur 
militarische  Angelegenheiten,  in  denen  er  infolge  seiner  friiheren  Thatigkeit 
besonders  erfahren  war.  Am  1.  April  1895  wurde  B.  gelegentlich  der  Neu- 
ordnung  der  Staatseisenbahnverwaltung  zum  Geheimen  Baurath  und  vor- 
tragenden  Rath  ernannt.  B.  war  ein  Mann  von  ausgezeichneter  That  und 
Willenskraft.  Auch  ausserhalb  seines  amtlichen  Wirkungskreises  hat  er  be- 
reitwilligst  sein  Konnen  und  Wissen  in  den  Dienst  seines  Faches  und  seiner 
Fachgenossen  gestellt.  Langere  Zeit  war  er  Vorsitzender  des  Magdeburger 
Architekten-  und  Ingenieurvereins  und  gehorte  nach  seiner  Uebersiedelung 
nach  Berlin  auch  dem  Vorstande  des  Berliner  Architektenvereins  an.  Ueberall 
hat  ihm  sein  offenes,  zuverlassiges  und  wohlwollendes  Wesen  Freunde  er- 
worben  und  die  Liebe  und  Hochachtung  seiner  Mitarbeiter  und  Berufsgenossen 
gesichert.  Als  besonderer  Beweis  seiner  Herzensgiite  ist  noch  der  Eifer  her- 
vorzuheben,  mit  welchem  er  stets  bis  zur  Grenze  des  Moglichen  fur  das  Wohl 
seiner  Untergebenen  eintrat,  die  ihm  dafiir,  trotz  seiner  Strenge  bei  vorkom- 
menden  Verschuldungen,  seltene  Anhanglichkeit  und  Verehrung  bewahrten. 
Seit  1872  war  der  Verstorbene  in  gliicklichster  Ehe  verheirathet.  Von  vier 
Kindern  sind  ihm  drei  im  Tode  vorausgegangen.  Der  erst  vor  Jahresfrist 
erlittene  Verlust  seiner  altesten,  ihm  besonders  vertrauten  Tochter  hat  die 
Widerstandskraft  des  einst  so  kernigen  Mannes  gebrochen,  und  einen  Tag 
bevor  er  das  Fest  der  silbernen  Hochzeit  hatten  feiern  sollen,  wurde  er  unter 
Betheiligung  zahlreicher  Freunde  und  Amtsgenossen  in  Suhl  in  der  Familien- 
gruft  beigesetzt. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  No.  30. 

Bauer,  Julius  Bruno,  Militar  und  Schriftsteller,  *  am  27.  Februar  1843 
als  Sohn  des  Packhofskommissars  Andreas  B.,  der  als  Sergeant  im  Braunschwei- 
gischen  Truppencorps  den  Feldzug  von  1815  mitgemacht  hatte  (f  1874),  in 
Braunschweig,  f  am  15.  September  1897  in  Bad  Oeynhausen.  —  Er  besuchte 
das  Gymnasium  seiner  Vaterstadt,  das  er  Ostern  i860  mit  gutem  Zeugnisse 
verliess,  um  als  Einjahrig-Freiwilliger  am  1.  April  d.  J.  beim  Braunschweigischen 
Infanterie- Regimen te  einzutreten.  Am  1.  October  i860  wurde  er  zum  Vice- 
korporal,  6.  April  1861  zum  Portepeefahnrich,  5.  November  1862  zum  Second- 
lieutenant  ernannt.  Als  solcher  nahm  er  1866  an  dem  Marsche  nach  Bayern 
Theil.  Wahrend  des  Feldzuges  gegen  Frankreich,  wo  er  bei  Gravelotte,  der 
Cernirung  von  Metz,  bei  Langres,  Vandome,  Le  Mans  u.  s.  w.  mitfocht  und  sich 
das  eiserne  Kreuz  errang  —  spater  erhielt  er  auch  das  Ritterkreuz  des  Ordens 
Heinrichs  des  Lowen  — ,  wurde  er  unterm  5.  Januar  1871  zum  Premier-Lieute- 
nant befordert.  Am  30.  April  1877  wurde  er  zum  Hauptmann  und  Compagnie- 
chef  ernannt.  Ein  paar  Jahre  darauf,  im  September  1879,  vermahlte  er  sich  mit 
Leopoldine  Abel,  Tochter  des  Justizraths  Abel  in  Hannover.  Durch  einen 
ungliicklichen  Sturz  mit  dem  Pferde,  den  er  am  12.  Mai  1880  an  der  Spitze 
seiner  Compagnie  erlitt,  zog  er  sich  einen  Bruch  des  rechten  Unterschenkels 
zu,  der  zwar  heilte,  aber  heftige  neuralgische  Schmerzen  zuruckliess.  Diese 
verschlimmerten  sich  derartig,  dass  er  seit  April  1882  seinen  Dienst  nicht  mehr 
versehen  konnte.  Die  Bader,  die  er  besuchte,  blieben  ohne  Erfolg;  es  trat 
ein  Rlickenmarksleiden  hinzu,  das  eine  allmahliche  Lahmung  beider  Beine 
zur  Folge  hatte.  Da  man  den  tiichtigen  Officier  dem  Regimente  zu  erhalten 
wtinschte,  so  wurde  er  diesem  unterm  29.  Januar  1883  zunachst  aggregirt. 
Da  sich  das  Leiden  aber  nicht  besserte,  so  erhielt  er  unterm  3.  October  d.  J. 

21* 


324  Bauer.     Franz. 

den  erbetenen  Abschied  mit  Pension  und  der  Regimen tsuniform.  Spater 
(8.  Mai  1890)  verlieh  ihm  Prinz  Albrecht  als  Regent  des  Herzogthums  Braun- 
schweig noch  den  Charakter  als  Major.  Nach  seiner  Entlassung  siedelte  B. 
nach  Bad  Oeynhausen  liber,  wo  er  nach  langem,  schwerem  Leiden  gestorben 
ist.  Sein  trauriger  Zustand  hinderte  ihn  aber  nicht  an  reger  geistiger  Thatig- 
keit.  Er  besass  eine  vielseitige  geistige  Bildung  und  konnte  im  personlichen 
Verkehre  trotz  einer  starken  satirischen  A  der  eine  grosse  Liebenswiirdigkeit 
entfalten.  Als  Schriftsteller  ist  er  offentlich  zuerst  nach  dem  Tode  Herzog 
Wilhelms  mit  zwei  kleinen  Schriften  hervorgetreten :  »Hohenstaufen  —  Welfen 
und  Hohenzollern,  eine  historisch-kritische  Studie«  (Hannover,  1885)  und  »Der 
preussische  Antrag  bezuglich  der  braunschweigischen  Erfolgefrage  und  seine 
Consequenzen,  ein  Mahnruf«  (Hannover,  1885),  in  denen  er  einem  friedlichen 
Ausgleiche  zwischen  Hohenzollern  und  Welfen  das  Wort  redet  und  fur  das 
Recht  des  Herzogs  von  Cumberland  auf  den  Braunschweigischen  Herzogsthron 
im  Interesse  der  deutschen  Monarchien  mit  Warme  eintritt.  Es  folgten  dann 
noch  zwei  Abhandlungen  aus  der  vaterlandischen  Geschichte:  »Die  Braun- 
schweig-Ltineburger  in  den  Tiirkenkriegen  des  17.  Jahrhunderts«  (Hannover, 
1885)  und  »Herzog  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig  in  seiner  geschicht- 
lichen  Bedeutung«  (Hannover,  1891),  die  nicht  so  sehr  fur  die  historische 
Wissenschaft  wie  flir  die  gut  volksthumliche  Literatur  eine  Bereicherung  be- 
deuten.  Als  die  griindlichste  und  umfassendste  seiner  Schriften  ist  wohl  »Der 
Einfluss  Frankreichs  auf  die  preussische  Politik  und  die  Entwickelung  des 
preussischen  Staats«   (Hannover,   1888)  zu  betrachten. 

P.  Zimmermann. 

Franz,  Hermann,  Geheimer  Oberbaurath,  *  am  12.  December  1827, 
f  am  20.  Juli  1897  in  Berlin.  —  Nachdem  er  im  Jahre  1847  die  Feldmesser- 
priifung  bestanden  hatte,  wurde  er  bei  Eisenbahnvorarbeiten  in  Pommern  be- 
schaftigt  und  hierdurch  einer  Verwaltung  zugefuhrt,  in  der  er  bis  zu  seinem 
Uebertritt  in  den  Ruhestand  mit  kurzen  Unterbrechungen  thatig  war.  Die 
Baumeisterprlifung  legte  er  im  Jahre  1857  ab;  die  Ernennung  zum  Eisenbahn- 
Baumeister  erfolgte  am  18.  Februar  1864,  die  zum  Bauinspektor  am  4.  De- 
cember 1865  und  die  zum  Regierungs-  und  Baurath  am  9.  Marz  1870.  Be- 
reits  im  Jahre  1869  war  F.  technisches  Mitglied  des  Eisenbahn-Commissariats 
in  Kdln  geworden,  und  es  begann  Hermit  die  lange  Reihe  der  Jahre,  in 
denen  sich  die  vielseitige  Begabung  des  Verstorbenen  in  hervorragender  Weise 
bewahrte.  Im  Jahre  1873  wurde  er  als  vortragender  Rath  in  die  Eisenbahn- 
Abtheilung  des  Ministeriums  der  offentlichen  Arbeiten  berufen,  1876  erfolgte 
seine  Ernennung  zum  Geheimen  Oberbaurath;  lange  Jahre  hindurch  war  er 
Mitglied  des  technischen  Ober-Prufungsamts.  Vermoge  seiner  nicht  aus  dem 
Gleichgewicht  zu  bringenden  besonnenen  Ruhe,  gepaart  mit  Herzensglite  und 
milder  Gesinnung  wirkte  der  Verstorbene  stets  ausgleichend  und  die  Sache 
fordernd.  Sein  Leben  gleicht  vom  Anfang  bis  zum  Ende  einer  kostlichen, 
edlen  Harmonie.  Leider  endete  diese  in  krassester  Weise,  indem  der  Ver- 
storbene am  20.  Juli  bei  seinem  ersten  Ausgang  in  Berlin,  nach  der  Ruck- 
kehr  von  einer  Rheinreise,  auf  dem  Potsdamer  Platze  von  einem  Wagen 
iiberfahren  wurde  und,  ohne  wieder  voll  zum  Bewusstsein  gekommen  zu  sein, 
drei  Tage  spater  an  den  Folgen  dieses  Unfalles  verstarb. 

Centr.ilblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  No.  31. 


Graf  von  Neipperg.  325 

Neipperg,  Erwin  Franz  Ludwig  Bernhard  Ernst  Graf  von,  oster- 
reichischer  General,  *  am  6.  April  1813,  f  am  2.  Marz  1897  auf  Schloss 
Schwaigern.  —  Der  Vater  des  Grafen  Erwin  N.  ist  jener  Graf  Adam, 
der,  1 81 5  der  Kaiserin  Maria  Louise  als  Begleiter  auf  ihrer  Reise  nach 
Parma  mitgegeben,  die  Gunst  der  Gemahlin  Napoleons  I.  gewann  und  sie 
nach  dessen  Tode  1821  als  Gattin  heimfuhrte.  Die  Sohne  des  Grafen 
aus  erster  Ehe  trugen  den  alten  Namen  der  Familie,  die  einem  ritter- 
lichen  Geschlechte  aus  Schwaben  entstammt;  die  aus  der  Ehe  mit  Maria 
Louise  hervorgegangenen  Kinder  erhielten  den  Namen  von  Grafen  von 
Montenuovo  (italienische  Uebersetzung  von  Neuberg  =  Neipperg)  und  die- 
ser  Zweig  ist  seit  1864  gefurstet.  Zu  den  alten  Familienbesitzungen  der 
Neipperg'schen  Familie  gehort  das  Gut  Schwaigern  in  Wurttemberg  und  hier 
wurde  der  spatere  osterreichische  General  Graf  Erwin,  geboren  und  hier  ver- 
schied  er  auch  als  84Jahriger  Greis.  Seine  militarische  Bildung  erhielt  er  in 
der  k.  k.  Ingenieur-Akademie  zu  Wien  und  trat  1830  in  das  osterreichische 
Husaren-Regiment  No.  8  als  Lieutenant,  wurde  1836  Rittmeister,  1847  Major, 
in  welcher  Eigenschaft  er  1848  bei  dem  Kampfe  um  Krakau  und  spater  bei 
der  Einnahme  Wiens  thatig  war.  Im  Feldzuge  von  1849  stand  er  unter 
Radetzky  in  Italien.  Dann  stieg  er  1850  zum  Obersten,  1854  zum  General- 
major  und  1863  zum  Feldmarschalllieutenant  auf.  In  letzterer  Eigenschaft 
nahm  er  an  dem  Feldzuge  gegen  Danemark  Theil,  war  bei  der  Berennung 
von  Fridericia  thatig,  besetzte  die  Festung  und  commandirte  am  8.  Marz  bei 
Veile  die  linke  Angriffscolonne.  Da  er  seit  1864  Commandant  der  Bundes- 
festung  Mainz  war,  so  ergab  es  sich  von  selbst,  dass  er  1866  das  Commando 
einer  Abtheilung  auf  dem  westdeutschen  Kriegsschauplatze  ubernahm.  Es 
war  das  die  4.  Division  des  achten  Bundescorps,  das  bekanntlich  von  dem 
Prinzen  Alexander  von  Hessen  befehligt  wrurde.  Nach  dem  Siege  von 
Kissingen  am  10.  Juli  zog  es  der  preussische  General  Vogel  von  Falckenstein 
vor,  die  geschlagenen  Bayern  unverfolgt  zu  lassen  und  sich  dem  ^Springer 
auf  dem  SchachbretU  vergleichbar  mit  grosser  Schnelligkeit  gegen  Frankfurt 
auf  das  achte  Bundescorps  (Oesterreicher,  Hessen,  Wtirttemberger,  Badenser 
und  Nassauer)  zu  werfen.  Dabei  stiess  die  vordere  preussische  Division 
Goben  bei  Lausach  zuerst  auf  die  Hessen-Darmstadter  unter  Generallieutenant 
Perglas,  schlug  sie  aus  dem  Felde  und  ilir  nachster  Stoss  traf  bei  Aschaffen- 
burg  die  Division  des  Grafen  N.  Diese  bestand  eigentlich  aus  der  oster- 
reichischen  Brigade  Hahn  und  aus  der  nassauischen  Brigade,  letztere  aber 
war  auf  Wunsch  ihres  Herzogs  zur  Vertheidigung  Wiesbadens  abcommandirt. 
Graf  N.  konnte  aber  hoffen,  dass  er  bei  der  Vertheidigung  Aschaffenburgs 
nicht  bloss  auf  seine  Oesterreicher,  sondern  auch  auf  die  Hessen  unter  Perglas 
zahlen  konne,  die,  wenn  auch  geschlagen,  doch  nach  Abrede  seinen  Rucken 
und  seine  Flanke  decken  konnten.  So  wollte  er  Aschaffenburg  und  seine 
wichtigen  Mainbrticken  halten,  bis  auch  die  Wtirttemberger  und  Badenser  zur 
Stelle  seien.  Goben  zogerte  nicht,  ihn  in  der  Frlihe  des  14.  Juli  rustig  an- 
zugreifen  und  da  N.  nur  iiber  7  Bataillone  gegen  13  feindliche  verfligte,  so 
sah  er  seine  Truppen  nach  tapferem  Widerstande  auf  der  rechten  Flanke  urn- 
gangen  und  somit  in  Gefahr,  von  den  Mainbrticken  abgeschnitten  und  ge- 
fangen  zu  werden.  Zu  spat  erfuhr  er,  dass  Perglas  die  Hessen  ohne  jeden 
Anlass  mainabwarts  weggefiihrt  und  ihn  schmahlich  im  Stiche  gelassen  hatte. 
Ein  Theil  der  Oesterreicher  zog  nun  tiber  die  Mainbrticken  ab,  aber  da  sich 
die   Preussen    der    naheren    derselben    rasch    bemachtigten,    fielen    die    noch 


-j  2  6  Graf  von  Neipperg.     Graf  Chorinsky. 

weiter  zurtickgebliebenen  osterreichischen  Abtheilungen  dem  Feinde  in  die 
Hand.  N.'s  Anordnungen  waren  sachgemass  gewesen;  man  konnte  ihm 
hochstens  zum  Vorwurfe  machen,  dass  er  als  rangalterer  General  dem  hessi- 
schen  General  nicht  bestimmte  Befehle  gesendet  hatte;  aber  da  ihm  der 
Oberbefehl  nicht  ausdrlicklich  ubertragen  war,  wollte  er  den  Bundesgenossen 
nicht  durch  eine  Eigenmachtigkeit  verletzen  und  vertraute  auf  dessen  milita- 
risches  Pflichtgefuhl.  So  trifft  ihn  denn  keine  Schuld  an  dem  Verluste  des 
Treffens.  An  dem  Gefechte  von  Tauber-Bischofsheim  am  24.  Juli  nahm  die 
Division  Neipperg  nur  in  der  Reserve  und  durch  ihre  Artillerie  Theil,  bei 
Gerchsheim  am  25.  Juli  erhielt  sie  noch  vor  ihrem  Eingreifen  von  dem  Corps- 
Commandanten  Prinzen  von  Hessen  den  Befehl  zum  Ruckzuge  —  diesmal 
hatten  namlich  wieder  die  Badenser  vorschnell  den  Kampfplatz  verlassen  und 
den  Verlust  des  Gefechtes  herbeigefiihrt.  Unter  diesen  Umstanden  hatte 
FML.  Graf  N.  keine  Lorbeeren  holen  konnen,  aber  liberall  das  Seinige  ge- 
than;  die  Verleihung  des  Leopoldordens  durch  den  Kaiser  sollte  das  be- 
kunden.     Er  Ubernahm  1867   das  Commando   der  14.  Division   in  Pressburg, 

1869  auf  kurze  Zeit  das  Generalcommando  in  Wien,  bis  er  1869  an  die 
Spitze  des  Armeecorps  in  Lemberg  trat.  Der  Ausbildung  seines  Corps  wid- 
mete   er  sich   mit  allem  Eifer,   und  wurde  als  solcher  1869  Geheimer  Rath, 

1870  General  der  Cavallerie.  Im  Jahre  1878  erhielt  er  die  Ehrenstellung 
eines  Capitans  der  k.  u.  k.  Trabanten-Leibgarde  und  wurde  1879  lebens- 
langliches  Mitglied  des  Herrenhauses.  Seit  1873  Ritter  des  Goldenen  Vliesses 
erhielt  er  aUs  Anlass  seines  6ojahrigen  Dienstjubilaums  im  Heere  das  Gross- 
kreuz  des  Stephansordens.  Bis  in  sein  hohes  Alter  rtistig  und  geistig  thatig, 
verschied  er  am  2.  Marz  1897  als  altester  General  der  osterreichisch-ungari- 
schen  Armee. 

H.  Friedjung. 

Chorinsky,  Karl  Graf,  Mitglied  des  osterreichischen  Herrenhauses  und 
President  des  Wiener  Oberlandesgerichts,  *  am  18.  October  1838,  f  am 
10.  September  1897.  —  Ch.  studirte  an  der  Wiener  Universitat,  trat  sodann 
in  den  Staatsdienst  und  widmete  sich  der  richterlichen  Laufbahn.  Nach 
mehrjahriger  Thatigkeit  zu  Wien  und  Krems  wurde  er  1874  Landesgerichts- 
rath  und  1881  Oberlandesgerichtsrath  in  \Vien.  Im  Jahre  1878  trat  er  durch 
die  Wahl  des  Landgemeindenbezirks  Werfen  in  den  Salzburger  Landtag,  bald 
darauf,  1880,  wurde  er  vom  Kaiser  zum  Landeshauptmann  von  Salzburg  er- 
nannt.  Gemeinsam  mit  Lienbacher  leitete  er  die  clericale  Partei  in  Salzburg. 
Bald  aber  stellte  sich  heftige  personliche  Gegnerschaft  zwischen  den  beiden 
Mannern  ein,  zumal  da  Ch.  mit  Umgehung  Lienbacher's  1886  mit  der  Leitung 
des  Landesgerichts  in  Salzburg  betraut  wurde. 

Dieser  Gegensatz  verscharfte  sich,  als  Lienbacher  immer  bestimmter 
gegen  die  slavenfreundliche  Politik  der  Clericalen  auftrat,  und  fuhrte  bei  der 
Wahl  von  1890  zu  einem  Siege  der  Anschauungen  Lienbacher's.  1887  wurde 
Ch.  zum  lebenslanglichen  Mitgliede  des  Herrenhauses  ernannt  und  erhielt 
im  Herbst  1890  die  Stelle  eines  Prasidenten  des  Oberlandesgerichts  in 
Wien. 

Im  Herrenhause  nahm  er  neben  dem  Grafen  Belcredi  eine  leitende  Stel- 
lung  in  der  conservativ-clericalen  Partei  ein  und  betheiligte  sich  zu  wieder- 
holten  Malen  bei  der  Berathung  legislatorischer  Aufgaben.  Er  gehorte  jener 
Richtung  der  clericalen  Partei   an,   welche   im   Sinne   Hitze's   und  Hertling's 


Graf  Chorinsky,    Pfeiffer.     Rittershaus.  327 

den  socialen  Aufgaben  des  Staates  besondere  Aufmerksamkeit  zuwendet. 
In  einer  Rede  im  Herrenhause,  in  der  er  fiir  das  Hoferecht  eintrat,  sagte  er: 
auch  die  Rechtsprechung  bediirfe  eines  Tropfens  sociajen  Oeles,  der  rein 
privatrechtliche  Standpunkt  sei  in  ihr  nicht  immer  festzuhalten.  In  den 
schriftstellerischen  Arbeiten  Ch.'s  trat  neben  dieser  Gesinnung  auch  eine 
schroffe  Ablehnung  des  liberalen  Standpunktes  zu  Tage.  Unter  seinen 
Schriften  sind  zu  nennen:  »Wucher  in  Oesterreich«,  Wien  1877;  »Das  No- 
tariat  und  die  Verlassenschaftsabhandlung  in  Oesterreich«,  1877;  »Das  Vor- 
mundschaftsrecht  in  Oesterreich  vom  16.  Jahrh.  bis  zum  Erscheinen  des 
Josefinischen  Gesetzbuches«,  Wien  1878;  »Der  osterr.  Executionsprocess.  Ein 
Beitrag  zur  Geschichte  der  allgemeinen  Gerichtsordnung«,  Wien  1879. 

Pfeiffer,  Franz,  osterreichischer  Abgeordneter,  *  in  Rumburg  (Deutsch- 
Bohmen)  1832,  f  in  Wien  am  13.  Februar  1897.  —  Er  widmete  sich  in 
Prag  technischen  Studien  und  betheiligte  sich  an  der  Bewegung  von  1848, 
trat  1849  als  Cadett  in  die  osterreichische  Armee  und  machte  den  Feldzug 
von  1849  in  Ungarn  und  den  von  1859  in  Italien  mit.  Im  Jahre  1861  nahm 
er  als  Oberlieutenant  den  Abschied  und  leitete  von  da  an  sein  Gut  Aujed 
bei  Tuschkau.  Er  wurde  vom  bohmischen  Grossgrundbesitze  1872  in  den 
Landtag  gewahlt,  dem  er  bis  1882  angehorte;  dieselbe  Wahlcurie  vertrat  er 
1879 — J88s  im  Reichsrathe.  Dem  bohmischen  Landtage  gehorte  er  auch  in 
der  jetzt  tagenden  Session  an.  Er  erwarb  sich  dadurch  Verdienste,  dass  er 
sich  an  der  Organisation  der  deutschen  Landwirthe  Bohmens  kraftig  bethei- 
ligte, so  dass  er  von  der  Griindung  an  President  des  landwirthschaftlichen 
Central verbandes  der  Deutschen  Bohmens  war.  Alle  wirthschaftlichen  und 
nationalen  Anregungen  und  Reformen  fanden  in  ihm  einen  eifrigen  Forderer. 
So  stellte  er  sich  an  die  Spitze  der  Action,  die  darauf  drang,  dass  der  boh- 
mische  Landesculturrath  (die  hochste  landwirthschaftliche  Behorde  Bohmens) 
in  eine  deutsche  und  eine  tschechische  Section  getheilt  wurde.  Als  dies 
durch  den  Ausgleich  von  1890  erreicht  war,  wurde  er  von  seinen  Stammes- 
genossen  zum  Prasidenten  der  deutschen  Section  gewahlt,  eine  Stelle,  die  er 
bis  an  seinen  Tod  1897  bekleidete.  Sein  Leichnam  wurde  in  Gotha  ver- 
brannt. 

Rittershaus,  Emil,  Dichter,  *  am  3.  April  1834,  f  am  8.  Marz  1897  in 
Barmen.  —  Er  stammt  aus  einem  der  altesten  Geschlechter  des  bergischen 
Landes.  Sein  Vater,  ein  Bandfabrikant,  erzog  den  Knaben  in  ernst  -  christ- 
lichem  Sinn.  Seine  Mutter  verlor  er,  als  er  6  Jahre  alt  war;  an  ihrer  Stelle 
ubernahm  die  Grossmutter  das  Werk  der  Erziehung.  In  ihrem  Hause  wurde 
R.  durch  den  Privatlehrer  Borckel  fiir  die  Stadtschule  vorbereitet,  die  er  von 
1842  — 1848  besuchte.  Sein  Wunsch,  Naturwissenschaft  zu  studiren,  konnte 
nicht  erftillt  werden.  Er  musste  in  das  vaterliche  Geschaft  treten  und  Kauf- 
mann  werden.  Im  Alter  von  19  Jahren  machte  er  bereits  grossere  Reisen 
fiir  dasselbe.  1854  verlobte  er  sich  mit  Hedwig  Lukas  aus  Elberfeld, 
heirathete  1856  und  grundete  ein  eigenes  Agentur-  und  Commissionsgeschaft 
in  Elberfeld,  6  Jahre  spater  siedelte  er  mit  seiner  Familie  dauernd  nach 
Barmen  iiber.  Zwischen  geschaftlichen  Arbeiten  und  dichterischer  Thatigkeit 
floss  sein  Leben  ruhig  dahin.  Tags  war  er  Kaufmann,  abends  Poet  und 
Schriftsteller.  Er  schrieb  Kunstberichte  fiir  die  Zeitschrift  »Ueber  Land  und 
Meer«,    correspondirte    mit  verschiedenen  Zeitungen   des  In-    und  Auslandes 


328  Rittershaus. 

und  dichtete  herzige  Lieder.  Gegen  Ende  der  sechziger  Jahre  hatte  er  eine 
schwere  geschaftliche  Krisis  durchzumachen,  die  er  mit  Hilfe  treuer  Freunde 
gliicklich  uberstand.  Bei  aller  geschaftlichen  und  poetischen  Arbeit  vergass 
er  die  Pflichten  des  BUrgers  nicht.  Unter  anderem  rief  er  den  »Verein  fiir 
wissenschaftliche  Vorlesungen«  und  den  »Allgemeinen  Btirgerverein*  zu 
Barmen  in's  Leben;  im  letzteren  war  er  bis  an  sein  Ende  Vorsitzender. 
Dabei  war  er  ein  thatiges  Mitglied  der  Loge,  insbesondere  der  Loge 
»Lessing«  zu  Barmen,  in  der  er  eine  lange  Reihe  von  Jahren  den  ersten 
Hammer  ftihrte.  Manche  Reise  machte  er  im  Dienste  der  Kunst  und 
Wissenschaft,  indem  er  Vortrage  oder  poetische  Ansprachen  hielt.  1885 
erkrankte  R.  an  einem  schmerzlichen  Herzleiden,  fiir  das  er  in  Wiesbaden 
Genesung  fand.  1888  half  er  den  Frlihstticksverein  fiir  arme  Kinder  griin- 
den  und  stellte  seine  Muse  in  dessen  Dienst.  1894  feierte  er  unter  grosser 
Betheiligung  von  nah  und  fern  seinen  sechzigsten  Geburtstag.  Leider  verior 
er  schon  ein  Jahr  darauf  seine  inniggeliebte  Frau,  die  eine  echte  Stiitze  seines 
Daseins  war,  und  die  ihm  sieben  Kinder  geschenkt  hat,  von  denen  heute 
noch  sechs,  drei  Sohne  und  drei  Tochter,  am  Leben  sind.  Der  Verlust  der 
Gattin  schmerzte  ihn  tief,  zudem  hatte  sich  das  alte  Leiden  wieder  einge- 
stellt,  das  sich  bei  seinem  untrostlichen  Seelenzustand  immer  mehr  ver- 
schlimmerte.  Seine  Pflege  libernahm  an  Stelle  der  Heimgegangenen  die 
Schwester  seines  Schwiegersohns,  des  Professors  Schaper  in  Berlin.  In  den 
ersten  Monaten  des  Jahres  1897  steigerten  sich  die  Athmungsbeschwerden  in 
unertraglicher  Weise,  bis  der  Tod  ihnen  am  8.  Marz  ein  Ende  machte. 
Gleich  nach  seinem  Heimgange  bildete  sich  ein  Comitd  zur  Errichtung  eines 
Denkmals  fiir  den  Dichter  in  den  Anlagen  seiner  Vaterstadt  Barmen,  dessen 
Ausfiihrung  vor  kurzem  dem  Professor  Schaper  libertragen  worden  ist 

Ueber  R.'s  poetischen  Werdegang  ist  folgendes  zu  berichten.  Die  erste 
Einwirkung  auf  den  Knaben  iibte  seine  Mutter  aus.  Von  ihr  hatte  er  die 
Lust  zum  Fabuliren  und  die  rheinische  Frohnatur  geerbt.  Stundenlang  sass 
er  als  Kind  zu  ihren  Fiissen  und  horte  ihren  Liedern-  und  Marchenerzahlun- 
gen  zu;  bei  ihr  lernte  er  auch  die  ersten  fiir  sein  junges  Fassungsvermogen 
passenden  Gedichte.  Er  selbst  hat  den  Einfluss  seiner  Mutter  nie  vergessen, 
und  noch  in  spateren  Jahren  sagt  er  von  ihr,  dass  s  i  e  die  Saat  zu  seinen 
Liedern  in  seine  Brust  gestreut  habe.  Dem  Vater  verdankt  er  seine  Lust 
und  Liebe  an  der  Natur.  Schon  friih  nahm  ihn  dieser  mit  in  Wald  und 
Feld,  lehrte  ihn  der  Vogel  Sang,  der  Blumen  Sprache,  der  Blatter  Rauschen 
verstehen.  Einen  weiteren  Einfluss  auf  des  Knaben  Gemtith  iibte  sein  Privat- 
lehrer  Fr.  von  Borckel  aus.  Er  wusste  mit  den  Gaben  der  deutschen  Muse, 
besonders  durch  Gedichte  Herder's,  Klopstock's  und  Holty's,  und  durch 
Schilderungen  ferner  Lander,  die  er  aus  eigener  Erfahrung  kannte,  des  Jungen 
Phantasie  anzuregen  und  zu  nahren.  In  der  Stadtschule  wirkte  sein  Lehrer 
Ewich  dtirch  Vorlesung  und  Erklarung  Arndt'scher  Poesien  auf  das  junge 
Gemlith  ein,  und  in  der  Nachbarschaft  seines  elterlichen  Hauses  setzte  Frau 
Ungermann,  eine  Marketenderin  aus  den  Freiheitskriegen,  durch  Schilderungen 
ihrer  Erlebnisse  seine  Phantasie  in  lebhafte  Thatigkeit.  Was  Wunder,  wenn 
der  Knabe  schon  frtih  seine  Dichterschwingen  zu  regen  versuchte,  wenn  er 
schon  als  Schtiler  der  unteren  Klassen  sich  im  Versemachen  tibte!  Man  er- 
zahlt,  dass  R.  schon  als  Junge  von  zehn  Jahren  die  Gesellschaft,  in  die  ihn 
sein  Vater  mitgenommen,  durch  seine  Improvisation  —  ein  besonderes  Talent 
des  Dichters    —    in  Erstaunen    gesetzt    habe.    —    Mit    dem  Eintritt    in  den 


Rittershaus.  ^20 

Kaufmannsstand  liess  sich  seine  Liebe  zur  Dichtkunst  nicht  bannen.  Durch 
fleissiges  Studium  der  Literatur  fiillte  er  die  Abendstunden  aus:  Freiligrath, 
Geibel,  Grtin,  Herwegh,  Dingelstedt  und  Prutz  waren  dem  herangereiften 
Knaben  schon  bekannt,  und  das  Feuer  dieser  freisinnigen  Poeten  ging  auch 
in  seine  Adern  tiber.  In  einer  Reihe  von  Gedichten,  die  er  unter  dem 
Mantel  der  Anonymitat  in  den  Lokalblattern  erscheinen  liess,  machte  er 
seinen  Gedanken  Luft.  Neue  Nahrung  erhielten  seine  poetischen  Neigungen 
durch  den  Anschluss  an  die  alteren  Dichter  des  Wupperthals,  an  Friedrich 
Rober,  Reinhart  Neuhaus,  Adolf  Schults  und  an  den  Maler  Seel.  Unter  den 
Anregungen  dieses  Kreises,  in  den  auch  sein  Freund  Karl  Siebel  trat,  ver- 
gingen  sechs  Jahre  fleissigster  Thatigkeit,  und  die  Entwickelung  des  Poeten 
R.  machte  grosse  Fortschritte  und  gab  sich  in  einer  Reihe  von  Gedichten 
kund.  An  Prutz,  Gutzkow,  Meissner,  Vischer  u.  A.  sandte  er  seine  Verse, 
und  die  Urtheile  dieser  ihm  wohlgesinnten  Manner  reiften  ihn  mehr  und 
mehr.  Geschaftliche  Reisen,  die  ihn  durch  ganz  Westeuropa  ftihrten,  brach- 
ten  ihm  eine  reiche  Welt-  und  Menschenkenntniss  ein  und  machten  ihn  schon 
friih  mit  manchen  gleichlebenden  Dichtern  persGnlich  bekannt.  Die  religiosen 
und  politischen  Stromungen  Ende  der  vierziger  Jahre  blieben  auch  fiir  ihn 
nicht  ohne  Einwirkung;  doch  trat  er  mit  seinen  Gedichten  nicht  so  in  den 
Vordergrund  wie  seine  Freunde  Neuhaus  und  Siebel.  Seine  immer  zur  Ver- 
mittelung  neigende  Gemtlthsanlage  machte  es  ihm  unmoglich ,  Dichter  irgend 
einer  Partei  zu  sein.  Freiligrath,  den  er  in  London  kennen  lernte,  den  er 
verehrte  und  dem  er  bis  an  dessen  Ende  nahe  stand,  war  es  besonders,  der 
seine  freiheitlichen  Anschauungen  in  die  rechten  Bahnen  lenkte.  —  Einen 
ganz  besondern,  wohl  den  bedeutendsten  Einfluss  auf  seine  Dichternatur  hat 
seine  von  ihm  innigst  geliebte  Gattin  vom  Beginn  ihrer  Bekanntschaft  bis  an 
ihr  Lebensende  ausgeiibt.  Hatte  er  sich  bis  zum  Jahre  1854  in  der  Sturm- 
und  Drangperiode  befunden,  so  begann  mit  der  Zeit  seiner  Verlobung  seine 
Dichtkunst  einen  hoheren  Schwung  zu  nehmen;  die  Tone  seiner  Leyer  er- 
klangen  voller  und  harmonischer,  und  seine  geliebte  Hedwig  wusste  sie  immer 
von  neuem  in  Schwingung  zu  bringen.  Alle  seine  Lieder  gipfeln  von  da  ab 
in  der  Schilderung  der  Liebe  zu  seiner  Braut,  seiner  Anhanglichkeit  an  Frau 
und  Kinder  und  eines  glticklichen  Familienlebens.  Auf  seinen  ferneren  Reisen, 
die  er  seit  1856  fur  das  eigene  Geschaft  zu  machen  hatte,  lernte  er  weitere 
hervorragende  politische  und  dichterische  Personlichkeiten  kennen,  die  seine 
Phantasie  nach  verschiedenen  Seiten  befruchteten.  Bedeutende  Geister  der 
Kunst  und  der  Feder  verkehrten  seit  dem  Jahre  1862  in  seinem  Hause  zu 
Barmen,  darunter  Bogumil  Goltz,  Emil  Devrient,  Karl  Vogt,  Marie  Seebach, 
Robert  Prutz,  Paul  Lindau,  die  Maler  Scheuren,  Tidemand,  Valentin  u.  A. 
Mit  den  Dichtern  Keller,  Groth,  Storm,  Hoffmann,  Geibel,  Scheffel,  Gottfried 
und  Johanna  Kinkel,  Annette  von  Droste-Hiilshoff  u.  A.  stand  er  in  person- 
lichem  oder  schriftlichem  Verkehr.  Alle  diese  Geistesgrossen  haben  mehr 
oder  weniger  anregend,  fordernd  und  veredelnd  auf  ihn  gewirkt.  Im  Wesent- 
lichen  aber  hat  sich  R.  an  Goethe,  Geibel,  Rtickert,  Freiligrath  und  Her- 
wegh,  sowie  am  Umgang  mit  dem  Dichter  Siebel  und  dem  Maler  Seel  ge- 
bildet.  —  Die  epische  Poesie  ist  bei  R.  nur  durch  Bilder  und  poetische  Er- 
zahlungen  vertreten,  von  denen  nach  seiner  eigenen  Angabe  nur  wenige 
wirklich  gelungen  sind.  Der  Hauptwerth  des  Dichters  liegt  in  seiner  Lyrik, 
die  auch  den  grossten  Theil  seiner  Werke  ausfullt.  Auf  der  Grenze  Rhein- 
lands  und  Westfalens  geboren  und  lebend,  hat  er  in  treuer  Liebe  zur  Heimat 


330 


Rittershaus. 


des  Rheines  Herrlichkeit  und  Westfalens  markige  Kraft  gepriesen.  Aber  wie 
wenige  hat  er  auch  den  traulichen  Reiz  und  das  stille  Gltick  des  deutschen 
Hauses,  deutsche  Liebe,  deutsche  Freundschaft,  deutschen  Frohsinn  besungen, 
und  iiber  den  Rahmen  von  Haus  und  Heimat  hinaus  hat  er  die  flammenden 
und  erhebenden  Worte  seiner  Dichtung  in  den  Dienst  der  idealen  Machte 
deutschen  Volkslebens  gestellt,  so  dass  er  mit  Recht  tiber  den  engen  Kreis 
der  Heimath  hinausgehoben  und  ein  deutscher  Dichter  genannt  werden  kann. 
Wenn  sich  auch  unter  dem  Weizen  seiner  Dichtungen  hie  und  da  Spreu 
findet  —  er  selbst  hat  sich  das  niemals  verhehlt  —  so  athmen  doch  alle 
einen  Uberzeugungstreuen,  warmen  Ton,  der  im  Herzen  des  Lesers  und 
Horers  Wiederhall  finden  muss.  Formell  gehoren  die  R/schen  Gedichte  zu 
dem  Besten,  was  die  deutsche  Lyrik  hervorgebracht  hat.  Die  Verse  sind 
leicht  und  flussig  geschrieben.  Versmaass,  Strophenzahl  und  Reime  zeigen 
reiche  Abwechselung.  Eine  grosse  Gewandtheit  und  dabei  doch  erstaunliche 
Natiirlichkeit  offenbart  sich  im  Gebrauch  der  dichterischen  Sprache,  die  sich 
durch  Bilderreichthum  auszeichnet  und  in  nicht  wenigen  Gedichten  einen 
sanglichen  Charakter  annimmt.  Mit  Recht  sagt  daher  der  Professor  und 
Literarhistoriker  Dr.  Kreyssig  von  ihm:  »Die  Virtuositat  seiner  Sprache,  die 
leichte,  freie  Behandlung  des  Reims  wird  von  keinem  Zeitgenossen  iiber- 
troffen  und  von  nicht  mehr  als  einem  halben  Dutzend  erreicht.*  Manche 
seiner  Gedichte  sind  bereits  komponirt,  viele  verdienen  es,  noch  in  Musik 
gesetzt  zu  werden. 

Was  nun  die  lyrischen  Dichtungen  R.'s  im  einzelnen  betrifft,  so  nehmen 
die  Naturlieder  und  die  Reflexionen  liber  die  Natur  einen  breiten  Raum  ein. 
Der  Dichter  feiert  in  reizender  Weise  den  Einzug  des  Frtihlings,  schildert  in 
gliihenden  Farben  den  Lenzmorgen,  den  Lenzabend  und  die  Lenznacht  und 
malt  das  Leben  und  Treiben,  Kampfen  und  Siegen  der  Friihlingsnatur  in 
lebendigen  Strichen.  Zartere  Tone  verwendet  er  bei  der  [Beschreibung  des 
Sommers,  besonders  bei  Schilderung  der  vom  sanften  Mondschein  durch- 
flossenen  Sommernachte,  wahrend  in  den  Herbstliedern  der  Harfenton  der 
Wehmuth  suss  klagend  wiederklingt.  Bei  seinen  Reflexionen  uber  das  Ver- 
haltniss  der  Natur  zum  Menschen  ist  er  zu  tiefen  Gedanken  gekommen,  denen 
er  Uberall  einen  stimmungsvollen  Ausdruck  verleiht. 

Den  Lenz  lasst  er  zur  Freude  mahnen,  den  Sommer  zum  Genuss  rufen. 
Darum  heisst  es  bei  ihm,  Missmuth  und  Kleinmuth  bei  Seite  zu  setzen,  sich 
der  Liebe  und  Lust  zu  ergeben  und  der  Freude  scheme  Lippen  zu  kilssen 
mit  einem  Kuss,  der  bis  in's  Mark  zu  spliren  ist.  Die  fallenden  Blatter  sind 
ihm  ein  Sinnbild  begrabener  Hoffnungen  und  bitterer  Enttauschungen.  Doch 
wie  die  Herbstesnebel  manchmal  den  milden  Sonnenstrahlen  weichen  miissen, 
so  sollen  auch  Gemiith  und  Sinn  des  Menschen  sich  im  Herbste  des  Lebens 
freuen,  und  die  Seele  soil  die  letzten  milden  Sonnenstrahlen  in  sich  schltirfen. 
Auch  zu  Gott  setzt  der  Dichter  die  Natur  in  Beziehung.  —  Umfangreicher 
als  die  Naturlieder  sind  die  Lieder,  die  der  Liebe,  speciell  der  Liebe  des 
Weibes  und  zum  Weibe  gewidmet  sind.  Sie  sind  vor  allem  wahr;  denn  hier 
steht  R.  auf  dem  Boden  der  Wirklichkeit  und  der  eigenen  Erfahrung.  In 
schwarmerischer  Weise  singt  er  von  der  jungen  Liebe;  in  begeisterten  Versen 
schildert  er  die  Maienseligkeit,  die  Zeit  der  Liebestraume,  und  in  gliihenden 
Farben  malt  er  die  Rosen,  die  auf  der  Liebsten  Wangen  bltihen.  Leiden- 
schaftlich  wird  die  Sprache,  wenn  er  das  Werben  und  Ringen  um  das  Mad- 
chen    schildert,    in    dessen   braunen   Augen   fur   ihn  seine  Lebenssonne,    sein 


Rittcrsfaaus.  23 1 

Lebensgluck   liegt.     In  tiberschwanglichen  Tonen   klingt  das  Gestandniss   der 

Liebe  und  die  Freude  uber  die  Erhorung  aus.     Ernster  und  bestimmter  wird 

der  Ausdruck  in  der  Charakterisirung  der  echten,  dauernden  Liebe,  der  Liebe 

zwischen  Mann   und  Weib,   die   nach  ihm   aushalt  in  Schmerz  und  Leid  und 

dauert  bis   zum  Tod.     Ausser    dieser  Liebe  preist    er    in  gltihenden  Worten 

die    Freundesliebe   und   die   allgemeine  Menschenliebe.     Letztere    predigt    er 

besonders   in  seinen  maurerischen  Gedichten  mit  laut  vernehmbarer  Stimme.  — 

In  seinen  Vaterlandsliedern   zeigt   sich  der  Dichter  als  ein  Verehrer  und  be- 

geisterter    Anhanger    der    deutschen    Freiheits-    und    Einigkeitsbestrebungen. 

Dabei  ist  er  ein  Feind   aller  verschwommenen  Ideen   und  Reden,   mit  denen 

nichts  erreicht  wird.     Schon  1861   kiindet  er  in  prophetischem  Geist  die  Neu- 

gestaltung  der  deutschen  Verhaltnisse  durch  Blut  und  Eisen  an,   1866  legt  er 

sein  Veto   gegen   eine   Zweitheilung  Deutschlands  ein  und  verlangt  Ende  der 

sechziger  Jahre  ein  Vaterland,   das   eins   in  seinen   Stammen,   frei  im   Geiste 

sei.     Wahrend   der  Jahre  70/71    liess   er  seine  Harfe  in   hoher    patriotischer 

Begeisterung  erklingen,   und  die  Erfiillung  seiner  Prophezeiung  fachte  ihn  zu 

Freuden-  und  Dankliedern  an.     Wie  fest  er  zu  Kaiser  und  Reich  stand,   hat 

er  in  seinen  zur  Einweihung  des  Nationaldenkmals   auf  dem  Niederwald   ge- 

schriebenen    und    anderen   Liedern   deutlich   ausgedriickt.   —    Spricht  sich  in 

den  Natur-,    Liebes-  und  Vaterlandsliedern   durchschnittlich  eine  ernste  Stim- 

mung  aus,   so   gewahren  die  Gesange,   die  der  Dichter  der  Freude  und  dem 

Weine  widmet,  einen  Einblick  in   seine  Frohnatur,   und   an   manchen   Stellen 

tritt  dabei  der  Humorist  hervor.     »Will  zechen,  lieben,  leben  am  Rhein,   am 

deutschen  Rhein«,    das   ist  der  Grundton,   der  sich   durch   alle   diese  Lieder, 

besonders  durch  die  Sammlung  »Am  Rhein  und   beim  Wein«   hindurchzieht. 

R.  kennt  und  besingt  die  verschiedensten  Sorten  des  Rheinweins  neben  ihren 

begeisternden  Wirkungen   und   bringt  alles  in  echt  poetischer  Weise  zur  An- 

schauung.     Aber  auch  dem  Moselwein  ist  er  nicht  abhold,  besonders  liebt  er 

das  schlanke  Moselblumchen.     In  humoristischer  Weise  giebt  er  Lehren,  wie 

viel,  wann  und  was  fur  Wein    man   trinken  soil.   —  Die  echt  mannliche  An- 

schauung  des  Dichters  vom  Leben  spiegeln  eine  lange  Reihe  von  Gedichten 

wieder  —   »Gedenke  zu  leben !«     Dies  Wort  Goethe's  setzt  er  an  die  Spitze 

seiner  ersten  Gedichtsammlung,   und   in   einem  seiner  Gedichte  ruft  er  selbst 

aus:  Lass  leben  stets  den  Zweck  des  Lebens  sein;   die  Gegenwart  ist  dein! 

—  Leben   ist   fiir  ihn   ein  stetes  Ringen  und  Streben.     Es  erfordert  Manner, 

die  Vertrauen   zu   sich   selbst  haben   und   auch   im  Ungllick  Geisteskraft  und 

Herzensmuth  bewahren.    Kommt  auf  tausend  Schmerzen  nach  seiner  Meinung 

nur  eine  Lust,   so   muss   der  Mensch   auf  seinem  Lebensweg  sich  selbst  die 

Rosen  streuen  und  das  Gliick  der  Stunde  ergreifen.    Einen  besonderen  Werth 

legt  R.  auf  die  Pflichterfullung ;  denn  sie  schafft  inneren  Frieden  und  ein  rein 

Gewissen.     Wenn   auch   die  Sorgen  des  Lebens  das  Herz  bedriicken,   so  soil 

man   doch  den  Muth  nicht  sinken  lassen,   sich  in  das  Geschick  ergeben  und 

auf  bessere  Zeiten  hoffen.    Dabei  verlangt  der  Dichter,  dass  ein  echter  Mann 

immer  seinen  Weg  gerade  aus  gehe.     Er  verurtheilt  die  niedere,  knechtische 

Gesinnung   und   ist  ein    aufrichtiger  Freund   der  Wahrheit.     Er  ermahnt,  den 

jugendlichen    Sinn   sich   zu   bewahren,   wenn   auch   das  Alter  graue  Faden  in 

die  Locken  flicht.   —   Zum  Schluss  sei  noch  auf  die  religiose  Seite  hingewiesen, 

die  uns  in  R.'s  Lyrik  entgegentritt.     Wir  begegnen   da  einem  Entwickelungs- 

gang   vom   krassesten   Rationalismus  bis   zum   strengsten  Positivismus,   der  in 

den   Worten    gipfelt:    Du   bist   der  Weg,    die  Wahrheit   und   das  Leben.     In 


332  Rittershaus.     Nehls. 

diesem  Glauben  wurzeln  auch  die  Gedichte,  in  denen  R.  seinem  festen  Gott- 
vertrauen  Ausdruck  verleiht,  in  dem  er  voll  Ergebung  ausrufen  kann:  So  wie 
es  kam,  so  war  es  gut.  —  Ausser  der  grossen  Menge  lyrischer  Ergiisse,  die 
die  verschiedensten  Gebiete  des  menschlichen  Denkens,  Empfindens  und 
Glaubens  bertihren,  ist  die  R.'sche  Muse  in  einer  langen  Reihe  von  Gelegen- 
heitsgedichten  hervorgetreten,  die  alle  den  Stempel  der  Wahrheit  und  Schon- 
heit  an  sich  tragen  und  zum  Theil  in  die  Sammlungen  aufgenommen  sind. 
Im  Buchhandel  sind  von  E.  R.  folgende  Gedichtsammlungen  erschienen: 

Gedichte,  8.  Auflage  (Eduard  Trewendt,  Breslau). 

Neue  Gedichte,  5.  Auflage  (E.  Keil's  Nachfolger,  Leipzig). 

Am  Rhein  und  beim  Wein,  3.  Auflage  (Strauss,  Bonn). 

Buch  der  Leidenschaft,  4.  Auflage;  Aus  den  Sommertagcn,  4.  Auflage  (Schuke  [Schwarz] 

Oldenburg). 
Freimaurerische    Dichtungen,    5.   Auflage;    In   Bruderliebe   und    Brudertreue,    3.  Auflage 

(Max  Hesse,  Leipzig). 
Werke  u.  Schriften  s.  BSrsenblatt  f.  d.  deutsch.  Buchhandel.  1897.  No.  57. 

Dr.  G.  Hoerter,  Barmen. 

Nehls,  Johann  Christian,  Wasserbau-Direktor.  *  am  29.  September  1841 
in  dem  Dorfe  Schtilp  bei  Nortorf  in  Holstein,  f  am  5.  September  1897  zu 
Wilhelmshohe.  —  In  landlichen  Verhaltnissen  aufgewachsen,  sprach  er  spater 
auch  oft  und  mit  Liebe  von  der  einfachen  Entwickelung  seiner  Jugendzeit; 
doch  konnte  der  rege  Geist  des  Heranwachsenden  durch  das  Einleben  in  die 
heimatlichen  Verhaltnisse  nicht  befriedigt  werden.  Wahrend  Eltern  und 
Lehrer  seiner  Begabung  genug  zu  thun  glaubten,  indem  sie  ihn  statt  des 
landwirthschaftlichen  Berufes  den  eines  Volksschullehrers  ergreifen  liessen, 
gingen  seine  eigenen  Wiinsche  wesentlich  weiter.  Entschiedene  Neigung  zu 
mathematischen  und  technischen  Studien  liess  N.  alle  Schvvierigkeiten  tiber- 
winden;  nach  einer  Vorbereitungszeit,  die  er  in  Gottingen  verlebte,  bezog  er 
1 861  die  technische  Hochschule  in  Hannover  und  bestand  nach  Abschluss 
seiner  Studien  die  erste  hannoversche  Staatsprufung.  In  die  Praxis  einge- 
treten,  fand  er  1868  bei  dem  Ausbau  des  Sandthorhafens  in  Hamburg  eine 
Anstellung,  die  fur  sein  Leben  entscheidende  Bedeutung  gewinnen  sollte. 
Johannes  Dalmann,  der  Urn-  und  Ausgestalter  des  hamburgischen  Strom-  und 
Hafenbauwesens ,  stand  damals  auf  dem  Hohepunkt  seiner  Wirksamkeit  als 
Wasserbau-Direktor  und  wusste  die  tlichtigen  Leistungen  seines  jungen  Mit- 
arbeiters  zu  schatzen.  187 1  wurde  N.  zum  technischen  Bureauvorsteher  der 
Section  fur  Strom-  und  Hafenbau  erwahlt,  und  er  fiihlte  sich  in  dieser  Stellung 
an  der  Seite  Dalmann's  so  wohl,  dass  er  1873  einen  auf  Grund  seiner  fach- 
schriftstellerischen  Leistungen  an  ihn  ergangenen  Ruf,  als  Professor  an  die 
technische  Hochschule  nach  Riga  uberzusiedeln,  ablehnte.  Am  1.  April  1875 
wurde  er  zum  hamburgischen  Wasserbauinspektor  ernannt,  und  als  in  dem- 
selben  Jahre  Dalmann  nach  rasch  sich  entwickelnder  Krankheit  gestorben  war, 
ward  N.  im  Alter  von  34  Jahren  zum  Wasserbau-Direktor  erwahlt.  Fast 
gleichzeitig  stellte  sich,  zum  Theil  wenigstens  veranlasst  durch  jahrelange 
Ueberarbeitung,  eine  tiickische  Lungenkrankheit  ein,  die  N.  in  den  Jahren 
1876  und  1877  zu  wiederholtem  langdauerndem  Aufenthalt  in  Italien  zwang. 
Er  genas  zwar,  aber  die  Folgen  dieser  Krankheit  sind  nie  dauernd  behoben 
worden,  und  es  bedurfte  der  eisernen  Natur  des  Verstorbenen ,  um  trotz 
wiederholter  korperlicher  Beschwerden  durch  voile  zwei  Jahrzehnte  die 
Lasten   seiner   verantwortungsreichen  Stellung  mit  Erfolg  zu  tragen.     Die  mit 


Nehls.     v.  Rziha. 


333 


der  ganz  ungewohnlichen  Entwickelung  des  Hamburger  Hafens  Schritt  hal- 
tende  hauptamtliche  Thatigkeit  des  Wasserbau-Direktors  N.  bedarf  keiner 
eingehenden  Erlauterung  und  Wurdigung.  Scharfe  Urtheilskraft,  Geradheit 
des  Charakters  und  der  Mangel  jedes  kleinlichen  Ehrgeizes  kennzeichnen  die 
Wirksamkeit  des  Verstorbenen.  Diese  Eigenschaften  kamen  indessen  auch 
ausserhalb  des  engeren  Wirkungskreises,  bei  Verhandlungen  mit  auswartigen 
Behorden,  bei  den  Elbstrombereisungen  und  bei  seiner  Thatigkeit  als  standiges 
ausserordentliches  Mitglied  der  Koniglichen  preussischen  Akademie  des  Bau- 
wesens  in  hervorragender  Weise  zur  Geltung.  Wie  an  den  Verhandlungen 
der  Akademie  des  Bauwesens,  zu  deren  Mitglied  N.  1880  vom  Kaiser  und 
Konig  ernannt  ward,  hat  er  auch  an  den  Arbeiten  des  1892  vom  Kaiser  ein- 
gesetzten  Ausschusses  zur  Untersuchung  der  Wasserverhaltnisse  in  den  der 
Ueberschwemmungsgefahr  besonders  ausgesetzten  Flussgebieten  lebhaften  An- 
theil  genommen.  Schriftstellerisch  hat  sich  N.  auf  technischem  Gebiete  be- 
kannt  gemacht  durch  die  1878  veroffentlichte  Uebersetzung  von  Stevenson's 
» Illumination  of  Lighthouses*,  der  er  auf  Grund  eigener  Arbeiten  wesentliche 
Zusatze  beifiigte.  Aus  neuerer  Zeit  ist  die  in  dem  hydrologischen  Jahresbe- 
richte  von  der  Elbe  1896  enthaltene  Bearbeitung  der  Sturmfluthen  in  der 
Elbe  zu  erwahnen.  Verschiedenen  in  Zeitschriften  veroffentlichten  Arbeiten 
technischen  Inhalts  schliessen  sich  dann  rein  theoretische  Arbeiten  an.  Als 
grossere  Werke  sind  auf  diesem  Gebiete  u.  a.  zu  erwahnen:  »Graphische 
Integration^  Hannover  1877,  unc*  »Der  einfache  Balken  auf  zwei  Endstlitzen 
unter  ruhender  und  bewegter  Last«,  Hamburg  1885.  N.  hat  dauernd  einen 
Theil  seiner  Mussezeit  mathematischen  Studien  gewidmet  und  namentlich  auf 
dem  Gebiete  der  graphischen  Integration  mit  Erfolg  selbstandig  gearbeitet. 
Der  Zug  nach  den  exakten  Wissenschaften  fand  fur  das  Wesen  des  Verstor- 
benen tibrigens  eine  vortheilhafte  Erganzung  durch  seine  Vorliebe  fiir  die 
scheme  Literatur.  N.  war  mit  den  Schatzen  unserer  Nationalliteratur  in  tiber- 
raschender  Weise  vertraut  und  hat  sein  Verweilen  im  SQden  erfolgreich  dazu 
benutzt,  sich  auch  mit  der  italienischen  Sprache  und  Literatur  bekannt  zu 
machen.  Dieser  doppelten  Richtung  seiner  Neigungen  entsprach  sein  ganzes 
Wesen:  Klugheit,  gepaart  mit  Freundlichkeit. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  No.  37.  — n — 

Rziha,  Franz  v.,  Professor  des  Eisenbahn-  und  Tunnelbaues  an  der  Wiener 
technischen  Hochschule,  Hofrath,  *  am  28.  Marz  1831  in  Hainspach  in  Bohmen, 
f  am  22.  Juni  1897  in  der  Umgebung  von  Wien  auf  dem  Semmering.  —  R.  be- 
suchte  die  technische  Hochschule  in  Prag,  trat  1851  beim  Baue  der  Semmering- 
bahn  in  die  Praxis,  ging  dann  zum  Bau  der  Karstbahn  und  zeichnete  sich  schon 
damals  bei  der  Durchftihrung  schwieriger  Tunnelbauten  aus.  Im  Jahre  1856 
wurde  er  zum  Bau  der  Wilhelmsbahn  nach  Preussen,  und  zwar  zunachst  zum 
Bau  des  Czernitzer  Tunnels  bei  Ratibor  berufen.  Von  1857  ab  baute  er  sodann 
als  Unternehmer  an  der  Ruhr-Sieg-Bahn  in  Westfalen  und  trat  1861  in  den 
Braunschweiger  Staatsdienst ,  wo  er  zuerst  als  Oberingenieur  beim  Bau  der 
Linie  Kreiensen-Holzminden  und  von  1866  ab  als  Herzoglicher  Oberberg- 
meister  in  der  Verwaltung  der  umfangreichen  staatlichen  Kohlengruben  thatig 
war.  In  die  Zeit  seines  Aufenthaltes  in  Deutschland  fallt  die  von  R.  zuerst 
durchgeflihrte  Anwendung  des  Eisens  beim  Tunnelbau  und  die  Erfindung  der 
nach  ihm  benannten  Tunnelbau-Methode,  die  er  zum  ersten  Male  1861  beim 
Bau    der  Bahn   von  Kreiensen   nach  Holzminden    anwandte.     Im  Jahre  1869 


334  v#  Rziha. 

kehrte  R.  in  Folge  des  Verkaufes  der  braunschweigischen  Staatsgruben   nach 

Oesterreich  zuriick,  machte  die  Vorarbeiten  zu  mehreren  grossen  Bahnstrecken 

in  Bohmen    und    den   benachbarten  Theilen    von  Sachsen,    baute    als  Unter- 

nehmer  die  Strecken:  Prag-Lieben,  Rumburg-Schluckenau,  Rumburg-Ebersbach 

und  Dux-Kommotau  und  wurde  1874  unter  dem  Minister  Banhans  als  Ober- 

ingenieur  in  das  k.  k.  Handelsministerium   berufen.     1878    erfolgte    seine   Er- 

nennung  zum  Professor  des  Eisenbahn-  und  Tunnelbaues   an   der  technischen 

Hochschule  in  Wien,   und  hier  hat  er  in  den  nahezu  20  Jahren    seiner  Lehr- 

thatigkeit  eine  grosse  Zahl   von   osterreichischen  Eisenbahningenieuren   heran- 

gebildet.     Seine  Bedeutung  auf  dem  Gebiete  des  Eisenbahnbaues  ist  nament- 

lich  von  Max  Maria  v.  Weber  in  seiner  Geschichte  des  Eisenbahnwesens  her- 

vorgehoben  und  gewiirdigt  worden.     R.  war  wohl  der  bedeutendste  Fachmann 

auf  dem  Gebiete  des  Tunnelbaues.     1871  erschien  sein  »Lehrbuch  der  Tunnel- 

baukunst«,  ein  geradezu  klassisches  Werk,  durch  welches  dieser  Wissenszweig 

eigentlich  erst  begnindet  und  aus  dem  Stande  des  blossen  Handwerks  empor- 

gehoben   wurde.     Seine   spateren   schriftstellerischen  Arbeiten    sind    ungemein 

zahlreich,  wenn  sie   auch  nicht    mehr    die  Bedeutung   jenes  Hauptwerkes    er- 

reichen.     Sie  sind  zum  grossen  Theile   durch   die  Pflege    der    geschichtlichen 

Richtung  ausgezeichnet,  und  insbesondere  sein  dreibandiges  Werk  liber  Eisen- 

bahn-Ober-  und  Unterbau   zeugt   von   der   grossen   Grlindlichkeit,   mit   der  R. 

dem  Quellenstudium  nachging,  und  von  dem  philosophischen  Geiste,    den  er 

in    die  Behandlung    technischer  Aufgaben    legte.     Seine    letzten  Forschungen 

waren  einer  wissenschaftlichen  Vertiefung  der  Gewinnungsarbeiten  im  Erdbaue 

gewidmet.     Hierher  gehdren  die  Abhandlungen  uber  Gewinnungs-   und  Bohr- 

festigkeit,  iiber  Sprengarbeit,  uber  die  menschliche  Arbeitsleistung  im  Taglohne 

u.  s.  w.     Er  war  eifrig  an  dem  weiteren  Ausbau   dieser  wissenschaftlichen  Aus- 

gestaltung  der  Lehre    vom  Erdbau  thatig    und   sein    rastlos   arbeitender  Geist 

fand  hier  immer  wieder  neue  Fragen  und  Aufgaben,    die   er   in    den  Bereich 

seiner  Untersuchungen  zog.     Aber  auch   an    den    grosseren  Bauausfiihrungen, 

die  wahrend  der  Zeit  seiner  Professur  in  Oesterreich  vorfielen,  nahm  R.  regen 

Antheil  und  war  dabei  vielfach  als  Sachverstandiger   und  Berather  thatig,    so 

beim  Bau  des  Arlberg-Tunnels,  bei  der  Bewaltigung  des  Wassereinbruches  in 

den  Ossegger  Schachten  u.  s.  w.     Ueber  mehrere  ftir  das  Wiener  Gemeinwesen 

wichtige  technische  Fragen  hat  er  Gutachten  abgegeben,  so  uber  die  Wasser- 

versorgung,    iiber  die  Nothwendigkeit,    sammtliche  Arbeiten  der  Wiener  Ver- 

kehrsanlagen    nach    einem    einheitlichen    Plane    durchzufiihren    u.  s.  w.       Die 

wissenschaftlichen  Bestrebungen  und  praktischen  Leistungen  R.'s  wurden  vom 

Kaiser  durch  die  Verleihung  des  Franz-Josefs-Ordens,  des  Ordens  der  eisernen 

Krone  und  des  Hofrathstitels,  sowie  durch    die  Erhebung  in   den  Ritterstand, 

von  den  Konigen  von  Preussen,   Sachsen  und  Bayern   durch  Ordensauszeich- 

nungen  anerkannt.     Der  Berliner  Verein  ftir  Eisenbahnkunde  ernannte  ihn  zu 

seinem  korrespondirenden  Mitgliede.     An  der  Statte,  wo  R.  als  junger  Tech- 

niker    unter  Meister  Ghega's  Leitung  zum    ersten   Male    im  Dienste    des    ge- 

fltigelten  Rades  stand,  fand  er  auch  seine  letzte  Ruhestatte.     Nur  eine  kurze 

Strecke  abseits  von  der  grossen  Schienenstrasse,  die  er  bauen  half,  bei  Maria- 

Schutz  im  Semmeringgebiete,  liegt  sein  Grab,  ringsum  eingeschlossen  von  den 

Bergen,    durch   welche   er   der  Lokomotive    einstmals    den  Weg  bahnte.     An 

der    Leichenfeier    des   Meisters    nahmen    die    Techniker   Oesterreichs    in  ent- 

sprechender  Vertretung  Antheil.     Schtiler,    die  schon   vor   langen   Jahren  des 

Meisters  Kunst  von  ihm  selbst  erlernt,    und    zahlreiche  Vertreter    der    hohen 


v.  Rziha.     Hammer.     Richter. 


335 


Schule,  an  welcher  er  bis  zu  seinem  Tode  gewirkt  hat,  Professoren,  Assistenten 
und  Horer  gaben  ihm  das  letzte  Geleite.  Die  Siidbahn-Gesellschaft  hatte 
einen  Sonderzug  gestellt,  der  die  zahlreichen  Trauergaste  nach  der  Station 
Semmering  brachte. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  No.  37.  —  R.  ▼.  Reckenschuss:  Zeitschr.  des 
Oest.  Ingenicur-  und  Architekten-Vereins   1897,  No.  21. 

Hammer,  Karl,  Direktor  der  Koniglichen  Kunstgewerbeschule  in  Ntirnberg, 
*  am  6.  Marz  1845  'n  Ntirnberg,  f  am  16.  Juli  1897  ebenda,  wenige  Monate 
nach  Vollendung  des  von  ihm  und  Konradin  Walther  in  den  edelsten  Formen 
der  deutschen  Renaissance  erbauten  neuen  Schulgebaudes,  das  bei  dem  be- 
deutenden  Aufschwunge,  den  die  im  17.  Jahrhundert  gegriindete  Malerakade- 
mie  im  Laufe  unseres  Jahrhunderts  als  Pflegstatte  des  Kunstgewerbes  genom- 
men  hatte,  schon  langst  ein  dringendes  Bediirfniss  war.  In  seiner  Vaterstadt, 
an  der  damals  von  v.  Kreling  geleiteten  Niirnberger  Kunstgewerbeschule  zum 
Kiinstler  erzogen,  iibernahm  H.  deren  Leitung  im  Jahre  1885,  nachdem  er 
eine  Reihe  von  Jahren  (1872  bis  1878)  als  Beamter  der  Vorbildersammlung 
des  bayerischen  Gewerbemuseums  in  Ntirnberg  und  nachher  als  Professor  der 
Grossherzoglichen  Kunstgewerbeschule  in  Karlsruhe  thatig  gewesen  war.  Hier 
wie  in  den  zwolf  Jahren  seiner  Niirnberger  Lehrthatigkeit  war  es  ihm  vor- 
nehmlich  darum  zu  thun,  die  Schliler  dazu  anzuregen,  in  liebevoller  Anleh- 
nung  an  die  Werke  der  Vergangenheit,  vor  allem  an  die  mustergiltigen 
Schopfungen  der  deutschen  Renaissance,  in  frischer  und  unmittelbarer  Weise 
selbstschopferisch  thatig  zu  sein.  Das  Hauptgewicht  legte  er  auf  die  Farbe, 
und  seinen  eigenen  Schopfungen  ist  eine  besonders  malerische  Wirkung  eigen. 
Er  war  eine  echt  decorative  Kraft  und  da  am  grossten,  wo  es  sich  um  rein 
decorative  Aufgaben  handelte.  Bei  Festziigen  und  Saalausschmtickungen  hatte 
man  Gelegenheit,  seine  Kunst  auf  diesem  Gebiete  zu  bewundern.  Von  seinen 
Arbeiten,  welche  den  verschiedensten  Zweigen  des  Kunstgewerbes  angehoren, 
seien  die  in  grosser  Zahl  geschaffenen  Diplome  und  Ehrenurkunden,  die  in 
den  letzten  Jahren  fur  das  Germanische  Museum,  das  Rathhaus  .und  die 
Christuskirche  in  Nlimberg  ausgefiihrten  Glasmalereien  und  die  Wandmalereien 
zur  inneren  Ausstattung  des  Niirnberger  Hofes  (Tucherbrau)  in  Berlin  beson- 
ders hervorgehoben.  Die  Stadt  Niirnberg  hat  mit  H.,  den  sie  mit  Stolz  den 
Ihren  nennt,  eine  ihrer  tiichtigsten  kunstlerischen  Krafte  verloren,  und  mit 
ihr  beklagt  das  deutsche  Kunstgewerbe  den  friihen  Heimgang  des  Verewigten. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  S.  347.  —  Jahresbericht  der  Konigl.  Kunst- 
gewerbeschule in  NUrnberg  1898. 

Richter,  Albert,  Vicebiirgermeister  von  Wien,  *  am  1.  November  1843 
zu  Chotzen  in  Bohmen,  f  am  3.  Marz  1897  zu  Wien.  Die  Familie  R.'s 
stammt  aus  Schlesien;  er  wurde  in  Bohmen  geboren,  aber  durch  Erziehung 
und  Lebensauffassung  ging  er  ganz  in  Wiener  Art  auf.  Er  besuchte  das 
Gymnasium  zu  Wien  und  zu  Melk,  studirte  an  der  Wiener  Universitat  zuerst 
Medicin,  bald  aber  Jura  und  erwarb  hier  den  Doctorgrad  der  Rechte.  Nicht 
lange  darauf  trat  er  als  Concipient  in  die  Advocaturkanzlei  des  damaligen 
Gemeinderathes  und  spateren  Biirgermeisters  von  Wien,  Prix.  Dies  wurde 
fiir  seine  ganze  Zukunft  entscheidend ;  denn  nachdem  er  sich  selbst  als  Ad- 
vocat  in  Wien  niedergelassen  hatte,  wurde  er  unter  Forderung  Prix'  1885 
in  den  Wiener  Gemeinderath  gewahlt  und  stand  bald   als  einer  der  fahigsten 


•j -j  6  Richter. 

und  streitbarsten  Anhanger  des  energischen  Mannes  inmitten  der  leidenschaft- 
lichen  Parteikampfe  der  Stadt.  In  der  Discussion  stellte  R.,  dessen  Starke 
eine  kraftige,  stets  durch  Laune  gewlirzte  Dialectik  war,  seinen  Mann;  dabei 
befahigte  ihn  seine  rasche  Auffassung,  sich  in  die  mannigfachen  Beziehungen 
eines  grossen  Gemeinwesens  schnell  hineinzuarbeiten.  Wichtige  Referate,  be- 
sonders  das  tiber  die  Wasserversorgung  Wiens,  wurden  ihm  anvertraut;  und 
er  war  ebenso  schnell  bereit,  sich  nach  kurzer  Orientirung  in  der  Materie 
eine  allgemeine,  fur  die  Discussion  ausreichende  Kenntniss  zu  erwerben,  als 
sich  bei  wichtigen  Anlassen  in  griindliche  Studien  zu  vertiefen.  Das  war 
seine  Starke  und  seine  Schwache;  er  nahm  es  ernst  mit  ernsten  Dingen, 
aber  er  konnte  sich  auch  mit  aller  ausserer  Sicherheit  in  eine  Discussion 
liber  Gegenstande  stlirzen,  die  er  nicht  beherrschte,  was  er  jedoch  nur 
that,  wenn  ein  tactisches  Interesse  der  liberalen  Partei  ihn  dazu  zwang,  der 
er  sich  mit  Warme  anschloss.  Mit  alien  diesen  Eigenschaften  war  er  ganz 
darnach  geartet,  um  bei  den  heftigen  Debatten  im  Wiener  Gemeinderathe 
und  bald  darauf  im  niederosterreichischen  Landtage  dem  Flihrer  der  Antise- 
miten  Lueger  Widerpart  zu  halten.  Er  gab  diesem  Gegner  nur  wenig  an 
Frische  und  Schlagfertigkeit,  an  Laune  und  Treffsicherheit  des  Ausdruckes 
nach,  wenn  er  auch  dessen  erstaunliche  Zahigkeit  in  der  Agitation  nicht  be- 
sass;  dabei  hielt  R.  stets  die  Grenzen  der  Schicklichkeit  ein  und  verharrte 
stetig  auf  seinem  politischen  Standpunkte,  Riicksichten,  deren  souveraner 
Nichtbeachtung  in  der  Sache,  wie  in  der  Form  Lueger  einen  guten  Theil 
seiner  agitatorischen  Erfolge  verdankt.  Insbesondere  waren  die  Debatten 
liber  die  1891  beschlossene  Einverleibung  der  Vororte  in  Wien  und  liber  die 
Schaffung  von  Gross -Wien  ein  fortgesetztes  Duell  der  Wortflihrer  der  beiden 
Parteien,  da  R.  1891  Referent  liber  dieses  Gesetz  im  niederosterreichischen 
Landtag  war.  Als  Gross -Wien  gebildet  war,  drang  Btirgermeister  Prix  ent- 
schieden  darauf,  dass  ihm  R.  nunmehr  als  zweiter  Viceblirgermeister ,  neben 
Borschke  als  erstem,  als  Gehlilfe  zur  Seite  gesetzt  werde.  Der  Burgermeister 
hatte  sich  nicht  getauscht,  denn  wahrend  Borschke  kurz  darauf  siechte  und 
bald  nachher  starb,  war  R.  bei  seiner  Gewandtheit  und  nie  versagenden 
Arbeitslust  seine  eigentliche  Stlitze  bei  den  legislatorischen  und  organisatori- 
schen  Arbeiten  in  der  Einrichtung  des  grossen  Gemeinwesens.  So  rlickte  R. 
an  Borschkes  Stelle  zum  ersten  Viceblirgermeister  vor.  Als  Prix  1894,  den 
Aufregungen  seines  seines  Amtes  erliegend,  unerwartet  durch  einen  Herzschlag 
hinweggerafft  wurde,  besass  R.  nun  die  Anwartschaft  auf  das  Amt  des  Blirger- 
meisters,  das  nach  der  Gemeindeverfassung  Wiens  eine  weit  grossere  Selbststiin- 
digkeit  und  hohere  politische  Bedeutung  besitzt,  als  das  des  Oberblirgermeisters 
in  reichsdeutschen  Stadten.  Da  trat  ihm  ein  Umstand  aus  seinem  Familien- 
leben  storend  in  den  Weg.  Er  hatte  sich  als  junger  Mann  mit  einem  Mild- 
chen  aus  einer  armen  judischen  Familie  verlobt,  war,  da  die  Familie  der 
Braut  sich  deren  Uebertritte  zum  Christenthum  widersetzte  und  nach  oster- 
reichischen  Gesetzen  eine  Ehe  zwischen  Christen  und  Juden  verboten  ist, 
confessionslos  geworden  und  hatte  so  eine  Nothcivilehe  eingegangen.  Trotz 
des  wiederholten  Drangens  seines  voraussichtigen  Freundes  Prix  hatte  er  stets 
hinausgeschoben,  was  wohl  gleich  ursprlinglich  seine  Absicht  gewesen  war, 
zu  gelegener  Zeit  wieder  den  formellen  Schritt  der  Rlickkehr  zur  katholischen 
Kirche  zu  machen.  Dies  nun  tlirmte  sich  ihm  als  Hemmnis  zur  Erlangung 
des  hochsten  Gemeindeamtes  auf:  ein  confessionsloser  Blirgermeister  Wiens  ist 
in  Oesterreich    schwerer    moglich,    als    selbst  ein  protestantisches   Oberhaupt. 


Ricbter. 


337 


Wien  schien  ihm  indessen  eine  Messe  werth  und  er  beeilte  sich  unmittelbar 
nach  dem  Tode  Prix'  1894,  die  Anstalten  zu  seinem  Wiedereintritte  in  die 
Kirche  und  zur  kirchlichen  Einsegnung  seiner  Ehe  zu  treffen.  Die  kirchlichen 
Behorden  gingen  nicht  allzurasch  auf  sein  Verlangen  ein  und  die  Biirgermeister- 
wahl  musste  stattfinden,  bevor  seine  Absicht  erflillt  war.  Die  liberate  Mehr- 
heit  des  Gemeinderathes  wahlte  ihn  zwar  nahezu  einstimmig  zum  Biirger- 
meister,  aber  die  Regierung  verweigerte  mit  dem  ausdriicklichen  Hinweis  auf 
jene  Verhaltnisse  die  Bestatigung. 

Und  nun  ergossen  sich  liber  R.  von  alien  Seiten  gehassige  Anklagen. 
Viele  Liberale,  und  gerade  die  unbefugtesten ,  bezeichneten  es  als  Verleug- 
nung  seiner  Grundsatze,  dass  er  in  diesem  Augenblicke  eine  confessionelle 
Ehe  eingehen  wollte,  und  Clericale  wie  Antisemiten  stiirzten  sich  hohnisch 
auf  ihren  energischen  und  oft  schonungslosen  Gegner,  urn  ihm  den  Weg  zu 
seinem  Ziele  fur  immer  zu  verrammeln.  R.  bat  unter  diesen  Umstiinden  selbst 
seine  Freunde,  von  seiner  beabsichtigten  Wiederwahl  abzusehen  und  forderte 
zur  Wahl  seines  Freundes  Griibl  zum  Burgermeister  auf,  neben  dem  er  erster 
Vicebiirgermeister  blieb.  Die  gelassene  Wiirde,  mit  der  R.  damals  die  bos- 
artigsten  Angriffe,  von  denen  auch  seine  Familie  nicht  verschont  blieb,  hin- 
nahm,  versohnte  viele,  die  sich  sonst  an  seiner  parteimassigen  Auffassung  po- 
litischer  Dinge  gestossen  hatten. 

Griibl  blieb  kaum  ein  Jahr  Blirgermeister.  Denn  bei  der  Drittelergan- 
zung  des  Gemeinderathes  siegten  die  Antisemiten.  Den  Liberalen  blieb  nur 
eine  kleine,  in  sich  uneinige  Mehrheit,  und  als  R.  bei  der  nothwendig  ge- 
wordenen  Neuwahl  am  15.  Mai  1895  bios  mit  einer  Stimme  Majoritat  aber- 
mals  zum  Vicebiirgermeister  gewahlt  wurde,  lehnte  er  das  Amt  ab.  Die  libe- 
rale Mehrheit  war  bereits  so  zerbrockelt,  dass  darauf  durch  den  Uebertritt 
einiger  ihrer  Mitglieder  Lueger  zum  Vicebiirgermeister  gewahlt  wurde.  Dies 
gab  den  Anlass  zum  Riicktritte  GrUbl's  vom  Biirgermeisteramt  und  in  wei- 
terer  Folge  zur  Auflosung  des  Gemeinderathes. 

Bei  den  Neuwahlen  entfaltete  R.,  dem  in  dieser  bewegten  Zeit  die  Lei- 
tung  der  liberalen  Partei  zufiel,  eine  ausserordentliche  Thatigkeit,  aber  seine 
Sache  unterlag,  und  in  der  neugewahlten  Korperschaft  wurde  Lueger  1896 
zum  Burgermeister  gewahlt. 

R/s  Gesundheit  hatte  unter  diesen  Aufregungen  schwer  gelitten,  zumal 
da  ihm  bei  der  gehassigen  und  personlichen  Art  der  Wiener  Parteikampfe 
keinerlei  Bitterkeit  erspart  blieb.  Eine  schwere  Krankheit  befiel  ihn,  von  der 
er  scheinbar  genas.  Er  legte  nun  am  27.  November  1896  sein  Gemeinde- 
rathsmandat  nieder,  um  sich  ganz  seinem  Berufe  als  Advokat  zu  widmen, 
den  er  zur  schweren  Schadigung  seiner  Vermogensverhaltnisse  wahrend  seines 
aufreibenden  politischen  Wirkens  hatte  vernachiassigen  miissen.  Aber  sein 
Zustand  verschlimmerte  sich  immer  mehr,  und  sein  Krankenbett  wurde  von 
der  Sorge  fiir  seine  zahlreiche  mittellose  Familie  verdiistert.  Einem  Freunde 
sagte  er  wenige  Tage  vor  seinem  Tode:  »Auf  alien  Vieren  mochte  ich  krie- 
chen  —  nur  leben  mochte  ich  —  wegen  meiner  Familie !«  Als  er  am 
3.  Marz  1897  starb,  war  die  Trauer  liber  das  Hinscheiden  des  kraftigen 
Mannes  allgemein.  So  viel  Hass  sich  auch  gegen  seine  politische  Thatigkeit 
ge^ussert  hatte,  so  war  er  doch  bei  seinen  Gegnern  personlich  nicht  unbeliebt, 
da  die  humoristische  Art,  mit  der  er  sich  auch  nach  hitzigen  Debatten  mit 
ihnen  auseinanderzusetzen  verstand,  Vieles  gut  zu  machen  wusste.  Seine  Gesin- 
nungsgenossen  schatzten  sein  herzliches  und  gewinnendes  Wesen,  seine  frische 

Blogr.  Jahrb.  u.  Deutscher  Nekrolojr.   2.  Bd.  2  2 


338  Richter.     Mayr.     Bernays. 

Laune  und  freuten  sich  seiner  kraftigen,  stets  natlirlichen  Personlichkeit.  Da 
er  trotz  der  Bekleidung  zahlreicher  Ehrenstellen  seine  Angehorigen  fast  in 
Durftigkeit  zuruckliess,  so  mussten  auch  seine  Gegner  anerkennen,  dass  die 
Motive  seines  offentlichen  Wirkens  rein  gewesen  waren. 

Heinrich  Friedjung. 
Mayr,  Ambros,  Dr.,  osterreichischer  Abgeordneter,  *  am  8.  Mai  1849  in 
Sill  (Tirol),  f  am  30.  October  1897  zu  Wien.  —  M.  studirte  in  Salzburg,  Inns- 
bruck und  Wien,  wurde  Gymnasialprofessor  in  Komotau,  Bozen,  Troppau  und 
zuletzt  in  Trient.  Im  Jahre  1897  wurde  er  von  den  Landgemeinden  Schwaz 
in  Tirol  in's  Abgeordnetenhaus  entsendet,  wo  er  sich  der  clericalen  Partei 
anschloss.  Er  gab  mehrere  Biindchen  lyrischer  Gedichte  heraus,  eines  unter 
dem  Namen  »Hundert  Lieder«,  ein  anderes  »Selige  Stunden«.  Unter  dem 
Titel  »Tiroler  Dichterbuch*  erschien  eine  von  ihm  veranstaltete  Sammlung 
von  Gedichten  Tiroler  Autoren.  Von  zeitgeschichtlichem  Werthe  ist  die  von 
ihm  verdffentlichte  Biographie  seines  Landsmannes  Hans  Perthalers,  des  her- 
vorragendsten  Mitarbeiters  Schmerling's  bei  dem  Entwurfe  der  osterreichischen 
Verfassung  von  1861. 

Be  mays,  Michael,  Universitats -Professor  der  Literaturgeschichte,  *  am 
27.  November  1834  zu  Hamburg,  f  am  25.  Februar  1897  zu  Karlsruhe. 
—  Sein  Vater,  Isaac  Bernays  (1793  bis  1849),  war  geistlicher  Beamter 
der  israelitischen  Gemeinde;  in  Folge  seines  friihen  Todes  hat  sein  Ein- 
fluss  kaum  Spuren  in  dem  Leben  des  Sohnes  hinterlassen.  Dagegen  hing 
Michael  mit  schwarmerischer  Liebe  an  seiner  Mutter  Sara  (1803  bis  1858); 
denn  sie  erkannte  schon  friih  die  Begabung  ihres  jtingsten  Sohnes  und 
hat  seine  Entwicklung  wesentlich  gefordert,  wie  er  denn  ihrem  wohllau- 
tenden  Vortrage  die  Anfange  seiner  spateren  Meisterschaft  der  Rede  ver- 
dankte.  Den  ersten  Unterricht  erhielt  B.  in  einer  kleineren  Schule,  spater 
durch  Privatlehrer,  von  denen  er  Dr.  Reinstorff  in  dankbarer  Erinnerung  be- 
hielt.  Nur  die  oberste  Klasse  des  Gymnasiums  hat  er  besucht.  Trotzdem 
waren  diese  zwei  Jahre  von  wesentlicher  Bedeutung  ftir  ihn;  denn  in  dem 
Direktor  Dr.  Friedrich  Karl  Kraft  und  Professor  Ullrich  gewann  er  Lehrer, 
die  mit  begeisterter  Hingabe  an  die  Ideale  der  humanistischen  Bildung  ein 
warmes  personliches  Interesse  fur  ihre  Schiiler  verbanden.  Beweis  dafiir  ist 
die  Art,  wie  Kraft  den  begabten  B.  zur  Hilfeleistung  bei  eigener  wissenschaft- 
licher  Arbeit  heranzuziehen  wusste,  und  wie  andererseits  die  Schiiler  ihren 
Direktor  unter  dem  philologischen  Beirathe  Ullrichs  und  der  dramaturgischen 
Hilfe  Carl  Topfers  mit  einer  Auffiihrung  der  Sophokleischen  »Antigone«  in 
griechischer  Sprache  feierten,  von  deren  wlirdevollem  Eindruck  nicht  nur  da- 
malige  Berichte,  sondern  auch  B.'s  eigenes  Tagebuch  noch  32  Jahre  spater 
bei  Gelegenheit  einer  ahnlichen  mtinchener  Auffiihrung  Zeugniss  ablegt.  B. 
war  die  Rolle  des  Kreon  zugefallen.  Aber  auch  abgesehen  von  dieser  ausser- 
ordentlichen  Gelegenheit  wurde  er  auf  dem  Johanneum  wie  auf  das  sorg- 
faltige  Studium  des  Wortes,  so  auch  auf  feine  Ausbildung  eines  sinngemassen 
und  wohllautenden  Vortrags  hingewiesen.  Eine  »Rede(ibung«  pflegte  das 
Schuljahr  zu  beschliessen,  und  so  lesen  wir  in  dem  Programm  dieses  feier- 
lichen  Schulaktes  vom  31.  Marz  1853:  »M.  B.,  abgehender  Primaner,  wird 
in  einem  deutschen  Vortrage  liber  Goethes  Torquato  Tasso  das  Wechselver- 
haltniss,  in  welchem  der  Dichter  und  sein  Werk  steht,  zu  entwickeln  ver- 
suchen,  und  am  Schluss  von  der  Schule  und  ihren  Lehrern  Abschied  nehmen*. 


Bemays.  339 

Trotz  des  vorztiglichen  Abgangszeugnisses,  das  Direktor  Kraft  dem 
»\vackern,  hoffnungsvollen  Jiingling«  mitgeben  konnte,  gelang  es  B.  nur  mit 
Miihe,  seinen  Herzenswunsch,  eine  Universitat  zu  beziehen,  durchzusetzen. 
Seine  Vormiinder  hatten  ihn  zum  Kaufmann  bestimmt  und  wurden  darin  von 
seinem  10  Jahre  alteren  Bruder  Jakob,  dem  beriihmten  Bonner  Philologen 
(1824 — 1881),  bestarkt.  Hier  ist  der  erste  Grund  zu  der  spateren  Verstim- 
mung  zwischen  den  Brtidern  zu  suchen,  und  Michael  hat  von  diesem  Zeit- 
punkte  an  seinen  weileren  Bildungsgang  weniger  unter  dem  Einfluss,  als  viel- 
mehr  im  Gegensatze  zu  Jakob  gewahlt.  Erschwert  wurde  dies  wesentlich 
durch  die  beschrankten  Mittel,  die  B.  zu  Gebote  standen.  ThatkTaftig  nahm 
sich  aber  Direktor  Kraft  seiner  an;  er  erwirkte  ihm  das  AverhofTsche  Stipendium 
und  empfahl  ihn  so  warm,  dass  B.  bei  alien  Professoren  die  freundlichste 
Aufnahme  fand.  Das  Sommersemester  1853  verbrachte  B.  als  Studiosus  der 
Rechtswissenschaft  in  Bonn;  aber  neben  den  Institutionen  bei  Bbcking  horte 
er  schon  hier  althochdeutsche  Grammatik  bei  Diez  und  Geschichte  der  Reli- 
gion der  Griechen  bei  Leopold  Schmidt.  Auch  in  Heidelberg,  wohin  er  sich 
auf  seines  Bruders  Jakob  Rath  von  Bonn  aus  wandte,  Hess  er  sich  am  7.  No- 
vember 1853  als  Jurist  immatrikuliren;  doch  entdecken  wir  in  den  Vorlesungen, 
die  er  hier  belegte,  keine  Berechtigung  mehr  zu  dieser  Bezeichnung,  vielmehr 
pragt  sich  sein  Ziel  jetzt  in  der  Wahl  seiner  Kollegien  deutlich  aus:  ein  urn- 
fassendes  Studium  der  deutschen  Literatur  im  Zusammenhang  mit  der  poli- 
tischen  Geschichte  und  auf  der  Grundlage  der  klassischen  Philologie.  So 
horte  er  in  den  Jahren  1854 — 56  neben  manchem  spezielleren  Colleg  bei 
A.  Holtzmann  Geschichte  der  deutschen  Literatur,  bei  L.  Hausser  deutsche 
Geschichte  und  bei  J.  Chr.  F.  Bahr  griechische  und  romische  Literatur.  Der 
Genuss  und  die  Anregung  dieser  Vorlesungen  war  freilich  nur  massig;  viel 
werthvoller  war  ihm  der  personliche  Umgang  mit  den  genannten  Lehrern, 
ferner  mit  Gervinus,  Geh.  Rath  v.  Leonhard  u.  A.,  sowie  die  uneingeschrankte 
Benlitzung  der  Universitats-Bibliothek.  In  engem  Freundeskreise,  zu  dem 
auch  Treitschke  gehorte,  hielt  B.  im  Winter  1854/55  seinen  ersten  Vortrags- 
cyklus  iiber  deutsche  Literaturgeschichte,  der  ihm  die  freudigste  Anerkennung 
seiner  Horer  eintrug.  Ein  Verleger  forderte  ihn  auf,  Oesers  Kunstgeschichte 
neu  zu  bearbeiten;  Gervinus  sollte  die  Einleitung  dazu  schreiben  —  allein 
in  B.  liberwog  die  Lust  zu  lernen  weitaus  den  Drang  zur  eigenen  literarischen 
Bethatigung.  Auch  nachdem  er  am  20.  Mai  1856  summa  cum  laude  promo- 
virt  hatte1),  als  Gervinus,  Lobell  und  andere  berufene  Manner  ihn  drangten, 
sich  als  Privatdocent  zu  habilitiren,  konnte  er  sich  nicht  genug  thun  in  un- 
ermudlicher  Arbeit  einer  vielverheissenden  Vorbereitung  und  verzichtete  noch 
anderthalb  Jahrzehnte  lang  auf  ein  Hervortreten  als  akademischer  Lehrer. 

Kurz  nach  seiner  Promotion  that  B.  einen  Schritt,  der  ihm  ein  inneres 
Bedtirfniss  befriedigte,  seine  aussere  Lage  aber  in  ungtinstiger  Weise  be- 
einflusste.  Am  21.  August  1856  Hess  er  sich  zu  Mainz  von  dem  zwei- 
ten  evangelischen  Pfarrer  Vonweiler  taufen;  seine  Pathen  waren  Henriette 
Feuerbach,  geb.  Heydenreich,  vertreten  durch  den  Mainzer  Advokaten  Dr. 
Heinrich  Bemays,  und  der  Kaufmann  August  Friedrich  Hoster.     Dass  innere 


l)  Nach  einer  gefalligen  Mittheilung  des  Sekretariats  der  Universitat  Heidelberg  hat 
B.  ohne  Dissertation  promovirt,  wie  das  damals  dort  mbglich  war.  Seine  Examinatoren 
waren  Bahr,  Rcichlin-Meldegg,  Hausser,  KirchbofT,  Stark,  Rau,  Holtzmann,  Kortttm,  Bunsen, 
Bronn,  Leonhard. 

22* 


340  Bernays. 

Ueberzeugung  und  keine  aussere  Riicksicht  ihn  bei  diescm  Schritte  leitete, 
erhellt  am  klarsten  aus  dem  grossen  Opferr  das  er  damit  brachte,  aus  dem 
volligen  Bruch  mit  seiner  ganzen  Familie,  selbst  der  geliebten  Mutter.  Hatte 
er  auch  gerade  in  seinem  Vaterhause  seinen  starken  religiosen  Sinn  festigen 
und  ausbilden  konnen,  so  herrschte  dort  doch  die  strenge  Rechtglaubigkeit 
des  alten  Testaments.  So  war  er  den  Seinen  jetzt  ein  Abtriinniger,  von  dem 
sie  ganzlich  die  Hand  abzogen.  Er  aber  hat  sich  noch  in  spateren  Jahren 
zu  dem  Entschlusse  geneigt,  Prediger  zu  werden,  und  stets  die  lebendige 
Ueberzeugung  vertreten:  »Die  grosste  Thatsache  in  der  Geschichte  der 
Erdenvolker  —  das  Christenthum.« 

Nach  seinem  Uebertritt  zum  Christenthume  waren  die  Verhaltnisse,  in 
denen  B.  in  Bonn  lebte,  bei  einer  driickenden  pekuniaren  Lage  und  grossen, 
damit  verbundenen  Entbehrungen  nur  ertraglich  durch  die  Fiille  geistiger 
Anregung  und  warmer  personlicher  Freundschaft,  die  sie  ihm  brachten. 
Ritschl,  der  ihm  einmal  eine  Unterredung  mit  Jakob  Grimm  vermittelte, 
Welcker,  dem  er  sein  Festspiel  zu  Schillers  Saculartag  widmete,  Simrock,  bei 
dessen  Tode  er  von  vielen  als  der  berufenste  Nachfolger  erklart  wurde,  waren 
jetzt,  nach  dem  Abschluss  seiner  Studentenzeit,  seine  Lehrer  und  Gonner, 
aus  deren  Umgang  er  reichen  Gewinn  zog.  In  den  rheinischen  Kiinstler- 
kreisen,  bei  Vautier  und  Sohn,  fand  er  verstandnissvolle  Horer  und  Freunde. 
Mit  Henriette  Feuerbach  verbanden  ihn  innige  Beziehungen,  und  flir  ihres 
Stiefsohnes  kiinstlerische  Grosse  trat  er  friih  mit  nachdriicklicher  Ueber- 
zeugung ein.  Auch  von  seiner  Freundschaft  mit  Friederike  Gossmann  (Frau 
v.  Prokesch-Osten)  haben  wir  im  Cottaschen  »Morgenblatt«  1863  und  1865 
sachlich  wie  personlich  ansprechende  Belege.  Seine  Liebe  zur  Musik  fand 
in  den  rheinischen  Musikfesten  reiche  Anregung  und  in  Clara  Schumann 
eine  Ktinstlerin,  deren  menschlicher  Adel  ihn  unwiderstehlich  auch  an  die 
Person  fesselte.  Und  an  Beziehungen  zu  den  vornehmsten  Kreisen,  in  deren 
sicherem,  gemessen  freien  Wesen  sich  B.  immer  besonders  wohl  fuhlte,  fehlte 
es  ebenfalls  nicht;  so  gehorten  General  von  Strubberg  in  Coblenz  und  vor 
allem  der  Gouverneur  von  Mainz,  Prinz  von  Gliicksburg,  zu  seinen  Gonnern, 
bei  denen  er  wiederholt  weilte;  das  Andenken,  das  ihm  der  Prinz  von  Gliicks- 
burg geschenkt,  eine  Ausgabe  des  »Faust«,  die  B.  immer  hoch  in  Ehren  hielt, 
haben  ihm  liebende  Hande  noch  in  den  Sarg  mitgegeben. 

Was  ihm  aber  diese  rheinischen  Jahre  am  reichsten  verschonte,  war  sein 
herzlicher  Verkehr  im  Hause  des  alten  Ernst  Moritz  Arndt,  zu  dessen  Enkelin 
Lotte  er  eine  innige  Neigung  fasste.  Oft  kam  er  nach  der  Verlobung  zu  ihr 
nach  Trier  und  verlebte  dort  seine  gliicklichsten  Tage;  um  so  tiefer  musste 
es  ihn  treffen,  als  Lotte  die  Verbindung  wieder  loste,  um  einem  anderen 
Manne  die  Hand  zu  reichen.   — 

So  abgeneigt  B.  der  eiligen  Arbeit  der  Journalistik  war,  so  drangte  ihn 
doch  der  Zwang  der  Verhaltnisse,  auf  diesem  Wege  einigen  Verdienst  zu 
suchen.  Das  Schriftenverzeichniss,  das  G.  Witkowski  dem  2.  Bande  von  B.'s 
»Schriften  zur  Kritik  und  Literaturgeschichte«  mit  der  dankenswerthesten 
Sorgfalt  beigesteuert  hat,  lasst  uns  erkennen,  wie  B.  in  den  Jahren  1862 — 1872 
in  den  angesehensten  Organen  der  deutschen  Presse,  im  »Morgenblatt«,  den 
»Grenzboten«,  der  »K6lnischen  Zeitung«,  der  »Allgemeinen  Zeitung«  und 
»Im  neuen  Reich«,  eine  Reihe  von  Aufsatzen  und  Besprechungen  veroffent- 
lichte,  die  ohne  jenen  ausseren  Zwang  grossentheils  wohl  schwerlich  ent- 
standen  waren;  wenigstens  verschwinden  mit  seiner  Ernennung  zum  Professor 


Bernays.  34 1 

solche  Arbeiten  des  Tages  vollstandig  aus  seinen  Werken.  Aber  keiner  der 
Gegenstande,  mit  denen  sich  B.  in  diesen  Artikeln  beschaftigt,  ist  unbedeutend 
und  unwiirdig  seines  klarenden  Wortes,  und  gerade  diese  rasch  verfassten 
Gelegenheitsarbeiten  gelangen  ihm  nach  Alfred  Doves  eher  scharfem  als  liebe- 
vollem  Urtheil  schriftstellerisch  am  ungezwungensten  und  besten.  Trotzdem 
konnte  er  sich  nicht  entschliessen ,  seine  Krafte  nach  dieser  Seite  zu  binden. 
Sowohl  einen  Antrag,  in  die  Redaction  der  »Preussischen  Jahrbiicher*  ein- 
zutreten,  wie  Gustav  Freytags  Einladung,  die  Besprechung  der  Biicher  philo- 
logischen  Inhalts  fur  die  »Grenzboten«  zu  iibernehmen,  lehnte  er  ab.  Sein 
ganzes  Wesen  drangte  ihn  zur  Wirksamkeit  mit  dem  gesprochenen,  nicht  dem 
geschriebenen  Worte. 

War  es  ihm  seit  seinen  Heidelberger  Studententagen  der  reinste  Genuss 
geblieben,  im  Kreise  Gleichgesinnter  die  Werke  unserer  grossen  Dichter  oder 
die  eigene  historische  Auffassung  der  Entwickelung  unserer  Literatur  vorzu- 
tragen,  so  musste  ihm  jetzt  die  im  engeren  Kreise  oft  bewahrte  und  be- 
wunderte  Kunst  der  Rede  die  aussere  Grundlage  seiner  Existenz  bieten.  Sein 
standiger  Wohnsitz  blieb  Bonn;  aber  seine  Vortragsreisen  fiihrten  ihn  durch 
die  verschiedensten  Theile  Deutschlands  und  liessen  ihn  manche  neue,  be- 
deutungsvolle  Bekanntschaft  und  Freundschaft  schliessen.  Gewohnlich  hielt 
er  einen  Cyklus  von  Vortragen,  hauptsachlich  liber  Goethe,  Schiller,  Klopstock, 
Lessing.  Der  natlirliche  Ausgangspunkt  seiner  Fahrten  waren  die  rheinischen 
Stadte  von  Koln  bis  Mainz;  doch  kam  er  auch  nach  Karlsruhe,  wo  er  schon 
damals  die  Theilnahme  des  grossherzoglichen  Hofes  erfuhr,  nach  Stuttgart, 
wo  Morike  ihm  zu  seinem  Stolze  das  brtiderliche  Du  antrug,  nach  Frankfurt, 
nach  Weimar,  wo  ihn  Preller,  die  Odyssee  in  der  Hand,  zeichnete,  nach 
Llibeck,  wo  er  mit  Geibel  verkehrte,  und  Bremen,  wo  er  mit  Gildemeister 
feste  Freundschaft  schloss.  Den  angenehmsten  Kreis  fand  er  jedoch  in  Leipzig, 
wo  er  viel  bei  Brockhaus,  vor  allem  aber  mit  Salomon  Hirzel  verkehrte. 
Was  dieser  letztere  ihm  gewesen,  das  charakterisiren  am  besten  seine  Tage- 
buchaufzeichnungen  bei  Hirzels  Tode:  »Der  Hingang  Hirzels  ist  fur  mich 
eines  jener  Ereignisse,  die  einen  ganzen  Kreis  werther  und  wiirdiger  Lebens- 
beziehungen  zerstoren,  die  eine  ganze  Reihe  von  Zustanden,  welche  in  das 
gesammte  Dasein  innigst  verschlungen  waren,  traurig  abschliessen.  Im  Jahre 
1862  ward  unsere  personliche  Verbindung  eingeleitet.  Wahrend  meines 
spateren  Aufenthaltes  in  Leipzig  vergingen  selten  einige  Tage,  in  denen  wir 
uns  nicht  personlich  beruhrten.  Das  Verhaltniss,  das  sich  zwischen  uns  bil- 
dete,  war  nicht  bios  ein  solches,  wie  es  aus  der  Gemeinsamkeit  wissenschaft- 
licher  Neigungen  zu  entstehen  pflegt;  es  hatte  einen  viel  hoheren  mensch- 
lichen  Werth  und  eine  innerlichere  Bedeutung.  Ich  unternahm  in  jenen 
Jahren  nichts,  an  dem  er  nicht,  fordernd  oder  rathend,  Antheil  gehabt  hatte. 
Nur  meinetwegen  kam  er  spater  nach  Mtinchen,  es  geschah  zuletzt  im  Jahre 
1875.  Der  Ton,  auf  den  unser  Verkehr  gestimmt  war,  blieb  immer  derselbe. 
Obgleich  eigentlich  meist  von  gewichtigen  und  ernsten  Dingen  zwischen  uns 
die  Rede  war,  so  ging  doch  eine  Grundstimmung  von  Heiterkeit  durch  unsere 
Unterhaltungen  und  Verhandlungen.  Wie  von  einer  sicheren  Hohe  herab 
liess  Hirzel  nach  alien  Seiten  hin  seinen  Humor,  seine  Ironie,  seinen  oft  ver- 
nichtenden  Witz  spielen  und  treffen.  Dabei  blieb  sein  Urtheil  fest  und  ge- 
messen;  und  immer  gleich  bewunderungswlirdig  blieb  die  Klarheit  desBlicks, 
den  er  mit  derselben  Sicherheit  auf  Menschen  und  Dinge,  auf  die  Zustande 
des  Lebens  wie  der  Wissenschaft  richtete.     Hirzels  eigentlicher  Freundeskreis 


342  Bernays. 

gehorte  einer  alteren  Generation  an,   unter  den  jlingeren  stand  ich  ihm  aber 
wohl  am  nachsten « 

Neben  Hirzel  waren  es  in  Leipzig  Freytag,  Springer,  Dove,  Jahn,  Zarncke 
u.  a.  m.,  die  mit  freundschaftlicher  Theilnahme  und  vollem  Verstandniss  fiir 
die  Bedeutung  seiner  Aufgabe  seinen  Bestrebungen  folgten.  Joachim  Meyer 
sprach  kurz  vor  seinem  Tode  den  Wunsch  aus,  B.  moge  die  Herausgabe  seines 
Nachlasses  besorgen.  Jahn  bestimmte,  dass  B.  aus  seiner  reichen  Bibliothek 
sich  auswahlen  diirfe,  was  ihm  forderlich  sein  konnte.  Ausserhalb  der  ge- 
lehrten  Kreise  aber  gewann  B.  in  dem  Erbprinzen  von  Meiningen,  dem  er 
damals  englischen  Unterricht  gab,  einen  treuen  Freund  fur's  Leben,  mit  dem 
er  trotz  der  raumlichen  Entfernung  und  seltenen  personlichen  Beriihrung  auch 
spaterhin  in  reger  brieflicher  Aussprache,  namentlich  liber  Politik,  verbunden 
blieb.  Jetzt  trat  B.  auch  mit  zwei  ausgereiften,  ergebnissreichen  Werken 
hervor.  Seine  Schrift  »Ueber  Kritik  und  Geschichte  des  Goetheschen  Textes* 
(1866),  die  Nicolaus  Delius  gewidmet  war,  wie  seine  Ausgabe  von  »Goethes 
Briefen  an  Friedrich  August  Wolf«  (1868),  die  er  Heinrich  von  Sybel  zueig- 
nete,  musste  den  Wunsch,  ihn  auf  dem  Katheder  zu  sehen,  noch  bestarken. 
Endlich  entschloss  er  sich  zur  Habilitation,  Zarncke  war  ihm  dabei  behilflich, 
und  am  4.  November  1872  ward  ihm  die  venia  legendi  fiir  das  Fach  der 
Geschichte  der  neueren  Literatur  ertheilt. 

Der  Erfolg  von  B.'s  Vorlesungen  an  der  Universitat  in  Leipzig  war  ganz 
ausserordentlich,  obgleich  man  zuerst  dartiber  spottelte,  dass  er  mehr  als  vier 
Stunden  allein  der  Betrachtung  Klopstocks  widmete.  Aber  nicht  bios  die 
Studenten  stromten  schaarenweise  in  seine  Horsale,  auch  die  maassgebenden 
Kreise  schenkten  ihm  sofort  die  gebuhrende  Beachtung.  Ministerialrath  Dr. 
von  Volk,  der  sich  als  Referent  liber  die  Universitaten  die  grossten  Verdienste 
um  Bayern  und  um  die  Wissenschaft  erworben  hat,  bemlihte  sich,  B.  nach 
Bayern  zu  ziehen.  In  Wlirzburg  sollte  ihm  eine  Professur  errichtet  werden; 
doch  ausserte  Konig  Ludwig  II.,  als  er  von  B.'s  Bedeutung  horte,  den  Wunsch, 
ihn  nach  Mlinchen  selbst  zu  berufen.  So  wurde  Carriere  zur  Begutachtung 
nach  Leipzig  gesandt;  seinem  Vorschlage  stimmte  die  philosophische  Fakultat 
Mlinchen  zu,  und  so  konnte  schon  am  19.  Juni  I873  B.  seine  Antrittsvorlesung 
als  ausserordentlicher  Professor  an  der  Universitat  Mlinchen  halten.  Ein 
halbes  Jahr  spater,  am  7.  Februar  1874,  unter  dem  Rectorate  W.  H.  Riehls, 
wurde  B.  zum  »ordentlichen  Professor  fiir  neuere  Sprachen  und  Literaturen* 
ernannt. 

»Freuen  Sie  sich  mit  mir!«  schrieb  damals  B.  in  froher  Genugthuung  an 
seinen  vaterlichen  Freund  Hirzel.  »Und  zwar  nicht  bios  meinetwegen! 
Durch  meine  Ernennung  ist  zugleich  den  Studien,  die  ich  vertrete,  fiir  immer 
ein  Ordinariat  gesichert.  Es  ist  also  wahrhaft  ein  Sieg  erfochten,  und  der 
Traum  meiner  Jugend  in  Erflillung  gegangen.«  Mit  Recht  konnte  B.  so 
sprechen.  Denn  wenn  ihm  jetzt  die  erste  ordentliche  Professur  fur  sein  Fach 
in  Deutschland  zu  theil  wurde,  so  durfte  er  sich  sagen,  dass  er  dieses  Fach 
von  seinen  Gymnasiastentagen  an  erst  begrlinden  geholfen.  »Bei  alien  meinen 
Arbeiten«,  schreibt  er  einmal  im  Jahre  1875  —  doch  es  gilt  schon  fiir  seine 
frliheste  Zeit  — ,  »bei  alien  meinen  Arbeiten  verfolge  ich  den  einen  Zweck: 
die  Verbindung  der  Literaturgeschichte  mit  der  philologischen  Kritik  zu  be- 
grlinden. Diesem  Zwecke  ist  auch  meine  akademische  Thatigkeit  gewidmet, 
mit  welcher  ich  es  tiberaus  ernst  nehme.  Das  Katheder  ist  der  Ort,  wo  ich 
mich  am  liebsten   und  am  freisten  mittheile,  und  den  Pflichten  des  akademi- 


Bernays.  343 

schen  Lehrers  mitssen  die  Wiinsche  des  Schriftstellers  sich  unbedingt  unter- 
ordnen.«  »Das  Lehren  mit  lebendigem  Worte«,  schreibt  er  ein  ander 
Mai  an  einen  Freund,  »der  Verkehr  mit  einem  jugendlichen  Kreise,  in 
welchem  wenigstens  die  Besten  zu  geistigem  Sein  und  Schaffen  aufstre- 
ben,  dieser  rege  Wechsel  von  geistigem  Empfangen  und  wissenschaftlicher 
Mittheilung  —  das  alles  ist  mir  zum  unentbehrlichen  Elemente  des  Daseins 
geworden.« 

So  konnte  nun  B.  in  wtirdigem  Wirkungskreise  frei  seine  Krafte  entfalten, 
und  wenn  wir  seine  Charakteristik  von  Friedrich  August  Wolf  als  Lehrer 
lesen,  steigt  uns  unwillktirlich  das  Bild  seiner  eigenen  unvergleichlich  person- 
lichen,  unmittelbaren  Wirkung  auf.  Karl  Stieler,  der,  damals  B.'s  Horer,  mit 
klarem  Blick  seine  Berufung  als  »eine  That  in  der  akademischen  Geschichte 
Munchens*  bezeichnete,  hat  uns  in  der  »Schlesischen  Zeitung«  ein  anschau- 
liches  Bild  der  eigenartigen  Weise  von  B.'s  Auftreten  gezeichnet:  »Mit  dem  Ernst 
eines  Priesters,  der  sein  Amt  beginnt,  mit  einer  Sammlung,  die  ihm  eine  formliche 
Immunitat  verleiht,  schreitet  der  hagere  gedankenvolle  Mann  durch  die  Reihen 
seiner  Schliler,  den  Blick  zu  Boden  gesenkt,  schon  jetzt  ganz  in  den  Gegenstand 
versunken.  Diese  verschlossene  Kraft  aber  wird  mit  einem  Male  lebendig,  sowie 
er  auf  das  Katheder  tritt,  und  zeigt  sich  in  einer  Gliederung,  die  von  dem  leise- 
sten  Herzenslaut  bis  an  die  Grenze  elementarer  Gewalt  reicht.  B.  liest  gegen- 
wartig  iiber  die  deutsche  Literatur  des  18.  Jahrhunderts;  nicht  liber  Klopstock, 
Lessing,  Goethe  und  Schiller,  sondern  in  seiner  Hand  gestaltet  sich  der  be- 
deutende  Stoff  zu  jener  grossen  inneren  Einheit,  die  nur  der  echte  historische 
Blick  erkennt.  Den  geheimsten  Zusammenhang  mit  der  Seele  des  Volkes  und 
der  Geschichte  der  Zeit  deckt  er  uns  auf.  Wir  leben  nicht  nur  in  der  Mitte 
jener  grossen  Schopfungen,  sondern  in  der  Mitte  jenes  grossen  Schaffens  selbst. 
Das  Einzelnste,  das  Kleinste  erhalt  seine  Beziehung  zum  Ganzen.  Neben 
diesem  geistigen  Gehalte  aber  steht  ein  Form  talent,  das  kunstlerisch  im 
hochsten  Sinne  des  Wortes  ist.  Der  veredelnde  Einfluss,  den  der  stete  Ver- 
kehr mit  den  Besten  unsereres  Volkes  tibt,  tritt  alien thalben  ungesucht  hervor 
und  hat  der  Sprache  eine  Lauterung  gegeben,  die  mehr  ist  als  akademische 
Formvollendung.  B.  spricht  vollig  frei,  aber  das  Charakteristische  an  seinem 
Vortrage  ist  nicht,  dass  er  dies  kann,  sondern  dass  er  es  nicht  anders  konnte; 
so  sehr  ist  er  mit  dem  Stoffe  eins,  so  sehr  giebt  er  aus  der  inneren  Fiille, 
dass  jede  aussere  Handhabe  ihn  nur  hemmen  mtisste.  Man  ftihlt  es  wohl, 
dass  diese  Rede  nicht  vorbereitet  ist  nach  dem  engen  Maassstabe  einer 
Stunde;  in  der  Jahre  langen  Arbeit,  in  der  einsamen  Vertiefung  eines  ganzen 
Lebens,  in  der  schrankenlosen  Liebe  fur  seinen  Stoff  liegt  die  wahre  Vorbe- 
reitung  zum  Lehrer «.  .  .  .  Dabei  imponirte  die  ungeheure  Weite  und  Zu- 
verlassigkeit  seines  staunenswerthen  Gedachtnisses  dem  Schtiler  so,  dass  er  in 
den  Ruf  ausbricht:    »Er  ist  allwissend  in  unserer  Literature 

In  der  That  hatte  dieses  unvergleichliche  Gedachtniss  einen  -nicht  un- 
wesentlichen  Antheil  an  der  souveranen  Sicherheit  von  B.'s  Auftreten.  Es 
ermoglichte  ihm  ohne  jeden  schriftlichen  Behelf  jederzeit  die  Anfuhrung 
jedes  erwiinschten  Citates,  jede  entlegenste  Combination;  ja  sogar  umfang- 
reiche  Werke  Goethes  und  Schillers,  aber  auch  ganze  Gesange  aus  Homer 
und  Dante,  ganze  Scenen  aus  Sophokles  und  Shakespeare  waren  ihm  mit 
unfehlbarer  Sicherheit  eingepragt,  von  der  Unzahl  kleinerer  Gedichte  aus 
alien  Literaturen,  die  er  auswendig  wusste,  ganz  zu  geschweigen.  Und  wie 
verstand  er  es,    sie   vorzutragen!    Er  war  mit  seinem  machtvollen    und  bieg- 


344  Bernays. 

samen  Organ  zweifellos  einer  der  bedeutendstcn  Recitatoren  seiner  Zeit. 
Wie  er  seine  wissenschaftlichen  Untersuchungen  in  einer  geradezu  kiinst- 
lerischen  Ausgestaltung  bot  und  in  feiner  Zuspitzung,  in  klarer  objektiver 
Gestaltung,  vor  allem  aber  in  stromendem  Pathos  jede  gewollte  Wirkung 
erzielte,  so  verstand  er  auch  vieles  durch  den  blosen  Vortrag  zu  verdeut- 
lichen,  was  keine  kritische  Ausflihrung  hatte  klar  machen  konnen.  Kein 
Wunder,  dass  in  Mlinchen  wie  in  Leipzig  sein  grosses  Kolleg  stets  von 
Hunderten  von  Horern  aller  Fakultaten  besucht  warl  »Der  lauschenden 
Jugend  entging  das  Gewollte  an  so  hoher  Kunst,  das  Selbstgetallige  an  so 
vielem  Reize  keineswegs«,  sagt  Alfred  Dove  treffend;  »aber  der  im  Grunde 
echte  Schwung  der  Begeisterung  riss  sie  nichtdestoweniger  mit  sich  fort  — 
in  dieser  Weise  ward  ihr  ahnliches  niemals  geboten. « 

Damit  ist  aber  B.'s  Bedeutung  als  Lehrer  keineswegs  erschopfend  ge- 
kennzeichnet.  Sein  Eigenstes  gab  er  vielmehr  erst  im  engeren  Kreise  seiner 
Schtiler  im  Seminar,  dessen  Uebungen  er  in  seiner  eigenen  ungemein  reichen 
Bibliothek  abhielt.  Der  ganze  Nachdruck  lag  hier  auf  der  personlichen  An- 
regung  und  Mitteilung,  auf  Erweckung  der  Selbstthatigkeit  der  Theilnehmer. 
Die  zwanglosesten  Wanderungen  durch  die  weitesten  Gebiete  der  Literatur- 
geschichte  wechselten  mit  der  sorgsamsten  Untersuchung  methodisch  lehrreicher 
Einzelheiten,  unterstiitzt  von  dem  Anschauungsmaterial  des  grossen  Biicher- 
schatzes,  der  noch  jetzt  durch  die  Pietat  und  Selbstlosigkeit  der  Wittwe 
ungetheilt  erhalten  geblieben  ist.  Auf  jedes  Einzelnen  Eigenart  wurde 
Rticksicht  genommen  und  ihr  neue  Nahrung  geboten;  kurz,  es  sollte  alles 
lebendige  Anregung,  nicht  autoritativer  Unterricht  sein.  Und  ahnlich  ge- 
staltete  sich  das  meist  nur  vor  einer  kleinen  Horerschaar  abgehaltene 
Shakespeare-Kolleg,  das  B.  stets  besondere  Freude  machte.  Auch  hier 
konnte  er  zwanglos  mit,  nicht  zu  seinen  Horern  sprechen;  auch  hier  liess 
er  in  freiem  Wechsel  bald  textkritische,  grammatische  oder  metrische  Einzel- 
heiten, bald  weitausgreifende  Quellenuntersuchungen,  bald  asthetisch-kritische 
Betrachtungen  in  den  Vordergrund  treten.  »Keine  Frage«,  bemerkt  er  einmal 
in  seinem  Tagebuch,  in  dem  er  sich  mit  peinlicher  Gewissenhaftigkeit  liber 
Werth  oder  Unwrerth  seiner  Kollegien  selbst  Rechenschaft  ablegte,  » keine 
Frage,  dass  ich  dann  das  Beste  und  Meiste  gebe,  wenn  aller  aussere  Ap- 
parat  der  sog.  Vorlesung  wegfallt.« 

So  fiihlte  sich  B.  ganz  eingewoben  in  die  Lebensthatigkeit,  die  er  selbst 
als  sein  hochstes  Lebensbediirfniss  bezeichnet  hat.  Trotzdem  blieb  ihm  in 
seinen  damaligen  Verhaltnissen  zeitweilig  ein  gewisses  Geftihl  der  Entbehrung 
nicht  erspart,  das  ihm  einmal  in  einem  schonen  Briefe  an  seinen  Freund  Uhde 
das  Gestandnis  entriss:  »Ich  bedarf  in  meinem  Leben,  dem  keine  heitere 
Jugendzeit  vorangegangen,  und  das  auch  noch  jetzt  fast  alles  das  entbehrt, 
was  der  grosse  Haufe  der  Menschen  Gluck  zu  nennen  pflegt  —  auch  ich 
bedarf  oft  genug  der  ermunternden  und  aufrichtenden  Teilnahme.  Ich  sage 
das  nicht  im  Sinne  der  Klage,  diese  ist  mir  ganzlich  fremd,  und  die  Art 
meines  Lebens  und  Thuns  mochte  ich  mit  keiner  anderen  —  und  wenn 
mir  der  hochste  Preis  geboten  wtirde  —  jemals  vertauschen.  .  . .  Oft  verwundere 
ich  mich  dariiber,  wie  ich  mir  so  viele  Frische  und  Heiterkeit  habe  erhalten 
konnen.  Aber  diese  Heiterkeit  hat  auch  wenig  gemein  mit  dem,  was  man 
herkommlicherweise  so  nennt.  Sie  ist  ganz  geistiger  Art,  sie  fliesst  aus  der 
innigen  Verbindung,  in  welche  ich  mein  Leben  mit  meiner  Wissenschaft 
gebracht  habe.     Die  mit  jedem  Tage   neu  aufwachende  Liebe  zu  dem,    was 


Bernays.  345 

mir  Wissenschaft  ist,  entschadigt  mich  fiir  alles,  was  ich  ehedem  im  Kampfe 
des  Lebens  gelitten,  fUr  alles,  was  ich  jetzt  entbehre.« 

Erst  am  4.  Dezember  1880  gewann  B.  durch  die  Vermahlung  mit  der 
Wittwe  Hermann  Uhdes,  Luise,  geb.  Rtibke,  ein  eigenes  Heim,  das  dem 
rastlos  thatigen  Manne  in  der  treuen  Ftirsorge  einer  verstandnissvollen  Gattin  das 
hausliche  Behagen  bot,  das  er  solange  entbehrt  hatte.  War  es  ihm  schon 
vorher  Bedtirfhiss  gewesen,  am  geselligen  Leben  regen  Anteil  zu  nehmen,  so 
wurde  jetzt  sein  eigenes  Haus  der  Mittelpunkt  eines  der  geistigen  Bedeutung 
wie  der  Zahl  nach  gleich  hervorragenden  Kreises.  Von  den  Kollegen  standen 
ihm  Bursian,  Christ,  Wolfflin,  Giesebrecht,  Brinz,  Ratzel,  Rudolf  Scholl,  Halm 
besonders  nahe.  Zu  dem  Kaulbach'schen  Hause,  namentlich  auch  zu  Frau 
v.  V6lk  und  ihrem  geistvollen  Gatten  unterhielt  er  rege  Beziehungen.  Von 
der  alten  Frau  von  Thiersch  liess  er  sich  noch  mancherlei  von  der  klassischen 
Vergangenheit  des  literarischen  Deutschland  erzahlen;  an  Lady  Blennerhassets 
literarischen  Arbeiten  nahm  er  den  regsten  Antheil  und  wies  sie  immer  wieder 
auf  Chateaubriand  als  wtirdigsten  Gegenstand  ihrer  geistvollen  Darstellung 
hin.  Wilhelm  Hertz  war  ihm  als  Mensch  und  Dichter  gleich  werth;  Ludwig 
Laistners  frtiher  Tod  bereitete  ihm  tiefen  Schmerz.  Mit  Conrad  Fiedler,  der 
spater  ein  so  jahes  Ende  finden  sollte,verkehrte  er  besonders  gem:  »Im  Ge- 
sprache  mit  ihm  weiss  man  doch,  wozu  man  die  Lippen  bewegt.  Er  ist 
wirklich  ein  bedeutender  und  selbststandiger  Denker.  .  .  .  einer  der  gehalt- 
reichsten  Menschen,  die  jetzt  leben. «  Sehr  innig  war  das  Verhaltniss  zu 
Paul  Heyse;  sie  kamen  sehr  viel  zusammen,  besprachen  sich  tlber  ihre 
Arbeiten  und  gerne  nahm  Heyse  bei  seinen  Uebersetzungen  des  Freundes 
Rath  in  Anspruch.  Heyse  ist  auch  neben  dem  Erbprinzen  von  Meiningen 
Pathe  von  B.'s  Sohne  Ulrich,  der  neben  einer  Tochter  Marie  in  dem  behag- 
lichen  Hause  an  der  Fttrstenstrasse  heranwuchs. 

Nicht  nur  Gelehrte  und  Dichter,  auch  Schauspieler  und  Musiker  weilten 
oft  in  dem  B.'schen  Kreise.  Hermine  Bland  konnte  im  gewissen  Sinne  sogar 
seine  Schtilerin  genannt  werden;  beim  Einstudieren  ihrer  vornehmsten  Rollen 
wie  Iphigenie,  Leonore  von  Este  u.  a.  stand  B.  ihr  mit  seiner  eingehenden 
Interpretation  und  seiner  vollendeten  Vortragskunst  lange  zur  Seite.  Die 
edle  Art  dieser  bedeutenden  Ktinstlerin  entsprach  seinem  Wesen  in  seltenem 
Maasse;  sonst  freilich  hat  er,  abgesehen  von  Lewinsky,  Sonnenthal  und 
wenigen  andern  Ktinstlern,  sich  wenig  an  schauspielerischen  Leistungen 
erbaut.  Sein  Stilgefiihl  wurde  durch  die  immer  haufiger  getibte  Uebertragung 
modern  realistischer  Kunstiibung  auf  die  klassischen  Dramen  empfindlich  ver- 
letzt,  und  solch  »denkender  Kiinstler«  war  ihm  ein  Greuel.  W&hrend  er  sich 
daher  mit  den  Jahren,  im  Genusse  der  Dramatiker  aller  Zeiten  am  unge- 
trtibtesten  sich  selbst  gentlgend,  dem  Schauspiel  der  Btihne  immer  mehr 
entfremdete,  wurde  sein  Verhaltniss  zur  Musik  immer  inniger  und  fester. 

Schon  aus  dem  Jahre  1862  haben  wir  in  dem  »Verbindenden  Texte 
ftir  Beethovens  Musik  zu  Goethes  Egmont«  einen  Beweis,  mit  welchem  Ernste 
sich  B.  in  die  gewaltigen  Werke  der  Tonkunst  vertiefte.  Diese  Verse,  denen 
wie  den  Ubrigen  Festspielen  B.'s  —  »zur  S&cularfeier  von  Schillers  Geburts- 
tag«  (1859),  »Shakespeares  Geburt«  (1864),  »Prolog  zu  Mozarts  Requiem* 
(1892)  —  mehr  die  rhetorische  Macht  und  Wlirde  der  Sprache  und  der 
Gedanken,  als  eigentlich  dichterische  Eigenschaften  das  Geprage  geben,  ent- 
standen  auf  Otto  Jahns  Anregung,  um  den  nlichternen  Verbindungstext 
F.    Mosengeils    zu    ersetzen    —    ein  Zweck,    den    sie  in  der  angemessensten 


346  JJenuys. 

Weise  erfullten.  Zu  einer  noch  wirksameren  Theilnahme  an  musikalischen 
Fragen  musste  sich  aber  B.  angeregt  fiihlen,  als  er  in  Mtinchen  in  den 
Bannkreis  Richard  Wagners  drat.  Durch  seinen  Verkehr  mit  Levy,  Porges 
u.  a.  wurde  B.  immer  defer  in  die  Bestrebungen  des  Meisters  hineingezogen; 
selten  versaumte  er  eine  AufRihrung  seiner  Werke  an  der  MUnchener  Oper 
und  versenkte  sich  mit  tiefer  Bewunderung  in  die  grossartige  Personlichkeit, 
die  sich  ihm  hier  offenbarte.  Zwar  hat  er  sich  eine  gewisse  Zurtickhaltung 
gegentiber  den  ktinstlerischen  Neuerungen  Wagners  bewahrt;  seine  Worte  fiir 
die  Errichtung  einer  Schule  fiir  Musik  und  Drama  in  Bayreuth  sind  rein  sach- 
lich  und  vorsichtig  abgewogen.  Aber  bei  seinen  wiederholten  Bertihrungen  mit 
Richard  Wagner  selbst,  als  dessen  Gast  er  mehrfach  in  Wahnfried  weilte, 
empfand  er  den  vollen  Zauber  einer  genialen  Personlichkeit,  und  riickhaltlos 
huldigte  er  dem  reinen  Ktinstlerthum  in  dem  Schopfer  des  Tondramas. 
»Wie  alle  Ktinstler  hftchsten  Ranges «,  schreibt  B.  einmal  an  Uhde,  »wendet 
sich  Wagner  unmittelbar  an  die  Phantasie.  Er  ware  schon  allein  deshalb 
hochzuhalten,  weil  er  einer  von  den  Wenigen  ist,  die  noch  einen  reinen 
Enthusiasmus  zu  entziinden  wissen.c  Und  in  tiefer  Ergriffenheit  hat  B.  bei 
der  Nachricht  von  Wagners  Tode  in  seinem  Kolleg  dem  grossen  Toten  einen 
Nachruf  geweiht,  der  zu  dem  Wiirdigsten  und  Besten  gehort,  was  Uber 
Wagner  gesagt  worden  ist.  Ohne  sich  auf  einzelne  Fragen  einzulassen,  stellte 
hier  B.  den  Meister  als  unsterbliches  Muster  hin  dessen,  »was  der  wollende 
Mensch  vermag*.  Die  menschliche  GrOsse  mit  ihrem  unerschtitterlich  sieg- 
haften  Willen  stand  ihm  noch  hoher  als  die  ktinstlerischen  Ziele  Wagners. 
Damals  war  B.  der  einzige  Professor  einer  Universitat,  der  auf  seinem 
Katheder  von  Wagner  zu  sprechen  sich  gedrungen  fiihlte;  durch  diese  That- 
sache  erhoht  sich  noch  das  Gewicht  seiner  Worte. 

Mochte  aber  B.  mit  noch  so  ernster  Hingabe  sich  in  Wagners  neue 
Kunstform  einzuleben  bemtihen,  den  reinsten  Genuss  bot  ihm  doch  »Fideliot, 
bot  ihm  die  Musik,  wo  sie  ihm  als  Herrscherin,  als  Selbstzweck  entgegen 
trat.  »Mir  wird  die  Musik  immer  mehr  Bedlirfniss«,  schreibt  er  im  Jahre 
1877  aus  Mtinchen.  »Die  Tone  umspiilen  mir  den  Geist  wie  sanftigende 
Wellen;  er  lasst  sich  gelind  von  ihnen  forttragen,  und  doch  ist  es  keines- 
wegs  ein  wolllistiges  Nichtsthun,  dem  er  sich  hingiebt.  Denn  ich  verstehe 
von  der  Musik  gerade  so  viel,  urn  der  Entwicklung  der  musikalischen  Ge- 
danken  folgen  zu  konnen,  aber  nicht  genug,  um  mir  liberall  von  den  Mitteln 
der  Ausftihrung  Rechenschaft  zu  geben.  So  finde  ich  erquickende  Be- 
schwichtigung  und  zugleich  eine  Anregung,  die  den  Geist  beschaftigt,  ohne 
ihn  zu  eigentlicher  Thatigkeit  zu  spannen.  Keiner  Kunst  gegentiber  ist  mein 
Urtheil  oder  vielmehr  meine  Empfindung  so  streng  als  bei  dieser.  Diese 
Strenge  gilt  aber  nicht  dem  Vortrag,  sondern  dem  Gehalt  des  Vorgetragenen. 
Eben  weil  ich  von  der  Technik  der  musikalischen  Behandlung,  die  ja  dem 
Kenner  schon  an  und  fiir  sich  ein  Interesse  abgewinnen  kann,  zu  wenig 
verstehe,  so  kann  mich  nur  der  lebendige  Gedanken-  und  Empfindungsgehalt, 
der  die  Formen  erftillt,  bertihren  und  ergreifen.  Hier  habe  ich  das  Recht, 
wirklich  nur  mit  dem  Trefflichsten  vorlieb  zu  nehmen.  Und  in  welcher 
Kunst  ist  das  Treffliche  so  reichlich  ausgesaet  wie  in  dieser?« 

Die  musikalischen  Darbietungen  von  Eduard  Reuss,  die  ihm  die  letzten 
Werke  Beethovens  immer  mehr  erschlossen,  gehorten  dann  in  den  Tagen 
seiner  Musse  in  Karlsruhe  zu  seinen  reinsten  Geniissen.  Aber  auch  in 
Mtinchen  hat  er  eine  Reihe  von  Musikern    an  sich    zu  ziehen  gewusst,    und 


Bernays.  347 

die  Liebe  zur  Musik,  die  besonders  aus  Shakespeare  immer  gerne  neue  Nah- 
rung  sog,  hat  in  seiner  ganzen  Art  der  Geselligkeit  unverkennbare  Spuren 
hinterlassen. 

So  vereinigten  sich  klinstlerische  und  wissenschaftliche  Interessen  in 
seinem  Hause,  urn  es  zu  einem  Sammelpunkte  zu  machen,  an  dem  durch- 
reisende  Manner  von  Bedeutung  wie  Paul  Stapfer,  Frz.  X.  Kraus,  Waitz, 
Liszt  u.  s.  w.  immer  einen  Theil  der  geistigen  Elite  Mtinchens  anzutreffen 
sicher  sein  durften.  Daneben  aber  zog  B.  auch  diejenigen  von  seinen 
Schiilern,  die  ihm  im  Seminar  naher  getreten  waren,  ebenfalls  in  den 
personlichen  Verkehr  mit  ein  und  lebte  im  vollsten  Behagen,  wenn  er  von 
seinen  geistigen  Schatzen  anderen  verschwenderisch  mittheilen  konnte.  Schon 
im  Winter  1879/80  hielt  er  alle  14  Tage  in  einem  auserlesenen  Kreise  an 
einem  Abende  Vortrage  tiber  und  aus  Goethes  Faust.  Solche  Recitationen 
pflegten  spater  seine  Gesellschaftsabende  im  eigenen  Hause  abzuschliessen, 
wahrend  er  seit  der  Uebernahme  des  akademischen  Lehramtes  wie  auf 
journalistische  Bethatigung,  so  auch  auf  offentliche  Vortrage  ganzlich  ver- 
zichtet  hatte. 

Nur  dreimal  noch  ist  B.  mit  Vortragen  vor  ein  grosseres  Publikum  ge- 
treten, jedesmal  einem  ausseren  Anlass  folgend.  Im  Marz  1880  forderte  ihn 
Ltitzow  auf,  nach  Wien  zu  kommen,  wo  durch  Karl  Tomascheks  Tod  die 
Professur  fur  Literaturgeschichte  erledigt  war.  Man  hoffte,  B.  daflir  gewinnen 
zu  konnen,  und  die  Studentenschaft  feierte  ihn,  nachdem  er  drei  Vortrage 
in  Wien  gehalten  hatte  (iiber  die  Epochen  der  Goethe'schen  Lyrik,  tiber  den 
II.  Theil  des  »Faust«  und  tiber  Lessing's  Stil),  bereits  mit  jugendlicher  Zu- 
versicht  als  den  Ihren.  Aber  die  Sache  zerschlug  sich;  dauemder  Gewinn 
jener  Wiener  Tage  aber  blieb  neben  anderen  neuen  Beziehungen  u.  a.  auch 
zu  Brahms,   eine  herzliche  Freundschaft  mit  Lewinsky. 

Widerwillig  (ibernahm  B.  im  Jahre  1889  den  Festvortrag  bei  jener  be- 
deutungsvollen  Generalversammlung  der  Goethe -Gesellschaft  in  Weimar, 
welche  die  Erweiterung  des  Goethe- Archivs  zum  Goethe- Schiller- Archiv 
brachte.  Keine  Zeile  ist  uns  in  B.'s  Handschrift  von  dieser  Rede  liber 
Goethe's  Farbenlehre  erhalten;  nur  im  Kopfe  hatte  er  sie  ausgearbeitet  und 
auf  die  Stiitze  schriftlicher  Fixirung  verzichtet.  Aber  indem  sie  die  Ge- 
schichte  der  Farbenlehre  nur  als  ein  Symbol  der  Geschichte  des  Wissens 
uberhaupt  betrachtete,  erschloss  sie  in  uberraschend  eindringlicher  Weise  die 
Bedeutung  eines  grossen  Arbeitsfeldes  Goethe's,  das  sonst  nur  allzu  sehr 
unterschatzt  wird. 

Zum  letzten  Male  sprach  B.  vor  der  breiten  OefTentlichkeit  bei  der  Ent- 
htillung  des  Scheffeldenkmals  in  Karlsruhe  am  19.  November  1892.  Auch 
zu  dieser  Festrede  hatte  er  sich  nur  ungern  bestimmen  lassen,  aber  sie  be- 
wahrte  noch  einmal  die  hinreissende  Macht  seiner  Rede  und  seine  grossen, 
weiten  Gesichtspunkte  bei  jedem  sich  ihm  bietenden  Gegenstande.  »Im 
Zeitlichen  das  Ewige  zu  erforschen,  das  ist  die  Aufgabe  aller  Geschichte  und 
vor  allem  der  Literaturgeschichte«  —  unter  diesem  Motto  stehen  alle  Aeuse- 
rungen  seiner  unermiidlichen  Thatigkeit.   —   — 

In  Mtinchen  verlief  B.'s  Leben  in  gleichmassigen  Bahnen.  Die  Lehr- 
thatigkeit  befriedigte  ihn;  das  regste  gesellige  Leben  umgab  ihn;  eine  aus- 
gebreitete  Korrespondenz  verband  ihn  mit  einer  aussergewohnlichen  Anzahl 
bedeutender  Zeitgenossen.  Verschiedene  Reisen  nach  der  Schweiz,  nach 
Hamburg,  Dresden,  Frankfurt  brachten  ihn  mit  alten  und  neuen  Freunden  in 


348  Bernays. 

Bertihrung,  mit  Adolf  Stern,  Devrient,  Stockhausen,  Haym,  K6hler,  Simson 
u.  a.  m.  Den  Herbst  pflegte  er  in  Baden-Baden  zuzubringen.  Dort  versammelte 
sich  wahrend  der  Anwesenheit  der  Kaiserin  Augusta  ein  auserlesener  Kreis, 
in  dem  B.  gern  verkehrte;  auch  von  der  Kaiserin  selbst  wurde  er  wiederholt 
empfangen.  Karlsruhe  war  dann  der.Ort,  der  ihm  bei  seinem  Riicktritt 
vom  Lehramte  am  besten  die  gewUnschte  Musse  zu  versprechen  schien. 

Verschiedene  Umstande  wirkten  zusammen,  den  Mann,  der  so  ganz  in 
seiner  akademischen  Thatigkeit  aufzugehen  schien,  zu  dem  Entschlusse  zu 
bringen,  seine  Professur  niederzulegen  und  Mtinchen  zu  verlassen.  B.  ftthlte 
die  Verpflichtung,  auch  in  der  Schrift  dauernd  einen  Theil  der  Schatze 
niederzulegen,  die  er  bisher  nur  mtindlich  ausgestreut.  Seine  innige  Hingabe 
an  die  Lehrthatigkeit  aber  Hess  ihm  dazu  keine  Musse,  und  so  entsagte  er 
ihr  mit  kraftvollem  Entschluss.  Allerlei  personliche  Momente  kamen  hinzu, 
die  auf  beiden  Seiten,  bei  dem  Scheidenden  wie  den  Verlassenen,  eine  ge- 
wisse  Verstimmung  zurtickliessen.  Mit  Bektimmerniss  sahen  viele  seiner  Ge- 
treuen  voraus,  dass  er  bei  seiner  Eigenart  doch  nicht  zu  dem  verheissenen 
grossen,  zusammenfassenden  Werke  kommen  werde,  dass  er  dem  besten 
Theile  seiner  Wirksamkeit  ohne  gleichwerthigen  Ersatz  sich  selbst  entriss. 
Trotzdem  konnte  ihn  nichts  mehr  von  seinem  Entschluss,  der  seit  dem  Tode 
des  von  ihm  innig  verehrten  Konigs  Ludwig  II*  in  ihm  reifte,  abbringen: 
am  11.  Marz  1890  hielt  er  seine  Abschiedsvorlesung  unter  einem  Zudrang 
und  unter  Huldigungen  der  Studentenschaft,  wie  sie  nicht  leicht  einen  anderen 
Lehrer  zu  Theil  geworden  sind. 

Ftir  die  Geselligkeit,  die  er  in  Mtinchen  aufgegeben,  fand  B.  in  Karls- 
ruhe Ersatz  durch  einen  Freundeskreis,  in  dem  neben  manchen  Mitgliedern 
der  Hofgesellschaft  Eduard  Reuss,  der  Pianist,  voranstand,  zu  dem  sich  aber 
auch  haufig  Uhlig,  Wunderlich,  Frhr.  v.  Waldberg  aus  Heidelberg,  Brandl 
aus  Strassburg  und  mancher  andere  feme  Freund  oder  Schtiler  besuchsweise 
gesellte.  Die  Sammlung  der  »Schriften  zur  Kritik  und  Literaturgeschichtec 
ward  mit  einem  gehaltvollen,  Erich  Schmidt  zugeeigneten ,  Bande  erfiffnet 
(1895);  seinen  Fachgenossen  war  B.  mit  der  unvergleichlichen  Fttlle  seines 
Wissens  ein  stets  htilfsbereiter  und  fast  untrliglicher  Berather.  Einen  beson- 
deren  Reiz  aber  gewann  das  Leben  der  letzten  Jahre  durch  den  Verkehr  mit 
dem  grossherzoglichen  Paare.  Dieser  Verkehr  gestaltete  sich  durch  das  ver- 
trauen-  und  verstandnissvolle  Entgegenkommen  der  hohen  Herrschaften  und 
durch  B.'s  Freiheit  von  jeder  amtlichen  Stellung  ungezwungen  und  wahrhaft 
freundschaftlich.  Oft  verbrachte  B.  Sonntags  einige  Stunden  des  Abends 
allein  bei  dem  grossherzoglichen  Paare.  Das  waren  fiir  ihn  stets  kostliche 
Stunden.  Das  Gesprach  bewegte  sich  frei  und  riickhaltlos  tiber  die  wichtig- 
sten  Dinge;  die  grdssten  Werke  unserer  klassischen  Dichter,  aber  auch 
Wordsworth  u.  a.,  wurden  durchgenommen.  B.  durfte  sich  ganz  unbefangen 
gehen  lassen,  weil  er  sicher  war,  immer  verstanden  zu  werden. 

So  gestalteten 'sich  die  letzten  Jahre  seines  Lebens  ruhig  und  erquick- 
lich;  er  hat  seinen  folgenschweren  Schritt  vom  Jahre  1890  nicht  bereut.  Un- 
erwartet  rasch  nahte  das  Ende  heran.  Im  Februar  1897  erkrankte  er  schwer, 
nachdem  vorher  nur  die  Vertrautesten  geahnt  hatten,  dass  ein  inneres  Leiden 
unaufhaltsame  Fortschritte  machte.  Stundenlang  recitirte  er  im  Fieber  Verse 
aus  seinen  geliebten  Dichtern.  Die  letzte  Freude  war  ihm  der  theilnehmende 
Besuch  des  Grossherzogs.  Am  25.  Februar  1897  verschied  er  an  einer 
Herzlahmung. 


Bernays.  349 

Die  Betheiligung  an  seiner  Bestattung  war  nur  gering,  wie  ihm  ja  auch 
in  seinem  Leben  nicht  viele  SUissere  Ehren  zu  Theil  geworden  waren  l).  Aber 
herbeigeeilte  Schiiler  und  Nachfolger,  Muncker  aus  Miinchen  und  Witkowski 
aus  Leipzig,  sprachen  an  seinem  Grabe  in  warmen  Worten  aus,  was  ihre 
Universitaten  und  was  die  Wissenschaft  an  dem  Verstorbenen  besessen.  Und 
schon  bei  B.'s  Rticktritt  von  seiner  Professur  hatte  Erich  Schmidt  im  Namen 
eines  grossen  Kreises  von  Fachgenossen  in  einer  nun  zum  Mnemeion  ge- 
wordenen  Adresse  in  scharfen  Strichen  die  Bedeutung  B.'s  als  eines  der  her- 
vonragendsten  Begrlinder  seiner  ebenso  gelehrt  wie  schwungvoll  erfassten 
Discipiin  gezeichnet. 

»Der  durch  Wort  und  Schrift  fiir  die  philologische  Begrtindung  der 
neueren  Literaturgeschichte  Wirkende  —  so  darf  ich  mich  ohne  Anmaassung 
nennen.  Habe  ich  ein  Verdienst,  so  besteht  es  darin,  dass  ich  die  im  Studium 
der  altklassischen  Literatur  erworbenen,  streng  kritischen  Grundsatze  auf  das 
Studium  der  neueren  zu  (ibertragen  suche.«  So  schrieb  B.  im  Jahre  1877 
an  einen  Freund,  und  seine  Schriften  sind  der  bleibende  Beleg  fiir  die  Be- 
rechtigung  dieser  Worte.  Sie  verwenden  auf  jede  Silbe  der  neueren  Autoren 
dieselbe  Sorgfalt,  die  man  bisher  nur  den  Alten  zu  widmen  gewohnt  war,  ja 
die  gar  manchem  nur  beim  klassischen  Alterthume  berechtigt,  in  ihrer  Ueber- 
tragung  auf  die  Neuzeit  aber  tiberfliissig  oder  wichtigthuerisch  und  pedantisch 
erschien.  Fiir  B.  aber  war  die  Kritik,  das  Absondern  des  Echten  vom  Un- 
echten,  auch  hier  nach  Goethe's  Wort  in  der  Geschichte  der  Farbenlehre 
»wohl  die  hochste  Function  des  Verstandes«,  und  indem  er  sie  in  glanzender 
Weise  an  seinen  Texten  exprobte,  gelangte  er  zu  einer  Tiefe  der  Einsicht  in 
das  Schaffen  des  Dichters  und  das  Werden  des  Kunstwerkes,  die  ihm  liber 
die  Einzelheiten  textkritischer  Fragen  hinaus  die  weitesten  und  freiesten  Aus- 
blicke  Uber  die  Geschichte  des  menschlichen  Geistes  eroflfnete.  Oft  hat  er 
betont:  wissenschaftliche  Werke  gewinnen  Dauer  durch  ihre  Form,  ktinst- 
lerische  durch  ihren  Gehalt.  Aber  »aus  der  vollkommenen  geistigen  Durch- 
dringung  des  Stoffes  muss  sich  die  Form  ergeben*.  (Zur  Lehre  von  den 
Citaten  und  No  ten.)  So  muss  also  die  voile  Erklarung  der  Form  bis  in  ihre 
kleinsten  Ztige  auch  zur  sicheren  Erkenntniss  des  Gehaltes  bis  in  seine  leise- 
sten  Aeusserungen  flihren.  Niemand  hat  diese  gegenseitige  Bedingung  von 
Form  und  Gehalt  klarer  formulirt,  als  Schiller,  von  der  Wichtigkeit  der  Pro- 
sodie  sprechend,  in  seinem  Briefe  an  Goethe  vom  9.  August  1799:  »Es  hat 
mit  der  Reinheit  des  Silbenmaasses  die  eigene  Bewandtniss,  dass  sie  zu  einer 
sinnlichen  Darstellung  der  inneren  Nothwendigkeit  des  Gedankens  dient,  da 
im  Gegentheil  eine  Lizenz  gegen  das  Silbenmaass  eine  gewisse  Willkttrlichkeit 
fiihlbar  macht.  Aus  diesem  Gesichtspunkt  ist  sie  ein  grosses  Moment  und 
bertihrt  sich  mit  den  innersten  Kunstgesetzen.«  Aus  diesem  Gesichtspunkte 
leitete  auch  B.  die  Berechtigung  und  Pflicht  zur  sorgsamen  Kritik  der  sprach- 
lichen  Form  ab  und  hat  dadurch  seiner  Wissenschaft  in  seinen  textkritischen 
Arbeiten,  die  in  geringem  Umfang  eine  Ftille  mlihsamer  Sorgfalt  und  geist- 
voller  Combination  zusammenfassen,  die  einzig  sichere  Grundlage  erobern  helfen. 

Es  darf  bei  den  textreinigenden  Bemtihungen  B.'s  seiner  Vorganger  nicht 
vergessen    werden.     Lachmann's    Lessingausgabe,    mag    sie   jetzt    auch    noch 

')  Am  31.  December  1879  war  ihm  der  bayerische  Orden  vom  hi.  Michael  1,  Kl. 
(a.  O.),  am  19.  November  1892  das  Commandeurkreuz  2.  KL  des  badischen  Ordens  vom 
Zahringer  LOwen  verliehen  worden. 


350  Bcrnays. 

reiche  Verbesserungen  erfahren,  und  Joachim  Meyer's  Bemuhungen  urn  Schiller 
hatten  zuerst  den  richtigen  methodischen  Weg  gezeigt.  Ftir  Goethe  hat  ihn 
B.  als  erster  betreten  und  mit  einer  Energie  und  Umsicht  gesaubert,  dass 
man  getrost  sagen  kann:  ohne  ihn  ware  die  grosse  Weimarer  Goetheausgabe 
nicht  moglich  geworden.  Adolf  Scholl  hebt  denn  auch  seine  Anzeige  von 
B.'s  Schrift  »Ueber  Kritik  und  Geschichte  des  Goethe'schen  Textes*  (»Grenz- 
boten*  1867)  mit  den  Worten  an:  »M.  B.  hat  in  der  vorstehenden  Schrift 
nicht  etwa  einen  Beitrag  zur  Kritik  des  Goethe'schen  Textes  geliefert,  sondern 
die  Kritik,  welche  diesen  Namen  verdient,  erst  begrtindet  und  die  bisherige 
bodenlose  Kritik  beseitigt.«  Und  nachdem  er  die  reichen  Ergebnisse  der 
Untersuchung,  welche  die  ganze  verschlungene  Filiation  der  verschiedenen 
Ausgaben  und  damit  die  Quelle  der  spateren  Textverderbnisse  wie  die  Wege 
zu  ihrer  Heilung  nachweist,  charakterisirt  und  ihren  Triumph  fiber  Diintzer's 
mangelhafte  Versuche  verkiindet  hat,  betont  er  nachdrticklich,  dass  nicht  un- 
verdientes  Findergliick  zu  so  sicheren  Res  ul  tat  en  gefiihrt  hatte;  nein,  »gerade 
die  methodische  Verkniipfung  der  ausseren  Kritik  mit  der  inneren  ist  das 
Verdienst  von  B.«. 

Noch  in  einem  zweiten  Punkte  sollte  B.  der  grossen  Goetheausgabe, 
deren  Entstehen  wir  jetzt  mit  sicherer  Siegeszuversicht  verfolgen,  den  Leit- 
punkt  geben,  lange  bevor  noch  an  sie  zu  denken  war,  durch  seinen  und 
Salomon  Hirzels  »Jungen  Goethe  «  (1875).  ***er  war  n*cht  nur  ein  grtindlich 
gereinigter  Text,  so  weit  erreichbar  die  Urform  der  Werke  des  Sttirmers  und 
Drangers  geboten,  hier  waren  zum  ersten  Male  die  Briefe  mit  den  poetischen 
Werken  zu  untheilbarer  Einheit  zusammengefasst,  die  Erkenntniss  der  vollen 
Personlichkeit,  nicht  bios  der  asthetische  Genuss  an  den  Dichtungen  der 
Zweck  des  ganzen  Buches,  Wie  viel  des  Verdienstes  jedem  einzelnen  von 
den  beiden  Herausgebern  der  Sammlung  zukommt,  bleibt  unentschieden ;  sie 
treten  beide  mit  ihren  gewissenhaften  Bemtihungen  um  die  Reinheit  des 
Textes,  um  die  Sicherung  zweifelhafter  Datirungen  u.  s.  w.  vollst&ndig  hinter 
dem  Dichter  zuriick.  Nur  die  Einleitung,  die  eine  Ftille  von  Anregungen  und 
Anleitungen  nicht  bios  zum  Verst&ndniss  des  jungen  Goethe  in  weitumfas- 
senden  Ausflihrungen  enth&lt,  hat  B.  unterzeichnet.  So  darf  man  denn  auch 
ihm  in  erster  Linie  danken,  dass  dies  kostliche  Buch  den  Anstoss  gab  zu 
einer  nachhaltigen  Erfrischung  der  Goethe-Studien. 

Charakteristisch  ist  das  Bibliothekzeichen ,  das  sich  B.  w&hlte:  der  Kopf 
Goethe's  neben  dem  Homer's.  Wie  in  alien  seinen  die  ganze  Weltliteratur 
umspannenden  Studien,  so  hielt  er  auch  bei  der  Betrachtung  Goethe's,  der 
ihm  immer  im  Mittelpunkte  des  Interesses  stand,  den  Blick  auf  das  Alterthum 
zurtickgewendet.  Aber  nicht  bios  Goethe's  Verhaltniss  zur  klassischen  Phi- 
lologie,  zur  homerischen  und  der  gesammten  antiken  Welt  entwickelt  B.  in 
der  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  der  »Briefe  Goethe's  an  Friedrich  August 
Wolf*  (1868),  er  sucht  vielmehr  zugleich  die  schopferische  Kraft  der  ver- 
jtingten  Alterthumswissenschaft  an  einem  leuchtenden  Beispiele  zu  erklaren. 
Und  welche  Bedeutung  der  deutsche  Homer  ftir  die  gesammte  deutsche 
Dichtung  und  Bildung  besitzt,  welch  harten  und  zahen  Ringens  es  bedurfte, 
um  diesen  kdstlichen  Gewinn  zu  erlangen,  das  hat  er  in  der  Einleitung  zu 
seiner  mustergliltigen  Jubilaumsausgabe  der  altesten  Gestalt  der  Vossischen 
Odyssee  (1881)  auf  das  anziehendste  geschildert.  Ihm  gentigte  es  nicht,  eine 
Dichtung  in  ihrer  Zeit  zu  begreifen;  er  glaubte  sie  erst  dann  zu  besitzen, 
wenn    er    auch  den  Wandel   ihrer  Wirksamkeit    in    den  verschiedenen  Zeiten 


Beroays.  3*1 

und  Valkern  verfolgt  hatte.  »Homer  in  der  Weltliteratur«,  das  ist  das  grosse 
Lebenswerk,  das  er  liebevoll  lange  Jahre  im  Sinne  trug  und  das  ungeschrieben 
mit  ihm  ins  Grab  gesunken  ist. 

Die  zweite  grosse  Aufgabe,  die  zu  losen  kaum  ein  anderer  so  berufen 
war  wie  er,  war  eine  zusammenfassende  Biographie  Goethe's.  Wer  die  schon 
erwahnten  Arbeiten  tiber  Goethe  abwagt  und  die  in  einer  Reihe  von  Auf- 
satzen,  namentlich  der  fast  den  Umfang  eines  Buches  erreichenden  Ab- 
handlung  tiber  den  »franzosischen  und  deutschen  Mahomet*  (1893/94) 
niedergelegten  Betrachtungen  hinzunimmt,  wer  theilnehmen  durfte  an  seinen 
mtindlichen  Auseinandersetzungen  tiber  die  einzelnen  Dichtungen  Goethe's 
und  dabei  erfahren  hat,  wie  innig  er  die  Schonheiten  Goethe'scher  Lyrik 
seinen  Horern  recitirend  »vorflihlte«,  wie  er  selbst  sproden  Werken  wie  der 
»Nattirlichen  Tochter*,  den  Maskenztigen  oder  der  Farbenlehre  das  innere 
Leben  abzulauschen  verstand,  und  wie  scharfsinnig  er  die  Einheit  der 
Goethe'schen  Personlichkeit  als  Dichter,  Gelehrter  und  Mensch  darzuthun 
wusste,  der  wird  das  Unterbleiben  dieses  Werkes  fast  ebenso  beklagen  wie 
den  ungeschriebenen  »Homer  in  der  Weltliteratur*.  Nur  einen  kurzen  Abriss 
von  Goethe's  Leben  hat  B.  in  der  »Allgemeinen  deutschen  Biographies  (1879) 
gegeben;  so  schon  uns  darin  das  Werden  des  jungen  Goethe  entwickelt  ist, 
so  schmerzlich  empfinden  wir  bei  der  Behandlung  des  machtigen  Mannes  und 
des  olympischen  Greises  die  Beengung  des  knapp  zugemessenen  Raumes  und 
den  Drang  des  festges  tell  ten  Termins,  unter  dem  arbeitend  B.  oft  kaum  anzu- 
deuten  vermochte,  was  er  zu  sagen  gehabt  hatte.  Und  wohldurchdacht, 
aber  unausgefiihrt  hat  B.  noch  ein  drittes  Werk  mit  sich  ins  Grab  ge- 
nommen,  eine  Wtirdigung  seines  geliebten  Wordsworth,  den  er  auch  den 
Deutschen  naher  bringen  wollte. 

Denn  nicht  auf  die  heimische  und  antike  Literatur  beschrankte  sich  die 
Gelehrsamkeit  und  das  Interesse  des  unermtidlichen  Mannes;  in  gleicher 
Weise  war  er  in  der  englischen  und  den  romanischen  Literaturen  zu  Hause. 
Nie  erblickte  er  die  erste  Aufgabe  der  Kritik  im  Zersetzen  und  Bemangeln 
des  Unvollkommenen,  sondern  in  der  reinen  Loslosung  des  Bleibenden  aus 
den  Schlacken  des  Verganglichen.  Mit  unvergleichlichem  Anempfindungs- 
vermogen  ergriff  er  daher  von  Herzen  das  Schone  und  Bedeutende,  wo  er 
es  fand,  und  verstand  so  ganz  einzigartig  auch  in  den  Geist  fremder  Litera- 
turen einzudringen,  ihre  Vorztige  und  Eigenart  zu  erfassen  und  zu  erleuchten 
und  dabei  doch  vornehmlich  germanischem  Wesen  zu  huldigen.  In  seinen 
ersten  Lehrsemestern  las  er  eigene  ColJegien  tiber  die  Tragodie  Frankreichs 
und  Englands;  spater  losten  sich  diese  Studien,  wie  die  zur  spanischen  und 
italienischen  Literatur,  zu  weit  ausgreifenden  Excursen  in  den  Vorlesungen 
tiber  die  deutsche  Literaturgeschichte  vom  Zeitalter  des  Humanismus  bis  zu 
Goethe's  Tode  auf,  woneben  sich  nur  noch  ein  zweistiindiges  Shakespeare- 
Colleg  und  das  Seminar  erhielten.  Shakespeare  ist  denn  auch,  wenn  wir 
von  der  grossen  Auseinandersetzung  mit  der  franzosischen  TragOdie  anlasslich 
der  Goethe'schen  Mahomettibersetzung  absehen,  der  einzige  moderne  Dichter 
des  Auslandes,   dem  B.  eine  grossere  schriftstellerische  Arbeit  gewidmet  hat. 

Wie  meistens  geht  B.  auch  in  dem  Buche  »Zur  Textgeschichte  des 
Schlegel'schen  Shakespeare «  (1872)  von  textkritischen  Fragen  aus;  und  wieder 
gestaltet  sich  die  grtindliche  sorgsame  Textreinigung,  der  wir  seine  muster- 
hafte  Ausgabe  der  Schlegel-Tieck'schen  Uebersetzung  (1891)  verdanken,  nicht 
bios  zu  der  Entstehungsgeschichte  eines  hervorragenden  Werkes,    sondern  zu 


352  Beraays. 

einer  Erklarung  der  nach  Luther  und  Voss  noch  moglichen  dritten  Art  der 
Uebersetzungskunst,  die  diese  beiden  entgegengesetzten  Meister  zu  versohnen 
weiss.  B.  entfaltet  hier  den  ganzen  Reiz,  der  nie  ausbleibt,  wo  ein  frucht- 
verheissendes  Werden  sich  darstellt,  und  zeigt  uns  »das  Erwachsen  und  die 
schrittweise  Ausbildung  einer  Kunst,  die,  nahe  an  die  Wissenschaft  rlihrend, 
dazu  mitwirken  sollte,  die  Weltstellung  zu  begriinden,  welche  seit  dem  Be- 
ginne  des  Jahrhunderts  unsere  Literatur  aus  eigener  Kraft  unter  den  Litera- 
turen  der  Erdenvolker  behaupteu.  Nirgends  hat  B.  glanzender  bewahrt  als 
hier,  wie  er,  nach  Eugen  Wolffs  treffendem  Wort,  »die  Andacht  zum  Kleinen 
und  Kleinsten  mit  Geist  und  weit  ausschauenclem  Blick  vereinU. 

Wie  die  Vossische  Odyssee  ist  hier  der  Schlegel'sche  Shakespeare  als 
ein  Werk  unserer  vaterlandischen  Literatur  beleuchtet.  Und  wie  in  jener 
Einleitung,  wie  in  den  meisten  grosseren  Arbeiten  B.'s  fiihrt  uns  auch  hier 
der  Gang  der  Untersuchung  auf  vielfach  verschlungenen  Pfaden,  manch  un- 
beachteten  Ausblick  beruhrend,  unter  mancherlei  scheinbarem  und  wirklichen 
Umweg  ans  Ziel.  Diese  Neigung,  Entlegenes  iiberraschend,  aber  doch  stets 
zur  inneren  Bereicherung  in  die  Darstellung  einzubeziehen,  hat  sich  am 
deutlichsten  in  B.'s  letzten  Arbeiten,  den  geistvollen  Bemerkungen  »Zur  Lehre 
von  den  Citaten  und  Noten«  (1892)  und  der  Untersuchung  des  »Franzosischen 
und  deutschen  MaJiomet«,  ausgepragt;  im  Kerne  war  sie  aber  auch  schon 
in  seinen  friihesten  Schriften  zu  bemerken,  und  nicht  mit  Unrecht  sagt 
Albert  Koster:  »Seine  Schriftstellerei  hat  keine  Geschichte  gehabt;  sein 
erstes  Werk  ist  geradeso  geartet  und  so  reif  wie  sein  letztes.«  Sein  Stil  hat 
sich  wenig  gewandelt;  an  gewahlter  Sorgfalt  und  ausserer  Klangfulle  kann 
er  kaum  ubertroffen  werden,  aber  es  mangelt  ihm  an  der  leichten  Anmuth, 
die  ungezwungen  und  wechselreich  mit  der  Gegenwart  entsteht  und  den 
Augenblick  festhalt.  Der  ganze  Vortrag  ist  wiirdevoll  pathetisch.  Es  fehlen 
alle  leichteren  Tone,  und  wro  einmal  ein  Scherz  versucht  wird,  gerath  er 
meist  allzu  ernsthaft  und  ungrazios.  Mit  Recht  hat  B.  selbst  einmal  gesagt, 
dass  ihm  »unter  alien  Deutschen  nur  Gottsched  an  Witzmangel  gleichkommt.s 
Er  kann  nur  in  festlicher  Weihe  als  ein  fast  priesterlicher  Redner  alle  seine 
Gegenstande  sub  specie  aeternitatis  beleuchten.  So  sind  seine  Schriften  bei 
der  wurdevollen  Gemessenheit  und  anspruchsvollen  Breite  ihrer  Form  wie 
der  Ueberfiille  ihres  Gehaltes,  die  das  Wesentliche  manchmal  fast  von  den 
Beigaben  uberwuchern  lasst,  nur  mit  gesammeltem  Ernste  und  hingebender 
Arbeit  zu  lesen. 

So  stellt  der  Schriftsteller  hohe  Anforderungen  an  seine  Leser;  so  that 
es  auch  der  Mensch  gegeniiber  seiner  Umgebung.  Er  ging  so  vollig  auf  im 
Dienste  der  schonen  Literature  dass  er  sich  auch  im  Alltagsleben  diesem 
Bannkreis  nicht  zu  entziehen  vermochte.  Er  forderte  von  seinem  Kreise 
riickhaltloses  Eingehen  auf  seine  Interessen,  wrahrend  ihm,  sich  anderen  an- 
zupassen,  nicht  beschieden  war.  Er  bedurfte  zum  vollen  Wohlgefiihle  nicht 
bios  ruhiger  Arbeit  im  Dienste  der  Wissenschaft,  sondern  auch  lauter  Zu- 
stimmung  und  Anerkennung.  Das  hat  ihm  manche  Spotter  erweckt,  die 
solch  selbstbewusster  Einseitigkeit  verstandnisslos  gegeniiberstanden.  Aber 
gerade  aus  dieser  Einseitigkeit  sog  er  seine  Kraft.  Seine  Grosse  beruhte 
nicht  so  sehr  auf  einer  schopferischen  Genialitat,  als  auf  einer  bewunderungs- 
wiirdigen  Concentrirung  aller  Krafte  seines  eisernen  Willens  auf  die  eine 
grosse  Lebensaufgabe,  der  er  seine  hervorragenden  Geistesgaben  dienstbar 
machte.     Solche    Grosse    wird    immer    selbstbewusst    sein,     und    wenn    dies 


Bernays.  353 

Selbstgefiihl  auch  bei  B.  manchmal  in  befremdenden  Formen  zum  Ausdruck 
kam,  so  hinderte  es  ihn  doch  nie,  neidlos  das  Verdienst  anderer  anzuerkennen, 
weil  es  eben  seinen  Ursprung  in  einer  ehrlichen,  lebendigen  Begeisterung  fiir 
alles  Scheme  und  Grosse  hatte.  Er  huldigte  Uberall  nur  der  Macht  seiner 
Wissenschaft  und  dem  Genius  der  Dichtkunst  als  ein  enthusiastischer  Diener 
und  forderte  auch  von  anderen  eifrig  den  schuldigen  Tribut  ein,  den  er  selbst 
so  gerne  entrichtete. 

Die  innere  Selbstlosigkeit  seines  manchmal  sich  so  selbstgeiallig  ge- 
berdenden  Wesens  tritt  nirgends  tiberzeugender  vor  Augen,  als  bei  einem 
kritischen  Ueberblick  liber  seine  Werke.  Sie  alle  sind  entweder  mlihselige 
Textreinigungen  oder  Einleitungen  und  Anmerkungen  zu  den  grossen 
Dichtern  der  Weltliteratur,  sie  alle  ordnen  sich  dem  hoheren  Werke  unter, 
dem  sie  dienen.  Man  hat  diesen  Charakter  einer  fortlaufenden  Anmerkungs- 
schriftstellerei  tadelnd  auf  ein  Unvermogen  zu  eigenen  grossen  zusammen- 
fassenden  Werken  zurtickgeftthrt,  und  gewiss  ist  die  Schwache,  die  darin 
liegt,  nicht  zu  verkennen.  Wer  aber  naher  zusieht  und  all  die  Anregungen 
und  Hinweise  nur  einigermassen  verfolgt,  die  hier  dieser  vielseitigste  Literatur- 
kenner  unserer  Zeit  verstreut,  wer  ausserdem  weiss,  welch  weitreichende,  viel 
umfassende  und  doch  in  sich  gerundete  Betrachtungen  B.  in  seinen  Collegien 
seinen  Horern  bot,  der  kann  sich  auch  der  Erkenntniss  nicht  verschliessen, 
dass  wir  in  dem,  was  B.  geschrieben,  oft  nur  Kapiteltiberschriften,  kaum 
Bruchstlicke  der  Werke  besitzen,  die  er  zu  schreiben  befahigt  war.  Nicht 
nur  die  Lust  an  mlindlicher  Mittheilung,  an  personlicher  Wirkung,  worin  er 
denn  auch  sein  Hochstes  geleistet  hat,  lahmte  seine  literarische  Produktions- 
kraft,  sondern  vor  allem  die  unermtidliche  Freude  am  Vorwartsstreben,  am 
eigenen  Lernen.  Nicht  die  errungene  Erkenntniss  war  seine  grosste  Freude, 
»ihn  reizte  die  Untersuchung,  das  Finden*  (Max  Koch.)  Mit  Lessing  wiirde 
er  flir  den  Besitz  der  vollen  Wahrheit  doch  nicht  das  Streben  nach  Wahrheit 
hingegeben  haben.  »Die  ganze  ungeheure  Masse  des  Gelesenen  ist  ihm 
immer  nur  Mittel  zum  Zwecke  einer  harmonischen  Ausbildung  seiner  Per- 
sonlichkeiU  (Albert  Koster).  Und  so  wird  jeder,  der  ihn  gekannt,  mit 
August  Sauer  die  tiefe  personliche  Bedeutung  einer  Stelle  in  seinem  Aufcatz 
»Zur  Kenntniss  Jakob  Grimms*  empfinden,  »die  daran  riihrt,  was  wir  die 
Tragik  seines  Lebens  nennen  dtirfen*:  »Wenn  ihn  die  Wonne  des  Lernens 
wie  mit  damonischer  Gewalt  tibermeisterte,  dann  ward  sie  wohl  zuweilen 
auch  ihm  getrlibt  durch  die  Erkenntniss,  die  selbst  dem  reichsten  und  em- 
pfanglichsten  Geiste  aufgenothigt  wird.  Denn  selbst  ein  solcher  muss  zu  der 
triiben  Einsicht  gelangen,  wie  eng  begrenzt  das  Auffassungsvermogen  bleibt, 
mit  welchem  der  Mensch  sich  dem  unbegrenzbaren  Reichthum  der  Wissen- 
schaft gegentiber  stellt.  Und  wer,  der  aus  innerem  Drange  den  Machten 
der  Kunst  und  Wissenschaft  dient,  wer  hat  ihn  nicht  empfunden  den  edlen 
Schmerz,  der  unvermeidlich  uns  ergreift  bei  dem  Gedanken,  dass  wir  in 
das  Dunkel  des  Todes  eingehen  mtissen,  ehe  wir  so  manches  Hohe  und 
Hochste,  das  der  gottdurchdrungene  Menschensinn  geschaffen,  uns  aneignen 
konntenU 

Wenn  B.  sich  in  dieser  Gesinnung  mit  voller  Hingabe  dem  Dienste  der 
Wissenschaft  weihte,  so  hat  er  dadurch  doch  nicht  den  Zusammenhang  mit 
den  grossen  Fragen  des  offentlichen  Lebens  verloren.  In  seinen  Abschieds- 
worten  am  11.  M^rz  1890  sprach  er  die  bedeutsamen  Worte:  »Ich  kann  das 
Verhaltniss  deutscher  Wissenschaft  zum  deutschen  Leben  nicht  denken,  ohne 

Blogr.  Jahrb.  a.  DeaUchtr  Nekrolog.   2.  Bd.  23 


^54  Bernays. 

von  neuem  es  mir  zu  vergegenwartigen,  dass  die  deutsche  Wissenschaft  un- 
geheure  ethisch  nationale  Aufgaben  zu  losen  hat.«  In  diesem  Sinne  hatte 
er  stets  seine  Aufgabe  erfasst.  Mit  historischem  Tiefblick  wusste  er  die  Be- 
ziehungen  der  Literatur  zur  politischen  Geschichte  darzulegen,  und  wohl  kein 
anderer  hat  den  Anteil  unserer  Dichtung  und  Wissenschaft  an  der  Erhebung 
des  deutschen  Wesens  gegen  Napoleon  I.  und  III.  und  an  der  Einigung 
Deutschlands  so  begeistert  und  iiberzeugend  geschildert  wie  er.  Und  nicht 
bios  Hterarhistorische  Gedenktage  wie  der  ioo.  Geburtstag  Uhlands  oder  der 
ioo.  Todestag  Lessings  gaben  ihm  Anlass,  den  Gang  seiner  Vorlesungen  mit, 
dem  Genius  der  Stunde  geweihten,  Betrachtungen  zu  unterbrechen ;  auch  den 
1 8.  Januar  Hess  er  kaum  je  vorlibergehen,  ohne  des  Tages  als  Geburtstag 
des  neuen  Reiches  in  wtirdigen,  oft  hinreissenden  Ausftihrungen  zu  gedenken. 
Die  Aufzeichnungen  seiner  Tagebticher  verrathen,  mit  welch  gespannter  Aufrnerk- 
samkeit  er  dem  politischen  Leben  folgte,  stets  von  gllihender  nationaler  Begeiste- 
rung  erfiillt.  »Wer  sollte  sich  nicht  aufgerufen  fuhlen«,  schreibt  er  i.  J.  1878 
ziirnend,  »gegen  die  wiederbeginnende  Selbstzerfleischung  Deutschlands  zu  reden 
und  zu  handeln?  Welche  Zerfahrenheit  der  Gesinnungen !  Welche  Umnachtung 
der  Geister!  Das  ist  noch  immer  dasselbe  Volk,  das  den  30jahrigen  Krieg 
erzeugte.«  Und  im  Marz  des  Jahres  1888  findet  sich  folgender  Eintrag: 
»Ich  gedachte  fortwahrend  der  grossen  Wendung  in  den  Geschicken  des 
deutschen  Reiches.  Unwillktihrlich  erinnere  ich  mich  der  Worte  Niebuhrs 
aus  dem  Jahre  1830,  die  ich  schon  einmal  in  einem  politischen  Aufsatze 
angewandt:  Griechenland  —  das  Deutschland  des  Alterthums  —  absit  omen!« 
Mit  Bektimmerniss  verfolgte  er  das  Erstarken  des  Ultramontanismus,  der  ihin 
zuerst  im  Jahre  1870  als  die  grosste  Gefahr  Deutschlands  erschienen  war. 
Lag  ihm  auch  seinem  Wesen  nach  der  Humanismus  naher  als  die  Refor- 
mation, Erasmus  naher  als  Luther,  so  war  es  doch  seine  unzerstdrbare 
Ueberzeugung :  »In  der  Reformation  hat  der  deutsche  Geist  seinen  Ausdruck 
gefunden.  Sie  ist  die  Bedingung  fiir  alles  Grosse  geworden,  was  der 
deutsche  Genius  seitdem  geleistet.«  So  musste  ihn  denn  der  Uebergang  des 
Presidiums  des  deutschen  Reichstages  an  einen  Ultramontanen  mit  dem  tief- 
sten  Schmerze  erflillen. 

Wenn  B.  so  den  Gefahren  der  inneren  Zwietracht  und  der  ausseren  Politik 
sorgend  den  Blick  zuwandte,  so  erschien  ihm  doch  die  soziale  Bewegung  der 
Gegenwart  in  noch  hoherem  Grade  bestimmt,  die  Zukunft  der  ganzen  Welt 
zu  beherrschen.  Auch  auf  diesem  Gebiete  wusste  er  die  Erscheinungen  seiner 
Zeit  stets  im  Zusammenhange  mit  dem  ganzen  politisch-socialen  Zustande  des 
Jahrhunderts  zu  betrachten.  »Ein  weltgeschichtlicher  Gegenschlag  gegen  die 
franzosische  Revolution  und  ihre  Prinzipien  oder  eine  gewaltsame  Fortbildung 

derselben  bereitet  sich  vor«,  schrieb  er  i.  J.   1878  an  einen  Freund 

»Die  Frage  nach  Recht  und  Besitz  nimmt  eine  greifbare,  furchtbar  drohende 
Gestalt  an.  Doch  vertraue  ich  fest  auf  den  endlichen  Sieg  der  erhaltenden 
Krafte;  denn  in  den  Massen  der  Gegner  ist  offenbar  nur  ein  sinnliches  Ver- 
langen,  aber  keine  lebengebende  Idee  machtig.« 

Bei  diesen  tief  begrtindeten  Anschauungen,  bei  dieser  warmen  Ergriffen- 
heit  von  der  Grosse  der  Zeit,  in  der  er  lebte,  mag  es  verwunderlich  er- 
scheinen,  dass  er  sich  darauf  beschrankte,  in  seiner  Lehrthatigkeit  stets  die 
nationalen  Gesichtspunkte  zu  betonen,  und  auf  ein  selbstandiges  Eingreifen  in 
das  politische  Leben  verzichtete.  »Aber  ein  jeder  dient  dem  Vaterlande  auf 
seine  Weise«,  flihrte  er  dem  gegentiber  schon  in  seiner  ersten  Schrift  (1866) 


Bemays.     Mertens.  355 

aus.  »Nicht  alien  wird  es  beschieden,  mit  dem  Wort  oder  mit  dem  Schwert 
unmittelbar  zu  kampfen  fUr  die  Entscheidung  der  grossen  Angelegenheiten, 
an  welche  das  Schicksal  der  Nation  gekntipft  ist.  Auch  wir,  die  der  stillen, 
aber  nie  stillstehenden  geistigen  Arbeit  hingegeben  sind,  auch  wir  dienen 
dem  Vaterlande;  zu  seinem  Wohle,  zu  seinem  Ruhme  muss  alles  ausschlagen, 
was  wir  Heilsames  und  Wlirdiges  unternehmen.  In  der  glorreichen  Zeit,  die 
liber  Deutschland  leuchtend  heraufzusteigen  beginnt,  soil  das  lebendige  Fort- 
wirken  der  grossen  Geister,  die  uns  eine  neue  Epoche  der  Bildung  begrttndet 
haben,  alien  Kreisen  unseres  Volkes  einen  immer  reicheren  geistigen  Segen 
bringen.*  Und  so  glaubte  er  auch  hier  Goethe  recht  zu  verstehen,  wie  er 
in  der  Universalitat  seiner  Literaturstudien  Goethes  Gedanken  einer  Welt- 
literatur  folgte.  B.  hat  uns  begreifen  gelehrt,  dass  Goethe  im  hochsten  Sinne 
wahren  Patriotismus  bewahrte,  als  er  bei  dem  politischen  Zusammenbruch 
im  ganzen  alten  Reiche  imermlidlich  in  strenger  Arbeit  nicht  bios  die  eigene 
geistige  Freiheit  behauptete,  sondern  sie  auch  anderen  Genossen  wie 
Fr.  Aug.  Wolf  durch  seine  Ermuthigung  und  sein  Beispiel  wiedergewann 
und  somit  die  Kraft  festigte  und  starkte,  die  allein  Deutschlands  Wieder- 
geburt  ermoglicht  hat.  So  konnte  fiir  B.  auch  wieder  Goethe  der  Heros  sein, 
unter  dessen  Zeichen  er  auch  das  neue  Reich  erblickte.  In  diesem  Sinne  er- 
hob  er  im  August  1 871  als  erster  seine  Stimme  fiir  die  Grtindung  einer  Goethe- 
gesellschaft.  Ist  auch  dieser  Gedanke  erst  viele  Jahre  spelter  verwirklicht 
worden,  so  wird  doch  ein  Geschichtschreiber  der  Nachwirkung  Goethes  in 
Deutschland  stets  nachdriicklich  auf  diese  Anregung  hinweisen  mtissen.  Sie 
giebt  der  Bedeutung,  die  unsere  Dichtung  fiir  das  gesammte  deutsche  Volks- 
leben  besitzt,  den  sinnenfalligsten,  klarsten  Ausdruck;  sie  ist  auch  eine  schone 
Probe,  von  welch  hohen,  weit  tiber  die  Grenzen  seiner  Fachwissenschaft 
hinausweisenden  Gesichtspunkten  aus  B.  seine  Lebensaufgabe  erfasst  hatte, 
die  er  denn  auch,  trotz  der  Nichtvollendung  so  manchen  Werkes,  das  er  ver- 
heissen,  in  lebendig  fortwirkender  Weise  gelost  hat. 

Ein  sehr  ahnliches  und  charakteristisches  Portrat  B.'s  ist  dem  2.  Bande  seiner  »Schriftcn 
xur  Kritik  und  Literaturgeschichtec  beigegeben,  der  auch,  wie  erwahnt,  ein  zuverlassiges, 
von  G.  Witkowski  zusammengestelltes  Schriftenverzeichniss  en t halt  Von  den  in  Tages- 
blattern  und  Zeitschriften  erschienenen  Nekrologen  mogen  hervorgehoben  sein  die  Aufsatzc 
von  Hermann  Uhde,  B.*s  Stiefsohne,  im  »Biographischen  Jahrbuch«,  1.  Jahrgang,  S.  I7*ff.; 
von  G.  Witkowski  im  »Magazin  fiir  Literatur*  1897,  No.  10;  von  Alfred  Dove  in  der 
Bcilage  zur  »Allg.  Ztg.«  1897,  No.  46;  von  Max  Koch  im  Shakespeare-Jahrbuch,  33.  Jahrg., 
S.  260  ff. 

Erich  Petzet. 

Mertens,  Franz,  Architekt,  *  1808  in  Dtisseldorf,  f  am  30.  Mai  1897  in  Berlin 
im  90.  Lebensjahre.  —  Man  darf  ihn  den  Begriinder  der  Geschichte  der  mittel- 
alterlichen  Baukunst  nennen.  Nachdem  er  aus  Darstellungen  mittelalterlicher 
Kirchen  in  den  Werken  von  Wiebeking  und  Chapuy  erkannt  hatte,  dass  der 
Ursprung  der  sog.  gothischen  Baukunst  nicht,  wie  man  bis  dahin  annahm, 
in  Deutschland,  England  oder  Spanien,  sondern  in  Nord-Frankreich  zu 
suchen  sei,  ist  er  unermtidlich  in  Erforschung  der  mittelalterlichen  Baudenk- 
maler  thatig  gewesen.  Freilich  sind  die  ausseren  Erfolge,  die  seine  ersten 
verdienstvollen  Untersuchungen  und  Ver6ffentlichungen  erwarten  liessen,  nicht 
in  Erfiillung  gegangen.  Personliche  Fehden,  drlickende  materielle  Sorgen, 
in  die  er  gerathen  war,  und  liberhaupt  ein  hoffnungsloses  Missverhaltniss 
zur  Aussenwelt  haben  lahmend  auf  seine  rastlose  Arbeit  eingewirkt    und  ver- 

23* 


356  Mertens. 

ursacht,  dass  sein  Name  wie  seine  Thaten  sogar  manchem  Kunstgelehrten 
bis  heute  unbekannt  geblieben  sind.  Auf  der  Berliner  Bauakademie  aus- 
gebildet,  gab  er  1835  das  Baufach  zu  Gunsten  der  Kunstforschung  auf  und 
ging,  nachdem  er  in  demselben  Jahre  in  Kugler's  »  Museum*  einen  kritischen 
Aufsatz  liber  seine  bisherigen  Studien  veroffentlicht  hatte,  nach  Paris.  Von 
dort  aus  nahm  er  griindliche  Untersuchungen  der  mittelalterlichen  Baudenk- 
maler  vor  mnd  arbeitete  bis  1840  ein  vollstandiges  chronologisches  und  geo- 
graphisches  System  der  mittelalterlichen  Baukunst  des  Abendlandes  aus,  ge- 
ordnet  nach  Stilen,  Volksstammen,  Schulen  und  Provinzialismen  sowie  nach 
Schopfungs-  und  Nachahmungsbauten,  und  zwar  in  dem  Sinne,  dass  die 
romanische  Baukunst  (zuerst  der  Schule  von  Franzien,  dann  auch  der  Schule 
der  Normandie)  hinsichtlich  der  Massentheilung  und  der  Gewolbesysteme  im 
n,  und  12.  Jahrhundert  die  Gothik  vorgebildet  h&tte.  Der  Uebergang  zur 
Gothik  habe  sich  1235  bis  1250  an  der  Abteikirche  von  St.  Denis  voll- 
zogen,  die  weitere  Ausbildung  des  neuen  Stiles  sei  dann  an  anderen  Bau- 
werken  Frankreichs,  seine  Ausbreitung  schliesslich  seit  11 74  in  England,  seit 
1208  und  in  durchgebildeter  Weise  seit  1227  in  Deutschland  erfolgt,  und 
zwar  damit,  dass  durch  ihn  die  bis  dahin  herrschenden  abendlandischen 
Schulen  aus  ihrer  Uebung  verdrangt  worden  seien.  —  Fast  gleichzeitig  mit 
M.  und  unabhangig  von  ihm,  jedoch  ohne  griindliche  Ausfiihrung,  ausserte 
librigens  1835  Wetter  in  Mainz,  dass  die  sog.  gothische  Baukunst  aus  Frank- 
reich  stammen  mtisse,  und  Dahl  veroflTentlichte  eine  Urkunde  liber  die 
gothische  Stiftskirche  in  Wimpfen,  nach  welcher  diese  (um  1262  bis  1278) 
von  einem  aus  Paris  gekommenen  geschickten  (deutschen)  Baumeister  in 
franzosischer  Bauart  errichtet  sei.  Auch  zeigte  sich  spater,  dass  schon  1809 
der  Englander  Wittington  auf  die  seit  1235  erbaute  Abteikirche  in  St.  Denis 
als  wahrscheinlich  sUtesten  gothischen  Bau  hingewiesen  hatte.  Hatte  M. 
bereits  in  Frankreich,  u.  a.  bei  Mdrimde,  Eifersucht  wegen  seiner  ergebniss- 
reichen  Forschung  erfahren,  so  erging  es  ihm  ahnlich  in  Deutschland,  wo 
Kugler  und  Schnaase  frtiher  gehegte  Anschauungen  den  M.'schen  Ent- 
deckungen  gegenliber  aufgeben  mussten  und  aufgaben,  ohne  M.'s  Vorrang 
in  dieser  Beziehung  anzuerkennen.  Diese  Versagung  gebtihrender  Anerkennung 
tragt  wesentlich  Schuld  an  seiner  Verbitterung  und  an  seinem  Misstrauen 
gegen  die  Aussenwelt.  M.  schrieb  dann  auch  Baugeschichtliches  Uber  Prag, 
Salzburg  und  Serbien  und  verfasste  sonst  noch  kleinere  wissenschaftliche 
Schriften.  Als  Hauptarbeit  seines  Lebens  hatte  der  Verstorbene  ein  grosses 
Werk  Uber  die  Baukunst  des  Mittelalters  in  Angriff  genommen,  von  dem  aber 
nur  die  chronographischen  Tafeln  liber  Deutschland  nebst  Text  (Berlin  1851) 
und  die  Denkmalkarte  nebst  Text  (Berlin  1864  und  1876)  zur  Herausgabe 
kamen.  Das  Uebrige  sowie  eine  verbesserte  Ausgabe  der  Tafeln  iiber 
Deutschland  hielt  er  misstrauisch  zurtick,  und  es  ist  unbekannt,  was  er 
testamentarisch  tiber  etwaige  VeroflFentlichung  der  Bruchstticke  dieses  Werkes 
bestimmt  hat.  Seine  letzten  Veroffendichungen  betrafen  die  Griindung  des 
Kolner  Domes  und  den  ersten  Kolner  Dombaumeister  (Zeitschrift  ftir  Bau- 
wesen  1862)  sowie  die  Grenze  deutscher  und  franzosischer  Baukunst  in 
Lothringen  (Deutsche  Bauzeitung  1870).  —  Der  verdiente  Forscher  ruht 
nun  in  kiihler  Erde  aus  von  seiner  rastlosen  Arbeit.  Eine  kleine  Schaar 
von  Anhangern  und  Freunden  nur  gab  seiner  sterblichen  Hiille  auf  den 
katholischen  Friedhof  in  Weissensee  das  letzte  Geleit.  Sein  Name  aber  wird, 
unzertrennlich  von  der  Forschung  mittelalterlicher  Architekturgeschichte,  fort- 


Mertens.     Loenartz.     Krancke.  «j 

leben  und  an  Anerkennung  und  Bedeutung  gewinnen  von  Geschlecht  zu  Ge- 
schlecht. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  23.  Mff. 

Loenartz,  Jakob,  Geheimer  Baurath,  *  am  5.  M&rz  1835  *n  Ernst  an  der 
Mosel  als  Sohn  eines  Weingutsbesitzers,  f  am  31.  Oktober  1897  in  Magdeburg. 
—  Urspriinglich  flir  den  Beruf  des  Vaters  bestimmt,  wandte  er  sich  spater 
aus  eigenstem  Antriebe  dem  Studium  des  Baufaches  mit  bestem  Erfolge  zu. 
Er  wurde  im  April  1861  zum  Bauflihrer,  im  Marz  1864  zum  Feldmesser 
und  im  Januar  1869  zum  Baumeister  ernannt.  Als  Bauflihrer  war  er  bei 
dem  Bau  verschiedener  Strassen  und  Bahnlinien  im  Rheinlande  sowie  mit 
Wasserbauten  an  Rhein  und  Mosel  beschaftigt,  als  Baumeister  kurze  Zeit  bei 
der  stadtischen  Verwaltung  in  Berlin.  Im  Marz  1869  siedelte  er  dann  nach 
Ungarn  tiber,  das  ihm  sechs  Jahre  lang  eine  neue  Heimath  und  ein  Feld 
reicher  Thatigkeit  werden  sollte.  Er  hat  dort  anfangs  als  Abtheilungs-,  dann 
als  Ober-  und  Chefingenieur  bei  zahlreichen  Bahnbauten  mitgewirkt  und 
sprach  stets  mit  besonderer  Freude  von  dieser  Zeit  frohlichen  Schaffens.  Im 
Juni  1875  *n  den  preussischen  Staatsdienst  zurlickgekehrt,  Ubernahm  er  die 
Kreisbaumeisterstelle  in  Frankenstein  in  Schlesien,  wo  er  im  September  1875 
zum  Kreisbaumeister  ernannt  wurde.  Im  Januar  1878  trat  er  zur  Elbstrom- 
bau verwaltung  tiber,  wurde  im  Juni  1878  zum  Wasserbauinspektpr  ernannt 
und  waltete  bis  Juli  1882  als  standiger  Vertreter  des  Elbstrombaudirektors. 
Dann  wurde  er  als  Regierungs-  und  Baurath  nach  Gumbinnen  berufen,  wo 
er  ftinf  Jahre  thatig  war.  Im  November  1887  erfolgte  auf  seinen  Wunsch 
seine  Versetzung  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Danzig  und  im  Juli  1 889  nach 
Oppeln.  1890  ward  ihm  der  Rothe  Adler-Orden  und  im  December  1891 
der  Charakter  als  Geheimer  Baurath  verliehen.  In  seiner  Stellung  in  Oppeln 
hat  der  Verstorbene  sich  besondere  Verdienste  durch  den  Ausbau  des 
Klodnitz-Canals  erworben.  Auch  fand  er  hier  reichlich  Gelegenheit,  seine  in 
Ungarn  erworbenen  Kenntnisse  bei  den  zahreichen  Bahnbauten  in  den  ober- 
schlesischen  Industriebezirken  zu  verwerthen.  Eine  mit  grossem  Fleisse  zu- 
sammengetragene  Denkschrift  tiber  die  Neisse  entstammt  gleichfalls  dieser 
Zeit,  und  auch  an  den  Arbeiten  zur  Canalisirung  der  oberen  Oder  hat  er 
thatigen  Antheil  genommen.  Am  1.  Juli  1896  wurde  er  als  Elbstrombau- 
direktor  nach  Magdeburg  berufen,  und  gerade  diese  Versetzung  in  einen 
ihm  besonders  zusagenden  Wirkungskreis  war  ihm,  wie  er  oft  und  gern  aus- 
sprach,  eine  grosse  Freude.  Er  betrachtete  sie  als  ein  Zeichen  ganz  be- 
sonderen  Wohlwollens  seiner  vorgesetzten  BehOrde.  In  der  schOnen  Luft 
des  Elbstromes  und  auf  den  Dampferfahrten,  die  der  neue  Dienst  mit  sich 
brachte,  hoffte  er  Heilung  zu  finden  von  einem  Unterleibs-  und  Magenleiden, 
das  er  sich  bei  den  ungezahlten  anstrengenden  Wagenfahrten  in  seinem 
frtiheren  Wirkungskreise  zugezogen  hatte.  Die  Hoflfhung  erftillte  sich  leider 
nicht.  Asthma  und  Herzkrankheit  gesellten  sich  hinzu  und  rafften  ihn  un- 
erwartet  mitten  aus  freudigem  Schaffen  hinweg. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  45  A. 

Bauer. 

Krancke,  Theodor,  Geheimer  Baurath,  *  am  18.  Februar  1820  in 
Hannover,  f  am  28.  Januar  1897  zu  Berlin  im  hohen  Alter  von  fast  77 
Jahren.  —  Abermals  hat  sich  die  Graft  geschlossen  liber  einem  jener  nur 
noch.  wenigen  Veteranen  des  Eisenbahnwesens,    deren  ganzer  Lebensweg  ge- 


358 


Krancke. 


wissermaassen  Schritt  hielt  mit    der  Entwickelung    ihres  Faches.     K.  genoss 
seine  Schulbildung    auf   dem  Lyceum    und    bezog    dann   die    polytechnische 
Schule  seiner  Vaterstadt.     Im  Jahre  1845  zum  hannoverschen  Bauconducteur 
ernannt,    baute  er   die  Kettenbriicke  in  Hameln,    was  die  Veranlassung  gab, 
dass  die  Stadt  Mannheim  ihn  bald  darauf  mit  dem  Bau  der  dortigen  Ketten- 
briicke   betraute,    neben    der    Hamelner  Briicke    eines  der  ersten   Bauwerke 
dieser  Gattung  in  Deutschland.     Nachdem  er  dann  als  Ingenieur  im  Dienste 
der  Hannoverschen  Staatsbahn  die  Leinebrlicken  bei  Herrenhausen  ausgefuhrt 
und  bei  den  Bauten  der  Slidbahn    thatig  gewesen  war,    wurde  er  1854  zum 
Betriebsinspector,    1856    zum  Betriebsdirector    in  Gottingen    ernannt  und  als 
solcher  1864  nach  Bremen  versetzt.     1866  trat  er  in  den  preussischen  Staats- 
dienst  liber,  verliess  diesen  aber  bereits  im  folgenden  Jahre,  um  als  Betriebs- 
director  und  Mitglied    des  Directoriums  der  Magdeburg-Leipziger  Bahn  nach 
Magdeburg  uberzusiedeln.     Nach  der  Verstaatlichung  des  Magdeburg-Halber- 
stadter  Unternehmens    im  Jahre    1880   trat    er  als  Regierungs-   und  Baurath 
wieder    in    den   preussischen   Staatsdienst  ein,    wurde     1881    als  Oberbaurath 
und   Diligent    der  III.  Abtheilung    an    die  Direction  Berlin  versetzt  und  ver- 
blieb    in    dieser   Stellung    —  seit  1885    als  Vertreter  des  Prasidenten  — ,  bis 
er  am  1.  April  1895  bei   der  Neuordnung   der  Staatsbahnverwaltung  als  Ge- 
heimer  Baurath   zur  Verftigung  gestellt  wurde.     K.  war  als  Zeitgenosse  von 
Funk,    Durlach  und  Buresch    an  dem  Ausbau  des  hannoverschen  Bahnnetzes 
hervorragend    betheiligt    und   war  demnachst  in  Bremen  und  Magdeburg  fast 
ausschliesslich  im  Betriebe  thatig,  bis  ihn  sein  Wirkungskreis  in  Berlin  wieder 
mehr  der  Bauthatigkeit  nahe  brachte.     In  dieser  Zeit  entwickelte  er  auch  im 
geschaftsfiihrenden  Ausschuss    des  Vereins  deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen 
eine  umfassende  Thatigkeit.     Seine  reiche  Erfahrung  auf  fast  alien  Gebieten 
des  Eisenbahnwesens,  seine  Liebenswiirdigkeit  im  dienstlichen  Verkehr,   seine 
selbst  im  vorgertickten  Lebensalter  noch  erstaunliche  geistige  Frische  sicherten 
ihm    stets    allseitige   Anerkennung,    die  von   Seiten   des  Staates    auch   durch 
Verleihung    des   Rothen  Adler-Ordens  III.  Klasse    mit    der  Schleife  und  des 
Kronen-Ordens  II.  Klasse  Ausdruck  fand.     Man  wlirde  aber  kein  vollstandiges 
Bild    von    der    Personlichkeit    des   Verstorbenen    gewinnen,    wenn    man  ihn 
lediglich  im  Lichte  seines  fachlichen  Wirkens  betrachten  wollte.     Er  war  eine 
reich  veranlagte  Natur,  in  kiinstlerischer  Beziehung  wie  im  geselligen  Verkehr. 
Besonders  seine  musikalische  Begabung,  verbunden  mit  einer  herrlichen  Bass- 
stimme,  kam  schon  im  Kunstlerverein  in  Hannover  hervorragend  zur  Geltung 
und  ftihrte  zu   engeren  Beziehungen   mit  namhaften  Musikern  und  Ktinstlem, 
wie  Marschner,  Lachner,  Niemann  und  Wachtel,  wahrend  als  sein  vertrautester 
Freund    aus    jener   Zeit    der  jugendfrische    »alte  Haase«  zu    nennen  ist    In 
geselligen  Kreisen  war    er  infolge   seiner  liebenswlirdigen  personlichen  Eigen- 
schaften  (iberaus  beliebt,   namentlich  auch  wegen  seines  Humors,   der  beson- 
ders in  gelegentlichen  launigen   Tischreden  zum  Ausdruck  kam.     Auch  seine 
Wirksamkeit    als  Vorsitzender    des  Magdeburger  Architekten-  und  Ingenieur- 
vereins  lebt   in   dankbarer  Erinnerung.     Trotz  seiner  umfangreichen  geschaft- 
lichen  Thatigkeit  fand  K.  doch  Zeit,   sich  einem  ausserordentlich  glucklichen 
Familienleben   mit  voller  Hingabe   zu   widmen,    die    ihm    denn   auch   in  den 
schweren   Tagen   des   langen  Leidens,  das   ihn   endlich   dahingerafft   hat,    von 
den  Seinigen  mit  sorgender,  aufopferndster  Liebe  gelohnt  worden  ist. 
Centralblatt  der  Bauvcrwaltung  XVII,  6. 


Suche.     Salzmann. 


359 


Suche,  Ludwig,  Geheimer  Regierungsrath,  *  1822  in  Wehlau,  Ostpreussen, 
f  am  10.  September  1897  in  Bromberg.  —  S.  widmete  sich  zunachst  dem 
Forstfache,  trat  dann  aber  in  bereits  vorgertickterem  Lebensalter  zum  Baufache 
iiber  und  wurde  im  Jahre  1857  zum  Baumeister  ernannt.  Die  lange  Reihe 
von  Jahren,  in  denen  er,  anfanglich  im  Dienste  der  Stettiner  Eisenbahngesell- 
schaft,  spater  im  preussischen  Staatseisenbahndienste,  meist  in  der  Nahe  seiner 
Heimath  als  Beamter  thatig  war,  sind  durch  ein  aussergewOhnlich  reiches  und 
erspriessliches  Wirken  auf  dem  Gebiete  des  Eisenbahnbaues  ausgef  (illt.  Wahrend 
dieser  Zeit  wurde  er  1867  zum  Eisenbahn-Baumeister,  1868  zum  Eisenbahn- 
Bau-  und  Betriebsinspektor,  1873  zum  Baurath,  1875  zum  Regierungs-  und 
Baurath,  1 888  zum  Geheimen  Regierungsrath  befordert.  Besonders  im  Briicken- 
bau  war  S.  ein  anerkannter  Meister,  wie  dieses  die  von  ihm  oder  unter  seiner 
Oberleitung  ausgefiihrten  Brticken  tiber  die  Oder  bei  Stettin,  die  Memel  bei 
Tilsit,  die  Weichsel  bei  Thorn,  Graudenz,  Dirschau  und  Fordon  so  wie  zahl- 
reiche  kleinere  Bauwerke  auf  den  ostlichen  Eisenbahnstrecken  beweisen.  Seine 
hervorragenden  Leistungen  haben  allseitige  Anerkennung  gefunden  und  sind 
mehrfach,  zuletzt  noch  bei  seinem  Scheiden  aus  dem  Dienst,  durch  Ver- 
leihung  des  Kronen-Ordens  II.  Klasse  belohnt  worden.  Nachdem  er  in  den 
letzten  vierzehn  Jahren  seiner  langen,  mlihevollen,  aber  erfolgreichen  Dienst- 
laulfbahn  als  Dirigent  der  Neubauabtheilung  der  Koniglichen  Eisenbahndirection 
in  Bromberg  gewirkt  hatte,  wurde  er  am  1.  April  1895  ZUT  Verftigung  gestellt. 
Der  ihm  hierdurch  zu  Theil  gewordenen,  wohlverdienten  Ruhe  hat  er  sich 
leider  nicht  lange  mehr  erfreuen  sollen. 

Ccntralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  38.  — b— 

Salzmann,  Max,  Dombaumeister,  *  am  20.  August  1850  in  Breslau,  f  am 
6.  Februar  1897  in  Bremen.  —  Seit  dem  Spatsommer  vorigen  Jahres  an 
einem  bosartigen  Hautiibel  erkrankt,  hat  er  in  den  verschiedensten  Heilanstalten 
der  Schweiz,  Hamburgs  und  seines  Wohnortes  vergebens  Genesung  gesucht. 
Am  Sonnabend  Nachmittag  ist  er  im  Bremer  Stadtkrankenhause  einer  hinzu- 
getretenen  Gehirnaffection  erlegen.  S.  stand  erst  im  47.  Lebensjahre.  Noch 
ist  es  in  aller  Erinnerung,  wie  er  im  Jahre  1888  als  Sieger  in  der  Preisbe- 
werbung  um  die  Wiederherstellung  des  Bremer  Domes  aus  seinem  stillen 
Wirkungskreise  in  Marienwerder,  wo  er  Bauinspektor  war,  nach  Bremen  be- 
rufen,  zum  Dombaumeister  ernannt  und  mit  der  Ausftihrung  seines  Entwurfes 
betraut  wurde.  Seit  jener  Zeit  hat  er  an  diesem  seinem  Lebenswerke  mit 
hingebendem  Eifer  und  hervorragendem  ktinstlerischen  wie  technischen  Konnen 
geschaffen.  Bereits  sind  die  Haupttheile  des  Erneuerungsbaues,  vor  allem  die 
Westfront  mit  den  beiden  ernsten  romanischen  Thurmen  glticklich  durchge- 
fiihrt,  und  man  ist  soeben  beschaftigt,  die  Pfeiler  des  Vierungsthurmes  zu 
unterfahren.  Die  Vollendung  seines  Werkes  sollte  der  Dombaumeister  nicht 
erleben ;  noch  zweier  Jahre  etwa  wird  es  bis  zur  Beendigung  der  sammtlichen 
geplanten  Wiederherstellungsarbeiten  bedlirfen.  Der  Dombau  ist  aber  nicht 
das  einzige  Werk,  das  S.  in  Bremen  hinterlasst.  Die  vor  kurzem  vollendete 
Rathsapotheke  mit  ihrer  prachtigen  neuen  Schauseite,  die  Wiederherstellung 
der  Front  der  Liebfrauenkirche,  mehrere  Privatbauten,  der  nach  seinen  Planen 
begonnene  Umbau  des  Schtittings  am  Marktplatze  zeugen  davon,  wie  fest  S. 
in  Bremen  bereits  Wurzel  gefasst  hatte,  und  werden  sein  Gedachtniss  dort 
und  in  weiten  Kreisen  dauernd  fortleben  lassen. 

Ccntralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  6  A, 


360  Katz.     Brodkorb. 

Katz,  Fr.,  Baurath,  frtiher  Wasserbauinspektor  des  Elbstrombaubezirks 
Hitzacker,  *  am  28.  Mai  1828  in  Hameln,  f  am  30.  Mai  1897  in  Hamburg. 
—  K.  war  nach  Vollendung  seiner  Studien  in  den  Jahren  1850  bis  1856  als 
Wasserbauflihrer  mit  Vermessungen  in  verschiedenen  Wasserbauinspectionen 
thatig  und  wurde  1857  zum  hannoverschen  Wasserbauconducteur,  i860  zum 
Wasserbauinspector  ernannt.  Im  Jahre  1868  in  den  preussischen  Staatsdienst 
tibernommen,  hat  er  von  da  ab  bis  zu  seinem  Uebertritt  in  den  Ruhestand 
am  1.  April  1895  ununterbrochen  die  Wasserbauinspection  Bleckede  bezw. 
Hitzacker  verwaltet.  In  dieser  Stelle  hat  er  sich  durch  Sorgfalt  und  Geschick 
in  der  Behandlung  von  Correctionsbauten  und  Verbesserung  der  Fahrstrasse 
der  Elbe,  sowie  durch  tlichtige  Ausbildung  der  ihm  unterstellten  Beamten 
grosse  Verdienste  erworben. 

Centralblatt  der  Bauverwaltung  XVII,  24  b. 

Brodkorb,  Karl  Wilhelm  Julius  Theodor,  Theologe,  *  am  n.Marz 
1806  zu  Wolfenbiittel,  f  am  18.  Marz  1897  zu  Braunschweig.  —  Er  stammte 
aus  gutbtirgerlichen  Kreisen;  sein  Vater  Joh.  Andr.  Seb.  B.  (f  4.  Oct.  1840) 
war  Perrlickenmachermeister,  seine  Mutter  die  Tochter  des  Backermeisters 
Paulmann  in  Braunschweig.  Nachdem  der  Sohn  bis  Ostern  1824  das  Gym- 
nasium seiner  Vaterstadt  besucht  hatte,  bezog  er  die  Universitat  Gottingen, 
um  einer  frllhen  Neigung  folgend  Theologie  zu  studiren.  Er  hat  hier  beson- 
ders  den  Unterricht  des  Professors  Eichhorn  genossen,  sich  aber  auch  eifrig 
an  den  Uebungen  der  societas  theologica  latina  betheiligt.  Anfangs  bewegte 
sich  sein  Studium  ganz  in  den  hergebrachten  rationalistischen  Geleisen,  doch 
gelang  es  ihm,  allmahlich,  nicht  ohne  innere  Kampfe,  zu  festem  kirchlichem 
Glauben  sich  durchzuringen.  Am  14.  December  1827  bestand  er  in  Wolfen- 
biittel die  »vorlaufige  Priifung*.  Er  begab  sich  dann  nach  Berlin,  wo  er 
insbesondere  durch  die  Lehre  Schleiermachers  und  Neanders  eine  wesendiche 
Vertiefung  seiner  theologischen  Auffassung  erhalten  sollte.  Nachdem  er  dann 
bei  Pastor  Breithaupt  in  Watzum  eine  Zeit  lang  als  Hauslehrer  gewirkt  hatte, 
bestand  er  am  1.  Juli  1831  das  »theologische  Hauptexamen«  mit  der  seltenen 
Nummer  »wohlbestanden«.  Sein  entschieden  positiver  kirchlicher  Standpunkt 
war  schon  damals  bekannt  und  wohl  der  Anlass,  dass  er  sich  in  Braunschweig 
zweimal  vergeblich  um  eine  Stadtadjunctur  bewarb.  Doch  war  der  Abt 
Hoffmeister  trotz  abweichenden  Anschauungen  gerecht  genug,  dem  eifrigen 
und  ttichtigen  Jllnglinge  die  neu  begrlindete  Gefangnisspredigerstelle  in  Wolfen- 
biittel zu  verschaffen.  Am  11.  December  1831  ward  er  ftir  sie  ordinirt. 
Schon  bei  dieser  Gelegenheit  zeigte  sich  B.'s  ehrlicher,  fester  Charakter,  der 
nur  im  eigenen  Gewissen  die  Richtschnur  seines  Handelns  fand.  Er  weigerte 
sich,  das  Corpus  doctrinae  Julium  mit  der  seit  1709  vorgeschriebenen  scharfen 
Verpflichtungsformel,  an  der  schon  viele  Geistliche  stillschweigend  Anstoss 
genommen  hatten,  zu  unterzeichnen,  und  setzte  es  durch,  dass  in  Zukunft 
eine  mildere  Fassung  gewahlt  wurde,  die  nicht  auf  den  Wortlaut  der  Kirchen- 
ordnung,  sondern  auf  die  darin  enthaltene  evangelische  Lehre  verpflichtete. 
Neben  seinem  geistlichen  Amte  hatte  B.  auch  an  der  Burger-  und  Tochter- 
schule  Unterricht  zu  ertheilen.  Bereits  in  dieser  Zeit  versuchte  er  mit  einigen 
Gleichgesinnten  eine  Bibel-  und  Missionsgesellschaft  ins  Leben  zu  rufen,  doch 
gelang  nur  die  Grtlndung  einer  Bibelgesellschaft,  wahrend  eine  Landesmissions- 
gesellschaft  im  Braunschweigischen  erst  1848  nachfolgte.  Als  er  1835  die 
Pfarre    in    Berel    erhalten  hatte,    vermahlte    er  sich  am  23.  August  d.  J.  mit 


Brodkorb.  361 

Emilie  Salomon,  der  Tochter  des  Rentners  Salomon  in  Wolfenbtittel.  Im 
Jahre  1846  ward  er  Superintendent  in  Bevern.  Von  hier  aus  hat  er  sich 
eifrig  an  den  Verhandlungen  des  Amelunxborner  Predigervereins  betheiligt, 
von  dem  manche  heilsame  Anregungen,  die  Bitte  um  Gewahrung  einer  Pres- 
byterialverfassung  u.  a.  ausgingen.  Das  Gesetz  vom  30.  November  185 1  liber 
die  Errichtung  von  Kirchenvorstanden  ist  z.  Th.  dadurch  veranlasst.  Um  das 
kirchliche  Leben  zu  fordern  gab  B.  seit  Februar  1850  in  Verbindung  mit 
mehreren  Geistlichen  das  »Kirchenblatt  f.  d.  evang.-lutherische  Gemeinde  des 
Herzogthums  Braunschweig«  heraus;  seit  1851  flihrte  er  die  Redaction  nur 
noch  zusammen  mit  E.  J.  L.  Fr.  Wolff,  dem  er  sie  dann  1853,  nicht  zum  Vor- 
theile  des  Blattes,  ganz  allein  iiberliess.  Als  am  1.  September  1852  in  Braun- 
schweig die  Conferenz  von  Dienern  und  Freunden  der  lutherischen  Kirche 
zusammen  trat,  ward  B.  zum  Vorsitzenden  der  ersten  Versammlung  gewahlt, 
und  er  hat  bis  zu  seinem  Tode  zu  den  Vorstandsmitgliedern  der  Conferenz 
gehort.  Da  mit  der  Zeit  seine  Kinder  heranwuchsen,  sah  B.  sich  genothigt, 
zu  einer  eintraglicheren  Pfarre  sich  zu  melden.  Im  Herbste  1858  wurde  ihm 
die  zu  Benzingerode  am  Harze  zu  Theil,  die  er  noch  fast  30  Jahre  verwaltete. 
Das  Vertrauen  aber,  das  er  sich  in  seiner  friiheren  Wirkensstatte  erworben 
hatte,  zeigte  sich  spater  noch  darin,  dass  ihn  die  Geistlichen  der  Kreise 
Holzminden  und  Gandersheim  1869  in  die  Landesversammlung  wahlten,  der 
er  bis  Herbst  1875  angehorte.  Hier  trat  er  besonders  am  30.  Marz  187 1 
hervor,  wo  er  bei  Berathung  eines  Antrags  auf  Aenderung  des  Thronfolge- 
rechts,  der  von  dem  Notar  A.  Mtiller  gestellt  war,  aber  nicht  angenommen 
wurde,  unbeirrt  durch  die  herrschenden  Tagesmeinungen  seinen  strengen 
legitim-monarchischen  Standpunkt  mit  Entschiedenheit  vertrat  und  insbesondere 
durch  den  kraftigen  Hinweis  auf  den  dem  Konige  Georg  V.  schon  geschworenen 
Erbhuldigungseid  auch  bei  Andersgesinnten  einen  grossen  Eindruck  hervorrief. 
Ein  Zeichen  der  von  ihm  nichts  weniger  als  beabsichtigten  Anerkennung  war 
die  kurz  darauf  erfolgte  Verleihung  des  Ordens  Heinrichs  des  Lowen  von 
Seiten  des  Herzogs  Wilhelm,  eine  Auszeichnung,  die  bis  dahin  einem  ein- 
fachen  Geistlichen  noch  nicht  zu  Theil  geworden  war.  Eine  selbstandige 
Haltung  bewies  er  auch  bei  Berathung  des  Antrags,  den  Herzog  um  Abschluss 
einer  Militarconvention  mit  Preussen  zu  bitten ;  er  und  ein  geistlicher  College 
stimmten  allein  gegen  den  Antrag. 

Durch  ein  eifriges  Studium  der  Bekenntnissschriften  war  er  immer  mehr 
zu  einem  bewussten  Lutheraner  geworden.  Daher  suchte  er  nicht  nur  im 
Lande,  sondern  auch  ausserhalb  desselben  die  Sache  des  Lutherthums  nach 
Kraften  zu  unterstiitzen.  Als  im  ehemaligen  Kurflirstenthum  Hessen  1873 
eine  Anzahl  lutherischer  Geistlicher  ihres  Amtes  entsetzt  waren,  weil  sie  gegen 
die  Bildung  des  Consistoriums  aus  lutherischen,  reformirten  und  unirten  Mit- 
gliedem  beharrlich  Protest  einlegten,  war  er  vor  Allem  mit  dabei  thatig, 
durch  offentlichen  Aufruf  einen  Unterstlitzungsfonds  fur  jene  Manner  zusammen 
zu  bringen.  Er  zog  sich  dadurch  zwar  einen  Verweis  seiner  vorgesetzten 
Behorde  zu,  hatte  aber  die  Freude,  dass  jener  Schritt  von  gutem  Erfolge  ftir 
die  Glaubensbrtider  begleitet  war.  Eifrig  wachte  er  tiber  die  Aufrechterhaltung 
kirchlicher  Rechte,  wo  immer  sie  ihm  bedroht  schienen.  Dahin  zielten  be- 
sonders zwei  Broschliren,  die  er  »zur  Beleuchtung  des  Civilstandsgesetzes* 
(1879)  und  y>zuv  Wahrung  des  kirchlichen  Rechts  und  der  kirchlichen  Ver- 
wendung  des  Braunschweigischen  Klosterfonds«  (1885)  verfasste.  Am  18.  De- 
cember 1 88 1  zur  Feier  seines  sojahrigen  Dienstjubilaums  erhielt  er  den  Titel 


362  Brodkorb.     Otto-Thate. 

eines  Kirchenraths.  Im  Herbste  1886  trat  er  in  den  Ruhestand.  Er  zog 
nach  Braunschweig,  wo  er  als  »Blatter  vom  Baume  des  Lebens«  1888  erne 
Sammlung  von  Predigten  liber  die  Evangelien  des  Kirchenjahres  veroffentlichte. 
Ihn  uberlebte  seine  \Vittwe,  mit  der  er  das  seltene  Fest  der  diamantenen 
Hochzeit  hatte  feiern  konnen. 

Vergl.  J,  Bcstc  im  Braunschw.  Magazin  1897  No.  8,  S.  57—60;  Brunonia  1897 
No.  20—24. 

P.  Zimmermann. 

Otto-Thate,  Karoline  Christiane,  Schauspielerin,  *  am  1.  Marz  1822  zu 
Braunschweig,  f  am  19.  Marz  1897  zu  Stuttgart.  —  Sie  war  die  Tochter  eines  Satt- 
lermeisters.  Da  sie  friih  eine  grosse  Neigung  ftir  die  BUhne  zeigte,  so  ging  sie 
nach  Bremen  zu  ihrem  Oheim,  Friedrich  Lemcke,  der  als  Vater-  und  Charakter- 
spieler  am  dortigen  Theater  angestellt  war.  Nachdem  sie  dessen  Unterricht  drei 
Monate  genossen,  trat  sie  bereits  (1842)  als  »Toni«  in  Korners  gleichnamigem 
Drama  mit  bestem  Erfolge  auf  und  fand  nun  in  Bremen  fiir  das  Fach  der  ju- 
gendlichen  Liebhaberinnen  Verwendung.  Etwa  ein  halbes  Jahr  spater  (Som- 
mer  1843)  zeigte  sie  sich  als  Marie  in  »Muttersegen«  in  ihrer  Vaterstadt.  Es 
wurde  ihr  hier  sogar  ein  Engagement  angeboten,  das  sie  jedoch  ablehnen 
musste,  da  sie  sich  bereits  ftir  die  unter  Leitung  Friedrich  Spielberger's  und 
Roderich  Benedix*  stehenden  vereinigten  Stadttheater  von  Koln  und  Elberfeld 
verpflichtet  hatte.  Im  December  1846  gastirte  sie  als  »Griseldis«  am  kur- 
ftirstlichen  Theater  zu  Kassel,  worauf  sie  hier  eine  glanzende  Stellung  fand 
und  bis  zum  Jahre  1851  verblieb.  Dann  trat  sie  bei  dem  Hoftheater  zu 
Hannover  ein.  Die  Hoftrauer,  die  nach  dem  Tode  Konig  Ernst  August's 
(f  18.  November  1851)  gehalten  wurde,  veranlasste  sie  zu  einem  Gastspiele 
in  Braunschweig.  Hier  war  seit  dem  Tode  der  gefeierten  Joh.  Grosser 
(f  1.  October  1850)  kein  wlirdiger  Ersatz  gefunden.  Ein  solcher  schien  den 
Braunschweigern  jetzt  in  Fraulein  Th.  gekommen.  Der  Beifall,  den  sie  errang, 
ftihrte  zu  einem  Engagement.  Am  12.  November  1852  war  die  Margarethe 
in  den  »Erzahlungen  der  Konigin  von  Navarra«  ihre  Antrittsrolle  am  Braun- 
schweiger  Hoftheater.  Diesem  ist  sie  dann  ihr  Leben  lang  treu  geblieben. 
Mit  dem  gleichen  Erfolge,  wie  anfangs  die  Heldinnen  und  jugendlichen  Salon- 
damen,  spielte  sie  spater  die  alteren  Heroinen  und  Charakterrolten ;  sie  ist 
viele  Jahre  eine  der  Hauptstiitzen  des  Schauspiels  wie  des  Lustspiels  am  Hof- 
theater gewesen.  Verschiedene  Anerbietungen  von  anderen  Biihnen  konnten 
sie  nicht  bewegen,  aus  ihrer  Vaterstadt  zu  scheiden.  Hier  hat  sie  sich  auch 
am  12.  Juni  1859  mit  dem  Schriftsteller  Dr.  Reinhard  Otto,  dem  Redacteur 
der  »Reichszeitung«,  verheirathet.  Sie  nahm  nun  den  Namen  Otto-Thate  an. 
Als  sie  am  12.  November  1877  ihr  2  5Jahriges  Jubilaum  an  der  Braunschweiger 
Buhne  gefeiert  hatte,  trat  sie  gegen  Ende  des  folgenden  Jahres  von  der  Buhne 
zurtick.  Eine  Abschiedsfeier  fand  nicht  statt;  ihre  letzte  Rolle  war  am 
17.  December  1878  »  Mutter  Fadet«  in  der  »Grille«.  Sie  hat  dann  wrieder- 
holt  ihren  Aufenthaltsort  gewechselt,  in  Koln,  in  Frankfurt  a./M.,  wo  am 
2.  September  1885  ihr  Gatte  starb,  in  Rostock,  in  Hamburg,  in  Chemnitz 
und  zuletzt  in  Stuttgart  geweilt,  wo  sie  bei  ihrem  Pflegesohne,  dem  Konig- 
lichen  Hofschauspieler  Egmont  Richter,   an    der  Influenza  verschieden  ist. 

P.  Zimmermann. 


Stobbe.     Bercht.  363 

Stobbe,  Karl  Friedrich  August,  Journalist,  *  am  3.  November  1830  zu 
Griinwalde  bei  Labiau  in  Ostpreussen,  f  am  16.  October  1897  zu  Wiesbaden. 
—  Er  war  der  Sohn  eines  kleinen  Grundbesitzers,  Karl  St.  und  besuchte  das 
Kneiphofische  Stadtgymnasium  zu  Konigsberg,  auf  dem  er  Ostern  185 1  das  Abi- 
turientenexamen  bestand.  Dann  ging  er  auf  die  dortige  Universitat  iiber.  Er 
studirte  anfangs  Philosophic  und  Geschichte,  sodann  die  Rechte ;  den  nachhal- 
tigsten  Einfluss  haben  auf  ihn  die  Vortrage  des  Hegelianers  Karl  Rosenkranz  aus- 
geiibt.  Nachdem  er  im  October  1854  das  erste  juristische  Examen  gemacht  hatte, 
wurde  er  als  Referendar  beim  Stadtgerichte  zu  Konigsberg  beschaftigt.  Zugleich 
war  er  journalistisch  th&tig,  und  weil  damals  die  juristische  Laufbahn  nur 
geringe  Aussicht  auf  schnelle  Anstellung  bot,  so  entschloss  er  sich  sie  auf- 
zugeben.  Er  wurde  standiger  Mitarbeiter  der  Konigsbergischen  Hartungschen 
Zeitung  und  verfasste  kleinere  Lustspiele  (»Manner  und  Frauen«,  »Parlamen- 
tarische  Studien«),  die  in  Konigsberg,  beim  Wallner-Theater  in  Berlin  u.  a. 
zur  Aufftihrung  kamen.  Im  Jahre  1861  libernahm  er  die  Redaction  der  in 
Gumbinnen  erscheinenden  »Preussisch-Littauischen  Zeitung« ;  einige  Jahre  spater 
wurde  er  erster  Redacteur  der  »K6nigsberger  Neuen  Zeitung«,  bis  er  1867 
nach  Berlin  Ubersiedelte  und  hier  eine  Stellung  bei  dem  Reuterschen  Tele- 
graphen-Bureau  erhielt,  wo  er  hauptsachlich  die  auslandischen  Depeschen  zu 
redigiren  hatte.  In  dieser  Zeit  (18.  October  1868)  verheirathete  er  sich  mit 
Bertha  Engelmann,  einer  Tochter  des  Dr.  med.  Siegfr.  E.  in  Tilsit,  Anfang  Marz 
1872  kam  er  nach  Braunschweig  als  Redacteur  der  neu  begrtindeten  »Braun- 
schweiger  Zeitung*.  Als  diese  nach  etwa  einem  Jahre  wieder  einging,  wurde  er 
von  dem  herzoglichen  Staatsministerium  aufgefordert,  fur  die  amtlichen  »Braun- 
schweigischen  Anzeigen*  ein  politisches  Beiblatt  einzurichten.  Ein  officioses 
Pressorgan  war  der  Zeit  in  Braunschweig  etwas  vollig  unbekanntes.  Es  wurde 
daher  jene  Erweiterung  der  Anzeigen  etwas  misstrauisch  aufgenommen.  Dennoch 
hielt  sich  das  Blatt  nicht  nur,  sondern  es  arbeitete  sich  allmahlich  zu  einer 
umfassenden  angesehenen  Tageszeitung  hindurch.  Das  Verdienst  an  diesem 
Erfolge  gebtihrt  neben  dem  damaligen  Polizeidirector,  spateren  Wirklichen 
Geheimrathe  Eduard  Meyer,  vor  Allem  der  Redaction  St.'s.  Er  flihrte  die 
Redaction  bis  zum  Herbst  1890,  wo  ihn  ein  nervoses  Leiden  zwang,  aus 
seiner  verdienstlichen  Thatigkeit  zu  scheiden.  Das  Ministerium  bewilligte  ihm 
eine  lebenslangliche  Gratification.  Am  1.  September  1892  siedelte  St.  nach 
Wiesbaden  iiber,  wo  seine  Gesundheit  sich  besserte  und  er  noch  manche 
Gedichte  und  Feuilletons  flir  Wiesbadener  und  Konigsberger  Blatter  verfasste, 
bis  ein  Herz-  und  Nierenleiden  sich  einstellte,  das  nach  langerer  Krankheit 
ihm  den  Tod  brachte. 

Im  Buchhandel  sind  von  St.  erschienen:  » Lustspiele  und  Gedichte«  (Ktfnigsberg 
1865),  »Ernst  Moritz  Arndt,  eine  Gedenkschriftc  (Berlin  1869),  »Festspiel  zur  75jahrigen 
Jubelfeier  des  Herzogl.  Braunschw.  Infanterie-Regiments«  (Braunschweig  1884)  und  »Blatter 
der  Erinnerung.  Gedichte  Braunschweig  gewidmet«  (Braunschweig  1888).  —  Vgl.  Braun- 
schw. Anzeigen  1895,  No.  6,  S.  35. 

P.  Zimmermann. 

Bercht,  Ludwig  Julius,  Schauspieler,  *  am  4.  Mai  181 1  auf  dem  Gute 
Prodel  in  der  Kreishauptmannschaft  Leipzig  als  Sohn  des  dortigen  Guts- 
besitzers  Dr.  phil.  Joh.  Christian  Bercht,  f  am  6.  Mai  1897  zu  Braunschweig.  — 
Da  der  Vater  spater  unter  dem  Titel  eines  Kriegsraths  eine  hohere  Verwal- 
tungsstelle  an  der  Pepiniere  zu  Berlin  einnahm,  so  erhielt  der  Sohn  in  dieser 
Stadt  seine  wissenschaftliche  Ausbildung.    Ursprtinglich  war  er  flir  das  Studium 


364  Bercht. 

der  Medicin  bestimmt,  doch  war  seine  Neigung  ftir  das  Theater  so  stark, 
dass  er  alle  Schwierigkeiten  iiberwand  und  sich  der  BUhne  widmete.  Schon 
im  Jahre  1827  trat  er  im  Konigstadtischen  Theater  zu  Berlin  als  »Wittwer« 
in  dem  Lustspiele  »Wittwer  und  Wittwe*  auf.  Er  wurde  dann  von  dem 
Director  Hurey  engagirt,  der  die  Stadte  KOnigsberg,  Memel  und  Danzig  mit 
seiner  Truppe  besuchte.  Ein  Gastspiel  im  Koniglichen  Schauspielhause  zu 
Berlin,  wo  er  den  »Tempelherrn«  im  »  Nathan  «  spielte,  flihrte  1830  zu  einem 
fiinfjahrigen  Engagement  ftir  das  Fach  der  jugendlichen  Liebhaber.  Da  B.  eine 
schone  Baritonstimme  besass,  so  half  er  bei  der  Aufilihrung  von  Auber's  Oper 
»Lodoisca«,  die  zum  Geburtstage  Konig  Friedrich  Wilhelms  III.  anbefohlen, 
durch  den  Contractbruch  des  Baritonisten  Hammermeister  aber  gefahrdet  war, 
in  der  Verlegenheit  aus,  und  zwar  mit  solchem  Erfolge,  dass  er  seitdem  wie 
dem  Schauspiel-,  so  auch  dem  Opempersonale  eingereiht  wurde.  Seine 
Hauptrollen  waren  hier  die  des  >  Figaro*,  des  »Papageno«  u.  a.  Da  er  sich 
nach  Ablauf  seines  Contractes  mit  der  Intendanz  nicht  einigen  konnte,  so 
schied  er  von  Berlin  und  ging  an  das  deutsche  Theater  in  Amsterdam,  wo 
er  zugleich  in  der  Oper  und  im  Schauspiel,  zuerst  auch  in  dem  Fache  der 
komischen  Charakterrollen  wirkte.  Im  Jahre  1837  kam  er  auf  vier  Jahre  an 
das  Stadttheater  zu  Diisseldorf;  er  trat  hier  mit  den  Ktinstlern  der  Akademie, 
besonders  mit  Andreas  Achenbach,  in  Verkehr  und  wurde  auch  in  den  »Ver- 
ein  Malkasten«  aufgenommen.  Vom  Stadttheater  in  Breslau  aus,  dem  er  dann 
eine  Zeit  lang  angehorte,  gab  er  am  20.  September  1843  ^  »  Baron  Scara- 
baus«  in  »der  unterbrochenen  Whistpartie«c  und  als  »Adam«  im  »Dorfbarbier« 
eine  Gastrolle  in  Braunschweig,  wo  ftir  den  am  11.  September  1840  verstor- 
benen  Karl  Giinther  noch  immer  kein  wttrdiger  Nachfolger  gefunden  war. 
B.'s  Spiel  sprach  so  sehr  an,  dass  er  so  fort  engagirt  wurde;  am  8.  November 
trat  er  in  Braunschweig  seine  neue  Stellung  an,  der  er  vortheilhafter  An- 
erbietungen  ungeachtet  sein  Ubriges  Leben  lang  treu  geblieben  ist.  In  den 
ersten  Jahren  wurde  er  auch  noch  viel  in  der  Oper  beschaftigt,  spater  ging 
er  ganz  in  das  feinkomische  Charakterfach  iiber,  das  er  in  meisterhafter  Weise 
vertrat.  Rollen  wie  die  des  Wirths  in  »  Minna  von  Barnhelm«,  des  »Adam« 
im  »Zerbrochenen  Krug«  u.  s.  w.  waren  seine  besten  Leistungen.  Am 
6.  November  1868  feierte  er  sein  25Jahriges  Jubilaum  als  Mitglied  der  Braun- 
schweiger  Hofbtihne  und  am  25.  September  1877,  dem  Tage  seines  5oj£hrigen 
Ktinstlerjubilaums,  nahm  er  als  »Parlamentsrath  Desperridres«  im  zweiten  Akte 
des  »Vicomte  von  L£tori£res«  und  als  »Bader  Schelle«  in  Raupach's  »Schleich- 
handlern*  Abschied  vom  Theater.  Er  ging  nun  zunachst  nach  Charlottenburg 
zu  einer  Tochter,  die  dort  an  den  Ingenieur  G.  Ehrenberg  verheirathet  war. 
Als  diese  1887  nach  Braunschweig  zogen,  kehrte  er  mit  der  Familie  dahin 
zurlick.  Er  besass  hier  einen  zahlreichen  Freundeskreis  und  erfreute  sich 
wegen  der  Vorzllge  seines  Geistes  und  Charakters,  sowie  der  Liebenswiirdig- 
keit  seines  Wesens  allgemeiner  Achtung  und  Beliebtheit.  Er  war  seit  1877 
Ehrenmitglied  des  Kunstclubs.  Ausser  seinen  Schauspieler-Gaben  besass  er  auch 
dichterische  Talente.  Veroffentlicht  ist  bisher  nur  ein  Werk  von  ihm:  »Der 
goldene  Mai.  Eine  Frtihlingsphantasie*  (Braunschweig  1861),  das  dem  Mai- 
kasten  in  Diisseldorf  gewidmet  ist.  In  den  letzten  3 — 4  Jahren  seines  Lebens 
hat  zunehmende  korperliche  Schwache  B.  an  das  Bett  gefesselt;  doch  blieb 
sein  Geist  bis  zuletzt  frisch.  Seine  Frau  Karoline,  eine  Tochter  des  Hbf- 
opernsangers  J.  C.  Griinbaum  und  der  bertihmten  Kammersangerin  Therese 
Griinbaum,  Enkelin  Wenzel  Miiller^,  des  beliebten  osterreichischen  Componisten 


Berch  t     Wattcnbach.  365 

volksthiimlicher  Theatermusik,  war  selbst  als  Sangerin  an  der  Koniglichen 
Btihne  in  Berlin  engagirt  gewesen,  bis  sie  sich  am  13.  Juni  1844  mit  B.,  der 
sie  schon  in  seiner  Berliner  Zeit  ins  Herz  geschlossen  hatte,  verheirathete. 
Ihrer  Ehe  entstammte  als  altester  Sohn  Alfred  Bercht,  der,  zu  Braunschweig 
am  11.  December  1845  geboren  und  unter  Kullak  auf  dem  Konservatorium 
in  Berlin  ausgebildet,  ein  ttich  tiger  Tonktinstler  wurde,  durch  eine  Sympho- 
nic grosse  Hoffnungen  erregte,  aber  leider  schon  in  frtiher  Jugend,  am  2 1 .  Sep- 
tember 1866,  in  Berlin  verstarb. 

P.  Zimmermann. 


Wattenbach,  Wilhelm,  Historiker,  *am  22.  September  1819  zu  Ranzau  in 
Holstein,  f  am  20.  September  1897  zu  Frankfurt  am  Main.  —  Mit  W.  ist  einer 
der  letzten  Geschichtsschreiber  aus  der  grossen  Zeit  unserer  deutschen  Historio- 
graphie  dahingegangen.  Der  Schule  Ranke's,  wenn  auch  nur  indirekt  angehorend, 
zahlt  er  neben  Waitz,  Sybel,  Giesebrecht  zu  ihren  glanzendsten  Vertretern 
sowohl  als  musterhafter  Editor  deutscher  Geschichtsquellen,  wie  als  bester 
Kenner  dieser  selbst,  als  ein  philologisch  geschulter  Historiker,  dem  wir  zu- 
gleich  aus  dem  Gebiete  der  historischen  Hilfswissenschaften,  in  erster  Linie 
der  Palaeographie,  Werke  von  dauerndem  Werthe  verdanken.  Keiner  hat 
endlich  wie  er  die  Geistes-  und  Kulturgeschichte  unseres  Mittelalters  gekannt 
und  durchforscht  und  die  Ergebnisse  seiner  Forschung  uns  zuganglich  ge- 
macht,  freilich  nur  in  Form  von  Beitragen,  die  in  seinem  Buche  tiber  »Deutsch- 
lands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter  bis  zur  Mitte  des  XIII.  Jahrhunderts« 
zerstreut  zu  finden  sind,  ohne  uns  das  Hauptwerk  selbst,  eine  Kultur- 
geschichte des  Mittelalters,  die  zu  schreiben  er  wie  kein  Anderer  berufen  ge- 
wesen  ware,  zu  hinterlassen. 

W.  ist  als  Sohn  eines  Hamburger  Kaufmannes  auf  der  von  seinem  mtit- 
terlichen  Grossvater,  August  von  Hennings,  administrirten  Grafschaft  Ranzau 
geboren.  Nach  dem  frtihen  Tode  seines  Vaters  zog  die  Mutter  mit  dem  jungen 
Knaben  nach  LUbeck,  und  hier  empfing  dieser  seine  Gymnasialbildung  und 
trat  in  den  Freundeskreis  der  beiden  Brtider  Ernst  und  Georg  Curtius  und 
Emanuel  Geibel's  ein.  Das  Studium  des  klassischen  Alterthums,  zu  dem 
ihn  sein  Sch wager  und  Lehrer  Professor  Classen  anregte,  bildete  die  frucht- 
bare  Grundlage  seines  Wissens,  und  gerade  diesen  philologischen  Kenntnissen  ver- 
danken wir  die  besten  Werke  seiner  Feder.  Im  Herbst  1836  verliess  W. 
die  Ltibecker  Schule,  ging  noch  flir  ein  Jahr  auf  das  akademische  Gymnasium 
nach  Hamburg  und  trat  darauf  zur  Universitat  tiber,  zunachst  in  Bonn,  dem 
Eldorado  der  klassischen  Philologie.  Meister  dieses  Faches  wie  Welcker  und 
Lassen  wurden  hier  seine  Lehrer  in  der  Alterthumswissenschaft,  wie  im  San- 
skrit und  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft.  Dann  zog  es  ihn  nach  Got- 
tingen,  wo  es  ihm  vergonnt  war  zu  Ftissen  Otfried  Miiller's  zu  sitzen  ijnd 
dessen  Vorlesungen  tiber  Archaeologie  zu  horen.  Nach  Otfried  Miiller's  auf 
einer  Reise  in  Athen  erfolgtem  Tode  wandte  sich  W.  nach  Berlin.  Auch 
hier  tibte  wieder  die  Philologie  die  grosste  Anziehungskraft  auf  den  jungen 
Studenten  aus;  Sprachwissenschaft  wie  Alterthumskunde  trieb  er  mit  Eifer 
und  Erfolg  bei  Bopp,  Lachmann,  Jakob  Grimm  und  Boeckh.  Hier  in  Berlin 
wurde  aber  zum  ersten  Male  auch  seine  Liebe  zur  Geschichte  geweckt  und 
zwar  durch  keinen  Geringeren  als  durch  Ranke  selbst.  Seine  Dissertation: 
De  quadringentorum  Athenis  factione,    die   1842    erschien,  war  freilich  noch 


366  Wattenbach. 

ganz  eine  philologische  Arbeit,  allein  nach  Ablegung  der  Prtifung  ftir  das 
hohere  Schulamt  und  nach  einem  ersten  Probejahre  als  Lehrer  am  Joachims- 
thaTschen  Gymnasium  zu  Berlin  brachte  ihn  sein  College  Giesebrecht  1843 
in  Verbindung  mit  Pertz,  der  dem  jungen  Philologen  damals  an  Stelle  des 
nach  Kiel  berufenen  Waitz  einen  Platz  unter  den  Mitarbeitern  der  Monu- 
menta  Germaniae  historica  verschaffte  und  ihn  so  der  mittelalterlichen  Ge- 
schichte  in  die  Arme  fiihrte. 

Den  Uebergang  von  der  Philologie  zur  eigentlichen  Geschichtsforschung 
vollzog  W.  rasch  und  mit  Gltick  und  das  ihm  zugewiesene  Feld  der  Thatig- 
keit,  Quellenpublication,  konnte  gerade  gut  und  griindlich  mit  Hilfe  seiner 
philologischen  Kenntnisse  bebaut  werden.  Im  Jahre  1847  tra*  W.  seine 
erste  Reise  im  Interesse  der  Monumenta  Germaniae  an.  Oesterreich  war 
das  Ziel  derselben,  die  fisterreichischen  Kloster-Bibliotheken  sollten  durch  den 
jungen  deutschen  Forscher  zum  ersten  Male  ausgiebig  benutzt  und  die  in 
ihnen  aufgespeicherten  Schatze  mittelalterlicher  Annalistik  gehoben  werden. 
In  Admont,  in  St.  Florian,  in  Kremsmttnster  arbeitete  Wattenbach  und  fand 
bei  der  Geistlichkeit  Oesterreichs  gastliche  und  freundliche  Aufhahme,  so 
dass  er  Tage  reinen  Genusses  und  hoher  Befriedigung  in  jenen  stillen,  der 
Arbeit  glinstigen  Klosterraumen  verleben  durfte.  Die  Ergebnisse  seiner  For- 
schungen  wie  seiner  personlichen  Erfahrungen  tiber  das  Klosterleben ,  das 
sich  noch  immer  in  den  Geleisen  unserer  mittleren  Zeiten  bewegte,  waren 
erhebliche  und  kamen  unserer  Kenntniss  (iber  die  deutsche  Annalistik,  wie 
liber  das  Geistesleben  des  Mittelalters  zu  Gute.  In  Wien  schloss  W. 
1848  seine  Studien  ab,  die  Revolution  vertrieb  ihn  von  dort,  die  Poli- 
tik  verdrangte  bei  dem  jungen  Gelehrten  ftir  einige  Zeit  die  Wissen- 
schaft.  Dagegen  kam  es  damals  nicht,  wie  der  neue  osterreichische  Un- 
terrichtsminister  Graf  Leo  Thun  versuchte,  zu  einer  Anstellung  W.'s  in 
Oesterreich.  Der  junge  Gelehrte  ging  daher  nach  Norddeutschland  zurtick 
und  liess  sich  1851  in  Berlin  als  Privatdocent  nieder,  um  nun  die  Fruchte 
seiner  Studien  und  Arbeiten  ftir  Andere  zu  verwerthen.  Eine  Uebersicht  tiber 
die  Quellen  neuerer  mittelalterlicher  Geschichte,  ferner  Diplomatik  und  Palaeo- 
graphie  bildeten  die  Gegenstande  seiner  ersten  Vorlesungen.  Da  die  Aus- 
sichten  auf  eine  Professur  auch  in  Preussen  sich  nicht  verwirklichten,  entsagte 
W.  nach  vier  Jahren  seiner  akademischen  Laufbahn  in  Berlin  und  ging  als 
kgl.  preussischer  Provinzialarchivar  1855  nach  Breslau.  Hier  entfaltete  er 
bald  eine  reiche  schriftstellerische  Thatigkeit,  die  hauptsachlich  der  schlesi- 
schen  Geschichte  gewidmet  war.  Die  Herausgabe  schlesischer  Geschichts- 
quellen  und  die  Aufhellung  einzelner  Epochen  der  schlesischen  Geschichte 
werden  ihm  verdankt.  Hier  in  Breslau  reifte  ferner  das  Hauptwerk  seines 
Lebens,  die  Geschichtsquellen  Deutschlands  im  Mittelalter,  heran.  Angeregt 
durch  eine  Preisaufgabe  der  Wedekind-Stiftung  in  Gottingen  hat  W.  im 
Jahre  1858  das  schwierige  Thema  gelost.  Es  gait  einen  ungeheufiren, 
weit  zerstreuten  Quellenstoff  zu  sammeln,  zu  sichten,  kritisch  zu  ordnen,  die 
Quellenkunde  nicht  auf  deutschen  Boden  zu  beschranken,  sondern  auch  die 
Nachbarlander  Frankreich,  Italien,  den  slavischen  Osten,  alle  die  Staaten  und 
Volker,  die  im  Mittelalter  in  mehr  oder  weniger  nahere  Beziehungen  zu 
Deutschland  traten,  in  den  Kreis  der  Betrachtung  zu  ziehen.  W.  verstand 
es  zugleich,  die  ihm  gestellte  Aufgabe  in  hoherem  Sinne  und  Geiste  zu  fassen, 
nicht  an  einer  trockenen  Aufzahlung  der  Quellen  kleben  zu  bleiben,  sondern 
ihre  Schatze  uns   in    anziehender,    abgerundeter,    das    ganze  Kulturleben  des 


Wattenbacb.  367 

Mittelalters  beleuchtender  Darstellung  vor  die  Augen  zu  ftihren.  So  ist  das 
Werk  nicht  nur  ein  Handbuch  geworden  fiir  jeden  Historiker,  der  sich  mit 
dem  Quellenmaterial  unseres  Mittelalters  vertraut  machen  muss,  sondern  zu- 
gleich  eine  Fundgrube  fiir  die  Geistes-  und  fiir  die  Sittengeschichte  unserer 
mittleren  Zeiten.  Das  Werk  hatte  einen  solchen  Erfolg,  dass  bis  zum  Hin- 
scheiden  seines  Verfassers  flinf  weitere,  stets  vermehrte  und  erweiterte  Auf- 
lagen  desselben  nothwendig  wurden. 

Auch  seine  Rtickkehr  zu  der  in  Berlin  verlassenen  akademischen  Carriere, 
seine  1862  erfolgte  Berufung  als  ordentlicher  Professor  der  Geschichte  an 
die  Universitat  Heidelberg  hatte  W.  diesem  Werke  zu  verdanken.  Hier  trat 
er  in  den  Kreis  ausgezeichneter  Collegen  wie  Gervinus,  Hausser,  Zeller,  Stark, 
Wundt,  der  spater  nach  Hausser's  frtihem  Hinscheiden  durch  Heinrich  von 
Treitschke  erg&nzt  wurde;  hier  genoss  er  zugleiqh  in  gemeinsamem  Haushalt 
mit  den  Sch western  Sophie,  die  durch  Geist,  und  Caecilie,  die  durch  An- 
muth  der  ausseren  Erscheinung  und  des  Gemtithes  hervorragte  und  nachdem 
sie  dem  Geliebten  ihrer  Jugendtage  Emanuel  Geibel  entsagt  hatte,  jetzt 
ihr  Leben  dem  Bruder  weihte,  die  Freuden  des  FamilienglUckes.  Die  Heidel- 
berger  Tage  z&hlen  zu  W.s  glticklichsten ;  akademische  und  schriftstellerische 
Thatigkeit  fiillten  sie  in  befriedigender  Weise  aus.  W.  hat  in  Heidelberg 
den  Kreis  seiner  Vorlesungen  erheblich  weiter  gezogen.  Neben  Palaeographie, 
in  der  er  an  der  Hand  der  Handschriftenschatze  der  Heidelberger  Bibliothek 
und  mit  Hilfe  photographischer  Wiedergaben  bertihmter  Handschriften  vor- 
trefflich  zu  unterweisen  wusste,  neben  Quellenkunde  und  kritischen  Uebungen 
in  der  Durchforschung  mittelalterlicher  Schriftsteller  las  er  auch  Collegien 
allgemeineren  Inhalts  wie  Geschichte  des  Mittelalters.  Man  kann  nicht  sagen, 
dass  er  ein  glanzender  Docent  gewesen  ist;  an  Treitschke's  hinreissende  Dic- 
tion reichte  er  nicht  im  Entferntesten  heran,  er  blieb  auch  auf  dem  Katheder 
stets  der  bedachtsame,  fast  schlichterne  Gelehrte,  der  von  seinem  Wissen  den 
Schtilern  nur  soviel  gab,  als  er  nach  strenger  kritischer  Durchpriifung  der 
Quellen  verantworten  zu  konnen  glaubte.  Dabei  bewahrte  er  sich  stets  ein 
selbstandiges,  originelles  Urtheil  tiber  Menschen  wie  Dinge  und  gab  oft  ein 
Bild  unserer  grossen  historischen  Pers6nlichkeiten  und  Zustande  des  Mittel- 
alters, das  dem  weniger  Eingeweihten  paradox  erscheinen  konnte.  Am  an- 
regendsten  war  W.  im  naheren  Verkehr  mit  seinen  Schtilern,  sei  es  in  den 
palaeographischen  und  historischen  Uebungen,  die  er  im  Seminar  abhielt,  sei- 
es  im  privaten  Verkehr.  Dabei  hatte  er  ein  warmes,  perstinliches  Verhaltniss 
zu  jedem  Einzelnen  und  wusste  ihn  in  Arbeit  und  Fortkommen  durch  Rath 
und  That  zu  fordern,  soviel  er  konnte.  So  hat  sich  bald  ein  grosser  Kreis 
von  Schtilern  um  ihn  versammelt,  die  dankbaren  Sinnes  noch  heute  der 
Stunden  gedenken  werden,  in  denen  es  ihnen  vergonnt  war,  den  Lehren 
des  Meisters,  die  sich  auf  streng  kritische  historische  Methode  in  erster  Linie 
bezogen,  zu  lauschen. 

Seine  freie  Zeit  war  in  Heidelberg  fruchtbarer,  schriftstellerischer  Arbeit 
gewidmet  und  hat  manches  Werk  von  dauerndem  Werthe  zu  Tage  gefordert. 
Die  enormen  Kenntnisse,  die  sich  W.  durch  jahrelange  Uebung  und  uner- 
mtidlichen  Fleiss  in  der  Handschriftenkunde  unseres  Mittelalters  erworben 
hatte,  legte  er  in  dem  Buche  liber  das  Schriftwesen  im  Mittelalter  nieder, 
das  uns  ein  anziehendes  Bild  mittelalterlicher  Kulturgeschichte  vor  die  Augen 
flihrt  und  in  den  Jahren  1871  — 1896  in  drei  vom  Verfasser  selbst  bearbeite- 
ten  Auflagen    erschien.     Der  Anleitung  zum  Studium  der  Schrift    galten    die 


368  Wattenbacb. 

beiden  Hilfsbiicher :  Anleitung  zur  griechischen  und  lateinischen  Palaogra- 
phie, die  seit  1867  auch  mehrere  Auflagen  erlebten.  Eine  einen  beschrank- 
teren  Zeitraum  und  eine  bestimmte  Schriftgattung  umfassende  Sammlung  von 
Proben  alter  Handschriften ,  die  das  palaographische  Studium  der  altesten 
Zeiten  nicht  wenig  gefSrdert  haben,  gab  er  im  Verein  mit  Zangemeister  1876 
heraus:  Exempla  codicum  latinorum  Uteris  maiusculis  scripta.  W.  hat  neben 
Jaflfc,  Sickel,  Arndt  u.  A.  am  meisten  dazu  beigetragen,  das  Studium  der 
Palaographie  an  unseren  deutschen  Universitaten  hoffahig  zu  machen  und  so 
eine  der  wichtigsten  Disciplinen  der  historischen  Wissenschaft  zu  erschliessen. 
Ein  neues  Forschungsgebiet  betrat  W.  durch  seine  Studien  zur  Geschichte 
des  deutschen  Humanismus.  Der  Uebergang  vom  Mittelalter  zur  Neuzeit, 
der  gerade  in  dem  Kreise  der  Humanisten  eine  so  charakteristische  Farbung 
annahm,  zog  W.  in  mehr  als  einer  Hinsicht  an  und  die  Heidelberger  Luft, 
die  ja  auch  jene  Humanisten  einst  geathmet  hatten,  gab  wohl  die  An- 
regung  dazu,  ihren  Bestrebungen  nachzugehen.  So  entstanden  1865  und 
in  den  folgenden  Jahren  die  griindlichen,  von  einem  erstaunlichen  Fleisse 
Zeugniss  ablegenden  Forschungen  tiber  Benedict  de  Piglio,  Peter  Luder, 
Sigmund  und  Ulrich  Gossembrot,  Hartmann  Schedel,  die  neues  Licht  auf 
jene  merkwtirdige  Geistesstromung  warfen. 

Im  Jahre  1873,  nachdem  eine  Berufung  nach  Oesterreich  zum  zweiten 
Male  an  der  Kleinlichkeit  und  confessionellen  Beschranktheit  der  dortigen 
Regierung  gescheitert  war,  ging  W.  als  ordentlicher  Professor  der  mittelalter- 
lichen  Geschichte  und  der  historischen  Hilfswissenschaften  nach  Berlin.  Neben 
Palaographie  trieb  er  noch  Quellenkunde  und  las  wie  in  Heidelberg  allge- 
meine  Geschichte  des  Mittelalters  und  ftihrte  junge  Historiker  in  die  Methodc 
der  historischen  Wissenschaft  ein. 

In  seinen  eigenen  Arbeiten  kehrte  W.  in  Berlin  zu  der  Liebe  seiner 
Jugendtage,  zu  den  Monumenta  Germaniae,  zuriick,  die  damals  einen  Veijiin- 
gungsprocess  durchmachten ,  an  dem  W.  ein  grosser  Antheil  wurde.  Die 
alten  Monumentisten,  vor  Allem  der  Leiter  des  ganzen  Unternehmens,  Pertz, 
waren  zu  Grabe  gegangen.  Georg  Waitz  trat  an  die  Stelle  des  Verstorbenen, 
und  in  die  neue  Centraldirection,  der  die  ersten  und  gewiegtesten  Historiker 
Deutschlands  und  Oesterreichs  angehorten,  wurde  auch  W.  1875  herufen. 
Er  wurde  mit  der  Leitung  der  mit  der  Herausgabe  der  Monumenta  Germaniae 
•  verbundenen  Zeitschrift,  in  der  die  Resultate  all  der  zahlreichen  Quellenforschun- 
gen  niedergelegt  wurden  und  die  eine  nothwendige  Erganzung  zu  dem  Haupt- 
werke  bildete,  dem  Neuen  Archive,  betraut,  leitete  die  Abtheilung  der 
Epistolae,  die  uns  das  wichtigste  Briefmaterial  des  Mittelalters  erschliessen 
sollte,  bearbeitete  und  Hess  bearbeiten  die  papstlichen  Regesten  des  XIII.  Jahr- 
hunderts.  Auch  eigene  Quelleneditionen  aus  verschiedenen  Jahrhunderten 
schlossen  sich  an,  theilweise  in  den  Monumenta  Germaniae  selbst,  theilweise  in 
selbstiindigen  Werken  wie  in  den  Monumenta  Alcuiniana ;  auch  eine  Neubearbei- 
tung  der  alteren  Regesta  Pontificum  Romanorum  stand  unter  W/s  Oberleitung. 

Nach  dem  Tode  von  Waitz  1886  erhielt  W.  die  Oberleitung  der  Ge- 
schafte  der  Monumenta  Germaniae  uberwiesen  und  verwaltete  sie  zwei  Jahre 
hindurch.  Als  er  die  Nachfolgerschaft  von  Waitz  nicht  durchsetzen  konnte, 
trat  er  1888  aus  der  Centraldirection  aus  und  legte  auch  seine  Mitarbeiter- 
schaft  an  den  Monumenta  Germaniae  nieder. 

Neue  Aufgaben,  die  er  zum  Theil  schon  in  frtiheren  Jahren  unternom- 
men    hatte,    traten    nun  an  W.  heran.     Die  von  Pertz  begonnene  Sammlung 


Wa^tenbacb.     Spiegelberg.  369 

* 
»Geschichtsschreiber  der  deutschen  VorzeiU,  in  welcher  unsere  wichtigsten 
mittelalterlichen  Geschichtsschreiber  in  guten  deutschen  Uebersetzungen  ver- 
einigt  wurden,  wurde  von  W.  aufs  Neue  durchgesehen  und  verbessert  her- 
ausgegeben,  mit  gelehrten  Einleitungen  und  brauchbarem  Register  versehen. 
Flir  die  Allgemeine  deutsche  Biographie  lieferte  er  die  Lebensabrisse  gar 
mancher  Historiker,  besonders  aus  den  Zeiten  des  Mittelalters,  die  ihm  die 
vertrautesten  waren.  Die  Wahl  in  die  Berliner  Akademie  1881  regte  W.  zu 
zahlreichen  Vortragen  an,  die  nicht  nur  unsere  deutsche  Quellenkunde  for- 
derten,  sondern  auch  auf  das  Gebiet  der  Kirchengeschichte,  vor  Allem  der 
grausamen  Ketzerverfolgungen  in  Brandenburg  und  Pommern  neues  Licht 
warfen.  Popularen  Zweck  verfolgten  seine  vor  einem  zahlreichen  Damen- 
publikum  im  Victoria-Lyceum  in  Berlin  gehaltenen  Vorlesungen  iiber  Geschichte 
des  romischen  Papstthums,  die  freilich  strengeren  Ansprtichen  nicht  vollkommen 
gentigen.  Warmen  Antheil  nahm  W.  auch  am  politischen  Leben  unserer 
Zeit,  liberalen  Anschauungen  huldigend,  an  den  nationalen  Bestrebungen  des 
Deutschen  Schulvereines  und  wurde  so  eine  StUtze  des  bedrangten  Deutsch- 
thums  im  Auslande,  besonders  in  Oesterreich,  in  Siebenbtirgen.  Durch  viele 
Reisen  suchte  er  seine  Kenntnisse  von  Land  und  Leuten  zu  erweitern,  und 
was  er  hier  erworben,  hat  er  ebenfalls  weiteren  Kreisen  zuganglich  gemacht: 
so  in  seinem  schonen  Biichlein  liber  Spanien. 

Das  fruchtbare  Gelehrtenleben  W.'s  ging  nun  zur  Rtiste.  Nachdem  ihn 
bisher  eine  kraftige  Gesundheit  alle  Nothe  des  Lebens  bestehen  Hess,  erfasste 
ihn  ein  Lungenleiden,  dem  er  auf  der  Rtickfahrt  von  Brunnen  am  Vierwald- 
stattersee,  wo  er  vergebens  Heilung  gesucht  hatte,  in  Frankfurt  am  Main  erlag. 
An  der  Seite  seiner  ihm  im  Tode  vorangegangenen  beiden  Schwestern  be- 
reitete  ihm  die  Gattin,  die  ihm  die  letzten  Jahre  seines  Lebens  verschont 
hatte,  die  letzte  Ruhestatte  an  dem  Orte  seiner  frtiheren  und  glticklichsten 
Wirksamkeit,  in  Heidelberg. 

W.  war  ein  Mann  mittlerer  Grosse,  von  gedrungener  Gestalt,  mit  dem 
Ausdruck  feinsten  und  geistvollsten  Humors  um  den  Mund  und  in  den  klug 
und  heiter  dreinblickenden  Augen,  eine  Monchsgestalt,  wie  wir  solche  die 
Raume  unserer  mittelalterlichen  Kloster  wie  St.  Gallen  und  Reichenau  be- 
leben  sehen,  studien-  und  weinselig  wie  diese  und  wie  diese  von  einem  Bie- 
nenfleiss,  dem  wir  die  Sammlung  des  werthvollsten  Materials  ftir  unsere  mit- 
telalterliche  Geschichte  verdanken.  Er  war  der  griindlichste  Kenner  des 
Mittelalters  und  es  bleibt  nur  lebhaft  zu  bedauern,  dass  es  ihm  nicht  mehr 
vergonnt  war,  uns  mit  der  schdnsten  und  reifsten  Frucht  seiner  ausgedehnten 
Kenntnisse,  mit  einer  Kulturgeschichte  des  Mittelalters,  zu  beschenken. 

Als  Quellen  babe  ich  vor  Allem  die  Aufsatze  von  Ernst  Dtimmler  im  Neuen  Arcbiv 
XXIII,  569  ff.  und  von  Karl  Zeumer  in  Sybel's  Historischer  Zeitschrift  IJCXX,  75  ff.  benutzt. 
Dort  ist  aucb  die  weitere  Literatur  Uber  W.'s  Leben  und  Werke  verzeichnet.  Ferner  ver- 
weise  icb  nocb  auf  E.  Dttiamler's  GedSlcbtnissrede  auf  Wilhelm  W.  Berlin  (Abb.  der  Kgl. 
preuss.  Akad.  d.  Wissenscbaftcn)  1898  und  auf  den  soeben  erscbienenen  Artikel  von  C. 
Rodenberg  in  Allg.  deutscbe  Biographie  XLIV,  439  ff. 

Werke  u.  Schriften  s.  aucb  Btirseftbl.  f.  d.  deutscben  Buchbandel  1897.    No.  225. 

Baden-Baden,  den  2.  September  1898. 

Victor  Bayer. 

Spiegelberg,  Julius,  Industrieller,  *  am  18.  Februar  1833  zu  Peine,  f  am 
24.  Januar  1897  zu  Koln.  —  Sp.  war  der  Sohn  eines  israelitischen  Kaufmanns 
Samuel  (f  187 1);  seine  Mutter  Betty  war  eine  geborene  Hollander  aus  Hildesheim. 

Blogr.  Jahrb.  a.  Deattcher  Nekrolog.    2.  Bd.  24 


370  Spiegel  berg.     Eyferth. 

Schon    im   jugendlichen    Alter    machte    er    fiir    den  Vater    weite    Geschafts- 

reisen,  insbesondere  nach  Schottland,  wo  er  bei  dem  lebhaften  Interesse,  das 

er  fiir  industrielle  Unternehmungen  besass,    sich    schon    friih    mit  der  Werg- 

und  Jutegarnspinnerei  bekannt  machte.  Dies  wurde  der  Anlass,  dass  er  im  Jahre 

1857    zu   Vechelde    im  Braunschweigischen    eine    Flachsbereitungsanstalt    be- 

griindete,    der    dann    1859   eine  Werggarnspinnerei    hinzugefiigt    wurde.     Im 

Jahre  1861  wurde  diese  in  eine  Jutespinnerei  umgewandelt,  das  erste  Unter- 

nehmen  der  Art  in  Deutschland,    von    dem    somit    die  Einftihrung  der  Jute- 

industrie  bei  uns  datirt.    Um  dem  Werke  eine  grossere  Ausdehnung  zu  geben, 

griindete  Sp.  1866  zu  seiner  Fortfiihrung  eine  Actiengesellschaft,  anfangs  eine 

englische,   seit  dem  1.  Juli  1868  aber  eine  deutsche,  die  »Braunschweigische 

Actien-Gesellschaft  fur  Jute-  und  Flachsindustrie«.    Dem  ganzen  Unternehmen, 

das  sich  bald    sehr    erweitern    sollte,    hat    dann  Sp.  bis  zum  Jahre  1890  als 

erster  Leiter  in  erfolgreichster  Weise  vorgestanden.     Neben   den  Anlagen  in 

Vechelde  wurde    1874    in  der  Stadt  Braunschweig    eine    grosse  Jutespinnerei 

und    -weberei    erbaut,    die    schon    im  Marz    1883   in   neue,    stark  erweiterte 

Raume  iibersiedeln  musste.     Nachdem  allmahlich  auch  an  anderen  Orten  die 

Juteindustrie  Eingang  gefunden  hatte,  wurde  Sp.  die  Seele  des  Vereins  deut- 

scher  Jute-Industrieller;  unter  seiner  Mitwirkung  wurden  die  noch  heute  fur 

die  Juteerzeugnisse  gtiltigen  Zolltarifbestimmungen  erreicht,  die  die  Grundlage 

fiir   die   grossartige  Entwicklung  der   deutschen  Juteindustrie  geworden  sind. 

Im  Jahre  1887  unternahm  er  eine  Reise  nach  Ostindien,  um  hier  an  Ort  und 

Stelle  Anbau,  Behandlung  und  Ausfuhr  der  Jute  zu  studiren    und  die  Mittel 

zu    erwagen,    wie    die  Herstellung    eines  Jutemarktes    in  Deutschland    zu  er- 

moglichen    sei;    im    folgenden  Jahre  erstattete  er  hiertiber  an  den  deutschen 

Reichskanzler  einen  ausfuhrlichen  Bericht.     Die  Plane,    auf  die  er  hierdurch 

gefiihrt  wurde,  vor  Allem  die  directe  Einfuhr  von  Rohjute  zu  erreichen  und 

dem  ganzen  Industriezweige  nationale  Selbstandigkeit  zu  erringen,  waren  wohl 

der  Grund,    dass  er  am  1.  Juli  1890   seine  Stellung  in  Braunschweig  nieder- 

legte,  um  nach  Hamburg  liberzusiedeln.     Der  Verein   deutscher  Industrieller, 

in  dem  er  jetzt  gleichfalls  den  Vorsitz  aufgab,    erkannte    seine    grossen  Ver- 

dienste  durch  die  Verleihung  der  Ehrenmitgliedschaft  an.   Schon  frtiher  hatte 

die  Landesregierung,    die  ihn  1882  zum  Commerzienrath    ernannte,    gleicher 

Gesinnung  Ausdruck  gegeben.    Hervorzuheben  ist  dabei  noch  der  hingebende 

Eifer,    mit    dem    er    sich   an   der  Begriindung  verschiedener  wirthschaftlicher 

Vereinigungen  betheiligte  und  die  socialpolitischen  Forderungen  und  Wttnsche 

der  Gegenwart  bei  den  von  ihm  geleiteten  Unternehmen  zu  verwirklichen  be- 

strebt  war.     Von  Hamburg  siedelte  Sp.   spater    nach  London    tiber,    wo    er 

unter  der  Firma  »Spiegelberg  und  Co.«  ein  grosses  Jutegeschaft  begrtindete. 

Doch  hatte  er  nicht  den  gewunschten  Erfolg;   er  erlitt  sehr  bedeutende  Ver- 

luste.     Er  starb  auf  der  Reise  an  einem  plotzlichen  Schlaganfall  und  wurde 

auf  dem  Centralfriedhofe  zu  Braunschweig  bestattet.    Verheirathet  war  er  seit 

1 866  mit  Rosa  Wainwright,  einer  Englanderin,  die  ihn  mit  mehreren  Kindern 

liberlebte;    um  die  Zeit  dieser  Heirath  scheint  er  zum  Christenthum  iiberge- 

treten  zu  sein. 

P.  Zimmermann. 

Eyferth,  Oscar  Bruno,  Bergbeamter  und  naturwissenschaftlicher  Schrift- 
steller,  *  am  23.  Juni  1826  zu  Holzminden,  f  am  17.  Juni  1897  zu  Braun- 
schweig.  —  Sein  Vater  Karl  Phil.  Theod.  Eyferth  war  Inspector  der  dortigen 


Eyferth.     Sallentien.  371 

Stahl-  und  Eisenfabrik,  seine  Mutter  eine  geborne  Haberle.  Als  der  Vater  1835 
als  Htitteninspector  nach  Zorge  versetzt  wurde,  besuchte  der  Sohn  die  Schule 
daselbst;  dann  kam  er  Mich.  1838  auf  das  Gymnasium  zu  Blankenburg,  das  er 
Ostern  1 840  mit  dem  Progymnasium  zu  Braunschweig  vertauschte.  Nachdem  er 
dieses  1 '/,  Jahr  lang  und  darauf  die  gleiche  Zeit  das  Realgymnasium  besucht 
hatte,  schied  er  aus  der  ersten  Klasse  des  letzteren  zu  Ostern  1843  aus,  um  sich 
dem  Berg-  und  HUttenfache  zu  widmen.  Er  meldete  sich  zunachst  bei  der  sog. 
Communionverwaltung,  der  die  Hannover  und  Braunschweig  gemeinschaftlich 
gehorigen  unterharzischen  Berg-,  Htitten-  und  Salzwerke  unterstanden,  ward  hier 
jedoch  abgewiesen,  da  der  Andrang  von  Bewerbern  ein  uberaus  grosser  war  und 
die  Gestalt  E.'s,  der,  sonst  gesund,  an  einer  geringen  Kriimmung  der  oberen 
Brustwirbel  litt,  fur  den  Dienst  nicht  kraftig  genug  erschien.  Er  wurde  dann 
in  Braunschweig  zugelassen,  wo  er  die  erste  der  vorgeschriebenen  Priifungen, 
das  sog.  Hiittenelevenexamen,  im  Juni  1844  sehr  gut  bestand.  Nachdem  er 
dann  eine  Zeit  lang  als  Htitteneleve  in  Zorge  beschaftigt  war,  bezog  er  Ostern 
1846  zu  theoretisch  wissenschaftlicher  Ausbildung  das  Collegium  Carolinum 
in  Braunschweig,  wo  er  mehrere  Jahre  verweilte.  Im  Juni  1852  bestand  er 
sodann  das  zweite,  das  sog.  Hiittenofficiantenexamen;  seine  wissenschaftliche 
Bildung  ward  hier  als  eine  hervorragende  bezeichnet,  und  er  wurde  das 
Pradicat  »ausgezeichnet«  erhalten  haben,  wenn  er  fur  den  praktischen  HUtten- 
dienst  eine  ganz  gleiche  Beiahigung  nachgewiesen  hatte.  Noch  im  September 
d.  J.  ward  er  als  Hiittengehulfe  bei  der  Oberhiitteninspection  in  Rubeland 
angestellt,  am  26.  November  1854  aber  als  HUttenschreiber  nach  Zorge  ver- 
setzt. Von  hier  kam  er  1861  als  Kammersekretar  nach  Braunschweig,  wo  er 
dann  seine  librige  Lebenszeit  geblieben  ist.  Im  Jahre  1876  wurde  er  Assessor 
und  endlich  unterm  12.  December  1889  Kammerassessor  und  ausserordent- 
liches  Mitglied  der  Direction  der  Bergwerke;  zum  8.  Mai  1896  erhielt  er  den 
Titel  eines  Bergraths.  In  der  letzten  Zeit  war  er  mitunter  kranklich,  doch 
hat  er  noch  immer  mit  der  grossten  Pflichttreue  seine  Geschafte  versehen, 
bis  ihm  eine  Herzlahmung  den  Tod  brachte.  In  seinen  Mussestunden  be- 
schaftigte  sich  E.  eifrig  mit  naturwissenschaftlichen  Studien,  besonders  mit 
der  Naturgeschichte  der  mikroskopischen  Stisswasserbewohner.  So  lange  seine 
Augen  es  gestatteten,  trieb  er  bis  zu  dem  Ende  auf  das  emsigste  mikro- 
skopische  Untersuchungen.  Die  Ergebnisse  seiner  Arbeiten  hat  er  in  mehreren 
Werken  niedergelegt,  die  in  Fachkreisen  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern, 
wie  die  Uebersetzung  eines  seiner  Blicher  in  das  Englische  beweist,  auch  im 
Auslande  verdiente  Anerkennung  fanden.  Er  gehorte  1862  zu  den  Begriin- 
dern  des  Vereins  ftir  Naturwissenschaft  in  Braunschweig  und  bis  zum  Jahre 
1868  zu  dessen  Vorstande. 

Vergl.  Braunschweig.  Magazin  1897  No.  17  S.  130,  wo  auch  die  von  £.  vertiffent- 
lichten  Schriften  verzeichnet  sind. 

P.  Zimmermann. 

Sallentien,  Karl  Heinrich  Ludwig  Eduard,  Theologe,  *  am  12.  Mai  1825 
zu  Braunschweig,  f  am  3.  Februar  1897  in  Wolfenblittel.  —  S.  stammte  nach 
einer  Familieniiberlieferung  aus  einem  Salzburger  Emigrantengeschlechte.  Sein 
Grossvater  war  als  Stadtprediger  in  Blankenburg  1788  gestorben,  sein  Vater, 
Karl  Ludw.  Ferd.  S.,  als  Generalsuperintendent  zu  Braunschweig  am  16.  April 
1848;  seine  Mutter  Friederike  Charlotte  war  eine  geborne  Witting.  Nach- 
dem   der  Sohn   die  Burgerschule    und  das  Gymnasium  seiner  Vaterstadt  be- 

24* 


372  Sallentien. 

sucht    hatte,    bezog    er  zu   Michaelis    1844  die  Universit&t  Jena,    wo  er  sich 
nach    dem    Vorbilde    des  Vaters    und    aus    innerer  Neigung    der  Theologie 
widmete.     Hier  wurde  er  ausser  durch  Rtickert's  Auslegung  des  alten  Testa- 
ments besonders  durch  Karl  Hase  angeregt,  der  gerade  einen  neuen  kirchen- 
geschichtlichen  Cursus  begonnen  hatte.    Noch  tiefere  Eindriicke  sollte  er  drei 
Semester    spater    durch    die  Professoren  Tholuck  und  Julius  Mtiller   in  Halle 
erhalten,    wo  er    den  Rest  seiner  Studienzeit  verlebte,    die  er  wegen   einer 
schweren  Krankheit  im  Winter  1846 — 47  ftir  ein  Halbjahr  unterbrechen  musste. 
Zu  Tholuck  durfte    er    bald    in   ein  n&heres  Verhaltniss  treten;    hier  war  es 
besonders  der  personliche  Verkehr,  der  ihn  forderte,  wahrend  ihn  bei  Miiller 
hauptsachlich  die  Vorlesungen  und  die  Uebungen  des  homiletischen  Seminars 
anzogen.     Ostern    1848    kehrte  S.  in  die  Heimat  zuriick   und    bestand    hier 
im   September    die    erste  theologische  Priifung.     Da  die  Aussichten  auf  An- 
stellung    damals  ftir    die  Geistlichen  ausserst  schlecht  waren,    so  wandte  er 
sich  zutiachst  dem  Lehrfache  zu.     Nachdem  er  eine  Zeit  lang  an  der  Unter- 
richts-  und  Erziehungsanstalt  des  Pastors  Kellner    in  Barbecke  gewirkt  hatte, 
iibernahm  er  in  Braunschweig  zuerst  die  Aufsicht  tiber  die  beiden  Sohne  des 
Freiherrn  v.  Minnigerode    (von  denen  der  eine  sich  spater  als  Parlamentarier 
bekannt    machte),    dann    (1851)    die    Erziehung    des    Erbgrafen    zu  Erbach- 
Schonberg,  der  von  1852  bis  Michaelis  1858  das  Gymnasium  in  Braunschweig 
besuchte.     Da  hier  jetzt  gerade  eine  Lehrkraft  fehlte,    so    iibernahm    er  von 
Michaelis    1858   bis   Ostern    i860  in  den  beiden   untersten  Klassen  des  Pro- 
gymnasiums    eine   Reihe  von  Unterrichtsstunden.     Hierdurch    wurde  die  Ab- 
legung  der  zweiten   theologischen  Priifung  weit  hinausgeschoben ;    er  bestand 
sie  erst  im  Februar  i860.     Im  Mai    des  Jahres  wurde   er  dann  Mitglied   des 
Predigerseminars  in  Wolfenbiittel,    in  dem  er  spater  zum  Subsenior  aufruckte 
und  bis  April  1863  verblieb.     Zum  1.  Mai  1863  wurde   er  dann  endlich  als 
Pastoradjunkt    an    der  Stadtpfarre  zu  Blankenburg  angestellt;    im  Nebenamte 
hatte    er    noch    die  Direction    der  dortigen  Blirgerschulen  zu  versehen.     Im 
folgenden  Jahre  (19.  October)  verm&hlte  er  sich  mit  Elisabeth  Maensz,  einer 
Predigertochter  aus  Hohendodeleben.     Gegen  Ende    des  Jahres   1870  bekam 
er    die  Pfarre  zu  Gross- Vahlberg  und  Bansleben,  aber  auch  nur   als  Pastor- 
adjunct,  wenn  auch  mit  der  Hoffhung  auf  Nachfolge.     Diese  sollte  sich  nicht 
mehr  erftillen.     Denn  bevor  sein  Vorg£nger  1879  starb,  war  S.  schon  untenn 
7.    Mai    1875    a*s  Nachfolger    des   Abts    D.  Hille    zum    Consistorialrath    in 
Wolfenbiittel  ernannt  worden.     In  dieser  Stellung  hat  er  eine  ausserst  segens- 
reiche  Thatigkeit    entfaltet.     Er    bearbeitete    die    geistlichen  Angelegenheiten 
zunachst  mit  dem  Abte  Ernesti,  nach  dessen  Tode  (August  1880)  er  in  seine 
Stelle  einrtickte,  wobei  Karl  Rohde  ihm  als  Consistorialrath  zur  Seite  trat.    In 
gesetzgeberischer  Hinsicht  fuhrte  er  vor  allem  die  Ausarbeitung  der  liturgischen 
Ordnungen  weiter,  die  bereits  von  Ernesti  und  Hille  begonnen  worden  waren. 
In  der  theologischen  Priifungscommission,  die  wesentlich  durch  ihn  ins  Leben 
gerufen   wurde,    ftthrte  er    bis  zu  seinem  Tode  den  Vorsitz.     Er  hatte  dann 
diese  Gesetze  und   einen  grossen  Theil    der    sonstigen  Wirksamkeit  des  Con- 
sistoriums  auch  in  der  Landessynode  zu  vertreten.     Vor  Allem    nahmen    ihn 
aber    die    laufenden    Geschafte    der    Kirchenverwaltung,    die  er  schnell  und 
schlank  erledigte,    in  Anspruch.     Seine  Erlasse    und  Berichte  zeichneten  sich 
hier  immer    durch   Klarheit    und   btindige  Klirze  aus.     Er    zeigte  sich   auch 
sonst  in  der  Kirchenverwaltung  als  ein  klarer  Kopf  und  ein  fester  Charakter; 
er  liebte,  wie  er  zu  sagen  pflegte,   »reinliche  Verhaltnisse«;  alle  unklaren  ver- 


Sallentien.  273 

schwommenen  Ideen  waren  ihm  zuwider,  und  kein  Mann  nach  seinem  Herzen, 
dem  er  nicht  ein  festes  Ruckgrat  zutrauen  durfte.  In  religioser  Beziehung 
stand  er  fest  auf  konfessionellem  Boden,  und  er  hielt  es  flir  seine  Pflicht, 
diesen  auch  der  Kirche,  an  deren  Spitze  er  gestellt  war,  nach  Kraften  zu 
erhalten.  Er  hatte  sich  in  ernstem  Streben  zu  diesem  Standpunkte  durch- 
gerungen.  Das  hinderte  ihn  aber  nicht,  sondern  befahigte  ihn  um  so  mehr, 
abweichenden  Richtungen  und  Auffassungen  Verstandniss  zu  zeigen  und  ge- 
recht  zu  werden.  Er  war  niemals  ein  einseitiger  Parteimann  und  weit  davon 
entfernt,  seine  einflussreiche  Stellung  im  Partei-Interesse  auszunutzen.  Bei  der 
Besetzung  von  kirchenregimentlichen  Stellen  sah  er  in  erster  Linie  auf  die 
personliche  Tlichtigkeit,  und  er  trug,  wo  er  diese  fand,  kein  Bedenken,  die  Er- 
nennung  liberaler  Geistlicher  zu  Superintendenten  und  zu  Mitgliedern  der 
Prlifungscommission  in  Vorschlag  zu  bringen,  ja  sogar  einmal  auch  die  Be- 
statigung  eines  Geistlichen  durchzusetzen,  dem  diese  in  Berlin  verweigert 
worden  war.  In  dem  Predigerseminare,  dessen  Mitleitung  ihm  oblag,  wusste 
er  auf  den  jungen  theologischen  Nachwuchs  des  Landes  durch  Lehre  und 
Vorbild  auf  das  Vortheilhafteste  einzuwirken;  vielen  von  seinen  Schulern  ist 
er  hier  als  vaterlicher  Freund  nahe  getreten.  Auch  ein  grosser  Theil  der 
alteren  Geistlichkeit  stand  noch  unter  seiner  besonderen  Leitung,  da  ihm 
vom  i.  Januar  1879  a^  die  Generalsuperintendentur  zu  Wolfenbtittel,  unterm 
13.  Marz  1 89 1  auch  die  zu  Blankenburg  (ibertragen  wurde.  Hier  hat  er  bei 
den  Inspections-  und  Prediger-Synoden  durch  seine  personliche  Betheiligung 
in  hochst  erfolgreicher  und  wohlthatiger  Weise  eingewirkt.  Ausserhalb  seiner 
amtlichen  Thatigkeit  lag  ihm  die  Forderung  aller  Bestrebungen  auf  religiosem 
Gebiete,  auf  dem  der  innern  Mission,  der  christlichen  Liebesthatigkeit  u.  s.  w. 
warm  am  Herzen.  Eine  Zeit  lang  war  S.  auch  Mitglied  der  Oberschul- 
commission,  doch  trat  er  aus  ihr  wegen  der  UebergrifFe  eines  Kollegen  schon 
nach  zwei  Jahren  wieder  aus.  Ueber  die  Grenzen  des  Braunschweiger  Landes 
hinaus  geht  die  Thatigkeit,  die  er  nach  Ernesti's  Tode  als  Mitglied  der 
deutschen  evangelischen  Kirchenkonferenz  in  Eisenach  entfaltete.  Welches 
Ansehen  S.  in  diesem  Kreise  der  Vertreter  der  deutschen  Kirchenregierungen 
genoss,  geht  deutlich  daraus  hervor,  dass  ihm  seit  1890  regelmassig  der  Vor- 
sitz  in  dieser  Versammlung  tibertragen  wurde.  Auch  sonst  hat  es  ihm,  ob- 
wohl  er  gar  nicht  danach  strebte,  an  ausserer  Anerkennung  nicht  gefehlt. 
Unterm  25.  April  1881  wurde  ihm  von  Herzog  Wilhelm,  der  ihn  in  Blanken- 
burg kennen  und  schatzen  gelernt  hatte,  die  Wtirde  eines  Abts  von  Marien- 
thal  verliehen.  Die  theologische  Facultat  der  Universitat  Rostock  ernannte 
ihn  am  9.  April   1884  zum  Doctor  der  Theologie  honoris  causa.    Am  1.  April 

1890  wurde  er  Viceprasident  des  herzoglichen  Consistoriums  und  zum  8.  Mai 

1 89 1  erhielt  er  das  Kommandeurkreuz  des  Ordens  Heinrichs  des  Lowen. 
Seit  dem  Jahre  1875  war  S.  auch  Mitglied  der  Landesversammlung,  der  er 
bis  zum  Jahre  1894  ununterbrochen  angehorte.  Im  Allgemeinen  ist  er  hier 
wenig  hervorgetreten.  Durchaus  loyaler  und  konservativer  Gesinnung  hat  er 
zumeist  im  Sinne  der  Regierung  gestimmt  und  nur  selten,  wenn  es  sich  nicht 
um  Angelegenheiten  der  Kirche  oder  Schule  handelte,  das  Wort  ergriffen, 
obwohl  ihm  dies  gut  zu  Gebote  stand,  und  es  ihm  auch  an  Schlagfertigkeit 
keineswegs  fehlte.  Ebenso  wenig  mangelte  es  ihm  an  persOnlichem  Muthe. 
Das  zeigte  sich  deutlich  in  den  Fallen,  wo  er  es  fur  eine  Gewissenspflicht 
hielt,  mit  seiner  Ansicht  ofFen  hervorzutreten ;  da  konnten  ihn  keine  Anfein- 
dungen,  kein  Drohen,  kein  Spott  und  Hohn  davon  zurtickhalten,  rticksichtslos 


374 


Sallentien. 


seiner  Ueberzeugung  Ausdruck  zu  geben.  Das  sollte  sich  vor  allem  bei  zwei 
Gelegenheiten  zeigen.  Zunachst  nach  dem  Tode  Herzog  Wilhelms  vor  der 
Regentenwahl.  S.  war  ein  Uberzeugter  Anhanger  der  legitimen  Monarchic; 
er  stand  fest  auf  dem  Boden  der  deutschen  Reichsverfassung,  hatte  die  Eini- 
gung  der  deutschen  Stamme  zu  einem  machtigen  Reiche  und  alle  die  grossen 
Errungenschaften  der  neuen  Zeit  mit  Freuden  begrtisst  und  war  alien  Be- 
strebungen  vollig  abhold,  die  diese  in  Frage  stellen  mussten.  Aber  ebenso 
entschieden  war  er  ftir  die  Aufrechterhaltung  der  heimischen  Landesrechte 
und  die  Innehaltung  der  Braunschweigischen  Landesverfassung,  die  er  be- 
schworen  hatte.  Das  war  ihm  eine  heilige  Gewissenssache.  Er  sah  ein  und 
gab  unumwunden  zu,  dass  von  Braunschweigischer  Seite  die  Thronbesteigung 
des  berechtigten  Thronfolgers  nicht  erzwungen  werden  konnte,  dass  somit 
der  Fall  eintrat,  fiir  den  zu  ungestorter  Fortftihrung  der  Landesverwaltung 
und  sicherer  Aufrechterhaltung  der  Rechte  der  legitimen  Dynastie  das  Regent- 
schaftsgesetz  vom  16.  Februar  1879  gegeben  worden  wan  Aber  ihn  hatte 
keine  Gewalt  der  Erde  dazu  vermocht,  eine  Massregel  gut  zu  heissen,  die 
auf  eine  Vereitelung  jener  Thronfolgerechte  abgezielt  hatte.  Und  als  die 
thatsachliche  Verhinderung  des  berechtigten  Thronfolgers  zur  sofortigen  Ueber- 
nahme  der  Regierung  vorlaufig  anerkannt  und  ein  Regent  gewahlt  werden 
musste,  da  konnte  er  sich  nicht  dazu  verstehen,  die  Schuld  an  dieser  Zwangs- 
lage  dem  ungliicklichen  Herzoge  von  Cumberland  aufzubiirden.  Das  geschah 
in  dem  Antrage  der  staatsrechtlichen  Commission,  der  am  20.  October  1885 
zur  Verhandlung  kam.  Mochten  auch  viele  von  der  inneren  Ungerechtigkeit  dieses 
dem  Herzoge  gemachten  Vorwurfs  bei  sich  uberzeugt  sein:  den  Muth,  sich 
offen  dagegen  zu  erklaren,  fanden  nur  S.  und  sein  Freund,  der  Abt  Thiele. 
Noch  klarer  trat  sein  edler  Mannesmuth  bei  den  Berathungen  tiber  den 
Huldigungseid  fiir  den  Prinzregenten  zu  Tage.  Um  sich  und  vielen  ge- 
angstigten  Herzen,  namentlich  auch  unter  der  Geistlichkeit,  Beruhigung  zu 
verschaffen,  hielt  er  es  fiir  seine  Pflicht,  iiber  das  Verhaltniss  des  neuen  Eides 
zu  dem  alten  dem  Hause  Braunschweig  geschworenen  Erbhuldigungseide  eine 
authentische  Erklarung  zu  verlangen,  und  seinem  entschiedenen  Auftreten  ist 
es  zu  danken,  dass  damals  von  dem  Vorsitzenden  des  Staatsministeriums,  der 
auffallenderweise  erst  einer  offenen  Aussprache  auswich,  dann  doch  dem 
neuen  Huldigungseide  eine  Erklarung  gegeben  wurde,  nach  der  ohne  Ge- 
wissensbedenken  auch  alle  diejenigen  ihn  hatten  leisten  konnen,  die  den 
alten  Erbhuldigungseid  in  fester  Treue  zu  halten  gewillt  waren.  Das  hat  im 
ganzen  Lande  zahlreiche  besorgte  Gemtither  von  drlickender  Sorge  befreit 
und  ihm  in  weiten  Kreisen,  zu  denen  auch  Schreiber  dieser  Zeilen  lebenslang 
sich  rechnen  wird,  aufrichtigen  Dank  und  innige  Verehrung  erworben.  Dass 
bei  dieser  offen  bethatigten  legitim-monarchischen  Gesinnung  sowohl  der 
Regent  des  Herzogthums,  Prinz  Albrecht,  wie  dessen  Gemahlin  S.  stets  mit 
der  grossten  Auszeichnung  behandelten  und  wiederholt  eines  besonderen  Ver- 
trauens  wtirdigten,  mag  manchen  liberrascht  haben,  hat  aber  nicht  zum  min- 
desten  dazu  beigetragen,  dem  Regenten  voiles  Zutrauen  und  wahre  Hoch- 
achtung  gerade  in  legitimistischen  Kreisen  zu  gewinnen.  Sonst  hat  sich  S. 
von  allem  politischen  Treiben  geflissentlich  fern  gehalten.  Jede  Thatigkeit 
der  Art  schien  ihm  nicht  im  Einklange  zu  stehen  mit  den  Pflichten,  die  ihm 
die  Wurde  seines  hohen  Kirchenamtes  auferlegte.  Dieser  ausserlich  und 
innerlich  zu  geniigen,  war  er  stets  auf  das  eifrigste  bedacht,  aber,  was  das 
schonste   dabei  war,    ohne   dass  jemand  etwas  davon  merkte.     Eine  Achtung 


Sallentien.     von  Wegele.  375 

gebietende  Wtlrde  war  ihm  angeboren;  er  war  nie  besorgt,  sie  zu  verlieren, 
und  verband  damit  eine  so  anspruchslose  Einfachheit  und  Nattirlichkeit,  einen 
so  feinen  Takt,  so  gewinnende  Formen,  dass  sogleich  ein  jeder  unwillktirlich 
sich  zu  ihm  hingezogen  flihlte.  Hinzu  kam,  dass  auch  die  Glite  seines 
Herzens,  die  Vornehmheit  seiner  Gesinnung  in  seinem  Wesen  unwillktirlich 
zum  Vorschein  kamen.  Er  war  eine  gliicklich  harmonische  Natur,  in  der 
die  Krafte  des  Geistes  und  Gemiithes  in  schonstem  Gleichmaasse  standen; 
dabei  besass  er  einen  frohlichen,  heiteren  Sinn,  war  er  auch  ftir  ein  harm- 
loses  Scherzwort  stets  aufgeschlossen  und  verstand  es,  schlagfertig  sofort  in 
gleichem  Tone  zu  erwidern.  Die  liebste  Erholung  von  seinem  Berufe  fand 
er  in  dem  gllicklichen  Familienkreise,  der  ihn  umgab,  dessen  Seele  er  war 
und  dem  er  durch  sein  ernstes  und  doch  heiteres  Wesen  den  Charakter  eines 
christlichen  Hauses  im  besten  Sinne  des  Wortes  verlieh.  Ftir  ein  schweres 
Unterleibsleiden,  das  er  mit  bewundernswerther  Geduld  und  Standhaftigkeit 
trug,  hatte  ein  wiederholter  Besuch  des  Bades  Wildungen  ihm  keine  vollige 
Gesundung  bringen  konnen.  Im  letzten  Jahre  liessen  seine  Krafte  merklich 
nach  und  am  Morgen  des  3.  Februar  1897  machte  der  Tod  seinem  arbeits- 
reichen  und  gesegneten  Leben  ein  Ende. 

Braunschw.  Magazin  1897,  S.  25  —  28.  —  Brunonia  1897,  No.  7.  —  Evang.-luther. 
Wochenblatter  1897,  S.  26 — 31. 

P.  Zimmermann, 

Wegele,  Franz  Xaver  von,  Historiker,  *  am  28.  October  1823  zu 
Landsberg  am  Lech,  f  am  16.  October  1897  zu  Wlirzburg.  —  Am  16.  October 
1897  verlor  die  Universitat  Wurzburg  einen  ihrer  verdientesten  Lehrer,  eines 
ihrer  charaktervollsten  Mitglieder,  Franz  Xaver  von  Wegele,  Sein  reines, 
arbeitsreiches  Leben  war  eine  lange  Spanne  Zeit  der  frankischen  Hochschule 
gewidmet,  in  erster  Linie  im  Gelehrtenleben,  dann  aber  auch  bedeutsam 
durch  seinen  politischen  Inhalt,  durch  das  feste  und  unentwegte  Eintreten  fur 
Recht  und  Billigkeit,  flir  eine  freiere  Auffassung  der  Dinge,  als  man  sie  im 
Konigreich  Bayern  in  jenen  Tagen  gewohnt  war.  Es  ist  daher  Pflicht  der 
Nachlebenden ,  seinen  fleckenlosen,  an  Verdiensten  und  Erfolgen  reichen 
Lebensgang  in  Worten  festzuhalten  und  kiinftigen  Geschlechtern  als  Beispiel 
daftir,  was  auch  ein  schlichter,  deutscher  Gelehrter  an  fruchtbarem  Samen  in 
seinem  Vaterlande  ausstreuen  kann,  hinzustellen. 

W.  wurde  in  dem  alten,  malerischen  und  an  historischen  Erinnerungen 
nicht  allzu  armen  Stadtchen  Landsberg  am  Lech  in  Oberbayern,  als  Sohn 
eines  Metzgermeisters,  geboren.  Seine  Gymnasialbildung  empfing  er  auf  dem 
Benedictiner-Gymnasium  zu  St.  Stephan  in  Augsburg.  Hier  sind  es  besonders 
einige  aus  Oesterreich  berufene  Lehrer,  deren  Unterricht  von  Werth  ftir  seine 
Ausbildung  wurde.  Im  Uebrigen  nimmt  sein  Jugendleben  den  gewohnlichen 
Verlauf  und  wir  sind  nicht  im  Stande  zu  sehen,  welche  Anregungen  ihn  auf 
den  kiinftigen  Beruf  als  Historiker  gebracht  haben.  Vielleicht  dtirften  die 
historischen  Erinnerungen  in  Landsberg,  mehr  noch  wohl  die  Augsburgs  in 
ihm  die  Liebe  zur  Geschichte  geweckt  haben.  Welche  Personen  auf  ihn  in 
der  Jugend  Einfluss  gehabt  haben,  bleibt  uns  ebenfalls  leider  verborgen.  Ein 
besonders  nahes  Verhaltniss  hat  ihn  mit  der  Mutter  verbunden,  die  ein  hohes 
Alter  erreicht  hat  und  der  er  stets  mit  aufrichtiger  Liebe  und  Verehrung 
anhing.  Nach  Beendigung  seiner  Gymnasialstudien  bezog  W.  1842  die  Uni- 
versity ten  MUnchen  und  Heidelberg,    und  hier    am   Neckar  war  es,  wo  vor 


376  v°n  Wegele. 

Allem  drei  Manner  die  Richtung  seiner  Geistesbildung  bestimmten,  Schlosser, 
Gervinus  und  der  noch  jugendliche  Ludwig  Hausser.  Friih  von  der  Neigung 
zur  Litteraturgeschichte  erfullt,  bot  ihm  dafiir  besonders  Gervinus  Anregung 
und  W.'s  spatere  Arbeiten  haben  gezeigt,  dass  er  dieser  Vorliebe  stets  treu 
geblieben  ist.  Die  universalhistorische  Richtung  Schlossers  hat  W.  dahin 
gebracht,  nie  an  Einzelheiten  kleben  zu  bleiben,  sondern  den  Blick  ofFen  zu 
halten  fur  die  Gesammtentwickelung  der  Menschheitsgeschichte.  Daneben 
trat  dann  die  politische  Geschichte,  deren  glanzender  Vertreter  Hausser  war, 
in  ihre  Rechte  und  erfiillte  den  jungen  Studenten  mit  Begeisterung.  An 
dem  Vorbilde  Hausser's  hat  sich  dann  auch  der  junge  Docent  W.  ausgebildet 
und  die  glanzenden  Eigenschaften  des  Hausser'schen  Vortrages  sind  auf  den 
Jtingeren  ubergegangen  und  haben  ihn  in  seiner  akademischen  Laufbahn  zu 
einem  anregenden  und  gewandten  Lehrer  gemacht.  Nachdem  er  in  Heidel- 
berg den  Doctortitel  erworben,  suchte  sich  W.,  von  Hausser  dazu  angeregt, 
im  praktischen  politischen  Leben  umzusehen  und  begab  sich  zu  diesem 
Zwecke  im  Jahre  1848  nach  Frankfurt  am  Main,  das  damals  ftir  einige  Zeit 
durch  das  eben  versammelte  deutsche  Parlament  der  Mittelpunkt  des  poli- 
tischen Lebens  unserer  Nation  wurde  und  einem  offenen  Kopfe  wie  dem  W.'s 
einen  Einblick  in  die  politischen  Vorgange  der  Zeit  bot,  wie  er  giinstiger 
damals  nicht  zu  gewinnen  war.  In  den  verschiedenen  politischen  Clubs  der 
Mainstadt  gab  es  viel  zu  beobachten  und  zu  lernen,  und  daraus  hat  der 
junge  Gelehrte  bleibende  und  fruchtbringende  Eindriicke  ftir  alle  Zukunft 
gesammelt. 

Im  Jahre  1849  wandte  sich  W.  nach  Thtiringen  und  Hess  sich  intJena 
als  Privatdocent  der  Geschichte  nieder.  1851  wurde  er  hier  ausserordent- 
licher  Professor.  Seine  offentliche  Wirksamkeit  als  akademischer  Lehrer  und 
seine  wissenschafdiche  Laufbahn  als  historischer  Schriftsteller  nahmen  nun 
ihren  Anfang.  Der  Geist  der  kleinen,  aber  vielseitig  angeregten  Musenstadt 
Jena  erfiillte  bald  auch  W.  Hier  hatte  einst  Schiller  als  Historiker  gewirkt, 
hier  wehte  noch  die  litterarische  Luft  des  XVIII.  Jahrhunderts  und  begann 
auf  den  jungen  Docenten  ihren  Zauber  auszutiben.  Zunachst  geht  er  ganz 
auf  in  der  akademischen  Thatigkeit.  Vorlesungen  tiber  die  Geschichte  der 
deutschen  Historiographie,  die  sich  spater  zu  einem  Buche  auswachsen  sollten, 
damals  aber  in  Ermangelung  guter  Hilfsmittel  noch  mtihsam  aus  dem  Rohen 
zusammengetragen  und  verarbeitet  werden  mussten,  fullten  die  erste  Zeit  aus 
und  welchen  Erfolg  er  damit  hatte,  zeigte  ihm  schon  friih  die  Dankbarkeit 
und  Anhanglichkeit  der  Schtiler,  unter  denen  spater  zur  Bedeutung  gelangtc 
Historiker,  wie  die  schwabischen  Vettern  Otto  und  Siegurd  Abel  sich  be- 
fanden.  Auch  an  den  nahen  Weimarer  Hof  wurde  W.  zur  Abhaltung  eines 
Vortrages  berufen. 

Bald  ist  es  die  thiiringische  Geschichte,  die  den  jungen  Gelehrten  be- 
sonders anzog  und  die  seine  ersten  historischen  Schriften  hervorrief.  Karl 
August  von  Weimar  eroflhete  die  Reihe  derselben.  Litteratur  wie  Politik, 
die  beiden  Dinge,  die  W.  von  Anfang  an  anzogen  und  in  deren  Verbindung 
sich  seine  Geistesrichtung  am  Deutlichsten  auspragte,  sind  in  diesem  Ftirsten- 
leben  so  eng  mit  einander  verkniipft,  dass  es  ftir  W.  einen  besonderen  Reii 
haben  musste,  sich  gerade  an  diesem  Stoffe  zu  versuchen  und  die  ersten 
Sporen  zu  verdienen  und  dieser  Versuch  ist  dem  jungen  Manne  trefflich  ge- 
lungen.  Scharf  umrissen  tritt  uns  die  Gestalt  des  Weimarer  Ftirsten  entgegen: 
die  stiirmische  Jugend,  der  Bund  mit  Goethe,  die  Abklarung  im  reifen  Alter, 


von  Wegele.  377 

die  Vielseitigkeit  der  geistig-litterarischen  wie  der  politisch-landesvaterlichen 
Interessen  dieses  ideal  angelegten  Wettiners,  ihnen  alien  weiss  W.  gerecht  zu 
werden  und  uns  das  Bild  eines  unserer  besten  deutschen  Herrscher  lieb  und 
wert  zu  machen.  Flir  einen  so  jungen  Gelehrten  wie  W.  war,  legt  das  Buch 
Zeugniss  ab  von  einer  merkwtirdig  scharfen  Beobachtungsgabe  und  von  durch- 
dringendem,  politischem  Urtheil.  Der  Jenenser  Aufenthalt  zeitigte  ausserdem 
noch  einige  Publikationen,  welche  uns  die  Quellen  zur  alteren  thuringischen 
Geschichte  —  denn  W.  verband  mit  allgemeinen  Gesichtspunkten  und  For- 
schungen  auch  gerne  das  Naheliegende,  durch  das  lokale  historische  Interesse 
Gebotene  —  erschlossen  haben.  Ich  meine  die  Ausgaben  der  Annales  Rein- 
hardsbrunnenses  und  der  Chronik  des  Erfurter  Monches  Nikolaus  von  Siegen, 
die  er  in  den  Thuringischen  Geschichtsquellen  Band  I  und  II  erscheinen  liess. 
Auf  denselben  Studienkreis  bezog  sich  dann  das  spater  entstandene  Werk: 
Friedrich  der  Freidige,  Markgraf  von  Meissen,  Landgraf  von  Thliringen  und 
die  Wettiner  seiner  Zeit  (1247 — 1325),  das  uns  mit  einem  der  wichtigsten 
Abschnitte  der  mittelalterlichen  sachsisch- thuringischen  Geschichte  in  sorg- 
fal  tiger  Forschung  bekannt  machte.  Den  territorial  en  Zusammenschluss  der 
sachsisch  -  thuringischen  Lande  unter  der  Ftihrung  des  Markgrafen  Friedrich 
des  Freidigen,  der  mit  zaher  Energie  an  den  Rechten  seines  Hauses  festhielt 
und  dadurch  den  Grund  zur  Wettinischen  Hausmacht  in  Mitteldeutschland 
legte,  wird  uns  in  einem  anziehenden  biographisch-historischem  Bilde 
dargelegt. 

Ebenfalls  dem  Jenenser  Aufenthalt  gehort  endlich  ein  Werk  an,  das  die 
Eigenart  W.'s,  die  in  einer  feinen  Beobachtung  der  Litteraturgeschichte  ver- 
bunden  mit  universalhistorischen  Gesichtspunkten  besteht,  besonders  deutlich 
darlegt,  ich  meine  Dante  Alighieri's  Leben  und  Werke.  Das  Buch  erfreute 
sich  eines  solchen  allgemeinen  Beifalls,  dass  es  1879  *n  dritter  Auflage  er- 
scheinen konnte.  Dante  der  Mensch,  der  Politiker,  der  Dichter,  ein  mittel- 
alterlicher  Geist  mit  bereits  modernem  Geprage,  wird  uns  an  der  Hand  der 
besten  Quellen  klar  vor  die  Augen  gestellt.  Aber  nicht  nur  sein  Leben, 
seine  politische  Rolle  erfahren  die  beste  Beleuchtung  durch  die  Kunst  des 
kenntnissreichen  Historikers,  die  um  so  hoher  anzuschlagen  ist,  als  W.,  auch 
darin  ein  echter  deutscher  Gelehrter,  niemals  den  Boden  Italiens,  dem  sein 
Held  entsprossen  war,  betreten,  niemals  die  Schauplatze  von  Dantes  Leben  und 
Wirken,  Florenz,  Verona,  Ravenna  mit  eigenen  Augen  geschaut  hat;  auch  seine 
Werke  der  Dichtkunst  wie  der  Prosa  werden  von  W.'s  Hand  zerlegt  und  in 
ihrem  geistigen  Inhalt,  der  der  Menschheit  angehort,  vorgefiihrt.  Mit  Hilfe 
dieses  Buches  ist  zum  ersten  Male  das  Leben  Dantes  und  das  Werk  seines 
Lebens  aus  dem  Dunkel  der  Vergangenheit  in  das  Licht  des  hellen  Tages 
gezogen  worden  und  noch  heute  ist  ein  Verstandniss  Dantes  nicht  moglich 
ohne  Benutzung  dieses  Buches.  Das  hat  auch  neuerdings  der  jtingste  Biograph 
Dantes,  Franz  Xaver  Kraus,  mit  warmen  Worten  anerkannt  und  daran  wird 
die  Gegnerschaft  anderer  Dante-Forscher,  die  mit  Geringschatzung  auf  W.'s 
Leistung  herabblicken  zu  milssen  meinten,  nichts  zu  andern  vermogen.  Grund- 
legend  fur  alle  weitere  Forschung  bleibt  W.'s  Dante-Biographie,  vermag  auch 
neu  hinzukommendes  Material  hie  und  da  in  dem  Gesammtbilde  einen  neuen 
Zug  hineinzuzeichnen. 

Der  Jenenser  Aufenthalt  W.'s  ging  nun  nach  Vollendung  des  Dante 
seinem  Ende  entgegen,  nicht  ohne  das  personliche  Leben  des  jungen  Ge- 
lehrten bereichert  zu  haben.     In  Jena  ftihrte  W.  seine  erste  Gattin  heim,  um 


378  von  Wegele. 

mit  ihr  gltickliche  Jahre  zu  verleben  und  sie  dann  frtih  hingeben  zu  mtissen. 
Drei  Sohne  sind  aus  dieser  ersten  Ehe  hervorgegangen,  der  Stolz  und  die 
Freude  des  Vaters,  zugleich  einer,  der  alteste,  sein  Schmerzenskind,  das  er 
in  dessen  Junglingsalter  jahlings  verlieren  musste.  So  blieben  auch  diesem 
Gliickskinde  die  Prtifungen  unseres  irdischen  Lebens  nicht  v6llig  erspart.  Sie 
hinderten  ihn  aber  nicht,  seinen  Berufs-  und  literarischen  Pflichten  mit  un- 
geschmalertem  Eifer  nachzukommen,  spornten  ihn  vielmehr  an,  in  offendicher, 
wissenschaftlicher  Thatigkeit  den  Trost  gegen  Menschenschicksal  zu  suchen 
und  zu  finden. 

Ein  neuer  Lebens-Abschnitt  beginnt  fttr  W.  mit  der  Berufung  als  ordent- 
licher  Professor  der  Geschichte  an  die  Universitat  Wtirzburg  im  Jahre  1857. 
Seine  bayerische  Heimat  hatte  in  der  Zeit,  wo  er  sie  gemieden,  eine  beachtens- 
werthe  Umwandlung  durchlebt.  Das  reactionare  Regiment  Konig  Ludwigs  L, 
der  nach  den  sturmischen  Tagen  der  Jugend,  in  denen  er  sich  ftir  die  Be- 
freiung  des  deutschen  Bodens  von  der  franzosischen  Fremdherrschaft 
Napoleons  I.  begeisterte,  bald  finsteren  Machten  verfiel  und,  eine  autokratische 
Natur,  sein  Land  und  Volk  auf  seine  Weise  zu  beglticken  trachtete,  war  von  den 
Sttirmen  der  Revolution  des  Jahres  1848  hinweggefegt  worden,  sein  Sohn, 
Maximilian  II.,  sass  jetzt  auf  dem  bayerischen  Thron.  Mit  ihm  begann  ein 
freierer  Geist  Uber  Bayern  zu  wehen  und  vor  Allem  suchte  der  junge  Konig, 
dem  Beispiele  seiner  erlauchten  Ahnen  folgend,  der  Wissenschaft  in  erster 
Linie  und  neben  ihr  der  Kunst,  eine  Heimat  in  seinem  Bayernlande  zu 
grtinden.  Manner  der  Wissenschaft  trachtete  Maximilian  II.  um  sich  zu  ver- 
sammeln,  mit  ihnen  in  zwanglosem  Verkehr  geistigen  Austausch  zu  pflegen 
und  sich  mit  Vorliebe  in  philosophische,  historische  und  politische  Fragen  zu 
vertiefen.  In  diesem  Kreise  entstand  nun  der  Plan,  auch  W.'s  Krafte  seinem 
Vaterlande  nutzbar  zu  machen.  So  wurde  er  von  Jena  als  ordendicher  Pro- 
fessor der  Geschichte  nach  Wtirzburg  berufen,  auf  einen  Lehrstuhl,  den  er 
40  Jahre  lang  ohne  Unterbrechung  mit  immer  steigendem  Erfolge  ein- 
nehmen  sollte. 

W.  hatte  schon  in  Jena  durch  eine  Arbeit,  welche  die  rheinfrankische 
Geschichte  bertihrte,  gezeigt,  dass  er  besonders  geeignet  war,  an  der  franki- 
schen  Hochschule  das  Interesse  fur  die  engere  vaterlandische  Geschichte  Ost- 
frankens  zu  heben  und  zu  pflegen.  1855  liess  er  die  Monographic  tiber 
Arnold  von  Selenhofen,  Erzbischof  von  Mainz  (11 53  —  n 60),  erscheinen.  Er 
schildert  darin  die  schweren  Kampfe,  die  dieser  stolze  und  autokratische  Pralat 
mit  der  Stadt  Mainz  ftihrt  und  in  denen  er  schliesslich  unterliegt.  Ein  diisteres 
Bild  aus  der  Reichs-  und  Territorialgeschichte  des  XII.  Jahrhunderts  wird  vor 
uns  aufgerollt,  ein  Kampf  geschildert,  wie  er  im  Mittelalter  so  manche  deutsche 
Stadt  durchtobt  hat  und  mit  wechselndem  Glucke  von  den  Bilrgerschaften 
geftihrt  wurde. 

In  erster  Linie  widmete  W.  in  Wtirzburg  seine  Krafte  der  akademischen 
Thatigkeit  und  er  war  dazu  wie  Wenige  geschaffen.  Schon  seine  aussere 
Erscheinung  hatte  etwas  Imponirendes  und  Anziehendes  zugleich.  Die  hoch- 
ragende  Gestalt,  der  ausdrucksvolle  Kopf  mit  der  ktihnen  Adlernase  und  den 
dunklen,  spriihenden  Augen  nahmen  fur  ihn  ein,  noch  mehr  der  reiche  und 
anregende  Inhalt  seiner  Vortrage.  Er  erweiterte  jetzt  bedeutend  den  Kreis 
seiner  Vorlesungen  und  nahm  mit  Vorliebe  Themata  aus  der  neueren  und 
neuesten  Geschichte  zum  Gegenstand  des  Vortrages.  Franzosische  Revolution 
und  Geschichte  Napoleons  I.,  Geschichte  des  XIX.  Jahrhunderts  von  181 5  ab 


von  Wcgcle.  379 

wurden  von  ihm  haufig  traktirt,  daneben  aber  auch  die  Geschichte  des  Mittel- 
alters,  der  Refonnation  und  der  Gegenreformation  mit  dem  dreissigjahrigen 
Kriege,  das  Zeitalter  Friedrich  des  Grossen  nicht  vernachlassigt.  Aber  auch 
in  die  englische  Geschichte  mit  besonderer  Berlicksichtigung  der  englischen 
Revolution  griff  er  geme  hinilber  und  aus  dem  Gebiete  der  Culturgeschichte 
zog  ihn  vor  Allem  das  Zeitalter  der  Renaissance  als  Geburtsstatte  des  mo- 
dernen  Geistes  an,  Aber  nicht  nur  als  Lehrer  der  studentischen  Jugend  trat 
W.  in  Wurzburg  auf,  auch  seinen  Mitbiirgern  bot  er  mannichfache  Anregung 
in  Vorlesungen,  die  eben  ftir  diese  weiteren  Kreise  speciell  berechnet  waren. 
Hier  las  er  iiber  Dante,  Macchiavelli,  tiber  literaturgeschichtliche  Gegenstande, 
wie  Shakespeare's  Konigsdramen,  iiber  die  historisch  sich  entwickelnden 
Wechselbeziehungen  zweier  so  hervorragender  Staatsgebilde,  wie  Deutschland 
und  Frankreich.  Ftir  das  wissenschaftliche  Studium  der  Geschichte  an  der 
Wiirzburger  Hochschule  erwarb  sich  W.  endlich  ein  grosses  Verdienst  durch 
die  Grtlndung  eines  historischen  Seminars,  in  welchem  die  Grundlagen  der 
historischen  Wissenschaft,  die  Einflihrung  in  die  Methode  der  historischen 
Forschung  den  SchUlern  gelehrt  wurden.  Neben  historischer  Propadeutik 
wurden  eifrig  die  Quellen  zur  mittelalterlichen  Geschichte  gelesen,  erklart  und 
kritisch  beleuchtet,  ebenso  die  historischen  Hilfswissenschaften  wie  Chrono- 
logie,  Palaographie  und  Diplomatik,  letztere  an  der  Hand  der  krchivalischen 
Schatze  in  Wurzburg,  in  den  Kreis  der  Studien  gezogen.  Der  moderne  Be- 
trieb  der  historischen  Wissenschaft  hat  erst  durch  W.  in  Wtirzburg  eine  Stiitte 
gefunden.  Griindlichkeit  in  der  Durchforschung  des  Quellenmaterials,  kritische 
Methode,  Objectivitat  in  der  Betrachtung  der  historischen  Vergangenheit,  das 
waren  die  obersten  Grundsatze,  die  er  seinen  Schlilern  beizubringen  trachtete; 
daneben  pflegte  er  als  ein  Mann  von  literarischer  Begabung  und  von  Ge- 
schmack  die  schone  Form  des  Ausdrucks  und  der  Darstellung.  Ein  wiirdiges 
ausseres  Kleid  fur  die  aus  dem  Rohmaterial  herausgearbeiteten  Ergebnisse 
kritischer  Forschung  hat  W.  nie  verschmaht  und  dafiir  sowohl  durch  seine 
kUnstlerisch  abgerundeten  und  formvollendeten  Vorlesungen,  wie  durch  seine 
gut  geschriebenen  Werke  ein  leuchtendes,  zur  Nacheiferung  anspornendes 
Beispiel  gegeben. 

Aber  W.  ging  nicht  auf  in  der  Thatigkeit  ftir  seine  Zuhorer,  auch  urn 
die  Organisation  der  Korperschaft,  der  anzugehoren  er  immer  als  eine  be- 
sondere  Ehre  angesehen  hat,  der  Universitat,  war  er  in  hervorragendem  Maasse, 
mit  regstem  Eifer  und  als  ein  Mann  von  festem  Charakter  bemtiht.  Er  hielt 
es  mit  ftir  seine  Hauptaufgabe,  in  Wurzburg  dafiir  zu  sorgen,  dass  die  Uni- 
versitat auf  einer  hohen  Warte  stehen  und  allein  der  Wissenschaft,  der  Er- 
forschung  der  Wahrheit,  so  weit  diese  uberhaupt  ftir  uns  Sterbliche  zu  er- 
mitteln  und  zu  ergriinden  ist,  dienen  miisse  ohne  jede  Rucksicht  auf  con- 
fessionelle  oder  auf  politische  Schranken.  Man  war  in  Bayern  im  XIX.  Jahr- 
hundert  nicht  immer  gewillt,  einen  so  hohen  und  idealen  Standpunkt  im 
Leben  der  Universitaten  einzunehmen;  W.  gebiihrt  das  Verdienst  stets  darauf 
als  beste  Btirgschaft  fur  die  Bliithe  des  Geisteslebens  hingewiesen  zu  haben 
und  die  Universitat  tiber  das  Getriebe  der  Parteien  in  die  reine  Luft  der 
Wissenschaftlichkeit  zu  heben.  Das  zeigte  sich  vor  Allem  in  seiner  Thatigkeit 
als  Dekan  und  Senator  bei  Berufungen,  wo  er  nur  den  wissenschaftlich  Lei- 
stungsfahigen  ftir  wiirdig  hielt,  in  die  Korperschaft  seiner  alma  mater  Julia 
einzutreten,  ebenso  bei  der  Verwaltung  des  Rektorates,  mit  der  ihn  bereits 
in  jungen  Jahren  1863  seine  Collegen  betrauten.     Diesen  Grundsatzen  ist  W. 


380  von  Wegele. 

treu  geblieben  bis  an  sein  Grab  und  mit  Schmerz  und  Trauer  sah  er  die 
Moglichkeit  voraus,  dass  nach  seinem  Tode  andere  und  kleinliche  Gesichts- 
punkte  die  herrschenden  werden  und  die  Bliithe  des  Universitatslebens  ver- 
derben  konnten,  wie  denn  auch  seine  Voraussicht  leider  eingetreten  und  W.'s 
Lehrstuhl  durch  den  bayerischen  Cultusminister  einer  Parteirichtung  schlimm- 
ster  Art  ausgeliefert  worden  ist. 

Neben  der  Sorge  fiir  den  Unterricht  der  akademischen  Jugend,  fiir  die 
geistige  Bildung  seiner  Mitburger  und  flir  die  Aufrechterhaltung  der  Bliithe 
der  Universitat  Wtirzburg  entfaltete  W.  in  seiner  neuen  Stellung  auch  eine 
ungewohnlich  reiche  literarische  Arbeitskraft,  die  der  Geschichte  Thuringens 
wie  Frankens,  der  Wurzburger  Universitat  und  der  Entwickelung  unserer 
deutschen  Geschichtsschreibung  Uberhaupt  zu  Gute  kam.  Wie  er  einst  in 
Jena  gern  auf  die  Erforschung  der  thtiringischen  Lokal  geschichte  einging  und 
jetzt  noch  in  Erinnerung  an  vergangene  Tage  der  heiligen  Elisabeth  von 
ThUringen  ein  wtirdiges  biographisches  Denkmal  setzte,  war  er  bemiiht,  auch 
die  Geschichte  Ostfrankens  durch  Veroffentlichung  bisher  unbekannter  Quellen 
derselben  und  durch  Darstellung  hervorragender  und  charakteristischer  Epochen 
und  Personen  im  Verlaufe  ihrer  Entwickelung  aufzuhellen.  So  entstanden 
Publicationen  wie  die  Monumenta  Eberacensia,  das  Corpus  Regulae  seu  Ca- 
lendarium  Domus  S.  Kiliani  Wtirceburgensis  saecula  DC  —  XIV  amplectens. 
Durch  zahlreiche  Abhandlungen  und  Aufsatze  suchte  er  die  Grundlage  fur 
eine  beabsichtigte,  aber  leider  unausgefiihrt  gebliebene,  umfassende  Geschichte 
Ostfrankens  zu  gewinnen.  Dahin  gehoren  Abhandlungen  wie:  Zur  Literatur 
und  Kritik  der  frankischen  Nekrologien,  biographische  Studien  tiber  hervor- 
ragende  Personlichkeiten  der  frankischen  Geschichte,  wie  Wilhelm  von  Grum- 
bach,  Bischof  Gerhard  von  Wtirzburg,  aus  dessen  Leben  und  Regierung  er 
den  Stadtekrieg  im  Hochstifte  Wtirzburg  herausgriff,  Gdtz  von  Berlichingen, 
dessen  Leben  er  an  der  Hand  seiner  eigenen  Denkwilrdigkeiten  klar  zu  legen 
suchte,  endlich  zahlreiche  biographische  Artikel  in  der  von  der  historischen 
Commission  in  Miinchen  auf  Anregung  Ranke's  herausgegebenen  und  von  ihra 
im  Verein  mit  Liliencron  redigirten  Allgemeinen  deutschen  Biographic  Wurz- 
burger Stadtgeschichte  behandeln :  der  Hof  zum  Grafen  Eckard  zu  Wtirzburg, 
Wtirzburg  im  XII.  Jahrhundert.  Der  Geschichte  Thtiringens  wie  Ostfrankens 
kamen  endlich  auch  seine  in  Sybel's  historischer  Zeitschrift  ab  und  zu  er- 
scheinenden  Besprechungen  der  neueren  historischen  Literatur  dieser  beiden 
Landschaften  zu  Gute.  Dem  ersten  Geschichtsschreiber  Bayerns,  Aventin, 
widmete  er  ein  biographisches  Denkmal,  das  in  der  deutschen  Gelehrten- 
geschichte  stets  einen  wiirdigen  Platz  einnehmen  wird.  Und  wie  er  literatur- 
geschichtliche  Betrachtung  neben  politischer  Geschichte  von  Anfang  an  ge- 
liebt  hatte,  so  entstanden  nun  zwei  Werke  aus  seiner  Feder,  die  von  seiner 
Begabung  ftir  diese  Richtung  der  Geschichtsschreibung  Zeugniss  ablegen.  Ak 
im  Jahre  1882  die  Universitat  Wtirzburg  ihr  dreihundertjahriges  Jubilaum  zu 
feiern  sich  anschickte,  wurde  W.  der  ehrenvolle  Auftrag  zu  Theil,  die  Ge- 
schichte derselben  zu  schreiben.  Er  hat  diese  Aufgabe  in  wtirdiger  Weise 
gelost  und  uns  ein  zweibandiges  Werk,  in  dem  er  die  Geschichte  der  alma 
mater  Julia  bis  1806  herunterfiihrt  und  uns  auch  die  nothigen  Belege  durch 
die  Veroffentlichung  des  urkundlichen  Materials  bietet,  geschenkt.  Wie  die 
Universitat  des  Fiirstbischofs  Julius  Echter  von  Mespelbrunn  auf  der  Grund- 
lage alterer  Stiftungen  aufgebaut  wurde,  wie  sie  als  Hort  des  Katholicismus 
im  Zeitalter  der  Gegenreformation  gedacht  war,   wie  sie  sich  im  Laufe  ihrer 


von  Wegele.  38 1 

ersten  drei  Jahrhunderte  bis  1806  im  Dienste  verschiedener  Geistesrichtungen 
entwickelt  hat,  wird  uns  an  der  Hand  reichen  Quellenmaterials  dargelegt  und 
bietet  einen  wichtigen  Ausschnitt  aus  der  Geschichte  unseres  deutschen 
Geisteslebens.  Leider  ist  es  W.  nicht  mehr  vergonnt  gewesen,  in  einem 
dritten  Bande,  mit  dessen  Abfassung  ihn  seine  Collegen  ebenfalls  betraut 
hatten,  die  Geschichte  der  Universitat  Wtirzburg  bis  auf  unsere  Tage  herab- 
zufuhren.  Er  hatte  uns  hier  einen  hochinteressanten  Einblick  in  die  Cultur- 
und  Geistesgeschichte  unserer  Zeit  verschaffen  konnen,  wie  kaum  ein  Anderer, 
da  er  als  Zeitgenosse  mit  seinem  scharfen  und  freien  Blick  in  manche  Ab- 
griinde  bayerischer  Staatsverwaltung  hineingeleuchtet  und  nachgewiesen  hatte, 
mit  wie  geringer  Weisheit  oft  die  Geschicke  der  V6lker  geleitet  werden.  Es 
ware  wtinschenswerth,  dass  wenigstens  der  vollendete  Theil  des  Manuscriptes, 
der  sich  auf  der  Koniglichen  Universitats-Bibliothek  zu  Wiirzburg  befinden 
soil,  noch  einmal  an  den  Tag  kame  und  von  einem  gleich  charakterfesten 
und  wahrheitsliebenden  Geschichtsschreiber,  wie  es  W.  war,  vollendet  wurde. 
Er  wiirde  einen  wichtigen  Beitrag  zu  unserer  modernen  Geschichte  abgeben. 
Das  zweite  literarhistorische  Werk  schrieb  W.  im  Auftrage  der  Mtin- 
chener  historischen  Commission,  die  Geschichte  der  deutschen  Historiographie. 
Hier  diirfte  es  am  Platze  sein,  mit  ein  Paar  Worten  auf  die  Stellung  W.'s 
innerhalb  der  Commission  einzugehen.  Durch  Konig  Max  II.  von  Bayern  in's 
Leben  gerufen  und  untersttitzt,  wurde  die  Mttnchener  historische  Commission 
bald  der  Mittelpunkt  der  historischen  Studien  und  Arbeiten  in  Deutschland, 
und  der  Kreis  von  deutschen  Gelehrten,  aus  dem  sie  sich  zusammensetzte, 
zeigt  uns  die  Elite  der  deutschen  Geschichtsschreiber  unter  der  Ftihrung  des 
der  Wissenschaft  ergebenen  bayerischen  Konigs.  W.  war  eines  der  altesten 
Mitglieder  dieser  Commission,  nachdem  er  schon  vorher  in  den  Verband  der 
MUnchener  Akademie  der  Wissenschaften  aufgenommen  worden  war.  Eng 
schloss  er  sich  hier  an  die  alteren  Genossen  an,  so  an  Ranke,  Waitz,  Sybel, 
Giesebrecht;  besonders  innige  Freundschaft  aber  verband  ihn  mit  Karl  von  Hegel. 
Er  pries  die  MUnchener  Tage,  deren  Besuch  er  niemals  verabsaumte,  als  die 
gllicklichsten  seines4  Lebens,  da  sie  ihm  den  anregenden  und  erfrischenden 
Gedankenaustausch  mit  gleichgesinnten  Fachgenossen  brachten.  Bald  sehen 
wir  W.  auch  eifrig  an  den  Publicationen  der  historischen  Commission  betheiligt. 
Er  wurde  Mitherausgeber  der  Forschungen  zur  deutschen  Geschichte,  welche 
es  sich  zur  Aufgabe  machten,  verdienstvolle  Arbeiten  aus  dem  Gebiete  der 
deutschen  Geschichte  zu  veroffentlichen.  Er  leitete  im  Verein  mit  Liliencron 
die  von  Ranke  in's  Leben  gerufene  Allgemeine  deutsche  Biographie,  eine  in 
lexikographischer  Anordnung  geschriebene  Sammlung  von  Lebensbildern  aller 
bisher  verstorbener  deutscher  Personlichkeiten  von  Bedeutung.  Viele  Artikel, 
vor  Allem  aus  dem  Gebiete  der  ostfrankischen  Geschichte,  hat  W.  selbst  zu 
dem  Sammelwerke  beigesteuert.  Endlich  Ubernahm  er  es,  fttr  die  Geschichte 
der  Wissenschaften  in  Deutschland,  welche  die  historische  Commission  be- 
arbeiten  Hess,  eine  Geschichte  der  deutschen  Historiographie  zu  schreiben, 
die  1885  erschien.  Man  kann  nicht  behaupten,  dass  dieses  Werk  zu  den 
gelungenen  Leistungen  W.'s  gehort.  Es  fehlt  die  rechte  Verarbeitung  des 
schwerfalligen  und  sproden  Stoffes,  die  gleichm&ssige  Behandlung  der  langen 
Entwickelungsgeschichte  unserer  vaterlandischen  Geschichtsschreibung,  Flttch- 
tigkeiten  aller  Art  lassen  die  sonst  bei  W.  vorhandene  deutsche  Griindlichkeit 
vermissen.  Aber  daneben  muss  zugegeben  werden,  dass  es  W.  gelungen  ist, 
unsere    deutsche  Geschichtsschreibung    in    die    allgemeine    geistige  Bewegung 


382  von  Wegele. 

unseres  Volkes  rich  tig  einzureihen  und  besonders  Abschnitte,  in  denen  er 
selbstandige  Studien  gemacht  hat,  so  die  (iber  unsere  Geschichtsschreibung  im 
XVIII.  und  XIX.  Jahrhundert,  sind  als  gut  gezeichnet  anzuerkennen.  Wenn 
W.  uber  Goethe  und  Schiller  als  Historiker  spricht  oder  die  Verdienste  eines 
Johannes  von  Mttller  klarzulegen  hat,  leistet  er  in  diesem  Werke  Vorzugliches. 
Dass  es  keinen  hoheren  Grad  der  Vollendung  erreicht  hat,  ist  weniger  die 
Schuld  des  Verfassers,  als  des  Stoffes,  der  weitzerstreut  erst  von  W.  miihsam 
zusammengetragen  und  verarbeitet  werden  musste.  Als  ein  erster  Versuch, 
die  Geschichte  unserer  Historiographie  im  Zusamraenhange  darzustellen,  bleibt 
das  Werk  von  dauerndem  Werth  und  wird  kiinftigen  Bearbeitern  desselben 
Stoffes  als  unentbehrliche  Grundlage  dienen. 

Die  letzte  Hauptarbeit  seines  Lebens  war  mit  diesem  Werke  gethan.  W. 
widmete  sich  in  seinen  letzten  Lebensjahren  hauptsachlich  seinen  akademischen 
Pflichten.  Noch  blieb  eine  Aufgabe  iibrig,  eine  Sammlung  seiner  an  verschie- 
denen  Orten  gehaltenen  und  erschienenen  Vortrage  und  Abhandlungen,  doch 
ein  schweres  Leiden,  das  ihn  erfasste  und  seine  Krafte  lahmte,  hinderte  ihn 
an  der  Ausfuhrung.  So  hat  erst  nach  W.'s  Tod  eine  Freundeshand  ihm 
diesen  Liebesdienst  leisten  konnen.  Graf  Du  Moulin  Eckart  gab  die  Vortrage 
und  Abhandlungen  heraus  und  dankbar  ist  anzuerkennen,  dass  uns  dadurch 
eine  Ftille  von  kenntnissreichen  kleineren  Arbeiten  W.'s  dargeboten  worden 
ist.  Neben  manchen  uns  schon  bekannten  Aufsatzen  begrUssen  wir  einige 
hier  zum  ersten  Male,  so  den  liber  Kaiser  Friedrich  I.  Barbarossa,  der  uns 
ein  treffliches  Charakterbild  eines  unserer  grossten  Kaiser  und  eine  gerechte 
Wlirdigung  seiner  Regierung  bietet.  Ebenfalls  der  staufischen  Geschichte  ge- 
horen  an:  Kanzler  Konrad  und  die  Sage  von  der  Wiederkunft  Kaiser  Frie- 
drichs  II.  Auf  das  Gebiet  der  Literaturgeschichte  greifen  (iber:  Graf  Otto 
von  Hennenberg-Botenlauben,  die  deutsche  Memoirenliteratur,  die  uns  einen 
trefflichen  Ueberblick  iiber  alte  und  neue  autobiographische  Werke  in  deut- 
scher  Zunge  giebt,  Frau  Baron  von  Oberkirch.  Biographische  Arbeiten  liber 
Franz  Oberthur,  Eulogius  Schneider,  die  Tochter  des  Hauses  Wittelsbach 
schliessen  sich  an.  Der  Geschichte  der  Universitat  Wtirzburg  sind  die  Re- 
formation der  Universitat  Wtirzburg  und  ein  mit  Humor  geschriebener  Artikel : 
Ein  Frauenkrieg  an  der  Universitat  Wtirzburg  entnommen.  Alexis  von  Toe- 
queville  ist  ein  seine  politische  und  historiographische  Wirksamkeit  beleuch- 
tender  Aufsatz  gewidmet.  Wie  vertraut  W.  mit  der  neuesten  Geschichte  ist, 
erweist  er  in  der  Abhandlung:  Zur  Kritik  der  neuesten  Literatur  iiber  den 
Rastadter  Gesandtenmord,  wo  er  mit  scharfem  Messer  all1  den  Marchen  und 
Sagen,  die  sich  tiber  dieses  denkwtirdige  Ereigniss  gebildet  haben,  an  den 
Leib  geht  und  auch  die  Phantasien  moderner  Geschichtsschreiber  uber  diesen 
Gegenstand  abfertigt  und  aus  dem  Dunstkreis  ihrer  Darstellungen  den  wahren 
und  echten  Kern  herausschalt.  W.  zeigt  sich  uns  in  diesem  nachgelassenen 
Werke  von  einer  neuen  Seite,  die  man  bisher  nur  aus  den  Berichten  seiner 
Schtiler  gekannt  hatte,  als  Essayist,  und  zwar  von  hervorragender  Begabung. 
Die  sorgsam  ausgearbeiteten,  wohlabgerundeten  Bilder,  die  er  uns  in  seinen 
Aufsatzen  hinterlasst,  sind  das  Werk  eines  feingebildeten  Geistes,  der  in  seiner 
Leichtigkeit  und  Beweglichkeit  des  Ausdruckes  fast  an  franzosische  Eigenart 
erinnert.  Sehr  verdienstvoll  ist  es,  dass  Graf  Du  Moulin  der  Sammlung  ein 
chronologisches  Verzeichniss  der  von  W.  veroffentlichten  Schriften  beigegeben 
hat,  aus  dem  man  sich  zuverlassig  uber  seine  reiche  literarische  Thatigkeit 
unterrichten    kann.     Ich    vermisse    in  diesem  Verzeichnisse  nur  den  Aufsatz: 


von  Wegele.     Peter.  383 

Die  Beziehungen  der  Wettiner  zu  den  Ghibellinen  Italiens  in  der  Zeit  Dante's, 
Jahrbuch  der  deutschen  Dante-Gesellschaft  I,  21  ff.,  der  hiermit  nachgetragen 
werden  soil. 

Wir  stehen  am  Schlusse  von  W.'s  arbeitsreichem  Leben,  und  wenn  wir 
es  nochmals  ruckblickend  liberschauen,  werden  wir  sagen  dlirfen,  es  war  ein 
Leben  voll  Erfolg  und  Gliick.  Frtih  schon  in  die  richtige  Lebensstellung 
gelangt,  kann  W.  alle  seine  Krafte  frei  sich  ausbilden  lassen,  als  Lehrer  an 
deutschen  Hochschulen,  wie  als  fruchtbarer  historischer  Schriftsteller.  Wie 
sein  offentliches  Leben  glatt  und  ruhig  dahingeht,  so  ist  auch  sein  person- 
liches  Leben  mit  Gliick  und  Harmonie  gesegnet.  Das  Ungluck  hat  freilich 
auch  W.  nicht  verschont;  aber  an  der  Seite  einer  zweiten  Frau  erbluht  ihm  in 
WUrzburg  neues  hausliches  Gltick  und  auf  seine  heranwachsenden  Kinder  und 
Enkel  durfte  er  mit  Freude  und  Stolz  blicken.  Erst  die  letzten  Lebensjahre 
wurden  dem  allmahlich  alternden  Gelehrten  durch  schwere  Leiden  getrUbt; 
ein  gtitiges  Geschick  hat  ihn  bald  davon  erlost.  Unversohnt  mit  seiner  Kirche, 
deren  aussere  Werkheiligkeit  seinem  nach  echter  Frommigkeit  und  nach  Wahr- 
heit  ringendem  Geiste  niemals  etwas  bieten  konnte,  ist  er  heimgegangen  und 
hat  so  noch  in  der  Sterbestunde  bewiesen,  dass  ihm  sein  ganzes  Leben  hin- 
durch  nichts  hoher  stand,  als  die  Wahrheit  und  deren  Erforschung.  Wollte 
man  ihm  eine  passende  Grabschrift  schreiben,  so  w&re  es  sein  oberster  Grund- 
satz,  den  er  in  alien  Lagen  seines  Lebens  hoch  hielt:  die  Wahrheit  liber 
Alles! 

Als  Quell  en  habe  ich  benutzt:  Mittheilungen  der  Familie  Wegele.  —  Die  Leichen- 
reden  der  Wtirzburger  Professoren  Prym,  Hantzsch,  Henner  und  des  protestantischcn  Geist- 
lichen.  —  Aufsatze  und  Notizen  in  der  Wtirzburger,  der  MUnchener  Allgemeinen  Zeitung 
und  der  Zeitschrift:  Das  Deutschthum  im  Auslande,  Mittheilungen  des  Allgemeinen  deut- 
schen Schulvereins  zur  Erhaltung  des  Deutschthums  im  Auslande.  —  Endlich  den  soeben 
erschienenen  Lebensabriss  von  Graf  Du  Moulin  Eckart  in  Allgemeine  deutsche  Biographic 
XLIV,  443  ff. 

Baden-Baden,  den  1.  September  1898. 

Victor  Bayer. 

Peter,  Carl  Lorenz,  Kirchenrath  und  Pfarrer  in  Spock  bei  Karlsruhe 
(Baden),  *  5.  September  181 2  in  Karlsruhe,  f  26.  August  1897  in  Oeschelbronn 
bei  Pforzheim.  —  Einer  kleinbtirgerlichen  Familie  entstammend,  studirte  P. 
in  Halle  und  Heidelberg  Theologie  und  trat  nach  mehrjahriger  erzieherischer 
Thatigkeit  und  einem  halbjahrigen  Aufenthalt  in  Berlin  1839  *n  den  Dienst 
der  badischen  evangelischen  Landeskirche.  Sechs  Jahre  lang  wirkte  er  als 
Stadtvikar  in  Karlsruhe  und  wurde  1847  als  Pfarrer  nach  Schallbach  bei 
Lorrach  versetzt,  wo  ihn  sein  muthiges  Auftreten  gegen  den  revolutionaren 
Geist  jener  Zeit  voriibergehend  ins  Gefangniss  brachte.  Von  1853  bis  1863 
war  er  im  Dienste  der  Basler  Mission  als  Lehrer  am  Missionshause ,  litera- 
rischer  Sekretar  und  Reiseprediger  thatig.  Ein  Halsleiden  nothigte  ihn,  diese 
Arbeit  aufzugeben;  er  nahm  einen  Ruf  der  badischen  evangelischen  Gemeinde 
Spock  an  und  trat  hier  wieder  ins  Pfarramt  ein  als  Nachfolger  des  bekann- 
ten  Convertiten  und  spateren  Erweckungspredigers  Aloys  Henhofer.  Hier 
wirkte  er  bis  kurz  vor  seinem  Tode,  in  seiner  Gemeinde  wie  ein  Patriarch, 
in  weiteren  Kreisen  der  Landeskirche  als  Haupt  und  Jterater  hochangesehen, 
auch  vom  Ftirstenhause  geschatzt.  Literarisch  trat  er  selten  hervor,  und  dies 
nur  durch  Veroffentlichung  einzelner  Vortrage  und  zeitweilige  Mitarbeit  an 
kirchlichen  Blattern.     Auch  in   das  aussere  Leben  der  Landeskirche   griff  er 


384  Peter.     Schwartz* 

selten  ein;  1881/82  war  er  Mitglied  der  Generalsynode.  Um  so  nachhal tiger 
war  sein  unmittelbar  personliches  Wirken,  das  sich  ihm  ungesucht  durch  die 
Ausstrahlung  seiner  durch  und  durch  lauteren  Personlichkeit  ergab.  Er  war 
eine  der  edelsten  Erscheinungen  des  stiddeu tschen ,  speziell  des  badischen 
Pietismus,  in  seinem  Gedankenleben ,  wie  in  seiner  personlichen  Bethatigung 
stets  orientirt  an  der  heiligen  Schrift,  in  deren  Inhalt  er  wie  wenige  einge- 
drungen  war.  Hatte  ihn  in  seinen  Studienjahren  die  damals  herrschende  spe- 
culative Philosophie  dem  biblischen  Christenthum  voriibergehend  entfremdet, 
so  suchte  er,  namendich  durch  Gossners  Predigten  in  Berlin  dernselben  zu- 
rtickgewonnen,  mit  dem  als  wahr  Erkannten  nunmehr  vollen  Ernst  zu  machen. 
In  Karlsruhe  und  Schallbach  bereitete  ihm  diese  riicksichtslose  Wahrheits- 
liebe,  die  er  in  seinen  Predigten  bethatigte,  manche  Schwierigkeit  In  seinen 
sp&teren  Jahren,  bei  einer  weniger  widerstrebenden  Umgebung,  ausserte  sich 
sein  biblischer  Realismus  vor  allem  in  der  Hervorhebung  der  Konigsherr- 
schaft  Jesu  Christi,  die  jetzt  noch  im  Kampfe  liegt  mit  den  widergottlichen 
Machten  in  der  Welt,  einst  aber  nach  gewaltigen  Katastrophen  sich  siegreich 
und  nunmehr  ungehemmt  entfalten  wird.  Diese  Gedankenreihen,  deren  uni- 
verseller  Zug  wohl  durch  die  Mitarbeit  an  der  Basler  Mission  wesentlich  ge- 
fordert  war,  entwickelten  sich  ganz  besonders  im  vertrauten  Umgang  mit  der 
prophetischen  Literatur  des  Alten  und  Neuen  Testaments,  die  er  gerne 
auch  zum  Gegenstande  seiner  Vortrage  und  Abhandlungen  machte.  Milde 
und  weitherzig  in  personlichen  Fragen,  betrachtete  er  mit  tiefem  Ernste  die 
Erscheinungen  seiner  Zeit  und  ist  so  fur  viele  zum  Berather  und  Warner  ge- 
worden.  Insbesondere  waren  es  die  pietistischen  Gemeinschaften  der  alten 
Markgrafschaft  Baden,  die  in  ihm  ihr  geistiges  Haupt  bis  zuletzt  verehrten. 

Ein  Nekrolog  ist  im  Verlag  von  J.  J.  Reiff  in  Karlsruhe  erschienen.  Ein  Vortrag 
Uber  »Die  Wichtigkeit  des  Studiums  der  alt-  und  neutestamentlichen  Prophetie  fUr  Kirche 
und  Theologiec  erschien  1869  bei  Hugo  Klein  in  Barmen.  In  den  »Mittheilungen  der 
cvangelischen  Gesellschaft  fur  Deutschland*  1870  und  1871  (Barmen)  ist  der  Prophet 
Sacharja  von  P.  ausgelegt. 

Muhlhausser. 

Schwartz,  Joh.  Heinrich  Karl  Christian  Albert,  Theologe,  *  am  1 1.  Octo- 
ber 1826  zu  Braunschweig,  f  am  13.  December  1897  in  Gross -Winnigstedt. 
Sein  Vater,  der  181 5  als  Sergeant  die  Schlachten  bei  Quatrebras  und  Waterloo 
mitgemacht  hatte,  war  Kanzlist,  spater  Registrator  beim  Herzogl.  Kriegs- 
kollegium  (f  1870);  seine  Mutter,  Joh.  Aug.  Juliane  war  die  Tochter  des 
Schmiedemeisters  Joh.  Christoph  Schiitze  in  Braunschweig;  sein  Grossvater 
Joh.  Christian  Aug.  Schwartz  war  hier  um  die  Wende  des  Jahrhunderts  ein 
beliebter  Portratmaler,  dessen  Gattin  Henriette  Karoline  eine  Sch wester  des 
bekannten  Kupferstechers  Karl  Schroder.  Albert  S.  besuchte  die  Btirger- 
schule,  und  dann  das  Gymnasium  Martino-Catharineum  seiner  Vaterstadt,  das 
er  zu  Michaelis  1844  nut  dem  Reifezeugniss  verliess,  um  in  Gottingen 
Theologie  zu  studiren.  Er  genoss  hier  drei  Jahre  lang  hauptsachlich  den 
Unterricht  des  Abts  Fr.  Liicke,  der  Professoren  Wieseler  und  Ehrenfeuchter. 
Von  lebendigem  Eifer  fur  die  Sache  erfullt,  schloss  er  sich  schon  damals  der 
Missionsgesellschaft  an  und  hatte  nicht  libel  Lust,  als  Missionar  auszuziehen. 
Michaelis  1847  ubernahm  er  zu  Eppendorf  bei  Hamburg  eine  Lehrerstelle 
am  Institute  des  Dr.  Busse,  eines  Freundes  seines  Vaters,  und  er  blieb  auch, 
als  er  am  18.  Februar  1848  das  erste  theologische  Examen  in  Wolfenbiittel 
bestanden  hatte,  noch  sechs  Jahre   in  dieser  Stellung,    da  die  Aussichten  auf 


Schwartz.  385 

Anstellung  bei  der  ungeheuren  Zahl  der  Kandidaten  der  Zeit  nur  sehr  gering 
waren.  Im  Jahre  1854  wurde  er  Hauslehrer  bei  dem  Herrn  v.  Veltheim  in 
Destedt.  Von  hier  aus  nahm  er  regen  Antheil  an  der  aufsteigenden  kirch- 
lichen  Bewegung  in  Braunschweig,  an  den  Conferenzen  von  Dienern  und 
Freunden  der  evangelisch-lutherischen  Kirche,  den  Landesmissionsfesten  u.  s.  w., 
die  gerade  urn  diese  Zeit  ihren  Anfang  nahmen.  Nachdem  er  am  16.  Januar 
1857  die  zweite  theologische  Prlifung  gemacht  hatte,  wurde  er  im  folgenden 
Jahre  Hiilfsprediger  beim  Pastor  Rohde  in  Denstorf.  Erst  vier  Jahre  spater 
erhielt  er  die  erste  Pfarre,  die  zu  Brunkensen  und  Hohenbtichen,  in  die  er 
am  9.  April  1862  eingefuhrt  wurde.  Bald  darauf  verheirathete  er  sich  (am 
20.  Mai  1862)  mit  Marie  Busse,  der  Tochter  seines  frtiheren  Hamburger 
Directors.  Seine  Thatigkeit  in  der  Gemeinde  war  eine  sehr  erfolgreiche, 
aber  auch  sehr  anstrengende,  dabei  das  Einkommen  ein  sehr  geringes;  zwei 
Mai  zog  er  sich  wohl  durch  die  winterlichen  Wanderungen  nach  der  Filiale 
und  den  Aufenthalt  in  der  kalten  Kirche  einen  hitzigen  Rheumatismus  zu. 
Er  bewarb  sich  daher  spater  um  die  Pfarre  zu  Gross-Vahlberg  und  Bans- 
leben,  die  er  J875  erhielt,  jedoch  erst  nach  dem  Tode  des  emeritirten 
Pastors  Friedrich,  des  Vaters  des  Schriftstellers  Friedrich  Friedrich,  (f  10.  Sep- 
tember 1879)  m^t  voller  Einnahme.  Jetzt  endlich  kam  er  in  eine  sorgenfreie 
Lage,  die  sich  dann  noch  mehr  verbesserte,  als  er  am  7.  October  1888  die 
Pfarre  zu  Gross- Winnigstedt  bekam.  Trotzdem  hat  sich  S.  durch  die  ausseren 
Verhaltnisse,  die  lange  Zeit  auf  ihm  lasteten,  nicht  niederdrticken  lassen.  Er 
besass  eine  grosse  Elasticit&t  des  Geistes,  einen  angeborenen  heiteren  Lebens- 
muth  und  eine  rtihrende  Anspruchslosigkeit,  die  ihm  im  Verein  mit  strenger 
Sparsamkeit  iiber  viele  Schwierigkeiten  hinweghalf.  So  brachte  er  es  fertig, 
dass  er  drei  Sohne  erziehen  konnte,  die  er  zu  seiner  Freude  sammtlich  noch 
im  geisdichen  Amte  erblickte.  —  Seinen  Haupteinfluss  auf  die  Braunschweigische 
Landeskirche  hat  S.  durch  die  »Evangelisch-lutherischen  Monatsblatter«  aus- 
gelibt,  die  er  seit  dem  1.  Januar  1881  anfangs  in  Verbindung  mit  Eissfeldt, 
Lachmund  und  Palmer,  dann  auch  (1.  Januar  1887)  mit  Joh.  Beste  und 
(October  1889)  mit  J.  StSlting  herausgab.  Vom  Januar  1894  ab,  wo  S.  die 
Redaction  im  Wesentlichen  allein  mit  Htilfe  seiner  S6hne  besorgte,  wurde 
das  Blatt,  das  immer  der  positiven  Richtung  gedient  hatte,  ausdrticklich  als 
»  Organ  der  Evangelisch-lutherischen  Vereinigung  im  Lande  Braunschweig « 
bezeichnet,  deren  Vorstande  S.  von  Anfang  an  angehort  hatte.  Mit  dem  An- 
fange  des  Jahres  1896  erschien  es  wochentlich  unter  dem  Titel:  »Evangelisch- 
lutherische  Wochenblatter«.  In  weiteren  Kreisen  wurde  S.'s  Name  nach  dem 
Tode  Herzog  Wilhelms  im  sogen.  Regentschaftsjahre  bekannt.  Er  hing  mit 
ganzem  Herzen  an  seiner  Braunschweigischen  Heimat  und  dem  angestammten 
Ftirstenhause;  insbesondere  machte  ihm  der  diesem  geschworene  Erbhuldigungs- 
eid  schwere  Gewissensbedenken.  Er  wiinschte  dartiber  eine  Aussprache  mit 
gleichgesinnten  M&nnern  und  forderte  daher  offentlich  in  seiner  Zeitung  die 
Geistlichen  ftir  den  25.  Februar  1885  zu  einer  Conferenz  iiber  die  Frage  auf: 
»Was  dtirfen,  konnen  und  sollen  wir  Geistlichen  thun  in  der  gegenwartigen 
Krisis  unseres  Landes?*  Die  Abhaltung  der  Versammlung  wurde  von  der 
Regierung,  die,  wie  man  sagte,  Gegenkundgebungen  fiirchtete,  durch  polizei- 
liche  Maassregeln  verhindert,  aber  zur  Starkung  der  Gewissen,  Einscharfung 
der  bestehenden  Eidespflicht  hat  auch  dieser  vergebliche  Versuch  zweifellos 
beigetragen.  S.  zog  die  Angelegenheit  mancherlei  Anfeindung  zu.  Er  be- 
wahrte    diesen    wie    anderen  Angriffen    gegentiber    einen   bewundernswerthen 

Biogr.  Jfthrb.  n.  DcuUcher  Nekrolog.    2.  Bd.  2  5 


386  Schwartz.     Petzold. 

Gleichmuth.  Im  personlichen  Verkehr  war  er  von  naturwuchsiger  Frische. 
Wegen  der  Vorziige  seines  Charakters  hat  er,  eine  der  Hauptstiitzen  des  pie- 
tistisch-orthodoxen  Kirchenthums,  auch  bei  den  Gegnern  aufrichtige  Hoch- 
achtung  besessen. 

Job.  Beste  im  »Braunschw.  Magazin«   1898,  No.  2,  S.  9  £F.  —  »Brunonia«   1898,  No.  12 
bis   14.  —  Evang.-luther.  Wochenblatter  1897,  No.  51/22;   1898,  No.  1,  Beil. 

P.  Zimmermann. 

Petzold,  Karl  Wilhelm,  Schulmann,  *  am  9.  Februar  1848  zu  Keutschen 
bei  Weissenfels  als  Sohn  des  dortigen  Predigers  Johann  Karl  P.,  f  am  24.  Juli 
1897  zu  Pouch  bei  Bitterfeld.  —  Nachdem  er  die  Schule  seines  Heimatsortes 
besucht  hatte,  ging  er  nach  der  Sitte  seiner  Familie  auf  die  Landesschule  zu 
Pforta  liber.  Schon  wahrend  dieser  Zeit  verlor  er  20.  Februar  1865  die  Mutter, 
19.  September  1866  den  Vater,  so  dass  er,  als  er  Ostern  1869  die  Reifeprufung 
bestanden  hatte,  sein  Studium  unter  durftigen  Verhaltnissen  beginnen  musste. 
Er  ging  nach  Halle,  um  sich  hier  der  Theologie  zu  widmen.  Doch  bald 
unterbrach  der  Krieg  sein  Studium.  Er  trat  1870  sogleich  in  das  Schleswig- 
Holsteinsche  Fusilier-Regiment  No.  86  ein,  in  dem  er  den  ganzen  Feldzug, 
insbesondere  die  Belagerung  von  Paris  und  das  Gefecht  von  Epinay  mit- 
machte.  Dann  kehrte  er  nach  Halle  zuriick,  wo  er  sich  jetzt  aber  dem 
Studium  der  Mathematik  und  der  Naturwissenschaften  zuwandte.  Zu  Michaelis 
1874  erhielt  er  am  Gymnasium  zu  Neu-Brandenburg  eine  Hiilfslehrerstelle, 
der  aber  schon  zu  Neujahr  1875,  nachdem  er  inzwischen  das  Staatsexamen 
fur  Chemie  und  beschreibende  Naturwissenschaften  bestanden  hatte,  die  feste 
Anstellung  folgte.  Im  Sommer  1876  wurde  er  auf  Grund  einer  Abhandlung: 
»Uber  die  Vertheilung  des  Gerbstoffs  in  den  diesjahrigen  Trieben  unserer 
Holzgewachse«  in  Halle  a.  S.  zum  Doctor  der  Philosophie  promovirt.  Zu 
Ostern  des  folgenden  Jahres  wurde  er,  da  er  sich  in  Strassburg  fiir  eine  der 
Schulen  der  neugewonnenen  Reichslande  zur  Verfiigung  gestellt  hatte,  an  das 
Gymnasium  zu  Weissenburg  i.  E.  berufen.  Doch  verliess  er  diese  Stelle  schon 
zu  Michaelis  1879  wieder,  um  nochmals  ein  Semester  in  Halle,  jetzt  unter 
Professor  Kirchhoff's  Leitung,  Erdkunde  zu  studieren.  Es  geschah  dies  auf 
Wunsch  der  stadtischen  Behorden  von  Braunschweig,  die  ihm  dann  zu  Ostern 
1 880  provisorisch,  ein  Jahr  darauf  fest  an  der  damaligen  Realschule  (seit  1887 
Oberrealschule)  anstellten.  Hier  hat  er  dann  lange  Jahre  eine  erfolgreiche, 
vielfach  anerkannte  Wirksamkeit  entfaltet.  Auch  ausserhalb  der  Schule  nahm 
er  an  den  wissenschaftlichen  Bestrebungen  in  der  Stadt  Braunschweig  regen 
Antheil,  besonders  an  den  Verhandlungen  des  Naturwissenschaftlichen  Vereins, 
dessen  Vorstande  er  seit  1884  meist  angehorte  und  dessen  Vorsitz  er  zwei 
Jahre  (1886/87  unc*  1891/92)  gefuhrt  hat.  Seine  wissenschaftliche  Thatigkeit 
war  anfangs  hauptsachlich  der  Chemie  und  der  Naturkunde  gewidmet,  wandte 
sich  dann  aber  immer  mehr  der  Erdkunde  zu.  Auf  diesem  Gebiete  hat  er 
sich  vor  Allem  einen  angesehenen  Namen  in  der  Wissenschaft  errungen. 
Seine  letzte  Arbeit  tiber  »Die  allgemeinen  topisch-geographischen  Verhaltnisse 
des  nordlichen  Haupttheiles  vom  Herzogthum  Braunschweig*  erschien  in  der 
Festschrift  fiir  die  69.  Versammlung  deutscher  Naturforscher  und  Aerzte  in 
Braunschweig  (S.  66 — 74),  fiir  die  er  die  Leitung  der  Abtheilung  fiir  Erd- 
kunde ubernommen  hatte.  Er  sollte  nicht  mehr  dazu  kommen;  in  der  Nach t 
vom  23.  zum  24.  Juli  machte  ein  Herzschlag  seinem  Leben  im  Pfarrhause 
zu  Pouch  bei  Bitterfeld  ein  plotzliches  Ende.     Seit  dem  7.  Juli  1880  war  P. 


Petzold.     Freiherr  v.  Sterneck.  387 

mit  Susanne  Lange,  Tochter  des  Dompredigers  L.  in  Halberstadt,  verheirathet, 
die  ihn  iiberlebte. 

Jabresbericht  tiber  die  Stitdt.  Oberrealschule  zu  Braunschweig,  Ostern  1898,  S.  21  bis 
24,  wo  auch  ein  genaues  Verzeichniss  der  Schriften  Petzold's  gegeben  ist. 

P.  Zimmermann. 

Daublebsky  von  Sterneck  zu  Ehrenstein,    Maximilian,    Freiherr  von, 

k.  u.  k.  Admiral,  Marine-Kommandant  und  als  solcher  Chef  der  Marine- 
Section  des  k.  u.  k.  Reichskriegs-Ministeriums.  St.  entstammt  der  Karnten'- 
schen  Linie  des  Hauses  Sterneck  zu  Ehrenstein;  *  am  14.  Februar  1829  zu 
Klagenfurt,  als  jlingster  Sohn  des  im  Jahre  1848  gestorbenen  k.  u.  k.  wirklichen 
Geheimen  Rathes  und  Landeshauptmanns  von  Karnten  Josef  St.  aus  dessen  zwei- 
ter  Ehe  mit  Franziska  Freiin  von  Kaiserstein,  f  zu  Wien  am  5.  December  1897. 
—  Seine  maritime  Erziehung  erhielt  St.  im  Marine-Kollegium  in  Venedig,  von 
wo  er  nach  vollendeten  Studien  im  Jahre  1847  a's  provisorischer  Marine-Kadet 
in  die  k.  u.  k.  Kriegs-Marine  eingereiht  wurde.  Noch  in  demselben  Jahre 
wurde  er  auf  der  Fregatte  Bellona  eingeschifft.  Am  1.  Mai  1848  wurde  St. 
zum  offiziersdienstthuenden  Kadetten  ernannt;  von  diesem  Jahre  an  beginnt 
die  kriegsmaritime  Thatigkeit  St.'s,  in  der  er,  so  oft  sich  eben  bei  den  wechseln- 
den  politischen  Verhaltnissen  Gelegenheit  bot,  bis  zum  Jahre  1866  verwendet 
wurde.  Im  Jahre  1848  machte  St.  die  Expedition  gegen  Ancona  mit,  wobei 
er  als  Kommandant  eines  der  drei  den  Dampfer  Curtatone  begleitenden  mit 
Geschutzraketen  besttickten  Boote,  durch  sein  consequentes,  wahrend  der 
Nacht  unterhaltenes  Feuer  gegen  die  Batterien  des  Hafens  wesentlich  dazu 
beitrug,  dass  diese  den  Curtatone  in  seinem  Angriffsmanover  nicht  storen 
konnten.  Ancona  fiel  am  19.  Juni.  Diese  erste  Waffenthat  St.'s,  so  wenig 
bedeutend  sie  vom  Standpunkte  der  Beurtheilung  grosser  Kampfe  und 
bedeutender  Streitkrafte  war,  zeigte  doch  schon  den  Charakter  des  Mannes, 
der  sich  im  Laufe  der  spateren  Jahre  wohl  immer  mehr  entwickelte,  in  den 
Hauptztigen  aber  stets  das  gleiche  Merkmal  behielt:  Festigkeit  bis  zur  Harte 
in  der  Durchfuhrung  des  gefassten  Entschlusses,  Rlicksichtslosigkeit  im  Ge- 
brauche  der  Mittel  hierzu.  Zur  stetigen  Ausbildung  dieser  die  Bedeutung 
eines  Soldaten  in  hohem  Maasse  bestimmenden  Charaktereigenschaften  trug 
nicht  unwesentlich  die  Dienstesverwendung  wahrend  der  bis  zum  Jahre  1859 
dauernden  Friedensjahre  bei.  St.  war  wahrend  dieser  Zeit  nahezu  immer 
eingeschifft:  kein  besseres  Mittel  giebt  es  wohl  im  Frieden  ftir  die  Bildung 
eines  selbstandigen,  muthigen  Charakters,  eines  klaren,  durch  keine  Ueber- 
raschung  aus  dem  Gleichgewicht  gerathenden  Geistes.  Wahrend  seiner  Reisen 
wurde  St.  im  Jahre  1852  Fregattenfahnrich,  drei  Jahre  darauf  Schiffslieutenant, 
am  24.  November  1859  Corvetten-  und  ein  halbes  Jahr  spater  Fregatten- 
kapitan.  Alle  diese  Rangstufen  hatte  St.  in  der  damals  in  der  Kriegs- 
Marine  gang  und  gaben  Weise  erstiegen.  Erst  das  Jahr  1864  brachte  ihm 
eine  Auszeichnung,  indem  er  der  Kommandant  der  Fregatte  Schwarzenberg 
wurde  und  so  bereits  damals  Flaggenkapitan  des  nach  dem  Seetreffen  von 
Helgoland  zum  Contre-Admiral  ernannten  Wilhelm  von  Tegetthoff  war.  In 
der  Eigenschaft  des  Flaggenkapitans  des  Escadrekommandanten  verblieb  St. 
auch  nach  seiner  Beforderung  zum  Linienschiffskapitan ,  die  am  4.  Mai  1866 
erfolgte.  Als  solcher  kommandirte  er  wahrend  des  Krieges  1866  das  Admiral- 
schiff  TegetthofTs,  den  Panzer  Erzherzog  Ferdinand  Max.  In  der  am  20.  Juli 
bei  Lissa  zwischen    der    osterreichischen    und    italienischen    Flotte    erfolgten 

25* 


3 88  Freiherr  v.  Sterneck. 

Schlacht  war  es  vornehmlich  der  Thatigkeit  St/s  als  Flaggenkapitan  zuzu- 
schreiben,  dass  der  Tag  fiir  die  kleine  osterreichische  Escadre  in  so  ruhm- 
voller  Weise  endete.  Wie  in  jedem  Kampfe  hatten  auch  bei  Lissa  beide 
Theile  eine  Reihe  von  Krisen  durchzumachen,  denen  schliesslich  die  italienischen 
Krafte  erlagen,  wahrend  es  der  Geistesgegenwart,  der  Entschlossenheit  und 
zum  nicht  geringen  Theile  der  Waghalsigkeit  und  dem  Glttcke  der  osterreichi- 
schen  Kommandanten  und  Mannschaften  zuzuschreiben  war,  dass  von  ihnen 
ein  grosser  Sieg  errungen  wurde.  Zu  Beginn  der  Schlacht  wurde  vom  Escadre- 
kommandanten  der  Befehl  »Panzerschiffe  den  Feind  anrennen  und  zum  Sinken 
bringen«  ausgegeben;  St.  vollftihrte  diesen  Befehl  in  Kenntniss  der  geringen 
Artilleriewirkung  seines  Schiffes,  ohne  sich  vorher  auf  eine  zeitraubende  Be- 
schiessung  der  feindlichen  Panzer  einzulassen.  Er  wahlte  die  zweite  Schiffs- 
waffe,  die  »Ramme«,  als  die  entscheidendere,  allerdings  auch  viel  schwerer 
zu  gebrauchende ;  denn  um  das  zum  Angriffsobjekt  bestimmte  feindliche 
Schiff  mit  Aussicht  auf  Erfolg  anzurennen,  zu  »rammen«  und  womoglich  in 
den  Grund  zu  bohren,  oder  doch  wenigstens  kampfunfahig  zu  machen,  musste 
das  eigene  Schiff  moglichst  senkrecht  auf  die  feindliche  Bordwand  auftreffen, 
und  dies  mit  der  grossten  Geschwindigkeit,  deren  das  Schiff  tiberhaupt 
fahig  war;  eine  weitere  Schwierigkeit  dieses  taktischen  Manftvers  ist  es  aberf 
nach  erfolgtem  Rammen  je  eher  je  besser  die  verlorene  Actionsfahigkeit  wieder 
zu  gewinnen,  um  nicht  von  den  Ungluckstallen ,  denen  das  feindliche  Schiff 
infolge  des  Stosses  ausgesetzt  ist,  in  Mitleidenschaft  gezogen  zu  werden.  In 
welch  hohem  Grade  die  Kuhnheit  und  das  Gefiihl  der  Verantwortlichkeit  des 
Schiffskommandanten  ftir  ein  solches  Manover  in  Frage  kommen,  erhellt 
tiberdies  aus  dem  einfachen  Umstande,  dass  selbst  bei  glticklicher  AusfUhrung 
das  eigene  Schiff  schwere  Havarien  erleiden  kann,  die  es  kampfunfahig 
machen;  es  hat  dann  die  Schw&chung  des  Gegners  mit  dem  eigenen  Tode 
bezahlt.  Allerdings  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  in  solchen,  liber  den  Ausgang 
eines  Kampfes  und  den  damit  verbundenen  Folgeerscheinungen  entscheidenden 
Augenblicken  das  Gefiihl  der  Verantwordichkeit  hinter  jenem  einer  oft  waghal- 
sigen  Entschlossenheit  zuriicktritt,  oder  dass  sich  hinter  jenem  Geftihle  der 
Selbsterhaltungstrieb  gel  tend  macht.  St.  war  der  Mann,  der  vor  der  Wahl 
des  gefahrvollsten,  weil  den  entscheidenden  Erfolg  am  ehesten  herbeiftihren- 
den,  Mittels  nicht  zurtickschrak.  Kurz  nach  erhaltenem  Befehl,  den  Feind 
anzurennen,  steuerte  St.  sofort  gegen  ein  feindliches  Panzerschiff,  das  er  zwar 
vorne  rammte,  jedoch  in  schiefer  Richtung:  der  hierdurch  abgeschw&chte 
Stoss  vermochte  dem  feindlichen  Schiffe  —  es  war,  wie  sich  nach  der  Schlacht 
herausstellte,  der  R6  dTtalia  —  wohl  einige  Havarien  beizubringen,  ohne  es  aber 
kampfunfahig  zu  machen.  Kaum  hatte  sich  der  Ferdinand  Max  von  diesem 
feindlichen  Panzer  losgemacht,  als  der  Befehl  des  Contreadmiral  v.  Tegethoff 
erfolgte:  »Holzdivision  unterstiitzen*.  St.  rammte  in  AusfUhrung  dieses  Be- 
fehls  ein  zweites  Panzerschiff,  diesmal  achter  an  Steuerbord.  Der  Stoss  war 
besser  gelungen,  als  der  erste.  Der  Palestro,  dies  war  der  feindliche  Panzer, 
verlor  mehrere  Panzerplatten ,  seine  Kreuzmarsstange  und  Besahngaffel; 
letztere  mit  einer  Trikolore  sttirzte  auf  das  Vorderkastell  des  Ferdinand  Max, 
wo  sie  festgebunden  als  Trophae  zurllckblieb,  nachdem  sich  die  beiden 
Schiffe  getrennt  hatten.  Seit  Beginn  des  Kampfes  war  haupts&chlich  der 
R6  d' Italia  (das  zuerst  von  St.  gerammte  Schiff)  den  man  osterreichischerseits 
ftir  das  feindliche  Admiralsschiff  hielt,  das  Ziel  der  Angriffe  der  osterreichischen 
Panzerdivision.     Die  Fregatte  R6  d'ltalia,  von  der  sich  Admiral  Graf  Persano, 


Freiherr  v.  Sterneck. 


389 


der  italienische  Escadrekommandant,  vor  Beginn  der  Schlacht  auf  den  Affon- 
datore  begeben  hatte,  hatte  auch  infolge  dieser  fortgesetzten  Angriffe  sehr 
gelitten.  Der  erste  Stoss  St/s  und  das  Feuer  der  sie  umgebenden  anderen 
drei  osterreichischen  Panzerschiffe  hatten  ihr  Steuerruder  unbrauchbar  ge- 
macht  und  sie  zugleich  von  den  tibrigen  italienischen  Panzern  isolirt.  Die 
Fregatte  wehrte  sich  gegen  die  vier  sie  umgebenden  Panzer,  indem  sie  voile 
Breitseiten  nach  beiden  Seiten  abfeuerte  und  die  ganze  Equipage  auf  Deck 
berief,  um  eine  Enterung  abzuweisen.  W&hrend  so  der  R6  d'ltaJia  steuerlos 
auf  und  nieder  trieb,  kreuzte  er  den  Kurs  der  Ferdinand  Max.  St.  sah  dies 
von  der  halben  Hohe  der  Besahnwanten.  Rasch  folgten  die  Kommandos 
zum  Ram  men.  Noch  einmal  versuchte  die  feindliche  Fregatte  dem  heran- 
nahenden  Stosse  auszuweichen,  indem  sie  die  einzige  ihr  noch  zu  Gebote 
stehende  Bewegung  (die  vor-  bez.  rtickwarts)  ausftthrte,  doch  es  war  bereits 
zu  spat.  In  demselben  Momente,  als  die  feindliche  Fregatte  aus  der  eben 
angetretenen  Vorw&rtsbewegung  gegen  die  sich  ihr  ejn  osterreichisches  SchifF 
vorgelegt  hatte,  in  jene  nach  rtickwarts  tibergehen  wollte,  also  zur  Zeit,  da 
sie  sozusagen  still  stand,  traf  der  Ferdinand  Max  unter  lautem  Getose  ihre 
Backbordseite,  bohrte  sich  tief  ein.  Panzer,  Ftitterung,  Planken  und  Rippen 
waren  zerschmettert.  Wie  der  Stoss,  so  war  auch  das  darauf  folgende  Los- 
trennen  vom  gerammten  Schiffe  vollends  gelungen. 

Der  Sporn,  der  sich  6!/f  Fuss  in  die  feindliche  Planke  eingebohrt 
hatte,  lOste  sich  bald  aus  dem  feindlichen  Schiffskftrper,  der  in  weniger 
als  2  Ya  Minuten  versank.  Noch  einmal  hatte  St.  in  dieser  Schlacht  Gelegen- 
heit,  seine  Mandvrirkunst,  diesmal  nicht  zur  Ftihrung  des  Stosses,  sondern 
um  ihm  auszuweichen,  in  glanzendem  Lichte  zu  zeigen.  Als  die  Vor- 
kehrungen  zur  Rettung  der  Mannschaft  des  R&  d'ltalia  getroffen  wurden, 
versuchte  der  feindliche  Panzer  Ancona  das  kaiserliche  Admiralschiff  zu 
ram  men.  St.  gelang  es,  dem  Stosse  auszuweichen;  wie  blitzartig  das  Er- 
kennen  der  Gefahr,  das  Ertheilen  der  Befehle,  um  ihr  auszuweichen,  und 
deren  Durchflihrung  einander  folgten  zeigt  am  besten  der  Umstand,  dass  die 
beiden  Schiffe  so  dicht  Bord  an  Bord  aneinander  vorbeiglitten ,  dass  die  Be- 
dienungsmannschaft  der  Backbordbatterie  des  Ferdinand  Max  die  Setzer  in 
die  Geschiitzmiindungen  nicht  einftihren  konnte.  Das  Verdienst  St.'s  an  dem 
Gelingen  des  Kampfes  wurde  durch  Verleihung  des  Ritterkreuzes  des  militari- 
schen  Maria-Theresienordens  anerkannt.  St/s  kriegerische  Thatigkeit  bei  Lissa 
war  die  letzte  seines  Lebens.  Als  Schiffskommandant  war  St.  in  der  Schlacht 
lediglich  in  der  Lage,  seine  hervorragenden  taktischen  Fahigkeiten  zur 
Geltung  zu  bringen.  Damals  war  der  Kampf  zwischen  den  beiden  Waffen 
des  Schiffes,  der  Ramme  und  dem  Artilleriefeuer,  (jetzt  zahlt  man  hierzu  noch 
eine  dritte:  das  Torpedo)  noch  nicht  zu  jener  Scharfe  gediehen,  wie  zwei 
Decennien  spater;  immerhin  aber  gab  es  genug  Stimmen,  die  bereits  damals 
die  Bedeutung  der  Ramme  als  Schiffswaffe  jener  des  Artilleriefeuers  unter- 
ordneten.  St.  erkannte  aber,  dass  das  Artilleriefeuer  bisher  noch  nicht  bis  zu 
dieser  Precision  und  Schnelligkeit  gediehen  sei,  und  dass  daher  zur  Erzielung 
eines  raschen  und  entscheidenden  Erfolges  die  Ramme  noch  immer  die 
vorzuziehende,  wenn  auch  gefahrlichere  Waffe  war.  Seine  Auffassung  trug 
den  Sieg  davon.  Die  Personlichkeit  des  Kapitans  hatte  sich  bis  zu  diesem 
Zeitpunkt  zu  jenem  typischen  Bilde  von  Kraft,  Unbeugsamkeit  und  Harte, 
von  Klarheit  des  Verstandes  und  natlirlicher,  gesunder  Logik  entwickelt,  das 
ihm  bis  zu  seinem  Tode  treu  blieb;  allerdings  war  es  unvermeidlich,  dass  die 


X go  Freiherr  v.  Sterneck. 

Schattenseiten    eines    solchen  Charakters    in    langer  Friedenszeit    scharfer  zu 
Tage  treten  als  es  in  kriegerischer  Arbeit  der  Fall  gewesen  ware. 

Die  lange,  dem  Feldzuge  von  Lissa  folgende  Friedensepoche  war  von 
Anfang  an  vorwiegend  der  organisatorischen  Umgestaltung  unserer  Flotte 
gewidmet  Der  erste  auf  den  Aufbau  der  Flotte  und  der  damit  in  Ver- 
bindung  stehenden  Klistenvertheidigungsmaassnahmen  bezugnehmende  Plan 
rtihrte  vom  Contre  -  Admiral  von  Tegetthoff  her.  Nach  demselben  sollte  in 
erster  Linie  die  Vertheidigungskraft  der  adriatischen  Ktiste  gesteigert  werden, 
und  zwar  sowohl  durch  den  Neubau  von  Befestigungen  wie  auch  durch  den 
der  Flotte,  damit  diese,  activ  vorgehend,  die  Vertheidigung  unterstlitzen  konne; 
ferner  aber  hatte  W.  v.  Tegetthoff  die  Vergr6sserung  der  Flotte,  urn  sie  auch 
zu  einer  strategischen  Offensive  zu  befahigen,  in's  Auge  gefasst:  ausser 
der  zur  Ktlstenvertheidigung  nfithigen  Escadre  sollte  auch  eine  Flotte  ge« 
schaffen  werden,  die  in  alien  Theilen  des  Mittellandischen  Meeres,  eventuell 
auch  ausserhalb  desselben,  thatig  werden  konnte.  Dieser  Grundgedanke  eines 
Flottenplanes  blieb  durch  alle  folgenden  Jahre  bis  auf  den  heutigen  Tag  der 
leitende  Gesichtspunkt  ftir  die  Arbeiten  aller  sich  im  Laufe  der  Zeit  folgen- 
den Marinekommandanten ;  seine  Verwirklichung  schreitet  wohl  vorwarts,  aber 
so  langsam,  dass  die  rascher  sich  entwickelnden  Zeitideen  uns  stets  um  ein 
gutes  Stlick  Weges  voraus  sind. 

An  der  Thatigkeit  v.  Tegetthoff's  nach  dem  Kriege  nahm  St.  regen  An- 
theil.  Er  wurde  Militarhafenkommandant  in  Pola  und  wirkte  in  dieser 
Stellung,  sowie  als  Leiter  sammtlicher  Schulschiffe  vorwiegend  dadurch,  dass 
er  die  Ausbildung  von  Officieren  und  Mannschaft  auf  neue  den  gegenwartigen 
Anforderungen  entsprechenden  Grundlagen  stellte.  Nachdem  St.  im  Jahre 
1 87 1  von  der  Fahrt,  die  er  nach  Nowaja  Semlja  mit  dem  Grafen  Hans 
Wilczek  unternommen  hatte,  um  dem  Nordpolfahrer  Weyprecht  Lebensmittel 
zuzuftihren,  zurtickgekehrt  war,  wurde  er  zum  Contre-Admiral  ernannt.  Als 
solcher  wurde  er  Escadrekommandant  und  im  Jahre  1873  in  die  spanischen 
Gewasser  entsandt,  um  bei  den  bestehenden  Wirren  die  Interessen  der 
Monarchic  zu  wahren.  Im  Jahre  1883  wurde  St.  Viceadmiral  und  Chef  der 
Marinesection  des  Reichskriegsministeriums  und  Marinekommandant.  Es  war 
nunmehr  ftir  ihn  die  Zeit  gekommen,  an  die  Ausgestaltung  und  Realisirung 
der  Tegetthoff* schen  Plane  zu  schreiten.  Seit  Tegetthoff  hatte  eine  Schiffs- 
waffe,  das  Torpedo,  immer  mehr  die  Aufmerksamkeit  der  Fachmanner  auf 
sich  gezogen,  und  zum  grossen  Theile  die  Ansichten  tiber  den  Schiffskampf 
und  die  Seetaktik  von  Grund  auf  umgeandert,  zum  anderen  Theile  auch  fUr 
die  grosse  Seekriegftihrung,  sowohl  ftir  die  Defensive,  also  vornehmlich 
die  Ktlstenvertheidigung,  wie  auch  fiir  die  Offensive,  neue  Gesichtspunkte 
geschaffen.  Ein  Plan,  nach  dem  unter  diesen  geanderten  Verhaltnissen  die 
Monarchic  ihren  Interessen,  sowie  ihrem  Ansehen  als  Grossmacht  gerecht 
werden  konnte,  wurde  von  St.  bald  nach  Uebernahme  der  Geschafte  dem 
Kaiser  liberreicht.  In  erster  Linie  war  es  die  Ausgestaltung  der  Ktlsten- 
vertheidigung, die  in  Betracht  kam,  und  zwar  sowohl,  was  deren  defensive 
Streitkrafte,  d.  i.  Befestigung  der  Ktiste,  als  auch  deren  offensive  Kampfmittel 
anbelangt,  d.  i.  eine  Escadre,  die  frei  sich  langs  der  ganzen  Ktiste  bewegen 
kann,  um  immer  dort  rechtzeitig  zu  erscheinen,  wo  sie  Angriffe  oder  Lan- 
dungsversuche  der  Gegner  abweisen  soil;  weiter  dachte  aber  St.  daran,  eine 
Flotte  zu  schaffen,  die  unabhangig  von  den  Klisten  der  Monarchic  und  den 
Vorgangen,    die  sich  im  Bereiche  derselben    abspielen,    die  feindliche  Flotte 


Freiherr  v.  Sterneck.  joi 

iiberall  im  mittellandischen  Meere  aufsuchen  unci  angreifen  konne  und  die 
nattirlich  ebenso  in  der  Lage  sei,  dorthin,  wo  es  das  wirthschaftliche  Interesse 
oder  das  blosse  Ansehen  der  Monarchic  erfordere  die  nothige  Zahl  Schiffe 
zu  schaffen.  Bei  der  praktischen  Durchfiihrung  dieses  Planes  war  es  nothig 
die  Befestigungen  der  Kliste  zu  vervollstandigen,  eine  Torpedoflottille  zu 
schaffen,  und  den  Um-  sowie  Neubau  der  vorhandenen  Flotte  nach  Kraft 
und  Zeit  so  durchzufuhren,  dass  sie  ihrer  defensiv-  sowie  offensiv-strategischen 
Aufgabe  gerecht  werden  konne.  Es  war  jedoch  der  nahezu  i8jahrigen 
Thatigkeit  St.'s  nicht  gegonnt,  die  Durchfiihrung  seiner  Ideen,  ja  auch  nur 
einen  bedeutenden  Fortschritt  in  derselben  zu  erleben.  Die  misslichen 
budgetaren  Verhaltnisse  der  Monarchic  traten  stets  den  Wlinschen  der  Marine- 
Leitung  entgegen;  nur  die  bescheidensten  derselben  gingen  in  Erflillung. 
Um  so  unumschrankter  liess  St.  seinem  reformatorischen  Drange  und  seinem 
nattirlichen  Verlangen  nach  ttichtiger,  anstrengender  Arbeit  in  der  inneren 
Verwaltung  der  Marine  freien  Lauf.  Er  ftihrte  die  jahrlichen  Flottenmanover 
ein,  die  allein  geeignet  sind,  die  hoheren  Kommandanten  in  der  Fiihrung 
von  Schiff  oder  Escadre,  wie  sie  in  der  Schlacht  oder  wahrend  des  Krieges 
iiberhaupt  nothig  ist,  zu  schulen.  In  der  Erkenntniss,  dass  einem  Mangel 
an  Zahl  in  erster  Linie  durch  eine  hohere  Leistungsfahigkeit  und  Tiichtigkeit 
des  Personals  abgeholfen  werden  konnte,  sorgte  St.  dafiir,  dass  Officier  und 
Mann  auf  Schul-,  wie  auf  Missionsschiffen  eine  grlindliche  seemannische  und 
taktische  Ausbildung  erhielten.  In  rascher  Folge  schuf  er  zum  Theil  in 
Ausgestaltung  der  noch  in  friiherer  Zeit  von  ihm  als  Hafenkommandanten 
in  Pola  begonnenen  Einrichtungen:  Marineschulen  verschiedener  Kategorie, 
ferner  Arbeiterhauser,  Wohnhauser  flir  Unteroffiziere  u.  s.  w.  Im  Jahre  1888 
wurde  St.  zum  Admiral  ernannt  und  hatte  somit  die  hochste  Stufe  seiner 
militarischen  Carriere  erreicht.  Im  Jahre  1896  vermahlte  er  sich  mit  seiner 
Nichte.  Ein  Jahr  darauf,  am  5.  December,  starb  er  in  Folge  einer  Herz- 
lahmung. 

Wenn  es  auch  zum  grossen  Theile  dem  geistesgegenwartigen,  entschlossenen 
Vorgehen  St.'s  in  der  Schlacht  von  Lissa  zuzuschreiben  war,  dass  die  italienische 
Flotte  an  diesem  Tage  vollstandig  geschlagen  wurde,  und  so  hoch  auch  in  Folge 
dieser  bewiesenen  kriegerischen  Tiichtigkeit  die  Bedeutung  St.'s  als  Taktiker  auf 
dem  seemannischen  Gebiete  hochgeschatzt  werden  muss,  so  tritt  sie  gegenliber 
seiner  langjahrigen  Friedensthatigkeit,  die  sich  vornehmlich  auf  dem  organi- 
satorischen  Gebiete  zeigte,  zurtick.  Es  muss  auffallen,  dass  bei  der  Beur- 
theilung  eines  Mannes,  der  die  hochste  militar-maritime  Stellung  der  Monar- 
chic inne  hatte,  und  daher  in  einem  Kriegsfalle  berufen  gewesen  ware,  die 
gesammte  k,  u.  k.  Flotte  zu  kommandiren,  von  seiner  strategischen  Bedeu- 
tung, d.  i.  jener  den  grossen  Seekrieg  zu  flihren,  nichts  eingehenderes  gesagt 
wurde;  dieser  Umstand  rechtfertigt  sich  dadurch,  dass  sich  die  Thatigkeit  IVs 
bei  Lissa  lediglich  auf  die  Fiihrung  eines  Schiffes  beschrankte,  also  nur  vom 
taktischen  Standpunkte  beurtheilt  werden  kann,  und  dass  in  der  Fiihrung 
von  Flotten  oder  Escadren  das  Schicksal  ihm  keine  kriegerische  und  auch 
nur  eine  (mit  den  politischen  und  wirthschaftlichen  Verhaltnissen  der  Monar- 
chic zusammenhangende)   nur  wenig   umfangreiche   Friedensthatigkeit  gonnte. 

Quellen:  J.  Lukes,  Militarischer  Maria  Theresien-Orden.  VVien  1890.  Wurzbach: 
Biographisches  Lexikon  des  Kaiserthums  Oesterrcich.    1878. 

K.  Wollanka. 


3Q2  Freiherr  v.  Catty. 

Catty,  Adolf  Freiherr  von,    k.  u.  k.  Feldzeugmeister    und  vor    seinem 
Riicktritte  aus  dem  activen  Dienste  Commandant  des  5.  Corps  und  comman- 
dirender  General  in  Pressburg,  *  als  Sohn  eines  Hauptmanns  zu  Gross-Enzers- 
dorf  in  Niederosterreich  am  23.  October  1823,  f  in  Wien  am  9.  Mai  1897.  — 
Er  trat  im  Jahre  1835  *n  die  theresianische  Militar-Akademie  in  Wr.  Neustadt 
ein,  die  er  nach  siebenjahriger  Militar-Erziehung  als  Lieutenant  im  Infanterie- 
Regiment  Hoch-  und  Deutschmeister  Nr.  4  verliess.     Im  Jahre  1848  wurde  er 
zum  Oberlieutenant    befordert    und    in    das  Generalquartiermeister-Amt   ein- 
getheilt.    C.  war  es  vergonnt,  von  friih  auf  die  Bethatigung  seiner  militarischen 
Eigenschaften   in   ernster,   kriegerischer  Beschaftigung  zu  finden.     Die  Kriegs- 
jahre  1848  und  1849  machte  er  bei  der  Armee  in  Ungarn  mit.     Das  ttichtige 
Verhalten  C.'s  bei  den  sich  abspielenden  Affairen,  wie  in  den  Gefechten  von 
Nowosielica  am  20.  und  21.  Marz  und  Munkdcs  am  22.  April  und  endlich  in  der 
Schlacht  von  Komorn  am  11.  Juli  1849  tru8  ^m  ^s  Anerkennung  die  Ver- 
leihung  des  Militarverdienstkreuzes  ein.    Im  Jahre  1859  war  C.  Oberstlieutenant 
im  Generalstabe  und  Chef  des  3.  Armee-Corps.     Die  verdienstvolle  Tnatigkeit 
C.'s  wahrend  der  beiden  Abschnitte  dieses  Feldzuges  fand  nach  der  Schlacht 
von    Magenta    ihre    Anerkennung    durch    Verleihung    des    Ritterkreuzes    des 
Leopold-Ordens,  wahrend  ihm  nach  der  Schlacht  von  Solferino  der  Orden 
der  Eisernen  Krone   3.  Klasse   und   wenige  Monate  darauf  ebenfalls  in  Wtir- 
digung  der  in  der  genannten   Schlacht   bewiesenen   Tuchtigkeit  die   hochste 
militarische  Auszeichnung,   das   Ritterkreuz  des   Maria-Theresia-Ordens    zuer- 
kannt  wurde.     Mit  der  Verleihung  dieses  Ordens  war  statu  ten gemass  die  Er- 
hebung  in  den  Adelstand  verbunden.     Die  Waffenthat  C.'s  bei  Solferino  ver- 
dient  als  Zeichen    der  hohen  militarischen  Befahigung  dieses  Mannes,    sowie 
seines    ktihnen,    entschlossenen  Charakters    kurz    geschildert   zu  werden.     Es 
war  in  den  Vormittagsstunden  des  24.  Juni,  als  das  3.  Armee-Corps,  das  recbts 
von    dem    den    linken    Fliigel    der    osterreichischen    Schlachtlinie    bildenden 
9.  Corps   focht,   alle  seine  Krafte  verausgabt  hatte.     Links  der  Strasse  Gui- 
dizzolo-Castiglione  hatte  sich  die  Division   FML.  Habermann  des  Corps  ent- 
wickelt,   wahrend  rechts  von  ihr  FML.  Schonberger  mit  der  zweiten  Division 
des  Corps  im  Kampfe  gegen  den  die  Linie  Quagliara-Casa  nuova-Rebecco  und 
Morino  haltenden  Gegner  stand.     Ohne  jede  Reserve  konnte  das  Commando 
des  3.  Corps  keine  andere  Absicht  haben,   als  sich  in  der  ihm  zugewiesenen 
Aufstellung  k  cheval   der  Strasse   so  lange   zu  behaupten,   bis   das  11.  Corps, 
das  als  Reserve  heranrtickte,  zur  Stelle  ware.     C.  war  die  Schlachtlinie  seines 
Corps  vom  rechten  Fliigel  an,  bei  dem  die  Verhaltnisse  giinstiger  waren,  als  bei 
den  anderen  Theilen  des  Corps,  abreitend  eben  im  Begriffe,  die  Strasse  zu  iiber- 
setzen    und    die    Situation    dem    Commandanten    Ftirsten    Schwarzenberg   zu 
melden,  als  das  knapp  links  der  Strasse  gegen  Casa  nuova  vorgehende  zweite 
Bataillon  Hessen-Infanterie  vom  Feinde  zurlickgeworfen  wurde.     Die  Schlappe 
war  so  gross,  dass  die  Eroberung  mehrerer  Geschiitze  seitens  des  heftig  nach- 
drangenden   Gegners    nicht  verhindert   werden    konnte   und   dass   die  Gefahr 
nahe   lag,    der   Feind  konne,   seinen   plotzlich   errungenen  Vortheii   energisch 
verfolgend,    die  Mitte    des    Corps  vollends    durchbrechen.     C.    erkannte  die 
kritische   Situation;    notwendig  war    rasche  Hilfe,    wenn   auch  mit  noch  so 
wenig  Kraften,    da  dem  plotzlichen  Gegenangriffe    der  siegreiche,    blind    ver- 
folgende  Gegner  am   ehesten  weichen   musste.      C.    stellte    sich    daher,   ohne 
einen  hoheren  Befehl  einzuholen,  an  die  Spitze  der  zunachst  befindlichen  in- 
takten  Truppe,    es  war  eine  Division    Belgien-Infanterie,    fiihrte  sie   links   der 


Freiherr  v.  Catty.     Engerth.  393 

Strasse  vor  und  warf  im  Verein  mit  den  sich  um  diese  Division  sammelnden, 
durch  den  vehementen  Angriff  der  Franzosen  zersplitterten  Truppen,  die 
Feinde  wieder  nach  Casa  nuova  zurtick,  wobei  diese  die  eroberten  Geschtltze 
im  Stiche  lassen  mussten.  Durch  diese  Waffenthat  C.'s  war  die  Schlacht  im 
Centrum  wieder  hergestellt  und  dadurch  zugleich  einer  Katastrophe  vorgebeugt. 
Im  Kriege  1866  gegen  Preussen  war  Oberst  C.  Generalstabschef  des  Erz- 
herzogs  Ernst*,  der  das  3.  Corps  commandirte.  In  rascher  Folge  erstieg  C. 
wahrend  der  nun  folgenden  Friedensjahre  die  Stufenleiter  der  militarischen 
Wiirden.  Im  Jahre  1874  linden  wir  ihn  als  Stellvertreter  des  Chefs  des 
Generalstabes,  von  welcher  Stellung  er  auf  eigene  Bitte  im  Jahre  1876  ent- 
hoben  wurde.  Bis  zu  seinem  im  Jahre  1889  erfolgten  RUcktritte  vom  activen 
Dienste  war  C.  zuerst  Divisions-  und  dann  Corps-Commandant  in  Pressburg. 
Den  im  Kriege  erworbenen  hohen  Auszeichnungen  gesellten  sich  nun  wahrend 
der  der  Erziehung  des  Soldaten  zu  seinem  schweren  Berufe  gewidmeten 
Friedensjahre  in  rascher  Folge  ehrenvolle  Anerkennungen  des  Kriegsherrn  bei. 
C.  wurde  1882  Geheimer  Rath,  bald  darauf  Oberst-Inhaber  des  Infanterie- 
Regiments  No.  102  und  ein  Jahr  darauf  Feldzeugmeister  und  lebenslangliches 
Herrenhausmitglied,  in  welcher  Korperschaft  er  sich  der  Mittelpartei  anschloss. 
Nach  seinem  Rucktritte  vom  activen  Dienste,  wobei  sich  aber  der  Kaiser 
die  Wiederverwendung  C.'s  vorbehielt,  wahlte  dieser  Wien  zu  seinem  standigen 
Aufenthalte,  wo  er  am  9.  Mai  1897  starb. 

Quell  en:  J.  Lukes,  Militanscher  Maria  Theresien-Orden.     Wien  1890. 

K.  Wollanka. 

Engerth,  Eduard,  Ritter  von,  Maler  und  Galeriedirektor  in  Wien,  *  am 
13.  Mai  1818  zu  Pless  in  Preussisch-Schlesien ,  f  am  29.  Juli  1897  auf  dem 
Semmering,  war  der  Sohn  eines  in  Pless  ansassigen  Malers,  wanderte  in 
friiher  Jugend  nach  Oesterreich  aus  und  bezog  im  December  1837  die 
Wiener  Akademie.  Hier  wurden  FUhrich  und  Kupelwieser  seine  Lehrer. 
Schon  1844  erhielt  er  ftir  sein  Gemalde  » Josefs  Traumdeutung«  die  goldene 
Staatsmedaille.  1846  malte  er  im  Auftrage  Erzherzog  Carls  »Die  Kaiser- 
kronung  Rudolfs  von  Habsburg*.  Im  folgenden  Jahre  ging  er  mit  einem 
kaiserlichen  Reisestipendium  auf  6  Jahre  nach  Italien.  In  Rom  verkehrte 
er  viel  bei  Cornelius ;  auch  trat  er  damals  in  freundschaftliche  Beziehungen  zu 
Victor  von  Scheffel,  dessen  Bildniss  er  in  einer  Bleistiftzeichnung  festhielt. 
Diese  Zeichnung  ist  spater  von  Th.  Hrncir  radirt  worden.  Das  Hauptwerk 
seiner  rOmischen  Zeit,  und  wohl  auch  das  seines  Lebens,  ist  das  grosse  Bild, 
das  sich  heute  in  der  kaiserlichen  Gemaldegalerie  zu  Wien  befindet:  «Helene, 
die  Gemahlin  Manfreds,  wird  mit  ihren  Kindern  von  den  Kriegern  Karls 
von  Anjou .  gefangen  genommen«  (gemalt  185 1  bis  1853).  Es  erregte 
sowohl  bei  seinem  ersten  Erscheinen  in  Rom,  als  auch  bei  einer  Rund- 
reise  durch  Europa  das  grosste  Aufsehen  und  machte  bald  den  Namen  des 
jungen  Kflnstlers  bekannt,  ja  berlihmt.  Es  ist  heute  schwer,  dieses  Aufsehen 
zu  begreifen,  uns  erscheint  schon  der  Gegenstand  ftir  ein  grosses  Gemalde 
allzu  anekdotenhaft,  das  hohle  Pathos  mit  den  rollenden  Augen  und  den 
theatralischen  Gebarden  stOsst  uns  ab,  und  auch  in  der  an  sich  trefflichen 
Malerei  finden  wir  wenig  feinen  ktinstlerischen  Geschmack.  Das  Ganze  wirkt 
auf  uns  nicht  viel  anders,  als  die  vielen  Kunstvereinsblatter  aus  jener  Zeit, 
wo  Kaulbach,  Lessing  und  Piloty  das  kiinstlerische  Leben  Deutschlands  fast 


394  v-  Engertlu 

vollig  beherrschten.  Damals  bewunderte  man  aber  daran  den  lebendigen 
Ausdruck  und  ganz  besonders  den  Naturalismus  in  der  Malerei  der  historischen 
KostUme  und  des  Beiwerks,  Merkwlirdig  ist  das  Urtheil  des  alten  Cornelius, 
der  an  E.'s  Gemalde  die  Komposition  gut,  die  Darstellung  ergreifend,  die 
Malerei  aber  schlecht  fand,  wegen  des  Uebermaasses  an  Naturalistik  und 
Glanz  der  Farbe,  die  nach  seiner  Meinung  die  Wirkung  der  Zeichnung  zu 
nichte  machten.  Wie  sehr  haben  sich  doch  seit  jener  Zeit  die  Begriffe  von 
Naturalistik  der  Farbe  geandert;  was  wtirde  Cornelius  zu  unsern  heutigen 
Naturalisten  sagen! 

Diesem  Erfolge  hatte  es  E.  zu  danken,  dass  man  ihn  Ende  1853  als 
Direktor  der  Akademie  nach  Prag  berief,  wo  er  der  Nachfolger  Christian 
Ruben's  wurde.  In  der  folgenden  Zeit  wirkte  er  dann  an  der  Ausschmtickung 
der  Altlerchenfelder  Kirche  zu  Wien  mit.  Das  linke  Seitenschiff  dieser  Kirche 
malte  er  nach  eigenen  Entwtirfen,  das  Presbyterium  nach  Kompositionen 
seines  Lehrers  Ftlhrich  aus.  Daneben  schuf  er  eine  grossere  Zahl  von  Bild- 
nissen  bfthmischer  Adeliger,  im  Jahre  1861  auch  das  Bildniss  des  Kaisers 
Franz  Joseph  im  Toisonordensornate,  ein  ziemlich  langweiliges  Ceremonien- 
bild  (jetzt  im  Landtagssaale  zu  Prag).  In  den  Jahren  i860  bis  1865  ent- 
stand  das  grosse,  28  Fuss  lange  Gemalde:  »Prinz  Eugen  Ubersendet  die 
Botschaft  des  Sieges  bei  Zenta  an  den  Kaiser  «  (jetzt  im  kgl.  Schlosse  zu 
Ofen).  1865  wurde  E.  als  Professor  an  die  Akademie  der  bildenden  Ktinste  zu 
Wien  berufen.  Hier  fiel  ihm  die  ehrenvolle  Aufgabe  zu,  neben  Schwind  an 
der  Ausschmtickung  des  neuen  Opemhauses  mit  Fresken  mitzuarbeiten.  Ftir 
die  sogenannte  Kaisertreppe  entwarf  er  zwolf  Darstellungen  aus  der  Orpheus- 
sage;  sie  verrathen  einigen  dekorativen  Geschmack,  sind  aber  im  Ganzen 
etwas  langweilig  und  susslich.  Besser  sind  die  sieben  Scenen  aus  der  Hoch- 
zeit  des  Figaro,  mit  denen  er  den  Kaisersaal  des  Opemhauses  zierte.  Sie 
zeugen  von  dem  Einflusse  Schwinds,  haben  Humor  und  fallen  nur  selten  ins 
Theatralische.  Den  Vergleich  mit  Schwinds  kOstlichen  Schopfungen  vermogen 
sie  freilich  nicht  auszuhalten.  Im  Jahre  1867  malte  E.  noch  die  »Kronungs- 
feierlichkeiten  Ihrer  Majestaten  in  Ofen«,  ein  Gemalde,  das  sich  gegen- 
wartig  im  kgl.  Schlosse  zu  Ofen  befindet.  Seitdem  hat  er  ausser  einigen 
Bildnissen,  worunter  wir  das  seines  Lehrers  Ftihrich  hervorheben,  nur  wenig 
mehr  gemalt. 

Von  nun  an  beschr&nkte  er  seine  kiinstlerische  Wirksamkeit  fast  ausschliess- 
lich  auf  seine  Lehrthatigkeit  an  der  Akademie  der  bildenden  Ktinste.  Unter 
seinen  Schtilern  heben  wir  Karger,  Charlemont  und  Rumpler  hervor.  In  den 
Jahren  1874 — 1876  war  er  Rektor  dieser  Anstalt,  erst  1877  trat  er  als  Professor 
in  den  Ruhestand.  Daneben  bekleidete  er  verschiedene  Ehrenstellen.  1866 
wurde  er  Vorstand  der  Wiener  Ktinstlergenossenschaft,  1867  Kurator  des 
osterreichischen  Museums  ftir  Kunst  und  Industrie,  1869  Ehrenmitglied  der 
Mtinchener  Ktinstlergenossenschaft;  auch  betheiligte  er  sich  an  der  Jury  der 
Pariser  Ausstellung  (1867)  un<^  an  der  der  Wiener  Weltausstellung  (1873). 
In  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  nahm  ihn  ein  Amt,  das-  ausserhalb  des 
eigentlichen  Kreises  seiner  ktinstlerischen  Wirksamkeit  liegt,  stark  in  Anspruch. 
Seit  1 87 1  war  er  Direktor  der  kaiserl.  Gemaldegalerie  im  Belvedere.  Von  sei- 
ner Thatigkeit  als  solcher  zeugt  das  dreibandige  »Beschreibende  Verzeichniss* 
der  ihm  anvertrauten  Galerie,  das  in  den  Jahren  1882  bis  1886  erschienen 
ist.  Diese  Arbeit  hat  ihre  grossen  Fehler,  sie  ist  weitschweifig  und  langathmig, 
im  Einzelnen  aber,  besonders    in    der  Angabe    der  Provenienz    und  der  Re- 


v.  Engerth.     Schttnn.  305 

produktionen  der  einzelnen  Gemalde,  nicht  ganz  verlasslich ;  auch  gebrach  es 
E.  an  Kritik  und  Kennerschaft,  so  dass  er  sich  bei  Sachverstandigen ,  wie 
z.  B.  Crowe  und  Cavalcaselle,  Raths  erholen  musste ;  dass  die  letztgenannten 
nicht  immer  Recht  behalten  haben,  ist  freilich  nicht  E.'s  Schuld.  Uebrigens 
steckt  sonst  viel  Fleiss  und  Sorgfalt  in  diesem  Verzeichnisse,  und  man  kann 
es  als  eine  verdienstliche  und  ntitzliche  Vorarbeit  zu  einem  zu  erwartenden 
kritischen  Kataloge  der  Wiener  Gem&ldesammlung  betrachten.  Wenig  Gltick 
hatte  E.  mit  der  Neuaufstellung  der  Galerie,  die  er  1891  aus  Anlass  der 
Uebersiedlung  der  Sammlung  in  das  neuerbaute  prunkvolle  kunsthistorische 
Hofmuseum  durchfuhrte.  Der  alte  Herr  hatte  die  ganze  Neuordnung  auf 
dem  Papier  ausgemessen  und  ausgerechnet  und  danach  die  Bilder  in  den 
Raumen  vertheilt  Als  aber  das  Museum  eroffhet  worden  war,  wurden  bald 
von  alien  Seiten  Klagen  liber  die  Aufstellung  laut,  und  man  musste  sich 
dazu  entschliessen ,  die  Bilder  ganz  neu  zu  hangen.  Noch  vor  dieser  Neu- 
aufstellung trat  E,  aus  Gesundheitsrticksichten  in  den  Ruhestand.  Den  Rest 
seines  Lebens  verbrachte  er  in  Zurtickgezogenheit. 

A.  Schafler,  Die  kaiserliche  Gem&lde  -  Galerie  in  Wien.  Moderne  Meister.  1893^". 
S.  28.  —  C.  Karger,  Erinnerungen  an  E.  v.  E.f  Neue  Freie  Presse,  12.  August  1897.  — 
Wiener  Zeitung,  29.  Juli  1897.  —  Zcitschrift  ftir  bildende  Kunst  III.  1868  S.  5:  Engertbs 
Fresken  aus  Figaros  Hochzeit  (B). 

Gustav  Gltick. 


SchSnn,  Alois,  Maler,  *  zu  Wien  am  n.Marz  1826,  f  zu  Krumpendorf 
am  Worthersee  in  Karnthen  am  16.  September  1897,  war  der  Sohn  des 
k.  k.  Oberamtscontrolors  Johann  S.  und  seiner  Gattin  Anna,  geb.  HaufFer, 
genoss  im  Hause  seiner  Eltern  eine  sorgfaltige  Erziehung  und  kam  im  Herbst 
1845  an  die  Wiener  Akademie,  wo  er  langer  als  zwei  Jahre  verblieb  und  be- 
sonders  bei  Ftihrich  studirte.  Als  im  Winter  1848  die  Akademie  in  Folge 
der  Revolution  geschlossen  wurde,  ging  der  junge  S.  zur  Vertheidigung  Tirols 
an  die  italienische  Grenze.  Der  kleine  Feldzug,  den  er  hier  mitmachte,  bot 
ihm  reiche  kiinstlerische  Anregung,  bestarkte  seine  Neigung  zur  Schlachten- 
malerei  und  gab  ihm  die  Vorwtirfe  zu  seinen  ersten  Bildern.  Bald  nach 
seiner  Rlickkehr  malte  er  den  »Rtickzug  aus  dem  Gefechte  von  Ponte  Te- 
desco«,  ein  Gemalde,  das  der  Verein  flir  bildende  Kunst  um  eine  stattliche 
Summe  erwarb,  und  »Die  Ersttirmung  des  verschanzten  Lagers  von  Lodrone«, 
die  vom  Kaiser  ftir  die  Belvedere -Galerie  angekauft  wurde.  Diese  Erfolge 
bewogen  ihn,  auch  den  Kriegsschauplatz  in  Ungarn  aufzusuchen,  wo  er  sich 
neue  Vorwtirfe  zu  seinen  Schlachtenbildern  holen  wollte.  Hier  war  er  jedoch 
weniger  gllicklich:  er  wurde  bei  Komorn  von  den  Aufstandischen  gefangen 
genommen  und  als  Spion  zum  Tode  verurtheilt;  nur  das  Einrticken  der  kai- 
serlichen  Truppen  rettete  ihm  das  Leben.  Aus  Erinnerungen  und  Studien, 
die  er  von  dieser  Reise  mitbrachte,  entstand  das  Bild:  »Eine  ungarische 
Familie  kehrt  nach  Beendigung  des  Krieges  in  die  Heimath  zuriick«.  Im 
Jahre  1850  begab  sich  S.  nach  Paris,  wo  er  bis  1851  blieb,  ein  Aufent- 
halt,  der  sicherlich  flir  sein  ferneres  Schaffen  von  grosster  Bedeutung  war. 
Wie  er  selbst  angab,  hat  er  dort  am  meisten  von  Horace  Vernet  gelernt; 
die  grossen  Schlachtendarstellungen  dieses  damals  sehr  gefeierten  Meisters 
miissen  den  jungen  Ktinstler  stark  angezogen  haben.  Freilich  hat  er  gerade 
seit  seiner  Pariser  Reise  fast  gar  keine  Schlachtenbilder  mehr  gemalt.  Wich- 
tiger  ist  aber  ftir  S.'s  Laufbahn  etwas  anderes  geworden,  was  er  Vernet  ver- 


396  SchOnn. 

dankt,  n&mlich  seine  grosse  Vorliebe  ftir  den  Orient,,  der  er  zeitlebens  treu 
geblieben  ist.  Vernet  hatte  den  Aufsehen  erregenden  Versuch  gemacht,  seine 
biblischen  Darstellungen  in  das  Gewand  von  Scenen  aus  dem  wirklichen  Orient 
zu  kleiden;  solche  Bilder  mogen  wohl  in  S.  den  Wunsch  erweckt  haben,  den 
Orient  aus  eigener  Anschauung  kennen  zu  lernen  und  zu  schildern.  Die 
Orientmalerei  war  ja  auch  damals  in  Paris  nichts  neues  mehr;  frliher  als 
Vernet  hatte  der  geniale  Alexander  Decamps  den  Orient  und  das  Leben  des 
Orients  mit  den  Augen  eines  grossen  Malers  angesehen  und  mit  den  gliihend- 
sten  Farben  geschildert.  Hatte  S.  nicht  selbst  gesagt,  dass  er  in  Paris  am 
meisten  von  Vernet  beeinflusst  worden  sei,  so  mtissten  wir  glauben,  dass  ihm 
Decamps  viel  mehr  gewesen  sei,  als  der  malerisch  weit  weniger  begabte 
Vernet.  In  der  That  stossen  wir  in  S.'s  Bildern,  selbst  in  denen  seines  Al- 
ters, immer  und  immer  wieder  auf  Decamps'  Einfluss:  von  niemand  andenn 
hat  S.  den  feinen  Geschmack,  der  sich  in  der  Wahl  oft  unscheinbarer,  male- 
risch aber  hochst  wirksamer  Motive  zeigt,  wie  es  z.  B.  Ansichten  von  ver- 
fallenem  Gemauer,  schmutzigen  Hofen  und  Innenraumen,  elenden  Werkstatten 
und  dergL  sind;  auch  die  breite,  kraftige  Malweise  und  die  etwas  tiefe  Far- 
bung  der  Bilder  S.'s  erinnert  sehr  an  Decamps*  Art. 

Wie  dem  auch  sei,  es  ist  ohne  Zweifel  S.'s  eigenes  Verdienst,  dass  er 
zuerst  den  Orient  in  die  Osterreichische  Malerei  eingefiihrt  hat,  etwa  wie  es 
Decamps  fiir  die  franzosische  und  Wilhelm  Gentz  ftir  die  deutsche  Malerei 
gethan  haben.  S.  ist  in  Oesterreich  der  erste  wirkliche  Orientmaler;  viel 
spater  erst  sind  ihm  auf  diesem  Gebiete  Osterreichische  Maler  wie  Leopold 
C.  Mtiller  und  C.  Huber  gefolgt.  Schon  1852  hat  S.  seine  erste  Reise  in 
den  Orient  unternommen  und  seither  fast  den  ganzen  Orient  auf  wiederholten 
Reisen  kennen  gelernt  und  studirt:  Syrien,  Aegypten,  Nubien,  der  Sudan, 
Tunis,  die  Tilrkei  und  die  Balkanlander  haben  ihm  StofFe  zu  seinen  Bildern 
geliefert.  Er  liebte  den  SUden ;  nicht  nur  die  sonnige,  heitere  Landschaft  zog 
ihn  an,  sondern  noch  viel  mehr  das  stidlich  lebendige,  fluthende  Treiben  des 
Volkes  bei  Versammlungen,  Festen,  Mark  ten,  Weinlesen,  Theatervorstellun- 
gen  u.  s.  w.  Einige  Titel  solcher  Bilder  mogen  hier  angefiihrt  werden,  weil 
sie  uns  am  besten  die  Gegenstande  seiner  Schilderungen  aus  dem  Orient  vor 
Augen  ftihren  konnen:  »Marchen-Erzahler«,  »Tiirkisches  Cafe«,  »Der  ttir- 
kische  Bazar*  (jetzt  in  der  Akademie  der  bildenden  Kunste  zu  Wien), 
»Pferdemarkt  in  Tunis*,  »Der  orientalische  Obstmarkt*,  »Der  Wiisten- 
brui\nen«,  »TUrkische  Weinlese«  u.  a.  m.  Aber  nicht  nur  den  Orient  hat  er 
malerisch  dargestellt,  sondern  er  fand  auch  Gegenstande  ftir  seine  Gemalde 
tiberall,  wo  er  noch  urspriingliche  Volksbrauche  und  -sitten  beobachten  konnte: 
in  Ungarn,  Siebenbtirgen,  Galizien,  Bosnien,  Dalmatien,  in  Italien,  wovon  er 
besonders  Rom,  Capri,  Palermo,  Taormina  und  Chioggia  liebte,  endlich  in 
Karnthen  und  selbst  in  Wien.  Seine  Entwicklung  war  etwa  der  Pettenkofens 
parallel  gegangen;  wie  dieser,  ist  er  vom  Schlachtendarsteller  zum  Maler  des 
Volkslebens  geworden.  Am  meisten  Erfolg  hatte  er  mit  seinen  Bildern  aus 
Italien:  das  Gemalde  »An  der  genuesischen  Ktiste«  wurde  1872  ftir  die 
Belvedere  -Galerie  angekauft,  das  »Volkstheater  in  Chioggia«  brachte  ihm 
1874  in  Berlin  die  goldene  Medaille,  das  »Volksfest  an  der  Riviera«  1878 
in  Paris  das  Ritterkreuz  der  Ehrenlegion,  die  »R6mischen  Winzer«  1883  in 
Wien  die  Karl -Ludwigs- Medaille.  Ein  weiteres  Feld,  worin  S.  seine  feine 
Beobachtungsgabe  verwerthen  konnte,  bot  ihm  die  Schilderung  des  Lebens 
der  Wallachen,   Zigeuner  und  galizischen  Juden.     Dahin  gehoren  die  Bilder: 


Schttnn.     Meyer.  397 

»Die  drei  Zigeuner«,  »Vorhof  einer  Synagoge«,  »Judenverfolgung«,  »G&nse- 
markt  in  Krakau«  u.  s.  w.  Am  Ende  seines  Lebens,  wo  ihm  Reisen  an- 
fingen,  beschwerlich  zu  werden,  hat  er  sich  auf  die  Schilderung  des  Wiener 
Volkslebens  geworfen;  davon  zeugen  die  Gem&lde:  »Abschied  auf  dem  Siid- 
bahnhofe  zu  Wien«,  »Auf  der  Freyung«  und  »Am  Schanzl*  (die  beiden 
letztgenannten  im  Besitze  der  Stadt  Wien).  Das  letzte  Bild,  das  er  gemalt 
hat,  ist  das  » Kirch weihfest  in  Luzia  in  Karnthen«. 

S.  nimmt  unter  den  osterreichischen  Malern  der  zweiten  Halfte  unseres 
Jahrhunderts  eine  hervorragende  Stellung  ein.  Seine  ktinstlerische  Personlich- 
keit  zeichnet  sich  nicht  so  sehr  durch  auffallende  Original i tat  oder  feuriges 
Temperament  aus,  als  viel  mehr  durch  Ernst,  Ruhe,  Tiichtigkeit,  Ehrlichkeit 
und  Fleiss.  Diese  Eigenschaften  haben  aus  ihm  einen  vorziiglichen  Maler  ge- 
macht.  Die  Farbung  seiner  Bilder  war  Anfangs  schwer  und  kiihl  und  durch 
bleierne  graue  Schatten  entstellt;  spater  wird  sie  Dank  seincm  Studium  italie- 
nischer  Luft  und  Landschaft  harmonischer,  tiefer  und  warmer.  Seine  Mai- 
weise  ist  immer  breit  und  kraftig  und  verfallt  nie  ins  Glatte  und  Kleinliche. 
Dadurch  nahert  er  sich  etwas  den  Modernen,  ohne  freilich  weit  tiber  die 
Tradition  der  franzftsischen  Malerei  des  zweiten  Kaiserreiches  hinauszugehen. 
Wirkliches  Freilicht  sucht  man  in  seinen  Gem&lden  vergeblich;  wohl  aber 
findet  man  es  in  seinen  Studien.  Gerade  diese  Naturstudien,  wovon  man 
eine  grosse  Anzahl  auf  der  Ausstellung  seines  Nachlasses  in  Wien  im  Winter 
1898  bewundern  konnte,  geben  aber  den  besten  Begriff  von  seinem  grossen 
malerischen  Konnen. 

C.  von  Vincertti,  Wiener  Kunstrenaissance  Wien  1876  S.  341.  —  A.  Schaffer,  Diekaiser- 
liche  Gemalde-Galerie  in  Wien.  Moderne  Meister.  1893  ff.  S.  83.  —  Katalog  des  kUnst- 
lerischen  Nachlasses  A.  S/s.  Wien,  Miethke  1898  (mit  Abbildungen).  —  Neue  Freie  Presse, 
22.  Februar  1898  (Abendblatt) :  Der  Nachlass  des  Malers  Sch5nn  (v.  V.). 

Gustav  Gliick. 

Meyer,  Jiirgen  Bona,  Philosoph,  *  am  25.  October  1829,  Sohn  des  gleich- 
namigen  Kaufmannes  in  Hamburg,  f  am  22,  Juni  1897  in  Bonn.  —  Von 
1842  — 1849  besuchte  er  das  Hamburger  Johanneum.  Dann  studirte  er  zu 
Bonn  vom  Herbst  1849 — 1851  Medizin  und  Naturwissenschaft,  und  in  Berlin 
bis  Herbst  1853  Naturwissenschaft  und  Philosophic  Nach  einem  halbj&hrigen 
Aufenthalt  in  Hamburg  promovirte  er  am  19.  Juni  1854  zu  Berlin  aufGrund 
einer  Dissertation  »De  principiis  Aristotelis  in  distributione  animalium  ad- 
hibitis«  als  Doctor  der  Philosophic  Diese  Dissertation  wurde  die  Grundlage 
zu  einem  grSsseren  Werke  »Aristoteles'  Thierkunde.  Ein  Beitrag  zur  Ge- 
schichte  der  Zoologie,  Physiologie  und  alten  Philosophic «  Berlin  1855. 
250  S.  —  Vor  Beendigung  des  Druckes  dieses  Werkes  begab  sich  M.  im 
Januar  1855  nach  Paris,  um  dort  Vorstudien  zu  einer  Geschichte  der  neueren 
Philosophic  in  Frankreich  zu  machen,  als  deren  Ergebniss  bald  einige  Artikel 
in  der  »Zeitschrift  ftlr  Philosophic  und  philosophische  Kritik«  erschienen. 
Von  Herbst  1855  bis  Winter  1862  lebte  M.,  abgesehen  von  einem  halbjahri- 
gen  Berliner  Aufenthalt  und  verschiedenen  Reisen  in  der  Schweiz  und  Nord- 
italien,  in  Hamburg  als  Privatgelehrter.  Im  Winter  1856  hielt  er  am  Ham- 
burger akademischen  Gymnasium  ofFentliche  Vortrage  »zum  Streit  tiber  Leib 
und  Seele«,  die  dann  auch,  unter  diesem  Titel,  im  Druck  erschienen  (Ham- 
burg 1856.  130  S.).  Es  waren  Wortc  der  Kritik,  die  auf  Kant's  Kriticismus 
zurtickwiesen.     Zugleich  erschien  eine  Schrift  »Voltaire  uud  Rousseau  in  ihrer 


398  Meyer. 

socialen  Bedeutung*  (Berlin  1856.  184  S.),  gleichfalls  aus  wissenschaftlichen 
Vortragen  hervorgegangen.  Letztere  Schrift  war  in  ihrer  Richtung,  speziell 
in  ihrer  Werthschatzung  Voltaire's,  ein  Vorlaufer  des  Werkes  von  David  Strauss 
uber  Voltaire.  Die  wissenschaftliche  Hauptthatigkeit  dieser  Zeit  gait  der  Mit- 
arbeit  am  Index  zum  Aristoteles,  den  die  Berliner  Akademie  veranstaltete. 
M.  ubernahm  die  naturgeschichtlichen  Artikel.  Im  Jahre  i860  betheiligte 
sich  M.  an  der  Konigsberger  Naturforscherversammlung  mit  einem  Vortrage 
tiber  die  »Principien  der  Stufenordnung  der  Thiere«.  Im  gleichen  Jahre 
veroffentlichte  er  eine  Schrift  »Gedanken  uber  eine  zeitgemasse  Entwicklung 
der  deutschen  Universitaten*,  die  den  Anfang  bildete  zu  einer  dauernden 
Beschaftigung  mit  der  Frage  der  Universitaten  und  ihrer  Geschichte. 

Damals  schon  regte  sich  in  M.  der  Gedanke  der  Habitation  an  einer 
Universitat.  Doch  blieb  er  noch  einige  Jahre  in  seiner  Vaterstadt,  theils 
wissenschaftlichen  Studien  hingegeben,  theils  bemtiht,  allerlei  gemeinniitzige 
ideale  Bestrebungen,  wie  die  Errichtung  einer  Kunsthalle,  eines  Schillerdenk- 
males,  einer  Volksbibliothek,  einer  Fortbildungsanstalt  fur  junge  Kaufleute, 
eines  offentlichen  Leseinstitutes  des  Athenaums,  insbesondere  aber  die  auf 
eine  Schulreform  gerichteten  Bestrebungen  zu  untersttitzen.  Jenen  verschie- 
denartigen  Bestrebungen  sollte  auch  die  Herausgabe  des  Hamburger  Wochen- 
blattes  (gemeinsam  mit  Emil  Lohmann)  dienen.  Das  Interesse  an  der  Schul- 
reform veranlasste  M.  zur  Veroffentlichung  der  Schriften  »Staat  und  Kirche 
im  Streit  um  die  Schule  in  Hamburg*  und  »Grundzuge  der  Schulreform 
unserer  Zeit  mit  Rucksicht  auf  die  Geschichte  des  Schulwesens  in  Ham- 
burg* (beide  1861).  M.'s  damalige  padagogische  Studien  fanden  ihren  vor- 
laufigen  Abschluss  in  dem  Buche  uber  »Religionsbekenntniss  und  Schule*  1882. 

Herbst  1862  endlich  habilitirte  sich  M.  in  Berlin  als  Privatdozent  fur 
Philosophic  Gleichzeitig  wurde  ihm  die  Funktion  eines  Lehrers  der  Philo- 
sophic an  der  Berliner  Kriegsakademie  iibertragen.  1867  wurde  er  Trendelen- 
burg's Nachfolger  als  Mitglied  der  ausserordentlichen  Priifungscommission  ftir 
das  Oberlehrerexamen.  Auch  in  Berlin  betheiligte  sich  M.f  soweit  es  die 
neue  Lehrthatigkeit  gestattete,  durch  offentliche  Vortrage  an  gemeinniitzigen 
Bestrebungen,  vor  alien  solchen,  die  auf  Hebung  der  Volksbildung  gerichtet 
waren.  Einer  dieser  Vortrage  erschien  unter  dem  Titel  »Volksbildung  und 
Wissenschaft  in  Deutschland  wahrend  des  letzten  Jahrhunderts*  1866.  Im 
Februar  1868  wurde  M.  als  Brandis1  Nachfolger  ordentlicher  Professor  der 
Philosophic  in  Bonn.  Die  Antrittsrede  uber  »die  Gemeinschaft  der  Facultaten« 
erschien  1869  in  Bonn.  Im  tolgenden  Jahre  veroffentlichte  M.  ein  Buch  iiber 
»Kant's  Psychologies,  das  in  eindringlicher  und  einleuch tender  Weise  auf  das 
Psychologische  in  Kant's  Untersuchungen  hinwies  und  dadurch  fur  die  Beurthei- 
lung  der  Kant'schen  Philosophic  grundlegende  Bedeutung  gewonnen  hat.  Von 
1869 — 1882  war  M.  Mitglied  der  wissenschaftlichen  Priifungscommission  fur 
das  Oberlehrerexamen,  betraut  mit  der  Priifung  in  Philosophic  und  Padago- 
gik ;  nach  Einflihrung  der  wissenschaftlichen  Staatsprlifung  der  Theologen  auch 
Mitglied  der  daftir  bestellten  Priifungscommission  (1874 —  1880).  In  den 
Jahren  1877  und  1878  war  M.  einer  der  Lehrer  des  Prinzen  Wilhelm  von 
Preussen. 

Neben  der  akademischen  Wirksamkeit  war  M.,  besonders  seit  187 1,  von 
der  Theilnahme  an  gemeinniitzigen  Bildungsbestrebungen  und  dem  Interesse 
an  der  deutschen  Kirchen-  und  Schulpolitik  in  Anspruch  genommen.  Thati- 
gen  Antheil   nahm    er  sofort   an   der  1871   gegriindeten  Gesellschaft   zur  Ver- 


Meyer.  399 

breitung  von  Volksbildung.  Auf  der  zweiten  Generalversammlung  dieser  Ge- 
sellschaft  in  Darmstadt  1872  trat  er  energisch  ftir  die  obligatorische  Fortbil- 
dungsschule  ein,  die  dann  auch  bald  darauf  in  Hessen  gesetzlich  eingeflihrt 
wurde.  Der  dort  gehaltene  Vortrag  erschien  in  den  »Deutschen  Zeit-  und 
Streitfragen*  1873.  Seit  1872  war  M.  Mitglied  des  Centralausschusses  der 
genannten  Gesellschaft.  Anfang  Januar  1871  begriindete  er  mit  Anderen  den 
Bonner  Bildungsverein ,  und  war  dann  ein  Jahrzehnt  Vorsitzender  desselben. 
Von  1872  —  1876  war  er  zugleich  Vorsitzender  des  Verbandes  der  Bildungs- 
vereine  Rheinlands  und  Westfalens,  der  sich  in  dieser  Zeit  besonders  der 
Forderung  der  Fortbildungsschulen,  der  Volksbibliotheken  und  des  Simultan- 
schulwesens  annahm.  Nach  dem  Umschwung  der  Kirchen-  und  Schulpolitik 
der  preussischen  Regierung  wurde  auf  seine  Anregung  zum  Zweck  der  Fest- 
haltung  des  Errungenen  im  Januar  1881  der  liberate  Schulverein  Rheinlands 
und  Westfalens  gegriindet,  dem  er  gleichfalls  als  Vorsitzender  angehorte.  Zu- 
gleich suchte  er  als  Ausschussmitglied  des  »Deutschen  Vereins«  und  bis  1884 
auch  als  Mitglied  des  nationalliberalen  Provinzialcomit^s  die  politischen  Be- 
miihungen  des  gemassigten  Liberalismus  zu  ffcrdern. 

Die  Schriften  der  bezeichneten  Vereine  geben  von  M.'s  reicher  Antheil- 
nahme  an  ihren  Bestrebungen  Zeugniss.  Besonders  hervorzuheben  sind  folgende 
hierhergehorige  Arbeiten:  Zum  Bildungskampfe  unserer  Zeit,  Bonn  1878;  Die 
Simultanschulfrage  (Deutsche  Zeit-  und  Streitfragen  VIII,  1880);  Die  Behand- 
lung  der  Schule  auf  den  letzten  Generalsynoden  Rheinlands  und  Westfalens, 
1 881;  Der  Kampf  urn  die  Schule;  historische  und  padagogische  Erorterun- 
gen  liber  die  Fragen:  Staatsschule  oder  Kirchenschule?  Religionsunterricht 
und  Staatsschule?  Bonn  1882;  Die  angebliche  sittliche  Verwilderung  der  Ju- 
gend  unserer  Zeit  und  die  behauptete  Mitschuld  der  Schule  an  derselben, 
Bonn  1884.  In  Bonn  erschien  auch  das  seit  1883  von  M.  herausgegebene 
Monatsblatt  des  liberalen  Schulvereins  Rheinlands  und  Westfalens.  Neben  die- 
sen  weitverzweigten,  iiberall  wissenschaftlich  fundirten,  aber  doch  zunachst  auf 
das  Praklische  und  die  brennenden  Tagesfragen  gerichtete  Thatigkeit  ging 
doch  jederzeit  die  spezifisch  wissenschaftliche  Arbeit  des  Philosophen  und 
Padagogen  einher.  Ein  gross  und  umfassend  angelegtes  Werk  iiber  Pa- 
dagogik  und  ihre  Geschichte  schwebte  M.  lange  Jahre  hindurch  als  sein 
eigentliches  Lebenswerk  vor.  Endloses  Material  wurde  von  ihm  gesam- 
melt  und  da  und  dort  im  Einzelnen  verarbeitet.  Seine  Vorlesungen  an  der 
Universitat  und  allerlei  offentliche  Vortrage  gaben  von  der  Beherrschung  des 
Stoffes,  der  Klarheit  der  grossen  Gesichtspunkte,  der  Tiefe  des  Blickes  fiir 
das  charakteristisch  Einzelne  Zeugniss.  Eine  gelegentliche,  hierhin  gehorige 
Arbeit  ist  das  Buch  »Friedrich's  des  Grossen  padagogische  Schriften,  aus 
dem  Franzosischen  ubersetzt  mit  einer  Abhandlung  liber  Friedrich's  des 
Grossen  Schulregiment«  erschienen  in  der  Bibliothek  padagogischer  Klassiker 
(Langensalza  1885).  Dass  das  grosse  Werk  nicht  zum  Abschluss  gelangte, 
hat  zum  Theil  seinen  Grund  in  M.'s  Art,  in  seiner  wissenschaftlichen  Ge- 
wissenhaftigkeit  sich  nie  genug  zu  thun,  von  jeder  Arbeit  liber  den  Gegen- 
stand  Kenntniss  nehmen,  Allem  gerecht  werden  zu  wollen. 

Zum  Anderen  liegt  der  Grund  hierfiir  in  dem  Umstande,  dass  von  einer 
gewissen  Zeit  an  der  Gedanke  an  ein  anderes  grosseres  Werk,  einen  »Grundriss 
der  Philosophie«  in  den  Vordergrund  seines  Interesses  rlickte.  Dies  Buch 
sollte  in  einen  historischen  und  einen  systematischen  Theil  zerfallen.  Jener 
sollte  die  letzten  iiberhaupt  moglichen  Gegensatze  der  philosophischen  Welt- 


400  Meyer.     Telmann. 

und  Lebensauffassung  aufzeigen  und  ein  Bild  ihrer  geschichtlichen  Ent- 
wickelung  zeichnen,  dieser  von  den  Ergebnissen  der  philosophischen  Disci- 
plinen  ein  Bild  geben,  und  des  Verfassers  eigene  philosophischen  Ueberzeu- 
gungen  im  Zusammenhang  darlegen.  Auch  hierftir  sind  umfassende  Vorarbei- 
ten  von  M.  gemacht  und  allerlei  dahin  Gehoriges  ist  von  ihm  frtlher  und 
spater  veroffentlicht  worden.  Vor  allem  sind  zu  nennen  sein  grosseres  Werk 
»Philosophische  Zeitfragen«,  und  die  »Probleme  der  Lebensweisheiu,  die 
beide  in  popularer  Form,  jenes  in  zusammenhangenderer  Darstellung,  diese  in 
loserer  Aneinanderftigung  der  einzelnen  Fragen  wichtige  Probleme  der  philo- 
sophischen Welt-  und  Lebensauffassung  beleuchten  und  dem  Verstandniss 
naher  bringen.  Dazu  treten  dann  ausserordentlich  zahlreiche  kleinere  Schrif- 
ten,  Aufsatze  und  Vortrage  tiber  einzelne  Philosophen,  vor  allem  tiber  Kant 
und  die  Philosophic  nach  Kant,  andererseits  tiber  die  verschiedensten  psycho- 
logischen  und  psychologisch-ethischeri  Thatsachen  und  Probleme.  Aber  auch 
dieses  zweite  grosse  Werk  ist  nicht  zum  Ende  gediehen.  Es  war  in  M.'s  philo- 
sophischen Anschauungen  eine  Gahrung  eingetreten.  Sein  ursprtinglicher  philo- 
sophischer  Dualismus  war  ihm,  zum  Theil  unter  dem  Einfluss  moderner  psycho- 
logischer  Untersuchungen,  deren  Gang  er  eifrig  verfolgte,  wankend  geworden. 
Der  Monismus  gewann  iiber  ihn  grossere  Macht.  Eine  Revision  seiner  An- 
schauungen, ein  nochmaliges  Durchdenken  derselben  schien  ihm  nothwendig. 
Da  lahmte  im  Januar  1895  e*n  Schlaganfall  seine  korperliche,  spater  eine 
mehrfache  Wiederholung  desselben  auch  seine  geistige  Kraft. 

M.'s  Vorlesungen  erstreckten  sich  auf  die  Padagogik  und  ihre  Geschichte, 
die  Geschichte  der  Philosophic,  die  Logik,  die  Psychologic  Von  den  der 
Geschichte  angehorigen  Philosophen  stand  Kant  im  Mittelpunkte  seines 
Interesses.  Unter  den  Disciplinen  der  systematischen  Philosophic  war  ihm 
die  Psychologic  die  grundlegende.  Grossen  Erfolg  hatten  dann  vor  allem 
auch  seine  Vorlesungen  tiber  akademisches  Leben  und  Studium.  M.  war  ein 
anregender  Lehrer  und  treuer  Freund  der  studirenden  Jugend,  immer  bereit 
zur  Forderung  ihrer  Interessen  und  zu  versohnendem  Ausgleich  der  Ge- 
gensatze. 

Alle,  die  M.  personlich  naher  kannten,  schatzten  in  ihm  die  Reinheit 
des  Charakters.  Er  war  ein  anima  Candida  und  eine  optimistische  Natur, 
liebenswtirdig,  das  Beste  Aller  wollend,  ein  weiches  Gemiith,  vertrauend, 
Gutes  anerkennend,  Krankungen  leicht  vergessend,  den  Seinen  in  treuer  Liebe 
ergeben,  von  grossem  Freundschaftsbedurfniss,  und  treu  festhaltend  an  seinen 
Freunden.     Sb  lebt  er  in  ihrem  Andenken. 

Theodor  Lipps. 

Telmann,  Konrad,  Schriftsteller,  *  am  26.  November  1854  in  Stettin, 
f  am  24.  Januar  1897  in  Rom.  —  Der  Name  »Konrad  Telmann*  ist  ursprting- 
lich  ein  Deckname  ftir  den  Schriftsteller  Ernst  Otto  Konrad  Zitelmann,  ist 
aber  in  sp&teren  Jahren  von  dem  Autor  auch  im  btirgerlichcn  Leben  geftihrt 
worden.  Sein  Vater  war  der  Justizrath  und  Generallandschafts  -  Syndicus 
Zitelmann,  seine  Mutter  eine  Tochter  des  Dichters  und  Geschichtsschreibers 
Ludwig  Gisebrecht.  Er  besuchte  das  Mariengymnasium  seiner  Vaterstadt  und 
studirte  seit  Ostem  1873  an  den  Universitaten  Berlin,  Leipzig,  Heidelberg 
und  Greifswald  die  Rechte.  Obwohl  seine  Gymnasial-,  und  noch  mehr  die 
Universitatszeit  durch  haufige  Krankheit  sehr  getrtibt  wTurde,    so  dass    mehr- 


Telmann.     Hirzel.  401 

fache  Unterbrechungen  seiner  Studien  und  wiederholter  Aufenthalt  in  der 
deutschen  und  franzosischen  Schweiz,  in  Meran,  im  bayrischen  Hochlande,  in  ver- 
schiedenen  Badern  nothig  wurden,  bestand  er  doch  schon  1876  sein  erstes 
juristisches  Examen  und  trat  als  Gerichtsreferendar,  zuerst  in  einer  Kleinstadt 
Pommerns,  dann  in  Stettin,  in  den  Staatsdienst.  Indessen  hatte  das  er- 
zwungene  Fernhalten  von  wissenschaftlichen  Studien  seine  friih  entwickelte 
Neigung  zu  poetischer  Production  begtinstigt,  so  dass  er  in  Rticksicht  sowohl 
auf  diese  Neigung  als  auch  auf  seine  Gesundheit  schon  zu  Neujahr  1878  aus 
dem  Justizdienste  schied ,  um  hinfort  als  Schriftsteller  zu  wirken.  In 
den  folgenden  Jahren  lebte  er  meist  auf  Reisen  durch  Deutschland,  die 
Schweiz,  Frankreich  und  Italien,  weilte  besonders  langere  Zeit  auf  Sicilien, 
bis  er  sich  1883  in  Mentone  (Stidfrankreich)  sesshaft  machte.  Nach  seiner 
Verheirathung  mit  der  bekannten  Malerin  und  Dichterin  Hermine  von  Preu- 
schen  (1891)  lebte  er  zeitweise  in  Hockendorf  bei  Stettin,  vorwiegend  aber 
in  Rom,  und  in  der  ewigen  Stadt  hat  er  auf  dem  italienischen  Friedhof  auch 
seine  letzte  Ruhestatte  gefunden.  —  T.  war  ein  sehr  fruchtbarer  Schriftstel- 
ler; er  hat  in  24  Jahren  nicht  weniger  als  69  Werke  in  93  Banden  veroffent- 
licht,  vorwiegend  Novellen,  fiir  welche  Dichtungsform  er  ganz  besondere  Be- 
gabung  zeigte. 

Persttnliche  Mittheilungen. 

Franz  BrUmmer. 

Hirzel ,  Ludwig ,  Universitatsprofessor  der  deutschen  Literatur,  *  am 
23-Februar  1838  in  Zurich,  f  am  1.  Juni  1897  in  Bern.  —  H.  stammte  aus 
einem  alten  Ztiricher  Geschlecht.  Ueber  seinen  Grossvater,  den  Chorherrn 
und  Professor  der  Philosophic  Heinrich  H.  (1766 — 1833),  hat  Ludwig  selbst 
im  Nachruf  auf  seinen  Oheim  Salomon  Hirzel  geschrieben.  Er  war  der  Sohn 
jenes  Heinrich  H.  (f  1790),  der,  als  nicht  unbegabter  Maler,  flir  Kunst  und 
Wissenschaft  rege  Theilnahme  hatte  und  der  Freund  des  Fabeldichters  Meyer 
von  Knonau  war.  Der  Chorherr  machte  sich  durch  die  Schrift  »Eugenias 
Briefer,  die  181 9  die  3.  Auflage  erlebten,  bekannt,  auch  gab  er  Goethe's 
Briefe  an  Lavater,  freilich  nicht  vollstandig,  heraus.  Der  Vater  H.'s  war 
Theolog  und  Philolog,  nach  4Jahrigem  Studium  in  Leipzig  wurde  er  Pro- 
fessor der  Theologie  am  Karolinum  in  Zurich  und  Lehrer  am  oberen  Gym- 
nasium. Ein  mir  vorliegender  Nachruf  betont,  dass  sein  Glaube  im  BedUrf- 
niss  eines  liebenden  Herzens  wurzelte.  Der  oft  krankelnde  Mann  starb 
40jahrig  1841,  Den  Sohn  erzog  die  heitere,  gebildete  und  sicherstellige 
Mutter  Agnes,  eine  geb.  Lorenz  aus  Leipzig,  die  H.  aufs  innigste  geliebt  und 
verehrt  hat.  Im  Jahre  1844  siedelte  sie  mit  dem  Sohn  und  einer  Tochter 
nach  Leipzig  Uber,  wo  von  den  BrUdern  des  Vaters  besonders  der  jUngste, 
der  bekannte  Goetheforscher  Salomon  H.,  auf  den  heranwachsenden  Knaben 
und  jUngling  grossen  Einfluss  ausUbte.  Salomon  H.  war  nicht  bloss  ein 
kluger,  weltgewandter  Buchhandler,  sondern  auch  reich  an  Bildung  und  Scharf- 
sinn,  an  GemUth  und  Humor,  den  Manner  wie  Gustav  Freytag,  Otto  Jahn, 
Moritz  Haupt,  Theodor  Mommsen  ihren  Freund  nannten.  Nach  Beendigung 
der  Schulzeit  kam  Ludwig  H.,  igjahrig,  nach  Zurich,  um  alte  Philologie  und 
Sprachwissenschaft  zu  studiren.  H.  Schweizer-Sidler,  H.  Kdchly  waren  seine 
Lehrer,  der  Aesthetiker  Vischer  war  ihm  besonders  lieb.  Mit  den  in  Zurich 
lebenden  deutschen  Dichtern  und  KUnstlern,  die  von  radikalster  Gesinnung 
waren,  trat  der  junge  Student  in  Verkehr:  so  mit  Richard  Wagner  und  Georg 

Biogr.  Jahrb.  u.  Deuttcher  Nekrolojf.    2.  Bd.  2  6 


402  Hirzel. 

Herwegh;  auch  Gottfried  Keller's  Eigenart  ging  nicht  spurlos  an  ihm  voriiber. 
Um  der  Mutter  und  der  geliebten  Schwester,  die  durch  ihre  Liebe  zum  Bin- 
der, durch  ihr  Wesen,  wie  durch  ein  Jugenderlebniss  an  Kornelie  Goethe 
erinnerte,  nahe  zu  sein,  bezog  Ludwig  1858  die  Universi tat  Jena.  Dort  lernte 
er  Heinrich  Motz,  einen  Mecklenburger  von  Geburt,  kennen,  der  ihm  ein 
Freund  flir  das  Leben  wurde.  Motz  war  damals  noch  Theolog,  ging  spater 
aber  ganz  zur  Philologie  liber  und  wurde  in  seinen  Anschauungen  immer 
radikaler,  wahrend  H.  im  Laufe  der  Zeit  immer  mehr  und  mehr  zu  histori- 
scher  Betrachtung  der  Dinge  geneigt  war.  Dass  der  in  sich  gekehrte,  finster- 
blickende  und  scheinbar  so  strenge  Student  den  Schelm  im  Nacken  hatte, 
und  dass  er  oft  auch  keck,  tibermttthig  und  verwegen  sein  konnte,  wussten 
wenige  so  gut  wie  Motz.  Von  den  Lehrern  in  Jena  wirkte  vor  alien  auf 
H.  der  freigesinnte  Sprachforscher  August  Schleicher,  auch  bei  Gotding 
und  Kuno  Fischer  horte  er  Vorlesungen.  Nach  vier  Semestern  gingen  beide 
Freunde  nach  Berlin,  dort'schlossen  sich  ihnen  der  Theolog  Kradolfer,  spa- 
ter Prediger  in  Bremen,  und  der  junge  Zlircher  Arzt  K.  Meyer  eng  an;  auch 
andere  Schweizer,  die  sich  spater  einen  Namen  machten,  verkehrten  nrit  ihnen. 
Wie  weit  sich  H.,  wenn  er  gut  aufgelegt  war,  im  Uebermuth  vorwagen 
konnte,  geht  aus  vielen  Geschichten  hervor,  die  Motz  berichtet;  eine  stehe 
hier  mit  seinen  Worten:  »Er  hatte  mit  Dr.  Meyer  eine  Wette  gemacht,  er 
wolle  in  der  belebten  Friedrichstrasse,  auf  einer  bestimmten  Strecke,  Manner 
und  Frauen  bestimmen,  tiber  seinen  vorgehaltenen  Stock  zu  springen.  Und 
durch  finstere  Drohung,  jovialen  Scherz,  bestrickende  Schmeichelei  und  possier- 
liche  Bitte  tiberwand  er  alle,  nicht  ohne  schandlicher  Weise  den  (iber  ihre 
eigene  Getalligkeit  Verbllifften  mit  seinem  Stock  auf  der  Ruckseite  noch  einen 
unerwarteten  Dank  abzustatten.«  In  Berlin  waren  Boeckh,  MtillenhofF  und 
Friedrichs  seine  Lehrer;  durch  Adalbert  Kuhn  wurde  er  in  seinen  speciellen 
Studien  besonders  gefordert.  Seine  Doctordissertation  reichte  er  der  philo- 
sophischen  Facultat  in  Zurich  ein.  Im  Herbst  1862  folgte  er  einem  Ruf  an 
das  Gymnasium  in  Frauenfeld  im  Kan  ton  Thurgau,  auf  Anrathen  seines 
Oheims;  er  empfand  freilich,  wie  er  Motz  schrieb,  ein  leises  Grauen,  wie 
wenn  man  ins  Wasser  geht  und  nicht  weiss,  wie  tief  es  ist.  Vier  Jahre  blieb 
er  dort,  oft  unzufrieden  und  sich  manchmal  in  der  ersten  Zeit  wie  ein  Ver- 
bannter  fuhlend.  Er  lernte  die  »realen  Machte  des  Lebens*  kennen:  »ich 
hasse  sie  aber«,  so  schrieb  er  an  Motz.  Aber  Freunde,  die  H.  immer  gefunden 
hat,  linderten  das  Missbehagen,  so  Bock  el  aus  Jever,  spater  Mitglied  des 
deutschen  Reichstages,  und  Jackel,  der  1848  aus  Sachsen  geflilchtet  war. 
Ausfltige  nach  Mtinchen,  wo  H.  ein  Bild  von  Bocklin  zum  Aerger  seines 
Freundes  Kekultf  bewunderte,  und  nach  Oberitalien  mit  Motz,  entschadigten 
ihn  ftir  fehlende  Anregung.  Nach  Uhland's  Tode  hielt  er,  dazu  aufgefordert, 
einen  Vortrag  tiber  den  von  ihm  immer  verehrten  Dichter.  Im  Januar  1863 
schrieb  er  Motz:  »Ich  habe  mich  in  Uhland  mit  Liebe  versenkt  und  habe 
ihn  deshalb  wohl  nicht  ganz  missverstanden ;  ist  dies  der  Fall,  so  kann  ich 
auch  andern,  die  ihn  bisher  nicht  so  lieben  gelernt,  etwas  Neues  und  viel- 
leicht  Wahres  sagen«.  Immer  mehr  ging  er  von  sprachvergleichenden  Stu- 
dien zur  Literaturgeschichte  tiber.  Zunachst  beschaftigten  ihn  Erscheinungen 
des  16.  Jahrhunderts.  Ftir  das  Leben  des  schweizerischen  Humanisten  Petrus 
Dasypodius  sammelte  er  sorgsam  und  machte  zu  diesem  Zweck  auch  eine 
Reise  nach  Strassburg.  »Interessant  ist  es  doch«,  so  schreibt  er  im  Januar 
1866  an  Motz,  der  damals  in  Bergamo  weilte,    »aus  einzelnen  Steinchen,  die 


Hirzel. 


403 


man  hier  und  da  findet,.  ein  Bild  zusarnmenzusetzen.«  In  demselben  Brief 
ausserte  er,  die  Zeit  in  Frauenfeld  sei  doch  nicht  nutzlos  voriibergegangen : 
»Im  Grunde  schadet  es  einem  gar  nichts,  wenn  man  uberall  ein  wenig  herum- 
guckt,  weiss  man  nur  immer  festen  Stand  zu  behalten«.  In  demselben  Jahre 
1866  ,  in  dem  sein  Aufsatz  iiber  Dasypodius  erschien,  erhielt  H.  einen  Ruf 
an  die  Kantonsschule  in  Aarau.  Die  8  Jahre,  die  er  dort  verlebte,  waren 
reich  an  Arbeit,  aber  auch  an  Erfolgen.  Man  schatzte  nicht  bloss  seinen 
Unterricht,  auch  die  Feinheit  seines  Auftretens,  das  zuverlassige  Wesen  des 
jungen  Professors  machten  auf  die  Bewohner  der  bildungsfrohen ,  kleinen 
Hauptstadt  den  glinstigsten  Eindruck.  Uhlig,  jetzt  in  Heidelberg,  wirkte  noch 
an  der  Schule;  Manner,  wie  E.  L.  Rochholz  und  H.  Kurz,  die  damals  noch 
lebten,  scharften  die  Arbeitslust.  Der  gesellige  Verkehr  verscheuchte  die 
Neigung  zur  Melancholie  und  machte  ihn  heiter  und  selbstbewusst.  Seltener 
wurden  die  Stunden  des  Missmuthes  und  mangelnder  innerer  Befriedigung. 
Ein  Kreis  tlichtiger  und  nicht  gewohnlicher  Manner,  die  H.  mehr  oder  weni- 
ger  nahe  standen,  umgab  ihn;  am  »Storchentische«  wurde  brav  gezecht,  aber 
auch  manches  kluge,  gute  und  anregende  Wort  gesprochen.  Wie  oft  erfreute 
H.  durch  beissende  Wendungen  und  durch  seinen  schalkhaften  Humor!  Die 
Mischung  von  Gemuthlichkeit  und  scharfem  Witz,  die  er  selbst  seinem  Gross- 
vater  und  zum  Theil  auch  dem  Oheim  Salomon  zuspricht,  war  ein  Grundzug 
seiner  eigenen,  liebenswerthen  Personlichkeit.  Auch  fiir  Fragen  der  Politik 
hatte  H.  grosses  Interesse.  Manner,  wie  Augustin  Keller,  Feer-Herzog, 
Haberstich,  Oberst  Rothpletz  und  Stadtammann  Erwin  Tanner  —  diese  beiden 
nahere  Bekannte  H.'s  —  spielten  im  offentlichen  Leben  des  Kantons  eine  Rolle. 
Trotz  seinen  demokratischen  Anschauungen  stand  H.  im  Jahre  1870  durch- 
aus  auf  deutscher  Seite  und  bekampfte  mit  Feuereifer  die  Franzosenfreunde. 
Im  Herbst  1869  hatte  er  Paris  besucht,  wie  ein  Brief  an  Motz  vom  22.  Oc- 
tober aus  dem  Cafe  Rohan  mir  zeigt.  Auf  den  Strassen  sah  er  frohliche 
Gesichter;  »wie  in  einem  furchtbaren  Kriegsgettimmel «  befand  er  sich 
bei  einem  Besuch  derBorse;  die  Gemaldegalerie  entziickte  ihn.  Seine  Freunde, 
die  Italiener,  sah  er  aufs  glanzendste  vertreten,  »man  kann  kaum  Athem  schopfen, 
und  noch  viel  weniger  in  der  Antiken-Sammlung;  ausruhen  aber  lasst  sich 
vortrefflich  bei  unserer  lieben  Frau  von  Milo,  die  ganz  allein  in  einem  Saale 
steht,  erhaben  iiber  alles  Lob«.  Es  war  fur  H.'s  Freunde  ein  grosser  Ver- 
lust,  als  er  im  Jahre  1874  als  Professor  der  deutschen  Literatur  nach  Bern 
ging.  Im  Frtihling  nahm  er  noch  an  der  begeisterten  Feier  bei  der  An- 
nahme  der  neuen  Bundesverfassung  theil  und  Hess  ein  Gedicht  drucken,  als 
offentlicher  Redner  aber  trat  er  nicht  auf.  Der  Abschied  wurde  ihm  nicht 
leicht;  die  Aussicht  jedoch  auf  grossere  Wirksamkeit  erhob  ihn.  Ich  erinnere 
mich  genau,  wie  er  mir,  als  die  Berufung  gewiss  war,  mit  freudigem  Blick 
entgegen  rief:  ich  h&n  min  lehen!  Die  erste  Zeit  in  Bern  war  ihm  nicht 
immer  behaglich.  In  Briefen  klagte  er  oft  iiber  Vereinsamung;  dass  das 
Publikum  in  Bern  geistigen  Bestrebungen  nicht  geneigt  sei;  auch  dariiber,  dass 
die  Zuhorer  fiir  die  Vorlesung  nicht  genug  vorbereitet  seien:  ihren  guten 
Willen  aber  und  ihren  Fleiss  hat  er  wiederholt  geriihmt.  So  oft  es  moglich 
war,  kam  er  mit  Motz  und  dessen  Frau,  wie  mit  andern  Freunden  zusam- 
men.  Ein  neues  freudiges  Leben  aber  begann  fiir  ihn  durch  die  1877  voll- 
zogene  Vermahlung  mit  Anna  Arndt  aus  Bremen.  An  der  Seite  dieser  Frau, 
die  ihn  ganz  verstand,  wuchs  seine  Arbeitskraft.  In  einem  Briefe  an  Motz 
gegen  Ende  des  Jahres    bemerkt    er,    die  Beschaftigung   mit  Albrecht  Haller 

26* 


404  HireeL 

sei  jetzt  »die  Gespielin  seiner  Nebenstunderu ;  »zu  mehr  hat  den  alten  Haller 
die  junge  Hirzeln  nicht  kommen  lassen,    und   glticklicher  Weise   nicht,    aber 
mit  1878  gehe  ich  emstlich  an  die  Arbeit,    und    da    soil    manches  Neue   zu 
Tage  gebracht  werden.     Ich  freue  mich    auf  die  Arbeit* .     Die  Freundschaft 
ferner  mit  dem  jetzigen  Generalstabschef  Arnold  Keller  und  seiner  Frau,  die 
von  Aarau  nach  Bern  gezogen  waren,  war  fUr  H.,  wie  er  wiederholt  versichert 
hat,  eine  Quelle  dauernder  Befriedigung.   Die  Geburt  eines  Sohnes,  der  seinen 
Namen  erhielt,  erhohte  sein  Gliick.     Rector  der  Hochschule  wurde   er    1879 
und  zeigte  sich,  so  urtheilt  Professor  Steck  in  Bern ,    in    den  Geschaften   als 
ein  sorgfaltiger  und  einsichtsvoller  Arbeiter,  der  viel  Gutes  flir  die  Universitat 
wirkte.     Nur  zu  bald  aber  verdlisterte    sich    diese    sonnige   Lebenszeit.      Die 
geliebte  Mutter     starb    am    30.  November    1881.     »Dein  Brief«,    schrieb    er 
damals  an  Motz,   »wird   mir  ein   treues  Pfand  Deiner  unwandelbaren  Freund- 
schaft bleiben.«     Schwereres  aber  stand   bevor.     Seine  Frau  starb  am  Herz- 
schlag  am  3.  October  des  folgenden  Jahres.     Von  einer  Reise  zurtickgerufen, 
fand  er  sie  todt,  die  er  scheinbar  ganz  wohl  verlassen  hatte.     »Mit  aller  An- 
strengung«,  so  schrieb  er  mir  am  30,  November,   »fand  ich  die  Kraft,  meinen 
n&chsten  Verwandten  die  naheren  Umstande  mitzutheilen,  unter  denen  meine 
stisse,  liebe  Frau  ihr  Leben  so  frtih  beschliessen  musste.     Wie  mir  zu  Muthe 
ist,  nachdem  mein  kurzes  Gltick  so  jah  geendet,  konnen  Sie   ermessen,   auch 
ohne    dass  ich  das  Unfassbare  in  Worte    zu  fassen  versuche.     Ich    lebe    nun 
so  flir  mich  hin.     Mein  Knabe  ist  mir  alles.     Im  Ubrigen  habe  ich  mit  dem 
Leben  selber  abgeschlossen.«    Damals  konnte  ihn  die  Thatsache  nicht  trOsten, 
dass    seine    zu   Beginn    des  Jahres    1882    erschienene  Ausgabe    der  Gedichte 
Haller's  allgemeine  Anerkennung  fand.   In  der  Arbeit  suchte  er  Vergessenheit. 
Im  Jahre  1883  machte  er  eine  Reise  nach  Deutschland  zu  dem  Verzeichniss 
einer  Goethebibliothek ;  in  Leipzig  that  man  alles,  wie  er  an  Motz  am  13.  Mai 
schrieb,   um  ihn  aufzuheitern,    in  Berlin,    das    er    weit    grossst&dtischer    und 
eleganter  fand  als  frtiher,    sah    er    viel    »Neues  und  Sch6nes«.     »Fur  meine 
Arbeit  habe  ich  gute  Ausbeute  gehabt;    wie    viele   Mtihe    es    gemacht,    wird 
man  dem  kleinen  Buche  nicht  ansehn«.      Im  Jahre    1884   war  er  in   Helgo- 
land :   »er  sei  gesunder*  schrieb  er  mir,   »aber  frohlich  zu  sein  habe  er  l&ngst 
verlernt«.     Eifrig  widmete    er    sich    seinen   Arbeiten    wie  seinem   Lehrberuf: 
»ich  habe  10  Stunden   zu   lesen,    daher  viel  zu   thun«     (1885).     Ein  hellerer 
Stern   leuchtete    erst  wieder  tiber  seinem  Leben,    als  Elisabeth  Focke,    eine 
Freundin    seiner  Frau,    am   26.  October    1886    seine    Gattin    geworden    war. 
Dieser   Bund    brachte    ihm    wieder  Ruhe    und  Frieden.     Sein    ganzes   Gltick 
suchte    und   fand    er  bei    den  Seinen    im    engsten  Kreise;    ein  Tochterchen, 
Anneli,  wuchs  neben  seinem  Ludwig  auf.     Auch  seine  Gesundheit  war  gut, 
aber  nach  3  Jahren   erlitt   sie  durch    die  Influenza  einen  schweren  Stoss.     Im 
Mai  1 891  klagte  er  Motz  tiber  einen  neuen  heftigen  Anfall,  ttber  Brust-  und 
Rtlckenschmerzen.    Leiden  lahmten  seine  Arbeitslust  nicht,  aber  der  Frohsinn 
der  Jugend  war  hinweg.     Eine  Reise  nach  Rom  konnte  ihm  nicht  mehr  den 
Genuss    bringen    wie    im  Jahre    1876.      Die  Krankheit    ruhte    nicht;    starkes 
Asthma,    die    Folge    der  Verkalkung    der  Arterien,    machte    ihm,    besonders 
Nachts,   unsagliche  Qualen.     »Ich  bin  wie  eine  matte  Fliege  vor  Eintritt  des 
Winters«,  so  schreibt  er  am  27.Juni   1896  an  Motz.     Dennoch   that  er,   mit 
Aufbietung  aller  Krafte,  seine  Pflicht  weiter.     An  Bernays,  mit  dem  er,  auch 
wissenschaftlich,  intim  verkehrte,  diktirte  er  Briefe,  als  ihm  das  Schreiben  zu 
schwer  wurde.     Am  3.  August  1896  begriisste    ich   ihn   und   seine  Familie  in 


Hirzel.  405 

Leissigen  am  Thunersee.  Er  litt  schwer;  liess  aber  die  Athemnoth  nach,  dann 
war  sein  Geist  scharf  und  klar,  sein  Wesen  warm  und  gtitig  wie  sonst.  Beim 
letzten  Abschied  ahnte  ich  nicht,  dass  die  Schatten  des  Todes  schon  nahten. 
Gegen  Ende  des  Jahres  erhielt  ich  von  ihtn  die  letzte  Nachricht,  es  gehe 
ihm  etwas  besser,  aber  noch  immer  schlecht  genug.  Viel  hat  der  Gute  noch 
in  den  letzten  Monaten  gelitten;  die  Vorlesungen  gab  er  auf,  die  amtlichen 
Geschafte  aber  besorgte  er  noch  1 4  Tage  vor  seinem  Tode.  Dieser  kam  als 
Befreier  am  1.  Juni  1897.  Nach  7  Wochen  betrat  ich  die  Stadt,  in  der  ich 
den  Freund  immer  zuerst  gesucht  hatte.  Als  wir  an  seinem  Grabe  auf  dem 
Bremgartener  Friedhof  standen,  regnete  es  leise  und  die  Wolken  flogen;  die 
Freiburger  Alpen  wurden  sichtbar.  Beim  Verlassen  des  Friedhofes  lasen  wir 
auf  dem  Granitblock  liber  dem  Grabe  des  Bundesrathes  Stampfli  die  Worte 
aus  Shakespeare's  Casar:  Ihr  liebtet  all  ihn  einst  nicht  ohne  Grund. 

Wer  H.  ganz  gekannt  und  Verstandniss  fUr  sein  Wesen  gehabt  hat, 
musste  ihn  lieben.  Als  Gelehrter  wie  als  Mensch  war  er  der  gleiche.  Schwer 
erschloss  er  sich,  aber  erprobten  Freunden  vertraute  er  ganz.  Allem  Schein 
und  leerer  Aeusserlichkeit  abgeneigt,  war  er  tief  von  des  Dichterwortes  Wahr- 
heit  durchdrungen :  lasst  uns  die  Gotter  bitten  um  ein  einfach  Herz.  Frei 
von  Gelehrtendlinkel  und  Eitelkeit,  hat  er  es  mit  der  Wissenschaft  ernst  wie 
wenige  gemeint,  daher  konnte  er  Tadel  so  gut  vertragen,  daher  argerte  ihn 
inhaltloses  Lob.  Des  Lebens  Freuden  liebte  er  trotz  dem  durch  kdrperliche 
Leiden  oft  gesteigerten  Ernst  seines  Wesens,  aber  er  schrankte  sich  friih 
durch  Selbstzucht  ein,  und  ruhige  Mannlichkeit  bei  warmstem  Innenleben  war 
fUr  ihn  kennzeichnend,  Durchaus  unabhangig  und  selbstandig,  hasste  er  alles 
Posiren,  Hofiren  und  Scharwenzeln ;  seinem  Vaterland  und  seinen  Einrichtun- 
gen  treu  ergeben,  war  er  kein  Schmeichler  seiner  Landsleute.  Voll  zarter 
RUcksicht  und  von  feinstem  Taktgeflihl,  trat  er,  der  die  Formen  des  Ver- 
kehrs  zu  wahren  gewohnt  war,  nicht  selten  herb  und  schroff  Unlauterkeit 
und  Falschheit  entgegen,  und  manche  Erscheinungen  unserer  Zeit  behandelte 
er  mit  einer  Rticksichtslosigkeit,  die  um  so  wohler  that,  weil  sie  der  vollste 
Ausdruck  uneigenntitziger  und  muthiger  Wahrheitsliebe  war.  Daher  war  der 
grosse  Berner  Albrecht  Haller  ihm  so  werth,  weil  er  alles  das  geisselte,  wo- 
durch,  nach  H.'s  Worten,  Recht  und  Gesetz  in  Verachtung  zu  sinken  und 
die  fiffentliche  Sittlichkeit  Schaden  zu  leiden  droht.  In  der  Jugend  durch- 
aus radikal,  ja  revolutionar  gesinnt,  verwarf  er  den  Goethe'schen  Standpunkt 
der  Entwickelung;  in  reiferen  Jahren  aber  wurde  er  ruhiger  und  geneigter, 
die  historischen  Machte  zu  wtirdigen.  Das  Jahr  1870  hat  auf  ihn  tief  und 
entscheidend  gewirkt.  Immer  aber  blieb  er  seinen  freien  Anschauungen  ge- 
treu,  ohne  einer  bestitnmten  Partei  anzugehoren,  und  Gottfried  Keller's  Wort 
gilt  auch  von  ihm:  »Mit  dem  Vaterland  und  alien  Freien  ging  er  stets  dem 
goldenen  Licht  entgegen «.  So  wirkte  auf  jeden,  der  wenigstens  einen  Hauch 
seines  Geistes  versptirte,  seine  reife  Menschlichkeit  und  Mannlichkeit;  kein 
Wunder  daher,  dass  ihm  die  Gunst  gerade  der  edleren  Frauen  zufiel,  die 
Kraft  mit  Weichheit,  Kernigkeit  mit  Milde  und  Gemlithstiefe  gepaart,  immer 
zu  schatzen  wissen. 

Wie  H.  seiner  Abstammung  nach  halb  Schweizer,  halb  Deutscher  war, 
so  mischten  sich  in  ihm  schweizerische  und  deutsche  Art.  Das  deutsche 
Nationalgeflihl  war  in  ihm  stark  lebendig.  Was  die  Schweiz  dem  deutschen 
Geiste  verdankt,  dessen  war  er  sich  zu  jeder  Zeit  bewusst:  die  Beziehungen 
hervorragender  Schweizer  zu  unsern  Dichtern  aufzuweisen,   betrachtete   er  als 


406  Hired. 

seine  wesentliche  Aufgabe.  Ihr  sind  die  meisten  seiner  Schriften  gewidmet, 
von  denen  ich  zum  Schluss  die  wichtigen  alle  anftihren  will.  Seine  Disser- 
tation »zur  Beurtheilung  des  aolischen  Dialektes*  erschien  1862  in  Leipzig 
im  Verlag  seines  Oheims;  Kuhn,  G.  Curtius,  Schleicher,  Schweizer-Sidler  be- 
urtheilten  sie  sehr  glinstig.  Noch  1868  lobt  sie  Wilhelm  Scherer  »zur  Ge- 
schichte  der  deutschen  Sprache«,  und  Benfey  erwahnt  sie  in  der  »Geschichte 
der  SprachwissenschafU.  Der  in  Kuhn's  Zeitschrift  1863  gedruckte  Aufsatz 
zum  »Futurum  im  Indogermanischen*  verdient  insofern  Beachtung,  als  Schlei- 
cher im  Lehrbuch  der  vergleichenden  Grammatik  sich  auf  H.'s  Deutung  der 
Futurform  beruft.  Die  Arbeit  tiber  den  Frauenfelder  Amtsgenossen  Petrus 
Dasypodius  (f  1559),  die  im  »  Neuen  Schweizer  Museum «  Basel  1866  ge- 
druckt  wurde,  hat  Scherer  in  Wagner's  Archiv  ftir  deutsche  Sprache  geriihmt 
und  seine  Abhandlung  »  Dasypodius  als  Dramatiker*  H.  1874  zugeeignet.  Nach- 
dem  H.  sich  dem  Studium  des  18.  Jahrhunderts  eingehender  zugewendet 
hatte,  erschien  der  Vortrag,  den  er  zuerst  mit  Beifall  in  Aarau  gehalten  hatte, 
^Goethe's  italienische  Reise«,  Basel  187 1.  Ein  Jahr  darauf  zu  Aarau  das 
Programm  »Ueber  Schiller's  Beziehungen  zum  Alterthum*.  Schiller  hat  H. 
geehrt  und  geliebt,  seine  Rhetorik  imponirte  ihm,  aber  Goethefs  Grosse  hat 
er  nie  verkannt.  Vorher  waren  1870  in  den  Leipziger  Grenzboten  und  in 
Schnorr's  Archiv  f.  Literaturgeschichte  einige  das  Leben  Wieland's  betreffende 
Aufsatze  erschienen.  Eine  grossere  Arbeit  des  Jahres  1876  war  ein  Beitrag 
zur  Goetheliteratur:  er  erzahlte  das  Leben  und  wtirdigte  die  Aufsatze  des 
Luzerners  Karl  Ruckstuhl,  der,  ein  Bundesgenosse  Goethe's  gegen  die  neu- 
deutsche  Richtung  und  den  Purismus,  durch  Geist  und  kraftiges  Wirken  des 
Dichters  Theilnahme  errang.  Im  folgenden  Jalire  schrieb  er  den  Aufsatz 
»Nachtragliches  tiber  Ruckstuhl «.  Die  grtfssere  Schrift  war  Salomon  H.  als 
Gruss  aus  der  Schweiz  gewidmet:  nicht  lange  darauf  starb  der  geliebte  Oheim 
am  8.  Februar  1877.  Ludwig  widmete  ihm  einen  warmen  Nachruf  im  An- 
zeiger  fur  deutsches  Alt.  und  deutsche  Literaturgeschichte  Bd.  IV.  In  dem- 
selben  Jahre  1877  schrieb  er  flir  dieselbe  Zeitschrift  den  Aufsatz  » Jakob 
Grimm  und  J.  R.  Wyss«,  und  zeichnete  als  Beitrag  zur  Festschrift  fur  Haller 
kurz  und  scharf:  »Albrecht  v.  Haller's  Bedeutung  als  Dichter«  (Bern  1877). 
Daneben  fand  er  noch  die  Zeit  zur  Mitarbeit  an  der  Zeitschrift  »Im  neuen 
Reich «,  ftir  die  er  alle  wichtigen  Erscheinungen  auf  dem  Gebiete  der  neueren 
Literatur,  nicht  bloss  die  unsere  Klassiker  betreffenden  Schriften,  anzeigte. 
Manches  Urtheil  ist  charakteristisch.  So  seine  Vorliebe  fttr  Mdrike  (im 
Neuen  Reich  1878),  flir  den  von  Heyse  meisterhafl  iibersetzten  Giusti,  dessen 
Charakterfestigkeit  er  preist  (ebenda  1875),  m^  ^er  er  ^^e  Lumpe  und  Wind- 
beutel  aller  Sorten  in  ihrer  Erbarmlichkeit  aufzeigt;  R.  Konig's  Literaturge- 
schichte argert  ihn  durch  ihre  Fltichtigkeit  und  die  Art,  mit  der  »den  Htitern 
und  Wachtern  des  freien  Gedankens  und  des  nationalen  Sinnes  in  elender 
Zeit«  im  Grabe  noch  die  Ehre  abgeschnitten  wird.  In  der  Anzeige  der  Ge- 
dichte  Leuthold's  (1879)  heisst  es:  »ein  Schonfarber  der  heimischen  Zustande 
ist  L.  nicht.  Gerade  diese  Gedichte  aber  machen  ihn  vielen  Schweizern  werth, 
denen  der  Dichter  das  Wort  von  der  Zunge  genommen«.  Sein  Werk  »Albrecht 
v.  Haller's  Gedichte«  erschien  als  III.  Band  der  Bibliothek  alterer  Schriftwerke 
der  deutschen  Schweiz  zu  Frauenfeld  1882.  Bis  zum  Herbst  erschienen  21 
Recensionen  des  Buches,  in  dem  H.  durch  die  Ftille  neuer  Aufschliisse  tiber 
Haller,  durch  die  eingehende  Wurdigung  der  ganzen  Personlichkeit  seinen 
Namen    ftir    immer    mit    dem    des    gedankentiefen    Dichters    verbunden    hat. 


Hirzcl.     v.  Ahlefeld.  407 

Scherer  rechnete  die  Einleitung  »zu  den  bedeutendsten  literarhistorischen 
Arbeiten  der  letzten  Jahre«,  und  A.  Sauer  schrieb  in  den  Gott.  gelehrten 
Anzeigen:  »das  Ideal  einer  kritischen  Ausgabe  ist  hier  erreichU.  Dass  H. 
aus  bisher  unbekannten  Quellen  geschfcpft  hatte,  bezeugte  auch  die  Heraus- 
gabe  der  »TagebUcher  Haller's,  seine  Reisen  nach  Deutschland,  Holland  und 
England*  (Sonntagsblatt  des  »Bund«  1882  und  Leipzig  1883),  die  ftir  die 
Biographie  so  wichtig  sind  wie  fiir  die  Kenntniss  der  Zustande  der  besuchten 
Lander.  Im  Jahre  1884  gab  er  dann  »  Salomon  Hirzers  Verzeichniss  einer 
Goethe  -Bibliothek  mit  Nachtragen  und  Fortsetzung«  heraus  und  arbeitete  an 
einer  neuen  Schrift  »  Goethe's  Beziehungen  zu  Zurich  und  zu  Bewohnern  der 
Stadt  und  Landschaft  Zurich «.  Sie  erschien  als  Neujahrsblatt  der  Stadt- 
bibliothek  in  Zurich  auf  das  Jahr  1888.  Briefe  des  Herzogs  Karl  August  an 
K.  T.  v.  Sinner  in  Bern  wurden  durch  ihn  1890  in  der  Vierteljahrsschrift 
f.  Litg.  Bd.  Ill  bekannt.  Dann  folgte  ein  Buch  Uber  Wieland.  Schon  in 
frUheren  Jahren  hatte  er  das  Verhaltniss  des  Dichters  zur  Schweiz  behandelt. 
Sein  1 89 1  zu  Leipzig  gedrucktes  Buch  » Wieland  und  Martin  und  Regula 
KUnzli.  Ungedruckte  Briefe  und  wieder  aufgefundene  AktenstUcke«  ist  ftir  die 
ganze  Zeitgeschichte  bedeutsam :  nicht  bloss  Wieland  und  die  Familie  KUnzli, 
auch  Bodmer,  der  Satiriker  Waser,  Uber  den  H.  in  der  Vierteljahrschr.  f. 
Litg.  Bd.  V  nachtraglich  schrieb,  und  andere  Schweizer  treten  lebendig  her- 
vor.  Wieland's  »Geschichte  der  Gelehrtheit  seinen  Schtilern  diktiru,  die  er 
1 89 1  (Frauenfeld)  herausgab,  zeigt  uns  Wieland's  ernsthafte  padagogische 
BemUhungen.  H.'s  Verdienste  wird  keiner  besser  wUrdigen  als  Wieland's 
kUnftiger  Biograph  Seuffert.  Auch  in  der  Leidenszeit  erlahmte  H.  nicht.  So 
lenkte  er  1893  auf  einen  bisher  vollig  Ubersehenen  Roman  des  17.  Jahrhun- 
derts  von  F.  R.  Gasser  aus  Schwyz  die  Aufmerksamkeit  (Sonntagsblatt  des 
»Bund«  und  separat),  und  ein  Jahr  darauf  zeichnete  er  ein  sorgsames  Bild 
von  Heinrich  Zschokke  in  der  »Schweizerischen  Rundschau*,  welchem  da- 
mals  in  Aarau  ein  Denkmal  errichtet  wurde.  1894  machte  er  »zwei  Briefe 
von  Uhland*  bekannt  in  der  Zeitschr.  f.  deutsches  Alt.,  und  das  Buch  seines 
SchUlers  Rud.  Ischer  gab  Anlass  zu  dem  Aufsatz  »Johann  Georg  Zimmer- 
mann«  im  Sonntagsbl.  des  »Bund«.  Noch  1896  erschien  ebenda:  »Nach 
Amerika.     Aus  dem  Anfang  des  18.  Jahrhunderts«. 

Nekrolog  des  Vf.  im  Goethe-Jahrbuch  1898.  Neues  Material  verdankt  er  den  unge- 
druckten  Aufzeichnungen  des  Prof.  H.  Motz  in  Zurich,  der  ihm  auch  Briefe  H.'s  an  ihn 
freundlich  anvertraut  hat.  Neuerdings  vgl.  O.  v.  Greyer*  im  28.  Jahresheft  des  Vereins 
schweizerischer  Gymnasiallehrer.     Aarau  1898  S.  33  f. 

Daniel  Jacoby. 

Ahlefeld,  Karl  Wilhelm  von,  Wirklicher  Geheimer  Rath,  erster  Landes- 
director  der  Provinz  Schleswig-Holstein,  um  die  er  sich  in  2  2Jahriger  rastloser 
und  segensreicher  Thatigkeit  hohe  Verdienste  erworben  hat,  *  am  19.  Januar 
1 81 8  in  Schleswig,  f  in  Kiel  am  5.  Februar  1897.  A.  bestand  1841  das  juristi- 
sche  Amtsexamen,  worauf  er  als  Auscultant  bei  der  schleswig-holsteinischen 
Regierung  eintrat.  Spater  wurde  er  Senator  und  Polizeimeister  in  Schleswig, 
nahm  lebhaften  Antheil  an  der  schleswig-holsteinischen  Bewegung  der  Jahre 
1848 — 51,  wurde  in  Folge  dessen  185 1  von  der  Amnestie  ausgeschlossen  und 
lebte  nach  Verlust  seines  Amtes  als  Privatmann  in  Uetersen.  1863  zum 
Klosterpropst  des  dortigen  adeligen  Klosters  berufen,  wurde  er  1864  voruber- 
gehend   als  Amtmann  des  Amtes  Flensburg    constituirt    und    1872    vom  Pro- 


408  ▼•  Ahlefeld.     Graf  v.  Holstein. 

vinziallandtag  zum  Landesdirector  der  Provinz  Schleswig-Holstein  gewahlt, 
1884  fand  seine  einstimmige  Wiederwahl  statt.  —  Ftir  A/s  ganzen  Lebens- 
gang,  fiir  sein  gesammtes  Wirken  und  Streben  war  eins  bestimmend,  ein  starkes 
Gefiihl,  in  dem  das  ganze  Wesen  des  Mannes  wurzelte:  die  Treue  zur  Heimat. 
Seiner  Heimat  gait  die  Arbeit  seines  Lebens,  zu  ihr  stand  er  in  den  Tagen 
schweren  Ringens  urn  Freiheit  und  Recht,  ihr  diente  er,  an  die  Spitze  der 
Verwaltung  gestellt,  gerecht  und  treu,  mit  voller,  ernster  Hingabe  an  seine 
Ziele.  Eins  schmtickte  ihn  besonders:  das  seinem  ausgepragten  Gerechtigkeits- 
sinne  entspringende  warme  Mitgefiihl  ftir  das  Elend  seiner  Mitmenschen.  Mit 
thatkraftiger,  barmherziger  Hand  suchte  er  zu  helfen  und  zu  lindern,  wo  er 
nur  konnte.  Er  war  es,  der  ftir  das  Unterkommen  armer  Epileptiker  aus 
Schleswig-Holstein  in  den  Bielefelder  Anstalten  Sorge  trug;  die  Erweiterung 
der  Provinzial-Irrenanstalt  ist  sein  Werk,  ebenso  die  Forderung  und  Pflege 
der  Blindenanstalt  und  die  Errichtung  einer  Anstalt  fiir  weibliche  Epileptiker. 
—  Die  Heimatsliebe  des  Verstorbenen  zeigte  sich  auch  in  dem  regen  Inter- 
esse,  das  er  fur  die  Geschichte  seiner  Heimatsprovinz  bekundete.  »Ueber 
23  Jahre  hat  er  als  President  der  Gesellschaft  fiir  Schleswig-Holstein-Lauen- 
burgische  Geschichte  hochst  erfolgreich  gewirkt,  die  Veroffentlichung  wichtiger 
Quellenwerke  und  Urkundensammlungen  durch  die  Gesellschaft  ermoglicht  und 
ihre  Bestrebungen  bis  an  sein  Lebensende  mit  warmer  Theilnahme  und  grosser 
Fachkenntniss  begleitet.«  Auch  die  gegenwartig  in  frischem  Aufbltihen 
begriffene  Provinzial-Bibliothek  fiir  Schleswig-Holstein  ist  eine  Schopfung  A.'s. 
Von  dem  Amte  des  Landesdirectors  trat  er  aus  Gesundheitsrticksichten  am 
1.  Februar  1895  zuriick. 

Vgl.  Kieler  Zeitung,  Morgen-Ausgabe  vom  10.  Februar  1897,  Abend-Ausgabe  vom 
30.  December  1897  (Schleswig-Holsteinischer  Nekrolog  1897). 

Joh.  Sass. 

Holstein,  Conrad  Graf  von,  einer  der  angesehensten  Vertreter  der  schleswig- 
holsteinischen  Ritterschaft,  *  am  19.  December  1825  zu  Neverstorff  in  Holstein, 
f  am  7.  September  1897  auf  Waterneverstorff.  —  Er  besuchte  das  Gymnasium 
in  Llibeck,  bezog  Ostern  1 846  die  Universitat  Heidelberg,  um  die  Rechte  zu 
studiren,  betheiligte  sich  in  den  Jahren  1848 — 51  als  Dragoner-Officier  an 
dem  Unabhangigkeitskampfe  der  Herzogthtimer  gegen  Danemark,  trat  nach 
Beendigung  des  Feldzuges  in  das  Privatleben  zurtick  und  (ibernahm  die  Be- 
wirthschaftung  seines  im  Kreise  Plon  belegenen  Gutes  Waterneverstorff.  Selbst 
ein  hervorragend  praktischer  Landwirth  von  vorbildlicher  Ttichtigkeit  und  als 
solcher  seit  dem  Jahre  1871  Directions-  und  spater  Ehrenmitglied  des  schles- 
wig-holsteinischen  landwirthschaftlichen  Generalvereins,  war  er  ftir  die  Hebung 
der  Landwirthschaft  in  seiner  engeren  Heimat  unablassig  und  in  aufopferndster 
Weise  thatig.  Die  Herrschaft  Waterneverstorff  gestaltete  er  zu  einer  Muster- 
wirthschaft  ersten  Ranges.  Musterhaft  war  vor  Allem  auch  das  Verhaltniss 
des  Gutsherrn  zu  seinen  Arbeitern,  fur  deren  Wohl  er  in  wahrhaft  vaterlicher 
Weise  sorgte,  Ftir  Jeden,  auch  den  Geringsten,  hatte  er  ein  theilnehmendes 
Herz  und  eine  offene  Hand,  Alle  hingen  an  ihm  mit  Liebe  und  Vertrauen. 
Der  Name  »unser  Graf«,  wie  er  allgemein  auf  dem  Gute  hiess,  legt  davon 
ein  schones  Zeugniss  ab.  Selbst  die  Socialdemokraten  haben  gelegendich 
diese  Seite  seiner  edlen  Natur,  die  Fursorge  fiir  seine  Arbeiter,  unumschrankt 
anerkennen  mtissen.  Schon  frllh  widmete  er  sich  auch  den  offentlichen  Inter- 
essen  seiner  Heimatsprovinz,    deren  Wohl  und  Wehe  ihm   fast  mehr  als   das 


Graf  v.  Holstein.     ScbUtze.     Gatke.  409 

eigene  am  Herzen  lag.  Einer  der  eifrigsten  Vorkampfer  ftir  den  engen  An- 
schluss an  Preussen  und  die  unauflosliche  Zusammenfiigung  Schleswig-Holsteins 
mit  der  Krone  der  Hohenzollern,  hat  er  bis  zuletzt,  trotz  Schmerzen  und 
Krankheit,  seine  besten  Krafte  in  den  Dienst  seiner  Heimat  gestellt.  Von 
1853 — 63  gehorte  er  der  holsteinischen  Standeversammlung,  seit  1867  dem 
Provinziallandtage  an  und  seit  1877  war  er  als  Vertreter  des  9.  schleswig- 
holsteinischen  Wahlkreises  Mitglied  des  deutschen  Reichstages.  Hier  wurde 
er  ein  Mitbegrtinder  und  Ftihrer  der  conservativen  Partei,  fur  die  sein  Hin- 
scheiden  einen  unersetzlichen  Verlust  bedeutet.  Wohl  selten  hat  ein  Ab- 
geordneter  in  solchem  Maasse  die  Hochachtung  aller  Fractionen  besessen. 
Graf  H.  war  eine  schleswig-holsteinische  Kernnatur  von  vornehmster  Gesinnung, 
ein  Edel-  und  Ehrenmann  im  besten  Sinne  des  Worts,  der  den  Adel  seiner 
Geburt  stets  nur  als  Ansporn  zu  erhohter  Pflichterfiillung  gegentiber  der  Ge- 
sammtheit  betrachtete.  »Gottesfurcht,  Weisheit  und  Treue  vereinigten  sich 
in  seinem  Wesen  mit  edler  Schlichtheit,  Wahrhaftigkeit  und  Herzensgute.« 
Die  Provinz  Schleswig- Holstein  hat  mit  ihm  einen  ihrer  besten  Sohne  ver- 
loren. 

Vgl.  Hamburgischer  Correspondent,  9,  September  1897,  Abend-Ausg.;  Kieler  Zeitung, 
9.  September  1897,    Abend-Ausg.;    Kolnischc    Zeitung   vom   10.  September   1897,    Abend-  I 

Ausg.;  Landwirthschaftliches  Wochenblatt  fur  Schleswig-Holstein,  1897,  Nr.  38.  j 

Joh.  Sass.  i 


Schiitze,  Theodor  Reinhold,  Jurist,  *  am  12.  Januar  1827  zuUetersen  in  Hol- 
stein  als  Sohn  eines  Predigers,  f  zu  Graz  am  16.  December  1897.  —  Er  besuchte 
das  Gymnasium  in  Hadersleben,  studirte  in  Kiel  und  Miinchen  Jurisprudenz, 
bestand  1853/54  das  juristische  Amtsexamen  fur  Holstein  und  Schleswig  mit 
dem  ersten  Charakter  und  habilitirte  sich  in  Kiel,  wo  er  1853  zum  Dr.  jur. 
promovirt  war,  als  Privatdocent  der  Rechte.  Unter  dem  14.  Januar  1855 
wurde  er  zum  Professor  des  romischen  und  schleswigschen  Rechts  an  der 
Universitat  Kopenhagen  ernannt,  von  diesem  Amte  jedoch  in  Folge  der  Ein- 
ziehung  des  betreffenden  Lehrstuhls  am  1.  April  1866  mit  Wartegeld  endassen. 
Mit  Beginn  des  Jahres  1867  trat  er  wieder  als  Privatdocent  in  Kiel  auf  und 
bekleidete  dann  auch  mehrere  Jahre  hindurch  das  Amt  eines  Syndicus  der 
dortigen  Handelskammer.  1876  folgte  er  einem  Rufe  als  Professor  fur  Straf- 
recht  und  Strafprocess  nach  Graz,  wo  er  bis  zu  seinem  Tode  gewirkt  hat. 
Sch.  hat  zahlreiche  Schriften  besonders  auf  dem  Gebiete  des  Strafrechts  ver- 
offentlicht;  er  war  Mitarbeiter  an  einer  ganzen  Reihe  von  juristischen  Zeit- 
schriften.  Weitere  Verbreitung  fand  namentlich  sein  »Lehrbuch  des  deutschen 
Strafrechts  auf  Grund  des  Reichsstrafgesetzbuchs«  (Leipzig  1870 — 71;  2.  Aufl. 
1874). 

Vgl.  Albert),  Lexikon  der  Schleswig-Holstein-Lauenburgischen  Schrifts teller,  1829—66, 
Abth.  2,  S.  370  u.  1866—82,  Bd.  2,  S.  245/46.  Daselbst  auch  eine  Uebersicht  Uber  Sch.'s 
Schriften  und  die  von  ihm  in  Zeitschriften  publicirten  Artikel.  Siehe  auch  Kukula,  Biblio- 
graphisches  Jahrbuch  der  deutschen  Hochschulen.     Innsbruck  1892.     S.  839/40. 

Joh.  Sass. 

Gatke,  Heinrich,  der  »Vogelwarter  von  Helgoland «,  einer  der  bedeutend- 
sten  Ornithologen  der  Gegenwart,  *  am  19.  Mai  18 14  zu  Pritzwalk  in  der 
Mark  Brandenburg,  jam  1.  Januar  1897.  —  Schon  der  Knabe  verrieth  den 
kunftigen  Naturforscher.     Die    freie  Natur    war    sein  Lieblingsaufenthalt,    ihr 


4io 


Gatke. 


tausendfaltiges  Leben  und  Weben  zu  belauschen  und  zu  beobachten  seine 
liebste  Beschaftigung.  Er  botanisirte  und  legte  Sammlungen  von  Eiern  und 
Schmetterlingen  an;  daneben  zeichnete  er  mit  besonderer  Vorliebe  nach  der 
Natur,  wofiir  er  ein  hervorragendes  Talent  besass.  Eben  dieses  gewann  zu- 
nachst  die  Oberhand  und  bestimmte  ihn,  sich  nach  Absolvirung  der  Schulen 
seiner  Vaterstadt  ganz  der  Malerei  zu  widmen.  1837  ging  er  als  Seemaler 
nach  Helgoland,  urn  dort  in  moglichster  Nahe  des  Meeres  eine  Reihe  von 
Jahren  hindurch  griindliche  Seestudien  zu  machen.  Das  wogenumrauschte 
Felseneiland  sollte  seine  zweite  Heimat  werden.  Sein  ganzes  Ubriges  Leben, 
fast  60  Jahre,  hat  er  daselbst  zugebracht,  nachdem  er  als  Gouvernements- 
Secretar  eine  sichere  Stellung  gefunden  und  sich  einen  eigenen  Herd  gegriindet 
hatte.  Wie  dann  aus  dem  Maler  allmahlich  ein  gelehrter  Ornithologe  wurde, 
dartiber  berichtet  er  selbst  in  der  Vorbemerkung  zu  seinem  Buche  >Die 
Vogelwarte  Helgoland*  (herausgegeben  von  Rudolf  Blasius,  Braunschweig  1891) 
in  folgender  Weise:  »Der  Hang  des  Kiinstlers  zur  freien  Natur  brachte  mich 
unvermeidlich  in  Bertihrung  mit  der  so  wunderbar  reichen  Ornis  Helgolands. 
Diesem  folgte  ebenso  unvermeidlich  der  Wunsch,  eines  oder  das  andere  der 
in  ihrer  Gestalt,  ihrem  ganzen  Thun  und  Treiben  so  unendlich  anmuthigen 
Geschopfe  zu  besitzen:  so  entstand  eine  kleine  Sammlung.  Mit  dem  Besitze 
erwachte  aber  das  Verlangen  nach  grundlicherer  Kenntniss  des  Gesammelten, 
und  das  wahrend  einer  Reihe  von  Jahren  fortgesetzte  eifrige  Studium  der 
hiesigen  Vogelwelt,  sowie  der  Vergleich  derselben  mit  anderen  Local-Avifaunen 
Hess  mich  nicht  allein  erkennen,  welch  ein  nie  geahnter  Reichthum  des 
Kennenswerthen  sich  hier  zusammenfinde,  wie  unendlich  der  kleine  Fels  darin 
die  stolzesten  Reiche  (iberrage,  sondern  es  ward  mir  auch  mehr  und  mehr 
klar,  dass  dem,  welchem  ausnahmsweise  Umstande  eine  so  vollstandige  Ein- 
sicht  und  Erkenntniss  eines  hervorragenden  Feldes  der  Naturwissenschaften 
gewahrten,  damit  auch  die  Pflicht  auferlegt  sei,  seine  Erfahrungen  nicht  mit 
sich  selbst  wieder  verschwinden  zu  lassen,  sondern  dieselben  den  Forschern 
auf  gleichem  Gebiet  zu  erhalten  —  nur  das  Gefiihl  dieser  Pflicht  veranlasst 
mich  zur  Veroffentlichung  meiner  Erfahrungen. «  So  hatte  ihm,  dem  nach 
seinen  eigenen  Worten  im  Leben  nichts  ferner  gelegen  haben  wiirde,  als  der 
Gedanke  ein  Buch  zu  schreiben,  die  Natur  selbst  die  Feder  in  die  Hand 
gedruckt,  und  es  kam  auf  Grund  eingehendster,  fast  50  Jahre  hindurch  mit 
grosster  Sorgfalt  gepflegter  Beobachtungen  jenes  Werk  zu  Stande,  mit  dem 
er  sich  in  der  wissenschaftlichen  Welt  ein  unvergangliches  Denkmal  gesetzt 
hat.  Die  Entdeckungen  G.'s,  namentlich  in  Bezug  auf  die  Wanderztige  der 
Vogel,  waren  von  geradezu  epochemachender  Bedeutung  und  fanden  bei  alien 
Ornithologen  des  In-  und  Auslands  allgemeinste  Anerkennung.  G.  war  ein 
Naturforscher,  man  mochte  sagen,  mehr  mit  dem  Herzen  als  mit  dem  Kopfe. 
Die  unendlich  tiefe  und  feine  Poesie  des  Naturlebens,  besonders  des  Lebens 
der  Vogel,  war  es,  die  ihn,  der  selbst  wie  ein  Sttick  urspriinglicher  Natur 
erscheint,  vor  Allem  fesselte.  Immer  wieder  klingt  diese  poetische  Auffassung 
auch  in  den  warmen  Schilderungen  seines  Buches  durch.  Es  hat  etwas  un- 
gemein  Anziehendes,  sich  das  Bild  dieses  Mannes,  den  zugleich  in  Gesinnung 
und  Auftreten  die  grosste  Bescheidenheit  zierte,  und  sein  inniges  Zusammen- 
leben  mit  seinen  gefiederten  Lieblingen  zu  vergegenwartigen,  wie  er  bis  in 
sein  hohes  Greisenalter  hinauf  Jahr  aus  Jahr  ein  Tag  flir  Tag  sein  scharfes 
Auge  liber  Meer  und  Himmel  hinschweifen  lasst,  damit  ihm  kein  Wanderer 
der  Liifte  entgehe,  wie  er  das  Thun  und  Treiben  der  auf  der  Insel  rastenden 


G&tke.     von  Marquardsen.  41 1 

Vogel  bis  ins  Kleinste  verfolgt,  wie  er  sie  hegt  und  pflegt  und  sich  liebevoll 
in  alle  Eigenthiimlichkeiten  jedes  Einzelnen  versenkt.  Auch  die  Schlussworte 
der  »Vogelwarte«  sind  ftir  dies  ganz  einzigartige  Freundschaftsverhaltniss,  wie 
man  es  wohl  mit  Fug  nennen  mochte,  hochst  charakteristisch.  »Hiermit«, 
heist  es,  »ist  dieser  Bericht  liber  die  Vogel  Helgolands  abgeschlossen.  Nicht 
ohne  eine  gewisse  Trauer  scheide  ich  von  ihnen,  die  mir  wahrend  einer  so 
langen  Reihe  von  Jahren  Hebe  Gefahrten  gewesen,  und  deren  hundertfaltige, 
so  wohl  gekannte  Stimmen  wahrend  mancher  spaten  Abendstunde,  die  ich 
an  meinem  Pulte  tiber  diesen  Blattern  verbrachte,  mir  wie  Freundesgrtisse 
aus  ferner  Hohe  herabklangen,  wenn  sie  in  ungezahlten  Schaaren  Uber  das 
Oberlicht  meines  Atelier-Museums  dahinzogen.*  —  Hand  in  Hand  mit  den 
Beobachtungen  G.'s  ging  die  stetige  Vergrtisserung  seiner  Vogelsammlung, 
wobei  ihm  seine  leidenschaftliche  Neigung  zur  Jagd  zu  Gute  kam.  1891  hat 
das  deutsche  Reich  diese  in  der  Welt  einzig  dastehenden  Sammlungen  er- 
worben  und  damit  die  damals  schon  nahe  gerlickte  Gefahr,  dass  dieselben  ins 
Ausland  wandern  konnten,  flir  immer  beseitigt.  In  seinen  letzten  Lebens- 
jahren  plante  G.  noch  eine  Arbeit  tiber  das  Flugbild  der  Moven  und  See- 
schwalben  fur  den  Verein  zum  Schutze  der  deutschen  Hochseefischerei.  Das 
Werk  sollte  gleichsam  ein  Lehrbuch  und  Ftihrer  ftir  die  deutschen  Seefischer 
werden.  Doch  es  war  ihm  nicht  vergonnt,  dasselbe  zu  vollenden.  Von  einem 
Influenza-Anfall,  der  ihn  1896  traf,  vermochte  er  sich  nicht  wieder  zu  erholen. 
Ein  in  seinem  ausseren  Verlaufe  unendlich  einfaches  und  dennoch  unendlich 
reiches  und  bedeutungsvolles  Leben  fand  damit  seinen  Abschluss. 

Vgl.  Ornithologische  Monatsschrift,  1897,  S.  120:  Zum  Andenken  an  drci  theure  Ver- 
storbene,  u.  1898,  S.  49  ff.:  Nachruf  von  Rudolf  Hlasius,  mit  Bildniss.  Die  englische  Aus- 
gabe  der  »Vogelwarte«c  erschien  1895  in  Edinburg  unter  dem  Titel:  Heligoland  as  an 
ornithological  observatory.     The  result  of  fifty  years  experience  by  Heinrich  Gatke. 

Joh.  Sass. 

Marquardsen,  Heinrich,  von,  ordentlicher  Professor  des  Staatsrechts  an 
der  Universitat  Erlangen.  *  25.  Oktober  1825  in  Schleswig,  f  30.  November 
1897  in  Erlangen,  lebte  ein  an  Arbeit,  Erfahrung  und  Bewegung  reiches 
Leben.  Sein  Vater  war  im  Besitze  eines  von  den  Voreltern  ubernommenen 
kleinen  Landgutes  vor  den  Thoren  von  Schleswig  und  auch  seine  Mutter 
stammte  aus  gleicher  Gegend  und  so  war  es  der  Wunsch  der  beiden  Eltern, 
dass  auch  ihr  Sohn,  ihr  einziges  Kind,  auf  heimischer  Erde  bleibe  und  in  die 
Fusstapfen  des  Vaters  als  Kleingutsbesitzer  trete.  Der  Knabe  musste  in  land- 
wirthschaftlicher  Arbeit  frtih  mit  anpacken  und  durfte  die  Gelehrtenschule  in 
Schleswig  nicht  besuchen.  Allein  machtiger  als  die  vaterliche  Bestimmung 
war  der  Wissenstrieb,  welcher  den  Jungen  beseelte.  Abends,  wenn  die  Familie 
zur  Ruhe  gegangen  war,  sass  er  eifrig  studierend  in  seinem  Kammerchen.  Ohne 
alle  Hilfe  lernte  er  aus  Btichern  alterer  Vettern,  die  die  Vorschule  in  Schles- 
wig besuchten,  Latein  und  Griechisch,  Englisch,  Franzosisch  und  Mathematik. 
Kaum  12  Jahre  alt,  ging  er  dann  einmal  unter  dem  Vorwand,  die  Tante  zu 
besuchen,  in  die  Stadt  und  machte  die  Aufnahmsprlifung  in  Sekunda.  Der 
Wille  des  Vaters  war  damit  gebrochen.  Noch  nicht  ganz  14,  kam  M.  in  Prima, 
musste  dort  aber  wegen  seiner  grossen  Jugend  zweieinhalb  Jahre  ausharren. 
Mit  i6!/4  Jahren  ward  er  Student.  Zuerst  in  Kiel  immatrikulirt,  wandte  er 
sich  bald  nach  Heidelberg,  der  Stadt,  die  ihm  die  liebste  seines  Lebens 
wurde.    Dort  begrtindete  er  seine  durch  das  ganze  Leben  wahrende  Freund- 


412  von  Marquardscn. 

schaft  mit  Kussmaul,  dem  bertihmten,  nun  in  Ruhestand  wieder  in  Heidelberg 
lebenden   inneren    Kliniker,    und   mit  Aegidi,    dem  bekannten  Politiker   und 
Leiter  des  Presswesens  des  Auswartigen  Amtes,  in  den  Jahren  187 1  —  77-    Am 
2.  Februar  1848  schloss  M.  seine  Universitatsbildung  durch  seine  Promotion 
zum  Doctor  beider  Rechte  der  Heidelberger  Juristenfakultat  ab.     Vangerow 
und  Mittermaier  waren  die  Lehrer  gewesen,  die  ihn  ftir  die  akademische  Lauf- 
bahn  begeisterten.    Der  Vorbereitung  auf  diese  gehorten  die  Jahre  1848 — 51. 
Dieselben  waren  zu  Reisen  am  Rhein,   nach  Belgien   und  nach  England  ver- 
wandt,  um  in  langerer  eigener  Anschauung  und  Uebung  das  offentliche  mtind- 
liche  Strafverfahren  dortselbst  kennen  zu  lernen.     Von  jener  Zeit  datiert  Mjs 
intime  Beziehung  zu  einem  der  jetzt  hiichsten  englischen  Richter,  dem  Lord- 
appellrichter  Hannen,  der  erst  vor  kurzem  als  einer  der  Schiedsrichter  in  dem 
englisch-amerikanischen  Beringsmeerstreit  hervortrat.    Wintersemester  1851/52 
habilitirte  sich  M.  in  Heidelberg  mit  einer  Arbeit  » iiber  Haft  und  Btirgschaft 
bei  den  Angelsachsen«,  die  eine  Einleitung  zu  einer  Geschichte  des  Habeas- 
Korpus-Rechtes  und  damit  des  Rechtsgutes  werden  sollte,   in  dem  noch  der 
Englander  heutigen  Tages   seinen  hochsten  politischen  Besitz  erblickt.     M.'s 
Vorlesungen  betrafen  Straf-   und  alsbald   auch  Volker-  und  Staatsrecht.     An 
den  allgemeinen  Fragen  der  Rechtswissenschaft  nahm  er  durch  Mitbegrundung 
und  Mitherausgabe  der  seit  1855   erschienenen  »Kritischen  Zeitschrift  ftir  die 
gesammte  Rechtswissenschaft*  teil,   einer  Zeitschrift,   die,    nachmals  mit   der 
»Kritischen    Ueberschau«    vereinigt,    noch    heute    als    Mtinchener    »Kritische 
Vierteljahrsschrift    fur  Gesetzgebung    und    RechtswissenschafU    fortlebt.     Ein 
Jahr  vorher  hatte   er  mit  der  Tochter  des  in  jungen  Jahren  dahingerafften 
Privatdozenten    ftir    englische    Literaturgeschichte,    Wiss,    eines    Neffen    des 
englischen  Dichters  Camble,   die  denkbar  gllicklichste  Ehe  eingegangen.     In 
Stintzing  und  Goldschmidt,  den  spateren  Professoren  der  Rechte  in  Bonn  und 
Berlin,    erwarb    er    treue  Freunde  und  Fachgenossen.      1857   ward  M.  zum 
ausserordentlichen  Professor  befordert,  1861   erhielt  er  einen  Ruf  als  ordent- 
licher  Professor  ftir  Staatsrecht  nach  Erlangen   und  dieser  Hochschule   blieb 
er  bis  ans  Lebensende  treu.    In  den  ersten  Jahren  entwickelte  er  auch  hier- 
selbst  eine  eifrige  und  fruchtbringende  Dozententhatigkeit  —  er  las  insbesondere 
auch   iiber  Politik   und  Enzyklopadie   der  Staatswissenschaften  — ,   von    1868 
an  gehorte  aber  seine  Thatigkeit  nahezu  ausschliesslich  dem  parlamentarischen 
Leben  an.    Am  27.  April  1868  trat  M.  ftir  den  Wahlkreis  Fiirth-Erlangen  in 
das    deutsche    Zollparlament,    am    21.   September    1869    ftir    den    Wahlkreis 
Erlangen  in  die  bayerische  Abgeordnetenkammer  ein;   von    1871    an   war  er 
Mitglied    des    Reichstags.      Mitglied   dieses  blieb   er,    den  Wahlkreis  Fttrth- 
Erlangen  im  Laufe  der  Zeit  mit  den  Wahlkreisen  Worms  und  Kusel  (in  der 
Rheinpfalz)  vertauschend ,    bis  zu  seinem  Lebensende;  bayerischer  Landtags- 
abgeordneter  und  zwar  spater  ftir  den  Wahlkreis  Kempten  war  er  bis   1893. 
M.'s  parlamentarische  Arbeit  hatte  drei  Richtungen.     In  erster  Linie  gehorte 
sie  der  Partei.     National  und  liberal  in  der  Worte  bester  Bedeutung,  zahlte 
er    zu    den    berufensten   Kraften   der  nationalliberalen  Partei    wahrend    ihrer 
ganzen  Entwicklung;  den  verschiedensten  Organisationen  derselben,  dem  Vor- 
stand    der    nationalliberalen     Reichstagsfraktion,     dem    Central vorstand    der 
nationalliberalen   Partei    iiberhaupt    und    dem   Landesausschuss    derselben    in 
Bayern  gehorte  er  als  Vorstandsmitglied   bezw.   als  Vorsitzender  an.     In   der 
Reichstagsfraktion  lag  seine  vorwiegende  Thatigkeit  in   informatorischen  Vor- 
tragen    an    die    Fraktionsgenossen    iiber    die   jeweils    zur    parlamentarischen 


von  Marquardsen.  413 

Behandlung  stehenden  Gesetzesvorlagen  juristisch  -  politischen  Inhalts.  Mit 
das  wichtigste  Aktensttick,  welches  die  Geschichte  der  nationalliberalen  Partei 
kennt,  ist  die  einen  Wendepunkt  in  ihrem  Programm  darstellende  Heidel- 
berger  Erklarung  vom  23.  Marz  1884.  An  ihrem  Zustandekommen  war  M. 
neben  Miquel  der  hervorragendst  Betheiligte.  Stammte  der  erste  Entwurf 
derselben  aus  Miquels  Feder,  so  gab  ihr  M.  die  Fassung,  in  welcher  sie  mit 
einer  einzigen  Erganzung  wortlich  auf  dem  Parteitage  angenommen  ward. 
In  zweiter  Linie  gehorte  seine  Thatigkeit  den  Reichstagsverhandlungen.  Er 
wirkte  in  den  verschiedensten  Kommissionen ,  insbesondere  in  den  ftir  die 
Justiz-  und  Strafprozessgesetzgebung  niedergesetzten.  In  der  Reichstags- 
kommission  tiber  das  Pressgesetz  war  er  Berichterstatter;  der  Wahlprtifungs- 
kommission  stand  er  seit  mehreren  Legislaturperioden  vor.  Im  Plenum  trat 
M.  in  juristischen  und  allgemein  politischen  Fragen  als  Fraktionsredner  auf, 
eine  sonore,  kraftige  Stimme  und  die  Kunst  des  ridendo  dicere  verum  waren 
ihm  eigen.  In  den  letzten  Jahren  sprach  er  vor  allem  zu  der  versuchten 
Strafprozessreform  —  er  war  ein  Gegner  der  Berufung  in  Strafsachen  — , 
zu  den  Antragen  tiber  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes  und  zuletzt  tiber  die 
Frage  der  mehr  unitarisch  oder  mehr  foderalistisch  zu  gestaltenden  Organisation 
der  Kontrole  tiber  die  Auswanderungsunternehmungen.  Drittens  aber  pflegte 
er  die  Vertretung  der  Partei  nach  Aussen,  gegentiber  den  tibrigen  Fraktionen 
des  Reichstags,  gegentiber  der  Regierung  und  besonders  gegentiber  der  Presse. 
Nicht  nur  von  den  Parteien,  sondern  auch  von  Bismarck  war  er  als  politischer 
Mittlerin  Vertrauensmanner-Versammlungen  geschatzt.  Seine  freie  ungezwungene 
Art,  in  der  M.  nicht  nur  zu  geben,  sondern  auch  zu  nehmen  verstand,  machte 
ihn  hierzu  besonders  geeignet.  Personliche  Feinde  hatte  M.  nicht.  Selbst  bei 
politischer  Trennung  blieb  die  personliche  Freundschaft  erhalten.  Noch  her- 
vorragender  ^ar  aber  seine  Thatigkeit  als  politischer  Tages-  und  Partei- 
schriftsteller.  Die  meisten  kritisch  wtirdigenden  Artikel  der  »K6lnischen 
Zeitung«  tiber  Reichstagsvorlagen ,  die  pragnant  und  feinsinnig  stilisirten, 
auftretende  Personen  und  behandelte  Sachen  vorztiglich  schildernden  Reichs- 
tagsberichte  des  gleichen  Organes  hatten  M.  zum  Verfasser*).  Seine  politischen 
Verdienste  hat  die  bayerische  Regierung  1888  durch  die  Verleihung  des  mit 
personlichem  Adel  verbundenen  Verdienstordens  anerkannt.  Es  ist  begreiflich, 
dass  bei  solch  reicher  politischer  Thatigkeit  ftir  die  Wissenschaft  wenig  Zeit 
blieb.  Nichtsdestoweniger  gab  er  auch  ihr  Anregung.  1874  wurde  er  zum 
Mitglied  des  Instituts  fUr  Volkerrecht  gewahlt,  an  dessen  Sitzungen  im  Haag 
(1875),  in  Turin  (1882),  in  Mtinchen  (1883),  in  Hamburg  (1891)  und  in 
Venedig  (1896)  er  sich  eifrig  beteiligte.  Ende  der  siebziger  Jahre  veranlasste 
er  die  Herausgabe  eines  grossen  seinen  Namen  tragenden  Sammelwerks,  des 
»Handbuchs  des  offentlichen  Rechts  der  GegenwarU.  Die  letzte  parlamen- 
tarische  Thatigkeit  M.'s  sollte  nach  seiner  Absicht  die  deutsche  Militarstraf- 
gerichtsordnung  sein.  An  ihrem  Zustandekommen  wollte  er  noch  mitwirken; 
dem  Strafprozess  hatten  seine  ersten  litterarischen  Arbeiten  gegolten,  ihm  sollte 
auch  die  letzte  parlamentarische  Thatigkeit  gewidmet  sein.  Dann  wollte  er 
vom  politischen  Leben  Abschied  nehmen.  Der  neue  Kurs  und  auch  die  zu- 
nehmende  Verarmung  des  Reichstags  an  ideal  angelegteren  und  politisch 
vorgebildeten  Mitgliedern  hatten  ihm  die  parlamentarische  Thatigkeit  verleidet; 


*)    Band  I    unseres    Biographischen    Jahrbuches    und    Deutschen    Nekrologs    (1897, 
S.  49*  flf.)  verdankt  Marquardsen  den  Nachruf  auf  Franz  Armand  Buhl.     D.  H. 


414  yOD  Marquardsen. 

vor  Allem  vermisste  er  den  immer  starker  auftretenden  Mangel  an  Abge- 
ordneten,  die  zu  wirklich  erspriesslicher  Kommissionsarbeit  geeignet  waren. 
Doch  es  kam  anders.  Am  Tage  vor  Eroflhung  der  Wintersession  des  Reichs- 
tags setzte  ein  Gehirnschlag  dem  Leben  des  noch  vollig  frischen  und 
schaffensfreudigen  Mannes  ein  Ziel.  Auch  seine  Absicht,  nach  Ausscheiden 
aus  dem  parlamentarischen  Beruf,  an  die  Abfassung  von  Lebenserinnerungen 
zu  gehen,  blieb  so  unerfiillt.  Um  den  Entschlafenen  trauerte  tief  die  Wittwe 
mit  dem  einen  ihr  verbliebenen  Sohn  (ein  anderer  war  M.  1883  entrissen), 
die  Fakultat,  die  Partei,  am  meisten  aber  das  Vaterland.  Dies  schuldete  ihm 
am  meisten. 

S  ch  ri  ft  en. 

1)  W.  M.  Best's  Grundztlge  des  englischen  Beweisrechts,  ubersetzt  1851. 

2)  Ueber  Haft  und  BUrgschaft  bei  den  Angelsachsen,  1852. 

3)  Aufsatze  und  Artikel  im  »Arrhiv  des  Kriminalrechts«,  »Gerichtssaal«,  »Zeitschrift  fiir 
die  gesammte  Rechtswissenschafu,  Rottecks  und  Welckers  »Staatslexikon«  (3.  Auflage), 
Bluntschli's  und  Brater's  »Staatsw5rterbuch«. 

4)  Der  Trentfall,  1862. 

5)  Das  englische  Oberhaus  uud  die  Wissenschaft,  1862. 

6)  Reichspressgesetz  vom  7.  Mai  1874  mit  Einleitung  und  Kommentar. 

7)  Spencer,  Einleitung  in  das  Studium  der  Sociologie,  2  Theile,  ubersetzt  1875. 

8)  Handbuch  des  ttffentlichen  Rechts  der  Gegenwart,  herausgegeben  von  M.  (von  ihm 
selbst  nur  die  einleitenden  Worte),  1883  ff. 

9)  In  meraoriam  (Erinnerungsblatter  auf  Vangerow  und  Mohl),  1886. 

10)  Art.  Mohl  in  der  »Allg.  Deutschen  Biographiec,  Band  15  (1887). 

11)  Die  nationale  Bedeutung  des  Reicbscivilgesetzbuches  in  der  deutschen  Juristenzeitung, 
1.   Jahrgang  (1896)  Nr.   17. 

12)  Ueber  die  Verjahrung  bei  Pressdelikten  (ebd.  Nr.  23). 

Vergl.  Rehm,    Heinrich  von  Marquardsen   in   der   Beilage   zur  »Allgemeinen    Zeitung« 
1897  Nr.  291   und  im  »Juristischen  Litteraturblatte«  (Berlin)  vom  15.  April   1898. 

Erlangen.  H.    Rehm. 


Erganzungen  und  Nachtrage  zum 
„Deutschen  Nekrolog  vom  i.  Januar  bis  31.  December  1896". 


Seidel,  Ludwig,  Philipp  von,  Professor  der  Mathematik  und  kgl.- 
bayerischer  Geheimrath,  *  am  24.  October  1821  zu  Zweibriicken,  f  am 
13.  August  1896  in  Miinchen.  —  Als  Sohn  eines  kgl.  Postverwalters  geboren, 
entschied  er  sich  schon  wahrend  seiner  Gymnasialstudien,  die  er  in  Ntirnberg 
begann  und  in  Hof  vollendete,  wie  er  sagt  »angezogen  durch  den  belebenden 
Vortrag  des  Professors  Schniirlein*,  fur  das  Studium  der  Mathematik,  in  das 
ihn  jener  wackere  Lehrer,  selbst  ein  SchUler  von  Gauss,  in  einem  2yjahrigen 
Privatunterricht  einfiihrte.  Um  auf  der  gewonnenen  soliden  Grundlage  weiter- 
zubauen,  begab  er  sich  1840  an  die  Universitat  Berlin,  wo  ihn  besonders 
Encke's  Vortrage  tiber  Astronomie  und  Lejeune-Dirichlet's  Vorlesungen  liber 
reine  Mathematik  anzogen.  Namentlich  aber  war  es  die  Astronomie,  die 
ihn  schon  damals  fesselte,  so  dass  er  von  Encke  bereits  mit  verschiedenen 
astronomischen  Arbeiten  beauftragt  wurde,  die  er,  wie  aus  einem  noch  vor- 
handenen  Zeugnisse  desselben  hervorgeht,  zu  dessen  vollster  Befriedigung  er- 
ledigte.  1842  begab  er  sich  nach  Konigsberg,  um  bei  Bessel,  Jacobi  und 
Franz  Neumann  seine  astronomisch-mathematische  Ausbildung  zu  vervoll- 
standigen,  was  ihm  auch  aufs  beste  gelang,  da  er  von  Berlin  aus  warm  em- 
pfohlen,  nicht  nur  die  Vorlesungen  dieser  bedeutenden  Manner  horte,  sondern 
auch  von  denselben  auf  das  liebenswtirdigste  empfangen  wurde  und  mit  ihnen 
in  enge  persdnliche  Beziehung  trat.  Damals  gab  es  in  Deutschland  nur 
drei  Universitaten,  Gottingen,  Berlin  und  Konigsberg,  an  denen  man  mit 
Nutzen  Mathematik  studiren  konnte;  aber  wahrend  der  gewaltige  Gauss,  zu 
sehr  mit  eigenen  Arbeiten  beschaftigt  und  wenig  zuganglich,  es  nicht  ver- 
mochte,  in  Gottingen  eine  eigentliche  mathematische  Schule  zu  grlinden  und 
nur  wenige,  wenn  auch  sehr  bedeutende  Manner,  zu  seinen  Schlilern  zahlte, 
so  war  dies  zum  erstenmale  Jacobi  und  Dirichlet  flir  reine  Mathematik,  Neu- 
mann ftir  physikalisch-mathematische  Studien  durch  Grtindung  ihrer  Seminare 
gelungen.  S;  aber  durfte  sich  mit  Stolz  als  einen  hervorragenden  SchUler 
dieser  grossen  Manner  bezeichnen,  denen  der  Aufschwung  und  die  grossere 
Verbreitung  mathematischer  Studien  in  Deutschland  in  erster  Linie  zu  danken 


4i 6  v<>n  Seidel. 

ist.  Nach  einjahrigem  Aufenthalt  in  Konigsberg  wandte  sich  S.  nach  Mtinchen, 
urn  sich  dort  nach  Erlangung  der  Doktorwiirde  zu  habilitiren.  Durch  Bessel 
wurde  er  an  Steinheil,  einen  frtiheren  Schtiler  des  letzteren,  auf  das  warmste 
empfohlen  und  von  diesem  sogleich  in  sein  Arbeitsgebiet,  die  Anwendung 
der  Mathematik  auf  physikalische  Probleme  eingefiihrt.  Steinheil  hatte  1835 
das  Photometer  erfunden,  und  es  handelte  sich  darum,  mit  dem  neuen  Apparate 
Messungen  vorzunehmen,  wozu  sich  S.  sofort  anschickte.  Nebenbei  loste  er 
eine  von  der  philosophischen  Fakultat  der  Mtinchener  Universitat  gestellte 
Preisfrage  und  promovirte  1846  mit  einer  Arbeit  »Ueber  die  beste  Form  der 
Spiegel  in  Teleskopen*.  Im  gleichen  Jahre  habilitirte  er  sich  mit  einer  auf  die 
Studien  bei  Dirichlet  zuriickzufiihrenden  Arbeit:  »  Untersuchungen  tiber  Con- 
vergenz  und  Divergenz  der  Kettenbriiche*  und  veroffentlichte  1848  eine 
weitere  demselben  Gebiete  angehorige  Abhandlung:  »Ueber  neue  Eigenschaften 
der  Reihen,  welche  discontinuirliche  Functionen  darstelleru,  worin  er  zum 
erstenmale  den  Begriff  der  ungleichmassigen  Convergenz  einfiihrte  —  eine 
Entdeckung,  die  spater  von  Weierstrass,  der  S.'s  Arbeit  nicht  kannte,  von 
neuem  gemacht  wurde  und  nach  dem  Urtheil  von  Professor  Lindemann  zu 
S.'s  bedeutendsten  rein  mathematischen  Leistungen  gehort.  Spater  hat  er  sich 
nur  gelegentlich  mit  Untersuchungen  ahnlichen  Charakters  beschaftigt,  die 
sich  niedergelegt  finden  im  XI.  Bande  der  Abh.  der  bayer.  Ak.  der  W.  von 
187 1,  in  den  Sitzungsberichten  derselben  von  1877  und  im  Journal  fur 
Mathematik  Bd.  73.  Aus  der  gemeinsamen  Arbeit  mit  Steinheil,  der  S.  sehr 
rasch  schatzen  lernte,  so  dass  beide  bald  eine  enge  Freundschaft  verband, 
ging  eine  Reihe  praktischer  Arbeiten  hervor:  so  eine  Abhandlung  zur  Theorie 
des  Steinheil'schen  Passage-Prismas  1846,  ferner  Tafeln  zur  Reduction  der 
Wagungen  von  Steinheil  und  S.  1848,  und  vor  allem  seine  wichtigen  photo- 
metrischen  Untersuchungen,  von  denen  »Erste  Resultate  photometrischer 
Messungen  am  Sternenhimmel«  1846  und  die  umfassende  Arbeit  »Unter- 
suchungen  liber  die  gegenseitige  Helligkeit  der  Fixsterne  erster  Grosse  und 
iiber  die  Exstinction  des  Lichtes  in  der  Atmosphare*,  1852  in  den  Berichten 
und  den  Abhandl.  der  bayer.  Ak.  erschienen.  Es  sind  dies  die  ersten  be- 
deutenden  Messungen  dieser  Art  und  haben  ihren  Werth  bis  heute  beibe- 
halten.  Spater  hat  S.  diese  Untersuchungen  auch  auf  die  Planeten  ausgedehnt, 
(Gelehrte  Anz.  der  Ak.  1853  und  Monum.  Saec.  der  Akad.  II.  KI.  1859) 
und  weiter  publicirte  er  noch  » Resultate  photometrischer  Messungen  an  208 
der  vorztiglichsten  Fixsterne  (Abhandl.  d.  bayer.  Ak.  1862  und  1867).  Hieran 
schlossen  sich  nicht  weniger  bedeutende  dioptrische  Arbeiten,  die  ebenfalls 
von  Steinheil  veranlasst  wurden,  und  einerseits  zur  Verbesserung  der  Her- 
stellungsmethoden  optischer  Instrumente,  andererseits  fur  die  heute  so  viel- 
fach  in  der  Astronomie  verwendete  Photographie  von  bedeutendem  Nutzen 
sind.  Sie  erschienen  theilweise  in  den  Jahrgangen  1853  und  1856  der  astro- 
nomischen  Nachrichten,  theils  in  den  Sitzungsberichten  und  Abhandl.  d.  bayer. 
Ak.  von  1848  bis  1873. 

In  engem  Zusammenhang  mit  diesen  praktischen  Anwendungen  standen 
S.'s  Arbeiten  tiber  Wahrscheinlichkeitsrechnung  und  die  Methode  der 
kleinsten  Quadrate,  die  ebenfalls  in  den  Sitzungsberichten  von  1863,  in 
den  Abhandlungen  der  bayerischen  Akademie  von  1874  und  1876  und  in 
den  astronomischen  Nachrichten  1874  erschienen.  Auch  in  ihnen  sind  ver- 
schiedene  neue  Gedanken  und  Methoden  niedergelegt.  Noch  mfissen  wir 
hier  die  Anwendung  derselben  auf  die  Bearbeitung  des  statistischen  Materials 


von  Seidel.     Noe.  417 

erwahnen,  welches  auf  Anregung  des  Hygienikers  Pettenkofer  angesammelt 
worden  war,  urn  die  Frage  zu  entscheiden,  ob  zwischen  der  Haufigkeit  der 
Typhusfalle  in  Munchen  und  dem  Stande  des  Grundwassers  einerseits  und  der 
Menge  der  atmospharischen  Niederschlage  andererseits  ein  Zusammenhang  be- 
stehe.  Nach  Pettenkofer's  Urtheil  hat  gerade  diese  Bearbeitung  der  Frage 
durch  S.  hauptsachlich  dazu  beigetragen,  den  Ruf  Miinchens  in  sanitarer 
Richtung  zu  heben. 

Diesen  hervorragenden  Leistungen  S.'s  in  den  verschiedensten  Gebieten 
wiirden  sich  sicher  noch  manch  andere  gleich  bedeutende  zugesellt  haben,  hatte 
nicht  ein  schweres  Augenleiden,  zu  welchem  er  den  Keim  durch  seine  inten- 
siven  astronomischen  Arbeiten  legte,  frtihzeitig  seine  Thatigkeit  eingeschralnkt 
und  allmahlich  ganz  gehemmt.  Dieses  tuckische  Leiden  war  es  auch,  welches 
in  spateren  Jahren  seine  so  segensreiche  Lehrthatigkeit  schwer  beeintrachtigte, 
die  er  1847  als  ausserordentlicher  Professor  an  der  Mttnchener  Universitat 
begann  und  seit  1855  als  Ordinarius  bis  zu  seinem  70.  Lebensjahre  fortsetzte. 
Es  war  dies  urn  so  mehr  zu  bedauern,  als  der  durch  die  oben  genannten 
grossen  Manner  in  Deutschland  angebahnte  Aufschwung  der  Mathematik  in 
Bayern  in  S.'s  Person  den  ersten  hervorragenden  Vertreter  gefunden  hatte; 
und  in  der  That  waren  auch  seine  bedeutende  Lehrbegabung  und  das  Interesse, 
das  er  dem  Unterrichtswesen  entgegenbrachte,  in  hohem  Maasse  geeignet, 
einerseits  die  damals  ganzlich  darniederliegende  Heranbildung  junger  Mathe- 
matiker  fUr  das  Lehrfach  zu  heben  und  andererseits  dem  an  den  Mittelschulen 
bisher  so  wenig  berlicksichtigten  Fache  die  ihm  zukommende  Bedeutung  zu 
verschaffen.  Trotz  seines  schweren  Leidens  hat  S.  diese  wichtigen  Ziele  seiner 
Berufsthatigkeit  nie  aus  dem  Auge  verloren,  wenn  ihm  auch  theils  jenes 
Leiden,  theils  der  Wechsel  der  Verhaltnisse  nicht  gestatteten,  alle  seine  dies- 
beziiglichen  Wiinsche  erflillt  zu  sehen.  Dass  es  so  bedeutenden  Fahigkeiten 
und  hervorragenden  Leistungen  auf  verschiedenen  Gebieten  nicht  an  ausseren 
Anerkennungen  fehlte,  ist  selbstverstandlich ;  wir  sehen  von  Orden  und  Titeln  ab 
und  nennen  nur  diejenigen,  die  er,  der  Gelehrte,  selbst  am  hochsten  schatzte: 
so  wurde  er  1851  Mitglied  der  bayerischen  Akademie  der  Wissenschaften,  1867 
Mitglied  der  europaischen  Gradmessungskommission,  ferner  korrespondirendes 
Mitglied  der  kgl.  Societat  der  Wissenschaften  zu  Gdttingen,  der  Akademie  der 
Wissenschaften  zu  Berlin  und  der  Leopoldinischen  Akademie  der  Naturforscher. 

S.  war  unvermahlt  geblieben,  aber  um  so  mehr  widmete  er  sein  ganzes 
Interesse,  seine  ganze  kraftvolle  Individualist  seiner  Berufsthatigkeit.  Die 
Integritat  seines  Charakters,  die  Festigkeit  und  Willensstarke ,  die  aus  alien 
seinen  Handlungen  sprach,  und  andererseits  seine  Liebenswtirdigkeit  im  Urn- 
gang  verschafften  ihm  die  Achtung  und  Zuneigung  aller,  die  mit  ihm  in 
naheren  Verkehr  traten,  und  lassen  ihn  namentlich  bei  seinen  Schlilern  un- 
vergessen  bleiben. 

Quellen:  Almanach  der  bay  er.  Akademie  der  Wissensch.  Gedachtnissrede,  gehalten 
von  Prof.  Dr.  F.  Lindernann  in  der  k.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften  am  27.  Mfirz  1897. 
MQnchcn,  Ackermann   1898. 

A.  v.  Braunmiihl. 

N06,  Heinrich,  August*),  Dr.,  *  am  16.  Juli  1835  in  Munchen,  f  26. 

*)  Vergl.  Band  I,  S.  447;  mit  der  Aufnahme  eines  zweiten,  von  berufener  Freundes- 

band   berTiihrenden    Nekrologes   Noe's,    willfahren  wir   einem   Wunscbe   Friedricb   Ratzel's 
(Beilage  zur  Allg.  Ztg.   1898,  No.  277). 

BlogT.  Jahrb.  u.  Deutscher  Nekrolog.     2.  Bd.  27 


41 8  Noe. 

August  1896  zu  Bozen,  entstammte  einem  stramm-hugenottischen  Auswanderer- 
geschlecht.  Er  hat  mir  gelegentlich  selbst  erzahlt,  wie  ihn,  nachdem  er  den 
Pyrenaen  und  den  carlistischen  Wirren  den  Rticken  gekehrt,  auf  franzosischem 
Boden  plotzlich  ein  wohliges  HeimatgefUhl  liberkommen  habe,  das  er  sich 
nicht  anders  erklaren  mochte,  als  dass  er  es  mit  der  Station  Chateau  Noe 
in  Zusammenhang  brachte,  an  der  er  bald  darnach  voriibergefahren.  Sein 
Vater  war  koniglicher  Beamter,  Schlossverwalter  in  Aschaffenburg,  und  hatte 
seinen  Amtssitz  zuletzt  in  Ansbach.  Der  Studienweg  fiihrte  Heinrich  tiber 
Augsburg,  Aschaffenburg  nach  Erlangen,  wo  er  statt  Theologie,  wie  die  Eltern 
gern  gesehen  hatten,  lieber  Naturwissenschaften  und  Sprachen  horte.  Promovirt 
hat  er  erst  1864.  Sein  Sprachen  talent  ging  in  die  Tiefe  wie  in  die  Breite; 
es  wurzelte  im  Sanskrit  —  seine  Erstlingsschriften  bezeugen  es  —  und  urn- 
fasste  allgemach  achtzehn  Idiome.  Er  hat  Tjutschew's  lyrische  Gedichte 
iibersetzt,  1861.  Seine  Sprachkunde  namentlich  empfahl  ihn  der  Hofbibliothek 
in  Mtinchen,  an  der  er  unter  Director  Halm  von  1857  bis  gegen  1863  als 
Assistent  thatig  war  und  die  auslandischen  Besucher  als  redegewandter  Cicerone 
tiberraschte.  Da  war  es  auch,  wo  er  einen  in  Frankreich  herausgekommenen, 
vorgeblich  aztekischen  Zeichencodex  als  das  erkannte,  was  er  war,  namlich  als 
modern-europ&isches  Kindergekritzel.  Der  Bibliotheksvorstand  hielt  grosse 
Stticke  auf  ihn;  er  beforderte  ihn  an's  britische  Museum  in  London.  Er 
konnte  sich  hier  gut  stehen,  aber  er  vertrug  das  Klima  nicht,  und  in  die 
alten  Munchener  Verhaltnisse  zuriick gekehrt,  gewahrte  er,  dass  auf  die  Seh- 
kraft  seiner  Augen  kein  rechter  Verlass  sei.  Der  Drang  nach  Freiheit  und 
Ungebundenheit  that  das  Uebrige  dazu,  um  aus  dem  Bureaumenschen  den 
Reiseschriftsteller,  den  bertihmten  Alpenwanderer  zu  machen,  zum  Verdrusse 
seiner  Eltern,  die  ihn  in  einer  sicheren  Stellung  wissen  wollten,  und  mit 
ganzlicher  Umgestaltung  seines  Lebensstiles;  denn  der  junge  Mann,  der  einen 
angeborenen  Sinn  und  ein  allseitiges  Verstandnis  ftir  vornehme  Lebensftihrung 
hatte,  schlug  trotzig,  schlug  mit  klarem  Bewusstsein  zu  einem  Bohdmien  um, 
wie  solcher  auf  die  Wanderschaft  und  in  die  Berge  passte. 

Nicht  jeder  Wirth  witterte  hinter  diesem  gleich  auch  den  Bildungsmenschen, 
wiewohl  seine  adelige  Gestalt  sofort  auffallen  musste.  »Gewaltig  konnt1  er 
schreiten  und  war  von  hohem  Wuchs.«  Seine  Stirn  blieb  schon  und  glatt 
bis  in  seine  letzten  Tage;  sein  nussbraunes  Haar  legte  sich  mit  einer  Charakter- 
locke  vor  und  wich  niemals  weit  zuriick.  Seine  Adlernase  hatte  mehr  einen 
gallischen  als  bajuvarischen  oder  tirolischen  Schwung.  Die  dunklen  Augen 
blickten  scharf  aus;  freisam,  muthig  und  doch  zugleich  wohlwollend  griissten 
sie,  doch  gern  zuckten  auch  die  Lichter  von  Schalkhaftigkeit,  Laune  und 
Spott  in  ihnen  hin  und  wieder  —  spat  erst  verriethen  sie  Weinseligkeit. 
Sein  Mund  war  zart,  sein  Kinn  kraftig;  uber  ersterem  bog  sich  buschig  der 
Schnurbart  herab,  dem  ein  etwas  massigerer  Bestand  unterhalb  entsprach. 
Er  trug  Blouse  oder  Joppe,  schlang  sich  die  Binde  lassig  um  den  Hals  und 
der  weiche,  breitkampige  Filzhut  wusste  stets  von  alien  moglichen  Wetter- 
unbilden  zu  erzahlen.  Er  zog  nicht  wie  ein  Ktinstler  einher,  auch  nicht  wie 
ein  Holzknecht,  aber  zwischendurch  tauchte  seine  eigenartige  Erscheinung  auf. 
Und  wie  gesagt,  sie  hatte  Stil.  Wer  ihn  je  im  vollem  Wichs  gesehen,  muss 
ein  Sonntagskind  sein;  aber  auch  da  wird  er  seinen  Mann  gestellt,  d.  h.  eine 
gute  Figur  gemacht  haben. 

Bei  der  Arbeit  gehorte  N.  ganz  sich  und  dem  eben  zu  behandelnden 
Gegenstande  an;    aber  \*ie  lebtc  er  auf,    wie  verjiingte    er  sich,    wie  spriihte 


Noe. 


419 


sein  Geist  tischliber  in  geselligem  Kreise  bei  einem  gutem  Tropfen!  Da 
zog  er  mit  Leichtigkeit  alle  Register  seines  reichen  Wissens,  da  war  ihm  in 
alien  Tagesfragen  ein  stichkraftiger  Trumpf  zur  Hand,  da  entwickelte  er  Laune 
und  geistige  Anmut.  Als  Causeur  war  er  unvergleichlich,  fesselnd,  entziickend, 
erobernd,  gleichviel,  ob  er  verwohnte  stadtische  Sommersiedler  oder  schlau- 
schlichte  Landleute  um  sich  hatte.  Und  sein  siisser  beredter  Mund  that's  auch 
Frauen  an.  Er  hatte  Gltick  bei  dem  schonen  Geschlecht.  Aber  so  viele  Ge- 
legenheiten  ihm  auch  nahe  gelegt  wurden,  so  viele  Freiheiten  er  sich  auch  nahm, 
er  blieb  doch  zeitlebens  ein  Gebundener,  und  in  einzelnen  Fallen  kam  es  zu 
tragischen  Ausgangen,  wiewohl  das  Geschick  nicht  eigens  heraufbeschworen 
worden.  So  ging  1880  das  Gerede,  dass  seinethalben  sich  eine  begabte  Schrift- 
stellerin  das  Leben  genommen  —  seinethalben,  doch  kaum  durch  seine  Schuld. 
Was  N.  zu  seinem  neuen  Berufe  mitbrachte,  war  ungewohnlich  viel: 
umfassende  naturwissenschaftliche  Kenntnisse,  geschichtliches  und  ethno- 
graphisches  Interesse,  Gewandtheit  in  den  Sprachen,  ein  treues  Gedachtniss, 
das  sich  fort  und  fort  durch  sachliche  Tagebuch-Eintragungen  festigte,  ein 
mannlich-poetisches  Empfinden  und  eine  Darstellung,  die  unschwer  die  Ver- 
bindung  zwischen  Nahem  und  Fernem  aufgriff  und  das  scheinbar  Entlegenste 
zu  einem  einheitlichen  stimmungsvollen  Ganzen  zu  verweben  verstand;  wahrend 
sie  eine  Gegend  im  Zauber  der  gegebenen  Jahreszeit  schildert,  liegt  fttr  sie 
zugleich  der  geologische  und  geschichtliche  Urgrund  derselben  zu  Tage,  und 
wie  sie  stilgemass  dem  sonnigen  Stiden  und  der  heroischen  Vorwelt  beikommt, 
weiss  sie  auch  das  rauhgewaltige  Naturwalten  der  nordlichen  Alpenwelt  zu  fassen. 
»In  den  Voralpen«  ist  wohl  das  erste  Buch,  das  N.  als  erwandertes 
herausgegeben ,  obwohl  dasselbe  erst  in  der  Ausgabe  von  1871  weitere  Ver- 
breitung  gefunden  zu  haben  scheint.  So  geht  ja  auch  das  »bayrische  See- 
buch«  (1865)  naturgemass  dem  »6sterreichischen«  und  »italienischen«  (1867 
und  1874)  voraus.  Gleich  die  erste  zu  den  Alpen  aufstrebende  Publication 
trug  dem  Autor  auf  Verwendung  des  Directors  Halm  ein  konigliches  Reise- 
stipendium  ein.  Die  Fahrt  ging  nach  Dalmatien,  Italien  und  zwar  hier  zu 
Fuss  nach  Rom.  So  wirkte  wohl  Seume  nach  und  als  Friichte  dieser  Reise 
sind  das  »Brennerbuch  1869*  und  »Dalmatien  und  seine  Inselwelt,  nebst 
Wanderungen  in  die  schwarzen  Berge«  zu  betrachten. 

Aber  mittlerweile  hatte  sich  der  Wanderer  daheim  die  Finger  verbrannt. 
Die  beiden  in's  Zeitgeschichtliche  einschneidenden  Broschiiren  »Ach  wie  dumm 
gehts  in  Bayern  zu«  und  »Gottes  Zorn«  konnten  ihm  nicht  Freunde  erwecken, 
weiss  man  doch,  dass  selbst  dem  vorsichtigeren  grimmen  Fallmerayer  seine 
verdeckten  Ausfalle  gegen  das  bajuwarische  »Derwischabad«  nicht  wenig 
eingetrankt  worden  sind.  N.  zog  sich  an  die  osterreichische  Grenze  nach 
Mittenwald  zuriick,  das,  von  Fahrten  nach  Spanien  und  nach  Italien  abgesehen, 
sechs  bis  sieben  Jahre  sein  Aufenthalt  geblieben.  Auch  Lehrgeld  zahlen 
musste  der  junge  Alpenwanderer.  Wir  erzahlen  mit  den  Worten  seiner  Frau 
Schwester,  die  so  treu  und  liebevoll  sein  Gedachtniss  wahrt:  »Im  Jahre  1865 
auf  66  in  der  Sylvesternacht  verirrte  er  sich  auf  einem  Uebergangsjoch  zum 
Achensee.  Er  stiess  auf  eine  Holzhiitte,  machte  Feuer  darin  und  gewahrte, 
dass  ihm  die  Fusse  erfroren.  Erschopft,  ohne  Lebensmittel,  sah  er  sich  dem 
Tode  nahe.  Grenzwachter,  die  das  Feuer  bemerkt,  vermutheten  Schmuggler 
in  der  Htttte  auf  der  Hohe  und  fanden  so  meinen  armen  Bruder.  Er  lebte 
noch,  wurde  zu  Thai  gebracht  und  von  da  weiter  nach  Ansbach  zu  den  Eltern 
befordert.     Anfangs  glaubte  man,   dass  man  ihm  die  Ftisse  werde  abnehmen 

27* 


42  o  No£. 

miissen,  doch  der  mtitterlichen  Pflege  gelang  es,  ihn  wieder  auf  gesunde  Beine 
zu  bringen.  Die  Zeitungen  berichteten  iiber  den  Ungliicksfall  und  schon  da- 
mals  kamen  Beileidsschreiben  aus  Nah  und  Fern,  sogar  aus  Russland.  Bei 
dieser  Gelegenheit  sah  ich  meinen  Bruder  zum  ersten  Mai,  ich  u  Jahre  alt, 
Heinrich  urn  20  Jahre  alter  — .«    (S.  auch  »Gartenlaube«.  1865.) 

Schon  auf  seiner  ersten  griisseren  Wanderung  schrieb  N.  Feuilletons, 
landschaftliche,  Reisefeuilletons.  Sie  wurden  gleich  beachtet  und  mit  dem 
damit  erzielten  Honorar  spann  er  wohl  den  Faden  seiner  Fahrten  weiter. 
Und  der  Feuilletonist  brachte  es  rasch  zu  anerkannter  Meisterschaft  und  bald 
verstand  er  sich  zu  ausgesprochen  feuilletonistischen  Auftragen  und  Touren. 
Er  wurde  zum  Feuilletonisten,  wie  Fallmerayer  zum  Fragmentisten  geworden. 
Und  wie  diesem  standen  ihm  in  der  besten  Zeit  die  angesehensten  Blatter 
zur  Verftigung,  Allg.  Ztg.,  Gartenlaube,  N.  Fr.  Pr.,  Wiener  Ztg.  u.  s.  w.  Und 
man  las  den  Feuilletonisten  N.  lieber  als  dessen  Bticher,  denn  er  brachte  stets 
das  Frischeste,  Neueste,  das  eben  Actuelle  und  Saisongemasse.  Also  machte 
der  Buchautor  durch  seine  Feuilletons  sich  selbst  die  wirksamste  Concurrenz, 
und  sodann  nahmen  seine  Feuilletons  auf  die  Gestaltung  seiner  Blicher  Einfluss. 
Nicht  wenige  derselben  entbehren  nemlich  des  einigenden  Buchgedankens 
und  sind  nur  aufgesammelte,  mehr  oder  minder  gliicklich  verbundene  Feuilletons. 
So  gleich  sein  Hauptwerk,  das  vierbandige  »  Deutsche  Alpenbuch«  1875 — 88. 
In  diesem  erscheinen  einzelne  Lander,  einzelne  Partien  wesentlich  bevorzugt, 
andere  empfindlich  zuriickgesetzt.  Das  gegen  vierzig  Jahre  altere,  fast  titel- 
gleiche,  lunfbandige  Werk  A.  Schaubach's  »Die  deutschen  Alpen«  ist  ent- 
schieden  gleichmassiger  gearbeitet.  Aber  freilich,  auf  diesem  liegt  sozusagen 
eine  und  dieselbe  Jahreszeit,  der  Sommerglanz,  wahrend  N.  mit  Fug  und 
Recht  auf  die  »verschiedenartige  Beleuchtung«  hinweisen  kann,  »in  welcher 
Landschaften  und  Menschen  erscheinen«;  da  er  sein  Alpenbuch  »nicht  als 
Sommer-  oder  Ferien tourist*  geschrieben,  vielmehr  »von  einer  Wintersonnen- 
wende  bis  zur  anderen  keinen  Monat,  ja  keine  Woche,  keinen  Tag«  voriiber- 
gehen  liess,  »an  welchem  er  sich  seinen  Gegenstand  nicht  beschaut  hatte*. 
Ersichtlich  feuilletonistischen  Geftiges  ist  das  »Tagebuch  aus  Abbazia«  1884 
und  sind  auch  »Die  Jahreszeiten«,  1888,  was  gleichwohl  gerade  dieses  Buch 
nicht  hindert,  ein*s  der  gehalt-  und  stimmungsvollsten  zu  sein,  womit  uns  der 
Autor  beschenkt  hat. 

»Ich  bin  kein  Dichter«,  pflegte  N.  zu  sagen.  Dieser  Meinung  oder  diesem 
Vorurtheil  ist  es  wohl  zuzuschreiben ,  dass  er  die  Reihe  seiner  Roman-  und 
Novellendichtungen  sobald  abbrach;  auf  »die  Briider«,  »den  Zauberer  des 
Hochgebirges«  und  die  »Gasteiner  Novellen«  (1873 — 75)  folgte  Ende  der 
Siebzigerjahre  der  »Robinson  in  den  Tauern«,  wohl  sein  bekanntestes  er- 
zahlendes  Werk,  in  drei  Banden.  Es  wiegt  viel  und  man  legt  es  nicht  zu 
den  gelesenen  abgethanen  Sachen.  Der  Held  ist  ein  Militarfliichtling  zur 
Zeit  der  Napoleon'schen  Gewaltherrschaft.  Er  lasst  sich  von  der  Salzburger 
Veste  herab,  er  durchirrt,  verfolgt  und  geachtet,  die  Wildnisse  des  Salzburger 
Landes;  der  Pfleger  von  Werfen  ist  eine  Prachtgestalt,  ein  nachtliches  Effect- 
stuck  die  Schmuggler  und  der  Sturm  auf  dem  Zeller  See,  und  so  ist  hier  des 
Gehaltvollen  noch  viel,  vielleicht  allzuviel  fUr  eine  leichte  Unterhaltungslekture, 
die  am  ehesten  Aussicht  hat,  popular  zu  werden.  In  den  Achtzigerjahren 
schrieb  N.  als  Erzahler  nur  noch  in  kl.  8°,  wortlich  und  figUrlich  gesprochen, 
d.  h.  er  ging  unter  die  Jugendschriftsteller,  und  beispielsweise ,  wer  mit  den 
»Pionieren  der  UnterwelU  auszieht,  kann  das  Fiirchten  lernen. 


Noe.  421 

Als  getreuer  Eckart  der  Alpenwelt  hat  N.  iiberall  hin  fordernden,  weisen- 

den  Ausblick  gehalten.    Wo  eine  neue  Bahnlinie  angelegt  oder  ein  interessanter 

Gebirgswinkel    erschlossen    wurde,    wo    eine   Gegend,    ein   Ort  zu   Ruf   und 

Besuch  gelangte,  wo  immer  der  sommerliche  Fremdenschwarm  sich  hinlenkte, 

iiberall  tauchte  fast  ungesaumt  die  reisige  Gestalt  unseres  Autors  als  kundiger, 

williger  Geleitsmann  auf.    Daher  seine  vielen  »Flihrer«  und  Ortsmonographien, 

die  alle   tiefer  gegriffen    und    eigenartiger    gefasst  sind    als    die  gewohnliche 

touristische  Marktwaare.     Wir  heben  »Elsass-Lothringen«,   »Gastein  und  seine 

Neben  thaler*,  »Gossensass«,  » Innsbruck*,  »Arcoc,  »Gorz  und  seine Umgebung*, 

die  »illustrirten  Ftihrer  auf  den  Linien  der  cisterreichischen  Eisenbahnen«  und 

eine   stattliche  Reihe  der  bekannten  Ftissli'schen  Reisehefte  hervor,    letztere 

aus  den  ersten  Achtziger  Jahren.     Doch  dies  und  Aehnliches  hatte  immerhin 

audi  ein  anderer  behender  Schriftsteller  im  Dienste  des  augenblicklichen  Be- 

darfes  leisten  konnen.     Aber  N.  war    zugleich  Pfadfinder;    in    ihm    stak    ein 

Stiick  Aeskulap;  er  wurde  zum  Wohlthater  an  der  erholungsbediirftigen  Mensch- 

heit,  zum  Griinder  mittlerweile  bertihmt  gewordener  Luftkurorte  und  Sommer- 

frischen,  solcher,  die  wir  uns  unmoglich  mehr  wegdenken  konnen.    Wir  nennen 

Semmering,   Toblach,   Vahrn,   Abbazia,    das  Kurhaus    in  Gorz,    Madonna  di 

Campiglio.     Die  Mehrzahl   dieser  Trost-  und  Heilstatten,   sicher  Semmering, 

Toblach  und  Abbazia  sind  Grlindungen  N.'s  durch   die  Stidbahn,    mit   deren 

Generaldirector  Schiiler  er  nach  dem  bosnischen  Feldzuge   diesen   menschen- 

freundlichen  Eroberungsplan  besprochen  und  vereirtbart  hatte.    Wie  beispiels- 

weise  Abbazia  erworben  und  ausgestaltet  wurde,  erzahlt  N.  selbst  gelegentlich, 

nattirlich  mit  bescheidener  Zuriickstellung  seines  eigenen  Verdienstes.    Er  hat 

sich  trotzdem  wohl  bereichert  bei  diesen  Grlindungen?   Durch   ungefahr  acht 

Jahre  ein  Honorar  von  je  1200  fl.,    ein   kleines,    feuchtes  Haus  in  Abbazia, 

darin    sich    seine    al  teste,    seine  Lieblingstochter  den  Todeskeim   holte,    und 

etwa  die  Erwirkung    der  einen  oder   anderen  Schnellzugshalte-Stelle,   das  ist 

Alles,  was  er  von  seinem  Zusammenwirken  mit  der  Stidbahn  hatte. 

Besonders  beachtenswert  sind  die  Bucher  vorwiegend  naturwissenschaftlich- 
lehrhaften  Inhalts.  So  schon  aus  der  ersten  Zeit:  »Wie  soil  man  die  deutschen 
Alpen  bereisen?«  und  »Neue  Studien  aus  den  Alpen«  ;  so  »Gossensass«  mit 
den  Erinnerungen  an  Tirols  Gletscherwelt;  so  das  »Geleitbuch  nach  dem 
Sliden«  mit  ganz  einzig  schonen  Kapiteln  liber  den  Karst  und  die  Karstnatur 
im  allgemeinen,  und  so  auch  die  »Geschichten  aus  der  UnterwelU,  die  mit 
dem  Karstwesen  zusammenhangen. 

Wieder  in  anderen  Buchern  uberwiegt  N.'s  lyrische,  erinnerungsselige 
Natur;  wir  nennen  diesbezliglich  neben  den  schon  erwahnten  Jahreszeiten  die 
»Bergfahrten  und  Raststatten«,  das  ^Deutsche  Waldbuch«  und  ^Edelweiss 
und  Lorbeer«,  ein  Spatwerk  (1895),  darin  schon  merklich  die  Schatten  langer 
werden. 

Auf  Tirol  entfallt  ein  liberwiegender  Theil  von  N.'s  Schriften;  er  zog 
dies  Land  immer  vor  und  in  den  letzteren  Jahren  mehr  und  mehr  den  Siiden 
desselben  und  das  Ktistenland.  Anfangs  schrieb  er,  wie  tiberhaupt,  detail- 
reich  iiber  Tirol,  dann  aber  wurden  seine  Schilderungen  immer  grossziigiger, 
sinnbildlicher.  Schon  aus  1890  stammt  »Sinnbildliches  aus  der  AlpenwelU, 
wenn  auch  aus  demselben  Jahre  noch  der  »Friihling  in  Meran«  datirt  mit 
der  beriihmten  Bismarck-Novelle.  Gerade  beztiglich  Tirols  hatte  N.  einen 
gewichtigen  und  beriihmten  Rivalen  an  L.  Steub.  I.udwig  von  Hermann, 
selbst  eine  Autoritat  in  alien  ethnographischen  und  kulturhistorischen  Dingen 


42  2  N°£- 

seiner  Heimat,  kennzeichnet  und  unterscheidet  die  beiden  glanzenden  alpinen 
Schriftsteller  bestens  in  folgenden  Satzen:  »Die  Frage,  welcher  von  beiden 
bedeutender  war,  halte  ich  ftir  uberfliissig,  jeder  ist  in  seiner  Eigenart  gross. 
Bewundern  wir  bei  Steub  die  freie  Zeichnung,  die  in  wenigen  Strichen  ein 
Landschaftsbild  treu  wiedergibt,  so  fesselt  bei  N.  die  farbengesattigte  Malerei 
mit  der  reichen  Detailausfiihrung;  finden  beim  Ethnographen  und  Literar- 
historiker  Steub  mehr  die  Menschen  und  ihre  Schopfungen  Beriicksichtigung, 
so  beschaftigt  den  Naturforscher  N.  mehr  die  Natur  in  ihrem  Werden  und 
Vergehen;  dem  Hunioristen  und  Satiriker  Steub  antwortet  der  Denker  und 
Philosoph  N.,  dem  in  der  gewaltigen  Natur  und  ihrem  geheimnisvollen  Weben 
eine  verwandte  Saite  entgegentont.  Und  wenn  der  Ethnograph  Steub  aus 
verwitterten  Grabsteinen  und  Wappen  die  Namen  ausgestorbener  Geschlechter 
entziffert  oder  in  rathselhaft  klingenden  Ortsnamen  den  Resten  untergegangener 
Volker  nachsplirt,  so  mahnt  den  Geologen  N.  die  marmorne  Tischplatte,  auf 
deren  abgeschliffenen  Ueberresten  versteinerter  Ammoniten  sein  Weinglas  einen 
rothen  Rand  gezeichnet,  an  das  Mittelalter  unserer  Erde,  sowie  sein  ahnender 
Blick  beim  Herabkollern  der  Steinlawine  die  Zeit  kommen  sieht,  da  im  Ver- 
laufe  der  Jahrtausende  der  schone  Alpsee  vom  Gerolle  ausgeftillt  und  ver- 
schwunden  sein  wird.  Ueberall  auf  seinen  Wanderungen  begleitet  uns  der 
ernst  angelegte  denkende  Mensch,  der  griibelnde,  etwas  zum  Mysticismus  ge- 
neigte  Geist  im  Gegensatz  zu  Steub,  dessen  Humor  wie  heiterer  Sonnenglanz 
seine  Schopfungen  belebt.« 

Diese  nach  beiden  Seiten  hin  gleich  zutreffende  Charakteristik  findet  sich  im 
Vorwort  zur  N.'schen  Nachlassschrift  »Bozen  und  Umgebung*,  die  soeben  das 
Heinrich  No^-Denkmal-ComittJ  in  Bozen  herausgibt.  Sie  ist  mit  N.'s  letztem 
Bildniss  nach  der  Originalfarbenskizze  von  Carl  Amonn  geschmllckt,  bringt 
auch  zwei  figurale  Beitrage  von  Defregger  und  en  thai  t  (iberdies  drei  Land- 
schaftsschilderungen  von  N.'s  verstorbener  Lieblingstochter  Maria  Walpurgis. 
Man  braucht  bios  das  erste  Kapitel  dieses  posthumen  Buches  zu  lesen,  um 
inne  zu  werden,  was  unter  dem  Stich  ins  Mystische  zu  verstehen  ist.  Ein 
moglichst  vollstandiges  Verzeichniss  der  N.'schen  Schriften  macht  diese  pietats- 
voile  Publication  besonders  werthvoll. 

Selbst  N.fs  ehrlichste  Freunde  und  Wiirdiger  werden  kaum  alle  seine 
Schriften  gelesen  haben;  er  hatte  es  auch  keinem  zugemuthet.  Denn  klein- 
liche  Eitelkeit  lag  ihm  fern,  und  er  wusste  selbst  zu  gut  auch,  dass  neben 
den  Sachen  von  bleibendem  Werthe  viel  Gelegentliches  mit  einherlief.  Er 
war  arbeitsam  aus  Drang  und  Noth,  aber  er  hielt  nicht  Ordnung,  und  bei 
seinem  Nomadenleben  war  dies  auch  ein  Ding  der  Unmoglichkeit.  An  dem 
Unstaten  aber  hing  er  eben  so  eigensinnig  als  unbeklimmert,  nachdem  er  ein- 
mal  sich  selbst  zu  einer  Art  Declassirten  gemacht.  Bei  ihm  konnte  man 
ebenso  wenig  eine  Sammlung  seiner  Werke  suchen  wollen,  als  sich  in  seinem 
Nachlasse  Verlagsbriefe  und  dergleichen  vorfand. 

Doch  es  ist  noch  manches  Biographisches  nachzuholen.  Ich  lernte  den 
langst  verehrten  Meister  1877  in  Velden  am  Worthersee  personlich  kennen. 
Er  war  eben  vom  russisch-turkischen  Kriegsschauplatz  zurtickgekehrt,  wo  es 
ihm  knapp  an  den  Hals  gegangen,  und  noch  vor  Plewna  wars.  Er  redigirte 
eine  karntnerische  Wochenschrift,  litt  zuweilen  an  Fieber  und  sommersiedelte 
in  einem  abseits  stehenden  Bauernhauschen  mit  seiner  Frau,  die  ihm  ein 
Tochterchen  geboren.  Er  hatte  1870  oder  72  in  Zara  geheiratet  und  zwar 
seine  Sekretarin    und   Reisebegleiterin.     Die  Ehe  war    keine    gltickliche.     Er 


Noe.  423 

hatte  aber  Mlinchner  Freunde  um  sich,  du  Prel,  die  Maler  Oppel  und  Fltiggen. 
Mit  diesen  gait's  ein  rtistiges,  wildes  Naturkneipen,  Man  badete  unter  dem 
wuchtigen  Wassersturz  des  oberen  Sees,  man  kampirte  nachts  im  Walde  bei 
einem  lebhaften  Feuer  und  Hess  die  Flasche  Rothweins  kreisen,  man  setzte 
im  CostUm  von  Wilden  (iber  den  gedachten  See  und  schlief  in  einem,  diesem 
zu,  offenen  Holzverschlag.  Den  Zutritt  zur  Banda  vermittelte  der  Losungs- 
ruf  »Arkas«,  nach  dem  Sohne  der  Kallisto.  Mich,  der  doch  auch  zur 
zahmeren  Gesellschaft  im  Orte  hielt,  schalt  der  Meister  »Weiberknecht«. 

Schon  1878  ging  N.'s  Ehe  in  die  Brliche  —  sie  ist  ihm  durchgegangen, 
hiess  es;  er  hat  sie  fortgeschickt,  verlautete  von  anderer  Seite,  und  das 
dtirfte  wohl  das  Richtigere  sein.  Zu  einer  formlichen  Scheidung  oder  Tren- 
nung  kam  es  nicht;  Fristversaumniss,  Kosten  und  Schuldbewustsein  wohl  auch 
auf  Seiten  des  Mannes  standen  dem  im  Wege.  Vom  lieben  Kinde  konnte 
sich  N.  nicht  trennen,  obwohl  dasselbe  bei  seiner  mittlerweile  verheiratheten 
Schwester  gut  aufgehoben  gewesen  ware.  Das  dreijahrige  Tochterchen  brauchte 
aber  eine  Pflegerin  und  Erzieherin,  N.  selbst  eine  getibte  Schreibkraft.  Das 
Alles  fand  sich  in  einem  feinen,  gebildeten  Fraulein,  doch  die  Verbindung 
mit  demselben  konnte  nur  eine  Gewissensehe  sein  und  ist  eine  solche  geblieben. 
Es  war  daher  nur  ein  wohlwollendes  Geriicht,  welches  wissen  wollte,  N.  habe 
zum  zweiten  Male  sich  in  St.  Ruprecht  bei  Klagenfurt  trauen  lassen  und  da- 
bei  sein  Erlanger  Doctordiplom  vorgewiesen.  So  ist  es  aber  gekommen,  dass 
die  beiden  hinterlassenen  Tftchter  Karoline  und  Henriette  nicht  ihres  Vaters 
bertihmten  Namen  flihren,  wahrend  ihn  noch  eine  Unwiirdige  tragt. 

Bald  nach  Velden  siedelte  N.  auf  einer  Hohe  ttber  Brixen.  Er  und  seine 
Kameraden  wurden  als  Ketzer  denunzirt,  aber  man  kam  damit  an  einen  gut- 
mlithigen  Geistlichen,  der  den  Ausspruch  that:  »Lasst  sie  —  irgendwo 
mlissen  sie  ja  doch  sein!«  Bald  nach  der  Besetzung  Bosniens  brachte  N., 
der  Erste,  aus  diesem  schonen  Berglande  deutsche  Kunde.  Man  lese  beispiels- 
weise  im  heurigen  Schulvereins-Kalender  das  Nachlassstiick  »Eine  tUrkische 
Geschichte*.  Spater  hatte  N.  sein  Heim  in  Gorz.  1893  leitete  er  kurze  Zeit 
die  amtliche  Laibacher  Zeitung,  bis  ihn  namlich  der  slovenische  Uebermuth 
anwiderte.  Bald  darnach  that  er  bei  Romerbad  einen  bosen  Fall  vom  Con- 
ducteurhllttchen  eines  Waggons  herab  —  man  witterte  ein  slovenisches  Atten- 
tat —  rich  tiger  trug  aber  einfache  Schlummerseligkeit  das  Verschulden.  Die 
Narbe  quer  die  linke  Wange  herab  rtihrt  von  daher,  nicht  von  einer  Studenten- 
mensur. 

1894  verlor  N.  seine  geliebte  legitime  Tochter  Maria  Walpurgis.  Von 
da  an  war  er  nicht  mehr  derselbe.  Er  ftlhlte  Arbeitskraft  und  -Mut  schwinden; 
eine  rlihrselige  Stimmung  tiberkam  ihn,  den  sonst  so  sicheren  Mann;  der 
Stich  in's  Mystische  vertiefte  sich,  so  dass  sich  ihm  beispielsweise  die  Augen 
feuchteten,  wenn  er  aus  dem  Todtenritual  bei  dem  Begangnisse  seiner  Tochter 
der  trftstenden  Worte  gedachte:  »Du  wirst  den  Tod  nicht  sehen,  ob  Du 
gleich  stiirbesU;  er  suchte  Trost  beim  Weine  und  vertrug  nicht  mehr  das 
gewohnte  Mass.  Eine  Kaltwasserkur  in  Thalkirchen  bei  Mlinchen  im  Sommer 
1896  festigte  ihn  wenig.  Auf  dem  Ruckwege  nach  Bozen  verweilte  er  noch 
vierzehn  Tage  in  Niederndorf.  Er  starb  in  Bozen  Nachts  12  Uhr  am  26. 
August  1896,  nicht  in  seiner  Wohnung,  sondern  als  Gast  im  Krankenhause 
—  erstere  war  nicht  in  Ordnung!  Der  Arzt  erkannte  auf  Gehirnerweichiing, 
Gehirnschlag. 

N.  ruht  auf  dem  protestantischen  Friedhof;    Begangniss    und  Grabstelle 


424  Noe.     Leithe.     Volkmann. 

hat  die  Curcommission  in  Gries  bestritten.  Mutter  und  Kinder  sind  mittellos 
hinterblieben.  Spontane  Anerkennung  rafft  sich  zu  einem  Denkmal  fiir  den 
Hingeschiedenen  auf  und  das  ist  trostlich,  aber  kein  Ehrenstein  gleicht  aus, 
was  an  ihm  das  Leben  verschuldet. 

Lit.  Zur  Erinnerung  an  Heinrich  Noe.     Von  Friedrich  Ratzel.     Beilage  zur  All  gem. 
Zeitung,  No.  148  vom  7.  Juli  1898. 

Hans  Grasberger. 

Leithe,  Friedrich,  *  am  28.  Marz  1828  zu  Fieberbrunn  in  Tirol,  f  am 
15.  Dezember  1896  in  Innsbruck,  Bibliothekar.    L's.  Vater  war  k.  k.  Gubernial- 
rath  und  jubil.  Eisenwerkdirector.     Nachdem  L.  seine  Studien  an  der  Mittel- 
schule  vollendet,  bezog  er  die  Wiener  Universitat,  an  der  er  die  juridischen 
Priifungen  mit  ausgezeichnetem  Erfolge  ablegte   und    1852   die  Doktorwtirde 
der  Philosophic    erwarb.      Von  da  ab    widmete   er  seine  ganze   Kraft    dem 
Bibliothekswesen,    dem    er    sich    ungetheilt   bis    an    sein   Lebensende    ergab. 
Nach   mehr  als  dreijahriger  Dienstzeit  als  Hilfsarbeiter  an  der   Hofbibliothek 
in   Wien,  wurde  er  im  Februar  1857   zum  Amanuensis  an  der  Universitats- 
bibliothek    daselbst,   April    1857    zum    Scriptor   ernannt.       Schon    in    diesen 
Stellungen  that  er  sich  derart  hervor,  dass   er  nicht  nur  durch  eine  ministe- 
rielle  Belobung,    sondern  auch   durch  Verleihung   einer  Bibliothekarsteile  an 
der    Universitatsbibliothek  in  Innsbruck  (Janner    1868)  ausgezeichnet    wurde, 
ein  Avancement,  bei  dem  er  die  Stelle  eines  Custos  tibersprang.     1874   wurde 
ihm    die    Leitung    der    Wiener    Universitatsbibliothek,    Marz    1885    die    der 
Bibliothek  der  technischen  Hochschule  in  Wien  anvertraut.     Ueber  ein  Jahr 
qualte  ihn  ein  Leiden,  das  ihn  dienstunfahig  machte,  bis  ihn  der  Tod  davon 
erloste.     Jeder,    der  L.  kannte,    schatzte  ihn  als  einen  Mann  von  peinlicher 
Gewissenhaftigkeit  und  Pflichttreue,  den  die  Freude  an  seinem  Dienste  beseelte. 
Als  Vorstand  der  grossen  Institute,  die  er  leitete,  zeigte  er  Sinn    fur  Organi- 
sation und   Blick    fiir  all  das,    was  das    Ansehen    und   die   Leistungsfahigkeit 
dieser  Anstalten  zu  heben  vermochte.     Dabei  hielt  er  auch  als  Vorstand   an 
seinem  unermudlichen  Eifer  fest;  von  friih  morgens  bis  in  den  spaten  Abend 
hinein  sass  er  in  seinem  Bureau,  wo  er  die  wichtigsten  Amtsgeschafte   selbst 
erledigte.     Er  fiihrte  die   Korrespondenz,   besorgte  den  Einkauf  der  Biicher, 
sowie  einen  Theil  der  Katalogisirung;  dabei  war  er  stets  in  der  Bibliographic 
genau  orientirt  und  wusste  liber  alle  Fragen,  die  ihm   zur  Entscheidung  vor- 
gelegt    wurden,  Auskunft  zu    geben.     Auch    seine   vorgesetzte    Behorde,    das 
Unterrichts-Ministerium,  schatzte  den  Umfang  seiner  Kenntnisse   und  befragte 
ihn  oft  in  wichtigen  Bibliotheks-Angelegenheiten.      1873   war  er  Mitglied  der 
Tiroler   Landeskommission    fiir  die   Wiener  Weltausstellung,    im   Jahre    1893 
erhielt  er  den  Titel  eines  Regierungsrathes  u.  s.  w.  —  Sein  Werk  »Die  k.  k. 
Universitats  -  Bibliothek  in  Wien.     Wien,   i877«   *st  durch  genaue  Sachkennt- 
niss  und  sorgfaltige  Benutzung  aller  Quellen   ausgezeichnet. 

Quellen:  Neue  freie  Presse  vom  21.  Dezember  1896  und  unverttffentlichte  Akten. 

H.  Bohatta. 

Volkmann,  Wilhelm,  Buchhandler,  *  am  12.  Juni  1837  in  Leipzig  als  Sohn 
des  beruhmten  Anatomen  und  Physiologen  Alfred  Wilhelm  Volkmann  (bis  1837  in 
Leipzig,  bis  1843  *n  Dorpat,  bis  zu  seinem  Tode,  1897  in  Halle)  und  jiingerer 
Bruder  des  beruhmten  Chirurgen  und  Dichters  Richard  Volkmann  (ps.  R.  Lean- 
der),  f  am  24.  December  1896  zu  Leipzig.     Er  besuchte  das  Padagogium  in 


Volkmann.     FUrst  Stolberg-Wernigerode.  425 

Halle  und  die  Klosterschule  in  Zerbst,  erhielt  auch  spater  noch  Privatunter- 
richt.  Von  1856 — 59  erlernte  er  bei  Eduard  Anton  in  Halle  den  Buch- 
handel,  studirte  in  Leipzig  Literatur  und  Geschichte,  war  kurze  Zeit  in  der 
Burdach'schen  Hofbuchhandlung  in  Dresden  thatig  und  trat  i860,  zunachst 
zur .  Erlernung  des  Buchdrucks,  bei  Breitkopf  &  Hartel  in  Leipzig  ein.  Als 
Enkel  Gottfried  Hartels  wurde  er  1867  Procurist,  1873  Teilhaber,  1884  Mit- 
besiizer  der  Firma,  der  er  seit  1880  mit  seinem  Vetter  und  Gesellschafter, 
Dr.  Oskar  von  Hase,  bis  kurz  vor  seinem  Tode  1896  als  altester  Chef  vor- 
stand.  Er  trug  wesentlich  zur  Erhohung  der  Leistungsfahigkeit  der  Buch- 
druckerei  bei,  war  aber  auch  sonst  flir  das  weitverzweigte,  mit  verschiedenen 
technischen  Nebenzweigen  verbundene  Geschaft  unermiidlich  thatig.  Den 
allgemeinen  Interessen  seines  Berufes  und  der  stadtischen  Angelegenheiten 
widmete  er  sich  mit  regstem  Eifer.  Von  1875 — 84  verwaltete  er  das  Amt 
eines  Rechnungsfuhrers  des  Deutschen  Buchdruckervereins.  Er  war  Prinzipal- 
vorsitzender  und  Rendant  der  Unterstiitzungskassen  fur  Buchdruckergehilfen. 
Seit  1894  bekleidete  er  besonders  auch  das  wichtige  und  verantwortungsreiche 
Amt  des  ersten  Schatzmeisters  im  Borsenverein  der  deutschen  Buchhandler. 
Seit  1874  war  er  in  stadtischen  Ehrenamtern  thatig.  1876  wurde  er  zum 
Stadtverordneten,  1880  zum  Stadtrath  gewahlt.  In  segensreicher  Weise  machte 
er  hauptsachlich  fur  die  Armenfursorge  und,  wie  im  eigenen  gegen  600  Per- 
sonen  beschaftigenden  Hause,  um  mancherlei  Wohlfahrtseinrichtungen  und 
milde  Stiftungen  sich  verdient. 

Vgl.  M[ax]  E[vers]  im  Adressbuch  des  Deutschen  Bucbhandels  1898   und  Borsenblatt 
f.  d.  D.  Buchbandel  1896  Nr.  300. 

H.  Ellissen. 

Stolberg-Wernigerode,  Otto,  Fiirst  zu,  General  der  Cavallerie  k  la  suite 
der  Armee,  erbliches  Mitglied  des  preussischen  Herrenhauses  und  der  ersten 
Kammer  der  Stande  des  Grossherzogthums  Hessen,  *  30.  Oktober  1837  zu 
Gedern  am  Vogelsberge,  f  zu  Wernigerode  am  19.  November  1896.  Sein 
in  glcicher  Weise  durch  geistige  Anlagen  und  edle  Gaben  des  Herzens  und 
Gemiiths  wie  durch  Geschaftsttichtigkeit  ausgezeichneter  Vater,  der  Erbgraf 
Hermann,  wurde  ihm  schon  am  24.  Oktober  1841  entrissen,  wahrend  ihm 
seine  Mutter,  die  Erbgrafin  Emma,  geb.  Grafin  zu  Erbach-Ftirstenau ,  eine 
ausserlich  und  innerlich  hohe  Erscheinung,  bis  zur  Schwelle  seines  53.  Lebens- 
jahrs  erhalten  blieb.  Da  Graf  Otto  einen  Monat  vor  dem  Vater  auch  einen 
alteren  Bruder,  den  Grafen  Albrecht,  verloren  hatte,  so  trat  er  als  voraus- 
sichtliches  ktinftiges  regierendes  Haupt  des  Hauses  an  dessen  Stelle  und  es 
nahm  nun  neben  der  Mutter,  die  aufs  treueste  liber  der  Entwicklung  seines 
Geistes  und  Gemiiths  wachte,  der  den  Vater  bis  zum  16.  Februar  1854  tiber- 
lebende  Grossvater,  Graf  Henrich,  die  Ausbildung  des  Enkels  mit  grosser 
Sorgfalt  in  die  Hande.  Seit  1839  von  einem  Informator  auf  dem  Marien- 
hofe  zu  Ilsenburg  erzogen,  besuchte  er  darnach  ktirzere  Zeit  das  unter  der 
Leitung  des  Regierungsraths  Eilers  stehende  Privatinstitut  zu  Freienfelde  bei 
Halle  a.  d.  Saale.  Von  1851  bis  1856  war  er  dem  Gymnasium  zu  Duisburg 
am  Niederrhein  anvertraut,  das  sich  damals  unter  der  Leitung  des  tiichtigen 
Direktors  Eichhoff  eines  besonderen  Rufes  erfreute. 

Nach  wohlbestandener  Reifepriifung  —  das  mtindliche  Examen  war  ihm 
erlassen  worden  —  bezog  Graf  O.  im  Herbst  1856  die  Universitat  Gottingen. 
Die  Studienfacher    waren    die    Rechte   und   die    Kameralwissenschaft,    wobei 


426  Fttrst  Stolberg-Wernigerode. 

jedoch  der  Kreis  der  gehorten  Vorlesungen  ziemlich  weit  gezogen  wurde. 
Nicht  nur  horte  er  Encyklopadie  des  Rechts  bei  dem  Privatdozenten  Aegidi, 
Nationalokonomie  bei  Hassenstein,  sondern  auch  geschichtliche  Vorlesungen 
bei  Waitz,  Physiologie  bei  Rudolf  Wagner,  Chemie  bei  Wohler  und  ein 
philosophisches  Privatissimum  bei  Lotze.  In  dankbarer  Erinnerung  behielt 
er  nationalokonomische  Vortrage  vom  Professor  Hanssen.  Auch  fanden  Aus- 
fllige  in  die  Umgegend,  so  nach  dem  landwirthschaftlichen  Gut  Wehnde,  statt 
und  es  wurde  ein  reger  Verkehr  in  Gesellschaften  bei  hoheren  Beamten  und 
Professoren  gepflogen,  auch  ofter  bei  Hoflesten  das  leicht  erreichbare  Hannover 
aufgesucht.  Auf  die  Gottingische  Zeit  folgte  1858  noch  ein  Sommersemester 
in  Heidelberg,    wo    der  junge  Graf  sich   dem    Corps  Saxoborussia  anschloss. 

Schon  wahrend  der  Duisburger  Zeit  war  Graf  O.  Erbe  der  Stammgiiter 
des  Hauses  und  regierender  Herr  geworden,  doch  hatte  wahrend  seiner  Un- 
mundigkeit  sein  Oheim  Graf  Botho  mit  grosser  Gewissenhaftigkeit  und  Treue 
die  Vormundschaft  gefuhrt.  Er  selbst  aber  hatte  sich  frlih  Einsicht  in  die 
seiner  wartenden  Aufgaben  und  in  die  Verhaltnisse  seiner  Besitzungen  verschafft. 

Ehe  wir  jedoch  unsern  Blick  auf  die  Verwerthung  seiner  Kenntnisse 
und  Gaben  fur  den  Beruf  richten,  fur  welchen  ihn  Geburt  und  Vorbildung 
zunachst  bestimmt  hatten,  wird  es  sich  besonders  an  dieser  Stelle  empfehlen, 
uns  zunachst  den  Aufgaben  und  Leistungen  zuzuwenden,  die  Graf  O.  aus 
freier  Entschliessung  und  zum  grossen  Theil  veranlasst  durch  die  Bediirfnisse 
der  ausserordendichen  Zeit,  die  ihm  zu  durchleben  beschieden  war,  auf  sich 
nahm. 

So  gross  auch  der  in  seiner  Eigenschaft  als  Haupt  seines  Hauses  sich 
eroffnende  Wirkungskreis  war,  so  flihlte  er  sich  doch  gedrungen,  aus  freier 
Wahl  ein  paar  Jahre  im  preussischen  Heere  zu  dienen.  So  trat  er  denn  als 
Lieutenant  bei  dem  Regiment  der  Gardes  du  corps  ein,  wo  er  1859  bis 
1 86 1  bald  in  Berlin,  bald  in  Potsdam  stand.  Im  letzteren  Jahre  kam  er  aber, 
um  den  dringenden  Pflichten  fUr  die  Grafschaft  Wernigerode  gentigen  zu 
konnen,  um  Entlassung  aus  dem  activen  Militardienst  ein  und  trat  hinfort  in 
das  Verhaltniss  k  la  suite  der  Armee,  worin  er,  mit  der  Berechtigung  die 
Uniform  der  Gardes  du  corps  weiter  zu  tragen,  bis  zum  General  der  Cavallerie 
emporstieg. 

Mit  dem  Jahre  1864  beginnt  nun  aber  die  Reihe  grosser  Ereignisse, 
durch  welche  Graf  O.  zu  opferfreudiger  Hingabe  an  Konig  und  Vaterland 
veranlasst  wurde.  Zwar  der  Feldzug  in  Schleswig  gab  ihm  nur  in  bescheidenem 
Masse  Gelegenheit  durch  die  Aufnahme  und  Pflege  verwundeter  Krieger  Opfer 
der  Vaterlandsliebe  darzubringen ;  aber  um  so  reichere  bot  der  Krieg  des 
Jahres  1866.  Als  Delegirter  des  Militar-Inspecteurs  der  freiwilligen  Kranken- 
pflege  bei  der  Mainarmee  wurde  er  dem  Stabe  des  Generals  Vogel  v.  FaJken- 
stein  beigegeben,  nahm  in  dieser  Eigenschaft  an  verschiedenen  Gefechten, 
wie  Hammelburg,  wo  er  ordonanzirte,  Aschaffenburg,  Kissingen  theil,  und  nach 
hergestelltem  Frieden  an  dem  Einzuge  der  Truppen  in  Berlin.  Jener  seinem 
Wesen  durchaus  entsprechenden  Thatigkeit  zur  Linderung  der  Schrecken  des 
Krieges  hat  er  dann  in  seiner  Eigenschaft  als  Mitglied  des  Johanniterordens, 
in  welchem  er  seit  1868  die  Stelle  eines  Commendators  fur  die  Provinz 
Sachsen,  von  1872  bis  1886  die  des  Ordenskanzlers  einnahm,  sowie  als  Vor- 
sitzender  des  Central-ComittSs  der  deutschen  Vereine,  wie  besonders  des 
preussischen  Vereins  vom  rothen  Kreuz,  bis  an  sein  Ende  mit  ganzer  Hingabe 
und  aller  Anerkennung  obgelegen. 


Ftirst  Stolberg-Wernigerode.  427 

Aber  neben  dem  iiber  den  Streit  der  Parteien  und  Sonderinteressen  er- 
habenen  christlich-humanen  Wirken  gait  es  auch  im  parlamentarischen  und 
staatsmannischen  Leben  in  hoheren  Stellungen  Dienste  zu  leisten,  wobei  es 
dem  Verewigten  eine  willkommene  und  oft  mit  grossem  Erfolge  geloste  Auf- 
gabe  war,  in  dem  Kainpfe  der  Parteien  und  gegentiber  starken  Abneigungen 
und  Sonderinteressen  vermittelnd  und  versohnend  einzuwirken.  Bei  den 
Wahlen  zum  constituirenden  Reichstage  des  Norddeutschen  Bundes  wurde 
ihm  1867  mit  grosser  Stimmenmehrheit  das  Mandat  des  Wahlkreises  Oschers- 
leben-Halberstadt-Wernigerode  Ubertragen. 

Eine  besonders  schwere  verantwortungsvolle  Last  wurde  aber  auf  seine 
Schultern  gelegt,  als  er  die  Stellung  eines  ersten  Oberprasidenten  der  eben 
erst  dem  preussischem  Staate  angegliederten  Provinz  Hannover  fibernahm, 
ein  Amt,  das  er  vom  September  1867  bis  Februar  1873  versah.  Es  gait 
hier  starke  Abneigungen  zu  tiberwinden,  zu  versohnen  und  den  Bewohnern  der 
grossen  Provinz  den  Uebergang  in  die  neuen  Verhaltnisse  moglichst  zu  er- 
leichtern.  Durch  unermiidliche  Thatigkeit,  thunlichst  beschleunigten  Ge- 
schaftsgang  und  hingebende  Sorge  flir  die  praktischen  und  geistigen  Bediirf- 
nisse  des  Landes  wurde  das  erstrebte  Ziel  in  einem  Masse  erreicht,  wie  es 
sich  nur  irgend  erwarten  Hess.  Ein  schoner  Beweis  flir  das  Vertrauen,  welches 
der  Oberprasident  sich  im  Lande  erworben  hatte,  ist  es  gewiss,  dass  derselbe 
von  1 87 1  bis  1878,  d.  h.  bis  sein  Uebergang  in  neue  Verhaltnisse  ihm  eine 
FortfUhrung  dieser  Mandate  unmoglich  machte,  als  Vertreter  der  hannoverschen 
Wahlkreise  Melle-Diepholz  und  Goslar-Klausthal  Mitglied  des  deutschen 
Reichstags  war.  Eine  grossere  Anerkennung  aber  konnte  sein  Wirken  kaum 
finden,  als  in  dem  Petitionssturm,  der  sich  erhob,  um  den  durch  andere 
Aufgaben  zu  sehr  in  Anspruch  genommenen  zum  Verbleiben  in  seiner  Stellung 
zu  bewegen. 

Mittlerweile  war  allerdings  durch  den  Krieg  gegen  Frankreich,  abgesehen 
von  den  ausseren  Veranderungen,  eine  grosse  Wandlung  in  den  Stimmungen 
hervorgerufen.  Graf  O.  selbst  begriisste  es  mit  grosser  Freude,  als  auf  dem 
Boden  Frankreichs  in  dem  neuen  deutschen  Reiche  eine  edle  Friedensfrucht 
gereift  war.  Wohl  kannte  und  schatzte  er  die  trefflichen  Eigenschaften  und 
Vorztige  des  strammen  altpreusischen  Wesens,  aber  er  wusste,  dass  sich  auch 
anderswo  in  Deutschland  viel  Gutes  finde,  das  nun,  nach  Vereinigung  der 
deutschen  Fiirsten  und  Stamme  unter  preussischer  Fuhrung,  dem  geeinten 
Reiche  als  segensreiche  Morgengabe  zufieL 

Zunachst  diente  er  dem  Gesammtvaterlande  noch  in  seiner  Stellung  in 
Hannover,  wo  ihm  der  Krieg  noch  besondere  Gelegenheit  zur  Errichtung 
von  Lazarethen  in  Hannover  und  Gottingen  darbot,  dann  auch  in  der 
oben  bezeichneten  Weise  als  Mitglied  des  deutschen  Reichstags,  in  welchem 
er  sich  in  politischen  Fragen  der  freiconservativen  Partei  anschloss.  Von 
1872  bis  1877  war  er  ausserdem  zum  erstenmal  als  Nachfolger  seines  Vetters 
Graf  Eberhard  zu  St.-W.  President  des  Herrenhauses,  eine  Aufgabe,  der  er 
sich  mit  ganz  besonderer  Freude  unterzog.  Als  dann  die  orientalischen 
Wirren  in  Sicht  traten,  wurde  er  im  Jahre  1876  zum  Botschafter  am  Kaiserlich 
osterreichischen  und  Koniglich  ungarischen  Hofe  in  Wien  ernannt.  In  dieser 
Stellung  trug  er  viel  dazu  bei,  das  Verhaltnis  zwischen  dem  deutschen  und 
osterreichisch-ungarischen  Reiche  freundlich  zu  gestalten.  Das  beste  Zeugnis 
flir  den  Erfolg  dieser  Sendung  ist  es,  dass  er  zur  Zeit  einer  grossen  Spannung, 
als    es    sich    um    den  Abschluss  eines  deutschen  Bundnisses  mit  Oesterreich 


428  Fiirst  Stolberg-Wernigerode. 

handelte,  im  Jahre  1878  zum  allgemeinen  Stellvertreter  des  Reichskanzlers 
ernannt  wurde,  was  er  bis  zum  1.  Juni  1881  war.  In  dieser  Eigenschaft 
hat  er  es  durch  sein  eifriges  Bemiihen  und  durch  das  grosse  Vertrauen,  das 
er  bei  dem  Haupt  des  deutschen  Reiches  genoss,  vermocht,  Kaiser  Wilhelm 
in  Baden-Baden  zur  Unterschreibung  dieses  wichtigen  Biindnisses  zu  bewegen. 

Von  seinen  letzten  hohen  Stellungen  zurtickgetreten,  Ubernahm  er  nach 
drei  Jahren  wieder  auf  den  besonderen  Wunsch  des  Kaisers  und  Konigs  das 
Amt  eines  Oberstkammerers  Seiner  Majestat,  das  er  wieder  bis  zu  des  Kaisers 
Ableben  mit  freudiger  Hingabe  verwaltete  und  dann  bis  zum  Jahre  1892 
bei  Kaiser  Wilhelm  II.  fortfuhrte.  Ausserdem  war  er  als  Nachfolger  des 
Grafen  v.  Schleinitz  von  1885  bis  1888  mit  der  Leitung  des  Koniglichen 
Hausministeriums  betraut.  Nach  der  auf  sein  Gesuch  erfolgten  Enthebung 
von  dem  Amte  eines  Oberstkammerers  bekleidete  er  von  allgemeineren  offent- 
lichen  Aemtern  und  Stellungen  nur  noch  die  eines  Prasidenten  des  Herren- 
hauses  und  eines  Vorsitzenden  der  deutschen  und  preussischen  Vereine  vom 
Rothen  Kreuz,  in  welcher  letzteren  Eigenschaft  er  auch  bei  den  intemationalen 
Congressen  dieser  Vereinigung  in  Karlsruhe  (1887)  und  Rom  (April  1892) 
als  Vorsitzender  betheiligt  war.  Seit  1891  war  er  auch,  als  Nachfolger  des 
Generalfeldmarschalls  Graf  Moltke,  Kanzler  des  hohen  Ordens  vom  Schwarzen 
Adler,  der  ihm  noch  von  Kaiser  Wilhelm  I.  zu  Neujahr  1888  war  verliehen 
worden. 

Aber  in  seinen  hier  kurz  angedeuteten  Leistungen  fur  Kaiser  und  Reich, 
fur  Preussen  und  ftir  das  allgemeine  Werk  der  Verwundeten-  und  Kranken- 
pflege  war  keineswegs  sein  ganzes  Thun  beschlossen.  Ausser  seinem  Wirken 
ftir  das  grosse  Ganze  wandte  er  auch  den  Angelegenheiten  der  heimischen 
Provinz  sein  lebhaftes  Interesse  zu.  Dieses  war  bereits  im  Hause  erblich 
geworden.  Schon  beim  ersten  sachsischen  Provinziallandtage  im  Jahre  1827 
hatte  sein  Grossvater  Graf  Henrich  den  Vorsitz  geftihrt  und  der  Vater,  der 
Erbgraf  Hermann,  an  den  Verhandlungen  theilgenommen.  Sein  Grossoheim, 
Graf  Anton,  hatte  sich  als  Oberprasident  grosse  Verdienste  um  die  Provinz 
erworben.  Er  selbst  nahm  seit  1862  ofter  an  dem  Provinziallandtage  theil; 
von  187 1  bis  1875  ftihrte  er  als  Landtagsmarschall  der  Provinzialstande  in 
Merseburg  den  Vorsitz,  1876  war  er  Vorsitzender  des  Landtages  der  Provinz 
und  des  Provinzialausschusses.  Bei  der  Bildung  einer  Kommission  fiir  den 
Denkmalerschutz  in  der  Provinz  wurde  er  auch  deren  Mitglied.  Die  zwei- 
malige  Absendung  eines  Gelehrten  nach  Rom  zur  Benutzung  des  vatikanischen 
Archivs  seitens  des  Geschichtsausschusses  der  Provinz  geschah  auf  seine  per- 
sonliche  Anregung  hin.  Unerwahnt  darf  hier  auch  nicht  bleiben  sein  Geschick 
und  sein  Verdienst  bei  wiederholter  Leitung  der  Provinzialsynode.  Seine 
Betheiligung  an  den  Angelegenheiten  der  Provinz  machten  ihm  stets  eine 
besondere  Freude. 

Bei  allem  Wirken  und  Streben  in  weiteren  und  weitesten  Kreisen  war 
er  doch  zunachst  seit  erlangter  Volljahrigkeit  regierender  Graf  zu  Stolberg 
und  Haupt  der  alteren  Linie  des  Hauses  und  es  geschah  nicht  ohne  Opfer, 
wenn  er  durch  allgemeinere  dem  Gemeinwohl  und  ftir  Kaiser  und  Reich  ge- 
leistete  Dienste  von  der  Erftillung  der  ihm  zunachst  durch  Geburt  und  Erb- 
schaft  zugefallenen  Aufgaben  abgezogen  wurde.  Seine  wernigerodische  Stellung 
war  eine  eigenartige.  Durch  Vertrage  zwischen  der  Krone  Preussen  und  dem 
Grafen  zu  Stolberg-Wernigerode  von  17 14  und  1822  war  dem  letzteren  gegen 
Verzicht   auf  wichtige   vorher  besessene  Rechte   noch   eine  ziemliche  Summe 


Fttrst  Stolberg-Wernigerode.  429 

von  Hoheitsrechten  geblieben,  die  durch  einen  besonderen  graflichen  Re- 
gierungskorper  ausgeiibt  wurden.  Durch  die  politische  Entwickelung,  welche 
Preussen  seit  Errichtung  des  deutschen  Reiches  gewann,  insbesondere  durch 
die  neue  Kreisordnung,  wurde  den  meisten  dieser  vertragsmassig  zugesicherten 
Rechte  der  Boden  entzogen.  Dadurch  sah  sich  der  Graf  im  Jahre  1876  ge- 
drungen,  auf  seine  Regierungsrechte  zu  verzichten,  die  dann  mit  dem  1. 
Oktober  d.  J.  theils  auf  die  koniglichen  Behorden,  theils  auf  neu  eingerichtete 
Selbstverwaltungsorgane  tibergingen.  Was  bei  diesem  Uebergange  nicht  aus- 
driicklich  aufgehoben  wurde,  blieb  nach  Massgabe  jener  alteren  Vergleiche 
in  Kraft.  Insbesondere  blieb  das  besondere  Ftirstliche  Consistorium  und  die 
Aufsicht  (iber  Kirchen  und  Schulen  bestehen. 

Noch  in  demselben  Jahre  errichtete  Graf  O.  ein  Hausstatut,  in  welchem 
ein  gutes  Stuck  alten  Herrenrechts  festgestellt  wurde.  Durchdrungen  von  der 
Bedeutung  und  den  besonderen  Aufgaben  seines  Geburtsstandes,  erschien  er 
als  der  geeignete  Nachfolger  des  FUrsten  zu  Furstenberg  als  Vorsitzender  des 
Vereins  deutscher  Standesherren,  was  er  bis  zu  seinem  Ableben  war.  Im 
Jahre  1890  nahm  er  mit  allerhochster  Genehmigung  den  fUrstlichen  Titel  an, 
dessen  im  Jahre  1742  durch  Kaiser  Karl  VII.  erfolgte  Verleihung  an  die 
Nebenlinie  Stolberg-Gedern  sich  auch  auf  seinen  directen  Vorfahren,  Graf 
Christian  Ernst  (17 10 — 1771)  erstreckt  hatte,  von  diesem  aber  nicht  an- 
genommen  war.  Bei  dem  im  Jahre  1890  vom  deutschen  Kaiser  ausgestellten 
Diplom  fand  auch  eine  vom  FUrsten  veranlasste  angemessenere  neue  Formation 
des  Familienwappens  statt.  Nach  derselben  Urkunde  erstreckt  sich  der  ftirst- 
liche Charakter  nur  auf  den  Ftirsten  O.  und  seine  Nachfolger  im  Stammgut 
Stolberg-Wernigerode  erster  Generation,  sowie  auch  auf  die  Nachkommen 
erster  Generation  des  jedesmaligen  erstgeborenen  Sohnes  und  prasumtiven 
Nachfolgers  im  Stammgute. 

Den  Aufgaben  seiner  eigenen  Verwaltung  widmete  sich  der  FUrst  mit 
eben  so  grossem  Eifer  als  GeschaftstUchtigkeit,  hierbei  unterstutzt  von  treuen 
Beamten,  auf  welche  naturgemass  sein  Vorbild  segensreich  einwirkte.  Wir 
miissen  es  uns  versagen,  auf  das  schone  Verhaltnis,  das  zwischen  Herrn  und 
Diener  waltete,  naher  einzugehen,  wie  denn  auch  hier  nicht  die  innere 
Thatigkeit  der  fUrstlichen  Verwaltung,  so  die  neue  Ordnung  des  Rechnungs- 
wesens,  verfolgt  werden  kann.  Wohl  aber  ist  auf  verschiedene  Schopfungen 
und  Erwerbungen  des  FUrsten  hinzuweisen.  Hervorragend  sind  die  Werke 
seiner  eifrigen  Bauthatigkeit,  die  urns  Jahr  1862  begann  und  mit  der  am 
4.  April  1880  erfolgten  Einweihung  der  Wernigeroder  Schlosskirche  der  Haupt- 
sache  nach  ihren  Abschluss  fand.  An  einer  der  schonsten  Stellen  Nord- 
deutschlands  angesichts  des  erhabenen  Brockens  und  des  weiten  Hasseroder 
Thais  gelegen,  war  der  alte  Grafensitz  durch  die  schweren  Geschicke  des  17. 
und  den  geringen  architektonischen  Kunstsinn  des  vorigen  Jahrhunderts  zum 
unschonen  Rumpf  entstellt.  Mit  piet&tvoller  Schonung  aller  auf  irgend 
welchen  Kunst-  und  geschichtlichen  Wert  Anspruch  verdienenden  Reste 
wurde  dieses  Bauwerk  mit  sehr  erheblichen  Kosten  so  grossartig  und  schon 
gegliedert  im  gothischen  Style  ausgebaut,  dass  es  nunmehr  als  das  schonste 
Bergschloss  in  Norddeutschland  dasteht.  Wir  konnen  nur  kurz  des  roma- 
nischen  Bothobaus  bei  dem  ehemaligen  Benediktinerkloster  Ilsenburg,  der 
Wiederherstellung  der  DrUbecker  KlosterkirchthUrme,  des  allein  auf  furstliche 
Kosten  ausgefllhrten  Baues  der  Kirche  in  Schierke  gedenken,  dcsgleichen 
des    Baues    von    Strassen    im    Lande    und    im    Gebirge  j^Hagenstrasse    nach 


43 O  Ftirst  Stolberg- Wernigerode. 

Schierke).  Durch  ein  grossartiges  Opfer  an  Gmnd  und  Boden  sicherte  er 
auch  das  Unternehmen  der  Harzquer-  und  Brockenbahn.  Mit  noch  grosseren 
Opfern  war  die  Uebernahme  des  Patronats  des  frtther  stadtischen  Gymnasiums 
zu  Wernigerode  im  Jahre  1867  verknlipft.  Damit  verbunden  war  die  Auf- 
fiihrung  eines  neuen  Schulgebaudes,  eines  mit  einem  Kostenaufwande  von 
300,000  M.  ausgeflihrten  Monumentalbaues  in  frtihgothischem  Stile. 

Das  grosste  sichtbare  Denkmal  einer  durch  mehr  als  drei  Jahrhunderte 
im  Hause  Stolberg  geiibten  Pflege  der  Wissenschaft,  besonders  der  kirchlichen 
und  geschichtlichen,  ist  die  ttber  108,000  Bande  starke  Ftirstliche  Bibliothek 
in  dem  grossen  ehemaligen  Orangerie-Saale.  40,000  Bande  wurden  hiervon 
durch  den  Ftirsten  O.  erworben.  Durch  Vereinigung  und  Vermehrung  ver- 
schiedener,  theilweise  schon  alterer  geschichtlich-antiquarischer  Sammlungen 
wurde  ein  werthvoller  wissenschaftlicher  Schatz  gesammelt,  fiir  dessen  Unter- 
bringung  geeignete  Raume  bestimmt  wurden  und  der  von  des  gegenwartigen 
Ftirsten  Christian  Ernst  Durchlaucht  zur  Ehrung  der  Verdienste  des  verewigten 
Vaters  mit  dem  Namen  Ftirst  Otto -Museum  belegt  und  der  offentlichen 
Benutzung  zuganglich  gemacht  wurde.  Theils  unmittelbar  theils  mittelbar 
geschah  es  durch  seine  Anregung,  auch  durch  seine  grossmuthige  Untersttitzung, 
dass  zur  Zeit  seines  Waltens  eine  Reihe  von  Urkundensammlungen  und  dar- 
stellenden  Schriften  zur  Geschichte  des  Hauses  Stolberg  und  seiner  Besitzungen 
ans  Licht  trat.  Ganz  besonders  war  es  das  personliche  Interesse  an  der  Sache  — 
weit  weniger  materielle  Untersttitzung  —  was  fur  das  Gedeihen  des  im 
Jahre  1868  zu  Wernigerode  gegriindeten  Harzvereins  ftir  Geschichte  und  Alter- 
thumskunde  fordernd  wirkte.  Das  seit  der  Grtindung  geftihrte  Protektorat 
war  eben  so  wenig  ein  blosser  Name  als  die  mit  der  Ftirstungsurkunde  als 
Schildhalter  aufgenommenen  Wilden  Manner  eine  unwesentliche  Zier:  sie 
versinnbildlichen  das  innere  Verhaltniss  des  erlauchten  Herrn  und  seines  Hauses 
zum  Harz  und  seiner  Geschichte. 

In  grossem  Umfange  verfolgte  er  die  Abrundung  und  Vermehrung  der 
Besitzungen,  sowohl  des  Stammguts  als  der  Eigengtiter.  So  erwarb  er  im 
Jahre  1867  durch  Tausch  mit  dem  preussischen  Fiscus  das  seit  1694  von 
der  Grafschaft  abgekommene  Waldgebiet  der  Oberforsterei  Hasserode,  in 
eben  demselben  gegen  Verzicht  auf  weiter  reichende  Ansprtiche  eine  bequem 
an  das  Wernigerodische  sich  anschliessende  Waldflache  von  tiber  flinftehalb- 
tausend  Morgen  im  Amt  Elbingerode.  Ein  paar  Jahre  vorher  war  schon  im  O. 
der  Grafschaft  Wernigerode  das  benzingerodische  Forstgebiet  angekauft  worden. 
Dazu  erwarb  Ftirst  O.,  abgesehen  von  Besitzungen  in  Westpreussen  und  in 
Posen,  im  Jahre  1880  eine  tiber  hunderttausend  Morgen  (rund  28,900  ha) 
grosse  Waldherrschaft  in  den  Kreisen  Gross-Strehlitz  und  Lublinitz,  Provinz 
Schlesien,  welche  durch  des  jetzt  regierenden  Ftirsten  Christian  Ernst,  Durch- 
laucht, den  Namen  Ottowald  erhalten  hat. 

Zwar  mtissen  wir  es  uns  hier  versagen,  auf  Einzelnes  in  der  gr&flichen 
und  ftirstlichen  Verwaltung  einzugehen,  doch  sei  daran  erinnert,  dass  das 
ganze  Rechnungswesen  neu  eingerichtet  wurde  und  dass  der  Verewigte  stets 
bestrebt  war,  bei  der  Verwaltung  alle  Besserungen  durchzuftihren,  welche  er 
nach  dem  Rath  erfahrener  Beamter  und  Rathe  als  die  den  Forderungen  der 
Gegenwart  entsprechenden  erkannte. 

Von  dem  mannigfaltigen  und  reichen  Wirken  ftir  Kaiser  und  Reich, 
Provinz  und  eigenen  Besitzungen,  ftir  Kunst  und  Wissenschaft  wenden  wir 
uns  zu   dem   engen    personlichen  Verhaltniss,   welches  zwischen  dem   grossen 


Ftirst  Stolberg-Wernigerode.  431 

Kaiser  und  Konige  und  seinem  erlauchten  Bannertrager  bestand  und  mit  der 
Zeit  sich  immer  inniger  gestaltete.  Dieses  Friedensidyll  in  einer  grossen, 
bewegten  Zeit  wird  den  tiefer  blickenden  nicht  nur  wohlthuend  bertihren,  es 
wird  auch  bei  dem  allgemein  bekannten  treuen  Festhalten  Kaiser  Wilhelms 
an  Personen,  die  sein  ganzes  Vertrauen  gewonnen  hatten,  nicht  als  bedeutungs- 
los  anerkannt  werden.  Handelte  es  sich  doch  hier  urn  das  besondere  Ver- 
trauen zu  einer  Personlichkeit,  die  durch  Geburt  und  Stellung  eine  der  hochst- 
gestellten  im  Staate  war. 

Die  naheren  Beziehungen  zwischen  Kaiser  und  Ftirst  sind  fast  durch  ein 
Menschenalter  zu  verfolgen.  Schon  als  Graf  O.  im  Regiment  der  Gardes  du 
corps  theils  in  Berlin,  theils  in  Potsdam  weilte,  erzeigte  der  Prinzregent  sich 
besonders  gnadig  gegen  ihn  und  gewann  ihn  lieb.  Im  October  1861  folgte 
er  des  Konigs  Rufe  zum  Kronungsfeste  in  Konigsberg.  Als  er  dann  im  Jahre 
1865  an  dem  in  Verbindung  mit  dem  Konigsmanover  stattfindenden  Stande- 
feste  in  Merseburg  theilnahm,  hatte  er  zum  erstenmal  den  Konig  offentlich 
anzureden.  Als  dieser  bei  der  Eroffnung  des  deutsch-franzosischen  Krieges 
Hannover  bertihrte,  nahm  er  huldvollst  die  Pathenstelle  bei  dem  am  23.  Juli 
d.  J.  geborenen  Sohn  des  Grafen,  dem  Prinzen  Wilhelm,  an.  Mittlerweile 
hatten  seit  dem  Jahre  1868  die  herbstlichen  Konigsbesuche ,  die  bald  zu 
Kaiserbesuchen  wurden,  begonnen,  die  theilweise  mit  Besuchen  des  Kron- 
prinzen  Friedrich  Wilhelm  und  des  Prinzen  Wilhelm  verbunden  waren  oder 
damit  abwechselten  und  bis  zum  Jahr  1887  fortgesetzt  wurden.  So  bedeut- 
sam  erschienen  diese  erhebenden  Wernigeroder  Kaisertage,  dass  der  Ftirst 
sich  gedrungen  ftihlte,  die  Erinnerung  daran  durch  ein  Denkmal  an  einer 
vielbesuchten  Stelle  festzulegen,  dessen  Enthtillung  (am  19.  Juni  1890)  durch 
die  Anwesenheit  des  Kaisers  und  der  Kaiserin  Wilhelm  II.  eine  feierliche 
Weihe  erhielt.  Ftir  den  erlauchten  Urheber  handelte  es  sich  hierbei  ganz  be- 
sonders um  einen  Denkstein  dankbarer  Erinnerung  an  den  ebenso  innig 
verehrten  als  geliebten  erhabenen  Gast. 

Die  stets  mit  dem  erfrischenden  Weidwerk  in  den  wernigerodischen 
Harzforsten  verbundenen  Kaiserbesuche  ftihrten  den  hohen  Monarchen 
zugleich  in  den  trauten  Familienkreis  seines  erlauchten  Wirthes  ein.  Der 
spatere  Ftirst  O.  war  seit  dem  Jahre  1863  mit  der  Prinzessin  Anna  Elisabeth, 
Tochter  des  Prinzen  Heinrich  LXIII.  Reuss  j.  L.  und  der  Grafin  Karoline  zu 
Stolberg-Wernigerode  (geb.  9.  Januar  1837),  vermahlt.  Es  war  ein  aus  wahrer 
innerer  Neigung  geschlossener  tiberaus  glticklicher  Bund.  Von  sieben  dem- 
selben  geschenkten  Kindern,  vier  Sohnen  und  drei  Tochtern,  starb  im  zarten 
Alter  nur  ein  Graf  Heinrich.  Der  Erbgraf,  nunmehrige  Ftirst  Christian  Ernst, 
wurde  am  28.  September  1864  geboren. 

Ziemlich  ausgedehnt  war  der  Kreis  der  Lander,  die  Ftirst  O.  in  seinem 
Leben  sah.  Mochten  seine  Reisen  der  Erholung  dienen,  durch  Einladungen 
zur  Jagd  oder  durch  seine  Staats-  und  Ehrenamter  veranlasst  sein,  stets  suchte 
er  dabei  sein  Streben  nach  Selbstbelehrung  zu  befriedigen.  Stiddeutschland, 
die  Schweiz,  Frankreich,  England,  Holland,  Oesterreich-Ungarn,  Italien,  Russ- 
land  hat  er  aus  dem  einen  oder  anderen  Anlass  kennen  gelernt. 

Als  nach  dem  Rticktritt  vom  Oberstkammereramte  der  Ftirst  die  Lasten 
hoher  Staats-  und  Hofamter  hinter  sich  hatte,  auch  die  hauptsachlichsten 
Monumentalbauten  hergestellt  waren,  schien  ftir  ihn  eine  zwar  immerhin  ge- 
schaftsreiche  aber  doch  ruhige,  lediglich  der  Verwaltung  seiner  Besitzungen 
sowie  der  Verschonerung   der   dem  Schloss   unmittelbar   benachbarten  Garten 


432  Ftirst  Stolberg-Wcrnigerode. 

und  Anlagen  gewidmete  Zeit  anzubrechen,  als  sich  im  Herbst  1895  die 
Spuren  eines  schweren  Herzleidens  zeigten,  das  nur  zu  schnell  einen  gefahr- 
lichen  Charakter  annahm.  Vergebens  wurde  in  Dresden,  dann  in  Baden- 
Baden  Heilung  gesucht.  Kaum  mit  Hoffhung  auf  vollige  Wiedergenesung, 
kehrte  er  am  Sonnabend  vor  Pfingsten  1896  nach  Schloss  Wernigerode  zurvick. 
In  christlich  heldenhafter  Weise  ertrug  er  das  ein  voiles  Jahr  anhaltende 
schwere  Leiden.  So  oft  nur  auf  kurze  Frist  eine  Besserung  eintrat  und  in- 
folge  angewandter  Mittel  die  Krafte  sich  fiir  einzelne  Stunden  hoben,  offen- 
barte  er  sein  liebevolles  leutseliges  Wesen  und  es  schien  als  ob  er,  seiner 
baldigen  Auflosung  versichert,  nach  und  nach  planmassig  einen  Kreis  von 
Personen  vor  sich  beschied,  um  gewissermassen  von  ihnen  Abschied  zu  nehmen. 

Donnerstag  den  19.  November  iol/2  Uhr  abends  schlug  des  sanft  im 
Tode  entschlummernden  Erlosungsstunde  von  solcher  Gebundenheit,  nachdem 
er  sein  Leben  nur  auf  59  Jahre  gebracht  hatte.  Mit  seinen  nachsten  An- 
gehorigen  wurde  die  ganze  Grafschaft  und  weitere  Kreise  in  tiefe  Trauer  ver- 
setzt.  Die  feierliche  Aufbahrung  in  der  Schlosskirche  erfolgte  am  Sonnabend, 
und  Scharen  von  Mannern  und  Frauen  zogen  in  endlosem  Zuge  hinauf,  um 
das  mit  friedlichem  Ausdruck  daliegende  Antlitz  des  theuern  Herrn  noch 
einmal  zu  sehen.  Wir  konnen  hier  der  mannigfachen  Zuriistungen  der  Trauer- 
feier  nicht  im  Einzelnen  gedenken.  Einen  tiefen  Eindruck  machte  es,  als  am 
Sonntage  um  Mitternacht  die  Leiche  in  aller  Stille  mit  kleinem  Trauergeleite 
vom  Schlosse  in  das  alteste  Gotteshaus  der  Stadt,  die  Oberpfarrkirche,  liber- 
gefiihrt  wurde.  Montag  den  23.  November  fand  das  feierliche  Leichen- 
begangnis  statt.  Die  grosse  Zahl  der  dazu  erschienenen  hohen  Furstlichkeiten, 
der  Vertreter  der  koniglichen  Staatsbehorden,  des  Heeres,  des  Herrenhauses, 
Hess  mit  Wehmut  der  Tage  gedenken,  an  denen  der  Verewigte  einst  mit 
wahrhaft  furstlicher  Gastlichkeit  die  hohen  und  hochsten  Personlichkeiten  hier 
oder  auch  in  seinem  Berliner  Palais  bewirttet  hatte. 

Von  den  Beileidsbezeugungen  moge  wenigstens  des  liberaus  herzlichen 
umfangreichen  Telegramms  Seiner  Majestat  des  Kaisers  gedacht  werden,  wie 
sich  denn  auch  unter  den  Trauerspenden  die  gewaltigen  Veilchenkranze  Seiner 
Majestat  des  Kaisers  und  Ihrer  Majestat  der  Kaiserin  Auguste  Victoria,  auch 
ein  Kranz  der  Kaiserin  Friedrich  vor  alien  anderen  auszeichneten.  Der 
Johanniterorden  hatte  ein  Blumenkissen  mit  dem  weissen  Kreuz  auf  rothem 
Grunde  gestiftet.  Die  spater  dem  Druck  Ubergebene  Trauerrede  hielt  Herr 
Hofprediger  Dr.  Renner  tiber  Jes.  57,2. 

Bei  Beurtheilung  der  Person  und  offentlichen  Wirksamkeit  Ftirst  O.'s 
werden  hinsichtlich  der  letzteren  die  aussergewohnlichen  Umstande  nicht  tiber- 
sehen  werden  dtirfen,  unter  denen  sie  ausgelibt  wurde.  In  einer  grossen, 
bewegten  Zeit  durch  das  besondere  Vertrauen  seines  koniglichen  Herrn  in 
verantwortungsvolle,  theilweise  besonders  schwierige  Stellungen  berufen,  war 
er  nicht  in  der  Lage,  wie  andere  Diplomaten  und  Staatsmanner,  durch  einen 
gewissen  Stufengang  vorbereitender  Prtifungen  und  Aemter  dahin  zu  gelangen. 
Dagegen  setzte  er,  wissenschaftlich  und  geschaftlich  fiir  die  Verwaltung 
seiner  Besitzungen  wohl  vorbereitet  und  von  Jugend  auf  an  hohe  Ge- 
sichtspunkte  und  Auffassungen  gewohnt  und  mit  einem  klaren  geschaftlichen 
Blick  und  schneller  Auffassung  begabt,  seine  ganze  Person  und  rtistige  Ar- 
beitskraft  fiir  das  ihm  anvertraute  Werk  ein.  Es  gait  bei  Erftillung  dieser 
vaterlandischen  Pflichten  viel  Selbstverleugnung  zu  tiben,  und  es  ist  ihm  theil- 
weise von  nahestehenden  diese  Hingabe  an   den   Staatsdienst   sogar    verdacht 


Fttrst  Stolberg-Wernigerode.  433 

worden.  Der  grosse  Erfolg  seines  Wirkens  in  Hannover  lag,  abgesehen  von 
seinem  gewinnenden  Wesen,  seiner  Unparteilichkeit  und  Gerechtigkeit,  auch 
in  seiner  unermudlichen  Thatigkeit  und  Arbeitskraft  begrtindet.  Wir  selbst 
horten  Hlilfesuchende  den  beschleunigten  Geschaftsgang,  die  Piinktlichkeit  und 
Schnelligkeit  rlihmen,  mit  welcher  Personen  aller  Gesellschaftskreise  zu  Gehor 
kamen. 

In  seinem  Wesen  war  manches  harmonisch  vereinigt,  was  sich  nicht  so 
leicht  zusammenfindet.  Es  ware  verkehrt,  wollte  man  ihn  popular  im  ge- 
wohnlichen  Sinne  des  Wortes  nennen :  er  war  durchdrungen  von  der  Bedeutung 
seines  Geburtsstandes  und  hielt  streng  auf  die  Beobachtung  der  dadurch  ge- 
botenen  Formen  und  Rticksichten,  war  aber  dabei  ungezwungen  leutselig 
gegen  Jedermann,  Jedem  zuganglich  und  zur  Gewahrung  von  Recht  und 
Hiilfe  bereit.  Der  erlauchte  Herr,  der  Kaiser  und  Fursten  fiirstlich  bewirthete, 
sah  gelegentlich  gern  den  schlichten  Burger  und  Landmann  an  seiner  Tafel, 
wenn  es  gait,  Beweise  der  Treue  und  Anhanglichkeit  zu  belohnen.  Regelnjassig 
nahm  er,  theilweise  mit  den  Seinigen,  an  gewissen  Volksfesten  der  Grafschaft 
Antheil.  So  war  er  denn  allerdings  im  edleren  Sinne  des  Wortes  volksthlimlich, 
und  seine  personliche  Feiern  —  wir  gedenken  beispielsweise  des  silbernen 
Ehejubilaums  und  des  25.  Jahrestages  seines  Regierungsantritts  —  wurden 
dann  in  einer  Weise  zu  Volksfesten,  wie  man  es  gerade  in  unserer  Zeit 
nicht  oft  finden  mag. 

Voll  tiefen  sittlichen  Ernstes  jeden  unziemlichen  Scherz  oder  zweideutige 
Rede  aus  seiner  Umgebung  verbannend,  war  der  Flirst  doch  ein  Freund 
sinnigen  Spiels,  geistvoller  Unterhaltung  und  prachtiger  farbenreicher  Auf- 
fuhrungen,  bei  denen  auch  wohl  harmloser  frohlicher  Scherz  zu  seinem  Rechte 
kam.  Was  wir  ihn  selbst  als  festen  Grundsatz  aussprechen  horten,  dass  er 
den  Einraunungen  und  Urtheilen  liber  mitlebende,  besonders  dienstlich  ab- 
hangige  Personen  sein  Ohr  verschliesse,  dieses  an  hoher  Stelle  wie  Gold  zu 
schatzende  Kleinod,  wird  ein  unbefangenes  Zeugniss  als  ihm  eigen  anerkennen 
mtissen.  Sein  ethisches  Wesen  ruhte  auf  tief  religiosem  Grunde.  In  den 
Aeusserungen  seines  Glaubens  und  Empfindens  beobachtete  der  Fiirst  durchaus 
eine  keusche  Zurlickhaltung;  aber  dieses  hochste  in  seinem  Wesen  wurde  bei 
jeder  sich  darbietenden  Gelegenheit  in  Thaten  ausgepragt,  wo  es  sich  darum 
handelte,  fur  die  evangelische  Kirche  und  Schule  und  fur  christliche  Liebes- 
werke  Opfer  darzubringen.  In  christlich-kirchlicher  Beziehung  folgte  er  treu 
den  Spuren  edler  Ahnen  von  Jahrhunderten  her.  Aber  wahrend  sich  manches 
Edle  und  Gute  am  Menschen  in  mehr  natiirlicher  Weise  von  Geschlecht  zu 
Geschlecht  vererbt,  nimmt  das  religiose  Glauben  und  Bekennen  die  ganze 
Personlichkeit  in  Anspruch,  und  nirgends  mehr  als  hier  gilt  es,  in  treuer 
Hingebung  selbst  zu  erwerben  und  zu  erringen,  was  voll  und  ganz  nicht  ver- 
erbt, sondern  nur  als  leuchtendes  Vorbild  dem  empfanglichen  Gemlithe  nahe 
gebracht  werden  kann.  Dass  in  den  Fragen  des  Glaubens  sein  Standpunkt 
mit  dem  seiner  politischen  Parteigenossen  durchaus  nicht  uberall  zusammentraf, 
war  keineswegs  unbekannt.  Ebenso  wusste  nicht  nur  die  heimische  Grafschaft 
und  Provinz,  sondern  die  gesammte  evangelische  Landeskirche,  was  sie  an 
diesem  Bekenner  ihres  Glaubens  besass.  Als  letztere  daher  im  Jahre  1875 
zum  Zweck  einer  Neueinrichtung  eine  Generalsynode  veranstaltete,  wurde  er 
einmiithig  zum  Vorsitzenden  erwahlt,  eine  Aufgabe,  der  er  sich  zu  allgemeiner 
Befriedigung  entledigte.  Seinem  inneren  Verhaltnis  zur  Kirche  entsprach  es 
denn  auch,  wenn  er  bei  der  am  31.  October  1892  erfolgten  Einweihung  der 

BiogT.  Jahrb.  a.  Deutscher  Nekrolog.    2.   Band.  28 


434  Fttrst  Stolberg-Wernigerode.     Richtcr. 

wiirdig  wieder  hergestellten  Schlosskirche  zu  Wittenberg  den  Vorsitz  des 
Festausschusses  tibernahm.  Seinem  gerechten  und  unparteiischen  Wesen  ge- 
mass  war  er  aber  durchaus  rlicksichtsvoll  gegen  die  Bekenner  eines  anderen 
Glaubens. 

Bei  Gelegenheit  der  Wittenberger  Feier  fanden  wir  in  politischen  Organen 
mit  Anerkennung  des  Interesses  und  grossen  Entgegenkommens  gedacht, 
welches  er  der  Presse  angedeihen  liess.  Das  lag  in  seinem  Wesen  tief  be- 
grlindet.  Gewiss  konnten  ihm  die  Schattenseiten  des  Zeitungswesens  nicht 
entgehen,  aber  da  er  eine  festgegrtindete  eigene  Meinung  vertrat,  so  achtete 
er  auch  die  unabhangige  Meinung  andersdenkender.  Ohne  Uebertreibung 
konnte  nach  seinem  Ableben  eine  wernigerodische  Stimme  sagen,  dass  des 
Fursten  Dahinscheiden  einen  grossen  und  schweren  Verlust  fiir  Kaiser,  Konig 
und  Vaterland,  das  erlauchte  Flirstenhaus  und  die  Grafschaft  Wernigerode 
bedeute  und  hinzufligen:  »Er  war  eine  feste  Saule,  auf  der  viel  ruhte.«  In 
gleichem  Sinne  ausserte  der  Vizeprasident  Freiherr  von  Manteuffel  in  der 
Sitzung  des  Herrenhauses  am  20.  November  1896,  dass  in  ihm  das  Vaterland 
einen  seiner  besten  Manner,  das  Herrenhaus  eines  seiner  vorziiglichsten  Mit- 
glieder,  seinen  besten  Prasidenten  verloren  habe  und  hob  unter  seinen  Eigen- 
schaften  Liebenswtirdigkeit,  Unparteilichkeit,  strenge  Gerechtigkeit  nach  jeder 
Seite,  Pflichterfullung,  Sachkenntnis  auch  in  den  kleinsten  Details  hervor. 
Einen  warmen  Nachruf  widmete  ihm  der  Reichsanzeiger,  worin  es  heisst: 
»Durch  seine  Geburt  auf  die  Hohe  des  Lebens  gestellt,  hat  der  Entschlafene 
stets  seine  besten  Krafte  in  den  Dienst  des  allgemeinen  vaterlandischen  In- 
teresses gestellt  und  damit  ein  leuchtendes  Beispiel  edler,  wahrhaft  vater- 
landischer  Interessen  gegeben.«  Den  herben  Verlust,  welchen  das  Central- 
comitd  der  preussischen  Vereine  vom  rothen  Kreuz  durch  den  Tod  seines 
ersten  Vorsitzenden  erlitten,  hebt  unter  Anerkennung  seiner  Verdienste  ein  aller- 
hochstes  Handschreiben  Ihrer  Majestat  der  Kaiserin  und  Konigin  vom  30. 
November  1896  hervor.  Wir  verzichten  im  Uebrigen  auf  die  so  angenehme 
als  leichte  Aufgabe,  einen  Kranz  ehrender  und  anerkennender  Urtheile  liber 
den  Fursten  aus  den  mannigfaltigsten  Organen  und  verschiedenen  Gegenden, 
aus  Pommern  und  Schlesien,  Rheinland  und  Westfalen,  Bayern  und  dem 
Konigreich  Sachsen,  Strassburg  und  Miihlhausen  i.  E.  zusammenzuflechten. 
Besonders  wohlthuend  ist  aber  die  Beobachtung,  dass  die  Urtheile  aus  der 
engeren  Heimath  mit  denen  aus  weiterer  Entfernung  durchaus  nicht  im  Wider- 
spruch  stehen. 

Die  a*ussere  Erscheinung  des  FUrsten  ist,  wie  zu.  erwarten,  durch  mannigfache  ira 
Familienbesitz  befindliche  Kunstwerke  nachgebildet  Die  zahlrcichen  als  Einzelblatter, 
meist  aber  in  Zeitschriften  veroffentlichten  Portrays  sind  nach  den  gegenwartigen  Anspriichen 
an  eine  mit  Geschmack  verbundene  Naturwahrheit  nicht  als  genligend  zu  bezeichnen.  Ein 
gutes  Bild,  Kniestiick,  welches  den  FUrsten  in  jUngeren  Jahren  in  der  Uniform  der  Gardes 
du  corps  darstellt,  ist  in  Steindruck  ausgeflihrt.  Als  ein  gutes  Bild  zu  bezeichnen  ist  eine 
vielverbreitete  Photographic  von  Scharwiichter  in  Berlin,  die  auch  bei  F.  Gottsched  und 
Photograph  F.  Miisser  in  Wernigerode  erhftltlich  ist.  Auch  eine  Modellirung  von  Schott 
ist  in  photographischer  Nachbildung  in  den  Handel  gekommen. 

Ed.  Jacobs. 

Richter,  Heinrich,  kgl.  Professor,  Hofschauspieler  und  Regisseur  am 
kgl.  Hoftheater  zu  Mtinchen.  f  22.  Mai  1896  (vergl.  I.  Band  1897  p.  279 — 
284).  —  Es  hat  sich  inzwischen  herausgcstellt,  dass  die  von  mir  zu  meinem 
Nachruf  benutzte    Quelle,    das    vom  Sohne   des  Verstorbenen   herausgegebene 


Richter.     von  Camphausen.  43  c 

Buch  »Heinrich  Richter.  Erinnerungen  aus  dessen  Leben  und  Wirken« 
(Darmstadt,  Selbstverlag  1897)  noch  viel  unzuverlkssiger  ist,  als  ich  sie  in 
meinem  Artikel  charakterisirt  hatte.  Ich  sehe  mich  deshalb  genothigt,  einige 
aus  dieser  Schrift  hertibergenommene  Irrthtimer  nachtraglich  zu  berichtigen. 
So  ist  die  von  Heinrich  Richter  junior  (pag.  43)  erzahlte  Anekdote  vom  Zu- 
sammentreffen  seines  Vaters  mit  dem  jungen  Kritiker  Adolf  Wilbrandt  (pag.  281) 
entweder  apokryph  oder  wenigstens  in  der  Jahrzahl  unrichtig,  denn  im  Jahre 
1850,  als  Richter  Wilbrandt  den  Romeo  kritisiren  lasst,  war  dieser  unmoglich 
»ein  junger,  hUbscher  Mann  mit  dem  Bande  des  Corpsstudenten  tiber  der 
Brust«,  sondern  erst  13  Jahre  alt,  da  Wilbrandt  am  24.  August  1837  geboren 
ist.  —  Ein  weiterer  Irrthum  ist,  dass  Heinrich  Richter  den  Obersten  Schwartze 
in  Sudermanns  »Heimath«  gespielt  und  dass  ihn  in  dieser  Rolle  nach  einer  Vor- 
stellung  Ende  August  1893  der  Schlag  getroffen  habe.  Richter  hat  in  alien 
Vorstellungen  der  »Heimath«  bis  zu  seinem  Tode  die  kleine  Rolle  des  Gene- 
rals v.  Klebs  und  nie  den  Vater  Schwartze  gespielt.  In  dieser  kleinen  Epi- 
sodenrolle  ist  er  am  19.  Juni  1893,  ohne  es#zu  ahnen  zum  letzten  Male,  vor 
das  Publikum  getreten,  nicht  am  11.  Juni  1893  als  Advokat  Bachelin  in 
Ohnets  »Hiittenbesitzer«,  wie  in  der  Biographic  seines  Sohnes  und  in  meinem 
Nekrolog  zu  lesen  ist. 

Alfred  Freiherr  v.  Mensi. 

Camphausen,  Otto  von,  Preussischer  Staatsmann,  *  21.  Oktober  181 2  in 
Hilnshoven  (Regierungsbezirk  Aachen),  f  18.  Mai  1896  in  Berlin.  Einem 
rheinischen  in  Handel  und  Industrie  hervorragenden  Geschlecht  entsprossen, 
ein  jlingerer  Bruder  Ludolf  Camphausens,  der  1848  kurze  Zeit  Ministerprasident 
wurde,  widmete  er  sich  dem  Studium  der  Jurisprudenz  und  dem  Staatsdienst, 
behielt  dabei  aber  ein  reges  Interesse  ftir  Volkswirthschaft.  Er  hat  in  Bonn, 
Heidelberg,  Mtinchen  und  Berlin  studirt,  in  Magdeburg,  Koblenz  und  Trier 
als  Beamter  gearbeitet.  Schon  im  Jahr  1840  wurde  cr  vortibergehend  als 
Hilfsarbeiter  in  das  Finanzministerium  berufen  und  dann  1845  wiederum  in 
demselben  beschaftigt  und  zum  Geheimen  Finanzrath  ernannt.  Im  Jahre  1847 
arbeitete  er  den  ersten  Entwurf  eines  preussischen  Einkommensteuergesetzes 
aus,  der  dem  vereinigten  Landtage  vorgelegt  wurde,  zwar  unerledigt  blieb, 
aber  einige  Jahre  spater  in  veranderter  Gestalt  Gesetz  wurde.  Die  folgenden 
Jahre  riefen  ihn  in  das  politische  Leben;  er  war  von  1850  bis  1852  Mitglied 
der  preussischen  Kammer,  im  Jahre  1850  auch  Mitglied  des  Erfurter  Par- 
laments,  welches  die  Verfassung  des  Dreiktinigsbundes  berieth.  Hier  erinnerte 
er  sich  mehr  daran,  dass  er  rheinischer  BUrger,  als  dass  er  preussischer  Be- 
amter war  und  entwickelte  ein  Maass  von  Liberalismus,  das  zwar  an  sich  sehr 
massig,  aber  doch  ausreichend  war,  um  von  seinen  Vorgesetzten  als  lastig 
empfunden  zu  werden.  Er  wurde  kalt  gestellt,  indem  man  ihn  1854  zum 
Prasidenten  der  Seehandlung  machte,  eine  Stellung,  die  ehrenvoll  und  ein- 
traglich  genug,  aber  ohne  Arbeit  und  Einfluss  ist. 

Im  Jahre  i860,  als  der  Widerstand  des  Herrenhauses  gegen  die  Grund- 
steuer-Regulierung  einen  Pairsschub  nothig  machte,  wurde  er  zum  lebenslang- 
lichen  Mitglied  des  Hauses  aus  AllerhOchstem  Vertrauen  berufen  und  auf  diese 
Weise  mit  den  politischen  Tagesfragen  wieder  in  Beriihrung  gebracht. 

Im  Herbst  1869  hatte  der  damalige  Finanzminister  von  der  Heydt  mit 
einer  Reihe  von  Steuervorlagen,  sowie  mit  einem  Anleiheprojekt,  ftir  welches 
er  die  Form  der  Pramienanleihe  gewahlt  hatte,  vollstandiges  Fiasko  gemacht. 

28* 


436  ▼<>&  Camphausen. 

Er  hatte  bei  alien  Parteien  das  Zutrauen  verloren  und  sah  sich  genotigt  seinen 
Abschied  einzureichen.  Ftirst  Bismarck  sah  sich  damals  in  einer  Lage,  die 
es  ihm  wtinschenswerth  machte,  den  Liberalen  einen  kleinen  Schritt  entgegen 
zu  kommen  und  schlug  dem  Konige  C.  zum  Finanzminister  vor.  Dieser  hat 
das  Amt  bis  zum  Februar  1878  verwaltet. 

Sein  erster  Erfolg  war  ein  sehr  gllicklicher;  das  schwebende  Deficit  be- 
seitigte  er  durch  ein  einfaches  Mittel.  Er  konvertirte  einen  Theil  der  ver- 
zinslichen  Staatschuld  in  eine  unktindbare  Rente  und  sah  diese  Operation 
von  glanzendem  Erfolg  gekront.  In  den  folgenden  Jahren  hatte  die  Finanz- 
verwaltung  in  Folge  der  Milliardenzahlungen  eine  leichte  Aufgabe.  C.  gewann 
Bismarcks  Zutrauen,  da  ihm  alle  seine  Plane  gliickten,  er  dem  Landtage 
gegentiber  eine  bequeme  Stellung  hatte,  obwohl  er  dem  Liberalismus  keine 
Zugestandnisse  machte,  vielmehr  sich  lediglich  als  Fachminister  gab.  Ftirst 
Bismarck  riihmte  ihm  eine  nicht  gouvernementale  Stellung  nach  und  bewirkte, 
nachdem  Graf  Roon  sich  1873  aus  dem  politischen  Leben  zuriickgezogen 
hatte,    C.'s  Ernennung  zum  Viceprasidenten  des  Staatsministeriums. 

C.'s  Finanzverwaltung  hatte  Licht-  und  Schattenseiten.  Er  war  ein 
Beamter  aus  der  altpreussischen  Schule,  der  Maassen,  Motz  und  Klihne  und 
hielt  an  den  Traditionen  fest.  Er  hielt  vortreffliche  Ordnung  in  den  Finanzen 
und  wehrte  Eingriflfe  in  die  wirthschaftliche  Freiheit  ab.  Er  war  der  letzte 
Reprasentant  dieser  alten  Schule  und  in  ruhigen  Zeiten  ware  er  ein  vor- 
trefflicher  Finanzminister  gewesen. 

Aber  ausserordentlichen  Aufgaben  war  sein  Genius  nicht  gewachsen. 
Darauf,  dass  er  den  gewaltigen  Rtickschlag,  den  die  Milliardenzahlungen  hervor- 
rufen  musste,  nicht  vorausgesehen  und  Vorbeugungsmassregeln  ergriffen  hat, 
ist  vielleicht  weniger  Werth  zu  legen.  Diese  Schuld  theilt  er  mit  vielen; 
ausser  Bamberger  hat  vielleicht  Niemand  klar  eingesehen,  dass  es  nothwendig 
war,  die  Zahlungstermine  zu  verschieben.  Aber  bei  der  Reform  des  Bank- 
und  Munzwesens  hat  C,  wenn  nicht  fiir  die  Dauer  schadlich,  so  doch  hemmend 
gewirkt.  Er  hat  zu  einseitige  Riicksicht  auf  die  fiskalischen  Interessen 
Preussens  genommen. 

Er  begriflf  nicht  die  unabweisliche  Nothwendigkeit,  eine  Reichsbank  zu 
schaffen  und  wollte  die  preussische  Bank  erhalten.  Der  Streit  dartiber  hat 
zu  einer  grossen  Krisis  gefiihrt  und  voriibergehend  den  RUcktritt  Forckenbecks 
vom  Prasidentenstuhl  herbeigefiihrt.  Gegen  die  Goldwahrung  hat  sich  C. 
nicht  abmahnend,  aber  doch  kiihl  verhalten  und  es  unterlassen,  die  noth- 
wendigen  Silber-Verkaufe  schnell  genug  herbeizufiihren.  Er  hat  dadurch  Zu- 
stande  heraufbeschworen,  in  denen  die  Erhaltung  der  Goldwahrung  ernstlich 
gefahrdet  war;  dass  diese  Gefahr  voriibergegangen  ist,  war  nicht  sein  Verdienst. 

Diese  Fehlgriffe  haben  kein  Zerwtirfhiss  zwischen  ihm  und  dem  Fttrsten 
Bismarck  herbeigefiihrt;  vielmehr  hat  der  Reichskanzler  ihm  zur  Seite  ge- 
standen.  Aber  der  Bruch  kam  von  einer  anderen  Seite  her.  Ftirst  Bismarck 
hatte  von  langer  Hand  her  den  Plan  vorbereitet,  die  Reichsausgaben  wesentlich 
zu  erhohen  und  zu  diesem  Zweck  neue  Steuern,  namendich  indirekte,  auf- 
zuerlegen.  C.  begriflf  diesen  Plan  und  entschloss  sich,  ihm  einen  zahen, 
stillen  Widerstand  entgegenzusetzen.  Ihm  schien  dieser  Plan  unvereinbar  mit 
den  preussischen  Finanztraditionen.  Er  wollte  weder  die  vermehrten  Ausgaben 
noch  die  indirekten  Steuern  billigen.  Die  Auflforderung,  neue  Steuerprojekte 
auszuarbeiten,  die  ihm  Bismarck  durch  den  Minister  Biilow  zugehen  liess, 
beantwortete  er  dahin,  dass  er  bereit  sei,  Steuerprojekte,  die  man  ihm  unter 


#  von  Camphausen.     von  Gran.  437 

breite,  zu  priifen.    Im  Jahre  1875  arbeitete  er  den  Plan  einer  erhohten  Tabak- 
steuer  aus,  den  Bismarck  zurlickwies,  weil  er  vollig  ungeniigend  sei. 

Ende  1877  8e'an8  es  dem  Flirsten  Bismarck,  C.  zu  der  Ausarbeitung 
eines  umfassenden  Steuerprogramms  zu  bewegen,  das  wiederum  mit  der  Er- 
hohung  der  Tabaksteuer  beginnen  sollte.  Aber  gleichzeitig  hatte  Bismarck, 
ungeduldig  geworden,  mit  Bennigsen  in  Varzin  Verhandlungen  angekntipft, 
um  diesen  in  sein  Ministerium  zu  ziehen. 

Am  22.  und  23.  Februar  1878,  als  C.'s  Tabaksteuergesetzentwurf  berathen 
wurde,  kam  es  im  Reichstage  zu  hochdramatischen  Scenen,  in  denen  Bismarck 
sich  bitter  Uber  ungentigende  Unterstiitzung  beklagte,  aber  auch  Lasker  sehr 
heftige  Angriffe  gegen  C.  richtete.  Dieser  sah  sich  genOthigt,  seinen  Abschied 
zu  verlangen.  Zu  der  Berufung  Bennigsen's  kam  es  aber  nicht,  vielmehr 
war  nun  die  Bahn  frei  geworden  ftir  die  schutzzollnerischen  Projekte,  die 
Bismarck  im  Auge  gehabt  hatte. 

Am  17.  Februar  1881  kam  es  im  Herrenhause  zu  einer  heftigen  Aus- 
einandersetzung  zwischen  Bismarck  und  C.  Dieser  griff  die  neue  Finanz- 
politik  heftig  an;  Bismarck  erwiderte  mit  einer  ebenso  heftigen  Kritik  der 
C/schen  Verwaltung.  Seitdem  war  C.  aus  dem  politischen  Leben  ausgeschieden. 
Er  musste  erkennen,  dass  die  dilatorische  Politik,  die  er  trieb,  unzureichend 
war,  die  Bismarck'schen  Plane  zu  beseitigen,  da  Bismarck  noch  voile  zw6lf 
Jahre  im  Amte  blieb. 

Das  Zeugniss  redlichen  Verdienstes  hat  C.  in  das  Grab  genommen.  Nach 
seinem  Rlicktritt  vom  Amte  wurde  ihm  noch  die  Anerkennung  zu  Theil,  dass 
er  den  Schwarzen  Adlerorden  und  damit  das  adlige  Pradikat  erhielt.  Ver- 
erben  hat  er  es  nicht  konnen,  denn  er  ist  als  Junggeselle  gestorben. 

Eine  behaglich  Iiebenswurdige  Natur  ist  er  gewesen.  Wenn  er  seinen 
pari  amen  tarischen  Gasten  Rheinwein  vorsetzte,  pflegte  er  hinzuzufugen ,  dass 
er  diesen  Wein  nicht  von  seinem  Ministergehalt  bezahlen  konne.  Weder 
der  bose  Aerger,  den  er  erlebt,  noch  der  gute  Rheinwein,  den  er  getrunken, 
haben  ihn  gehindert,  ein  hohes  friedliches  Alter  zu  erreichen. 

Alexander  Meyer. 

Grun,  Dionysius  von,  emer.  Professor  der  Geographie  an  der  deutschen 
Universitat  zu  Prag.  *  18.  Januar  1819  als  Sohn  jiidischer  Eltern  zu  Prerau 
in  Mahren,  f  am  26.  Februar  1896  im  Alter  von  77  Jahren  zu  Prag.  G. 
wurde  zuerst  Landwirth,  ging  aber  als  zwanzigjahriger  junger  Mann  noch  auf 
das  Gymnasium  zu  Pressburg  und  studirte  1845 — l%47  unter  fortwahrendem 
Kampfe  um  seine  Existenz  an  der  Universitat  zu  Prag.  Die  beiden  folgenden 
Jahre  war  er  als  Hauslehrer  in  Dresden  thatig,  setzte  dann  1849  seine  Stu- 
dien  in  Berlin  fort,  wo  er  auch  bei  Dove  und  Karl  Ritter  horte  und  sich 
deshalb  spater  gern  einen  Schliler  Ritters  nannte,  da  dieser  in  ihm  die  Liebe 
zur  Geographie  weckte.  Durch  Zeitungsartikel  und  andere  kleine  literarische 
Arbeiten  musste  er  seinen  Unterhalt  verdienen.  Einige  in  Berlin  erschienene 
Aufsatze  iiber  die  Revolution  in  Ungarn  hatten  zur  Folge,  dass  er  nach  seiner 
Ruckkehr  nach  Oesterreich  einige  Zeit  in  Untersuchungshaft  kam.  Nachdem 
G.  bereits  in  Berlin  zum  katholischen  Glauben  Ubergetreten  und  von  der  Ab- 
sicht,  die  literarische  Laufbahn  einzuschlagen,  zurtickgekommen  war,  gelang 
es  ihm  im  Jahre  1853,  eine  Lehrerstelle  an  dem  erzbischoflichen  Gymnasium 
in  Leutschau  in  Oberungarn  zu  erlangen.  \£wei  Jahre  spater,  1855,  wurde 
er  dann  an    das  akademische  Gymnasium    in  Wien   berufen,    wo  er  zwanzig 


438  V0D  Grtin.     Klimsch.     Hopfgarten. 

Jahre  lang  als  Lehrer  der  Geographie  und  Geschichte  thatig  war.  Im  Jahre 
1872  wurde  er  zum  Lehrer  des  Kronprinzen  Rudolf  ernannt,  den  er  drei 
Jalire  in  dessen  Lieblingsfache  Geographie  unterrichtete.  Nach  Abschluss 
desselben  wurde  er  1875  vom  Kaiser  in  den  Adelstand  erhoben  und  von 
der  Universitat  Prag  zum  Professor  auf  den  neu  geschaffenen  Lehrstuhl  ftir 
Geographie  berufen.  Kranklichkeit  zwang  ihn  im  Jahre  1885,  in  den  Ruhe- 
stand  zu  treten.  Von  seinen  Arbeiten  sind  nur  zu  nennen  » Lander-  und  Vol- 
kerkunde*  (1870),  eine  Abhandlung  tiber  die  »  Tabula  Peutingeriana«  und 
seine  Antrittsvorlesung  »Die  Geographie  als  selbstandige  WissenschafU  (Prag 
1875,  ***  §.).  Seine  ungefahr  1500  Nummern  zahlende  werthvolle  Bibliothek 
hat  er  dem  Verein  der  Geographen  an  der  Universit&t  Wien  vermacht. 

Vgl,    den  Nekrolog    im  Bericht    tiber  das  XXII.  Vereinsjahr    1895/96   erstattet    vom 
Vereine  der  Geographen  an  der  Universitat  Wien  (Wien,  1897). 

W.  Wolkenhauer. 

Klimsch,  Eugen  Joh.  Georg,  Maler,  *  am  29.  November  1839  *n 
Frankfurt  a.  M.,  f  am  9.  Juli  1896  ebendaselbst.  K.  genoss  zunachst  den  Un- 
terricht  seines  Vaters  F.  C.  Klimsch  im  Zeichnen  und  in  den  graphischen 
Klinsten,  besuchte  die  Zeichenklasse  des  Staederschen  Kunstinstituts  unter 
Jak.  Becker,  vom  Jahre  1854  an  den  Aktsaal  unter  Steinle  und  Zwerger,  kam 
i860  nach  Munchen  zum  Historienmaler  Andreas  Mtiller,  dem  »Komponir- 
m  tiller  «,  und  errang  seine  ersten  Erfolge  in  der  Kleinmalerei  auf  Pergament. 
Spater  war  er  in  den  verschiedensten  Zweigen  der  Malerei  thatig,  der  modernen 
Kunstrichtung  prinzipiell  abgeneigt.  Von  1865  bis  zu  seinem  Tode  lebte  er 
in  seiner  Vaterstadt,  war  einige  Jahre  Lehrer  an  der  Kunstgewerbeschule  da- 
selbst  und  in  seinen  letzten  Jahren  als  Nachfolger  von  Frank  Kirchbach  Lehrer 
der  Malerei  am  Staederschen  Kunstinstitut.  Von  seinen  Werken  sind  hervor- 
zuheben:  Deckengemalde  im  Hause  des  Generalkonsuls  Oppenheimer  in 
Frankfurt  a.  M.  (Apotheose  der  Britannia),  die  Deckengemalde  im  Gesellschafts- 
haus  des  Palmengartens  zu  Frankfurt  a.  M.,  die  Entwtirfe  fur  die  Wand- 
malereien  der  Restauration  Alemannia  in  Frankfurt  a.  M.,  die  Ausmalung  mehrerer 
Lloyd-Dampfer ;  ferner  die  Staffeleigemalde :  Der  Frauenraub  des  Kentauren 
(im  Besitz  des  Prof.  W.  Widemann  zu  Berlin),  Parksccne,  Picknick  im  Walde. 
K.  schuf  auch  einige  Portrats  und  viele  Illustrationen,  z.  B.  zu  Goethe, 
Schiller,  Scott,  den  Grimm'schen  Marchen,  den  Opern  Freischtitz  und 
Fidelio,  ftir  die  Spinnstube  (Frankfurt  a.  M.  Sauerlander), 

Kunst  fUr  Alle,  Jg.  8,  S.  113— 116  (Franz  Graf),  Jg.  n  t  S.  347;  Kunst  uns.  Zeit, 
Jg.  7,  S.  45—60  (E.  Ph.  J.  Hallenstein).  Allg.  KUnstler-Lex  ,  3.  Aufl.  von  Mttllcr  und 
Singer.    Bd.  2,  1896  S.  351. 

Dr.  Berghoeffer. 

Hopfgarten,  August  Ferdinand,  Geschichts-  und  Genremaler,  *  den  17. 
Marz  1807  in  Berlin,  f  den  26.  Juli  1896  ebendaselbst.  H.  war  anfangs  Schtiler 
von  Ruscheweyh,  einem  Bruder  des  Kupferstechers,  studirte  seit  1820  an  der 
dortigen  Akademie  unter  Dahling  und  Niedlich,  spater  bei  Wilhelm  Wach. 
1825  erhielt  er  einen  akademischen  Preis,  begab  sich  1827  nach  Rom  und  blieb 
dort  bis  zum  Jahre  1833.  1835  kehrte  er  nach  Berlin  zuriick  und  entfaltete 
eine  reiche  Thatigkeit.  Von  seinen  Werken  seien  erwahnt:  Raflfael  findet  das 
Modell  zur  Madonna  della  Sedia,  Schmlickung  einer  Braut,  Schwane  ftitternde 
Madchen,  die  Auffindung  des  Moses,  Boas  und  Ruth,  Tasso  wird  von  Leonore 


Hopfgartcn.     Hoffmann.     Eissenhardt.  430 

d'Este  begrusst  (1839,  Berliner  Nationalgalerie),  die  Rosen  der  heil.  Elisabeth, 
Arminia  bei  den  Hirten.  Auch  betheiligte  er  sich  an  den  Fresken  der 
Schlosskapelle  in  Berlin  und  an  der  AusschmUckung  des  neuen  Museums. 
1853  erhielt  er  den  Auftrag,  fiir  den  Herzog  Adolf  von  Nassau  die  Grab- 
kapelle  der  verstorbenen  Herzogin  Elisabeth  auf  dem  Neroberg  bei  Wiesbaden 
zu  schmttcken. 

Allg.  Kttnstler-Lex.  3,  Aufl.  von  MOllcr  u.  Singer,  Bd.  2,  1896,  S.  205;  MtiUcr,  H.  A. 
Biogr.  Kttnstler-Lex.,  2.  Aufl.,  1884,  S.  266;  Konversationslexika. 

Dr.  Berghoeffer. 

Hoffmann,  Heinrich  Adolf  Valentin,  Landschaftsmaler,  *  den  18.  Oktober 
1 81 4  zu  Frankfurt  a.  M.,  f  den  10.  Juni  1896  ebendaselbst.  H.  war  anfangs 
£immermaler,  besuchte  1843  bis  1850  das  Staedersche  Institut  unter  Jakob 
Becker,  machte  Naturstudien  auf  Reisen  im  Taunus,  Odenwald,  Schwarzwald, 
am  Rhein,  der  Mosel,  der  Ahr,  spater  in  der  Schweiz  und  in  Tirol.  Die 
meisten  seiner  Werke  befinden  sich  in  Frankfurter  Privatbesitz. 

Allg.  KUnstler-Lex.,  3.  Aufl.  von  MUller  u.  Singer,  Bd.  2,  1896,  S.  191;  Meyers  Kon- 
versationslex.,  4.  Aufl.,  Bd.  17,  1890  S,  435. 

Dr.  Berghoeffer. 


Eissenhardt,  Johannes,  Kupferstecher  und  Radirer,  *  am  8.  November 
1824  in  Frankfurt  a.  M.,  f  am  11.  Oktober  1896  ebendaselbst.  E.  war  Schtiler 
des  Staederschen  Kunstinstituts  unter  Eugen  Eduard  Schaeffer.  1863  folgte 
er  einer  Berufung  nach  Petersburg  zum  Stich  der  Bildnisse  auf  den  Rubel- 
scheinen.  Da  diese  Beschaftigung  ihn  nicht  vollig  befriedigen  konnte  und  er 
ausserdem  kiinstlerische  Anregung  vermisste,  so  kehrte  er  1869  nach  Frank- 
furt zurtick.  Doch  begab  er  sich  im  Jahre  1889  noch  einmal,  einem  wieder- 
holt  an  ihn  ergangenen  Ruf  folgend,  auf  ein  Jahr  nach  der  russischen  Haupt- 
stadt.  In  Frankfurt  war  er  lange  Jahre  Lehrer  fiir  Radirung  und  Kupferstich 
am  Staedel'schen  Institut.  Angeregt  durch  Frank  Kirchbach,  begann  er  etwa 
im  Jahre  1888  sich  auch  mit  der  Malerei  zu  beschaftigen  und  fertigte  Portr&ts 
und  Studienkopfe.  Er  radirte  und  stach  nach  Zeichnungen  und  Gemalden 
von  Ph.  Veit,  A.  Goebel,  E.  Steinle,  Leop.  Bode,  M.  v.  Schwind,  J.  B.  Scholl, 
M.  Oppenheim,  A.  Burger,  Ph.  Rumpf,  J.  F.  Dielmann,  Ad.  Schreyer,  H. 
Kauffmann,  van  Muyden  (Refektorium),  A.  Elsheimer,  Sandro  Botticelli  (Ma- 
donna mit  sieben  Engeln),  Paolo  Veronese  u.  a.  E.  gab  in  Buchform  heraus: 
Album  des  Frankfurter  Kunstvereins.  Nach  einer  Auswahl  verloster  Gemalde 
radirt  von  J.  Eissenhardt.  Frankfurt  a.  M.,  Jtigel  1864;  die  StaedePsche 
Galerie  zu  Frankfurt  a.  M.  in  ihren  Meisterwerken  alterer  Malerei.  32  Ra- 
dirungen.  Text  von  Veit  Valentin.  Leipzig,  Seemann,  1878;  Radirungen  nach 
Zeichnungen  von  A.  Burger  in  Cronberg  von  J.  Eissenhardt.  Frankfurt  a.  M. 
Prestel.  Eine  reichhaltige,  nahezu  vollstandige  Sammlung  seiner  Werke  besitzt 
das  Staedersche  Kunstinstitut. 

Private  Mittheilungen.  Die  vervielf.  Kunst  der  Gegenw.  II.  1891,  S.  71  (R.  Muther); 
Frankf.  Zeitung  vom  25.  Juni  1897  Feuilleton;  Allg.  KUnstler-Lex.  von  M tiller  u.  Singer, 
I.  1895,  S.  393;  MUller,  H.  A.  Biogr.  Kttnstler-Lex.  1884,  S.  156;  Konversationslexika; 
Zeitschr.  fUr  bild.  Kunst,  Bd.  17,  S.  64;  Bd.  13,  S.  192,  256,  288;  Bd.  15,  S.  260;  Bd.  12, 
S.  227  f.,  323  f. 

Dr.  Berghoeffer. 


44.0  Baerwald.     Becker.     Sonderland.     Lindlar.     Kops. 

Baerwald,  Robert,  Bildhauer,  *  den  2.  Dezember  1858  in  Salwin  bei 
Bromberg,  f  den  11.  November  1896  in  Wilmersdorf  bei  Berlin.  B.  besuchte 
1880—84  die  Kunstakademie  zu  Berlin,  wo  indes  nur  Reinhold  Begas  tieferen 
Eindruck  auf  ihn  machte.  Entschiedene  Anregung  fand  er  dagegen  in  Schl liter's 
Berliner  Schopfungen.  1886 — 88  schuf  er  bereits  fur  Posen  ein  Denkmal 
Kaiser  Wilhelm's  I.,  1893  vollendete  er  die  Reiterstatue  desselben  Kaisers 
fur  Bremen.  Kaiserstatuen  schuf  er  ausserdem  fur  Altenburg,  Pforzheim, 
Ravensburg,  ferner  mehrere  Bismarckdenkmaler. 

Kunst  fur  Alle,  Jg.  12,  S.  xo2f.  (M.  Schmid).  Allg.  Kttnstler-Lex.,  Bd.  if  1895,  s-  55; 
Kunstchronik,  Bd.  22,  Sp.  668 f.,  N.  F.  Bd.  5  Sp.  113 — 116. 

Dr.  Berghoeffer. 

Becker,  Ernst  Albert,  Genre-,  Landschafts-  und  Thiermaler,  *  den 
22.  Oktober  1830  in  Berlin,  f  den  1.  September  1896  ebendaselbst.  B.  besuchte 
die  Berliner  Akademie,  war  Schiiler  und  Gehilfe  A.  v.  Klober's,  hielt  sich  in 
den  60 er  Jahren  in  Paris  auf  und  widmete  sich  vorzugsweise  der  Darstellung 
von  Hausthieren.  Da  er  gern  Kiihe  malte,  wurde  er  von  seinen  Kunstgenossen 
»Kuh-Becker«  genannt.     Seitdem  signirte  er  Q.  Becker. 

Mttller,  H.  A.,  Biogr.  Kttnstler-Lex.,  1884,  S.  35;  Allg.  KUns tier-Lex.,  3.  Aufl.  von 
Mliller  u.  Singer,  Bd.   1    1895,  S.  88. 

Dr.  Berghoeffer. 

Sonderland,  Fritz,  Genremaler,  *  20.  September  1836  in  Diisseldorf, 
f  13.  Juni  1896  ebendaselbst.  S.  war  der  Sohn  des  Malers  J  oh.  Bapt,  S., 
studirte  anfangs  Ingenieurwissenschaft,  trat  1855  in  die  Diisseldorfer  Akademie, 
war  Schiiler  Bendemanns,  dann  Hiddemanns  und  machte  Studien  an  der 
Mosel,  in  Westfalen  und  im  Schwarzwald.  S.  malte  anfangs  Scenen  aus  dem 
Bauernleben  im  Genre  Hiddemanns,  pflegte  spater  das  elegante  Genre. 

Kunst  f.  Alle,  Jahrg.  n,  316;  Seubert,  A.  Allg.  Ktinstler-Lex.  1882,  Bd.  3,  335; 
Mttller,  H.  A.,  Kttnstler-Lex.  1884,  S.  497.  Konv.-Lex. 

Dr.  Berghoeffer. 

Lindlar,  Johann  Wilhelm,  Landschaftsmaler,  *  im  Jahre  1816  in 
M.-Gladbach,  f  23.  April  1896  in  Diisseldorf.  L.  war  Lehrer  an  der  Dom- 
schule  in  Koln,  spater  an  der  rhein.  Ritterakademie  in  Bedburg,  kam  1845 
auf  die  Dusseldorfer  Kunstakademie,  wo  er  J.  W.  Schirmer's  Schiiler  wurde. 
Seit  1 85 1  arbeitete  er  selbststandig  in  Diisseldorf.  Er  entnahm  seine  Vorwiirfe 
meist  der  Alpenwelt. 

Kunst  f.  Alle,  Jg.  ii,  270;  Seubert,  A.,  Allg.  Kttnstler-Lex.,  Bd.  2,  1882,  S.  459; 
Mttller,  H.  A.,  Kttnstler-Lex.   1884,  S.  339. 

Dr.  Berghoeffer. 

Kops,  Franz,  Portrat-  und  Genremaler,  *  14.  Juli  1846  zu  Berlin, 
f  24.  August  1896  in  Dresden.  K.  besuchte  die  Weimarer  Kunstschule  unter 
Pauwels,  bereiste  Norddeutschland,  Hess  sich  Ende  der  70 er  Jahre  in  Dresden 
•nieder  und  griindete  hier  eine  Malschule  fiir  Damen.  Von  seinen  Genre- 
bildern  seien  erwahnt:  Der  Hahn  im  Korbe,  Ein  neuer  Menzel,  Der  Fisch- 
mann,  Kartenspielende  Bauern,  ferner  die  Bildnisse  der  Konigin  Karola,  des 
Prof.  H.  Biirkner,  des  Ludw.  Barnay,  Uhle,  Guido  Hammer. 

Kunst  f.  Alle,  Jg.  12,  S.  14:  Allg.  Kttnstler-Lex.,  3.  Aufl.  von  Mttller  u.  Singer.  Bd.  2. 
1896,  S.  381. 

Dr.  Berghoeffer. 


Simonson.     Pfeiffer.     Munthe.     Jernberg.     Keller.  4  41 

Simonson,  David,  Portrat-  und  Genremaler,  *  15.  Marz  1831  in  Dresden, 
f  im  Februar  1896  ebendaselbst.  S.  besuchte  die  Dresdener  Kunstakademie, 
bereiste,  22  Jahre  alt,  mit  dem  Michael  Beer'schen  Stipendium  Italien  und 
Aegypten,  hielt  sich  kurze  Zeit  in  London  auf  und  liess  sich  dauernd  in  seiner 
Vaterstadt  nieder. 

Kunst  f.  Alle,  11,  S.  206  f. 

Dr.  Berghoeffer. 

Pfeiffer,  Engelbert,  Bildhauer,  *  etwa  1830  in  Hamburg,  f  17.  Oktober 
1896  ebendaselbst.  P.  studirte  unter  Heidel  in  Berlin,  war  zwei  Jahre  Leiter 
der  Fernsichter  Thonwaarenfabrik  in  Kellinghusen  bei  Kiel,  liess  sich  dann 
in  Hamburg  nieder.  Werke:  Markus,  Johannes,  Albr.  Dtirer  fiir  die  Nikolai- 
Kirche  in  Hamburg,  Modell  einer  Schillerstatue  fiir  Kiel,  elf  Kolossalstatuen 
fiir  das  Schloss  des  H.  Bolkow  in  Morton  Hall,  vier  lebensgrosse  Statuen, 
die  vier  Menschenalter  vorstellend,  fiir  den  Generalkonsul  Reimers  (England), 
Biiste  des  Herzogs  Friedrich  von  Augustenburg,  Denkmal  des  Majors  Jung- 
mann  in  Hamburg. 

Allg.  Ktinstler-Lex.    von    Seubert,   Bd,  3,  1882,   S.  60;  Mtiller,    H.  A.  Kttns  tier-Lex. 
m  1884,  S.  41$. 

Dr.  Berghoeffer. 

Munthe,  Ludwig,  Landschaftsmaler,  *  n.  Marz  1841  in  Aaroen  bei 
Bergen  (Norwegen),  f  30.  Marz  1896  in  Diisseldorf.  M.  war  zuerst  Schuler  von 
F.  Schiertz  in  Bergen,  kam  1861  nach  Diisseldorf  und  war  kurze  Zeit  Schtiler 
von  Alb.  Flamm,  bildete  sich  selbstandig  weiter  und  machte  Studienreisen 
in  Belgien,  Holland,  Frankreich,  Danemark,  Schweden,  Norwegen  und  Italien. 
Hervorragender  Stimmungslandschafter  von  realistischer  Auffassung  und  vor- 
trefflicher  Meisterschaft  in  der  Wiedergabe  feuchtglanzender  Lichteffekte, 
besonders  in  seinen  Schneelandschaften  bei  Thauwetter. 

Konversationslexika;  Seubert,  Allg.  Kttnstler-Lex.  Bd.  2.,  1882,  S.  618;  Mtiller,  H.  A 
Ktinstler-Lex.,  1884,  S.  386,  Vapereau  1893,  S.  1147;  Zs.  f.  bild.  Kunst  N.  F.  Jg.  2.,  S.  248; 
111.  Ztg.,  Bd.  106,  S.  469  (L.  Schtitze);  Kunst  f.  Alle,  Jg.  II,  S.  238,  Jg.  12,  S.  293. 

Dr.  Berghoeffer. 

Jernberg,  August,  Maler,  *  16.  September  1826  in  Stockholm,  f  22.  Juni 
1896  in  Diisseldorf.  J.  erhielt  seine  Ausbildung  auf  der  Kunstakademie  seiner 
Vaterstadt,  dann  in  Paris  unter  Couture  und  seit  185 1  in  Dtisseldorf,  wo  er 
mit  wenigen  Unterbrechungen  seinen  standigen  Wohnsitz  nahm.  Er  malte  anfangs 
Historienbilder,  Motive  aus  der  schwedischen  Geschichte,  spater  wandte  er 
sich  der  Genremalerei  zu  und  malte  besonders  westfalische  Dorfscenen,  ausser- 
dem  auch  Stillleben. 

Kunst  f.  Alle,  Jg.  II,  S.  316;  Allg.  Ktinstler-Lex.,  3.  Aufl.  von  Mtiller  u.  Singer, 
Bd.  2,   1896,  S.  270;  Mtiller,  A.  Ktinstler-Lex.  1884  S.  283;  Konversationslexika. 

Dr.  Berghoeffer. 

Keller,  Franz,  Kupferstecher,  *  im  Jahre  1821  in  Linz  am  Rhein, 
f  3.  November  1896  in  Dtisseldorf.  K.  war  Schuler  seines  Bruders  Joseph 
Keller  (f  1873)  in  der  Kupferstecher-Klasse  der  Dusseldorfer  Kunstakademie. 
Arbeitete  ausschliesslich  in  der  sog.  Zeichnungs-  oder  Kartonmanier.  Von 
seinen  Arbeiten  sind  hervorzuheben:     Der  Heiland  als  guter  Hirte  nach  der 


442  Keller,     Roeting.     Pik. 

Zeichnung  Steinle's  (1845),  Tod  Friedrich  Barbarossa's  nach  Alfred  Rethel 
(1849),  Der  Schutzengel  nach  Joseph  Fiihrich  (1865),  Die  Himmelskonigin 
nach  Ernst  Deger,  Bildniss  des  N.  v.  d.  Flue. 

Kunst  f.  AUe,  Jg.  12,  S.  93;  Allg.  KUnstler-Lex.  3.  Aufl.  von  MUller  u  Singer,  Bd.  2, 
1896,  S.  320;  MUller,  A.  Biogr.  KUnstler-Lex.  1884,  S.  296. 

Dr.  Berghoeffer. 

Roeting,  Julius  Robert,  Geschichts-  und  Bildnissmaler,  *  13.  September 
1822  (nach  anderen  7.  September  1821)  in  Dresden,  f  22.  Mai  1896  in 
Diisseldorf.  R.  erhielt  seine  erste  ktinstlerische  Ausbildung  auf  der  Kunstakademie 
seiner  Vaterstadt  bei  Bendemann,  kam  1850  nach  Dtisseldorf  und  wirkte  seit 
1 868  als  Professor  an  der  Akademie  daselbst.  Hauptwerke:  Columbus  vor 
dem  hohen  Rath  in  Salamanka  (1851,  Museum  zu  Dresden),  Grablegung 
Christi  (1866,  Kunsthalle  zu  Diisseldorf),  Christus  am  Kreuze  (in  der  Kirche 
zu  Leuten  in  Kurland),  die  Portrats  von  E.  M.  Arndt  (1859),  Emanuel 
Leutze  (1847),  Wilh.  v.  Schadow,  K.  F.  Lessing  (1852,  Kunsthalle  zu 
Diisseldorf)  und  Johannes  Ronge. 

Kunstchron.  Jg.  1,  S.  76  f.  Kunst  f.  Alle,  Jg.  8,  S.  42,  Jg.  11,  S.  302  f.;  Allg. 
Kttnstler-Lex.  von  A.  Seubert,  Bd.  3,  1882,  S.  159;  MUller,  H.  A.  Biogr.  KUnstler-Lex. 
1884,  S.  4$of.     Vapereau,  G.  Diet,  des  contemporains,  1893,  S.  1358.  Meyers  Konv.-Lex, 

Dr.  Berghoeffer. 

Pilz,  Vincenz,  Bildhauer,  *  den  14.  November  181 6  in  Warnsdorf  (Boh- 
men),  f  den  27.  April  1896  in  Wien.  P.  bezog  1837  die  Wiener  Akademie, 
wo  er  in  der  Malschule  beginnen  musste,  bis  er  in  der  Bildhauerschule  Platz 
fand.  Hier  lieferte  er  unter  Kahssmann  und  Bauer  die  Basreliefs  »  David  und 
Abigail«  und  »Die  Wiederberufung  des  Cincinnatus«,  erhielt  damit  den  Rei- 
chelpreis  und  den  Hofpreis  und  ging  1849  mit  Staatsmitteln  nach  Rom,  wo 
Tenerani  und  Cornelius  seine  Lehrer  wurden.  Er  schuf  hier  die  Statue  Ulrichs 
v.  Liechtenstein,  ein  Basrelief  der  heil.  drei  Konige  und  den  Hausaltar  der 
Kaiserin  Elisabeth.  1855  kehrte  er  nach  Wien  zuriick,  schloss  sich  anfangs 
mehr  an  Fiihrich,  spater  an  Rahl  an  und  entfaltete  eine  reiche  Thatigkeit. 
Im  Jahre  1864  unternahm  er  eine  Reise  nach  Italien,  Frankreich,  Holland. 
Von  seinen  ausserordentlich  zahlreichen  Werken  seien  ausser  den  bereits  an- 
gefiihrten  noch  die  folgenden  erwahnt:  Kreuzabnahme  flir  den  Fiirsten  Liech- 
tenstein, die  zwolf  Apostel  fiir  Graf  Breuner,  Meister  Pilgram  (Erbauer  der 
St.  Stephanskirche  in  Wien),  vier  Sandsteinreliefs  fur  den  Dom  zu  Speyer,  die 
Bronzegruppe  Wissenschaft  und  Handel  (Geschenk  des  Kaisers  an  die  Konigin 
Viktoria  von  England),  das  Staudigldenkmal  auf  dem  Matzleinsdorfer  Friedhof, 
die  vier  Evangelisten  fiir  die  evangelische  Schule  in  Wien,  die  Statuen  Hannibal, 
Haynau,  Wenzel  und  Joh.  v.  Liechtenstein  fiir  das  Arsenal,  die  zwei  Fliigel- 
rosse  fiir  die  Loggienterrasse  des  Hofopernhauses  (jetzt  auf  der  Treppe  der 
Memorial  Hall  in  Philadelphia),  die  Statue  des  Filrstbischofs  Karl  Kollonitsch 
fiir  die  ElisabethbrUcke  in  Wien,  die  Statue  des  Kaisers  Franz  Josef  fiir  die 
Stiftskaserne  in  Wien,  die  Statuen  des  Phidias  und  Perikles  fiir  die  Akademie, 
sechs  Statuen  flir  das  kunsthistorische  Museum,  zehn  Statuen  von  Tondichtern 
fiir  das  Musikvereinsgebaude. 

Wurzbach,  C.  v.,  Biogr.  Lex.  d.  Kaiserlhums  Oesterreich  Th.  22.  S.  308—312;  Allg. 
KUnstler-Lex.  2.  Afl.  von  Seubert  Bd.  3.  1882.  S.  7if.;  MUller,  H.  A.  Kttnstler-Lex.  2.  Ausg. 
1884.  S.  419;    Eisenberg  u.  Groner,  Das  geist.  Wien   1889.  S.  155. 

Dr.  Berghoeffer. 


Rumpf.     Streckfuss.     Schweinitz.  443 

Rumpf,  Peter  Philipp,  Maler,  *  den  19.  Dez.  1821  in  Frankfurt  a.  M., 
t  den  16.  Jan.  1896  ebendaselbst.  R.  war  Conditor,  lernte  die  Bildhauerkunst 
unter  Zwerger,  wurde  1838  Schtller  des  StaedeFschen  Kunstinstituts  unter 
Rustige,  leitete  15  Jahre  lang  in  Frankfurt  a,  M.  eine  Privatkunstschule, 
machte  Studienreisen  nach  Mlinchen,  Dresden,  Paris  und  Oberitalien  und  liess 
sich  1875  *n  Kronberg  bei  Frankfurt  a.  M.  nieder.  Er  malte  Landschaften, 
Portraits  und  Familiengenrebilder. 

Allg.  Kttnstler-Lex.  2.  Aufl.  von  A.  Scubert  Bd.  3.  1882  S.  182  f.;  MOller,  H,  A. 
Kttnstler-Lex.  d.  Gegenw.  2.  Aufl.  1884.  S.  453;  Kaulcn,  W.  Freud  u.  Leid  im  Leben 
deutscher  KUnstlcr.  1878.  S.  306—309. 

Dr.  Berghoeffer. 

Streckfuss,  Karl  Wilhelm,  Bildniss-  und  Landschaftsmaler,  *  den  3.  No- 
vember 181 7  in  Merseburg,  f  den  6.  November  1896  in  Friedenau  bei  Berlin. 
S.  begann  1836  seine  Studien  in  Berlin  unter  Herbig,  ging  1837  nach  Diissel- 
dorf,  wo  er  als  Schliler  Sohns  historische  Darstellungen  malte.  1840  ging  er 
nach  Berlin,  1841  nach  Paris,  wo  er  unter  Delaroche  arbeitete,  1843  nach 
Italien  und  liess  sich  1844  in  Berlin  nieder.  Er  schuf  u.  a.  folgende  Werke: 
Undine  (1838),  Ruth  und  Naemi  (1839),  Romulus  und  Remus  von  der  Wolfin 
gesaugt,  die  vier  Jahreszeiten ,  Glaube  Liebe  HofFnung,  Anna  v.  Oesterreich 
dem  emporten  Volke  Ludwig  XIV.  zeigend,  Miihle  bei  Petersdorf  in  Schlesien, 
Morgendammerung  im  Urwald,  Blick  auf  Usedom.  1863  erfand  er  die  s.  g. 
Fluchtpunktschiene  zur  Zeichnung  perspektivischer  Parallelen. 

Allg.  KUnstler-Lex.  2.  Aufl.  von  Seubert.  Bd.  3.  1882.  S.  379;  Mtiller,  H.  A. 
KUnstler-Lex.  1884.  S.  509. 

Dr.  Berghoeffer 

Schweinitz,  Rudolf,  Bildhauer,  *  den  15.  Jan.  1839  *n  Charlottenburg, 
f  den  7.  Januar  1896  in  Berlin.  S.  war  Schuler  der  Berliner  Akademie  und 
Schievelbeins  (1855 — 65),  machte  Studienreisen  nach  Paris,  Rom,  Kopenhagen, 
Mtinchen  und  Wien  (1865 — 66).  Er  war  Schievelbein  namendich  bei  Aus- 
liihrung  des  Steindenkmals  behilflich  und  schuf  folgende  Hauptwerke:  Aehren- 
lesende  Ruth,  betende  Italienerin,  Psyche  (1871),  Gruppe  der  drei  bildenden 
Kunste  ftir  das  Giebeldreieck  der  Nationalgalerie,  eine  Germania  fiir  das 
Kriegerdenkmal  der  Stadt  Gera  (1874),  drei  Kolossalgruppen  ftir  die  Konigs- 
briicke  zu  Berlin  (Rhein,  Oder  und  Kampf),  das  Standbild  des  Hochmeisters 
Hermann  v.  Salza  und  die  Reliefs  mit  der  Griindung  der  Stadt  Thorn  und 
dem  Kampf  des  deutschen  Ordens  gegen  die  heidnischen  Preussen  fiir  die 
Weichselbriicke  in  Thorn,  zehn  Statuen  fur  das  Postament  des  Denkmals 
Friedrich  Wilhelms  III.  in  Koln  (Schoen,  Solms,  Schamhorst,  Beuth,  W.  Hum- 
boldt, A.  Humboldt,  Niebuhr,  Gneisenau,  Arndt,  Motz,  1878),  Reliefs  aus  der 
Geschichte  Berlins  an  der  Balkonbrlistung  des  Berliner  Rathhauses,  der  ge- 
fahrdete  Amor  (Nationalgalerie,  1881),  tanzende  Bajadere,  Eva,  Marmorbliste 
des  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  (1872),  des  Kaisers  Wilhelm  I.  (1882), 
Bronzeblisten  der  Feldmarschalle  Moritz  v.  Dessau,  Keith,  Gessler  ftir  die 
Ruhmeshalle  (1882 — 83),  Doppeldenkmal  der  Kaiser  Wilhelm  I.  und  Friedrich  III. 
ftir  FUrstenwalde  (1893). 

Allg.  KUnstler-Lex.  2.  Aufl.  von  A.  Seubert  Bd.  3.  1882.  S.  284;  Mliller,  H.  A.  Kttnst- 
ler-Lex. 2.  Ausg.  1884.  S.  483;    Konversationslexika. 

Dr.  Berghoeffer. 


444  Stichart.     Trossin.     Vosz.     Erzherzog  Karl  Ludwig. 

Stichart,  Alexander,  Historienmaler,  *  im  Jahre  1838  zu  Werdau 
i.  S.,  f  2.  Juli  1896  in  Johstadt  i.  S.  S.  besuchte  die  Dresdener  Akademie 
unter  Schnorr  v.  Carolsfeld,  studirte  dann  in  Mttnchen  und  Antwerpen  bei 
van  Lerius,  arbeitete  einige  Jahre  bei  Griepenkerl  in  Wien  und  liess  sich 
Anfang  der  70 er  Jahre  in  Dresden  nieder.  S.  make  religiose  Bilder  und  Sammel- 
bilder  zu  Marchen.  Er  gehorte  dem  Verein  bildender  KUnstler  Dresdens 
(Secession)  an. 

Kunst  f.  Alle,  Jg.  n,  332. 

Dr.  Berghoeffer. 

Trossin,  Robert,  Kupferstecher,  *  14.  Mai  1820  in  Bromberg,  f  1.  Fe- 
bruar  1896  in  Berlin.  T.  war  in  Berlin  1835 — 44  Buchhorn's,  1844 — 46  Mandel's 
Schiiler,  wurde  im  Jahre  1850  zur  Leitung  der  Kupferstechschule  nach 
Konigsberg  berufen,  wo  er  35  Jahre  lang  als  Lehrer  wirkte,  um  dann  nach 
Berlin  zurlickzukehren.  Stiche:  Italienischer  Fischerknabe  nach  Magnus  (1846), 
Bildniss  A.  v.  Humboldt's  (1850),  Bildniss  des  Grafen  v.  Kayserling  fur  die 
neue  Ausgabe  der  Werke  Friedrich's  des  Grossen,  Mater  dolorosa  nach  Guido 
Reni  (1852),  Quirlverkauferin  aus  dem  Harzgebirge  nach  Ed.  Meyerheim  zu- 
sammen  mit  G.  Michaelis  (1855),  die  Tochter  Jephta's  nach  Jul.  Schrader 
(1859),  der  betende  M6nch  am  Sarge  Heinrich's  IV.  nach  Lessing,  Dilettanten- 
quartett  nach  Hiddemann  (1868),  Sonntagnachmittag  in  einem  schwabischen 
Dorf  nach  Vautier,  ein  Tierstiick  nach  Frdr.  Voltz,  der  Morgengruss  nach 
Carl  Becker,  Vision  des  heil.  Antonius  von  Padua  nach  dem  Berliner  Bilde 
des  Murillo  (1877),  Venetianerin  nach  Savoldo,  Carl's  I.  Tochter  nach  van 
Dyck,  im  Wittwenschleier  nach  Defregger. 

Die  vervielfiilt.  Kunst  der  Gegenw.  II,  1891,  S.  89  f.  (R.  Muther);  Seubert  A.,  Allg. 
Kttnstler-Lex.  Bd.  3,  1882,  S.  451  f.;  Mtillcr,  A.  Ktinstler-Lex.  1884,  S.  526. 

Dr.  Berghoeffer. 

Vosz,  Karl,  Bildhauer,  *  5.  November  1825  zu  Dunnwald  bei  Koln, 
f  22.  August  1896  in  Bonn.  V.  studirte  in  Mtinchen,  Bnissel  und  Rom.  Er 
bethatigte  sich  ausschliesslich  in  der  antikisirenden  Richtung.  Werke :  Brunnen 
im  Centralpark  zu  Boston,  Bacchantin  mit  dem  jungen  Bacchus  scherzend 
(Schloss  zu  Berlin),  Ganymed  (Orangerie  in  Potsdam),  Hebe  den  Adler  trankend, 
Amor  und  Psyche  (die  beiden  letzteren  im  Museum  zu  Ktfln),  Rebekka  am 
Brunnen,  Loreley,  Ruth  (ftir  den  Freiherrn  von  Diergardt-Viersen),  Sappho. 

Kunst  f.  Alle,  Jg.  12,  28;  Seubert,  Allg.  Ktinstler-Lex.,  Bd.  3,  1882,  S.  536;  Mttller, 
A.  Ktinstler-Lex.  1S84,  S.  541. 

Dr.  Berghoeffer. 

Karl  Ludwig,  Erzherzog  von  Oesterreich,  *  am  30.  Juli  1833  zu  Schon- 
brunn,  f  am  19.  Mai  1896  in  Wien.  —  Der  Vater,  Erzherzog  Franz  Karl, 
*  am  27.  December  1802,  hatte  sich  am  24.  November  1824  mit  der  neun- 
zehnjahrigen  Prinzessin  Sophie  von  Bayern,  Tochter  des  Konigs  Maximilian  I. 
und  der  zweiten  Gemahlin  desselben,  Prinzessin  Karoline  von  Baden,  in  sei- 
nem  22.  Lebensjahre  vermahlt.  Nachdem  am  18.  August  1830  Kaiser  Franz 
Josef  und  am  6.  Juli  1832  Erzherzog  Ferdinand  Max,  Kaiser  von  Mexico,  ge- 
boren  waren,  erblickte  Erzherzog  K.  L.  als  dritter  Sohn  das  Licht  der  Welt. 
Der  junge  Erzherzog  war  von  schwacher  Gesundheit;  er  hatte  die  Kinderkrank- 
heiten  zu  iiberstehen  und  bekam  emen  Typhus,  bei  dem  man  ftir  sein  Leben 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  445 

ftirchtete.  Nach  der  Genesung  aber  entwickelte  er  sich  alsbald  um  so  kraf- 
tiger  und  gedieh  in  den  Jiinglingsjahren  zu  besonderer  Rlistigkeit.  Einen  vor- 
trefflichen  Einfluss  tibte  auf  das  Gemiith  des  jungen  Prinzen  Baronin  Marie 
Louise  Sturmfeder,  Tochter  des  kurpfalzischen  Geheimen  Rathes  Karl  Theo- 
dor  Freiherm  Sturmfeder  von  und  zu  Oppersweiler,  die  als  Aja  den  Erzherzog 
sowie  die  alteren  Prinzen  wahrend  der  Kinderjahre  leitete.  Erzherzog  K.  L. 
bewahrte  ihr  die  kindliche  Anhanglichkeit  fttr  immer,  und  1866  erwies  er  ihr, 
nachdem  er  zwei  Tage  an  ihrem  Sterbelager  geweilt  hatte,  auf  dem  Schmelzer 
Friedhofe  die  letzte  Ehre.  Als  der  junge  Erzherzog  unter  mannliche  Hand 
kommen  sollte,  wurde  er  dem  Grafen  Heinrich  Franz  Bombelles,  einem  edel- 
gesinnten,  grtindlich  gebildeten  Manne,  anvertraut,  der  bereits  seit  1836,  nach- 
dem er  zuletzt  Gesandter  in  Turin  gewesen,  im  Hause  als  Ajo  der  beiden 
alteren  Prinzen  thatig  war.  Drei  Dienstkammerer  des  Erzherzogs  Franz  Karl 
waren  zur  Untersttitzung  und  gemeinsamen  Dienstleistung  beigegeben,  indessen 
war  jeder  einem  der  Erzherzoge  besonders  zugetheilt.  Dem  Erzherzoge  Franz 
Josef  war  Reichsgraf  Johann  Baptist  Alexius  von  Coronini-Cronberg,  dem  Erz- 
herzog K.  L.  Graf  Karl  Morzin  zugewiesen.  Den  ersten  Unterricht  gab  der 
Oberfeuerwerker  Johann  Ritter  von  Wittek,  nachmals  Oberlieutenant  der  Tra- 
bantenleibgarde.  Erzherzogin  Sophie  nahm  an  der  Organisation  des  Unterrichts 
den  regsten  Antheil  und  war  haufig  bei  den  Lectionen  anwesend.  Um  auch 
den  Wetteifer  anzuregen,  hatte  sie  die  Einrichtung  getroffen,  dass  die  gleich- 
alterigen  Spielgenossen  der  hohen  Zoglinge  dem  Unterrichte  beiwohnen  durften. 
Der  junge  Graf  Franz  Coronini,  nachmals  President  des  Abgeordnetenhauses, 
nahm  an  den  Lernstunden  des  Erzherzogs  K.  L.  theil.  Der  Unterricht  wurde 
fachmannischen  Kraften  tibertragen.  Religion  lehrte  der  Domherr  Columbus, 
Geschichte  Professor  Fick.  Ftir  den  Unterricht  in  der  Philosophic  wurde,  als 
Erzherzog  Franz  Josef  im  flinfzehnten  Lebensjahre  stand,  der  Director  der 
Orientalischen  Akademie,  Abt  Rauscher,  der  nachmalige  Cardinal  und  Furst- 
erzbischof  von  Wien,  berufen.  »Ich  sehe  mich  also  genothigU  —  so  schrieb 
Rauscher  1844  an  Cardinal  Schwarzenberg  nach  einer  Bemerkung  iiber  den 
damaligen  Stand  der  philosophischen  Litteratur  —  »zum  Behufe  meiner  Vor- 
trage  einen  Abriss  der  Philosophic  zu  verfassen,  und  ich  brauche  Eurer  Emi- 
nenz  nicht  zu  sagen,  dass  dies  keine  kleine  Aufgabe  ist.«  Im  Herbst  1845  unter- 
nahm  der  Erzherzog  mit  seinen  alteren  Briidern  eineReise  nach  ItaJien  und  machte 
1847  e*ne  Fahrt  nach  Bohmen.  Die  inzwischen  fortgesetzten  Studien  wurden 
bald  durch  die  Marztage  und  deren  Folgen  gestort.  Am  25.  April  1848  wohnte 
der  Erzherzog  mit  seinem  Vater  und  altesten  Bruder  der  Revue  tiber  die  Na- 
tionalbiirgergarde  und  Studentenlegion  auf  dem  Glacis  bei  und  nahm  an  dem 
Feldgottesdienste  zur  Feier  der  Constitution  theil.  Doch  schon  am  18.  Mai 
reiste,  nachdem  sich  Erzherzog  Franz  Josef  auf  den  italienischen  Kriegsschau- 
platz  begeben  hatte,  Erzherzog  K.  L.  mit  seinem  Bruder  Ferdinand  Max, 
den  Eltern  und  dem  kaiserlichen  Hofe  von  Wien  nach  Innsbruck.  Der  be- 
geisterte  Empfang,  den  die  Bevolkerung  hier  dem  Hofe  bereitete,  machte  auf 
den  Erzherzog  einen  bis  ans  Lebensende  nachhaltenden  Eindruck.  Wahrend 
des  elfwochentlichen  Aufenthaltes  in  dem  schonen,  kaisertreuen  Tirol  gewann 
er  ftir  das  Land  und  dessen  Bewohner  eine  Vorliebe,  die  vermuthlich  eine  Ur- 
sache  war,  dass  er  grade  hier  seine  staatsmannische  Thatigkeit  beginnen  sollte. 
Am  8.  August  reiste  der  Hof  von  Innsbruck  zuriick  und  bezog  das  Lustschloss 
Schonbrunn,  aber  schon  am  6.  October  wurde  die  Reise  nach  Olmiitz  an- 
getreten,    wo    die   kaiserliche   Familie    mit    dem    erzherzoglichen    Hause    am 


446  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

14.  October  ankam.  Die  Studien  nahmen  ihren  Fortgang.  Neben  dem  Unter- 
richt  in  fremden  Sprachen,  der  erprobten  Meistern  aus  Wien  anvertraut  war, 
wurden  militarwissenschaftliche  Facher  von  dem  Hauptmann  Baron  Saffran 
gelehrt.  Rauscher,  der  zu  den  Vortragen  Uber  Philosophie  auch  die  fiir  Ge- 
schichte  Ubernommen  hatte,  wurde  gleichfalls  an  das  Hoflager  nach  Olmiitz 
berufen.  Hochst  erfreut  war  der  ftinfzehnjahrige  Erzherzog,  als  er  1848  zum 
Oberst-Inhaber  des  zweiten  Cheveauxlegers-  Regimen tes  (Ulanen-Regimentes 
Nr.  7)  ernannt  wurde.  Obwohl  er  sich  damals  fiir  militarische  Dinge  sehr 
interessirte,  so  war  die  militarische  Laufbahn  nicht  seine  Bestimmung.  Die 
Betheiligung  an  der  obersten  Staatsverwaltung  ward  schon  bei  seiner  Vorbil- 
dung  in  Aussicht  genommen.  Bezliglich  des  Thronwechsels,  der  sich  am  2.  De- 
cember 1848  in  Olmtitz  vollzog,  liegt  keine  Aeusserung  des  Erzherzogs  vor. 
Im  Mai  kehrte  das  erzherzogliche  Haus  nach  SchSnbrunn  zurilck  und  tibersie- 
delte  am  28.  November  in  die  Hofburg  nach  Wien.  Die  philosophischen 
Studien  fanden  ihren  Abschluss,  als  Rauscher  im  April  1849  zum  Ftirstbischof 
von  Seckau  consecrirt  worden  war.  Bald  darauf  ward  Johann  von  Perthaler 
berufen,  den  beiden  Erzherzogen  Ferdinand  Max  und  K.  L.  Vortrage  Uber 
Rechts-  und  Staatswissenschaften  zu  halten.  Er  war  eben  aus  dem  Frankfurter 
Parlament,  wo  er  durch  die  Schrift  »Das  Erbkaiserthum  Kleindeutschland* 
den  grossdeutschen  Standpunkt  vertreten  hatte,  zuriickgekommen  und  im  Mai 
1849  wieder  ins  Justizministerium  eingetreten,  als  er,  durch  Freiherrn  von 
Pratobevera  empfohlen,  die  ehrenvolle  Berufung  an  den  Hof  erhielt.  Auch 
nach  Abschluss  dieser  Vortrage,  1853,  blieb  der  Erzherzog  mit  Perthaler  bis 
zu  dessen  Tode,  1862,  in  regem  Verkehr.  Er  erhielt  von  ihm  geistvolle  Briefe 
in  Lemberg  wahrend  des  Krimkrieges  und  in  Innsbruck  tiber  die  Administration 
Tirols.  Ausser  den  sechs  an  den  Erzherzog  gerichteten  Briefen,  die  unter 
den  nachgelassenen  Schriften  Perthalers  verOffentlicht  wurden,  befinden  sich  im 
Nachlasse  des  Erzherzogs  noch  zahlreiche  Briefe,  die  einer  besonderen  Publi- 
cation vorbehalten  sein  mogen  und  um  so  interessanter  sind,  als  Perthaler  seit 
1859  Schmerling  beim  Entwurf  der  Verfassung  zur  Seite  stand  und  wichtige 
Staatsschriften,  wie  das  Februarpatent,  die  Adresse  des  Gesammtministeriums 
an  den  Kaiser  sowie  besonders  die  Thronrede  vom  1.  Mai  1861  abfasste.  Im 
Herbst  1850  bereiste  der  Erzherzog  mit  seinem  Bruder  Ferdinand  Max  den 
Orient.  Die  jungen  Erzherzoge  fuhren  uber  Triest  nach  Athen  und  Smyrna* 
Nachdem  Erzherzog  K.  L.  1852  mit  dem  Orden  des  goldenen  Vlieses  geschmiickt 
worden  war,  wurde  er,  um  in  den  praktischen  Verwaltungsdienst  eingefiihrt 
zu  werden,  der  galizischen  Statthalterei  zugetheilt.  Wahrend  seines  Aufenthaltes 
in  Lemberg,  wo  er  am  23.  December  1853  eintraf,  legte  er  durch  sein  gewin- 
nendes  Wesen  den  Grund  zu  jener  Beliebtheit,  deren  er  sich  bei  den  Polen 
durch  sein  ganzes  Leben  erfreute.  Mit  dem  Statthalter  Grafen  Goluchowski 
nahm  er  mehrere  Bereisungen  des  Landes  vor.  Den  Orientkrieg,  der  sich  in 
jener  Zeit  entwickelte  und  das  Grenzland  so  nahe  anging,  verfolgte  der  Erz- 
herzog mit  lebhaftem  Interesse.  Er  liess  sich  Uber  die  Stimmung  der  pol- 
nischen  und  der  ruthenischen  Bevolkerung,  Uber  aJle  Vorkehrungen  finanzieller 
und  militarischer  Art  ausfUhrlich  berichten.  Im  Januar  1854,  als  die  West- 
machte  ihre  Flotten  ins  Schwarze  Meer  gesendet  hatten,  machte  Perthaler  den 
Erzherzog  auf  die  Absichten  Russlands  aufmerksam  und  setzte  ihm  die  An- 
sprUche  Oesterreichs  auseinander,  die  Metternich  zur  Zeit  des  Friedens  von 
Adrianopel  1829  nicht  zu  wahren  gewusst  hatte.  Er  schrieb:  »Ueberall  hort 
man  von  UneigennUtzigkeit,   und  doch  ist    allenthalben    nur  Gierde  nach  der 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  447 

Beute  zu  erkennen.  Und  ist  auch  nur  ein  Schatten  von  Recht  fur  diesen  Besitz- 
nehmungseifer  der  genannten  Staaten  vorhanden?  Wenn  irgend  ein  Staat  ein 
Recht  geltend  machen  kann,  so  ist  es  Oesterreich  und  Oesterreich  allein. 
Es  ist  ein  weltgeschichtliches  Entscheidungsrecht,  welches  von  Oesterreich  in 
die  Wagschale  gelegt  werden  kann  .  .  .  Mit  osterreichischem  Blute  ist  die 
Freiheit  Europas  vom  ttirkischen  Uebermuthe  erkauft,  und  wenn  nun  die 
ttirkischen  Barbaren  aus  Europa  weichen,  so  hat  Oesterreich  allein  das  Recht, 
zu  sagen:  Kraft  eines  unleugbaren  Entschadigungsrechtes  gebtirt  das  ver- 
lassene  Lager  mir!  Oesterreich  hat  noch  keinen  Preis  ftir  dieses  sein  helden- 
miithiges  Ringen,  es  hat  noch  nicht  einmal  den  Ersatz  dessen  erlangt,  was 
es  ftir  sich  und  Europa  im  Kampfe  mit  der  Tiirkei  eingesetzt  hat  .  .  .« 
Doch  spricht  Perthaler  mit  Rticksicht  auf  die  damalige  Lage  den  Wunsch 
aus,  dass  Oesterreich  neutral  bleiben  moge.  Es  soil  damals  die  Absicht  be- 
standen  haben,  dem  Kronlande  Galizien  eine  grOssere  Selbstandigkeit  zu 
verleihen  und  den  Erzherzog  als  Vicekonig  oder  Gouverneur  an  die  Spitze 
dieses  KSnigreiches  zu  stellen.  Wenn  aber  dieses  Project  tiberhaupt  ernsdich 
ins  Auge  gefasst  wurde,  so  liessen  die  Beziehungen  zu  anderen  MSchten  und 
die  Consequenzen  ftir  die  innere  Politik  die  Ausflihrung  eines  solchen  Planes 
nicht  rathsam  erscheinen.  Erzherzog  K.  L.  wurde  am  30.  Juli  1855,  als  er 
eben  sein  22.  Lebensjahr  vollendet  hatte,  zum  Statthalter  des  Landes  Tirol 
ernannt,  unter  gleichzeitiger  Beforderung  zum  Generalmajor.  Nachdem  er 
die  schon  langst  beabsichtigte  Reise  in  die  Bukowina  unternommen  hatte, 
verliess  er  Lemberg  am  19.  August  1855. 

Die  Tiroler  empfanden  die  Ernennung  des  neuen  Statthalters  als  Beweis 
besonderer  kaiserlicher  Gnade  und  als  Btirgschaft  der  Abhilfe  und  Errettung 
aus  Zustanden  und  Verhaltnissen,  von  denen  sie  sich  bedriickt  ftihlten,  und 
bereiteten  dem  Erzherzog,  als  er  im  September  erschien,  einen  liberaus  be- 
geisterten  Empfang.  Im  October  unternahm  der  Erzherzog  die  erste  grosse 
Bereisung  seines  Verwaltungsgebietes,  1856  machte  er  noch  eine  besondere 
Reise  nach  Vorarlberg,  1857  ins  Pusterthal,  1858  nach  Slidtirol.  Er  ver- 
schaffte  sich  stets  genaue  Kenntniss  aller  Verhaltnisse.  In  den  Kreisamtern 
und  Praturen  sah  er  die  Acten  durch  und  gewann  Einblick  in  die  Amts- 
ftihrung;  er  besuchte  Geiangnisse,  Spitaler  und  Kinderasyle,  schenkte  den 
Schulen,  namentlich  den  Gymnasien,  besondere  Aufmerksamkeit  und  nahm 
Fabriken  und  Gewerkschaften,  Uferschutzbauten  und  Strassenanlagen  in 
Augenschein.  Ftir  den  Bauernstand,  der  mit  harter  Arbeit  sein  Dasein 
fristet,  hatte  er  ein  warmflihlendes  Herz.  An  der  Ausdehnung  und  Verscho- 
nerung  der  Landeshauptstadt  nahm  er  regen  Antheil.  Das  Statthalterei- 
gebaude  in  Innsbruck  erweiterte  er  durch  einen  wichtigen  Zubau  und  brachte 
das  werthvolle  Archiv  in  zweckdienlich  eingerichteten  Raumen  unter.  Im 
Schlosse  Ambras  nahm  er  nach  Forster's  Entwlirfen  die  nothwendigen  Aen- 
derungen  vor,  um  es  bewohnbar  zu  machen.  Er  bemtihte  sich,  leider  ohne 
Erfolg,  die  Rticksendung  der  Ambraser  Sammlung  von  Wien  nach  Tirol 
durchzusetzen.  Die  Erhaltung  alter  Bauten,  historischer  und  Kunstdenkmaler 
Hess  er  sich  immer  angelegen  sein.  Zur  Wiederherstellung  der  landesftirst- 
lichen  Burg  in  Meran  widmete  er  einen  namhaften  Betrag  und  den  Altar 
zu  St.  Katharina  in  der  Scharte  liess  er  auf  eigene  Kosten  neu  herrichten. 
Ftir  die  Restaurirung  des  Domes  in  Trient  verdankt  man  ihm  die  Essen- 
wein'schen  Plane.  Besonders  war  er  auch  auf  die  Forderung  der  Gewerbe 
bedacht.    Durch  ihn  wurde  zum  erstenmal    in  Tirol   der  erst  34  Jahre  spater 


448  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

verwirklichte  Plan  angeregt,    eine  Landesausstellung  fur  Kunst,  Industrie  und 
Gewerbe    zu  veranstalten.     Es  war  der  15.  Mai   1859  als  Tag  der  Eroffhung 
festgesetzt,  und  nur  der  Krieg  verhinderte  die  Ausfiihrung.    Hohe  Verdienste 
erwarb  er  sich  um  die  Ausbildung  der  standischen  Verfassung  und  der  Landes- 
vertretung.     Schon  1858  hatte  er  einen  Preis  von  25  Ducaten    ftir  die  beste 
Bearbeitung    der    »Geschichte    der    Entwickelung    der    tirolischen    Standever- 
fassung    vom    14.    Jahrhundert    bis    einschliesslich    zum    sogenannten    offenen 
Landtag  des  Jahres  1790*  ausgeschrieben.     Inzwischen  brach  der  italienische 
Krieg  aus,    und    mit  der  Organisation  der  Landesvertheidigung  liess  sich  zu- 
nachst  die  Erweiterung  des  Landesausschusses  verbinden.     Als  der  Erzherzog 
von  seiner  Reise,    die  er  nach  dem  Tode  seiner  ersten  Gemahlin  nach   Rom 
unternommen  hatte,    1859  in   aller  Stille  nach  Innsbruck    zurlickgekehrt  war, 
begannen    die  Truppenmarsche  ins  Venezianische.     Mit  grftsstem  Eifer  setzte 
der  Erzherzog    alle  Krafte    ein,  um  die  Tiroler  und  Vorarlberger  Landesver- 
theidigung   zu  reorganisiren  und  ihr  die  Wehrkraft    zu  verleihen,    die    dieser 
alten  Einrichtung  entsprach.     Im  Mai  1859    brachte    der  Erzherzog  die  vom 
Kaiser     genehmigte    Landesvertheidigungsordnung     bereits     zur     allgemeinen 
Kenntniss.     Sie  war  so  vortrefflich  eingerichtet,  dass  unter  freier  Bethatigung 
der  Gemeinden   und  Berticksichtigung    der  Leistungsfahigkeit    die  Aufstellung 
der    ganzen  Mannschaft  von  24  000  Kopfen    keinerlei  Schwierigkeiten    bieten 
konnte.     Als    Garibaldi    die    tirolische    Grenze    bedrohte,    veroffendichte    der 
Erzherzog-Statthalter    das  vom  1.  Juni  1859   aus  Verona  datirte  Manifest  des 
Kaisers    »An    Meine    treuen  Tiroler   und  Vorarlberger*,    durch    welches    die 
Landesschiitzen   zu    den  Waffen    gerufen  wurden.     Sodann    bereiste  der  Erz- 
herzog alle  Thaler  und  betrieb  personlich  die  Bildung  der  Schiitzencompagnien. 
Am  Tage  nach  der  Schlacht  von  Solferino    befand  er  sich  auf  der  Reise  ins 
Pusterthal,    wo  sich  italienische  Emissare  und  Spione  als  Holzhandler  herum- 
trieben.     Nachdem    am    12.  Juli    der    Waffenstillstand    von    Villafranca    dem 
Kampfe  ein  unerwartetes  Ende  bereitet  hatte,  kehrte  der  Prinz  am  18.  Juli  von 
Bozen  nach  Innsbruck  zuriick.     Ueberall  hatte  er  die  Tiroler    zu  sturmischer 
Begeisterung  entflammt.     Eine  bewunderungswtirdige  Opferwilligkeit  und  Hin- 
gebung    war    die  Folge    seiner    personlichen  Einflussnahme  gewesen.     In  der 
kurzen  Zeit  waren    50  Schlitzencompagnien    mit   7500  Mann    an    die  Grenze 
marschirt,    8  Compagnien  standen  marschbereit,  und  in  wenigen  Tagen  ware 
das  ganze  Contingent  von  24  000  Mann  kampfbereit  dem  Feinde  gegentiber- 
gestanden.     Noch  am  12.  Juli  drtickte  der  Kaiser  von  Verona  aus  durch  ein 
Handschreiben  den  Tirolern  fur  die  bewiesene  Opferwilligkeit  in  hochst  gna- 
digen  Worten    seinen    Dank    aus.     Erzherzog  K.  L.  gab    zahlreiche    Beweise 
der  Erkenndichkeit  in  Wort  und  That.     Als  das  nach  der  Entlassung  Bach's 
berufene  Ministerium  Goluchowski  standische  Vertretungen    ftir  die  einzelnen 
Lander  verhiess,  besass  Tirol  bereits  den  durch  das  Eingreifen  des  Erzherzog- 
Statthalters  verstarkten  Ausschuss.    Es  war  eine  verdiente  Anerkennung,  dass 
der  Kaiser  dem  Erzherzog  am  21.  September  1859  »fiir  die  vielen  Verdienste, 
die  sich  der  Erzherzog  als  Statthalter  und  in  der  letzten  bewegten  Zeit  durch 
unermudete  Fursorge  fur  das  Beste  des  Landes  erworben  hat«,  das  Grosskreuz 
des  St.  Stephansordens  verlieh.    Der  Wunsch  des  Landes  nach  Verminderung 
der  Uebertragungsgebiiren    fur   bauerlichen    Grundbesitz  ward    durch   kaiser- 
lichen   Gnadenact    vom    11.  Januar    i860    erfiillt.      Die   Frage   der  Ansassig- 
machung    von  Akatholiken    oder    die  Aufrechterhaltung    der    Glaubenseinheit 
im  Lande  wurde   als    eine    nach    den  Worten    des  Kaisers   von   alien  Seiten 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  449 

reiflicher  Erwagung  bediirftige  Angelegenheit  dem  kiinftigen  Landtage  zur  Be- 
handlung  zugewiesen.  Die  Berathungen  iiber  die  Landesordnung  erfolgten 
unterdessen  im  Landhause  unter  dem  Vorsitze  des  Erzherzogs.  Am  20.  Oc- 
tober i860  wurde  die  neue  Landesordnung  gleichzeitig  mit  dem  Erscheinen 
des  die  Reichsverfassung  betreffenden  Diploms  vom  Kaiser  genehmigt.  Als 
indessen  am  13.  December  i860  Graf  Goluchowski  zuriickgetreten  und 
Schmerling  als  Staatsminister  berufen  worden  war,  trat  der  reichseinheitliche 
Gedanke  in  den  Vordergrund  und  durch  das  Februarpatent  vom  26.  Februar 
1 86 1,  das  neue  Staatsgrundgesetz  fur  die  Reichs-  und  Landesvertretungen, 
wurde  die  tirolische  Landesverfassung  erweitert  und  abgeandert.  Am  6.  April 
1 86 1  erdffnete  Erzherzog  K.  L.  unter  grossen  Feierlichkeiten  den  neuen  Land- 
tag. Zwei  Tage  darauf  erschien  das  Patent  vom  8.  April  1861,  durch  welches 
den  Protestanten  in  alien  deutschen  und  slavischen  Erblandern,  unter  denen 
Tirol  ausdrticklich  genannt  war,  freie  Religionsiibung  zugesichert  wurde. 
Doch  glaubte  der  tirolische  Landtag  im  Hinblick  darauf,  dass  die  Religions- 
frage  durch  das  kaiserliche  Handschreiben  vom  7.  September  1859  seiner 
Berathung  zugewiesen  worden  war,  bei  der  fruheren  Resolution  des  standischen 
Ausschusses  beharren  zu  konnen,  und  erhob  am  17.  April  den  durch  den 
Hinweis  auf  Tirols  Privilegien  und  entsprechende  Zustande  in  Mecklenburg, 
Sachsen-Weimar  und  anderwarts  begriindeten  Antrag  des  Flirstbischofs  Vincenz 
Gasser  von  Brixen  zum  Beschlusse,  dass  das  Recht  der  Oeffentlichkeit  der 
Religionsiibung  in  Tirol  nur  der  katholischen  Kirche  zustehe.  Der  Landtag 
wurde  am  24.  April  geschlossen.  Der  Erzherzog-Statthalter  dankte,  als  die 
Deputation  des  Landtages  von  ihm  in  Audienz  empfangen  wurde,  dem  Be- 
nch ters  tatter  des  Ausschusses  in  der  Religionsfrage,  iiber  dessen  Eintreten  fur 
die  Glaubenseinheit  erfreut,  und  driickte  seine  Sympathie  aus.  An  demselben  Tage 
reiste  er  nach  Wien,  um  iiber  die  Ergebnisse  der  Landtagssession  zu  berichten 
und  bei  der  Eroffnung  des  Reichsrathes  am  1.  Mai  1861  anwesend  zu  sein. 
Der  Erzherzog  sah  alsbald,  dass  die  Dinge,  die  sich  in  Wien  vollzogen,  mit 
den  Anschauungen  und  Empfindungen  des  von  ihm  verwalteten  Landes  nicht 
in  Einklang  zu  bringen  sein  wiirden,  und  bemiihte  sich,  zunachst  beruhigend 
und  beschwichtigend  auf  die  Bevolkerung  Tirols  einzuwirken.  Er  erklarte 
dem  Fiirstbischof  brieflich,  er  bleibe  seiner  bekannten  Ueberzeugung  in  Bezug 
auf  die  Glaubenseinheit  in  Tirol  treu,  aber  die  Agitation  gegen  das  Patent 
vom  8.  April  1861  diirfe  er  nicht  dulden,  sie  sei  unklug  und  ungesetzlich. 
Als  der  Fiirstbischof  am  18.  Juni  seine  Antwort  an  den  Erzherzog  abgehen 
liess,  erhielt  er  den  Erlass  Schmerling' s,  dass  dem  Landtagsbeschluss  vom  17. 
April  die  Allerhochste  Sanction  nicht  ertheilt  worden  sei.  Erzherzog  K.  L. 
richtete  am  17.  Juni  von  Schonbrunn  aus  an  die  Bezirksamter  Tirols  einen 
Erlass,  in  welchem  er  beziiglich  der  Sammlung  von  Unterschriften  fiir  ein 
die  Glaubenseinheit  betreffendes  Majestatsgesuch,  das  man  dem  Kaiser  durch 
eine  Deputation  iiberreichen  wolle,  erklarte,  dass  der  Kaiser  die  Absendung 
einer  solchen  Deputation  nicht  billige.  Am  19.  Juni  beantwortete  Schmerling 
eine  Interpellation  iiber  den  Beschluss  des  tirolischen  Landtages  mit  der  Eroffnung, 
der  Kaiser  habe  die  Sanction  abgelehnt  und  den  Erzherzog-Statthalter  an- 
gewiesen,  die  Agitation  zu  Gunsten  des  Beschlusses  nicht  zu  dulden.  Durch 
einen  neuen  Erlass  vom  23.  Juni  1861  forderte  der  Erzherzog  die  Tiroler 
Bezirksamter  auf,  die  Bevolkerung  mit  Ernst  und  Nachdruck  zu  belehren,  sie 
moge  sich  vor  ubereilten  Schritten  bewahren,  damit  strengere  Massregeln 
uberflussig  wiirden,   und   die  Bevolkerung   moge  sich  diesfalls  mit  den  kirch- 

Biogr.  Jabrb.  u.  Deutacher  Nekrolog.     2.  Dd.  29 


4c o  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

lichen  Organen  ins  Einvernehmen  setzen.  Schon  seit  dem  Herbst  1859,  da 
die  Arbeiten  fur  die  Verfassung  ihren  Anfang  nahmen,  waren  Befurchtungen 
laut  geworden,  dass  die  Stellung  eines  kaiserlichen  Prinzen  mit  dem  Amt 
eines  Statthalters  kunftig  nicht  mehr  wiirde  vereinbar  sein,  da  mit  der  Ein- 
fuhrung  der  Reichsverfassung  nicht  allein  die  Provinzialverwaltung  eingeschrankt 
wiirde,  sondern  insbesondere  auch  die  Statthalter  in  dienstliche  Abhangigkeit 
von  dem  Ministerium,  clas  dem  Reichsrath  verantwortlich  ist,  gerathen  mussten. 
Der  Erzherzog-Statthalter,  der  die  Folgen  der  geanderten  Verhaltnisse  er- 
kannte,  huldigte  einer  streng  conservativen  Richtung  und  vertrat  den  reichs- 
einheitlichen  Standpunkt  der  pragmatischen  Sanction;  doch  wollte  er  die  be- 
rechtigten  Eigenthlimlichkeiten  der  Lander  gewahrt  und  geschont  wissen. 
Er  wlinschte  nicht  nur,  dass  alle  Volker  des  Reiches  zu  strenger  Einheit  ge- 
fiigt  und  mit  den  unldslichen  Banden  der  gemeinsamen  Interessen  fest  um- 
schlossen  seien,  sondern  auch,  dass  die  Besonderheiten  aller  Lander  der 
Monarchic  erhalten  und  veredelt  wiirden,  in  der  Ueberzeugung,  dass  die 
Sonderinteressen  der  Theile  unter  der  Macht  der  Gerechtigkeit  und  des  Wohl- 
wollens  einander  nicht  widerstreiten.  Bei  der  hohen  Achtung,  von  der  er  fiir 
die  Majestat  des  Kaisers  erflillt  war,  bei  der  innigen  und  wechselseitigen 
Liebe,  die  ihn  mit  dem  kaiserlichen  Bruder  verband,  bei  dem  strengen  Ge- 
horsam,  mit  dem  er  sich  dessen  Befehlen  unterwarf,  schloss  er  sich  in  den 
schwierigen  Verfassungsfragen  stets  den  Entschliessungen  des  Kaisers  aufs 
innigste  an.  Da  er  die  durch  die  Verfassung  geanderte  Stellung  mit  seiner 
Wiirde  als  Mitglied  des  regierenden  Herrscherhauses  nicht  mehr  vereinbar 
fand,  bat  er  seinen  kaiserlichen  Bruder  urn  Enthebung  von  der  Statthalter- 
schaft  in  Tirol.  Am  11.  Juli  1861  gewahrte  der  Kaiser  die  Bitte  und  sprach 
fiir  die  unter  schwierigen  Verhaltnissen  mit  erprobter  Hingebung  und  Umsicht 
geleisteten  ausgezeichneten  Dienste  zugleich  seinen  anerkennenden  Dank  aus. 
Riihrend  waren  die  Beweise  der  Dankbarkeit  des  Landes  und  besonders  der 
Stadt  Innsbruck  beim  Scheiden  des  geliebteri  Erzherzogs,  der  seinerseits  das 
ihn  vergotternde  Volk  niemals  vergass.  Der  Erzherzog  sah  Tirol  1863  wieder, 
da  er  als  Stellvertreter  des  Kaisers  zur  Jubelfeier  der  soojahrigen  Vereinigung 
Tirols  mit  Oesterreich  erschien.  Zum  zweitenmal  hatte  er  Gelegenheit, 
wiederum  nach  Tirol  zu  kommen,  als  er  vom  Kaiser  1866  entsandt  wurde, 
um  bei  den  Vorbereitungen  zur  Landesvertheidigung  anwesend  zu  sein,  da  die 
Grenzen  wieder  bedroht  wraren.  Es  war  eine  schwere  Zeit.  In  Innsbruck,  wo 
er  am  14.  Juni  abends  ankam,  und  in  der  Burg,  in  der  auch  Kaiser  Ferdinand 
und  Kaiserin  Maria  Anna  residirten,  dieselben  Gemacher  bewohnte,  die  er 
als  Statthalter  inne  hatte,  besichtigte  er  an  den  folgenden  Tagen  die  Schiitzen- 
compagnien,  Stadt  und  Bezirk  Innsbruck,  Stubaierthal,  Lans,  Schwaz,  Ratten- 
berg,  dann  die  Studentencompagnie ,  sowie  die  Tiroler  Freiwillige  Schutzen- 
compagnie  aus  Wien  und  hielt  dabei  begeisternde  Ansprachen.  Vom  20.  Juni 
bis  6.  Juli  bereiste  er  die  Thaler,  um  die  marschfertigen  Compagnien  zu 
ermuthigen  und  die  Aufstelluug  der  noch  in  Bildung  begriffenen  zu  be- 
schleunigen.  Schmerzlich  beriihrt  von  den  betriibenden,  wenn  auch  noch 
unbestimmten  Nachrichten  vom  nordlichen  Kriegsschauplatz,  die  nach  den 
erfreulichen  Meldungen  iiber  den  Tag  von  Custozza  nur  schwerer  empfunden 
wurden,  setzte  er  um  so  eifriger  seine  Thatigkeit  fort.  Fast  niederschmetternd 
aber  wirkten  auf  den  edlen  Prinzen  die  Mittheilungen,  die  er  bei  seiner 
Riickkehr  nach  Innsbruck  vom  Statthalter  erhielt,  wonach  Oesterreich  bereit 
sei,  infolge  der  Schlacht  bei  Koniggratz  Venezien  abzutreten.     Der  Erzherzog 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  451 

Schick te  sich  zur  Heimkehr  an.  Er  fuhr  nach  Penzing,  um  in  Schonbrunn 
vorzusprechen.  Der  Kaiser  befand  sich  in  der  Stadt,  die  Kaiserin  war  in 
aller  Friihe  nach  Ofen  gereist,  um  Verwundete  zu  besuchen.  Erzherzog  K.  L. 
begab  sich  zum  Konige  von  Sachsen,  der  im  Meidlinger  Tract  wohnte.  Bald 
darauf  kam  der  Kaiser,  sichtlich  ergriffen,  und  ging  mit  seinem  Bruder  in 
den  reservirten  Garten  vor  der  Wohnung  der  Kaiserin,  wo  er  lange  Zeit  mit 
ihm  sprach. 

Die  Entwickelung  der  Verfassung,  die  nach  dem  Kriege  1859  ihren  An- 
fang  nahm  und  jetzt  nach  dem  Kriege  von  1866  eine  vorlaufig  abschliessende 
Gestalt  erhielt,  verfolgte  der  Erzherzog  mit  lebhaftem  Interesse.  Nachdem  er 
auf  sein  Amt  als  Statthalter  verzichtet  hatte,  nahm  er  noch  in  demselben 
Monat,  Juli  1861,  an  der  Sitzung  des  Herrenhauses,  in  der  iiber  die  Geschafts- 
ordnung  berathen  wurde,  und  ebenso  im  September  1861  an  der  Berathung 
iiber  die  Aufhebung  des  Lehensverbandes  theil  und  gab  seine  Stimme  in  con- 
servativem  Sinne  ab.  Doch  zog  er  es  spaterhin  vor,  von  dem  Rechte  seiner 
Geburt  und  Stellung  Gebrauch  machend,  seine  Ansichten  in  alien  wichtigen 
politischen  Fragen  unmittelbar  zur  Kenntniss  des  Kaisers  gelangen  zu  lassen. 
Seiner  religiosen  Ueberzeugung  gemass  versaumte  er  es  niemals,  in  den  kirchen- 
politischen  Angelegenheiten  seinen  kaiserlichen  Bruder  in  dem  Sinne  zu  be- 
rathen, dass  er  seine  Anschauungen  liber  die  Rechte  der  Kirche  freimtithig 
ausserte.  Da  seine  Meinung  immer  gerne  einvernommen  wurde,  so  schrieb 
er  in  wichtigen  Fallen  ausftthrliche,  auf  griindlichen  Studien  beruhende  Vor- 
stellungen,  wie  iiber  Congrua,  Civilehe  und  ahnliche  Gegenstande,  und  legte 
so  seinen  eingehend  motivirten  Rath  an  den  Stufen  des  Thrones  nieder. 
Gegeniiber  den  Vertretern  anderer  politischer  Ansichten  verhielt  sich  der  Erz- 
herzog in  ritterlichem  Edelmuth  zuriickhaltend.  In  zweifelhaften  Fallen  kam 
es  vor,  dass  er  die  eigene,  selbst  viel  bessere  Meinung  den  Anschauungen 
anderer  unterordnete.  Doch  trat  er  mit  den  Beweisen  seiner  Dankbarkeit 
gegen  diejenigen  hervor,  die  das  Wohl  des  Staates  nach  conservativen  Grund- 
satzen  gefordert  und  sich  in  leitender  Stellung  Verdienste  erworben  hatten. 
Dem  Minister  Alexander  Freiherrn  von  Bach  bewahrte  er  sein  erkenntliches 
Wohlwollen  und  blieb  mit  ihm  bis  zu  dessen  Tode  in  freundschaftlichem  Vcr- 
kehre.  Mit  dem  feinsinnigen  und  schneidigen  Linzer  Bischof  Franz  Josef 
Rudigier,  dessen  treue  Anhanglichkeit  an  das  Kaiserhaus  er  hochschatzte, 
stand  er  lange  im  Briefwechsel. 

Mit  grosstem  Eifer  widmete  sich  der  Erzherzog  den  auswartigen  Verhalt- 
nissen  und  beniitzte  jede  in  seiner  Sphare  sich  darbietende  Gelegenheit,  die 
aussere  Machtstellung  des  Reiches  zu  fordern.  In  der  Pflege  der  guten  Be- 
ziehungen  zum  Auslande  hatte  er  bemerkenswerthe  Erfolge.  Am  12.  October 
1 861  reiste  er  in  Vertretung  seines  kaiserlichen  Bruders  zur  Feier  der  Kro- 
nung  Wilhelms  I.  als  Konigs  von  Preussen  nach  Konigsberg,  und  begab  sich 
wiederholt  nach  England  und  Frankreich,  sowie  an  verschiedene  Fiirstenhofe 
Deutschlands.  Mit  dem  Prinzen  Albrecht  von  Preussen  war  er  sehr  befreundet 
und  stand  mit  ihm  in  Correspondenz.  Viermal  wurde  der  Erzherzog  nach 
Russland  gesendet.  Er  war  bei  der  Bestattung  des  Czars  Alexander  II.  1881 
zugegen  und  wohnte  1894  der  Beisetzung  des  Czars  Alexander  III.  bei.  Von 
besonderer  Wichtigkeit  aber  waren  die  beiden  Reisen,  die  er  in  freudigeren 
Tagen  mit  seiner  Gemahlin,  Erzherzogin  Maria  Theresia,  nach  Russland  unter- 
nahm,  um  an  der  Feier  der  Kronung  Alexanders  III.  1883  in  Moskau  theil- 
zunehmen  und   um   in   besonderem  Auftrage   1886    einen  Besuch   in  Peterhof 

29* 


45 2  Erzherzog  Karl  Ludwig* 

abzustatten.  Hatte  schon  die  Anwesenheit  bei  der  Kronung,  bei  der  das  erz- 
herzogliche  Paar  durch  Aufmerksamkeiten  aller  Art  ausgezeichnet  wurde,  einen 
auffallenden  Erfolg,  so  hatte  der  Besuch  in  Peterhof  den  besonderen  Zweck, 
die  freundschaftlichen  Beziehungen  Oesterreichs  mit  Russland  noch  inniger  zu 
gestalten  und  das  gute  Einvernehmen  vor  der  Welt  zu  bekunden.  Der  Erz- 
herzog  pfiegte  mit  Befriedigung  auf  das  Ergebniss  dieser  Reise  zuruckzublicken, 
und  freute  sich  des  Erfolges  umso  mehr,  als  diesem  Besuche  absichtlich  nicht 
der  Charakter  einer  officiell en  Sendung  beigelegt  wurde.  Die  innige  Freund- 
schaft  mit  dem  russischen  Kaiserhof,  mit  den  Grossfiirsten  Wladimir  und 
Michael,  wurde  auch  durch  die  Spannung  nicht  getriibt,  die  man  von  anderer 
Seite  in  unverhohlener  Eifersucht  zwischen  den  beiden  Regierungen  hervorrief 
und  bis  zu  einer  gefahrdrohenden  Wendung  zu  steigern  suchte.  Der  Erz- 
herzog  war  auch  sehr  darauf  bedacht,  mit  den  Bevollmachtigten  der  aus- 
wartigen  Staaten  in  Wien  personlich  auf  die  liebenswiirdigste  und  verbind- 
lichste  Weise  zu  verkehren.  Auch  die  Gesandten  des  Kaisers  zeichnete  er 
durch  Ehrungen  aus.  Der  Botschafter  in  Konstantinopel,  Freiherr  von  Calice, 
der  das  besondere  Vertrauen  des  Sultans  geniesst,  wurde  vom  Erzherzog  K.  L. 
immer  in  der  herzlichsten  Weise  empfangen,  so  oft  er  sich  in  Wien  aufhielt. 
Nicht  minder  lag  dem  Erzherzog  die  Wehrkraft  des  Reiches  am  Herzen. 
Ohne  ein  Commando  inne  zu  haben,  betheiligte  er  sich  alle  Jahre  an  den 
Manovern  und  Detailinspicirungen.  Seit  1884  war  er  General  der  Cavallerie 
und  ertheilte  spater  jeden  Sonntag  regelmassig  militarische  Audienzen,  durch 
die  er  alien  hoheren  Officieren  Gelegenheit  gab,  sich  liber  militarische  An- 
gelegenheiten  zu  aussern.  Mit  dem  Feldzeugmeister  Freiherrn  von  Kuhn  stand 
er  in  langjahrigem  Briefwechsel  und  dem  Marinecommandanten  Admiral  Frei- 
herrn von  Sterneck,  den  er  ofter  bei  sich  sah,  erwies  er  die  grossten  Auf- 
merksamkeiten. In  ahnlicher  Weise  ehrte  er  die  Generale  der  Cavallerie 
Grafen  Clam-Gallas,  Seine  Erlaucht  Grafen  Erwin  Neipperg  u.  a.  Hohe 
Verdienste  erwarb  er  sich  urn  die  Armee,  indem  er  als  Protector-Stellvertreter 
der  Vereine  vom  Rothen  Kreuze  und  als  Protector  der  Gesellschaft  vom  Weissen 
Kreuze  eine  stets  eingreifende,  erfolgreich  anregende  Thatigkeit  entfaltete  und 
diese  vorzuglichen  Institute  der  Sanitatspflege  in  einer  ftir  andere  Staaten  muster- 
giltigen  Weise  ausgestaltete.  Er  trat  mit  der  Bundesleitung  und  den  Vereins- 
leitungen  in  personlichen  Verkehr,  indem  er  die  Lander  bereiste,  urn  in  den 
Stand  des  Hilfswesens  Einblick  zu  gewinnen.  Er  ermoglichte  die  Erbauung 
von  Magazinen  ftir  den  Fahrpark  der  Verwundeten-  und  Material-Transport- 
colonnen  im  Prater  auf  einem  Bauplatz,  welcher  Eigenthum  des  Kaisers  ist. 
In  seinem  Palais  in  der  Favoritenstrasse  errichtete  er  eine  eigene  Kanzlei  flir 
den  Dienst  des  Rothen  Kreuzes,  indem  er  zweckmassige  Raume  des  Hauses 
dazu  hergab.  Hier  liefen  alle  Geschaftsstticke  der  Gesellschaft  ein  und  wurden 
vom  Erzherzog  selbst  ohne  Ausnahme  und  unverweilt  erledigt.  Ueber  die 
Oesterreichische  Gesellschaft  vom  Weissen  Kreuze  tibernahm  Erzherzog  K.  L. 
das  Protectorat  am  3.  December  1889,  und  in  den  folgenden  sechs  Jahren 
nahm  die  Gesellschaft  einen  ungeahnten  Aufschwung.  Auf  Betreiben  des  Erz- 
herzogs  wurden  dem  Unternehmen  grosse  Spenden  aus  der  Staatswohlthiitig- 
keitslotterie  zugewendet.  Schon  Ende  1895  waren  sechs  neue  Curhauser  ent- 
standen,  es  hatten  sich  zahlreiche  Zweigvereine  gebildet,  und  das  Vermogen 
der  Gesellschaft  war  auf  mehr  als  das  Doppelte  angewachsen.  Die  Bereisungen 
und  Unterstutzungen,  die  mit  der  Fuhrung  dieser  Protectorate  verbunden 
waren,  verursachten  dem  Erzherzog  personlich  erhebliche  materielle  Opfer  und 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  *  acx 

erheischten  bedeutende  Geldauslagen,  die  der  Erzherzog  aus  seiner  Privatkasse 
ohne  jede  Compensation  bestritt. 

Je  mehr  die  Macht  der  Verhaltnisse  den  politischen  Wirkungskreis  be- 
schrankte,  mit  um  so  grosserer  Hingebung  widmete  sich  der  Erzherzog  den 
hoheren  Aufgaben  des  Culturlebens.  Er  forderte  zunachst  vom  Adel  eine 
mustergiltige  Verwaltung  des  eigenen  Besitzes,  welche  andern  als  Vorbild 
dienen  mlisse.  Er  besuchte  gem  die  gut  administrirten  Herrschaften  der 
Ftirsten  Liechtenstein  in  Vaduz  und  Eisgrub,  Schwarzenberg  in  Krumau, 
Wittingau  und  Frauenberg,  Lobkowitz  in  Raudnitz  u.  a.  Er  wiinschte  weiter, 
dass  die  jlingeren  Talente  den  Studien  oblagen,  um  sich  im  offentlichen 
Leben  nlitzlich  zu  machen,  entweder  in  den  politischen  Verwaltungsdienst  zu 
treten  oder  den  diplomatischen  Beruf  zu  ergreifen,  einer  conservativen  parla- 
mentarischen  Thatigkeit  sich  zu  widmen  oder  sich  an  die  Spitze  irgend  einer 
dem  Gesammtwohl  heilsamen  Bestrebung  zu  stellen.  Er  trat  auch  in  der 
Wintersaison  mit  den  hohen  Familien  in  Ftihkmg,  um  die  Anschauungen  und 
Stimmungen  dieser  Kreise  in  alien  Fragen  des  offentlichen  Lebens  kennen  zu 
lernen.  Meist  verkehrte  er  in  den  Salons  der  Obersthofmeisterin  Grafin 
Goess,  der  Prinzessin  Rosa  Thurn  und  Taxis,  der  Grafinnen  Wilczek-Reischach, 
Clam-Dietrichstein,  Czernin-Paar  und  der  Markgra^n  Pallavicini-Flirstenberg. 
In  den  hohen  civilisatorischen  Aufgaben,  die  er  zu  den  Pflichten  des  Adels 
rechnete,  ging  er  selbst  mit  leuchtendem  Beispiele  voran.  Die  Forderung  der 
Kunst  und  Wissenschaft,  die  Unterstlitzung  der  Industrie  und  des  Handwerks, 
die  Begiinstigung  des  Handels,  die  Hebung  der  Land-  und  Forstwirthschaft, 
die  Bethatigung  der  Nachstenliebe  gegentiber  den  Bediirftigen  gait  ihm  als 
wichtige  Standesobliegenheit,  deren  Erflillung  ihm  nicht  nur  zur  hochsten 
Befriedigung  gereichte,  sondern  auch  als  erste  Forderung  einer  gedeihlichen 
Wirthschaftspolitik  vorschwebte.  Seinen  Kunstsinn  bethatigte  er  durch  seine 
lebhafte  Antheilnahme  an  den  Bestrebungen  der  Genossenschaft  der  bildenden 
KUnstler  Wiens.  Seit  1867  durch  fast  dreissig  Jahre  ftihrte  er  das  Protectorat, 
und  da  er  auch  drei  goldene  Medaillen,  jede  zu  30  Ducaten,  mit  dem  Capital 
von  12000  Gulden  zur  Vertheilung  bei  der  Jahresausstellung  fllr  die  besten 
Leistungen  stiftete,  wird  sein  Andenken  in  der  Wiener  Klinsderschaft  fiir 
immer  fortleben.  Bedeutenderen  Werken  der  Architektur,  Bildhauerei  und 
Malerei  wandte  er  schon  im  Entwurfe  sein  hochstes  Interesse  zu  und  folgte 
der  Ausftihrung  mit  steigender  Aufmerksamkeit.  Er  erschien  in  den  Ateliers 
der  Ktlnstler  und  besuchte  nicht  allein  die  hervorragenden  Meister,  wie  Alt, 
Makart,  Blaas,  Amerling,  Felix,  L'Allemand,  Angeli,  ferner  Kundmann,  Zum- 
busch,  Tilgner  u.  a.,  sondern  suchte  auch  die  in  Bescheidenheit  zuriickgezogenen 
und  vom  Gliicke  minder  beglinstigten  Kunstler  in  deren  Wohnungen  auf. 
Das  Hofburgtheater  erfreute  sich  der  besonderen  Gunst  des  kaiserlichen 
Prinzen.  Er  setzte  Laube  durch  seine  Buhnenkenntniss  in  Erstaunen.  Ueber 
der  Bewunderung  der  alten  Grossen  der  Schauspielkunst,  eines  Anschlitz, 
Lowe,  Laroche,  Fichtner,  versaumte  er  nicht  die  Forderung  der  jlingeren 
Krafte,  der  Wolter  und  Hohenfels,  der  Ktinsderpaare  Gabillon  und  Hartmann 
u.  a.  Er  hatte  die  Gnade,  Sonnenthal  und  Gabillon  gelegentlich  nicht  nur 
in  sein  Haus  zu  laden,  sondern  auch  durch  seinen  Besuch  in  deren  Heim 
auszuzeichnen.  Als  er  1892  liber  die  in  ihrer  Art  einzig  dastehende  Inter- 
nationale Musik-  und  Theaterausstellung  in  Wien  das  Protectorat  libernommen 
hatte,  widmete  er  durch  personliches  Eingreifen  dem  Entwurfe  des  Programmes, 
den   Bauten,    der    Gliederung  der  Referate,    der    finanziellen    Dotirung    um- 


4,54  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

fassende  und  eingehende  FUrsorge.  Auch  Dichtem  war  der  Erzherzog  ein 
Gonner;  oft  verkehrte  er  mitWeilen  und  Redwitz.  Neben  den  KUnsten  ge- 
nossen  auch  die  Wissenschaften  seinen  Schutz.  Als  Protector  der  Krakauer 
Akademie  der  Wissenschaften  (1872)  und  der  Bohmischen  Kaiser  Franz  Josef- 
Akademie  der  Wissenschaft,  Litteratur  und  Kunst  (1890),  als  Ehrenmitglied 
der  Kaiserlichen  Akademie  der  Wissenschaften  in  Wien,  als  Protector  der 
Geographischen  Gesellschaft  bekundete  er  sein  eifriges  Interesse  auf  diesem 
Gebiete.  Er  begUnstigte  Arneth,  Baron  Helfert,  J.  B.  von  Weiss;  er  lenkte 
Hirn  auf  ein  Arbeitsgebiet,  das  bestimmend  ftir  dessen  Richtung  wurde. 
Neben  der  Geschichte  zog  ihn  die  Geographic  besonders  an.  Seine  eigenen 
Reisen,  mochten  sie  nun  durch  Mission  an  fremde  Hofe  oder  durch  Aus- 
tibung  seiner  Protectorate  tiber  Ausstellungen,  wie  1867  und  1878  nach  Paris, 
1883  mit  Erzherzogin  Maria  Theresia  nach  Amsterdam,  1885  mit  der  Erz^ 
herzogin  nach  Antwerpen,  1888  nach  Barcelona,  oder  durch  personlicbes 
Interesse,  wie  mit  dem  Historiker  Weiss  1865  nach  Frankreich,  1872  nach 
Konstantinopel,  1880  nebst  Gemahlin  und  Tochter  Erzherzogin  Margarete 
nach  Sicilien,  1890  mit  Erzherzog  Ferdinand  Karl  ans  Nordcap,  1896  mit 
der  Familie  nach  Aegypten  und  Palastina,  veranlasst  worden  sein,  brachten 
immer  infolge  der  Griiudlichkeit,  mit  der  er  alles  ansah,  und  bei  seinem 
ausserordentlichen  Gedachtnisse  einen  bedeutenden  Ertrag.  —  Die  Forderang 
der  Industrie  und  des  Handels  war  vielleicht  die  erfolgreichste  Thatigkeit  des 
Erzherzogs.  Jedenfalls  leistete  er  als  Protector  der  wichtigsten  Gebiete  der 
Volkswirthschaft  durch  seinen  anregenden  Einfluss  und  sein  thatiges  Eingreifen 
den  wirthschaftlichen  Interessen  der  Monarchic  bedeutende  Dienste.  Es  war 
seine  Ueberzeugung,  dass  die  Arbeit  eine  Nothwendigkeit  und  Pflicht  fiir  alle 
Menschen,  eben  darum  auch  eine  Wohlthat  und  Quelle  des  Gltickes  sei.  Er 
verabscheute  die  hartherzige  Ausbeutung  der  Arbeitskrafte  von  Seiten 
des  Unternehmers  und  verlangte  vom  Fabriksherrn  die  pflichtmassige  Ob- 
sorge  ftir  das  geistige  und  leibliche  Wohl  der  ihm  dienenden  Arbeiter. 
Die  Berndorfer  Metallwaarenfabrik  des  Commercialrathes  Arthur  Krupp 
schien  ihm  in  dieser  Hinsicht  musterhaft.  Besondere  Ftirsorge  widmete 
er  dem  Niederosterreichischen  Gewerbeverein ,  dem  er  schon,  als  noch 
Erzherzog  Franz  Karl  Protector  war,  Beweise  seiner  Gunst  gegeben 
hatte.  Er  gehorte  dem  Verein  als  Griinder  und  seit  19.  Mai  1869  als  Ehren- 
mitglied an.  Zur  Erinnerung  an  den  Tag,  an  dem  er  zum  erstenmal  die 
Vertheilung  der  Preise  flir  hervorragende  Leistungen  der  Arbeiter  vornahm, 
machte  er  1873  eine  Stiftung,  aus  deren  Ertragnisse  gute  Schiller  der  ge- 
werblichen  Fachschulen  alljahrlich  am  27.  September  pramiiert  werden  soil  ten. 
Nach  dem  Tode  seines  Vaters,  der  mehr  als  40  Jahre  Protector  war,  tiber- 
nahm  er  30.  Juni  1878  das  Protectorat,  mit  dem  er  sich  bleibende  Verdienste 
erwarb.  Das  Technologische  Gewerbemuseum  ist  vorzugsweise  als  sein  Werk 
zu  betrachten.  Nur  der  eifrigen  Thatigkeit  des  Erzherzogs  ist  es  zu  danken, 
dass  die  im  Gewerbeverein  aufgetauchte  Idee  der  Grtindung  einer  solchen 
Anstalt  verwirklicht  und  das  Museum  aus  bescheidenen  Anfangen  zu  einer 
grossartigen  Schopfung,  einem  der  vornehmsten  Institute  des  Reiches,  aus- 
gestaltet  wurde.  Auch  dem  Nordbfthmischen  Gewerbemuseum  in^Reichen- 
berg  war  er  als  Protector  gewogen.  Das  Orientalische  Museum,  "das  1873 
aus  der  orientalischen  Abtheilung  der  Weltausstellung  hervorgegangen  war, 
fand  an  dem  Erzherzog  einen  eifrigen  Gonner  und  Beschtttzer.  Er  bemtihte 
sich,  das  Museum  mit  Erweiterung  des  Wirkungskreises  zu  einem  allgemeinen 


Erzherzog  Karl  Ludwlg.  455 

Handelsmuseum  auszubilden  und  ihm  ein  eigenes  Haus  zu  verschaffen.   Er  stellte 
sich  an  die  Spitze  einer  EnquSte,  die  er  zur  Berathung  der  die  Erweiterung  be- 
treffenden  Fragen  einberief.    Er  genehmigte  die  Statuten  des  so  vergrosserten  In- 
stituts,  und  der  Kaiser  bewilligte  am  20.  Mai  1887,  dass  die  Anstalt  den  Namen 
»k.  k.  Oesterreichisches  Handelsmuseum «  fiihre.    Als  der  Anstalt  am  21.  Oct. 
1895    die  Miete    in   dem  Borsegebaude  gekiindigt  wurde,    eroffnete   der  Erz- 
herzog   eine   Subscription  mit  eigener  Zeichnung  und  brachte   in   kurzer  Zeit 
eine  Summe  zustande,  welche  die  Erwerbung  des  friiher  dem  Grafen  Festetics 
gehorigen  Hauses  ermoglichte.     So  ist  das  Handelsmuseum,   das  dem  Tech- 
nologischen    Gewerbemuseum    erganzend  zur  Seite  steht,  gleichfalls  ein  Werk 
des  Erzherzogs.     Auch  die  Standesinteressen   der  Handelsleute    war  der  Erz- 
herzog  zu  schtitzen  und  zu  heben  bereit,  indem  er  1891  das  Protectorat  Uber 
den  Kaufmannischen  Verein  in  Wien  (ibernahm.     Erfolgreich  interessierte  er  sich 
fur  die  Weltausstellungen.    Gelegentlich  der  fur  1867  geplanten  Pariser  Welt- 
ausstellung   wurde    er  fur    die   Betheiligung   Oesterreichs    an   kiinftigen  Welt- 
ausstellungen sowie  fiir  die  Wiener  Weltausstellung  1873  und  sonstige  grossere 
Ausstellungen  zum  Protector  ernannt.    Schon  fur  die  Pariser  Ausstellung  1867 
entwickelte  er  einen  ausserordentlichen  Eifer,  untersttitzt  vom  Grafen  Wicken- 
burg   und   Hofrath  Eitelberger.     Durch   die   drei  Jahre   der  Vorbereitung    fiir 
die   Wiener   Weltausstellung  aber  entfaltete   er   eine   Thatigkeit,   deren   Schil- 
derung  leider  der  hier  bemessene  Raum  nicht  gestattet.    Fiir  die  Beschickung 
der  Ausstellung  in  Philadelphia   1876  und  in  Sydney   1879  eifrig  thatig,    for- 
derte   er  besonders  die  Betheiligung  Oesterreichs   an   der  Pariser  Ausstellung 
1878,  die  er  auch  selbst  besichtigte.     Auch  zu  den  Ausstellungen  in  Amster- 
dam  1883  und  in  Antwerpen   1885   reiste  er  und   1888  besuchte  er  die  Aus- 
stellung in  Barcelona,   womit   er  eine   grossere  Bereisung  Spaniens   und  einen 
Aufenthalt  am  Hofe   in  Madrid   verband.      Lebhaft   interessirte   er   sich   dann 
1893  fur  die  Ausstellung  in  Chicago,  die  von  Erzherzogin  Maria  Theresia  mit 
einem   von    ihr  gemalten   Paravent  beschickt   und   von  Erzherzog   Franz  Fer- 
dinand d'Este  besucht  wurde,  der  seine  Wahrnehmungen  in  seinem  geistreichen 
Prachtwerk   »Tagebuch  meiner  Reise  um  die  Erde«  II,  S.  513  —  523  mittheilt. 
Auch    der  Kleinbetrieb   im   Gewerbe   wurde   durch    den   Erzherzog  gefordert. 
Die  minder   umfangreichen  Special-   und  Regionalausstellungen   schienen   ihm 
zur  Anregung   des   Wetteifers   in   dieser  Richtung    geeignet.      Sein   Verdienst 
ist  die  Grlindung  und  Ausgestaltung  der  mit  dem  Technologischen  Gewerbe- 
museum   verbundenen    Fachschulen,    und    die    nach    Tausenden    ziihlenden 
Schiiler    und   Berathenen    des   Instituts   sind    ihm    zu   Danke    verpflichtet.   — 
Der  Erzherzog  wandte  ferner  auch  dem  Ackerbau  und  dem  Forstwesen  seine 
Aufmerksamkeit    zu.      Er    war    Protector  der   Landwirthschafts-Gesellschaften 
in  Wien  und  Innsbruck,  der  Gartenbaugesellschaft  in  Wien,  der  er  alljahrlich 
zwei  goldene  und  zwei  silberne  Medaillen  zur  Vertheilung  bei  der  Frlihjahrs- 
ausstellung  widmete,  des  niederosterr.  Landes-Obstbauvereins  und  der  Acker- 
baugesellschaft   in  Gorz.      Er  selbst  hatte  Freude  am  Land-  und  Gartenbau. 
In    Artstetten    wie    in    Wartholz    schuf    er    auf   hochst    unglinstigem    Boden 
jene    schonen  Parkanlagen,    die    in    kurzer  Zeit  erstaunlich    gediehen.      Sein 
neu    erworbenes  Gut  Kis-Tapolcsdny    gestaltete  sich    unter    sorgsamer    Ver- 
waltung  in    land-    und    forstwirthschaftlicher   Hinsicht    nach    wenigen    Jahren 
zu    einem   ertragsreicheren    Besitze.      Dem    Bauernstande   in    Tirol   und   Vor- 
arlberg  gab    er    als   Statthalter    viele    Beweise    seiner    Flirsorgc.      Auch     der 
Hauswirthschaft  in  der  Grossstadt,  besonders  der  Frage  der  Wohnungsreform 


4t? 6  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

in  Wien,  wandte  der  Erzherzog  sein  Interesse  zu.  Er  tibernahm  das  Protec- 
torat  iiber  den  Wiener  Cottage-Verein  und  half  demselben  durch  wohlwollen- 
des  Einschreiten  manchen  Nachtheil  abzuwenden.  Unter  seinem  Schutze 
wurde  auch  1883  gelegentlich  der  Gedenkfeier  der  TUrkenbelagerung  der  Park 
auf  der  Ttirkenschanze  in  der  Nahe  der  Cottages  angelegt  und  1888  vom 
Kaiser  eroffhet.  —  Sobald  der  Frtihling  erwachte,  zog  es  den  Erzherzog  hinaus 
auf  seinen  landlichen  Besitz.  Den  grossten  Genuss  hatten  ihm  in  jiingeren 
Jahren  die  Fusswanderungen  in  Tirol  gewahrt,  aber  auch  in  spateren  Jahren 
pflegte  er  von  Wartholz  aus  ttichtige  Marsche  und  Bergtouren  zu  unternehmen. 
Indem  er  den  Bau  eines  Schutzhauses  auf  der  Rax,  das  nach  ihm  benannt 
wurde,  anregte  und  forderte,  trat  er  dem  Oesterreichischen  Touristen-Club 
naher  und  verkehrte  als  Protector  mit  diesem  Verein  in  zwanglosen  Formen 
und  nahezu  famiiiarem  Tone.  —  Von  segensreichem  Erfolge  war  dasWirken 
des  Erzherzogs  auf  dem  Gebiete  der  Nachstenliebe  und  Barmherzigkeit.  Wenn 
die  Bittgesuche  bei  dem  bekannten  Wohlthatigkeitssinn  des  edlen  Prinzen  schon 
immer  tiberaus  zahlreich  waxen,  so  mehrten  sich  die  Ansprliche  an  die  Mild- 
thatigkeit  seit  dem  Tode  des  Kronprinzen,  da  er  als  Thronfolger  nun  auch 
dessen  Clientel  zu  versorgen  hatte.  Was  der  Erzherzog  zu  Lasten  des  eigenen 
Vermogens  an  milden  Gaben  spendete,  dlirfte  sich  auf  eine  Million  Gulden 
belaufen.  In  seinem  Schlosse  Persenbeug  Hess  er  wahrend  des  bosnischen 
Feldzuges  vierzig  Schwerverwundete  pflegen.  Als  Schutzherr  tiberwachte  und 
unterstiitzte  er  das  Erzherzogin-Sophien-Spital  in  Wien  und  das  Margaretinum 
in  Innsbruck,  Anstalten,  die  ihm  in  der  Erinnerung  an  seine  Mutter  und  seine 
erste  Gemahlin  besonders  am  Herzen  lagen.  Als  sich  1890  der  Verein  zur 
Errichtung  und  Erhaltung  einer  klimatischen  Heilanstalt  ftir  Brustkranke  ge- 
bildet  hatte,  gelang  es  ihm,  die  Bestrebungen  des  Vereins  so  zu  unterstiitzen, 
dass  bald  ein  geeignetes  Haus  in  Alland  gebaut  werden  konnte.  Er  forderte 
aufs  wirksamste  den  Verein  zur  Errichtung  von  Seehospizen  und  Asylen  fur 
skrophulose  und  rhachitische  Kinder,  der  unter  dem  Protectorat  der  Erz- 
herzogin  Maria  Theresia  steht,  und  hatte  unter  seinem  besonderen  Schutze 
noch  eine  Reihe  anderer  Wohlthatigkeitsanstalten. 

Von  so  vielseitiger,  rastloser  Thatigkeit  im  Dienste  des  dffentlichen  Wohles 
kehrte  der  Erzherzog  gern  in  den  Kreis  seiner  Familie  zurtick,  in  der  er  stets 
sein  Gltick  und  seine  Zufriedenheit  fand.  Der  Erzherzog  war  dreimal  ver- 
heirathet.  Die  erste  Ehe,  die  nur  zwei  Jahre  dauerte,  blieb  kinderlos.  Als 
Statthalter  vermahlte  er  sich,  23  Jahre  alt,  am  4.  November  1856  zu  Dresden 
mit  Prinzessin  Margarete,  der  am  24.  Mai  1840  geborenen  Tochter  desKdnigs 
Johann  von  Sachsen.  Wahrend  eines  Besuches,  den  sie  bei  Erzherzog  Ferdi- 
nand Max  und  dessen  Gemahlin  Charlotte  in  der  kaiserlichen  Villa  zu  Monza 
abstattete,  erkrankte  sie  an  Typhus  und  starb  nach  zwei  Tagen  am  15.  Sep- 
tember 1858.  Der  Erzherzog,  aufs  tiefste  erschlittert,  trug  sich  mit  dem 
Gedanken,  in  ein  Kloster  einzutreten.  Nach  einem  Besuch  in  Sachsen  bei 
Konig  Johann  reiste  er  nach  Rom,  wo  ihn  Pius  IX.  durch  trostreichen  Zu- 
spruch  aufrichtete.  Nach  dem  Rlicktritt  von  dem  Statthalterposten  ging  er 
eine  Zeit  lang  auf  Reisen,  dann  wurde  das  Augarten  -Palais  filr  ihn  instand 
gesetzt.  Am  21.  October  1862  vermahlte  er  sich  zu  Venedig  mit  Prinzessin 
Maria  Annunziata  von  Bourbon,  der  am  24.  Marz  1843  geborenen  Tochter 
des  Konigs  Ferdinand  II.  von  Neapel  und  Sicilien.  Das  erzherzogliche  Paar 
nahm  zunachst  in  Gorz  Aufenthalt,  weil  der  Erzherzog  seine  Gemahlin  unter 
dem  Einflusse    des    milderen  Klimas    wahrend    des  Winters    auf   das    Leben 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  457 

unter  rauheren  Himmelsstrichen  vorbereiten  wollte.  »Ich  habe  stets  mehr 
Sinn  ftir  solches  Leben  in  Stille  und  Ruhe  gehabt;  daher  verstehe  ich  die 
Freude  daran  und  weiss  es  zu  schatzen.  Hier  in  Gorz  bringen  wir  auch  so 
unser  Leben  zu,  ungestort  von  der  grossen  Welt,  viel  beschaftigt  mit  Lesen 
und  Schreiben;  sonst  auch  mit  Bewegung  in  der  schonen  Natur.  .  .  Wir 
denken  —  so  heisst  es  in  einem  Brief  des  Erzherzogs,  der  damals  an  einer 
Arbeit  iiber  seinen  Aufenthalt  in  Galizien  schrieb,  —  bis  zum  Fruhjahr  hier, 
wo  es  uns  in  der  Stille  eben  sehr  gut  gefallt,  zu  bleiben  und  wollen  dann 
iiber  Wien,  wo  einiger  Aufenthalt  sein  wird,  nach  Artstetten  in  Niederoster- 
reich  .  .  .«  Von  Artstetten,  wohin  sie  Ende  Mai  1863  iibersiedelt  waren, 
gingen  sie  Anfang  October  nach  Wien.  Der  Erzherzog  hatte  hier  1863  von 
dem  Herzoge  Leopold  von  Sachsen-Koburg  das  Haus  in  der  Favoritenstrasse 
kauflich  erworben  und  liess  es  durch  den  Architekten  Friedrich  umbauen. 
Ende  October  fuhr  er  mit  seiner  Gemahlin  nach  Graz  und  blieb  hier  nahezu 
drei  Jahre.  Daselbst  wurden  die  beiden  altesten  Sohne,  Erzherzog  Franz  Fer- 
dinand von  Oesterreich-Este  18.  December  1863  und  Erzherzog  Otto  21.  April 
1865  geboren.  Seit  12.  April  1866  nahm  der  Erzherzog  standigen  Aufenthalt 
in  seinem  neuen  Haus  in  Wien.  Hier  erblickte  der  dritte  und  jlingste  Sohn, 
Erzherzog  Ferdinand  Karl  Ludwig  27.  December  1868  das  Licht  der  Welt. 
Auf  Schloss  Artstetten,  wo  der  Erzherzog  die  Sommermonate  verbrachte, 
wurde  am  13.  Mai  1870  Erzherzogin  Margarete  Sophia  geboren,  die  sich  am 
24.  Januar  1893  mit  Herzog  Albrecht  von  Wlirttemberg  vermahlte.  Schon 
nach  einem  Jahre,  am  4.  Mai  1871,  ward  dem  Erzherzog  die  Lebensgelahrtin 
entrissen,  die  in  dem  jugendlichen  Alter  von  28  Jahren  starb.  Im  folgenden 
Jahre  am  28.  Mai  1872  starb  auch  die  Mutter,  Erzherzogin  Sophie,  im  68. 
Lebensjahre,  und  am  9.  Februar  1873  die  Kaiserin  Karolina  Augusta,  die 
geliebte  Grossmama.  In  den  letzten  Jahren  seit  1867  hatte  der  Erzherzog 
die  Sommerfrische  gern  in  Reichenau  am  Fusse  der  Rax  und  des  Schnee- 
berges  aufgesucht.  Er  baute  sich  in  diesem  Thale,  um  wegen  der  Studien 
der  Kinder  in  der  Nahe  von  Wien  zu  sein,  1872  nach  Ferstels  Planen  die 
Villa  Wartholz.  Am  23.  Juli  1873  vermahlte  er  sich  zu  Heubach  auf  dem 
Schlosse  des  Flirsten  Karl  zu  Lowenstein-Wertheim-Rosenberg  mit  Ihrer  Konig- 
lichen  Hoheit  der  In  fan  tin  Maria  Theresia  von  Portugal,  der  am  24.  August 
1855  geborenen  Tochter  des  Konigs  Dom  Miguel  I.  von  Portugal,  Herzogs 
von  Bragancja.  Die  Trauung  fand  in  der  mit  Fresken  von  Steinle  geschmiickten 
Schlosskirche  zu  Heubach  statt  und  wurde  vom  Bischof  von  Mainz,  Wilhelm 
Emanuel  Freiherrn  von  Ketteler,  unter  grosser  Feierlichkeit  vollzogen.  Mit 
Erzherzogin  Maria  Theresia  kehrte  Gliick  und  Freude  in  Wartholz  ein,  den 
verwaisten  Kindern  erschien  die  liebende  Mutter,  dem  reizenden  Sommersitz 
ward  die  sorgsam  waltende  Herrin.  Wartholz  begrtisste  dann  auch  ofter  die 
Besuche  der  Verwandten  aus  der  Nachbarschaft.  Aus  Frohsdorf  kam  der 
Graf  Chambord,  und  auf  nicht  weit  entfernten  Schlossern  verbrachten  die 
Schwestern  der  Erzherzogin  die  Sommermonate.  In  Wartholz  wurden  die 
beiden  Kinder  der  dritten  Ehe  geboren,  Erzherzogin  Maria  Annunziata  am 
31.  Juli  1876,  Erzherzogin  Elisabeth  am  7.  Juli  1878.  Wahrend  Wartholz  meist 
im  Juni  bezogen  wurde,  bot  das  Schloss  Rottenstein  in  Obermais  bei  Meran 
mit  seinem  herrlichen  Park  fur  die  erste  Friihlingszeit  einen  schonen  Aufent- 
halt. Die  Kaiserin  Karolina  Augusta  hatte  es  in  den  Sechziger  Jahren  ange- 
k  an  ft  und  1866  dem  Erzherzog  K.  L.  iiberlassen.  In  Meran  weilte  im  Frlih- 
jahr  auch  Herzog  Karl  Theodor  in  Bayern,  der  beruhmte  Augenarzt,  mit  seiner 


458  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

Gemahlin  Infantin  Maria  Jos£,    und  die  doppelt  verschwagerten   Herrschaften 
sahen  sich  hier  haufig.  —  Die  Sorge    um  die  Erziehung  und  den  Unterricht 
seiner  Kinder  war  dem  Erzherzog  die  wichtigste  Aufgabe  in  seinem  Familien- 
leben.     Er  verkehrte  personlich  mit  den  Lehrkraften,  besprach  die  Organisation 
des  Unterrichts  und  machte  auf  besondere  Begabung  aufmerksam.     Die  Lehr- 
plane  der  offentlichen    Anstalten    wurden    zugrunde    gelegt.     Fiir    besondere 
weitere  Ausbildung  wurde  ein  Plan  angefertigt  und  vom  Erzherzog  selbst  er- 
wogen  und  besprochen.     Der    Erzherzog  besuchte    die  Lehrstunden   in  alien 
Gegenstanden  h&ufig  und    blieb  bisweilen  zwei,    selbst  drei  Stunden  bei  den 
Lectionen,    Fragen    stellend    und    Bemerkungen    einstreuend.      Ausser    dem 
Religionsunterricht  widraete  er  dem  Unterricht  in  der  Universalgeschichte  und 
in  der  Geschichte  Oesterreichs  hohes  Interesse.     Besonderen  Antheil  nahm  er 
auch  am  Unterricht  in  der  Geschichte  der  Kunst  und  Litteratur.     Bei  seiner 
grossen    Vorliebe    ftir    das  Theater    drang  er  darauf,    dass    die  dramatischen 
Meisterwerke    aus  der  Aufftihrung    im    Burgtheater    kennen    gelernt    wtirden. 
So  grosse  Freude  es  ihm  machte,  eine  Tochter  ins  Theater  fiihren  zu  konnen, 
so  strenge    waren    er   und    seine  Gemahlin    in  der  Auswahl  der  Stticke.     Er 
sah  es  gem,    wenn  bei    festlichen  Anlassen    in  Wartholz    die  erzherzoglichen 
Kinder  auf   der  Hausblihne    ein  Theatersttick  auffiihrten   oder  auch  nur  eine 
Gelegenheitsdichtung  vortrugen.     Er    war  der  Ansicht,    dass  die  Jugend  sich 
auf  diese  Weise  an    den  Vortrag  vor    einer  aufmerksamen  Zuhorerscbaft  ge- 
wohne  und  in  das  Verstandniss  der  Dichtung  einlebe.     Er  hielt  viel  auf  das 
Erlernen  der  Sprachen  der  grossen  CulturvOlker  wie  der  Landessprachen  des 
Reiches,  und  freute  sich  der  Erfolge  im  Zeichnen    und  Malen.     Dabei  ward 
auf  korperliche  Ausbildung  durch  Reiten,  Turnen,  Schwimmen,    Schlittschuh- 
laufen     und     Lawn-Tennis    Bedacht    genommen.     Aus     einem    Vorarlberger 
Bauernhaus   der  Wiener  Weltausstellung  errichtete  der  Erzherzog  beim   Ort- 
bauer  den  Karlshof,   in  dem  sich  die  Kinder  bisweilen  ohne  Bedienung  auf- 
halten  und  allein  behelfen  sollten.  —  Die  eigene  Tageseintheilung  war  genau 
geregelt.     Seit    1863  fiihrte   er  ein  Tagebuch,    in  das  er  die  Vorkommnisse 
des  vergangenen  Tages  eintrug  oder  durch  den  Secretar,   Leibjager,  Kammer- 
diener    nach    seinen    Dictaten    einschreiben    Hess.     Wahrend    seiner   Todes- 
krankheit    fiihrte    er  es  bis  zum  13.  Mai.      An  diesem  Tage  beschaftigte  ihn 
der    Gedanke,    nach    Schonbrunn     tibersiedeln    zu    konnen.      Ftirst    Rudolf 
Liechtenstein  sei  vom  Kaiser  aus  Budapest  gesandt  worden,  um  die  Wtinsche 
in  dieser  Hinsicht  entgegenzunehmen;  die   Kaiserin    sei    gekommen,    sich   zu 
erkundigen;  Erzherzogin  Maria  Theresia  sei  mit  der  Altgrafin  Gabrielle  Salm 
nach  Schonbrunn  gefahren  und  habe  nach  der  Riickkehr  von  den  Wohnungs- 
verhaltnissen  gesprochen  ebenso  wie  Dr.  Rollett,  der  die  Raume  dort  gleich- 
falls    angesehen   habe.      »Ftir    mich    grosse   Beruhigung,    um    bald  von    hier 
wegzukommen,    als  Uebergang    nach  Wartholz. «     Die  Aufzeichnungen    dieses 
Tages  schliessen    mit    den  Worten:     »M.  Th.  —  bei    mir.     Frtih    mich    zur 
Ruhe  begeben.«     Sammtliche  Jahrgange    des  Tagebuchs  sind   im  Besitze  des 
Erzherzogs  Ferdinand  Karl.  —  Mit  Aufmerksamkeit  tiberwachte  der  Erzherzog 
die  Oekonomie  in  seinem  Hauswesen.     Wahrend  die  Anforderungen  der  Re- 
prasentation,  der  Protectorate  und    der  Wohlthatigkeit  schwere  Lasten  aufer- 
legten,  stellte  der  Erzherzog  wie  seine  Gemahlin  Erzherzogin  Maria  Theresia 
die  geringsten  Ansprtiche    an    das  Leben,   und    auch    in    der  Erziehung    der 
Kinder   wurde   zu   haushalterischem  Verbrauch   der   vorhandenen    Mittel    an- 
geleitet. 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  459 

Wo  immer  der  Erzherzog  waltete,  gab  er  sich  mit  seinem  ganzen  Wesen, 
indem  er  ebenso  sehr  seine  warme,  geflihlvolle  Theilnahme,  wie  seinen  pflicht- 
gemassen,  sachlichen  Eifer  bekundete.  Bewundernswerth  war  sein  strenges 
Pflichtgefiihl ,  bekannt  seine  Aufmerksamkeit  und  Herablassung  in  Audienzen 
und  Versammlungen,  seine  Ausdauer  und  Geduld  bei  Besichtigungen  in  Aus- 
stellungen  und  bei  Besuchen  in  Fabriken  und  Ateliers.  Mit  grosser  Vorsicht 
bildete  der  Erzherzog  sein  Urtheil.  Er  horte  die  Meinungen  anderer,  dann  erst 
legte  er  sich  auf  Grund  eigener  Beobachtung  seine  Ansicht  zurecht.  Kamen 
Personlichkeiten  in  Betracht,  so  wusste  er  sein  Urtheil  so  zu  fassen,  dass  es 
nicht  verletzte.  Seine  Urtheile  pflegten  als  zutreffend  und  gerecht  empfunden 
zu  werden.  Niemals  drangte  er  seine  Meinung  auf,  nie  stellte  er  sie  kate- 
gorisch  hin.  Bei  Personen,  die  sein  Vertrauen  besassen,  ausserte  er  sich  gern 
mit  Offenheit.  Er  Hess  sich  bereit  finden,  ein  Urtheil  in  die  That  umzusetzen, 
wenn  man  damit,  ohne  jemandem  zu  schaden,  einen  Nutzen  erzielte,  und 
trat  fur  alle  Folgen  mit  dem  Gewichte  seines  Ansehens  ein.  Der  Erzherzog 
hatte  ein  zartes,  emptangliches,  warmes  und  tiefes  Gemtith.  Er  zollte  gern 
Anerkennung  und  erwies  treue  Dankbarkeit.  Wer  ihm  einen  Dienst  leistete 
oder  eine  angenehme  Ueberraschung  bereitete,  durfte  auf  seine  Erkenntlichkeit 
rechnen.  Er  ftihrte  eine  vornehme,  liebenswiirdige  Conversation  und  horte 
sie  gern  von  andern;  er  bemtihte  sich,  im  Gesprach  immer  zu  fordern  und 
zu  ermuntern,  zu  interessiren  und  anzuregen.  Er  liebte  dabei  auch  einen 
heiteren  Ton,  und  mancher  hat  wohl  durch  gesellige  Unterhaltung  bei  ihm 
Gefallen  gefunden.  Er  hielt  auf  die  hergebrachte  Etiquette,  doch  wusste  er 
deren  Harten  durch  personliche  Liebenswiirdigkeit  zu  mildern.  Der  Erzherzog 
war  das  Muster  eines  pflichteifrigen  Familienvaters ;  seine  Gemahlin  wie  seine 
Kinder  liebte  er  uber  alles.  Er  war  das  Beispiel  eines  treuen  Unterthans; 
seinem  kaiserlichen  Bruder  war  er  mit  der  innigsten  Anhanglichkeit  und 
warmsten  Liebe,  in  aufrich tiger  Verehrung  und  strengem  Gehorsam  ergeben. 
Er  war  tief  religios,  fromm  und  iiberzeugungstreu.  Er  ging  oft  zu  den  Sa- 
cramenten,  und  nie  trat  er  eine  Reise  an,  ohne  gebeichtet  zu  haben;  stets 
hatte  er  sein  Leben  und  sein  Handeln  Gott  anvertraut.  Gegen  Anders- 
denkende  war  er  tolerant,  und  als  guter  Katholik  unterschied  er  den  Irrthum 
von  dem  Irrenden. 

Eine  Reise  nach  Palastina  war  der  hochste  Wunsch  seines  Lebens.  Als 
Erzherzog  Franz  Ferdinand  von  Este  zur  Erholung  nach  seiner  langen  Welt- 
reise  einen  Winter  in  Oberagypten  verbrachte,  entstand  das  Verlangen,  den 
Sohn  wahrend  seines  Aufenthaltes  in  Assuan  zu  besuchen  und  mit  der  Reise 
nach  Aegypten  eine  Fahrt  nach  Palastina  zu  verbinden.  Frohen  Herzens  trat 
Erzherzog  K.  L.  mit  seiner  Gemahlin,  Erzherzogin  Maria  Theresia,  seinem 
jiingsten  Sohn,  Erzherzog  Ferdinand  Karl,  und  den  Tochtern,  Erzherzoginnen 
Annunziata  und  Elisabeth,  am  21.  Januar  1896  die  Reise  an.  Am  26.  kamen 
sie  in  Alexandrien  an  und  bentitzten  die  Nilfahrt  zugleich  zur  Besichtigung  der 
Denkmaler  des  alten  Wunderlandes.  Begliickend  war  das  Wiedersehen  mit 
Erzherzog  Franz  Ferdinand,  dessen  vortreffliches  Aussehen  und  Befinden 
grosse  Freude  machte.  Bis  Assuan  erstreckte  sich  die  Nilreise  und  nach 
langerem  Aufenthalte  in  Kairo  verabschiedete  sich  Erzherzog  K.  L.  mit  Ge- 
mahlin und  Tochtern  von  beiden  Sohnen  am  4.  Marz  1896,  um  liber  Ismailiya 
und  Port  Said  nach  Palastina  zu  reisen.  Der  Erzherzog  umarmte  seinen 
altesten  Sohn  Franz  Ferdinand,  der  erst  viel  spater  die  Heimkehr  antreten 
sollte,    wiederholt;    er    sah   ihn   hier    zum  letztenmal.     Die   Reise    ging    Uber 


460  Erzherzog  Karl  Ludwig. 

Beirut  nach  Damaskus,  dann  von  Beirut  tiber  Jaffa  nach  Jerusalem.  Am 
18.  Marz  ward  die  Via  dolorosa  begangen,  am  19.  die  Reise  nach  Bethlehem, 
zum  Todten  Meere  und  nach  Jericho  gemacht.  Am  21.  Marz  kam  der  Erz- 
herzog  sammt  den  Reisegenossen  frohen  Muthes  und  in  bestem  Wohlsein 
Uber  Bethania  zu  Pferde  in  Jerusalem  an  und  besprach  noch  am  Abend  um 
8  Uhr  mit  dem  Rector  des  osterreichischen  Pilgerhauses  den  Plan  fUr  die 
weiteren  Besichtigungen.  Sonntag,  22.  Marz,  begaben  sich  alle  in  die  Kirche 
des  heil.  Grabes,  und  nachmittags  machten  sie  eine  Ausfahrt  nach  den  ost- 
lich  von  Jerusalem  gelegenen  HeiligthUmern  und  dem  Oelberg.  Als  die  Sonne 
schon  untergegangen  war,  kehrten  sie  von  Bethania  zu  Wagen  nach  Jerusalem 
zuriick.  Generalconsul  Cischini  war  zum  Diner  geladen,  und  der  Erzherzog 
unterhielt  sich  sehr  angenehm  mit  ihm.  Um  |n  Uhr  begab  sich  der  Erz- 
herzog, von  den  Besichtigungen  ermtidet,  zur  Ruhe.  Als  er  sich  am  folgen- 
den  Morgen,  Montag,  23.  Marz,  erhob,  fUhlte  er  sich  etwas  unwohl.  Er  ging 
jedoch,  wie  er  schon  bestimmt  hatte,  frtth  in  das  Hospiz  und  empfing  da- 
selbst  die  Sacramente.  Er  frtihstiickte  im  Salon  des  Pilgerhauses  eine  Cho- 
colade,  die  ihm  sehr  mundete.  Darauf  begab  er  sich  mit  dem  Rector  in 
die  h.  Grabkirche,  wo  sich  die  Damen  befanden.  Es  wurden  an  diesem 
Tage  noch  der  Tempelplatz  mit  der  Sachrl  -  Moschee  und  der  Basilika 
Mariae  Opferung  (El  Aksa),  so  wie  die  Annakirche  nebst  dem  Institut 
der  Weissen  Vater  besucht  und  ein  Ausflug  nach  St.  Johann  im  Gebirge 
unternommen.  Dienstag,  24.  Marz,  erfolgte  die  Abreise  nach  Jaffa,  wo  unter 
ungUnstigen  Witterungsverh&ltnissen  die  »  Thalia*  bestiegen  wurde,  die  nach 
Smyrna  in  See  ging.  Das  Unwohlsein,  das  ohne  jede  erkennbare  aussere 
Ursache  sich  eingestellt  hatte,  entwickelte  sich  als  Enteritis,  die  in  milder 
Form  auftrat,  jedoch  einen  schleppenden  Verlauf  nahm.  Der  Schiffsarzt  wid- 
mete  dem  Erzherzog  sorgfaltige  Pflege  und  verblieb  im  Gefolge  bis  zur  An- 
kunft  in  Wien.  Die  Ostertage,  vom  29.  Marz  bis  6.  April,  warden  in  Smyrna 
verbracht,  die  folgende  Woche,  vom  Osterdienstag,  7.  April,  bis  Samstag,  einem 
Besuch  der  koniglichen  Familie  in  Athen  und  den  Besichtigungen  der  Alter- 
thiimer  daselbst  gewidmet.  Am  11.  April  wurde  auf  Korfu  Ihrer  Majestat 
der  Kaiserin  Elisabeth  im  Schlosse  Achilleion  ein  Besuch  abgestattet  und 
dann  Uber  Pola  die  Rtickreise  nach  Wien  angetreten,  wo  die  Ankunft  am 
17.  April  abends  erfolgte.  Der  Hausarzt  des  Erzherzogs,  Regierungsrath 
Dr.  Rollett,  libernahm  sofort  am  18.  die  arztliche  Behandlung.  Doch  konnte 
der  Erzherzog  Ausfahrten  machen  und  Audienzen  ertheilen.  Am  24.  April 
begab  er  sich  mit  Erzherzogin  Elisabeth  ins  Oesterreichische  Museum,  wo  er 
nochmals  die  Congressausstellung  sah,  und  abends  fuhr  er  mit  Erzherzogin 
Annunziata  ins  Hofburgtheater,  wo  »Schach  dem  K6nig«  gegeben  wurde.  Spat 
am  Abend  des  24,  trat  die  erste  Fieberbewegung  auf,  und  als  am  folgenden 
Morgen  die  Temperaturmessung  38.3  °  ergab,  Hess  Erzherzogin  Maria  Theresia 
auch  den  Hofrath  Baron  Widerhofer  und  dann  den  Professor  Neusser  berufen. 
Doch  verschlimmerte  sich  die  Krankheit  und  hatte  eine  fortschreitende  Ab- 
nahme  der  Krafte  zur  Folge,  die  den  Tod  herbeifiihrte.  Seine  Gemahlin, 
Erzherzogin  Maria  Theresia,  war  Tag  und  Nacht  nicht  von  seinem  Bett  ge- 
wichen ;  ihre  sorgsame  und  geschickte  Pflege,  neben  welcher  er  keine  andere 
pflegende  Hand  duldete,  hatte  ihn  mit  solchem  Vertrauen  erfilllt,  dass  er  auf 
Genesung  hoffte,  und  erst  als  die  bedrohliche  Herzschwache  ein  trat,  sah  er 
voll  Ergebung  und  wohlvorbereitet  dem  Tode  entgegen. 


Erzherzog  Karl  Ludwig.  461 

Briefe  des  Erzherzogs  an  Johann  von  Wittek,  Grafen  Franz  Coronini,  Grafen  Karl 
Coronini,  Karl  Mosch,  Grafen  Moriz  Dzieduszycki.  Actcn  der  Statthaltereien  in  Lemberg 
(Mosch)  und  Innsbruck  (Mayr).  Acten  des  erzherzoglichen  Secretariats.  Tagebuch  des 
Erzherzogs.     MUndliche  Berichte  und  eigene  Erlebnisse. 

Bticher:  Hans  von  Perthaler's  Auserlesene  Schriften,  hrsg.  von  A.  Mayr.  Wien  1883. 
I.  368.  —  Wolfsgruber,  Cardinal  Rauscher.  Freiburg  i.  B.  1888.  —  Zobl,  Vincenz  Gasscr, 
Flirstbischof  von  Brixen.  Brixen  1883.  —  Wurzbach,  Biogr.  Lex.  —  Erzherzog  Karl  Ludwig 
1833 — 1896.  Ein  Lebensbild,  hrsg.  von  A.  von  Lindheim.  Wien  1897.  —  Weiss,  Weltge- 
schichte,  5.  Aufl.  II.  Band   1896,  Vorw.     6.  Aufl.  I.  Bd.  Vorw. 

Franz  Weihrich. 


Zusfttze. 


Zu  S.  79  —  81.  Zu  den  Nekrologen  Uber  Hoffory  vgl.  den  seither  im  Goethe- 
Jahrbuch,  XIX.  Band,  1898,  veroffentlichten  Nachruf  von  Richard  M.  Meyer  (I.  c. 
318-320). 

Zu  S.  295—304.  Zu  den  Quellen  des  Wol  ter-Nekrologes  vgl.  den  seither  im 
Jahrbuch  der  Grillparzer-Gesellschaft  (redigirt  von  Carl  Glossy.  Achter  Jahr- 
gang,  Wien  1898)  verftffentlichten  Nachruf  von  J.  Minor  (184 — 211). 

Zu  S.  304  und  386.  Durch  ein  Versehen  wurde  der  Artikel  Petzold  zweimal,  als 
Petzold  Wilhelm  vom  Fachreferenten  und  als  Petzold  Karl  Wilhelm  vom  Provinzial- 
referenten,  behandelt;  dabei  wird  als  Geburtstag  einmal  der  8.,  das  anderemal  der 
9.  Februar  1848  angegeben;  Birschens  Litteraturkalender  verzeichnet,  wohl  nach  Petzolds 
eigenen  Mittheilungen,  den  9.  Februar  als  Geburtstag. 


L)  Alphabetisches  Namenverzeichniss 

zum 

Deutschen  Nekrolog  vom  i.  Januar  bis  31.  December  1897. 


Name 

Verfasser 

Seit 

Adamy,  Heinrich 

Wutke 

191 

Ahlefeld,  Karl  Wilhelm  v. 

Joh.  Sass 

407 

Albedyll,  Emil  v. 

B.  Poten 

35 

Alphons,  Theodor 

G.  Gluck 

189 

Althaus,  Friedrich 

Fran*  Brummer 

36 

Arneth,  Alfred  Ritter  v. 

Hans  Schlitter 

136 

Auerbach,  Leopold  A. 

Paget 

34 

Baare,  Louis 

Dr.   W.  Beumer 

235 

Bach,  Franz  Theodor 

Franz  Brummer 

310 

Baechtold,  Jakob 

Theodor   VetUr 

10 

Bargiel,  Woldemar 

Rob.  Eitner 

116 

Bardey,  Ernst 

W.    Wolkenhauer 

292 

Barres,  Julius  von  Vallet  des 

B.  Poten 

42 

Bassermann,  Anton 

F  v.   Weeck 

280 

Bauer,  Julius  Bruno 

P.  Zimmcrmann 

323 

Baumgarten,  Johannes 

W.   Wolkenhauer 

294 

Behr,  Heinrich 

Rob.  Eitner 

"7 

Bender,  Hermann 

Rudolf  Krauss 

103 

Bercht,  Ludwig  Julius 

P.  Zimmermann 

363 

Berger,  Mathias 

Hyac.  Holland 

164 

Bergstraesser,  Arnold 

H.  Ellissen 

194 

Berlin,  Rudolf 

Paget 

39 

Bernays,  Michael 

Erich  Petzet 

338 

Bernhardi,  Otto  v. 

B.  Poten 

49 

Beytenmiller,  Theodor 

Rudolf  Krauss 

104 

Bezzola,  Andreas 

Dr.  Hans   Weber 

44 

Birkmeyer,  Fritz 

Hyae.  Holland 

166 

Bode,  Richard  Werner 

322 

Boer,  Oskar 

Paget 

40 

te. 


Inhalt. 


463 


Name 
Boltenstern,  Konstantin  v. 
Bradke,  Peter  v. 
Brahms,  Johannes 
Brand,  Ernst 
Breitenlohner,  Jakob 
Brink,  ten  Karl 

Brodkorb,  Karl  W  i  1  h  e  1  m  Julius  Theodor 
Brulliot,  Karl 
Buchner,  Ludwig  Andreas 
BUlow,  Hans  Julius  Adolf  v. 
BUrkner,  Hugo  Leopold  Friedrich  Hein- 

rich 
Burchardt,  Max 
Burckhardt,  Jacob  Christoph 

Catty,  Adolf  Freiherr  v. 
Chorinsky,  Karl  Graf 


Verfasser 
A  Poten 
Hermann  Haupt 
Richard  Heuberger 
Pagel 

F.  v.   Weech 

P.  Zimmermann 

Alfred  Freiherr  v.  Afensi 

Pagel 

B.  Poten 


Pagel 

H    Trog-Basel 

A:    Wollanka 


S  e  i  t  e. 

50 

177 

90 

48 
241 
281 
360 
237 

49 

53 

188 
52 
54 

392 
326 


Dalwigk,  Reinhard  Ludwig  Karl  Gus- 

tav  Freiherr  v. 
Dannenberg,  Clemens  Freiherr  v. 
Davidsohn,  George 
Deecke,  Wilhelm 
Degen,  Ludwig 
Diez,  Johann  Christoph 
Diez,  Nikodemus 
Duncker,  Alexander  Friedrich  Wilhelm       H  Ellissen 


Dr.  Reinhard  Mosen 
B.  Poten 
Franz  Brummer 
Franz  Brummer 


181 
76 
36 
321 
285 
284 
284 
194 


Ehrlich,  H.  Wilhelm 
Eichhoff,  Joseph  Freiherr  v. 
Einsle,  Anton 
Engelhorn,  Julius 
Engerth,  Eduard  Ritter  v. 
Eyferth,  Oscar  Bruno 


Franz  Brummer 
Heinrich  Adler 
H  Ellissen 
H  Ellissen 
G.  Gluck 
P.  Zimmermann 


43 
319 
207 
226 

393 

37o 


Fabrice,  Friedrich  v. 
Fischer,  Johann  Georg 
Fraas,  Oscar  v. 
Franz,  Hermann 
Fresenius,  Carl  Remigius 
Fuchs,  Wilhelm 


B.  PoUn 
Rudolf  Krauss 
Rudolf  Krauss 

Heinrich  Fresenius 
Ernst  Fuchs 


11 
129 
146 

324 
248 

244 


Gatke,   Heinrich 

Gemehl,  Berthold 

Gerhard,  Johannes  Dietrich  Adolar 

Coegg,  Amand 

Goldschmidt,  Levin 

Goltz,  Cuno  Freiherr  von  der 


Joh.  Sass 

Franz  Brummer 
Franz  Brummer 
Dr.  Karl  Adler 
B.  Poten 


409 

283 
320 

44 
119 

83 


464 


Inhalt 


Name 

Verfasser 

S  e  i  t  e, 

Grammann,  Karl 

Robert  Eitner 

118 

Grillenberger,  Karl 

Alexander  Meyer 

224 

Grogler,  Wilhelm 

Hyac.  Holland 

173 

Gllnther,  Otto  Ferdinand 

Rob.  Eitner 

119 

GUterbock,  Paul 

Paget 

75 

Hahn,  Friedrich  v. 

Dr.  Rehbein 

162 

Haldenwang,  Otto  v. 

Rudolf  Krauss 

148 

Hammer,  Karl 

335 

Happe,  Franz  Engelbert 

Franz  Brummer 

51 

Hartmann,  Karl  Alfred  Emanuel 

M.  Gisi 

124 

Hecker,  Karl 

Rudolf  Krauss 

H9 

Heidenhain,  Rudolf  Peter  Heinrich 

Paget 

75 

Heiser,  Wilhelm 

Rob.  Eitner 

122 

Henzler,  Christian  v. 

Rudolf  Krauss 

275 

Herbig,  Max 

If.  Ellissen 

211 

Herpfer,  Karl 

Hyac.  Holland 

176 

Herz,  Karl 

Alexander  Meyer 

223 

Hess,  Karl 

Rob.  Eitner 

123 

Hieber,  Otto 

Alfred  Freiherr  v.  Mensi 

238 

Hirschberger,  Traugott 

Alexander  Meyer 

223 

Hirt,  Johann  Christian 

Hyac.  Holland 

175 

Hirzel,  Ludwig 

Daniel  Jacoby 

401 

Httchl,  Anton 

Hyac.  Holland 

183 

Hoefler,  Constantin  v. 

Adolf  Bachmann 

209 

Hoflbry,  Johann  Peter  Julius 

Wilhelm  Ranisch 

79 

Hofmann,   Eduard  v. 

Paget 

Si 

Hofmann,  Franz 

Leopold  Pfaff 

157 

Hollander,  Ludwig  Heinrich 

Paget 

82 

Holleben,  Bernhard  v. 

B.  Poten 

85 

Holstein,  Conrad  Graf  v. 

yoh.  Sass 

408 

Hoist  en,  Karl 

A.  Hansrath 

4 

Huter,  Victor 

Paget 

82 

Janke,  Richard 

H.  Ellissen 

226 

Joest,  Wilhelm 

IV.    Wolkenhauer 

293 

Kahnt,  Christian  Friedrich 

Robert  Eitner 

'23 

Kaiser,  Victor 

M.  Gisi 

1S1 

Katz,  Fr. 

360 

Keller,  Franz 

H.  Holland 

230 

Klasing,  August 

H.  Ellissen 

212 

Klee,  Elisabeth 

Franz  Brummer 

3<>9 

Klemm,  Alfred 

Rudolf  Krauss 

276 

Klinkhardt,  Bruno 

H.  Ellissen 

208 

Kneipp,  Sebastian 

Hyae.  Holland 

218 

Knosp,  Rudolf  von 

Rudolf  Krauss 

277 

Kober,  Fianz  Quirin 

Rudolf  Krauss 

276 

Inhalt. 


465 


Name 
Kocb,  -Eduard  Friedrich 
Koehler,  Karl  Franz 
Kopp,  Karl 

Kosjek,  Gustav  Freiherr  v. 
Kothe,.  Bernhard 
Kottwitz,  Hugo  Freiherr  v. 
Kovacs,  Josef 

Kraatz-Koscblau,  Alexander  v. 
KraflV  W i  1  h  e  1  m  Ludwig 
Krancfee,  Theodor 
Krez,  Konrad 
Krojop,  Franz 

Leoprechting,  Marquard  Freiherr  v. 
Liebenow,  Wilhelm 
Linde,.  Antonius  van  der 
Lobstein,  Friedrich  Eduard 
Loenartz,  Jakob 
Lossow,  Heinrich 
Llltsow,  Karl  v. 

Mai,  Emanuel 

Malcher,  Franz  Xaver 

Marees;  Wilhelm  Ludwig  de 

Marmf,  Wilhelm 

Marquardsen,  Heinrich  v. 

Martiny,  Friedrich 

Mayr,  Ambros 

Meiuel,  Karl 

Mertens,  Franz 

Meyer,  Jflrgen  Bona 

Michael,  J. 

Mitterwurzer,  Anton  Friedrich 

Mttder,  Auguste 

Moeriqke,  Wilhelm 

Mohr,  Karl 

Mliller,  Ferdinand  Gottlob  Jakob  v. 

MUller,  Wilhelm 

Nehls,  Johann  Christian 
NeippeTg,  Erwin  Graf  v. 
Newald,  Julius  v. 
Nordlinger,  Hermann  v. 
NUscheler,  Arnold 

Oertel,  Max  Josef 

Otto,  Carl 

Otto-Jhate,  Karoline  Chrtstiane 

Palme,  Augustin 
Peterf#  Carl  Lorenz 

Biogr.  Jahrb.  u.  Deutscher  Nekrolog.    2.  Bd. 


Verfasser 

Seit 

H.  Ellisscn 

?*7 

H.  Elissen 

227. 

Rtulotf  Krauss 

278 

Heinrich  Adlcr 

308 

Rob.  Eitner 

.123 

B.  PoUn 

85 

Ptgel 

82 

B.  PoUn 

.86 

Koklschmidt 

^85 

357 

Franz  Brummer 

5i 

Robert  Eitner 

128 

Hyac.  Holland., 

186 

W.   Wolkenhauer 

295 

H  Bohaita 

256 

Franz  Brummer 

87 

Bauer 

357 

Hyac.  Holland 

187 

G.  Gluck 

191 

Paul  SchUnther 

25 

H.  Bohatta 

257 

Franz  Brummer 

78 

Paget 

96 

H.  Rehm 

4ir 

Alexander  Meyer 

.223 

338 

Kerler 

221 

Mff. 

355 

Tkeodor  Lipps 

397 

Paget 

97 

Eugen  Guglia 

109 

Franz  Brummer 

.  78 

rV.   Wolkenhauer 

30s 

//  Ellissen 

212 

Rud.  Krauss 

286 

Rob.  Eitner 

,'°5 

332 

H.  Friedjung 

3*5 

—  a — 

179 

Rudolf  Krauss 

-  287 

J.  R.  Rahn 

3' 

Paget 

97 

Dr.   W.  Beumer 

233 

P.  Zimmermann 

362 

Hyde*  Holland 

2'3 

MuhlhUusstr 

,        383. 

30 


466 

Name 
Peters,  Fritz 
Petri,  Wilhelm  Joseph 
Petxold,  Wilhelm 
Petxold,  Wilhelm 
Pfeiffer,  Franz 

Pfotenhauer,  Friedrich  Paul 
PlUddcmann,  Martin 
Preyer,  Thierry  William 
Plickert,  Wilhelm 

Ram  an  n,  Bruno 

Regebauer,  Eugen  v. 

Reimer,  Ernst  Heinrich 

Reitzenstein,  Friedrich  Freiherr  v. 

Richter,  Albert 

Richter,  Albert 

Rittershaus,  Emil 

Rontgen,  Engelbert 

Romann  Albrecht 

Rosenthal -Bonin,  Hugo 

Rothplctz,  Christian  Emil 

Rupp,  Adolf 

Ruthner,  Anton  v. 

Rziha,  Franz  v. 

Sachs,  Julius  v. 

Sanger,  Dominik 

Saxinger,  Johann 

Sallentien, Karl  Heinrich  Lud  wigEduard 

SalzmAnn,  Max 

Schachtmeyer,  Hans  v. 

Schepss,  Georg 

Schleis  von  Lbwenfeld,    Max  Josef 

Schrnetz,  Johann  Paul 

Schneidt,  Laura 

Schonherr,  David  R.  v. 

Schdnlank,  William 

Schdnn,  Alois 

Schlltze,  Theodor  Reinhold 

Schulz,  Ferdinand 

Schumann,  Albert 

Schwartz,  Joh".  Albert 

Seebach-Niemann,  Marie 

Seramig,  Friedrich  Hermann 

SenfTt  v.  Pilsach  Friedrich  Moritz  Adolf 

Sievert,  Auguste 

Simigihowicz-Staufe,  Ludwig  Adolf 

Sohncke,  Leonhard 

Sophie,  Grosshcrzogin  v.  Sachsen-Weimar 


Ifthtlt. 


Verfasser 

Seite 

Karl  Theodor  Gaedertz 

246 

Alexander  Meyer 

"5 

W.   Wolkenkauer 

3<M 

P.  Zimmermann 

386 

3*7 

Konrad  Wutke 

190 

Rob.  Eitner 

161 

Paget 

105 

G.  Seeliger 

«S7 

R.  Eitner 

»35 

F.  v.   Weech 

281 

W.  de  Gruyter 

3 

E.  Blenck 

291 

Franz  Brummer 

309 

Heinruh  Friedjung 

335 

Dr.  G.  Hoerter 

3»7 

Rob,  Eitner 

116 

Fr4n*  Brummer 

88 

Rudolf  Krams 

*79 

Adolf  Frey 

27 

Hyac.  Holland 

228 

W.   Wolkenkauer 

305 

333 

Paul  Hauptfleisch 

262 

Hyac.  Holland 

229 

Rudolf  Krauss 

289 

P.  Zimmermann 

371 

359 

B.  Poten 

9« 

Hermann  Haupt 

37 

Paget 

106 

Rob*  Eitner 

155 

Hyac,  Holland 

230 

Hyac.  Holland 

231 

IV.   Wolkenkauer 

304 

Gustav  Gluck 

395 

Joh.  Sass 

409 

Rob.  Eitner 

155 

Adolf  Frey 

26 

P  Zimmermann 

384 

Alexander  Meyer 

253 

Franz  Brummer 

89 

B.  Poten 

98 

Franz  Brummer 

lot 

Franz  Brummer 

101 

A.  V.  Braunmukl 

167 

P*  V*  Bojanowski 

258 

Inhalt. 


467 


Name 

Verfasser 

S  e  i  t  e, 

Spiegelberg,  Julius 

P.  Zimmermann 

369 

Stark,  Karl 

Paget 

107 

Stephan,  Ernst  Heinrich  Wilhelm  v. 

Alexander  Meyer 

196 

Sterneck  Daublebsky    von,    Maximilian 

Freiherr  v. 

Kmrl  WoUanka 

387 

Stieler,  Max 

Hyac.  Holland 

229 

Stobbe,  Karl  Fried  rich  August 

P.  Zimmermann 

363 

Stockcn,  Eduard  v. 

B.  Ptttn 

100 

Stolzel,  Otto 

284 

Straybenmliller,  Johann 

Rudolf  Krauss 

290 

Succo,  Reinhold 

Rob,  Eitner 

'56 

Suche,  Ludwig 

359 

Telmann,  Konrad 

Franz  Brummer 

400 

Thielen,  Alexander 

Dr.   W.  Beumer 

234 

Thuti  Hohenstein,  Graf  Sigmund 

Heinrich  Adler 

306 

Tunner,  Peter  v. 

Dr.   W.  Beumer 

239 

Thurn  und  Taxis,  Prinz  v.  Franz  Max. 

Lam  oral 

c.  mn 

52 

Cberlee,  Felix  Wilhelm  Adalbert 

Rob.  Eitner 

160 

Valentin,  Johann 

IK   Wolkenkauer 

3<>4 

Vogd,  Karl 

W.   Wolkenkauer 

306 

Wachboltz,  Robert  v. 

B.  Poten 

107 

Wagner,  Heinrich 

Rudolf  Krauss 

279 

Walcb,  Emanuel 

Hyac*  Holland 

228 

Wasrouth,  Ernst 

H.  Ellissen 

208 

Wasserfuhr,  Hermann 

Pagtl 

"4 

WatUnbach,  Wilhelm 

Victor  Bayer 

365 

Wegele,  Franz  Xaver  v. 

Victor  Bayer 

375 

Weierstrass,  Karl  Theodor  Wilhelm 

A.  v.  Braunmuhl 

170 

Weigand,  Konrad 

Hyac.  Holland 

215 

Weiss,  Hermann 

B.  Poten 

108 

Welcker,  Hermann 

Paget 

"5 

Weltzel,  August 

IVutkc 

190 

Wenban,  Longly  Sion 

Hyac*  Holland 

216 

Werder,  Hans  y. 

B.  Poten 

109 

Wilhelm  Ludwig  August,  Prinz  v.  Baden 

B.  Poten 

41 

Wilmowski,  Gustav  Karl  Adolf  v. 

%Jacobi 

163 

Wimpffen,  Victor  Graf 

Heinrich  Adler 

318 

Wolkenstein,  Heinrich  Graf  y. 

Heinrich  Adler 

319 

Wolter,  Charlotte  Grafin  O'Sullivan 

Anton  Bettelheim 

295 

Zimmermann,  Josef  Andreas 

Friedrich   Teutsch 

»5» 

Zinn,  August 

Alexander  Meyer 

224 

Zintgraff,  Eugen 

Friedrich  Ratzel 

3" 

Zlindt,  Ernst  Anton 

Franz  Brummer 

102 

n.)  Alphabetisches  Namenverzeichnlss 


der 


Erganzungen  und  Nachtrage  zum 
„Deutschen  Nekrolog  yotn  i.  Januar  bis  31.  December  1896". 


Name 

Ve  rfasser - 

S  e  i  t  e. 

Baerwald,  Robert 

Dr.  Berghoeffer 

440 

Becker,  Ernst  Albert 

Dr.  Bcrghoeffer 

440 

Camphausen,  Otto  von 

Alexander  Meyer 

435 

Eissenhardt,  Johannes 

Dr.  Berghoeffer 

439 

Grtin,  Dionysius  von 

.  W.   Wolkenhauer 

437 

Hoffmann,  Heinrich  Adolf  Valentin 

Dr.  Berghoeffer 

439 

Hopfgarten,  August  Ferdinand 

Dr.  Berghoeffer 

438 

Jeraberg,  August 

Dr.  Berghoeffer 

441 

Karl   Ludwig,   Erzberzog  v.  Oesterreich 

Franz  Weihrkh 

444 

Keller,  Franz 

Dr.  Berghoeffer 

44* 

Klimscb,  Eugen  Job,  Georg 

Dr.  Berghoeffer 

438 

Kops,  Franz 

Dr,  Berghoeffer 

44o 

Leithe,  Friedrich 

H.,Bohatta 

424 

Lindlar,  Job.  Wilhelm 

Dr.  Berghoeffer 

440 

Muntbe,  Ludwig 

Dr*  Berghoeffer 

441 

Noe,  Heinricb  August 

Hans  Grasberger 

417 

Pfeiffer,  Engelbert 

Dr.  Berghoeffer 

441 

Pilz,  Vincenz 

Dr.  Berghoeffer 

442 

Richter,  Heinricb 

Alfred  Freiherr  von  Mensi 

r       434 

Roeting,  Julius  Robert 

Dr.  Berghoffer 

442 

Rumpf,  Peter  Philipp 

Dr.  Berghoeffer 

443 

Schweinitz,  Rudolf 

Dr..  Berghoeffer 

443 

Seidel,  Ludwig  Pbilipp  v. 

A.  Vi  Braunmuhl 

415 

Simonson,  David 

Dr..  Berghoeffer 

44' 

Sonderland,  Fritz 

Dr.  Berghoeffer 

,440 

Stichart,  Alexander 

Dr.  Berghoeffer 

444 

Stolberg-Wernigerode,  Otto   Ftirst  zu 

Ed.  Jacobs                               .: 

425 

Streckfuss,  Karl  Wilhelm 

Dr.  Berghoeffer 

443 

Trossin,  Robert 

.  Dr.  Berghoeffer 

444 

Volkrnann,  Wilhelm 

H.  Ellissen     .. 

424 

Vosz,  Karl 

Dr.  Berghoeffer 

444 

3I0GRAPHISCHES  JAHRBUCH 


k     *     *      *      * 


UND 


•     •     •     *     • 


3EUTSCHER  NEKROLOG 


ifERLAC  LRLIN 

:RSCHEINl  IIM  HtKBbl  tiJNtb  JtUtlN  JAHRES